Keller: Frühlingsglaube – Analyse

Es wandert eine schöne Sage…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=203 (späte Fassung, dazu Links zu früheren Fassungen)

http://www.gottfriedkeller.ch/gedichte/gframeset.html?http://www.gottfriedkeller.ch/gedichte/gg1_2.htm (dort Nr. 027)

http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/content/pageview/5118858 (in der Freimann-Sammlung)

„Dem griechischen – später von den Römern übernommenen – Mythos zufolge waren die sozialen Verhältnisse damals ideal und die Menschen hervorragend in ihre natürliche Umwelt eingebettet. Kriege, Verbrechen und Laster waren unbekannt, die bescheidenen Lebensbedürfnisse wurden von der Natur erfüllt. Im Verlauf der folgenden Zeitalter (Silbernes, dann Ehernes [d.h. Bronzenes], sodann Zeitalter der Heroen) trat jedoch ein moralischer Verfall bis hin zum heutigen Eisernen Zeitalter ein, Macht- und Besitzgier wurden immer stärker, und die Lebensbedingungen verschlechterten sich drastisch. In der Gegenwart (der Lebenszeit des Mythenerzählers) ist diese negative Entwicklung extrem geworden. Manche römische Autoren verkündeten aber den Anbruch einer neuen Epoche des Friedens und der Eintracht als Erneuerung des Goldenen Zeitalters.“ (wikipedia, Art. „Goldenes Zeitalter“) In der Neuzeit wurde dieser Mythos wieder belebt, u.a. von Rousseau. „Fundamentale Kritik an der Verherrlichung des Goldenen Zeitalters übte Immanuel Kant aus der Perspektive eines Anhängers der Fortschrittsidee. Er meinte, eine leere Sehnsucht habe das Schattenbild der mythischen Urgesellschaft erzeugt. Das Attraktive an dem Mythos sei der reine Genuß eines sorgenfreien, in Faulheit verträumten oder mit kindischem Spiel vertändelten Lebens. In Wirklichkeit könne der Mensch aber weder mit einem solchen Zustand zufrieden sein noch in ihn zurückkehren. Wer den Wert des Lebens nur im Genuss suche, gelange zu einem Überdruss an der Zivilisation und damit zu dem nichtigen Wunsch nach Rückkehr in jene Zeit der Einfalt und Unschuld.“ (ebenda)

Dieser Kritik Kants hat sich Schiller mit seinem Gedicht „Die Worte des Wahns“ (1800) angeschlossen, welches vielleicht der Bezugspunkt von Kellers Gedicht ist und deshalb hier teilweise zitiert wird:

Drei Worte hört man, bedeutungsschwer,
Im Munde der Guten und Besten.
Sie schallen vergeblich, ihr Klang ist leer,
Sie können nicht helfen und trösten.
Verscherzt ist dem Menschen des Lebens Frucht,
Solang er die Schatten zu haschen sucht.

Solang er glaubt an die goldene Zeit,
Wo das Rechte, das Gute wird siegen –
Das Rechte, das Gute führt ewig Streit,
Nie wird der Feind ihm erliegen,
Und erstickst du ihn nicht in den Lüften frei,
Stets wächst ihm die Kraft auf der Erde neu.

Solang er glaubt, daß das buhlende Glück
Sich dem Edeln vereinigen werde –
Dem Schlechten folgt es mit Liebesblick;
Nicht dem Guten gehöret die Erde.
Er ist ein Fremdling, er wandert aus
Und suchet ein unvergänglich Haus.  […]

Dagegen setzt wiederum Keller (zusammen mit den utopischen Sozialisten seiner Zeit) das Bekenntnis zum Glauben an das Goldene Zeitalter – eben das Gedicht „Frühlingsglaube“. Schon der Titel ist bezeichnend: Besagter Glaube wird mit dem Frühling verbunden, dem Aufbruch neuen Lebens nach dem dunklen Winter (Analogie: Tod, vgl. die letzte Strophe des Gedichts!). Der Sprecher des Gedichts tritt als prophetischer Visionär auf, nicht als lyrisches Ich; Keller hat Gedankenlyrik produziert, wie Schiller, und eine politische Vision verkündet.

In der 1. Strophe berichtet der Sprecher, dass es die „schöne Sage“ vom Goldenen Zeitalter auf der ganzen Erde gibt; die beiden Vergleiche (Veilchenduft, sehnende Liebesklage, V. 2 f.) bestimmen einmal die Qualität der Sage (Veilchen: Frühling), einmal die Einstellung der Völker (sehnende Klage) näher.

In den drei folgenden Strophen wird die „Sage“ als „Lied“ benannt und inhaltlich gefüllt: Völkerfrieden, Einheit im Glauben (in den letzten Überzeugungen), Herrschaft des Rechts (V. 11 f.), Ende des Egoismus (so lese ich die dunkle Stelle V. 15). Zugleich wird der Glaube an das Goldene Zeitalter bewertet: Es ist ein Traum, der zur Wahrheit wird (V. 8); wer ihn dagegen „für Traum und Wahnsinn“ hält (V. 16), ist von Egoismus besessen – die letzte Sünde in der glücklichen Welt (V. 13 f.).

In der letzten Strophe wird der Träger solcher Sünde endgültig verdammt: „Der wäre besser ungeboren: / Denn lebend wohnt er schon im Grab.“ (V. 19 f.) Diese Verdammung ist genauso unbegründet und ideologisch getönt wie Schillers Urteil über den naiven Gläubigen: „Verscherzt ist dem Menschen des Lebens Frucht, / Solang er die Schatten zu haschen sucht.“ Wenn Othmar Schoeck 1943 „Frühlingsglaube“ als Lied singt, ist das allerdings ein helles Zeichen in dunkler Zeit.

Das Gedicht ist in einem vierhebigen Jambus abgefasst, wobei Vers 1 und 3 jeder Strophe eine Silbe zusätzlich, also eine weibliche Kadenz haben; zusammen mit dem Kreuzreim und dem Satzbau läuft das auf eine Konstruktion der Strophe aus zwei Doppelversen hinaus, wobei wegen des Taktes nach V. 1 und 3 trotzdem eine ganz kleine Pause gemacht wird. Die entscheidenden Reime sind die von V. 2/4 jeder Strophe, wobei man den ganzen Satz als Bezugsgröße nehmen muss. In der 1. Strophe ist dieser Reim banal. Für die 2. Und 3. Strophe zeige ich exemplarisch des Sinn des Reimes auf: Das Lied vom Glück (V. 5 f.) kehr als Wahrheit zurück (V. 7 f.); man betet zum einen Hirt (V. 9 f.), wenn Recht gesprochen wird (V. 11 f.).

Sachlich sind V. 11 f. und V. 15 f. nicht leicht zu verstehen. Wieso wird gerade den Propheten Recht gesprochen (und nicht allen Menschen)? Die Propheten (des Alten Testaments) waren jene Männer, die auf ihre Weise für Recht und Gerechtigkeit, für Wohltätigkeit und Nächstenliebe eingetreten sind und oft genug deswegen verfolgt wurden. – Was Eigen-Neid ist, ist nicht ganz klar; ich lese es als „Egoismus (bzw. Eigen-Sinn) aus Neid“. Dass im Gedicht nur solcher Eigen-Neid als Grund für die Skepsis gegenüber dem Glauben ans Goldene Zeitalter gesehen wird, ist sachlich problematisch. Dem entspricht in der letzten Strophe die Unterstellung, dass manche Leute diese Hoffnung „böslich“ aufgegeben haben (V. 17 f.) – Das Apodiktische dieses Verdammungsurteils unterscheidet sich nicht vom Schillers Härte in seinen Gedichten „Die Worte des Wahns“ (1800) oder „Die Worte des Glaubens“ (1798).

