Keller: Frühlingsglaube – Analyse

Es wandert eine schöne Sage…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=203 (späte Fassung, dazu Links zu früheren Fassungen)

http://www.gottfriedkeller.ch/gedichte/gframeset.html?http://www.gottfriedkeller.ch/gedichte/gg1_2.htm (dort Nr. 027)

http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/content/pageview/5118858 (in der Freimann-Sammlung)

„Dem griechischen – später von den Römern übernommenen – Mythos zufolge waren die sozialen Verhältnisse damals ideal und die Menschen hervorragend in ihre natürliche Umwelt eingebettet. Kriege, Verbrechen und Laster waren unbekannt, die bescheidenen Lebensbedürfnisse wurden von der Natur erfüllt. Im Verlauf der folgenden Zeitalter (Silbernes, dann Ehernes [d.h. Bronzenes], sodann Zeitalter der Heroen) trat jedoch ein moralischer Verfall bis hin zum heutigen Eisernen Zeitalter ein, Macht- und Besitzgier wurden immer stärker, und die Lebensbedingungen verschlechterten sich drastisch. In der Gegenwart (der Lebenszeit des Mythenerzählers) ist diese negative Entwicklung extrem geworden. Manche römische Autoren verkündeten aber den Anbruch einer neuen Epoche des Friedens und der Eintracht als Erneuerung des Goldenen Zeitalters.“ (wikipedia, Art. „Goldenes Zeitalter“) In der Neuzeit wurde dieser Mythos wieder belebt, u.a. von Rousseau. „Fundamentale Kritik an der Verherrlichung des Goldenen Zeitalters übte Immanuel Kant aus der Perspektive eines Anhängers der Fortschrittsidee. Er meinte, eine leere Sehnsucht habe das Schattenbild der mythischen Urgesellschaft erzeugt. Das Attraktive an dem Mythos sei der reine Genuß eines sorgenfreien, in Faulheit verträumten oder mit kindischem Spiel vertändelten Lebens. In Wirklichkeit könne der Mensch aber weder mit einem solchen Zustand zufrieden sein noch in ihn zurückkehren. Wer den Wert des Lebens nur im Genuss suche, gelange zu einem Überdruss an der Zivilisation und damit zu dem nichtigen Wunsch nach Rückkehr in jene Zeit der Einfalt und Unschuld.“ (ebenda)

Dieser Kritik Kants hat sich Schiller mit seinem Gedicht „Die Worte des Wahns“ (1800) angeschlossen, welches vielleicht der Bezugspunkt von Kellers Gedicht ist und deshalb hier teilweise zitiert wird:

Drei Worte hört man, bedeutungsschwer,
Im Munde der Guten und Besten.
Sie schallen vergeblich, ihr Klang ist leer,
Sie können nicht helfen und trösten.
Verscherzt ist dem Menschen des Lebens Frucht,
Solang er die Schatten zu haschen sucht.

Solang er glaubt an die goldene Zeit,
Wo das Rechte, das Gute wird siegen –
Das Rechte, das Gute führt ewig Streit,
Nie wird der Feind ihm erliegen,
Und erstickst du ihn nicht in den Lüften frei,
Stets wächst ihm die Kraft auf der Erde neu.

Solang er glaubt, daß das buhlende Glück
Sich dem Edeln vereinigen werde –
Dem Schlechten folgt es mit Liebesblick;
Nicht dem Guten gehöret die Erde.
Er ist ein Fremdling, er wandert aus
Und suchet ein unvergänglich Haus.  […]

Dagegen setzt wiederum Keller (zusammen mit den utopischen Sozialisten seiner Zeit) das Bekenntnis zum Glauben an das Goldene Zeitalter – eben das Gedicht „Frühlingsglaube“. Schon der Titel ist bezeichnend: Besagter Glaube wird mit dem Frühling verbunden, dem Aufbruch neuen Lebens nach dem dunklen Winter (Analogie: Tod, vgl. die letzte Strophe des Gedichts!). Der Sprecher des Gedichts tritt als prophetischer Visionär auf, nicht als lyrisches Ich; Keller hat Gedankenlyrik produziert, wie Schiller, und eine politische Vision verkündet.

In der 1. Strophe berichtet der Sprecher, dass es die „schöne Sage“ vom Goldenen Zeitalter auf der ganzen Erde gibt; die beiden Vergleiche (Veilchenduft, sehnende Liebesklage, V. 2 f.) bestimmen einmal die Qualität der Sage (Veilchen: Frühling), einmal die Einstellung der Völker (sehnende Klage) näher.

In den drei folgenden Strophen wird die „Sage“ als „Lied“ benannt und inhaltlich gefüllt: Völkerfrieden, Einheit im Glauben (in den letzten Überzeugungen), Herrschaft des Rechts (V. 11 f.), Ende des Egoismus (so lese ich die dunkle Stelle V. 15). Zugleich wird der Glaube an das Goldene Zeitalter bewertet: Es ist ein Traum, der zur Wahrheit wird (V. 8); wer ihn dagegen „für Traum und Wahnsinn“ hält (V. 16), ist von Egoismus besessen – die letzte Sünde in der glücklichen Welt (V. 13 f.).

In der letzten Strophe wird der Träger solcher Sünde endgültig verdammt: „Der wäre besser ungeboren: / Denn lebend wohnt er schon im Grab.“ (V. 19 f.) Diese Verdammung ist genauso unbegründet und ideologisch getönt wie Schillers Urteil über den naiven Gläubigen: „Verscherzt ist dem Menschen des Lebens Frucht, / Solang er die Schatten zu haschen sucht.“ Wenn Othmar Schoeck 1943 „Frühlingsglaube“ als Lied singt, ist das allerdings ein helles Zeichen in dunkler Zeit.

Das Gedicht ist in einem vierhebigen Jambus abgefasst, wobei Vers 1 und 3 jeder Strophe eine Silbe zusätzlich, also eine weibliche Kadenz haben; zusammen mit dem Kreuzreim und dem Satzbau läuft das auf eine Konstruktion der Strophe aus zwei Doppelversen hinaus, wobei wegen des Taktes nach V. 1 und 3 trotzdem eine ganz kleine Pause gemacht wird. Die entscheidenden Reime sind die von V. 2/4 jeder Strophe, wobei man den ganzen Satz als Bezugsgröße nehmen muss. In der 1. Strophe ist dieser Reim banal. Für die 2. Und 3. Strophe zeige ich exemplarisch des Sinn des Reimes auf: Das Lied vom Glück (V. 5 f.) kehr als Wahrheit zurück (V. 7 f.); man betet zum einen Hirt (V. 9 f.), wenn Recht gesprochen wird (V. 11 f.).

Sachlich sind V. 11 f. und V. 15 f. nicht leicht zu verstehen. Wieso wird gerade den Propheten Recht gesprochen (und nicht allen Menschen)? Die Propheten (des Alten Testaments) waren jene Männer, die auf ihre Weise für Recht und Gerechtigkeit, für Wohltätigkeit und Nächstenliebe eingetreten sind und oft genug deswegen verfolgt wurden. – Was Eigen-Neid ist, ist nicht ganz klar; ich lese es als „Egoismus (bzw. Eigen-Sinn) aus Neid“. Dass im Gedicht nur solcher Eigen-Neid als Grund für die Skepsis gegenüber dem Glauben ans Goldene Zeitalter gesehen wird, ist sachlich problematisch. Dem entspricht in der letzten Strophe die Unterstellung, dass manche Leute diese Hoffnung „böslich“ aufgegeben haben (V. 17 f.) – Das Apodiktische dieses Verdammungsurteils unterscheidet sich nicht vom Schillers Härte in seinen Gedichten „Die Worte des Wahns“ (1800) oder „Die Worte des Glaubens“ (1798).

Kellers Gedicht ist erstmals in „Gedichte“ (1846) erschienen, in der Abteilung „Natur“; es steht damit im Kontext seiner politischen Kämpfe gegen den Jesuitismus und für eine fortschrittliche Schweiz, wie er sich auch im Gedicht Sonnenaufgang oder in Waldlieder spiegelt – Es gibt auch ein Gedicht L. Uhlands mit dem gleichen Titel „Frühlingsglaube“, das man nicht mit dem Gedicht Kellers verwechseln sollte.

Der Blick in eine Suchmaschine zeigt, dass auch heute der Einbruch eines Goldenen Zeitalters von verschiedenartigsten Missionaren erwartet wird.

Sonstiges

https://www.bibelwerk.de/Materialpool.12795.html/Material+zu+biblischen+Themen.15649.html?id=36641 (Propheten)

http://www.lesekost.de/gedicht/HHLG10.htm (Uhland: Frühlingsglaube)

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Eichendorff: Wünschelrute – Analyse, Interpretation

Schläft ein Lied in allen Dingen …

Text

http://www.uni-due.de/lyriktheorie/texte/1838_eichendorff.html (mit Sekundärliteratur)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=126

http://www.zeno.org/Literatur/M/Eichendorff,%20Joseph%20von/Gedichte/Gedichte%20(Ausgabe%201841)/2.%20S%E4ngerleben/W%FCnschelrute

http://de.wikisource.org/wiki/W%C3%BCnschelrute

http://www.textlog.de/22558.html

Das Gedicht ist 1835 entstanden und 1838 in „Deutscher Muselalmanach“ veröffentlicht worden. In der Ausgabe der Gedichte von 1841 steht es unter „2. Sängerleben“ als letztes.

Die Überschrift heißt „Wünschelrute“; in V. 4 wird die Kenntnis oder das Finden eines Zauberworts erwähnt; statt „Zauberwort“ sind „Zauberformel“ oder „Beschwörungsformel“ geläufig. Beide Größen gehören in den Bereich des Magischen oder des Märchenhaften; auch wenn sie von Eichendorff metaphorisch gebraucht werden, sollte die ursprüngliche Eigenart beider Größen bekannt sein. Daher fangen wir hier mit deren Klärung an:

Wünschelrute, s. v. w. Zauberrute, nach dem altdeutschen Wort wünschen, welches s. v. w. zaubern bedeutet, auch kurz der »Wunsch« genannt (z. B. im Nibelungenlied, wo es heißt: »Es lag der Wunsch darunter, von Gold ein Rütelein«), ein Baumzweig, mit dessen Hilfe man vergrabene Schätze, Metalladern, Quellen und andre verborgene Dinge aufzufinden hoffte.“ (Meyers Großes Konversations-Lexikon, 1892)

Wünschelrute, ein zauberhafter heilbringender Stab, war in Deutschland von alters her bekannt und wurde besonders im spätern Mittelalter zum Gegenstande eines bis in die neuere Zeit fortdauernden Aberglaubens. Man glaubte mittels der W. verborgene Schätze, Erzadern, Wasserquellen, ja selbst Verbrecher entdecken zu können und brach sie unter gewissen Bedingungen und Formeln von dem gezwieselten (gabeligen) Aste eines Haselstrauchs oder Kreuzdorns, oder machte sie nach aus Metalldraht […]. Bei dem Gebrauche kam es darauf an, sie unter Hersagung der nötigen Formeln richtig in der Hand zu halten; dann zeigte sie durch ihre Bewegung, ob und wo die gewünschten Gegenstände verborgen seien.“ (Brockhaus’ Konversationslexikon, 1896)

Beschwörungsformel (v. mhd. beswern = bitten, mit Zaubersprüchen bewältigen; mlat. incantatio, incantamentum). Bei magischen Handlungen zur Schadensabwehr und zur Heilszuwendung kam – neben zeremoniellen Gebärden und Zeichen sowie der Beachtung bestimmter Zeiten und Orte – dem Wort in gebundener Rede besondere Zauberkraft zu. Zur Verhütung mannigfaltiger Schadensfälle bei Mensch und Tier gab es Abwehr-, Heil- und Lösesprüche, etwa gegen Ungeziefer, Raubgetier, Unwetter, Feuer, Diebe, Dämonen, Geister und Hexen sowie gegen eine Vielzahl von Krankheiten. Nicht selten haben sich Beschwörungsformeln aus Gebetsformeln entwickelt, wenn anstatt eines christlichen Idols ein Dämon angerufen wurde.“ (Mittelalter Lexikon)

Zaubersprüche aus Grimms Märchen

http://www.paranormal.de/hexen/forum/19052-zaubersprueche-aus-grimms-maerchen

http://bruggernet.de/edeltraud/maerchen/zaubersprueche.htm

Ein ungenannter allwissender Sprecher erklärt, wie man die Welt zum Singen bringen kann. Er beschreibt zu Beginn, dass in allen Dingen ein Lied „schläft“ – dadurch, dass mit diesem Wort das Gedicht eröffnet wird (das grammatisch korrekte „Es“ ist fortgelassen), wird dieses Schlafen als der Elementarzustand eingeführt; das ist eine so durch und durch metaphorische Aussage, dass wir keinen Anhalt für eine sichere Deutung haben. Das gilt erst recht für den folgenden Relativsatz, der an „Dingen“ anschließt: „Die da träumen fort und fort.“ Wenn man die Vorstellung von der Wünschelrute hinzunimmt, kann man den Sinn der beiden ersten Verse so verstehen, dass da von einem verborgenen Wesen der Dinge die Rede ist, welches durch die Wünschelrute gefunden werden soll.

Mit der Konjunktion „Und“ (V. 3) schließt dann die entscheidende Aussage an:

„Und die Welt hebt an [fängt an] zu singen,

Triffst du nur das Zauberwort.“

„Und“ drückt aus, was aus sich der ersten Aussage ergibt: Wenn man über die Wünschelrute verfügt, wenn man das Zauberwort „trifft“, erlöst man die Welt aus ihrem Traum-Bann und bringt sie zum Singen: Man befreit das in allen Dingen schlafende Lied.

Zwei Fragen stellen sich an diese metaphorisch gesättigten Aussagen: 1. Was tun die Dinge, wenn sie nicht singen? 2. Wie kann man das Zauberwort treffen? Die zweite Frage beruht auf der Voraussetzung, dass „du“ jedermann ist, also kein einzelner Adressat – die Aussagen des Gedichts sind ja ganz allgemein gehalten, ohne eine Markierung der Ich-hier-jetzt-Position.

Was tun die Dinge, wenn sie nicht singen? Sie sind stumm. In Schillers Gedicht „Die Götter Griechenlands“ (1788, hier in der 2. Fassung 1800) wird diese durch die neuzeitliche Rationalität heraufgeführte Stummheit beklagt:

„Da ihr [die Götter Griechenlands, N.T.] noch die schöne Welt regieret,

An der Freude leichtem Gängelband

Selige Geschlechter noch geführet,

Schöne Wesen aus dem Fabelland!

Ach! da euer Wonnedienst noch glänzte,

Wie ganz anders, anders war es da!

Da man deine Tempel noch bekränzte,

Venus Amathusia!

 

Da der Dichtung zauberische Hülle

Sich noch lieblich um die Wahrheit wand, –

Durch die Schöpfung floß da Lebensfülle,

Und, was nie empfinden wird, empfand.

An der Liebe Busen sie zu drücken,

Gab man höhern Adel der Natur,

Alles wies den eingeweihten Blicken,

Alles eines Gottes Spur.“

Und die letzte Strophe der zweiten Fassung (1800) lautet:

„Ja, sie kehrten heim, und alles Schöne,

Alles Hohe nahmen sie mit fort,

Alle Farben, alle Lebenstöne,

Und uns blieb nur das entseelte Wort.

Aus der Zeitflut weggerissen, schweben

Sie gerettet auf des Pindus Höhn,

Was unsterblich im Gesang soll leben,

Muß im Leben untergehn.“

Wenn man Schillers Gedicht zur Erklärung heranzieht, ergibt sich für Eichendorff: Die Dinge schlafen, weil sie nur noch mit entseelten Worten benannt werden. (Schiller machte dafür das Christentum verantwortlich, bei Eichendorff ist kein Schuldiger benannt; romantisch ist primär die Abkehr von der mathematisch-technisch bestimmten Naturwissenschaft und Industrie). Wenn man jedoch die Lebenstöne trifft, selber den Gesang anstimmen kann, dann hebt auch die Welt an zu singen, sagt Eichendorff. Das kann jedoch allein ein Dichter – wobei „Dichter“ nicht den professionellen Schriftsteller meint, sondern den, der aus seinem Herzen heraus lebt und spricht und singt. Das ist auch „das Volk“, dessen Märchen und Lieder seit Herder, also etwa seit 1770 als die wahre Poesie gelten. (Über die Verbindung des Sturm und Drang zur Romantik brauchen wir jetzt nicht zu sprechen.)

In Eichendorffs Gedicht „An die Dichter“, dem vorletzten der Abteilung „Sängerleben“ von 1841, heißt es:

„Der Dichter kann nicht mit verarmen;

Wenn alles um ihn her zerfällt,

Hebt ihn ein göttliches Erbarmen –

Der Dichter ist das Herz der Welt.

 

Den blöden Willen aller Wesen,

Im Irdischen des Herren Spur,

Soll er durch Liebeskraft erlösen,

Der schöne Liebling der Natur.

 

Drum hat ihm Gott das Wort gegeben,

Das kühn das Dunkelste benennt,

Den frommen Ernst im reichen Leben,

Die Freudigkeit, die keiner kennt.

