Tucholsky: Das dritte Reich – Text und Analyse

Das dritte Reich

Es braucht ein hohes Ideal
der nationale Mann,
daran er morgens allemal
ein wenig turnen kann.
Da hat denn deutsche Manneskraft
in segensreichen Stunden
als neueste Errungenschaft
ein Ideal erfunden:
Es soll nicht sein das erste Reich,
es soll nicht sein das zweite Reich…

Das dritte Reich?
Bitte sehr! Bitte gleich!
Wir dürfen nicht mehr massisch sein –
wir müssen durchaus rassisch sein –
und freideutsch, jungdeutsch, heimatwolkig
und bündisch, völkisch, volkisch, volkig…
und überhaupt.
Wers glaubt,
wird selig. Wer es nicht glaubt, ist
ein ganz verkommener Paz- und Bolschewist.

Das dritte Reich?
Bitte sehr! Bitte gleich!
Im dritten Reich ist alles eitel Glück.
Wir holen unsre Brüder uns zurück:
die Sudetendeutschen und die Saardeutschen
und die Eupendeutschen und die Dänendeutschen…
Trutz dieser Welt! Wir pfeifen auf den Frieden.
Wir brauchen Krieg. Sonst sind wir nichts hienieden.
Im dritten Reich haben wir gewonnenes Spiel.
Da sind wir unter uns.
Und unter uns, da ist nicht viel.
Da herrscht der Bakel und der Säbel und der Stock –
da glänzt der Orden an dem bunten Rock,
da wird das Rad der Zeit zurückgedreht –
wir rufen »Vaterland!«, wenns gar nicht weitergeht…
Da sind wir alle reich und gleich
im dritten Reich.
Und wendisch und kaschubisch reine Arier.

Ja, richtig… Und die Proletarier!
Für die sind wir die Original-Befreier!
Die danken Gott in jeder Morgenfeier –
Und merken gleich:
Sie sind genau so arme Luder wie vorher,
genau solch schuftendes und graues Heer,
genau so arme Schelme ohne Halm und Haber –
Aber:
im dritten Reich.
Und das sind wir.
Ein Blick in die Statistik:
Wir fabrizieren viel. Am meisten nationale Mistik.

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 06.05.1930, Nr. 19, S. 686

Erläuterungen:

Das dritte Reich“ (Überschrift), ein Begriff aus christlich-theologischen Spekulationen, hat eine lange Geschichte. Möglicherweise hat Dietrich Eckart 1919 den Begriff im Sinn der Nazi-Ideologie eingeführt; zu seiner Verbreitung trug Moeller van den Bucks Buch „Das dritte Reich“ (1923) bei. Siehe den Artikel https://de.wikipedia.org/wiki/Drittes_Reich#Ideengeschichtliche_Hintergr%C3%BCnde!

massisch (V. 13): eine Neubildung ohne feste Bedeutung (von „Masse“ abgeleitet), Reimwort zu „rassisch“

Bakel (V. 32): Rohrstock

wendisch (V. 38): Die Wenden sind Slawen im deutschsprachigen Raum, etwa an der Elbe, nördlich der Donau und in der Oberpfalz.

kaschubisch (V. 38): Die Kaschuben, ein westslawisches Volk, lebten im östlichen Pommern (westlich von Danzig).

Haber (V. 45): Hafer

Mistik (V. 50): Verballhornung von „Mystik“: gefühlsmäßiges Erleben des Übersinnlichen; es klingt auch „Mist“ an.

Es spricht eine unbekannte Stimme über ein Thema, wozu es weder einen fiktiven Ort noch ein fiktives Datum des Sprechens braucht, weil es in der politischen Diskussion der Zeit (1930) präsent ist: das dritte Reich, das die Nazis nach ihrer Machtübernahme verwirklichen wollen.

Der Sprecher führt den Begriff als „neueste Errungenschaft“ (V. 7) ein (1. Strophe) und nennt die Rasse als Kriterium der Zugehörigkeit (2. Strophe). Danach erklärt er, was das dritte Reich bedeuten würde: Krieg und Prügel (3. Strophe). Für die Proletarier würde sich aber nichts ändern, sie blieben arm (4. Strophe). Das Gedicht ist eine Satire, es verspottet die Nazi-Ideologie.

Die Stimme spricht durchweg im Jambus, mit unterschiedlicher Anzahl von Takten pro Vers; Ausnahmen im Takt sind Verse, die eine Art Einschub darstellen (V. 12, V. 22, V. 45), dazu V. 20, V. 40 und V. 46. Die ersten acht Verse sind im Kreuzreim verbunden, die anderen (bis auf V. 30 und V. 48) als Paarreime. In einer Satire dürfen die Reime ziemlich holperig sein; trotzdem reimen sich eine Reihe von Versen sinnvoll: in segensreichen Stunden – ein Ideal erfunden (V. 6/8, ein Vorgang); eitel Glück – Brüder zurück (V. 23/24); reich und gleich – im dritten Reich (V. 36/37), usw. Das Wortfeld der politischen Diskussion beherrscht die Rede der Stimme, sie spricht die Umgangssprache; man darf das Gedicht nicht schnell sprechen.

Die Satire beginnt mit dem Hinweis auf das hohe Ideal, an dem der nationale Mann turnen kann, als ob es ein Reck wäre (V.1 ff., Kategorien passen nicht zueinander); das gilt auch für die „deutsche Manneskraft“, die ein Ideal erfunden habe (V. 5 ff.) – Manneskraft hat nichts mit Idealen zu tun. Die lehrerhafte Aufzählung „erstes, zweites, drittes Reich“ (V. 9 ff.) klingt spöttisch, nimmt das dritte Reich als solches nicht ernst. Die Bitte, man möge es gleich liefern (V. 12), ist ironisch. Die Reimerei „massisch – rassisch“ (V. 13 f.) ist sinnlos und damit Spott, ebenso die Aufzählung V. 15 f., die viele bedeutungslose Adjektive bündelt (für uns heute ist der damalige Klang von „freideutsch“ und „jungdeutsch“ schwer einzuschätzen; „freideutsch“, „heimatwolkig“ , „volkisch“ und „volkig“ sind sicher erfundene Wörter, was die Nazi-Bewegung als sinnlos diskreditiert). Der Nachtrag „und überhaupt“ (V. 17) ist nach so vielen Adjektiven auch sinnlos. „Wers glaubt, wird selig.“ ist eine spöttische Redewendung, in der der biblische Satz „Wer glaubt, wird selig.“ (vgl. Mk 16,16) parodiert wird. Auch die Abwertung „ganz verkommener“ (V. 20) ist ironisch; die Zusammenstellung „Paz- und Bolschewist“ (V. 20) klappt sprachlich nicht, weil „Paz-“ nicht richtig zu „Pazifist“ ergänzt wird: Satire; Pazifisten und Bolschewisten waren den Nazis ein Gräuel (wie mir das Wort „Gräuel“ statt „Greuel“).

In der dritten Strophe wird erklärt, was ein drittes Reich in Deutschland bedeuten würde: „alles eitel Glück“ (V. 23), das ist bittere Ironie; denn die angestrebte „Heimkehr“ aller sogenannten Auslandsdeutschen (V. 23 ff.) würde Krieg bedeuten, weil die anerkannten Grenzen verletzt würden (V. 27 f.). Dass wir ohne Krieg „nichts hinieden“ sind, ist ebenfalls ein ironisch-sarkastische Begründung der Wünsche, alle Volksdeutschen „heimzuholen“. Ein nettes Wortspiel liegt in V. 30 f. vor: unter úns – únter uns; wenn únter uns nicht viel ist, dann sind wir im dritten Reich ziemlich unten. Das wird mit dem Hinweis auf die drohenden Prügel (V. 32) und den kommenden Militarismus (V. 33) plausibel gemacht. V. 34 ist eine offene Abwertung, V. 35 ein Spott über das sinn- und wirkungslose „Vaterland“-Rufen, das angeblich helfen soll, „wenns gar nicht weitergeht“. Dass wir dann alle reich seien (V. 36), wird gleich durch den Hinweis auf die Proletarier (V. 39 ff.) widerlegt, ebenso durch die damit verbundene versprochene Gleichheit: Wenn alle gleich sind, sind sie nicht reich; „reich – Reich“ (V. 36 f.) ist ein kleines ironisches Wortspiel am Rande. Dass die Wenden und Kaschuben als Slawen „reine Arier“ seien, ist ein innerer Widerspruch (Satire); wie solche Widersprüche später in Gaskammern gelöst wurden, konnte Tucholsky 1930 nicht ahnen.

In der letzten Strophe wird das Versprechen künftigen Wohlstands für alle am Beispiel der Proletarier widerlegt. „Original-Befreier“ (V. 40) ist eine sinnlose Steigerung von „Befreier“. Dass sie Gott danken (was sie ohnehin als Sozialisten nicht tun) und gleich bemerken, dass sich nichts geändert hat (V. 41-43), ist wider ein innerer Widerspruch, der die Nazi-Verheißungen entlarvt. Die Adjektive „schuftend“ und „grau“ (V. 44) werten ihre Existenz ab, ebenso das Prädikativ „arme Schelme“ (V. 45); „ohne Halm und Haber“ ist eine vom Sprecher erfundene Alliteration, sie haben also nichts zu beißen. Der Trost, dass sie dafür aber (hervorgehoben: ein ganzer Vers für ein Wort) im dritten Reich sind (V. 46 f.), ist ein schwacher Trost. Mit dem Vers 48 wird ein Ausspruch der Nazis zitiert, die ab V. 24 in der Wir-Form zu Wort kommen., während die ersten „Wir“ (V. 13 f.) alle Deutschen meinten.

