Remarque: Im Westen nichts Neues – über das Rettende (Analyse)

Remarque: Im Westen nichts Neues (Ausgabe KiWi 916, 2005)

Ich setze hier voraus, dass Sie zur Kenntnis genommen haben, was ich über die verlorene Generation und die Auswirkungen des Krieges auf die Soldaten geschrieben habe. – Wenn man das letzte Kapitel des Romans in Ruhe liest, fällt die Ambivalenz auf, in der Paul Bäumer noch am Ende seines Lebens steht: Einmal denkt er erneut, dass seine Generation verloren ist, „und schließlich werden wir zugrunde gehen“ (198); dagegen stellt er die Möglichkeit, dass diese Gedanken „nur Schwermut und Bestürzung“ (198) sind, die wieder verfliegen werden: „Es kann nicht sein, daß es fort ist, das Weiche, das unser Blut unruhig machte, das Ungewisse, Bestürzende, Kommende, die tausend Gesichter der Zukunft, die Melodie aus Träumen und Büchern, das Rauschen und die Ahnung der Frauen…“ (199). Er hält also bis zum Schluss an der Idee eines Rettenden fest, welches dem Leben Ziel und Richtung gibt. Im Folgenden soll untersucht werden, was zu diesem Rettenden gehört; denn es zeigt sich in mancherlei Gestalten.

1. Im Krieg hat es zwei Gestalten, die Kameradschaft und die Erde:

** Zur Kameradschaft sind die relevanten Stellen schon in der Untersuchung über die Auswirkungen des Krieges zusammengetragen worden. Für alle anderen zitiere ich Pauls Gedanken auf seiner einsamen Patrouille: „Eine ungemeine Wärme durchflutet mich mit einemmal. Diese Stimmen, diese wenigen, leisen Worte, diese Schritte im Graben hinter mir reißen mich mit einem Ruck aus der fürchterlichen Vereinsamung der Todesangst, der ich beinahe verfallen wäre. Sie sind mehr als mein Leben, diese Stimmen, sie sind mehr als Mütterlichkeit und Angst, die sind das Stärkste und Schützendste, was es überhaupt gibt: es sind die Stimmen meiner Kameraden.“ (147)

** Dem entspricht der Lobpreis der Erde (47 f.): „Wenn er sich an sie preßt, lange, heftig, wenn er sich tief mit dem Gesicht und den Gliedern in sie hineinwühlt in der Todesangst des Feuers, dann ist sie sein einziger Freund, sein Bruder, seine Mutter. (…) Erde – Erde – Erde – !“

Dies sind die Gestalten des Rettenden im Krieg – aber Pauls Gedanken gehen auch über den Krieg hinaus.

2. Die Soldaten suchen im Gespräch das, was im Frieden ihr Lebensziel sein könnte (62 ff.); Paul möchte „etwas Unausdenkbares tun. (…) Etwas, weißt du, was wert ist, daß man hier im Schlamassel gelegen hat. Ich kann mir bloß nichts vorstellen.“ (68) Bei der Begegnung mit den gefangenen Russen erinnert er sich an diese Äußerung – er hält es für möglich, dass die Feindschaft zwischen den Menschen aufhört, dass auch die Russen brüderliche Mitmenschen sein könnten (135 f.). „Mein Herz klopft: ist hier das Ziel, das Große, das Einmalige, an das ich im Graben gedacht habe (…), ist es eine Aufgabe für das Leben nachher, würdig der Jahre des Grauens?“ (136) Er scheut sich, den Gedanken zu Ende zu denken, teilt aber seine Zigaretten brüderlich mit den Russen (136).

Im Gespräch über den Grund des Krieges (140 ff.) erkennen die Soldaten, dass die Professoren und Pastöre mit ihren Parolen nicht recht haben und dass es eine Beleidigung eines Volkes durch ein anderes nicht gibt; dass vielmehr wenige den Krieg wollen und wenige davon profitieren. Aber der Denker Albert beendet diese abstrakte Analyse, in der es keine Namen und keine Zahlen und keine bestimmten Interessen gibt: „Besser ist, über den ganzen Kram nicht zu reden.“ (144) Kat bestätigt, dass dadurch ja auch nichts besser werde.

Diese beiden Episoden zeigen, wie die Soldaten zwar die Idee eines Rettenden haben, aber sie nicht zu fassen bekommen – ihre Analyse bleibt ans Gefühl gebunden (Paul, vgl. 138, den letzten Absatz von Kap. 8 – auch in der Begegnung mit dem ermordeten Duval kommt Paul nicht über das Gefühl hinaus: „Kamerad, ich will kämpfen gegen dieses, das uns beide zerschlug…“, 156; schon Sekunden später weiß er, dass er es nicht tun wird) oder sie bleibt abstrakt. Sie bleibt auch für Paul abstrakt, weil sie nur ans Gefühl gebunden ist.

Deswegen erscheint das Rettende Paul in zwei anderen Gestalten:

  • „Das Leben“ wehrt sich gegen den Tod (186). Zum Leben gehört „das Weiche, das unser Blut unruhig machte, (…) die Melodie aus Träumen und Büchern, das Rauschen und die Ahnung der Frauen“ (199; vgl. auch die tiefe Übereinstimmung der beiden Freunde nach dem Gänseessen, 74). Hierzu zählt auch die Erfahrung der Liebe (109 oben), die allerdings bereits bald darauf widerrufen wird: „Man glaubt an Wunder, und nachher sind es Kommißbrote.“ (111)
  • Die Landschaft der Jugend (90 f.) und das Kindsein (130) sind die andere Gestalt; das Kindsein trägt aber nicht den Erwachsenen, den nächsten Heimaturlaub handelt Paul mit drei Zeilen ab (183). An der Landschaft der Jugend hat ihn „das Gemeinsame, dieses Gleichfühlen einer Brüderschaft mit den Dingen und Vorfällen unseres Seins, die uns abgrenzte“ (91) angezogen – aber sie hat nur in der Jugend getragen, sie ist ihm nicht mehr zugänglich, meint er zumindest, als er sich als verloren betrachtet (92). Vielleicht widerlegt das letzte Kapitel diese Einschätzung? Denn die Landschaft der Jugend ist letztlich nichts anderes als das, was Paul auch „das Leben“ nennt. – Es scheint, dass „das Leben“ ihn auch den Tod akzeptieren lässt; der Tote lag so, „als wäre er beinahe zufrieden damit, daß es so gekommen war“ (199).

Fazit: Paul und seine Kameraden können das Rettende nicht begreifen, weil es ihnen nur im Gefühl gegeben ist, weil es in ihrem Denken abstrakt bleibt. Es fehlt ihnen die konkrete politische Analyse, welche zu Erkenntnissen führte, für deren Verwirklichung man sich organisieren kann. Solange das Rettende nur im Gefühl erscheint, bleibt es Trost für den Moment, kann sich aber nicht in der Geschichte der Menschen auswirken. Es ähnelt (gleicht?) dem Idyll der Natur (95, oben) oder dem selbst geschaffenen Idyll des Fressens und Schlafens (159). – Erzähltechnisch macht die Ambivalenz es möglich, den Roman endlos weiterzuschreiben, aber auch jederzeit abzubrechen; beendet wird er dadurch, dass einer nach dem anderen aus der Gruppe stirbt, Paul als letzter.

Vielleicht ist das Defizit in der Konzeption des Rettenden ein Grund für den großen literarischen Erfolg des Romans – und für seine politische Wirkungslosigkeit.

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Zu Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ finden Sie in diesem Blog mehrere Beiträge, die in dieser Reihenfolge entstanden sind (ich hoffe, dass sich darin auch ein Erkenntnisfortschritt spiegelt):

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/09/remarque-im-westen-nichts-neues-analyse-des-1-kapitels/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-analyse-die-verlorene-generation/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-wie-sich-der-krieg-auf-die-soldaten-auswirkt-analyse/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-inhalt-interpretation-hilfen-links/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/13/remarque-im-westen-nichts-neues-zeitstruktur-mit-ubersicht-inhalt/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/13/remarque-im-westen-nichts-neues-uber-das-rettende-analyse/

Im Jahr 2014 gibt es eine Reihe von Ausstellungen über den 1. Weltkrieg: Übersicht

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Remarque: Im Westen nichts Neues – Zeitstruktur, mit Übersicht: Inhalt

Remarque: Im Westen nichts Neues (Ausgabe KiWi 916, 2005). Der Verlag KiWi greift in neuen Ausgaben auf die erste Ausgabe 1929 zurück; dort beginnt Teil I mit Kap. 1 und Teil II mit Kap. 11. – Der Roman erschien vom 10. November bis 9. Dezember 1928 in der „Vossischen Zeitung“ in Fortsetzungen und am 31. Januar 1929 im Propyläen-Verlag (Ullstein).

