Norbert Bischof: Moral – Besprechung

Norbert Bischof hat im Anschluss an seine beiden großen Bücher über das Inzestverbot (Das Rätsel Ödipus, 1985) und über die Mytheninterpretation (1996) ein drittes Werk geschrieben, mit dem er den Kreis abrunden will: „Moral. Ihre Natur, ihre Dynamik und ihr Schatten“ (2012). Darin geht er drei Fragen nach: Was sind moralische Werte? Wo kommen sie her? Wie setzt man sie durch? „Die Analyse der ihnen zugrundeliegenden Psychodynamik ist Gegenstand dieses Buches.“ (S. 26) Eine vierte Frage hält er für einfach unbeantwortbar: „Wie beweist man ihre Verbindlichkeit?“

Im ersten Teil, „Philosophie der Moral“, behandelt er die Frage, was Wahrheit ist, und stellt die bisherigen Versuche einer philosophischen Ethik kurz dar, um sie allesamt als unzureichend abzutun. Da er sich dafür nur 30 Seiten reserviert, fällt die Prüfung entsprechend flott aus. So referiert er etwa die beiden Formeln des Kategorischen Imperativs – in Wirklichkeit gibt es deren vier, und kritisiert dann Kant auf einer Seite in Anlehnung an Schillers Gedicht „Gerne dient’ ich den Freunden“, wobei ich bezweifle, dass Schiller den Kategorischen Imperativ verstanden hat: Aber auf drei Seiten kann man den Kategorischen Imperativ nicht sorgfältig abhandeln, die reichen nur für das Niveau des gesunden Menschenverstandes. Es folgen 15 Seiten für postmoderne Ethik (u.a. Habermas), ehe der Autor die wichtige intentionale (neben der mechanisch-kausalen) Betrachtungsweise menschlichen Handelns einführt.

Mit dem 6. Kapitel beginnt der 2. Teil des Buches, „Genealogie der Moral“. Dort bejaht Bischof die Vermutung, „die Funktion der Moral [sei] letzten Endes auf den Fortpflanzungsvorteil zurückzuführen“ (S. 121 f.), wobei er die Zweckmäßigkeit moralischen Handelns von den Zielen des einzelnen Menschen unterscheidet: Zweck ist ein Anpassungsoptimum, Ziele sind Sollwerte von Antriebserlebnissen (S. 139). Die wesentlichen Inhalte dieses 2. Teils sind eine evolutionäre Anthroplogie, die Entwicklung des Identitätskonzepts, der Begriff des moralanalogen Verhaltens und die Idee der Moral: Sie diene dazu, dem Menschen beim Management seiner überreichen Wünsche, Handlungsimpulse und Emotionen zu helfen – in den Moralvorschriften schlage sich die Erfahrung derer nieder, die zuvor mit den gleichen Problemen wie wir zu ringen hatten. Der 2. Teil war für mich sehr interessant.

Der 3. Teil, „Synergie der Moral“, ist der thematisch relevante Teil. In einem systemtheoretischen Exkurs werden moralische Normen als Ordnungsparameter der sozialen Selbstorganisation bestimmt (S. 271). Danach geht es um die Ontogenese des moralischen Urteilens (wobei er sich auf Arbeiten seiner Frau stützen kann); als entscheidendes Stadium bestimmt Bischof den Übergang zur Selbständigkeit in der Pubertät, mit ihrem Oszillieren zwischen Abhängigkeit und Autonomieanspruch. Die Frage ist dann, ob man „Moral“ mit prosozialem Verhalten gleichsetzen kann und ob Aggression per se etwas Böses ist. Prosozialität basiere auf den beiden Mechanismen der Solidarität und der Reziprozität (die Bischof unnötigerweise mit dem Anglizismus „Reziprokation“ belegt, während er sich sonst gelegentlich über Anglizismen mokiert); neben der derart umschriebenen Gerechtigkeit sei jedoch die Reinheit der zweite moralische Grundwert – diese eigenwillige Zweiteilung verdankt sich vielleicht dem Bemühen, die beiden politischen Extreme rechts/links als Fehlformen eines ausgeglichenen Standards zu begreifen, wie es im 4. Teil des Buches erfolgt; die politisch dem rechten Denken zugeordnete Reinheit als zweiter Grundwert ist für mich nicht überzeugend eingeführt. Wichtig als Grundmodell der Triebregulierung ist das Zürcher Modell. Im letzten Kapitel des 3. Teils geht es um die Unterscheidung von Schuld und Scham, wobei die Argumentation zwischen biologischen Beispielen und Wilhelm Busch hin und her springt. „Schuldgefühle beziehen sich primär auf das Wertefeld der Gerechtigkeit, Scham auf die der Reinheit.“ (S. 390) – stimmt das wirklich? Oder wird Bischof hier wie auch sonst öfter das Opfer seines Bestrebens, Dualitäten einander zuzuordnen?

