Eichendorff: Wünschelrute – Analyse, Interpretation

Schläft ein Lied in allen Dingen …

Text

http://www.uni-due.de/lyriktheorie/texte/1838_eichendorff.html (mit Sekundärliteratur)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=126

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,%20Joseph%20von/Gedichte/Gedichte%20(Ausgabe%201841)/2.%20S%E4ngerleben/W%FCnschelrute

http://de.wikisource.org/wiki/W%C3%BCnschelrute

http://www.textlog.de/22558.html

Das Gedicht ist 1835 entstanden und 1838 in „Deutscher Muselalmanach“ veröffentlicht worden. In der Ausgabe der Gedichte von 1841 steht es unter „2. Sängerleben“ als letztes.

Die Überschrift heißt „Wünschelrute“; in V. 4 wird die Kenntnis oder das Finden eines Zauberworts erwähnt; statt „Zauberwort“ sind „Zauberformel“ oder „Beschwörungsformel“ geläufig. Beide Größen gehören in den Bereich des Magischen oder des Märchenhaften; auch wenn sie von Eichendorff metaphorisch gebraucht werden, sollte die ursprüngliche Eigenart beider Größen bekannt sein. Daher fangen wir hier mit deren Klärung an:

Wünschelrute, s. v. w. Zauberrute, nach dem altdeutschen Wort wünschen, welches s. v. w. zaubern bedeutet, auch kurz der »Wunsch« genannt (z. B. im Nibelungenlied, wo es heißt: »Es lag der Wunsch darunter, von Gold ein Rütelein«), ein Baumzweig, mit dessen Hilfe man vergrabene Schätze, Metalladern, Quellen und andre verborgene Dinge aufzufinden hoffte.“ (Meyers Großes Konversations-Lexikon, 1892)

Wünschelrute, ein zauberhafter heilbringender Stab, war in Deutschland von alters her bekannt und wurde besonders im spätern Mittelalter zum Gegenstande eines bis in die neuere Zeit fortdauernden Aberglaubens. Man glaubte mittels der W. verborgene Schätze, Erzadern, Wasserquellen, ja selbst Verbrecher entdecken zu können und brach sie unter gewissen Bedingungen und Formeln von dem gezwieselten (gabeligen) Aste eines Haselstrauchs oder Kreuzdorns, oder machte sie nach aus Metalldraht […]. Bei dem Gebrauche kam es darauf an, sie unter Hersagung der nötigen Formeln richtig in der Hand zu halten; dann zeigte sie durch ihre Bewegung, ob und wo die gewünschten Gegenstände verborgen seien.“ (Brockhaus’ Konversationslexikon, 1896)

Beschwörungsformel (v. mhd. beswern = bitten, mit Zaubersprüchen bewältigen; mlat. incantatio, incantamentum). Bei magischen Handlungen zur Schadensabwehr und zur Heilszuwendung kam – neben zeremoniellen Gebärden und Zeichen sowie der Beachtung bestimmter Zeiten und Orte – dem Wort in gebundener Rede besondere Zauberkraft zu. Zur Verhütung mannigfaltiger Schadensfälle bei Mensch und Tier gab es Abwehr-, Heil- und Lösesprüche, etwa gegen Ungeziefer, Raubgetier, Unwetter, Feuer, Diebe, Dämonen, Geister und Hexen sowie gegen eine Vielzahl von Krankheiten. Nicht selten haben sich Beschwörungsformeln aus Gebetsformeln entwickelt, wenn anstatt eines christlichen Idols ein Dämon angerufen wurde.“ (Mittelalter Lexikon)