Vorwort eines anonymen Sprechers über den Zweck des Buchs (12)

Kapitel 1

Jetzt (13): 9 km hinter der Front

<— gestern (13): zurückgekommen, geschlafen; Szene Essensausgabe (vorhin)

<— vor 14 Tagen (13): an die Front gekommen

Heute (16): Zufriedenheit; Szene Latrinensitzung

<— wie Kantorek die Klasse für den Militärdienst warb (19 f.), danach die ersten Kriegserfahrung und Behms Tod (Kontrast)

Szene Besuch Kemmerichs im Feldlazarett (21 ff.)

<— damals, wie wir abfuhren (22)

—> wie nach Kemmerichs Tod Haare und Fingernägel wachsen (22)

—> wie Paul nach Kemmerichs Tod der Mutter schreiben muss (24)

Es gibt auch mehrere Stellen, in denen das Soldatenleben mit dem Leben früher beiläufig verglichen wird, z.B. was die neuen Rekruten noch nicht gelernt haben (17), was wir inzwischen gelernt haben (17), wie wir gegenüber der Schulzeit „jetzt“ sehen gelernt haben (21).

Fazit: Um das Heute eines Tages wird ein Zeitraum eröffnet, der zunächst die letzten 14 Tage, vor allem den vergangenen Tag umfasst, dann auch die Schulzeit, die Meldung zum Militär und die Abfahrt sowie erste Kriegserfahrungen; zwei kleine Ausblicke gehen über den bevorstehenden Tod Kemmerichs hinaus. Der ganze Zeitraum ist also vom Militärdienst bestimmt.

Aus der Differenz 18jährige Schüler / 19jährige Soldaten (20/14) ergibt sich, dass sie seit ungefähr einem Jahr eingezogen sind, wovon 10 Wochen Ausbildungszeit waren (26, 2. Kap.).

Kapitel 2

Großer Vergleich: hier, jetzt <— zu Hause, früher (25 f.)

<— früher (26 ff.): als wir zum Bezirkskommando gingen, als wir ausgebildet und geschunden wurden (viele Einzelheiten)

[ohne Datum] Szene Besuch Pauls bei Franz K. im Feldlazarett (30 ff.)

<— Franz K. als Schüler (31)

(eine Stunde vergeht) Franz K. stirbt.

In der Baracke übergibt Paul an Müller Franz’ Stiefel (34).

Fazit: Nach den Vergleichen und der Erinnerung an die Ausbildung folgt eine undatierte Szene im Feldlazarett; vermutlich spielt das Geschehen am nächsten Tag nach dem „Heute“ von Kap. 1.

Kapitel 3

[ohne Datum] Es kommt Ersatz für die Gefallenen (35); Ort: Baracken

Szene: Katczinsky verteilt Bohnen mit Fleisch (35 f.).

<— Wie Kat nachts in einem fremden Ort Essen organisierte (36 ff., Szene, verbunden mit Kommentaren zur Person Kat)

[ohne Datum] Wir haben uns hingehauen. Szene: Gespräch über das Militär, Krieg, Macht (38 ff.); Himmelstoß’ Ankunft wird angekündigt.

<— Ausbildung durch Himmelstoß (41 f.)

<— dessen Züchtigung durch einige Rekruten (42 ff.)

Fazit: Das Kapitel wird von Gesprächen und Erinnerungen bestimmt; vermutlich spielt das Geschehen in den 14 Tagen der Erholung nach der Rückkehr von der Front (s. Kap. 1).

Kapitel 4

[ohne Datum] Bericht von einem Einsatz zum Schanzen an der Front: Abend (45), 21 h (46), Nacht, 3 h (53), Morgen (59). Berichtet wird die Hinfahrt im Lkw, der Marsch zur Front, das Schanzen (45 – 50); dieser Bericht wird von einem Bericht über ein Artilleriegefecht sowie Gedanken und Kommentare Pauls unterbrochen.

Die Kompanie gerät unter Feuer (51 ff.); szenisch wird vom Leiden der verwundeten Pferde erzählt (52 f.); bei der Rückkehr gerät die Kompanie auf dem Jägerfriedhof in einen Feuerüberfall (54 ff., Szene) und einen Gasangriff (Szene, 56 f.); Verwundete werden versorgt, Tote geborgen. Rückmarsch und Heimfahrt (59 f.)

Fazit: Das ist der erste Bericht von direkter Fronterfahrung der Kompanie; vielleicht spielt das Geschehen dieser Nacht in den 14 Tagen der Erholung nach der Rückkehr von der Front (s. Kap. 1).

Kapitel 5

[ohne Datum] Im Wesentlichen wird zunächst szenisch ein Gespräch berichtet, was die einzelnen Soldaten tun wollten, wenn jetzt Frieden wäre (61 – 69). Eingeschoben ist ein Bericht von der Ankunft Himmelstoß`, dem sich Tjaden widersetzt (64 ff.); ein Kommentar Pauls (69).

Episodisch wird berichtet, wie auch Kropp sich jenem widersetzt und wie Tjaden und Kropp milde bestraft werden (69 ff.) [abends; bis in die Nacht wird Skat gespielt, 71 f.]

Szene: Kat und Paul gehen Gänse klauen, braten und essen (72 ff.), Rückkehr in der Dämmerung (75).

Fazit: Das sind undatierte Episoden oder Schwänke vom Militär.

Kapitel 6

[zwei Tage früher als sonst] Bericht von (zwei Wochen) Fronteinsatz (76 ff.)

Episoden (Ratten) und Kommentar (77 f.); ein Tag nach dem andern (79)

Bericht vom ersten Trommelfeuer (81 ff.), anderthalb Tage

Sturmangriff der Franzosen und Gegenangriff (84 ff.), ein Tag

<— Erinnerungen an Kreuzgang des Doms und heimatliche Landschaft, mit Kommentar (89 – 92)

Vergebliche Suche nach einem Verwundeten (92 ff.), die Tage gehen hin

Unerfahrene Rekruten füllen die Lücken (96 f.)

Himmelstoß versucht sich zu drücken (Szene, 97 f.)

Summarischer Bericht von den ganzen Schrecken des Krieges (98 f.), die Tage vergehen

Die Kompanie wird abgelöst und fährt zurück (99 f.), von 150 sind noch 32 Soldaten übrig; Metapher: Sommer / Herbst (100)

Fazit: Möglicherweise ist das der Fronteinsatz, der auf die 14 Tage Erholung (s. 1. Kap.) folgt. Es gibt eine Reihe von Episoden, die häufig an allgemeine Angaben der Tageszeit gebunden sind (Morgen, Mittag, Abend, Nacht) und von einzelnen Kommentaren abgerundet werden; öfter wird erwähnt, dass die Tage vergehen.

Kapitel 7

[anschließend] Kompanie ins Feldrekrutendepot verlegt (101)

Reflexion des Soldatenlebens („vergessen“, 101 f.)

—> Ausblick auf die Zeit danach (102 f.)

Wirkung eines Mädchenbildes auf die Soldaten (103 f.)

Begegnung mit drei jungen Frauen am Kanal, in der Nacht Besuch bei ihnen (105 ff.)

[Schnitt] Urlaub für Paul (110): 14 Tage + 3 Tage fürs Fahren

[mehrere Tage] Heimfahrt, Ankunft am Sonnabend, Begegnung mit Mutter und Schwester (111 ff.)

[nach einer Stunde] zum Bezirkskommando (117)

Begegnung mit dem Major; mit dem Vater und dem Direktor (szenisch, 118 ff.)

Reflexion der eigenen Situation, der Kriegserfahrung (120 f.), Gefühl der Fremde im eigenen Zimmer (122 ff.)

Zu Mittelstaedt in die Kaserne, Kantorek wird geschliffen (szenisch, 124 ff.) – Stunden und Tage vergehen – noch 4 Tage Urlaub (128)

Besuch bei Kemmerichs Mutter (szenisch, 128 f.)

Der letzte Abend und die Nacht zu Hause, Paul wird weich (129 ff.)