Im 4. Teil des Buches, „Paradoxie der Moral“, geht es im Wesentlichen um die politischen Konsequenzen der entfalteten Konzeption. Sie laufen darauf hinaus, dass die Deutschen an einem gestörten Selbstwertgefühl leiden und dass sie sich nicht von den Untaten des Nazismus her definieren sollen – zumindest im zweiten Aspekt stimme ich Bischof zu, einschließlich seiner Ablehnung der Unvergleichbarkeit des Holocaust und der Hypermoral politisch „korrekten“ linken Geredes.

Insgesamt hat Bischof ein Buch vorgelegt, das von der Verbindung biologisch-entwicklungspsychologischen Fachwissens mit einer flotten Kritik philosophischer Positionen (mit Respekt vor Klages und Nicolai Hartmann) und dem politischen Urteil des gesunden Menschenverstandes lebt. Bischof ist nicht zimperlich, wenn er hochtrabendes Geschwätz postmodernen Denkens entlarvt – da haut er erbarmungslos um sich; er stützt sich bei Gelegenheit auf Goethe, speziell den „Faust“, aber auch auf Wilhelm Busch und Schiller; dessen Gedicht „Das Eleusische Fest“ wird kommentiert und geschlachtet – schade darum ist es nicht.

Das Polemisieren hat mich manchmal gestört, obwohl ich persönlich großes Verständnis dafür habe und selber dazu neige. Noch mehr stört es mich, wie oft man auf Erklärungen und Definitionen zurückgreifen muss, die Bischof 50 oder 180 Seiten zuvor gegeben hat: Vielleicht könnte man das Ganze etwas strenger oder systematischer fassen? Die Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels, eigentlich hilfreich, zeigen eben auch, dass nicht alles wesentlich war, was im Kapitel abgehandelt wurde. Wenn man jedoch bedenkt, was Bischof leisten wollte (s. oben 1. Absatz), soll sein Buch bei mancher Kritik im Einzelnen als insgesamt gelungen gelten.

Ein Gespräch mit Norbert Bischof über sein neues Buch gab es im wdr 3 (nach 8.05). Zentrale Theorien Bischofs, die er seit langem vertritt (auch in seiner „Psychologie“, 2008/09) stellt Ruedi Rüegsegger neben ähnliche Modelle, um „Die Lebensaufgabe von Kindern und Rahmenbedingungen für die Schule“ (2005) zu diskutieren.

Norbert Bischof: Psychologie – Besprechung

Untertitel des 2008 (2. Auflage 2009) erschienenen Buchs: Ein Grundkurs für Anspruchsvolle

Ich habe das Buch nicht als Psychologiestudent, sondern als pensionierter Lehrer gelesen und kann deshalb die fachwissenschaftliche Leistung des Autors nicht würdigen. Mit dieser Einschränkung möchte ich zwei Hauptgedanken des Buches hervorheben. Der erste ist die alte Leib-Seele-Problematik, die Bischof im Sinn einer Identität löst: Seele ist neben Leib das, was wir erleben; Psyche und Gehirnvorgänge sind das, was die Forschung untersucht, und sie sind nichts anderes als „Seele“ in anderer Perspektive. Damit ist der Erzfeind ausgemacht, der in allen Erscheinungsformen bekämpft wird: der Dualismus des Herrn Descartes.

Der zweite Grundgedanke besagt, dass Psychologie genau wie die Basiswissenschaft Biologie eine Strukturwissenschaft, keine Materiewissenschaft ist; es geht also darum, psychische Leistungen eingebettet in Regelkreise zu erklären, welche man auch schematisch darstellen kann.

Erhellend und ernüchternd zugleich ist das letzte, das 20. Kapitel: Psychologie heute; dort wird gezeigt, wie der Wissenschaftsbetrieb läuft und wie ganz andere Interessen als das an der reinen Einsicht bestimmen, was in der Psychologie vorkommt und wer in der Psychologie vorankommt – für Ältere ist das ohnehin klar, weil es „überall“ so zugeht, für Jüngere mag es lehrreich sein und einige Illusionen zerstören.

