Keller: Frühlingsglaube – Analyse

Es wandert eine schöne Sage…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=203 (späte Fassung, dazu Links zu früheren Fassungen)

http://www.gottfriedkeller.ch/gedichte/gframeset.html?http://www.gottfriedkeller.ch/gedichte/gg1_2.htm (dort Nr. 027)

http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/content/pageview/5118858 (in der Freimann-Sammlung)

„Dem griechischen – später von den Römern übernommenen – Mythos zufolge waren die sozialen Verhältnisse damals ideal und die Menschen hervorragend in ihre natürliche Umwelt eingebettet. Kriege, Verbrechen und Laster waren unbekannt, die bescheidenen Lebensbedürfnisse wurden von der Natur erfüllt. Im Verlauf der folgenden Zeitalter (Silbernes, dann Ehernes [d.h. Bronzenes], sodann Zeitalter der Heroen) trat jedoch ein moralischer Verfall bis hin zum heutigen Eisernen Zeitalter ein, Macht- und Besitzgier wurden immer stärker, und die Lebensbedingungen verschlechterten sich drastisch. In der Gegenwart (der Lebenszeit des Mythenerzählers) ist diese negative Entwicklung extrem geworden. Manche römische Autoren verkündeten aber den Anbruch einer neuen Epoche des Friedens und der Eintracht als Erneuerung des Goldenen Zeitalters.“ (wikipedia, Art. „Goldenes Zeitalter“) In der Neuzeit wurde dieser Mythos wieder belebt, u.a. von Rousseau. „Fundamentale Kritik an der Verherrlichung des Goldenen Zeitalters übte Immanuel Kant aus der Perspektive eines Anhängers der Fortschrittsidee. Er meinte, eine leere Sehnsucht habe das Schattenbild der mythischen Urgesellschaft erzeugt. Das Attraktive an dem Mythos sei der reine Genuß eines sorgenfreien, in Faulheit verträumten oder mit kindischem Spiel vertändelten Lebens. In Wirklichkeit könne der Mensch aber weder mit einem solchen Zustand zufrieden sein noch in ihn zurückkehren. Wer den Wert des Lebens nur im Genuss suche, gelange zu einem Überdruss an der Zivilisation und damit zu dem nichtigen Wunsch nach Rückkehr in jene Zeit der Einfalt und Unschuld.“ (ebenda)

Dieser Kritik Kants hat sich Schiller mit seinem Gedicht „Die Worte des Wahns“ (1800) angeschlossen, welches vielleicht der Bezugspunkt von Kellers Gedicht ist und deshalb hier teilweise zitiert wird:

Drei Worte hört man, bedeutungsschwer,
Im Munde der Guten und Besten.
Sie schallen vergeblich, ihr Klang ist leer,
Sie können nicht helfen und trösten.
Verscherzt ist dem Menschen des Lebens Frucht,
Solang er die Schatten zu haschen sucht.

Solang er glaubt an die goldene Zeit,
Wo das Rechte, das Gute wird siegen –
Das Rechte, das Gute führt ewig Streit,
Nie wird der Feind ihm erliegen,
Und erstickst du ihn nicht in den Lüften frei,
Stets wächst ihm die Kraft auf der Erde neu.

Solang er glaubt, daß das buhlende Glück
Sich dem Edeln vereinigen werde –
Dem Schlechten folgt es mit Liebesblick;
Nicht dem Guten gehöret die Erde.
Er ist ein Fremdling, er wandert aus
Und suchet ein unvergänglich Haus.  […]

Dagegen setzt wiederum Keller (zusammen mit den utopischen Sozialisten seiner Zeit) das Bekenntnis zum Glauben an das Goldene Zeitalter – eben das Gedicht „Frühlingsglaube“. Schon der Titel ist bezeichnend: Besagter Glaube wird mit dem Frühling verbunden, dem Aufbruch neuen Lebens nach dem dunklen Winter (Analogie: Tod, vgl. die letzte Strophe des Gedichts!). Der Sprecher des Gedichts tritt als prophetischer Visionär auf, nicht als lyrisches Ich; Keller hat Gedankenlyrik produziert, wie Schiller, und eine politische Vision verkündet.

In der 1. Strophe berichtet der Sprecher, dass es die „schöne Sage“ vom Goldenen Zeitalter auf der ganzen Erde gibt; die beiden Vergleiche (Veilchenduft, sehnende Liebesklage, V. 2 f.) bestimmen einmal die Qualität der Sage (Veilchen: Frühling), einmal die Einstellung der Völker (sehnende Klage) näher.

In den drei folgenden Strophen wird die „Sage“ als „Lied“ benannt und inhaltlich gefüllt: Völkerfrieden, Einheit im Glauben (in den letzten Überzeugungen), Herrschaft des Rechts (V. 11 f.), Ende des Egoismus (so lese ich die dunkle Stelle V. 15). Zugleich wird der Glaube an das Goldene Zeitalter bewertet: Es ist ein Traum, der zur Wahrheit wird (V. 8); wer ihn dagegen „für Traum und Wahnsinn“ hält (V. 16), ist von Egoismus besessen – die letzte Sünde in der glücklichen Welt (V. 13 f.).

In der letzten Strophe wird der Träger solcher Sünde endgültig verdammt: „Der wäre besser ungeboren: / Denn lebend wohnt er schon im Grab.“ (V. 19 f.) Diese Verdammung ist genauso unbegründet und ideologisch getönt wie Schillers Urteil über den naiven Gläubigen: „Verscherzt ist dem Menschen des Lebens Frucht, / Solang er die Schatten zu haschen sucht.“ Wenn Othmar Schoeck 1943 „Frühlingsglaube“ als Lied singt, ist das allerdings ein helles Zeichen in dunkler Zeit.

Das Gedicht ist in einem vierhebigen Jambus abgefasst, wobei Vers 1 und 3 jeder Strophe eine Silbe zusätzlich, also eine weibliche Kadenz haben; zusammen mit dem Kreuzreim und dem Satzbau läuft das auf eine Konstruktion der Strophe aus zwei Doppelversen hinaus, wobei wegen des Taktes nach V. 1 und 3 trotzdem eine ganz kleine Pause gemacht wird. Die entscheidenden Reime sind die von V. 2/4 jeder Strophe, wobei man den ganzen Satz als Bezugsgröße nehmen muss. In der 1. Strophe ist dieser Reim banal. Für die 2. Und 3. Strophe zeige ich exemplarisch des Sinn des Reimes auf: Das Lied vom Glück (V. 5 f.) kehr als Wahrheit zurück (V. 7 f.); man betet zum einen Hirt (V. 9 f.), wenn Recht gesprochen wird (V. 11 f.).

Sachlich sind V. 11 f. und V. 15 f. nicht leicht zu verstehen. Wieso wird gerade den Propheten Recht gesprochen (und nicht allen Menschen)? Die Propheten (des Alten Testaments) waren jene Männer, die auf ihre Weise für Recht und Gerechtigkeit, für Wohltätigkeit und Nächstenliebe eingetreten sind und oft genug deswegen verfolgt wurden. – Was Eigen-Neid ist, ist nicht ganz klar; ich lese es als „Egoismus (bzw. Eigen-Sinn) aus Neid“. Dass im Gedicht nur solcher Eigen-Neid als Grund für die Skepsis gegenüber dem Glauben ans Goldene Zeitalter gesehen wird, ist sachlich problematisch. Dem entspricht in der letzten Strophe die Unterstellung, dass manche Leute diese Hoffnung „böslich“ aufgegeben haben (V. 17 f.) – Das Apodiktische dieses Verdammungsurteils unterscheidet sich nicht vom Schillers Härte in seinen Gedichten „Die Worte des Wahns“ (1800) oder „Die Worte des Glaubens“ (1798).

Kellers Gedicht ist erstmals in „Gedichte“ (1846) erschienen, in der Abteilung „Natur“; es steht damit im Kontext seiner politischen Kämpfe gegen den Jesuitismus und für eine fortschrittliche Schweiz, wie er sich auch im Gedicht Sonnenaufgang oder in Waldlieder spiegelt – Es gibt auch ein Gedicht L. Uhlands mit dem gleichen Titel „Frühlingsglaube“, das man nicht mit dem Gedicht Kellers verwechseln sollte.

Der Blick in eine Suchmaschine zeigt, dass auch heute der Einbruch eines Goldenen Zeitalters von verschiedenartigsten Missionaren erwartet wird.

Sonstiges

https://www.bibelwerk.de/Materialpool.12795.html/Material+zu+biblischen+Themen.15649.html?id=36641 (Propheten)

http://www.lesekost.de/gedicht/HHLG10.htm (Uhland: Frühlingsglaube)

Advertisements

Eichendorff: Wünschelrute – Analyse, Interpretation

Schläft ein Lied in allen Dingen …

Text

http://www.uni-due.de/lyriktheorie/texte/1838_eichendorff.html (mit Sekundärliteratur)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=126

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,%20Joseph%20von/Gedichte/Gedichte%20(Ausgabe%201841)/2.%20S%E4ngerleben/W%FCnschelrute

http://de.wikisource.org/wiki/W%C3%BCnschelrute

http://www.textlog.de/22558.html

Das Gedicht ist 1835 entstanden und 1838 in „Deutscher Muselalmanach“ veröffentlicht worden. In der Ausgabe der Gedichte von 1841 steht es unter „2. Sängerleben“ als letztes.

Die Überschrift heißt „Wünschelrute“; in V. 4 wird die Kenntnis oder das Finden eines Zauberworts erwähnt; statt „Zauberwort“ sind „Zauberformel“ oder „Beschwörungsformel“ geläufig. Beide Größen gehören in den Bereich des Magischen oder des Märchenhaften; auch wenn sie von Eichendorff metaphorisch gebraucht werden, sollte die ursprüngliche Eigenart beider Größen bekannt sein. Daher fangen wir hier mit deren Klärung an:

Wünschelrute, s. v. w. Zauberrute, nach dem altdeutschen Wort wünschen, welches s. v. w. zaubern bedeutet, auch kurz der »Wunsch« genannt (z. B. im Nibelungenlied, wo es heißt: »Es lag der Wunsch darunter, von Gold ein Rütelein«), ein Baumzweig, mit dessen Hilfe man vergrabene Schätze, Metalladern, Quellen und andre verborgene Dinge aufzufinden hoffte.“ (Meyers Großes Konversations-Lexikon, 1892)

Wünschelrute, ein zauberhafter heilbringender Stab, war in Deutschland von alters her bekannt und wurde besonders im spätern Mittelalter zum Gegenstande eines bis in die neuere Zeit fortdauernden Aberglaubens. Man glaubte mittels der W. verborgene Schätze, Erzadern, Wasserquellen, ja selbst Verbrecher entdecken zu können und brach sie unter gewissen Bedingungen und Formeln von dem gezwieselten (gabeligen) Aste eines Haselstrauchs oder Kreuzdorns, oder machte sie nach aus Metalldraht […]. Bei dem Gebrauche kam es darauf an, sie unter Hersagung der nötigen Formeln richtig in der Hand zu halten; dann zeigte sie durch ihre Bewegung, ob und wo die gewünschten Gegenstände verborgen seien.“ (Brockhaus’ Konversationslexikon, 1896)

Beschwörungsformel (v. mhd. beswern = bitten, mit Zaubersprüchen bewältigen; mlat. incantatio, incantamentum). Bei magischen Handlungen zur Schadensabwehr und zur Heilszuwendung kam – neben zeremoniellen Gebärden und Zeichen sowie der Beachtung bestimmter Zeiten und Orte – dem Wort in gebundener Rede besondere Zauberkraft zu. Zur Verhütung mannigfaltiger Schadensfälle bei Mensch und Tier gab es Abwehr-, Heil- und Lösesprüche, etwa gegen Ungeziefer, Raubgetier, Unwetter, Feuer, Diebe, Dämonen, Geister und Hexen sowie gegen eine Vielzahl von Krankheiten. Nicht selten haben sich Beschwörungsformeln aus Gebetsformeln entwickelt, wenn anstatt eines christlichen Idols ein Dämon angerufen wurde.“ (Mittelalter Lexikon)

Zaubersprüche aus Grimms Märchen

http://www.paranormal.de/hexen/forum/19052-zaubersprueche-aus-grimms-maerchen

http://bruggernet.de/edeltraud/maerchen/zaubersprueche.htm

Ein ungenannter allwissender Sprecher erklärt, wie man die Welt zum Singen bringen kann. Er beschreibt zu Beginn, dass in allen Dingen ein Lied „schläft“ – dadurch, dass mit diesem Wort das Gedicht eröffnet wird (das grammatisch korrekte „Es“ ist fortgelassen), wird dieses Schlafen als der Elementarzustand eingeführt; das ist eine so durch und durch metaphorische Aussage, dass wir keinen Anhalt für eine sichere Deutung haben. Das gilt erst recht für den folgenden Relativsatz, der an „Dingen“ anschließt: „Die da träumen fort und fort.“ Wenn man die Vorstellung von der Wünschelrute hinzunimmt, kann man den Sinn der beiden ersten Verse so verstehen, dass da von einem verborgenen Wesen der Dinge die Rede ist, welches durch die Wünschelrute gefunden werden soll.

Mit der Konjunktion „Und“ (V. 3) schließt dann die entscheidende Aussage an:

„Und die Welt hebt an [fängt an] zu singen,

Triffst du nur das Zauberwort.“

„Und“ drückt aus, was aus sich der ersten Aussage ergibt: Wenn man über die Wünschelrute verfügt, wenn man das Zauberwort „trifft“, erlöst man die Welt aus ihrem Traum-Bann und bringt sie zum Singen: Man befreit das in allen Dingen schlafende Lied.

Zwei Fragen stellen sich an diese metaphorisch gesättigten Aussagen: 1. Was tun die Dinge, wenn sie nicht singen? 2. Wie kann man das Zauberwort treffen? Die zweite Frage beruht auf der Voraussetzung, dass „du“ jedermann ist, also kein einzelner Adressat – die Aussagen des Gedichts sind ja ganz allgemein gehalten, ohne eine Markierung der Ich-hier-jetzt-Position.

Was tun die Dinge, wenn sie nicht singen? Sie sind stumm. In Schillers Gedicht „Die Götter Griechenlands“ (1788, hier in der 2. Fassung 1800) wird diese durch die neuzeitliche Rationalität heraufgeführte Stummheit beklagt:

„Da ihr [die Götter Griechenlands, N.T.] noch die schöne Welt regieret,

An der Freude leichtem Gängelband

Selige Geschlechter noch geführet,

Schöne Wesen aus dem Fabelland!

Ach! da euer Wonnedienst noch glänzte,

Wie ganz anders, anders war es da!

Da man deine Tempel noch bekränzte,

Venus Amathusia!

 

Da der Dichtung zauberische Hülle

Sich noch lieblich um die Wahrheit wand, –

Durch die Schöpfung floß da Lebensfülle,

Und, was nie empfinden wird, empfand.

An der Liebe Busen sie zu drücken,

Gab man höhern Adel der Natur,

Alles wies den eingeweihten Blicken,

Alles eines Gottes Spur.“

Und die letzte Strophe der zweiten Fassung (1800) lautet:

„Ja, sie kehrten heim, und alles Schöne,

Alles Hohe nahmen sie mit fort,

Alle Farben, alle Lebenstöne,

Und uns blieb nur das entseelte Wort.

Aus der Zeitflut weggerissen, schweben

Sie gerettet auf des Pindus Höhn,

Was unsterblich im Gesang soll leben,

Muß im Leben untergehn.“

Wenn man Schillers Gedicht zur Erklärung heranzieht, ergibt sich für Eichendorff: Die Dinge schlafen, weil sie nur noch mit entseelten Worten benannt werden. (Schiller machte dafür das Christentum verantwortlich, bei Eichendorff ist kein Schuldiger benannt; romantisch ist primär die Abkehr von der mathematisch-technisch bestimmten Naturwissenschaft und Industrie). Wenn man jedoch die Lebenstöne trifft, selber den Gesang anstimmen kann, dann hebt auch die Welt an zu singen, sagt Eichendorff. Das kann jedoch allein ein Dichter – wobei „Dichter“ nicht den professionellen Schriftsteller meint, sondern den, der aus seinem Herzen heraus lebt und spricht und singt. Das ist auch „das Volk“, dessen Märchen und Lieder seit Herder, also etwa seit 1770 als die wahre Poesie gelten. (Über die Verbindung des Sturm und Drang zur Romantik brauchen wir jetzt nicht zu sprechen.)

In Eichendorffs Gedicht „An die Dichter“, dem vorletzten der Abteilung „Sängerleben“ von 1841, heißt es:

„Der Dichter kann nicht mit verarmen;

Wenn alles um ihn her zerfällt,

Hebt ihn ein göttliches Erbarmen –

Der Dichter ist das Herz der Welt.

 

Den blöden Willen aller Wesen,

Im Irdischen des Herren Spur,

Soll er durch Liebeskraft erlösen,

Der schöne Liebling der Natur.

 

Drum hat ihm Gott das Wort gegeben,

Das kühn das Dunkelste benennt,

Den frommen Ernst im reichen Leben,

Die Freudigkeit, die keiner kennt.

 

Da soll er singen frei auf Erden,

In Lust und Not auf Gott vertraun,

Daß aller Herzen freier werden,

Eratmend in die Klänge schaun.“

Als einen solchen  Dichter hat Eichendorff sich sicher selbst gesehen; er stellt mit der „Wünschelrute“ wie auch mit dem voraufgehenden „An die Dichter“ sein poetisches Programm vor, beide sind poetologische Gedichte.

Wir haben ein Gedicht vor uns, das aus zwei Hauptsätzen (V. 1, 3) und zwei Nebensätzen besteht, einem Relativsatz (V. 2) und einem Konditionalsatz (V. 4). Es ist im Trochäus verfasst, vierhebig, wobei die Hauptsätze eine weiche Kadenz aufweisen, also vier volle Takte, während die Nebensätze um eine Silbe verkürzt sind (männliche Kadenz), was „Pause“ signalisiert – abgesehen davon, dass jeweils auch ein Satzgefüge vollendet ist. Betont sind die Wörter „Schläft, Lied, träumen, [fort, fort,] singen, Zauberwort“. Dem Wortfeld des Schlafens (schlafen, träumen) steht das der Musik (Lied, singen) gegenüber; sie werden miteinander durch die Wörter des Zauberischen (Wünschelrute, Zauberwort) verbunden. Wenn die Verbindung gelingt, beginnt („hebt an“) etwas Neues, der Klang oder Gesang der  Welt.  – Sowohl durch die Liedform (Volksliedstrophe) als auch durch die benannten Wortfelder ist dem Gedicht etwas Zauberhaftes eigen, das seine bis heute ungebrochene Wertschätzung begründet.

Nachtrag zur Wortgeschichte „Wünschelrute“

Im DWB (Grimm) finden wir zu „Wünschelrute“: „2) im nhd. die von bestimmten sträuchern geschnittene meist gabelförmige rute zum aufspüren von erzen, wasseradern und überhaupt verborgenen dingen.“ Und dann gibt es Zeugnisse für einen metaphorischen Sprachgebrauch: „c) übertragen auf kräfte, fähigkeiten u. dgl., die nichtdingliches, besonders nicht unmittelbar einsichtige geistige oder seelische gegebenheiten aufzudecken vermögen: (einige musiktheoretiker) machen die music zu einer solchen mathematischen wissenschafft, dabey alle zahlen, linien, maassen, gewichte … ins gewehr und spiel kommen müssen. überdies thun sie mit ihrer wünschel-ruthe der ton-lehre noch den schimpf an, und machen sie dem einmahleins gar unterwürffig Mattheson d. vollk. capellmeister (1739) 5; und wie heilig wäre mir die scene mit dem baum, wenn die wünschelruthe des dichters historische wahrheit entblöszt haben sollte Lenz in: aus Herders nachlasz 1, 226 Düntzer-H.; Lichtenbergs schriften können wir uns als der wunderbarsten wünschelruthe bedienen; wo er einen spasz macht, liegt ein problem verborgen Göthe II 11, 119 W.;“ bereits bei Herder und Goethe finden wir also „Wünschelrute“ im gleichen Sinn wie bei Eichendorff gebraucht, während Mattheson (1739) gerade das streng regulierte Komponieren als Arbeit mit einer mathematischen Wünschelrute verspottet. – Das sind lexikalische Befunde: Die Frage ist, ob Eichendorff und erst recht seine Leser sie gekannt haben; sie zeigen jedoch, dass die Wünschelrute-Metapher um 1800 nicht ganz abwegig war.

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=W%C3%BCnschelrute_(Eichendorff)&stable=0&shownotice=1&fromsection=Inhalt

http://books.google.de/books?id=fEWg3iU6Y-sC&pg=PA657&lpg=PA657&dq=eichendorff+w%C3%BCnschelrute&source=bl&ots=Cv7XhYxjGx&sig=z7yTSkLJu0c-OkbYXmcp7egLdpI&hl=de&sa=X&ei=pD4rUa2GLuzQ4QTuyIGICQ&ved=0CDsQ6AEwAzgy#v=onepage&q=eichendorff%20w%C3%BCnschelrute&f=false (Otto Eberhardt, „Wünschelrute“ sachlich bei Eichendorff, S. 657 f.)

http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-wuenschelrute,textbearbeitung,244.html (langatmig bis geschwätzig, nicht alles richtig)

http://www.stiftikus.de/umbruh19/wuenschel.doc (abgeschrieben von Alewyn)

http://de.scribd.com/doc/28156676/K12-Deutsch-Mitschrift-Einfuhrung-in-die-Romantik (Stichworte aus dem Unterricht)

http://www.abiunity.de/print.php?threadid=2040&page=1&sid= (Interpretation in einem Forum)

http://www.marie-herberger.de/mediawiki/index.php/Joseph_Freiherr_von_Eichendorff_-_W%C3%BCnschelrute (knapp)

http://suite101.de/article/gedichtinterpretation-eichendorff-a51381 (Anregungen zur eigenen Analyse)

http://www.uni-regensburg.de/sprache-literatur-kultur/germanistik-ndl-1/medien/pdf/ditsche.pdf (Neuro-Erklärung der sprachlichen Wünschelrute)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=PQk9Z67A2Bk (Konrad Beikircher)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/schlaeft-ein-lied-in-allen-dingen.html (Fritz Stavenhagen)

http://www.youtube.com/watch?v=YAKNJbKyX5s (Lutz Görner)

http://www.lyrik-audio.de/index.php?cat=DichterD-F (mir unbekannt)

http://www.youtube.com/watch?v=FuigwpfFT4o (vertont: T. Baumann)

http://www.youtube.com/watch?v=se2BoivJXqY (vertont)

http://www.youtube.com/watch?v=eAbCqAYQMuY („Die Zaunreiter“)

http://www.youtube.com/watch?v=z-YI_QUbLzM ( ? )

http://www.youtube.com/watch?v=ecf0LJpdIAg ( ? )

http://www.youtube.com/watch?v=sXnWJDpXxAo ( ? )

http://www.youtube.com/watch?v=saM_wu9uBrM (Kinderchor)

http://www.youtube.com/watch?v=zTh5U6XNSF0 (Schüler spielen „Lindenberg singt Eichendorff“)

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%BCnschelrute (Erklärung: Wünschelrute)

http://www.lehrer-online.de/427686.php (Unterrichtsanregungen)

http://www.e-hausaufgaben.de/Thema-156093-Die-Wuenschelrute-Gedicht-in-Prosa-umwandeln.php (Unterricht de facto: „Ich soll es zu einer Prosa umwandeln … aber wie?“)

http://www.gedichte.com/threads/145804-Glossengedicht-zu-Eichendorffs-W%C3%BCnschelrute-als-Themagedicht (Unterricht de facto: ein Glossengedicht dazu schreiben)

http://romantischeschule.wordpress.com/2009/01/27/novalis-wenn-nicht-mehr-zahlen-und-figuren/ (vergleichen mit Novalis: Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren)

http://www.studienseminar-lueneburg.de/asu/fach/deutsch_holmes/musterentwurf_d2.pdf (Stundenentwurf: Anregung zum Gedichtvergleich mit Rilke: Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort)

http://www.weberberg.de/triffst-du-nur-das-zauberwort.html (Parodie des Gedichts)

Brecht: O Lust des Beginnens – Analyse

O Lust des Beginnens! O früher Morgen!…

Text

http://www.pathologie-moers.de/sinne/olust.htm

http://www.gestaltung.hs-mannheim.de/designwiki/files/10941/motivation_2_semester_ss2009.pdf (andere Textgestalt)

http://members.aon.at/sroth/lyrik/brecht.htm (dito)

http://www.bibl.u-szeged.hu/exhib/brecht/brecht2.html (mit dem „Blick der Liebe“, aber ohne den passenden Zeilenschnitt)

Das Gedicht ist um 1945 entstanden, während der Arbeit am Messingkauf. Es gibt auch einen Zusammengang mit dem Galileo, der zwischen 1945 und 1947 entstanden ist: „Wie sagt der Dichter? ‚O früher Morgen des Beginnens!…’“ (Bild 1: es 1, S. 10), sagt Galilei. Darauf zitiert Andrea: „O früher Morgen des Beginnens! / O Hauch des Windes, der / Von neuen Küsten kommt!“  Galilei hatte zuvor im Zusammenhang mit der wissenschaftlichen Revolution und der Herrschaft des Zweifels den Aufbruch aufs offene Meer propagiert (S. 8 ff.). – Im Kommentar der sechsbändigen Werkausgabe (Bd. 4, S. 548) wird auf Gedichte Whitmans und Baudelaires als mögliche Quellen von Brechts Gedicht verwiesen, wobei nur Whitmans Gedicht „Ein Sang der Freuden“ den gleichen fröhlichen Ton wie das vorliegende Gedicht besitzt.

Die Textgestalt schwankt bei den Versionen, die man im Internet findet. Ich halte mich an die Gestalt  des ersten Links (ohne Stropheneinteilung, mit dem Teilvers 8 „O Beginn der Liebe…“), die auch in der Werkausgabe zu finden ist.

Ein ungenannter Sprecher preist die Lust des Beginnens (V. 1). Wo er diese Lust erlebt hat, wird in den folgenden Versen preisend dargestellt, jeweils persönlich angesprochen (was mich an Goethes „Mailied“ erinnert): „O früher Morgen!“ (V. 1) So geht die Reihe weiter: erstes Gras im Frühjahr, erste Seite des neuen Buchs, erster Wasserguss, das frische Hemd, der Beginn der Liebe, Beginn der Arbeit, erster Zug beim Rauchen – und zum Schluss: „Und du / Neuer Gedanke!“ (V. 12 f.)

Das Neue des Brecht’schen Gedichts zeigt sich im Vergleich mit Goethes „Mailied“: Bei Goethe waren es Frühling, Natur und Liebe, die gepriesen, ja angehimmelt wurden – die klassischen Themen der Lyrik; jetzt kommen auch so prosaische Dinge wie ein Wasserguss beim Waschen, ein frisches Hemd oder der Beginn der Arbeit hinzu; selbst das Rauchen bleibt nicht unerwähnt, aber den Schluss bildet als Höhepunkt der neue Gedanke. Brechts Gedicht berührt sich an einer Stelle auch mit Hesses „Stufen“:

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,


Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

Bei Hesse wird erklärt, worin der Zauber der neuen Stufen besteht; bei Brecht werden sie nur in ihrer Vielzahl gepriesen.

Das Neue – das ist ein altes Thema, seit die Menschen den Glauben an die ewig gleiche kreisende Bewegung der Gestirne aufgegeben haben. Schiller hat es im Gedicht „Die Hoffnung“ besungen. Ja, die Hoffnung auf das Neue ist noch älter: Es ist die eschatologische Hoffnung, die an die religiöse Chiffre „Auferweckung der Toten“ gebunden ist und unter dem Symbol des neuen Jerusalems vorgestellt wird: „Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein…“ (Apk 21,3) Wir sind bescheidener geworden; wir genießen den frischen Wasserguss in ein verschwitztes Gesicht und den Beginn der Liebe. – Als Kontrastprogramm könnte man Peter Bichsels Erzählung „Ein Tisch ist ein Tisch“ nennen.

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=so0GiW_0Lb0

Rezeption

http://www.donaukurier.de/nachrichten/kultur/Ingolstadt-Alles-auf-Anfang;art598,2502869

Sonstiges

http://www.zeno.org/Literatur/M/Whitman,+Walt/Lyrik/Grashalme+(Auswahl)/%C2%BBEin+Sang+der+Freuden%C2%AB/Ein+Sang+der+Freuden (Whitman: Ein Sang der Freuden)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Baudelaire,+Charles/Lyrik/Die+Blumen+des+B%C3%B6sen+(Auswahl)/Pariser+Bilder/Morgend%C3%A4mmerung (Baudelaire: Morgendämmerung)

Schiller: Die Hoffnung (http://www.autoren-gedichte.de/schiller/die-hoffnung.htm)

Schiller: Don Karlos – Inhaltsangabe

(Die Vorstufe dieser Inhaltsangabe stammt von der Kollegin Bettina Seifert.)

1. Akt: Der königliche Garten in Aranjuez – Exposition

1. Szene
Im Palast in Aranjuez wird klar, dass Don Carlos (Kronprinz, 1545 – 1568, Sohn der ersten Frau Philipps) die Zeit auf dem Land unglücklich war. Domingo versucht, der Schwermut von Carlos auf den Grund zu gehen, und rät ihm, den Kummer seinem Vater anzuvertrauen. Carlos beklagt sein Schicksal als Sohn; er hält Domingo für einen Spion seines Vaters (Philipp II. 1527 – 1598, seit 1556 König von Spanien) und erteilt ihm ironisch eine Abfuhr; er deutet ein schreckliches Geheimnis an.
2. Szene
Der Marquis von Posa trifft unerwartet ein. Der Marquis (Roderich, ein ehemaliger Spielgefährte Carlos‘) kommt als „Abgeordneter der ganzen Menschheit“, also der Menschlichkeit, für die Freiheit der flandrischen Provinzen. Er möchte, dass Karlos sich um die Provinzen kümmert, damit sie nicht dem fanatischen Herzog von Alba anheimfallen. Karlos sagt ab, hat alte politische Träume aufgegeben; er gesteht im Gespräch, dass er seine Stiefmutter gegen sämtliche Regeln liebt – sie war seine Verlobte, bis König Philipp sie aus politischen Gründen (Friede mit Frankreich) selbst geheiratet hat. Da Elisabeth als spanische Königin gut bewacht wird, kann er sich ihr nie heimlich nähern. Seinen Vater liebt Carlos nicht, da er ihn nur sah, wenn er bestraft wurde, und keine normale Beziehung zu ihm hatte.
Der Marquis, an eine Schuld aus Kindertagen erinnert, deutet Carlos „nach einigem Stillschweigen“ eine Gelegenheit an, dass er Elisabeth hier auf dem Land ungestört sprechen könne. Der Marquis geht ab, um das Treffen vorzubereiten (will die Königin als Helferin für Rettung Flanderns gewinnen).
3. Szene (Die Hofhaltung der Königin in Aranjuez)
Im Landhaus der Königin (Elisabeth von Valois, Tochter Heinrichs II. und Katharinas von Medici) erweist sich die Königin als dem Landleben, der Natur verbunden; sie unterhält sich mit Prinzessin Eboli und Marquise von Mondekar über einen Freier der Eboli. Die Königin sichert der Eboli zu, dass diese den vom König begünstigten Mann nicht heiraten muss, wenn sie ihn nicht liebt.
Elisabeth, auch hierin eher natürlich, will als Mutter ihre Tochter sehen; Marquis von Posa wird gemeldet wird – die Etikette verbietet seinen Besuch nicht.
4. Szene
Die Königin empfängt den Marquis und fragt ihn nach Nachrichten über ihre Mutter; Posa und Elisabeth kennen und schätzen sich. Sie kann ihn unbemerkt nach Karlos fragen. Statt einer Antwort erzählt der Marquis die verfremdete Geschichte einer unglücklichen Liebe (Guelfen und Ghibellinen), bei der Pietro, der Onkel der Braut Mathilde, diese dem Bräutigam Fernando wegschnappt und dieser verzweifelt – eine Anspielung auf die Verhältnisse im königlichen Hause, wie die Königin bemerkt, da der Marquis mit diesem Fernando noch befreundet ist.
Elisabeth möchte, dass die Geschichte damit zu Ende ist, fragt dann aber indirekt nach Karlos‘ Situation. Posa nutzt die Gelegenheit, um die sich erschreckende Königin auf das Treffen mit Karlos vorzubereiten.
5. Szene
Karlos trifft Elisabeth, die als Königin nach der Hofetikette wie eine Gefangene gehalten wird, und bekennt seine Liebe. Beiden ist klar, dass Carlos sein Leben riskiert, wenn er allein bei ihr entdeckt wird. Elisabeth erklärt ihm, dass sie den König respektiert, aber nicht liebt; sie will an ihrer Ehe festhalten. Sie liebt niemanden mehr und erklärt sarkastisch, dass der Sohn als König neues Recht setzen und dem toten Vater als Mann nachfolgen „kann“, dass dies aber ein Frevel wäre. Sie ermahnt Karlos, ein Mann zu werden und zu entsagen; er solle seine große Liebe seinen Untertanen zu schenken (als seiner zweiten Liebe). Karlos verspricht ihr, es zu versuchen. Als der König kommt, muss Karlos fliehen; Elisabeth gewährt ihm ihre Freundschaft und gibt ihm als ihren Auftrag die ihr von Posa überreichten Briefe aus den flandrischen Provinzen.
6. Szene
Der König trifft seine Frau allein an, er ist erzürnt darüber. Als Philipp nachfragt, erklärt Elisabeth, sie habe die eine Hofdame, Prinzessin Eboli, für eine Besorgung fortgeschickt; die zweite, die Marquise de Mondekar, wird vom König mit zehn Jahren Verbannung aus Madrid bestraft. Die Königin tröstet sie mit einem Geschenk, sie wünscht sich nach Frankreich zurück.
Der König fragt nach dem Knaben Karlos und kündigt an, die Ketzerei in den Niederlanden (Ausbreitung des Protestantismus, was auch politische Freiheitsbestrebungen signalisiert) blutig ausrotten und nach Madrid zu reisen, um dort einem Autodafé zuzusehen.
7. Szene
Der Marquis von Posa berichtet Don Karlos, dass Herzog Alba gerade zum Gouverneur ernannt sei. Karlos hat sich wegen Elisabeths Wink entschlossen, seinem Vater als Vater gegenüberzutreten und von ihm Albas Amt für sich selber zu fordern, um die Provinzen zu retten.
8. Szene
Graf Lerma gibt Carlos den Auftrag, seinem Vater nach Madrid zu folgen.
9. Szene
Karlos und der Marquis von Posa sind allein; Karlos möchte gegen die Etikette mit Posa in Brüderlichkeit und Gleichheit verbunden sein. Der Marquis macht Karlos darauf aufmerksam, später als Erbe seines Vaters ein großes Reich führen zu müssen. Ihre Freundschaft aus Kindertagen könne nicht mehr fortbestehen, da Karlos absolut regieren müsse und der Marquis (Roderich) als Bürger dies nicht akzeptieren könnte. Karlos entgegnet ihm, er sei mit seinen 23 Jahren noch nicht dem Laster der Könige verfallen und könne deshalb Mensch bleiben; er bittet den Marquis um den Fortbestand ihrer Freundschaft, bietet ihm das „Du“ an und macht ihn zum Gleichen, der zu ihm, auch wenn er selbst König ist, offen sprechen soll.
Mit diesem Freund und Bruder traut er sich, sein Recht beim König einzufordern: „Arm in Arm mit dir, So fordr’ ich mein Jahrhundert in die Schranken.“

2. Akt: Im königlichen Palast zu Madrid – Steigen der Handlung / Entwicklung der Intrigen

1. Szene
Karlos hat die Möglichkeit mit seinem Vater zu sprechen; Karlos setzt es mit einer Beleidigung Albas durch, den König als seinen Vater allein zu sprechen.
2. Szene
Karlos ist entschlossen, alles zu tun, um den Befehl über die niederländischen Provinzen zu bekommen. Zunächst bittet er seinen Vater um Versöhnung; er schafft es, den misstrauischen König in seiner Einsamkeit menschlich zu rühren. Er will ferner, weil er nun dreiundzwanzig Jahre alt ist, staatliche Aufgaben übernehmen und an Stelle Herzog Albas nach Brabant geschickt werden, um dort die Ruhe wieder herzustellen. Dies lehnt der Vater jedoch misstrauisch wiederholt ab – Alba sei hart und gefürchtet, er werde den Aufstand der Ketzer niederschlagen; Philipp entscheidet als König, Karlos hält seine Mission für gescheitert.
3. Szene
Philipp und der Herzog von Alba besprechen letzte Details der Mission in Flandern. Am Ende des Gesprächs deutet Philipp an, dass Karlos dem Thron nun näher steht als bisher, was dieser aber nicht weiß.
4. Szene (Ein Vorsaal vor dem Zimmer der Königin)
Karlos empfängt durch einen Pagen der Königin einen Brief mit einem Schlüssel; zögernd erklärt der Page, dass der Brief von einer Dame stammt, die lieber erraten als genannt sein wolle. Karlos missversteht die Situation und glaubt, dass die Königin ihn liebt und ihn treffen will. Er beschwört den Pagen, keinem Menschen etwas davon zu erzählen.
5. Szene
Herzog Alba verabschiedet sich von Karlos und versucht als Realist zu erklären, dass in Brabant und überhaupt zur Stabilisierung der Macht Gewalt nötiger ist als Menschlichkeit; Karlos deutet an, dass Alba schon Todesurteile im Voraus mitnehme, weshalb er selber froh sei, mit dem Auftrag nichts zu tun zu haben. Alba provoziert Karlos – beide beleidigen sich, ohne lange zu zögern (in Fortsetzung der Konfrontation von II 1). Der Dialog endet in einem Duell beider Kontrahenten, das Karlos gefordert hat.
6. Szene
Die Königin tritt ins Zimmer und unterbricht das Duell – Karlos gehorcht auf der Stelle. Danach bittet sie Alba zum Gespräch.
7. Szene (Ein Kabinett der Prinzessin von Eboli)
Im Kabinett der Prinzessin Eboli berichtet der Page ihr über die Abgabe des Briefs sowie das Gespräch zwischen ihm und Karlos. Die Prinzessin wundert sich, dass Karlos offensichtlich Angst davor hat, der König könne Kenntnis vom geheimen Treffen erlangen; sie kann sich das vermeintliche Wissen des Prinzen (um eine ihrer Geschichten) nur mit seiner Liebe erklären. Ungeduldig erwartet sie sein Kommen.
8. Szene
Die Szene der Missverständnisse: Karlos denkt, der Brief sei von der Königin, Eboli denkt, Karlos liebe sie und versuche es nur zu verbergen. Das Gespräch zeigt ihr, wie verschlossen Karlos in Liebesdingen ist, so dass sie ratlos bleibt. Sie nennt alle vermeintlichen Liebesbezeugungen, die sie von Karlos erhalten hat, aber er versteht sie nicht. Schließlich verstehen sie beide nichts mehr.
Eboli setzt alles auf eine Karte, damit Karlos ihr hilft: Sie erzählt ihm, dass man sie mit einem Grafen verheiraten will, den sie nicht liebt, und dass ihre Unschuld bedroht ist – als Beleg zeigt sie ihm einen Brief. Als sie Karlos von ihrem Vorsatz erzählt, ihre Liebe nur an einen, den sie auch liebt, zu verschenken, bewundert er dies sehr. Sie beklagt, dass sie nicht geliebt wird – er versichert ihr, sie werde geliebt. Ein Missverständnis folgt auf das andere. Sie bietet ihm ein heimliches Liebesverhältnis an; er begreift endlich das Missverständnis. Beide sind verwirrt, Karlos redet sich heraus, Eboli ist beleidigt. Karlos behält den belastenden Brief des um die Eboli werbenden Königs und glaubt, Elisabeth sei jetzt frei.
9. Szene
Prinzessin Eboli denkt über das Gespräch nach (Monolog). Sie begreift, dass Karlos die Königin liebt und sich von ihr eingeladen wähnte, und schließt daraus, dass die Königin ebenfalls untreu ist. Von beiden tief enttäuscht, will sie sich rächen und dem König davon berichten.
10. Szene (Ein Zimmer im königlichen Palaste)
Herzog Alba berichtet Pater Domingo, es habe eine heftige Diskussion und einen Schwertkampf mit Prinz Karlos gegeben; dabei habe sich die Königin verdächtig gemacht, weil nur auf einen Wink von ihr Karlos sich mit ihm versöhnen wollte. Sie möchten den König misstrauisch machen, dass es ein Verhältnis zwischen Elisabeth und Karlos gebe. Beide fürchten Gefahr durch Karlos – Alba für den autoritären Staat, Domingo für die ebenso autoritäre Kirche der Inquisition: Karlos werde Regent sein, aber er denke und wolle Individualität und Menschlichkeit. Auch die Königin scheint mit Karlos verbündet – sie hängt ebenfalls den gefährlichen neuen Ideen an.
Domingo offenbart seine Intrige: Sie wollen als Informantin des Königs die Prinzessin Eboli verwenden, an der der König interessiert ist. Domingo ist als Kuppler schon länger tätig; Eboli soll den Wünschen des Königs (und damit Domingos Plänen) entgegenkommen, die Französin (Lilien von Valois) zerstören und dann selbst Königin – im Sinne von Alba und Domingo – werden. Eboli hat ihn gerade zum Gespräch geladen.
11. Szene
Pater Domingo trifft Prinzessin Eboli, die ihm erklärt, sie habe nun gute Gründe, den König doch zu erhören; dies habe aber nichts mit dem Wunsch der Kirche (und damit Domingos) zu tun. Bisher habe sie gedacht, Elisabeth sei eine treue Gattin, aber sie wisse, dass dies nicht stimmt. Sie will sich rächen und Elisabeth als Scheinheilige entlarven. Domingo ruft Herzog Alba hinzu.
12. Szene
Domingo und Alba beratschlagen mit Eboli, wie das Gespräch mit Philipp vorbereitet werden müsse. Eboli könnte in der Königin Schatulle Briefe von Karlos suchen, die die Untreue der Königin belegten. Eboli wird Philipp erhören; sie werde einfach für ein paar Tage „krank“ [dass Gräfin Fuentes diese „Krankheit“ durchschaut hat, sieht man in IV 1]; dann bleibe sie allein in ihrem Zimmer, dann könne der König zu ihr kommen.
13. Szene
Alba und Domingo sind sich ihres Sieges sicher.
14. Szene (In einem Kartäuserkloser)
Karlos wartet in einem Kloster auf Posa.
15. Szene
Karlos und der Marquis von Posa treffen sich. Karlos berichtet seinem Freund, dass nicht er nach Flandern gehen wird, sondern Herzog Alba vom König dorthin geschickt werden soll. Der Marquis ist entsetzt. Karlos zeigt ihm den Brief des Königs an die Prinzessin Eboli und beschreibt seine neu erwachten Hoffnungen auf die Königin. Auch berichtet er von dem Liebesmissverständnis zwischen sich und Eboli.
Posa warnt Karlos vor der verschmähten Prinzessin und erklärt den Unterschied zwischen der angeborenen Tugend und Charakterschönheit Elisabeths und der nur aus strategischen Gründen demonstrierten Tugend der Eboli. Karlos verteidigt die Eboli und will Elisabeth unbedingt sprechen.
Posa zerreißt den verräterischen Brief des Königs; er macht Karlos Vorwürfe, sich nicht mehr um das Wohl der ausgebeuteten Provinzen zu kümmern, sondern alles seinem Egoismus unterzuordnen. Als Karlos zerknirscht ist, entschuldigt Posa ihn und verspricht ihm, dass er die Königin sprechen darf: „Erinnre dich an Flandern!“ Die Königin soll seinen neuen Plan Karlos übermitteln; der will Posa in allem gehorchen. – Karlos warnt Posa noch vor der Kontrolle der Post nach Brabant.