 

Da soll er singen frei auf Erden,

In Lust und Not auf Gott vertraun,

Daß aller Herzen freier werden,

Eratmend in die Klänge schaun.“

Als einen solchen  Dichter hat Eichendorff sich sicher selbst gesehen; er stellt mit der „Wünschelrute“ wie auch mit dem voraufgehenden „An die Dichter“ sein poetisches Programm vor, beide sind poetologische Gedichte.

Wir haben ein Gedicht vor uns, das aus zwei Hauptsätzen (V. 1, 3) und zwei Nebensätzen besteht, einem Relativsatz (V. 2) und einem Konditionalsatz (V. 4). Es ist im Trochäus verfasst, vierhebig, wobei die Hauptsätze eine weiche Kadenz aufweisen, also vier volle Takte, während die Nebensätze um eine Silbe verkürzt sind (männliche Kadenz), was „Pause“ signalisiert – abgesehen davon, dass jeweils auch ein Satzgefüge vollendet ist. Betont sind die Wörter „Schläft, Lied, träumen, [fort, fort,] singen, Zauberwort“. Dem Wortfeld des Schlafens (schlafen, träumen) steht das der Musik (Lied, singen) gegenüber; sie werden miteinander durch die Wörter des Zauberischen (Wünschelrute, Zauberwort) verbunden. Wenn die Verbindung gelingt, beginnt („hebt an“) etwas Neues, der Klang oder Gesang der  Welt.  – Sowohl durch die Liedform (Volksliedstrophe) als auch durch die benannten Wortfelder ist dem Gedicht etwas Zauberhaftes eigen, das seine bis heute ungebrochene Wertschätzung begründet.

Nachtrag zur Wortgeschichte „Wünschelrute“

Im DWB (Grimm) finden wir zu „Wünschelrute“: „2) im nhd. die von bestimmten sträuchern geschnittene meist gabelförmige rute zum aufspüren von erzen, wasseradern und überhaupt verborgenen dingen.“ Und dann gibt es Zeugnisse für einen metaphorischen Sprachgebrauch: „c) übertragen auf kräfte, fähigkeiten u. dgl., die nichtdingliches, besonders nicht unmittelbar einsichtige geistige oder seelische gegebenheiten aufzudecken vermögen: (einige musiktheoretiker) machen die music zu einer solchen mathematischen wissenschafft, dabey alle zahlen, linien, maassen, gewichte … ins gewehr und spiel kommen müssen. überdies thun sie mit ihrer wünschel-ruthe der ton-lehre noch den schimpf an, und machen sie dem einmahleins gar unterwürffig Mattheson d. vollk. capellmeister (1739) 5; und wie heilig wäre mir die scene mit dem baum, wenn die wünschelruthe des dichters historische wahrheit entblöszt haben sollte Lenz in: aus Herders nachlasz 1, 226 Düntzer-H.; Lichtenbergs schriften können wir uns als der wunderbarsten wünschelruthe bedienen; wo er einen spasz macht, liegt ein problem verborgen Göthe II 11, 119 W.;“ bereits bei Herder und Goethe finden wir also „Wünschelrute“ im gleichen Sinn wie bei Eichendorff gebraucht, während Mattheson (1739) gerade das streng regulierte Komponieren als Arbeit mit einer mathematischen Wünschelrute verspottet. – Das sind lexikalische Befunde: Die Frage ist, ob Eichendorff und erst recht seine Leser sie gekannt haben; sie zeigen jedoch, dass die Wünschelrute-Metapher um 1800 nicht ganz abwegig war.

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=W%C3%BCnschelrute_(Eichendorff)&stable=0&shownotice=1&fromsection=Inhalt

http://books.google.de/books?id=fEWg3iU6Y-sC&pg=PA657&lpg=PA657&dq=eichendorff+w%C3%BCnschelrute&source=bl&ots=Cv7XhYxjGx&sig=z7yTSkLJu0c-OkbYXmcp7egLdpI&hl=de&sa=X&ei=pD4rUa2GLuzQ4QTuyIGICQ&ved=0CDsQ6AEwAzgy#v=onepage&q=eichendorff%20w%C3%BCnschelrute&f=false (Otto Eberhardt, „Wünschelrute“ sachlich bei Eichendorff, S. 657 f.)

http://lyrik.antikoerperchen.de/joseph-von-eichendorff-wuenschelrute,textbearbeitung,244.html (langatmig bis geschwätzig, nicht alles richtig)

http://www.stiftikus.de/umbruh19/wuenschel.doc (abgeschrieben von Alewyn)

http://de.scribd.com/doc/28156676/K12-Deutsch-Mitschrift-Einfuhrung-in-die-Romantik (Stichworte aus dem Unterricht)

http://www.abiunity.de/print.php?threadid=2040&page=1&sid= (Interpretation in einem Forum)

http://www.marie-herberger.de/mediawiki/index.php/Joseph_Freiherr_von_Eichendorff_-_W%C3%BCnschelrute (knapp)

http://suite101.de/article/gedichtinterpretation-eichendorff-a51381 (Anregungen zur eigenen Analyse)

http://www.uni-regensburg.de/sprache-literatur-kultur/germanistik-ndl-1/medien/pdf/ditsche.pdf (Neuro-Erklärung der sprachlichen Wünschelrute)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=PQk9Z67A2Bk (Konrad Beikircher)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/schlaeft-ein-lied-in-allen-dingen.html (Fritz Stavenhagen)

http://www.youtube.com/watch?v=YAKNJbKyX5s (Lutz Görner)

http://www.lyrik-audio.de/index.php?cat=DichterD-F (mir unbekannt)

http://www.youtube.com/watch?v=FuigwpfFT4o (vertont: T. Baumann)

http://www.youtube.com/watch?v=se2BoivJXqY (vertont)

http://www.youtube.com/watch?v=eAbCqAYQMuY („Die Zaunreiter“)

http://www.youtube.com/watch?v=z-YI_QUbLzM ( ? )

http://www.youtube.com/watch?v=ecf0LJpdIAg ( ? )

http://www.youtube.com/watch?v=sXnWJDpXxAo ( ? )

http://www.youtube.com/watch?v=saM_wu9uBrM (Kinderchor)

http://www.youtube.com/watch?v=zTh5U6XNSF0 (Schüler spielen „Lindenberg singt Eichendorff“)

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%BCnschelrute (Erklärung: Wünschelrute)

http://www.lehrer-online.de/427686.php (Unterrichtsanregungen)

http://www.e-hausaufgaben.de/Thema-156093-Die-Wuenschelrute-Gedicht-in-Prosa-umwandeln.php (Unterricht de facto: „Ich soll es zu einer Prosa umwandeln … aber wie?“)

http://www.gedichte.com/threads/145804-Glossengedicht-zu-Eichendorffs-W%C3%BCnschelrute-als-Themagedicht (Unterricht de facto: ein Glossengedicht dazu schreiben)

http://romantischeschule.wordpress.com/2009/01/27/novalis-wenn-nicht-mehr-zahlen-und-figuren/ (vergleichen mit Novalis: Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren)

http://www.studienseminar-lueneburg.de/asu/fach/deutsch_holmes/musterentwurf_d2.pdf (Stundenentwurf: Anregung zum Gedichtvergleich mit Rilke: Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort)

http://www.weberberg.de/triffst-du-nur-das-zauberwort.html (Parodie des Gedichts)

Brecht: O Lust des Beginnens – Analyse

O Lust des Beginnens! O früher Morgen!…

Text

http://www.pathologie-moers.de/sinne/olust.htm

http://www.gestaltung.hs-mannheim.de/designwiki/files/10941/motivation_2_semester_ss2009.pdf (andere Textgestalt)

http://members.aon.at/sroth/lyrik/brecht.htm (dito)

http://www.bibl.u-szeged.hu/exhib/brecht/brecht2.html (mit dem „Blick der Liebe“, aber ohne den passenden Zeilenschnitt)

Das Gedicht ist um 1945 entstanden, während der Arbeit am Messingkauf. Es gibt auch einen Zusammengang mit dem Galileo, der zwischen 1945 und 1947 entstanden ist: „Wie sagt der Dichter? ‚O früher Morgen des Beginnens!…’“ (Bild 1: es 1, S. 10), sagt Galilei. Darauf zitiert Andrea: „O früher Morgen des Beginnens! / O Hauch des Windes, der / Von neuen Küsten kommt!“  Galilei hatte zuvor im Zusammenhang mit der wissenschaftlichen Revolution und der Herrschaft des Zweifels den Aufbruch aufs offene Meer propagiert (S. 8 ff.). – Im Kommentar der sechsbändigen Werkausgabe (Bd. 4, S. 548) wird auf Gedichte Whitmans und Baudelaires als mögliche Quellen von Brechts Gedicht verwiesen, wobei nur Whitmans Gedicht „Ein Sang der Freuden“ den gleichen fröhlichen Ton wie das vorliegende Gedicht besitzt.

Die Textgestalt schwankt bei den Versionen, die man im Internet findet. Ich halte mich an die Gestalt  des ersten Links (ohne Stropheneinteilung, mit dem Teilvers 8 „O Beginn der Liebe…“), die auch in der Werkausgabe zu finden ist.

Ein ungenannter Sprecher preist die Lust des Beginnens (V. 1). Wo er diese Lust erlebt hat, wird in den folgenden Versen preisend dargestellt, jeweils persönlich angesprochen (was mich an Goethes „Mailied“ erinnert): „O früher Morgen!“ (V. 1) So geht die Reihe weiter: erstes Gras im Frühjahr, erste Seite des neuen Buchs, erster Wasserguss, das frische Hemd, der Beginn der Liebe, Beginn der Arbeit, erster Zug beim Rauchen – und zum Schluss: „Und du / Neuer Gedanke!“ (V. 12 f.)

Das Neue des Brecht’schen Gedichts zeigt sich im Vergleich mit Goethes „Mailied“: Bei Goethe waren es Frühling, Natur und Liebe, die gepriesen, ja angehimmelt wurden – die klassischen Themen der Lyrik; jetzt kommen auch so prosaische Dinge wie ein Wasserguss beim Waschen, ein frisches Hemd oder der Beginn der Arbeit hinzu; selbst das Rauchen bleibt nicht unerwähnt, aber den Schluss bildet als Höhepunkt der neue Gedanke. Brechts Gedicht berührt sich an einer Stelle auch mit Hesses „Stufen“:

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,


Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

Bei Hesse wird erklärt, worin der Zauber der neuen Stufen besteht; bei Brecht werden sie nur in ihrer Vielzahl gepriesen.

Das Neue – das ist ein altes Thema, seit die Menschen den Glauben an die ewig gleiche kreisende Bewegung der Gestirne aufgegeben haben. Schiller hat es im Gedicht „Die Hoffnung“ besungen. Ja, die Hoffnung auf das Neue ist noch älter: Es ist die eschatologische Hoffnung, die an die religiöse Chiffre „Auferweckung der Toten“ gebunden ist und unter dem Symbol des neuen Jerusalems vorgestellt wird: „Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein…“ (Apk 21,3) Wir sind bescheidener geworden; wir genießen den frischen Wasserguss in ein verschwitztes Gesicht und den Beginn der Liebe. – Als Kontrastprogramm könnte man Peter Bichsels Erzählung „Ein Tisch ist ein Tisch“ nennen.

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=so0GiW_0Lb0

Rezeption

http://www.donaukurier.de/nachrichten/kultur/Ingolstadt-Alles-auf-Anfang;art598,2502869

Sonstiges

http://www.zeno.org/Literatur/M/Whitman,+Walt/Lyrik/Grashalme+(Auswahl)/%C2%BBEin+Sang+der+Freuden%C2%AB/Ein+Sang+der+Freuden (Whitman: Ein Sang der Freuden)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Baudelaire,+Charles/Lyrik/Die+Blumen+des+B%C3%B6sen+(Auswahl)/Pariser+Bilder/Morgend%C3%A4mmerung (Baudelaire: Morgendämmerung)

Schiller: Die Hoffnung (http://www.autoren-gedichte.de/schiller/die-hoffnung.htm)

Schiller: Don Karlos – Inhaltsangabe

(Die Vorstufe dieser Inhaltsangabe stammt von der Kollegin Bettina Seifert.)

1. Akt: Der königliche Garten in Aranjuez – Exposition

1. Szene
Im Palast in Aranjuez wird klar, dass Don Carlos (Kronprinz, 1545 – 1568, Sohn der ersten Frau Philipps) die Zeit auf dem Land unglücklich war. Domingo versucht, der Schwermut von Carlos auf den Grund zu gehen, und rät ihm…

Die Inhaltsangabe finden Sie jetzt auf dem Lehrermarktplatz unter meinem Namen (Norbert Tholen).

Das Lehrerheft zu „Don Karlos” ist im Verlag Krapp & Gutknecht erschienen.

Schiller: Wilhelm Tell – Inhalt, Aufbau, Analysen

Situation im Tell-Drama:

I 1 spielt am 28. Oktober 1307. Der König von Österreich will die freien Kantone der Schweiz unterwerfen. Der König von Österreich bekleidet gleichzeitig das Amt des Kaisers des deutschen Reiches; als Kaiser müsste er den Kantonen gegen das Königreich Österreich beistehen. Die Situation ist rechtlich verfahren; dadurch ergibt sich das Problem, ob ein Volk sich in Notwehr selber helfen darf, politisch gesprochen: einen Aufstand machen darf.

Im 1. Aufzug (Akt) werden von Baumgarten, Stauffacher und Melchtal aus allen Kantonen Übergriffe der kaiserlichen Vögte vermeldet

Wilhelm Tell – Überblick über das Drama

1. Aufzug (Akt)

Moral und Politik in „Wilhelm Tell“ I

2. Aufzug

3. Aufzug

Als was für ein Mensch erscheint  Wilhelm Tell in III 1?

4. Aufzug

Charakterisierung Geßlers – Gliederung (zu „Wilhelm Tell“ IV 3)

5. Aufzug

Zum Aufbau des Dramas:

P.S. Literarische Tradition

P.S. Das Motiv „Apfelschuss“

Die Analyse dieser Themen finden Sie jetzt auf dem Lehrermarktplatz unter meinem Namen (Norbert Tholen).


Johann Jakob Bodmer hatte 1775 drei „Schweizerische Schauspiele“ veröffentlicht: Wilhelm Tell, Geßlers Tod, Der alte Heinrich von Melchthal; Joseph Ignaz Zimmermann: Wilhelm Tell. Ein Trauerspiel, 1777; Johann Ludwig Ambühl: Der Schweizerbund, 1779. Parallel erschienen auch Zeichnungen, Radierungen und Gemälde in der Öffentlichkeit:

http://www.artnet.fr/artistes/bernhard-christian-bernhard-rode/wilhelm-tell-soll-seinem-sohn-einen-apfel-den-ihm-kwsPu3xK5oaqSXV4r2QyOQ2 (Bernhard Rode: Wilhelm Tell, 1774, Radierung)

https://www.kunstkopie.de/a/chodowiecki-daniel-nikola/wilhelmtell-1.html (Dan. Chodowiecki: Wilhelm Tell, 1781)

https://www.graphikportal.org/document/gpo00087750 (Bernhard Rode: Drey Helvetier legen den Grund zum Schweizerbunde; dazu eine Radierung von Johann Conrad Krüger)

https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%BCtlischwur#/media/File:Johann_Heinrich_F%C3%BCssli_018.jpg (Johann Heinrich Füssli: Die drei Eidgenossen beim Schwur auf dem Rütli, 1780)

http://www.e-manuscripta.ch/zuzneb/content/pageview/1382310 (Johann Heinrich Füssli: Tell erschießt Geßler, 1750)

http://www.zeno.org/Kunstwerke/B/Chodowiecki,+Daniel+Nikolaus%3A+Wilhelm+Tell (Chodowiecki: Wilhelm Tell, 1781)

Schiller: Kabale und Liebe – Inhalt, Aufbau

Das elementare Hilfsmittel ist das Kindler Literatur Lexikon (KLL), von dem es für beide Auflagen auch eine Auswahl der wichtigen deutschsprachigen Werke gibt. Solche Hilfsmittel zu kennen und zu nutzen macht den guten Schüler aus: Er macht sich von seinem geliebten Lehrer unabhängig! Eine gute Einführung findet man auch in dem Buch „Die Dramen des jungen Schiller“, München 1982, von Dieter Liewerscheidt. Die dort abgebildete Übersicht über das Drama (S. 104 f.) ist in ihrer Anlage vorbildlich und kann für andere Dramen nachgeahmt werden. – Um die neue bürgerliche Familie des 18. Jh. zu verstehen, kann man den Artikel „Familie“ von H. Gukenbiehl (Grundbegriffe der Soziologie, hrsg. von B. Schäfers) lesen.
Ich orientiere mich hier an der Ausgabe RUB 33 (durchgesehene Ausgabe 2001) und arbeite mit deren Seiten- und Zeilenzählung (also 6/5 etwa heißt „Seite 6, Zeile 5“). -> bedeutet: bereitet … vor; <- bedeutet: knüpft an … an.