Der Abschluss (V.  49 f.) ist wieder ein satirisches Feuerwerk: Da ist zunächst die Kombination von Statistik – Mistik, die nicht passende Größen zusammenfügt; da ist die Verballhornung von „Mystik“ zu „Mistik“; und drittens wird die Behauptung „Wir fabrizieren viel.“ – gemeint im Sinn von „Wir produzieren viel.“ – durch das Hauptprodukt „nationale Mistik“ völlig entwertet; denn die zu produzieren kostet nichts und bringt nichts. Damit bekommt „fabrizieren“ dann eindeutig den negativen Klang, den es in der Umgangssprache oft hat: „etwas mühsam, behelfsmäßig verfertigen, zusammenbasteln“ (DWDS). Statt „Mistik“ denkt man „Mist“, dieser Anklang ist vermutlich bewusst gewählt.

Durch den Mund seines Sprechers verspottet Tucholsky die Nazis , entlarvt ihre Rassenideologie und ihre „Heim ins Reich“-Parolen als Kriegstreiberei, während ihre Wohlstandsversprechen als leeres Gerede, als „Mistik“ bezeichnet werden. Der Spott ist gut, aber mit seinem Spott konnte er den politischen Siegeszug der Nazis nicht stoppen; denn, wie es im Gedicht „Die Mäuler auf!“ (1930, https://www.textlog.de/tucholsky-die-maeuler-auf.html) heißt, „hinten zahlt die Industrie. Hinten zahlt die Landwirtschaft.“ Auch die rechtslastigen Gerichte der Weimarer Republik haben den Aufstieg der Nazis mit ermöglicht. „Aussage eines Nationalsozialisten vor Gericht“ (1930, https://www.textlog.de/tucholsky-aussage-gericht.html) und „Nächtliche Unterhaltung“ (1926, siehe die Analyse dort!) gehören in den Umkreis von Tucholskys Auseinandersetzung mit den Nazis.

Vortrag des Gedichts:

https://www.youtube.com/watch?v=eF3eBF-1mB4 (Jürgen Goslar, sehr gut)

Advertisements

Tucholsky: Der Rhein und Deutschlands Stämme – Text und Analyse

Der Rhein und Deutschlands Stämme

Es fließt ein Strom durch das deutsche Land,
drin spiegeln sich Schlösser und Zinnen;
er ist in den deutschen Gauen bekannt,
kein Refrain kann demselben entrinnen.
Und alle Romantik hat hier ihr Revier,
und je lauter das Rheinlied, je kälter das Bier
der kleinen und großen Verdiener.
Zum Beispiel so der Berliner:
»Ein rheinischet Meechen – beim rheinischen Wein –
Ja, Donnerwetter nich noch mal!
Na, det muss ja der Hümmel auf Erdn sein –!
Wat, Lucie –?«

Wer Lieder für Operetten schreibt
aus Prag, aus Wien und aus Bentschen –:
den Rhein möcht ich sehn, der da ungereimt bleibt –
es sind halt geschickte Menschen!
Und was sie dichten, ganz Deutschland grölts,
von Aachen bis Dirschau, von Kiel bis nach Ölz;
wo nur Treue und Weinbrand wachsen.
Zum Beispiel so unsere Sachsen:
»Ein rheinisches Mädchen – beim rheinischen Wein –
Nu heere mal, Agahde, was hasdn dn
Krachenschonr nich midgenomm? ‘s is doch
so giehle uffm Wasser?
Diß muss ja der Himmel auf Erden sein!
Eicha…!«

Im Rhein, da quillt unsere Mannesbrust,
da liegen dicke Tantiemen;
und befällt den Deutschen die Sangeslust:
hier kann er das Ding unternehmen.
Es reimt sich der Rhein
auf Schein und auf Sein
und auf mein und auf dein,
auf Jüngferlein, Stelldichein, Gänseklein…

Und ist auch zerklüftet das Deutsche Reich:
im Moorbad der Lyrik verstehn sie sich gleich.
Viel schneller als bei Richard Dehmel.
Zum Beispiel so jener aus Memel:
»Äin rhäinisches Mädchen – bäim rhäinischen Wäin –
äi, das muss ja der Himmel – auf Erden säin –
Wäißt, wenn dir der Wäin nich schmeckt,
jieß noch ‘n kläin Schnapsche räin! –
Äi, das muss ja der Himmel auf Erden säin –!
Oder mäinst näin –?«
So ist der Rheinstrom ohne Fehle
das Familienbad der deutschen Seele.

Theobald Tiger, in: Simplicissimus, 25. 7. 1927, S. 218

Erläuterungen:

Romantik (V. 5): Anspielung auf die Rheinromantik, die 1801 mit Clemens Brentanos Gedicht „Zu Bacharach am Rheine“ begann, dem ersten Lied auf die Loreley; seit 1827 fuhren Dampfschiffe auf dem Rhein, was die Rhein-Begeisterung ungemein vergrößerte.

Ein rheinisches Mädchen beim rheinischen Wein (V. 9): Lied von Paul Hoppe (1927) zu einem Text von Hans Willy Mertens (1866-1921); auch Titel eines Stummfilms 1927

Bentschen (V. 14): gehörte ab 1793 zu Preußen, ab 1919 als Grenzstadt zu Polen

Dirschau (V. 18): Stadt in Westpreußen, seit 1919 polnisch

Ölz (V. 18): Google kennt den Ort nicht (vermutlich als Reimwort erfundener Ort)

Tantiemen (V. 28): Gewinnbeteiligung bei einem Unternehmen

Richard Dehmel (V. 37): deutscher Dichter (1863-1920)

Memel (V. 38): Stadt in Litauen, bis 1945 Ostpreußen

Ein Unbekannter macht sich über ein Lied und die deutsche Rheinromantik lustig; Zuhörer sowie Ort und Zeit seiner Äußerung sind nicht zu erkennen.

Er spricht über das bei Abfassung des Gedichts aktuelle Rheinlied, das offenbar ein Ohrwurm war, und lässt Menschen aus drei deutschen Ländern in ihrer Mundart den Refrain des Liedes singen. Eingeschoben in diese drei Länder-Strophen ist eine kürzere Strophe (V. 27 ff.), in der die Bedeutung des Rheins für die Deutschen „erklärt“ wird. Die Satire greift die mit dem Lied und der Rheinromantik verbundene Gefühlsduselei an und macht sie lächerlich.

Das Gedicht besteht aus vier Strophen unterschiedlicher Länge (von acht bis vierzehn Versen); sowohl die Länge der Verse als auch das Versmaß (häufig der Jambus) variieren, ebenso die Reimform: Kreuzreim oder Paarreim, und die Kadenzen. In den zitierten mundartlichen Äußerungen der drei Männer aus Berlin, Sachsen und Ostpreußen fehlt schon mal ein Reim. Das ergibt ein lebhaftes Sprechen, zumal da der Refrain des Rheinliedes im Dreivierteltakt gesungen bzw. gesprochen und durch prosaische Äußerungen der Männer unterbrochen wird. Die Reime sind meistens unsinnig, wie es sich für eine Satire gehört: Schlösser und Zinnen – Refrain kann nicht entrinnen (V. 2/4); wo Treue und Weinbrand wachsen – so zum Beispiel unsere Sachsen (V. 19/20), usw. Die Sprache des Sprechers ist die gehobene Umgangssprache (Zinnen,V. 2; Tantiemen, V. 28; bei „sehn“, V. 15, „grölts“, V. 17, und „verstehn“, V. 36, sind zwei Wörter verschliffen; bei „möcht“, V. 15, fehlt der Schlusslaut). Die Männer, die den Refrain des Rheinliedes singen, gebrauchen dabei ihren Dialekt; das wirkt komisch (Satire!), weil diese Dialekte nicht zum Rhein und Rheinland passen.

Das erste Mal, wo klar wird, dass das Gedicht eine Satire ist, ist in V. 4 die Äußerung, kein Refrain könne dem Rhein entrinnen. Das ist ein Bruch der Kategorien: Der Sinnbereich „Fluss“ passt nicht direkt zum Sinnbereich „Musik“. Das gilt auch für „Romantik – Revier“ (V.  5), „Revier“ klingt zudem abwertend, ebenso in der Zusammenstellung „Rheinlied – Bier“ (V. 6) das Bier, wobei der umgekehrt reziproke Sachverhalt „je lauter – je kälter“ (V. 6) die Sinnlosigkeit der Beziehung von Bier und Lied steigert. Dass es bei der Rheinromantik auch „Verdiener“ gibt (V. 7), entlarvt die Gefühlsduselei der Touristen, indem sie in den wirtschaftlichen Verwertungszusammenhang gestellt wird.

Der Refrain des Rheinliedes wird von drei verschiedenen Männern in ihrem Dialekt gesungen (V. 9 ff., V. 21 ff., V. 39 ff.). Dabei wird der „schöne“ Refrain von Äußerungen zu ganz banalen Dingen (Kragenschoner wegen der Kälte, V. 23), durch ein Kraftwort (V. 10) und durch die Anleitung, den Wein durch einen Schnaps zu veredeln (V. 41 f.) zerstört. Auch die Frage an die Gattin („Wat, Lucie –?“ ) passt nicht zum Lobpreis des rheinischen Mädchens (V. 12), ebensowenig die Frage des Ostpreußen (V. 44), die die Möglichkeit offen lässt, dass die Errungenschaften der Rheinromantik doch nicht der Himmel auf Erden sind, wie er gerade gesungen hat (V. 40 – innerer Widerspruch). So wird schon im Singen des Refrains die Rheinromantik ad absurdum geführt.

Der Vers „den Rhein möcht ich sehn, der da ungereimt bleibt“ (V. 15) hat es in sich: Zuerst wird so getan, als ob es mehrere Rheine gäbe, und dann werden der Rhein und das Wort „Rhein“ beim Satzadjektiv „ungereimt“ vertauscht; wenn das Reimen so leicht ist, dann ist das Lob der Reimenden (V. 16) blanke Ironie. Das Verb „grölts“ (V.17) wertet das Singen ab: Satire. Die Zusammenstellung „Treue und Weinbrand“, kategorial verschieden, ist satirisch, ebenso die unsinnige Äußerung, dass Weinbrand wächst (V. 19).