3. Akt: Das Schlafzimmer des Königs – Wende 

(Je länger ich über das Drama nachdenke, desto skeptischer bin ich gegen das Etikett „Höhepunkt / Wende“. Es liegt keine Wende zum tragischen Ausgang vor, im Gegenteil – Posa scheint durch seine Karriere seine Ziele verwirklichen zu können. Es gibt auch keinen Höhepunkt des dramatischen Geschehens, eher einen Neubeginn nach II 15! Ein Höhepunkt ist III 10 insofern, als Posa dort seine politische Vision von der Gedankenfreiheit der Bürger vorträgt. N.T.)

1. Szene
Der König ist spät in der Nacht allein wach und vermutet aufgrund dessen, was er  in Papieren (offenbar Briefe Elisabeths) gelesen hat, diese betrüge ihn.
2. Szene
Der König ist aufgewühlt. Graf Lerma kommt zu ihm und erhält den Auftrag, die Wachen im Flügel der Königin zu verdoppeln; danach deutet der König an, dass er glaubt, seine Frau betrüge ihn. Lerma beteuert seinen Glauben an ihre Unschuld.
3. Szene
Der König zeigt Herzog Alba die Liebesbriefe aus der Schatulle der Königin; dieser bestätigt, dass er den Schreiber kennt. Er nennt als Beweis dafür, dass der Infant (Karlos) und die Königin sich lieben (schließlich hat der König Karlos die Verlobte weggeschnappt), die Beobachtung, dass die beiden sich heimlich im Garten in Aranjuez getroffen haben. Der König bleibt letztlich gegen Albas Verdacht misstrauisch.
4. Szene
In einem Gespräch informiert Domingo den König geschickt über das Gerücht, dass das Kind, welches die Königin bekommen hat (die Infantin), wegen einer schweren Verwundung des Königs damals nicht von ihm stammen könne; rhetorisch streut er aber immer wieder Zweifel am Gerücht ein. Da jedoch nach der Geburt der Tochter dies von Domingo als Wunder gepriesen wurde, bezweifelt Philipp dessen Ehrlichkeit. Der König wittert ein Komplott der beiden und fragt, ob sie auch den Mut hätten, ihre Vorwürfe öffentlich vorzutragen (Alba ja!).
5. Szene
Der König überlegt, wer von seinen Untergebenen unabhängig genug ist, ihm die Wahrheit zu sagen, und kommt auf den Marquis von Posa, weil dieser als einziger aus seinen Verdiensten nicht habe Profit ziehen wollen.
6. Szene (Der Audienzsaal)
Don Karlos, der Prinz von Parma, die Herzöge von Alba, Feria und Medina Sidonia warten im Audienzsaal auf den Beginn der Unterredung. Medina Sidonia befürchtet eine Bestrafung, weil er die Armada vor England (und damit die Seeherrschaft Spaniens) verloren hat. Karlos spricht ihm Mut zu.
7. Szene
Als der König eintritt, erledigt er Regierungsgeschäfte; er verzeiht Sidonia den Untergang der Armada und fragt nach dem Marquis von Posa. Aus den Antworten, die er erhält, kann er schließen, dass der Marquis ein außergewöhnlicher Mensch sein muss und offenbar keine Neider hat; er will ihn sprechen.
8. Szene (Das Kabinett des Königs)
Herzog Alba berichtet dem Marquis im Kabinett, dass der König ihn sehen will, und mahnt ihn, seine Chance zu nutzen.
9. Szene
Der Marquis überlegt, warum der König ihn sehen will; er führt es auf Zufall (als Wink der Vorsehung) zurück und will diesen in seinem Sinne (Flandern!) nutzen.
10. Szene
Der Marquis von Posa erklärt dem König auf dessen Nachfrage, warum er sich vom Hof fernhalte, dass er „nicht Fürstendiener sein“ kann, weil er die Menschheit liebt; als Diener des Königs dürfte er jedoch nur sich selbst lieben. Er lehnt einen Posten ab, weil er so nur als Diener die Macht der Krone verbreiten kann. Das will er jedoch nicht; er nimmt für sich das Recht in Anspruch, selbstständig zu wirken („Künstler“) – diese Idee von Glück und eigenständigem Denken liefen jedoch dem absoluten Herrschaftsanspruch Philipps zuwider. Er beruhigt den König, dass dieses Jahrhundert noch nicht reif ist für seine Ideen (Neuerungen, selber denken), sie stürben mit ihm. (Er verschweigt, dass er Karlos schon seine Ideen eingepflanzt hat und diesen überzeugt hat, sich der unterdrückten Provinzen annehmen zu müssen.)
Der König ist zunächst skeptisch und vermutet einen Trick Posas. Der gibt zu, dass der König in jeder Rede nur Schmeichelei sehen kann, weil die Menschen in seiner Umgebung sich selbst auf diese unfreie Stufe gestellt hätten. Deshalb müsse Philipp auch so eine niedrige Meinung von der Menschenwürde haben. Als König von Gottes Gnaden verwandele er die Menschen in seine Kreaturen, über die er sich als „Gott“ erhebe – und sei in Wahrheit selbst nur ein Mensch mit allen menschlichen Bedürfnissen. Einen Gott aber fürchten die Menschen, deswegen blieben die Bedürfnisse des Königs als Mensch auf der Strecke; diesen Preis – die Einsamkeit – müsse er dafür zahlen.
Dann (ermutigt durch den König) kommt er auf sein dringendstes Anliegen zu sprechen: die unterdrückten flandrischen Provinzen. Er verstehe, dass Philipp so brutal sein muss (Machterhaltung), aber dass die späteren Jahrhunderte mehr von Menschlichkeit geprägt sein würden. Philipp verteidgt sich, Spanien sei wegen der Ordnung aufgeblüht, diese Ordnung soll auch in Flandern sein. Posa spricht dagegen von Friedhofsruhe. Philipp könne sich nicht der allgemeinen Erneuerung entgegenstemmen, die Folgen seien jetzt schon zu sehen – viele der besten Bürger flöhen nach England und stärkten die dortige Wirtschaft. Die Menschheit werde in Zukunft ihr geheiligtes Recht einfordern. Der Marquis fordert von seinem König darum etwas Revolutionäres: „Geben Sie Gedankenfreiheit!“ Dabei wirft er sich Philipp zu Füßen (im Widerspruch zu seiner Argumentation). Posa argumentiert weiter: Die Natur, Gottes Schöpfung, sei durch Freiheit so reichhaltig und vielfältig geworden. Er fordert Philipp auf, diese Freiheit den Bürgern zurückzugeben, der Herrscher eines glücklichen Volkes zu werden.
Philipp hält sein eigenes Handeln für richtig auf Grund seiner Lebenserfahrung (Greis) – er selbst warnt Posa vor der Inquisition. Doch dann erlaubt er ihm allein, frei zu denken. Er nimmt Posa in seinen Dienst.
Das Gespräch kommt auf des Königs eigentliches Anliegen: die Wahrheit über Frau und Sohn. Philipp weist auf die Beweise der Untreue hin, aber nennt auch seine Zweifel an den Überbringern dieser Beweise (Eboli, Domingo, Alba) wegen deren Hass auf Carlos. Er hält Posa für einen unbestechlichen und klugen Menschen und macht ihn zum Spion bei Carlos und bei der Königin, um wirkliche Beweise zu finden oder die vorhandenen zu entkräften. Posa ist begeistert, dass er freien Zugang zur Königin erhält, und möchte noch ein Anliegen vortragen – Philipp beendet das Gespräch und gewährt ihm auch uneingeschränkten Zugang zum König.

4. Akt: Saal bei der Königin – retardierendes Moment
(Hier erfolgt in Wahrheit der Umschwung, also die Wende, nachdem Posa in IV 12 den Höhepunkt seiner Macht erreicht hat!)

1. Szene

Die Königin spricht mit ihren Hofdamen, der Schlüssel ihrer Schatulle ist weg; Eboli ist wieder da, nur die Königin weiß nicht, was los war. Posa wird gemeldet.
2. Szene
Posa tritt ein.
3. Szene
Die Königin wundert sich, dass Posa im Dienst des Königs ist. Er überbringt den Auftrag vom König, den Botschafter von Frankreich nicht zu empfangen.
Elisabeth fragt nach den Vollmachten Posas und bezweifelt, ob gute Zwecke böse Mittel heiligen. Er übergibt ihr einen Brief des Prinzen; er möchte, dass die Königin diesen darin bestärkt, den unterdrückten Flamen zu helfen. Sie soll Karlos den (zweiten) Plan Posas enthüllen: Karlos soll ungehorsam gegen den König werden, indem er heimlich nach Brüssel geht und eine Rebellion anführt. Egmont und Wilhelm von Oranien (Statthalter niederländischer Provinzen, Führer der Adligen und des Aufstandes der Niederlande) stehen auf seiner Seite; zu handeln sei auch für Karlos erforderlich. Die Königin ist begeistert, sie will ebenfalls die Freiheit für Brabant. Sie sichert auch noch Frankreich und Savoyen als Verbündete und steht als stille Helferin bereit.
4. Szene (auf der Galerie)
Graf Lerma, Oberst der Leibwache, berichtet Karlos, dass sein Freund Posa der neue Günstling des Königs ist und freien Zugang zur Königin hat (was noch nie da war); er warnt ihn vor Posa, doch Karlos weist die Warnung zurück.
5. Szene
Auf die Fragen von Karlos nach dem Gespräch mit dem König weicht Posa (mit Lügen) aus; er übergibt Carlos die Zeilen der Königin, in denen sie ihn um seine Bereitschaft zu einer Tat bittet. Karlos ist zerstreut, unsicher, liest zunächst nicht einmal die Zeilen der Königin.
Posa erbittet von Carlos seine gesamte Brieftasche nebst Inhalt, die dieser ihm auch sehr zögerlich überreicht. Argument Posas: Sie darf nicht in falsche Hände fallen. Angst Karlos’, ob sein Vater ihn durch Posa bespitzelt.
6. Szene
Monolog Posas über Karlos‘ Zögern: Er rechtfertigt seine Unaufrichtigkeit, er wolle Karlos vor Verstrickungen bewahren.
7. Szene
Philipp prüft im Kabinett an seiner kleinen Tochter und dem Medaillon, ob er oder Karlos der Vater ist.
8. Szene
Die Königin wird angekündigt, ist Philipp aber in diesem Moment nicht willkommen.
9. Szene
Die Königin berichtet Philipp aufgebracht vom Diebstahl ihrer Briefe aus ihrer Schatulle. Ohne sich vom König Vorwürfe machen zu lassen, erklärt sie ihm, dass es sich um die von beiden Königshöfen gestatteten Briefe von Carlos aus ihrer Verlobungszeit, also vor der Hochzeit mit Philipp, und um ein mitgeschicktes Medaillon handelt. Als sie die Kleine damit spielen sieht, ist ihr klar, wer der Auftraggeber des Diebstahls ist. Während der folgenden Auseinandersetzung macht sie dem König klar, dass sie völlig unschuldig ist und dass sie es in Aranjuez nicht nötig hat, wegen Karlos‘ Besuch wie eine Delinquentin vor dem gesamten Hofstaat verhört zu werden. Als der König immer eifersüchtiger wird, ihr droht und die Tochter zurückstößt, nimmt sie diese auf den Arm, hofft auf Hilfe aus Frankreich, geht weg und bricht an der Tür zusammen; sie blutet. Der König bef&¨rchtet den Skandal mehr als die Verletzung der Königin.
10. Szene / 11. Szene
Philipp macht Alba und Domingo heftige Vorwürfe wegen ihrer falschen Anschuldigungen. / Er empfängt Posa unter Zurücksetzung Albas.
12. Szene
Dieser zeigt dem König einige Briefe von Karlos und auch den Liebesbrief der Eboli, die er aus dessen Brieftasche entnommen hat. Wie Posa es geplant hat, erkennt der König das Komplott der Eboli, die Königin bei ihm anzuschwärzen; Posa beteuert, dass diese und Karlos kein Verhältnis miteinander haben, aber dass die Königin politische Ziele bzgl. Flandern habe, für die sie Karlos einspannen wolle. Er erhält das Recht, dies zu untersuchen, sowie einen geheimen Haftbefehl für Karlos.
13. Szene (Galerie)
Lerma berichtet Karlos von dem Zusammenbruch der Königin und davon, dass Posa der neue mächtige Günstling des Königs ist, der diesem sogar die Brieftasche von Karlos übergeben habe. Karlos ist verzweifelt über den vermeintlichen Verrat des Freundes – er denkt, Posa habe ihn wegen seiner höheren Ziele, dem Glück der Menschheit, geopfert – und will die Königin wegen der kompromittierenden Briefe warnen.
14. Szene (Zimmer der Königin)
Alba und Domingo versuchen vergeblich, Posa bei der Königin als Dieb der Briefe anzuschwärzen und sich als ihre treuen Helfer darzustellen – sie fertigt sie ironisch ab.
15. Szene / 16. Szene / 17. Szene (Zimmer der Eboli)
Karlos bittet die Prinzessin Eboli bei ihrer Liebe, ihn zu seiner Mutter zu lassen. Posa stürzt hinzu, will irgendwelche unklugen Äußerungen von Carlos verhindern und lässt ihn verhaften.
Er bedroht Eboli mit dem Tod, nichts zu erzählen, aber schließlich verabscheut er einen Mord; er hat offenbar noch einen anderen Plan.
18. Szene  (Zimmer der Königin)
Elisabeth fragt nach der Unruhe im Palast.
19. Szene / 20. Szene
Eboli teilt der Königin die Verhaftung von Karlos durch Posa mit; sie gesteht, dass sie schuldig ist, weil sie die Briefe aus der Königin Schatulle gestohlen habe; dass sie Elisabeth angeklagt hat, weil sie selber Karlos vergeblich liebte; dass sie selber mit dem König geschlafen hat. / Deswegen wird sie im Auftrag der Königin in ein Kloster verbannt.
21. Szene
Gespräch der Königin mit Posa – Posa gesteht der K&¨nigin, dass alle seine Pläne gescheitert sind, weil er so vermessen war, den Zufall nicht einzukalkulieren. Karlos sei für den Moment gerettet, aber er müsse sofort fliehen. Posa will sich für ihn opfern, aber er erlegt der Königin auf, Karlos an den gemeinsamen Eid mit ihm zu erinnern; er solle Posas und seinen Traum von einem neuen Staat wahr machen. Einer von beiden sei verloren, und er will sich opfern; die Königin solle Karlos mit ihrer Liebe bei der Umsetzung der politischen Pläne weiter unterstützen.
Er selber habe Karlos‘ Liebe zur Königin geschürt und ihm das wahre Ziel seiner Liebe erklären wollen; Elisabeth wirft ihm vor, sie als Frau übersehen zu haben. Er habe selber nur bewundert werden wollen.
22. Szene / 23. Szene / 24. Szene (Vorzimmer des Königs)
Niemand darf zum König. Der Oberpostmeister von Taxis überbringt dem König einen abgefangenen Brief Posas, den dieser nach Brüssel geschickt hat (um den Verdacht von Karlos abzuwenden). Die Höflinge sind verstört über die Verhaftung des Prinzen und über die Reaktion des Königs auf Posas Hochverrat. Alba wird zum König gerufen, Posa hat zum König nicht mehr direkten Zugang. – Der König hat geweint.
Eboli wird von Domingo an der Aufklärung ihrer Intrige gehindert; Alba stürzt aus des Königs Zimmer und verkündet: Der Sieg ist unser. Dann geht er mit den alten Granden zum König.


5. Akt: Zimmer im Palast – „die Katastrophe“

(Es ist problematisch, ohne Erklärungen von einer Katastrophe zu sprechen; zwar sterben die Helden des Stücks, aber Karlos ist reif geworden und hat sich selbst gefunden, während er in II sein Ziel nicht erreicht hat und ab II 15 von Posa an die Seite geschoben worden war. Posa büßt seine Fehler mit dem Opfertod und vollendet so seine Freundschaft. – Fazit: Das Schema der 5 Akte nach G. Freytag passt nicht problemlos auf dieses Drama.)

1. Szene
Karlos ist allein, eingeschlossen und von Offizieren bewacht.
Posa tritt ein und schickt die Offiziere weg. Im Gespräch zeigt sich, dass Karlos meint, Posa wolle Karriere machen, um seine politischen Pläne umzusetzen und Spanien die Freiheit zu bringen. Er hat akzeptiert, dass der Freund ihn und auch die Königin geopfert hat. – Posa ist über das Missverst&¨ndnis erschüttert und zeigt ihm die kompromittierenden Briefe, die er dem König gar nicht gegeben hat. Er erklärt dem Freund, dass er Karlos nur zu seinem Schutz verhaftet hat, damit dieser nicht wieder falschen Menschen vertraut (Eboli). – Da erwacht Karlos „wie aus einem Traume“.
2. Szene
Alba kommt, um Karlos freizulassen, die Verhaftung sei nur ein Versehen des Königs gewesen. Karlos verlangt stolz, dass der König selbst bzw. das hohe Gericht der Cortes ihn freispricht.
3. Szene
Posa enthüllt Karlos jetzt alle seine Überlegungen und beklagt auch seinen eigenen Fehler, allein gehandelt zu haben; als er sah, wie falsch die Eboli war, habe er mit den nicht kompromittierenden Briefen die Eifersucht des Königss besänftigen können. Doch er habe nicht mit dem Zufall gerechnet – dass Lerma Karlos vor seinem angeblichen Verrat warnen würde. Auch sah er Karlos schon wieder der Eboli etwas anvertrauen – deshalb die Verhaftung. Schließlich habe er den verräterischen Brief nach Brüssel geschrieben, der gezielt abgefangen werden sollte, damit Karlos außer Gefahr sei und ihr gemeinsames Werk, die Rettung Flanderns, fortsetzen könne.
Karlos ist gerührt und möchte für beide beim Vater fürsprechen, da wird Posa aus dem Hinterhalt erschossen.
4. Szene
Karlos ist fassungslos, da kommt der König selbst mit allen Großen, will ihn als Sohn umarmen und ihn freilassen. Karlos stößt ihn zurück und enthüllt Posas wahre Motive: „Für mich ist er gestorben.“ Er macht seinem Vater den Mord an Posa zum Vorwurf und erklärt, dass er sich von ihm lossagt.
5. Szene
Man meldet Philipp einen Aufstand in Madrid wegen Karlos’ Gefangennahme. Der König ist fassungslos von den Enthüllungen und handlungsunfähig; er gibt sich auf. Alba macht sich auf, den Aufstand niederzuschlagen.
6. Szene
Der Leibarzt der Königin bittet Karlos zu ihr wegen eines von Posa hinterlassenen Auftrags; Karlos soll sich als Geist Kaiser Karls verkleiden, damit ließen ihn die abergläubischen Wachen vorbei. Erst als dieser Besuch als Auftrag Posas deklariert wird, ist Karlos dazu bereit.
7. Szene
Graf Lerma warnt Karlos vor der Rache des Königs und bittet ihn, schnell nach Brüssel zu fliehen; er gibt ihm auch Waffen und schickt ihn zum Kartäuserkloster. Die Königin habe den Aufruhr veranlasst, damit Karlos’ unbehelligt fliehen kann. Lerma bittet, er solle seinem Volk den  Frieden bringen, aber nicht Gewalt gegen seinen Vater anwenden. Er huldigt ihm als neuem König.
8. Szene
(Vorzimmer des Königs)
Alba hat Briefe Posas abgefangen, die dessen Freiheitspläne enthüllen: Karlos sollte von Cadiz mit einem Schiff nach Vlissingen fliehen und dort die Revolte gegen Spanien anführen; die Mittelmeerländer wollen Spanien unter der Führung der Türken angreifen. Posa habe wegen des Freiheitskampfes für die Niederlande wohl das Mittelmeer als Malteserritter bereist und Verbündete gefunden. Auch ist in diesen Briefen von einer Unterredung des Prinzen mit seiner Mutter am selben Abend zwecks Fluchthilfe die Rede.
9. Szene
Philipp trauert darum, dass Posa wegen Karlos und wegen seiner hohen Ideale in den Tod gegangen ist, dass er aber Philipps Freundschaft, sein Vertrauen und die Macht zurückgewiesen hat. Er will sich an der Menschheit rächen, weil Posa diese ihm vorgezogen hat, und Posa als lächerlichen Spinner dastehen lassen; er will sich selbst behaupten. Alba informiert ihn kurz über den Inhalt der Briefe; ein Offizier meldet, dass die Wachen bei der Königin den Geist Karls (V.) gesehen haben, der in den Zimmern der Königin verschwunden sei. Der König bittet den Großinquisitor des Königreiches zu sich und will danach den „Geist“ sprechen.
10. Szene
Der Großinquisitor, ein 90jähriger blinder Greis, und der König
Der Großinquisitor eröffnet Philipp, dass er dank des kirchlichen Überwachungssystems schon von allen Plänen Posas wusste und diesen ‚an der langen Leine’ geführt habe. Da der König sich aber nicht sofort mit der Inquisition verbündet hat, habe die Kirche geschwiegen. Er macht dem König den Meuchelmord an Posa ebenfalls zum Vorwurf, weil dieser dadurch der Rache der Inquisition entzogen worden ist und man nun dessen Ideen nicht mehr der Lächerlichkeit preisgeben kann. Er macht Philipp auch zum Vorwurf, dass er mit Posa überhaupt über seine Ideen diskutiert hat, statt ihn sofort der Inquisition zu übergeben; Philipp setzt sich gegen den anmaßenden Ton zur Wehr.
Philipp habe sich auch dadurch an den Lehren der Kirche vergangen, dass er als Monarch auf einen Menschen hoffte; der Tod Posas sei also ebenfalls eine Strafe für Philipp. Philipp bekennt seine Schwäche als Mensch – der Großinquisitor legt ihn auf seine Position „der Erde Gott“ fest. Der Großinquisitor sieht sein Werk – totale Macht und Kontrolle in Gottes Namen – in Gefahr. Philipps Frage, ob es mit dem Glauben zu vereinbaren sei, wenn er gegen die starke Stimme der Natur seinen Sohn sterben lässt, beantwortet der Großinquisitor mit dem Beispiel Gottes, der seinen Sohn auch ans Kreuz habe schlagen lassen. Er verlangt, dass Philipp Karlos der Inquisition übergibt.
11. Szene
(Zimmer der Königin)
Karlos ist im Mönchsgewand bei der Königin. Sie erinnert ihn an Posas Vermächtnis, Helfer der Niederlande bei ihrem Freiheitskampf zu sein, das er begeistert erfüllen möchte. Die Königin will jetzt auch mutig zu ihrer Liebe stehen, doch Carlos entsagt; er ist reif und erwachsen geworden und will Posas Auftrag erfüllen. Er erinnert die Königin an ihre Pflichten Philipp gegenüber, der einen Sohn verloren hat. Elisabeth bewundert Karlos in seiner neuen Größe. Da taucht der König mit dem Inquisitor auf und Karlos’ Schicksal ist besiegelt.

Weitere Inhaltsangaben zum Stück:
http://www.martinschlu.de/kulturgeschichte/klassik/schiller/doncarlos/1/inhalt.htm
http://de.wikipedia.org/wiki/Don_Carlos_%28Schiller%29

Das Lehrerheft zu „Don Karlos” ist im Verlag Krapp & Gutknecht erschienen.

Schiller: Wilhelm Tell – Inhalt, Aufbau, Analysen

Situation im Tell-Drama:

I 1 spielt am 28. Oktober 1307. Der König von Österreich will die freien Kantone der Schweiz unterwerfen. Der König von Österreich bekleidet gleichzeitig das Amt des Kaisers des deutschen Reiches; als Kaiser müsste er den Kantonen gegen das Königreich Österreich beistehen. Die Situation ist rechtlich verfahren; dadurch ergibt sich das Problem, ob ein Volk sich in Notwehr selber helfen darf, politisch gesprochen: einen Aufstand machen darf.

Im 1. Aufzug (Akt) werden von Baumgarten, Stauffacher und Melchtal aus allen Kantonen Übergriffe der kaiserlichen Vögte vermeldet; Tell und Stauffacher beobachten den Bau von „Zwing Uri“. Deshalb verabreden die drei Freunde (in I 4), Vertreter der drei Kantone zu einem Treffen zum Rütli einzuladen (-> II 2); sie schließen jetzt schon stellvertretend einen Bund. Tell hält sich zurück.

„Erläuterungen und Dokumente“ (Reclam 8102) bieten Worterklärungen. Der Kommentar von Rudolf Ibel (Diesterweg) ist für Oberstufenschüler geeignet. – Es gibt natürlich viele weitere Kommentare und Hilfen von mehr oder weniger großem Wert – da muss jeder selber zusehen. Nützlich ist das Kindler Literatur Lexikon (für Schüler der Sek II).

Informiere dich über das Heilige Römische Reich deutscher Nation, über die Geschichte der Schweiz in den Anfängen (um 1300), über die Landschaft am Vierwaldstättersee (Atlas!)

Wilhelm Tell – Überblick über das Drama

I 1 spielt am 28. Oktober 1307. Der König von Österreich will die freien Kantone der Schweiz unterwerfen. Der König von Österreich bekleidet gleichzeitig das Amt des Kaisers des deutschen Reiches; als Kaiser müsste er den Kantonen gegen das Königreich Österreich beistehen. Die Situation ist rechtlich verfahren; dadurch ergibt sich das Problem, ob ein Volk sich in Notwehr selber helfen darf, politisch gesprochen: einen Aufstand machen darf.

Im 1. Aufzug werden von Baumgarten, Stauffacher und Melchtal aus allen Kantonen Übergriffe der kaiserlichen Vögte vermeldet; Tell und Stauffacher beobachten den Bau von „Zwing Uri“. Deshalb verabreden die drei Freunde (in I 4), Vertreter der drei Kantone zu einem Treffen zum Rütli einzuladen (-> II 2); sie schließen jetzt schon stellvertretend einen Bund. Tell hält sich zurück.

Sind sich die Vertreter der Bürger einig (1. Aufzug), so ist der Schweizer Adel gespalten und teils auf Seiten der Österreicher (II 1: Sprechweisen in der Auseinandersetzung untersuchen). Die Bürger schließen den Bund am Rütli (II 2: Bedeutung der Natur): Melchtal berichtet von der Zustimmung aller Schweizer; Stauffachers Erzählung zeigt das Recht der Schweizer auf ihr Land  und ihre Freiheit, wozu das Recht auf Notwehr gehört; Konrad Hunns Bericht beweist, dass vom Kaiser keine Gerechtigkeit zu erwarten ist (-> V 1).

Beim Abschied erzählt Tell von einer Begegnung mit Geßler, in der dieser wehrlos war; seine Frau ahnt Böses (-> III 3). In einer Waldszene gewinnt Berta Rudenz für die Sache der Schweizer (vgl. II 1; -> IV 2 und V 3). Tell wird in Altdorf ergriffen, als er den Hut nicht grüßt, und muss einen Apfel vom Kopf des Sohnes schießen, um sein Leben zu retten. Geßler nimmt ihn gefangen (III 3): Höhepunkt der Auseinandersetzung; ab IV (in gewisser Weise schon in III 2?) setzt mit Tells Rettung der Umschwung ein!

Das Unwetter hat doppelte Bedeutung (V. 2130 ff. und 2140 ff.); Tell kann sich befreien (IV 1). Attinghausen nimmt vor seinem Tod zum Verhältnis von Bürgern und Adel Stellung (V. 2417 ff.; -> V 3) und mahnt die Schweizer zur Einheit (V. 2448 ff.). Rudenz bittet die Bürger um Hilfe (IV 2) – Planung des Aufstandes. Tell überdenkt sein Vorhaben, Geßler zu töten, und rechtfertigt es in einem Monolog (IV 3). Geßler tritt unbarmherzig gegen Armgard auf, wird von Tell erschossen. Harras erkennt sofort die Bedeutung des Mordes.

Es wird von der Erstürmung der Burgen und der Ermordung des Kaisers berichtet (V 1); niemand will seiner Witwe beistehen. Tell begegnet dem verkleideten Johannes Parricida und sagt sich von ihm als einem gemeinen Mörder los, ohne ihm Hilfe zu verweigern (V 2). Zum Schluss ordnet Berta sich in die Reihe der Bürger ein (vgl. II 1 und IV 2), Rudenz gibt seinen Knechten die Freiheit (vgl. II 1).

Frage: Wie nimmt Schiller (1804) zur Revolution (1789) Stellung? (Beachte auch die Bundesformel des Rütli-Eides!)

1. Aufzug (Akt)

1. Szene: idyllisches Landschaftsbild (Unterwalden),

Fischer, Hirt und Jäger im Gespräch – Gewitter droht (analog): Baumgarten berichtet von Verbrechen des Vogts und dessen Strafe, Tell erscheint und rettet selbstlos und spontan den Bedrohten; die Reiter fügen dem Hirten neues Unrecht zu.

2. Szene: in Steinen, vor Stauffachers Haus (Schwyz),

nach der Einleitung folgt ein großes Gespräch zwischen Stauffacher und seiner Frau Gertrud, die ihm des Vogtes Neid erklärt und den Zögernden zum Widerstand aufruft; dramatische Wechselrede in Vers 312 ff. (Stichomythie).

3. Szene: Platz in Altdorf (Uri),

Bau der Zwingburg, Errichtung des Hutes, Tell verweigert sich dem planmäßigen Vorgehen (Vers 435 ff.); anlässlich eines Unfalls wird Berta eingeführt.

4. Szene: Walter Fürsts Wohnung in Altdorf (Uri),

Melchtal berichtet von seiner Demütigung und seinem Vergehen, Stauffacher u.a. von der schrecklichen Rache an Melchtals Vater; Melchtal möchte die Burg des Vogtes in Sarnen erstürmen und begründet das Recht auf Notwehr (Vers 640 ff.); Walter Fürst, der Schwiegervater Tells, rät zum Zusammengehen der drei Länder und möchte auch den alten Adel befragen; auch er begründet das Recht auf Notwehr (V. 701 ff.) und trägt den Plan vor, Abgesandte aus allen Kantonen zu versammeln, und zwar am Rütli; Stauffacher greift den Vorschlag auf und fordert zum symbolischen Bundesschluß durch Handschlag auf (V. 738 ff.), dem alle zustimmen; Melchtal spricht prophetisch vom Sturz der Burgen.

Die drei Männer repräsentieren nicht nur die drei Kantone, sondern auch drei Lebensalter (der junge Mann ist Melchtal, der alte W. Fürst, der reife Mann in der Lebensmitte Stauffacher).

Die Bürger wehren sich gegen den Landesherrn und wollen vielleicht auch den alten Adel um Hilfe bitten: Siehst du eine Parallele zur Situation am Ende des 18. Jahrhunderts?

Moral und Politik in „Wilhelm Tell“ I

1. Ein freier Mann wie Baumgarten hat bestimmte Rechte (V. 81 f.), z.B. das Hausrecht – dass er also in seinem Haus der Herr ist; als solcher hat er den Wolfenschießen erschlagen, als jener dieses Recht verletzt hat (V. 79 ff.).

* Als ein ähnliches Recht muss das Recht des Hausbaus gelten, das Geßler Stauffacher streitig macht (V. 230 ff.);

* ähnlich gilt das Recht, sein Eigentum zu verteidigen, welches Melchtal ausgeübt hat (V. 464 ff.).

2. Es scheint so, als ob diese Rechte als alte Freiheit(en) beim Deutschen Reich gesichert gewesen wären (V. 186 ff., vgl. 244 f.). Diese Rechte zu besitzen bedeutet: keinen Herrn außer dem Kaiser über sich anzuerkennen (V. 262 ff.).

3. Diese Rechte werden von Vögten Österreichs willkürlich bestritten und beschnitten; wenn sich jemand zu Recht gegen diese Übergriff wehrt, setzt der Terror gegen Hütte und Herden (V. 178 f.) sowie gegen Verwandte (V. 575 ff. – eine Art Sippenhaft) ein.

* Als Motiv Geßlers wird dabei vermutet: der Neid des Abhängigen (V. 260 ff.)

* Die Situation ist also die, dass ursprüngliche Rechte bedroht sind (s.o.) und dass die Tyrannen sich sogar die Hände reichen (V. 497 ff.) und eine Burg als Grab der Freiheit (V. 530; vgl. die Analyse V. 531 ff.) bauen wollen.

4. Dagegen scheint es nur eine Möglichkeit zu geben, um die eigenen Freiheitsrechte zu sichern: nicht auf Besserung hoffen, auch nicht auf einen Retter (V. 182), sondern selber sich mit anderen Bedrohten beraten (V. 286 ff.) und auch der Gefahr des Kampfes nicht auszuweichen (301 ff.).

* Grundsatz ist dabei, dass es ein Recht auf Notwehr gibt (V. 643), das bereits die Tiere besitzen, das also wirklich Natur-Recht ist (V. 645 ff.), und das man auch rechtlich begründen kann im Fehlen des Rechtsweges (V. 701 ff.).

* Wenn man dieses Recht selber ausübt, kann der Tag der Freiheit beim Untergang der Tyrannen erscheinen (V. 745 ff.).