Übersicht: erster Akt
1 Miller spricht mit seiner Frau über das problematische Verhältnis ihrer Tochter mit dem Sohn des Präsidenten; er will es dem Präsidenten offenbaren.
2 Wurm wirbt erneut um Luise; er wird von der Mutter zurückgewiesen, welche auf eine Erhebung ihrer Tochter in den Adelsstand hofft. Miller widerspricht ihr, will seiner Tochter aber von Wurm abraten (entgegen alten Absprachen).
3 Luise bekennt vor ihren Eltern, dass sie in einem Konflikt steht; sie will an der Liebe festhalten, jedoch dem Ehebund mit Ferdinand entsagen – im Hinblick auf eine Erfüllung in der Ewigkeit; Miller verweigert seiner Tochter Ferdinand als Mann.
4 Ferdinand erscheint bei Miller; Luise deutet ihm Hemmnisse und eine Trennung an. Ferdinand wischt im Liebespathos alles Beschränkende (überheblich!) fort. -> II 5
5 Der Präsident wird von Wurm über das Verhältnis Ferdinands mit Luise informiert; er tut es ab und kündigt die Heirat Ferdinands mit Lady Milford an.
6 Er teilt von Kalb mit, dass Ferdinand die Lady heiraten wird, und lässt dies durch von Kalb öffentlich verbreiten.
7 Der Präsident kündigt Ferdinand dessen Heirat mit der Milford an; dieser widersetzt sich aus „Ehre“. Eine Heirat mit der Ostheim kann er aus diesem Grund aber nicht abschlagen; so wird sein wahrer Grund entdeckt. Der Vater droht ihm, falls er sich widersetzt – Ferdinand entschließt sich, als „ein teutscher Jüngling“ (27/33) der Milford die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. -> II 3
Fazit: Luise befindet sich in einem Konflikt zwischen Liebe und Gehorsam gegenüber dem Vater (und der von diesem erkannten Standesschranke), sie schwankt hin und her. Der Präsident fädelt eine Intrige ein, um Ferdinand an die Milford zu verkuppeln.

Übersicht: zweiter Akt
1 Milford und Sophie sprechen über die Rolle der Lady bei Hof, über ihre Ehre und ihr Herz, über den Fürsten und die Heirat mit F (ein Werk der Lady: Intrige in der Intrige).
2 Diener bringt Juwelen zur Hochzeit und informiert die Lady über den Preis, lehnt Belohnung seiner Offenheit ab; die Lady lässt die Juwelen zu Geld machen für Geschädigte und ist angesichts des bevorstehenden Besuchs F.s aufgelöst.
3 F sträubt sich gegen die Heirat wegen seiner Ehre; er wirft der Milford ihr geistloses Handeln vor und verweist auf die Ausbeutung des Landes. Die Lady erzählt ihre Geschichte, offenbart ihr gutes Herz, bekennt ihre Liebe zu F und zerfetzt so seine Ehre-Einwände. F weist ihre Hand um der Liebe zu L willen zurück. Milford nimmt ihre Leidenschaft zurück, behauptet aber ihre Ehre (und besteht deshalb auf Heirat).
[Hier ist schön zu sehen, wie die adelige Milford zwischen dem Adelsprinzip der Ehre und dem bürgerlichen Ideal der Liebe zerrissen wird (zumindest schwankt). F denkt oft ähnlich ambivalent!]
4 Bote des Präsidenten fragt nach dem Musiker, Aufregung bei Miller; der Vater ahnt Böses und will zum Präsidenten gehen.
5 F kommt hinzu, große Verwirrung: F bekennt seine moralische Gefährdung durch die Lady, L ist verzweifelt, der Vater macht F haftbar; F bekräftigt mit heiligem Eid seine Liebe, ohne L groß zu fragen. -> I 4
6 Der Präsident kommt zu Miller, beschimpft L; es gibt Streit, Verhaftung; F sagt sich vom Vater los.
7 Streit um die Verhaftung zwischen Vater und Sohn; der Präsident geht bis zum Äußersten und setzt die Verhaftung L.s und ihrer Mutter durch. F droht , die  Machenschaften des Vaters zu verraten, und verhindert am Ende die Verhaftung. -> III 1

Übersicht: dritter Akt
1 Wurm analysiert mit dem Präsidenten, warum ihr Plan gescheitert ist ( III 4; IV 1 ff.)
2 Der Hofmarschall wird gewonnen, bei der Intrige mitzuspielen.
3 Es geht gemäß dem Plan weiter, Miller wird verhaftet.
4 Großes Gespräch: F schlägt eine gemeinsame Flucht vor (Liebe in religiöser Metaphorik gepriesen!), L entsagt ihm wegen ihrer beider Kindespflichten („die Fugen der Bürgerwelt“ zerreißen); L.s Konflikt wird von F als Vorwand interpretiert, eine Liebschaft zu verbergen. ( III 6; IV 2)
5 L ist in Sorge um den Vater. (-> III 6)
6 Wichtige Entscheidung: Wurm „informiert“ L, die das Spiel durchschaut und beklagt, dass ihr Vater bedroht ist; L will sich beim Herzog beschweren, müsste sich jedoch laut Wurm als Preis darbringen. Adelskritik: Entlarvung der Großen und ihrer Umtriebe. Sie unterschreibt gezwungenermaßen den „Liebesbrief“ an den Hofmarschall. Konflikt L.s zwischen „Tod“ (Gefährdung des Vaters, Verlust F.s) und Schande (Verlust ihrer Unschuld). Verzweiflung L.s beim Eidschwur: Gott selbst muss das Werk der Hölle besiegeln. – Wurm bietet ihr an, sie zu heiraten; L droht ihm, ihn in der Hochzeitsnacht zu erdrosseln.

Übersicht: vierter Akt
1 F fragt nach dem Hofmarschall. (-> IV 3)
2 F.s Molog: Er hat den Brief gefunden und fühlt sich von L getäuscht; er rast aus Eifersucht.
3 F fordet den Hofmarschall zum Duell heraus; dieser versucht vergeblich, den rasenden F über das Missverständnis und die Tatsachen der Intrige aufzuklären.
4 Vermessenes Gebet F.s, in dem er L von Gott für sich selbst fordert, um sie zu bestrafen; er entschließt sich zum Doppel-Selbstmord: Die Vermählung soll ewig bestehen, in den gemeinsamen Höllenqualen. (vgl. IV 7)
5 F ist bei seinem Vater, welcher Zustimmung zu einer Ehe F.s mit L heuchelt, während F bei ihm Abbitte tun wollte; F dreht beinahe durch, geht in fürchterlicher Stimmung ab.
6 Die Lady bereitet sich auf das Zusammentreffen mit L vor; sie ist unsicher.
7 Große Auseinandersetzung zwischen L und Lady Milford; diese bittet und droht L, jene solle ihr F abtreten; nach einem Stimmungsumschwung der Lady entsagt L erneut F und droht zugleich ihren Selbstmord an, falls F und die Milford heiraten. (vgl. IV 4)
8 Bekehrung der von L beschämten Lady: „Auch ich habe Kraft zu entsagen.“
9 Mildorf reist ab als Johanna Norfolk, trennt sich vom Fürsten und ist damit aus dem Spiel ausgeschieden.

Übersicht: fünfter Akt
1 Miller kommt nach Hause; L verunsichert ihn mit ihren Todesreden. Sie schreibt ein Billet an F mit der Einladung zum Selbstmord: Grab als Ort der Freiheit und Liebe.
Miller erinnert sie an ihre Kindespflichten und droht mit Gottes Gericht. L steht erneut vor der Wahl (Konflikt) zwischen F und Vater („Verbrecherin, wohin ich mich neige“). Sie entscheidet sich für den Vater; der will mit ihr weggehen. [Es fällt auf, dass die Mutter abwesend ist.]
2 F kommt mit besagtem Brief an den Hofmarschall (III 6), um angeblich L als Braut heimzuführen – böse Ironie. L gesteht nach langem Hin und Her, dass sie den Brief geschrieben hat. F solle gehen, bittet noch um eine Limonade. (-> V 6)
3 Im Gespräch mit Miller erzählt F u.a., wie er vor drei Monaten zum ersten Mal in Millers Haus gekommen ist.
4 F überlegt, ob er dem Vater das einzige Kind wegnehmen darf, und kommt zur „Einsicht“, der müsse ihm dafür sogar dankbar sein: totale Hybris (vgl IV 4).
5 F gibt Miller Gold zur Entschädigung; der schnappt über und entwirft tolle Pläne, was er L bieten will.
6 F schickt Miller fort und gibt Gift in die Limonade.
7 F spricht voller Ironie mit L, macht ihr Vorwürfe und findet endlich einen Vorwand („unglücklich bist du schon…“), sie zu vergiften; sie trinken beide. Sie eilt auf ihn zu, er stößt sie zurück. Sie deutet ihre Verstrickung in eine Intrige an, er hört nichts. F kündigt ihr den Gifttod an, sie bittet Gott um Vergebung. L. gesteht im Todeskampf die Wahrheit. F greift nach dem Degen, um L zu rächen, und trinkt noch mal gut vom Saft.
8 Der Präsident, Wurm, Miller u.a. erscheinen. F gibt seinem Vater die Schuld am Mord, der Tod sei „Frucht deines Witzes“. Der gibt die Schuld an Wurm weiter; dieser kündigt an, alle Verbrechen aufdecken zu wollen. F sorgt sich um das Geld für Miller und vergibt seinem Vater, der sich der Polizei gefangen gibt.

Dramatische Situation am Ende von I:
Luise steht zwischen zwei Männern; dem Sekretär Wurm ist sie versprochen (10/3 f.), aber sie liebt Ferdinand. Ihr Vater missbilligt beide Männer, ihre Mutter sieht in Ferdinand die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg (9/18-20).
Ferdinand liebt Luise (I 1 ff.), aber sein Vater will ihn mit der Milford verheiraten (19/22); Wurm unterstützt dessen Planung, auch aus eigenem Interesse (20/16 ff.); über Liebe, gar zu einer Bürgerlichen, kann der Präsident nur lachen (18/1 ff.).
Die beiden Väter stehen also den Liebesplänen ihrer Kinder entgegen und sind in ihrem Widerstand fest. Die Kinder sind seltsam gespalten:
* Luise, 16 Jahre alt (85/1), kann Ferdinand nicht vergessen (12/27 ff.) – entsagt ihm für dieses Leben (14/12) – beklagt, dass sie von ihm getrennt wird (16/9) – hat ihre Träume vergessen und wird doch von wilden Wünschen erfüllt (17/9 ff.) – in diesem Zwiespalt bleibt sie das ganze Stück hindurch, also den ganzen einen Tag über.
* Ferdinand, über 20 (24/9), ist ein Adeliger (16/13), der sich auch auf seine Ehre beruft (26/9), also auf ein Prinzip adeligen Lebens; gleichzeitig hält er die Liebe für die höchste Macht (etwa 16/12-16) und beruft sich auf sie und sein Herz (26/32 f.; 24/26).
* Beide haben in den neuen Büchern gelesen (6/32; 7/2 f.; Romanenkopf 23/24 f.), also in moderner bürgerlicher Literatur, in Liebesromanen, in denen die Stimme des Herzens am stärksten gebietet.
In diese persönlich-privaten Spannungen spielen verstärkend die Intrigen (Kabale) des Hofes hinein: Der Präsident will seinen Sohn aus politischen Gründen verheiraten (klassisches Adelsprinzip, I 5), wobei er durch Wurm aus persönlichen Gründen im Tricksen unterstützt wird (18/1 f.; 19/24 ff.; 20/1 ff.).

Dramatische Situation am Ende von II
Die Situation spitzt sich in diesem Akt zu, wobei sich einmal die Intrigen des Präsidenten, zum anderen die Aktionen Ferdinands auswirken.
Was Lady Milford betrifft, muss F seine moralischen Vorurteile gegen sie ablegen, als er ihre Lebensgeschichte erfährt; sie verzichtet auf seine Liebe, um ihrer Ehre willen aber nicht auf die Heirat – sie kündigt Unheil an (S. 42). F entgeht nur knapp dem Charme der Frau und flüchtet zu Miller; er findet die Familie bedroht und aufgeregt. F „heiratet“ L formlos und ohne sich groß um die Familie zu kümmern und widersetzt sich mit letzter Kraft (und der Drohung, dessen Machenschaften zu verraten) dem Versuch seines Vater, Familie Miller verhaften zu lassen.
Die Pläne des Präsidenten scheinen also vorerst gescheitert zu sein, während die Liebe F.s zu L besiegelt zu sein scheint; doch die Drohung der Lady steht im Raum.

Dramatische Situation am Ende von III
Der 3. Akt wird im Wesentlichen von der Intrige Wurms bestimmt, Ferdinand eifersüchtig zu machen (III 1); dazu werden die Eltern L.s verhaftet (III 3) und L durch weitere Drohungen unter Druck gesetzt, den vermeintlichen Liebesbrief an den Hofmarschall zu schreiben (III 6). Zuvor hat sie F.s Vorschlag, mit ihm zu fliehen und allein der Liebe zu leben, abgelehnt; F kann das nicht verstehen und erblickt hinter ihrer Weigerung eine andere Liebesbeziehung L.s (III 4), zeigt also bereits die Eifersucht, die Wurm erst erwecken will. Kabale und Liebe spielen zusammen und bereiten eine Katastrophe vor.

Dramatische Situation am Ende von IV
Bis IV 5 steht die Person F im Vordergrund: Er hat den Brief gefunden, verzichtet auf Bestrafung des vermeintlichen Nebenbuhlers von Kalb und richtet seinen Hass gegen L – in seiner Maßlosigkeit spielt er sich zum Richter und Gott Luises auf (IV 4, vgl. den ersten Monolog IV 2), wobei die Heuchelei seines Vaters ihn noch in seinem Verdacht bestärkt (IV 5). Im zweiten Teil des 4. Aktes steht Lady Milford im Vordergrund, wobei L ihr in einem großen Dialog Paroli bietet (IV 7); durch diese Begegnung beschämt und durch L.s Drohung mit Selbstmord erschüttert, besinnt die Lady sich und räumt das Feld (IV 9), womit dem Liebesverhältnis F – L scheinbar eine neue Chance eingeräumt wird. Doch sind die beiden Liebenden nacheinander in noch tiefere Verzweiflung gestürzt worden, sodass ihr Untergang durch die Flucht der Lady nur ein wenig hinausgezögert werden kann.

Dramatische Situation am Ende von V

Luise und Ferdinand sind tot, von Ferdinand in seiner Verblendung vergiftet; Luise hat vor ihrem Tod jedoch die Intrige Wurms bzw. des Präsidenten aufgedeckt (und den Präsidenten als Schuldigen ausgemacht). Sterbend hat sie Ferdinand vergeben; Ferdinand hat noch seinen Vater anklagen können. Der Präsident hat die Schuld auf Wurm gewälzt, dieser will alle Schuld der beiden aufdecken, gemeinsam mit dem Präsidenten sich dem Gericht stellen und gemeinsam mit ihm zum Tod verurteilt werden. Ferdinand hat seinem Vater zum Schluss noch vergeben, Miller bleibt trostlos zurück.

Siehe auch die Analyse wichtiger Szenen sowie diese Übersicht!

https://www.youtube.com/watch?v=lOKICSoqgbE (Stück gespielt, am Ende unvollständig)

https://www.youtube.com/watch?v=xJrePesJgtY (Zusammenfassung)

https://www.youtube.com/watch?v=7zZLAIUeZ1E&list=PLBYM5RyFfsiroh9MyIcx4AopO3eOWOGZu (Text vorgelesen, mit weiteren Folgen) – mäßig

https://www.youtube.com/watch?v=HF1QDzTxnlE (Paraphrase, 10 min)

https://www.youtube.com/watch?v=ByUtauAkL4o (Kurzanalyse, Interview)

https://www.youtube.com/watch?v=EY2hEZwU09Y (Monolog der Milford)

Schiller: Kabale und Liebe – Analyse wichtiger Szenen

Die Seitenzählung (Seite/Zeile) ist die der Reclamausgabe RUB 33 (2001).

Kurze Analyse I 4
Ausgangssituation: In I 4 treffen erstmals Ferdinand und Luise im dramatischen Geschehen aufeinander, nachdem sie sich offenbar am Vortag noch gesehen haben (vgl. 15/10 f.)…

I 5 – Teilanalyse
Ausgangssituation: Die Szene beginnt mitten in einem Gespräch zwischen dem Präsidenten und seinem Sekretär; dieser hat seinen Chef gerade informiert, dass Ferdinand ein Verhältnis mit einer Bürgerlichen hat…

I 7 – Analyse (teilweise, Muster)
Ausgangssituation: Die Pläne des Präsidenten sind aus seinem voraufgehenden Gespräch mit Wurm bekannt (I 5): Ferdinand soll die Milford heiraten und so den Einfluss der Familie Walter auf den Fürsten sichern…

Aufbau II 3
Ausgangssituation: F ist zu einem Treffen mit der Lady verabredet worden (27/6 f.), um ihr zu sagen, dass er sie heiratet; die Lady hat dieses Treffen und des Präsidenten Plan selber aus Liebe (30/25 ff.) arrangiert…

Aufbau III 2
Die Situation ist folgende: Des Präsidenten erster Plan, F und L zu trennen, ist gescheitert (II 6 f.); nun heckt er mit Wurm einen zweiten aus (III 1)…

Analyse III 4
Ausgangssituation: F hat sich, seinem Vater und der Lady zum Trotz, mit L quasi verheiratet (II 5, vgl. seine Äußerung „meine Gemahlin“ 52/11); er hat den Versuch, die Familie Miller zu verhaften, mit der Drohung abgewehrt…

III 6 – Aufbau
In dieser Szene erlebt die „Kabale“ des Hofes ihren Höhepunkt: Die Lügen werden durch einen erzwungenen Meineid Luises besiegelt

Klausur: Analyse IV 3 – Aspekte 

Vorgeschichte: zweiter Plan, Luise und Ferdinand zu trennen; Idee: durch den fingierten Liebesbrief Ferdinand eifersüchtig machen.
-> Ferdinand will den Marschall zur Rede stellen bzw. erschießen.
* Marschall trippelnd, redend wie immer, spielt den Unschuldigen.