Zaubersprüche aus Grimms Märchen

http://www.paranormal.de/hexen/forum/19052-zaubersprueche-aus-grimms-maerchen

http://bruggernet.de/edeltraud/maerchen/zaubersprueche.htm

Ein ungenannter allwissender Sprecher erklärt, wie man die Welt zum Singen bringen kann. Er beschreibt zu Beginn, dass in allen Dingen ein Lied „schläft“ – dadurch, dass mit diesem Wort das Gedicht eröffnet wird (das grammatisch korrekte „Es“ ist fortgelassen), wird dieses Schlafen als der Elementarzustand eingeführt; das ist eine so durch und durch metaphorische Aussage, dass wir keinen Anhalt für eine sichere Deutung haben. Das gilt erst recht für den folgenden Relativsatz, der an „Dingen“ anschließt: „Die da träumen fort und fort.“ Wenn man die Vorstellung von der Wünschelrute hinzunimmt, kann man den Sinn der beiden ersten Verse so verstehen, dass da von einem verborgenen Wesen der Dinge die Rede ist, welches durch die Wünschelrute gefunden werden soll.

Mit der Konjunktion „Und“ (V. 3) schließt dann die entscheidende Aussage an:

„Und die Welt hebt an [fängt an] zu singen,

Triffst du nur das Zauberwort.“

„Und“ drückt aus, was aus sich der ersten Aussage ergibt: Wenn man über die Wünschelrute verfügt, wenn man das Zauberwort „trifft“, erlöst man die Welt aus ihrem Traum-Bann und bringt sie zum Singen: Man befreit das in allen Dingen schlafende Lied.

Zwei Fragen stellen sich an diese metaphorisch gesättigten Aussagen: 1. Was tun die Dinge, wenn sie nicht singen? 2. Wie kann man das Zauberwort treffen? Die zweite Frage beruht auf der Voraussetzung, dass „du“ jedermann ist, also kein einzelner Adressat – die Aussagen des Gedichts sind ja ganz allgemein gehalten, ohne eine Markierung der Ich-hier-jetzt-Position.

Was tun die Dinge, wenn sie nicht singen? Sie sind stumm. In Schillers Gedicht „Die Götter Griechenlands“ (1788, hier in der 2. Fassung 1800) wird diese durch die neuzeitliche Rationalität heraufgeführte Stummheit beklagt:

„Da ihr [die Götter Griechenlands, N.T.] noch die schöne Welt regieret,

An der Freude leichtem Gängelband

Selige Geschlechter noch geführet,

Schöne Wesen aus dem Fabelland!

Ach! da euer Wonnedienst noch glänzte,

Wie ganz anders, anders war es da!

Da man deine Tempel noch bekränzte,

Venus Amathusia!

 

Da der Dichtung zauberische Hülle

Sich noch lieblich um die Wahrheit wand, –

Durch die Schöpfung floß da Lebensfülle,

Und, was nie empfinden wird, empfand.

An der Liebe Busen sie zu drücken,

Gab man höhern Adel der Natur,

Alles wies den eingeweihten Blicken,

Alles eines Gottes Spur.“

Und die letzte Strophe der zweiten Fassung (1800) lautet:

„Ja, sie kehrten heim, und alles Schöne,

Alles Hohe nahmen sie mit fort,

Alle Farben, alle Lebenstöne,

Und uns blieb nur das entseelte Wort.

Aus der Zeitflut weggerissen, schweben

Sie gerettet auf des Pindus Höhn,

Was unsterblich im Gesang soll leben,

Muß im Leben untergehn.“

Wenn man Schillers Gedicht zur Erklärung heranzieht, ergibt sich für Eichendorff: Die Dinge schlafen, weil sie nur noch mit entseelten Worten benannt werden. (Schiller machte dafür das Christentum verantwortlich, bei Eichendorff ist kein Schuldiger benannt; romantisch ist primär die Abkehr von der mathematisch-technisch bestimmten Naturwissenschaft und Industrie). Wenn man jedoch die Lebenstöne trifft, selber den Gesang anstimmen kann, dann hebt auch die Welt an zu singen, sagt Eichendorff. Das kann jedoch allein ein Dichter – wobei „Dichter“ nicht den professionellen Schriftsteller meint, sondern den, der aus seinem Herzen heraus lebt und spricht und singt. Das ist auch „das Volk“, dessen Märchen und Lieder seit Herder, also etwa seit 1770 als die wahre Poesie gelten. (Über die Verbindung des Sturm und Drang zur Romantik brauchen wir jetzt nicht zu sprechen.)