Fazit: Teils episodisch, teils kurz szenisch erzählt, mehrere Schnitte im Erzählen. Das Kapitel dient dazu, Pauls Veränderung zu zeigen: Mädchen, zu Hause, Kantorek. – Für die relative Chronologie gibt es einige Daten: Vor 1 Jahr war der Urlaub noch anders, da hatte Paul noch keine Fronterfahrung (120 f.); vor zwei Jahren hat Kantorek sie „zum Bezirkskommando gepredigt“ (125); dass man vor Kantorek Angst hatte, ist „noch kaum zwei Jahre her“ (126, vgl.: zwei Jahre Schießen und Handgranaten, 69). – Dass die Soldaten „seit Jahren“ (103) kein so hübsches Mädchen wie auf dem Bild gesehen haben, muss also relativiert werden. Wenn man knapp rechnet, könnten seit der ersten Rückkehr von der Front (1. Kap.) etwa sieben Wochen vergangen sein: zwei Wochen Erholung / zwei Wochen Front / Tage der Erholung plus Urlaub.

Kapitel 8

[anschließend] Paul im Heidelager (132 ff.) – Herbst (Laub färbt sich, 132)

daneben ist das Russenlager (133 ff.) – Situation der Russen beschrieben

Reflexion des Krieges (136), Umgang mit den Russen berichtet

Vater und Schwester kommen am Sonntag zu Besuch (137 f.)

Paul gibt den Russen zwei von Mutters Kartoffelpuffern (138, teils szenisch).

Fazit: Von dem (mehrwöchigen?) Kurs wird episodisch erzählt; neu ist die Begegnung mit gefangenen Russen.

Kapitel 9

[anschließend] Fahrt zurück zur Kompanie (139) – einige Tage

Episode: Truppenbesuch des Kaisers (140)

Gespräch über den Grund des Krieges (141 ff.)

An die Front zurück (144), Paul auf Patrouille (145 ff.), Szene: Angst

Angriff der Franzosen geht los und wird abgeschlagen (148 f.).

Szene: Paul ersticht einen Franzosen, hilft dem Sterbenden, bereut, denkt an die Frau des Toten (149 ff.): Nacht – Tag – Nacht

Die Kameraden finden ihn (157); am nächsten Morgen erschießt Oellrich genüsslich Gegner (157 f., Kontrast zu Paul).

Fazit: Sowohl die Angst Pauls und die Reue angesichts des toten Franzosen Gérard Duval zeigen eine Veränderung Pauls an. Die Begegnung mit Duval bestimmt Kapitel 9. – Zur Chronologie: In Russland ist kein Krieg mehr (140); der Waffenstillstand trat am 15. 12. 1917 in Kraft, der Friede von Brest-Litowsk wurde am 3. 3. 1918 geschlossen.

Kapitel 10

[ohne Datum] Wir müssen ein Dorf bewachen (159 ff.).

Sie organisieren Essen, kochen, fressen und bekommen Durchfall (Szene, 1 Tag).

So geht es 3 Wochen, dann rücken sie ab (163 f.).

Sie müssen eine Ortschaft aufräumen – ein paar Tage später (164).

Szene: Paul und Albert werden verwundet und operiert (164 ff.), Fahrt mit dem Lazarettzug nach Köln (teils szenisch, 167 ff.); Erlebnisse im katholischen Krankenhaus (mehrere Tage, 171 ff.).

Paul wird operiert, Alberts Bein amputiert (177 f.); „allmählich…“ (178)

Reflexion des sinnlosen Leidens (179 f.) – „ich bin 20 Jahre alt“ (179)

Episode: Lewandowskis Frau kommt zu Besuch (180 ff.)

Paul bekommt nach mehreren Wochen einen Erholungsurlaub (183), er wird wieder vom Regiment angefordert und fährt ab.

Fazit: Das Kapitel wird vom Kontrast zwischen der Völlerei am Anfang und der Verwundung der beiden Freunde samt Operationen und Krankenhaus bestimmt; die Verwundungen verweisen auf den künftigen Tod. Einzelne Szenen und Episoden werden erzählt; das gesamte Geschehen dauert vielleicht zehn Wochen. Der Erzähler ist ein Jahr älter als zu Beginn des erzählten Geschehens, also seit zwei Jahren Soldat.

Kapitel 11

„Wir zählen die Wochen nicht mehr. Es war Winter, als ich [wo, an der Front, nach dem letzten Heimaturlaub? – vgl. Kap. 8: Herbst, Kap. 9 Russland, Kap. 10 Abfahrt zum Regiment] ankam (…). Jetzt sind die Bäume wieder grün. Unser Leben wechselt zwischen Front und Baracken.“ (185)

Große Reflexion, wie sich der Krieg auf die Soldaten auswirkt: Leben an der Grenze des Todes (185 – 187)

Die Soldaten verlieren wegen der Verluste den letzten Halt, auch Paul:

<— wie Deterings Flucht scheiterte (teilweise szenisch, 187 f.)

<— wie Berger den Koller bekam (teilweise szenisch, 188 ff.)

Beschreibung der schlechten Lage der Deutschen (190 f.), des Einsatzes von Tanks (192); Bertrinks Tod (teils szenisch, 192 f.).

„Die Monate rücken weiter. Dieser Sommer 1918 ist der blutigste und schwerste.“ (193) Mehrfach wird der Sommer 1918 genannt und in seiner Bedeutung umschrieben (193 f.).

Szene: Kat wird verwundet, von Paul gerettet, erneut getroffen und stirbt (194 ff.); Paul wird ohnmächtig. Im Gespräch hat Paul ihn daran erinnert, dass Kat ihn vor fast drei Jahren gerettet hat (195).

Fazit: Die Zeitangaben zu Beginn sind unklar; sie können ein halbes Jahr umschreiben – die Datierung hakt aber, weil Kap. 9 mindestens auf den Winter 19178/18 angesetzt werden muss. Die wenigen Szenen von Kap. 11 müssen einen großen unbestimmten Zeitraum abdecken. Das Kapitel bereitet mit der Reflexion Pauls, mit der Beschwörung des Sommers 1918 und den Berichten vom Tod der Tüchtigsten auf das Ende vor.

Kap. 12

[Schnitt] „Es ist Herbst. (…) Ich bin der letzte von den sieben Mann aus unserer Klasse hier.“ (198)

Paul beschreibt die Lage kurz; wegen einer Gasvergiftung hat er eine Art Urlaub. (198)

–> Er denkt ambivalent über die Zeit nach dem Krieg nach. (198 f.)

Es folgt der kurze Bericht eines anonymen Sprechers über den Tod Pauls im Oktober 1918 – an einem Tag, in dem es im Heeresbericht hieß, „im Westen sei nichts Neues zu melden“ (199). Er war anscheinend friedlich gestorben.

Fazit: Mit Pauls Tod endet das Buch; der Ausblick auf die Zeit nach dem Krieg wird durch seinen Tod (einen Monat vor dem Waffenstillstand vom 11.11.1918) widerlegt. Die Datierung „Herbst“ gewinnt metaphorische Bedeutung (vgl. die Metapher auf S. 100), Winter ist dann der Tod.

Die Heeresmeldung widerspricht der Meldung seines Todes, da der Tod des Erzählers etwas Neues ist; und er widerspricht ihr nicht, da das Sterben an der Westfront wirklich nichts Neues war. So ist der daraus gewonnene Titel des Buches höchst zweideutig.

Auswertung

Es wird von zwei Jahren Krieg, die Paul und seine Kameraden erleben, aber nicht überleben, erzählt; das zweite Jahr wird ziemlich kurz behandelt (Kap. 11 f.). Die einzelnen Ereignisse und Berichte sind kaum datiert, oft nicht chronologisch miteinander verbunden; aus wenigen Bemerkungen des Ich-Erzählers kann man eine relative Chronologie erstellen. Es hakt aber bei der Chronologie (s. Kap. 8 – 11).

Es wird sowohl szenisch wie auch episodisch und summarisch erzählt; allgemeine Zeitangaben wie „morgens, am Abend, in der Nacht“, gelegentlich auch Angaben der Uhrzeit ordnen die Abläufe der einzelnen Episoden.

Es gibt mehrfach Rückgriffe auf die Zeit vor dem Krieg – vor allem Erinnerungen an die Werbung durch Kantorek und an die Ausbildung durch Himmelstoß. Ausblicke in die Zukunft gibt es kaum; die Soldaten leben im Hier und Heute. Es fällt auf, dass der Ich-Erzähler häufig Ereignisse reflektiert; das passt nicht zur Abstumpfung beim Militär, die er beklagt.

