Huckleberry Finns Abenteuer – ein Abenteuerroman?

Diesen Aufsatz habe ich in didaktischer Absicht im Herbst 2015 verfasst:

Um dem Missverständnis, „Huckleberry Finns Abenteuer“ sei ein Kinderbuch, vorzubeugen, möchte ich zu Beginn kurz die Perspektive des Ich-Erzählers untersuchen und zeigen, was deren Verwendung leistet.[i] Huckleberry, der Ich-Erzähler, führt sich ausdrücklich als bloß literarische Figur ein: „Ihr wißt noch nichts von mir, wenn ihr nicht ein Buch gelesen habt“, welches allerdings „ein wahres Buch ist, mit ein paar Flunkereien“[ii] – ein Spiel mit der Fiktionalität. Ohne eine theoretische Diskussion anzetteln zu wollen, nenne ich in Anlehnung an Claudio Mende[iii] einige Stichwörter zur ersten Orientierung:

Erzählperspektive

  • Sie resultiert aus dem Standort (Blickwinkel, Blickdistanz, Außen-/Innensicht), von dem aus Handlungen und Geschehen beobachtet werden, und der Haltung (Einstellung) des Erzählers.
  • Die Wahrnehmung der fiktiven Wirklichkeit wird bestimmt vom Blickwinkel (point of view) des Erzählers.
  • Die Haltung des Erzählers kann von Zustimmung, Objektivität, Skepsis bis hin zur Distanziertheit reichen.

Ich-Erzählsituation

  • Anschauung und Blickwinkel nur einer Person (=> Unmittelbarkeit/ Authentizität);
  • Erzähler steht als Figur unter Figuren der Handlung;
  • berichtende Erzählweise;
  • erzählendes Ich in zeitlicher Distanz zu erlebenden Ich;
  • Ich-Erzähler kann zu seinem vergangenen Verhalten Stellung nehmen und es kommentieren.

Wenn man den Bericht des Ich-Erzählers Huckleberry Finn betrachtet, fällt gleich zu Beginn (1. Kapitel) seine Distanz zur bürgerlichen Welt auf:

  • Die Witwe Douglas will ihn „siwilisieren“ (alle Belege aus dem 1. Kapitel), aber ein solches Leben ist für Huck „scheußlich regelmäßig und anständig“. Als er wieder in seine Lumpen und seine Zuckertonne steigt, ist er „frei und zufrieden“.
  • Im Bericht vom geregelten Leben beklagt er, dass er pünktlich zum Abendbrot kommen musste.
  • Er hat kein Verständnis für das Tischgebet: Die Witwe beugt ihren Kopf und hat „n’bißchen über das Essen gebrummelt“.
  • Eintopf, in dem alles verschwimmt, ist ihm lieber als bürgerliches Essen.
  • Er versteht die biblische Unterweisung nicht („Moses und die Bimsen“) und hat kein Interesse an Moses, weil der „schon ’ne beträchtliche Weile tot ist“ und Huck sich für Tote nun mal nicht interessiert.
  • Dass er nicht rauchen darf, kritisiert er einmal im Vergleich zu Moses (Rauchen ist für etwas gut, Moses nicht), dann mit Bezug auf die Witwe (Sie hat vom Rauchen keine Ahnung, schnupft jedoch, „aber das war natürlich richtig, weil sie’s machte“).

Huck lebt ganz in der Gegenwart, frei von Konventionen und Sorgen, ohne Pläne für die Zukunft. In Hucks Sicht – in Darstellung, Wortwahl und Kommentaren – erscheint das bürgerliche Leben verfremdet, es verliert den Status des Selbstverständlichen; das kann auf den bürgerlichen Leser humoristisch wirken (und dann als Kinderbuch verniedlicht werden), kann aber auch zu scharfer Satire werden: z.B. in der Darstellung der Grangerfords im 17. und 18. Kapitel, etwa bei der todessüchtigen Dichtung der Tochter und der sinnlosen Fehde zwischen den „frommen“ Familien.

Welche Abenteuer erlebt nun dieser kleine Außenseiter Huckleberry Finn? Ich untersuche exemplarisch einige Beispiele, wobei der Kampf mit dem Gewissen das größte Abenteuer Hucks ist.

Vorspiel: Gründung einer Räuberbande (Kap. 2)

Bei der Gründung der Räuberbande durch Tom Sawyer gibt es eine Reihe von Schwierigkeiten, welche das erzählte Geschehen ironisch brechen:

* Huck Finn kann mit Mühe Miss Watson als Familienmitglied zum Töten anbieten;

* die Jungen wollen ehrliche Wegelagerer statt einfache Diebe sein und sich nur mit Raub und Totschlag abgeben;

* sie halten am „Auslösen“ von Gefangenen fest, obwohl sie nicht wissen, was das ist – doch der Bezug auf die Bücher muss gewahrt bleiben;

* gegen den Einspruch Ben Rogers’ wird an nächtlichen Wachen festgehalten, „wie’s der Regel entspricht“ (S. 19);

* Tommy Barnes wird mit 5 Cent bestochen, trotz seiner Angst bei der Bande zu bleiben;

* Ben Rogers drängt darauf, sonntags nicht zu rauben und zu morden – „es sonntags zu machen wäre ’ne Sünde“ (S. 19).

Folgerichtig berichtet Huck im nächsten Kapitel: „Ungefähr ’nen Monat lang spielten wir ab und zu Räuber, und dann trat ich aus.“ (S. 22) Wir finden Tom Sawyer als denjenigen vor, der Abenteuerbücher kennt und darauf aus ist, selber solche Abenteuer im Spiel zu erleben; indirekt werden damit die in Kap. 35-40/41 erzählten Ereignisse vorbereitet (der etwas gekünstelte Ausstieg aus der großen Fahrt auf dem Mississippi, dem Handlungsgerüst des Romans).

Die ersten Kapitel des Romans (1-4) kann man als Einleitung betrachten; erst als Hucks Vater auftaucht (letzter Satz im 4. Kapitel), wird es spannend. Toms Abenteuervorstellungen (Kap. 2) unterscheiden sich von den Abenteuern, die Huckleberry Finn tatsächlich erlebt; das soll im Folgenden an drei Beispielen gezeigt werden.

Der Ausbruch (Kap. 6, 7)

Nach dem gescheiterten Versuch des Richters, den alten Finn vom Alkohol abzubringen und in die gute Gesellschaft aufzunehmen (Kap. 5), wird Huck von seinem Vater aus der „zivilisierten“ Welt entführt; das wilde Leben des Säufers Finn ist die Gegenwelt, aus der Huck stammt und in die er wieder eintaucht. Als es für ihn dort lebensgefährlich wird, muss er sich retten und aus der Welt des verkommenen Vaters ausbrechen.

  • Huck bekommt bald Prügel und wird eingesperrt;
  • mit einer Säge bereitet er den Ausbruch vor;
  • aufgrund einer Drohung des Vaters schmiedet er einen Fluchtplan;
  • im Delirium tobt der Vater und verfolgt Huck als seinen „Todesengel“ mit einem Messer;
  • am nächsten Morgen fängt Huck ein treibendes Kanu ein und bekommt eine Idee, wie er sich künftig vor Verfolgung schützen kann;
  • als er eingesperrt wird, sägt er das Loch in den Bohlen fertig und ist frei;
  • er packt Vorräte und Geräte ins Kanu;
  • er legt falsche Spuren; dabei gibt es einen (ironischen) Bezug auf Tom Sawyer („Ich wünschte, Tom Sawyer wäre da; ich wußte, der würde sich für so was interessieren und noch ’n paar Feinheiten dazutun…“, S. 46 – Kap. 7)
  • am Abend plant er, zur Jackson-Insel zu fahren;
  • er schläft ein, der Vater kommt zurück (Gefahr!);
  • er fährt ab, kommt auf der Jackson-Insel an und legt sich schlafen.

Ergebnis: In der Welt des heruntergekommenen Säufers drohen dem Sohn reale Gefahren; wie er sich daraus auf die Jackson-Insel rettet, ist das erste große Abenteuer Huckleberry Finns.

Mit der Insel betritt er ein Zwischenreich zwischen der zivilisierten Welt und der Welt des Flusses, wo er den entlaufenen Sklaven Jim trifft; als er von Frau Loftus erfährt, dass einige Männer hinter Jim her sind (Kap. 11), bricht er mit Jim in der Nacht mit einem Floß zur großen Fahrt auf dem Mississippi auf – ein Thema und zugleich das Handlungsgerüst des Romans.

Abenteuer auf dem Wrack (Kap. 12,13)

Huck berichtet, wie sie sich nachts auf ihrem Floß auf dem Mississippi treiben lassen (Kap. 12); während eines Gewitters stoßen sie in der fünften Nacht auf ein Wrack.

  • Mit dem Bezug auf Tom Sawyer rechtfertigt Huck seine Entscheidung, das Wrack zu untersuchen („Glaubst du vielleicht, Tom Sawyer würde so ’ne Gelegenheit vorbeigehen lassen? Pustekuchen! Der nicht. Er würd’s ein Abenteuer nennen…“, S. 86 und noch einmal S. 87).
  • Sie treffen unverhofft auf Gauner (Bill und Jake gegen Jim Turner);
  • Huck hört ein Gespräch zwischen Bill und Jake in unmittelbarer Nähe (Koje);
  • das Floß ist abgetrieben, doch Huck und Jim finden ein Boot;
  • die Gauner setzen sich ins Boot (Gefahr!), aber gehen aufs Wrack zurück;
  • Jim und Huck fahren mit dem Boot ab;
  • Huck schmiedet einen Plan, wie er die Mörder Bill und Jake bestrafen lassen kann;
  • sie finden ihr Floß wieder.

Es folgt ein Nachtrag, wie Huck an Land geht und eine Lügengeschichte erzählt, um die Wrackbesatzung zu retten, was jedoch scheitert – nett ist dabei die satirische Bemerkung über Schufte und Taugenichtse („die Art Leute, für die sich die Witwe und die guten Menschen am meisten interessieren“, S. 95); Huck kehrt zu Jim zurück.

Ergebnis: Das Erlebnis auf dem Wrack ist eines der typischen Abenteuer, die man auf dem Fluss erleben kann; Jims Gefährdung durch die Sklavenjäger (Kap. 16) ist kein typisches Flussabenteuer, bereitet jedoch die erste Auseinandersetzung mit dem „Gewissen“ vor (Kap. 16, vgl. Kap. 31).

Was Huck an Land bei den Grangerfords sowie mit Herzog und König erlebt, fällt eher unter satirische Gesellschaftskritik als unter „Abenteuer“.