Kellers Gedicht ist erstmals in „Gedichte“ (1846) erschienen, in der Abteilung „Natur“; es steht damit im Kontext seiner politischen Kämpfe gegen den Jesuitismus und für eine fortschrittliche Schweiz, wie er sich auch im Gedicht Sonnenaufgang oder in Waldlieder spiegelt – Es gibt auch ein Gedicht L. Uhlands mit dem gleichen Titel „Frühlingsglaube“, das man nicht mit dem Gedicht Kellers verwechseln sollte.

Der Blick in eine Suchmaschine zeigt, dass auch heute der Einbruch eines Goldenen Zeitalters von verschiedenartigsten Missionaren erwartet wird.

Sonstiges

https://www.bibelwerk.de/Materialpool.12795.html/Material+zu+biblischen+Themen.15649.html?id=36641 (Propheten)

http://www.lesekost.de/gedicht/HHLG10.htm (Uhland: Frühlingsglaube)

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Eichendorff: Wünschelrute – Analyse, Interpretation

Schläft ein Lied in allen Dingen …

Text

http://www.uni-due.de/lyriktheorie/texte/1838_eichendorff.html (mit Sekundärliteratur)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=126

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,%20Joseph%20von/Gedichte/Gedichte%20(Ausgabe%201841)/2.%20S%E4ngerleben/W%FCnschelrute

http://de.wikisource.org/wiki/W%C3%BCnschelrute

http://www.textlog.de/22558.html

Das Gedicht ist 1835 entstanden und 1838 in „Deutscher Muselalmanach“ veröffentlicht worden. In der Ausgabe der Gedichte von 1841 steht es unter „2. Sängerleben“ als letztes.

Die Überschrift heißt „Wünschelrute“; in V. 4 wird die Kenntnis oder das Finden eines Zauberworts erwähnt; statt „Zauberwort“ sind „Zauberformel“ oder „Beschwörungsformel“ geläufig. Beide Größen gehören in den Bereich des Magischen oder des Märchenhaften; auch wenn sie von Eichendorff metaphorisch gebraucht werden, sollte die ursprüngliche Eigenart beider Größen bekannt sein. Daher fangen wir hier mit deren Klärung an:

Wünschelrute, s. v. w. Zauberrute, nach dem altdeutschen Wort wünschen, welches s. v. w. zaubern bedeutet, auch kurz der »Wunsch« genannt (z. B. im Nibelungenlied, wo es heißt: »Es lag der Wunsch darunter, von Gold ein Rütelein«), ein Baumzweig, mit dessen Hilfe man vergrabene Schätze, Metalladern, Quellen und andre verborgene Dinge aufzufinden hoffte.“ (Meyers Großes Konversations-Lexikon, 1892)

Wünschelrute, ein zauberhafter heilbringender Stab, war in Deutschland von alters her bekannt und wurde besonders im spätern Mittelalter zum Gegenstande eines bis in die neuere Zeit fortdauernden Aberglaubens. Man glaubte mittels der W. verborgene Schätze, Erzadern, Wasserquellen, ja selbst Verbrecher entdecken zu können und brach sie unter gewissen Bedingungen und Formeln von dem gezwieselten (gabeligen) Aste eines Haselstrauchs oder Kreuzdorns, oder machte sie nach aus Metalldraht […]. Bei dem Gebrauche kam es darauf an, sie unter Hersagung der nötigen Formeln richtig in der Hand zu halten; dann zeigte sie durch ihre Bewegung, ob und wo die gewünschten Gegenstände verborgen seien.“ (Brockhaus’ Konversationslexikon, 1896)

Beschwörungsformel (v. mhd. beswern = bitten, mit Zaubersprüchen bewältigen; mlat. incantatio, incantamentum). Bei magischen Handlungen zur Schadensabwehr und zur Heilszuwendung kam – neben zeremoniellen Gebärden und Zeichen sowie der Beachtung bestimmter Zeiten und Orte – dem Wort in gebundener Rede besondere Zauberkraft zu. Zur Verhütung mannigfaltiger Schadensfälle bei Mensch und Tier gab es Abwehr-, Heil- und Lösesprüche, etwa gegen Ungeziefer, Raubgetier, Unwetter, Feuer, Diebe, Dämonen, Geister und Hexen sowie gegen eine Vielzahl von Krankheiten. Nicht selten haben sich Beschwörungsformeln aus Gebetsformeln entwickelt, wenn anstatt eines christlichen Idols ein Dämon angerufen wurde.“ (Mittelalter Lexikon)

Zaubersprüche aus Grimms Märchen

http://www.paranormal.de/hexen/forum/19052-zaubersprueche-aus-grimms-maerchen

http://bruggernet.de/edeltraud/maerchen/zaubersprueche.htm

Ein ungenannter allwissender Sprecher erklärt, wie man die Welt zum Singen bringen kann. Er beschreibt zu Beginn, dass in allen Dingen ein Lied „schläft“ – dadurch, dass mit diesem Wort das Gedicht eröffnet wird (das grammatisch korrekte „Es“ ist fortgelassen), wird dieses Schlafen als der Elementarzustand eingeführt; das ist eine so durch und durch metaphorische Aussage, dass wir keinen Anhalt für eine sichere Deutung haben. Das gilt erst recht für den folgenden Relativsatz, der an „Dingen“ anschließt: „Die da träumen fort und fort.“ Wenn man die Vorstellung von der Wünschelrute hinzunimmt, kann man den Sinn der beiden ersten Verse so verstehen, dass da von einem verborgenen Wesen der Dinge die Rede ist, welches durch die Wünschelrute gefunden werden soll.

Mit der Konjunktion „Und“ (V. 3) schließt dann die entscheidende Aussage an:

„Und die Welt hebt an [fängt an] zu singen,

Triffst du nur das Zauberwort.“

„Und“ drückt aus, was aus sich der ersten Aussage ergibt: Wenn man über die Wünschelrute verfügt, wenn man das Zauberwort „trifft“, erlöst man die Welt aus ihrem Traum-Bann und bringt sie zum Singen: Man befreit das in allen Dingen schlafende Lied.

Zwei Fragen stellen sich an diese metaphorisch gesättigten Aussagen: 1. Was tun die Dinge, wenn sie nicht singen? 2. Wie kann man das Zauberwort treffen? Die zweite Frage beruht auf der Voraussetzung, dass „du“ jedermann ist, also kein einzelner Adressat – die Aussagen des Gedichts sind ja ganz allgemein gehalten, ohne eine Markierung der Ich-hier-jetzt-Position.

Was tun die Dinge, wenn sie nicht singen? Sie sind stumm. In Schillers Gedicht „Die Götter Griechenlands“ (1788, hier in der 2. Fassung 1800) wird diese durch die neuzeitliche Rationalität heraufgeführte Stummheit beklagt:

„Da ihr [die Götter Griechenlands, N.T.] noch die schöne Welt regieret,

An der Freude leichtem Gängelband

Selige Geschlechter noch geführet,

Schöne Wesen aus dem Fabelland!

Ach! da euer Wonnedienst noch glänzte,

Wie ganz anders, anders war es da!

Da man deine Tempel noch bekränzte,

Venus Amathusia!

 

Da der Dichtung zauberische Hülle

Sich noch lieblich um die Wahrheit wand, –

Durch die Schöpfung floß da Lebensfülle,

Und, was nie empfinden wird, empfand.

An der Liebe Busen sie zu drücken,

Gab man höhern Adel der Natur,

Alles wies den eingeweihten Blicken,

Alles eines Gottes Spur.“

Und die letzte Strophe der zweiten Fassung (1800) lautet:

„Ja, sie kehrten heim, und alles Schöne,

Alles Hohe nahmen sie mit fort,

Alle Farben, alle Lebenstöne,

Und uns blieb nur das entseelte Wort.