5. Mir fällt auf, dass alle Bedrohungen des einzelnen Schweizers nur von außen, von Knechten Österreichs ausgehen; kein Schweizer bestiehlt einen anderen.

* Später wird sich das Problem der Schweizer zeigen, die im Dienst Österreichs ihr Geld verdienen (Wachen beim Hut; auch die anfängliche Argumentation Rudenz‘).

* Später wird sich auch das Problem zeigen, wie denn alter Adel und Bürgertum sich zusammentun sollen.

6. Moral regelt die Beziehungen der anständigen Schweizer zueinander:

– dem Nächsten muss man helfen (Gedanke der Reziprozität, also der Goldenen Regel, V. 107 f.);

– Wo‘s not tut… (V. 136);

– Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt (V. 139).

Tells Denken wird also von Moral geleitet, nicht von politischen Erwägungen; er will nicht mit beraten, wird sich aber dem erforderlichen Tun nicht verweigern (V. 438 ff.). – Die Politik ist insofern „moralisch“ fundiert, als sie auf verbrieften Naturrechten beruht.

2. Aufzug
1. Szene: Hof des Freiherrn von Attinghausen
Der alte Attinghausen und sein junger Neffe repräsentieren den Adel der Schweizer. Der Alte (im Pelzwams) vertritt die Sache der Schweizer, der Junge (in Ritterkleidung) schlägt sich auf die Seite der Österreicher. Vergeblich versucht der Alte, seinen Neffen Rudenz für die Freiheit der Schweizer zu gewinnen.
Zuerst erweist der Alte seinen Knechten die Ehre des gemeinsamen Frühtrunks: Standesunterschiede treten zurück (V. 753 ff.).
Dann wirft er Rudenz vor, jener sei nur noch ein Fremder in der Heimat, den der allgemeine Schmerz der Schweizer nicht berühre (V. 777 ff.).
Rudenz anwortet mit einem Gegenvorwurf (V. 796 ff.) und dem Hinweis auf die bescheidene Rolle seines Onkels als Pair der Knechte.
Er rechtfertigt sich gegen den Vorwurf, verführt zu sein (V. 820/22), indem er die große Welt des Ruhms dem armseligen Bauernland gegenüberstellt (V. 823 ff.).
Attinghausen bittet ihn, bei den Seinen zu bleiben (V. 839 ff.), mit verschiedenen Begründungen.
Rudenz weist auf die politische Realität: Der König von Österreich ist mächtig, man kann ihm nicht widerstehen (V. 869 ff.). Attinghausen kontert mit dem Hinweis auf die Erfahrung der Menschen um Luzern (V. 892 ff.).
Als Rudenz die Hirten mit den Heeren des Königs vergleicht (V. 907 f.), verweist Attinghausen auf seine Erfahrung als Anführer dieser Hirten (V. 909 ff.). Er fährt mit einer großen Grundsatzmahnung fort (V. 921/26, mussten wir früher auswendig lernen), und bittet Rudenz, einen Tag nur probeweise zu bleiben. Der lehnt ab: Er ist gebunden, und zwar an das Fräulein Berta, wie der Alte enthüllt (V. 932 ff.).
Schön ist hier die Symbolik des Handergreifens und -loslassens (nach V. 930/31).
Der Alte ist verzweifelt, er wünscht wohl seinen Tod herbei, um die neue Zeit des Unglücks nicht mehr zu sehen (V. 943 ff.).

Es zeigt sich in dieser Szene, dass vom Adel angesichts der Gefahren nichts zu erwarten ist; ganz anders ist das gemeine Volk, wie in II 2 zu sehen ist. In diesem Kontrast Adel/Volk diskutiert Schiller 1804 Probleme der Französischen Revolution (1789 und die folgenden Jahre), wo viele Adelige einen Kopf kürzer gemacht wurden, was Schiller gar nicht gut fand: Wie etabliert man (neue) Freiheit, ohne Feinde der Freiheit zu köpfen?

2. Szene: auf dem Rütli (Bergwiese oderhalb des Sees, in Unterwalden)
Vertreter der drei Kantone treffen sich und erneuern den alten Freiheitsbund; sie vereinbaren zum Schluss, vorerst noch stillzuhalten, um zu einem günstigen Zeitpunkt den Aufstand zu machen.
Es dauert eine Weile, bis die Vertreter aller drei Kantone eingetroffen sind (- V. 1098); derweil werden Reden gehalten, wobei auffällt, dass privater Streit hinter politischer Einigkeit zurücktritt (V. 1087 ff.).
Als erster agiert Pfarrer Rösselmann, der vorträgt, was Gott ihm eingegeben hat (was also richtig ist, V. 1108 ff.). Er organisiert den Ritus des Bundeschwurs. Reding wird zum Chef der Versammlung gewählt (V. 1143 ff.) und vereidigt.
Stauffacher erzählt dann den Gründungsmythos der Schweiz (V. 1155 ff.); weil die Schweizer alte Rechte haben (erworben haben), haben sie jetzt dieses Recht auf Freiheit. Man reicht sich die Hände (! V. 1203). Am Ende seiner langen Rede zieht er die Konsequenz daraus: Das Recht auf Notwehr ist gegen die Tyrannenmacht gegeben (ewige Rechte, Urstand der Natur, V. 1275-1288, mussten wir ebenfalls auswendig lernen).
Auf den methodischen Einwand Rösselmanns, ob man sich nicht vor dem Kaiser einigen könnte (V. 1290 ff.), beschwören alle das erste Landgesetz: Wer zu Österreich geht, sei rechtlos. [Rösselmanns Äußerung V. 1311 verstehe ich nicht.]
Als Reding noch einmal fragt, ob man sich vielleicht doch mit dem König von Ö. verständigen könne (V. 1314 ff.), widerlegt der Bericht Konrad Hunns solche Hoffnungen: Vom Österreicher ist nichts zu erwarten. (V. 1324 ff.).
Nach einigem Hin und Her plädiert Walter Fürst dafür, nicht unnötig Blut zu vergießen (V. 1353 ff.); es wird gestritten, ob man den Aufstand verschieben soll (V. 1376 ff.). Winkelried (V. 1400 ff.) und andere entwickeln die Pläne, am Fest des Herrn (Weihnachten, V. 1400) loszuschlagen – jetzt ist Herbst (vgl. I 1).
Bei aufgehender Sonne wird dann der Eid des neuen Bundes geschworen (V. 1448/53, mussten wir ebenfalls lernen).
Stauffacher mahnt zum Schluss zur Geduld: Niemand solle durch Voreiligkeit den gemeinsamen Plan gefährden (V. 1454 ff.).
Beglaubigt und ins Hoffnungsvolle wird das Geschehen durch „das Schauspiel der aufgehenden Sonne“ gewendet (Regie hinter V. 1465). Eingeleitet war die Versammlung durch das Wunderzeichen des Mondregenbogens, vgl. Regie vor V. 959 und V. 975 ff.).

Das Volk hat sich in II 2 ohne den Adel geeinigt: Der Bund ist geschlossen, der Aufstand geplant – wie wird es weitergehen, wenn Geßler sich als der befürchtet hartnäckige Feind (V. 1428 ff.) erweist? Mit Tell, der in III erneut auf die Bühne kommt, kommen neue Probleme und ein starker Mann in den Vordergrund.

3. Aufzug
Dieser Aufzug bringt eine Zuspitzung des Geschehens, indem Tell auf Geßler trifft und von diesem verhaftet wird. Zuvor ist Rudenz jedoch von Berta auf die Seite der Schweizer gezogen worden, was für einen guten Ausgang der Ereignisse spricht: Der Umschwung setzt ein.
1. Szene (Tells Haus)
Tell wird hier als Vater, Mann und Gatte gezeigt:
– voller Selbstbewusstsein gegenüber seiner verzagten Frau,
– erzieht die Kinder zur Selbstständigkeit,
– erzählt von einer Begegnung mit Geßler, den er im Gebirge verschonte (1548 ff.);
– Hedwig warnt ihn, dass Geßler ihm nicht nachsehen werde, dass er jenen schwach gesehen (Vrogriff auf III 3!).
2. Szene (wilde Waldgegend)
Berta zieht Rudenz auf die Seite der Schweizer, beiderseitiges Liebesgeständnis;
Mahnung Bertas: „Seid, wozu die herrliche Natur euch machte!“ (1650 f.)
Rudenz entsagt der weiten Welt (= Österreich, 1675 ff.), um mit Berta in der Heimat zu leben;
wechselseitiges Lob der Heimat (1694 ff.).

Wichtig ist, dass man den Begriff Natur (V. 1623, 1651) in III 2 versteht: Damit ist gemeint, was natürlich und damit richtig ist; so gewinnt Berta einen Maßstab für das, was Rudenz tun soll: ein echter Schweizer sein, weil er als Schweizer geboren ist [sachlich problematisch, aber früher so üblich].

3. Szene (in Altdorf)
Die Wächter bewachen lustlos den Hut;
Walter und Wilhelm Tell im Gespräch (1771 ff.): Lob der Freiheit in der engen Schweiz (Parallele zu III 2!);
arrogante Verhaftung Tells durch die Wächter (1817 ff.);
Vogt Geßler kommt (sein erster Auftritt), dramatisch-zynische Inszenierung des Schusses (1855 ff.);
(Rudenz probt erstmals den Aufstand gegen Geßler, 2031 ff.);
Tells Schuss, Applaus der anderen (2031 ff.);
neue Schikane Geßlers (halber Wortbruch, 2049 ff.), verbunden mit einem neuen Rechtsbruch (2224 ff. – setzt die Serie des 1. Aufzugs fort!): Er lässt Tell gefangen nehmen und auf seinem Schiff außer Landes bringen, nach Küßnacht.

Als was für ein Mensch erscheint  Wilhelm Tell in III 1?

Tell, die Hauptfigur des Dramas, tritt in III 1 erstmals im Kreis der Familie auf.

Er zeigt sich dort als ein Mensch, dessen Tun von klaren Grundsätzen bestimmt ist. Das zeigt sich an mehreren Stellen. So ist er bereit, für sein Land besonders schwere Aufgaben zu übernehmen, was er mit einem Grundsatz rechtfertigt: „Ein jeder wird besteuert nach Vermögen.“ (V. 1524) Gleichfalls zeigt es sich in der Erziehung seiner Kinder, aus denen er selbständige Menschen machen möchte (selber etwas reparie-ren, V. 1479; mit der Waffe umgehen, um sich wehren zu können, V. 1483/85). Tell hält ein Versprechen, das er gegeben hat (V. 1578); er lässt sich auch durch Bitten seiner Frau nicht von seinem Weg abbringen (v.a. V. 1573 ff.).

Seine Festigkeit im Grundsätzlichen verträgt sich aber mit seinem Mitleid mit den Schwachen oder Hilfsbedürften: So hat er Baumgarten gerettet (V. 1525 ff.) und den hilflosen Vogt verschont (V. 1548 ff.). Solche Hilfsbereitschaft ergibt sich geradzu aus seinen Grundsätzen, wie er seiner Frau erklärt (V. 1528 f.).

Als Hausvater beweist Tell die Selbstständigkeit, die er von seinen Kindern fordert; er repariert das Tor des Hauses (Regieanweisung am Anfang und V. 1513 f.). Nach außen tritt er als ein Kämpfer auf, da er sich eher als Jäger denn als Bauer versteht (V. 1486 f.). Er ist voller Selbstvertrauen (V. 1509), das mit Gottvertrauen verbunden ist; auf andere wirkt dieses selbstbewusste Handeln beinahe wie leichtsinnig (V. 1571 ff.). Er nimmt, wenn es gefährlich werden könnte, seine Waffe mit und lebt nach dem Grundatz: „Ich tue Recht und scheue keinen Feind.“ (V. 1544); er vertraut, dass der Vogt ihn „in Frieden lassen“ (V. 1547) wird.

Wenn Tell die Familie verlässt und in die gefährliche Welt geht, ist zu erwarten, dass sich nun eine Entscheidung im Freiheitskampf der Schweizer anbahnt.

Diese Textuntersuchung ist, wie du leicht erkennst, gegliedert; der neue Aspekt wird jeweils zu Beginn eines Absatzes genannt. Die Vorarbeit besteht darin, dass man den Text liest und dabei mit dem Filter der Fragestellung (Als was für ein Mensch…) Notizen macht, natürlich mit Stellenangabe. Danach stellt man zwischen den Stichworten Verbindungen her und verbindet jene unter Oberbegriffen, zum Beispiel

Charakter: Grundsätzen gehorchen – Mitleid haben;

 * Welche Grundsätze im Einzelnen?

 Typus: Kämpfer sein, nicht Bauer;

 * selbstbewusst (zuversichtlich) – unvorsichtig handeln;

 Bereiche des Handelns: zu Hause – nach außen.  

4. Aufzug
Umschwung des Geschehens: Tell wird gerettet, Geßler wird erschossen, der Aufstand kündigt sich an und beginnt.
1. Szene (östliches Seeufer)
Kunz und ein Fischer beschreiben die Situation: Tell gefangen, Attinghausen im Sterben, Sturm auf dem See: alles schlimm!
Interpretation des Sturms als Zeichen (2130 ff.);
gesichtet wird das Herrenschiff Geßlers im Sturm (2163 ff.) – eine Art „Mauerschau“;
Tell erscheint (hinter 2198), ist frei
und berichtet, wie er sich gerettet hat (2224 ff. – beinahe wie ein Botenbericht).
Tell bricht nach Küßnacht auf, zu allem entschlossen (2283 ff. – IV 3 wird vorbereitet).
2. Szene (Hof zu Attinghausen)
Hedwig tritt auf, voller Vorwürfe gegen Tell wegen seines Schusses auf das Kind und gegen die anderen, die ihm nicht geholfen haben: Verzweiflung!
Attinghausen erwacht aus seiner Ohnmacht (2372 ff.), wird über den Schweizer Bund informiert;
er hält eine Grundsatzrede über das Verhältnis Adel-Volk (2417 ff.): Jetzt ist der Adel überflüssig, soll sich den Bürgern anschließen; Vision der Freiheit, Mahnung zur Einheit (greift so unbewusst den Rütli-Schwur auf, vgl. 1448 ff.!).
——
Kommentar: Hier zeigt sich deutlich, dass Schiller in den Ereignissen von 1307 die Probleme der Französischen Revolution, also die seiner eigenen Zeit behandelt: Wie soll man mit dem Adel in Zukunft umgehen, was soll der tun?
Attinghausen spricht ein profetisches Wort:
„Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,
Und neues Leben blüht aus den Ruinen.“
(V. 2426 f.)
Dieses Wort hat Johannes R. Becher aufgegriffen und der Nationalhymne der DDR zugrunde gelegt:
1. Auferstanden aus Ruinen
Und der Zukunft zugewandt,
Laß uns dir zum Guten dienen,
Deutschland, einig Vaterland.
Alte Not gilt es zu zwingen,
Und wir zwingen sie vereint,
Denn es muß uns doch gelingen,
Daß die Sonne schön wie nie |: Über Deutschland scheint. :|     —>>> ZURÜCK ZUM TEXT:

——
Rudenz kommt (2453 ff.), bittet um Aufnahme (nach seiner Verirrung),
hat aber noch Vorstellungen von des Adels Rechten und Pflichten (2491 ff.),
bittet um Hilfe und will jetzt schon den Aufstand beginnen, weil Berta abhanden gekommen ist;
sie beschließen, jetzt schon loszuschlagen und nicht bis Weihnachten zu warten (2539 ff.).
[Sie wissen nicht, dass Tell bereits gerettet ist: Typischer Fall dafür, dass der Leser bzw. Zuschauer mehr als die Figuren weiß. IV 2 und IV 3 laufen parallel nebeneinander.]
3. Szene (hohle Gasse in Küßnacht)
[Eine hohle Gasse ist ein Hohlweg, der in den Berg hineingeschnitten ist, damit der Anstieg für Fuhrwerke etwas gleichmäßiger und leichter wird.]
Tell tritt auf und reflektiert in einem großen Monolog seinen Plan und sein Recht, Geßler zu ermorden; er beruft sich auf das Recht der Notwehr, auf seinen heimlichen Eid (2585 ff.: wie du mir, so ich dir), ist nicht frei von Rachegedanken [oder ist „Feind“ nur auf die Notwehrsituation bezogen?];
Stüssi berichtet von schweren Naturkatastrophen: Zeichen des Unheils.
* Armgard tritt auf,
* Geßler diskutiert mit Harras seine Unterdrückungspolitik (2710 ff.),
* Armgard bittet Geßler um Gnade für ihren Mann, der bleibt hart, sie wirft sich vor sein Pferd: „Ich will – (da trifft ihn Tells Pfeil) – Gott sei mir Sünder gnädig!“ (2786)
Tell bekennt sich zum mörderischen Schuss;
Jubel, Widerstand gegen Harras, Freiheit! (2810 ff.),
Harras will die Burg Küßnacht retten,
die Barmherzigen Brüder singen das Lied vom Tod des Menschen (2834 ff.).

Charakterisierung Geßlers – Gliederung

(zu „Wilhelm Tell“ IV 3)

Eine Person oder literarische Figur spricht und handelt. In dem, was sie (nicht) sagt und tut, mit wem sie (nicht) spricht und handelt sowie wie, aus welchen Gründen und mit welchem Ziel dies geschieht, zeigt sich, wer sie in Wahrheit letztlich (im Wesen, im Innersten, im Kern) ist.

Die Figur erfassen heißt also, den Text zur Kenntnis zu nehmen, sich vom Textverlauf aber zu lösen und die Einzelheiten in einem Ganzen zusammenzufassen, zu einem Gesamtbild zu ordnen (d.h. zu denken!).

Im Verlauf des Geschehens sprechen zunächst Leute über Geßler (V. 2689 ff.), dann spricht Geßler mit Rudolf dem Harras über sich und sein Vorgehen gegen die Schweizer; dieses Gespräch wird durch den Auftritt Armgards unterbrochen (V. 2733-2774) und später fortgesetzt (Geßler spricht über Armgard in der 3. Person: „sie“, V. 2775, vorher „Ihr“). Schließlich wird Geßler ermordet.

Nach welchen Gesichtspunkten könnte man Geßler zu begreifen suchen? Ich versuche, einige Schemata möglicher Gliederungen zu skizzieren:

1. Schema: Geßler ist bloß ein Knecht mit Herrschergewalt.

1. Geßler als Diener des Kaisers: ohne eigene Verantwortung

– ist an seiner Karriere interessiert (V. 2710 f.),

– stellt sich mit dem Kaiser auf eine Stufe (V. 2731, vgl. 2779),

– beruft sich gern auf dessen Willen (V. 2712 f.);

2. Geßler übt als Vogt der Schweizer hemmungslos Macht aus.

(reitet zu Pferd – die Schweizer gehen zu Fuß!),

– soll und will sie unterwerfen (V. 2713 ff.),

– misschachtet ihre Rechte (V. 2727 ff., vgl. 2751 f.),

– demütigt sie absichtlich (2717 ff.),

– will ihre Unterdrückung noch steigern (2779 ff.).

3. Geßler begegnet einer hilflosen Frau ohne Barmherzigkeit.

– sieht sie bloß als Hindernis an (V. 2734 f.),

– bedroht sie (V. 2764 f.),

– hat kein Mitleid mit ihr und den Kindern,

– ist auch gegen Rudolfs Bitten taub.

2. Schema: Geßler ist ein „starker“ Schwächling.

1. Wenn er sich sicher glaubt, ist er hart und unbarmherzig:

– gegen die Schweizer,

– gegen Armgards Mann,

– gegen Armgard.

2. Wenn er sich bedroht fühlt, ist er hilflos:

– ruft die Knechte gegen Armgard zu Hilfe (Stimmt das?),

– von Tell getroffen, fleht er um Gottes Gnade.

In der Einleitung könnte man auf Geßler als Tells Gegenspieler oder auf die Situation (Tells Verhaftung und Flucht; erneute Begegnung) hinweisen.

Zum Schluss könnte man vielleicht kurz die Schwarz-Weiß-Malerei Schillers bei den Charakteren oder die Bedeutung solcher herrschenden Diener für das politische Geschehen bedenken.

Frage: Gibt es eine beste Gliederung?

5. Aufzug
Die Befreiung wird vollendet.
1. Szene (Altdorf)
(Man sieht ringsum auf den Bergen Feuer den Sieg über die Vögte verkünden, vgl. V. 1385, V. 1420 f.)
Die neue unfertige Burg wird vom Volk abgebrochen.
Bericht: Rudenz hat Burg Sarnen erobert; Berta war dort – das Volk hat ihm geholfen sie zu retten, weil er Eidgenosse (nicht: Edelmann!) war.
Der Landenberg ist von Melchtal auf Bitten seines blinden Vaters nicht getötet worden: Wohl Euch, dass Ihr den reinen Sieg mit Blute nicht geschändet!“ (W. Fürst, V. 2913 f.)
[Kommentar: Man sieht bei Rudenz und Melchtal Schillers Revolutionsproblem!]
Der Hut wird gebracht, er soll „Reliquie“ werden; Widerstand gegen Österreich wird geplant. –
Info: Der Kaiser ist ermordet worden (2939 ff.), von seinem Neffen Johann. Seine Tochter Agnes wolle den Tod des Vaters rächen.
Stauffacher grenzt den Aufstand der Schweizer gegen diesen Mord ab: 3016/23.
Reichsbote bringt Agnes‘ Brief mit ihrer Bitte um Unterstützung – wird abgelehnt, da der Kaiser nichts für die Schweizer getan hat.
2. Szene (Hausflur bei Tell in Bürgelen)
Freude über die Rettung
Ein Mönch kommt (3099 ff.) – Hedwig ist skeptisch.
Tell kommt – seine Tat wird gerühmt (3126 ff.).
Begegnung Tell – Mönch (3148 ff.): Tell grenzt sich gegen den Mörder Johann ab (3176/85), hat aber Erbarmen mit ihm (3191 ff.).
Er schickt ihn nach Rom, seine Tat zu büßen (3233 ff.), gibt ihm zu essen und zu trinken mit und schickt ihn fort.
3. Szene (Talgegend vor Tells Wohnung)
„Es lebe Tell!“
Berta wird Bürgerin der Schweizer, Rudenz entlässt seine Knechte in die Freiheit.
[Kommentar: wieder Schillers Revolutions- und Adelsproblem – aber was macht man, wenn die Adeligen nicht Bürger werden und ihre Knechte nicht freilassen wollen? – Ist allen klar, was ein Eidgenosse ist? Jemand, der den Eid auf dem Rütli mitgeschworen hat: Das geht, weil die 33 Mann dort alle Schweizer repräsentierten!]

Zum Aufbau des Dramas:

Gustav Freytag hat sich im 19. Jahrhundert ein Schema gemacht, mit dem er den normalen Aufbau von Dramen erfassen wollte: Es geht einigermaßen harmlos los, wird dann bis zum 3. Akt immer heftiger (Höhepunkt); danach kippt das Geschehen (Peripetie: Wende), entweder zur Rettung oder zum Untergang. Hier ist das Schema:
http://www.teachsam.de/deutsch/d_ubausteine/drama_ub/drama_strukt_ub/drama_2_txt_1_ub_1.htm
Dieses Schema trifft auf „Wilhelm Tell“ aus mehreren Gründen nicht zu:
1. Es gibt keine einheitliche Handlung, die in III kippen könnte; es gibt mehrere Handlungsstränge: die Volkshandlung, die Rudenz-Handlung, die Tell-Handlung. Das Volk schwört am Rütli (II 2) und plant den Aufstand, Rudenz wird von Berta auf die Seite der Schweizer gezogen (III 2), Tell befreit sich selbst (IV 1) und erschießt den Vogt (IV 3).
2. Die Gegenhandlung gegen die Unterdrückung setzt bereits in I ein: Frau Stauffacher rät ihrem Mann, sich mit anderen zusammenzuschließen und sich gemeinsam gegen die Österreicher zu wehren (V. 286 ff.). Stauffacher ist dann auf dem Rütli (II 2) einer der Wortführer der Verschwörer (Eidgenossen). Dass der Freiherr Rudenz umschwenkt und Tell sich befreit, sind ebenfalls Momente der Gegenbewegung.
Die Unterdrückung hatte in I mächtig begonnen: Baumgarten (I 1), Stauffacher (I 2), Bau der Burg in Altdorf (I 3), Melchtal (I 4). Der Abfall Rudenz‘ in II 1 war nicht ganz so schlimm, aber Tells Verhaftung und Verschleppung in III 3 war der Höhepunkt der Gefährdung, weil Tell halt so ein starker Kämpfer war. Schließlich befreit das Volk sich selbst (in V); Tell und Rudenz sind trotz aller Jubelrufe nicht so wichtig, wie man gedacht hatte: Rudenz löst Schillers Problem, was man mit dem Adel machen soll, Tell „löst“ das Problem, wie man mit dem Tyrannen fertig werden kann, indem er ihn aus persönlicher (!) Notwehr erschießt, wie er meint.

P.S. Literarische Tradition

Johann Kaspar Lavater hat 1767 ein Gedicht „Wilhelm Tell“ (in „Schweizerlieder“, Bern 1767) veröffentlicht, eine Art Ballade, in der der Apfelschuss und der Tyrannenmord erzählt werden:

Nein! vor dem aufgestekten Hut,

Du Mörderangesicht!

Bükt sich kein Mann voll Heldenmuth,

Bükt Wilhelm Tell sich nicht! …

P.S. Das Motiv „Apfelschuss“

In dem Buch „Märchen aus Schottland“ (hrsg. von Frederik Hetmann, Fischer Taschenbuch Verlag 1996) steht die Geschichte „Adam Bel, Clym of the Clough und William von Cloudesley“ (S. 132-141, eher eine Sage): Nach mancherlei Verwicklungen stehen die drei Outlaws vor dem König und erweisen sich als herausragende Schützen. Nachdem Cloudesley auf 200 Schritt zwei Haselruten mit einem Pfeil gespalten hat, bietet er dem König an, mit einem Pfeil seinem eigenen siebenjährigen Sohn auf 120 Schritt einen Apfel auf dem Kopf in zwei Teile zu spalten. Er bindet seinen Sohn, mit Rücken ihm zugewandt, an einen Pfosten, legt an „und im nächsten Augenblick fiel der Apfel in zwei Hälften geteilt zu Boden, ohne daß dem Kind ein Haar gekrümmt worden wäre“ (S. 140). Der König ist davon überwältigt und nimmt die ganze Familie Cloudesley in seinen Dienst. (Hetmann nennt als Quelle W. Carew Hazlitt: National Tales and Legends, o.J., vgl. hier)

Trotz einiger Unterschiede in der Situation ist das Motiv des Apfelschusses das gleiche wie in der Tell-Sage. 

Links zum Drama:

http://www.nzz.ch/2004/03/13/li/article9GNZ8.html (Inszenierung 1989)

http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/bibliothek/berendsohn_willhelmtell/berendsohn_schillers-wilhelm-tell.pdf (große Analyse)

http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/bibliothek/guthke_tell/guthke_tell.pdf (Interpretation Guthkes)

http://www.mediaculture-online.de/index.php?id=1276 (Material der LMZ – zeigt zugleich, wie man dort suchen muss: mit Klammern)

Vierwaldstätter See: http://www.globeholidays.net/Europe/Switzerland/Central_Switzerland/Lake_Lucerne/Maps4.htm

http://www.planet-wissen.de/laender_leute/schweiz/schweizer_demokratie/schweiz_demo_tell.jsp (ein kritischer Blick auf den Mythos „Tell“, ähnlich:)

http://wilhelm-tell.geschichte-schweiz.ch/index.html

http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/bibliothek/salis_tellmythos/salis_tellmythos.html = http://www.mediaculture-online.de/Autoren-A-Z.253+M5cafd677285.0.html

http://www.blogs.uni-osnabrueck.de/inschmid/files/2010/08/Wilhelm-Tell.pdf (eine Magisterarbeit)

http://www.arsrhetorica.ch/Abstimmungsplakate_Gemeinplatz.htm (Bild-Rhetorik)

http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2004-15/artikel-2004-15-toll.html (ein Kommentar, wäre zur Erörterung für Sek II geeignet)

Schiller: Kabale und Liebe – Inhalt, Aufbau

Das elementare Hilfsmittel ist das Kindler Literatur Lexikon (KLL), von dem es für beide Auflagen auch eine Auswahl der wichtigen deutschsprachigen Werke gibt. Solche Hilfsmittel zu kennen und zu nutzen macht den guten Schüler aus: Er macht sich von seinem geliebten Lehrer unabhängig! Eine gute Einführung findet man auch in dem Buch „Die Dramen des jungen Schiller“, München 1982, von Dieter Liewerscheidt. Die dort abgebildete Übersicht über das Drama (S. 104 f.) ist in ihrer Anlage vorbildlich und kann für andere Dramen nachgeahmt werden. – Um die neue bürgerliche Familie des 18. Jh. zu verstehen, kann man den Artikel „Familie“ von H. Gukenbiehl (Grundbegriffe der Soziologie, hrsg. von B. Schäfers) lesen.
Ich orientiere mich hier an der Ausgabe RUB 33 (durchgesehene Ausgabe 2001) und arbeite mit deren Seiten- und Zeilenzählung (also 6/5 etwa heißt „Seite 6, Zeile 5“). -> bedeutet: bereitet … vor; <- bedeutet: knüpft an … an.

Übersicht: erster Akt
1 Miller spricht mit seiner Frau über das problematische Verhältnis ihrer Tochter mit dem Sohn des Präsidenten; er will es dem Präsidenten offenbaren.
2 Wurm wirbt erneut um Luise; er wird von der Mutter zurückgewiesen, welche auf eine Erhebung ihrer Tochter in den Adelsstand hofft. Miller widerspricht ihr, will seiner Tochter aber von Wurm abraten (entgegen alten Absprachen).
3 Luise bekennt vor ihren Eltern, dass sie in einem Konflikt steht; sie will an der Liebe festhalten, jedoch dem Ehebund mit Ferdinand entsagen – im Hinblick auf eine Erfüllung in der Ewigkeit; Miller verweigert seiner Tochter Ferdinand als Mann.
4 Ferdinand erscheint bei Miller; Luise deutet ihm Hemmnisse und eine Trennung an. Ferdinand wischt im Liebespathos alles Beschränkende (überheblich!) fort. -> II 5
5 Der Präsident wird von Wurm über das Verhältnis Ferdinands mit Luise informiert; er tut es ab und kündigt die Heirat Ferdinands mit Lady Milford an.
6 Er teilt von Kalb mit, dass Ferdinand die Lady heiraten wird, und lässt dies durch von Kalb öffentlich verbreiten.
7 Der Präsident kündigt Verdinand dessen Heirat mit der Milford an; dieser widersetzt sich aus „Ehre“. Eine Heirat mit der Ostheim kann er aus diesem Grund aber nicht abschlagen; so wird sein wahrer Grund entdeckt. Der Vater droht ihm, falls er sich widersetzt – Ferdinand entschließt sich, als „ein teutscher Jüngling“ (27/33) der Milford die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. -> II 3
Fazit: Luise befindet sich in einem Konflikt zwischen Liebe und Gehorsam gegenüber dem Vater (und der von diesem erkannten Standesschranke), sie schwankt hin und her. Der Präsident fädelt eine Intrige ein, um Ferdinand an die Milford zu verkuppeln.

Übersicht: zweiter Akt
1 Milford und Sophie sprechen über die Rolle der Lady bei Hof, über ihre Ehre und ihr Herz, über den Fürsten und die Heirat mit F (ein Werk der Lady: Intrige in der Intrige).
2 Diener bringt Juwelen zur Hochzeit und informiert die Lady über den Preis, lehnt Belohnung seiner Offenheit ab; die Lady lässt die Juwelen zu Geld machen für Geschädigte und ist angesichts des bevorstehenden Besuchs F.s aufgelöst.
3 F sträubt sich gegen die Heirat wegen seiner Ehre; er wirft der Milford ihr geistloses Handeln vor und verweist auf die Ausbeutung des Landes. Die Lady erzählt ihre Geschichte, offenbart ihr gutes Herz, bekennt ihre Liebe zu F und zerfetzt so seine Ehre-Einwände. F weist ihre Hand um der Liebe zu L willen zurück. Milford nimmt ihre Leidenschaft zurück, behauptet aber ihre Ehre (und besteht deshalb auf Heirat).
[Hier ist schön zu sehen, wie die adelige Milford zwischen dem Adelsprinzip der Ehre und dem bürgerlichen Ideal der Liebe zerrissen wird (zumindest schwankt). F denkt oft ähnlich ambivalent!]
4 Bote des Präsidenten fragt nach dem Musiker, Aufregung bei Miller; der Vater ahnt Böses und will zum Präsidenten gehen.
5 F kommt hinzu, große Verwirrung: F bekennt seine moralische Gefährdung durch die Lady, L ist verzweifelt, der Vater macht F haftbar; F bekräftigt mit heiligem Eid seine Liebe, ohne L groß zu fragen. -> I 4
6 Der Präsident kommt zu Miller, beschimpft L; es gibt Streit, Verhaftung; F sagt sich vom Vater los.
7 Streit um die Verhaftung zwischen Vater und Sohn; der Präsident geht bis zum Äußersten und setzt die Verhaftung L.s und ihrer Mutter durch. F droht , die  Machenschaften des Vaters zu verraten, und verhindert am Ende die Verhaftung. -> III 1

Übersicht: dritter Akt
1 Wurm analysiert mit dem Präsidenten, warum ihr Plan gescheitert ist (<- II 6) ; Wurm entwirft einen neuen Plan, F durch dessen Eifersucht dem Vater gefügig zu machen und ihn von L zu trennen. (-> III 4; IV 1 ff.)
2 Der Hofmarschall wird gewonnen, bei der Intrige mitzuspielen.
3 Es geht gemäß dem Plan weiter, Miller wird verhaftet.
4 Großes Gespräch: F schlägt eine gemeinsame Flucht vor (Liebe in religiöser Metaphorik gepriesen!), L entsagt ihm wegen ihrer beider Kindespflichten („die Fugen der Bürgerwelt“ zerreißen); L.s Konflikt wird von F als Vorwand interpretiert, eine Liebschaft zu verbergen. (<- III 1; -> III 6; IV 2)
5 L ist in Sorge um den Vater. (-> III 6)
6 Wichtige Entscheidung: Wurm „informiert“ L, die das Spiel durchschaut und beklagt, dass ihr Vater bedroht ist; L will sich beim Herzog beschweren, müsste sich jedoch laut Wurm als Preis darbringen. Adelskritik: Entlarvung der Großen und ihrer Umtriebe. Sie unterschreibt gezwungenermaßen den „Liebesbrief“ an den Hofmarschall. Konflikt L.s zwischen „Tod“ (Gefährdung des Vaters, Verlust F.s) und Schande (Verlust ihrer Unschuld). Verzweiflung L.s beim Eidschwur: Gott selbst muss das Werk der Hölle besiegeln. – Wurm bietet ihr an, sie zu heiraten; L droht ihm, ihn in der Hochzeitsnacht zu erdrosseln.

Übersicht: vierter Akt
1 F fragt nach dem Hofmarschall. (-> IV 3)
2 F.s Molog: Er hat den Brief gefunden und fühlt sich von L getäuscht; er rast aus Eifersucht.
3 F fordet den Hofmarschall zum Duell heraus; dieser versucht vergeblich, den rasenden F über das Missverständnis und die Tatsachen der Intrige aufzuklären.
4 Vermessenes Gebet F.s, in dem er L von Gott für sich selbst fordert, um sie zu bestrafen; er entschließt sich zum Doppel-Selbstmord: Die Vermählung soll ewig bestehen, in den gemeinsamen Höllenqualen. (vgl. IV 7)
5 F ist bei seinem Vater, welcher Zustimmung zu einer Ehe F.s mit L heuchelt, während F bei ihm Abbitte tun wollte; F dreht beinahe durch, geht in fürchterlicher Stimmung ab.
6 Die Lady bereitet sich auf das Zusammentreffen mit L vor; sie ist unsicher.
7 Große Auseinandersetzung zwischen L und Lady Milford; diese bittet und droht L, jene solle ihr F abtreten; nach einem Stimmungsumschwung der Lady entsagt L erneut F und droht zugleich ihren Selbstmord an, falls F und die Milford heiraten. (vgl. IV 4)
8 Bekehrung der von L beschämten Lady: „Auch ich habe Kraft zu entsagen.“
9 Mildorf reist ab als Johanna Norfolk, trennt sich vom Fürsten und ist damit aus dem Spiel ausgeschieden.

Übersicht: fünfter Akt
1 Miller kommt nach Hause; L verunsichert ihn mit ihren Todesreden. Sie schreibt ein Billet an F mit der Einladung zum Selbstmord: Grab als Ort der Freiheit und Liebe.
Miller erinnert sie an ihre Kindespflichten und droht mit Gottes Gericht. L steht erneut vor der Wahl (Konflikt) zwischen F und Vater („Verbrecherin, wohin ich mich neige“). Sie entscheidet sich für den Vater; der will mit ihr weggehen. [Es fällt auf, dass die Mutter abwesend ist.]
2 F kommt mit besagtem Brief an den Hofmarschall (III 6), um angeblich L als Braut heimzuführen – böse Ironie. L gesteht nach langem Hin und Her, dass sie den Brief geschrieben hat. F solle gehen, bittet noch um eine Limonade. (-> V 6)
3 Im Gespräch mit Miller erzählt F u.a., wie er vor drei Monaten zum ersten Mal in Millers Haus gekommen ist.
4 F überlegt, ob er dem Vater das einzige Kind wegnehmen darf, und kommt zur „Einsicht“, der müsse ihm dafür sogar dankbar sein: totale Hybris (vgl IV 4).
5 F gibt Miller Gold zur Entschädigung; der schnappt über und entwirft tolle Pläne, was er L bieten will.
6 F schickt Miller fort und gibt Gift in die Limonade.
7 F spricht voller Ironie mit L, macht ihr Vorwürfe und findet endlich einen Vorwand („unglücklich bist du schon…“), sie zu vergiften; sie trinken beide. Sie eilt auf ihn zu, er stößt sie zurück. Sie deutet ihre Verstrickung in eine Intrige an, er hört nichts. F kündigt ihr den Gifttod an, sie bittet Gott um Vergebung. L. gesteht im Todeskampf die Wahrheit. F greift nach dem Degen, um L zu rächen, und trinkt noch mal gut vom Saft.
8 Der Präsident, Wurm, Miller u.a. erscheinen. F gibt seinem Vater die Schuld am Mord, der Tod sei „Frucht deines Witzes“. Der gibt die Schuld an Wurm weiter; dieser kündigt an, alle Verbrechen aufdecken zu wollen. F sorgt sich um das Geld für Miller und vergibt seinem Vater, der sich der Polizei gefangen gibt.