Eingeschoben ist eine Strophe (V. 27-34), in der der Rhein satirisch gepriesen wird. Erstens wird wieder der Rhein mit dem Wort „Rhein“ vertauscht („Im Rhein“, V. 27); zweitens passt das Verb „quellen“ (statt „schwellen“) nicht zur singenden Mannesbrust; drittens werden wie in V. 6 Gesang und Verdienst entlarvend in Beziehung gesetzt (V. 27-30), wobei die Herkunft der Tantiemen und „das Ding“ unbestimmt bleiben. Die Zusammenstellung der möglichen Reimwörter zu „Rhein“ entlarvt die Sinnlosigkeit des Rhein-Dichtens, weil dabei gegensätzliche Bestimmungen (Schein-Sein, mein-dein) und disparate Größen (V. 34) beliebig angesetzt werden können.

In der letzten Strophe wird zunächst erklärt, welche politische Bedeutung die Rheinlyrik hat: Sie überspielt (für den Moment) die Gegensätze, die es zwischen den Stämmen (Überschrift) des Deutschen Reiches gibt; sie verstehen sich nämlich „im Moorbad der Lyrik“ (V. 36). Ob mit „Moorbad“ eher an die heilende Wirkung dieses Bades oder an den damit verbundenen Dreck gedacht ist, kann man nicht entscheiden; denn Moorbad und Lyrik passen kategorial überhaupt nicht zusammen, ein Merkmal der Satire.

In den zusammenfassenden Schlussversen (V. 45 f.) wird die Gemeinsamkeit „Wasser“ dazu genutzt, den Rheinstrom zum Familienbad der deutschen Seele zu erklären; dabei braucht die Seele kein Familienbad (Satire), wohl aber die zerstrittenen (vgl. „zerklüftet“, V. 35) Stämme Deutschlands (Überschrift); das Familienbad der Rheinromantik vereint sie, aber dieses lyrische Familienbad ist schon als Moorbad (V. 36) verspottet worden.

Die Satire richtet sich gegen das 1927 in große Mode gekommene Rheinlied, wobei sowohl die Rheinromantik als solche als auch die gefühlsduselige Singerei angegriffen werden. Gegen die Dichterei der Inkompetenten richtet sich später Tucholskys „Lehrgedicht“:

Wenn du mal gar nicht weiter weißt,
dann sag: Mythos.
Wenn dir der Faden der Logik reißt,
dann sag: Logos.
Und hast du nichts in deiner Tasse,
dann erzähl was vom tiefen Geheimnis der Rasse.
So erreichst du, dass keiner, wie er auch giert,
dich je kontrolliert.

Willst du diskret die Leute angeilen,
dann sag: Eros.
Sehr viel Bildung verleiht deinen Zeilen:
Dionysos.
Aber am meisten tun dir bieten
die katholischen Requisiten.
Tu fromm – du brauchst es gar nicht zu sein.
Sie fallen drauf rein.

Machs wie die Literatur-Attachés:
nimm ein Diarium.
Die Hauptsache eines guten Essays
ist das Vokabularium.
Eros und Mythos hats immer gegeben,
doch noch nie so viele, die von ihnen leben…
So kommst du spielend – immer schmuse du nur! –
in die feinere deutsche Literatur.

Theobald Tiger (1929)

Kästner: Der geregelte Zeitgenosse – Analyse

Hei, wie er die Zukunft auswendig wußte! […]“

Das Gedicht ist eine Auftragsarbeit für die Nr. 43 der Zeitschrift „Jugend“ (1930), die dem Thema „Spießer“ gewidmet war. Kästner stellt darin den geregelten Zeitgenossen vor, der den Ablauf seines Lebens total verplant hat. (—)

usw. – Die Analyse wird in dem neuen Buch „Erich Kästner mit spitzer Feder“ stehen, das im Verlag Krapp & Gutknecht erscheinen soll.

Kästner: Der synthetische Mensch (1931) – Interpretation

Professor Bumke hat neulich Menschen erfunden, […]

Im leichten Ton des flotten Erzählens wird ein schweres Problem zur Diskussion gestellt, ohne dass es eigens genannt würde. Welches Problem? Schauen wir in den Text! …

usw. – Die Analyse wird in dem neuen Buch „Erich Kästner mit spitzer Feder“ stehen, das im Verlag Krapp & Gutknecht erscheinen soll.

Kästner: Sogenannte Klassefrauen – Analyse

Sind sie nicht pfui teuflisch anzuschauen? […]

Der erste Vers hat es in sich, „pfui teuflisch anzuschauen“ ist nicht leicht zu entschlüsseln:„Pfui Teufel“ ist eine Äußerung des höchsten Abscheus, die Wendung „pfui teuflisch“, davon abgeleitet, gibt es sonst nicht – was bedeutet sie also hier?…

usw. – Die Analyse wird in dem neuen Buch „Erich Kästner mit spitzer Feder“ stehen, das im Verlag Krapp & Gutknecht erscheinen soll.

Kästner: Die Zunge der Kultur reicht weit – Analyse

Die Zunge der Kultur reicht weit! […]

Die Idee dieses witzigen Gedichtes ist aus einer Redewendung herausgesponnen: „von der Kultur beleckt sein“ bzw. „von Kultur unbeleckt sein“. Schon diese Redewendung ist ein wenig spöttisch distanziert und besagt…

usw. – Die Analyse wird in dem neuen Buch „Erich Kästner mit spitzer Feder“ stehen, das im Verlag Krapp & Gutknecht erscheinen soll.

Kästner: Tretmühle – Analyse

Rumpf vorwärts beugt! Es will dich einer treten! […]

Die Überschrift „Die Tretmühle“ ist ein Wortspiel: Normalerweise bezeichnet man ein Tret- oder Laufrad so, mittels dessen eine Mühle durch die Körperkraft von Menschen bzw. Tieren angetrieben oder Lasten gehoben werden (https://de.wikipedia.org/wiki/Tretm%C3%BChle). Im übertragenen Sinn spricht man …

usw. – Die Analyse wird in dem neuen Buch „Erich Kästner mit spitzer Feder“ stehen, das im Verlag Krapp & Gutknecht erscheinen soll.

E. T. A. Hoffmann: Klein-Zaches genannt Zinnober (kurz gefasst)

In aller Kürze:

Der „Held“ ist der Student Balthasar aus Hoch-Jakobsheim; er ist ein poetischer Mensch, der Natur intensiv verbunden: »Ich liebe,« fuhr Prosper Alpanus fort, »ich liebe Jünglinge, die so wie du, mein Balthasar, Sehnsucht und Liebe im reinen Herzen tragen, in deren Innerm noch jene herrlichen Akkorde widerhallen, die dem fernen Lande voll göttlicher Wunder angehören, das meine Heimat ist. Die glücklichen, mit dieser inneren Musik begabten Menschen sind die einzigen, die man Dichter nennen kann, wiewohl viele auch so gescholten werden, die den ersten besten Brummbaß zur Hand nehmen, darauf herumstreichen und das verworrene Gerassel der unter ihrer Faust stöhnenden Saiten für herrliche Musik halten, die aus ihrem eignen Innern heraustönt. – Dir ist, ich weiß es, mein geliebter Balthasar, dir ist es zuweilen so, als verstündest du die murmelnden Quellen, die rauschenden Bäume, ja, als spräche das aufflammende Abendrot zu dir mit verständlichen Worten! – Ja, mein Balthasar! – in diesen Momenten verstehst du wirklich die wunderbaren Stimmen der Natur, denn aus deinem eignen Innern erhebt sich der göttliche Ton, den die wundervolle Harmonie des tiefsten Wesens der Natur entzündet.« (7. Kap.)

Sein Gegenspieler ist Klein-Zaches, Sohn armer Leute: „Der Kopf stak dem Dinge tief zwischen den Schultern, die Stelle des Rückens vertrat ein kürbisähnlicher Auswuchs, und gleich unter der Brust hingen die haselgertdünnen Beinchen herab, daß der Junge aussah wie ein gespalteter Rettich. Vom Gesicht konnte ein stumpfes Auge nicht viel entdecken, schärfer hinblickend, wurde man aber wohl die lange spitze Nase, die aus schwarzen struppigen Haaren hervorstarrte, und ein Paar kleine, schwarz funkelnde Äuglein gewahr, die, zumal bei den übrigens ganz alten, eingefurchten Zügen des Gesichts, ein klein Alräunchen kundzutun schienen.“ (1. Kap.)

Dieser Knirps wird vom Stiftsfräulein von Rosenschön (alis Fee Rosabelverde) aus Mitleid mit der Gabe ausgestattet, dass er den Leuten als eine stattliche Person erscheint, der man die Leistungen anderer zurechnet, während seine eigenen Fehlleistungen bei den anderen erkannt werden.

Sie leben in einem Fürstentum, in dem die Aufklärung per Dekret eingeführt wird, was zu einer Ächtung des Wunderbaren und der Poesie führt – anderseits nicht verhindert, dass die Regierung lachhaft ist und die Beförderungen willkürlich erfolgen (Satire!).