Aus der Zeitflut weggerissen, schweben

Sie gerettet auf des Pindus Höhn,

Was unsterblich im Gesang soll leben,

Muß im Leben untergehn.“

Wenn man Schillers Gedicht zur Erklärung heranzieht, ergibt sich für Eichendorff: Die Dinge schlafen, weil sie nur noch mit entseelten Worten benannt werden. (Schiller machte dafür das Christentum verantwortlich, bei Eichendorff ist kein Schuldiger benannt; romantisch ist primär die Abkehr von der mathematisch-technisch bestimmten Naturwissenschaft und Industrie). Wenn man jedoch die Lebenstöne trifft, selber den Gesang anstimmen kann, dann hebt auch die Welt an zu singen, sagt Eichendorff. Das kann jedoch allein ein Dichter – wobei „Dichter“ nicht den professionellen Schriftsteller meint, sondern den, der aus seinem Herzen heraus lebt und spricht und singt. Das ist auch „das Volk“, dessen Märchen und Lieder seit Herder, also etwa seit 1770 als die wahre Poesie gelten. (Über die Verbindung des Sturm und Drang zur Romantik brauchen wir jetzt nicht zu sprechen.)

In Eichendorffs Gedicht „An die Dichter“, dem vorletzten der Abteilung „Sängerleben“ von 1841, heißt es:

„Der Dichter kann nicht mit verarmen;

Wenn alles um ihn her zerfällt,

Hebt ihn ein göttliches Erbarmen –

Der Dichter ist das Herz der Welt.

 

Den blöden Willen aller Wesen,

Im Irdischen des Herren Spur,

Soll er durch Liebeskraft erlösen,

Der schöne Liebling der Natur.

 

Drum hat ihm Gott das Wort gegeben,

Das kühn das Dunkelste benennt,

Den frommen Ernst im reichen Leben,

Die Freudigkeit, die keiner kennt.

 

Da soll er singen frei auf Erden,

In Lust und Not auf Gott vertraun,

Daß aller Herzen freier werden,

Eratmend in die Klänge schaun.“

Als einen solchen  Dichter hat Eichendorff sich sicher selbst gesehen; er stellt mit der „Wünschelrute“ wie auch mit dem voraufgehenden „An die Dichter“ sein poetisches Programm vor, beide sind poetologische Gedichte.

Wir haben ein Gedicht vor uns, das aus zwei Hauptsätzen (V. 1, 3) und zwei Nebensätzen besteht, einem Relativsatz (V. 2) und einem Konditionalsatz (V. 4). Es ist im Trochäus verfasst, vierhebig, wobei die Hauptsätze eine weiche Kadenz aufweisen, also vier volle Takte, während die Nebensätze um eine Silbe verkürzt sind (männliche Kadenz), was „Pause“ signalisiert – abgesehen davon, dass jeweils auch ein Satzgefüge vollendet ist. Betont sind die Wörter „Schläft, Lied, träumen, [fort, fort,] singen, Zauberwort“. Dem Wortfeld des Schlafens (schlafen, träumen) steht das der Musik (Lied, singen) gegenüber; sie werden miteinander durch die Wörter des Zauberischen (Wünschelrute, Zauberwort) verbunden. Wenn die Verbindung gelingt, beginnt („hebt an“) etwas Neues, der Klang oder Gesang der  Welt.  – Sowohl durch die Liedform (Volksliedstrophe) als auch durch die benannten Wortfelder ist dem Gedicht etwas Zauberhaftes eigen, das seine bis heute ungebrochene Wertschätzung begründet.

Nachtrag zur Wortgeschichte „Wünschelrute“

Im DWB (Grimm) finden wir zu „Wünschelrute“: „2) im nhd. die von bestimmten sträuchern geschnittene meist gabelförmige rute zum aufspüren von erzen, wasseradern und überhaupt verborgenen dingen.“ Und dann gibt es Zeugnisse für einen metaphorischen Sprachgebrauch: „c) übertragen auf kräfte, fähigkeiten u. dgl., die nichtdingliches, besonders nicht unmittelbar einsichtige geistige oder seelische gegebenheiten aufzudecken vermögen: (einige musiktheoretiker) machen die music zu einer solchen mathematischen wissenschafft, dabey alle zahlen, linien, maassen, gewichte … ins gewehr und spiel kommen müssen. überdies thun sie mit ihrer wünschel-ruthe der ton-lehre noch den schimpf an, und machen sie dem einmahleins gar unterwürffig Mattheson d. vollk. capellmeister (1739) 5; und wie heilig wäre mir die scene mit dem baum, wenn die wünschelruthe des dichters historische wahrheit entblöszt haben sollte Lenz in: aus Herders nachlasz 1, 226 Düntzer-H.; Lichtenbergs schriften können wir uns als der wunderbarsten wünschelruthe bedienen; wo er einen spasz macht, liegt ein problem verborgen Göthe II 11, 119 W.;“ bereits bei Herder und Goethe finden wir also „Wünschelrute“ im gleichen Sinn wie bei Eichendorff gebraucht, während Mattheson (1739) gerade das streng regulierte Komponieren als Arbeit mit einer mathematischen Wünschelrute verspottet. – Das sind lexikalische Befunde: Die Frage ist, ob Eichendorff und erst recht seine Leser sie gekannt haben; sie zeigen jedoch, dass die Wünschelrute-Metapher um 1800 nicht ganz abwegig war.

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=W%C3%BCnschelrute_(Eichendorff)&stable=0&shownotice=1&fromsection=Inhalt

http://books.google.de/books?id=fEWg3iU6Y-sC&pg=PA657&lpg=PA657&dq=eichendorff+w%C3%BCnschelrute&source=bl&ots=Cv7XhYxjGx&sig=z7yTSkLJu0c-OkbYXmcp7egLdpI&hl=de&sa=X&ei=pD4rUa2GLuzQ4QTuyIGICQ&ved=0CDsQ6AEwAzgy#v=onepage&q=eichendorff%20w%C3%BCnschelrute&f=false (Otto Eberhardt, „Wünschelrute“ sachlich bei Eichendorff, S. 657 f.)

http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-wuenschelrute,textbearbeitung,244.html (langatmig bis geschwätzig, nicht alles richtig)

http://www.stiftikus.de/umbruh19/wuenschel.doc (abgeschrieben von Alewyn)

http://de.scribd.com/doc/28156676/K12-Deutsch-Mitschrift-Einfuhrung-in-die-Romantik (Stichworte aus dem Unterricht)

http://www.abiunity.de/print.php?threadid=2040&page=1&sid= (Interpretation in einem Forum)

http://www.marie-herberger.de/mediawiki/index.php/Joseph_Freiherr_von_Eichendorff_-_W%C3%BCnschelrute (knapp)

http://suite101.de/article/gedichtinterpretation-eichendorff-a51381 (Anregungen zur eigenen Analyse)

http://www.uni-regensburg.de/sprache-literatur-kultur/germanistik-ndl-1/medien/pdf/ditsche.pdf (Neuro-Erklärung der sprachlichen Wünschelrute)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=PQk9Z67A2Bk (Konrad Beikircher)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/schlaeft-ein-lied-in-allen-dingen.html (Fritz Stavenhagen)

http://www.youtube.com/watch?v=YAKNJbKyX5s (Lutz Görner)

http://www.lyrik-audio.de/index.php?cat=DichterD-F (mir unbekannt)

http://www.youtube.com/watch?v=FuigwpfFT4o (vertont: T. Baumann)

http://www.youtube.com/watch?v=se2BoivJXqY (vertont)

http://www.youtube.com/watch?v=eAbCqAYQMuY („Die Zaunreiter“)

http://www.youtube.com/watch?v=z-YI_QUbLzM ( ? )

http://www.youtube.com/watch?v=ecf0LJpdIAg ( ? )

http://www.youtube.com/watch?v=sXnWJDpXxAo ( ? )

http://www.youtube.com/watch?v=saM_wu9uBrM (Kinderchor)

http://www.youtube.com/watch?v=zTh5U6XNSF0 (Schüler spielen „Lindenberg singt Eichendorff“)