In Eichendorffs Gedicht „An die Dichter“, dem vorletzten der Abteilung „Sängerleben“ von 1841, heißt es:

„Der Dichter kann nicht mit verarmen;

Wenn alles um ihn her zerfällt,

Hebt ihn ein göttliches Erbarmen –

Der Dichter ist das Herz der Welt.

 

Den blöden Willen aller Wesen,

Im Irdischen des Herren Spur,

Soll er durch Liebeskraft erlösen,

Der schöne Liebling der Natur.

 

Drum hat ihm Gott das Wort gegeben,

Das kühn das Dunkelste benennt,

Den frommen Ernst im reichen Leben,

Die Freudigkeit, die keiner kennt.

 

Da soll er singen frei auf Erden,

In Lust und Not auf Gott vertraun,

Daß aller Herzen freier werden,

Eratmend in die Klänge schaun.“

Als einen solchen  Dichter hat Eichendorff sich sicher selbst gesehen; er stellt mit der „Wünschelrute“ wie auch mit dem voraufgehenden „An die Dichter“ sein poetisches Programm vor, beide sind poetologische Gedichte.

Wir haben ein Gedicht vor uns, das aus zwei Hauptsätzen (V. 1, 3) und zwei Nebensätzen besteht, einem Relativsatz (V. 2) und einem Konditionalsatz (V. 4). Es ist im Trochäus verfasst, vierhebig, wobei die Hauptsätze eine weiche Kadenz aufweisen, also vier volle Takte, während die Nebensätze um eine Silbe verkürzt sind (männliche Kadenz), was „Pause“ signalisiert – abgesehen davon, dass jeweils auch ein Satzgefüge vollendet ist. Betont sind die Wörter „Schläft, Lied, träumen, [fort, fort,] singen, Zauberwort“. Dem Wortfeld des Schlafens (schlafen, träumen) steht das der Musik (Lied, singen) gegenüber; sie werden miteinander durch die Wörter des Zauberischen (Wünschelrute, Zauberwort) verbunden. Wenn die Verbindung gelingt, beginnt („hebt an“) etwas Neues, der Klang oder Gesang der  Welt.  – Sowohl durch die Liedform (Volksliedstrophe) als auch durch die benannten Wortfelder ist dem Gedicht etwas Zauberhaftes eigen, das seine bis heute ungebrochene Wertschätzung begründet.

Nachtrag zur Wortgeschichte „Wünschelrute“

Im DWB (Grimm) finden wir zu „Wünschelrute“: „2) im nhd. die von bestimmten sträuchern geschnittene meist gabelförmige rute zum aufspüren von erzen, wasseradern und überhaupt verborgenen dingen.“ Und dann gibt es Zeugnisse für einen metaphorischen Sprachgebrauch: „c) übertragen auf kräfte, fähigkeiten u. dgl., die nichtdingliches, besonders nicht unmittelbar einsichtige geistige oder seelische gegebenheiten aufzudecken vermögen: (einige musiktheoretiker) machen die music zu einer solchen mathematischen wissenschafft, dabey alle zahlen, linien, maassen, gewichte … ins gewehr und spiel kommen müssen. überdies thun sie mit ihrer wünschel-ruthe der ton-lehre noch den schimpf an, und machen sie dem einmahleins gar unterwürffig Mattheson d. vollk. capellmeister (1739) 5; und wie heilig wäre mir die scene mit dem baum, wenn die wünschelruthe des dichters historische wahrheit entblöszt haben sollte Lenz in: aus Herders nachlasz 1, 226 Düntzer-H.; Lichtenbergs schriften können wir uns als der wunderbarsten wünschelruthe bedienen; wo er einen spasz macht, liegt ein problem verborgen Göthe II 11, 119 W.;“ bereits bei Herder und Goethe finden wir also „Wünschelrute“ im gleichen Sinn wie bei Eichendorff gebraucht, während Mattheson (1739) gerade das streng regulierte Komponieren als Arbeit mit einer mathematischen Wünschelrute verspottet. – Das sind lexikalische Befunde: Die Frage ist, ob Eichendorff und erst recht seine Leser sie gekannt haben; sie zeigen jedoch, dass die Wünschelrute-Metapher um 1800 nicht ganz abwegig war.