Dramatische Situation am Ende von I:
Luise steht zwischen zwei Männern; dem Sekretär Wurm ist sie versprochen (10/3 f.), aber sie liebt Ferdinand. Ihr Vater missbilligt beide Männer, ihre Mutter sieht in Ferdinand die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg (9/18-20).
Ferdinand liebt Luise (I 1 ff.), aber sein Vater will ihn mit der Milford verheiraten (19/22); Wurm unterstützt dessen Planung, auch aus eigenem Interesse (20/16 ff.); über Liebe, gar zu einer Bürgerlichen, kann der Präsident nur lachen (18/1 ff.).
Die beiden Väter stehen also den Liebesplänen ihrer Kinder entgegen und sind in ihrem Widerstand fest. Die Kinder sind seltsam gespalten:
* Luise, 16 Jahre alt (85/1), kann Ferdinand nicht vergessen (12/27 ff.) – entsagt ihm für dieses Leben (14/12) – beklagt, dass sie von ihm getrennt wird (16/9) – hat ihre Träume vergessen und wird doch von wilden Wünschen erfüllt (17/9 ff.) – in diesem Zwiespalt bleibt sie das ganze Stück hindurch, also den ganzen einen Tag über.
* Ferdinand, über 20 (24/9), ist ein Adeliger (16/13), der sich auch auf seine Ehre beruft (26/9), also auf ein Prinzip adeligen Lebens; gleichzeitig hält er die Liebe für die höchste Macht (etwa 16/12-16) und beruft sich auf sie und sein Herz (26/32 f.; 24/26).
* Beide haben in den neuen Büchern gelesen (6/32; 7/2 f.; Romanenkopf 23/24 f.), also in moderner bürgerlicher Literatur, in Liebesromanen, in denen die Stimme des Herzens am stärksten gebietet.
In diese persönlich-privaten Spannungen spielen verstärkend die Intrigen (Kabale) des Hofes hinein: Der Präsident will seinen Sohn aus politischen Gründen verheiraten (klassisches Adelsprinzip, I 5), wobei er durch Wurm aus persönlichen Gründen im Tricksen unterstützt wird (18/1 f.; 19/24 ff.; 20/1 ff.).

Dramatische Situation am Ende von II
Die Situation spitzt sich in diesem Akt zu, wobei sich einmal die Intrigen des Präsidenten, zum anderen die Aktionen Ferdinands auswirken.
Was Lady Milford betrifft, muss F seine moralischen Vorurteile gegen sie ablegen, als er ihre Lebensgeschichte erfährt; sie verzichtet auf seine Liebe, um ihrer Ehre willen aber nicht auf die Heirat – sie kündigt Unheil an (S. 42). F entgeht nur knapp dem Charme der Frau und flüchtet zu Miller; er findet die Familie bedroht und aufgeregt. F „heiratet“ L formlos und ohne sich groß um die Familie zu kümmern und widersetzt sich mit letzter Kraft (und der Drohung, dessen Machenschaften zu verraten) dem Versuch seines Vater, Familie Miller verhaften zu lassen.
Die Pläne des Präsidenten scheinen also vorerst gescheitert zu sein, während die Liebe F.s zu L besiegelt zu sein scheint; doch die Drohung der Lady steht im Raum.

Dramatische Situation am Ende von III
Der 3. Akt wird im Wesentlichen von der Intrige Wurms bestimmt, Ferdinand eifersüchtig zu machen (III 1); dazu werden die Eltern L.s verhaftet (III 3) und L durch weitere Drohungen unter Druck gesetzt, den vermeintlichen Liebesbrief an den Hofmarschall zu schreiben (III 6). Zuvor hat sie F.s Vorschlag, mit ihm zu fliehen und allein der Liebe zu leben, abgelehnt; F kann das nicht verstehen und erblickt hinter ihrer Weigerung eine andere Liebesbeziehung L.s (III 4), zeigt also bereits die Eifersucht, die Wurm erst erwecken will. Kabale und Liebe spielen zusammen und bereiten eine Katastrophe vor.

Dramatische Situation am Ende von IV
Bis IV 5 steht die Person F im Vordergrund: Er hat den Brief gefunden, verzichtet auf Bestrafung des vermeintlichen Nebenbuhlers von Kalb und richtet seinen Hass gegen L – in seiner Maßlosigkeit spielt er sich zum Richter und Gott Luises auf (IV 4, vgl. den ersten Monolog IV 2), wobei die Heuchelei seines Vaters ihn noch in seinem Verdacht bestärkt (IV 5). Im zweiten Teil des 4. Aktes steht Lady Milford im Vordergrund, wobei L ihr in einem großen Dialog Paroli bietet (IV 7); durch diese Begegnung beschämt und durch L.s Drohung mit Selbstmord erschüttert, besinnt die Lady sich und räumt das Feld (IV 9), womit dem Liebesverhältnis F – L scheinbar eine neue Chance eingeräumt wird. Doch sind die beiden Liebenden nacheinander in noch tiefere Verzweiflung gestürzt worden, sodass ihr Untergang durch die Flucht der Lady nur ein wenig hinausgezögert werden kann.

Dramatische Situation am Ende von V

Luise und Ferdinand sind tot, von Ferdinand in seiner Verblendung vergiftet; Luise hat vor ihrem Tod jedoch die Intrige Wurms bzw. des Präsidenten aufgedeckt (und den Präsidenten als Schuldigen ausgemacht). Sterbend hat sie Ferdinand vergeben; Ferdinand hat noch seinen Vater anklagen können. Der Präsident hat die Schuld auf Wurm gewälzt, dieser will alle Schuld der beiden aufdecken, gemeinsam mit dem Präsidenten sich dem Gericht stellen und gemeinsam mit ihm zum Tod verurteilt werden. Ferdinand hat seinem Vater zum Schluss noch vergeben, Miller bleibt trostlos zurück.

Siehe auch die Analyse wichtiger Szenen sowie diese Übersicht!

https://www.youtube.com/watch?v=lOKICSoqgbE (Stück gespielt, am Ende unvollständig)

https://www.youtube.com/watch?v=xJrePesJgtY (Zusammenfassung)

https://www.youtube.com/watch?v=7zZLAIUeZ1E&list=PLBYM5RyFfsiroh9MyIcx4AopO3eOWOGZu (Text vorgelesen, mit weiteren Folgen) – mäßig

https://www.youtube.com/watch?v=HF1QDzTxnlE (Paraphrase, 10 min)

https://www.youtube.com/watch?v=ByUtauAkL4o (Kurzanalyse, Interview)

https://www.youtube.com/watch?v=EY2hEZwU09Y (Monolog der Milford)

Schiller: Kabale und Liebe – Analyse wichtiger Szenen

Die Seitenzählung (Seite/Zeile) ist die der Reclamausgabe RUB 33 (2001).

Kurze Analyse I 4
Ausgangssituation: In I 4 treffen erstmals Ferdinand und Luise im dramatischen Geschehen aufeinander, nachdem sie sich offenbar am Vortag noch gesehen haben (vgl. 15/10 f.). Ferdinand (F) hat seiner Luise (L) auch Bücher geschenkt (6/32), Romane, in denen das neue bürgerliche Liebesideal verbreitet wird, und ihr Briefe geschrieben (6/20); er kommt öfter bei Miller zu Besuch; Frau Miller kennt nämlich seinen Gang (14/24). Vater Miller hat seine Bedenken gegen die nicht standesgemäße Verbindung vorgebracht und L bestimmt, F „für dieses Leben“ zu entsagen (14/12). F kommt unvermutet und ohne besondere Absichten, nur um die Liebe bestätigt zu sehen (vgl. 15/10 ff.).
Als er eintritt, sinkt sie „entfärbt und matt“ auf einen Sessel. F erkundigt sich nach ihr, erklärt sein Kommen (15/9-12), glaubt ihren Versicherungen (15/7 f. zweimal „nichts“) nicht und drängt sie, die Wahrheit zu sagen. Von da an, nachdem sie ihn „stumm und bedeutend“ angesehen hat (15/22), bestimmt L das Thema des Gesprächs, auch wenn F bedeutend mehr spricht als L.
L verweist zunächst auf ihren Stand als bürgerliches Mädchen (15/23-25), was F mit dem Hinweis auf die Kraft der Liebe abtut; er macht ihr spielerisch Vorwürfe, solche Bedenken überhaupt zu hegen. L reagiert zwiespältig: Sie fasst seine Hand und schüttelt doch den Kopf, wobei sie ihre Bedenken gegen eine Verbindung erläutert (16/3-7). Sie erschrickt dann, als ob ihr jetzt erst die Kraft ihrer Argumente bewusst würde, lässt seine Hand los und beklagt mit heftigen Ausrufen (drei Rufzeichen, 16/8 f.): „Man trennt uns!“ (16/9) F widerspricht widerum mit dem Liebesargument (16/10 ff.) und setzt darin in vielen Bildern die Kraft der Liebe höher als die Hindernisse der Standesschranken (16/11 ff.). Mit seinen rhetorischen Fragen zeigt er, dass er sich seiner Sache gewiss ist. Als L darauf gar nicht eingeht und ihre Angst vor seinem Vater äußert (16/21), setzt F zu einer Reihe überheblicher Versprechungen an, wie er sie vor allen Gefahren bewahren wolle (sie brauche keinen Schutzengel mehr usw., 16/22 ff.).
L drückt ihn schließlich „in großer Bewegung“ von sich; sie ist aufgewühlt und offenbart ihre Zerrissenheit in Ausrufen und unvollständigen Sätzen (17/3 ff.), will fort und spricht zugleich von ihren wilden Wünschen, von einem Feuerbrand in ihrem Herzen, der nicht gelöscht werden kann (17/9 ff.). Sie stürzt erregt hinaus, F folgt ihr „sprachlos“.
Nicht nur ist in dieser Szene L.s Konflikt, ihr Schwanken, ihre Unentschlossenheit deutlich geworden; in ihren Gesten hat sie sich zunehmend von F entfernt (fällt ihm um den Hals, 15/7, fasst seine Hand und lässt sie dann los, 16/3.8, drückt ihn von sich, 17/3) – doch bekennt sie zugleich, dass sie von wilden Liebeswünschen geplagt wird (17/11). Zugleich verheißt F.s Überheblichkeit nichts Gutes: Er will wie ein Zauberdrache über ihr wachen (16/29 f.). In diesem Bild werden auch überzogene Besitzansprüche angemeldet. – Zu einer Argumentation finden sie nicht; L äußert nur Bedenken, F drückt nur seine Zuversicht in die Kraft der Liebe und die eigene Stärke aus. Als sie auseinandergehen, ist die Situation unklar: L hat sich von F getrennt, der ist sprachlos (17/15), ohne sie zu verstehen (17/7 f.; vgl. 15/26 f.; 16/10 f.).

I 5 – Teilanalyse
Ausgangssituation: Die Szene beginnt mitten in einem Gespräch zwischen dem Präsidenten und seinem Sekretär; dieser hat seinen Chef gerade informiert, dass Ferdinand ein Verhältnis mit einer Bürgerlichen hat, und möchte so Ferdinand bei Luise ausstechen (vgl. 18/23-26). Der Präsident tritt hier erstmals auf; er ist nicht mit bestimmten Absichten in dieses (Dienst)Gespräch gegangen, sondern offenbar gewohnt, zu planen und seine Pläne zu verwirklichen (vgl. 19/29-31).
Man kann in diesem Gespräch vier Phasen erkennen: Zunächst kommentiert der Präsident die Nachricht Wurms, dass Ferdinand eine Bürgerliche liebt (17/20 ff.), die Wurm wohl gern selbst hätte; er spricht belustigt und zynisch, als er dieses Verhältnis als Beleg dafür sieht, dass Ferdinand lügen und so am Hof Karriere machen kann (bis 18/18). Nach Wurms skeptischer Antwort (18/16-18), die die zweite Phase des Gesprächs vorbereitet oder einleitet, diskutieren die beiden, ob hinter Wurms Zweifel nur dessen Eifesucht steht (bis 19/8); der Präsident versucht seinen Sekretär zu beruhigen. In der dritten Phase legt der Präsident zur weiteren Beruhigung Wurms die bei Hof gefassten Pläne über Ferdinands Verheiratung vor, wobei Wurm vorschlägt, wie man den Grund von Ferdinanands vermutlicher Weigerung genau bestimmen kann (bis 20/7). Danach klingt das Gespräch aus und von Kalb erscheint (bis 20/30).
Analyse ab 19/9:
Der Präsident möchte Wurms Bedenken zerstreuen, indem er ihn über den Plan informiert, die Mätresse des Herzogs, Milford, solle Ferdinand heiraten (19/9-23), womit dessen Verhältnis zu Luise ja hinfällig wäre. Wurm lobt den Plan als klug (19/24-26), bezweifelt aber, ob Ferdinand dabei mitspielt (19/26-28). Der Präsident beruft sich dagegen auf seine Macht und will so Wurms Bedenken zerstreuen (19/29-31). Konkret gedenkt er ihre Berechtigung jedoch zu testen, indem er Ferdinand „noch diesen Vormittag“ (19/33) dessen Vermählung ankündigen will; er macht also gegenüber Wurms Bedenken einen kleinen Rückzieher. Wurm will diesen Test wegen der angebotenen Braut nicht gelten lassen und schlägt ihm vor, Ferdinand die beste „Partie im Land“ anzubieten – dann könne man sicher sein, worin Ferdinands Weigerung zu heiraten begründet sei (20/1 ff.).
Das Ende des Gesprächs besteht aus kurzen Wortwechseln, in denen Wurm zur Bekräftigung seiner Sicht die gute Quelle seines Wissens offenbart (20/9 f.) und der erzürnte Präsident dem besorgten Sekretär verspricht, seinen Sohn zu schonen. Sie versichern sich gegenseitig ihre Loyalität (20/16 ff.), die offenbar auch in einem Verbrechen Wurms abgesichert ist (20/24 f.). Zum Schluss erscheint von Kalb, der in I 6 vom Präsidenten in dessen Plan eingespannt wird.
Ergebnis: Der Präsident hatte zwar die deutlich größeren Redeanteile, aber Wurm war in der Argumentation der bestimmende Teil. Er hat offenbar eines seiner Ziele erreicht (18/23 ff.). Der Präsident zeigt nur, dass seine Pläne (Intrige: Kabale!) eine weitere Gefahr für die Liesbeziehung Luises und Ferdinands darstellen. Wie Ferdiand reagiert, wird sich in I 7 zeigen.

I 7 – Analyse (teilweise, Muster)
Ausgangssituation: Die Pläne des Präsidenten sind aus seinem voraufgehenden Gespräch mit Wurm bekannt (I 5): Ferdinand soll die Milford heiraten und so den Einfluss der Familie Walter auf den Fürsten sichern. Wurm hat ihn über Ferdinands Verhältnis zu Luise informiert und vor allem dessen Bedenken gegen die Person der Milford vorhergesehen, denen der Präsident mit einer List begegnen will. Der Präsident hat auch schon begonnen, seine Pläne in die Tat umzusetzen, indem er von Kalb mit der Nachricht von der bevorstehenden Hochzeit in die Stadt geschickt und für Ferdinand einen Termin bei der Lady vereinbart hat (I 6); er glaubt sich seiner Sache völlig sicher zu sein: „Nun muß ja mein Ferdinand wollen…“ (22/21 f.). Er hat ein Spiel seiner adeligen Intrigen eingeleitet. Im folgenden Gespräch (I 7) soll Ferdinand dazu gebracht werden, in der Intrige seines Vaters mitzuspielen, worum er auch ganz offen gebeten wird (23/4 f.).
Überblick über den Verlauf des Gesprächs: Nach einer frostigen Begrüßung gibt der Präsident seinem Sohn Ratschläge und erinnert ihn daran, was er selber alles für Ferdinands Karriere getan hat; der weist das zurück und will nicht mit den Verbrechen des Vaters belastet werden (bis 24/30 – „Herz“ gegen Machtgier); darauf erteilt der Präsident ihm den Auftrag, die Milford zu heiraten. Der Streit wird heftiger: Ist eine solche Frau zu heiraten eine Gunst oder eine Zumutung? Ferdinand beruft sich bei seiner Ablehnung der Milford auf seine Ehre (bis 26/12). Zum Schein geht der Präsident darauf ein und stellt die von Wurm erdachte Falle: Er bietet ihm die Gräfin Ostheim als Frau an, was Ferdinand der Liebe (!) wegen ablehnt. Der Präsident hat so Ferdinands Begründungen entlarvt und antwortet mit Drohungen und der Forderung, die Milford aufzusuchen (bis 27/25). Zum Schluss „erwacht“ Ferdinand und will sich zum „Kampf“ stellen.
Am Anfang der Begegnung wird deutlich, wie frostig das Verhältnis der beiden Männer ist; Ferdinand ist nur gekommen, weil es ihm „befohlen“ ist (22/28), und muss dazu aufgefordert werden, den Vater zu umarmen. Der Präsident bemerkt die Zurückhaltung seines Sohnes (23/8 f.) und spricht dann „ernsthaft“ (Regie 23/9) davon, wie er durch seine Intrigen Ferdinands Karriere vorbereitet habe (23/9 ff.); damit will er wohl erreichen, dass Ferdinand ihm dankbar ist und seinen Plänen folgt. Dieser lehnt jedoch entsetzt ab, Nutznießer eines solchen Frevels (23/21, vgl. Missetat 37/14) zu werden. Zunächst lässt der Präsident sich von diesem Widerspruch nicht beeindrucken (Romanenkopf, etwa: Spinner 23/22). Als Ferdinand aber in einem Eid sich von einem verbrecherisch erworbenen „Erbe“ (23/34) lossagt, wird sein Vater zornig (23/36 ff.). Der macht nun einen neuen Anlauf, Ferdinands Zustimmung zu gewinnen: Er beschreibt die Stationen von Ferdinands erstaunlicher Laufbahn und fragt dann rhetorisch, ob die Aussicht auf den Erwerb der ganzen Macht (24/13-16) nicht verlockend sei. Ferdinand lehnt diese Aussichten für sich ab. Mit dem Hinweis auf ein göttliches Gericht entlarvt er das Glück der Fürstenmacht als Trunkenheit und Taumel (24/24 f.); dem stellt er ein innerliches genügsames Herzensglück als sein Ziel entgegen. Mit der Berufung auf das Herz als Glücksquelle hat er sich zum bürgerlichen Ideal der Empfindsamkeit bekannt, das er aus seinen Büchern kennt (vgl. 6/32) und aus dem auch sein Verhältnis zu Luise lebt (I 4). Hier leistet Ferdinand zum ersten Mal einen größeren Beitrag zum Gespräch; bisher hat sein Vater den Ton angegeben. Dieser verspottet Ferdinands Ausführungen als „Vorlesung“ (24/29), um sie so ablehnen zu können.
In diesem ersten Teil des Gesprächs ist deutlich geworden, wie verschieden die Vorstellungen und Lebensziele der beiden sind, sodass der Präsident seinen Sohn nicht durch Argumente in seine eigenen Pläne einbinden kann. Deshalb geht er jetzt offen auf sein Ziel losund kündigt Ferdinand in einem Befehl an, er werde sich entschließen, „noch heute entschließen“ (24/34 f.) zu heiraten. Ferdinad lehnt das ab, weil die Milford zu heiraten eine Schande sei – jeder Handwerker habe eine bessere Frau.
Ferdinand sagt sich bedingt von seinem Vater los (25/15; 26/11 f.) und beruft sich dabei auf seine Ehre als Adeliger (26/9 ff.). Damit gewinnt Ferdinand eine Gegenposition – das macht den zweiten Teil des Gesprächs aus; insgesamt ist hier im Wechsel kurzer Äußerungen das Gespräch ausgeglichen.
Im dritten Teil kämpft der Präsident um sein Ziel, indem er Ferdinands Berufung auf die Ehre als Lüge entlarvt und ihm offen droht; er wendet die von Wurm vorgeschlagene List an, worauf Ferdinand gesteht, dass er die ihm angebotene Gräfin Ostheim nicht „lieben“ kann (26/32 f.). Der Präsident tobt und droht seinem Sohn, der völlig fertig(27/3 f.; 27/14) angesichts des Machtkampfs mit seinem Vater ist. Dieser fordert ultimativ, dass Ferdinand sich bei Lady Milford meldet.
Als Ferdinand zum Schluss allein ist, erwacht er „aus einer dumpfen Betäubung“ (Regie 27/26) und entschließt sich Widerstand zu leisten. Er fasst einen nicht zu Ende gedachten Plan (27/28 ff.), die Lady öffentlich zu beleidigen, also auf der Basis ihrer Ehre die Heirat zu verhindern; dabei beruft er sich auf einen spezifisch deutschen Anstand oder eine nationale Würde (27/32 f.).
Ergebnis: Am Ende des Gesprächs sind Vater und Sohn zerstritten; der Präsident hält an seinem Plan fest, dessen Verwirklichung er bereits eingeleitet hatte, während Ferdinand sich ihm widersetzt. Damit ist klar, dass es bald zu einem Streit und Skandal kommen muss; Ferdinands Liebe zu Luise tritt hier in den Hintergrund.
(Bitte auch die Sprechweise und rhetorische Stilmittel beachten, d.h. auswerten!)

Aufbau II 3
Ausgangssituation: F ist zu einem Treffen mit der Lady verabredet worden (27/6 f.), um ihr zu sagen, dass er sie heiratet; die Lady hat dieses Treffen und des Präsidenten Plan selber aus Liebe (30/25 ff.) arrangiert (31/5 ff.), um F ihre Liebe zu gestehen und mit ihm ein neues Leben zu beginnen (30/30 ff.). Als F gemeldet wird, ist sie aufgeregt, erblasst (S. 34).
Das Gespräch verläuft in vier Phasen: Zunächst tritt F kurz angebunden und unhöflich auf, beleidigt die Lady und macht ihr aggressiv mehrere Vorwürfe, u.a. wegen der Ausbeutung des Landes (bis 37/12). Er geht aber, als sie sich betroffen abgewandt hat, auf sie zu und ergreift ihre Hand (36/19): eine erste symbolische Annäherung.
Den zweiten Teil des Gesprächs bestimmt die Lady; um sich vor F zu rechtfertigen, erzählt sie ihre Lebensgeschichte. Sie fleht ihn um seine Liebe an und umarmt ihn (bis 40/34); sie steht vor dem Ziel ihrer Gesprächsaktion, da F von ihrer Erzählung gerührt ist.
F, der sich schon vorher moralisch angeklagt sah (40/12-17), reißt sich von ihr los und offenbart der Lady gegen ihren Widerspruch, dass er ein bürgerliches Mädchen liebt, deshalb sie nicht lieben kann und im Namen der „Menschheit“ bis zum Ende zu seiner Liebe stehen will (bis 41/34); er wehrt also ihre Werbung ab.
Den Schluss des Gesprächs bestimmt die Lady: Sie gibt ihren Anspruch auf sein Herz auf, besteht aber um ihrer Ehre willen auf der Heirat. Sie schiebt seinem Vater die Schuld für alles Kommende zu und geht mit der unbestimmten Drohung ab: „Ich lass alle Mienen sprengen.“ (42/20)
Ergebnis des Gesprächs ist, dass der Angriff auf Ferdinands Herz stärker als erwartet war (vgl. II 5), jedoch abgewehrt ist, auch wenn von Seiten der Lady resp. des Präsidenten Gefahr droht. Die Lady hat sich als eine Adelige erwiesen, deren Ehrbegriff von Liebesidealen aufgeweicht, aber nicht aufgelöst ist: ambivalent, eine bürgerliche Adelige (vermutlich liest sie die gleichen Bücher wie F und L).

Analyse II 5
Ausgangssituation: II 5 ist die zweite Szene, wo Luise und Ferdinand sich begegnen. In I 4 war F sich seiner Liebe noch ganz sicher, während L unter dem Druck väterlicher Weigerung (und vielleicht eigener Unreife: sie ist erst 16 und hat nur einige Bücher über die große Liebe gelesen) Ferdinand entsagt hat (Regie: drückt ihn von sich, stürzt hinaus, nicht ohne herauszuschreien, dass ihr Herz lichterloh brennt). In der Zwischenzeit hat F von seinem Vater den Befehl erhalten, die Lady zu heiraten (I 7); ferner ist er der Milford als einem edlen Herzensmenschen und einer schönen Frau begegnet (II 3), die ihn nur deshalb nicht gewinnen konnte, weil seine Liebe ihn an L bindet. Unter dem Eindruck dieser Begegnung „stürzt“ er bei Miller ins Zimmer, wo die Familie in Sorge ist, weil ein Kerl des Präsidenten vor der T&¨r herumsteht (II 4);
L empfindet wieder Todesangst (43/14), während Miller herumschreit, Drohungen ausstößt und eine Flucht erwägt.

F stürzt also ins Zimmer und fragt, ob sein Vater da war; diese Frage verängstigt die Familie Miller noch mehr, alle redendurcheinander. Im ersten Teil des Gesprächs, das von Ferdinands Zweifeln bestimmt wird, versucht F, Klarheit in sein Fühlen zu bekommen und sich bei L zu stärken. Die starke Versicherung („Mein bist du…“, 44/26 f.; „Es ist überstanden.“ 44/30) kann nicht die Tatsache verdecken, dass seine Liebe gefährdet war (45/3 ff.). Familie Miller erwartet den Präsidenten als Bedrohung ihrer bürgerlichen Existenz, während F „nur“ seine Liebe durch ihn gefährdet sieht und für die Sorgen der Familie kein Ohr hat.
L sinkt nieder. F geht auf sie zu, ohne sie aufzuheben (45/7 ff.); er verlässt sie sogar plötzlich und tritt in ein imaginäres Gespräch mit der Lady ein, um sich noch einmal zu seinem Entschluss, L treu zu sein, durchzuringen; dabei geben moralische Erwägungen (Unschuld opfern; Engel würgen usw., 45/10 ff.) den Ausschlag; dann erst hebt er L vom Sessel und spricht sie mit „du“ an (45/19 ff.). Die doppelte Bekräftigung, dass L wie er selbst den gefährlichen Kampf gewonnen haben (45/20-22; ähnlich bereits 44/30 f.), bezeugt die bleibende Unsicherheit – jedenfalls empfindet L sie so; sie bittet eindringlich, erneut in Todesangst (45/25), jedoch ohne Kenntnis der Zusammenhänge [sie hat also Fs Ausführungen nicht verstanden, wie ihre Frage nach der Lady zeigt, 45/25 f.] um die Wahrheit. Als F ihr diese offenbart, erschrickt sie und wirft sich dann ihrem Vater in den Arm; dabei qualifiziert sie ihre Liebesträume als vergangen (Traum war schön – Erwachen ist fürchterlich, 45/35 f.; vgl. 17/9 ff., wo die Träume angeblich auch bereits vergangen waren). Vater und Mutter Miller kommentieren das Ereignis mit Klagen und Schimpfen; Miller zeigt mit seinen Tiraden, dass auch sein Gefühl zumindest ambivalent ist – andernfalls müsste er die „Heimkehr“ der verlorenen Tochter uneingeschränkt begrüßen.
F springt auf und leitet damit eine Wende im Geschehen ein; erneut reflektiert er laut seine Entschließungen (dreimal „ich will“, 46/8 ff.), was bezeugt, dass er sich immer noch im Freiheitskampf (Ketten, frei, 46/9) gegen seinen Vater befindet (durchbohren, durchreißen); er phantasiert eine Überlegenheit (Riesenwerk vs. Insektenseelen – Insekten sind keine Gegner!), die offensichtlich nicht besteht; als er fortgehen will, versucht die ganze Familie Miller, ihn zum Bleiben zu bewegen, sei es mit Bitten oder mit Schimpfen. Miller schleudert ihm seine Tochter zu (46/26), damit F „zuvor diesen wimmernden Wurm zertreten“ soll, „den Liebe zu dir so zuschanden richtete“ (46/27 f.); diese Stelle zeigt in höchster Deutlichkeit, dass Miller nicht so von seiner Ablehnung des Majors überzeugt ist, wie er es vor seiner Tochter geäußert hat (I 3).
F kommt zurück – warum er kommt, wird aber nicht deutlich: „geht auf und ab in tiefen Gedanken“ (46/29 f.), ohne sich also groß um das Geschrei der Millers zu kümmern, ja ohne es überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Er will sich über die Macht des Präsidenten und die Rechte seines Vaters hinwegsetzen und es „aufs Äußerste“ treiben (46/33) – im Namen der Liebe; sein Agieren in diesem Augenblick scheint zu zeigen, dass bei ihm sich die eigene Emanzipation vom Vater mit den Liebeswerben um das bürgerliche Mädchen verbinden (Ambivalenz, wie auch bei Miller!). Er fasst Ls Hand heftig (!) und ohne L zu fragen und schließt den Ehebund mit ihr (vgl. „meine Gemahlin“, 52/11), ohne dass L zustimmte oder „ja“ sagen könnte. Auch darin zeigt sich seine Hybris, dass er für das Ende dieser Ehe (normal: bis der Tod uns scheidet) das Ende seines Lebens ankündigt („zerreißt auch den Faden…“, 47/1 f.; es wäre zu prüfen, ob dies wirklich nur persönliche Überheblichkeit, dramaturgischer Vorgriff aufs Ende oder die Inkommensurabilität von Liebe und Ehe ist). L kann seinen Anblick nicht ertragen, da seine Lipen beben und seine Augen „fürchterlich“ rollen; sein Auftreten und Aussehen strafen seine Worte Lügen: „Es ist nicht Wahnsinn, was aus mir redet: Es ist das köstliche Geschenk des Himmels, Entschluss in dem geltenden Augenblick“, 47/5 ff.); wahr ist dagegen, dass im Kampf mit seinem Vater seine „gepresste Brust“ sich „durch etwas Unerhörtes“ Luft machen will. Er versichert also L sein Liebe und will fort, „rennt“, um den Kampf mit dem Vater auszutragen.
Trotz beiderseitiger Unklarheiten wird in II 5 (möglicherweise, jedenfalls in Fs Sinn) die Ehe geschlossen. L ist nach wie vor von Todesängsten gepeinigt, sie will eigentlich bei ihrem Vater bleiben; F ist nur knapp dem Zauber der Milford nicht erlegen, kämpft gegen seinen Vater und wird dessen Kabale begegnen – gleich in den beiden nächsten Szenen zeigt sich, dass er den Kampf gegen den Präsidenten aufnimmt, bis aufs Äußerste (Drohung des Verrats) führt und damit eine Schlacht gewinnt. Aber der Krieg ist damit noch nicht beendet.

Aufbau III 2
Die Situation ist folgende: Des Präsidenten erster Plan, F und L zu trennen, ist gescheitert (II 6 f.); nun heckt er mit Wurm einen zweiten aus (III 1), der F bei seiner Eifersucht packen und in dem von Kalb den angeblichen Liebhaber L.s spielen soll. – Der Hofmarchall kommt zufällig ungerufen vorbei und eröffnet demgemäß das Gespräch (bis 58/15).
Im ersten Teil unterbreitet der Präsident dem Besucher die Gefahren, die durch F.s Weigerung ihnen drohen, und erwähnt scheinbar zufällig von Bock als potenziellen Gatten der Lady (bis 59/19).
Das nimmt der Marschall zum Anlass, den nichtigen Grund seiner Feindschaft gegen von Bock zu erzählen und Ärger über dessen mögliche Karriere zu bekunden (bis 60/31).
von Kalb drängt nun den Präsidenten, in dieser Sache abhilfe zu schaffen, und dieser weiß auch Rat – nämlich von Kalb im Sinn seines Plans agieren zu lassen, was dieser zunächst ablehnt; als von Walter mit ihrer beider Karriereende droht, lenkt jener ein (bis 62/5).
Der Präsident legt nun die Aufgaben dar, welche von Kalb zu erfüllen hat; der stimmt zu, geht ab und verspricht, besagten Brief bald zu holen. (-> III 6)
Ergebnis: Der Präsident spinnt weitere Intrigen und hat von Kalb als Mitspieler gewonnen; da F.s Eifersucht bald erwacht (66/13 ff.), wächst die Gefahr für das Liebespaar F-L.

Analyse III 4
Ausgangssituation: F hat sich, seinem Vater und der Lady zum Trotz, mit L quasi verheiratet (II 5, vgl. seine Äußerung „meine Gemahlin“ 52/11); er hat den Versuch, die Familie Miller zu verhaften, mit der Drohung abgewehrt, seines Vaters Verbrechen bekannt zu machen (II 7), und ist danach verschwunden. Er kommt nach unbestimmter Zeit zurück und möchte L zur Flucht mit ihm bewegen. – L hat sich in der Auseinandersetzung mit dem Präsidenten von F losgesagt („jetzt sind Sie frei“, 48/20), weil sie von jenem als Flittchen beschimpft worden war. L steht offenbar noch unter dem Eindruck dieses Geschehens; sie ist allein und weiß noch nicht, dass ihre Eltern nach dem neuen Plan Wurms verhaftet worden sind (III 3).
Die Szene beginnt mit F.s Werbung für die Flucht, der sich L. mit Argumenten widersetzt; F versinkt dadurch in Melancholie und bricht mit einer unerbittlichen Forderung daraus aus; eine Verständigung der beiden mit Worten oder Gesten der Liebe ist nicht mehr möglich.
F hat offensichtlich bereits auf L eingeredet, als die Szene beginnt; denn L bittet ihn aufzuhören (63/15), weil sie alle Hoffnung auf eine glückliche Erfüllung ihrer Liebe aufgegeben habe – sie redet ihn aber wieder mit „du“ an. F widerspricht ihr, was seine Hoffnungen betrifft; er überdenkt seine Situation und rechnet dabei mit der äußersten Möglichkeit: den Vater zu verraten. In dieser höchsten Gefahr will er „den Riesensprung“ seiner Liebe wagen (63/25). Indem er sich und L in ihrer Liebe als „Zirkel“ bezeichnet (63/29), bewertet er es als eine runde, vollendete, in sich geschlossene Sache. L bittet ihn erneut, mit seinen Planungen aufzuhören, da sie davon erschreckt wird (63/31 f.). Doch F entfaltet seine Liebesphantasie, dass er allein mit L zusammen ist und sie sich alles bedeuteten (Vaterland, Stadt, Kunst, Religion, 64/1 ff.). L widerspricht ihm, indem sie (rhetorisch) fragt, ob er keine andere Pflicht zu erfüllen habe, sodass er nicht fliehen könne; F verneint ihre Frage und umarmt sie, so seine Liebe bezeugend.
Bisher hat F mit seinen Vorschlägen das Gespräch beherrscht; von jetzt an trägt L ihre Bedenken, „sehr ernsthaft“ sprechend (64/22), vor: Sie steigert ihren Widerstand, indem sie ihn direkt auffordert, zu schweigen und sie zu verlassen; zur Begründung verweist sie auf ihre Pflichten gegenüber ihrem Vater. F unterbricht sie und erweitert seine Pläne: den Vater mitnehmen, Eigentum verkaufen, Darlehen im Namen seines Vaters aufnehmen, in einem Wagen zur Mitternacht fliehen. L bringt ein zweites Argument vor, ihre Angst vor dem Fluch des Präsidenten als F.s Vaters; offensichtlich glaubt sie an die Macht der Verfluchung. Sie umschreibt ihren Konflikt: F sich mit einem Frevel erhalten / F. verlieren (65/2 f); sie wählt die gute Lösung.
F.s Verfassung ändert sich dadurch; er murmelt düster (65/3), offensichtlich kann er L.s Entscheidung nicht einmal verstehen, geschweige denn akzeptieren. An dieser Stelle muss man sich fragen, was für ein Mensch F ist, der vom Riesensprung seiner Liebe phantasiert (vgl. „Riesenwerk meiner Liebe“ 46/11; ebenso die großen Ansprüche in I 4, also 16/23 ff.): Ist er bloß maßlos überheblich? Oder hat er den Überblick verloren und setzt in seiner Unsicherheit auf einen großen befreienden Coup, der er natürlich selbst landen wird? In IV 4 wird diese Frage erneut zu bedenken sein. – L erklärt nun, worin der von ihr genannte „Frevel“, also eine Sünde gegen einen heiligen Gegenstand besteht: Der Anspruch auf F.s Herz hat die (heilige) Standesgrenze überschritten und war damit „Kirchenraub“ (65/5 ff.); dabei zeigt sie zugleich, wie sie an ihrem Verlust leidet. F versinkt tiefer in seine Melancholie (65/12 f.); L fährt in ihrer Argumentation fort, bezeichnet ihre Wünsche als die einer „Verbrecherin“ (65/21), ihr Unglück als Strafe (65/23), die sie zu tragen gedenke: Ihr Verzicht soll als heldenhaftes „Opfer“ (65/24 und 17) verstanden werden. Mit dieser moralischen Rationalisierung ihres Leidens will sie F umstimmen.
Doch dieser reagiert nur beinahe irre, völlig verzweifelt: Zerstörung und Lachen produziert er, keine Worte (65/26 ff.). L redet weiter vergeblich auf ihn ein, sucht ihn zu trösten, deutet ihre künftige Einsamkeit an und reicht ihm „mit angewandtem Gesicht“ die Hand, wobei sie ihn siezt und damit Distanz zu ihm schafft: „Leben Sie wohl, Herr von Walter.“ (66/5-7).
In dem Augenblick erwacht F „aus seiner Betäubung“, springt auf und fragt ultimativ (und ohne L.s Argumente zu beachten), ob sie mit ihm fliehen wolle (65/8 f.). L hat sich zurückgezogen und beruft sich auf ihre Pflicht. Da beschimpft F sie ohne weiteren erkennbaren Anlass: „Schlange, du lügst.“ (66/13) Er vermutet die Beziehung zu einem Liebhaber als Grund ihrer Weigerung und geht mit einer Drohung ab, ohne Verständnis für L.s Leiden und ihre Verpflichtung gegen den Vater.
F.s Verdacht ist sachlich durch nichts begründet und kann nur der seelischen Verfassung entspringen, die bisher unter dem Stichwort der maßlosen Überheblichkeit diskutiert worden ist. Jedenfalls ist er genau in der Verfassung, die zum Plan Wurms passt, ihn bei seiner Eifersucht zu packen und ihm einen Liebhaber L.s vorzulügen, wodurch F sich von L zurückziehen werde (III 1). Hier wendet sich also das Geschehen zum bösen Ende, wobei Intrigen des Hofes und überhebliche Liebesansprüche F.s zusammenspielen. Der Betrug wird durch Wurm, der L erpresst, besagten falschen Liebesbrief zu schreiben, vollendet (III 6).