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%BCnschelrute (Erklärung: Wünschelrute)

http://www.lehrer-online.de/427686.php (Unterrichtsanregungen)

http://www.e-hausaufgaben.de/Thema-156093-Die-Wuenschelrute-Gedicht-in-Prosa-umwandeln.php (Unterricht de facto: „Ich soll es zu einer Prosa umwandeln … aber wie?“)

http://www.gedichte.com/threads/145804-Glossengedicht-zu-Eichendorffs-W%C3%BCnschelrute-als-Themagedicht (Unterricht de facto: ein Glossengedicht dazu schreiben)

http://romantischeschule.wordpress.com/2009/01/27/novalis-wenn-nicht-mehr-zahlen-und-figuren/ (vergleichen mit Novalis: Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren)

http://www.studienseminar-lueneburg.de/asu/fach/deutsch_holmes/musterentwurf_d2.pdf (Stundenentwurf: Anregung zum Gedichtvergleich mit Rilke: Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort)

http://www.weberberg.de/triffst-du-nur-das-zauberwort.html (Parodie des Gedichts)

Brecht: O Lust des Beginnens – Analyse

O Lust des Beginnens! O früher Morgen!…

Text

http://www.pathologie-moers.de/sinne/olust.htm

http://www.gestaltung.hs-mannheim.de/designwiki/files/10941/motivation_2_semester_ss2009.pdf (andere Textgestalt)

http://members.aon.at/sroth/lyrik/brecht.htm (dito)

http://www.bibl.u-szeged.hu/exhib/brecht/brecht2.html (mit dem „Blick der Liebe“, aber ohne den passenden Zeilenschnitt)

Das Gedicht ist um 1945 entstanden, während der Arbeit am Messingkauf. Es gibt auch einen Zusammengang mit dem Galileo, der zwischen 1945 und 1947 entstanden ist: „Wie sagt der Dichter? ‚O früher Morgen des Beginnens!…’“ (Bild 1: es 1, S. 10), sagt Galilei. Darauf zitiert Andrea: „O früher Morgen des Beginnens! / O Hauch des Windes, der / Von neuen Küsten kommt!“  Galilei hatte zuvor im Zusammenhang mit der wissenschaftlichen Revolution und der Herrschaft des Zweifels den Aufbruch aufs offene Meer propagiert (S. 8 ff.). – Im Kommentar der sechsbändigen Werkausgabe (Bd. 4, S. 548) wird auf Gedichte Whitmans und Baudelaires als mögliche Quellen von Brechts Gedicht verwiesen, wobei nur Whitmans Gedicht „Ein Sang der Freuden“ den gleichen fröhlichen Ton wie das vorliegende Gedicht besitzt.

Die Textgestalt schwankt bei den Versionen, die man im Internet findet. Ich halte mich an die Gestalt  des ersten Links (ohne Stropheneinteilung, mit dem Teilvers 8 „O Beginn der Liebe…“), die auch in der Werkausgabe zu finden ist.

Ein ungenannter Sprecher preist die Lust des Beginnens (V. 1). Wo er diese Lust erlebt hat, wird in den folgenden Versen preisend dargestellt, jeweils persönlich angesprochen (was mich an Goethes „Mailied“ erinnert): „O früher Morgen!“ (V. 1) So geht die Reihe weiter: erstes Gras im Frühjahr, erste Seite des neuen Buchs, erster Wasserguss, das frische Hemd, der Beginn der Liebe, Beginn der Arbeit, erster Zug beim Rauchen – und zum Schluss: „Und du / Neuer Gedanke!“ (V. 12 f.)

Das Neue des Brecht’schen Gedichts zeigt sich im Vergleich mit Goethes „Mailied“: Bei Goethe waren es Frühling, Natur und Liebe, die gepriesen, ja angehimmelt wurden – die klassischen Themen der Lyrik; jetzt kommen auch so prosaische Dinge wie ein Wasserguss beim Waschen, ein frisches Hemd oder der Beginn der Arbeit hinzu; selbst das Rauchen bleibt nicht unerwähnt, aber den Schluss bildet als Höhepunkt der neue Gedanke. Brechts Gedicht berührt sich an einer Stelle auch mit Hesses „Stufen“:

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,


Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

Bei Hesse wird erklärt, worin der Zauber der neuen Stufen besteht; bei Brecht werden sie nur in ihrer Vielzahl gepriesen.

Das Neue – das ist ein altes Thema, seit die Menschen den Glauben an die ewig gleiche kreisende Bewegung der Gestirne aufgegeben haben. Schiller hat es im Gedicht „Die Hoffnung“ besungen. Ja, die Hoffnung auf das Neue ist noch älter: Es ist die eschatologische Hoffnung, die an die religiöse Chiffre „Auferweckung der Toten“ gebunden ist und unter dem Symbol des neuen Jerusalems vorgestellt wird: „Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein…“ (Apk 21,3) Wir sind bescheidener geworden; wir genießen den frischen Wasserguss in ein verschwitztes Gesicht und den Beginn der Liebe. – Als Kontrastprogramm könnte man Peter Bichsels Erzählung „Ein Tisch ist ein Tisch“ nennen.

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=so0GiW_0Lb0

Rezeption

http://www.donaukurier.de/nachrichten/kultur/Ingolstadt-Alles-auf-Anfang;art598,2502869

Sonstiges

http://www.zeno.org/Literatur/M/Whitman,+Walt/Lyrik/Grashalme+(Auswahl)/%C2%BBEin+Sang+der+Freuden%C2%AB/Ein+Sang+der+Freuden (Whitman: Ein Sang der Freuden)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Baudelaire,+Charles/Lyrik/Die+Blumen+des+B%C3%B6sen+(Auswahl)/Pariser+Bilder/Morgend%C3%A4mmerung (Baudelaire: Morgendämmerung)

Schiller: Die Hoffnung (http://www.autoren-gedichte.de/schiller/die-hoffnung.htm)

Schiller: Don Karlos – Inhaltsangabe

(Die Vorstufe dieser Inhaltsangabe stammt von der Kollegin Bettina Seifert.)

1. Akt: Der königliche Garten in Aranjuez – Exposition

1. Szene
Im Palast in Aranjuez wird klar, dass Don Carlos (Kronprinz, 1545 – 1568, Sohn der ersten Frau Philipps) die Zeit auf dem Land unglücklich war. Domingo versucht, der Schwermut von Carlos auf den Grund zu gehen, und rät ihm…

 

Das Lehrerheft zu „Don Karlos” ist im Verlag Krapp & Gutknecht erschienen.

Schiller: Wilhelm Tell – Inhalt, Aufbau, Analysen

Situation im Tell-Drama:

I 1 spielt am 28. Oktober 1307. Der König von Österreich will die freien Kantone der Schweiz unterwerfen. Der König von Österreich bekleidet gleichzeitig das Amt des Kaisers des deutschen Reiches; als Kaiser müsste er den Kantonen gegen das Königreich Österreich beistehen. Die Situation ist rechtlich verfahren; dadurch ergibt sich das Problem, ob ein Volk sich in Notwehr selber helfen darf, politisch gesprochen: einen Aufstand machen darf.

Im 1. Aufzug (Akt) werden von Baumgarten, Stauffacher und Melchtal aus allen Kantonen Übergriffe der kaiserlichen Vögte vermeldet

Wilhelm Tell – Überblick über das Drama

1. Aufzug (Akt)

Moral und Politik in „Wilhelm Tell“ I

2. Aufzug

3. Aufzug

Als was für ein Mensch erscheint  Wilhelm Tell in III 1?

4. Aufzug

Charakterisierung Geßlers – Gliederung (zu „Wilhelm Tell“ IV 3)

5. Aufzug

Zum Aufbau des Dramas:

P.S. Literarische Tradition

P.S. Das Motiv „Apfelschuss“

Die Analyse dieser Themen finden Sie jetzt auf dem Lehrermarktplatz unter meinem Namen (Norbert Tholen).


