Gary: Du hast das Leben noch vor dir – Momos Perspektive

Momo ist der Ich-Erzähler in Emil Ajars (= Romain Garys) Roman „Du hast das Leben noch vor dir“ (deutsch 1977 bei S. Fischer, hier nach der Lizenzausgabe des Dt. Bücherbundes, Stuttgart, Hamburg, München o.J.). Momo erzählt im Rückblick auf das Geschehen („Jetzt, wo ich mich erinnere, sage ich mir…“, S. 197), wobei unklar ist, wie weit das Jetzt vom erzählten Geschehen zeitlich entfernt ist. Er erzählt jedoch ohne größere Distanz so, als ob er noch die Perspektive des 14jährigen Jungen hätte; dass er damals 14 Jahre alt war, weiß er seit dem Auftauchen seines unbekannten Vaters (S. 177 ff.) – vorher hat er nach den gefälschten Papieren der Madame Rosa als 10 Jahre alt gegolten (vgl. S. 196: „Ich war noch völlig aus dem Häuschen bei dem Gedanken, daß ich auf einen Schlag vier Jahre älter war…“).

Während Momo erzählt, hat man den Eindruck, er sei tatsächlich erst zehn Jahre alt; das hängt 1. mit den Faktoren zusammen, die seine Weltsicht (Perspektive) geprägt haben, 2. damit, dass er an seiner Kindersprache festhält (so sagt er durchweg „Zuhalter“ und erst am Schluss, S. 254, erklärt er: „Ich weiß jetzt zwar, daß es Zuhälter heißt, aber das ist die Macht der Gewohnheit.“), und 3. damit, dass es kaum eine Distanz zwischen dem erlebenden und dem erzählenden Momo gibt.

Welche Faktoren haben Momos Leben geprägt? Er ist ein Hurenkind, das von seinem Vater im Alter von drei Jahren bei Madame Rosa abgegeben worden ist; Madame Rosa ist eine ehemalige Hure, die jetzt davon lebt, dass sie gegen Entgelt, aber auch unentgeltlich sich um Hurenkinder kümmert. Sie lebt in einem Bezirk von Paris, in dem Araber, Juden und Schwarze wohnen (Rue Bisson und Umgebung: Belleville.). Momo ist zwar in die Schule gegangen, aber offenbar nur wenige Jahre, da er von Madame Rosa als Zehnjähriger geführt wird. Er kennt neben Madame Rosa und den von ihr betreuten Kindern die Leute, die im Haus wohnen, einige Bekannte Rosas und einige Menschen aus der Nachbarschaft.

An einigen Beispielen möchte ich zeigen, wie sich dies alles auf die Darstellung des Geschehens auswirkt:

  1. „Ich kann Ihnen gleich schon als erstes sagen, daß wir zu Fuß im sechsten Stock gewohnt haben und daß das für Madame Rosa bei all den Kilos, die sie mit sich rumschleppte, und nur zwei Beinen ein richtiger Grund für ein Alltagsleben war, mit allen Sorgen und Mühen.“ (S. 7) Das ist der erste Satz des Romans. Die Sprache Momos ist Alltagssprache, restringiert: „zu Fuß wohnen“ kürzt ab, lässt das Verb „gehen“ oder „hinaufsteigen“ aus. „bei all den Kilos…“ ist Umgangssprache; „und [bei] nur zwei Beinen“ ist naiv, da jeder nur zwei Beine hat, egal wie schwer er ist. „ein Alltagsleben […], mit allen Sorgen und Mühen“ ist eine Redewendung der Erwachsenen, die Momo übernommen hat und die nicht zu seiner Weltsicht passt.
  2. „Ich muß so drei Jahre alt gewesen sein, als ich Madame Rosa zum ersten Mal gesehen habe. Vorher hat man nämlich keine Erinnerung und lebt in der Unwissenheit. Mit vier oder fünf Jahren habe ich aufgehört, unwissend zu sein, und manchmal fehlt mir das.“ (S. 7) Mit dem ersten Satz führt Momo den Zuhörer in die Irre – er weiß zum Zeitpunkt des Erzählens, dass er damals drei Jahre alt war (S. 177 ff.), tut jetzt aber so, als wüsste er es nicht genau; auf diesem Schein beruht der Eindruck, man höre einem Zehnjährigen zu. „und manchmal fehlt mir das“: Dies ist eine der Wendungen, mit denen der altkluge Momo seine scheinbar abgebrühte Skepsis demonstriert.
  3. Als er sechs oder sieben Jahre alt war, hat er erfahren, dass Madame Rosa monatlich eine Geldanweisung für seinen Unterhalt bekommt, „und es war ein harter Schlag für mich zu wissen, daß ich bezahlt werde. Ich hatte geglaubt, Madame Rosa würde mich umsonst lieben und wir täten einander was bedeuten. Ich habe eine ganze Nacht deswegen geweint, und es war mein erster großer Kummer.“ (S. 8) „daß ich bezahlt werde“ ist hier ziemlich restringierte Umgangssprache; die Enttäuschung, nicht „umsonst“ geliebt zu werden, also niemandem etwas zu bedeuten, bestimmt sein Leben, auch wenn Madame Rosa ihm das Gegenteil sagt (S. 8). So stiehlt er, um Aufmerksamkeit zu gewinnen (S. 13 f.), oder er geht in die Praxis von Dr. Katz, „wo man mich untersuchte, als ob ich etwas Wichtiges wäre“ (S. 27). „Ich habe sogar überall in die Wohnung geschissen, um aufzufallen. Nichts.“ (S. 11) Die letzte Bemerkung zeigt, dass das psychologische Wissen Momos („um aufzufallen“) nicht zu seinem Alter, seiner Sprache und seiner Lebenssituation passt.
  4. „Kinder sind alle sehr ansteckend. Ist mal eins da, kommen auch gleich die andern. […] Das sind alles die Geschichten von Kindern, wo sich nicht rechtzeitig haben abtreiben lassen können und wo nicht notwendig waren.“ (S. 15) Diese Härte, mit der ein Kind (mit zitierter Erwachsenenperspektive, restringiert) über sich und seine Wohngenossen als unterlassene oder misslungene Abtreibungen spricht, zeigt die Härte der Welt, in der Momo lebt – sie steht dann im Kontrast zu der Hingabe, mit der er Madame Rosa schließlich pflegt.