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=W%C3%BCnschelrute_(Eichendorff)&stable=0&shownotice=1&fromsection=Inhalt

http://books.google.de/books?id=fEWg3iU6Y-sC&pg=PA657&lpg=PA657&dq=eichendorff+w%C3%BCnschelrute&source=bl&ots=Cv7XhYxjGx&sig=z7yTSkLJu0c-OkbYXmcp7egLdpI&hl=de&sa=X&ei=pD4rUa2GLuzQ4QTuyIGICQ&ved=0CDsQ6AEwAzgy#v=onepage&q=eichendorff%20w%C3%BCnschelrute&f=false (Otto Eberhardt, „Wünschelrute“ sachlich bei Eichendorff, S. 657 f.)

http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-wuenschelrute,textbearbeitung,244.html (langatmig bis geschwätzig, nicht alles richtig)

http://www.stiftikus.de/umbruh19/wuenschel.doc (abgeschrieben von Alewyn)

http://de.scribd.com/doc/28156676/K12-Deutsch-Mitschrift-Einfuhrung-in-die-Romantik (Stichworte aus dem Unterricht)

http://www.abiunity.de/print.php?threadid=2040&page=1&sid= (Interpretation in einem Forum)

http://www.marie-herberger.de/mediawiki/index.php/Joseph_Freiherr_von_Eichendorff_-_W%C3%BCnschelrute (knapp)

http://suite101.de/article/gedichtinterpretation-eichendorff-a51381 (Anregungen zur eigenen Analyse)

http://www.uni-regensburg.de/sprache-literatur-kultur/germanistik-ndl-1/medien/pdf/ditsche.pdf (Neuro-Erklärung der sprachlichen Wünschelrute)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=PQk9Z67A2Bk (Konrad Beikircher)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/schlaeft-ein-lied-in-allen-dingen.html (Fritz Stavenhagen)

http://www.youtube.com/watch?v=YAKNJbKyX5s (Lutz Görner)

http://www.lyrik-audio.de/index.php?cat=DichterD-F (mir unbekannt)

http://www.youtube.com/watch?v=FuigwpfFT4o (vertont: T. Baumann)

http://www.youtube.com/watch?v=se2BoivJXqY (vertont)

http://www.youtube.com/watch?v=eAbCqAYQMuY („Die Zaunreiter“)

http://www.youtube.com/watch?v=z-YI_QUbLzM ( ? )

http://www.youtube.com/watch?v=ecf0LJpdIAg ( ? )

http://www.youtube.com/watch?v=sXnWJDpXxAo ( ? )

http://www.youtube.com/watch?v=saM_wu9uBrM (Kinderchor)

http://www.youtube.com/watch?v=zTh5U6XNSF0 (Schüler spielen „Lindenberg singt Eichendorff“)

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%BCnschelrute (Erklärung: Wünschelrute)

http://www.lehrer-online.de/427686.php (Unterrichtsanregungen)

http://www.e-hausaufgaben.de/Thema-156093-Die-Wuenschelrute-Gedicht-in-Prosa-umwandeln.php (Unterricht de facto: „Ich soll es zu einer Prosa umwandeln … aber wie?“)

http://www.gedichte.com/threads/145804-Glossengedicht-zu-Eichendorffs-W%C3%BCnschelrute-als-Themagedicht (Unterricht de facto: ein Glossengedicht dazu schreiben)

http://romantischeschule.wordpress.com/2009/01/27/novalis-wenn-nicht-mehr-zahlen-und-figuren/ (vergleichen mit Novalis: Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren)

http://www.studienseminar-lueneburg.de/asu/fach/deutsch_holmes/musterentwurf_d2.pdf (Stundenentwurf: Anregung zum Gedichtvergleich mit Rilke: Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort)

http://www.weberberg.de/triffst-du-nur-das-zauberwort.html (Parodie des Gedichts)

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Brecht: Gedanken über die Dauer des Exils – Analyse

Schlage keinen Nagel in die Wand…

Text

http://www.literaturepochen.at/exil/multimedia/pdf/brechtdauerexil.pdf

Das Gedicht ist um 1937 in Dänemark entstanden, dann in den „Svendborger Gedichten“ 1939 und in „Hundert Gedichte“ (1951) veröffentlicht worden.