Der Kampf mit dem Gewissen[iv] (Kap. 31)

Als Huck mit Jim sich von König und Herzog absetzen will, merkt er, dass Jim fort ist; der „König“ hat ihn verraten (mit Hilfe der Suchmeldung, die zum Schutz Jims gedruckt worden war, Kap. 20) und sich ordentlich besoffen. Huck denkt nach:

  • Er will Jim an Miss Watson verraten, damit dieser wenigstens zu Hause Sklave sein kann;
  • er verwirft diesen Plan, weil er dann als „Niggerhelfer“ gelten könnte;
  • er verallgemeinert seine Bedenken: „So ist das nun – man tut was Niedriges, und dann will man die Folgen nicht tragen.“ (S. 254)
  • Er bekommt Gewissensbisse wegen seines Vorhabens;
  • ihn trifft die Erleuchtung, vom Himmel aus beobachtet und geschlagen zu werden;
  • das Beten klappt nicht, weil er nach eigener Einsicht an seiner „Sünde“ festhält;
  • er schreibt dann den Brief an Miss Watson und hat das Gefühl, rein zu sein;
  • er denkt nach, erinnert sich an Jim und die Fahrt auf dem Fluss, an Jims Menschlichkeit und Herzlichkeit,
  • entscheidet sich deshalb für seinen Freund Jim und damit für die „Hölle“, er zerreißt den Brief;
  • er wählt endgültig das (nach den Normen St. Petersburgs) schlechte Leben und die Befreiung Jims;
  • er schmiedet einen Plan … und scheitert, als er den König trifft.

Ergebnis: Der Kampf mit den Normen der Südstaaten, in denen man ihn „zivilisiert“ hat, und seinem davon geprägten „Gewissen“ ist das größte Abenteuer – Huck findet zu sich selbst, indem er sich gegen die konventionellen Normen der Sklavenhaltergesellschaft entscheidet. Am Ende von Kap. 33 folgt noch eine Reflexion auf das Gewissen: „Wenn ich ’nen Köter hätte, der nicht mehr Verstand hätte als ’n Gewissen, dann würd ich ihn vergiften.“ (S. 277)

Befreiung Jims

Die Abenteuer, die sich um die Befreiung Jims ranken (Kap. 35 ff.), stellen eher eine Parodie auf die von Tom Sawyer mehr oder weniger verstandene Abenteuerliteratur, speziell die erfolgreichen Romane Walter Scotts, dar – es sind ohne Rücksicht auf andere erfundene Spiele, die zu nichts führen: „Na, das Abenteuer wollt’ ich erleben – und bis zum Hals wär ich im Blut gewatet, um … Heiliger Bimbam – Tante Polly!“ (Kap. 42, S. 343).

Was kann man außerdem im Unterricht behandeln?

Ich nenne nur einige Stichworte:

  • die Charaktere;
  • die satirischen Züge (bürgerliches Leben; Unterhaltungsbedürfnis);
  • Rassismus;
  • Probleme des Übersetzens (ausgewählte Stellen);
  • Vergleich der Verfilmungen mit dem Romantext (ausgewählte Stellen).

Wenn man Hilfen im Internet sucht, ist es sinnvoll, neben dem deutschen Titel auch nach „The Adventures of Huckleberry Finn“ zu suchen.

  • Diesen Aufsatz habe ich zu einem Zeitschriftenartikel verarbeitet: Huckleberry Finns Abenteuer auf dem Weg zu sich selbst, in: Deutschunterricht, 69. Jg., Oktober 5-2016, S. 36 ff.

Zum Schluss, zur Erleichterung Ihrer Arbeit, einige Links:

http://contentserver.adobe.com/store/books/HuckFinn.pdf (engl. Text)

http://americanliterature.com/author/mark-twain/book/the-adventures-of-huckleberry-finn/chapter-1 (dito)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/huckleberry-finns-abenteuer-und-fahrten-1670/1 (1890: Henny Koch, dt. Übersetzung)

https://www.youtube.com/watch?v=iGIWs3sf7cg (Vorlesung, engl.)

http://www.cliffsnotes.com/literature/a/the-adventures-of-huckleberry-finn/the-adventures-of-huckleberry-finn-at-a-glance (große Analyse)

https://www.sparknotes.com/lit/huckfinn/canalysis.html (dito)

http://www.megaessays.com/essays/Satire.html (die Satire)

https://sites.google.com/site/huckfinnsatiresite/satire-in-huckleberry-finn/analysis (Analyse: Satire)

http://twain.lib.virginia.edu/wilson/slavery/mtslavhp.html (Sklaverei bei Mark Twain)

http://twain.lib.virginia.edu/huckfinn/huchompg.html (Material)

https://norberto42.wordpress.com/2010/04/21/mark-twain-huckleberry-finns-abenteuer-aufbau-schluss/ (Skizzen meines Unterrichts vor vielen Jahren)

http://sobratoenglish11.wikispaces.com/file/view/HF_Materials.pdf (Material für Lehrer)

http://www.bydewey.com/huck.html (research guide für Studenten – Links)

http://edsitement.neh.gov/lesson-plan/critical-ways-seeing-adventures-huckleberry-finn-context#sect-introduction (Anleitung zur kritischen Lektüre, für Studenten)

http://literatureguides.weebly.com/huckleberry-finn-study-guide.html (study guide für Schüler)

Filme:

https://www.youtube.com/watch?v=kB2CAlYEmEA (Spielfilm Teil 13)

https://www.youtube.com/watch?v=bbiHg6pFNRc (Spielfilm Teil 14)

https://www.youtube.com/watch?v=z3J-wXBd1h8 (Spielfilm Teil 15)

https://www.youtube.com/watch?v=92m4Lt0XYuI (Spielfilm Teil 16)

https://www.youtube.com/watch?v=ohu2zZhzfaQ (Spielfilm, Teil 17)

https://www.youtube.com/watch?v=ztP_A9X3F7s (Spielfilm Teil 18)

https://www.youtube.com/watch?v=esm81DkVNdE (Spielfilm Teil 19)

https://www.youtube.com/watch?v=diqbX_xTkiw (Spielfilm Teil 20)

https://www.youtube.com/watch?v=Dw9wOYclp90 (Film 1955, engl.)

https://www.youtube.com/watch?v=SqqwGWYE38c (Teil 4 – Huck Finn, ab ca. 22 min)

https://www.youtube.com/watch?v=3h8x8cV-A08 (Disney: Tom und Huck, ab ca. 32:40 – problematisch, stark verkürzt)

[i] Vgl. https://norberto42.wordpress.com/2015/10/18/twain-huckleberry-finns-abenteuer-kein-kinderbuch/

[ii] Ausgabe: Diogenes Taschenbuch 21370, 1985, S. 9 – Übersetzung von Lore Krüger

[iii] http://digitale-schule-bayern.de/dsdaten/18/790.html; vgl.

http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_gat/d_epik/strukt/erzpers/erzpers0.htm

http://www.li-go.de/definitionsansicht/prosa/erzaehltextanalyse.html (hier: Discours/Erzeugungstechnikjen)

http://www.fernuni-hagen.de/EUROL/termini/welcome.html (dort unter 9.2 Erzähltextanalyse)

https://www.uni-due.de/einladung/index.php?option=com_content&view=article&id=548%3A5-gattungen-und-textstrukturen-1-epik&catid=40%3Akapitel-5&Itemid=53 (v.a. 3. Wer erzählt?)

[iv] Rudolf Ginters hat diese Geschichte zu einer theologischen Reflexion der Bedeutung des Gewissens genutzt: Werte und Normen. Einführung in die philosophische und theologische Ethik. Göttingen/Düsseldorf 1982, S. 272 ff.

Enzensberger: Schwacher Trost – Analyse, Aufbau

Der Kampf aller gegen alle soll…

Den Text des Gedichtes (aus „Der Untergang der Titanic“, 1981, zwischen dem 17. und 18. Gesang) gibt es nur auf der Seite www.literaturundkunst.net/hans-magnus-enzensberger-„der-tausendsassa-gedichte-1950-2010/, allerdings ohne Stropheneinteilung (à 6 Verse).

Dieses Gedicht ist um die Bücher „Leviathan“ (1651, von Thomas Hobbes) und „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ (1902, von Peter Kropotkin) und um die damit verbundenen Erfahrungen herum gebaut. Zuerst sollen deshalb kurz die beiden Bücher vorgestellt werden:

„Im Naturzustand wird der Mensch als frei von Einschränkungen der historischen Moral, der Tradition, des Staates oder etwa der Kirche vorgestellt. Aus Hobbes’ Menschenbild ergibt sich, dass in einem solchen Naturzustand Gewalt, Anarchie und Gesetzlosigkeit herrschen; die Menschen führen – in Hobbes negativem Weltbild – einen „Krieg aller gegen alle“ (bellum omnium contra omnes), in dem „der Mensch (…) dem Menschen ein Wolf [ist]“. […] Rein vernünftige Gesetze reichen nicht aus, um den Naturzustand zu beenden und den allgemeinen Frieden einzuleiten. Da sie aus Worten bestehen, seien sie nicht genügend furchteinflößend und wirkungsvoll, so Hobbes. Stattdessen erwächst diesem Zustand daher vielmehr die Notwendigkeit einer übergeordneten, allmächtigen Instanz, die die Einhaltung allgemeiner Gesetze gebietet und ihre Verletzung mit Strafen belegt. Indem die Gesetze allgemein gelten, besteht zwischen den Bürgern des Staates kein allgemeiner Anlass zur Furcht mehr – sie können erwarten, dass jeder vor ihnen die Strafen des Leviathans fürchtet. Dadurch bietet dieser Sicherheit und Schutz und ermöglicht eine Verfolgung der eigenen Leidenschaften innerhalb des durch die Gesetze gegebenen Rahmens.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Leviathan_%28Thomas_Hobbes%29, 13.07.2015)

Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt (englischer Originaltitel Mutual Aid: A Factor of Evolution) ist ein 1902 erschienenes Buch von Peter Kropotkin. Die Thesen herkömmlicher sozialdarwinistischer Auffassungen kritisierend, stellt er dem Kampf ums Dasein das Konzept der Gegenseitigen Hilfe gegenüber und sieht beide zusammen als Faktoren der Evolution. (https://de.wikipedia.org/wiki/Gegenseitige_Hilfe_in_der_Tier-_und_Menschenwelt, 13.07.2015)

Das Gedicht beginnt im Stil einer Nachricht (V. 2 f.) mit einer paradoxen Meldung, dass nämlich der „Kampf aller gegen alle“ demnächst verstaatlicht werde (V. 1-5), mit ausdrücklichem (ironischem) Bezug auf Hobbes (V. 6). Paradox ist diese Meldung deshalb, weil nach Hobbes der Kampf aller gegen alle durch die Institution des Staates und seine Gesetze (s.o.) gerade beendet werden sollte. Es folgt eine Art Kommentar (V. 7-12 bzw. 7-19): Hier wird erklärt, wieso im Staat der Kampf aller gegen alle fortgesetzt wird, „mit ungleichen Waffen“ (V. 7) wie Steuerklärung und Fahrradkette. Dass eine Fahrradkette eine Waffe sein kann, leuchtet ein; aber das dies auch für die Steuererklärung gelten soll, überrascht ein wenig – ein wenig nur, weil es indirekt eine Erklärung Brechts aufgreift: „Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes?“ – Die Dreigroschenoper (Druckfassung 1931), III, 9 (Mac) Mit einer falschen Steuererklärung kann ein Reicher entsprechend Steuern sparen und so den Armen, der darauf angewiesen ist, bekämpfen (V. 8 f.). Dass die Gründung von Gewerkschaften für Verbrecher erwogen wird (V. 10-12), spitzt die Unrechtmäßigkeit des Rechtsstaats paradox zu.