F. informiert den Marschall, dass er besagten Brief gefunden hat;
ironisch im Zorn („zum Glück“, „besser als Kuppler“),
gibt er ihm den Brief zu lesen und holt Pistolen,
verhindert Fluchtversuch des Marschalls (75/25),
fordert ihn ironisch („Finderlohn“) zum Duell;
M. appelliert vergeblich an seine Vernunft (Z. 28),
F. trifft Vorbereitungen für Duell aus nächster Nähe,
M. lehnt entsetzt ab (Z. 33),
F. beschimpft ihn dreimal als „Memme“, evtl. um ihn zu provozieren,
M. bringt neue Einwände,
– das Zimmer (höhnisch von F. gerechtfertigt),
– Rücksicht auf F.s Leben (von F. zurückgewiesen),
– eigene Lebensziele gefährdet (schimpflich als Unsinn entlarvt,
dabei eine Reihe von Tiervergleichen),
M. hört auf zu argumentieren und bettelt um Gnade (76/15).
F. beschimpft ihn („er“) als Untermenschen,
vergleicht sich mit ihm als Konkurrenten (76/22 f.),
macht ein abschätziges Wortspiel dazu (Z. 23 f.), was
M. als Witz und damit als gutes Zeichen auffasst.
F. will – in Analogie zum Lebensrecht nutzloser Wesen – M. schonen,
kommt dann aber auf die Metapher „Blume – Ungeziefer“ (Eifersucht)
und gerät erneut in Zorn, schüttelt den M., bedroht ihn.
M. wünscht sich vor Angst weit weg,
F. denkt den Gedanken von 77/3 f. weiter („Wenn sie nicht mehr rein
ist?“) und entbrennt im Vergleich seines und des M.s „Erfolgs“ bei
Luise in rasender Eifersucht. Er will es jetzt genau wissen: „Wie
weit kamst du mit dem Mädchen?“ (77/11 f.)
M. bittet um Gnade und will den Plan („alles“) verraten.
F. hört nicht auf ihn und beschimpft L., bedroht den M. mit der Pis-
tole und fragt erneut. Das geht so weiter, da F. in seiner Raserei
alle Geständnisse des Marschalls missversteht:
– „Sie sind ja betrogen.“ und
– „Ihr eigener leiblicher Vater“ bezieht er nicht richtig auf sich,
– das Geständnis (78/11 f.) begreift er als Verleugnung Luises.
F. beschließt deshalb, Luise zu töten (78/14) und den M. wegen seiner vermeintlichen Charakterlosigkeit zu verschonen. —
F., von der Anrede „Ihr“ zu „du“ zu „er“ und zurück zu „du“ wechselnd, bestimmt das Geschehen, aber nicht das Gespräch (er ist von seiner Eifersucht getrieben); er verzichtet auf Rache am Marschall – der Plan Wurms scheint sich zu bewähren, L. droht sogar der Tod.

Skizze der Lösungserwartung in einer Klausur (2006)
Situation:
Plan Wurms: Ferdinand durch Eifersucht mürbe machen (III 1, S. 55)
Marschall macht mit (III 2)
L schreibt den Brief unter Zwang (III 6)
F hat den Brief gefunden, ist informiert, rast, sucht den H (IV 1 f.).                4 P.
Absicht: F will den H zur Rede stellen, evtl. töten
Szene:
Das sprachliche Handeln (!) der Figuren muss erfasst werden:
F informiert den H, stellt ihn wegen des Briefs zur Rede (77/14)                    2 P.
F trifft Vorbereitungen fürs Duell (ab 77/17)                                                    2 P.
H will fliehen, wird zurückgehalten (ab 77/19)                                                 2 P.
F beschimpft H, verspottet ihn (ab 77/34), H will ausweichen (78/16 f.)          2 P.
Serien von Spott (78/16 ff.); F beruhigt sich; Wut erneuert sich bei der Metaphorik von Pflanze und Ungeziefer   3 P.
F fragt dreimal: „Wie weit kamst du…?“ H will alles gestehen                          2 P.
F missversteht drei Antworten, unterbricht ihn… (mit Erklärung)                      3 P.
– Sie sind ja betrogen
– Ihr eigener leiblicher Vater
– Ich kenne sie nicht
F wiederholt in Wut die drei Äußerungen, verstößt den „schlechten“ Kerl        3 P.
und richtet seine Wut jetzt gegen Lusie (80/15 f.) – das ist das Ergebnis
Fortgang:
In IV 4 beschließt F den Tod bzw. den Doppelmord, in V 2 stellt er Luise zur Rede… 2 P.
Summe 25 Punkte; Sonderpunkte gibt es für die Untersuchung der Dominanz F.s oder bestimmter Sprechweisen; zusätzlich gibt es 8 Punkte für gute Sprache, geordneten Aufbau und richtiges Zitieren.

IV 7 – Aufbau
Ausgangssituation: In IV 7 begegnen sich die beiden Frauen, welche F lieben, zum ersten und einzigen Mal; Lady Milford hat L zu sich bestellt, angeblich um ihr eine Stelle als Kammerjungfer anzubieten…

Aufbau V 1
Ausgangssituation: Miller war verhaftet (III 6), ist aber wieder entlassen worden, hat offensichtlich L nicht angetroffen und hat sie vergeblich gesucht  – in einem Monolog berichtet er von dieser Suche und…

V 2 – Grundzüge einer Analyse
Ausgangssituation: Vater und Tochter haben sich gerade entschlossen, die Stadt gemeinsam zu verlassen (V 1) – von der Mutter ist nicht die Rede, sie steht außerhalb der Herzensbindung von Vater und Tochter -, als F erscheint. Er will …

Kurze Analyse V 5
Situation: Ferdinand hat Luises erzwungenen Brief an den Hofmarschall gefunden (IV 1) und beschlossen, sie und sich selbst als Rächer der enttäuschten Liebe zu töten (IV 4). Er ist zu Miller gekommen und

Die Analysen finden Sie jetzt auf dem Lehrermarktplatz unter meinem Namen (Norbert Tholen).

Siehe auch den Überblick über Inhalt und Aufbau des Dramas sowie die Untersuchung wichtiger Themen!

Schiller: Don Karlos – Analyse wichtiger Szenen

Analyse I 1
Schon bald erfährt man von Domingo, dass Carlos seit acht Monaten von einem „feierlichen“ Kummer befallen ist (V. 21 ff.). Dieser rätselhafte Kummer ist Anlass des Geprächs zwischen dem Mönch Domingo und Prinz Carlos, die sich hier gegenüberstehen: Domingo will in Carlos‘ Geheimnis eindringen, doch dieser lehnt es ab, Domingo ins Vertrauen zu ziehen.
Domingo drängt Carlos also, „dies rätselhafte Schweigen“ zu brechen und sich dem Vater, König Philipp II., anzuvertrauen (V. 4 ff.). Carlos wendet sich von Domingo ab, dessen dramaturgische Funktion in dieser Szene weithin darin besteht, die Vorgeschichte der gegenwärtigen unerfreulichen Situation aufzuhellen: Der Aufenthalt in Aranjuez hat anscheinend auch dazu gedient, Carlos aufzuheitern (V. 3 f.) – am Hof mache man sich Sorge um ihn (V. 24 ff.).
Carlos hat sich von Domingo abgewandt, fährt jedoch beim Stichwort „Mutter“ empor. Im Wechselgespräch der beiden wird dann die Vorgeschichte der jetzigen Situation berichtet: Philipp, seit Carlos Geburt verwitwet, hat Elisabeth, ehemals Braut seines Sohnes Carlos, „die schönste Frau auf dieser Welt“ (V. 45), geheiratet und hat von ihr eine Tochter (V. 31 ff., könnte somit einen weiteren Sohn bekommen). Carlos ist deswegen gekränkt und auf den Vater erzürnt, wie er andeutet (V. 28 f.).
Domingo scheint aus Carlos Worten herauszuhören, dass Carlos seiner früheren Braut böse ist, und erzählt eine Episode, um deren Interesse am Wohlergehen des Prinzen zu belegen (Unfall beim Turnier, Elisabeth sorgte sich mehr um Carlos als um ihren Mann, V. 53 ff.). Carlos hat sich die Geschichte „in Gedanken“ angehört, tut sie jedoch als „witzige Geschichte“ ab – möglicherweise misstraut er dem Boten Domingo – und weist „ernsthaft und bitter“ (Regie, V. 68) dessen Werben um Vertrauen zurück (V. 69 ff.). Dieser stellt sich jedoch als Carlos „Freund“ dar. Dagegen deutet Carlos voller Spott an, dass sein Verhältnis zum Vater äußerst gespannt ist (V. 77 ff.). Zugleich enthüllt er, dass Domingos als des Vaters Vertrauter auf dem Weg zum Kardinalsamt, also an seiner Karriere interssiert ist.
Domingo lässt sich nicht beirren und verweist auf das Beichtgeheimnis (V. 89 ff.), um Carlos eine Offenabrung seines Kummers zu erleichtern; auch dieses Angebot lehnt Carlos mit dem dunklen Hinweis ab, er wolle Domingo als Beichtvater („Siegelführer“, V. 97) nicht in Versuchung bringen, das Siegel des Beichtgeheimnisses zu brechen. Dies kann besagen, dass Carlos Vergehen schlimm ist, kann aber auch andeuten, dass auf Domingos Verschwiegenheit wegen dessen Nähe zum König kein Verlass ist. Er begründet sein Misstrauen doppelt, einmal mit den Karriereplänen Domingos (Papstamt, V. 104), sodann mit der Tatsache, dass er Domingo als Gesandten des Königs ansieht (V. 105 f.). Domingo tut erstaunt; da holt Carlos noch weiter aus und gesteht, dass er sich von einem Ring von Spitzeln des Königs umstellt sieht.
Domingo hört auf, in Carlos‘ Geheimnis zu dringen, und fragt, ob Carlos zum Empfang kommt; Carlos meldet sich eher resigniert dazu an, Domingo geht ab. In einem kleinen Schlussmonolog bedauert Carlos seinen Vater und deutet an, dass dieser „die fürchterlichste der Entdeckungen“ machen könnte, ohne zu sagen, worin diese bestünde. Nach dem Gespräch kann sie nur mit dem Dreieck Philipp – Elisabeth – Carlos zu tun haben.
   Zuerst hat Domingo das Gespräch bestimmt: Er spricht beinahe allein (bis V. 66); Carlos schweigt und wendet sich ab); Carlos setzt „ernsthaft und finster“ (Regie, hinter V. 68) zur Abwehr von Domingos an Versuchen an und erreicht, dass dieser „stutzt“ (V. 80). Er fasst Domingo bei der Hand (V. 99), als er ihm offen (V. 101) einen Korb gibt. Zum Schluss hat Carlos die größeren Anteile am Gespräch (ab V. 99).
Domingos Versuch, dieses Geheimnis zu ergründen, was Carlos offensichtlich belastet, ist gescheitert; doch ist Carlos‘ Situation deutlich geworden: Er sieht niemanden, dem er vertrauen könnte, und ist damit für seinen alten Freund offen, dem er in der nächsten Szene begegnet. Ansonsten ist bisher nur der Konflikt zwischen Vater und Sohn deutlich geworden (Elis. Frenzel: Motive der Weltliteratur, unter „Vater-Sohn-Konflikt“), ohne dass dessen Ursache zu erkennen wäre: Carlos sieht sich wenig geliebt (V. 37 f.), ist seinerseits zornig auf den Vater, der ihm seine Braut weggenommen hat (V. 28 f.). Die Spannung zwischen Vater und Sohn, zwischen König und Kronprinz wird das Geschehen bestimmen, wobei eine schöne Frau zwischen ihnen steht. Möglicherweise wird auch der Mönch Domingo mit anderen zwischen den Parteien vermittelnden oder sie beeinflussenden Figuren eine Rolle spielen.

Analyse I 2
In dieser Szene tritt Posa erstmals auf; die Szene kann im weiteren Sinn noch als zu I 1 gehörig angesehen werde, doch erhält das Geschehen bereits einen deutlichen Antrieb, weil Posa des Prinzen Herzenswunsch planend und handelnd vertreten will.
Im ersten Teil des Gesprächs (bis V. 180) treffen die beiden Jugendfreunde für Carlos überraschend aufeinander. Seine Fragen und sein Jubel zeigen seine Überraschung, lassen ihn in Posa einen von Gott (V. 142) geschickten Engel (V. 144) sehen und Hoffnung für sein krankes Herz (V. 134) schöpfen. Posa ist darüber bestürzt, versteht nichts (V. 135 ff.) und ist auch enttäuscht: Er hat einen starken statt eines zitternden Carlos erwartet und trägt sein Anliegen vor: Er kommt als „Abgeordneter der ganzen Menschheit“ (V. 157), also der Menschlichkeit, und sucht einen Retter Flanderns (V. 153 ff.). Carlos enttäuscht diese Hoffnung und tut alte Freiheitsgedanken als „Träume“ ab (V. 179), was Posa so nicht glauben will (V. 179 f.)
Bis zu dieser Stelle, dem Anfang ihrer Begegnung, waren die Gesprächsanteile etwa gleich; von jetzt an bestimmt Carlos das Gespräch mit seinen Klagen und seiner Bitte um Freundschaft: „Laß mich weinen, an deinem Herzen (…), du einz‘ger Freund“ (V. 180 ff.), worauf Posa mit „sprachloser Rührung“ (V. 190, Regie) antwortet. Posa verlässt also die Bühne der politischen Aktion und geht auf Carlos als Mensch zu; dieser klagt, dass er keinen Vater hat (V. 193 f.), und erinnert Posa an eine alte Dankesschuld (bis V. 260), womit er zugleich einen Teil ihrer Vorgeschichte darlegt. Posa reicht ihm die Hand (hinter V. 260) und stellt sich seiner alten Verpflichtung.
Damit ist der Weg für Carlos frei („jetzt“, V. 263), das vor Domingo gehütete Geheimnis (V. 267) zu lüften: dass er seine „Mutter“, also Elisabeth liebt (V. 270). Posa analysiert nach einem Schreckensruf (V. 270) die Lage nüchtern durch seine Fragen (V. 284 ff.); damit gibt er Carlos Gelegenheit, die Situation darzustellen und auch zu bewerten: In dieser Konfrontation mit dem Vater führt sein Weg „zu Wahnsinn oder Blutgerüste“ (V. 281). Carlos öffnet sich ganz auf Posas Bitte (V. 321) und zeichnet die dramatische Situation des Konflikts mit seinem Un-Vater (V. 305 ff. und V. 330 ff.); er sieht wie Posa (V. 345 f.), dass dieser Konflikt zum politischen Aufstand führen kann (V. 352 ff.). Damit ist der Handlungsrahmen des Dramas gespannt.
Nach einigem Stillschweigen (V. 357) schaltet Posa sich in diesen Konflikt ein und übernimmt mit seinem Denken die Führung: Carlos solle nichts ohne ihn unternehmen, was dieser überglücklich verspricht (V. 362 f.); dann überlegt Posa, wie er ein Treffen der Königin mit Carlos arrangieren kann (V. 363 ff.) – und das bedeutet, dass er Carlos Herzenswünsche mit seinem eigenen politischen Ziel verbinden zu können glaubt: eine Utopie – wenn sie denn gelingt.