Fazit: Momos Sicht ist die Perspektive des kleinen, wenig geliebten Außenseiters auf seine Umgebung; in Wahrheit weiß er jedoch mehr (nicht nur vom Alter her), als in seiner restringierten Sprache zum Ausdruck kommt. Momo bewahrt seine Menschlichkeit und ermöglicht es am Schluss Madame Rosa, in Frieden in ihrem Schlupfloch zu sterben: „Ich finde, es gibt nichts Gemeineres, als Leuten, die sich nicht mehr wehren können und die zu nichts mehr nützen wollen, mit Gewalt das Leben in den Schlund zu stoßen.“ (S. 255) Der Kontrast beglaubigt die Menschlichkeit Momos, die sich mit einer Lüge auch gegen das ärztliche Interesse am Weiterleben der Kranken, und sei als bewusstloses „Gemüse“, durchsetzt.

Ich sehe selber, dass diese Skizze nur den Anfang einer vertieften Untersuchung darstellen kann – es geht mir einmal darum, die Möglichkeiten der Momo-Perspektive aufzuzeigen, und dann auch darum, für den großartigen Roman zu werben, den es derzeit leider nicht im Buchhandel neu zu kaufen gibt. Vgl. auch https://norberto42.wordpress.com/2015/10/20/schmitt-monsieur-ibrahim-und-die-blumen-des-koran-kurz-vorgestellt/!

Zum Begriff der Erzählperspektive:

http://digitale-schule-bayern.de/dsdaten/18/790.html

http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_gat/d_epik/strukt/erzpers/erzpers0.htm

https://de.wikipedia.org/wiki/Erz%C3%A4hlperspektive

http://wortwuchs.net/erzaehlperspektive/

http://www.li-go.de/definitionsansicht/prosa/erzaehltextanalyse.html (hier: Discours/Erzeugungstechniken)

http://www.fernuni-hagen.de/EUROL/termini/welcome.html (dort unter 9.2 Erzähltextanalyse)

https://www.uni-due.de/einladung/index.php?option=com_content&view=article&id=548%3A5-gattungen-und-textstrukturen-1-epik&catid=40%3Akapitel-5&Itemid=53 (v.a. 3. Wer erzählt?)

Advertisements

Mark Twain: Huckleberry Finns Abenteuer (Aufbau, Perspektive, Schluss)