Der Kommentar wird satirisch fortgesetzt (V. 13-18): Dass man Kropotkins Buch im Knast lesen kann, was als „aufgeschlossen bis dort hinaus“ (V. 13) bewertet wird, ist ein Widerspruch in sich: Kropotkin zu lesen hilft einem Häftling nämlich überhaupt nichts (vgl. V. 18 – dieser Vers gibt die Überschrift ab).

V. 19-30 hat den Charakter eines Statements oder einer Verlautbarung („Wir haben mit Bedauern vernommen…“): dass es Gerechtigkeit weder gibt noch je geben wird, wo doch Gerechtigkeit herzustellen eine Haupträson des Staates ist. Die Spekulation über die möglichen Ursachen dieses Defizits (V.25 ff.) ist massiv satirisch: Hier werden Dinge zusammengestellt, die nichts miteinander zu tun haben. Der satirische Ton beherrscht auch die Fortsetzung im Stil eines Kommentars (V. 31-36 – hier bezeichnet das Pronomen „wir“ alle Menschen), einmal einer makabren Zuspitzung (V. 33 f.), sodann in der Bewertung, dass eine Erklärung unserer Wildheit zu finden (statt sie abzustellen, also die Verhältnisse zu ändern!) schön wäre, „Balsam für die Vernunft“ (V. 36) – nein, Balsam und Zeichen von Vernunft wäre es, die scheußlichen Unmenschlichkeiten zu verhindern.

Es folgt ein großes Finale voller Zynismus, darin dem letzten Kommentar (V. 31 ff.) verwandt: dass die tägliche Scheußlichkeit uns wenig (w-Alliteration) wundert (wenn auch ein bisschen stört), dass aber alle Akte von gegenseitiger Hilfe (s. Kropotkin!) „rätselhaft“ anmuten (V. 39 bzw. 39-42). Es folgen einige Beispiele, die als lobenswert bezeichnet werden (V. 43 ff.) – und dann ein harter Schnitt: „und wir legen die Zeitung weg“ (V. 55). Dass wir solche Taten der Zeitung entnehmen, zeigt, dass sie uns bloß zur Unterhaltung dienen, aber nicht als Vorbilder; dass sie nicht unserer realen Erfahrung entstammen wie „die tägliche Scheußlichkeit“ (V. 37). Wir „freuen uns, achselzuckend“ (V. 56), darüber, sie gehen uns nichts an. Das wird durch den abschließenden Vergleich vollends deutlich: Solche Nachrichten konsumieren wir wie einen Schmachtfetzen im Kino (V. 57 ff.), danach gehen wir zurück in die reale Welt, können endlich eine Zigarette rauchen – und uns wieder dem Kampf gegen alle anderen widmen.

Enzensberger: Lied von den Leuten auf die alles zutrifft und die alles schon wissen – Analyse

Daß etwas getan werden muß und zwar sofort…

Text: http://mcn.privat.t-online.de/enz_und.htm (ohne Stropheneinteilung)

http://www.babilonhu.net/works/de/Enzensberger,_Hans_Magnus-1929/Lied_von_denen,_auf_die_alles_zutrifft_und_die_alles_schon_wissen

Das Gedicht stammt aus dem Jahr 1967, es stand zuerst in „Gedichte 1955-1970“ (Rezension der FAZ hier). Es stellt eine Sammlung von Redensarten dar, die nur in bestimmten Situationen sinnvoll sind (z.B. „Es muss etwas getan werden, und zwar sofort!“); Enzensberger resp. der Sprecher des Gedichts hat diese Redenarten jedoch ohne jeden Situationsbezug miteinander kombiniert – wodurch sie eo ipso sinnlos sind – und ans Strophenende dann stereotyp die Formel „das wissen wir schon“ gesetzt (in der Regel einmal, einmal zwei- und einmal dreimal). Das ergibt dann ein „Lied von denen auf die alles zutrifft und die alles schon wissen“. Streng genommen trifft „alles“ nicht auf Leute, sondern auf Situationen zu; aber diese Feinheit können wir übergehen.

Das Gedicht hat satirische Züge, wie sich aus der Verbindung der Redewendungen ergibt: Da sind einmal Wendungen kombiniert, die einander direkt widersprechen (dass es zu früh und gleichzeitig zu spät ist, etwas zu tun, V. 3 f., wo doch sofort etwas getan werden muss, V. 1; oder die 9. / 10. Str.); zweitens sind Wendungen miteinander kombiniert, die von der Kategorie her nicht zueinander passen (dieses Problem gründlich analysieren müssen / zwei Stück Zucker in den Tee tun, 6. Str.; auch die 7. Str.); drittens ergeben sich aus der zufälligen Kombination der Floskeln gelegentlich scheinbar sinnvolle Abfolgen, ebenfalls in der 6. Strophe: „und daß wir die Wahl haben zwischen nichts und wieder nichts / und daß wir dieses Problem gründlich analysieren müssen“. Oder auch sehr schön: „und daß wir jedesmal recht behalten werden / und daß daraus nichts folgt“ (8. Str.). Einmal gibt es eine Abfolge zweier Sätze über drei Strophen (11. – 13. Str.), die in Kombination und Negation die spielerische Art dieses „Dichtens“ offenbart.

Einen besonderen Hinweis verdient die sachlich sinnlose Umformung der Redensart „Wir haben jedesmal recht behalten“ ins Futur: „und daß wir jedesmal recht behalten werden“ (8. Str.): Erst nachträglich kann man sagen, dass man recht behalten hat; wenn man das schon vorab „weiß“, wird die Sinnlosigkeit der Floskel offenbar. Vielleicht ist das überhaupt der Sinn dieses Gedichts: Floskeln des täglichen Lebens zu entlarven – obwohl sie ja nicht sinnlos sein müssen, wenn sie in bestimmten Situationen gebraucht werden; vielleicht wird hier aber auch einfach nur mit der Sprache gespielt, und Spielen soll Spaß machen, aber nicht unbedingt einen (anderen) Sinn haben. Dafür spricht auch die letzte Strophe, wo sich in einer Art Selbstbezug das Spiel überschlägt: „und daß wir das schon wissen / das wissen wir schon“.

Das Gedicht ist in mehrere Sprachen übersetzt, wie man leicht herausbekommt, wenn man die Überschrift in die Suchmaske eingibt. – Wenn man die Technik der Kombination der Redewendungen versteht, kann man leicht ähnliche Texte fabrizieren; leider werden sie kaum gedruckt, wenn man nicht Enzensberger heißt.

Enzensberger: Über die Schwierigkeiten der Umerziehung – Analyse

Einfach vortrefflich…

Text: http://cmo.jmf-gym.org/index.php?option=com_content&view=article&id=7&Itemid=148&jsmallfib=1&dir=JSROOT/Gedichte&download_file=JSROOT/Gedichte/Enzensberger%2C+Umerziehung.pdf

http://www.zeit.de/1982/22/verteidugung-der-normalitaet/seite-4 (dort S. 4 ff.)

http://www.redemptoristen.com/index.php?id=180&programm=173

Vorab sind einige Dinge zu klären, damit man dieses Gedicht aus dem Band „Gedichte 1955-1970“ (1971) richtig versteht. Zuerst muss die Bedeutung des Wortes „Umerziehung“ untersucht werden: Dahinter steht die Vorstellung, dass jemand falsch erzogen worden ist und jetzt von jemandem, der es besser weiß, richtig oder gut erzogen werden soll (und dahinter steht die „progressive“ Vorstellung von der grundsätzlichen Erziehbarkeit des Menschen, auch des Erwachsenen – gegenüber einer Anschauung, die eher an „Charakter“ oder „Natur“ denkt). In der politischen Wirklichkeit gab es (und gibt es heute noch) in kommunistischen Staaten Umerziehungslager, in denen „Asoziale“ oder Dissidenten durch Arbeit, „Schulung“ (Indoktrination) und Terror auf Linie gebracht werden sollen; wie weit es solche Lager (statt bloßer Vernichtungslager) im Dritten Reich gab, braucht hier nicht diskutiert zu werden.

https://de.wikipedia.org/wiki/Umerziehung

http://de.wikimannia.org/Umerziehung

http://universal_lexikon.deacademic.com/23905/Umerziehung

http://www.mydict.com/Wort/Umerziehungslager/ („Umerziehungslager“)

https://de.wikipedia.org/wiki/Umerziehungslager_Kae%E2%80%99ch%C5%8Fn (Nordkorea heute)

http://www.pi-news.net/2011/04/umerziehungslager-fur-homosexuelle-in-malaysia/ (Malaysia)

http://www.taz.de/!5051897/ (China)

http://www.igfm.de/news-presse/aktuelle-meldungen/detailansicht/?tx_ttnews[tt_news]=2456&cHash=e5c5db43f4bff8832418afe7890e65b3 (dito)

https://de.wikipedia.org/wiki/Jugendwerkhof (DDR)

http://www.zdf.de/zdfinfo/trauma-umerziehung-heimkinder-in-der-ddr-35164344.html (DDR)

http://unterlinken.de/tag/kommunismus/

http://www.nordbayern.de/region/neumarkt/nazi-lager-in-kastl-das-schicksal-der-gestohlenen-kinder-1.3887036?rssPage=TmV1bWFya3Q= (Nazis)

http://www.zdruzenje-zrtev.si/slike/ausstellungs_panos/pano_13.pdf (dito)

http://antifaworms.blogsport.de/nazis-hier/kz-osthofen/ (dito: Beschönigung)

Danach ist der Begriff der Perspektive zu klären. Im Gedicht „Über die Schwierigkeiten der Umerziehung“ denken oder sprechen u.a. revolutionäre linke (kommunistische) Kader, welche sich über die mangelnde Begeisterung der normalen Leute aufregen (V. 23-25) – ein „Defizit“, dem man als ordentlicher Revolutionär mittels Umerziehung abhelfen möchte: Man kämpft ja vermeintlich für die gerechte Sache und für die Befreiung der Unterdrückten, da muss man den allzu Langsamen auf die Sprünge helfen.