Eine wirkliche Entwicklung macht Paul Bäumer nicht durch. Zwar stumpft er als Soldat ab, gewöhnt sich an das harte Leben an der Grenze des Todes, das Leben der Zivilisten ist ihm fremd geworden; doch zeigen seine weichen Gefühle (Mutter, Duval, Russen, die Mädchen), dass noch ein anderer Kern da ist. Das wird durch die letzte Reflexion in Kap. 12 bestätigt, wo er seinen eigenen Pessimismus relativiert, „vielleicht ist auch alles dieses, was ich denke, nur Schwermut und Bestürzung, die fortstäubt, wenn ich wieder unter den Pappeln stehe…“ (198 f.).

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Zu Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ finden Sie in diesem Blog mehrere Beiträge, die in dieser Reihenfolge entstanden sind (ich hoffe, dass sich darin auch ein Erkenntnisfortschritt spiegelt):

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/09/remarque-im-westen-nichts-neues-analyse-des-1-kapitels/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-analyse-die-verlorene-generation/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-wie-sich-der-krieg-auf-die-soldaten-auswirkt-analyse/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-inhalt-interpretation-hilfen-links/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/13/remarque-im-westen-nichts-neues-zeitstruktur-mit-ubersicht-inhalt/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/13/remarque-im-westen-nichts-neues-uber-das-rettende-analyse/

Remarque: Im Westen nichts Neues – Inhalt, Interpretation, Hilfen: Links

http://de.wikipedia.org/wiki/Im_Westen_nichts_Neues (mit Einordnung, Inhalt nach Kapiteln und Rezeption – Inhalt etwas zu knapp)

http://www.remarque.uni-osnabrueck.de/iwnn.htm (v.a. Literatur zum Roman)

http://www.dieterwunderlich.de/Remarque_westen.htm (i.W. Inhalt, mit manchen willkürlich ausgewählten Einzelheiten)

http://deutschsprachige-literatur.blogspot.de/2010/11/inhaltsangabe-im-westen-nichts-neues.html (Inhalt, knapp)

http://www.inhaltsangabe24.de/im-westen-nichts-neues-remarque.php dito

https://is.muni.cz/th/38903/pedf_m/Diplomova_prace_Skvarilova_Leona.pdf (dort S. 22 ff.: Interpretation – für eine Diplomarbeit nicht besonders tiefschürfend; u.a. zum Begriff der verlorenen Generation, S. 32 ff.)

http://othes.univie.ac.at/19783/1/2012-03-28_0600028.pdf (Magisterarbeit Manuela Bernauers; dort S. 11 ff.: Interpretation – die beste Gesamtinterpretation im Netz, ich habe allerdings einige Einwände; Topos „Lost Generation“ auf S. 14 ff.; dort S. 40 ff: E. Jünger: In Stahlgewittern)

http://tmp.eniu.ch/Deutsch%20Facharbeit.pdf (Facharbeit, relativ simpel, mit Personenkonstellation und Vertiefung: Die verlorene Generation)

http://www.harrythuerk.de/EE-ThuerkRemarque.pdf Vergleichende Charakteranalyse (Vergleich zweier Romane)

http://literaturen.net/remarque-im-westen-nichts-neues-interpretation-erlaeuterung-528 (Interpretation vermutlich eines Lehrers, mit einigen gehobenen Begriffen)

http://deutschebuecher.files.wordpress.com/2012/03/db_2010_rezension_schneider_remarque_im_westen_nichts_neues_delabar.pdf Edition und Distribution

http://www.journal21.ch/erich-maria-remarque-im-westen-nichts-neues-1929 Besprechung

http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/kunst/westen/ Kindler (neu), Besprechung

http://radiergummi.wordpress.com/2011/08/25/erich-maria-remarque-im-westen-nichts-neues/ Besprechung

http://www.salvani.de/pdf_documents/rezensionen/remarque_im_westen_nichts_neues.pdf Besprechung

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-21058617.html Besprechung im „Spiegel“, 1952

http://home.arcor.de/robert.vater/Schule/deutsch4.htm Schüler: größere Arbeit (mit umfangreicher Nacherzählung, abgeschrieben vom folgenden Link:)

http://members.aon.at/livingbox/Im_Westen_nichts_Neues.html dito: größere analytische Arbeit, vermutlich eines Lehrers

http://www.zum.de/psm/pdf/kupracz.pdf Schülerreferat (?) „Bemerkungen zum historischen Roman…“, v.a. die Rezeption nimmt breiten Raum ein

http://www.schreiben10.com/referate/Literatur/3/Erich-Maria-Remarque—Im-Westen-nichts-neues-reon.php Schülerreferat (mit Beschreibung der Personen)

http://www.schultreff.de/referate/deutsch/r0392t00.htm dito (Inhalt nach Kapiteln; wichtige Personen und Orte)

http://www.schulzeux.de/deutsch/erich-maria-remarque-im-westen-nichts-neues-zusammenfassung-inhaltsangabe.html dito (Nacherzählung)

www.hackerplanet.at/datenbank/downloads/4bheli/referate/westen.doc dito (firefox warnt vor dieser Datei!)

http://www.buechereule.de/wbb2/print.php?threadid=24381&page=1 Rezeption Schüler, zu Kap. 10-12

http://www.schinka.de/deutschunterricht-klasse-11-reden-westen-neues.php3 Analyse der Lehrerrede

http://www.gymoedeme.de/anhaenge/4381/Krieg-Expressionismus.pdf (Krieg: Gedichte und Bilder)

http://www.diss.fu-berlin.de/diss/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDISS_derivate_000000001060/06_HaeretikerI.pdf?hosts= Kriegskritische Texte (Diss)

http://www.qucosa.de/fileadmin/data/qucosa/documents/9733/Geisler_Korr.pdf (Oliver Geisler: Areale der Tat. Das Ereignis der Gewalt und seine Erzählbarkeit, Diss 2012)

http://othes.univie.ac.at/27291/1/2013-01-30_0603800.pdf (Martina Stadler: Desillusionierung und Kriegsernüchterung… – zu Köppen, Remarque und Ludwig Renn; Magisterarbeit 2013)

http://www.rainerleschke.de/downloads/pdf/leschke_kriegohneOpfer.pdf (Rainer Leschke: Krieg ohne Opfer. Von der Verlusten der Kriegserzählung – eine Auseinandersetzung mit W.G. Sebald: Luftkrieg und Literatur, 1999)

http://www.dhm.de/lemo/html/wk1/index.html Der 1. WK

http://www1.wdr.de/mediathek/av/videoerichmariaremarqueimwestennichtsneuesgelesenvonmaxsimonischek100_size-L.html?autostart=true (Texte vom 1. WK)

http://rudar.ruc.dk/bitstream/1800/2339/1/Gesamtst%C3%BCck%20III.pdf Der 1. WK in der dt. Literatur, dort S. 46 ff.: Rem.

http://www.ursulahomann.de/DerKriegInDerLiteratur/kap001.html U. Hohmann: Der Krieg in der Lit.

http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/7132/pdf/Korte_Paletschek_Hochbruck_Der_erste_Weltkrieg.pdf Der 1. WK in der pop. Erinnerungskultur

http://cs6232.vk.me/u1249421/docs/b8bd79610405/Erich_Maria_Remarque_-_Im_Westen_nichts_Neues.pdf?extra=iLfZh38aVhEaZNA0EQkwU6vAnGWzq-HXFefZUJV9qGou614gaSywCrkpOW0_YDeqZiVeyUU0pwVPusP3Gnj0yFfRzIKmpw  (Text des Romans, Kiepenheuer & Witsch 1971 – der Link scheint instabil zu sein, man muss notfalls den Titel plus „ullstein 1928, kiepenheuer & witsch 1971“ eingeben)

https://www.uni-erfurt.de/fileadmin/public-docs/Literaturwissenschaft/ndl/Material_Schmidt/Remarque__Im_Westen_nichts_Neues.pdf (Text, 1986)

http://ebookstorm.com/ebook/943205/im-westen-nichts-neues Text (Man muss sich für Spiele anmelden, z.T. bezahlen.)