Literatur:
Jefferson, Douglas W.: Mark Twain . Adventures of Huckleberry Finn. In: Der amerikanische Roman. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Lang, Hans-Joachim (Hrsg.). Bagel: Düsseldorf 1972, S. 142 ff.
Jens, Tilman: Mark Twain. Heimkehr zum Mississippi. Piper: München 1985.
Schubert, Karl: Mark Twain: ‚Adventures of Huckleberry Finn‘. In: Der amerikanische Roman im 19. und 20. Jahrhundert. Erich Schmidt: Berlin 1974, S. 70 ff.
Lebenslauf:
1835  Samuel Langhorne Clemens in Florida/Missouri geboren
1839  Umzug der Familie nach Hannibal/Missouri; die Familie verarmt, der Vater stirbt 1847.
1850  Druckerlehre bei der Zeitung, danach umhergetrieben
1857 – 1860 Lotse auf dem Mississippi, „Leben auf dem Mississippi“ (1883)
1861  in den Westen: Silbergräber, Reporter, „Durch dick und dünn“ (1872)
1864  Journalist in San Francisco, „Mark Twain“ (Lotsenkommando)
1867  Europareise, „Die Arglosen im Ausland“ (1869)
1870  heiratet er Olivia Langdon, mit der er dann mehrere Kinder hat.
1876  „Tom Sawyers Abenteuer“
1879 / 80 Europareise, „Bummel durch Europa“ (1880)
1882  große enttäuschende Reise auf dem Mississippi
1884  „Huckleberry Finns Abenteuer“; 1885  wendet er sich dem Erfinden zu.
1894  Bankrott mit dem Zeilensetzautomaten
1895  weltweite Vortragstourneen (zum Schuldenbegleichen), ab 1906 Arbeit an der Autobiographie
1910  gestorben in Redding/Connecticut.

T. Jens sieht das Leben Toms und Huckleberrys aus „Tom Sawyers Abenteuer“ (woran er 1870-76 geschrieben hat) als Gegenwelt zur biederen bürgerlichen Ehe Mark Twains; „St. Petersburg“ sei das Dorf Hannibal aus seiner Kindheit, zu den Figuren gebe es Vorbilder im Dorf. In „Bummel durch Europa“ (1880) sei die Reise auf dem Neckar ein Vorbild für die Darstellung der Reise von Jim und Huck auf dem Mississippi (Jens, S. 65 – chronologisch problematisch! N.T.). Die enttäuschenden Erfahrungen seiner Mississippireise von 1882 hätten den Traum seiner Kindheit zerstört, das spiegele sich in der Abwendung Jims und Hucks von der ‚Siwilisation‘ des Dorfes wieder (S. 68 ff. – wieder chronologisch problematisch!).
Die ersten 16 Kapitel des Romans sind 1876 geschrieben, Kap. 17 f. in 1879-1880, Kap. 19-21 vor Juni 1883, Kap. 22 nach dem 15. Juni 1883, der Rest auf einmal im Sommer 1883.

Ich habe den Roman öfter in der Sekundarstufe II des Gymansiums mit den Schülern gelesen – die Kollegen haben das zwar belächelt, aber den Roman als Satire zu verstehen fiel selbst diesen Schülern nicht leicht.

Die Perspektive des Erzählers

Perspektive: Ohne eine theoretische Diskussion anzetteln zu wollen, nenne ich in Anlehnung an Claudio Mende[1] folgende Stichwörter zur Orientierung:

Erzählperspektive

  • Sie resultiert aus dem Standort (Blickwinkel, Blickdistanz, Außen-/Innensicht), von dem aus Handlungen und Geschehen beobachtet werden, und der Haltung (Einstellung) des Erzählers.
  • Die Wahrnehmung der fiktiven Wirklichkeit wird bestimmt vom Blickwinkel (point of view) des Erzählers.
  • Die Haltung des Erzählers kann von Zustimmung, Objektivität, Skepsis bis hin zur Distanziertheit reichen.

Ich-Erzählsituation

  • Anschauung und Blickwinkel nur einer Person (=> Unmittelbarkeit/ Authentizität);
  • Erzähler steht als Figur unter Figuren der Handlung;
  • berichtende Erzählweise;
  • erzählendes Ich in zeitlicher Distanz zu erlebenden Ich;
  • Ich-Erzähler kann zu seinem vergangenen Verhalten Stellung nehmen und es kommentieren.

Wenn man die Perspektive des Ich-Erzählers Huckleberry Finn betrachtet, fällt gleich zu Beginn des Romans seine Distanz zur bürgerlichen Welt auf:

  • Die Witwe Douglas will ihn „siwilisieren“ (alle Belege aus dem 1. Kapitel), aber ein solches Leben ist für Huck „scheußlich regelmäßig und anständig“. Als er wieder in seine Lumpen und seine Zuckertonne steigt, ist er „frei und zufrieden“.
  • Im Bericht vom geregelten Leben beklagt er, dass er pünktlich zum Abendbrot kommen musste.
  • Er hat kein Verständnis für das Tischgebet: Die Witwe beugt ihren Kopf und hat „n’bißchen über das Essen gebrummelt“.
  • Eintopf, in dem alles verschwimmt, ist ihm lieber als bürgerliches Essen.
  • Er versteht die biblische Unterweisung nicht („Moses und die Bimsen“) und hat kein Interesse an Moses, weil der „schon ’ne beträchtliche Weil tot ist“ und Huck sich für Tote nun mal nicht interessiert.
  • Dass er nicht rauchen darf, kritisiert er einmal mit Bezug auf Moses (Rauchen ist für etwas gut, Moses nicht), dann mit Bezug auf die Witwe (Sie schnupft, „aber das war natürlich richtig, weil sie’s machte“).

