Kästner: Der Scheidebrief – Analyse

Zwei Stunden sitz ich nun in Caffe Bauer.

Wenn Du nicht willst, dann sag es ins Gesicht. […]

Der Scheidebrief“ ist ein Rollengedicht; es spricht bzw. schreibt die ledige Erna Schmidt an ihren bisherigen „Verehrer“, der sie versetzt hat. Sie braucht aber Geld und ist bereit, sich gegen Bezahlung einem anderen Mann hinzugeben. Erna gehört der Unterschicht an; das merkt man nicht nur an den Rechtschreib- („Caffe“, V. 1; „weis“, V. 9; „Dedektif“, V. 10 u.a.) und Grammatikfehlern („an Dir verdient“, V. 14; „wippe mit die Beine“, V. 25), sondern auch an bestimmten Redewendungen („Ich pfeif auf Dich“, V. 4; „das Rindvieh“, V. 12 u.a.). Zum Stil der Umgangssprache gehört auch der manchmal verkürzte Satzbau: „Verschiedne Herren reflektieren stark.“ (V. 26) Worauf sie „reflektieren“, wird nicht gesagt, ist aber klar: auf Erna, die ihnen ihre Beine präsentiert.

Das Sprechen im fünfhebigen Jambus passt nicht ganz zu Ernas Sprachniveau – das geht auf Kosten des Autors Kästner. Die Verse stehen im Kreuzreim, der oft sinnvolle Beziehungen zwischen den Versen herstellt, zum Beispiel „sag es ins Gesicht – dann nicht“ (V. 2/4: Kontrast); „das ist jetzt aus – fliegst du raus“ (V. 6/8: Entsprechung); „der so verschwindet – sich kein andrer findet“ (V. 13/15: thematische Entsprechung); diese Zusammenhänge findet man leicht. In der Regel endet ein Satz am Versende (Ausnahmen V. 11 und V. 37); der Wechsel von weiblichen und männlichen Kadenzen ist deswegen ohne Bedeutung, da am Versende ohnehin immer eine kleine Pause zu machen ist. Auch wechselt Erna von Vers zu Vers öfter das Thema (z.B. V. 15, V. 20, V. 27, V. 31 oder V. 35) oder den Aspekt (V. 1→2; V. 17→18; V. 27→28; V. 41→42) ihres Schreibens, sie denkt in ihrer unsicheren Lage etwas sprunghaft.

Und das ist ihre Lage: Sie war verabredet, wartet seit zwei Stunden vergeblich auf ihren „Verehrer“ und hat kein Geld. In dieser Situation schwankt sie zwischen Abwendung von ihm („Ich pfeif auf Dich, mein Schatz“, V. 4) und Betteln („Wenn du was übrig hast…“, V. 30); denn sie hat vergeblich versucht, sich Geld zu leihen (V. 11 f.), braucht aber hundert Mark (V. 28). Deshalb startet sie gleichzeitig den Versuch, sich einem anderen Herrn anzubieten (V. 25 ff.), was ja auch bald zum Erfolg führt (V. 37 ff.). So kann sie zum Schluss ganz ungeniert den bisherigen Verehrer abservieren: „Behalt dein Geld und schlaf allein, mein Sohn.“ (V. 40) Er war „der erste nicht der so verschwindet“ (V. 13), weshalb ihr der Abschied auch nicht schwerfällt: „Rutsch mir den Buckel lang…“ (V. 39). Der abschließende „herzliche“ Gruß verdankt sich nicht Ernas Herzlichkeit, sondern der Formvorschrift des Briefes, der sie sich verpflichtet fühlt.

Im Volkslied heißt es: „Schätzchen, ade! Scheiden tut weh.“ Aber da Ernas Verehrer nicht ihr Schätzchen war, wenn er auch „mein Schatz“ (V. 4) genannt wird, tut ihr das Scheiden von ihm nicht weh; ihr „Scheidebrief“ (Überschrift) ist nur von Geldsorgen, nicht von Liebeskummer bestimmt. Deswegen fällt er auch recht salopp aus.

Die einzelnen Äußerungen Ernas sind leicht zu verstehen; „auf etwas reflektieren“ (V. 22): an etwas interessiert sein, ist die einzige etwas ungewöhnlich Wendung. Dass aber Frauen sich für Geld verkaufen, ist nicht so leicht zu verstehen – aber das ist ein weites Feld (https://de.wikipedia.org/wiki/Prostitution). Brechts Gedicht „Entdeckung an einer jungen Frau“ thematisiert den Abschied von einer Prostituierten – wie anders ist doch bei Brecht und Kästner im 20. Jh. der Tonfall gegenüber Goethes Ballade „Der Gott und die Bajadere“ (1797); die drei Gedichte miteinander zu vergleichen ist aber eine neue Aufgabe.

Im Netz findet man Susanne Huber-Nienhaus: Glücklose Liebe. Das Verhältnis der Geschlechter im Spiegel der Liebesgedichte von Erich Kästner und Kurt Tucholsky, Stuttgart 2012; dort wird das Gedicht kurz auf S. 63-65 analysiert.

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