Zur Analyse von I 5
Die Szene I 5 ist die Schlüsselszene des 1. Aktes, weil die Liebe des Prinzen Carlos zu Elisabeth von dieser in politische Bahnen geleitet wird: „Elisabeth
War Ihre erste Liebe. Ihre zwote
Sei Spanien!“ (V.791/93) Sie gibt Carlos das, was sie ihm geben kann: „Die Freundschaft Ihrer Mutter. / Und diese Tränen aus den Niederlanden.“ (V. 805 f.)
   Wer hat das Gespräch herbeigeführt? Carlos hat es sich gewünscht (V. 369 f.), um Elisabeth seine Liebe zu gestehen; Posa hat es eingefädelt, um Carlos von seinem Liebeswahn zu heilen und in sein eigenes politisches Programm einzubinden (I 2 und I 4). Elisabeth hat Posa heimlich nach Carlos gefragt (V. 528 ff. und V. 610 f.) und die allegorische Erzählung Posas verstanden (V. 599 ff.) – sie hat so indirekt dem Gespräch zugestimmt (V. 610 f., vgl. V. 619 ff.), auch wenn sie über die Möglichkeit, Carlos zu sprechen, erschrickt (Regie, nach V. 620 und V. 622: „mit wachsender Verwirrung“).
Zu Beginn stammelt Carlos mehr oder weniger klare Liebesgeständnisse; Elisabeth wehrt ihn ab und bittet ihn zu gehen (bis V. 655). Auch wenn Elisabeth an der Hofetikette leidet (I 3), ist ihr die Situation mehr als peinlich – sie weiß, dass sie den König „von diesem Überfalle“ informieren muss (V. 636 f.); so wirkt sie zunächst hilflos. Als Carlos sich weigert zu gehen, fragt Sie offen: „Was wollen Sie von mir?“ (V. 665). Damit leitet sie eine zweite Phase des Gesprächs ein, indem zunächst Carlos ihre Ehe mit Philipp in Frage stellt und sich an dessen Stelle träumt (bis V. 703), was sie nicht hinnimmt. Sie gesteht: „Ich liebe [dich, N.T.] nicht mehr.“ (V. 714) Als Carlos ihre Aussagen „hinterfragt“, beruft sie sich auf ihre Pflicht und das unabwendbare Schicksal (bis V. 721).
Als Carlos auch dies in Frage stellt und in Gedanken mit dem „Umsturz der Gesetze“ (V. 728) spielt, übernimmt Elisabeth die Gesprächsführung; sie greift seine Worte auf, um Carlos zurechtzuweisen, indem sie ironisch die Vision einer künftiger Leichen- und Mutterschändung entwirft (V. 734 ff.); so macht sie deutlich, dass Carlos die äußerste Grenze überschritten hat: Er verflucht sich darauf selbst (V.745) und schreit, dass er in seinem Konflikt wahnsinnig werde (V. 750 ff.). Sie hatte Carlos zuvor „lange und durchdringend“ (Regie, hinter V. 733) angeschaut; mit dem langen Blick hat Elisabeth Zeit gewonnen und ihre Gedanken geordnet.
In der vierten Phase des Gesprächs äußert sie kurz Verständnis für des verzweifelten Carlos‘ „namenlose Pein“ (V. 755); doch dann fordert sie („Erringen Sie…, Ermannen Sie sich…, Verdienen Sie… und opfern Sie…, Bringen Sie…, [die zweite Liebe] sei Spanien“) ihn auf, sich seiner politischen Aufgabe zu stellen und dort seine Erfüllung zu finden. Carlos ist überwältigt und wirft sich vor ihr nieder (Regie, hinter 794): „Ja, alles, was Sie verlangen, will ich tun!“ Damit hat Elisabeth ihr Ziel und indirekt Posa das seine erreicht; nach einigen kurzen Worten, in denen sie Carlos „die Freundschaft Ihrer Mutter“ (V. 805) versichert, gibt sie ihm die Bittbriefe aus den Niederlanden. Kurz darauf erscheint der König.
   Der Schluss wirkt so, als beruhte er auf einem Zufall: Carlos geht bereits und kehrt noch einmal mit einer Frage um; da erst gibt sie ihm die Briefe, als sei ihr diese Aufgabe für ihn gerade eingefallen – hat sie doch auch erst kurz vorher die Briefe gelesen (V. 609). Carlos ist nun entschlossen (I 7), Flandern zu retten: „Sie will es – das ist mir genug.“ (V. 901 f.) Für eine politische Entscheidung ist das eine schwache Begründung, genau wie schon der Freundschaftsbund mit Posa Carlos reicht, sein Jahrhundert herauszufordern  (V. 1013 f.)
Carlos hat in seiner Liebe den Spruch des Himmels und der Natur vernommen (V. 763); er hat sich auffallend häufig auf das Herz als die bestimmende Größe berufen (V. 679, 696, 701, 715, 718); Elisabeth hat die Tugend als M&¨glichkeit dagegen gesetzt (V. 761, 767); sie identifiziert ihn als den Enkel des großen Karls (V. 763 f.), auf den sein Amt wartet (V.787). Das ist ihm als (sublimierte?) wahre (Ersatz)Liebe angepriesen worden (V. 797 ff.); ob das einen Mann überzeugen kann, der sich beinahe so oft wie sein Geistesbruder Ferdinand von Walter auf die Stimme des Herzens beruft?
Auch Elisabeth wirkt in ihrer Königsamt-Rhetorik nicht ganz überzeugend: Carlos solle fühlen „die Wollust, [als König, N.T.] Gott zu sein“ (V. 790 f.); das klingt aus dem Mund einer Frau, welche sich so deutlich als Mensch gezeigt (I 3) und Posas Entschluss, „sich selbst zu leben“ (V. 516), bewundert hat, etwas seltsam. Carlos‘ Verzicht und sein Entschluss, für Flandern einzutreten, entsprechend zwar Posas Plan, kommen aber doch recht schnell zustande, sodass man sie als Leser oder Zuschauer mit Skepsis betrachten kann.

Aufbau von II 2
Es kommt zu dem von Carlos gewünschten Gepräch mit König Philipp. Dieser will den Infanten empfangen (V. 1018), doch Carlos möchte als Kind den Vater sprechen (V. 1022 ff.) und setzt es durch, dass Alba sich auf Geheiß des Königs entfernt (II 1).
Carlos beklagt, er sei verstoßen, und bittet mit großem Pathos (fällt nieder, 1040) um Versöhnung mit dem Vater (dreimal „jetzt oder nie“, V. 1056, 1060, 1070); der König weist seine dramatischen Gesten, erst recht seine Tränen (V. 1068) als Verstellung zurück. Da beklagt Carlos seinen Vater als einen „Fremdling“ (V. 1078), der nicht zu den Menschen zählt; doch gibt er den Kampf um das Vaterherz (V.1090) noch nicht auf; er beschuldigt die Höflinge, ihn aus des Königs Gunst vertrieben zu haben, und zeigt Philipp auf, wie dieser in ihrer Mitte allein ist (ab V. 1092 ff.). Dieses Stichwort nimmt Philipp „ergriffen“ auf (V.1111); Carlos hat einen ersten Teilerfolg errungen.
Nun ergreift Carlos die Gesprächsführung und zeichnet das Bild vom „Erdenparadies“ (V. 1130), wenn sie beide Hand in Hand zusammenwirkten. Nach einem kurzen Wortwechsel darüber, wer denn wohl dieses Paradies bisher verhindert habe (V. 1131 ff.), zeigt Carlos, was ihn antreibt: „Ich bin erwacht, ich fühle mich.“ (V. 1151) Die Weltgeschichte rufe ihn zu Taten (1158 ff.).
Mit seiner zweiten Bitte (V. 1161 ff.) leitet er eine neue Phase des Gesprächs ein: Er bittet um den Oberbefehl über das Heer, das nach Flandern gehen soll (V. 1164 ff.). Dreimal wiederholt diese Bitte (V. 1190 ff.), die der König entschieden ablehnt: Das Amt erfordere einen Mann; Alba werde gefürchtet; der „Herrschbegierde“ (1192) Carlos‘ könne er nicht sein bestes Heer anvertrauen. Als letzte Begründung seiner Bitte führt Carlos an, er selber brauche eine Luftveränderung, um sich als Mensch zu erholen (V. 1223 ff.). Diese unpolitische Begründung kontert der König mit dem Hinweis, solche Kranke bedürften guter Pflege unter der Obhut des Arztes (V.1229 ff.); er bleibt hart.
Carlos ist außer sich; er fragt noch einmal den „Vater“ (V. 1234); der „König“ steht jedoch zu seiner Entscheidung (V. 1236). Philipp behält so die Unterscheidung von Vater und König bei, mit der Carlos das vertrauliche Gespräch erzwungen und auch einen Teilerfolg erzielt hat; bei politischen Entscheidungen will Philipp König, nicht Vater sein.
   In der folgenden kurzen Szene (II 3) deckt Philipp auf, dass Alba ihn als erster vor einem Anschlag seines Sohnes gewarnt hat (V. 1253 f.) und dass Carlos künftig seinem Thron näher steht, was jener aber nicht weiß (vgl. V. 2276 f. – einer der fatalen Irrtümer Carlos‘ in diesem 2. Akt). Alba, der von Carlos beleidigt worden war (V. 1033 f., vgl. V. 1389 f.), ist über dessen Verachtung (V. 1250) empört und legt Philipps Auftrag, sich mit Carlos zu versöhnen (V. 1251 f.), recht eigenwillig aus (II 5). Er ist „erklärter Feind des Prinzen“ (V. 2167 f.) und schmiedet mit Domingo ein Komplott gegen Carlos (II 10).
Der Prinz hat den Weg zum Vaterherzen gesucht, wenn auch anders, als Domingo sich das vorgestellt hat (V. 5 f.). Für den Leser ist unklar geblieben, was zur Verstimmung zwischen Carlos und dem König geführt hat, ob das primär Albas Warnung (II 2) oder des Prinzen Liebe zu Elisabeth (I 1, I 2) gewesen ist; ob Philipp seinen Sohn ausgeschlossen (V. 1134 ff.) oder dieser des Vaters Gegenwart gemieden (V. 874 f.) hat.

Analyse II 15
Carlos und Posa haben sich zu einem Treffen im Kartäuserkloster verabredet, zwei Tage (V. 2266 f.) nach ihrem letzten Gespräch (in I 9); jeder wartet ungeduldig auf den anderen (II 14). Wie sich im Gespräch ergibt, will Posa wissen, wie Carlos‘ Gespräch mit dem König verlaufen ist, während Carlos Posa dafür einspannen will, ein Rendezvous mit Elisabeth zu arrangieren – die Situation gleicht der zu Beginn ihres ersten Gesprächs (I 5).
Der Marquis fragt zuerst; Carlos antwortet „nebenbei“ (V. 2279), dass Philipp seine Bitte abgelehnt hat, worüber Posa maßlos enttäuscht ist (bis V. 2278). Dann trägt er sofort seine Bitte vor: „Ich muss sie sprechen -“ (V. 2281 f.), weil er neue Hoffnung habe. Er begründet diese damit, Elisabeth sei jetzt „frei“ (V. 2290), und erzählt die Geschichte seiner Begegnung mit Fürstin Eboli. Posa hat des Freundes Hoffnung als neuen Fiebertraum abgelehnt (V. 2287) und analysiert die Situation Carlos‘ gegen dessen schöne Hoffnungen negativ (V. 2323 ff.).
Nach Carlos‘ Einwand, die Eboli sei „tugendhaft“ (V. 2328), bestimmt Posa das Gespräch: Er analysiert die Tugendhaftigkeit der Eboli als erzwungen, was sich zeige, wenn man sie mit der Elisabeths vergleiche (bis V. 2367). Als der Prinz seine Überlegungen heftig ablehnt (zweimal, V. 2367 und V. 2383) und erneut seinen Wunsch äußert, Elisabeth zu sprechen, was Posa ermöglichen soll, geht dieser energisch vor: Zuerst zerreißt er den Brief des K&¨nigs an die Eboli, also den Beweis von des Königs Untreue oder zumindest dem Versuch dazu. Dann blickt er Carlos lange durchdringend an (V. 2403; vgl. auch V. 733 und V. 1191) und holt zu einer moralischen Entlarvung von des Prinzen Egoismus aus (bis V. 2423): Carlos liebe, anders als früher, nur noch sich selbst. Der ist erschüttert, wirft sich in einen Sessel und beginnt zu weinen; Posa hat ihn moralisch besiegt.
Der Marquis macht sich nun daran, seinen Freund wieder aufzurichten: Es liege nur eine „Verirrung lobenswürdiger Gefühle“ (V. 2426, ähnlich V. 2437 und V. 2445) vor: „Du hattest diesmal selbst dich missverstanden.“ (V. 2440) Das genügt, um Carlos so zu erheben, dass er Posa um den Hals fällt und alles tun will, „was du und hohe Tugend mir gebieten“ (V. 2462 – unklar ist, ob mit „hohe Tugend“ die Tugend selbst oder die tugendhafte Königin gemeint ist). Posa hat ihm nämlich angedeutet, ihm sei gerade ein kühner Plan eingefallen, „ein Anschlag, den höhere Vernunft gebar“ (V: 2457 f., vgl. V.2452 f.); aus Elisabeths Mund solle Carlos ihn hören und zu diesem Zweck sie wiedersehen. Sie umarmen sich zum Abschied; Posa wird noch informiert, dass die Post nach Flandern kontrolliert wird, dann gehen sie auseinander.
Posa hat sich mit seinen politischen Zielen gegen die Herzenswünsche seines Freundes durchgesetzt, wenn auch nicht mittels seiner Psycho-Analyse (V. 2324 ff.), so doch mit moralischem Druck und etwas Gewalt (Brief zerrissen). Man gewinnt den Eindruck, dass Posa die Königin und ihre Ausstrahlung instrumentalisiert, um Carlos für seine wenn auch früher von Carlos geteilten politischen Ziele (vgl. 2413 ff.; V. 2010 ff.; V. 152 ff.) einzuspannen. Ihm fallen schnell Pläne ein, wenn es schwierig wird; er ist sich der Mitwirkung Elisabeths sicher. Carlos scheint ihm blind zu folgen, ohne selber mitplanen zu dürfen; er beugt sich den moralischen Appellen Posas.

Analyse III 10
Der König, von der Eboli über das (angebliche) Verhältnis seiner Frau mit Carlos informiert (II 10), ist voller Zweifel (III 1) an ihrer Treue und wendet sich nacheinander an Lerma (III 2), Alba (III 3), der ihn über das Treffen der beiden in Aranjuez informiert, und Domingo (III 4), der ihn mit dem Gerücht von der Illegitimität seiner Tochter konfrontiert, um schließlich zu bemerken, dass er von ihnen keine „Wahrheit“ (V. 2820) erhält; er sucht „einen Menschen“ (V. 2809), also jemand, der ihm wirklich offen und uneigennützig die Wahrheit bietet (V. 2820 ff.), und stößt dabei auf den Namen des Marquis Posa (2839), der unter allen seinen Beratern keinen Gegner hat (V. 2889 ff.) und den er zu sich bestellt (2930 f.).
Posa hat sich bei Carlos, seinem Jugendfreund, als Abgesandter der Niederlande eingefunden (V. 153 ff.), hat der Königin entsprechende Briefe überreicht (Regieanweisung nach 505, V. 808); als Carlos‘ Bitte, das Heer nach den Niederlanden zu führen, vom König abgelehnt worden ist (II 2), hat Posa einen neuen Plan gefasst, den er aber Carlos nicht darlegt (V. 2452 ff.). Zum König gerufen, reflektiert er seine Situation und beschließt, in diesem Gespräch unabhängig von des Königs Absichten seinem eigenen Auftrag getreu zu handeln: „Ich weiß, / Was ich – ich mit dem König soll“ (V. 967 f.) und ihm „eine Feuerflocke Wahrheit“ (V. 2969) zu vermitteln.