Huck lebt in der Gegenwart, frei von Konventionen und Sorgen. In Hucks Sicht – in Darstellung, Wortwahl und Kommentaren – erscheint das bürgerliche Leben verfremdet, es verliert den Status des Selbstverständlichen; das kann den Wert des Humors für den bürgerlichen Leser besitzen (und dann als Kinderbuch verniedlicht werden), kann aber auch zu scharfer Satire werden: etwa in der Darstellung der Grangerfords im 17. und 18. Kapitel, bei der todessüchtigen Dichtung der Tochter und der sinnlosen Fehde zwischen den „frommen“ Familien.

[1] http://digitale-schule-bayern.de/dsdaten/18/790.html; vgl.

http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_gat/d_epik/strukt/erzpers/erzpers0.htm

http://www.li-go.de/definitionsansicht/prosa/erzaehltextanalyse.html (hier: Discours/Erzeugungstechniken)

http://www.fernuni-hagen.de/EUROL/termini/welcome.html (dort unter 9.2 Erzähltextanalyse)

Zum Abschluss von M. Twain: Huckleberry Finns Abenteuer (it 837)

Der erste Teil des Buches behandelt die Flucht Jims (S. 69) und Hucks (S. 45; 53) in die Freiheit; dabei bezieht sich dieser  abenteuerliche Teil bereits (halb-)ironisch auf Toms Abenteuerspiele (2. und 3. Kap.; vgl. auch S. 55; 68; 102 f.; 115). Der zweite Teil (ab Kap. 17) ist insgesamt als Gesellschaftssatire auf das Leben im Süden (dagegen wieder S. 322 f.!) zu sehen. Der Schluss des Buches ist „komisch“: Huck will nach innerem „Kampf“ (31. Kap.) Jim befreien und erfährt unerwartet Toms Hilfe (S. 321) – in Wirklichkeit ist Jim aber bereits frei (S. 408). Der Schlussteil scheint mir i.W. als Ironisierung des Abenteuerromans verständlich (S. 319; 408; insgesamt 330 ff.), als ironischer Ausstieg des Autors aus der Erzählung der misslungenen abenteuerlichen Flucht, Freiheitssuche und Flussfahrt.
Toms Bild ist nicht ohne Distanz gezeichnet (u.a. S. 346 ff.; 366; 368!; Jims Stellungnahme S. 373 nach der auf S. 352). Erst recht ist eine Distanzierung von Toms Einstellung zur abenteuerlichen Niggerbefreiung zu erkennen: Er möchte daraus als Held hervorgehen und eine Lebensaufgabe daraus machen (S. 352 f.); er bezahlt Jim für die dabei erlittenen Leiden (S. 412; vgl. Jims Äußerung S. 376). Hucks Einschätzung von Toms Haltung ist bezeichnend (S. 409; 331). In Tom wird auch der weiße Typus karikiert, der gern die Oberaufsicht führt (S. 368) und dabei haarspalterisch Moral und Grundsätze befolgt (S. 342 ff.; 350; 379).
In der Behandlung der Neger bleiben gesellschaftskritische Akzente spürbar (Kap. 31; S. 314; 321; 389!; 401 ff.). In der Aufklärung der Befreiungsprobleme als Irrtum und Spiel (S. 408 f.) verbinden sich die gesellschaftskritischen Aspekte mit komödienhaften Elementen der Verwechslung von Tom und Huck (S. 313 ff.) sowie der unverhofften „Rettung“ Jims. Diese komische Lösung der Sach- und Erzählproblematik ist in einer Zeit möglich, in der die Sklavenfrage rechtlich entschieden ist, also nach dem Bürgerkrieg von 1861/65. Als unpolitische Lösung bleibt sie irgendwie unbefriedigend, in einer vor 1865 im Süden spielenden Erzählung jedoch notwendig; vielleicht spricht daraus auch die Resignation Mark Twains, der auf der Suche nach Freiheit und Weite immer wieder an Grenzen gestoßen ist.

Vgl. meinen Aufsatz Huckleberry Finns Abenteuer auf dem Weg zu sich selbst, in: Deutschunterricht, 69. Jg., Oktober 5-2016, S. 36 ff.