Klein-Zaches und Balthasar treffen an der Universität in Kerepes aufeinander, als Studenten des Professors Mosch Terpin bzw. als Konkurrenten um dessen schöne Tochter Candida: „Candida war, jeder mußte das eingestehen, ein bildhübsches Mädchen, mit recht ins Herz hinein strahlenden Augen und etwas aufgeworfenen Rosenlippen. Ob ihre übrigens schönen Haare, die sie in wunderlichen Flechten gar phantastisch aufzunesteln wußte, mehr blond oder mehr braun zu nennen, habe ich vergessen, nur erinnere ich mich sehr gut der seltsamen Eigenschaft, daß sie immer dunkler und dunkler wurden, je länger man sie anschaute. Von schlankem hohen Wuchs, leichter Bewegung, war das Mädchen, zumal in lebenslustiger Umgebung, die Huld, die Anmut selbst, und man übersah es bei so vielem körperlichen Reiz sehr gern, daß Hand und Fuß vielleicht kleiner und zierlicher hätten gebaut sein können. Dabei hatte Candida Goethes »Wilhelm Meister«, Schillers Gedichte und Fouqués »Zauberring« gelesen und beinahe alles, was darin enthalten, wieder vergessen; spielte ganz passabel das Pianoforte, sang sogar zuweilen dazu; tanzte die neuesten Françaisen und Gavotten und schrieb die Waschzettel mit einer feinen leserlichen Hand. Wollte man durchaus an dem lieben Mädchen etwas aussetzen, so war es vielleicht, daß sie etwas zu tief sprach, sich zu fest einschnürte, sich zu lange über einen neuen Hut freute und zuviel Kuchen zum Tee verzehrte.“ (3. Kapitel – es folgt eine Verspottung der falschen romantischen Dichter)

Als Balthasar zu Ehren Candidas sein Gedicht von der Liebe der Nachtigall zur Purpurrose in einer Versammlung vorträgt, wird es als Gedicht Zinnobers (so nennt sich Klein-Zaches jetzt) bewundert, wogegen dessen Miauen Balthasar angekreidet wird. – Auch andere leiden unter der zauberhaften Qualität Zinnobers (etwa der Referendarius Pulcher, der nicht Beamter wird), welcher eine steile Karriere im Staatsdienst macht und die Gunst Candidas sowie ihres Vaters gewinnt. Dessen Naturforschungen werden öfter satirisch verspottet.

Balthasars „aufgeklärter“ Freund Fabian führt ihn beim Arzt Prosper Alanus ein, welcher in Wahrheit ein Zauberer ist; der will Balthasar helfen und entdeckt, dass Zinnober ein gewöhnlicher Mensch ist, hinter dem eine zauberische Macht steht.

In einem Magierkampf besiegt er die Fee, welche einsieht, dass aufgrund seines Horoskops dem Studenten Balthasar die Zukunft gehört; sie gibt es auf, Zinnober weiter zu schützen. Alanus erklärt Balthasar, wie er Zinnober entzaubern kann: ihm drei rote Haare ausreißen und sie sogleich verbrennen. Das führt Balthasar zusammen mit seinen Freunden aus, als Zinnober dabei ist, sich mit Candida zu verloben; sogleich fällt sein Nimbus zusammen und alle erkennen in ihm eine missratene Figur.

Fabian wird vorübergehend dafür bestraft, dass er Prosper Alanus für einen gewöhnlichen Arzt hält, indem seine Rockschöße zu lang und die Ärmel zu Rocks zu kurz werden, was einerseits zu seiner politischen und religiösen Verfolgung führt (Satire!), anderseits seine akademische Karriere behindert, bis Alanus sich erbarmt und ihm einen Frack erster Klasse besorgt.

Prosper Alanus übereignet dem Balthasar sein Landgut: „Ziehst du mit deiner Candida ein in mein Landhaus, so ist das Glück deiner Ehe gesichert. Hinter den schönen Bäumen wächst alles, was das Haus bedarf; außer den herrlichsten Früchten der schönste Kohl und tüchtiges schmackhaftes Gemüse überhaupt, wie man es weit und breit nicht findet. Deine Frau wird immer den ersten Salat, die ersten Spargel haben. Die Küche ist so eingerichtet, daß die Töpfe niemals überlaufen und keine Schüssel verdirbt, solltest du auch einmal eine ganze Stunde über die Essenszeit ausbleiben. Teppiche, Stuhl- und Sofa-Bezüge sind von der Beschaffenheit, daß es bei der größten Ungeschicklichkeit der Dienstboten unmöglich bleibt, einen Fleck hineinzubringen, ebenso zerbricht kein Porzellan, kein Glas, sollte sich auch die Dienerschaft deshalb die größte Mühe geben und es auf den härtesten Boden werfen. Jedesmal endlich, wenn deine Frau waschen läßt, ist auf dem großen Wiesenplan hinter dem Hause das allerschönste heiterste Wetter, sollte es auch rings umher regnen, donnern und blitzen.(7. Kapitel)

Bei einem Aufstand des enttäuschten Volkes stirbt Zinnober, der wieder Klein-Zaches ist, vor Schreck in einem silbernen Pisspott. Er wird begraben, sein Mutter wird von der Fee entschädigt. Balthasar und Candida heiraten mit Zustimmung ihres Vaters: Die Fee „hatte sie selbst gekleidet und mit den schönsten, herrlichsten Rosen geschmückt. Nun weiß man aber wohl, daß der Anzug gut stehen muß, wenn eine Fee dabei Hand anlegt. Außerdem hatte Rosabelverde der holden Braut einen prächtig funkelnden Halsschmuck verehrt, der eine magische Wirkung dahin äußerte, daß sie, hatte sie ihn umgetan, niemals über Kleinigkeiten, über ein schlecht genesteltes Band, über einen mißratenen Haarschmuck, über einen Fleck in der Wäsche oder sonst verdrießlich werden konnte. Diese Eigenschaft, die ihr der Halsschmuck gab, verbreitete eine besondere Anmut und Heiterkeit auf ihrem ganzen Antlitz.“ (10. Kapitel) Alanus fährt fort, Balthasar wird ein Dichter, das junge Brautpaar führt „die glücklichste Ehe in aller Wonne und Herrlichkeit“, wozu der Halsschmuck Candidas seinen Teil beiträgt.

(Eine Reihe von Nebenfiguren und -handlungen sind hier nicht beachtet, siehe)

https://de.wikipedia.org/wiki/Klein_Zaches,_genannt_Zinnober (verschiedene Aspekte)

https://www.inhaltsangabe.de/hoffmann/klein-zaches-genannt-zinnober/ (Inhalt gut, Satire pointiert dargestellt)

http://www.maerchenatlas.de/kunstmarchen/klein-zaches-genannt-zinnober/ (Anfang breit ausgewalzt, zum Schluss ging dem Autor die Puste aus)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Hoffmann,+E.+T.+A./Erz%C3%A4hlungen,+M%C3%A4rchen+und+Schriften/Klein+Zaches (Text)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/klein-zaches-3089/1 (Text)

Romantische Ironie findet man an mindestens drei Stellen:

1. Alanus sagt zu Balthasar, „daß ich nach dem Urteil aller vernünftigen Leute eine Person bin, die nur im Märchen auftreten darf“ (7. Kap.) – siehe dazu unten die Links zur Selbstbezüglichkeit! Als Märchenparodie könnte man die Sache mit den drei roten Haaren ansehen (Märchen: Der Teufel mit den drei goldenen Haaren).

2. Hierzu zählt auch der Seitenhieb auf die falschen romantischen Dichter:Überschwenglichen Dichtern war freilich noch vieles andere an der hübschen Candida nicht recht, aber was verlangen die auch alles. Fürs erste wollen sie, daß das Fräulein über alles, was sie von sich verlauten lassen, in ein somnambüles Entzücken gerate, tief seufze, die Augen verdrehe, gelegentlich auch wohl was weniges ohnmächtle oder gar zurzeit erblinde als höchste Stufe der weiblichsten Weiblichkeit. Dann muß besagtes Fräulein des Dichters Lieder singen nach der Melodie, die ihm (dem Fräulein) selbst aus dem Herzen geströmt, augenblicklich aber davon krank werden und selbst auch wohl Verse machen, sich aber sehr schämen, wenn es herauskommt, ungeachtet die Dame dem Dichter ihre Verse, auf sehr feinem wohlriechenden Papier mit zarten Buchstaben geschrieben, selbst in die Hände spielte, der dann auch seinerseits vor Entzücken darüber erkrankt, welches ihm gar nicht zu verdenken ist. Es gibt poetische Aszetiker, die noch weiter gehen und es aller weiblichen Zartheit entgegen finden, daß ein Mädchen lachen, essen und trinken und sich zierlich nach der Mode kleiden sollte. Sie gleichen beinahe dem heiligen Hieronymus, der den Jungfrauen verbietet Ohrgehänge zu tragen und Fische zu essen. Sie sollen, so gebietet der Heilige, nur etwas zubereitetes Gras genießen, beständig hungrig sein, ohne es zu fühlen, sich in grobe, schlecht genähte Kleider hüllen, die ihren Wuchs verbergen, vorzüglich aber eine Person zur Gefährtin wählen, die ernsthaft, bleich, traurig und etwas schmutzig ist!“ (3. Kap.)

3. Auch in der Leseranrede im letzten Kapitel findet sich die romantische Ironie im Selbstbezug des Erzählers, der den „Herausgeber“ E. T. A. Hoffmann verkörpert – Hoffmann ist laut Titel angeblich nur der Herausgeber des Märchens: „Es ist nun an dem, daß der, der für dich, geliebter Leser, diese Blätter aufschreibt, von dir scheiden will, und dabei überfällt ihn Wehmut und Bangen. – Noch vieles, vieles wüßte er von den merkwürdigen Taten des kleinen Zinnober, und er hätte, wie er denn nun überhaupt zu der Geschichte aus dem Innern heraus unwiderstehlich angeregt wurde, wahre Lust daran gehabt, dir, o mein Leser, noch das alles zu erzählen. Doch! – rückblickend auf alle Ereignisse, wie sie in den neun Kapiteln vorgekommen, fühlt er wohl, daß darin schon so viel Wunderliches, Tolles, der nüchternen Vernunft Widerstrebendes enthalten, daß er, noch mehr dergleichen anhäufend, Gefahr laufen müßte, es mit dir, geliebter Leser, deine Nachsicht mißbrauchend, ganz und gar zu verderben. Er bittet dich in jener Wehmut, in jenem Bangen, das plötzlich seine Brust beengte, als er die Worte: »Letztes Kapitel« schrieb, du mögest mit recht heitrem, unbefangenem Gemüt es dir gefallen lassen, die seltsamen Gestaltungen zu betrachten, ja dich mit ihnen zu befreunden, die der Dichter der Eingebung des spukhaften Geistes, Phantasus geheißen, verdankt, und dessen bizarrem, launischem Wesen er sich vielleicht zu sehr überließ. – Schmolle deshalb nicht mit beiden, mit dem Dichter und mit dem launischen Geiste! – Hast du, geliebter Leser, hin und wieder über manches recht im Innern gelächelt, so warst du in der Stimmung, wie sie der Schreiber dieser Blätter wünschte, und dann, so glaubt er, wirst du ihm wohl vieles zugute halten! –

Eigentlich hätte die Geschichte mit dem tragischen Tode des kleinen Zinnober schließen können. Doch ist es nicht anmutiger, wenn statt eines traurigen Leichenbegängnisses eine fröhliche Hochzeit am Ende steht?