III 6 – Aufbau
In dieser Szene erlebt die „Kabale“ des Hofes ihren Höhepunkt: Die Lügen werden durch einen erzwungenen Meineid Luises besiegelt.
Wurm kommt zu Miller (III 5), um gemäß seinem Plan (III 1-3) den vermeintlichen Liebesbrief L.s an F zu erzwingen; diese ist nach dem Gespräch mit F darüber verzweifelt, zudem in Sorge um die Eltern, die vorsorglich verhaftet worden sind (III 3), wovon sie aber nichts weiß.
Wurm macht sich bemerkbar und wird von L mit einem Vorwurf empfangen, dass er bzw. der Präsident sie an den Pranger stellen wollte (vgl. II 7), den Wurm nur schwach abwehrt (bis 67/18). Im ersten Teil des Gesprächs wird im Spiel von Frage und Antwort das angeblich geplante Schicksal der Eltern Miller ebenso wie L.s Verzweiflung enthüllt (bis 69/23).
L antwortet darauf mit einer Aktion: Sie nimmt ihren Mantel und will zum Herzog gehen, um ihm ihr ganzes Elend zu offenbaren und vorzuwerfen; Wurm bestärkt sie ironisch in ihrem Plan, was L schon stutzig macht; als Bedingung ihres Erfolges nennt er, dass sie selbst der Preis wäre, den die Erhörung durch den Herzog kostet. Hier steht L an der Grenze ihrer Möglichkeiten, sie gibt ihren Plan auf (bis 71/4).
Wurm setzt seinen ironischen Angriff fort, indem er die hoffnungsvollen Gedanken des alten Miller darstellt, dass L ihm helfen werde. L fällt darauf herein und bittet Wurm um Rat bzw. Auskunft, was sie zu tun habe; Wurm enthüllt das Geheimnis seines Plans, dass man den Major zwingen müsse, freiwillig auf L zu verzichten (bis71/31).
Es folgt die geplante Aktion: L schreibt den von Wurm diktierten Brief; sie wehrt sich zwar und offenbart den Konflikt, in dem sie steht: zwischen „Tod“ (Verlust Ferdinands) und Schande (Rettung des Vaters und der Liebe um den Preis der Unschuld) wählen zu müssen, gibt sich dann aber „der überlistenden Hölle“ (72/31) geschlagen (bis 73/25).
In einem Intermezzo zeigt sie Wurm ihre Hilflosigkeit, worauf der seine persönlichen Absichten erkennen lässt: trotz gewisser Dinge (73/31 f.) L zu seiner Frau zu machen; L weist dieses „gnädige“ Angebot heftig und mit Drohungen zurück; danach muss die Aktion noch abgeschlossen werden, indem durch einen heiligen Eid L der Mund verschlossen wird, dass sie die Wahrheit sagen könnte: Der Brief sei freiwillig geschrieben.
Wurm hat bei L sein Ziel erreicht; es kommt jetzt darauf an, ob F den Brief erhält und gemäß dem Plan Wurms darauf reagiert – er ist ja bereits eifersüchtig (66/13) und wird durch den Brief dafür Bestätigung finden. L verzweifelt an Gott (68/5 f. und 68/30.32), weil sie in ihrem Konflikt keinen Ausweg mehr sieht (zum Konflikt Luises vgl. III 4, S. 64 f., und bereits 13/1 f.!).

IV 7 – Aufbau
Ausgangssituation: In IV 7 begegnen sich die beiden Frauen, welche F lieben, zum ersten und einzigen Mal; Lady Milford hat L zu sich bestellt, angeblich um ihr eine Stelle als Kammerjungfer anzubieten. Die Lady hat aber von F erfahren, dass dieser L liebt (II 3) und deswegen die Lady nicht heiraten will, worauf sie mit Drohungen reagiert hat; jetzt ist sie einerseits aufgeregt und unsicher, anderseits demonstriert sie durch Auftreten der Diener, durch Kleidung und Schmuck ihre Position (IV 6). – L hat sich erneut von F getrennt (III 4) und unter Druck den angeblichen Liebesbrief geschrieben (III 6), womit sie de facto ihren Anspruch auf F aufgegeben hat, um ihre Eltern zu retten.
Das Gespräch beginnt mit einem Vorgeplänkel, in dem die Lady einerseits L herabsetzen will, anderseits ihre beiden Anliegen andeutet: sowohl L eine Stelle anbieten (84/24 ff.) als auch erkunden, was für eine Frau das ist, die den Vorzug bei F erhält (84/16 und öfter). Auch im Übergang zum nächsten Teil des Gesprächs sind die beiden Themen vermengt, was zeigt, wie unkonzentriert die Lady ihr angebliches Anliegen vorbringt (85/8 f. und 85/11 ff., dazwischen die andere Überlegung).
Dann kommt die Lady dazu, L besagte Stelle anzubieten (85/11 ff.), welche L ausschlägt; die Lady sieht das in L.s Stolz (auf ihre Schönheit) begründet und versucht ihr diesen auszureden – die Lady bestimmt das Thema.
Doch L geht zum Angriff über und wirft der Lady indirekt ihren unmoralischen Lebenswandel vor (86/17 ff.), stellt ihre eigene moralisch gute, sonst unglückliche Situation dar und konfrontiert dann die Situationen beider Frauen in der Frage, ob die Lady ihr empföhle, mit ihr die Rollen zu tauschen (88/13 ff.). L ist die ganze Zeit ruhig, „gelassen und edel“ (87/17), und tritt zum Schluss auf die Lady zu, welche immer erregter wird und L.s Ausführungen nicht widersprechen kann.
Mit der Anspielung auf den Lehrer, der aus L.s klugen Worten spreche und den beide als solchen kennen, endet dieser Teil des Gesprächs; die Lady springt auf (88/30) und geht selber zum Angriff über: Zuerst droht sie, die Liebe der beiden zu zerstören; dann bittet sie L, gegen ihren ganzen Besitz auf F zu verzichten, worauf L befremdet reagiert.
Den Schluss des Gesprächs bildet eine große Äußerung L.s, in der sie mit starrem Blick der Lady die Zerstörung einer Liebe vorwirft, auf F verzichtet und gleichzeitig ihren Selbstmord androht: „Ich kann mir nicht anders helfen.“ (90/17 f.)
   Aufgrund dieses Gesprächs geht Lady Milford in sich und entschließt sich, ein gutes Leben zu führen und Hof und Fürsten arm zu verlassen (IV 8 f.); L ist durch den erneuten Verzicht auf F so niedergeschlagen, dass ernstlich mit ihren Selbstmordplänen zu rechnen ist, wie sich in V 1 zeigt.

Aufbau V 1
Ausgangssituation: Miller war verhaftet (III 6), ist aber wieder entlassen worden, hat offensichtlich L nicht angetroffen und hat sie vergeblich gesucht  – in einem Monolog berichtet er von dieser Suche und wendet sich verzweifelt an Gott. L, die den Brief an den Hofmarschall  geschrieben hat (III 6), war bei der Lady Milford (IV 7), hat dort auf F verzichtet und ihren Selbstmord gangekündigt. Sie hat einen Brief an F geschrieben.

Sie will ihn dazu bewegen, mit in den Tod zu gehen, wie man im Gespräch erfährt. Zu Beginn ist die Szene von den Metaphern des Dunkels und des fehlenden Lichtes bestimmt (z.B. finsterer Winkel 95/4 f.; ohne Licht 95/24; schwarz 95/26; das schwarze Ungeheuer Verwesung 96/7; finstre Staße 97/6 f.), wodurch L.s Stimmung oder Todesnähe anschaulich wird.
Als L auf den Monolog antwortet, bestimmt sie das Gespräch, indem sie in Andeutungen von ihrem Vorhaben spricht und es rechtfertigt, wobei sie dessen „gute“ Seiten herausstellt; sie bittet Miller, ihren Brief an Ferdinand zuzustellen (96/20 ff.).
Als Miller den Brief erbricht und seinen Inhalt versteht, übernimmt er im Prinzip die Gesprächsführung; doch trägt auch L wesentlich zum Gespräch bei, indem sie ihr Vorhaben metaphorisch beschönigt (Grab als Brautbett, 97/28 ff.; Tod als Genius, also guter Schutzgeist, 98/1 ff.). Sie fragt: „Ist das denn Sünde?“
Danach setzt Miller an, ihr den Plan auszureden, zunächst vergeblich mit der religiösen Argumentation (98/12 ff.), dann mit einem Appell an sie als die Tochter eines alten Vaters, dem sie verpflichtet ist („Höre…“, 98 32 ff.). Hier vermischen sich Beschimpfungen Ferdinands (99/22 ff.) mit religiöser Drohung (100/1 ff.) und steigern sich im symbolischen Akt, dass er ihr das Messer reicht [nehme ich an, 100/6 f.], um damit sein Vaterherz zu durchstoßen. Damit stürzt er sie erneut in einen unlösbaren Konflikt (vgl. III 5 und 6): „Verbrecherin, wohin ich mich neige!“ (100/18) Sie zerreißt den Brief an F, der Vater hat seine moralische Macht ausgespielt und sich bei L durchgesetzt.
Zum Schluss des Gesprächs vermischt sich Millers Glück mit L.s Sorge um ihren Ruf – sie beschließen, die Stadt zu verlasen und von der Musik zu leben (100/21 ff.).
   Das Gespräch war so nicht geplant, ist von niemandem so herbeigeführt worden; es hat sich aus L.s Vorhaben ergeben, das sie ihrem Vater zu verstehen gegeben hat; es ist als Kampf um das Leben der Tochter ausgetragen worden, den Miller gewonnen hat. Das Gespräch ist leidenschaftlich geführt worden, wie die vielen Fragen, Ausrufe und  metaphorischen Wertungen (schwarz, s.o.; dieser zerbrechliche Gott deines Gehirns, S. 99/27 f.; mein Fluch, 100/6 u.a.) anzeigen. Zu Beginn des 5. Aktes scheint noch kurzzeitig eine Rettung Luises möglich (ein retardierendes, also das Verderben aufschiebendes Moment) – wenn F (in V 2) nicht käme!

V 2 – Grundzüge einer Analyse
Ausgangssituation: Vater und Tochter haben sich gerade entschlossen, die Stadt gemeinsam zu verlassen (V 1) – von der Mutter ist nicht die Rede, sie steht außerhalb der Herzensbindung von Vater und Tochter -, als F erscheint. Er will L mit ihrem Brief, den er „zufällig“ gefunden hat (vgl. IV 2), konfrontieren; in einem gebetsartigen Monolog (IV 4) hat er sich nach dem Verzicht auf ein Duell mit von Kalb (IV 3) vorab schon das Recht zugesprochen, sie ewig zu verdammen und zu töten.
Als er erscheint, erschrickt L, was F als Eingeständnis ihrer Schuld wertet (bis 101/21). Oft hat sie schon ihre Todesangst, zum Teil auch metaphorisch, ausgedrückt; jetzt spricht sie Wahrheit, ohne sie vielleicht ganz zu verstehen: „Mich zu ermorden ist er da.“ (101/15) Als F Miller begrüßt, will dieser ihn des Hauses verweisen, weil sein Erscheinen L belastet; darauf reagiert jener aber nicht.
Die folgenden Gespräche stehen alle unter dem Manko, dass nicht die Wahrheit das Handeln der Menschen bestimmt: F will L angeblich zum Traualtar führen und verbindet die Wahrheit dieses Ankündigung mit der Wahrheit von L.s Liebe, die er ja für sich verneint (102/23 ff.). Miller agiert, ohne zu wissen, was es mit dem Brief L.s auf sich hat; das weiß F auch nicht richtig, weil er sich die Erklärung des Hofmarschalls nicht wirklich angehört hat (IV 3). L gesteht, dass sie den Brief geschrieben hat, und verschweigt wegen des Eides, dass dies nicht freiwillig geschehen ist; des öfteren spielt sie bereits darauf an, dass der Tod alle Eide löst, was sie als Befreiung erhofft.
Der erste Disput erfolgt zwischen F und Miller, was von eben den besagten Missverständnissen und F.s Beschimpfungen geprägt ist (bis 103/24). Dann wendet F sich an L, es kommt zum großen Dialog der missverstandenen Wahrheit in der Frage, ob L den Brief geschrieben hat. F fragt mehrfach, um sich ganz zu vergewissern, dass er sich nicht irrt, und erliegt doch einem Irrtum; Miller ruft gelegentlich dazwischen und ermuntert L zum Durchhalten, womit er ebenfalls ihr Ende herbeiführt, ohne es zu wissen und zu wollen. Nach dem dreimaligen Gest&¨ndnis (bis 104/30 – der Gott des Eides ist wirklich ein fürchterlich wahrer) beschuldigt F noch einmal L, während L nun glaubt, nach dem Geständnis sei die Verbindung endgültig gelöst: „Gehen Sie nun! Verlassen Sie ein Haus, wo Sie so unglücklich waren.“ (105/6 f.)
F versucht sich dann einzureden, er sei ruhig, besinnt sich danach und entschließt sich mit der Bitte um Limonade, L und sich selbst zu vergiften – womit er dem Wunsch L.s aus V 1 nachkommt, der jedoch am Ende von beiden als falsch erkannt und bereut wird. In V 4 rechtfertigt F noch einmal sein Vorhaben, die einzige Tochter Millers zu töten: er verdiene noch Dank dafür (107/18-20). In V 7 nimmt er dann eine Äußerung L.s („Unglücklich bist du schon…“, 113/24 f.) zum Vorwand, um endgültig den Giftmord zu rechtfertigen und zu begehen.

Kurze Analyse V 5
Situation: Ferdinand hat Luises erzwungenen Brief an den Hofmarschall gefunden (IV 1) und beschlossen, sie und sich selbst als Rächer der enttäuschten Liebe zu töten (IV 4). Er ist zu Miller gekommen und hat Luises Geständnis erhalten, dass sie besagten Brief geschrieben hat (V 2); danach hat er begonnen, den Mord vorzubereiten, indem er Luise um eine Limonade bittet (Ende V 2). Als er dann mit Miller spricht und erfährt, dass Luise dessen einzige Tochter ist, ist er erschüttert (106/25) und schickt Miller fort, um noch einmal sein Vorhaben zu bedenken. In V 4 ringt er sich dann aber doch dazu durch, Luise zu töten, und meint in seiner Vermessenheit, Miller schulde ihm noch Dank dafür (107/18 ff.).
Miller hat Luise dazu gebracht, den Selbstmordplan aufzugeben (V 1), und will mit ihr weggehen; er hat Luise gedrängt, sich von Ferdinand nicht beeindrucken zu lassen (V 2), und kommt gerade von Luise zu Ferdinand zurück (V 5).

Aufbau: Nach der einleitenden Bemerkung Millers lenkt Ferdinand das Gespräch darauf, dass er Millers Schuldner ist, und wirft einen Beutel Goldstücke hin, den Miller entsetzt ablehnt (bis 109/8). Als Ferdinand dessen Bedenken zerstreut, es könnte Geld für eine böse Tat sein, ist Miller außer sich vor Freude und kündigt an, wie er seinen Reichtum nutzen will (bis 110/5). Ferdinand kann diese Freude angesichts des nahen Unheils nicht ertragen und bittet Miller wiederholt zu schweigen, während dieser sich ausmalt, wie das Geld Luises Ausstattung zugute kommen soll, was Ferdinand zutiefst berührt (bis Ende V 5). – Dennoch schickt er Miller danach fort, um Luise und sich ungestört vergiften zu können (V 6).
Analyse:
Miller berichtet kurz, dass Luise weint, was Ferdinand leichthin abtut (bis 107/27). F schickt sich dann an, Miller den Musikunterricht zu bezahlen (107/27-29), was dieser mit der Bemerkung ablehnt, das eile nicht (bis 107/33). Das nimmt Ferdinand zum Anlass, mehrfach anzudeuten, dass er und v.a. Luise sterben könnten (und sterben werden, bis 108/18), was Miller nicht versteht und deshalb abtut.
Ferdinand fordert Miller auf, das Geld zu nehmen (108/18 f.), und wirft es auf den Tisch. Miller lehnt das Geld ab und ist erschropcken, als er Goldstücke sieht („Gottesgold“, 108/31), was Ferdinand spöttisch kommentiert (108/33 und 109/1 f.). Miller glaubt angesichts des Goldwertes zu einem „Bubenstück“ angeheuert zu werden soll (109/5 ff.). Ferdinand beruhigt ihn jedoch (109/9 ff.).
Danach ist Miller außer sich („wie ein Halbnarr in die Höhe springend“, 109/13) und fragt Ferdinand, wieso er an so viel Geld kommen soll (bis 109/18). Ferdinand sagt, er bezahle ihm damit „den drei Monate langen glücklichen Traum von Seiner Tochter“ (109/19 f.); was er genau meint, ist nicht klar – zuvor hat er gesagt, das Geld sei „für Leben und Sterben“ (108/1 f. – zunächst: für alle Fälle?), also auch Entschädigung dafür, dass Miller seine einzige Tochter verliert, während er jetzt anzudeuten scheint, er bezahle eine Dankesschuld.
Miller nimmt das Geld dankend an (109/23 ff.) und ist besorgt, dass er es vielleicht wieder zurückgeben müsste. Ferdiand beruhigt ihn (109/30 ff.) mit einer dunklen Andeutung seines baldigen Todes, die Miller natürlich nicht versteht. Der fängt dagegen an, Pläne zu schmieden, was er sich jetzt alles leisten will (109/35 ff.); Ferdinand hält ihn zurück und bittet ihn mehrfach zu schweigen, weil er angesichts des nahen Unheils diese Freude nicht ertragen kann. Miller dagegen schwärmt davon, wie das Geld Luise, ihrer Ausstattung und Ausbildung zugute kommen soll (110/11 ff.), was Fedinand aufs Schrecklichste bewegt (110/25 f.). Er bittet Miller erneut eindringlich, aus Dank zu schweigen, „nur heute noch“ (110/27). Offensichtlich will er den Vorwürfen gegen den Mörder, die in Millers Freude liegen, entgehen.
   Miller hat weder das Gespräch der beiden (V 2) oder Ferdinands Andeutungen (V 5) verstanden noch begreift er, warum er aus dem Zimmer geschickt wird (V 3 und V 6): Die Sprache und Phantasie der Herzen geht über seinen Horizont; er freut sich beim Anblick des Goldes: ironischer Kontrast zum Todesgeschehen.

Siehe auch den Überblick über Inhalt und Aufbau des Dramas sowie die Untersuchung wichtiger Themen!

Schiller: Don Karlos – Analyse wichtiger Szenen

Analyse I 1
Schon bald erfährt man von Domingo, dass Carlos seit acht Monaten von einem „feierlichen“ Kummer befallen ist (V. 21 ff.). Dieser rätselhafte Kummer ist Anlass des Geprächs zwischen dem Mönch Domingo und Prinz Carlos, die sich hier gegenüberstehen: Domingo will in Carlos‘ Geheimnis eindringen, doch dieser lehnt es ab, Domingo ins Vertrauen zu ziehen.
Domingo drängt Carlos also, „dies rätselhafte Schweigen“ zu brechen und sich dem Vater, König Philipp II., anzuvertrauen (V. 4 ff.). Carlos wendet sich von Domingo ab, dessen dramaturgische Funktion in dieser Szene weithin darin besteht, die Vorgeschichte der gegenwärtigen unerfreulichen Situation aufzuhellen: Der Aufenthalt in Aranjuez hat anscheinend auch dazu gedient, Carlos aufzuheitern (V. 3 f.) – am Hof mache man sich Sorge um ihn (V. 24 ff.).
Carlos hat sich von Domingo abgewandt, fährt jedoch beim Stichwort „Mutter“ empor. Im Wechselgespräch der beiden wird dann die Vorgeschichte der jetzigen Situation berichtet: Philipp, seit Carlos Geburt verwitwet, hat Elisabeth, ehemals Braut seines Sohnes Carlos, „die schönste Frau auf dieser Welt“ (V. 45), geheiratet und hat von ihr eine Tochter (V. 31 ff., könnte somit einen weiteren Sohn bekommen). Carlos ist deswegen gekränkt und auf den Vater erzürnt, wie er andeutet (V. 28 f.).
Domingo scheint aus Carlos Worten herauszuhören, dass Carlos seiner früheren Braut böse ist, und erzählt eine Episode, um deren Interesse am Wohlergehen des Prinzen zu belegen (Unfall beim Turnier, Elisabeth sorgte sich mehr um Carlos als um ihren Mann, V. 53 ff.). Carlos hat sich die Geschichte „in Gedanken“ angehört, tut sie jedoch als „witzige Geschichte“ ab – möglicherweise misstraut er dem Boten Domingo – und weist „ernsthaft und bitter“ (Regie, V. 68) dessen Werben um Vertrauen zurück (V. 69 ff.). Dieser stellt sich jedoch als Carlos „Freund“ dar. Dagegen deutet Carlos voller Spott an, dass sein Verhältnis zum Vater äußerst gespannt ist (V. 77 ff.). Zugleich enthüllt er, dass Domingos als des Vaters Vertrauter auf dem Weg zum Kardinalsamt, also an seiner Karriere interssiert ist.
Domingo lässt sich nicht beirren und verweist auf das Beichtgeheimnis (V. 89 ff.), um Carlos eine Offenabrung seines Kummers zu erleichtern; auch dieses Angebot lehnt Carlos mit dem dunklen Hinweis ab, er wolle Domingo als Beichtvater („Siegelführer“, V. 97) nicht in Versuchung bringen, das Siegel des Beichtgeheimnisses zu brechen. Dies kann besagen, dass Carlos Vergehen schlimm ist, kann aber auch andeuten, dass auf Domingos Verschwiegenheit wegen dessen Nähe zum König kein Verlass ist. Er begründet sein Misstrauen doppelt, einmal mit den Karriereplänen Domingos (Papstamt, V. 104), sodann mit der Tatsache, dass er Domingo als Gesandten des Königs ansieht (V. 105 f.). Domingo tut erstaunt; da holt Carlos noch weiter aus und gesteht, dass er sich von einem Ring von Spitzeln des Königs umstellt sieht.
Domingo hört auf, in Carlos‘ Geheimnis zu dringen, und fragt, ob Carlos zum Empfang kommt; Carlos meldet sich eher resigniert dazu an, Domingo geht ab. In einem kleinen Schlussmonolog bedauert Carlos seinen Vater und deutet an, dass dieser „die fürchterlichste der Entdeckungen“ machen könnte, ohne zu sagen, worin diese bestünde. Nach dem Gespräch kann sie nur mit dem Dreieck Philipp – Elisabeth – Carlos zu tun haben.
   Zuerst hat Domingo das Gespräch bestimmt: Er spricht beinahe allein (bis V. 66); Carlos schweigt und wendet sich ab); Carlos setzt „ernsthaft und finster“ (Regie, hinter V. 68) zur Abwehr von Domingos an Versuchen an und erreicht, dass dieser „stutzt“ (V. 80). Er fasst Domingo bei der Hand (V. 99), als er ihm offen (V. 101) einen Korb gibt. Zum Schluss hat Carlos die größeren Anteile am Gespräch (ab V. 99).
Domingos Versuch, dieses Geheimnis zu ergründen, was Carlos offensichtlich belastet, ist gescheitert; doch ist Carlos‘ Situation deutlich geworden: Er sieht niemanden, dem er vertrauen könnte, und ist damit für seinen alten Freund offen, dem er in der nächsten Szene begegnet. Ansonsten ist bisher nur der Konflikt zwischen Vater und Sohn deutlich geworden (Elis. Frenzel: Motive der Weltliteratur, unter „Vater-Sohn-Konflikt“), ohne dass dessen Ursache zu erkennen wäre: Carlos sieht sich wenig geliebt (V. 37 f.), ist seinerseits zornig auf den Vater, der ihm seine Braut weggenommen hat (V. 28 f.). Die Spannung zwischen Vater und Sohn, zwischen König und Kronprinz wird das Geschehen bestimmen, wobei eine schöne Frau zwischen ihnen steht. Möglicherweise wird auch der Mönch Domingo mit anderen zwischen den Parteien vermittelnden oder sie beeinflussenden Figuren eine Rolle spielen.

Analyse I 2
In dieser Szene tritt Posa erstmals auf; die Szene kann im weiteren Sinn noch als zu I 1 gehörig angesehen werde, doch erhält das Geschehen bereits einen deutlichen Antrieb, weil Posa des Prinzen Herzenswunsch planend und handelnd vertreten will.
Im ersten Teil des Gesprächs (bis V. 180) treffen die beiden Jugendfreunde für Carlos überraschend aufeinander. Seine Fragen und sein Jubel zeigen seine Überraschung, lassen ihn in Posa einen von Gott (V. 142) geschickten Engel (V. 144) sehen und Hoffnung für sein krankes Herz (V. 134) schöpfen. Posa ist darüber bestürzt, versteht nichts (V. 135 ff.) und ist auch enttäuscht: Er hat einen starken statt eines zitternden Carlos erwartet und trägt sein Anliegen vor: Er kommt als „Abgeordneter der ganzen Menschheit“ (V. 157), also der Menschlichkeit, und sucht einen Retter Flanderns (V. 153 ff.). Carlos enttäuscht diese Hoffnung und tut alte Freiheitsgedanken als „Träume“ ab (V. 179), was Posa so nicht glauben will (V. 179 f.)
Bis zu dieser Stelle, dem Anfang ihrer Begegnung, waren die Gesprächsanteile etwa gleich; von jetzt an bestimmt Carlos das Gespräch mit seinen Klagen und seiner Bitte um Freundschaft: „Laß mich weinen, an deinem Herzen (…), du einz‘ger Freund“ (V. 180 ff.), worauf Posa mit „sprachloser Rührung“ (V. 190, Regie) antwortet. Posa verlässt also die Bühne der politischen Aktion und geht auf Carlos als Mensch zu; dieser klagt, dass er keinen Vater hat (V. 193 f.), und erinnert Posa an eine alte Dankesschuld (bis V. 260), womit er zugleich einen Teil ihrer Vorgeschichte darlegt. Posa reicht ihm die Hand (hinter V. 260) und stellt sich seiner alten Verpflichtung.
Damit ist der Weg für Carlos frei („jetzt“, V. 263), das vor Domingo gehütete Geheimnis (V. 267) zu lüften: dass er seine „Mutter“, also Elisabeth liebt (V. 270). Posa analysiert nach einem Schreckensruf (V. 270) die Lage nüchtern durch seine Fragen (V. 284 ff.); damit gibt er Carlos Gelegenheit, die Situation darzustellen und auch zu bewerten: In dieser Konfrontation mit dem Vater führt sein Weg „zu Wahnsinn oder Blutgerüste“ (V. 281). Carlos öffnet sich ganz auf Posas Bitte (V. 321) und zeichnet die dramatische Situation des Konflikts mit seinem Un-Vater (V. 305 ff. und V. 330 ff.); er sieht wie Posa (V. 345 f.), dass dieser Konflikt zum politischen Aufstand führen kann (V. 352 ff.). Damit ist der Handlungsrahmen des Dramas gespannt.
Nach einigem Stillschweigen (V. 357) schaltet Posa sich in diesen Konflikt ein und übernimmt mit seinem Denken die Führung: Carlos solle nichts ohne ihn unternehmen, was dieser überglücklich verspricht (V. 362 f.); dann überlegt Posa, wie er ein Treffen der Königin mit Carlos arrangieren kann (V. 363 ff.) – und das bedeutet, dass er Carlos Herzenswünsche mit seinem eigenen politischen Ziel verbinden zu können glaubt: eine Utopie – wenn sie denn gelingt.

Zur Analyse von I 5
Die Szene I 5 ist die Schlüsselszene des 1. Aktes, weil die Liebe des Prinzen Carlos zu Elisabeth von dieser in politische Bahnen geleitet wird: „Elisabeth
War Ihre erste Liebe. Ihre zwote
Sei Spanien!“ (V.791/93) Sie gibt Carlos das, was sie ihm geben kann: „Die Freundschaft Ihrer Mutter. / Und diese Tränen aus den Niederlanden.“ (V. 805 f.)
   Wer hat das Gespräch herbeigeführt? Carlos hat es sich gewünscht (V. 369 f.), um Elisabeth seine Liebe zu gestehen; Posa hat es eingefädelt, um Carlos von seinem Liebeswahn zu heilen und in sein eigenes politisches Programm einzubinden (I 2 und I 4). Elisabeth hat Posa heimlich nach Carlos gefragt (V. 528 ff. und V. 610 f.) und die allegorische Erzählung Posas verstanden (V. 599 ff.) – sie hat so indirekt dem Gespräch zugestimmt (V. 610 f., vgl. V. 619 ff.), auch wenn sie über die Möglichkeit, Carlos zu sprechen, erschrickt (Regie, nach V. 620 und V. 622: „mit wachsender Verwirrung“).
Zu Beginn stammelt Carlos mehr oder weniger klare Liebesgeständnisse; Elisabeth wehrt ihn ab und bittet ihn zu gehen (bis V. 655). Auch wenn Elisabeth an der Hofetikette leidet (I 3), ist ihr die Situation mehr als peinlich – sie weiß, dass sie den König „von diesem Überfalle“ informieren muss (V. 636 f.); so wirkt sie zunächst hilflos. Als Carlos sich weigert zu gehen, fragt Sie offen: „Was wollen Sie von mir?“ (V. 665). Damit leitet sie eine zweite Phase des Gesprächs ein, indem zunächst Carlos ihre Ehe mit Philipp in Frage stellt und sich an dessen Stelle träumt (bis V. 703), was sie nicht hinnimmt. Sie gesteht: „Ich liebe [dich, N.T.] nicht mehr.“ (V. 714) Als Carlos ihre Aussagen „hinterfragt“, beruft sie sich auf ihre Pflicht und das unabwendbare Schicksal (bis V. 721).
Als Carlos auch dies in Frage stellt und in Gedanken mit dem „Umsturz der Gesetze“ (V. 728) spielt, übernimmt Elisabeth die Gesprächsführung; sie greift seine Worte auf, um Carlos zurechtzuweisen, indem sie ironisch die Vision einer künftiger Leichen- und Mutterschändung entwirft (V. 734 ff.); so macht sie deutlich, dass Carlos die äußerste Grenze überschritten hat: Er verflucht sich darauf selbst (V.745) und schreit, dass er in seinem Konflikt wahnsinnig werde (V. 750 ff.). Sie hatte Carlos zuvor „lange und durchdringend“ (Regie, hinter V. 733) angeschaut; mit dem langen Blick hat Elisabeth Zeit gewonnen und ihre Gedanken geordnet.
In der vierten Phase des Gesprächs äußert sie kurz Verständnis für des verzweifelten Carlos‘ „namenlose Pein“ (V. 755); doch dann fordert sie („Erringen Sie…, Ermannen Sie sich…, Verdienen Sie… und opfern Sie…, Bringen Sie…, [die zweite Liebe] sei Spanien“) ihn auf, sich seiner politischen Aufgabe zu stellen und dort seine Erfüllung zu finden. Carlos ist überwältigt und wirft sich vor ihr nieder (Regie, hinter 794): „Ja, alles, was Sie verlangen, will ich tun!“ Damit hat Elisabeth ihr Ziel und indirekt Posa das seine erreicht; nach einigen kurzen Worten, in denen sie Carlos „die Freundschaft Ihrer Mutter“ (V. 805) versichert, gibt sie ihm die Bittbriefe aus den Niederlanden. Kurz darauf erscheint der König.
   Der Schluss wirkt so, als beruhte er auf einem Zufall: Carlos geht bereits und kehrt noch einmal mit einer Frage um; da erst gibt sie ihm die Briefe, als sei ihr diese Aufgabe für ihn gerade eingefallen – hat sie doch auch erst kurz vorher die Briefe gelesen (V. 609). Carlos ist nun entschlossen (I 7), Flandern zu retten: „Sie will es – das ist mir genug.“ (V. 901 f.) Für eine politische Entscheidung ist das eine schwache Begründung, genau wie schon der Freundschaftsbund mit Posa Carlos reicht, sein Jahrhundert herauszufordern  (V. 1013 f.)
Carlos hat in seiner Liebe den Spruch des Himmels und der Natur vernommen (V. 763); er hat sich auffallend häufig auf das Herz als die bestimmende Größe berufen (V. 679, 696, 701, 715, 718); Elisabeth hat die Tugend als M&¨glichkeit dagegen gesetzt (V. 761, 767); sie identifiziert ihn als den Enkel des großen Karls (V. 763 f.), auf den sein Amt wartet (V.787). Das ist ihm als (sublimierte?) wahre (Ersatz)Liebe angepriesen worden (V. 797 ff.); ob das einen Mann überzeugen kann, der sich beinahe so oft wie sein Geistesbruder Ferdinand von Walter auf die Stimme des Herzens beruft?
Auch Elisabeth wirkt in ihrer Königsamt-Rhetorik nicht ganz überzeugend: Carlos solle fühlen „die Wollust, [als König, N.T.] Gott zu sein“ (V. 790 f.); das klingt aus dem Mund einer Frau, welche sich so deutlich als Mensch gezeigt (I 3) und Posas Entschluss, „sich selbst zu leben“ (V. 516), bewundert hat, etwas seltsam. Carlos‘ Verzicht und sein Entschluss, für Flandern einzutreten, entsprechend zwar Posas Plan, kommen aber doch recht schnell zustande, sodass man sie als Leser oder Zuschauer mit Skepsis betrachten kann.

Aufbau von II 2
Es kommt zu dem von Carlos gewünschten Gepräch mit König Philipp. Dieser will den Infanten empfangen (V. 1018), doch Carlos möchte als Kind den Vater sprechen (V. 1022 ff.) und setzt es durch, dass Alba sich auf Geheiß des Königs entfernt (II 1).
Carlos beklagt, er sei verstoßen, und bittet mit großem Pathos (fällt nieder, 1040) um Versöhnung mit dem Vater (dreimal „jetzt oder nie“, V. 1056, 1060, 1070); der König weist seine dramatischen Gesten, erst recht seine Tränen (V. 1068) als Verstellung zurück. Da beklagt Carlos seinen Vater als einen „Fremdling“ (V. 1078), der nicht zu den Menschen zählt; doch gibt er den Kampf um das Vaterherz (V.1090) noch nicht auf; er beschuldigt die Höflinge, ihn aus des Königs Gunst vertrieben zu haben, und zeigt Philipp auf, wie dieser in ihrer Mitte allein ist (ab V. 1092 ff.). Dieses Stichwort nimmt Philipp „ergriffen“ auf (V.1111); Carlos hat einen ersten Teilerfolg errungen.
Nun ergreift Carlos die Gesprächsführung und zeichnet das Bild vom „Erdenparadies“ (V. 1130), wenn sie beide Hand in Hand zusammenwirkten. Nach einem kurzen Wortwechsel darüber, wer denn wohl dieses Paradies bisher verhindert habe (V. 1131 ff.), zeigt Carlos, was ihn antreibt: „Ich bin erwacht, ich fühle mich.“ (V. 1151) Die Weltgeschichte rufe ihn zu Taten (1158 ff.).
Mit seiner zweiten Bitte (V. 1161 ff.) leitet er eine neue Phase des Gesprächs ein: Er bittet um den Oberbefehl über das Heer, das nach Flandern gehen soll (V. 1164 ff.). Dreimal wiederholt diese Bitte (V. 1190 ff.), die der König entschieden ablehnt: Das Amt erfordere einen Mann; Alba werde gefürchtet; der „Herrschbegierde“ (1192) Carlos‘ könne er nicht sein bestes Heer anvertrauen. Als letzte Begründung seiner Bitte führt Carlos an, er selber brauche eine Luftveränderung, um sich als Mensch zu erholen (V. 1223 ff.). Diese unpolitische Begründung kontert der König mit dem Hinweis, solche Kranke bedürften guter Pflege unter der Obhut des Arztes (V.1229 ff.); er bleibt hart.
Carlos ist außer sich; er fragt noch einmal den „Vater“ (V. 1234); der „König“ steht jedoch zu seiner Entscheidung (V. 1236). Philipp behält so die Unterscheidung von Vater und König bei, mit der Carlos das vertrauliche Gespräch erzwungen und auch einen Teilerfolg erzielt hat; bei politischen Entscheidungen will Philipp König, nicht Vater sein.
   In der folgenden kurzen Szene (II 3) deckt Philipp auf, dass Alba ihn als erster vor einem Anschlag seines Sohnes gewarnt hat (V. 1253 f.) und dass Carlos künftig seinem Thron näher steht, was jener aber nicht weiß (vgl. V. 2276 f. – einer der fatalen Irrtümer Carlos‘ in diesem 2. Akt). Alba, der von Carlos beleidigt worden war (V. 1033 f., vgl. V. 1389 f.), ist über dessen Verachtung (V. 1250) empört und legt Philipps Auftrag, sich mit Carlos zu versöhnen (V. 1251 f.), recht eigenwillig aus (II 5). Er ist „erklärter Feind des Prinzen“ (V. 2167 f.) und schmiedet mit Domingo ein Komplott gegen Carlos (II 10).
Der Prinz hat den Weg zum Vaterherzen gesucht, wenn auch anders, als Domingo sich das vorgestellt hat (V. 5 f.). Für den Leser ist unklar geblieben, was zur Verstimmung zwischen Carlos und dem König geführt hat, ob das primär Albas Warnung (II 2) oder des Prinzen Liebe zu Elisabeth (I 1, I 2) gewesen ist; ob Philipp seinen Sohn ausgeschlossen (V. 1134 ff.) oder dieser des Vaters Gegenwart gemieden (V. 874 f.) hat.