Das Gedicht stellt zwei Selbstgespräche eines Schriftstellers dar; vermutlich spiegelt es also Erfahrungen Brechts, ohne dass man das sprechende Ich, das sich nur mit „du“ anredet, mit dem konkreten Menschen Brecht gleichsetzen dürfte. Ich bezweifle nämlich, ob Brecht selber so naiv war zu meinen, er kehre „morgen“ zurück (V. 4) und brauche nicht für vier Tage vorzusorgen (V. 3) – schließlich hat er sich in Dänemark ein Haus gekauft. Andrea Paluch und Robert Habeck legen jedenfalls dar, „daß Brecht sich in Dänemark wohl fühlt – und das nicht, weil sich von hier besonders viel bewegen ließe, sondern weil der Sund einen schönen Anblick bietet, das Arbeitszimmer geräumig ist und das Leben mit seinen Kindern einem bürgerlichen Idyll gleicht.“ Aber „obwohl er sich hier häuslich niederließ und wie für längere Zeit einrichtete, weigerte er sich doch beharrlich, die dänische Sprache zu erlernen, weil er wohl doch insgeheim wie andere Exilanten hoffte, daß der Nationalsozialismus bald wie ein düsterer Spuk ein Ende finde. Der einzige, der sein notdürftiges Kauderwelsch verstand, war der Zigarrenhändler in Skovsbostrand, bei dem Brecht seine Zigarren kaufte, telephonierte und mit dem er gern ‚diskutierte’.“ (Volker Skierka in der SZ vom 13. Mai 1989)

Das Gedicht besteht aus zwei Teilen, die als solche nummeriert sind. Im ersten Teil (vier Strophen zu 4 bzw. 5 Versen) fordert es sich auf (durch Imperative, z.B. „schlage“, V. 1; Fragen, z.B. V. 3; Aussagen im Indikativ, evtl. mit Zeitangabe, z.B. V. 4; einmal eine Aussage im Futur, V. 15), sich im Exil nicht häuslich einzurichten.

Die erste Aufforderung lautet: „Schlage keinen Nagel in die Wand“ (V. 1). Einen Nagel schlägt man ein, um etwas auf die Dauer zu befestigen oder aufzuhängen; die erste Aufforderung zeigt symbolisch, dass das sprechende Ich nicht an die Dauer des Exils glaubt bzw. denkt (Überschrift!), dessen Ende stehe unmittelbar bevor. In der ersten Zeile des Teils 2 ist dieser Gedanke als falsch erwiesen: „Sieh den Nagel in der Wand, den du eingeschlagen hast.“ (V. 18); durch sein eigenes Handeln hat das Ich seine ersten Gedanken widerlegt, die damalige Hoffnung Lügen gestraft. Es ist im Exil geblieben und hat sich auf eine längere Dauer dort eingerichtet.

Vielleicht schließt die zweite Aufforderung („Wirf den Rock auf den Stuhl!“, V. 2) unmittelbar an die erste an; dann hätte der Nagel dazu dienen sollen, den Rock aufzuhängen. Dafür spricht, dass hinter dem ersten Vers kein Satzzeichen steht, hinter dem zweiten aber das Rufzeichen, was die beiden Sätze als zusammengehörig erweist. Es folgt dann die rhetorische Frage „Warum vorsorgen für vier Tage?“ mit der hoffnungsvollen Erklärung: „Du kehrst morgen zurück!“ (V. 3 f.) Hier wird die Zeitbestimmung „morgen“ wörtlich genommen; sie liegt innerhalb des Zeitraums von vier Tagen. – Jeder Vers ist ein Satz, sinnvoll abgeschlossen, reimlos.