Johann Jakob Bodmer hatte 1775 drei „Schweizerische Schauspiele“ veröffentlicht: Wilhelm Tell, Geßlers Tod, Der alte Heinrich von Melchthal; Joseph Ignaz Zimmermann: Wilhelm Tell. Ein Trauerspiel, 1777; Johann Ludwig Ambühl: Der Schweizerbund, 1779. Parallel erschienen auch Zeichnungen, Radierungen und Gemälde in der Öffentlichkeit:

http://www.artnet.fr/artistes/bernhard-christian-bernhard-rode/wilhelm-tell-soll-seinem-sohn-einen-apfel-den-ihm-kwsPu3xK5oaqSXV4r2QyOQ2 (Bernhard Rode: Wilhelm Tell, 1774, Radierung)

https://www.kunstkopie.de/a/chodowiecki-daniel-nikola/wilhelmtell-1.html (Dan. Chodowiecki: Wilhelm Tell, 1781)

https://www.graphikportal.org/document/gpo00087750 (Bernhard Rode: Drey Helvetier legen den Grund zum Schweizerbunde; dazu eine Radierung von Johann Conrad Krüger)

https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%BCtlischwur#/media/File:Johann_Heinrich_F%C3%BCssli_018.jpg (Johann Heinrich Füssli: Die drei Eidgenossen beim Schwur auf dem Rütli, 1780)

http://www.e-manuscripta.ch/zuzneb/content/pageview/1382310 (Johann Heinrich Füssli: Tell erschießt Geßler, 1750)

http://www.zeno.org/Kunstwerke/B/Chodowiecki,+Daniel+Nikolaus%3A+Wilhelm+Tell (Chodowiecki: Wilhelm Tell, 1781)

Schiller: Kabale und Liebe – Inhalt, Aufbau

Das elementare Hilfsmittel ist das Kindler Literatur Lexikon (KLL), von dem es für beide Auflagen auch eine Auswahl der wichtigen deutschsprachigen Werke gibt. Solche Hilfsmittel zu kennen und zu nutzen macht den guten Schüler aus: Er macht sich von seinem geliebten Lehrer unabhängig!…

Die Analyse finden Sie in meinem Buch „Friedrich Schiller. Kabale und Liebe“, das bei Krapp & Gutknecht erschienen ist.

Schiller: Kabale und Liebe – Analyse wichtiger Szenen

Die Seitenzählung (Seite/Zeile) ist die der Reclamausgabe RUB 33 (2001).

Kurze Analyse I 4
Ausgangssituation: In I 4 treffen erstmals Ferdinand und Luise im dramatischen Geschehen aufeinander, nachdem sie sich offenbar am Vortag noch gesehen haben (vgl. 15/10 f.)…

I 5 – Teilanalyse

I 7 – Analyse (teilweise, Muster)

Aufbau II 3

Aufbau III 2

Analyse III 4

III 6 – Aufbau

Klausur: Analyse IV 3 – Aspekte 

IV 7 – Aufbau

Aufbau V 1

V 2 – Grundzüge einer Analyse

Kurze Analyse V 5

Die Analysen finden Sie in meinem Buch „Friedrich Schiller. Kabale und Liebe“, das bei Krapp & Gutknecht erschienen ist.

Siehe auch den Überblick über Inhalt und Aufbau des Dramas sowie die Untersuchung wichtiger Themen!

Schiller: Don Karlos – Analyse wichtiger Szenen

Analyse I 1

Analyse I 

Aufbau von II 2

Analyse II 15

Analyse III 10

Neues Schema: Aufbau III 10

Analyse IV 3

IV 9 – Analyse: Gesprächsabschnitt

Analyse V 1 und V 3

Analyse V 3

Analyse V 11

Neue Analyse

Die Analyse finden Sie in meinem Buch „Friedrich Schiller. Kabale und Liebe“, das bei Krapp & Gutknecht erschienen ist.

P.S. Schillers Brief an Körner vom 3. Juli 1785 bezeugt, dass im Zusammenhang des Themas „Freundschaft“ die Säkularisisierung zentraler christlicher Motive Schiller nicht fremd war: „Bester Freund – der gestrige Tag, der zweite des Julius, wird mir unvergesslich bleiben, so lange ich lebe. Gäbe es Geister, die uns dienstbar sind und unsere Gefühle und Stimmungen durch eine sympathetische Magie fortpflanzen und übertragen, Du hättest die Stunde zwischen halb acht und halb neun Vormittags in der süßesten Ahnung empfinden müssen. Ich weiß nicht mehr, wie wir eigentlich darauf kamen, von Entwürfen für die Zukunft zu reden. Mein Herz wurde warm. Es war nicht Schwärmerei, – philosophisch-feste Gewißheit war’s, was ich in der herrlichen Perspective der Zeit vor mir liegen sah. Mit weicher Beschämung, die nicht niederdrückt, sondern männlich emporrafft, sah ich rückwärts in die Vergangenheit, die ich durch die unglücklichste Verschwendung missbrauchte. Ich fühlte die kühne Anlage meiner Kräfte, das misslungene (vielleicht große) Vorhaben der Natur mit mir. Eine Hälfte wurde durch die wahnsinnige Methode meiner Erziehung und die Misslaune meines Schicksales, die zweite und größere aber durch mich selber zernichtet. Tief, bester Freund, habe ich das empfunden, und in der allgemeinen feurigen Gährung meiner Gefühle haben sich Kopf und Herz zu dem herkulischen Gelübde vereinigt – die Vergangenheit nachzuholen, und den edlen Wettlauf zum höchsten Ziele von vorn anzufangen. Mein Gefühl war beredt und theilte sich den anderen elektrisch mit. O, wie schön und wie göttlich ist die Berührung zweier Seelen, die sich auf ihrem Wege zur Gottheit begegnen. Du warst bis jetzt noch mit keiner Sylbe genannt worden, und doch las ich in Huber’s Augen Deinen Namen – und unwillkürlich trat er auf meinen Mund. Unsere Augen begegneten sich, und unser heiliger Vorsatz zerschmolz in unsre heilige Freundschaft. Es war ein stummer Handschlag, getreu zu bleiben dem Entschlusse dieses Augenblicks – sich wechselweise fortzureißen zum Ziele – sich zu mahnen und aufzuraffen einer den andern – und nicht stille zu halten bis an die Grenze, wo die menschlichen Größen enden. O, mein Freund! Nur unserer innigen Verkettung, ich muß sie noch einmal so nennen, unserer heiligen Freundschaft allein war es vorbehalten, uns groß und gut und glücklich zu machen. Die gütige Vorsehung, die meine leisesten Wünsche hörte, hat mich Dir in die Arme geführt, und ich hoffe, auch Dich mir. Ohne mich sollst du ebenso wenig Deine Glückseligkeit vollendet sehen können, als ich die meinige ohne dich. Unsere künftig erreichte Vollkommenheit soll und darf auf keinem anderen Pfeiler als unserer Freundschaft ruhen. – Unsere Unterredung hatte diese Wendung genommen, als wir ausstiegen, um unterweges ein Frühstück zu nehmen. Wir fanden Wein in der Schenke. Deine Gesundheit wurde getrunken. Stillschweigend sahen wir uns an, unsere Stimmung war feierlich Andacht, und jeder von uns hatte Thränen in den Augen, die er sich zu ersticken zwang. Göschen bekannte, daß er dieses Glas Wein noch in jedem Gliede brennen fühlte, Huber’s Gesicht war feuerroth, als er uns gestand, er habe noch keinen Wein so gut gefunden, und ich dachte mir die Einsetzung des Abendmahls – „Dieses thut, so oft ihr’s trinket, zu meinem Gedächtniß.“ Ich hörte die Orgel gehen und stand vor dem Altare. Jetzt erst fiel’s uns auf die Seele, daß heute Dein Geburtstag war. Ohne es zu wissen haben wir ihn heilig gefeiert. – Theuerster Freund, hättest du deine Verherrlichung in unseren Gesichtern gesehen – in der vom Weinen erstickten Stimme gehört: in dem Augenblicke hättest Du sogar Deine Braut vergessen, keinen Glücklichen unter die Sonne hättest Du beneidet. – – – Der Himmel hat uns seltsam einander zugeführt, aber in unserer Freundschaft soll er ein Wunder gethan haben. Eine dunkle Ahnung ließ mich so viel, so viel von Euch erwarten, als ich meine Reise nach Leipzig beschloß, aber die Vorsehung hat mir mehr erfüllt, als sie mir zusagte, hat mir in Euren Armen eine Glückseligkeit bereitet, von der ich mir damals auch nicht einmal ein Bild machen konnte. Kann dieses Bewußtsein Dir Freude geben, mein Theuerster, so ist Deine Glückseligkeit vollkommen.“