Das Gespräch in der langen Audienz entwickelt sich in mehreren Schritten. Zuerst dominiert der König, der sich von Posa ein erstes Bild machen will (bis 3004); Posa hält dabei an einer Stelle inne (3005) und zeigt, dass es außer dem Untertan auch noch den (der Vernunft gehorchenden) Weltbürger (3007) gibt, als der er sich dann vorstellt (bis 3084). Als der König sich erhebt und ihm gegenübersteht (Regie), muss er sich gegen den Vorwurf der Schauspielerei verteidigen (bis 3134). Das Auftreten Lermas unterbricht das Gespräch und Posa trägt dann seine Bitte vor: Angesichts der chaotischen Verhältnisse in Flandern fordert er vom König Gedankenfreiheit für die Untertanen (3215 f.), worauf er sich niederwirft und damit gleichsam der rebellischen Forderung die Spitze nimmt. Er begründet dann seine Forderung (bis 3252), worauf der König zunächst mit einem großen Schweigen reagiert (Regie); darauf antwortet dieser, Posa dürfe ein freier Mensch sein, mehr sei nicht drin (bis 3294). Der König beendet mit einem Machtwort dieses Thema und bindet dann Posa an sich, indem er ihm höchst vertrauliche Aufträge gibt: das Vertrauen der Königin und des Prinzen zu „gewinnen“, das Posa ohne des Königs Wissen längst besitzt – eine Übereinstimmung, die zu unübersehbaren Konsequenzen führen kann.
(Damit sind der Rahmen und der Aufbau des Gesprächs in sieben Schritten musterhaft beschrieben. Da die Gesamtanalyse zu umfangreich würde, begnüge ich mich mit der Analyse des zweiten Schrittes:)

Posa hält in seiner Ausführung inne und scheint einen Einwand zu bedenken („Doch -“, 3005). Der König bemerkt es und fragt ihn danach (3005); Posa lenkt den Blick auf das Problem der Freiheit des Wortes (3007 f.), worunter auch die Gründe fallen, die ihn bewogen haben, aus dem Dienst des Königs zu scheiden (vgl. 2991 ff.). Vom König etwas provokativ befragt (3013 f.), stellt er die Chance, diesem die Wahrheit zu sagen, im Wert höher als sein dadurch vielleicht gefährdetes Leben. Der König blickt ihn darauf „mit erwartender Miene“ an. Posa hat nun das Wort und nutzt es zur großen Selbstdarstellung mit dem erstaunlich offenen Bekenntnis: „Ich kann nicht Fürstendiener sein.“ (V. 3022 und 3065) als Rahmen.
Was das heißt, erklärt Posa in zwei Aspekten:
1. Als Diener müsste er auf Anerkennung („Beifall“, 3028) seines Herrn aus sein, statt auf den Wert seiner Taten an sich zu achten. Er will aber nicht in diesem Sinn bloß Meißel in der Hand eines anderen, sondern selber „Künstler“ sein (3036 f.): „Mir hat die Tugend eignen Wert.“ (3030).
2. Die entsprechende Möglichkeit, die ganze Menschheit zu lieben, sei ihm in Monarchien deshalb genommen, weil er als Diener nach der Logik des Dienens nur sich selbst lieben könne (bis 3039). Hier spricht Posa im Sinn einer Sentenz des an Kant geschulten Autors Schiller:
   „Der eine fragt: Was kommt danach?
Der andre fragt nur: Ist es recht?
Und also unterscheidet sich
der Freie von dem Knecht.“
(auswendig, im Moment nicht nachweisbar)
Der König sieht unter dem Stichwort „Gutes stiften“ die Differenz zwischen dem frei Denkenden und dem loyalen Bürger aufgehoben und bietet Posa an, sich selbst eine passende Aufgabe („Posten“, 3043) zu suchen. Posa lehnt dieses Angebot ab, weil es diesen Posten nicht gebe, und kommt in seiner Begründung auf die aufklärerische Frage nach der Wahrheit zu sprechen. Er bindet den Zugang zum Glück (bis 3054) und die Möglichkeit zur Bruderliebe (3059/64) an das Recht, die Wahrheit unverkürzt zu suchen und zu sagen (3055 ff., 3061), wogegen ein König nur eine frisierte Wahrheit dulden könne. Die Freiheit, die hier in der Trinität von Glück, Liebe, Wahrheit gefordert wird, führt auf den Weg der Aufklärung (vgl. Kants Antwort auf die Frage: Was ist Aufklärung?).
Den Einwand oder Vorwurf des Königs: „Ihr seid ein Protestant.“ (3065 f.), der diese Aufklärung in die Sprache des 16. Jh. „übersetzt“, weist Posa zurück (3066 f.), indem er dem König „religiös“ widerspricht, politisch aber Recht gibt: Das Geheimnis königlicher Macht werde durch Denken entzaubert (3068/70). Weil er selbst gedacht habe, sei er „gefährlich“ (3073). Posa versucht die voraussehbare Angst oder Sorge des Königs zu zerstreuen: Er wolle seine Wünsche nicht in die Öffentlichkeit tragen (3074 f.); was das bedeutet, wissen wir seit Kants genanntem Aufsatz von 1784. Posa stellt sich als bloß denkenden Mitbürger „derer, welche kommen werden“ (3080), seine Vorstellungen als bloßes „Gemälde“ (3081), nicht als politischen Plan dar, um des Königs Angst zu zerstreuen; er stellt dem König anheim, mit einem Befehl („Ihr Atem“) ihm Stillschweigen aufzuerlegen. Abschließend fragt der König, ob er als erster von solchen Gedanken Posas erfahre; Posa lügt, als er „Ja“ sagt (3084).
     Posa hat diesen Teil des Gesprächs wesentlich bestimmt. Er hat einen kühnen Vorstoß unternommen und gleichzeitig mit dem Hinweis, er sei kein Revolutionär (3075/78) und wolle sein Vision jetzt noch nicht verwirklicht sehen (3079 f.), sondern im Namen der Weltgeschichte sprechen (vgl. 3188/92), aus höherer Vernunft sozusagen, dem König die Möglichkeit gegeben, moderat zu reagieren. Beide gewinnen im Hinblick auf den ausstehenden Ausgang der Weltgeschichte Zeit.
Durch Guthke („Schillers Dramen“, 1994) angeregt möchte ich kurz ausdrücklich auf das Stichwort „Künstler sein“ als Ziel Posas hinweisen (3037); in diesem Künstlersein spielen Pflicht und eigenes Wollen im Sinn Schillers bzw. Kants zusammen. Das utopische Gesamtbild seiner Vorstellungen nennt Marquis Posa entsprechend ein „Gemälde“ (3081).
(So stelle ich mir eine ausführliche Analyse vor, ohne zu erwarten, dass ihr das als Hausaufgabe geleistet hättet oder in genau der gleichen Intensität in der Klausur leisten könntet – aber doch fast beinahe?)

Neues Schema: Aufbau III 10

1. Einleitendes Gespräch: warum Posa nicht im Dienst des Königs ist;
Posa unterscheidet, wie er als Weltbürger – als Untertan spricht.
Er bekennt: Ich kann nicht Fürstendiener sein (V. 3023).
2. Er erklärt, warum er nicht Fürstendiener sein kann: Der König verbreitet kein Menschenglück; Posa möchte den Bruder lieben und denken dürfen. „Ich kann nicht Fürstendiener sein.“ (V. 3065, Wdhg. von 3022) Er beruhigt den König: Diese Vision betrifft erst die Zukunft (V. 3079 f.); der König höre sie als erster aus seinem Mund (V. V. 3083 f.)
3. Der König äußert den Verdacht, Posas Rede sei ein Trick, um Karriere zu machen.
Posa entschuldigt diese kleinliche Denkweise des Königs
und zeigt, dass der König zum „Gott“ gemacht worden und doch sterblich geblieben ist; der König ist betroffen.
4. Am Beispiel von Flandern und Brabant zeigt er, dass der König nur den Tod sät; er fordert ihn auf, das Menschglück zu fördern und Gedankenfreiheit zu geben.
Er verbindet diese Forderungen mit einer politischen Analyse des europäischen Geschehens (V. 3162 ff.) und seiner politischen Philosophie (V. 3217 ff.).
5. Der erstaunte König (V. 3216) denkt über Posas Reden nach (V. 3252/53). Er warnt ihn vor der Inquisition, will ihm persönlich aber alle Freiheit lassen und erlauben „Mensch zu sein“ (V. 3278). Als Posa noch einmal auf Flandern zu sprechen kommt, winkt der König ab (V. 3285 ff.).
6. Philipp stellt Posa ab sofort in seinen Dienst, nachdem dieser sich noch geziert hat.
7. Er erinnert sich seines Anliegens („Wahrheit“, V. 3302, vgl. 2820) und erteilt Posa den Sonderauftrag, Elisabeth und Carlos auszuforschen (bis 3350).

Analyse III 10 Dies ist die Schlüsselszene des 4. Aktes, weil Posa hier seinen Plan enthüllt und Elisabeth ihre Rolle zuweist. Elisabeth scheint Posa gut zu kennen (V. 3417), ohne dass jemals klar würde, woher sie ihn kennt; dass er im Turnier für sie gekämpft hat (V. 485) und ihr Briefe überbringt (I 2), kann die Bekanntschaft nur bestätigen, nicht erklären.
Elisabeth hat bemerkt, dass der Schlüssel ihrer Schatulle fehlt (IV 1); der Zuschauer weiß aus dem Auftreten der Eboli nach ihrer „Krankheit“, dass sie mit dem König geschlafen und die Schatulle erbrochen hat. Was Elisabeth vom Geschehen seit I 5 weiß, wissen wir nicht; sie hat das Duell Carlos‘ mit Alba beendet und mit diesem danach gesprochen – mehr weiß man nicht. Der Akteur ist hier Posa.
Dieser möchte die Königin allein sprechen und beruft sich dabei auf seinen Auftrag; im Wortgeplänkel darüber, wie es möglich ist, dass er in des Königs Auftrag kommt (V. 3379 ff.), bezeichnet Elisabeth den Marquis als einen Menschen, der nichts „unternähme, was nicht geendigt werden kann“ (V. 3400 f.), was der (vielleicht nur rhetorisch?) bezweifelt – ein hellsichtiger Hinweis auf das Ende des 4. Aktes, wo er gescheitert ist; das Gespräch IV 21 sollte man als Gegenstück zu IV 3 lesen.
Elisabeth wirft ihm dann, um sich seine neue Position zu erklären, in Posas Worten „Zweideutelei“ vor (V. 3405, ohne das Wort selber auszusprechen); sie spricht von „Unredlichkeit“ (V. 3405 f.) und fragt, ob der gute Zweck solche schlimmen Mittel heiligen kann (V. 3408 f.). Posa rechtfertigt sich damit, dass er den König nicht betrügen, sondern ihm „redlicher“ dienen wolle, „als er mir aufgetragen“ hat (V. 3415 f.) – eine Erklärung, die Elisabeth als zu Posas Charakter passend gelten lässt; sie unterschätzt offensichtlich Posas Intrige, die sie noch nicht kennt, und glaubt den Worten vom redlichen Dienst.
Sie fragt dann: „Was macht er?“ (V. 3417) Vermutlich meint sie den König; Posa überbringt ihr dessen Auftrag oder Befehl (V. 3418 ff.). Als sie weiter fragt und dabei ihm zugesteht, ihr etwas als geheim vorzuenthalten (V. 3430 ff.), rechtfertigt Posa sein Schweigen mit der engelgleichen (V. 3441) Tugend Elisabeths, welche Warnungen an sie überflüssig machten – zu Recht, wie sich in IV 9 und IV 14 zeigt.
Als Posa des Prinzen Bitte erwähnt, Elisabeth zu sprechen, lehnt sie das indirekt ab mit dem Bekenntnis, sie sei unglücklich; wenn das Carlos sähe, würde er auch nicht glücklicher. Posa kontert: Das würde Carlos tätiger machen (ein Vorgriff auf sein Bekenntnis in IV 21). Er entwickelt dann seinen Gedanken, Carlos müsse etwas tun und Flandern müsse gerettet werden. Auf Elisabeths Frage erklärt er, das Mittel dazu sei „fast so schlimm als die Gefahr“ (V. 3461). Elisabeth spricht es aus: „Rebellion“ (V. 3468). Posa weist ihr den Part zu, dies Carlos zu sagen. Er erklärt ihr, wieso der in Flandern erfolgreiche Carlos vom König dann akzeptiert würde (V. 3468 ff.).
Die Königin zögert, bei diesem Plan mitzumachen; schrittweise begeistert sie sich dafür, als Posa ihr erklärt, wieso erfahrene Heerführer des alten Kaisers Karl Carlos dann berieten; sie überlegt schon, welche Mittel sie zum Gelingen beisteuern kann (V. 3494 ff.). Sie erkennt jedenfalls bedrückt, dass Carlos‘ Rolle in Madrid diesen nicht ausfüllen kann. Als sie sich noch einmal überlegen will, ob sie wirklich mitspielt, setzt Posa sie unter Druck (V. 3500 ff), er müsse Carlos eine Antwort übermitteln. Die Königin willigt unter diesen Umständen in das Gespräch mit dem Prinzen ein.
Im Schlussgeplänkel geht es um die Frage, wie der Marquis zu seiner Vollmacht („Freiheit“, V. 3506) kommt, die Königin jederzeit zu besuchen; Posa erklärt ihr aber nichts. Sie ist jedoch davon begeistert, dass nun in Flandern die Freiheit in Europa einen Platz  finden kann; das veranlasse sie dazu, „meinen stillen Anteil“ (V. 3513) zu leisten. Als Herzogin Olivarez erscheint (V. 3514), hört das vertrauliche Gespräch sofort auf und der Ton der Etikette kehrt zurück.
   Ein Teil von Posas Plan ist offenbar geworden; die Königin ist bereit, bei Posas Spiel mitzumachen, obwohl sie seine Unredlichkeit gegenüber dem König und die vermeintlich gute „Rebellion“ erkennt. Es scheint so, als könnte Posas Plan zur Rettung Flanderns und zur Aktivierung des Freundes Carlos gelingen.


IV 9 – Analyse: Gesprächsabschnitte

Situation:
Elisabeth vermisste die Schlüssel ihrer Schatulle und wollte diese deshalb aufbrechen lassen (IV 1); dies ist inzwischen geschehen – sie hat entdeckt, dass sie bestohlen worden ist, und will beim König Hilfe holen.
Philipp hat ohne Wissen Elisabeths aus dieser Schatulle Briefe und ein Medaillon Carlos‘ in seinen Besitz gebracht und ist von Eifersucht aufgewühlt (seit III 1); er hat gerade erst wieder in dieser Eifersucht seine Tochter von sich gestoßen (IV 7) und will Elisabeth in dieser Stimmung nicht sprechen (IV 8). Doch sie betritt das Zimmer ohne Erlaubnis.
Gesprächsabschnitte
1. Elisabeth bittet kniefällig um Hilfe und teilt dem König mit, was ihr fehlt; dieser wiederholt beinahe sarkastisch einzelne Phrasen, sodass (ab 3691) seine Vorwürfe deutlich werden, welche Elisabeth zu entkräften weiß. Der König ist bewegt, ohne dass dies deutlich erklärt würde.
2. Als die Infantin das vermisste Medaillon auf dem Boden entdeckt, was den König als Täter zeigt, klagt Elisabeth ihren Mann ironisch und auch ihn beklagend wegen seines Vorgehens an. Der König geht zum Gegenangriff über, indem er an ihre Lüge in Aranjuez erinnert (3720). Es kommt zu einem Streit um die verletzte „Ehre“ (3729 ff.). Gegen des Königs Frage nach dem „Warum?“ behauptet Elisabeth sich: Sie wollte Carlos sprechen (und setzt ihre Einsicht über „den Gebrauch“, also die höfische Sitte); und sie will jenen in Zukunft nicht gering schätzen müssen, nur weil er ihr Verlobter war.
3. Gegen diese Selbstbehauptung setzt der König seine Drohungen (ab 3772): Er wolle keine Verfehlung mehr hinnehmen; Elisabeth verteidigt sich mit der Frage: „Was hab ich denn begangen?“ Der König geht so weit, dass er droht, sich über jede Schranke hinwegzusetzen: „Dann meinetwegen fließe Blut -“ (3777). Sie kann ihn nur noch bedauern – der König stößt in der Wut seine Tochter fort und wirft seiner Frau Ehebruch vor.
4. Damit hat er eine Grenze überschritten – Elisabeth nimmt die Infantin und kündigt an, sie werde in Frankreich  Helfer und Rechtsbeistand suchen. Sie geht und bricht zusammen (ab 3794). Philipp lenkt ein, entschuldigt sich auch unbeholfen („fürchterlicher Zufall! Blut“); er fürchtet einen Skandal und bittet Elisabeth aufzustehen.
Ergebnis des Gesprächs
In der Härte der Konfrontation ist einiges klar geworden: Der König traut der Treue seiner Frau nicht; diese setzt der Etikette ihren Willen und ihre Selbständigkeit entgegen. Der König greift zwar schon unbewusst auf das Ende des Geschehens vor („Dann meinetwegen fließe Blut -“), scheut hier aber noch vor dieser letzten Konsequenz zurück, weil Elisabeth ihre Unschuld glaubhaft dargestellt hat, vgl. IV 10: ein retardierendes Moment vor dem Untergang.

Ich möchte ausdrücklich auf diese Kurzform der Analyse als Möglichkeit hinweisen, die mit der Zeitknappheit bei Klausuren rechnet:
* Situation der Gesprächspartner, wie sie sich aus der Vorgeschichte ergibt;
* Abschnitte oder Phasen des Geschehens (nicht des „Inhalts“!);
* Ergebnis des Gesprächs.
Eine solche Kurzanalyse stellt eine große Hilfe für das Verstehen dar, weil sie es verhindert, dass der Blick sich in den Einzelheiten verliert.
Ein Kurzanalyse kann auch dazu dienen, mit der Zeitknappheit in Klausuren pragmatisch umzugehen: Entweder verzichtet man auf die Detailanalyse und begnügt sich mit einer Analyse auf der Ebene der Gesprächsabschnitte bzw. -phasen; oder man setzt diese Übersichts-Analyse in Einzelanalysen fort, soweit die Zeit reicht.

Analyse V 1 und V 3
Vielleicht darf man V 3 als die Schlüsselszene des 5. Aktes bezeichnen; zu ihr gehört unmittelbar V 1 (eine Art Doppelszene bzw. große Szene mit Unterbrechung durch V 2): Posa erklärt seinem Freund das undurchschaubere Geschehen und stirbt für ihn, was aus Carlos einen anderen Menschen macht.
Carlos glaubt sich dank Lermas Information von Posa hintergangen (IV 4 und IV 13), hat sich dann in seiner Verzweiflung an die Eboli gewandt (IV 15) und ist verhaftet worden. Posa kommt vermutlich zu Carlos, um ihm sein eigenes Handeln und des Freundes Situation zu erhellen bzw. ihm Beistand zu leisten (V. 4489f.). Er hat jedoch dessen Gefühle bzw. dessen Unverständnis, wie sich bald im Gespräch ergibt, verkannt.