Drittens ist schließlich die Position eines Autors von der Perspektive und Position seiner Figuren zu unterscheiden, was vielen Leuten schwerfällt, wenn in einem Text eine Ich-Perspektive angeboten wird – da meinen sie gleich die Stimme des Autors zu hören. Ich möchte das am Beispiel von „Huckleberry Finns Abenteuer“ verdeutlichen: Dort spricht der sympathische Außenseiter Huck als „ich“ – aber niemand wird annehmen dürfen, er vertrete die Auffassungen Mark Twains; im Gegenteil, die Differenz zwischen den beiden Perspektiven oder zwischen der Perspektive Huckleberrys und der der Leser macht den Reiz des Buches aus. Was man an diesem Beispiel versteht, muss man konsequent auch auf Gedichte und andere fiktionale Texte anwenden (und grundsätzlich sogar auf Sachtexte – für die Reden von Politikern versteht sich das von selbst; aber das soll hier nicht diskutiert werden).

Damit kommen wir zum Gedicht „Über die Schwierigkeiten der Umerziehung“ (1969, so die ZEIT). Hier spricht oder denkt zunächst jemand, der die revolutionären Ideale, „all diese großen Pläne“ (V 2), kennt und sie „vortrefflich“ und sogar „einleuchtend“ findet (V. 1, 6 – „ich“, wie sich aus V. 34 ergibt). Am besten nimmt man in der 2. Strophe einen anderen Sprecher an: einen der Kämpfer für „das Goldene Zeitalter“ (V. 3), der angesichts des Lobes (1. Str.) seinem Ärger darüber Luft macht, dass es mit der Verwirklichung der „großen Pläne“ (V. 2) nicht klappt: Die Leute sind daran schuld, sagt er vorwurfsvoll (2. Str.). – Das ist aus höherer (Leser- und Autor)Perspektive ein Witz, weil die Revolution ja angeblich zugunsten der Leute gemacht werden soll.

In den beiden folgenden Strophen werden die vorwurfsvollen Klagen der revolutionär Begeisterten konkretisiert: Dabei ergibt sich eine merkwürdige Verschiebung zwischen den erhabenen Idealen (Befreiung, gerechte Sache) und den konkreten Interessen der Leute (zum Friseur gehen, ein Bier trinken usw.) – das ist ein untrügliches Zeichen für eine Satire: Der Autor macht sich über diese Klagen zusammen mit seinen vernünftigen Lesern lustig. Das zeigt sich auch in V. 12, wo den Leuten die Aufgabe zugewiesen wird, „begeistert hinter der Vorhut herzutrippeln“, also weiterhin unmündig sich lenken und „führen“ zu lassen (statt die Sache selber in die Hand zu nehmen) – das Problem einer jeden Befreiung der Unterdrückten durch eine revolutionäre Elite. In der 4. Strophe wird das Fazit gezogen, wobei V. 21 doppeldeutig ist, also wörtlich und metaphorisch zu lesen ist – eine alltägliche banale Redewendung, welche die hohen Theorien der Revolutionäre ad absurdum führt, ebenso wie V. 22. Der Unmut der so enttäuschten Revolutionäre macht sich danach (in der 5. Str.) Luft: Hier werden „revolutionäre“ Tiraden losgelassen, hier werden die Menschen beschimpft – umerziehen müsste man sie alle, wenn es mit der Revolution noch etwas geben soll!

Dagegen wendet sich der Ich-Sprecher: „Man kann sie doch nicht alle umbringen! Man kann doch nicht den ganzen Tag auf sie einreden!“ (V. 26 f.) Er lehnt die Umerziehung ab. In der letzten Strophe antwortet die andere Seite darauf und zieht ihren ideologischen Gewinn aus dem Einwand: Wir haben natürlich recht, aber die Leute mit ihren kleinlichen Alltagsproblemen hindern uns daran, unsere richtigen Pläne zu verwirklichen: „Ja, wenn die Leute nicht wären / dann sähe die Sache schon anders aus.“ (V. 28 f.) Aus höherer Perspektive (Leser, Autor) offenbart sich hier die bornierte Rechthaberei der Revolutionäre, die Haltlosigkeit ihres politischen Geschwätzes. Das wird auch im letzten Satz deutlich, wo erstmals der eine Sprecher als „ich“ auftritt: Er gehört zu den Leuten mit ihren Alltagssorgen, er möchte deshalb „hier nicht weiter stören“ (V. 34), er lässt die Revolutionäre weiter schwadronieren.

Das Gedicht ist untypisch für Enzensberger, der selber oft genug über die dem Konsum verfallenen Kleinbürger herzieht („Middle Class Blues“ u.a.); es ist ein sympathisches Gedicht, das sich 1969 kritisch auf die revolutionäre Begeisterung der Studenten bezieht und das auch die spätere Brutalität der RAF und die heutige des IS als verbohrte Rechthaberei entlarvt.

http://www.sezession.de/2423/ueber-die-schwierigkeiten-der-umerziehung-normalismus-1.html (Bemerkungen zum Gedicht)

https://60erprojekt.wordpress.com/2015/01/29/h-m-enzensberger-uber-die-schwierigkeiten-der-umerziehung-1960/ (grandioses Missverständnis des Gedichts)

http://friedrich-schorlemmer.de/docs/WWW.Wittenberg.Wolfenb%C3%BCttel.Weimar.pdf (von Schorlemmer im Rahmen eines Vortrags zitiert)

Enzensberger: Middle Class Blues – Analyse

Wir können nicht klagen…

Text: http://www.hulda-pankok-gesamtschule.de/uploads/media/B_03_middle_class_blues.pdf

http://drum.lib.umd.edu/bitstream/1903/10823/1/Hildebrandt_umd_0117N_11472.pdf (dort S. 107)

http://jhelbach.de/Lit/August10/Texte.pdf (dort das 2. Gedicht; Strophe 2 ist nicht abgesetzt)

Das Gedicht ist an vielen Stellen zitiert (teilweise falsch) und abgedruckt, es hat seinen Marktwert als repräsentatives Poem der sechziger Jahre Deutschlands bzw. der BRD: Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. Erschienen ist es 1964 im Band „Blindenschrift“.

Es spricht eine Wir-Gruppe, die Mittelschicht laut Überschrift. „Unter der Sammelbezeichnung Mittelschicht, auch Mittelstand, werden diejenigen Bevölkerungsgruppen verstanden, die innerhalb eines soziale Schichtungs-Modells in der Sozialstruktur zwischen einer Oberschicht und einer Unterschicht angesiedelt sind. Es gibt vielfältige Konzepte der Schichtungen und keine abschließende Definition der Schicht im soziologischen Sinne an sich, daher gibt es auch zahlreiche Vorstellungen von Mittelschicht. Im angloamerikanischen Sprachraum wird sie als middle class bezeichnet.“ (wikipedia, 8.7.2015) Zur Mittelschicht zu gehören war der Traum vieler kleiner Leute in den sechziger Jahren: Wohlstand, Sicherheit, Ansehen gab es dort, nach der Not des Krieges und der Nachkriegszeit.

In der 1. Strophe beginnen sie mit der selbstzufriedenen Aussage „Wir können nicht klagen“, womit dezent umschrieben ist: „Es geht uns gut.“ Nicht arbeitslos sein wie viele nach 1945, nicht wie die armen Schlucker Hunger haben, das sind dabei die Kriterien. V. 4 steht in einer Spannung zu V. 3: Sie essen, obwohl sie satt sind, weiter – einfach weil sie es sich leisten können; von der damaligen Fresswelle spricht man heute: Kompensation des Elends der Nachkriegszeit. – Alle Verse beginnen mit dem Pronomen „Wir“; die Mittelschicht stellt sich vor.

In der 2. Strophe wird in einer sinnlosen Zusammenstellung benannt, was alles „wächst“ in dieser glorreichen Zeit des Wirtschaftswunders: das Gras, das Sozialprodukt usw. Damit wird die volkswirtschaftliche Zielvorstellung (der Mittelschicht) „Wachstum“ als absurd kritisiert [was jemand, der zur Mittelschicht gehört, leicht sagen kann: Enzensberger hatte 1963 den Georg-Büchner-Preis erhalten und war bei Suhrkamp etabliert; ich kenne viele, die nicht etabliert waren].

In der 3. Strophe wird der Zustand des Landes beschrieben: Worauf die leeren Straßen verweisen, ist offen – vielleicht heißt dies, dass niemand demonstriert oder protestiert („Ruhe und Ordnung“ als Wertvorstellung); dazu passen die perfekten Geschäftsabschlüsse – aber nicht mehr das Schweigen der Sirenen. Hierbei denke ich im Vorgriff auf V. 15 an Sirenen, die vor einem feindlichen Angriff warnen: Die Kriegsgefahr war im Kalten Krieg, gerade in den 60er Jahren nach Mauerbau (1961) und Kubakrise (1962) immer gegenwärtig. Den Schluss bildet ein banaler Satz: „Das geht vorüber.“ (V. 12) Diese Redensart, parallel V. 16, strahlt hier eine Drohung aus: dass die Sirenen nicht immer schweigen werden.

Explizit wird das in V. 15 gesagt: Wenn der Krieg noch nicht erklärt ist, kann er bald erklärt werden – der Zusatz V. 16 ist von zynischer Gelassenheit, wenn man ihn wörtlich liest. Die beiden Verse 13 f. sind im Perfekt abgefasst und beschreiben so einen erreichten Zustand, wieder in einer sinnlosen (also satirischen) Kombination zweier Sachverhalte – aus denen sich nur ergibt, dass etwas keine Eile hat, weil ja „alles“ geregelt ist.

In der 5. Strophe liegt eine Montage vor: Die Aussage „Wir essen“ (V. 4) bekommt als Objekte die in der 2. Strophe genannten Subjekte des Wachtstums: eine satirische Kritik der steten Steigerung des Konsums um seiner selbst willen – man bedenke, dass „wir“ bereits satt sind (V. 3) und dass manches nicht zum Verzehr geeignet ist. Die Vergangenheit essen (V. 20) ist vielleicht eine Metapher für die Verdrängung oder das Vergessen der unrühmlichen Untaten des Dritten Reiches, bei denen so viele mitgemacht hatten; nach 1945 wollte niemand dabeigewesen sein, die Verbrechen wurden nur zögerlich juristisch aufgearbeitet (vgl. auch http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/geschichte-und-erinnerung/39814/geschichte-der-erinnerungskultur oder http://www.geschichte-lernen.net/aera-adenauer-umgang-ns-vergangenheit/).