So werde denn noch kürzlich der holden Candida und des glücklichen Balthasars gedacht.“ (10. Kap)

Zum Begriff der Selbstbezüglichkeit vgl.

http://de.wikipedia.org/wiki/Mise_en_abyme

http://de.wikipedia.org/wiki/Metafiktion

http://www.schmidt.uni-halle.de/konzepte/texte/noeth1.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Autoreflexivit%C3%A4t

http://elib.uni-stuttgart.de/opus/volltexte/2009/4742/pdf/DissDaunerPublish.pdf (Dissertation von Dorea Dauner: Literarische Selbstreflexivität, 2009)

http://www.zeit.de/1992/34/hauptsache-selbstreflexiv (kritisch zur Methode, 1992)

Vgl. auch https://norberto42.wordpress.com/2010/03/04/kehlmann-die-vermessung-der-welt-selbstbezuglichkeit-des-romans/ und

https://norberto42.wordpress.com/2015/01/31/orhan-pamuk-das-museum-der-unschuld-besprechung/

Huckleberry Finns Abenteuer – ein Abenteuerroman?

Diesen Aufsatz habe ich in didaktischer Absicht im Herbst 2015 verfasst:

Um dem Missverständnis, „Huckleberry Finns Abenteuer“ sei ein Kinderbuch, vorzubeugen, möchte ich zu Beginn kurz die Perspektive des Ich-Erzählers untersuchen und zeigen, was deren Verwendung leistet.[i] Huckleberry, der Ich-Erzähler, führt sich ausdrücklich als bloß literarische Figur ein: „Ihr wißt noch nichts von mir, wenn ihr nicht ein Buch gelesen habt“, welches allerdings „ein wahres Buch ist, mit ein paar Flunkereien“[ii] – ein Spiel mit der Fiktionalität. Ohne eine theoretische Diskussion anzetteln zu wollen, nenne ich in Anlehnung an Claudio Mende[iii] einige Stichwörter zur ersten Orientierung:

Erzählperspektive

  • Sie resultiert aus dem Standort (Blickwinkel, Blickdistanz, Außen-/Innensicht), von dem aus Handlungen und Geschehen beobachtet werden, und der Haltung (Einstellung) des Erzählers.
  • Die Wahrnehmung der fiktiven Wirklichkeit wird bestimmt vom Blickwinkel (point of view) des Erzählers.
  • Die Haltung des Erzählers kann von Zustimmung, Objektivität, Skepsis bis hin zur Distanziertheit reichen.

Ich-Erzählsituation

  • Anschauung und Blickwinkel nur einer Person (=> Unmittelbarkeit/ Authentizität);
  • Erzähler steht als Figur unter Figuren der Handlung;
  • berichtende Erzählweise;
  • erzählendes Ich in zeitlicher Distanz zu erlebenden Ich;
  • Ich-Erzähler kann zu seinem vergangenen Verhalten Stellung nehmen und es kommentieren.

Wenn man den Bericht des Ich-Erzählers Huckleberry Finn betrachtet, fällt gleich zu Beginn (1. Kapitel) seine Distanz zur bürgerlichen Welt auf:

  • Die Witwe Douglas will ihn „siwilisieren“ (alle Belege aus dem 1. Kapitel), aber ein solches Leben ist für Huck „scheußlich regelmäßig und anständig“. Als er wieder in seine Lumpen und seine Zuckertonne steigt, ist er „frei und zufrieden“.
  • Im Bericht vom geregelten Leben beklagt er, dass er pünktlich zum Abendbrot kommen musste.
  • Er hat kein Verständnis für das Tischgebet: Die Witwe beugt ihren Kopf und hat „n’bißchen über das Essen gebrummelt“.
  • Eintopf, in dem alles verschwimmt, ist ihm lieber als bürgerliches Essen.
  • Er versteht die biblische Unterweisung nicht („Moses und die Bimsen“) und hat kein Interesse an Moses, weil der „schon ’ne beträchtliche Weile tot ist“ und Huck sich für Tote nun mal nicht interessiert.
  • Dass er nicht rauchen darf, kritisiert er einmal im Vergleich zu Moses (Rauchen ist für etwas gut, Moses nicht), dann mit Bezug auf die Witwe (Sie hat vom Rauchen keine Ahnung, schnupft jedoch, „aber das war natürlich richtig, weil sie’s machte“).

Huck lebt ganz in der Gegenwart, frei von Konventionen und Sorgen, ohne Pläne für die Zukunft. In Hucks Sicht – in Darstellung, Wortwahl und Kommentaren – erscheint das bürgerliche Leben verfremdet, es verliert den Status des Selbstverständlichen; das kann auf den bürgerlichen Leser humoristisch wirken (und dann als Kinderbuch verniedlicht werden), kann aber auch zu scharfer Satire werden: z.B. in der Darstellung der Grangerfords im 17. und 18. Kapitel, etwa bei der todessüchtigen Dichtung der Tochter und der sinnlosen Fehde zwischen den „frommen“ Familien.

Welche Abenteuer erlebt nun dieser kleine Außenseiter Huckleberry Finn? Ich untersuche exemplarisch einige Beispiele, wobei der Kampf mit dem Gewissen das größte Abenteuer Hucks ist.

Vorspiel: Gründung einer Räuberbande (Kap. 2)

Bei der Gründung der Räuberbande durch Tom Sawyer gibt es eine Reihe von Schwierigkeiten, welche das erzählte Geschehen ironisch brechen:

* Huck Finn kann mit Mühe Miss Watson als Familienmitglied zum Töten anbieten;

* die Jungen wollen ehrliche Wegelagerer statt einfache Diebe sein und sich nur mit Raub und Totschlag abgeben;

* sie halten am „Auslösen“ von Gefangenen fest, obwohl sie nicht wissen, was das ist – doch der Bezug auf die Bücher muss gewahrt bleiben;

* gegen den Einspruch Ben Rogers’ wird an nächtlichen Wachen festgehalten, „wie’s der Regel entspricht“ (S. 19);

* Tommy Barnes wird mit 5 Cent bestochen, trotz seiner Angst bei der Bande zu bleiben;

* Ben Rogers drängt darauf, sonntags nicht zu rauben und zu morden – „es sonntags zu machen wäre ’ne Sünde“ (S. 19).

Folgerichtig berichtet Huck im nächsten Kapitel: „Ungefähr ’nen Monat lang spielten wir ab und zu Räuber, und dann trat ich aus.“ (S. 22) Wir finden Tom Sawyer als denjenigen vor, der Abenteuerbücher kennt und darauf aus ist, selber solche Abenteuer im Spiel zu erleben; indirekt werden damit die in Kap. 35-40/41 erzählten Ereignisse vorbereitet (der etwas gekünstelte Ausstieg aus der großen Fahrt auf dem Mississippi, dem Handlungsgerüst des Romans).

Die ersten Kapitel des Romans (1-4) kann man als Einleitung betrachten; erst als Hucks Vater auftaucht (letzter Satz im 4. Kapitel), wird es spannend. Toms Abenteuervorstellungen (Kap. 2) unterscheiden sich von den Abenteuern, die Huckleberry Finn tatsächlich erlebt; das soll im Folgenden an drei Beispielen gezeigt werden.

Der Ausbruch (Kap. 6, 7)

Nach dem gescheiterten Versuch des Richters, den alten Finn vom Alkohol abzubringen und in die gute Gesellschaft aufzunehmen (Kap. 5), wird Huck von seinem Vater aus der „zivilisierten“ Welt entführt; das wilde Leben des Säufers Finn ist die Gegenwelt, aus der Huck stammt und in die er wieder eintaucht. Als es für ihn dort lebensgefährlich wird, muss er sich retten und aus der Welt des verkommenen Vaters ausbrechen.

  • Huck bekommt bald Prügel und wird eingesperrt;
  • mit einer Säge bereitet er den Ausbruch vor;
  • aufgrund einer Drohung des Vaters schmiedet er einen Fluchtplan;
  • im Delirium tobt der Vater und verfolgt Huck als seinen „Todesengel“ mit einem Messer;
  • am nächsten Morgen fängt Huck ein treibendes Kanu ein und bekommt eine Idee, wie er sich künftig vor Verfolgung schützen kann;
  • als er eingesperrt wird, sägt er das Loch in den Bohlen fertig und ist frei;
  • er packt Vorräte und Geräte ins Kanu;
  • er legt falsche Spuren; dabei gibt es einen (ironischen) Bezug auf Tom Sawyer („Ich wünschte, Tom Sawyer wäre da; ich wußte, der würde sich für so was interessieren und noch ’n paar Feinheiten dazutun…“, S. 46 – Kap. 7)
  • am Abend plant er, zur Jackson-Insel zu fahren;
  • er schläft ein, der Vater kommt zurück (Gefahr!);
  • er fährt ab, kommt auf der Jackson-Insel an und legt sich schlafen.

Ergebnis: In der Welt des heruntergekommenen Säufers drohen dem Sohn reale Gefahren; wie er sich daraus auf die Jackson-Insel rettet, ist das erste große Abenteuer Huckleberry Finns.