Die erste Regieanweisung („steht auf…“) zeigt dies; Carlos „fährt erschrocken zusammen“, als Posa erscheint. Er „freut“ sich, dass dieser ihn nicht vergessen hat (V. 4492) und ihm doch irgendwie „gut geblieben“ (V. 4493) sei. Posa versteht Carlos‘ traurigen Tonfall erst, als dieser von Posas „Milde“ und harter Tugend spricht und sich selbst als „Opfer“ bezeichnet (V. 4495 ff.); da fragt Posa: „Wie meinst du das?“ (V. 4506) Carlos stellt nun seine Sicht dar: Seine Liebe zu Elisabeth habe ihn zerrüttet, Posa könne als Günstling des Königs der Retter Spaniens werden; er billigt Posas vermeintliche Planung, weil er selbst offenbar Spanien zu retten  „gesollt und nicht gekonnt“ habe (V. 4507 ff.). Posa ist erschüttert, dass ihm diese vermeintliche Untreue von Carlos vergeben wird (V. 4522 ff.), und bekennt, dass er sich verrechnet hat: „Mein Gebäude stürzt zusammen – ich vergaß dein Herz.“ (V. 4526 f. – so hatte ihm bereits Elisabeth vorgeworfen, er habe sie und ihr Herz vergessen, V. 4343 ff.). Carlos versteht Posas Reaktion nicht und wirft ihm nun vor, dass auch Elisabeth geopfert werde, nimmt aber den Vorwurf sogleich zurück (V. 4528 ff.).
Diesen Vorwurf weist Posa als ungerecht ab (V. 4536) und  gibt Carlos dann einige Briefe (vgl. IV 5) zurück; im Gespräch über diese Briefe zeigt sich, dass Carlos weiß, dass der König einige seiner Briefe kennt, was aber Posa nicht wusste: Lerma hatte jenen informiert (V. 4540 ff.). Posa erklärt ihm dann, dass er Carlos aus gutem Grund verhaftet habe, um ihn vor Gräfin Eboli zu schützen. Da geht Carlos ein Licht auf, er ist „wie aus einem Traum erwacht“ (V. 4558): „Ha! Nun endlich! Jetzt seh ich – jetzt wird alles Licht -“
(V. 4558 f.). [Darüber kommt Alba und unterbricht das Gespräch, um ihm mitzuteilen, dass er frei ist (V 2). Carlos beharrt jedoch darauf, dass der König selber kommt, ihm dies mitzuteilen.]

Analyse V 3
Carlos fragt verwundert, wieso wohl Alba trotz Posas Aufstieg gekommen sei; Posa versteht, dass dessen Kommen seinen eigenen Untergang bedeutet, den er durch den Brief nach Flandern (IV 22) selbst eingeleitet hat. Er preist das Gelingen seines neuen Plans (bis V. 4604) und schickt sich an, von Carlos Abschied zu nehmen; Carlos ist erschüttert. Posa erklärt dann in einer langen Rede, die nur gelegentlich kurz von Carlos unterbrochen wird, wie und warum er so gehandelt hat: um Carlos in vermeintlicher Feindschaft „kräftiger zu dienen“ (V. 4634). Dann bekennt er, dass er im Vertrauen auf Carlos‘ Freundschaft („auf deiner Freundschaft Ewigkeit gegründet“, V. 4647) diesem nicht seinen Plan mitgeteilt hat, was Carlos zu seinem unbedachten Gang zur Eboli veranlasst habe (V. 4640 ff.); das wiederum habe ihn gezwungen, Carlos zu verhaften und den verräterischen Brief nach Brabant zuschreiben (V. 4670 ff.).
Während der Rede ist Carlos aus seiner Versteinerung erwacht und aufgestanden (V. 4648 ff.); als er dann begreift, dass Posa den Brief absichtlich hat entdecken lassen, begreift er diese Opfertat und erstarrt (V. 4709). Er will sofort zum König, um diesen über den Betrug aufzuklären; Posa verhindert das. Im heftigen Wechselgespräch erinnert Posa ihn daran, dass Carlos selbst für den Freund einst eine Strafe übernommen hat – dabei sieht er ihn „bedeutend“ an (V. 4715 ff.) – hier schließt sich der in I 2 eröffnete Kreis im Dank für die alte Freundestat. Posa ist also das Opfer, nicht Carlos (V. 4504 f.). Carlos ist gerührt, voller Bewunderung (Regie, hinter V. 4718 – solche wird ihm selber dann von Elisabeth zuteil, V 11).
Posa kann nun sein Testament eröffnen: „Rette dich für Flandern!
Das Königreich ist dein Beruf. Für dich
Zu sterben war der meinige.“ (V. 4718/20) Carlos widerspricht: Nein!
Er will zum König gehen, um ihn durch solche Freundestat menschlich zu rühren und selber Verzeihung zu erlangen (V. 4720 ff.). Da wird Posa durch die Gittertür erschossen; er sagt zu Carlos noch, dass Elisabeth alles weiß. Er stirbt. Der König erscheint mit den Granden.
   Von Posas Freundschaftstat ist Carlos überwältigt, von seinem Tod erschüttert; er sagt sich vom König als Vater los (V 4 – im Gegenzug zu I 1 f. und vor allem II 2), um Posas Testament zu erfüllen, und beschuldigt ihn des Mordes an Posa. Der König ist dadurch seelisch zerstört. Was aus dem verzweifelten König in der allgemeinen Bestürzung wird, ist unklar.

Analyse V 11
Diese Szene ist der Höhepunkt des Dramas, weil sie Carlos‘ Vollendung im Untergang zeigt: Er wird verhaftet (und hingerichtet), aber er ist als Mann und Königssohn infolge der Freundschaftstat Posas reif geworden.
Gegen Lermas guten Rat (V 7) ist Carlos nicht geflohen, sondern hat auf das nächtliche Treffen mit der Königin gewartet, weil Posa den Auftrag dazu gegeben hat (V. 4887 ff.). Die Königin soll Carlos in seiner Mission nach Flandern bestärken (IV 21), was sachlich gar nicht mehr nötig wäre, da Carlos, von des Freundes Opfertod überwältigt, bereits entschlossen ist, dessen Testament zu erfüllen (V 3) und die Aussöhnung mit dem Vater ausgeschlossen hat (V 4).

Elisabeth eröffnet das Gespräch mit dem als Kaisergespenst verkleideten Carlos; sie weiß nicht, in welcher Verfassung Carlos zu ihr kommt, und schließt mit Berufung auf den großen Toten jede menschliche Annäherung aus (V. 5283 ff.); dann bittet sie Carlos um ihrer Zusage willen, Posas Auftrag zu erfüllen (V. 5291 ff.). Als der Prinz begeistert verspricht, ein „Paradies“ (in Flandern, in Spanien?) zu erschaffen, ist Elisabeth ihrerseits begeistert (V. 5297 ff.); sie spricht dann von Posas zweitem Auftrag und will die Stimme ihres Herzens sprechen lassen, dass sie nämlich Carlos immer lieben werde (V. 5302 ff., vgl. V. 4368 ff.).
Carlos ahnt, was kommt, und lässt die „Königin“ (statt Elisabeth) nicht aussprechen: „Vollenden Sie nicht…“ (V. 5310). Von nun an redet eigentlich nur er noch. Er erklärt ihr, er sei aus einem Traum erwacht (V. 5310/12, vgl. V. 1151). Er sei frei von Leidenschaft; es gebe höhere Güter, als Elisabeth zu besitzen; er sei „zum Mann gereift“ (V. 5324) und müsse nur noch „die Erinnerung an ihn“ pflegen (V. 5325 f. – vgl. den Wechsel des Pronomens: „sie selbst“, V. 1266). Elisabeth bewundert diesen großen Carlos (V. 5330 und V. 5351) in einer in ihrem Pathos nur noch schwer erträglichen Weise (V. 5349/51, „Männergröße“). Carlos gesteht ihr nicht einmal mehr die „Freundschaft“ zu, die sie ihm doch zugesagt hatte (V. 732 ff.), sondern nur den Titel „unsers Bundes einzige Vertraute“ (V. 5331 f.). Er will sich beeilen, „mein bedrängtes Volk zu retten von Tyrannenhand“ (V. 5345 f.); deshalb kann er auch Elisabeth einmal küssen und sie in den Armen halten, ohne zu wanken; „er verlässt sie“ (Regie, hinter V. 5355):
„Das ist vorbei. Jetzt trotz ich jedem Schicksal
Der Sterblichkeit.“ (V. 5356 f.). Er kündigt an, mit seinem Vater „einen öffentlichen Gang zu tun“ (V. 5364), also einen Krieg zu führen; er verspricht, diesem letzten Masken-Betrug keinen weiteren folgen zu lassen (V. 5367 f.). Da tritt der König hinzu und übergibt seinen Sohn dem Großinquisitor zur Hinrichtung, während Elisabeth in Ohnmacht fällt.
   Die Szene dient dazu, die durch Posas Opfertod verursachte menschliche Reifung Carlos‘ zu zeigen und so das Loblied auf die Freundschaft abzuschließen. Politisch wäre mehr gewonnen worden, wenn er sich mit dem König ausgesöhnt (V 4) oder zumindest auf Lermas Rat hin die Flucht ergriffen hätte (V 7); doch die Idee der Freundschaft und der hohen Freiheitsideale gilt in diesem Drama mehr als deren politische Verwirklichung. Im Vordergrund steht das Individuum, das im Entsagen reift und in der Hingabe an die Idee vollendet wird.

Neue Analyse:

Nachdem ich den „Don Karlos“ im Schuljahr 2001/02 in einem Leistungskurs Deutsch behandelt hatte, habe ich im vergangenen Frühjahr das Drama noch einmal intensiv gelesen und bei lehrer-online eine Unterrichtseinheit dazu präsentiert (http://www.lehrer-online.de/don-carlos.php). In diesem Frühjahr habe ich dann das Drama erneut gelesen (Vorbereitung für ein Lehrerheft bei Krapp & Gutknecht) und einige Stellen gefunden, die mein Verständnis des Stücks verändert haben:

* Es war mir schon aufgefallen, dass die Szenen I 5 und V 11: die Begegnungen des Prinzen Karlos mit Elisabeth, das Geschehen rahmen und dass die entscheidende Veränderung darin besteht, dass Karlos am Ende „zum Mann gereift“ (5324) ist, also Elisabeths Forderung gerecht wird: „Ermannen Sie sich, edler Prinz.“ (763) Auch Posa fordert, Karlos solle ein Mann sein (V 3), während der Infant für Philipp ein „Knabe“ ist (I 6 und V9). Die neue Einsicht besteht in einer Verknüpfung dieser Beobachtung mit Karlos’ Aussage,
„Dass Karlos nicht gesonnen ist, zu müssen,
Wo er zu wollen hat;“ (724 f.)
dass Karlos also bei der ersten Begegnung um seine Selbstverwirklichung kämpft. Freiheit besteht im Verständnis des Idealismus darin, das von sich aus zu wollen, was man tun soll (vgl. Posas Wort über Wahl und Pflicht, 3032 f.!); diese Freiheit hat Karlos am Ende gewonnen, insofern ist er ein Mann geworden.

* Der Reifung gegenüber Elisabeth entspricht Karlos‘ Reifung als Sohn: In II 2 bettelt er um die Liebe des Vaters, in V 4 sagt er sich von ihm los (um in V 11 als Infant zum Aufstand bereit zu sein).

* Dass Freundschaft zwischen Karlos und dem Marquis Posa mehr als persönliche Verbundenheit ist (und deshalb auch nicht aus Schillers Leben erklärt werden kann), war mir klar; neu ist die Einsicht, dass der „heutige“ Freundschaftsbund (I 9) für die Freundschaft „auch dermaleinst“ (995) gilt, also die Gleichheit zwischen dem König Karlos und dem Bürger Posa (965 ff. und 994 f.) antizipiert und heute schon herstellt. Damit bekommt dann die schwärmerische Aussage Posas, das Traumbild des neuen Staates sei „der Freundschaft göttliche Geburt“ (4280 f.), ihre Bedeutung.

* Von dieser neuen Einsicht aus wird auch eine beinahe „defätistische“ Äußerung des politischen Taktikers Posa verständlich; der sagt nämlich über Karlos: „Er lege
Die erste Hand an diesen rohen Stein.
Ob er vollende oder unterliege –
Ihm einerlei!“ (4281/84)
Von dieser Vision aus kann man verstehen, wieso Karlos nicht flieht (V 7), sondern am Schluss vollendet ist (V 11), auch wenn der Inquisitor ihn hinrichten wird. „Katastrophe“ kann man diese Vollendung nicht nennen.

* Die letzte neue Einsicht besteht darin, in Posas Selbstopfer eine Säkularisierung des christlichen Glaubens an den Opfertod Jesu zu sehen. Das ergibt sich aus aus Karlos’ Bekenntnis: „Für mich ist er gestorben.“ (4787 und 4837) Da geschieht insofern eine Erlösung, als nun die Bindungen der Natur nicht mehr gelten (4767) und die neue Bruderschaft „ein edler Band, als die Natur es schmiedet“ (4794), darstellt.

Diese Einsichten machen es nötig, erneut zu untersuchen, wie das Drama aufgebaut ist und was eigentlich im Drama geschieht.

P.S. Schillers Brief an Körner vom 3. Juli 1785 bezeugt, dass im Zusammenhang des Themas „Freundschaft“ die Säkularisisierung zentraler christlicher Motive Schiller nicht fremd war: „Bester Freund – der gestrige Tag, der zweite des Julius, wird mir unvergesslich bleiben, so lange ich lebe. Gäbe es Geister, die uns dienstbar sind und unsere Gefühle und Stimmungen durch eine sympathetische Magie fortpflanzen und übertragen, Du hättest die Stunde zwischen halb acht und halb neun Vormittags in der süßesten Ahnung empfinden müssen. Ich weiß nicht mehr, wie wir eigentlich darauf kamen, von Entwürfen für die Zukunft zu reden. Mein Herz wurde warm. Es war nicht Schwärmerei, – philosophisch-feste Gewißheit war’s, was ich in der herrlichen Perspective der Zeit vor mir liegen sah. Mit weicher Beschämung, die nicht niederdrückt, sondern männlich emporrafft, sah ich rückwärts in die Vergangenheit, die ich durch die unglücklichste Verschwendung missbrauchte. Ich fühlte die kühne Anlage meiner Kräfte, das misslungene (vielleicht große) Vorhaben der Natur mit mir. Eine Hälfte wurde durch die wahnsinnige Methode meiner Erziehung und die Misslaune meines Schicksales, die zweite und größere aber durch mich selber zernichtet. Tief, bester Freund, habe ich das empfunden, und in der allgemeinen feurigen Gährung meiner Gefühle haben sich Kopf und Herz zu dem herkulischen Gelübde vereinigt – die Vergangenheit nachzuholen, und den edlen Wettlauf zum höchsten Ziele von vorn anzufangen. Mein Gefühl war beredt und theilte sich den anderen elektrisch mit. O, wie schön und wie göttlich ist die Berührung zweier Seelen, die sich auf ihrem Wege zur Gottheit begegnen. Du warst bis jetzt noch mit keiner Sylbe genannt worden, und doch las ich in Huber’s Augen Deinen Namen – und unwillkürlich trat er auf meinen Mund. Unsere Augen begegneten sich, und unser heiliger Vorsatz zerschmolz in unsre heilige Freundschaft. Es war ein stummer Handschlag, getreu zu bleiben dem Entschlusse dieses Augenblicks – sich wechselweise fortzureißen zum Ziele – sich zu mahnen und aufzuraffen einer den andern – und nicht stille zu halten bis an die Grenze, wo die menschlichen Größen enden. O, mein Freund! Nur unserer innigen Verkettung, ich muß sie noch einmal so nennen, unserer heiligen Freundschaft allein war es vorbehalten, uns groß und gut und glücklich zu machen. Die gütige Vorsehung, die meine leisesten Wünsche hörte, hat mich Dir in die Arme geführt, und ich hoffe, auch Dich mir. Ohne mich sollst du ebenso wenig Deine Glückseligkeit vollendet sehen können, als ich die meinige ohne dich. Unsere künftig erreichte Vollkommenheit soll und darf auf keinem anderen Pfeiler als unserer Freundschaft ruhen. – Unsere Unterredung hatte diese Wendung genommen, als wir ausstiegen, um unterweges ein Frühstück zu nehmen. Wir fanden Wein in der Schenke. Deine Gesundheit wurde getrunken. Stillschweigend sahen wir uns an, unsere Stimmung war feierlich Andacht, und jeder von uns hatte Thränen in den Augen, die er sich zu ersticken zwang. Göschen bekannte, daß er dieses Glas Wein noch in jedem Gliede brennen fühlte, Huber’s Gesicht war feuerroth, als er uns gestand, er habe noch keinen Wein so gut gefunden, und ich dachte mir die Einsetzung des Abendmahls – „Dieses thut, so oft ihr’s trinket, zu meinem Gedächtniß.“ Ich hörte die Orgel gehen und stand vor dem Altare. Jetzt erst fiel’s uns auf die Seele, daß heute Dein Geburtstag war. Ohne es zu wissen haben wir ihn heilig gefeiert. – Theuerster Freund, hättest du deine Verherrlichung in unseren Gesichtern gesehen – in der vom Weinen erstickten Stimme gehört: in dem Augenblicke hättest Du sogar Deine Braut vergessen, keinen Glücklichen unter die Sonne hättest Du beneidet. – – – Der Himmel hat uns seltsam einander zugeführt, aber in unserer Freundschaft soll er ein Wunder gethan haben. Eine dunkle Ahnung ließ mich so viel, so viel von Euch erwarten, als ich meine Reise nach Leipzig beschloß, aber die Vorsehung hat mir mehr erfüllt, als sie mir zusagte, hat mir in Euren Armen eine Glückseligkeit bereitet, von der ich mir damals auch nicht einmal ein Bild machen konnte. Kann dieses Bewußtsein Dir Freude geben, mein Theuerster, so ist Deine Glückseligkeit vollkommen.“

Schiller: Don Karlos – Inhalt, Aufbau

Garten des Königs in Aranjuez
Hof der Königin
(in der Nähe)

Palast zu Madrid
Vorzimmer der Königin
Kabinett der Eboli
Zimmer im königlichen Palast
In einem Kartäuserkloster

Schlafzimmer des Königs
Audienzsaal 
Kabinett des Königs

Saal bei der Königin  
IV 1 Königin – Damen: Eboli ist wieder da, Anspielungen der anderen der Königin Damen; Überleitung zu IV 2 und 3:
IV 2 dieselben – Posa: Posa will Königin allein sprechen.
IV 3 Königin – Posa: Posa deutet ein Doppelspiel an und entwirft den Plan, Carlos solle zu den Aufständischen gehen und von der Königin dazu verleitet werden; diese spielt nach anfänglichem Zögern mit.
Galerie
Kabinett des Königs
Galerie
Ein Zimmer der Königin
Zimmer der Eboli 
Ein Zimmer der Königin
Vorzimmer des Königs
Zimmer im  Palast, vergittert
Vorzimmer des Königs
Zimmer der Königin

 

Dramatische Situation am Ende von I

Dramatische Situation am Ende von II

Dramatische Situation am Ende von III

Dramatische Situation am Ende von IV

Dramatische Situation am Ende von V

 

Die Analysen finden Sie jetzt auf dem Lehrermarktplatz unter meinem Namen (Norbert Tholen).