Analyse II 15
Carlos und Posa haben sich zu einem Treffen im Kartäuserkloster verabredet, zwei Tage (V. 2266 f.) nach ihrem letzten Gespräch (in I 9); jeder wartet ungeduldig auf den anderen (II 14). Wie sich im Gespräch ergibt, will Posa wissen, wie Carlos‘ Gespräch mit dem König verlaufen ist, während Carlos Posa dafür einspannen will, ein Rendezvous mit Elisabeth zu arrangieren – die Situation gleicht der zu Beginn ihres ersten Gesprächs (I 5).
Der Marquis fragt zuerst; Carlos antwortet „nebenbei“ (V. 2279), dass Philipp seine Bitte abgelehnt hat, worüber Posa maßlos enttäuscht ist (bis V. 2278). Dann trägt er sofort seine Bitte vor: „Ich muss sie sprechen -“ (V. 2281 f.), weil er neue Hoffnung habe. Er begründet diese damit, Elisabeth sei jetzt „frei“ (V. 2290), und erzählt die Geschichte seiner Begegnung mit Fürstin Eboli. Posa hat des Freundes Hoffnung als neuen Fiebertraum abgelehnt (V. 2287) und analysiert die Situation Carlos‘ gegen dessen schöne Hoffnungen negativ (V. 2323 ff.).
Nach Carlos‘ Einwand, die Eboli sei „tugendhaft“ (V. 2328), bestimmt Posa das Gespräch: Er analysiert die Tugendhaftigkeit der Eboli als erzwungen, was sich zeige, wenn man sie mit der Elisabeths vergleiche (bis V. 2367). Als der Prinz seine Überlegungen heftig ablehnt (zweimal, V. 2367 und V. 2383) und erneut seinen Wunsch äußert, Elisabeth zu sprechen, was Posa ermöglichen soll, geht dieser energisch vor: Zuerst zerreißt er den Brief des K&¨nigs an die Eboli, also den Beweis von des Königs Untreue oder zumindest dem Versuch dazu. Dann blickt er Carlos lange durchdringend an (V. 2403; vgl. auch V. 733 und V. 1191) und holt zu einer moralischen Entlarvung von des Prinzen Egoismus aus (bis V. 2423): Carlos liebe, anders als früher, nur noch sich selbst. Der ist erschüttert, wirft sich in einen Sessel und beginnt zu weinen; Posa hat ihn moralisch besiegt.
Der Marquis macht sich nun daran, seinen Freund wieder aufzurichten: Es liege nur eine „Verirrung lobenswürdiger Gefühle“ (V. 2426, ähnlich V. 2437 und V. 2445) vor: „Du hattest diesmal selbst dich missverstanden.“ (V. 2440) Das genügt, um Carlos so zu erheben, dass er Posa um den Hals fällt und alles tun will, „was du und hohe Tugend mir gebieten“ (V. 2462 – unklar ist, ob mit „hohe Tugend“ die Tugend selbst oder die tugendhafte Königin gemeint ist). Posa hat ihm nämlich angedeutet, ihm sei gerade ein kühner Plan eingefallen, „ein Anschlag, den höhere Vernunft gebar“ (V: 2457 f., vgl. V.2452 f.); aus Elisabeths Mund solle Carlos ihn hören und zu diesem Zweck sie wiedersehen. Sie umarmen sich zum Abschied; Posa wird noch informiert, dass die Post nach Flandern kontrolliert wird, dann gehen sie auseinander.
Posa hat sich mit seinen politischen Zielen gegen die Herzenswünsche seines Freundes durchgesetzt, wenn auch nicht mittels seiner Psycho-Analyse (V. 2324 ff.), so doch mit moralischem Druck und etwas Gewalt (Brief zerrissen). Man gewinnt den Eindruck, dass Posa die Königin und ihre Ausstrahlung instrumentalisiert, um Carlos für seine wenn auch früher von Carlos geteilten politischen Ziele (vgl. 2413 ff.; V. 2010 ff.; V. 152 ff.) einzuspannen. Ihm fallen schnell Pläne ein, wenn es schwierig wird; er ist sich der Mitwirkung Elisabeths sicher. Carlos scheint ihm blind zu folgen, ohne selber mitplanen zu dürfen; er beugt sich den moralischen Appellen Posas.

Analyse III 10
Der König, von der Eboli über das (angebliche) Verhältnis seiner Frau mit Carlos informiert (II 10), ist voller Zweifel (III 1) an ihrer Treue und wendet sich nacheinander an Lerma (III 2), Alba (III 3), der ihn über das Treffen der beiden in Aranjuez informiert, und Domingo (III 4), der ihn mit dem Gerücht von der Illegitimität seiner Tochter konfrontiert, um schließlich zu bemerken, dass er von ihnen keine „Wahrheit“ (V. 2820) erhält; er sucht „einen Menschen“ (V. 2809), also jemand, der ihm wirklich offen und uneigennützig die Wahrheit bietet (V. 2820 ff.), und stößt dabei auf den Namen des Marquis Posa (2839), der unter allen seinen Beratern keinen Gegner hat (V. 2889 ff.) und den er zu sich bestellt (2930 f.).
Posa hat sich bei Carlos, seinem Jugendfreund, als Abgesandter der Niederlande eingefunden (V. 153 ff.), hat der Königin entsprechende Briefe überreicht (Regieanweisung nach 505, V. 808); als Carlos‘ Bitte, das Heer nach den Niederlanden zu führen, vom König abgelehnt worden ist (II 2), hat Posa einen neuen Plan gefasst, den er aber Carlos nicht darlegt (V. 2452 ff.). Zum König gerufen, reflektiert er seine Situation und beschließt, in diesem Gespräch unabhängig von des Königs Absichten seinem eigenen Auftrag getreu zu handeln: „Ich weiß, / Was ich – ich mit dem König soll“ (V. 967 f.) und ihm „eine Feuerflocke Wahrheit“ (V. 2969) zu vermitteln.

Das Gespräch in der langen Audienz entwickelt sich in mehreren Schritten. Zuerst dominiert der König, der sich von Posa ein erstes Bild machen will (bis 3004); Posa hält dabei an einer Stelle inne (3005) und zeigt, dass es außer dem Untertan auch noch den (der Vernunft gehorchenden) Weltbürger (3007) gibt, als der er sich dann vorstellt (bis 3084). Als der König sich erhebt und ihm gegenübersteht (Regie), muss er sich gegen den Vorwurf der Schauspielerei verteidigen (bis 3134). Das Auftreten Lermas unterbricht das Gespräch und Posa trägt dann seine Bitte vor: Angesichts der chaotischen Verhältnisse in Flandern fordert er vom König Gedankenfreiheit für die Untertanen (3215 f.), worauf er sich niederwirft und damit gleichsam der rebellischen Forderung die Spitze nimmt. Er begründet dann seine Forderung (bis 3252), worauf der König zunächst mit einem großen Schweigen reagiert (Regie); darauf antwortet dieser, Posa dürfe ein freier Mensch sein, mehr sei nicht drin (bis 3294). Der König beendet mit einem Machtwort dieses Thema und bindet dann Posa an sich, indem er ihm höchst vertrauliche Aufträge gibt: das Vertrauen der Königin und des Prinzen zu „gewinnen“, das Posa ohne des Königs Wissen längst besitzt – eine Übereinstimmung, die zu unübersehbaren Konsequenzen führen kann.
(Damit sind der Rahmen und der Aufbau des Gesprächs in sieben Schritten musterhaft beschrieben. Da die Gesamtanalyse zu umfangreich würde, begnüge ich mich mit der Analyse des zweiten Schrittes:)

Posa hält in seiner Ausführung inne und scheint einen Einwand zu bedenken („Doch -“, 3005). Der König bemerkt es und fragt ihn danach (3005); Posa lenkt den Blick auf das Problem der Freiheit des Wortes (3007 f.), worunter auch die Gründe fallen, die ihn bewogen haben, aus dem Dienst des Königs zu scheiden (vgl. 2991 ff.). Vom König etwas provokativ befragt (3013 f.), stellt er die Chance, diesem die Wahrheit zu sagen, im Wert höher als sein dadurch vielleicht gefährdetes Leben. Der König blickt ihn darauf „mit erwartender Miene“ an. Posa hat nun das Wort und nutzt es zur großen Selbstdarstellung mit dem erstaunlich offenen Bekenntnis: „Ich kann nicht Fürstendiener sein.“ (V. 3022 und 3065) als Rahmen.
Was das heißt, erklärt Posa in zwei Aspekten:
1. Als Diener müsste er auf Anerkennung („Beifall“, 3028) seines Herrn aus sein, statt auf den Wert seiner Taten an sich zu achten. Er will aber nicht in diesem Sinn bloß Meißel in der Hand eines anderen, sondern selber „Künstler“ sein (3036 f.): „Mir hat die Tugend eignen Wert.“ (3030).
2. Die entsprechende Möglichkeit, die ganze Menschheit zu lieben, sei ihm in Monarchien deshalb genommen, weil er als Diener nach der Logik des Dienens nur sich selbst lieben könne (bis 3039). Hier spricht Posa im Sinn einer Sentenz des an Kant geschulten Autors Schiller:
   „Der eine fragt: Was kommt danach?
Der andre fragt nur: Ist es recht?
Und also unterscheidet sich
der Freie von dem Knecht.“
(auswendig, im Moment nicht nachweisbar)
Der König sieht unter dem Stichwort „Gutes stiften“ die Differenz zwischen dem frei Denkenden und dem loyalen Bürger aufgehoben und bietet Posa an, sich selbst eine passende Aufgabe („Posten“, 3043) zu suchen. Posa lehnt dieses Angebot ab, weil es diesen Posten nicht gebe, und kommt in seiner Begründung auf die aufklärerische Frage nach der Wahrheit zu sprechen. Er bindet den Zugang zum Glück (bis 3054) und die Möglichkeit zur Bruderliebe (3059/64) an das Recht, die Wahrheit unverkürzt zu suchen und zu sagen (3055 ff., 3061), wogegen ein König nur eine frisierte Wahrheit dulden könne. Die Freiheit, die hier in der Trinität von Glück, Liebe, Wahrheit gefordert wird, führt auf den Weg der Aufklärung (vgl. Kants Antwort auf die Frage: Was ist Aufklärung?).
Den Einwand oder Vorwurf des Königs: „Ihr seid ein Protestant.“ (3065 f.), der diese Aufklärung in die Sprache des 16. Jh. „übersetzt“, weist Posa zurück (3066 f.), indem er dem König „religiös“ widerspricht, politisch aber Recht gibt: Das Geheimnis königlicher Macht werde durch Denken entzaubert (3068/70). Weil er selbst gedacht habe, sei er „gefährlich“ (3073). Posa versucht die voraussehbare Angst oder Sorge des Königs zu zerstreuen: Er wolle seine Wünsche nicht in die Öffentlichkeit tragen (3074 f.); was das bedeutet, wissen wir seit Kants genanntem Aufsatz von 1784. Posa stellt sich als bloß denkenden Mitbürger „derer, welche kommen werden“ (3080), seine Vorstellungen als bloßes „Gemälde“ (3081), nicht als politischen Plan dar, um des Königs Angst zu zerstreuen; er stellt dem König anheim, mit einem Befehl („Ihr Atem“) ihm Stillschweigen aufzuerlegen. Abschließend fragt der König, ob er als erster von solchen Gedanken Posas erfahre; Posa lügt, als er „Ja“ sagt (3084).
     Posa hat diesen Teil des Gesprächs wesentlich bestimmt. Er hat einen kühnen Vorstoß unternommen und gleichzeitig mit dem Hinweis, er sei kein Revolutionär (3075/78) und wolle sein Vision jetzt noch nicht verwirklicht sehen (3079 f.), sondern im Namen der Weltgeschichte sprechen (vgl. 3188/92), aus höherer Vernunft sozusagen, dem König die Möglichkeit gegeben, moderat zu reagieren. Beide gewinnen im Hinblick auf den ausstehenden Ausgang der Weltgeschichte Zeit.
Durch Guthke („Schillers Dramen“, 1994) angeregt möchte ich kurz ausdrücklich auf das Stichwort „Künstler sein“ als Ziel Posas hinweisen (3037); in diesem Künstlersein spielen Pflicht und eigenes Wollen im Sinn Schillers bzw. Kants zusammen. Das utopische Gesamtbild seiner Vorstellungen nennt Marquis Posa entsprechend ein „Gemälde“ (3081).
(So stelle ich mir eine ausführliche Analyse vor, ohne zu erwarten, dass ihr das als Hausaufgabe geleistet hättet oder in genau der gleichen Intensität in der Klausur leisten könntet – aber doch fast beinahe?)

Neues Schema: Aufbau III 10

1. Einleitendes Gespräch: warum Posa nicht im Dienst des Königs ist;
Posa unterscheidet, wie er als Weltbürger – als Untertan spricht.
Er bekennt: Ich kann nicht Fürstendiener sein (V. 3023).
2. Er erklärt, warum er nicht Fürstendiener sein kann: Der König verbreitet kein Menschenglück; Posa möchte den Bruder lieben und denken dürfen. „Ich kann nicht Fürstendiener sein.“ (V. 3065, Wdhg. von 3022) Er beruhigt den König: Diese Vision betrifft erst die Zukunft (V. 3079 f.); der König höre sie als erster aus seinem Mund (V. V. 3083 f.)
3. Der König äußert den Verdacht, Posas Rede sei ein Trick, um Karriere zu machen.
Posa entschuldigt diese kleinliche Denkweise des Königs
und zeigt, dass der König zum „Gott“ gemacht worden und doch sterblich geblieben ist; der König ist betroffen.
4. Am Beispiel von Flandern und Brabant zeigt er, dass der König nur den Tod sät; er fordert ihn auf, das Menschglück zu fördern und Gedankenfreiheit zu geben.
Er verbindet diese Forderungen mit einer politischen Analyse des europäischen Geschehens (V. 3162 ff.) und seiner politischen Philosophie (V. 3217 ff.).
5. Der erstaunte König (V. 3216) denkt über Posas Reden nach (V. 3252/53). Er warnt ihn vor der Inquisition, will ihm persönlich aber alle Freiheit lassen und erlauben „Mensch zu sein“ (V. 3278). Als Posa noch einmal auf Flandern zu sprechen kommt, winkt der König ab (V. 3285 ff.).
6. Philipp stellt Posa ab sofort in seinen Dienst, nachdem dieser sich noch geziert hat.
7. Er erinnert sich seines Anliegens („Wahrheit“, V. 3302, vgl. 2820) und erteilt Posa den Sonderauftrag, Elisabeth und Carlos auszuforschen (bis 3350).

Analyse III 10 Dies ist die Schlüsselszene des 4. Aktes, weil Posa hier seinen Plan enthüllt und Elisabeth ihre Rolle zuweist. Elisabeth scheint Posa gut zu kennen (V. 3417), ohne dass jemals klar würde, woher sie ihn kennt; dass er im Turnier für sie gekämpft hat (V. 485) und ihr Briefe überbringt (I 2), kann die Bekanntschaft nur bestätigen, nicht erklären.
Elisabeth hat bemerkt, dass der Schlüssel ihrer Schatulle fehlt (IV 1); der Zuschauer weiß aus dem Auftreten der Eboli nach ihrer „Krankheit“, dass sie mit dem König geschlafen und die Schatulle erbrochen hat. Was Elisabeth vom Geschehen seit I 5 weiß, wissen wir nicht; sie hat das Duell Carlos‘ mit Alba beendet und mit diesem danach gesprochen – mehr weiß man nicht. Der Akteur ist hier Posa.
Dieser möchte die Königin allein sprechen und beruft sich dabei auf seinen Auftrag; im Wortgeplänkel darüber, wie es möglich ist, dass er in des Königs Auftrag kommt (V. 3379 ff.), bezeichnet Elisabeth den Marquis als einen Menschen, der nichts „unternähme, was nicht geendigt werden kann“ (V. 3400 f.), was der (vielleicht nur rhetorisch?) bezweifelt – ein hellsichtiger Hinweis auf das Ende des 4. Aktes, wo er gescheitert ist; das Gespräch IV 21 sollte man als Gegenstück zu IV 3 lesen.
Elisabeth wirft ihm dann, um sich seine neue Position zu erklären, in Posas Worten „Zweideutelei“ vor (V. 3405, ohne das Wort selber auszusprechen); sie spricht von „Unredlichkeit“ (V. 3405 f.) und fragt, ob der gute Zweck solche schlimmen Mittel heiligen kann (V. 3408 f.). Posa rechtfertigt sich damit, dass er den König nicht betrügen, sondern ihm „redlicher“ dienen wolle, „als er mir aufgetragen“ hat (V. 3415 f.) – eine Erklärung, die Elisabeth als zu Posas Charakter passend gelten lässt; sie unterschätzt offensichtlich Posas Intrige, die sie noch nicht kennt, und glaubt den Worten vom redlichen Dienst.
Sie fragt dann: „Was macht er?“ (V. 3417) Vermutlich meint sie den König; Posa überbringt ihr dessen Auftrag oder Befehl (V. 3418 ff.). Als sie weiter fragt und dabei ihm zugesteht, ihr etwas als geheim vorzuenthalten (V. 3430 ff.), rechtfertigt Posa sein Schweigen mit der engelgleichen (V. 3441) Tugend Elisabeths, welche Warnungen an sie überflüssig machten – zu Recht, wie sich in IV 9 und IV 14 zeigt.
Als Posa des Prinzen Bitte erwähnt, Elisabeth zu sprechen, lehnt sie das indirekt ab mit dem Bekenntnis, sie sei unglücklich; wenn das Carlos sähe, würde er auch nicht glücklicher. Posa kontert: Das würde Carlos tätiger machen (ein Vorgriff auf sein Bekenntnis in IV 21). Er entwickelt dann seinen Gedanken, Carlos müsse etwas tun und Flandern müsse gerettet werden. Auf Elisabeths Frage erklärt er, das Mittel dazu sei „fast so schlimm als die Gefahr“ (V. 3461). Elisabeth spricht es aus: „Rebellion“ (V. 3468). Posa weist ihr den Part zu, dies Carlos zu sagen. Er erklärt ihr, wieso der in Flandern erfolgreiche Carlos vom König dann akzeptiert würde (V. 3468 ff.).
Die Königin zögert, bei diesem Plan mitzumachen; schrittweise begeistert sie sich dafür, als Posa ihr erklärt, wieso erfahrene Heerführer des alten Kaisers Karl Carlos dann berieten; sie überlegt schon, welche Mittel sie zum Gelingen beisteuern kann (V. 3494 ff.). Sie erkennt jedenfalls bedrückt, dass Carlos‘ Rolle in Madrid diesen nicht ausfüllen kann. Als sie sich noch einmal überlegen will, ob sie wirklich mitspielt, setzt Posa sie unter Druck (V. 3500 ff), er müsse Carlos eine Antwort übermitteln. Die Königin willigt unter diesen Umständen in das Gespräch mit dem Prinzen ein.
Im Schlussgeplänkel geht es um die Frage, wie der Marquis zu seiner Vollmacht („Freiheit“, V. 3506) kommt, die Königin jederzeit zu besuchen; Posa erklärt ihr aber nichts. Sie ist jedoch davon begeistert, dass nun in Flandern die Freiheit in Europa einen Platz  finden kann; das veranlasse sie dazu, „meinen stillen Anteil“ (V. 3513) zu leisten. Als Herzogin Olivarez erscheint (V. 3514), hört das vertrauliche Gespräch sofort auf und der Ton der Etikette kehrt zurück.
   Ein Teil von Posas Plan ist offenbar geworden; die Königin ist bereit, bei Posas Spiel mitzumachen, obwohl sie seine Unredlichkeit gegenüber dem König und die vermeintlich gute „Rebellion“ erkennt. Es scheint so, als könnte Posas Plan zur Rettung Flanderns und zur Aktivierung des Freundes Carlos gelingen.


IV 9 – Analyse: Gesprächsabschnitte

Situation:
Elisabeth vermisste die Schlüssel ihrer Schatulle und wollte diese deshalb aufbrechen lassen (IV 1); dies ist inzwischen geschehen – sie hat entdeckt, dass sie bestohlen worden ist, und will beim König Hilfe holen.
Philipp hat ohne Wissen Elisabeths aus dieser Schatulle Briefe und ein Medaillon Carlos‘ in seinen Besitz gebracht und ist von Eifersucht aufgewühlt (seit III 1); er hat gerade erst wieder in dieser Eifersucht seine Tochter von sich gestoßen (IV 7) und will Elisabeth in dieser Stimmung nicht sprechen (IV 8). Doch sie betritt das Zimmer ohne Erlaubnis.
Gesprächsabschnitte
1. Elisabeth bittet kniefällig um Hilfe und teilt dem König mit, was ihr fehlt; dieser wiederholt beinahe sarkastisch einzelne Phrasen, sodass (ab 3691) seine Vorwürfe deutlich werden, welche Elisabeth zu entkräften weiß. Der König ist bewegt, ohne dass dies deutlich erklärt würde.
2. Als die Infantin das vermisste Medaillon auf dem Boden entdeckt, was den König als Täter zeigt, klagt Elisabeth ihren Mann ironisch und auch ihn beklagend wegen seines Vorgehens an. Der König geht zum Gegenangriff über, indem er an ihre Lüge in Aranjuez erinnert (3720). Es kommt zu einem Streit um die verletzte „Ehre“ (3729 ff.). Gegen des Königs Frage nach dem „Warum?“ behauptet Elisabeth sich: Sie wollte Carlos sprechen (und setzt ihre Einsicht über „den Gebrauch“, also die höfische Sitte); und sie will jenen in Zukunft nicht gering schätzen müssen, nur weil er ihr Verlobter war.
3. Gegen diese Selbstbehauptung setzt der König seine Drohungen (ab 3772): Er wolle keine Verfehlung mehr hinnehmen; Elisabeth verteidigt sich mit der Frage: „Was hab ich denn begangen?“ Der König geht so weit, dass er droht, sich über jede Schranke hinwegzusetzen: „Dann meinetwegen fließe Blut -“ (3777). Sie kann ihn nur noch bedauern – der König stößt in der Wut seine Tochter fort und wirft seiner Frau Ehebruch vor.
4. Damit hat er eine Grenze überschritten – Elisabeth nimmt die Infantin und kündigt an, sie werde in Frankreich  Helfer und Rechtsbeistand suchen. Sie geht und bricht zusammen (ab 3794). Philipp lenkt ein, entschuldigt sich auch unbeholfen („fürchterlicher Zufall! Blut“); er fürchtet einen Skandal und bittet Elisabeth aufzustehen.
Ergebnis des Gesprächs
In der Härte der Konfrontation ist einiges klar geworden: Der König traut der Treue seiner Frau nicht; diese setzt der Etikette ihren Willen und ihre Selbständigkeit entgegen. Der König greift zwar schon unbewusst auf das Ende des Geschehens vor („Dann meinetwegen fließe Blut -“), scheut hier aber noch vor dieser letzten Konsequenz zurück, weil Elisabeth ihre Unschuld glaubhaft dargestellt hat, vgl. IV 10: ein retardierendes Moment vor dem Untergang.

Ich möchte ausdrücklich auf diese Kurzform der Analyse als Möglichkeit hinweisen, die mit der Zeitknappheit bei Klausuren rechnet:
* Situation der Gesprächspartner, wie sie sich aus der Vorgeschichte ergibt;
* Abschnitte oder Phasen des Geschehens (nicht des „Inhalts“!);
* Ergebnis des Gesprächs.
Eine solche Kurzanalyse stellt eine große Hilfe für das Verstehen dar, weil sie es verhindert, dass der Blick sich in den Einzelheiten verliert.
Ein Kurzanalyse kann auch dazu dienen, mit der Zeitknappheit in Klausuren pragmatisch umzugehen: Entweder verzichtet man auf die Detailanalyse und begnügt sich mit einer Analyse auf der Ebene der Gesprächsabschnitte bzw. -phasen; oder man setzt diese Übersichts-Analyse in Einzelanalysen fort, soweit die Zeit reicht.

Analyse V 1 und V 3
Vielleicht darf man V 3 als die Schlüsselszene des 5. Aktes bezeichnen; zu ihr gehört unmittelbar V 1 (eine Art Doppelszene bzw. große Szene mit Unterbrechung durch V 2): Posa erklärt seinem Freund das undurchschaubere Geschehen und stirbt für ihn, was aus Carlos einen anderen Menschen macht.
Carlos glaubt sich dank Lermas Information von Posa hintergangen (IV 4 und IV 13), hat sich dann in seiner Verzweiflung an die Eboli gewandt (IV 15) und ist verhaftet worden. Posa kommt vermutlich zu Carlos, um ihm sein eigenes Handeln und des Freundes Situation zu erhellen bzw. ihm Beistand zu leisten (V. 4489f.). Er hat jedoch dessen Gefühle bzw. dessen Unverständnis, wie sich bald im Gespräch ergibt, verkannt.

Die erste Regieanweisung („steht auf…“) zeigt dies; Carlos „fährt erschrocken zusammen“, als Posa erscheint. Er „freut“ sich, dass dieser ihn nicht vergessen hat (V. 4492) und ihm doch irgendwie „gut geblieben“ (V. 4493) sei. Posa versteht Carlos‘ traurigen Tonfall erst, als dieser von Posas „Milde“ und harter Tugend spricht und sich selbst als „Opfer“ bezeichnet (V. 4495 ff.); da fragt Posa: „Wie meinst du das?“ (V. 4506) Carlos stellt nun seine Sicht dar: Seine Liebe zu Elisabeth habe ihn zerrüttet, Posa könne als Günstling des Königs der Retter Spaniens werden; er billigt Posas vermeintliche Planung, weil er selbst offenbar Spanien zu retten  „gesollt und nicht gekonnt“ habe (V. 4507 ff.). Posa ist erschüttert, dass ihm diese vermeintliche Untreue von Carlos vergeben wird (V. 4522 ff.), und bekennt, dass er sich verrechnet hat: „Mein Gebäude stürzt zusammen – ich vergaß dein Herz.“ (V. 4526 f. – so hatte ihm bereits Elisabeth vorgeworfen, er habe sie und ihr Herz vergessen, V. 4343 ff.). Carlos versteht Posas Reaktion nicht und wirft ihm nun vor, dass auch Elisabeth geopfert werde, nimmt aber den Vorwurf sogleich zurück (V. 4528 ff.).
Diesen Vorwurf weist Posa als ungerecht ab (V. 4536) und  gibt Carlos dann einige Briefe (vgl. IV 5) zurück; im Gespräch über diese Briefe zeigt sich, dass Carlos weiß, dass der König einige seiner Briefe kennt, was aber Posa nicht wusste: Lerma hatte jenen informiert (V. 4540 ff.). Posa erklärt ihm dann, dass er Carlos aus gutem Grund verhaftet habe, um ihn vor Gräfin Eboli zu schützen. Da geht Carlos ein Licht auf, er ist „wie aus einem Traum erwacht“ (V. 4558): „Ha! Nun endlich! Jetzt seh ich – jetzt wird alles Licht -“
(V. 4558 f.). [Darüber kommt Alba und unterbricht das Gespräch, um ihm mitzuteilen, dass er frei ist (V 2). Carlos beharrt jedoch darauf, dass der König selber kommt, ihm dies mitzuteilen.]

Analyse V 3
Carlos fragt verwundert, wieso wohl Alba trotz Posas Aufstieg gekommen sei; Posa versteht, dass dessen Kommen seinen eigenen Untergang bedeutet, den er durch den Brief nach Flandern (IV 22) selbst eingeleitet hat. Er preist das Gelingen seines neuen Plans (bis V. 4604) und schickt sich an, von Carlos Abschied zu nehmen; Carlos ist erschüttert. Posa erklärt dann in einer langen Rede, die nur gelegentlich kurz von Carlos unterbrochen wird, wie und warum er so gehandelt hat: um Carlos in vermeintlicher Feindschaft „kräftiger zu dienen“ (V. 4634). Dann bekennt er, dass er im Vertrauen auf Carlos‘ Freundschaft („auf deiner Freundschaft Ewigkeit gegründet“, V. 4647) diesem nicht seinen Plan mitgeteilt hat, was Carlos zu seinem unbedachten Gang zur Eboli veranlasst habe (V. 4640 ff.); das wiederum habe ihn gezwungen, Carlos zu verhaften und den verräterischen Brief nach Brabant zuschreiben (V. 4670 ff.).
Während der Rede ist Carlos aus seiner Versteinerung erwacht und aufgestanden (V. 4648 ff.); als er dann begreift, dass Posa den Brief absichtlich hat entdecken lassen, begreift er diese Opfertat und erstarrt (V. 4709). Er will sofort zum König, um diesen über den Betrug aufzuklären; Posa verhindert das. Im heftigen Wechselgespräch erinnert Posa ihn daran, dass Carlos selbst für den Freund einst eine Strafe übernommen hat – dabei sieht er ihn „bedeutend“ an (V. 4715 ff.) – hier schließt sich der in I 2 eröffnete Kreis im Dank für die alte Freundestat. Posa ist also das Opfer, nicht Carlos (V. 4504 f.). Carlos ist gerührt, voller Bewunderung (Regie, hinter V. 4718 – solche wird ihm selber dann von Elisabeth zuteil, V 11).
Posa kann nun sein Testament eröffnen: „Rette dich für Flandern!
Das Königreich ist dein Beruf. Für dich
Zu sterben war der meinige.“ (V. 4718/20) Carlos widerspricht: Nein!
Er will zum König gehen, um ihn durch solche Freundestat menschlich zu rühren und selber Verzeihung zu erlangen (V. 4720 ff.). Da wird Posa durch die Gittertür erschossen; er sagt zu Carlos noch, dass Elisabeth alles weiß. Er stirbt. Der König erscheint mit den Granden.
   Von Posas Freundschaftstat ist Carlos überwältigt, von seinem Tod erschüttert; er sagt sich vom König als Vater los (V 4 – im Gegenzug zu I 1 f. und vor allem II 2), um Posas Testament zu erfüllen, und beschuldigt ihn des Mordes an Posa. Der König ist dadurch seelisch zerstört. Was aus dem verzweifelten König in der allgemeinen Bestürzung wird, ist unklar.

Analyse V 11
Diese Szene ist der Höhepunkt des Dramas, weil sie Carlos‘ Vollendung im Untergang zeigt: Er wird verhaftet (und hingerichtet), aber er ist als Mann und Königssohn infolge der Freundschaftstat Posas reif geworden.
Gegen Lermas guten Rat (V 7) ist Carlos nicht geflohen, sondern hat auf das nächtliche Treffen mit der Königin gewartet, weil Posa den Auftrag dazu gegeben hat (V. 4887 ff.). Die Königin soll Carlos in seiner Mission nach Flandern bestärken (IV 21), was sachlich gar nicht mehr nötig wäre, da Carlos, von des Freundes Opfertod überwältigt, bereits entschlossen ist, dessen Testament zu erfüllen (V 3) und die Aussöhnung mit dem Vater ausgeschlossen hat (V 4).

Elisabeth eröffnet das Gespräch mit dem als Kaisergespenst verkleideten Carlos; sie weiß nicht, in welcher Verfassung Carlos zu ihr kommt, und schließt mit Berufung auf den großen Toten jede menschliche Annäherung aus (V. 5283 ff.); dann bittet sie Carlos um ihrer Zusage willen, Posas Auftrag zu erfüllen (V. 5291 ff.). Als der Prinz begeistert verspricht, ein „Paradies“ (in Flandern, in Spanien?) zu erschaffen, ist Elisabeth ihrerseits begeistert (V. 5297 ff.); sie spricht dann von Posas zweitem Auftrag und will die Stimme ihres Herzens sprechen lassen, dass sie nämlich Carlos immer lieben werde (V. 5302 ff., vgl. V. 4368 ff.).
Carlos ahnt, was kommt, und lässt die „Königin“ (statt Elisabeth) nicht aussprechen: „Vollenden Sie nicht…“ (V. 5310). Von nun an redet eigentlich nur er noch. Er erklärt ihr, er sei aus einem Traum erwacht (V. 5310/12, vgl. V. 1151). Er sei frei von Leidenschaft; es gebe höhere Güter, als Elisabeth zu besitzen; er sei „zum Mann gereift“ (V. 5324) und müsse nur noch „die Erinnerung an ihn“ pflegen (V. 5325 f. – vgl. den Wechsel des Pronomens: „sie selbst“, V. 1266). Elisabeth bewundert diesen großen Carlos (V. 5330 und V. 5351) in einer in ihrem Pathos nur noch schwer erträglichen Weise (V. 5349/51, „Männergröße“). Carlos gesteht ihr nicht einmal mehr die „Freundschaft“ zu, die sie ihm doch zugesagt hatte (V. 732 ff.), sondern nur den Titel „unsers Bundes einzige Vertraute“ (V. 5331 f.). Er will sich beeilen, „mein bedrängtes Volk zu retten von Tyrannenhand“ (V. 5345 f.); deshalb kann er auch Elisabeth einmal küssen und sie in den Armen halten, ohne zu wanken; „er verlässt sie“ (Regie, hinter V. 5355):
„Das ist vorbei. Jetzt trotz ich jedem Schicksal
Der Sterblichkeit.“ (V. 5356 f.). Er kündigt an, mit seinem Vater „einen öffentlichen Gang zu tun“ (V. 5364), also einen Krieg zu führen; er verspricht, diesem letzten Masken-Betrug keinen weiteren folgen zu lassen (V. 5367 f.). Da tritt der König hinzu und übergibt seinen Sohn dem Großinquisitor zur Hinrichtung, während Elisabeth in Ohnmacht fällt.
   Die Szene dient dazu, die durch Posas Opfertod verursachte menschliche Reifung Carlos‘ zu zeigen und so das Loblied auf die Freundschaft abzuschließen. Politisch wäre mehr gewonnen worden, wenn er sich mit dem König ausgesöhnt (V 4) oder zumindest auf Lermas Rat hin die Flucht ergriffen hätte (V 7); doch die Idee der Freundschaft und der hohen Freiheitsideale gilt in diesem Drama mehr als deren politische Verwirklichung. Im Vordergrund steht das Individuum, das im Entsagen reift und in der Hingabe an die Idee vollendet wird.

Neue Analyse:

Nachdem ich den „Don Karlos“ im Schuljahr 2001/02 in einem Leistungskurs Deutsch behandelt hatte, habe ich im vergangenen Frühjahr das Drama noch einmal intensiv gelesen und bei lehrer-online eine Unterrichtseinheit dazu präsentiert (http://www.lehrer-online.de/don-carlos.php). In diesem Frühjahr habe ich dann das Drama erneut gelesen (Vorbereitung für ein Lehrerheft bei Krapp & Gutknecht) und einige Stellen gefunden, die mein Verständnis des Stücks verändert haben:

* Es war mir schon aufgefallen, dass die Szenen I 5 und V 11: die Begegnungen des Prinzen Karlos mit Elisabeth, das Geschehen rahmen und dass die entscheidende Veränderung darin besteht, dass Karlos am Ende „zum Mann gereift“ (5324) ist, also Elisabeths Forderung gerecht wird: „Ermannen Sie sich, edler Prinz.“ (763) Auch Posa fordert, Karlos solle ein Mann sein (V 3), während der Infant für Philipp ein „Knabe“ ist (I 6 und V9). Die neue Einsicht besteht in einer Verknüpfung dieser Beobachtung mit Karlos’ Aussage,
„Dass Karlos nicht gesonnen ist, zu müssen,
Wo er zu wollen hat;“ (724 f.)
dass Karlos also bei der ersten Begegnung um seine Selbstverwirklichung kämpft. Freiheit besteht im Verständnis des Idealismus darin, das von sich aus zu wollen, was man tun soll (vgl. Posas Wort über Wahl und Pflicht, 3032 f.!); diese Freiheit hat Karlos am Ende gewonnen, insofern ist er ein Mann geworden.

* Der Reifung gegenüber Elisabeth entspricht Karlos‘ Reifung als Sohn: In II 2 bettelt er um die Liebe des Vaters, in V 4 sagt er sich von ihm los (um in V 11 als Infant zum Aufstand bereit zu sein).

* Dass Freundschaft zwischen Karlos und dem Marquis Posa mehr als persönliche Verbundenheit ist (und deshalb auch nicht aus Schillers Leben erklärt werden kann), war mir klar; neu ist die Einsicht, dass der „heutige“ Freundschaftsbund (I 9) für die Freundschaft „auch dermaleinst“ (995) gilt, also die Gleichheit zwischen dem König Karlos und dem Bürger Posa (965 ff. und 994 f.) antizipiert und heute schon herstellt. Damit bekommt dann die schwärmerische Aussage Posas, das Traumbild des neuen Staates sei „der Freundschaft göttliche Geburt“ (4280 f.), ihre Bedeutung.

* Von dieser neuen Einsicht aus wird auch eine beinahe „defätistische“ Äußerung des politischen Taktikers Posa verständlich; der sagt nämlich über Karlos: „Er lege
Die erste Hand an diesen rohen Stein.
Ob er vollende oder unterliege –
Ihm einerlei!“ (4281/84)
Von dieser Vision aus kann man verstehen, wieso Karlos nicht flieht (V 7), sondern am Schluss vollendet ist (V 11), auch wenn der Inquisitor ihn hinrichten wird. „Katastrophe“ kann man diese Vollendung nicht nennen.

* Die letzte neue Einsicht besteht darin, in Posas Selbstopfer eine Säkularisierung des christlichen Glaubens an den Opfertod Jesu zu sehen. Das ergibt sich aus aus Karlos’ Bekenntnis: „Für mich ist er gestorben.“ (4787 und 4837) Da geschieht insofern eine Erlösung, als nun die Bindungen der Natur nicht mehr gelten (4767) und die neue Bruderschaft „ein edler Band, als die Natur es schmiedet“ (4794), darstellt.

Diese Einsichten machen es nötig, erneut zu untersuchen, wie das Drama aufgebaut ist und was eigentlich im Drama geschieht.