Das Buch umfasst auf 560 Seiten Text 20 Kapitel, die in acht Themenkreisen zusammengefasst sind: Leib und Seele; Wirklichkeit und Wahrheit; Anlage und Umwelt; Aristoteles und Galilei; Ordnung und Organisation; Mensch und Tier; Triebe und Motive; Denken und Fühlen. Diese Übersicht zeigt, dass Bischof den wissenschaftstheoretischen Grundfragen eine breiten Raum einräumt. Inhaltsverzeichnis: http://www.bischof.com/norbert_psychologie_grundkurs_inhalt.html; eine gewisse Vorstellung von dem, was einen erwartet, vermittelt die Zusammenfassung einer Vorlesung Norbert Bischofs, welche man unter www.bischof.com/mat/psych_einf_1.pdf bis www.bischof.com/mat/psych_einf_14.pdf aufrufen kann; die Dateien mit den Indizes 2 bis 13 kann man natürlich auch einsehen.

Ein wenig hat mich Bischofs Neigung, neue Fremdwörter einzuführen, gestört – im Augenblick versteht man zwar die Bedeutung dieses Begriffs, aber später erinnert man sich nicht mehr so genau an seine Bedeutung – zumindest mir ist es so ergangen. Das heißt aber nicht, dass man Bischofs Buch nicht mit Gewinn läse, falls man an den wissenschaftstheoretischen Grundsatzfragen interessiert ist. Psychologie für den Hausgebrauch findet man in diesem Buch jedoch kaum. Wer Freude an deftiger Polemik hat (gegen den Konstruktivismus, gegen den Behaviorismus, gegen die Überschätzung der „Gesellschaft“, gegen den wissenschaftlichen Mainstream, gegen alle möglichen Deppen), kommt voll auf seine Kosten.

Bischof: Das Kraftfeld der Mythen (1996) – Besprechung

In dem umfangreichen Werk (rund 750 Seiten Text) untersucht Norbert Bischof „Signale aus der Zeit, in der wir die Welt erschaffen haben“ (Untertitel). Der Grundgedanke ist folgender: „Der Mythos als eine symbolische Reflexion des erwachenden Weltbewusstseins, als Niederschlag der Erinnerung an jene phänomenale Weltentstehung, bei der jeder von uns einmal zugegen und mit Leib und Seele beteiligt war – das ist, auf eine kurze Form gebracht, die Grundidee …“ (S. 115)

Bischof beginnt mit einem Exkurs in Erkenntnistheorie: Die Welt an sich ist uns nicht bzw. nur in der Form der Erscheinungswelt gegeben; für die Zeiterfahrung bedeutet das, dass die „objektive“ Zeit der Kosmogonie etwas anderes ist als die von uns erlebte Zeit, dass also das Geschehen „in jener Zeit“ mythischer Ereignisse nicht kosmologisch missverstanden werden darf.

Für die Wahrnehmungspsychologie ist die Unterscheidung von Figur und Medium (Grund) wesentlich – eine Unterscheidung, die auch in der Skizze der Entwicklungspsychologie verwendet wird. Den fünf Stadien der psychischen Entwicklung (in der Sprache Freuds: von der oralen Phase bis zur Adoleszenz) entsprechen verschiedene mythische Bilder oder Erzählungen. Das „labile Kraftfeld der Triebe, Gefühle und Leidenschaften“ macht nach Bischof den Boden aus, „auf dem die Mythen gedeihen, weil die Orientierungshilfe, die sie beim Ausgleich affektiver Spannungen leisten, sie davor bewahrt, vergessen oder verfälscht zu werden“ (S. 747 f.).