 

Schiller: Don Karlos – Inhalt, Aufbau

Garten des Königs in Aranjuez
Hof der Königin
(in der Nähe)

Palast zu Madrid
Vorzimmer der Königin
Kabinett der Eboli
Zimmer im königlichen Palast
In einem Kartäuserkloster

Schlafzimmer des Königs
Audienzsaal 
Kabinett des Königs

Saal bei der Königin 
Galerie
Kabinett des Königs

Galerie
Ein Zimmer der Königin
Zimmer der Eboli 
Ein Zimmer der Königin
Vorzimmer des Königs
Zimmer im  Palast, vergittert
Vorzimmer des Königs
Zimmer der Königin

 

Dramatische Situation am Ende von I

Dramatische Situation am Ende von II

Dramatische Situation am Ende von III

Dramatische Situation am Ende von IV

Dramatische Situation am Ende von V

 

Die Analyse finden Sie in meinem Buch „Friedrich Schiller. Kabale und Liebe“, das bei Krapp & Gutknecht erschienen ist.

Schiller: Don Karlos – Entstehung, Hintergründe, Untersuchungen

Zeittafel im Kontext des „Don Carlos”

Geschichte im „Don Carlos“
1. Historischer Hintergrund des „Don Carlos“

2. Schillers Quelle des Stoffes
war die Darstellung des Abbé de St.Réal: Histoire de Dom Carlos (1672).

3. Schillers Arbeit am Drama

Die Analyse finden Sie in meinem Buch „Friedrich Schiller. Kabale und Liebe“, das bei Krapp & Gutknecht erschienen ist.

Schiller: Don Karlos – neue Analyse

Nachdem ich den „Don Karlos“ im Schuljahr 2001/02 in einem Leistungskurs Deutsch behandelt hatte, habe ich im vergangenen Frühjahr das Drama noch einmal intensiv gelesen und bei lehrer-online eine Unterrichtseinheit dazu präsentiert (http://www.lehrer-online.de/don-carlos.php). In diesem Frühjahr habe ich dann das Drama erneut gelesen (Vorbereitung für ein Lehrerheft bei Krapp & Gutknecht) und einige Stellen gefunden, die mein Verständnis des Stücks verändert haben:

Die Analyse finden Sie in meinem Buch „Friedrich Schiller. Kabale und Liebe“, das bei Krapp & Gutknecht erschienen ist.

Schiller: Resignation – Analyse, Interpretation

Der Untertitel des Gedichtes „Resignation“ ist „Eine Phantasie“ – und anderes kann die Vision eines Auftritts der Seele nach dem Tod vor dem Weltgericht nicht sein. Die setzt mit einem Bericht des Ichs ein (1. Str. = 1), in dem es klagt, dass es in seinem Leben statt der von Natur aus zustehenden „Freude“ nur „Tränen“ erlebte. In (2) spricht es aus der gegenwärtigen Situation des Todes seine „Brüder“ an, fordert sie zum mitleidigen Weinen auf und beklagt den endgültigen Verlust aller Freuden (des Lebens Mai … hat abgeblüht: Perfekt).
In (3) spricht das Ich die „Geistermutter“ Ewigkeit an, als ob es gerade über die Schauerbrücke (des Todes) ihren Bereich betreten hätte und sich meldete: „Da steh ich schon…“. Es erhebt Klage, die es damit begründet, dass ihm die verbriefte „Vollmacht“ zum Glück versagt geblieben ist (bis V. 17). Im Bild des Vollmachtbriefs ist eine Mitschuld des Ichs insofern angedeutet, als es diesen Brief „unerbrochen“ zurückbringt; es hat sein Recht nicht eingelöst. Darauf folgt eine lange Rede des Ichs, in der es berichtet, warum es den „Vollmachtsbrief“ nicht geöffnet hat (bis 15), und abschließend die Begründung seiner Klage (16 und 17). In den drei letzten Strophen berichtet das Ich dann, was ein unsichtbarer Genius ihm zur Antwort gab; dort liegt mit dem Präteritum „rief“ ein Tempusbruch vor – die Klage des Ichs wird präsentisch, also als gegenwärtig erlebt dargestellt (3 und 4), während die Antwort des Genius als vergangen berichtet wird.
In (4) hebt das Ich also zu einem Bericht über seine Lebensentscheidung (im Präteritum) an: Einmal gab es die „frohe Sage“ (4) von der Vergeltung aller Leiden im Jenseits (bis 10); dagegen stand der kritische Spott derer, die nicht an solche Verheißungen glaubten (11 – 15). In der frohen Sage, einer Umschreibung der christlichen Botschaft, wurde zunächst das Gericht nach dem Tod angekündigt: Schrecken für die Bösen, Freuden für die Redlichen (6 und 7). Dann berichtet das Ich, wie sich diese Botschaft in seinem Leben auswirkte:
„Ein Götterkind, das sie mir Wahrheit nannten,
Die meisten flohen, wenige nur kannten,
Hielt meines Lebens raschen Zügel an.“
Dass die meisten vor dieser Wahrheit flohen und nur wenige sie kannten, spielt auf die zwei Wege an: den breiten Weg ins Verderben, den schmalem Weg zum Leben (Mt 7,13 f.). Diese sogenannte „Wahrheit“, in der Sicht der Gläubigen noch „Götterkind“ genannt, hat den Lebenslauf des Ichs gebremst oder gehemmt; sie hat ihm die Freuden der Jugend und die geliebte Laura abverlangt (7 und 8) und ihm dafür Ausgleich „jenseits der Gräber“ (8) versprochen (8 und 9).
Danach berichtet das Ich von dem, was die Gegner dieser frohen Sagen vortrugen, die hohnlächelnde „Welt“ (10) und „das Schlangenheer der Spötter“ (11). „Diese Welt“ ist ein christlicher Terminus für die Welt als Exil, der die Heimat im Himmel gegenübersteht; die Spötter sind bereits im AT die Ungläubigen, die den Frommen zu Fall bringen wollen:
„Wohl dem Mann, der nicht dem Rat der Frevler folgt,
nicht auf dem Weg der Sünder geht,
nicht im Kreis der Spötter sitzt,
sondern Freude hat an der Weisung des Herrn…“ (Ps 1)
Die Kritik dieser Spötter läuft darauf hinaus, dass der Jenseitsglaube ein Wahn ist (11 und 14), eigens erdacht, um die Unzulänglichkeit der Welt kaschieren (11) und die Beachtung der Gesetze zu sichern (12). In den Partizipien „gedungen, schlau erdacht, gegönnt, angesteckt“ wird deutlich, dass die trügerischen Hoffnungen von Menschen gemacht worden sind; das Bild vom Hohlspiegel der Gewissensangst (13) zeigt, wie auf Seiten der Getäuschten die Jenseitsangst funktioniert. Die Spötter fragten das Ich nach dem Sinn des schlechten Tauschgeschäfts (lügnerische Hoffnung vs. gewisse Güter), wobei der Vorwurf der Lüge dadurch begründet wurde, dass noch kein Toter die Wahrheit des Jenseitsglaubens bestätigt hat (15). Die dort genannten 6000 Jahre sind das nach der biblischen Chronologie ermittelte ungefähre Alter der Welt seit der Schöpfung.
Danach verknüpft das Ich die gegensätzlichen Reden, indem es von seinen Erfahrungen berichtet: Es hat nicht erlebt, dass ein Toter zurückkam, hat dennoch der Jenseitshoffnung vertraut und deshalb alle seine Freuden aufgegeben (16 f.); es wendet sich deshalb an „die Vergelterin“, die ihm ewigen Lohn für die Achtung ihrer Güter verheißen hat: „Vergelterin, ich fodre meinen Lohn.“ (17)
Die Vergelterin antwortet jedoch nicht; stattdessen spricht (oder sprach, wie das Ich in einer antizipierten Rückschau berichtet – wenn man nicht einfach eine Schlamperei Schillers annehmen will) ein unsichtbarer Genius, ein Schutzgeist. Der erste Satz des Genius widerlegt den Gerichtsgedanken: „Mit gleicher Liebe lieb ich meine Kinder!“ (18) Es ist also nicht so, dass auf die Bösen Schrecken und Freuden auf die Guten warten, dass der Richter die Bösen hasst und die Guten liebt, wie jeder Gerichts- und Jenseitsglaube unterstellt. Dagegen erklärt der Genius, wie es in Wahrheit um das Gericht bestellt ist: Es gibt (im Leben) zwei Blumen: „Sie heißen Hoffnung und Genuß.“ (18) Man kann als Mensch nur eine von ihnen „brechen“, also erwerben, darf dann aber nicht die andere begehren. Diese Lehre „ist ewig wie die Welt“, sagt der Genius. Und es folgt seine Erklärung: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.“ (19) Das Gericht erfolgt also nicht nach dem Leben, zum Ausgleich für das Leben, sondern im Leben selbst:
„Du hast gehofft, dein Lohn ist abgetragen,
Dein Glaube war dein zugewognes Glück.“
Unter Bezug auf das Genießen fügt der Genius einen Hinweis auf die Lehre aller Weisen an, dass keine Ewigkeit zurückgibt, „was man von der Minute ausgeschlagen“ hat (20).
Was ist der Ertrag des Geschehens für das lyrische Ich? Es kann seine vergangene Lebensentscheidung nicht mehr korrigieren; it is „to late“. Eigentlich kann es nicht einmal in die Gerichtssituation kommen, weil ja schon die Weltgeschichte das Gericht ist – es gibt kein Totengericht, sagt der Genius. Von  dieser Überlegung aus wird es vielleicht verständlich, warum der Genius „rief“ (Präteritum, statt „ruft“, was der Situationslogik entspräche): Es gibt nach dem Tod auch keinen rufenden Genius – der gute Geist ruft nur zu Lebzeiten, und was man da nicht hört, das ist verhallt. Eine Phantasie kann „Resignation“ nur für den Dichter sein, und nur dieser und die Leser können die Botschaft des Genius zu ihren Lebzeiten hören und bedenken. Der abendländische christlich-platonische Gesamtmythos vom Totengericht wird in einer mythischen Phantasie, weniger durch die aufgeklärte funktionale Religionstheorie der Spötter (Religion ist von Menschen zu bestimmten Zwecken gemacht) entschieden; diese wird vielmehr mythisch bestätigt – logisch ein Unding.