http://www.bm.shuttle.de/bm/abtei-gym/doerp2.htm Goebbels gegen Remarque

https://www.google.de/search?q=im+westen+nichts+neues&ie=utf-8&oe=utf-8&rls=org.mozilla:de:official&client=firefox-a&gws_rd=cr&ei=9TPVUujvNobItAa0hYHQBw#q=im+westen+nichts+neues+trailer&rls=org.mozilla:de:official&tbm=vid trailer

http://www.digitalvd.de/dvds/46387,Im-Westen-nichts-Neues-1979.html Film 1979

http://www.geschichte-projekte-hannover.de/filmundgeschichte/deutschland_vor_1933/im_westen_nichts_neues/inhalt_und_entstehung.html Film

http://www.mgfa.de/pdf/ZMG_Heft%204_2008.pdf (S. 4 ff.: zum Film)

http://lesekreis.org/2010/06/24/literaturverfilmung-im-westen-nichts-neues-mit-daniel-radcliffe/ Verfilmung

http://weltkrieg1.wordpress.com/arte-doku-1/im-westen-nichts-neues/ Verfilmungen

http://www.lmz-bw.de/fileadmin/user_upload/Medienbildung_MCO/fileadmin/bibliothek/beller_gegendenkrieg/beller_gegendenkrieg.pdf Filmanalyse

http://www.geschichte-projekte-hannover.de/filmundgeschichte/deutschland_vor_1933/im_westen_nichts_neues/inhalt_und_entstehung/literarische_vorlage.html Roman – Film

http://www.filmrezension.de/dossier/horn_essays/EssayChristianHornImWestennichtsNeues.pdf Rezeption von Buch und Film

https://www.youtube.com/watch?v=IADCveTSJog (u.a.: Hörbuch)

http://www.noz.de/lokales/melle/artikel/421595/im-westen-nichts-neues-remarque-als-graphic-novel graphic novel

https://norberto42.wordpress.com/2014/11/09/deutsche-maler-der-1-weltkrieg-bilder/ (Deutsche Maler: Der 1. Weltkrieg)

http://www.schoeningh-schulbuch.de/artikel/EinFach-Deutsch-Unterrichtsmodelle-Erich-Maria-Remarque-Im-Westen-nichts-Neues/978-3-14-022395-9 Schöningh: Unterrichtsmodelle für Lehrer

http://www.exil-club.de/dyn/9.asp?Aid=262&Avalidate=683300196&cache=34122&url=49672.asp (Unterricht, 2003)

http://www.exil-club.de/dyn/bin/49672-49703-1-ue_im_westen_kpl.pdf Anregungen Unterricht

http://www.lehrer-online.de/exil-club-im-westen-nichts-neues.php Unterrichtsreihe lo, 2014

http://www.stephan-diedrich.de/unterricht/deutsch/remarque-im-westen-nichts-neues/ (Links eines Lehrers)

http://www.dr-peter-wieners.de/h–m/remarque/im-westen-nicht-neues/feindbild—vergleich-mit-lerschs-brueder.html Gedichtanalyse im Vergleich zu Remarque

http://www.kgs-tornesch.de/dokumente/upload/d0bfc_im_westen_nichts_neues.pdf Beispiele: produktionsorientiert zu Rem.

http://www.mittelschulvorbereitung.ch/contentLD/DE/T97nWestenNichts.pdf Lektürekontrolle

http://de.scribd.com/doc/44404192/%E2%80%9EIm-Westen-nichts-Neues%E2%80%9C-von-Erich-Maria-Remarque Erörterung zum Motto

http://www.ub.fu-berlin.de/service_neu/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/autorr/rema.html Links zu Remarque

http://www.oldenbourg.de/osv/artikel/88690-2 Peter Bekes, Oldenbourg: Interpretation und Unterrichtssequenz; (dazu der Inhalt: http://www.dandelon.com/servlet/download/attachments/dandelon/ids/AT00184F27888DC69894FC1257137004C09D2.pdf)

http://www.jpc.de/jpcng/books/detail/-/art/Wolfhard-Keiser-Im-Westen-nichts-Neues-von-Erich-Maria-Remarque-Textanalyse-und-Interpretation/hnum/1719882 Lektürehilfe Königs (Herr Keiser redet von Teil I und II, was für neue KiWi-Ausgaben stimmt – viele Ausgaben zählen dagegen einfach die Kap. 1-12; beim Inhalt von Kap. 1 unterlaufen ihm zwei Fehler. Siehe http://f3.tiera.ru/1/genesis/675-679/675000/e42b401dcbf57785792f9ea15aa90961!)

http://bibscout.bsz-bw.de/bibscout/E-K/G/GE3003-GT1500/GM/GM1402-GM7651/GM2100-GM7651/GM5070-GM5229/GM5110-GM5113/GM.5113 Liste: Sekundärliteratur

Stand: 8. Mai 2014; einige hilflose Schülerarbeiten und allzu knappe Besprechungen habe ich nicht berücksichtigt.

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Zu Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ finden Sie in diesem Blog mehrere Beiträge, die in dieser Reihenfolge entstanden sind (ich hoffe, dass sich darin auch ein Erkenntnisfortschritt spiegelt):

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/09/remarque-im-westen-nichts-neues-analyse-des-1-kapitels/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-analyse-die-verlorene-generation/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-wie-sich-der-krieg-auf-die-soldaten-auswirkt-analyse/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-inhalt-interpretation-hilfen-links/

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https://norberto42.wordpress.com/2014/05/13/remarque-im-westen-nichts-neues-uber-das-rettende-analyse/

Remarque: Im Westen nichts Neues – wie sich der Krieg auf die Soldaten auswirkt (Analyse)

Remarque: Im Westen nichts Neues (Ausgabe KiWi 916, 2005)

Neben den Kampfszenen ist dieses Thema ein Zentrum des Romans; hierhin gehört auch das, was bereits über die verlorene Generation festgehalten worden ist. – Zunächst sind Überlegungen des Ich-Erzählers Paul Bäumer zu nennen:

Während Paul sich an seine Ausbildung erinnert, kommentiert er seine Erfahrungen (26 ff.): „Mit Begeisterung und gutem Willen waren wir Soldaten geworden; aber man tat alles, um uns das auszutreiben.“ (26) Die Ausbildung bestand weithin aus Schikanen: „wir hatten uns unsere Aufgabe anders gedacht und fanden, daß wir auf das Heldentum wie Zirkuspferde vorbereitet wurden. Aber wir gewöhnten uns bald daran.“ (27). Durch den Vergleich „wie Zirkuspferde“ wird die große Idee des Heldentums auf die niedere Stufe der Tierdressur herabgezogen. – Nach weiteren Berichten über die Ausbildungsmethoden des Unteroffiziers Himmelstoß (27 ff.), der öfter im Roman erwähnt wird, fasst Paul Bäumer das Ergebnis der Ausbildung so zusammen: „Wir wurden hart, mißtrauisch, mitleidlos, rachsüchtig, roh – und das war gut; denn diese Eigenschaften fehlten uns gerade. Hätte man uns ohne diese Ausbildungszeit in den Schützengraben geschickt, dann wären wohl die meisten von uns verrückt geworden.“ (29) Durch das Lob der wenig menschenfreundlichen Eigenschaften, die man in der Ausbildung erwirbt, wird die Inhumanität des Krieges entlarvt.

Im gleichen Zusammenhang wird jedoch auch das Zusammengehörigkeitsgefühl erwähnt, „das sich im Felde dann zum Besten steigerte, was der Krieg hervorbrachte: Zur Kameradschaft!“ (30) Gesteigert wird diese Kameradschaft im Verhältnis Pauls zu Katczinsky, mit dem er u.a. nächtens zwei geklaute Gänse brät; „wir sind voll zarteter Rücksicht miteinander, als ich mir denke, daß Liebende es sein können“ (74); „jetzt sitzen wir vor einer Gans und fühlen unser Dasein und sind uns so nahe, daß wir nicht darüber sprechen mögen“ (74). Auch zu Beginn des Kapitels 11, wo Paul die Auswirkung des Krieges reflektiert (s.u.), wird die große Brüderschaft unter den Soldaten erwähnt, „die ein[en] Schimmer von dem Kamaradentum der Volkslieder, dem Solidaritätsgefühl von Sträflingen und dem verzweifelten Einanderbeistehen von zum Tode Verurteilten seltsam vereinigt zu einer Stufe von Leben, das mitten in der Gefahr (…) sich abhebt und zu einem flüchtigen Mitnehmen der gewonnenen Stunden wird, auf gänzlich unpathetische Weise. Es ist heroisch und banal, wenn man es werten wollte – doch wer will das?“ (185) – Es gibt eine weitere Belegstelle dafür: „Eine ungemeine Wärme durchflutet mich mit einemmal. Diese Stimmen, diese wenigen, leisen Worte, diese Schritte im Graben hinter mir reißen mich mit einem Ruck aus der fürchterlichen Vereinsamung der Todesangst, der ich beinahe verfallen wäre. Sie sind mehr als mein Leben, diese Stimmen, sie sind mehr als Mütterlichkeit und Angst, die sind das Stärkste und Schützendste, was es überhaupt gibt: es sind die Stimmen meiner Kameraden.“ (147)