Für die Analyse der Mythen orientiert Bischof sich primär an Wladimir Propp, dann auch an Campbells Buch über den Heros in 1000 Gestalten; vgl. dazu die Links

http://www.uni-ak.ac.at/culture/withalm/semiotics/SEMIOintro/11-Propp.pptx.pdf (Übersicht Propp)

http://www.lu.lv/bgz/assets/documents/materiale/Propp_Morphologie%20des%20Marchens.pdf (Text, Auszüge)

http://www.griesshaber.org/Chris/R/heldenreise.pdf (u.a. die 12 Stationen der Heldenreise nach Campbell)

http://www.ritesdepassage.de/pdf/Heldenreise.pdf (Erläuterung der Heldenreise, s. auch das Suchwort „the hero’s journey“)

http://www.halepaghen-schule.de/files/Choi/F%C3%A4cher/Religion/13.03.2009_2009-03-12%20Der%20Heros%20in%20tausend%20Gestalten%20(Text).pdf (Übersicht: Heldenreise, Anwendung)

Im 20. und 21. Kapitel untersucht Bischof moderne linke und rechte Mythen und ihre Vertreter, um ganz zum Schluss in Reflexionen zu Schillers Gedicht „Der Jüngling von Sais“ zu ergründen, was uns denn von den traditionellen Mythen bleibt, wenn sie derart entschlüsselt worden sind.

Bischof setzt mit diesem Buch (1996) „Das Rätsel Ödipus“ (1975) fort und greift schon auf wesentliche Gedanken seiner „Psychologie“ 2008/2009 vor.

Interessant war für mich vor allem, wie er das Zürcher Modell zur Interpretation der Trickster-Figur entwickelt (S. 499 ff.) und was er zur Aufgabe des „Helden“ schreibt, seine Identität zu finden (S. 568 ff.) – was ja nun Aufgabe eines jedes auf dem Weg zum Erwachsensein ist: Einerseits muss „ der Held“ sich von seinen Ursprüngen lösen, um autonom zu werden, anderseits muss er sich an seine Wurzeln zurückbinden. Er muss sich also seine Identität erarbeiten, kann sich nicht mit der bloß übernommenen begnügen. Dazu verhilft ihm auch die schöne Jungfrau, die ihn markiert und den wahren Helden vom falschen unterscheidet, den wahren heiratet und mit ihm zum verwandelten Elternhaus zurückkehrt, wo er mit dem Lebenselixier den kranken Vater heilen kann. Wie die Partnerschaft der beiden gelingen kann, deutet Bischof in der Analyse des Symbols von Yin und Yang an. [Beim zweiten Lesen wirken die Ausführungen zur Identität etwas unausgegoren: Da wird die Ding-Identität ohne Weiteres mit der zu findenden Ich-Identität zusammengestellt; auch die Harmonie der Liebenden im Zeichen von Yin und Yang wirkt eher erbaulich als erhellend – wie nüchtern klingt dagegen das, was etwa André Fourçans über die ökonomische Theorie der Ehe schreibt!] – Wer diese Gedanken ohne das Beiwerk der Mytheninterpretation sich zu Gemüte führen will, soll Bischofs „Psychologie“ lesen. Norbert Bischof zu lesen lohnt in jedem Fall. Die beiden von ihm bei der Analyse der Identität benutzten Märchen sind http://www.zeno.org/M%C3%A4rchen/M/Ru%C3%9Fland/August+von+L%C3%B6wis+of+Menar%3A+Russische+Volksm%C3%A4rchen/41.+Die+Jungfrau+Zar („Die Jungfrau Zar“) und http://www.1000-maerchen.de/fairyTale/841-der-eisenofen.htm („Der Eisenofen“).

Vgl. auch http://wwwu.uni-klu.ac.at/gsuess/bewusstseinpsy/KiLip.html (kurze Besprechung des Buches)

http://www.uboeschenstein.ch/sal/bischof_m568.html (Text: Identität)

http://www.uboeschenstein.ch/sal/bischof_oe524.html (Text: Imagination und Identität)

http://www.nicebread.de/research/ZM/zm.html (das Zürcher Modell)

http://ebookbrowse.com/bischof-motivationspsychologie-ppt-d116713136 (Motivationspsychologie)

http://psydok.sulb.uni-saarland.de/volltexte/2008/1578/pdf/Felix_Schoenbrodt.pdf (eine Arbeit zum Zürcher Modell)

http://www.kurtbangert.de/_downloads/allgemein/2_6_Die_psychogenen_Ursachen_der_Weltentstehungsmythen.pdf (u.a. Rückgriff auf Bischof)

http://www.nymphenburg.de/tl_files/pdf/LimbicScience101120.pdf (H-G Häusel über seinen Limbic-Ansatz)

http://homepage.uibk.ac.at/~c720126/humanethologie/ss/medicus/block3/AufbruchEvolErkenntnisTh.pdf (Zur Kritik der evolutionären Erkenntnistheorie am Konstruktivismus)

http://www.bischof.com/ (Homepage des Ehepaars Bischof)