Die 20 Strophen des Gedichtes sind im Jambus abgefasst; Vers 1, 3 und 4 jeder Strophe bestehen aus fünf Takten, Vers 4 meistens aus fünf, gelegentlich aus vier (4 und öfter), einmal aus drei Takten (2). Vers 2 besteht meistens aus drei, öfter aus fünf (3 und öfter), selten aus vier Takten (5, 15, 18). Nicht nur diese Wechsel, sondern vor allem die Tatsachen, dass die Verse 1, 3, 4 immer mit einer weiblichen Kadenz enden, die anderen jedoch nicht; dass oft Wörter gegen das Metrum betont werden (Lenz in 1, Mir in 2, Ehrwürdge in 3 und öfter); dass öfter Enjambements über die weibliche Kadenz hinweggehen (deutlich in 6), dass aber der volle Takt im Vers oft nicht dazu genutzt wird, den Satz fortzuführen (2, 3 und öfter) – alle diese Tatsachen bedeuten, dass der Text lebhaft gesprochen werden muss, wie es auch der Streitsituation zwischen den beiden Parteien (7 – 15) und der Gerichtssituation: Klage des Ich und drängendes Begehren nach Gerechtigkeit, entspricht.

Der beste Kommentar ist der von Wolfgang Riedel (Interpretationen. Gedichte von Friedrich Schiller. Hrsg. von Norbert Oellers, 1996, S. 48 ff. bzw. 51 ff.). Das Gedicht ist vermutlich Ende 1784 entstanden, steht im Zusammenhang mit „Freigeisterei der Leidenschaft“ (1784/85) und „An die Freude“ (geschrieben Sommer 1785) und wurde von Schiller in der „Thalia“ 1786 veröffentlicht. Für die Ausgabe in „Gedichte“ (1800) hat Schiller Str. 9 („Du siehst die Zeit…“) und Str. 12 („Ein Gaukelspiel…“) gestrichen; im Allgemeinen wird heute die erste Fassung gelesen (im Schiller-Handbuch, Metzler 2005, ist jedoch von 18 Strophen die Rede: kurzer Artikel von Michael Hofmann, S. 261 f.). Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Resignation_%28Friedrich_Schiller%29

Zu zwei „Bildern“ möchte ich etwas sagen, wobei „Bilder“ solches bezeichnet, was das verstorbene Ich erlebt; was in der Ich-Welt „Realität“ ist, ist für den Dichter und seine Zeitgenossen wie auch für uns eine Bilder-Welt. Das für uns, aber nicht in sich Selbstverständliche ist, dass man vom Tod in Bildern spricht:
„In der griechischen Kunst wurde Thanatos als Personifikation des Todes als alter Mann mit langem Bart und Flügeln oder wie sein Bruder Hypnos, der Schlaf, als geflügelter Jüngling bzw. als Genius mit zu Boden gesenkter Fackel dargestellt. Dem Urchristentum war die Darstellung des Todes fremd. [Markierung von N.T.] Die meist aus ärmeren Schichten stammenden Gläubigen sahen im Tod kein Ende, sondern den Beginn eines neuen, besseren ewigen Lebens. Die Personifikation des Todes war erst wieder im Mittelalter üblich, wobei er als Folge der Erbsünde angesehen und zumeist hässlich wiedergegeben wurde.“
(Das große Kunstlexikon von P. W. Hartmann, dort Art. „Tod“: http://www.beyars.com/kunstlexikon/lexikon_9034.html) Damit kommen wir zuerst zum Genius mit der gesenkten Fackel (2. Strophe: „Der stille Gott taucht meine Fackel nieder…“).
„Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts hatte sich die barocke Symbolik offenbar verbraucht und auf dem Boden von Italiensehnsucht, Neoklassizismus und der Kultur der Empfindsamkeit wurden neue Ausdrucksformen erprobt, die dem Zeitgeist entsprachen.
Am deutlichsten wird diese neue Auffassung von Gotthold Ephraim Lessing formuliert, dessen Schrift «Wie die Alten den Tod gebildet» (1769) eigentlich einem Gelehrtenstreit entsprang. In dieser Polemik führt Lessing die These aus, dass in der antiken Kunst die Personifikation des Todes als Zwillingsbruder des Schlafes dargestellt sei und einem Genius mit gesenkter Fackel gleiche. Inspiriert von Winkelmann war Lessing der Auffassung, dass die alten Griechen nur schöne Gegenstände dargestellt und hässliche vermieden hätten. Deshalb hätten die Künstler den Tod nicht in einem Bild dargestellt, das Moder und Verwesung oder ein hässliches Gerippe zeigt. Sie hätten lieber ein Bild gewählt, dessen sich auch die Sprache bedient, die den Tod als „ewigen Schlaf” bezeichnet.
Das Antikenbild Lessings und seiner Zeitgenossen war entscheidend von Winkelmanns Werk «Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in Malerei und Bildhauerkunst» (1755) und den wenigen archäologischen Fundstücken seiner Zeit geprägt.
Unter dem Eindruck der neuen Funde und Bewertung dieser Stücke entwickelte sich in Rom eine Kunstszene von Gelehrten, Künstlern, Sammlern und Kritikern. Neben den Anfängen einer systematischen wissenschaftlichen Erforschung der antiken Kunst mit all ihren Irrtümern wurde die griechische Antike in vielerlei Hinsicht zum Ideal für eine neue humanistische Gesinnung. In Winkelmanns Beschreibung von «edler Einfalt und stiller Größe» fand man ein künstlerisches Ideal, dass sich aller verstaubten Embleme, Symbole und Allegorien des Barocks enthob.“
Katharina Braum, die ich hier ausführlich zitiert habe, kommentiert diese historische Darstellung so: „Archäologisch hat Lessing sich geirrt. Das Bruderpaar Schlaf und Tod aus der Illiasdarstellung ‚die Bestattung Sarpedon‘, auf das sich Lessing bezieht, entstammt der Vasenmalerei aus dem 4. bis 6. Jahrhundert vor Christus. Die Knaben mit den umgestürzten Fackeln stammen aus der spätantiken, römischen Kunst. Sie gehören dem ikonografischen Typ der Eroten an und konnten, wenn sie auch ein Todes-  und Grabessymbol sind, ohne weiteres von der christlichen Kunst als dekoratives Beiwerk übernommen werden.“ (http://www.fantom-online.de/seiten/12d7.htm)
Klären wir auch noch kurz, was ein Genius ist: „Im altrömischen Glauben die Personifikation der dem Mann innewohnenden zeugenden Kraft. Jeder Mann verehrte seinen speziellen Schutzgeist und brachte ihm Speise- und Räucheropfer dar. Der Genius wurde auch beim Eid als Schwurzeuge angerufen und die Schwurhand dabei zum Bezeugen der Wahrheit an die Genitalien gelegt. Dem Genius des Mannes entsprach die von Frauen verehrte Göttin Juno, als Inbegriff der Gebärkraft. Später wurden die Genien ganz allgemein als Schutzgeister angesehen, der Familie, des Hauses oder eines bestimmten Ortes.“ (wiederum nach P.  W. Hartmann, Art. „Genius“: http://www.beyars.com/kunstlexikon/lexikon_3358.html)
Wenn man sich über die Unterwelt-Vorstellungen informiert, findet man bei vielen Völkern die Vorstellung, dass sie durch einen großen Fluss vom Land der Lebenden getrennt ist. Der Tote muss von einem Fährmann oder Seelenführer über diesen gefährlichen Fluss geleitet werden. In der nordischen Mythologie gibt es eine Brücke, über die der Tote die Unterwelt erreichen kann. – Fasst man die Ergebnisse dieser Bild-Untersuchungen zusammen, dann sieht man, dass Schiller mit seinen Zeitgenossen sich bereits in dieser Bilderwelt weit vom Christentum entfernt hat. [Ich verweise der Vollständigkeit halber noch auf Schillers Epigramm „Der Genius mit der umgekehrten Fackel“, 1796.]