P.S. Schillers Brief an Körner vom 3. Juli 1785 bezeugt, dass im Zusammenhang des Themas „Freundschaft“ die Säkularisisierung zentraler christlicher Motive Schiller nicht fremd war: „Bester Freund – der gestrige Tag, der zweite des Julius, wird mir unvergesslich bleiben, so lange ich lebe. Gäbe es Geister, die uns dienstbar sind und unsere Gefühle und Stimmungen durch eine sympathetische Magie fortpflanzen und übertragen, Du hättest die Stunde zwischen halb acht und halb neun Vormittags in der süßesten Ahnung empfinden müssen. Ich weiß nicht mehr, wie wir eigentlich darauf kamen, von Entwürfen für die Zukunft zu reden. Mein Herz wurde warm. Es war nicht Schwärmerei, – philosophisch-feste Gewißheit war’s, was ich in der herrlichen Perspective der Zeit vor mir liegen sah. Mit weicher Beschämung, die nicht niederdrückt, sondern männlich emporrafft, sah ich rückwärts in die Vergangenheit, die ich durch die unglücklichste Verschwendung missbrauchte. Ich fühlte die kühne Anlage meiner Kräfte, das misslungene (vielleicht große) Vorhaben der Natur mit mir. Eine Hälfte wurde durch die wahnsinnige Methode meiner Erziehung und die Misslaune meines Schicksales, die zweite und größere aber durch mich selber zernichtet. Tief, bester Freund, habe ich das empfunden, und in der allgemeinen feurigen Gährung meiner Gefühle haben sich Kopf und Herz zu dem herkulischen Gelübde vereinigt – die Vergangenheit nachzuholen, und den edlen Wettlauf zum höchsten Ziele von vorn anzufangen. Mein Gefühl war beredt und theilte sich den anderen elektrisch mit. O, wie schön und wie göttlich ist die Berührung zweier Seelen, die sich auf ihrem Wege zur Gottheit begegnen. Du warst bis jetzt noch mit keiner Sylbe genannt worden, und doch las ich in Huber’s Augen Deinen Namen – und unwillkürlich trat er auf meinen Mund. Unsere Augen begegneten sich, und unser heiliger Vorsatz zerschmolz in unsre heilige Freundschaft. Es war ein stummer Handschlag, getreu zu bleiben dem Entschlusse dieses Augenblicks – sich wechselweise fortzureißen zum Ziele – sich zu mahnen und aufzuraffen einer den andern – und nicht stille zu halten bis an die Grenze, wo die menschlichen Größen enden. O, mein Freund! Nur unserer innigen Verkettung, ich muß sie noch einmal so nennen, unserer heiligen Freundschaft allein war es vorbehalten, uns groß und gut und glücklich zu machen. Die gütige Vorsehung, die meine leisesten Wünsche hörte, hat mich Dir in die Arme geführt, und ich hoffe, auch Dich mir. Ohne mich sollst du ebenso wenig Deine Glückseligkeit vollendet sehen können, als ich die meinige ohne dich. Unsere künftig erreichte Vollkommenheit soll und darf auf keinem anderen Pfeiler als unserer Freundschaft ruhen. – Unsere Unterredung hatte diese Wendung genommen, als wir ausstiegen, um unterweges ein Frühstück zu nehmen. Wir fanden Wein in der Schenke. Deine Gesundheit wurde getrunken. Stillschweigend sahen wir uns an, unsere Stimmung war feierlich Andacht, und jeder von uns hatte Thränen in den Augen, die er sich zu ersticken zwang. Göschen bekannte, daß er dieses Glas Wein noch in jedem Gliede brennen fühlte, Huber’s Gesicht war feuerroth, als er uns gestand, er habe noch keinen Wein so gut gefunden, und ich dachte mir die Einsetzung des Abendmahls – „Dieses thut, so oft ihr’s trinket, zu meinem Gedächtniß.“ Ich hörte die Orgel gehen und stand vor dem Altare. Jetzt erst fiel’s uns auf die Seele, daß heute Dein Geburtstag war. Ohne es zu wissen haben wir ihn heilig gefeiert. – Theuerster Freund, hättest du deine Verherrlichung in unseren Gesichtern gesehen – in der vom Weinen erstickten Stimme gehört: in dem Augenblicke hättest Du sogar Deine Braut vergessen, keinen Glücklichen unter die Sonne hättest Du beneidet. – – – Der Himmel hat uns seltsam einander zugeführt, aber in unserer Freundschaft soll er ein Wunder gethan haben. Eine dunkle Ahnung ließ mich so viel, so viel von Euch erwarten, als ich meine Reise nach Leipzig beschloß, aber die Vorsehung hat mir mehr erfüllt, als sie mir zusagte, hat mir in Euren Armen eine Glückseligkeit bereitet, von der ich mir damals auch nicht einmal ein Bild machen konnte. Kann dieses Bewußtsein Dir Freude geben, mein Theuerster, so ist Deine Glückseligkeit vollkommen.“

Schiller: Don Karlos – Inhalt, Aufbau

Garten des Königs in Aranjuez
I 1  Carlos – Domingo: D. wirbt um Carlos´ Vertrauen, dieser fühlt sich umstellt; er offenbart als Problem, dass er seine Braut an den Vater verloren hat.
I 2  Carlos – Marquis von Posa: Geschichte ihrer Jugend erzählt; Marquis Posa kommt als Gesandter der Niederlande um Hilfe; Carlos´ Bekenntnis: Ich habe „keinen Vater“ (193 f.) und liebe meine „Mutter“ (271); er vertraut sich ganz dem Marquis an.
Hof der Königin
I 3  Königin und Hofdamen im Gespräch; die Eboli muss den um sie werbenden Grafen nicht heiraten.
I 4  dieselben (ohne Olivarez) – Marquis Posa: Posa deutet die Verhältnisse im Königshaus in einer Geschichte an; die Königin schickt die Damen weg.
I 5  Königin – Carlos: Carlos wirbt um sie; Königin rät, sich dem Schicksal zu fügen und Spanien zu lieben.
I 6  Königin – König – Granden: König straft die Mondecar, Elisabeth belohnt sie; König klagt über Carlos, Alba empfiehlt sich ihm als getreu; Strafe für Aufständische wird angekündigt.
(in der Nähe)
I 7  Carlos – Marquis: Carlos kündigt an, er werde an Albas Stelle das Amt des Statthalters der Niederlande fordern.
I 8  dieselben – Graf Lerma: Lerma bittet Carlos zum König.
I 9  Carlos – Marquis: schließen einen Bruderbund.

Palast zu Madrid
II 1 Philipp – Carlos – Alba: Carlos setzt durch, dass Alba sich während seines Gesprächs vom König entfernt.
II 2 Philipp – Don Carlos: Carlos wendet sich an den Vater, Philipp reagiert im Wesentlichen als König und verweigert ihm das Amt des Gouverneurs in Flandern.
II 3 Philipp – Alba: Alba erhält das Amt.
Vorzimmer der Königin
II 4 Carlos – Page: Carlos erhält einen Brief und den Schlüssel für ein Geheimzimmer vom Pagen der Königin.
II 5 Alba – Carlos: Alba will (muss) sich mit Carlos versöhnen, der hat keine Zeit für Alba; Beleidigungen, Streit, Duell.
II 6 dieselben – Königin: Die Königin beendet das Duell.
Kabinett der Eboli
II 7 Eboli – Page: Der Page berichtet von seinem Auftrag und kündigt Carlos an; Überlegungen der Eboli, was dieser weiß.
II 8 Eboli – Carlos: Eboli wirbt um Carlos, der sich zurückhält, was diese als Schüchternheit deutet; er bewundert ihre edle Seele, erfährt vom Liebesbrief des Königs. Beide erkennen, dass sie die Liebeszeichen missverstanden haben; Carlos nimmt den Brief mit, Eboli ist verzweifelt.
II 9 Eboli: Sie erkennt, dass Carlos sich von der Königin eingeladen glaubte, vermutet Liebe und will dies dem König sagen.
Zimmer im königlichen Palast
II 10 Alba – Domingo: Sie schmieden einen Plan, mittels der Eboli die im Palast fortschrittliche Königin und den gleichgesinnten Carlos zu entmachten.
II 11 Domingo – Eboli: Die Eboli lässt dem König ausrichten, sie sei seinen Wünschen nicht mehr abgeneigt, und teilt Domingo mit, dass die Königin Philipp betrügt.
II 12 dieselben – Alba: Absprache der drei.
II 13 Alba – Domingo: Sie frohlocken siegesgewiss.
In einem Kartäuserkloster
II 14 Carlos – Prior: Prior verspricht dem Carlos Gelegenheit für ein absolut vertrauliches Gespräch.
II 15 Carlos – Marquis Posa: Carlos bittet Posa, für ihn ein Gespräch mit Elisabeth zu arrangieren, und zeigt ihm des Königs Brief an die Eboli; Posa durchschaut die Situation, zerreißt den Brief, wirft Carlos Egoismus vor, lobt die Tugend der Königin und deutet einen wilden, kühnen Plan an (mit Königin). – Info, dass die Post nach Flandern kontrolliert wird.

Schlafzimmer des Königs
III 1 König: glaubt sich von seiner Frau betrogen (Medaillon und Papiere liegen ihm vor).
III 2 König – Graf Lerma: Lerma bestätigt die Tugend der Königin, der König bleibt mißtrauisch.
III 3 König – Herzog Alba: Alba bekennt, mehr gewußt zu haben, und erzählt die Episode von Aranjuez; König später reserviert.
III 4 König – Domingo: Domingo erzählt das Gerücht, der König sei nicht der Vater seiner Tochter; König bleibt skeptisch und droht ihm und Alba mit öffentlichem Gerichtsverfahren.
III 5 König: sucht jemand, der ihm die Wahrheit sagt, und verfällt auf Marquis Posa.
Audienzsaal  
III 6 die Granden: Info, dass der König schlecht gelaunt ist und Medina Sidonia eine Flotte verloren hat.
III 7 König – die Granden: König ist gnädig gegen Medina Sidonia und lässt sich über Marquis Posas Verdienste informieren.
Kabinett des Königs
III 8 Posa – Alba: Überleitung zu
III 9 Marquis Posa: besinnt sich vor dem Gespräch mit dem König.
III 10 König – Posa: Posa erklärt, warum er den Dienst aufgekündigt hat (“kann nicht Fürstendiener sein”); er zerstreut des Königs Bedenken, dies sei bloß ein Trick, entwirft das Bild einer freien Welt, klagt über die Lage in Flandern. Der König warnt ihn vor der Inquisition und gibt ihm den Auftrag, das Vertrauen der Königin und Carlos´ zu erwerben.

Saal bei der Königin  
IV 1 Königin – Damen: Eboli ist wieder da, Anspielungen der anderen der Königin Damen; Überleitung zu IV 2 und 3:
IV 2 dieselben – Posa: Posa will Königin allein sprechen.
IV 3 Königin – Posa: Posa deutet ein Doppelspiel an und entwirft den Plan, Carlos solle zu den Aufständischen gehen und von der Königin dazu verleitet werden; diese spielt nach anfänglichem Zögern mit.
Galerie
IV 4 Carlos – Lerma: Lerma warnt Carlos vor Posa.
IV 5 Carlos – Posa: Carlos ist zerstreut, wird durch Posa zu Königin bestellt; Posa bittet ihn um seine Brieftasche, er fürchtet einen Hinterhalt des Königs.
IV 6 Posa: Er reflektiert sein Verhältnis zu Carlos.
Kabinett des Königs
IV 7 König – Tochter: Er isteruhigt und dann beunruhigt über seine Ähnlichkeit mit seiner Tochter.
IV 8 König – Lerma: Lerma kündigt Elisabeth an.
IV 9 König – Elisabeth – Infantin: Elisabeth zeigt ihm den Diebstahl an und erblickt das Medaillon; Gespräch über ihr Verhältnis zu Carlos; König rast, Königin fällt um.
IV 10 dieselben – Alba, Domingo u.a.: König wünscht Alba und Domingo zum Teufel.
IV 11 dieselben – Posa: Alba wird entlassen.
IV 12 König – Posa: Posa gibt Carlos´ Brieftasche dem König, der findet den Brief der Eboli; Posas Intrige: Königin habe den Prinzen veranlasst, nach Flandern zu gehen; er erhält einen Haftbefehl gegen Carlos (für alle Fälle).
Galerie
IV 13 Carlos – Lerma: Lerma informiert den Prinzen, dass der König den Inhalt seiner Brieftasche kennt; Carlos glaubt sich verraten und will Elisabeth warnen.
Ein Zimmer der Königin
IV 14 Königin – Alba – Domingo: Königin weist die beiden zurück, die ihr ihre Dienste anbieten wollen.
Zimmer der Eboli  
IV 15 Eboli – Carlos: Carlos bittet Eboli um eine Gelegenheit, Elisabeth sprechen zu können.
IV 16 dieselben – Posa, Wache: Posa lässt Carlos verhaften.
IV 17 Eboli – Posa: Posa will wissen, was die Eboli weiß, tötet sie dann aber nicht.
Ein Zimmer der Königin
IV 18 Königin: bemerkt Unruhe im Palast, Überleitung zu
IV 19 Königin – Eboli: Eboli gesteht den Diebstahl und einen Ehebruch mit dem König.
IV 20 Eboli – Olivarez: Eboli wird ins Kloster geschickt.
IV 21 Königin – Posa: Posa gesteht seine Niederlage ein; er spricht über sein Verhältnis zu Carlos und bekennt, sich für ihn geopfert zu haben, aber seine Liebe zu Elisabeth aus politischen Gründen nicht gedämpft zu haben. Königin verachtet ihn.
Vorzimmer des Königs
IV 22 Alba u.a.: Don Raimond von Taxis will zum König, weil er einen Brief Posas nach Flandern abgefangen hat.
IV 23  dieselben – weitere Granden: große Unruhe, Posa soll zum König, der König hat geweint.
IV 24 Granden – Eboli: Eboli will dem König die Wahrheit sagen, wird nicht vorgelassen, Alba hat gesiegt.

Zimmer im  Palast, vergittert
V 1 Carlos – Posa: Posa klärt Missverständnisse des Prinzen auf, dessen Geist sich wieder aufhellt.
V 2 dieselben – Alba: Alba will den Prinzen freilassen; der besteht darauf, dass der König selber kommt.
V 3 Carlos – Posa: Posa erkennt, dass er sich verrechnet hat, und will den Prinzen nach Brabant schicken; dieser will mit seinem Freund zum König gehen. Posa wird erschossen.
V 4 König – Carlos – viele Granden: Carlos weigert sich, den Vater zu umarmen; er preist die Freundschaft des Toten und sagt sich vom Vater als dessen Mörder los.
V 5 dieselben – Offizier: Offizier meldet den Aufstand in Madrid; König ist verzweifelt, gibt sich auf.
V 6 Mercado – Carlos: Der Leibarzt der Königin bestellt Carlos für die nächste Mitternacht zur Königin.
V 7 Carlos – Lerma: Lerma informiert Carlos, dass die Königin den Aufstand veranlasst hat; er informiert ihn über einen Fluchtplan, gibt ihm Waffen und verehrt ihn als den künftigen besseren König Spaniens.
Vorzimmer des Königs
V 8 Alba – Feria: Alba will zum König gehen, um ihn über Posas Pläne zu informieren (Aufstand in Flandern, Eingreifen der Türken), die ein Kartäusermönch verraten hat.
V 9 dieselben – König: Der König trauert um Posa, an dessen Achtung ihm gelegen wäre; er ermannt sich wieder, läßt den Inquisitor Kardinal rufen und gibt Auftrag, den im Palast wandelnden „Geist“ des Kaisers zu stellen.
V 10 König – Großinquisitor: König möchte den Rat des Inquisitors einholen; der weiß bereits alles über Posa und wirft dem König vor, nicht loyal gehandelt zu haben. Philipp bekennt, menschliche Schwäche gezeigt zu haben, und übergibt schließlich seinen Sohn der Inquisition.
Zimmer der Königin
V 11 Königin – Carlos: Die Königin deutet an, dass sie jetzt alle der Königin Rücksicht auf Menschen fallen und ihr Herz sprechen lassen wolle; Carlos hat sich von seiner Liebe zu ihr frei gemacht und bekennt sich zu seinem königlichen Beruf. Elisabeth bewundert ihn. Der König erscheint; Elisabeth fällt in Ohnmacht, Carlos wird der Inquisition übergeben.

Dramatische Situation am Ende von I
Als Herr und Lenker des Geschehens hat sich Posa gezeigt:
– Er hat sein politisches Ziel zunächst zurückgestellt und Carlos menschlich aufgefangen (I 2);
– er hat der Königin auch Briefe aus den Niederlanden übergeben und so seine Befugnisse überschritten (I 4);
– er hat das Treffen Elisabeths mit Carlos arrangiert und darauf vertraut, dass die Königin seinen Ball „Briefe aus den Niederlanden“ weiterspielt (I 4);
– er schließt den Freundschafts- und Bruderbund mit Carlos, dem künftigen König Spaniens (I 9, vgl. I 2).
Carlos, der an der „unmöglichen“ Liebe zu Elisabeth, der Frau seines Vater Philipp, leidet, hat zunächst kein Ohr für Posas politisches Anliegen. Die Annäherungen Carlos‘ werden von Elisabeth energisch abgewiesen; sie verweist ihn auf Spanien als seine zweite Liebe – als Mensch bleibt ihm die Freundschaft seiner Mutter (I 5). Sie übergibt ihm die Briefe aus den Niederlanden. Dadurch und durch den Freundschaftsbund mit Posa gestärkt ist Carlos entschlossen, sich beim König für die Niederlande einzusetzen (I 7; I 9).
Elisabeth hat Posas allegorische Erzählung von den unglücklich Liebenden verstanden, sich über die Etikette hinweggesetzt und so indirekt das Treffen mit Carlos ermöglicht (I 4). Sie spielt Posas Spiel mit, hält Carlos jedoch auf freundschaftliche Distanz. Mit der Übergabe der Briefe greift sie in das politische Spiel ein (I 5).
Der König hat sich als eifersüchtiger Gatte, als argwöhnischer Vater und als unerbittlicher König eingeführt (I 6); Elisabeth leistet ihm Widerstand, was seine Kritik an ihr und der Mondecar betrifft – sie hat gegenüber Carlos nur Grenzen der Etikette, nicht der Moral überschritten.
Die erste Frage am Ende von I ist die, ob Carlos‘ (noch unklarer Wunsch) beim König Erfolg haben wird. Die latente Frage ist die, wie Posa sich als Gegenspieler des Königs und als Lenker der (potenziell instrumentalisierten) Figuren bewähren wird. Die dritte Frage ist die, ob Carlos sich mit der „Freundschaft“ Elisbeths begnügen wird. Der König ist noch nicht als handelnd in Erscheinung getreten.

Dramatische Situation am Ende von II
Carlos hat seinen Vater gesprochen, aber nicht den König erweichen können, ihm das Heer nach Flandern anzuvertrauen; seinen Teilerfolg beim König erkennt er nicht (II 3). Er hat auch nicht der Liebe zu Elisabeth entsagt und missversteht das Angebot der verliebten Prinzessin Eboli als Angebot Elisabeths. Dadurch kränkt er die verschmähte Eboli, die sich jetzt entschließt, aus Rache mit Domingo zusammenzuarbeiten, sich dem König hinzugeben und das vermeintliche Verhältnis Elisbeth-Carlos aufzudecken.
Carlos wendet sich im Kartäuser-Kloster an seinen Freund Posa, um diesen dazu zu bewegen, ein Treffen mit Elisabeth zu arrangieren, weil er diese jetzt von ihrer Ehe frei glaubt. Posa stimmt ihn jedoch um, dass er wieder Flanderns Rettung als sein Hauptziel ansieht. Posa deutet an, einen großen Plan gefunden zu haben (V. 2452 f., V. 2457 f.), den die Königin Carlos darlegen soll.
Damit ist Carlos wieder in der Situation von I 5: Er will tun, was man ihm gebietet; die Situation hat sich aber durch Philipps Entscheidung für Alba und durch das Komplott der Eboli mit Domingo für die Gruppe Posa – Elisabeth – Carlos verschlechtert. Posas Plan kann auch bloß der Entscheidung Philipps entgegenwirken, weil Posa das Komplott ja nicht kennt.
Die Fragen lauten in dieser Situation: Was wird sich aus dem Komplott Domingos ergeben? Was plant Posa? Wie wird er mit Carlos dem Komplott begegnen? (Und ist Carlos wirklich von seinem Liebeswahn geheilt?)

Dramatische Situation am Ende von III
Der 3. Akt wird von der Figur des Königs bestimmt: Er zeigt sich als hilfloser Mensch (bis III 5), als kluger König (bis III 7) und als Gesprächspartner Posas, den er in seinen Dienst nimmt.
Der Ehebruch des Königs ist geschehen, die Schatulle Elisabeths ist erbrochen (vgl. IV 1 und IV 9) – der König ist vom Zweifel an Elisabeths Treue erschüttert und sucht Gewissheit; Lermas Bekenntnis
zu Elisabeths Tugend überzeugt ihn so wenig wie die Vorwürfe Albas und Domingos. Auf der Suche nach einem Menschen und Freund, der ihm die Wahrheit sagt, ist er auf den Marquis Posa gestoßen (III 5), dessen Auftritt ihn fasziniert und den er als Ratgeber einstellt.
Damit scheint das Komplott der Eboli und Domingos abgeschmettert zu sein. Die Fragen lauten jetzt: Hat Philipp seine Zweifel wirklich überwunden? Was wird aus Flandern? Was wird aus Posas Plan von II 15? Eine Wende des Geschehens zum Guten (im Sinn der Menschlichkeit) scheint möglich zu sein; Don Carlos ist in den Hintergrund getreten.

Dramatische Situation am Ende von IV
Die Situation ist verworren; viele Handlungsstränge laufen nebeneinander: Zunächst wird Posas Plan offenbart: Er möchte Carlos an die Spitze einer Revolte stellen (IV 3); er spielt aber auch gegen Carlos nicht mit offenen Karten (IV 5) und erhält vom König alle Vollmachten (IV 12). Elisabeth kann die Vorwürfe des Königs abwehren (IV 9); die Intrige der Eboli wird entdeckt (IV 9; IV 12; IV 19). Da aber Lerma Carlos über Posas Agieren informiert (IV 4 und 13), wird Carlos unsicher und hängt sich erneut an die Eboli (IV 15), was unklare Folgen hat (IV 16 f. und IV 24).
Der Königin gesteht Posa schließlich, dass sein Plan gescheitert ist, weil er zu hoch und unaufrichtig gespielt hat, dass er sich jetzt aber für Carlos opfert (IV 21); sein Brief in die Niederlande wird abgefangen (IV 22), Alba verkündet Domingo den Sieg (IV 25).
Der Verlierer des 4. Aktes ist Marquis Posa. Die Fragen nach diesem Akt lauten: Warum ist Posas Plan gescheitert? Was steht in dessen Brief? Was wird aus dem von Posa verhafteten Carlos? Was wird aus Elisabeth und ihrer Ehe? Worin besteht der von Alba und Domingo gefeierte Sieg?

Dramatische Situation am Ende von V
Am Ende des Geschehens steht, dass die Freundschaft gesiegt hat, dass Carlos reif geworden ist, dass aber die Freunde von den Realpolitikern besiegt werden.
Posa hat sich in einem letzten Täuschungsmanöver für den Freund geopfert und wird erschossen. Carlos ist hierdurch umgewandelt und stellt sich dem von Posa ihm zugedachten Auftrag, die Niederlande zu befreien; er entsagt Elisabeth gänzlich. Der König ist von Posa ebenso beeindruckt wie gekränkt; er ermannt sich zum Widerstand und bittet den Inquisitor, seinen Sohn hinzurichten. Ehe er fliehen kann, wird Carlos verhaftet; die Vision der großen Freiheit bleibt bloße Vision.

Hinweis auf zwei Lexika:
Elis. Frenzel: Motive der Weltliteratur. Kröner (versch. Auflagen), Artikel „Vater-Sohn-Konflikt“.
Elis. Frenzel: Stoffe der Weltliteratur. Kröner (versch. Auflagen), Artikel  „Philipp II“.

Eine Art Inhaltsangabe des Dramas findet man hier.

Schiller: Don Karlos – Entstehung, Hintergründe, Untersuchungen

Zeittafel im Kontext des „Don Carlos” 
10.11. 1759 Geburt (zweites Kind eines Arztes und Offiziers)
1773 – 1780 Schüler auf der Militärschule des Herzogs, Studium der Medizin; erste Dissertation gescheitert;
1781 – 1782 in Stuttgart: Militärarzt und Dichter
13.01. 1782 „Die Räuber” in Mannheim mit Erfolg aufgeführt;
07/08  1782 Arrest; literarische Arbeit vom Herzog verboten;
22.09. 1782 Flucht mit A. Streicher, zunächst nach Oggersheim;
12/82-07/83 in Bauerbach/Thüringen: Arbeit u.a. an „Don Carlos”: Auf der Grundlage einer Erzählung des Abbé de Saint-Réal tritt ein glänzender Carlos gegen einen miesen Philipp und dessen Berater an (1. Akt)
1783 – 1784 in Mannheim Theaterdichter; Bekanntschaft mit Charlotte von Kalb; „Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet”;
4/85 – 7/87 als Gast seines Freundes C.G. Körner in Leipzig und Dresden; „Don Carlos” zunächst bis III 9 veröffentlicht; bei der endgültigen Fassung (1787) ist der König wesentlich differenzierter dargestellt, Posa als neuer Held installiert; das übermäßig lange Stück wird von Schiller gekürzt und auch in Prosa gesetzt; vor seinem Tod kürzt Schiller das Stück noch einmal auf die heutige Länge;
1787 – 1788 in Weimar: Begegnung mit Ch. von Kalb, Wieland, Herder und Goethe sowie seiner späteren Frau; Abschluss der Arbeit “Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der Spanischen Regierung”; Professor in Jena;
1789     Übersiedlung nach Jena, Freundschaft mit W. von Humboldt;
1790     Heirat;
1794     Freundschaft mit Goethe;
09.05.1805  Tod Schillers.
(Vgl. die Rowohlt-Monographie von F. Burschell, rm 14)
Friedrich Burschell: Schiller. Rowohlt: Reinbek 1968, S. 206, sieht
in Schillers Freundschaft zu Körner und seiner glücklich-unglücklichen Liebe zu Frau von Kalb den biographischen Hintergrund des Dramas; in Posa stelle Schiller sich als Figur der Aufklärung dar.

Geschichte im „Don Carlos“
1. Historischer Hintergrund des „Don Carlos“
1527 Philipp wird als Sohn Kaiser Karls V. geboren.
1543 Philipp heiratet Isabelle von Portugal.
1545 Sein Sohn Don Carlos wird geboren, die Mutter stirbt 4 Tage später.
1554 Philipp heiratet Maria von England. – Der Prinz wird von verschiedenen Personen erzogen; bis zum 14. Lebensjahr lernt er den Vater kaum kennen.
1555 Karl V. dankt ab und übergibt die Niederlande an Philipp; am 16. Januar 1556 übergibt er ihm auch Spanien. Aus politischen Gründen wird eine Heirat Carlos‘ mit Elisabeth von Valois erwogen. Ab 1557 Krieg Spanien mit Frankreich.
1559 Frieden von Cateau-Cambrésis; knapp drei Monate später heiratet Philipp Elisabeth von Valois; Philipp wird dabei durch Herzog Alba vertreten (die Hochzeit in Spanien erfolgt am 31. Januar 1560).
Margareta von Parma (1522-1586), eine Halbschwester Philipps, wird seine Statthalterin in den Niederlanden; sie legt ihr Amt 1567 nieder, als Alba mit ausgedehnten Vollmachten erscheint.
1561 Carlos, der sicher nie ein Verhältnis mit Elisabeth hatte, soll auf Betreiben seines Onkels (Kaiser Maximilian) seine Cousine Anna von Österreich heiraten; er ist von ihrem Bild begeistert.
1562 Carlos, der immer schon ein schwieriges Kind war, fällt auf dem Weg zu einem Stelldichein eine Treppe hinunter und erleidet schwere Kopfverletzungen.
1563 Carlos wird immer schwieriger; seine Tante Johanna möchte ihn heiraten, er aber möchte Anna von Österreich heiraten (vielleicht um Statthalter der Niederlande zu werden). Ohilipp lässt eine Neffen Rudolf und Ernst vonÖsterreich kommen, damit sie gegebenenfalls die Thronfolge antreten können.
1564 Carlos erhält Zutritt zum Hofrat, ist aber als Mensch außerordentlich schwierig.
1565 Der französische Gesandte soll eine Heirat zwischen Carlos und Margareta von Valois fördern.
1566 Petition der Niederlande am Margareta von Parma: Sie bitten um Religionsfreiheit und Einberufung der Stände.
1567 Carlos weigert sich zu beichten; er schließt sich im Pferdestall ein und misshandelt die Tiere mit einem Dolch. Alba wird Statthalter der Niederlande; Carlos geht mit einem Dolch auf ihn los. Carlos möchte von seinem Onkel, dem Oberbefehlshaber der Flotte, nach Italien gebracht werden, um von dort in die Niederlande zu reisen; Philipp wird darüber unterrichtet.
1568 Der Prinz muss seine private Waffensammlung abgeben; es gibt Gerüchte, dass der Prinz mit den Niederländern unter einer Decke stecke. Carlos wird in Gewahrsam genommen, er erkrankt schwer; sein Vater weigert sich, ihn nochmals zu sehen.
1569 Carlos stirbt am 24. Januar; Philipp ordnet ein Staatsbegräbnis an. Am 3. Oktober stirbt Elisabeth von Valois.
1571 Sieg der Spanier über die Türken in der Seeschlacht von Lepanto.
1588 Untergang der spanischen Flotte (Armada).
1598 Philipp II. stirbt.

2. Schillers Quelle des Stoffes
war die Darstellung des Abbé de St.Réal: Histoire de Dom Carlos (1672).

3. Schillers Arbeit am Drama
1782 Schiller kündigt in einem Brief an von Dalberg (Juli 1782) an, dass er sich vielleicht mit dem Spanier Dom Carlos befassen werde.
1783 erster Entwurf des Dramas „Dom Karlos“ in Bauerbach; historische Studien Schillers zum Stoff. – Er will in diesem Drama die Inquisition angreifen und „die prostituirte Menschheit“ rächen (Brief an Reinwald, 14. April).
1784 Schiller wendet sich der Ausarbeitung des „Dom Karlos“; das Ganze soll „ein Familiengemählde in einem fürstlichen Hauße“ werden (Brief an Dalberg, 7. Juni); diese „häusliche Tragödie“ (im Sinne Diderots) wird im Lauf der Arbeit um Aspekte der Liebes- und Freundschaftstragödie bereichert. – Schiller schreibt wie Shakespeare (und Lessing) in fünfhebigen Jamben, dem Blankvers.
Da Schiller seit dem 1. September 1784 nicht mehr Theaterdichter in Mannheim ist, braucht er sich nicht an die Begrenzung eines Bühnendramas (maximal 3000 Verse) zu halten.
1785 – 1787 Schiller arbeitet das Drama aus, wobei er vor der großen Szene III 10 lange Zeit sich nicht eindeutig für einen Fortgang des Geschehens entscheiden konnte.
Im Januar erscheint ein Vorabdruck (in der Buchfassung bis III 7); Mitte des Jahres erscheint das Drama in einem Umfang von 6282 Versen im Verlag Göschen.
Seit 1786 hat Schiller an einer Bühnenfassung gearbeitet (3943 Verse), die er am 13 Juni 1787 nach Hamburg schickt, wo sie am 29. August in gekürzter Form aufgeführt wird. Es folgen Aufführungen in Leipzig, Riga und Mannheim. Goethe nimmt das Drama 1791 in den Spielplan des Weimarer Hoftheaters auf.
1788 Schiller schreibt „Briefe über Don Carlos“ (Brief 1-4 erscheinen im Juli, Brief 5-12 im Dezember in Wielands „Teutschen Merkur“), in denen er sich mit den Einwänden gegen die Gestalt Posa auseinandersetzt.
1801 Es erscheint eine von Schiller gekürzte Fassung (5370 Verse), die aber wegen ihres Umfangs ein Lesedrama bleibt.

Irritationen beim Lesen
1. Manchmal ist die „Konstruktion“ der Gedanken oder des Geschehens problematisch, z.B. bei Carlos‘ Liebesgeständnis (V. 1807/09), bei seiner „Reinheitserkenntnis“ (V. 1844 ff., nach V. 1830 ff.) oder bei Carlos‘ (V. 1855 f.) und der Eboli (V. 1857) plötzlichem Verständnis der Situation.
Irrt Posa/Schiller 2981/83 (wegen Abmachung und Beichte der Eboli, 2210 ff. und 2686 ff.) in der Datierung „zwei Tage“?
Seltsamer Imperialismus Posas 3250/52: wieso soll Philipp als König der Freien die Welt unterwerfen?
2. Die Intrigen Posas: I liest sich nach IV 21 ganz anders; Posa hätte alles wissen müssen, was Carlos bedrängt (wie kann er ihm „Eigennutz“ vorwerfen, V. 2418, wenn er selbst diese Liebe geschürt hat, V. 4327 ff.?) – als „Wissender“ kann er leicht auf sein eigenes Anliegen vorerst verzichten.
Posas Verbindung mit den Türken ist sehr kühn vom Autor Schiller fantasiert!
3. Bedenklich: die Zustimmung Elisabeths zu Rebellion; nach dem Geständnis, dass sie unglücklich ist (V. 3451 f.), tut sie etwas rätselhaft kund, ihr Herz (!) solle allein der Richter ihrer Liebe sein (V. 4374/76) – ganz neue Töne gegenüber I 5!
[Wie sich aus V ergibt, dient das evtl. nur dazu, die Reifung Carlos‘ zu zeigen!]
** Eventuell ergeben sich manche Unstimmigkeiten daraus, dass Schiller so lange und mit wechselnden Zielvorstellungen an dem Drama gearbeitet hat.

Elisabeth als Mensch (Charakter) in I 3 und I 4

– Elisabeth ist der Natur verbunden:

Ihr Haus liegt in einfacher ländlicher Gegend (Ortsangabe I 3),

sie liebt die ländliche Natur (398); diese erinnert sie an ihre Kindheit und an die Heimat Frankreich (396 ff.);

– „Natur“ bestimmt auch ihr Ideal vom Zusammenleben:

Nur Liebe ist ein Grund zum Heiraten (440 ff.);

Sie möchte nicht nur nach der Etikette Mutter sein dürfen (462 ff.);

– Sie ist ein aufgeklärter Mensch:

Sie lehnt Ketzerverbrennungen ab (418 ff.);

sie schätzt Posa als einen freien, sich selbst genügenden Mann (515 ff.),

„Madrid“ ist hier wie auch 396 ff. der Gegen-Ort.

– Elisabeth entscheidet sich dafür, Posa zu empfangen, was weder erlaubt noch verboten war (478 ff.; Mut, Spontaneität);

– sie schafft Gelegenheit zu einem vertraulichen Gespräch (426 ff.)

– und zeigt sich ebenso als klug, als sie die Andeutungen Posas versteht (575 ff., mit  445 ff., 601 f.).

– Sie zeigt Interesse an Karlos’ Geschick (528 ff., 610 f.);

– sie respektiert die Grenze des rechtmäßig Erlaubten (600 f.).

– Sie ist persönlich auf unbestimmte Weise enttäuscht (431 ff.)

– und deutet möglicherweise an, aufgeopfert zu sein (452 f.).

– Dass sie in einem Konflikt steht, erkennt man an den Widersprüchen,

dass sie weiter nach Karlos’ Leiden fragt, obwohl sie vorher „Schluss!“ signalisiert hat (610 mit 600 f.);

dass sie erschrocken (620) und verwirrt (622) ist, als Karlos’ wirklich erscheinen soll, obwohl sie vorher Interesse an seinem Leiden bekundet hat (610 f.).

Fazit:

Elisabeth erscheint als eine empfindsame, aufgeklärte, der Natur verbundene Frau des 18. Jahrhunderts, die aber aufgrund ihrer Stellung als Königin in die Etikette des 16. Jahrhunderts eingezwängt ist. Diese Spannung zeigt sich in persönlicher Enttäuschtheit ebenso wie in der Unsicherheit gegenüber ihrer Position zu Karlos.

Don Carlos II: Täuschung und Selbsttäuschung
Der 2. Akt steht auffallend unter dem Thema der Täuschung.
Die Täuschung als Intrige, als „Kabale“ gehört bei Schiller zur Welt des Hofes, vgl. „Kabale und Liebe“. Als deren Meister erweist sich Domingo (II 10-13), der mit Alba und der Eboli zusammen gegen Carlos und die Königin konspiriert. Dieses Zusammenspiel läuft für die Männer auf die Sicherung der konservativen Monarchie, für die Eboli auf Rache an der angeblich verlogenen Königin und dem sie demütigenden, weil verschmähenden Carlos hinaus.
Fürstin Eboli hat zuvor Carlos in ein heimliches Liebesspiel hineinziehen wollen, was um der Etikette willen nur hinter verschlossenen Türen stattfinden kann (II 4.6-8); sie ist bereit, um der Liebe willen des künftigen Königs heimliche Geliebte zu sein (1830 ff.). Die enttäuschte Eboli traut der Königin das gleiche ränkevolle Liebesspiel zu; in ihrer Enttäuschung will sie den „Betrug“ (V. 1946) der „Gauklerin“ (V. 1943) entlarven (vgl. V. 2133 ff.)
Carlos ist zu seinem Vater gegangen, um diesen als Vater zu gewinnen und den Auftrag zu erhalten, das Heer nach Flandern zu führen. Er verquickt also zwei Motive, wie er bereits seinen diesbezüglichen Entschluss an Elisabeths Wunsch festgemacht hatte
(V. 902). Der König weist seine vom Herzen bestimmte Annäherung als „Künste“ und „Gaukelspiel“ zurück (V. 1046, 1067). Das Spiel der Eboli wie das Verhalten des Königs werden von der Etikette bestimmt, deren Bedeutung bereits im 1. Akt deutlich geworden ist.
Im Gespräch mit dem König bekennt Carlos zweimal, dass er sich selbst gefunden hat (V. 1104, 1151 ff.), dass er sich dem Ruf der Weltgeschichte stellen will – Selbstfindung und Selbstverwirklichung aus I wirken nach; seiner Vision vom „Erdenparadiese“ (V. 1130) ant-wortet der König aber mit dem Einwand, Carlos sei ein Träumender (V. 1176), also gerade nicht „erwacht“ (V. 1151).
Ein zweites Mal glaubt Carlos sich gefunden zu haben, als er den Brief der Eboli als den der Königin liest (V. 1298 und 1344, vgl. 1309); er sieht selbst, dass er sich getäuscht hat (und die Eboli enttäuscht hat) und glaubt, mit dem Geständnis der Wahrheit bei der  vermeintlich reinen Eboli durchzukommen (V. 1844 ff.). Dass er sich irrt, weiß der Leser alsbald (II 9 ff.), und Posa biegt ihm bei, dass er da nur einem neuen Fiebertraum erlegen ist (V. 2287): „Du hattest diesmal selbst dich missverstanden.“ (V. 2440)
Posa glaubt nun, mit einem kühnen Plan, den angeblich „höhere Vernunft gebar“ (V. 2458, vgl. 2450 ff.), sowohl Flandern wie Carlos retten zu können, nachdem er die Unschuld der Eboli im Vergleich mit Elisabeth als eigennützig und unecht erwiesen hat (V. 2329 ff.). Es ist aber noch offen, ob sein Plan wirklich aus der Vernunft stammt,  da Posa an dessen Anfang bereits seinem Freund Carlos den Brief des Königs durch einen Betrug entwendet (V. 2399 f.).