Das Thema „sich nicht in der Fremde einrichten“ wird in den beiden nächsten Strophen durchgespielt: Es sei überflüssig, den kleinen Baum zu begießen (d.h. einen Baum zu pflanzen, V. 5 f.), Leute zu grüßen oder sie kennen zu lernen und eine fremde Sprache zu erlernen (V. 9 f.); darauf folgt jeweils in zwei Versen die von der Hoffnung getragene Erklärung, dass die Rückkehr in die Heimat bald bevorsteht (der zeitliche Aspekt fehlt in der 3. Strophe, sie ist dort durch die Muttersprache der erlösenden Nachricht ersetzt, V. 11 f.); die eigentliche Satzaussage (V. 8, V. 12) macht jeweils eine Zeile aus.

Exkurs: Einen Baum pflanzen, das ist nach verbreiteter Auffassung die Aufgabe eines Mannes (außer: ein Kind zeugen, ein Haus bauen). Der berühmte Spruch: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen!“ wird Luther in den Mund gelegt. Wenn das hier sprechende Ich sich um das kleine Bäumchen nicht kümmern will, zeigt das nicht nur seine Ungeduld bzw. den Wunsch nach Aufbruch, sondern auch einen menschlichen Defekt in dieser Ungeduld: nicht einmal um ein Bäumchen will es sich kümmern. Das besagt, dass die Gewichtung der beiden Teile des Gedichts nicht einfach nach dem Schema positiv/negativ (Hoffnung/Verzweiflung) vorgenommen werden kann, wie man das in einigen Schülerarbeiten findet – unten wird zum Teil 2 das Nötige dazu gesagt.

Die ersten drei Strophen sind also gleich aufgebaut: zwei Verse mit Aufforderungen und Fragen, zwei Verse mit der erklärenden Begründung dafür. Die vierte Strophe ist nicht nur anders aufgebaut, sondern steht auch unter einem anderen Thema: Es geht um den (Grenz)Zaun der Gewalt, der an Deutschlands Grenze „gegen die Gerechtigkeit“ – durch den Zeilenschnitt hervorgehoben – errichtet worden ist. Was Gerechtigkeit ist, ist reichlich unbestimmt – bestimmt ist das Unrecht, das gegen die Gerechtigkeit verstößt und das innerhalb Deutschlands herrscht, weshalb es durch deinen Grenzzaum geschützt wird [heute denkt man dabei vielleicht an die bis 1989 befestigte Grenze der DDR]. Was Brecht darunter versteht, kann man etwa in den Gedichten „Deutschland“ oder „Ballade von der Judenhure Marie Sanders“ nachlesen. Dass der Zaun der Gewalt zerbrechen wird, ergibt sich dem sprechenden Ich aus der Beobachtung, dass „der Kalk vom Gebälk blättert“ (V. 13) – in Analogie dazu (gemäß dem Gesetz, dass alles vergeht) erwartet es, dass auch der Zaun der Gewalt gleichermaßen „zermorschen“ (Neologismus: morsch werden, zerfallen) wird. Durch die eingeschobene Aufforderung „(Tue nichts dagegen!)“ wird diese Strophe mit den ersten dreien verbunden; dadurch zählt sie aber auch fünf statt vier Verse.

Die einzige Überraschung, die durch den Zeilenschnitt der reimlosen Prosa hervorgerufen wird, ist V. 17: Einen Zaun gegen die Gerechtigkeit erwartet man nicht. Sonst werden Sätze oder semantische Einheiten in eine Zeile gepackt.

Das im Teil 2 sprechende Ich ist in einer anderen Stimmung als das von Teil 1. Es hat sich der Realität gestellt, indem es sich im Exil eingerichtet hat, und macht sich jetzt andere „Gedanken über die Dauer des Exils“ – Gedanken, die sein eigenes Leben und Handeln im Exil betreffen. In der ersten kleinen Strophe fordert es auf, den in die Wand (entgegen der ersten Aufforderung) eingeschlagenen Nagel zu betrachten (V. 18). Dieser Nagel gibt über den eigenen Glauben (zu ergänzen: an die Dauer des Exils) zu denken (V. 19 f.); durch seine rhetorischen Fragen macht es sich klar, was es wirklich glaubt, „im Innersten“ (V. 20) glaubt: dass das Exil lange dauern wird.