In der 6. Strophe wird umschrieben, wiederum in Redewendungen, wer wir sind: unbescholtene Bürger (V. 21), die „es geschafft“ haben (V. 22, vgl. V. 16) – und dann die offene Kritik: „Wir haben nichts zu sagen.“ Dieser Satz ist doppeldeutig und in beiden Fällen verräterisch: a) Wir fressen bloß, aber sind als sprechende Subjekte leer. b) Laut GG geht alle Macht vom Volk aus (von den Bürgern, vgl. V. 1-21), aber wir sind keine mündigen Bürger, wir lassen uns von wem auch immer (dem Idol des Konsums, den alten Herrschaftseliten) bevormunden, knechten. Der letzte Satz sagt es offen: „Wir haben.“ Hier fehlt ein Objekt – wir haben bloß etwas oder alles, aber wir sind eben nicht Subjekte, freie Bürger (V. 22). Dass in der 5. und 6. Strophe alle Sätze mit „Wir“ beginnen, ist bloß ein grammatisches, aber kein politisches Phänomen.

In der 7. Strophe werden die ordentlichen Verhältnisse, in denen „wir“ leben, umschrieben: Die Uhr ist aufgezogen, obwohl es keine Eile hat; die Verhältnisse passen semantisch nicht zu den Tellern – Satire, Kritik. Dass der letzte Autobus vorbeifährt (V. 28), steht in keinem Sinnzusammenhang zu V. 25-27; vielleicht sollte man den Satz als Indiz dafür lesen, dass auch im Straßenverkehr alles in Ordnung ist; wenn man V. 28 auf V. 27 bezieht, besagt er, dass am Abend rechtzeitig gespült ist – aber das alles ist unbestimmt, erst der Leser stellt solche Verbindungen zwischen den isolierten Sätzen her.

Die letzten drei Strophen bestehen jeweils aus einem Satz: „Er ist leer.“ (V. 29) Das bezieht sich auf den Bus, aber was besagt das? Vielleicht, dass die Leute alle „brav“ zu Hause sitzen? Dass sie sich in ihrem Eigenheim einigeln? Dass sie anderen nichts zu sagen haben?

„Wir können nicht klagen.“ (V. 30) Damit wird V. 1 wiederholt; in Verbindung mit der unterschwelligen Kritik (des Autors!) in den Äußerungen der Leute wäre das eine Selbstentlarvung: „Wir“ merken nicht, was uns fehlt. Wir sagen das, was man in der Umgangssprache (das ganze Gedicht!) so zu sagen pflegt, aber wir haben nichts zu sagen.

„Worauf warten wir noch?“ (V. 31) Diese offene Frage der Wir-Leute aus der Middle Class ist bezeichnend: Sie warten auf nichts mehr; sie haben keine Ziele, keine Utopien (wie HME, wie bald drauf die 68er). Und so ist diese Selbstdarstellung der Middle Class eben ein Blues (Überschrift): „Das Wort Blues leitet sich von der bildhaften englischen Beschreibung I’ve got the blues bzw. I feel blue („ich bin traurig“) ab.“ (Wikipedia, 8.7.2015) Ihre Lage ist bestens, „wir können nicht klagen“ – es ist zum Heulen.

https://www.uni-due.de/literaturwissenschaft-aktiv/nullpunkt/inhalt.htm#Wiederaufbau%20und%20Wirtschaftswunder (das Gedicht im Kontext anderer Texte zum Thema „Wiederaufbau und Wirtschaftswunder“)

Kästner: Die Entwicklung der Menschheit – Analyse

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt…

Text

http://talfeldverlag.homepage.t-online.de/satire2.html

http://www.kultur-netz.de/literat/lyrik/kaestner/entwickl.htm (mit Vertonung)

http://users.skynet.be/lit/kaestner.htm (mit verlinkter Vertonung)

Kästner beschreibt in dem 1932 veröffentlichten Gedicht auf bissige Art die Entwicklung des Menschen vom Hausen im Urwald zum Leben in der Großstadt. Trotz Technik und wissenschaftlichem Fortschritt seien die Menschen eigentlich das geblieben, was sie schon immer waren: Affen. Kästner kritisiert also nicht den Fortschritt, sondern stellt die Einbildung auf den vielgepriesenen vermeintlichen Fortschritt als Irrtum bloß. Den Rhythmus des Gedichts habe ich bereits anderswo beschrieben, sodass wir uns jetzt dem Aufbau und dem Charakter der Satire zuwenden können. Die fünf Verse pro Strophe (durch Verdoppelung des dritten nach Metrum und Reimwort) sind eine Eigenheit Kästners.

Im Gedicht wird ironisch die „Entwicklung“ der Menschheit beschrieben, die nur vordergründig stattgefunden habe: Die Menschen waren Affen (1. Str.) und sind „im Grund / noch immer die alten Affen“ (V. 35 f.). Also kann die Entwicklung nur scheinbar oder oberflächlich stattgefunden haben – das ist die Botschaft des Gedichts, weswegen die Entwicklung in satirischer Form beschrieben wird.

Ein außenstehender neutraler Erzähler, der die Menschen abwertend „die Kerls“ nennt (V. 1) und von ihnen in der 3. Person spricht („sie“, V. 3 ff. – von Lutz Görner in seinem Vortrag verändert zu „wir“), stellt die Entwicklung der Menschheit in der Beschreibung zweier gegensätzlicher Zustände dar, des Ausgangs- („Einst“, V. 1 f.) und des Endzustands (V. 4-25), wobei in einem Vers der Übergang hergestellt wird: „Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt“ (V. 3). Hier sieht man schon, dass im Gedicht nicht ernsthaft eine geschichtliche Entwicklung beschrieben wird: Wer sollte (Menschen)Tiere aus dem Urwald locken, wenn nicht der Mensch? Den Schluss bildet ein Fazit, das der Sprecher in der 6. Strophe zieht: Zwar gibt es den „Fortschritt“, aber in Wahrheit („bei Licht betrachtet“, V. 29) „sind sie im Grund / noch immer die alten Affen“ (V. 29 f.). Dieses Fazit wird in V. 9 f. vorbereitet, wo schon die Gleichheit des Umgangstons in beiden Stadien der Entwicklung herausgestellt wird. Im Fazit steht entsprechend, dass der Fortschritt „mit dem Kopf und dem Mund“ geschaffen worden ist (V. 26 f.); die Erklärung „mit dem Mund“ verweist einmal auf das Sprechen als die entscheidende menschliche Fähigkeit, macht aber auch klar, dass vieles (alles?) am Lob des Fortschritts nur leeres Gerede ist.

Woran erkennt man, dass die Entwicklung satirisch beschrieben wird? Einmal gibt es das Stilmittel, dass Phänomene zusammengestellt werden, die der Kategorie nach nicht zusammenpassen: „Sie atmen modern.“ (V. 13) Das ist zudem eine unsinnige Aussage; die Menschen atmen im Prinzip immer gleich. Ferner passt Inzest und „heilen“ nicht zusammen (V. 23, Inzest ist keine Krankheit), ebenso nicht Mikroben mit „jagen und züchten“ (V. 17, Tiere werden gejagt und gezüchtet; ebenso V. 18 Natur / Komfort). Das Gleiche gilt von der Zusammenstellung von Bildung / Wasserspülung (V. 14 f.), wo durch „Wasserspülung“ zudem etwas Niederes mit Höherem (Bildung) verbunden wird, was das Höhere herabzieht. Diese Technik ist auch in V. 24 f. verwendet worden: Höchst gelehrte Stiluntersuchungen lateinischer Prosa führen zum Ergebnis, „daß Cäsar Plattfüße hatte“; das ist etwas derart Banales wie auch Unsinniges als Ergebnis, dass damit der große wissenschaftliche Aufwand lächerlich gemacht wird. Dass aus Scheiße Watte gemacht wird (V. 21 f.), wird man ebenfalls der Technik „Niederes / Höheres verbinden“ zuordnen können; Watte und damit die moderne Hygiene wird abgewertet. [Auch in der älteren Untersuchung des Rhythmus, s.o., ist bereits der satirische Charakter des Gedichts erklärt worden.]

Das Gedicht ist sehr verbreitet; in der Schule wird es auf vielfache Weise rezipiert, heute offenbar vor allem durch Rappen und Filmen. Man muss bei solchen Versuchen jedoch darauf achten, dass das Gedicht als Satire erhalten bleibt – andernfalls hätte man es verfälscht und nicht erfasst. Und vermutlich muss man das Satirische auch zuvor verbal erfassen („mit dem Mund“); denn im szenischen Spiel oder im Standbild kann man kaum darstellen, dass man durch Stiluntersuchungen zum Ergebnis kommt, Cäsar habe Plattfüße gehabt – mein Bedenken angesichts der Schwemme „produktiver“ Verarbeitung von Texten, die sich primär im Hören und Lesen erschließen (sofern sie gut vorgetragen werden, sofern man lesen kann – beides kann man lernen).

Ich habe das Gedicht „Die Entwicklung der Menschheit“ gelegentlich im Unterricht verwendet (Kl. 9/10 am Gymnasium); aus diesem Grund seien auch noch die Gedichte Kästners genannt, die in meinem Unterricht vorkamen, hier aber nicht analysiert werden: oft „Herr im Herbst“ (Kl. 9/10), regelmäßig „Im Auto über Land“ (Kl. 6), selten „Vorstadtstraßen“ (Kl. 9/10). Kästners Trostlied im Konjunktiv habe ich in Kl. 7 immer für die Sprachreflexion (Konjunktiv II) und als Anleitung zum produktiven Phantasieren genutzt.

http://www.helpster.de/kaestner-die-entwicklung-der-menschheit_201431 (schwach)

Vortrag

http://www.rezitator.de/gdt/390/ (Lutz Görner, Text verändert)

http://www.youtube.com/watch?v=lB9mB9qzYvE (Fritz Stavenhagen)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/die-entwicklung-der-menschheit.html (Stavenhagen, mit Text)

http://www.youtube.com/watch?v=XjvnlSX7nLM (Hedi Detel, gut)

http://www.youtube.com/watch?v=XX1Ukt0P340 (Silvio Rauch)

http://www.youtube.com/watch?v=ARWXs_ib98w (Rap?)

http://www.youtube.com/watch?v=rGq2JpZ01Zk (Rap?)

http://www.youtube.com/watch?v=F-hBhC1csng (Rap, verfilmt)

http://www.youtube.com/watch?v=4CgSPtpCv8o (eigenwillig, mit Musik)

http://www.youtube.com/watch?v=HQS4YN_dIX8 (Schüler, schwach)

http://www.youtube.com/watch?v=FDuy7_WIPbg (darstellendes Spiel, Text umgestellt)

http://www.youtube.com/watch?v=xi35wtBucgU (Katrin Rosenzopf spielt Klavier und singt)

Sonstiges

https://www.bifie.at/system/files/dl/bist_d_sek1_entwicklung_der_menschheit_2011-07-06.pdf (mehr oder weniger sinnvolle Aufgaben zum Gedicht)

http://www.mittelschulvorbereitung.ch/content_new/GD/GT62kEntwMenschheit.pdf (mit einer m.o.w. sinnvollen Aufgabe)

http://www.babilonhu.net/works/de/K%C3%A4stner,_Erich-1899/Die_Entwicklung_der_Menschheit (Text mit ungar. Übersetzung)

http://www.antiwarsongs.org/canzone.php?lang=en&id=43493 (Text mit franz. Übersetzung) 

http://igitur-archive.library.uu.nl/student-theses/2011-0216-200419/Masterscriptie%20Roos%20Verhamme%20-%20PDF%20zonder%20data.pdf (zu Kästners Lyrik 1928-1932)

http://www.subin.de/kaestner.pdf (zu Kästners Lyrik insgesamt)

Matthias Claudius: Urians Reise um die Welt, mit Anmerkungen – Analyse

Wenn jemand eine Reise tut …

Text

http://meister.igl.uni-freiburg.de/gedichte/cla_m03.html

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=413

Vertont wurde das Gedicht nicht nur von Ludwig Berger und Beethoven, erschienen ist es 1786.