Paul reflektiert, als sie in ein Feld-Rekrutendepot zurückgezogen sind (zu Beginn des 7. Kapitels), die Bedeutung der Gewohnheit für den Soldaten (101 ff.). Scheinbar macht die Gewohnheit, dass die Soldaten alle Schrecken vergessen. „Das Grauen läßt sich ertragen, solange man sich einfach duckt; aber es tötet, wenn man darüber nachdenkt.“ Aber die Blödeleien und der „Humor“ der Soldaten sind nur Fassade. „Und ich weiß: all das, was jetzt, solange wir im Kriege sind, versackt in uns wie ein Stein, wird nach dem Kriege wieder aufwachen, und dann beginnt erst die Auseinandersetzung auf Leben und Tod. (…) unsere Köpfe werden klar sein, wir werden ein Ziel haben, und so werden wir marschieren, unsere toten Kameraden neben uns, die Jahre der Front hinter uns: – gegen wen, gegen wen?“ (103) Hier wird, wie man heute sagt, gegen die Gewohnheit die künftige Erinnerungsarbeit propagiert; damit wird das Recht der Gewohnheit nicht negiert, sondern auf eine höhere Stufe gehoben, wo auch sie menschlich aufgearbeitet werden muss.

Während eines Heimaturlaubs (7. Kap.) bemerkt Paul, dass er sich im letzten Jahr durch seine Teilnahme am Krieg verändert hat: „Ich finde mich hier nicht mehr zurecht, es ist eine fremde Welt. (…) Am liebsten bin ich allein, da stört mich keiner. (…) Es sind andere Menschen hier, Menschen, die ich nicht richtig begreife, die ich beneide und verachte.“ (121) Paul denkt an seine Kameraden, die bald wieder „nach vorn“ müssen; das gibt den Dingen ein anderes Gewicht. – Diese Fremdheit ist bereits in der Analyse der verlorenen Generation besprochen worden.

Oben ist schon auf die große Reflexion des Ich-Erzählers zu Beginn des 11. Kapitels hingewiesen worden. Man muss die zweieinhalb Seiten (185 – 187) sorgfältig lesen; ich beschränke mich auf einige Stichworte:

  • „Unsere Gedanken sind Lehm, sie werden geknetet vom Wechsel der Tage…“ (185)
  • Die Unterschiede zwischen den Menschen zählen nicht mehr (185).
  • Es ist eine große Brüderschaft unter den Soldaten (185, s.o.).
  • „Das Leben hier an der Grenze des Todes hat eine ungeheuer einfache Linie, es beschränkt sich auf das Notwendigste, alles andere liegt in dumpfem Schlaf; – das ist unsere Primitivität und unsere Rettung.“ (186) Mit Stumpfheit und der Gleichgültigkeit von Wilden verbindet sich der Kameradschaftssinn, „damit wir nicht zerbrechen vor dem Grauen, das uns bei klarem, bewußtem Denken überfallen würde“ (186). – Solche Analysen sind ein Widerspruch in sich: Ein derart klar reflektierender Soldat ist weit von Dumpfheit und Wildheit entfernt!
  • Mit Schrecken empfindet man nachts angesichts seiner Träume, „wie dünn der Halt und die Grenze ist, die uns von der Dunkelheit trennt“ (187); dann tröstet der „Schlafatem der Kameraden, und so warten wir auf den Morgen“ (187).

Es sind noch zwei persönliche Erfahrungen Paul Bäumers und zwei Gespräche nachzutragen. In den Gesprächen zeigt sich, wie die Soldaten ihre Kriegserfahrungen theoretisch verarbeiten.

a) Da ist einmal die Theorie der Macht, die Katczinsky entwickelt, als die Kameraden darüber nachdenken, wieso der Briefträger Himmelstoß als Unteroffizier eine so große Macht über sie besitzt. Diese Passage sollte man ganz lesen (3. Kapitel, 40 f.).

b) Nach einem Besuch des Kaisers an der Front (140, zu Beginn des 9. Kapitels) fragt Albert, „ob es Krieg gegeben hätte, wenn der Kaiser nein gesagt hätte“ (141). Daraus ergeben sich Überlegungen, dass die Entscheidung für den Krieg nur von 20, 30 Leuten getroffen wurde (141); dass die Professoren und Pastöre beider Seiten behaupten, ihre Seite sei im Recht (141 f.), was ja nicht stimmen kann; dass nicht die Leute den Krieg wollen und machen, sondern der Staat (142); dass es Leute gibt, die vom Krieg profitieren (142). Die Soldaten brechen ihre Überlegungen ohne Ergebnis ab, der Leser kann selber weiterdenken.

Zwei Erlebnisse Paul Bäumers verdienen noch besondere Beachtung:

a) Im Heidelager (132, 8. Kapitel) grenzt das Lager der russischen Kriegsgefangenen an das deutsche Lager. Paul ist öfter auf Wache bei den Russen (135). „Ein Befehl hat diese stillen Gestalten zu unseren Feinden gemacht; ein Befehl könnte sie in unsere Freunde verwandeln. (…) Jeder Unteroffizier ist dem Rekruten, jeder Oberlehrer dem Schüler ein schlimmerer Feind als sie uns. Und dennoch würden wir wieder auf sie schießen und sie auf uns, wenn sie frei wären. / Ich erschrecke; hier darf ich nicht weiterdenken.“ (136) Paul erkennt, dass er vor einer zentralen Einsicht steht. „Mein Herz klopft: ist hier das Ziel, das Große, das Einmalige, an das ich im Graben gedacht habe, das ich suchte als Daseinsmöglichkeit nach dieser Katastrophe aller Menschlichkeit, ist es eine Aufgabe für das Leben nachher, würdig der Jahre des Grauens?“ (136) Im Grunde bejaht er seine Frage – und teilt seine Zigaretten mit den Russen.

b) Als Paul allein als Patrouille geschickt wird, gerät er in einen schrecklichen Angriff (145 ff., 9. Kapitel). Ein Franzose fliegt in seinen Trichter, und er ersticht ihn, ohne lange nachzudenken (149). In der Begegnung mit diesem sterbenden und dann toten Franzosen erwacht in ihm die Menschlichkeit. Der Tote hat Frau und Tochter, er bekommt seinen Namen (Gérard Duval), Paul steht in seiner Schuld. Nachmittags beruhigt er sich. „Heute du, morgen ich. Aber wenn ich davonkomme, Kamerad, will ich kämpfen gegen dieses, das uns beide zerschlug: dir das Leben – und mir –? Auch das Leben. Ich verspreche es dir, Kamerad. Es darf nie wieder geschehen.“ (156) – Es dürfte klar sein, dass allein diese Gedanken eines Frontsoldaten genügt hätten, damit die Nazis den Roman Remarques 1933 verbrennen mussten.

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Zu Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ finden Sie in diesem Blog mehrere Beiträge, die in dieser Reihenfolge entstanden sind (ich hoffe, dass sich darin auch ein Erkenntnisfortschritt spiegelt):

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https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-analyse-die-verlorene-generation/

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https://norberto42.wordpress.com/2014/11/09/deutsche-maler-der-1-weltkrieg-bilder/ (Deutsche Maler: Der 1. Weltkrieg)

Remarque: Im Westen nichts Neues – Analyse: die verlorene Generation

Remarque: Im Westen nichts Neues (Ausgabe KiWi 916, 2005)

Im Vorwort oder Motto des Buchs wird als Thema vorgegeben, „über eine Generation zu berichten, die vom Kriege zerstört wurde – auch wenn sie seinen Granaten entkam“ (12); es ist damit eines der dominierenden Themen des Romans, vielleicht sogar das zentrale Thema. An vier Stellen habe ich Reflexionen des Ich-Erzählers Paul Bäumer gefunden, die dieses Thema behandeln; es geht um die Generation, die von der Schulbank weg in den Krieg geschickt wurde. Lost Generation ist ein relativ fester Begriff, den es bereits vor Remarque gab; in vielen Interpretationen (s. die Liste der Links!) wird er berücksichtigt.