Mit der Insel betritt er ein Zwischenreich zwischen der zivilisierten Welt und der Welt des Flusses, wo er den entlaufenen Sklaven Jim trifft; als er von Frau Loftus erfährt, dass einige Männer hinter Jim her sind (Kap. 11), bricht er mit Jim in der Nacht mit einem Floß zur großen Fahrt auf dem Mississippi auf – ein Thema und zugleich das Handlungsgerüst des Romans.

Abenteuer auf dem Wrack (Kap. 12,13)

Huck berichtet, wie sie sich nachts auf ihrem Floß auf dem Mississippi treiben lassen (Kap. 12); während eines Gewitters stoßen sie in der fünften Nacht auf ein Wrack.

  • Mit dem Bezug auf Tom Sawyer rechtfertigt Huck seine Entscheidung, das Wrack zu untersuchen („Glaubst du vielleicht, Tom Sawyer würde so ’ne Gelegenheit vorbeigehen lassen? Pustekuchen! Der nicht. Er würd’s ein Abenteuer nennen…“, S. 86 und noch einmal S. 87).
  • Sie treffen unverhofft auf Gauner (Bill und Jake gegen Jim Turner);
  • Huck hört ein Gespräch zwischen Bill und Jake in unmittelbarer Nähe (Koje);
  • das Floß ist abgetrieben, doch Huck und Jim finden ein Boot;
  • die Gauner setzen sich ins Boot (Gefahr!), aber gehen aufs Wrack zurück;
  • Jim und Huck fahren mit dem Boot ab;
  • Huck schmiedet einen Plan, wie er die Mörder Bill und Jake bestrafen lassen kann;
  • sie finden ihr Floß wieder.

Es folgt ein Nachtrag, wie Huck an Land geht und eine Lügengeschichte erzählt, um die Wrackbesatzung zu retten, was jedoch scheitert – nett ist dabei die satirische Bemerkung über Schufte und Taugenichtse („die Art Leute, für die sich die Witwe und die guten Menschen am meisten interessieren“, S. 95); Huck kehrt zu Jim zurück.

Ergebnis: Das Erlebnis auf dem Wrack ist eines der typischen Abenteuer, die man auf dem Fluss erleben kann; Jims Gefährdung durch die Sklavenjäger (Kap. 16) ist kein typisches Flussabenteuer, bereitet jedoch die erste Auseinandersetzung mit dem „Gewissen“ vor (Kap. 16, vgl. Kap. 31).

Was Huck an Land bei den Grangerfords sowie mit Herzog und König erlebt, fällt eher unter satirische Gesellschaftskritik als unter „Abenteuer“.

Der Kampf mit dem Gewissen[iv] (Kap. 31)

Als Huck mit Jim sich von König und Herzog absetzen will, merkt er, dass Jim fort ist; der „König“ hat ihn verraten (mit Hilfe der Suchmeldung, die zum Schutz Jims gedruckt worden war, Kap. 20) und sich ordentlich besoffen. Huck denkt nach:

  • Er will Jim an Miss Watson verraten, damit dieser wenigstens zu Hause Sklave sein kann;
  • er verwirft diesen Plan, weil er dann als „Niggerhelfer“ gelten könnte;
  • er verallgemeinert seine Bedenken: „So ist das nun – man tut was Niedriges, und dann will man die Folgen nicht tragen.“ (S. 254)
  • Er bekommt Gewissensbisse wegen seines Vorhabens;
  • ihn trifft die Erleuchtung, vom Himmel aus beobachtet und geschlagen zu werden;
  • das Beten klappt nicht, weil er nach eigener Einsicht an seiner „Sünde“ festhält;
  • er schreibt dann den Brief an Miss Watson und hat das Gefühl, rein zu sein;
  • er denkt nach, erinnert sich an Jim und die Fahrt auf dem Fluss, an Jims Menschlichkeit und Herzlichkeit,
  • entscheidet sich deshalb für seinen Freund Jim und damit für die „Hölle“, er zerreißt den Brief;
  • er wählt endgültig das (nach den Normen St. Petersburgs) schlechte Leben und die Befreiung Jims;
  • er schmiedet einen Plan … und scheitert, als er den König trifft.

Ergebnis: Der Kampf mit den Normen der Südstaaten, in denen man ihn „zivilisiert“ hat, und seinem davon geprägten „Gewissen“ ist das größte Abenteuer – Huck findet zu sich selbst, indem er sich gegen die konventionellen Normen der Sklavenhaltergesellschaft entscheidet. Am Ende von Kap. 33 folgt noch eine Reflexion auf das Gewissen: „Wenn ich ’nen Köter hätte, der nicht mehr Verstand hätte als ’n Gewissen, dann würd ich ihn vergiften.“ (S. 277)

Befreiung Jims

Die Abenteuer, die sich um die Befreiung Jims ranken (Kap. 35 ff.), stellen eher eine Parodie auf die von Tom Sawyer mehr oder weniger verstandene Abenteuerliteratur, speziell die erfolgreichen Romane Walter Scotts, dar – es sind ohne Rücksicht auf andere erfundene Spiele, die zu nichts führen: „Na, das Abenteuer wollt’ ich erleben – und bis zum Hals wär ich im Blut gewatet, um … Heiliger Bimbam – Tante Polly!“ (Kap. 42, S. 343).

Was kann man außerdem im Unterricht behandeln?

Ich nenne nur einige Stichworte:

  • die Charaktere;
  • die satirischen Züge (bürgerliches Leben; Unterhaltungsbedürfnis);
  • Rassismus;
  • Probleme des Übersetzens (ausgewählte Stellen);
  • Vergleich der Verfilmungen mit dem Romantext (ausgewählte Stellen).

Wenn man Hilfen im Internet sucht, ist es sinnvoll, neben dem deutschen Titel auch nach „The Adventures of Huckleberry Finn“ zu suchen.

  • Diesen Aufsatz habe ich zu einem Zeitschriftenartikel verarbeitet: Huckleberry Finns Abenteuer auf dem Weg zu sich selbst, in: Deutschunterricht, 69. Jg., Oktober 5-2016, S. 36 ff.

Zum Schluss, zur Erleichterung Ihrer Arbeit, einige Links:

http://contentserver.adobe.com/store/books/HuckFinn.pdf (engl. Text)

http://americanliterature.com/author/mark-twain/book/the-adventures-of-huckleberry-finn/chapter-1 (dito)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/huckleberry-finns-abenteuer-und-fahrten-1670/1 (1890: Henny Koch, dt. Übersetzung)

https://www.youtube.com/watch?v=iGIWs3sf7cg (Vorlesung, engl.)

http://www.cliffsnotes.com/literature/a/the-adventures-of-huckleberry-finn/the-adventures-of-huckleberry-finn-at-a-glance (große Analyse)

https://www.sparknotes.com/lit/huckfinn/canalysis.html (dito)

http://www.megaessays.com/essays/Satire.html (die Satire)

https://sites.google.com/site/huckfinnsatiresite/satire-in-huckleberry-finn/analysis (Analyse: Satire)

http://twain.lib.virginia.edu/wilson/slavery/mtslavhp.html (Sklaverei bei Mark Twain)

http://twain.lib.virginia.edu/huckfinn/huchompg.html (Material)

https://norberto42.wordpress.com/2010/04/21/mark-twain-huckleberry-finns-abenteuer-aufbau-schluss/ (Skizzen meines Unterrichts vor vielen Jahren)

http://sobratoenglish11.wikispaces.com/file/view/HF_Materials.pdf (Material für Lehrer)

http://www.bydewey.com/huck.html (research guide für Studenten – Links)

http://edsitement.neh.gov/lesson-plan/critical-ways-seeing-adventures-huckleberry-finn-context#sect-introduction (Anleitung zur kritischen Lektüre, für Studenten)

http://literatureguides.weebly.com/huckleberry-finn-study-guide.html (study guide für Schüler)

Filme:

https://www.youtube.com/watch?v=kB2CAlYEmEA (Spielfilm Teil 13)

https://www.youtube.com/watch?v=bbiHg6pFNRc (Spielfilm Teil 14)

https://www.youtube.com/watch?v=z3J-wXBd1h8 (Spielfilm Teil 15)

https://www.youtube.com/watch?v=92m4Lt0XYuI (Spielfilm Teil 16)

https://www.youtube.com/watch?v=ohu2zZhzfaQ (Spielfilm, Teil 17)

https://www.youtube.com/watch?v=ztP_A9X3F7s (Spielfilm Teil 18)

https://www.youtube.com/watch?v=esm81DkVNdE (Spielfilm Teil 19)

https://www.youtube.com/watch?v=diqbX_xTkiw (Spielfilm Teil 20)

https://www.youtube.com/watch?v=Dw9wOYclp90 (Film 1955, engl.)

https://www.youtube.com/watch?v=SqqwGWYE38c (Teil 4 – Huck Finn, ab ca. 22 min)

https://www.youtube.com/watch?v=3h8x8cV-A08 (Disney: Tom und Huck, ab ca. 32:40 – problematisch, stark verkürzt)

[i] Vgl. https://norberto42.wordpress.com/2015/10/18/twain-huckleberry-finns-abenteuer-kein-kinderbuch/

[ii] Ausgabe: Diogenes Taschenbuch 21370, 1985, S. 9 – Übersetzung von Lore Krüger

[iii] http://digitale-schule-bayern.de/dsdaten/18/790.html; vgl.

http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_gat/d_epik/strukt/erzpers/erzpers0.htm

http://www.li-go.de/definitionsansicht/prosa/erzaehltextanalyse.html (hier: Discours/Erzeugungstechnikjen)

http://www.fernuni-hagen.de/EUROL/termini/welcome.html (dort unter 9.2 Erzähltextanalyse)

https://www.uni-due.de/einladung/index.php?option=com_content&view=article&id=548%3A5-gattungen-und-textstrukturen-1-epik&catid=40%3Akapitel-5&Itemid=53 (v.a. 3. Wer erzählt?)