Urian ist bzw. war der fiktive Eigenname eines jeden Mannes, „vor welchem man wenig Achtung an den Tag legen will, besonders, wenn man seiner in einem Falle gedenkt, wo man ihn nicht erwartete“ (Adelung).

Herr Urian erzählt von einer Weltreise, die er unternommen hat; ein Chor (Tutti) kommentiert seine Erzählung nach jeweils vier Versen mit dem Refrain: „Da hat Er gar nicht übel dran getan; / Verzähl er doch weiter Herr Urian!“ (Das sind die Anmerkungen, die im Titel erwähnt werden – dort müsste „mit Anmerkungen“ kursiv gesetzt sein, was mir in diesem Blog technisch nicht möglich ist.) Herr Urian erzählt von seiner Reise zum Nordpol, nach Grönland, nach Amerika, Mexiko, Asien, China und Bengalen, Java, Otaheiti (eine der Gesellschaftsinseln) und Afrika. Überall stellt er sich jedoch dumm an, alles misslingt ihm oder er findet nichts Gutes – trotzdem fordert die dumme Menge (Tutti!), er solle weitererzählen. Schließlich ist das Fazit seiner Reise, dass er es überall so gefunden hat „wie hier,

Fand überall ’n Sparren, 


Die Menschen gradeso wie wir, 


Und eben solche Narren.“

Darauf, obwohl das die wesentliche Erkenntnis seiner Reise ist, ändern Tutti den Refrain und sagen zum Schluss:

„Da hat Er übel übel dran getan; 


Verzähl Er nicht weiter Herr Urian!“

Die Form ist einfach: Volksliedstrophe für Urians Erzählung (Jambus, Kreuzreim, Wechsel vier- und dreihebiger Verse mit männlicher und weinlicher Kadenz). Der Refrain ist im ersten Vers ein fünfhebiger Jambus, der zweite ist vierhebig mit unsauberem Takt.

Das Gedicht kann nur als Satire auf die Reise- und Entdeckungslust der frühen Neuzeit oder als Parodie der Reiseliteratur verstanden werden; das zeigt sich vor allem in der Reaktion der Menge auf einen nichtssagenden Reisebericht, vielleicht auch in der Verbform Verzähl er doch (statt Erzähl er doch). Verzählen bedeutete auch um 1800  falsch zählen; doch setzt es die plattdeutsche Form vertelle ins Hochdeutsche, wodurch die Tutti entweder als dumme Menschen vom Land oder als solche, die an platten Verzellcher ihre Freude haben, ausgewiesen werden. Jedenfalls gehört die Reaktion der Tutti (neben dem Namen Urian) wesentlich zur Satire. Vielleicht ist der Titelzusatz „mit Anmerkungen“ bereits der erste Hinweis auf den satirischen Charakter des Gedichts; denn was die Tutti als „Anmerkungen“ von sich geben, sind ja beileibe keine Anmerkungen! Adelungs Wörterbuch verzeichnet als dritte Bedeutung von „Anmerkung“: „die Erläuterung einer dunkeln Stelle in dem Hauptsatze; Scholion. Ein Buch mit Anmerkungen heraus geben. Anmerkungen zu einer Schrift machen“. Aber selbst in der alltäglichen Bedeutung (Anmerkung = Bemerkung) wären die Anmerkungen reichlich deplatziert: Satire! – Der Eingangsvers ist eine Redewendung geworden („Wenn jemand eine Reise tut …“), die heute ohne jeden ironischen Beigeschmack gebraucht wird, oft als Kommentar zu unerwarteten Reiseerlebnissen.

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=4u-Yl62x1P0 (Beethoven)

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/Urian (Urian)

http://www.zeno.org/Wander-1867/A/Urian?hl=urian

http://library.musicaneo.com/de/data/sheetmusic/57092_1.pdf (Noten: Carl Friedrich Zelter)

Brecht: Ballade von der Billigung der Welt – Analyse

Ich bin nicht ungerecht, doch auch nicht mutig…

Text

http://deu.anarchopedia.org/Bertolt_Brecht/Balladen/Ballade_von_der_Billigung_der_Welt

http://www.lyrix.at/de/text_show/5d7428b8a911db706f7bada7319290dc-Bertolt_Brecht_-_Ballade_Von_Der_Billigung_Der_Welt

Das Gedicht ist 1931/32 entstanden; zwei Typoskripte tragen den Vermerk: „(als ihre Mißbilligung durch eine Notverordnung verboten wurde)“, womit vielleicht auf eine Maßnahme Franz von Papens vom 14. Juni 1932 angespielt wird, die sich auf § 48 (2) der Weimarer Verfassung stützte: „Der Reichspräsident kann, wenn im Deutschen Reiche die öffentliche Sicherheit und Ordnung erheblich gestört oder gefährdet wird, die zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung nötigen Maßnahmen treffen, erforderlichenfalls mit Hilfe der bewaffneten Macht einschreiten. Zu diesem Zwecke darf er vorübergehend die in den Artikeln 114, 115, 117, 118, 123, 124 und 153 festgesetzten Grundrechte ganz oder zum Teil außer Kraft setzen.“

Das Gedicht ist eine Satire: Der Ich-Sprecher, der die Welt billigt, bringt sehr deutlich zum Ausdruck, dass er sie nicht billigt: „Nur um in diese Hände nicht zu fallen / Billigte ich, was ich nicht billigen kann.“ (3) Das sagt er nicht nur direkt, sondern beinahe in jeder der 30 Strophen auch indirekt. Das beginnt in Strophe 1, wo er sich („ich“) gegen „sie“ und „ihre Welt“ abgrenzt; was ihm da gezeigt wird, ist nicht seine Welt.

In den ersten drei Strophen wird ganz allgemein erklärt, wieso das Ich diese Welt billigt: Es sieht den blutigen Zeige-Finger (1), „den Knüppel über mir“ (2) und die tauglichen „Metzger“, und da es nicht mutig ist (1), billigt es die ihm gezeigte Welt (1, 3). Das Ich steht also für den Bürger der Weimarer Republik, der das Unrecht zwar erkennt, aber Angst wegen der Einschüchterung hat („blutig“ in 1, 9, 10, 15; Knüppel in 2, 12; Gurgel durchschneiden 27; Mörder 28); weil es die realen Machtverhältnisse kennt (Junker 4, Unternehmer 5 usw.), sagt es zu allem „Ja“ bzw. ruft am Ende „Heil!“ (Anspielung auf „Heil Hitler!“) statt „Halt!“ (Alliteration), wie es eigentlich wollte.

Es gibt neben den Machthabern die bestochenen Helfer (evtl. die Volksvertreter 7; die Beamten 8; die Richter 11; der Dichter Thomas Mann 16; die Lehrer 21, die Professoren 23) und andere Helfer des Systems, die auf ihre Weise zur Unterdrückung der Armen beitragen (die Militärs 6; die Polizisten 9; die Richter 10; die Polizei 12 f.; die Zeitungsschreiber 15; der Händler 17; der Zuhälter 18; die Ärzte 19; die Ingenieure 20; die Pfaffen 25). Der einzige, der als Individuum angegriffen wird, ist Thomas Mann, der Dichter des Romans „Der Zauberberg“ (1924); so ist das Gedicht eine große Denunziation – Brecht fegt mit einem sehr groben Besen den Augiasstall der Weimarer Republik aus. Man könnte diese pauschale Diffamierung als Klassenkampf-Rhetorik bewerten und fragen, ob solche wilden Schwinger nicht auch zum Tod der Republik beigetragen hat.

Auf zwei Fragen zur Satire möchte ich mich beschränken: 1.Wie erfolgt die Billigung der Welt? Einmal sagt dass Bürger-Ich aus Angst offen, dass ihm diese Welt gefällt (1, 2, 3). Zweitens lobt es sie mit vordergründiger Einschränkung (teuer, aber gut, 4). Drittens lobt es in Verschiebung der richtigen Perspektive (Militärs: technische Genies, 6; 15; 18; 20). Viertens redet es sich mit Nichtwissen heraus (5; 22). Fünftens entschuldigt es die Akteure (7; 16; 23). Sechstens setzt es sich für sie ein (8; 9; 21). Siebtens erfolgt die Zustimmung in offenem Widerspruch zur eigenen Einsicht (11; 12; 16; 25; 27 f.; 29 – dieser Aspekt berührt schon die 2. Frage).

Die 2. Frage lautet: Wie wird die Billigung der Welt als Lüge entlarvt? Erstens sagt das Ich deutlich, dass es nur aus eigener Feigheit die ihm gezeigte Welt billigt (1-3). Zweitens wird durch den offenen Widerspruch zwischen Wissen und Lob das Lob als Lüge entlarvt (sah wuchern – sagte…, 4; 9; 10; 11; 12; 16); das Gleiche gilt für die Verschiebung der richtigen Perspektive (6; 15; 18; 20). Manchmal wird das Versagen auch „klein geredet“ (7; 23; 24; 25) oder mit der eigenen Hilfslosigkeit entschuldigt (19). Vom Händler, der stinkenden Fisch verkauft, wird angeblich hoffnungsvoll erwartet: „vielleicht verkauft er mich“ (17).  In diesem Kontext ist dann jede weitere Billigung eo ipso entlarvt, womit auch ihre Verlogenheit offenkundig ist (26; 27).

Auf zwei sprachliche Knaller möchte ich hinweisen: Die „Nichtunternommenen“ (5, Neologismus) sind diejenigen, die von den Unternehmern nicht eingestellt wurden; auch „Sattelköpfe“ (27) ist ein schwer zu entschlüsselnder Neologismus, der durch den folgenden Relativsatz erläutert wird (die von George Grosz skizzierten Typen). Die vier Verse jeder Strophe reimen sich meistens im Kreuzreim; manchmal reimen sich auch nur der zweite und der vierte Vers. Die Reime sind nicht immer sauber, aber in politischer Gebrauchslyrik ist das kein Manko. Die Verse bilden meistens, aber nicht immer einen Satz; der fünfhebige, manchmal unsaubere Jambus erlaubt ein flottes Sprechtempo, das am Versende durch die Syntax, den Reim und oft eine weibliche Kadenz etwas gebremst wird.