In der zweiten Strophe stellt es die Frage nach dem Sinn seiner Arbeit als Schriftsteller, der Tag für Tag „an der Befreiung“ arbeitet (= schreibt, V. 21-23). Es fragt sich, indem es den kleinen Kastanienbaum betrachtet (bzw. zu betrachten fordert, V. 25), den es entgegen der eigenen Aufforderung (V. 5-8) begießt, womit es auf dessen Wachstum und Bestand, also auch auf das eigene Bleiben setzt. Die Frage ist radikal, geht an die Wurzeln der eigenen Existenz als Schriftsteller: „Willst du wissen, was du von deiner Arbeit hältst?“ (V. 24) Die Antwort wird hier nicht formuliert; sie kann nur lauten: Du glaubst selbst nicht, dass du mit deinem Schreiben etwas bewirkst. Der Baum wächst, aber deine Hoffnung auf Heimkehr ist gestorben.

Das ist aber nicht das letzte Wort zu den Gedanken über die Dauer des Exils. Das letzte Wort besteht aus der Aufforderung, den kleinen Kastanienbaum anzusehen, „zu dem du die Kanne voll Wasser schlepptest (V. 25 f.). Gegen seinen utopischen Vorsatz (V. 5) hat er also den Baum begossen, und das Bäumchen wächst nun heran. Es ist noch klein, wächst aber stetig – dank seiner Vorsorge, dank des täglichen Begießens. Mit der Aufforderung (V. 25) wird hier dieses Begießen zur Metapher der erfolgreichen täglichen Kleinarbeit, die entgegen dem eigenen Zweifel am Sinn des Schreibens zum Erfolg führt und Neues wachsen lässt. Der kleine Kastanienbaum ist das Symbol der aufgeklärten, skeptischen Hoffnung auf die spätere Heimkehr.

Im Denken darüber, welche Gedanken er sich über die Dauer des Exils macht, und aufgrund der geduldigen täglichen Kleinarbeit kann der Schriftsteller sowohl die anfängliche leichtfertige Euphorie („morgen“) wie auch die drohende Resignation („was du von deiner Arbeit hältst“) auffangen. Wie er sie dann verarbeitet – außer dialektisch im Gedicht – bleibt offen. Die letzte Strophe macht das Gedicht zu einem poetologischen Gedicht: vom Sinn des Schreibens im Exil.

Analyse

http://www.abipur.de/referate/stat/648014032.html (schülerhaft)

www.faecher.lernnetz.de/faecherportal/index.php?DownloadID=2330 (dort S. 104 ff.: eine Schülerarbeit als Gedichtvergleich: „Gedanken über die Dauer des Exils“ – „Zufluchtsstätte“, die mit 1+ bewertet worden ist; erfreulich ist die Tatsache, dass der beurteilende Kollege berücksichtigt, was von einem Schüler in begrenzter Arbeitszeit erwartet werden kann)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=QL0dOxYbcos (Schüler)

http://www.youtube.com/watch?v=2ix9LDy44B0 (vertont von Hanns Eisler)

http://www.youtube.com/watch?v=FQjrF_RG8WA (türkisch, vertont)

Sonstiges

http://www.deutsch-gymnasium.de/fortbildung/Exillyrik/Vortrag.ppt (Heimatverlust und Exil)

http://blog.zeit.de/schueler/2012/02/22/thema-exilliteratur-1933-1945/ (Exilliteratur)

http://www.exil-club.de/dyn/bin/51529-51578-1-exillyrik_ohne_bilder.pdf (U-Reihe über Exillyrik)

http://www.christin-s.wv.to/literatur-des-exils (Literatur des Exils: Stichworte)