[iv] Rudolf Ginters hat diese Geschichte zu einer theologischen Reflexion der Bedeutung des Gewissens genutzt: Werte und Normen. Einführung in die philosophische und theologische Ethik. Göttingen/Düsseldorf 1982, S. 272 ff.

Enzensberger: Schwacher Trost – Analyse, Aufbau

Der Kampf aller gegen alle soll…

Den Text des Gedichtes (aus „Der Untergang der Titanic“, 1981, zwischen dem 17. und 18. Gesang) gibt es auf der Seite www.literaturundkunst.net/hans-magnus-enzensberger-„der-tausendsassa-gedichte-1950-2010/, allerdings ohne Stropheneinteilung (à 6 Verse) oder http://darl.eu/dichter/enzens_h/35.htm.

Dieses Gedicht ist um die Bücher „Leviathan“ (1651, von Thomas Hobbes) und „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ (1902, von Peter Kropotkin) und um die damit verbundenen Erfahrungen herum gebaut. Zuerst sollen deshalb kurz die beiden Bücher vorgestellt werden:

„Im Naturzustand wird der Mensch als frei von Einschränkungen der historischen Moral, der Tradition, des Staates oder etwa der Kirche vorgestellt. Aus Hobbes’ Menschenbild ergibt sich, dass in einem solchen Naturzustand Gewalt, Anarchie und Gesetzlosigkeit herrschen; die Menschen führen – in Hobbes negativem Weltbild – einen „Krieg aller gegen alle“ (bellum omnium contra omnes), in dem „der Mensch (…) dem Menschen ein Wolf [ist]“. […] Rein vernünftige Gesetze reichen nicht aus, um den Naturzustand zu beenden und den allgemeinen Frieden einzuleiten. Da sie aus Worten bestehen, seien sie nicht genügend furchteinflößend und wirkungsvoll, so Hobbes. Stattdessen erwächst diesem Zustand daher vielmehr die Notwendigkeit einer übergeordneten, allmächtigen Instanz, die die Einhaltung allgemeiner Gesetze gebietet und ihre Verletzung mit Strafen belegt. Indem die Gesetze allgemein gelten, besteht zwischen den Bürgern des Staates kein allgemeiner Anlass zur Furcht mehr – sie können erwarten, dass jeder vor ihnen die Strafen des Leviathans fürchtet. Dadurch bietet dieser Sicherheit und Schutz und ermöglicht eine Verfolgung der eigenen Leidenschaften innerhalb des durch die Gesetze gegebenen Rahmens.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Leviathan_%28Thomas_Hobbes%29, 13.07.2015)

Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt (englischer Originaltitel Mutual Aid: A Factor of Evolution) ist ein 1902 erschienenes Buch von Peter Kropotkin. Die Thesen herkömmlicher sozialdarwinistischer Auffassungen kritisierend, stellt er dem Kampf ums Dasein das Konzept der Gegenseitigen Hilfe gegenüber und sieht beide zusammen als Faktoren der Evolution. (https://de.wikipedia.org/wiki/Gegenseitige_Hilfe_in_der_Tier-_und_Menschenwelt, 13.07.2015)

Das Gedicht beginnt im Stil einer Nachricht (V. 2 f.) mit einer paradoxen Meldung, dass nämlich der „Kampf aller gegen alle“ demnächst verstaatlicht werde (V. 1-5), mit ausdrücklichem (ironischem) Bezug auf Hobbes (V. 6). Paradox ist diese Meldung deshalb, weil nach Hobbes der Kampf aller gegen alle durch die Institution des Staates und seine Gesetze (s.o.) gerade beendet werden sollte. Es folgt eine Art Kommentar (V. 7-12 bzw. 7-18): Hier wird erklärt, wieso im Staat der Kampf aller gegen alle fortgesetzt wird, „mit ungleichen Waffen“ (V. 7) wie Steuerklärung und Fahrradkette. Dass eine Fahrradkette eine Waffe sein kann, leuchtet ein; aber dass dies auch für die Steuererklärung gelten soll, überrascht ein wenig – ein wenig nur, weil es indirekt eine Erklärung Brechts aufgreift: „Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes?“ – Die Dreigroschenoper (Druckfassung 1931), III, 9 (Mac) Mit einer falschen Steuererklärung kann ein Reicher entsprechend Steuern sparen und so den Armen, der darauf angewiesen ist, bekämpfen (V. 8 f.). Dass die Gründung von Gewerkschaften für Verbrecher erwogen wird (V. 10-12), spitzt die Unrechtmäßigkeit des Rechtsstaats paradox zu.

Der Kommentar wird satirisch fortgesetzt (V. 13-18): Dass man Kropotkins Buch im Knast lesen kann, was als „aufgeschlossen bis dort hinaus“ (V. 13) bewertet wird, ist ein Widerspruch in sich: Kropotkin zu lesen hilft einem Häftling nämlich überhaupt nichts (vgl. V. 18 – dieser Vers gibt die Überschrift ab).

V. 19-30 hat den Charakter eines Statements oder einer Verlautbarung („Wir haben mit Bedauern vernommen…“): dass es Gerechtigkeit weder gibt noch je geben wird, wo doch Gerechtigkeit herzustellen eine Haupträson des Staates ist. Die Spekulation über die möglichen Ursachen dieses Defizits (V. 25 ff.) ist massiv satirisch: Hier werden Dinge zusammengestellt, die nichts miteinander zu tun haben. Der satirische Ton beherrscht auch die Fortsetzung im Stil eines Kommentars (V. 31-36 – hier bezeichnet das Pronomen „wir“ alle Menschen), einmal einer makabren Zuspitzung (V. 33 f.), sodann in der Bewertung, dass eine Erklärung unserer Wildheit zu finden (statt sie abzustellen, also die Verhältnisse zu ändern!) schön wäre, „Balsam für die Vernunft“ (V. 36) – nein, Balsam und Zeichen von Vernunft wäre es, die scheußlichen Unmenschlichkeiten zu verhindern.

Es folgt ein großes Finale voller Zynismus, darin dem letzten Kommentar (V. 31 ff.) verwandt: dass die tägliche Scheußlichkeit uns wenig (w-Alliteration) wundert (wenn auch ein bisschen stört), dass aber alle Akte von gegenseitiger Hilfe (s. Kropotkin!) „rätselhaft“ anmuten (V. 39 bzw. 39-42). Es folgen einige Beispiele, die als lobenswert bezeichnet werden (V. 43 ff.) – und dann ein harter Schnitt: „und wir legen die Zeitung weg“ (V. 55). Dass wir solche Taten der Zeitung entnehmen, zeigt, dass sie uns bloß zur Unterhaltung dienen, aber nicht als Vorbilder; dass sie nicht unserer realen Erfahrung entstammen wie „die tägliche Scheußlichkeit“ (V. 37). Wir „freuen uns, achselzuckend“ (V. 56), darüber, sie gehen uns nichts an. Das wird durch den abschließenden Vergleich vollends deutlich: Solche Nachrichten konsumieren wir wie einen Schmachtfetzen im Kino (V. 57 ff.), danach gehen wir zurück in die reale Welt, können endlich eine Zigarette rauchen – und uns wieder dem Kampf gegen alle anderen widmen.

Enzensberger: Lied von denen auf die alles zutrifft und die alles schon wissen – Analyse

Daß etwas getan werden muß und zwar sofort…

Text: http://mcn.privat.t-online.de/enz_und.htm (ohne Stropheneinteilung)

http://www.babilonhu.net/works/de/Enzensberger,_Hans_Magnus-1929/Lied_von_denen,_auf_die_alles_zutrifft_und_die_alles_schon_wissen

Das Gedicht stammt aus dem Jahr 1967, es stand zuerst in „Gedichte 1955-1970“ (Rezension der FAZ hier). Es stellt eine Sammlung von Redensarten dar, die nur in bestimmten Situationen sinnvoll sind (z.B. „Es muss etwas getan werden, und zwar sofort!“); Enzensberger resp. der Sprecher des Gedichts hat diese Redenarten jedoch ohne jeden Situationsbezug miteinander kombiniert – wodurch sie eo ipso sinnlos sind – und ans Strophenende dann stereotyp die Formel „das wissen wir schon“ gesetzt (in der Regel einmal, einmal zwei- und einmal dreimal). Das ergibt dann ein „Lied von denen auf die alles zutrifft und die alles schon wissen“. Streng genommen trifft „alles“ nicht auf Leute, sondern auf Situationen zu; aber diese Feinheit können wir übergehen.

Das Gedicht hat satirische Züge, wie sich aus der Verbindung der Redewendungen ergibt: Da sind einmal Wendungen kombiniert, die einander direkt widersprechen (dass es zu früh und gleichzeitig zu spät ist, etwas zu tun, V. 3 f., wo doch sofort etwas getan werden muss, V. 1; oder die 9. / 10. Str.); zweitens sind Wendungen miteinander kombiniert, die von der Kategorie her nicht zueinander passen (dieses Problem gründlich analysieren müssen / zwei Stück Zucker in den Tee tun, 6. Str.; auch die 7. Str.); drittens ergeben sich aus der zufälligen Kombination der Floskeln gelegentlich scheinbar sinnvolle Abfolgen, ebenfalls in der 6. Strophe: „und daß wir die Wahl haben zwischen nichts und wieder nichts / und daß wir dieses Problem gründlich analysieren müssen“. Oder auch sehr schön: „und daß wir jedesmal recht behalten werden / und daß daraus nichts folgt“ (8. Str.). Einmal gibt es eine Abfolge zweier Sätze über drei Strophen (11. – 13. Str.), die in Kombination und Negation die spielerische Art dieses „Dichtens“ offenbart.