Eine Besonderheit ist noch zu nennen: Das Bürger-Ich wandelt sich in Strophe 30 scheinbar zum Dichter-Ich, aber nur scheinbar, denke ich: Brecht wird von sich selber nicht behaupten, in diesem Gedicht fehle es ihm an Schwung. Vielmehr kriegen hier die anderen Künstler ihr Fett ab, die sich nicht klar dem großkapitalistischen Nazismus entgegenstellen und so zur Billigung dieser Welt beitragen. Mit Strophe 30 wird die Ich-Klammer (Str. 1-3; 30) um das Gedicht geschlossen.

Es drängt sich beinahe ein Vergleich mit der Satire „Die Legende vom toten Soldaten“ auf; diese ältere Satire war eher eine Ballade, weil dort eine „Geschichte“ erzählt wurde, während in der „Ballade von der Billigung der Welt“ nicht oder allenfalls pauschal erzählt, öfter etwas allgemein beschrieben oder berichtet wird. Es ist auch auf die Parallele zu „Der anachronistische Zug oder FREIHEIT und DEMOCRACY“ (1947) hinzuweisen.

http://bio.bwbs.de/UserFiles/File/PDF/DieDreissigerJahre.pdf (Schriften Brecht/Brandt parallel gesetzt, dort S. 24 ff.)

Rezeption

http://www.wagenbreth.de/projekt.php?nummer=180

Die Ballade wird von vielen gesungen; im Netz findet man aber weder eine Rezitation noch einen Song.

Brecht: Die Legende vom toten Soldaten – Analyse

Und als der Krieg im vierten Lenz…

Text

http://www.totentanz-online.de/medien/musik/brecht.php

http://www.antiwarsongs.org/canzone.php?lang=it&id=4687

http://www.magyarulbabelben.net/works/de/Brecht,_Bertolt/Legende_vom_toten_Soldaten

„Die Legende vom toten Soldaten“ dokumentiert Brechts Wendung zu einer moderneren, parodistischen, gar grotesk-satirischen Schreibweise. Sie ist vermutlich im Frühjahr 1918 entstanden (Brecht nennt auch 1917 als Entstehungsjahr): Ludendorff sammelte damals die letzten Reste deutscher Männer als Soldaten ein. „Die Siebzehnjährigen und die Fünfzigjährigen wurden eingekleidet und an die Fronten geschickt. Das Wort kv, welches bedeutet kriegsverwendungsfähig, schreckte noch einmal Millionen von Familien. Das Volk sagte: Man gräbt schon die Toten aus für den Kriegsdienst.“ (Brecht) Diese Redewendung ergibt das Motiv der Ballade, welches bereits andeutungsweise von Bürgers Schauerballade „Lenore“ (drittletzte Strophe) und Heines Gedicht „Die Grenadiere“ (letzte Strophe) realisiert wurde. Brecht trug die „Legende“ selber im Dezember 1921 im Berliner Kabarett „Wilde Bühne“ vor und verursachte einen Skandal. Als „Die Ballade vom toten Soldaten“ wurde die „Legende“ in „Trommeln in der Nacht“ nach dem 5. Akt (gedruckt und) vorgetragen (Uraufführung 1922); 1927 erschien sie als letztes Gedicht in der 5. Lektion der „Hauspostille“, 1933 als Eingangsgedicht in „Lieder Gedichte Chöre“.

„Sie zählt zweifellos zu den bedeutendsten Gedichten Brechts und zu den folgenträchtigsten des 20. Jahrhunderts: Die ‚Legende vom toten Soldaten’. Fester Bestandteil der Kabarettprogramme der zwanziger  Jahre und beinahe vom Bekanntheitsgrad eines Schlagers, war sie von  außerordentlich großer Wirkung und rief einen Skandal nach dem anderen hervor. Kein geringerer als Kurt Tucholsky attestierte, dass es den Preußen noch keiner so gegeben habe, wie Brecht mit seiner  ‚Legende’. Sie sollte in die Taschenpostille aufgenommen werden,  die angeblich nicht realisiert werden konnte, weil 1926 Gesellschafter  des Kiepenheuer-Verlages das Gedicht ablehnten. Vor seinem großen Durchbruch mit der Dreigroschenoper war Brecht auch in der  Literaturwissenschaft, obwohl Baal und Trommeln in der Nacht Aufsehen erregten, in erster Linie durch die ‚Legende’ ein Begriff. Doch die Reaktionen waren auch konkret politischer Natur: Es wurde  nicht nur ein Strafverfahren wegen Blasphemie gegen Brecht angestrengt, sondern er zog sich auch frühzeitig den Hass der  Nationalsozialisten zu. Der ,Stückeschreiber’ soll bereits 1923, also  im Jahr des Hitler-Putsches, auf eine ,schwarze Liste’ geraten sein, auf  der Personen genannt waren, die nach der Machtergreifung inhaftiert  werden sollten. Zwischen der ‚Legende vom toten Soldaten’ und  Brechts Emigration besteht damit ein ursächlicher Zusammenhang:  Schon der etwa zwanzigjährige Autor stellte 1917 oder spätestens 1918 die Weichen, indem er mit diesem Gedicht eine Situation herbeiführte, die einen Verbleib in Deutschland nach 1933 unmöglich machte, wollte er nicht sein Leben aufs Spiel setzen. Und so ist es nur  folgerichtig, dass 1935 seine Ausbürgerung vom Reichsinnenministerium auch mit der ‚Legende’ begründet wurde…“ (Jürgen Hillesheim, 2003)

In der ‚Anleitung’ zur Hauspostille weist Brecht darauf hin, dass er das Gedicht zum Gedenken an Christian Grumbeis verfasst habe; wahrscheinlich ist es so, dass sich hinter „Grumbeis“ Brechts Freund Caspar Neher verbirgt, der 1917 als Soldat verschüttet wurde – siehe das Augsburg-Wiki (Links).

In den beiden Referaten von der Uni Würzburg und in Brigitte Elisabeth Albrechts Arbeit liegen drei Analysen vor, die einigermaßen ordentlich, aber nicht fehlerfrei sind. Wenn man sich mit ihnen anhand des Textes auseinandersetzt (sicher liegt z.B. keine Chevy-chase-Strophe vor, sicher handelt der Militärarzt nicht aus Angst usw.), kommt man zu einer brauchbaren Analyse. Ich möchte zum elementaren Verständnis nur den Aufbau der „Legende“ untersuchen und ihren Charakter als Satire darlegen – den Rest kann jeder selber mit Hilfe der drei genannten kurzen Untersuchungen verstehen.

  1. Wie ist „Die Legende vom toten Soldaten“ aufgebaut? Wir haben einen Sprecher vor uns, der nicht persönlich in Erscheinung tritt, sondern einfach erzählt, wie ein Toter („der Soldat“, ohne Namen, quasi eine Gattungsbezeichnung) wieder ausgegraben und gemustert wurde und wie er dann in einem Zug vor begeisterten Zuschauern wieder an die Front gebracht wurde. Es handelt sich offensichtlich um den 1. Weltkrieg, der im August 1914 begann (der 5. Lenz, Str. 1, wäre eigentlich Frühjahr 1919); die „Farben Schwarz-Weiß-Rot“ (Str. 11) sind die Farben der deutschen Nationalflagge (1871-1919). In Str. 1 wird die Vorgeschichte berichtet: Der Soldat stirbt; in Str. 2 wird die Ausgangssituation beschrieben, dass der Kaiser den Soldaten noch nicht als gestorben abschreiben will. In Str. 3-8 wird erzählt, wie der Soldat wieder ausgegraben, gemustert und in Marsch gesetzt wird; es folgt ab Str. 9 die Beschreibung des Zuges an die Front – vielleicht ist dieser Zug eine Parodie der deutschen Kriegsbegeisterung von 1914. Zum Schluss hat Brecht einige Mühe, den Erzähler zu Ende kommen zu lassen: Ab Str. 17 weiß der Erzähler nichts Neues zu berichten; er wiederholt in Str. 17 (V. 1) den 1. Vers von Str. 15 und flicht das Motiv des Nicht-gesehen-Werdens ein, das er in Str. 18 wiederholt, um nur die Sterne (vgl. Str. 6) als Zuschauer (oder Nicht-Zuschauer?) zu benennen. In Str. 19 werden die Sterne ausgeknipst, es kommt „ein Morgenrot“ (hätte dieses eine semantische Funktion, müsste der Krieg beendet werden o.ä. – so ist es nur eine Verlegenheitslösung, um ein Reimwort für „Heldentod“ zu kriegen), worauf der Erzähler endlich zum Ende kommen und den Soldat in den gereimten „Heldentod“ ziehen lassen kann. Damit ist dann die Klammer „Heldentod“ (Str. 1/19) geschlossen: Der Soldat stirbt zweimal den Heldentod.
  2. Wieso ist das Gedicht eine Satire? Von den Merkmalen satirischen Erzählens (https://norberto68.wordpress.com/2011/02/21/satiren-schreiben-mit-beispielen/) kann man mehrere finden: Sachlich unmöglich ist es, dass ein Toter erneut gemustert und als kv befunden wird (Str. 4, 5); es gibt keine geweihten Spaten (Str. 4: Spaten/Weihe passen nicht zusammen); ein Krieg kann nicht gar (gekocht) sein, Str. 2 (wieder divergierende Elemente); man kann nicht selber aktiv den Heldentod sterben (Str. 1 – den erleidet man); das Leichenhemd in Schwarz-Weiß-Rot ist ein Unding (Str. 11); der stinkende Soldat (Str. 8, offene Wertung); der weihräuchernde Pfaffe (Str. 8 – bloß komisch); alle Weiber (Str. 15 – eine Übertreibung), usw. Der Zug ist vielleicht die Parodie einer Prozession und verspottete dann das Zusammenwirken von „Thron und Altar“ im Krieg, sicher ist er auch ein satirisches Bild des begeisterten Zugs der Kriegsfreiwilligen 1914 an die Front. – Es wäre also unsinnig, das Handeln der Figuren psychologisch „verstehen“ zu wollen; man muss die Erzählung als Satire lesen und fragen, was wie kritisiert wird: der Zynismus der Obrigkeit beim Umgang mit Toten und Rekruten, die dumme Kriegsbegeisterung der Betroffenen und der Frauen, die Willfährigkeit von Ärzten und Pfarrern in der Zubereitung des Menschenmaterials.