Posa als Künstler
Angeregt durch Guthkes Ausführungen zu III 10 kann man das Motiv des Künstlers, der die Welt gestaltet und sich selbst damit verwirklicht, weiter verfolgen (in IV 3, 5, 12, 13; letzte Begegnungen in IV 21 und V 1, 3; nachträgliche Würdigung in V 4, 8, 9).
Man kann dabei einmal darauf achten, an welchen Stellen das Motiv des Künstlers anklingt, etwa in Posas Äußerung:
„Zur höchsten Schönheit wollt ich ihn erheben“ (V. 4328),
und die Königin brauche sich nicht zu schämen,
„Der Heldentugend Schöpferin zu sein“ (V. 4354). Carlos solle die erste Hand an den rohen Stein des neuen Staates legen (V. 4281 f.; vgl. 4356 f.: Carlos als „Maler“) Dementsprechend wird der König von Carlos als „der große Künstler“ (V. 4762), also als Anti-Künstler verspottet; Posa sei dagegen ein „feine(s) Saitenspiel“ gewesen, das folgerichtig „in Ihrer metallnen Hand“ zerbrochen ist (V. 4821 f.).
Man kann aber auch untersuchen,
a) welche Sachfragen bei Posas Künstlertum zur Debatte stehen und
b) wie Posa von den Figuren unterschiedlich beurteilt wird –
c) womit sich unser eigenes Urteil über Posas Handeln bilden mag.
Da ist zunächst der politische Plan Posas, den angeblich „höhere Vernunft“ gebar (V. 2458; 3479 f.; 4801; 4977 ff.), welcher zum einen den Aufstand der Niederlande unter Carlos‘ Führung vorsieht (V. 3460 ff.), zum anderen den gleichzeitigen Angriff der türkischen Flotte (V. 4966 ff.) zur Entlastung der Aufständischen. Dabei ist es Posa selbst bewusst, dass hier das Mittel fast so schlimm wie die Gefahr ist (V. 3460 f.); er gesteht der Königin, dass er Carlos‘ Liebe zu ihr bewusst politisch instrumentalisiert hat (V. 4327 ff.), und er bekennt Carlos, sein Plan sei daran gescheitert, dass er des Freundes „Herz“ vergessen habe (V. 4526 f.). Carlos rühmt in der harten Auseinandersetzung mit seinem Vater Posas Fähigkeit, solcher-maßen mit Menschen zu spielen (V. 4801). Vorher hat er jedoch wie die Königin solch zynisches Spiel beklagt (V. 3969 f.; 4513 f.; 4385 ff.). In V 1 wird deutlich, dass Posas Unaufrichtigkeit oder halbe Ehrlichkeit zum Scheitern seines Plans beigetragen hat, dass aber deren Aufklärung und sein Opfertod ihm die ergebene Bewunderung Carlos‘ sichern. (Zum Stichwort „unaufrichtig“ vgl. V. 3405; IV 5; V. 3577 f.; IV 12; „weltkluge Sorgfalt“ V. 4526).
Posa reflektiert seine Schuld im Gespräch mit Elisabeth (V. 4220 ff.) und mit Carlos (V. 4619 ff.), wobei er gesteht: „Raserei
War meine Zuversicht. Verzeih – sie war
Auf deiner Freundschaft Ewigkeit gegründet.“ (V. 4645/47)
Mit dem Lob der Freundestreue, die bis in den Tod reicht und Carlos zur großen Entsagung führt (V. 5310 ff.), endet das Stück (V 4, 9).
Auch die menschliche Vollendung führt in den Untergang; politisch hat das Freiheitspathos des Marquis sich nur der gleichen Mittel wie der König zu bedienen gewusst und nichts erreicht.

Posa: Pläne und Gegenkräfte
Posa tritt in I 2 handelnd ins Geschehen ein – nein, es kommt erst durch ihn zustande, weil er seinen Studienfreund Carlos veranlassen will, etwas zur Rettung der Niederlande vor spanischer Unterdrückung zu unternehmen (V. 154 ff.); weil Carlos jedoch vor lauter Herzeleid handlungsunfähig ist, ändert er „nach einigem Stillschweigen“ (V. 357) seinen Plan ab: Er gibt Elisabeth Briefe, darunter einen aus den Niederlanden ( V. 505) und vertraut darauf, dass Elisabeth diesen Ball aufgreift sund weiterspielt – er muss Elisabeth also gut kennen, eine Tatsache, die im ganzen Drama nicht aufgeklärt wird. Diese gibt die Briefe dann auch an Carlos weiter (V. 808), worauf dieser entschlossen ist, Flandern zu retten, weil Elisabeth dies von ihm wolle (I 7).
Dieser Plan scheitert jedoch, weil Philipp seinem Sohn das Heer nach Flandern nicht anvertrauen will (II 2); später erfahren wir, dass Alba ihn vor seines Sohnes Ehrzeiz gewarnt hat (V. 2556).
Nach diesem Misserfolg und den Turbulenzen um Ebolis Angebot (dazu später mehr) analysiert Posa die Situation, soweit er sie überblickt, und fasst einen neuen zweiten Plan (II 15), in den er Carlos nicht einweiht (V. 2451 ff.). Elisabeth bekommt diesen Plan erklärt (IV 3: Rebellion in Flandern unter Carlos‘ Führung), damit sie als die den Prinzen beherrschende Frau diesem den Plan übermittelt; sie sagt Posa schließlich widerstrebend ihren stillen Anteil zu (V. 3512 f.), weil es sie reizt, der Freiheit einen Platz zu verschaffen.
Dieser Plan ist gescheitert, erklärt Posa der Königin (V. 4216 f.), ehe Elisabeth mit Carlos gesprochen hat; die von ihm genannten Gründe (V. 4619 ff.: Briefe) können mich nach IV 12 und IV 9 aber nicht überzeugen.
Deshalb hat er, wie er Elisabeth mitteilt, einen Notplan gemacht, der für ihn das Selbstopfer bedeutet (V. 4234 ff.). Er legt sein Testament in das Herz der Königin (V. 4265 ff.); Carlos erklärt er, wie der Notplan entstanden ist (V. 4675 ff.), und verweist ihn vorsorglich unmittelabr vor seinem Tod an die Königin (V. 4734 f.). Elisabeth braucht Carlos den Notplan nicht mehr mitzuteilen, weil der aufgrund des Opfertodes bereits so erschüttert ist, dass er ganz im Bann der Ideen Posas steht (V 10) und so auch verhaftet wird (V 11).
Es wird dann auch noch von einem Kriegsplan Posas berichtet, aus dem sich seine Reisen erklären ließen (V. 4994 ff.); aber der steht im gleichen Zwielicht der Täuschungen im Notplan wie die genannten Briefe (V. 4977, 4984) – dieser Plan lässt sich ebenso gut aus den Reisen „erklären“ wie die Reisen aus dem Kriegsplan.
Feindliche Gegenkräfte:
Domingo und Alba haben bereits lange gegen den Prinzen intrigiert (III 3 und 4); sich ihnen eine Gelegenheit bietet, mit der enttäuschten Eboli ein Komlott gegen die Königin und Carlos zu schmieden (beides gefährliche Neuerer in Domingos Augen,  V. 2010 ff.), arrangieren sie den Ehebruch des Königs und den Einbruch bei der Königin (II 11 ff.) – eine Intrige, die Posas Karriere einleitet (III 5 ff.), deren Folgen aber die Königin ausbaden muss (IV 7) und über die Posa informiert wird (IV 12). Dass Carlos den General Alba beleidigt (V. 1032 ff.), verschlimmert die Sache nicht wesentlich; Alba informiert den König jedoch über das heimliche Treffen in Aranzuez (III 3).
In den Turbulenzen in Madrid verkündet Alba den Sieg der eigenen Kräfte und steht bis zum Schluss zum König (V 4 f., V 8 f.).
Von Posa selbst entfesselte Gegenkräfte:
Der größte Gegner seiner Planung ist Posa in seiner Vermessenheit selbst. So ist der Prinz handlungsunfähig, weil Posa dessen Leidschaft für Elisabeth aus strategischen gründen geschürt hat (IV 21); deswegen muss Posa seinen ersten Plan abwandeln (I 2).
Wegen seiner nicht überwundenen Liebe zu Elisabeth fällt Carlos dann auf die anonyme Einladung der Fürstin Eboli herein (II 4) und gibt zu erkennen, dass er mit einer anderen Dame gerechnet habe (II 8), woraus die Eboli ihre Schlüsse zieht und sich für ein Komplott hergibt (II 9 und II 11 ff.). Diesen Komplott gefährdet Ehe und Leben Elisabeths und vermutlich auch des Prinzen Carlos (III 1 ff.).
Die zweite Krise beschwört Posa herauf, indem er gegenüber Carlos nicht mit offenen Karten spielt (II 15) und diesen darauf festlegt, ihm zu vertrauen (V. 2451). Er zerreißt auch den Brief des Königs an die Eboli, der er mit einem Trick an sich gebracht hat (nach V. 2400); als Carlos‘ Freund Lerma den Prinzen über bestimmte „trickreiche“ Aktionen Posas informiert (IV 4) und Carlos dem Freund auch noch seine Brieftasche geben muss (IV 5), wird dieser misstrauisch gegen Posa ( IV 6, wo Posa sein Schweigen vor sich selbst rechtfertigt). Nach einer weiteren Information Lermas (IV 13) glaubt der Prinz, Posa als Freund verloren zu haben, und erneut zur Eboli (IV 15), um ihr sein Herz auszuschütten, wobei er von Carlos verhaftet wird (IV 16). Dementsprechend klagt er auch bei Posa und macht ihm indirekt Vorwürfe, was dieser nicht versteht (V 1), weil er von Lermas Eingreifen nichts weiß.
Auch Posas Idee, Carlos durch die Königin in seine Flandern-Aufgabe einweisen zu lassen (IV 21; V 3), führt letztlich dazu, dass Carlos nicht wegkommt, sondern gefangen genommen wird; er nimmt Elisabeths Einladung zum nächtlichen Treffen an, weil dies Posas Wille sei (V 6), und schlägt die letzte Möglichkeit zur Flucht aus (V 7). Vorher hat er das Angebot des Königs, sich mit ihm auszusöhnen, ebenfalls wegen des Opfertodes Posas ausgeschlagen m Sinn einer Realpolitik zweifellos ein Fehler: Realpolitik ist nach einem Märtyrertod, wie Posa ihn inszeniert hat, nicht mehr möglich („Für mich ist er gestorben.“, V. 4838).
   Überblickt man die Kräfte, die gegen Posas Pläne arbeiten, so muss man sagen, dass Posa mit seinem eigenwilligen und auch vermessenen Planen die Verwirklichung seiner Pläne am stärksten verhindert hat.

Über Posas Pläne, seine Lügen, seine Heimlichkeiten und die Instrumentalisierung der Menschen (der Herzen) zu urteilen ist eine eigene Aufgabe. Posa übt einmal Selbstkritik (V. 4220 ff.) und wird von Elisabeth kritisiert (V. 4342 ff.); indirekt wird er von Carlos kritisiert (V 1); der König würdigt seine politischen Schachzüge (V. 5057 ff.), wehrt sich aus persönlichen Gründen aber dagegen und bezweifelt auch, dass Posa für Carlos allein gestorben sei.
Seine Lügen rechtfertigt Posa gegenüber Elisabeth (V. 3414 ff.), seine Heimlichkeit vor Carlos rechtfertigt er nach dem gleichen Muster (V 6, speziell V. 3648 ff.).

Schiller: Don Karlos – neue Analyse

Nachdem ich den „Don Karlos“ im Schuljahr 2001/02 in einem Leistungskurs Deutsch behandelt hatte, habe ich im vergangenen Frühjahr das Drama noch einmal intensiv gelesen und bei lehrer-online eine Unterrichtseinheit dazu präsentiert (http://www.lehrer-online.de/don-carlos.php). In diesem Frühjahr habe ich dann das Drama erneut gelesen (Vorbereitung für ein Lehrerheft bei Krapp & Gutknecht) und einige Stellen gefunden, die mein Verständnis des Stücks verändert haben:

* Es war mir schon aufgefallen, dass die Szenen I 5 und V 11: die Begegnungen des Prinzen Karlos mit Elisabeth, das Geschehen rahmen und dass die entscheidende Veränderung darin besteht, dass Karlos am Ende „zum Mann gereift“ (5324) ist, also Elisabeths Forderung gerecht wird: „Ermannen Sie sich, edler Prinz.“ (763) Auch Posa fordert, Karlos solle ein Mann sein (V 3), während der Infant für Philipp ein „Knabe“ ist (I 6 und V9). Die neue Einsicht besteht in einer Verknüpfung dieser Beobachtung mit Karlos’ Aussage,
„Dass Karlos nicht gesonnen ist, zu müssen,
Wo er zu wollen hat;“ (724 f.)
dass Karlos also bei der ersten Begegnung um seine Selbstverwirklichung kämpft. Freiheit besteht im Verständnis des Idealismus darin, das von sich aus zu wollen, was man tun soll (vgl. Posas Wort über Wahl und Pflicht, 3032 f.!); diese Freiheit hat Karlos am Ende gewonnen, insofern ist er ein Mann geworden.

* Der Reifung gegenüber Elisabeth entspricht Karlos‘ Reifung als Sohn: In II 2 bettelt er um die Liebe des Vaters, in V 4 sagt er sich von ihm los (um in V 11 als Infant zum Aufstand bereit zu sein).

* Dass Freundschaft zwischen Karlos und dem Marquis Posa mehr als persönliche Verbundenheit ist (und deshalb auch nicht aus Schillers Leben erklärt werden kann), war mir klar; neu ist die Einsicht, dass der „heutige“ Freundschaftsbund (I 9) für die Freundschaft „auch dermaleinst“ (995) gilt, also die Gleichheit zwischen dem König Karlos und dem Bürger Posa (965 ff. und 994 f.) antizipiert und heute schon herstellt. Damit bekommt dann die schwärmerische Aussage Posas, das Traumbild des neuen Staates sei „der Freundschaft göttliche Geburt“ (4280 f.), ihre Bedeutung.

* Von dieser neuen Einsicht aus wird auch eine beinahe „defätistische“ Äußerung des politischen Taktikers Posa verständlich; der sagt nämlich über Karlos: „Er lege
Die erste Hand an diesen rohen Stein.
Ob er vollende oder unterliege –
Ihm einerlei!“ (4281/84)
Von dieser Vision aus kann man verstehen, wieso Karlos nicht flieht (V 7), sondern am Schluss vollendet ist (V 11), auch wenn der Inquisitor ihn hinrichten wird. „Katastrophe“ kann man diese Vollendung nicht nennen.

* Die letzte neue Einsicht besteht darin, in Posas Selbstopfer eine Säkularisierung des christlichen Glaubens an den Opfertod Jesu zu sehen. Das ergibt sich aus aus Karlos’ Bekenntnis: „Für mich ist er gestorben.“ (4787 und 4837) Da geschieht insofern eine Erlösung, als nun die Bindungen der Natur nicht mehr gelten (4767) und die neue Bruderschaft „ein edler Band, als die Natur es schmiedet“ (4794), darstellt.

Diese Einsichten machen es nötig, erneut zu untersuchen, wie das Drama aufgebaut ist und was eigentlich im Drama geschieht.

P.S. Schillers Brief an Körner vom 3. Juli 1785 bezeugt, dass im Zusammenhang des Themas „Freundschaft“ die Säkularisisierung zentraler christlicher Motive Schiller nicht fremd war:
„O, mein Freund! Nur unserer innigen Verkettung, ich muß sie noch einmal so nennen, unserer heiligen Freundschaft allein war es vorbehalten, uns groß und gut und glücklich zu machen. Die gütige Vorsehung, die meine leisesten Wünsche hörte, hat mich Dir in die Arme geführt, und ich hoffe, auch Dich mir. Ohne mich sollst du ebenso wenig Deine Glückseligkeit vollendet sehen können, als ich die meinige ohne dich. Unsere künftig erreichte Vollkommenheit soll und darf auf keinem anderen Pfeiler als unserer Freundschaft ruhen. – Unsere Unterredung hatte diese Wendung genommen, als wir ausstiegen, um unterweges ein Frühstück zu nehmen. Wir fanden Wein in der Schenke. Deine Gesundheit wurde getrunken. Stillschweigend sahen wir uns an, unsere Stimmung war feierlich Andacht, und jeder von uns hatte Thränen in den Augen, die er sich zu ersticken zwang. Göschen bekannte, daß er dieses Glas Wein noch in jedem Gliede brennen fühlte, Huber’s Gesicht war feuerroth, als er uns gestand, er habe noch keinen Wein so gut gefunden, und ich dachte mir die Einsetzung des Abendmahls – „Dieses thut, so oft ihr’s trinket, zu meinem Gedächtniß.“ Ich hörte die Orgel gehen und stand vor dem Altare. Jetzt erst fiel’s uns auf die Seele, daß heute Dein Geburtstag war. Ohne es zu wissen haben wir ihn heilig gefeiert. – Theuerster Freund, hättest Du Deine Verherrlichung in unseren Gesichtern gesehen – in der vom Weinen erstikten Stimme gehört: in dem Augenblike hättest Du sogar Deine Braut vergessen, keinen Glüklichen unter die Sonne hättest Du beneidet. – – –“

„Don Karlos“ und die Aufklärung
Ein Blick in das „Lexikon der Aufklärung“, hrsg. von Werner Schneiders, 1995, kann ganz hilfreich sein; ich denke etwa an die Stichwörter „Enthusisasmus; Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit; Freundschaft; Glück; Philosoph; Schwärmerei; Tugend“.  Für die Trias „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“ zeigt Gerd van Heuvel, dass die Brüderlichkeit nicht zum eisernen Bestand gehörte und dass es auch andere Parolen als den später (!) klassisch gewordenen Dreiklang F – G – B gab.

Das angekündigte (http://www.krapp-gutknecht.de/Produkte/Theater_auf_DVD/Don_Carlos/Don_Karlos.htm) Lehrerheft zu „Don Karlos” ist im Verlag Krapp & Gutknecht erschienen.

Schiller: Resignation – Analyse, Interpretation

Der Untertitel des Gedichtes „Resignation“ ist „Eine Phantasie“ – und anderes kann die Vision eines Auftritts der Seele nach dem Tod vor dem Weltgericht nicht sein. Die setzt mit einem Bericht des Ichs ein (1. Str. = 1), in dem es klagt, dass es in seinem Leben statt der von Natur aus zustehenden „Freude“ nur „Tränen“ erlebte. In (2) spricht es aus der gegenwärtigen Situation des Todes seine „Brüder“ an, fordert sie zum mitleidigen Weinen auf und beklagt den endgültigen Verlust aller Freuden (des Lebens Mai … hat abgeblüht: Perfekt).
In (3) spricht das Ich die „Geistermutter“ Ewigkeit an, als ob es gerade über die Schauerbrücke (des Todes) ihren Bereich betreten hätte und sich meldete: „Da steh ich schon…“. Es erhebt Klage, die es damit begründet, dass ihm die verbriefte „Vollmacht“ zum Glück versagt geblieben ist (bis V. 17). Im Bild des Vollmachtbriefs ist eine Mitschuld des Ichs insofern angedeutet, als es diesen Brief „unerbrochen“ zurückbringt; es hat sein Recht nicht eingelöst. Darauf folgt eine lange Rede des Ichs, in der es berichtet, warum es den „Vollmachtsbrief“ nicht geöffnet hat (bis 15), und abschließend die Begründung seiner Klage (16 und 17). In den drei letzten Strophen berichtet das Ich dann, was ein unsichtbarer Genius ihm zur Antwort gab; dort liegt mit dem Präteritum „rief“ ein Tempusbruch vor – die Klage des Ichs wird präsentisch, also als gegenwärtig erlebt dargestellt (3 und 4), während die Antwort des Genius als vergangen berichtet wird.
In (4) hebt das Ich also zu einem Bericht über seine Lebensentscheidung (im Präteritum) an: Einmal gab es die „frohe Sage“ (4) von der Vergeltung aller Leiden im Jenseits (bis 10); dagegen stand der kritische Spott derer, die nicht an solche Verheißungen glaubten (11 – 15). In der frohen Sage, einer Umschreibung der christlichen Botschaft, wurde zunächst das Gericht nach dem Tod angekündigt: Schrecken für die Bösen, Freuden für die Redlichen (6 und 7). Dann berichtet das Ich, wie sich diese Botschaft in seinem Leben auswirkte:
„Ein Götterkind, das sie mir Wahrheit nannten,
Die meisten flohen, wenige nur kannten,
Hielt meines Lebens raschen Zügel an.“
Dass die meisten vor dieser Wahrheit flohen und nur wenige sie kannten, spielt auf die zwei Wege an: den breiten Weg ins Verderben, den schmalem Weg zum Leben (Mt 7,13 f.). Diese sogenannte „Wahrheit“, in der Sicht der Gläubigen noch „Götterkind“ genannt, hat den Lebenslauf des Ichs gebremst oder gehemmt; sie hat ihm die Freuden der Jugend und die geliebte Laura abverlangt (7 und 8) und ihm dafür Ausgleich „jenseits der Gräber“ (8) versprochen (8 und 9).
Danach berichtet das Ich von dem, was die Gegner dieser frohen Sagen vortrugen, die hohnlächelnde „Welt“ (10) und „das Schlangenheer der Spötter“ (11). „Diese Welt“ ist ein christlicher Terminus für die Welt als Exil, der die Heimat im Himmel gegenübersteht; die Spötter sind bereits im AT die Ungläubigen, die den Frommen zu Fall bringen wollen:
„Wohl dem Mann, der nicht dem Rat der Frevler folgt,
nicht auf dem Weg der Sünder geht,
nicht im Kreis der Spötter sitzt,
sondern Freude hat an der Weisung des Herrn…“ (Ps 1)
Die Kritik dieser Spötter läuft darauf hinaus, dass der Jenseitsglaube ein Wahn ist (11 und 14), eigens erdacht, um die Unzulänglichkeit der Welt kaschieren (11) und die Beachtung der Gesetze zu sichern (12). In den Partizipien „gedungen, schlau erdacht, gegönnt, angesteckt“ wird deutlich, dass die trügerischen Hoffnungen von Menschen gemacht worden sind; das Bild vom Hohlspiegel der Gewissensangst (13) zeigt, wie auf Seiten der Getäuschten die Jenseitsangst funktioniert. Die Spötter fragten das Ich nach dem Sinn des schlechten Tauschgeschäfts (lügnerische Hoffnung vs. gewisse Güter), wobei der Vorwurf der Lüge dadurch begründet wurde, dass noch kein Toter die Wahrheit des Jenseitsglaubens bestätigt hat (15). Die dort genannten 6000 Jahre sind das nach der biblischen Chronologie ermittelte ungefähre Alter der Welt seit der Schöpfung.
Danach verknüpft das Ich die gegensätzlichen Reden, indem es von seinen Erfahrungen berichtet: Es hat nicht erlebt, dass ein Toter zurückkam, hat dennoch der Jenseitshoffnung vertraut und deshalb alle seine Freuden aufgegeben (16 f.); es wendet sich deshalb an „die Vergelterin“, die ihm ewigen Lohn für die Achtung ihrer Güter verheißen hat: „Vergelterin, ich fodre meinen Lohn.“ (17)
Die Vergelterin antwortet jedoch nicht; stattdessen spricht (oder sprach, wie das Ich in einer antizipierten Rückschau berichtet – wenn man nicht einfach eine Schlamperei Schillers annehmen will) ein unsichtbarer Genius, ein Schutzgeist. Der erste Satz des Genius widerlegt den Gerichtsgedanken: „Mit gleicher Liebe lieb ich meine Kinder!“ (18) Es ist also nicht so, dass auf die Bösen Schrecken und Freuden auf die Guten warten, dass der Richter die Bösen hasst und die Guten liebt, wie jeder Gerichts- und Jenseitsglaube unterstellt. Dagegen erklärt der Genius, wie es in Wahrheit um das Gericht bestellt ist: Es gibt (im Leben) zwei Blumen: „Sie heißen Hoffnung und Genuß.“ (18) Man kann als Mensch nur eine von ihnen „brechen“, also erwerben, darf dann aber nicht die andere begehren. Diese Lehre „ist ewig wie die Welt“, sagt der Genius. Und es folgt seine Erklärung: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.“ (19) Das Gericht erfolgt also nicht nach dem Leben, zum Ausgleich für das Leben, sondern im Leben selbst:
„Du hast gehofft, dein Lohn ist abgetragen,
Dein Glaube war dein zugewognes Glück.“
Unter Bezug auf das Genießen fügt der Genius einen Hinweis auf die Lehre aller Weisen an, dass keine Ewigkeit zurückgibt, „was man von der Minute ausgeschlagen“ hat (20).
Was ist der Ertrag des Geschehens für das lyrische Ich? Es kann seine vergangene Lebensentscheidung nicht mehr korrigieren; it is „to late“. Eigentlich kann es nicht einmal in die Gerichtssituation kommen, weil ja schon die Weltgeschichte das Gericht ist – es gibt kein Totengericht, sagt der Genius. Von  dieser Überlegung aus wird es vielleicht verständlich, warum der Genius „rief“ (Präteritum, statt „ruft“, was der Situationslogik entspräche): Es gibt nach dem Tod auch keinen rufenden Genius – der gute Geist ruft nur zu Lebzeiten, und was man da nicht hört, das ist verhallt. Eine Phantasie kann „Resignation“ nur für den Dichter sein, und nur dieser und die Leser können die Botschaft des Genius zu ihren Lebzeiten hören und bedenken. Der abendländische christlich-platonische Gesamtmythos vom Totengericht wird in einer mythischen Phantasie, weniger durch die aufgeklärte funktionale Religionstheorie der Spötter (Religion ist von Menschen zu bestimmten Zwecken gemacht) entschieden; diese wird vielmehr mythisch bestätigt – logisch ein Unding.

Die 20 Strophen des Gedichtes sind im Jambus abgefasst; Vers 1, 3 und 4 jeder Strophe bestehen aus fünf Takten, Vers 4 meistens aus fünf, gelegentlich aus vier (4 und öfter), einmal aus drei Takten (2). Vers 2 besteht meistens aus drei, öfter aus fünf (3 und öfter), selten aus vier Takten (5, 15, 18). Nicht nur diese Wechsel, sondern vor allem die Tatsachen, dass die Verse 1, 3, 4 immer mit einer weiblichen Kadenz enden, die anderen jedoch nicht; dass oft Wörter gegen das Metrum betont werden (Lenz in 1, Mir in 2, Ehrwürdge in 3 und öfter); dass öfter Enjambements über die weibliche Kadenz hinweggehen (deutlich in 6), dass aber der volle Takt im Vers oft nicht dazu genutzt wird, den Satz fortzuführen (2, 3 und öfter) – alle diese Tatsachen bedeuten, dass der Text lebhaft gesprochen werden muss, wie es auch der Streitsituation zwischen den beiden Parteien (7 – 15) und der Gerichtssituation: Klage des Ich und drängendes Begehren nach Gerechtigkeit, entspricht.

Der beste Kommentar ist der von Wolfgang Riedel (Interpretationen. Gedichte von Friedrich Schiller. Hrsg. von Norbert Oellers, 1996, S. 48 ff. bzw. 51 ff.). Das Gedicht ist vermutlich Ende 1784 entstanden, steht im Zusammenhang mit „Freigeisterei der Leidenschaft“ (1784/85) und „An die Freude“ (geschrieben Sommer 1785) und wurde von Schiller in der „Thalia“ 1786 veröffentlicht. Für die Ausgabe in „Gedichte“ (1800) hat Schiller Str. 9 („Du siehst die Zeit…“) und Str. 12 („Ein Gaukelspiel…“) gestrichen; im Allgemeinen wird heute die erste Fassung gelesen (im Schiller-Handbuch, Metzler 2005, ist jedoch von 18 Strophen die Rede: kurzer Artikel von Michael Hofmann, S. 261 f.). Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Resignation_%28Friedrich_Schiller%29

Zu zwei „Bildern“ möchte ich etwas sagen, wobei „Bilder“ solches bezeichnet, was das verstorbene Ich erlebt; was in der Ich-Welt „Realität“ ist, ist für den Dichter und seine Zeitgenossen wie auch für uns eine Bilder-Welt. Das für uns, aber nicht in sich Selbstverständliche ist, dass man vom Tod in Bildern spricht:
„In der griechischen Kunst wurde Thanatos als Personifikation des Todes als alter Mann mit langem Bart und Flügeln oder wie sein Bruder Hypnos, der Schlaf, als geflügelter Jüngling bzw. als Genius mit zu Boden gesenkter Fackel dargestellt. Dem Urchristentum war die Darstellung des Todes fremd. [Markierung von N.T.] Die meist aus ärmeren Schichten stammenden Gläubigen sahen im Tod kein Ende, sondern den Beginn eines neuen, besseren ewigen Lebens. Die Personifikation des Todes war erst wieder im Mittelalter üblich, wobei er als Folge der Erbsünde angesehen und zumeist hässlich wiedergegeben wurde.“
(Das große Kunstlexikon von P. W. Hartmann, dort Art. „Tod“: http://www.beyars.com/kunstlexikon/lexikon_9034.html) Damit kommen wir zuerst zum Genius mit der gesenkten Fackel (2. Strophe: „Der stille Gott taucht meine Fackel nieder…“).
„Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts hatte sich die barocke Symbolik offenbar verbraucht und auf dem Boden von Italiensehnsucht, Neoklassizismus und der Kultur der Empfindsamkeit wurden neue Ausdrucksformen erprobt, die dem Zeitgeist entsprachen.
Am deutlichsten wird diese neue Auffassung von Gotthold Ephraim Lessing formuliert, dessen Schrift «Wie die Alten den Tod gebildet» (1769) eigentlich einem Gelehrtenstreit entsprang. In dieser Polemik führt Lessing die These aus, dass in der antiken Kunst die Personifikation des Todes als Zwillingsbruder des Schlafes dargestellt sei und einem Genius mit gesenkter Fackel gleiche. Inspiriert von Winkelmann war Lessing der Auffassung, dass die alten Griechen nur schöne Gegenstände dargestellt und hässliche vermieden hätten. Deshalb hätten die Künstler den Tod nicht in einem Bild dargestellt, das Moder und Verwesung oder ein hässliches Gerippe zeigt. Sie hätten lieber ein Bild gewählt, dessen sich auch die Sprache bedient, die den Tod als „ewigen Schlaf” bezeichnet.
Das Antikenbild Lessings und seiner Zeitgenossen war entscheidend von Winkelmanns Werk «Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in Malerei und Bildhauerkunst» (1755) und den wenigen archäologischen Fundstücken seiner Zeit geprägt.
Unter dem Eindruck der neuen Funde und Bewertung dieser Stücke entwickelte sich in Rom eine Kunstszene von Gelehrten, Künstlern, Sammlern und Kritikern. Neben den Anfängen einer systematischen wissenschaftlichen Erforschung der antiken Kunst mit all ihren Irrtümern wurde die griechische Antike in vielerlei Hinsicht zum Ideal für eine neue humanistische Gesinnung. In Winkelmanns Beschreibung von «edler Einfalt und stiller Größe» fand man ein künstlerisches Ideal, dass sich aller verstaubten Embleme, Symbole und Allegorien des Barocks enthob.“
Katharina Braum, die ich hier ausführlich zitiert habe, kommentiert diese historische Darstellung so: „Archäologisch hat Lessing sich geirrt. Das Bruderpaar Schlaf und Tod aus der Illiasdarstellung ‚die Bestattung Sarpedon‘, auf das sich Lessing bezieht, entstammt der Vasenmalerei aus dem 4. bis 6. Jahrhundert vor Christus. Die Knaben mit den umgestürzten Fackeln stammen aus der spätantiken, römischen Kunst. Sie gehören dem ikonografischen Typ der Eroten an und konnten, wenn sie auch ein Todes-  und Grabessymbol sind, ohne weiteres von der christlichen Kunst als dekoratives Beiwerk übernommen werden.“ (http://www.fantom-online.de/seiten/12d7.htm)
Klären wir auch noch kurz, was ein Genius ist: „Im altrömischen Glauben die Personifikation der dem Mann innewohnenden zeugenden Kraft. Jeder Mann verehrte seinen speziellen Schutzgeist und brachte ihm Speise- und Räucheropfer dar. Der Genius wurde auch beim Eid als Schwurzeuge angerufen und die Schwurhand dabei zum Bezeugen der Wahrheit an die Genitalien gelegt. Dem Genius des Mannes entsprach die von Frauen verehrte Göttin Juno, als Inbegriff der Gebärkraft. Später wurden die Genien ganz allgemein als Schutzgeister angesehen, der Familie, des Hauses oder eines bestimmten Ortes.“ (wiederum nach P.  W. Hartmann, Art. „Genius“: http://www.beyars.com/kunstlexikon/lexikon_3358.html)
Wenn man sich über die Unterwelt-Vorstellungen informiert, findet man bei vielen Völkern die Vorstellung, dass sie durch einen großen Fluss vom Land der Lebenden getrennt ist. Der Tote muss von einem Fährmann oder Seelenführer über diesen gefährlichen Fluss geleitet werden. In der nordischen Mythologie gibt es eine Brücke, über die der Tote die Unterwelt erreichen kann. – Fasst man die Ergebnisse dieser Bild-Untersuchungen zusammen, dann sieht man, dass Schiller mit seinen Zeitgenossen sich bereits in dieser Bilderwelt weit vom Christentum entfernt hat. [Ich verweise der Vollständigkeit halber noch auf Schillers Epigramm „Der Genius mit der umgekehrten Fackel“, 1796.]

Was geschieht also in dem Gedicht? Das klagende Ich hat gezeigt, dass seine scheinbar selbstlose Verzichtmoral einem großen Tauschgesetz unterliegt, dass es ein Geschäft machen möchte: irdische Leiden gegen ewige Belohnung: Rechnung halten (V. 25), zahlen (31), Schmerzen wuchern (V. 38), Schuldverschreibung (V. 46), „dein Lohn ist abgetragen“ (V. 96). Diese Rechnung ist nicht aufgegangen, sagt der Genius. Der Lohn ist bereits im Leben abgetragen worden (Perfekt), „Dein Glaube war dein zugewognes Glück“ (V. 97). Jeder der beiden Lebenswege (Blumen, Str. 18 f.) hat sein Glück in sich, immanent, und somit stehen die beiden Lebenswege gleich gültig und gleichberechtigt nebeneinander: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.“ (V. 95) Ein anderes Gericht gibt es nicht, den wahren Weg gibt es nicht.
Riedel verweist darauf, dass der Satz des Genius („Mit gleicher Liebe lieb ich meine Kinder“, V. 86) an die Ringparabel anklingt, wo der Vater seine drei Söhne gleichermaßen liebt. Riedel sieht auch den Atheismusstreit des 18. Jahrhunderts als Hintergrund des Gedichts. Er meint sogar nachweisen zu können, dass Schiller David Humes „The Natural History of Religion“ (1757, dt. 1759) über seinen Lehrer Abel gekannt haben müsse, was sich hier im Gedicht zeige.
„Resignation“, der Titel des Gedichts, hatte zur Zeit Schillers zwei Bedeutungen, eine kirchenrechtliche (Verzicht auf ein Amt) und eine theologische aus der Mystik: Resignation ist die Übergabe der Seele an Gott, die gänzliche Aufgabe des Eigenen. So spricht das Ich: „All meine Freuden hab ich dir geschlachtet“ (V. 81), vgl. auch Str. 7 und 8! Doch entgegen dieser ursprünglichen Intention zeigt sich hier, dass das sich opfernde Ich der Logik des Tauschs, des Geschäftemachens gefolgt ist. Das ist einmal Entlarvung der scheinbaren Selbstlosigkeit, verbunden mit der Zurückweisung der Erwartung jenseitiger Belohnungen. Und Genießen und Glauben stehen letztlich gleichberechtigt nebeneinander, auch wenn Schiller das beim Erscheinen des Gedichts abgeschwächt und erst recht später bestritten hat.

Im Kontext dieses Gedichtes stehen „Freigeisterei der Leidenschaft“ und „An die Freude“; der biographische Hintergrund ist Schillers intensives Verhältnis zu der verheirateten Frau Charlotte von Kalb.

Erläuterungen:
V. 1 et ego in arcadia: „Auch ich war in Arkadien“ (ein Grabspruch)
V. 5 Lenz: Frühling
V. 17: verhüllte Richterin: die blinde Göttin der Gerechtigkeit (mit Tuch vor den Augen, damit sie unparteiisch richten kann)
V. 18 jener Stern: die Erde
V. 23 des Herzens Krümmen: die verborgenen Krummheiten (Fehler)
V. 24 Vorsicht: die göttliche „Vorsehung“ (schicksalhafte Bestimmung)
V. 26 der Verbannte: Wir sind nur Gast auf Erden…
V. 29 die meisten/wenige: die breite Straße / der schmale Weg des Lebens
V. 33 Weisung: vielleicht Anweisung (finanziell); vielleicht Verweis, Hinweis
V. 37 Laura: in Schillers Gedichten die verehrte Geliebte
V. 44 Erde und Himmel fliegen auseinander: beim Weltuntergang (Endgericht); die Parallele von individuellem Gericht jedes Toten und allgemeinem Endgericht am „Ende“ der Welt ist auch theologisch nicht aufgelöst.
V. 49 Schatten: Anspielung auf die Schattenexistenz in der Unterwelt, hier auch: Lügen
V. 50 Schein: sowohl Schuldschein wie bloßer Schein
V. 52 Verjährung: sein hohes Alter (gibt ihm eine Art Weihe)
V. 55 Menschenwitz: menschlicher Geist, der sich „Götter ausdenkt, um die Not(durft) der Menschen jetzt erträglich zu machen
V. 56 Gewürme: die Untertanen als Würmer der Mächtigen
V. 58 ff. Ähnlich hat bereits Epikur die Götterfurcht der Menschen zu entkräften versucht.
V. 61 heißt: vielleicht „verheißt“; Gräber verdecken die Zukunft; vgl. Str. 15: es ist noch nie ein Toter zurückgekommen, um die religiösen Tröstungen zu bestätigen.
V. 62 eitel: nichtig
V. 62 prangen: angeben
V. 63 vgl. V. 52
V. 65 Im Hohlspiegel sieht man alles vergrößert.
V. 71 Die Verwesung widerlegt alle Hoffnungen: Es bleibt nichts übrig.
V. 76 ff.: Rückgriff auf Str. 9, 15, 6, 7, 8, 11
V. 85 Die Anrede „Vergelterin“ greift die Klage von Str. 4 abschließend auf.
V. 99 f. Der Satz ist ein Sprichwort geworden.