1. Anlässlich eines Briefes Kantoreks erinnert sich Paul (19), wie Kantorek die ganze Klasse für den Kriegsdienst begeistert hat. Angesichts des Todes des Klassenkameraden Behm, der mit seiner Meldung gezögert hatte und sich dann doch überreden ließ, reflektiert Paul die Schuld Kantoreks (20), der sicher wie tausend andere (Lehrer?) überzeugt war, „auf eine für sie bequeme Weise [!] das Beste zu tun. Darin liegt aber gerade für uns ihr Bankerott.“ (20) Denn sie „sollten uns Achtzehnjährigen Vermittler und Führer zur Welt des Erwachsenseins werden“; doch der erste Tote zerstörte die Annahme, sie besäßen „größere Einsicht und menschlicheres Wissen“ (20). Die von ihnen vermittelte Weltanschauung zerbrach. „Wir waren plötzlich auf furchtbare Weise allein; – und wir mußten allein damit fertig werden.“ (21)

2. Zu Beginn des 2. Kapitels erinnert Paul sich an seine poetischen Arbeiten als Schüler – ein Leben, von dem er jetzt abgeschnitten ist. „Gerade für uns Zwanzigjährige ist alles besonders unklar (…). Die älteren Leute sind alle fest mit dem Früheren verbunden, sie haben Grund, sie haben Frauen, Kinder, Beruf und Interessen. (…) Wir waren noch nicht eingewurzelt. Der Krieg hat uns weggeschwemmt. (…) Was wir wissen, ist vorläufig nur, daß wir auf eine sonderbare und schwermütige Weise verroht sind, obschon wir nicht einmal oft mehr traurig werden.“ (25) Und Paul rechtfertigt Müllers Bemühen, Kemmerichs Stiefel zu bekommen, obwohl dieser noch lebt: „Wir haben den Sinn für andere Zusammenhänge verloren, weil sie künstlich sind. Nur die Tatsachen sind richtig und wichtig für uns. Und gute Stiefel sind selten.“ (26)

3. Im 5. Kapitel sind die Kameraden in einem lockeren Gespräch (66 f.), dem Müller mit seiner Frage, was sie nach dem Krieg machen sollen (66, 68), ein ernste Wendung gibt; alle sind eigentlich ratlos. Paul sagt, er möchte dann „etwas Unausdenkbares tun (…). Etwas, weißt du, was wert ist, daß man hier im Schlamassel gelegen hat. Ich kann mir bloß nichts vorstellen.“ (68) Der normale Betrieb mit Beruf und Studium und Gehalt genüge ihm dann nicht (68 f.). Kropp erklärt, man könne zwei Jahre Krieg „doch nicht ausziehen wie einen Strumpf“ (69); sie sind sich einig, dass es allen ähnlich ergeht. „Es ist das gemeinsame Schicksal unserer Generation.“ (69) Albert Kropp sagt, der Krieg habe für sie alles verdorben; Paul gibt ihm recht: „Wir sind keine Jugend mehr. (…) Wir flüchten vor uns. (…) Die erste Granate, die einschlug, traf in unser Herz. Wir sind abgeschlossen vom Tätigen, vom Streben, vom Fortschritt. Wir glauben nicht mehr daran; wir glauben an den Krieg.“ (69)

4. Im 6. Kapitel wird berichtet, wie Paul nach einem Nahkampf der Kompanie allein in der Nacht auf Posten ist (89). Da erinnert er sich an eine Landschaft seiner Jugend, eine Pappelallee (90). Er bedenkt, wie sich diese Erinnerung von Erinnerungen in der Zeit unterscheidet, die er vor seiner Kriegserfahrung in der Kaserne hatte (90 f.): Sie würden mit den Landschaften ihrer Jugend nichts mehr anzufangen wissen. „Heute würden wir in der Landschaft unserer Jugend umhergehen wie Reisende. Wir sind verbrannt von Tatsachen, wir kennen Unterschiede wie Händler und Notwendigkeiten wie Schlächter. Wir sind nicht mehr unbekümmert – wir sind fürchterlich gleichgültig. Wir würden da sein; aber würden wir leben? / Wir sind verlassen wie Kinder uns erfahren wie alte Leute, wir sind roh und traurig und oberflächlich – ich glaube, wir sind verloren.“ (91 f.) Hier ist das Stichwort gefallen: verloren. – Bei einem Heimaturlaub bemerkt er, wie fremd ihm das Leben der anderen (120 f.), aber auch das eigene Zimmer seiner Jugend geworden ist (123 f.).

Fazit: Die Generation derer, die als Jugendliche in den Krieg geworfen wurden, ist in Pauls Sicht eine verlorene Generation. Sie hat ihre Jugend, aber auch die Hoffnung auf eine normales Leben im Frieden verloren; sie hat die Heimat verloren und den Glauben an etwas, was das Leben lebenswert macht.

Dieses Thema „die verlorene Generation“ muss im Zusammenhang mit der Frage gesehen werden, was der Krieg aus den Soldaten insgesamt gemacht hat.

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Zu Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ finden Sie in diesem Blog mehrere Beiträge, die in dieser Reihenfolge entstanden sind (ich hoffe, dass sich darin auch ein Erkenntnisfortschritt spiegelt):

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/09/remarque-im-westen-nichts-neues-analyse-des-1-kapitels/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-analyse-die-verlorene-generation/

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Remarque: Im Westen nichts Neues – Analyse des 1. Kapitels

„Im Westen nichts Neues“ – 1. Kapitel, Analyse (Ausgabe KiWi 916, 2005, S. 13-24)

1. Zeitstruktur und Erzählweise:

Der Ich-Erzähler Peter Bäumer ist 19 Jahre alt (14). Er beginnt seine Erzählung mit einer Beschreibung des Hier und Jetzt, wobei er sich direkt auf die Ablösung „gestern“ bezieht: Wir „sind satt und zufrieden“, neun Kilometer hinter der Front (13); es gibt reichlich zu essen und zu rauchen.

Es folgt eine Erklärung, wieso „uns diese ganze Bescherung eigentlich nicht“ zusteht (13 – 16). Diese Erklärung stellt einen Rückblick dar: Einsatz an der Front vor 14 Tagen, starke Verluste am letzten Tag, Rückkehr in der vergangenen Nacht, Aufstehen und Essensverteilung am Mittag; die Essensverteilung und der Streit mit dem zuständigen Unteroffizier wird szenisch erzählt (im Präteritum, 14 – 16; Ort, Zeit und Figuren des Geschehens sind eingeführt und werden weiter ausgebaut).

Es folgt eine Szene der Ruhe nach dem Mittagessen: Einige Soldaten hocken auf kleinen Latrinen, spielen Karten und genießen die Ruhe (16 – 19, Präsens). Der Plan, den verletzten Kameraden Kemmerich am Nachmittag zu besuchen (19), bereitet die nächste Szene (21 ff.) vor. Ein Brief des ehemaligen Lehrers Kantorek ist Anlass für einen kurzen Rückblick und mehrere Kommentare des Ich-Erzählers (19 – 21).

Kantorek hatte seine Schüler für den Krieg begeistert, so dass die ganze Klasse sich meldete. Dieser Einsatz Kantoreks wird vor dem Hintergrund der realen Kriegserfahrung sehr kritisch kommentiert: Das Unglück der Welt komme oft von kleinen Leuten her (19); Kantorek und „diese Erzieher“ präsentierten ihre Kriegsbegeisterung leichtfertig (19); mit dem Wort „feige“ wurde leichtfertig sozialer Druck zur Teilnahme am Krieg aufgebaut (19); am vernünftigsten waren die kleinen Leute, die den Krieg „gleich für ein Unglück hielten“ (19 f.); alle diese Kantoreks (Verallgemeinerung!) waren überzeugt, „auf eine für sie bequeme Weise das Beste zu tun. Darin liegt aber gerade für uns ihr Bankerott.“ (20) Es folgen zwei Absätze, in denen das Urteil über Kantoreks begründet wird, indem den Reden der Alten die eigene Erfahrung der Jungen gegenübergestellt wird: Der erste Tote, der erste Sturmangriff zerstörten die Weltanschauung, die die Alten gelehrt haben. „Und wir sahen, daß nichts von ihrer Welt übrig blieb.“ (21) Man hat die Jungen mit der harten Realität des Krieges allein gelassen.

Es folgt die Szene (21 – 24), wie die ehemaligen Klassenkameraden am Nachmittag den verwundeten Kemmerich im Lazarett besuchen. Sie finden einen Verwundeten, der sich seiner wahren Lage (Bein amputiert, der Tod steht bevor) nicht bewusst ist; der sich noch um seine ihm gestohlene goldene Uhr sorgt; der seine schönen englischen Stiefel nicht herausrücken will. Die Kameraden spielen ihm die Aussicht auf Genesung und Heimaturlaub vor. Sie müssen einen Sanitäter mit Zigaretten bestechen, damit Kemmerich Morphium bekommt. Bei der Heimkehr vom Lazarett bekommt Kropp angesichts des nahen Todes Kemmerichs den „Frontkoller“ (24).