Was geschieht also in dem Gedicht? Das klagende Ich hat gezeigt, dass seine scheinbar selbstlose Verzichtmoral einem großen Tauschgesetz unterliegt, dass es ein Geschäft machen möchte: irdische Leiden gegen ewige Belohnung: Rechnung halten (V. 25), zahlen (31), Schmerzen wuchern (V. 38), Schuldverschreibung (V. 46), „dein Lohn ist abgetragen“ (V. 96). Diese Rechnung ist nicht aufgegangen, sagt der Genius. Der Lohn ist bereits im Leben abgetragen worden (Perfekt), „Dein Glaube war dein zugewognes Glück“ (V. 97). Jeder der beiden Lebenswege (Blumen, Str. 18 f.) hat sein Glück in sich, immanent, und somit stehen die beiden Lebenswege gleich gültig und gleichberechtigt nebeneinander: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.“ (V. 95) Ein anderes Gericht gibt es nicht, den wahren Weg gibt es nicht.
Riedel verweist darauf, dass der Satz des Genius („Mit gleicher Liebe lieb ich meine Kinder“, V. 86) an die Ringparabel anklingt, wo der Vater seine drei Söhne gleichermaßen liebt. Riedel sieht auch den Atheismusstreit des 18. Jahrhunderts als Hintergrund des Gedichts. Er meint sogar nachweisen zu können, dass Schiller David Humes „The Natural History of Religion“ (1757, dt. 1759) über seinen Lehrer Abel gekannt haben müsse, was sich hier im Gedicht zeige.
„Resignation“, der Titel des Gedichts, hatte zur Zeit Schillers zwei Bedeutungen, eine kirchenrechtliche (Verzicht auf ein Amt) und eine theologische aus der Mystik: Resignation ist die Übergabe der Seele an Gott, die gänzliche Aufgabe des Eigenen. So spricht das Ich: „All meine Freuden hab ich dir geschlachtet“ (V. 81), vgl. auch Str. 7 und 8! Doch entgegen dieser ursprünglichen Intention zeigt sich hier, dass das sich opfernde Ich der Logik des Tauschs, des Geschäftemachens gefolgt ist. Das ist einmal Entlarvung der scheinbaren Selbstlosigkeit, verbunden mit der Zurückweisung der Erwartung jenseitiger Belohnungen. Und Genießen und Glauben stehen letztlich gleichberechtigt nebeneinander, auch wenn Schiller das beim Erscheinen des Gedichts abgeschwächt und erst recht später bestritten hat.

Im Kontext dieses Gedichtes stehen „Freigeisterei der Leidenschaft“ und „An die Freude“; der biographische Hintergrund ist Schillers intensives Verhältnis zu der verheirateten Frau Charlotte von Kalb.

Erläuterungen:
V. 1 et ego in arcadia: „Auch ich war in Arkadien“ (ein Grabspruch)
V. 5 Lenz: Frühling
V. 17: verhüllte Richterin: die blinde Göttin der Gerechtigkeit (mit Tuch vor den Augen, damit sie unparteiisch richten kann)
V. 18 jener Stern: die Erde
V. 23 des Herzens Krümmen: die verborgenen Krummheiten (Fehler)
V. 24 Vorsicht: die göttliche „Vorsehung“ (schicksalhafte Bestimmung)
V. 26 der Verbannte: Wir sind nur Gast auf Erden…
V. 29 die meisten/wenige: die breite Straße / der schmale Weg des Lebens
V. 33 Weisung: vielleicht Anweisung (finanziell); vielleicht Verweis, Hinweis
V. 37 Laura: in Schillers Gedichten die verehrte Geliebte
V. 44 Erde und Himmel fliegen auseinander: beim Weltuntergang (Endgericht); die Parallele von individuellem Gericht jedes Toten und allgemeinem Endgericht am „Ende“ der Welt ist auch theologisch nicht aufgelöst.
V. 49 Schatten: Anspielung auf die Schattenexistenz in der Unterwelt, hier auch: Lügen
V. 50 Schein: sowohl Schuldschein wie bloßer Schein
V. 52 Verjährung: sein hohes Alter (gibt ihm eine Art Weihe)
V. 55 Menschenwitz: menschlicher Geist, der sich „Götter ausdenkt, um die Not(durft) der Menschen jetzt erträglich zu machen
V. 56 Gewürme: die Untertanen als Würmer der Mächtigen
V. 58 ff. Ähnlich hat bereits Epikur die Götterfurcht der Menschen zu entkräften versucht.
V. 61 heißt: vielleicht „verheißt“; Gräber verdecken die Zukunft; vgl. Str. 15: es ist noch nie ein Toter zurückgekommen, um die religiösen Tröstungen zu bestätigen.
V. 62 eitel: nichtig
V. 62 prangen: angeben
V. 63 vgl. V. 52
V. 65 Im Hohlspiegel sieht man alles vergrößert.
V. 71 Die Verwesung widerlegt alle Hoffnungen: Es bleibt nichts übrig.
V. 76 ff.: Rückgriff auf Str. 9, 15, 6, 7, 8, 11
V. 85 Die Anrede „Vergelterin“ greift die Klage von Str. 4 abschließend auf.
V. 99 f. Der Satz ist ein Sprichwort geworden.