Es könnte sein, dass die Ratzen (Str. 14) eine Reminiszenz an Heines Gedicht „Die Wanderratten“ sind. – George Grosz hat 1919 eine Karikatur publiziert („Die Pleite“, Berlin 1919, Heft 3, S. 3), die eine militärärztliche Kommission bei der Untersuchung eines Gerippes zeigt, das dann k.v. wird. – „Die Legende vom toten Soldaten“ wirkt bis heute fort.

http://www.phil1.uni-wuerzburg.de/fileadmin/05010200/user_upload/Mitarbeiter/Will/ss2007_ps_02_legende.pdf (Referat Uni Würzburg – aus Gründen des Datenschutzes nicht mehr greifbar)

http://www.phil1.uni-wuerzburg.de/fileadmin/05010200/user_upload/Mitarbeiter/Will/ss2007_ps_01_legende.pdf (dito)

http://repositories.tdl.org/ttu-ir/bitstream/handle/2346/21565/31295012156740.pdf?sequence=1 (Brigitte Elisabeth Albrecht, 1997, S. 77 ff., konkret S. 81 ff.)

Legende vom toten Soldaten. Von Klaus Schumann, in: Interpretationen. Gedichte von Bertolt Brecht, hrsg. von Jan Knopf, 1995, S. 15 ff.

http://www.augsburgwiki.de/index.php/AugsburgWiki/AutorUndLyrischesIch (biografischer Hintergrund des Gedichts)

http://meister.igl.uni-freiburg.de/gedichte/bue_ga04.html (Bürger: Lenore, 1773)

http://meister.igl.uni-freiburg.de/gedichte/hei_h79.html (Heine: Die Grenadiere, 1816)

http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/Heine/ratten.htm (Heine: Die Wanderratten)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=-JkLzeOROjI

http://www.youtube.com/watch?v=bTe9oU82bhM (EMMA)

http://www.youtube.com/watch?v=VkSPIDrXD94 (Ernst Busch)

= http://www.youtube.com/watch?v=tQPiuxe-a_I (Mit Bild von George Grosz)

http://www.youtube.com/watch?v=2UcOzOdaXWc (Kurt Weill, 1929)

http://www.youtube.com/watch?v=vNWDiD5NLE0

Rezeption

http://www.textlog.de/tucholsky-bert-brecht.html (Besprechung der „Hauspostille“ durch K. Tucholsky)

http://de.wikipedia.org/wiki/Legende_vom_toten_Soldaten

http://skd-online-collection.skd.museum/de/contents/show?id=1284254 (Figuren: Puppentheater)

http://www.arbeiterbund-fuer-den-wiederaufbau-der-kpd.de/Archiv/Aktionen/Legende/1986%5BN%5D_Pressespiegel_LEG-Nuernberg.pdf

http://www.himmlischevier.de/flugschrift/legende.shtml

http://www.himmlischevier.de/Presseecho/index09.shtml

http://www.servat.unibe.ch/dfr/bv071158.html (Gerichtsurteil)

http://www.himmlischevier.de/flugschrift/einleitung.shtml

Sonstiges

http://www.augsburgwiki.de/index.php/AugsburgWiki/BertoltBrechtsSchulzeitUndJugendInAugsburg (Brechts Augsburger Zeit)

http://www.augsburg.de/index.php?id=3007 (Biografie Brechts)

www.spiegel.de/spiegel/print/d-44449734.html („Der Spiegel“ 1950 über Brecht)

http://oumanequalsman.blogspot.com/2010/10/george-grosz.html (Bild: George Grosz: The Faith Healers [Die Gesundbeter] or Fit for Active Service)

http://www.flickr.com/photos/brittanyfoulger/5769336215/in/photostream (dito)

Brecht: Notwendigkeit der Propaganda – Analyse und Erläuterungen

Es ist möglich, daß in unserem Land nicht alles so geht…

Text

http://www.mlwerke.de/br/br_003.htm

http://www.schreiben10.com/referate/Deutsch/4/BERTOLT-BRECHT—DER-AUFHALTSAME-AUFSTIEG-DES-ARTURO-UI-reon.php

http://politikboard.org/showthread.php?5181-Politische-Gedichte-und-Lieder (3. Bsp.)

http://www.oocities.org/wellesley/garden/6745/Brecht14_26.html

Das Gedicht ist 1937 entstanden und in der Zeitschrift „Internationale Literatur“ (Moskaus, 1937) unter dem Titel „Von der Notwendigkeit der Propaganda im Dritten Reich“ erschienen; mit dem neuen Titel steht es in „Svendborger Gedichte“ (1939, dort bei „V. Deutsche Satiren“). Der alte Titel ist in sich doppeldeutig: Notwendig ist die Propaganda nicht an sich, sondern aufgrund der vielen Defizite im Dritten Reich – was der Titel aber nicht sagt, sondern nur andeutet. Der neue Titel klingt unverfänglicher, allgemeiner, fast wie ein These: Propaganda ist notwendig.

Der Sprecher ist in seinen Wertungen präsent sowie in einem allgemeinen „wir“ („in unserem Land“, 1. Str., ähnlich Str. 8), tritt aber nicht als Einzelner hervor. Das ist auch nicht nötig, sondern entspricht der Form der Satire, die als allgemein gültige Kritik auftritt. Seine Ironie ist bereits in Str. 1 zu erkennen: dass „die Propaganda gut ist“; in der Begründung der zitierten These gibt es versteckte Kritik am Minister für Ernährung, da der eben nicht für Nahrung sorgt, sondern nur „gut“ redet.

In Str. 2 geht es um den sogenannten Röhm-Putsch von 1934 (http://www.wissen.de/lexikon/roehm-putsch knapp, http://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%B6hm-Putsch ausführlich). Von der Aktion wird mit offener Kritik berichtet („ohne Untersuchung noch Gerichtsurteil“); in der Propaganda steckt ein innerer Widerspruch (Schurken mit Gütern und Ehren überhäufen); zum Schluss folgt die Ironie von den weinenden Schlächtern, wobei „Schlächter“ negativ konnotiert ist.

In Str. 3 wird der Brand des Zeppelins „Hindenburg“ am 6. Mai 1937 zur Kritik an den Nazis benutzt, erstens im Hinweis auf das schlechte Gas (offene Kritik: gutes Gas für den kommenden Krieg aufgespart), zweitens in dem sinnlosen Bekenntnis des Ministers und drittens in dem makabren bzw. ironischen Händeklatschen der Toten – gemeint ist jeweils: in den Berichten von all diesen Geschehnissen.

„Die Mülltrennung ist eine Hervorbringung der kriegswirtschaftlichen Ökonomien. Schon im Ersten Weltkrieg wurde in Deutschland die Trennung von Küchenabfällen zur Pflicht – allerdings eher aus hygienischen Gründen. Insbesondere die Nazis forcierten dann aber eine wirtschaftliche Autarkie der Nation und verpflichteten 1936 die deutschen Haushalte mit einem scharfen Gesetz zur Mülltrennung. Rohstoffe, die im Gegensatz zu „Heimstoffen“, nicht in Deutschland gewonnen werden konnten, sollten entweder substituiert werden oder in einer Kreislaufwirtschaft zirkulieren.“ (Caspar Schmidt, http://www.hinterland-magazin.de/pdf/16-35.pdf; vgl. auch http://www.bochumer-bunker.de/ls_vor_dem_krieg.html) Das ist der Hintergrund der Str. 4 (Görings Erläuterung des zweiten Vierjahresplans ist ein Musterbeispiel entsprechender Propaganda: http://archiv.thingnetz.org/frei/Buecher%20vor%201945/Goering,%20Hermann%20-%20Rede%20im%20Sportpalast%20am%2028.%20Oktober%201936.pdf) Durch die Zusammenstellung von „Abfall“ (statt („Altstoffe“) und „Buch des Führers“ (d.i. „Mein Kampf“) wird dieses Buch zum Abfall erklärt. Über das Lumpensammeln wird das Wortspiel mit den (Charakter)Lumpen möglich; mit der Kritik am Bauwahn der Nazis (Görings Ministerium, Albert Speers Pläne) und der Übertreibung vom stadtgroßen Palast wird die Kritik an der Vielzahl der Nazi-Lumpen ermöglicht, für die man ein so großes Haus braucht. – Auch im Gedicht „Dauer des Dritten Reiches“ (ebenfalls in „Deutsche Satiren“) kommt in Str. 3 (und 2) „Abfall“ vor: „Den nächsten Weltkrieg werden wir gewinnen / Wenn wir genügend Abfall sammeln…“

An mehreren Beispielen wird in Str. 5 gezeigt, wie ein guter Propagandist die Wahrheit verdreht, auf den Krieg vorbereitet (Kanonen) und die Opfer der Kriegspolitik „ehrt“.

In Str. 6 wird daran angeknüpft, dass am 16. März 1935 die allgemeine Wehrpflicht eingeführt und die Reichswehr in „Wehrmacht“ umbenannt wurde. Die Kriegspolitik wird durch ihre inneren Widersprüche entlarvt.

In Str. 7 wird mit dem Rekurs auf die Worte „Fleisch“ und „Anzug“ sowie auf des Ministers Lobrede auf Kleidung aus Zellulose (statt Wolle – „Edelgespinst“ ist sowohl ironisch als auch durch gehobene Sprachebene kritisch) die Propaganda direkt thematisiert  und als inhaltsleer entlarvt („vermögen … nicht alles“). „Im Hemd stehen“ wird sowohl wörtlich wie als metaphorische Redewendung benutzt (als der Dumme oder Betrogene dastehen). Ob mit dem Planminister, den es so nicht gab, Hjalmar Schacht (so der Kommentar in „Ausgewählte Werke in sechs Bänden, Bd. 3, S. 486) oder Hermann Göring (für den Vierjahresplan zuständig!) gemeint ist, sei dahingestellt.

In Str. 8 wird der „Zweck der Propaganda“ reflektiert und kritisiert: „je mehr es in unserm Land Propaganda gibt…“ – durch Propaganda wird die Versorgung der Bevölkerung mit realen Waren ersetzt; das ist zum Schluss eine offene Kritik.

Mit den gebräuchlichen Mitteln der Satire wird die Politik des Dritten Reichs kritisiert: Spott, Ironie, offene und versteckte Wertung, Wortspiele sind die Werkzeuge des Sprechers bzw. des Autors Brecht. Das Gedicht ist als solches weniger von poetischem als von propagandistischem Wert, der Hinweis auf unser Land rahmt ein wenig beschwörend die acht Strophen (Str. 1 und 8). Eine Analyse oder einen Vortrag des Gedichts habe ich nicht gefunden; Klaus Birkenhauer (in: Gedichte von Bertolt Brecht. Interpretationen, 1995, S. 119 ff.) äußert sich abfällig über den Wert des Gedichts, erläutert aber kurz die Besonderheiten des Zeilenschnitts bzw. der freien Rhythmen in Brechts Theorie und in diesem Gedicht.

http://www.arnerautenberg.de/Text/Essays/Brecht_in_Svendborg (Brecht-Haus in Svendborg)

http://baylit.literaturportal-bayern.de/autoren/autor.php?id=153 (Brecht-Links)