Einen besonderen Hinweis verdient die sachlich sinnlose Umformung der Redensart „Wir haben jedesmal recht behalten“ ins Futur: „und daß wir jedesmal recht behalten werden“ (8. Str.): Erst nachträglich kann man sagen, dass man recht behalten hat; wenn man das schon vorab „weiß“, wird die Sinnlosigkeit der Floskel offenbar. Vielleicht ist das überhaupt der Sinn dieses Gedichts: Floskeln des täglichen Lebens zu entlarven – obwohl sie ja nicht sinnlos sein müssen, wenn sie in bestimmten Situationen gebraucht werden; vielleicht wird hier aber auch einfach nur mit der Sprache gespielt, und Spielen soll Spaß machen, aber nicht unbedingt einen (anderen) Sinn haben. Dafür spricht auch die letzte Strophe, wo sich in einer Art Selbstbezug das Spiel überschlägt: „und daß wir das schon wissen / das wissen wir schon“.

Das Gedicht ist in mehrere Sprachen übersetzt, wie man leicht herausbekommt, wenn man die Überschrift in die Suchmaske eingibt. – Wenn man die Technik der Kombination der Redewendungen versteht, kann man leicht ähnliche Texte fabrizieren; leider werden sie kaum gedruckt, wenn man nicht Enzensberger heißt.

Enzensberger: Über die Schwierigkeiten der Umerziehung – Analyse

Einfach vortrefflich…

Text: http://cmo.jmf-gym.org/index.php?option=com_content&view=article&id=7&Itemid=148&jsmallfib=1&dir=JSROOT/Gedichte&download_file=JSROOT/Gedichte/Enzensberger%2C+Umerziehung.pdf

http://www.zeit.de/1982/22/verteidugung-der-normalitaet/seite-4 (dort S. 4 ff.)

http://www.redemptoristen.com/index.php?id=180&programm=173

Vorab sind einige Dinge zu klären, damit man dieses Gedicht aus dem Band „Gedichte 1955-1970“ (1971) richtig versteht. Zuerst muss die Bedeutung des Wortes „Umerziehung“ untersucht werden: Dahinter steht die Vorstellung, dass jemand falsch erzogen worden ist und jetzt von jemandem, der es besser weiß, richtig oder gut erzogen werden soll (und dahinter steht die „progressive“ Vorstellung von der grundsätzlichen Erziehbarkeit des Menschen, auch des Erwachsenen – gegenüber einer Anschauung, die eher an „Charakter“ oder „Natur“ denkt). In der politischen Wirklichkeit gab es (und gibt es heute noch) in kommunistischen Staaten Umerziehungslager, in denen „Asoziale“ oder Dissidenten durch Arbeit, „Schulung“ (Indoktrination) und Terror auf Linie gebracht werden sollen; wie weit es solche Lager (statt bloßer Vernichtungslager) im Dritten Reich gab, braucht hier nicht diskutiert zu werden.

https://de.wikipedia.org/wiki/Umerziehung

http://de.wikimannia.org/Umerziehung

http://universal_lexikon.deacademic.com/23905/Umerziehung

http://www.mydict.com/Wort/Umerziehungslager/ („Umerziehungslager“)

https://de.wikipedia.org/wiki/Umerziehungslager_Kae%E2%80%99ch%C5%8Fn (Nordkorea heute)

http://www.pi-news.net/2011/04/umerziehungslager-fur-homosexuelle-in-malaysia/ (Malaysia)

http://www.taz.de/!5051897/ (China)

http://www.igfm.de/news-presse/aktuelle-meldungen/detailansicht/?tx_ttnews[tt_news]=2456&cHash=e5c5db43f4bff8832418afe7890e65b3 (dito)

https://de.wikipedia.org/wiki/Jugendwerkhof (DDR)

http://www.zdf.de/zdfinfo/trauma-umerziehung-heimkinder-in-der-ddr-35164344.html (DDR)

http://unterlinken.de/tag/kommunismus/

http://www.nordbayern.de/region/neumarkt/nazi-lager-in-kastl-das-schicksal-der-gestohlenen-kinder-1.3887036?rssPage=TmV1bWFya3Q= (Nazis)

http://www.zdruzenje-zrtev.si/slike/ausstellungs_panos/pano_13.pdf (dito)

http://antifaworms.blogsport.de/nazis-hier/kz-osthofen/ (dito: Beschönigung)

Danach ist der Begriff der Perspektive zu klären. Im Gedicht „Über die Schwierigkeiten der Umerziehung“ denken oder sprechen u.a. revolutionäre linke (kommunistische) Kader, welche sich über die mangelnde Begeisterung der normalen Leute aufregen (V. 23-25) – ein „Defizit“, dem man als ordentlicher Revolutionär mittels Umerziehung abhelfen möchte: Man kämpft ja vermeintlich für die gerechte Sache und für die Befreiung der Unterdrückten, da muss man den allzu Langsamen auf die Sprünge helfen.

Drittens ist schließlich die Position eines Autors von der Perspektive und Position seiner Figuren zu unterscheiden, was vielen Leuten schwerfällt, wenn in einem Text eine Ich-Perspektive angeboten wird – da meinen sie gleich die Stimme des Autors zu hören. Ich möchte das am Beispiel von „Huckleberry Finns Abenteuer“ verdeutlichen: Dort spricht der sympathische Außenseiter Huck als „ich“ – aber niemand wird annehmen dürfen, er vertrete die Auffassungen Mark Twains; im Gegenteil, die Differenz zwischen den beiden Perspektiven oder zwischen der Perspektive Huckleberrys und der der Leser macht den Reiz des Buches aus. Was man an diesem Beispiel versteht, muss man konsequent auch auf Gedichte und andere fiktionale Texte anwenden (und grundsätzlich sogar auf Sachtexte – für die Reden von Politikern versteht sich das von selbst; aber das soll hier nicht diskutiert werden).

Damit kommen wir zum Gedicht „Über die Schwierigkeiten der Umerziehung“ (1969, so die ZEIT). Hier spricht oder denkt zunächst jemand, der die revolutionären Ideale, „all diese großen Pläne“ (V 2), kennt und sie „vortrefflich“ und sogar „einleuchtend“ findet (V. 1, 6 – „ich“, wie sich aus V. 34 ergibt). Am besten nimmt man in der 2. Strophe einen anderen Sprecher an: einen der Kämpfer für „das Goldene Zeitalter“ (V. 3), der angesichts des Lobes (1. Str.) seinem Ärger darüber Luft macht, dass es mit der Verwirklichung der „großen Pläne“ (V. 2) nicht klappt: Die Leute sind daran schuld, sagt er vorwurfsvoll (2. Str.). – Das ist aus höherer (Leser- und Autor)Perspektive ein Witz, weil die Revolution ja angeblich zugunsten der Leute gemacht werden soll.

In den beiden folgenden Strophen werden die vorwurfsvollen Klagen der revolutionär Begeisterten konkretisiert: Dabei ergibt sich eine merkwürdige Verschiebung zwischen den erhabenen Idealen (Befreiung, gerechte Sache) und den konkreten Interessen der Leute (zum Friseur gehen, ein Bier trinken usw.) – das ist ein untrügliches Zeichen für eine Satire: Der Autor macht sich über diese Klagen zusammen mit seinen vernünftigen Lesern lustig. Das zeigt sich auch in V. 12, wo den Leuten die Aufgabe zugewiesen wird, „begeistert hinter der Vorhut herzutrippeln“, also weiterhin unmündig sich lenken und „führen“ zu lassen (statt die Sache selber in die Hand zu nehmen) – das Problem einer jeden Befreiung der Unterdrückten durch eine revolutionäre Elite. In der 4. Strophe wird das Fazit gezogen, wobei V. 21 doppeldeutig ist, also wörtlich und metaphorisch zu lesen ist – eine alltägliche banale Redewendung, welche die hohen Theorien der Revolutionäre ad absurdum führt, ebenso wie V. 22. Der Unmut der so enttäuschten Revolutionäre macht sich danach (in der 5. Str.) Luft: Hier werden „revolutionäre“ Tiraden losgelassen, hier werden die Menschen beschimpft – umerziehen müsste man sie alle, wenn es mit der Revolution noch etwas geben soll!

Dagegen wendet sich der Ich-Sprecher: „Man kann sie doch nicht alle umbringen! Man kann doch nicht den ganzen Tag auf sie einreden!“ (V. 26 f.) Er lehnt die Umerziehung ab. In der letzten Strophe antwortet die andere Seite darauf und zieht ihren ideologischen Gewinn aus dem Einwand: Wir haben natürlich recht, aber die Leute mit ihren kleinlichen Alltagsproblemen hindern uns daran, unsere richtigen Pläne zu verwirklichen: „Ja, wenn die Leute nicht wären / dann sähe die Sache schon anders aus.“ (V. 28 f.) Aus höherer Perspektive (Leser, Autor) offenbart sich hier die bornierte Rechthaberei der Revolutionäre, die Haltlosigkeit ihres politischen Geschwätzes. Das wird auch im letzten Satz deutlich, wo erstmals der eine Sprecher als „ich“ auftritt: Er gehört zu den Leuten mit ihren Alltagssorgen, er möchte deshalb „hier nicht weiter stören“ (V. 34), er lässt die Revolutionäre weiter schwadronieren.

Das Gedicht ist untypisch für Enzensberger, der selber oft genug über die dem Konsum verfallenen Kleinbürger herzieht („Middle Class Blues“ u.a.); es ist ein sympathisches Gedicht, das sich 1969 kritisch auf die revolutionäre Begeisterung der Studenten bezieht und das auch die spätere Brutalität der RAF und die heutige des IS als verbohrte Rechthaberei entlarvt.

http://www.sezession.de/2423/ueber-die-schwierigkeiten-der-umerziehung-normalismus-1.html (Bemerkungen zum Gedicht)

https://60erprojekt.wordpress.com/2015/01/29/h-m-enzensberger-uber-die-schwierigkeiten-der-umerziehung-1960/ (grandioses Missverständnis des Gedichts)

http://friedrich-schorlemmer.de/docs/WWW.Wittenberg.Wolfenb%C3%BCttel.Weimar.pdf (von Schorlemmer im Rahmen eines Vortrags zitiert)