In diese Szene ist eine Erinnerung an die Abfahrt zur Front bzw. an Kemmerichs Mutter eingeschoben (22); sie hatte Bäumer gebeten, auf ihren Sohn aufzupassen. Den Abschluss des Kapitels bildet ein Kommentar zu einem Satz aus Kantoreks Brief („Wir wären die eiserne Jugend.“): Den „hunderttausend Kantoreks“ wird Ahnungslosigkeit attestiert (24): „Eiserne Jugend! Jugend! (…) Jugend? Das ist lange her. Wir sind alte Leute.“

Es werden also zwei Ereignisse eines Nachmittags in der Etappe hinter der Front szenisch erzählt. Damit verbindet der Ich-Erzähler einen kurzen Rückblick auf den letzten harten Einsatz (mit szenisch erzählter Erinnerung an den Kampf um das reichliche Essen, 14 ff.), eine Erinnerung an Kantoreks Werbung für den Krieg in seiner Klasse sowie den Abschied und die Sorge von Kemmerichs Mutter. In die Zukunft weist der Plan, Kemmerich am Nachmittag im Lazarett zu besuchen; dessen Zukunft ist der Tod, der schon in ihm arbeitet, „die Augen beherrscht er schon“ (21). Auch denkt der Erzähler kurz an „morgen“ (24), wenn er den Brief mit der Todesnachricht an Kemmerichs Mutter schreiben muss.

Aus der Ordnung der Zeit fallen die Kommentare des Ich-Erzählers heraus; in ihnen sagt er, was richtig ist und gilt: dass die Soldaten lernen, „aus jeder Sache Vorteil zu ziehen“ (17); dass sie ihre Scham verloren haben, dass dem Soldaten „sein Magen und seine Verdauung ein vertrauteres Gebiet als jedem anderen Menschen“ ist (17); dass die Verherrlicher des Krieges keine Ahnung haben und es sich mit ihrer Begeisterung bequem machen (s. oben, Kantorek).

Indirekt beleuchten auch einige nur berichtete Ereignisse den Krieg: die Tatsache, dass nach einem Trommelfeuer von 150 Mann nur noch 80 übrig sind (13); die Aufregung des „Küchenbullen“, der deswegen zu viel gekocht hat (15); der hilflose Tod Behms (20); die Behandlung Kemmerichs im Lazarett (s.o.); die Tatsache, dass Leute wie Kropp, die klar denken, nicht befördert werden (14).

2. Raumstruktur:

Die Front ist die Bezugslinie, die Etappe liegt 9 km hinter ihr; dort leben die Soldaten. In der Etappe gibt es auch das Lazarett, zu dem man hingehen kann. Von der Etappe aus muss man an der Front mit Essen versorgt werden, was nicht immer klappt (16), weil der zuständige Unteroffizier Angst hat. – Die Gegenwelt ist die Heimat; sie ist durch Briefe und durch die Erinnerung präsent – und zugleich Ziel des Urlaubs, in dem man die Front hinter sich lassen kann (22). Sie ist jedoch auch mit der falschen Kriegsbegeisterung der Kantoreks (der Lehrer und Intellektuellen) verbunden; an der Front sind die Soldaten „auf furchtbare Weise allein“ (21).

3. Figuren:

Die Hauptfigur ist der Ich-Erzähler Paul Bäumer, 19 Jahre alt; er ist mit einigen seiner Mitschüler in der gleichen Kompanie. Unter den Kameraden ragt Stanislaus Katcinsky heraus; er ist 40 Jahre alt, „zäh, schlau, gerissen“ (14); was er sagt, „das hat er sich überlegt“ (20). Dann gibt es weitere Kameraden („unsere Freunde“, 14), meistens gleichaltrig, ferner den Kompaniechef, den Leutnant, den Küchenchef und einen Sanitäter. Gegenpol ist der ehemalige Klassenlehrer Kantorek, der seine Schüler begeistert in den Krieg geschickt hat (s.o.), und Kemmerichs Mutter, die Sorgen um ihren Sohn hatte (22).

Eigene Verwandte Bäumers werden im 1. Kapitel nicht erwähnt – dies zeigt, dass er nicht seine Subjektivität auslebt, sondern als Ich-Erzähler eher ein authentischer Berichterstatter eigenen Erlebens ist. Er steht in einer Gruppe „wir“ und spricht aus, was „der Soldat“ erlebt, weiß und denkt (17): „Für uns haben diese ganzen Vorgänge den Charakter der Unschuld wiedererhalten…“ (17). „Wir denken alle drei das gleiche“ (23); damit beansprucht er nicht Allwissenheit, sondern nur das allgemeine Wissen der Soldaten, das auf ihrer Erfahrung beruht. Er urteilt zwar über Kameraden („Tjaden macht das auch Freßsucht…“, 13 u.ö.), aber auch diese Urteile kann man als allgemeines Wissen ansehen.

Seine überlegene Position zeigt sich besonders in der Art, wie er die Äußerungen seines ehemaligen Lehrers Kantorek kommentiert, und in seiner Sprache.

4. Sprache:

Der Erzähler ist mitten im Geschehen; er spricht Umgangssprache, die normale und die der Soldaten; darin kommen militärische Fachbegriffe vor (Furier, Unteroffizier, Langrohr, Flak, Kompanie, Essenholer usw.), aber auch der Soldatenjargon ist zu hören (Küchenbulle, Tomatenkopf, Offizierspuff); das vulgäre Wort „scheißen“ meidet er, obwohl doch der Wortschatz der Verdauung dem Soldaten so wichtig ist (17). Er beobachtet genau und kann (als Gymnasiast, wenn auch noch ohne Abitur – Müller V büffelt noch für das Notexamen, 14) differenziert beschreiben, was er sieht (wie sich der Tod bei Kemmerich ankündigt, 21, – das ist kein Soldatenjargon, sondern Sprache eines Gebildeten); er reflektiert seine Erlebnisse und kommentiert sie. Er bildet Nebensätze und Infinitivkonstruktionen, wenn es nötig ist, kann aber auch einfache Hauptsätze aneinander reihen.

5. Verhältnis zum Vorwort:

Vor Kapitel 1 steht ein Bekenntnis des Autors: „Dieses Buch soll weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein. (…)“ (12) Vielmehr solle es über eine Generation berichten, „die vom Kriege zerstört wurde“. Das Verb „zerstört werden“ hat eine stark negative Konnotation; bereits die Verwendung dieses Verbs widerlegt den Anspruch, nicht Anklage erheben zu wollen.

Vor allem die Kommentierung der Person Kantorek und die Kommentare zum Soldaten (s.o.), jedoch auch die Berichte von der Beiläufigkeit des Sterbens – direkt oder indirekt dargestellt („es wäre alles nicht so schlimm mit dem Krieg, wenn man nur mehr Schlaf haben würde“, 14) –, der Behandlung der Verwundeten und den Schrullen des Küchenbullen zeigen den Krieg als negativ, ohne dass seine ganzen Schrecken bereits sichtbar würden. Aber noch stehen große Berichte vom Fronterleben aus; doch sind sie zu erwarten, weil der Kompanie nur eine Pause zur Erholung hinter der Front gewährt wird.

Das Vorwort des Autors wird also nicht bestätigt, sofern es Neutralität zu versprechen scheint; es wird bestätigt, wenn man die Bedeutung des Verbs „zerstört werden“ würdigt. – Das Vorwort muss jedoch nicht zwingend dem Autor zugesprochen werden: Neben dem Ich-Erzähler (13 – 199) finden wir ja einen weiteren Sprecher, der am Ende vom Tod Paul Bäumers berichtet. Es gibt also eine Instanz zwischen dem Autor und dem Ich-Erzähler, der man auch das Vorwort zurechnen könnte, zumal dieses nicht durch den Namen des Autors beglaubigt ist.

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Zu Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ finden Sie in diesem Blog mehrere Beiträge, die in dieser Reihenfolge entstanden sind (ich hoffe, dass sich darin auch ein Erkenntnisfortschritt spiegelt):

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/09/remarque-im-westen-nichts-neues-analyse-des-1-kapitels/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-analyse-die-verlorene-generation/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-wie-sich-der-krieg-auf-die-soldaten-auswirkt-analyse/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-inhalt-interpretation-hilfen-links/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/13/remarque-im-westen-nichts-neues-zeitstruktur-mit-ubersicht-inhalt/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/13/remarque-im-westen-nichts-neues-uber-das-rettende-analyse/