Schiller: Don Karlos – Entstehung, Hintergründe, Untersuchungen

Zeittafel im Kontext des „Don Carlos” 
10.11. 1759 Geburt (zweites Kind eines Arztes und Offiziers)
1773 – 1780 Schüler auf der Militärschule des Herzogs, Studium der Medizin; erste Dissertation gescheitert;
1781 – 1782 in Stuttgart: Militärarzt und Dichter
13.01. 1782 „Die Räuber” in Mannheim mit Erfolg aufgeführt;
07/08  1782 Arrest; literarische Arbeit vom Herzog verboten;
22.09. 1782 Flucht mit A. Streicher, zunächst nach Oggersheim;
12/82-07/83 in Bauerbach/Thüringen: Arbeit u.a. an „Don Carlos”: Auf der Grundlage einer Erzählung des Abbé de Saint-Réal tritt ein glänzender Carlos gegen einen miesen Philipp und dessen Berater an (1. Akt)
1783 – 1784 in Mannheim Theaterdichter; Bekanntschaft mit Charlotte von Kalb; „Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet”;
4/85 – 7/87 als Gast seines Freundes C.G. Körner in Leipzig und Dresden; „Don Carlos” zunächst bis III 9 veröffentlicht; bei der endgültigen Fassung (1787) ist der König wesentlich differenzierter dargestellt, Posa als neuer Held installiert; das übermäßig lange Stück wird von Schiller gekürzt und auch in Prosa gesetzt; vor seinem Tod kürzt Schiller das Stück noch einmal auf die heutige Länge;
1787 – 1788 in Weimar: Begegnung mit Ch. von Kalb, Wieland, Herder und Goethe sowie seiner späteren Frau; Abschluss der Arbeit “Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der Spanischen Regierung”; Professor in Jena;
1789     Übersiedlung nach Jena, Freundschaft mit W. von Humboldt;
1790     Heirat;
1794     Freundschaft mit Goethe;
09.05.1805  Tod Schillers.
(Vgl. die Rowohlt-Monographie von F. Burschell, rm 14)
Friedrich Burschell: Schiller. Rowohlt: Reinbek 1968, S. 206, sieht
in Schillers Freundschaft zu Körner und seiner glücklich-unglücklichen Liebe zu Frau von Kalb den biographischen Hintergrund des Dramas; in Posa stelle Schiller sich als Figur der Aufklärung dar.

Geschichte im „Don Carlos“
1. Historischer Hintergrund des „Don Carlos“
1527 Philipp wird als Sohn Kaiser Karls V. geboren.
1543 Philipp heiratet Isabelle von Portugal.
1545 Sein Sohn Don Carlos wird geboren, die Mutter stirbt 4 Tage später.
1554 Philipp heiratet Maria von England. – Der Prinz wird von verschiedenen Personen erzogen; bis zum 14. Lebensjahr lernt er den Vater kaum kennen.
1555 Karl V. dankt ab und übergibt die Niederlande an Philipp; am 16. Januar 1556 übergibt er ihm auch Spanien. Aus politischen Gründen wird eine Heirat Carlos‘ mit Elisabeth von Valois erwogen. Ab 1557 Krieg Spanien mit Frankreich.
1559 Frieden von Cateau-Cambrésis; knapp drei Monate später heiratet Philipp Elisabeth von Valois; Philipp wird dabei durch Herzog Alba vertreten (die Hochzeit in Spanien erfolgt am 31. Januar 1560).
Margareta von Parma (1522-1586), eine Halbschwester Philipps, wird seine Statthalterin in den Niederlanden; sie legt ihr Amt 1567 nieder, als Alba mit ausgedehnten Vollmachten erscheint.
1561 Carlos, der sicher nie ein Verhältnis mit Elisabeth hatte, soll auf Betreiben seines Onkels (Kaiser Maximilian) seine Cousine Anna von Österreich heiraten; er ist von ihrem Bild begeistert.
1562 Carlos, der immer schon ein schwieriges Kind war, fällt auf dem Weg zu einem Stelldichein eine Treppe hinunter und erleidet schwere Kopfverletzungen.
1563 Carlos wird immer schwieriger; seine Tante Johanna möchte ihn heiraten, er aber möchte Anna von Österreich heiraten (vielleicht um Statthalter der Niederlande zu werden). Ohilipp lässt eine Neffen Rudolf und Ernst vonÖsterreich kommen, damit sie gegebenenfalls die Thronfolge antreten können.
1564 Carlos erhält Zutritt zum Hofrat, ist aber als Mensch außerordentlich schwierig.
1565 Der französische Gesandte soll eine Heirat zwischen Carlos und Margareta von Valois fördern.
1566 Petition der Niederlande am Margareta von Parma: Sie bitten um Religionsfreiheit und Einberufung der Stände.
1567 Carlos weigert sich zu beichten; er schließt sich im Pferdestall ein und misshandelt die Tiere mit einem Dolch. Alba wird Statthalter der Niederlande; Carlos geht mit einem Dolch auf ihn los. Carlos möchte von seinem Onkel, dem Oberbefehlshaber der Flotte, nach Italien gebracht werden, um von dort in die Niederlande zu reisen; Philipp wird darüber unterrichtet.
1568 Der Prinz muss seine private Waffensammlung abgeben; es gibt Gerüchte, dass der Prinz mit den Niederländern unter einer Decke stecke. Carlos wird in Gewahrsam genommen, er erkrankt schwer; sein Vater weigert sich, ihn nochmals zu sehen.
1569 Carlos stirbt am 24. Januar; Philipp ordnet ein Staatsbegräbnis an. Am 3. Oktober stirbt Elisabeth von Valois.
1571 Sieg der Spanier über die Türken in der Seeschlacht von Lepanto.
1588 Untergang der spanischen Flotte (Armada).
1598 Philipp II. stirbt.

2. Schillers Quelle des Stoffes
war die Darstellung des Abbé de St.Réal: Histoire de Dom Carlos (1672).

3. Schillers Arbeit am Drama
1782 Schiller kündigt in einem Brief an von Dalberg (Juli 1782) an, dass er sich vielleicht mit dem Spanier Dom Carlos befassen werde.
1783 erster Entwurf des Dramas „Dom Karlos“ in Bauerbach; historische Studien Schillers zum Stoff. – Er will in diesem Drama die Inquisition angreifen und „die prostituirte Menschheit“ rächen (Brief an Reinwald, 14. April).
1784 Schiller wendet sich der Ausarbeitung des „Dom Karlos“; das Ganze soll „ein Familiengemählde in einem fürstlichen Hauße“ werden (Brief an Dalberg, 7. Juni); diese „häusliche Tragödie“ (im Sinne Diderots) wird im Lauf der Arbeit um Aspekte der Liebes- und Freundschaftstragödie bereichert. – Schiller schreibt wie Shakespeare (und Lessing) in fünfhebigen Jamben, dem Blankvers.
Da Schiller seit dem 1. September 1784 nicht mehr Theaterdichter in Mannheim ist, braucht er sich nicht an die Begrenzung eines Bühnendramas (maximal 3000 Verse) zu halten.
1785 – 1787 Schiller arbeitet das Drama aus, wobei er vor der großen Szene III 10 lange Zeit sich nicht eindeutig für einen Fortgang des Geschehens entscheiden konnte.
Im Januar erscheint ein Vorabdruck (in der Buchfassung bis III 7); Mitte des Jahres erscheint das Drama in einem Umfang von 6282 Versen im Verlag Göschen.
Seit 1786 hat Schiller an einer Bühnenfassung gearbeitet (3943 Verse), die er am 13 Juni 1787 nach Hamburg schickt, wo sie am 29. August in gekürzter Form aufgeführt wird. Es folgen Aufführungen in Leipzig, Riga und Mannheim. Goethe nimmt das Drama 1791 in den Spielplan des Weimarer Hoftheaters auf.
1788 Schiller schreibt „Briefe über Don Carlos“ (Brief 1-4 erscheinen im Juli, Brief 5-12 im Dezember in Wielands „Teutschen Merkur“), in denen er sich mit den Einwänden gegen die Gestalt Posa auseinandersetzt.
1801 Es erscheint eine von Schiller gekürzte Fassung (5370 Verse), die aber wegen ihres Umfangs ein Lesedrama bleibt.

Irritationen beim Lesen
1. Manchmal ist die „Konstruktion“ der Gedanken oder des Geschehens problematisch, z.B. bei Carlos‘ Liebesgeständnis (V. 1807/09), bei seiner „Reinheitserkenntnis“ (V. 1844 ff., nach V. 1830 ff.) oder bei Carlos‘ (V. 1855 f.) und der Eboli (V. 1857) plötzlichem Verständnis der Situation.
Irrt Posa/Schiller 2981/83 (wegen Abmachung und Beichte der Eboli, 2210 ff. und 2686 ff.) in der Datierung „zwei Tage“?
Seltsamer Imperialismus Posas 3250/52: wieso soll Philipp als König der Freien die Welt unterwerfen?
2. Die Intrigen Posas: I liest sich nach IV 21 ganz anders; Posa hätte alles wissen müssen, was Carlos bedrängt (wie kann er ihm „Eigennutz“ vorwerfen, V. 2418, wenn er selbst diese Liebe geschürt hat, V. 4327 ff.?) – als „Wissender“ kann er leicht auf sein eigenes Anliegen vorerst verzichten.
Posas Verbindung mit den Türken ist sehr kühn vom Autor Schiller fantasiert!
3. Bedenklich: die Zustimmung Elisabeths zu Rebellion; nach dem Geständnis, dass sie unglücklich ist (V. 3451 f.), tut sie etwas rätselhaft kund, ihr Herz (!) solle allein der Richter ihrer Liebe sein (V. 4374/76) – ganz neue Töne gegenüber I 5!
[Wie sich aus V ergibt, dient das evtl. nur dazu, die Reifung Carlos‘ zu zeigen!]
** Eventuell ergeben sich manche Unstimmigkeiten daraus, dass Schiller so lange und mit wechselnden Zielvorstellungen an dem Drama gearbeitet hat.

Elisabeth als Mensch (Charakter) in I 3 und I 4

– Elisabeth ist der Natur verbunden:

Ihr Haus liegt in einfacher ländlicher Gegend (Ortsangabe I 3),

sie liebt die ländliche Natur (398); diese erinnert sie an ihre Kindheit und an die Heimat Frankreich (396 ff.);

– „Natur“ bestimmt auch ihr Ideal vom Zusammenleben:

Nur Liebe ist ein Grund zum Heiraten (440 ff.);

Sie möchte nicht nur nach der Etikette Mutter sein dürfen (462 ff.);

– Sie ist ein aufgeklärter Mensch:

Sie lehnt Ketzerverbrennungen ab (418 ff.);

sie schätzt Posa als einen freien, sich selbst genügenden Mann (515 ff.),

„Madrid“ ist hier wie auch 396 ff. der Gegen-Ort.

– Elisabeth entscheidet sich dafür, Posa zu empfangen, was weder erlaubt noch verboten war (478 ff.; Mut, Spontaneität);

– sie schafft Gelegenheit zu einem vertraulichen Gespräch (426 ff.)

– und zeigt sich ebenso als klug, als sie die Andeutungen Posas versteht (575 ff., mit  445 ff., 601 f.).

– Sie zeigt Interesse an Karlos’ Geschick (528 ff., 610 f.);

– sie respektiert die Grenze des rechtmäßig Erlaubten (600 f.).

– Sie ist persönlich auf unbestimmte Weise enttäuscht (431 ff.)

– und deutet möglicherweise an, aufgeopfert zu sein (452 f.).

– Dass sie in einem Konflikt steht, erkennt man an den Widersprüchen,

dass sie weiter nach Karlos’ Leiden fragt, obwohl sie vorher „Schluss!“ signalisiert hat (610 mit 600 f.);

dass sie erschrocken (620) und verwirrt (622) ist, als Karlos’ wirklich erscheinen soll, obwohl sie vorher Interesse an seinem Leiden bekundet hat (610 f.).

Fazit:

Elisabeth erscheint als eine empfindsame, aufgeklärte, der Natur verbundene Frau des 18. Jahrhunderts, die aber aufgrund ihrer Stellung als Königin in die Etikette des 16. Jahrhunderts eingezwängt ist. Diese Spannung zeigt sich in persönlicher Enttäuschtheit ebenso wie in der Unsicherheit gegenüber ihrer Position zu Karlos.

Don Carlos II: Täuschung und Selbsttäuschung
Der 2. Akt steht auffallend unter dem Thema der Täuschung.
Die Täuschung als Intrige, als „Kabale“ gehört bei Schiller zur Welt des Hofes, vgl. „Kabale und Liebe“. Als deren Meister erweist sich Domingo (II 10-13), der mit Alba und der Eboli zusammen gegen Carlos und die Königin konspiriert. Dieses Zusammenspiel läuft für die Männer auf die Sicherung der konservativen Monarchie, für die Eboli auf Rache an der angeblich verlogenen Königin und dem sie demütigenden, weil verschmähenden Carlos hinaus.
Fürstin Eboli hat zuvor Carlos in ein heimliches Liebesspiel hineinziehen wollen, was um der Etikette willen nur hinter verschlossenen Türen stattfinden kann (II 4.6-8); sie ist bereit, um der Liebe willen des künftigen Königs heimliche Geliebte zu sein (1830 ff.). Die enttäuschte Eboli traut der Königin das gleiche ränkevolle Liebesspiel zu; in ihrer Enttäuschung will sie den „Betrug“ (V. 1946) der „Gauklerin“ (V. 1943) entlarven (vgl. V. 2133 ff.)
Carlos ist zu seinem Vater gegangen, um diesen als Vater zu gewinnen und den Auftrag zu erhalten, das Heer nach Flandern zu führen. Er verquickt also zwei Motive, wie er bereits seinen diesbezüglichen Entschluss an Elisabeths Wunsch festgemacht hatte
(V. 902). Der König weist seine vom Herzen bestimmte Annäherung als „Künste“ und „Gaukelspiel“ zurück (V. 1046, 1067). Das Spiel der Eboli wie das Verhalten des Königs werden von der Etikette bestimmt, deren Bedeutung bereits im 1. Akt deutlich geworden ist.
Im Gespräch mit dem König bekennt Carlos zweimal, dass er sich selbst gefunden hat (V. 1104, 1151 ff.), dass er sich dem Ruf der Weltgeschichte stellen will – Selbstfindung und Selbstverwirklichung aus I wirken nach; seiner Vision vom „Erdenparadiese“ (V. 1130) ant-wortet der König aber mit dem Einwand, Carlos sei ein Träumender (V. 1176), also gerade nicht „erwacht“ (V. 1151).
Ein zweites Mal glaubt Carlos sich gefunden zu haben, als er den Brief der Eboli als den der Königin liest (V. 1298 und 1344, vgl. 1309); er sieht selbst, dass er sich getäuscht hat (und die Eboli enttäuscht hat) und glaubt, mit dem Geständnis der Wahrheit bei der  vermeintlich reinen Eboli durchzukommen (V. 1844 ff.). Dass er sich irrt, weiß der Leser alsbald (II 9 ff.), und Posa biegt ihm bei, dass er da nur einem neuen Fiebertraum erlegen ist (V. 2287): „Du hattest diesmal selbst dich missverstanden.“ (V. 2440)
Posa glaubt nun, mit einem kühnen Plan, den angeblich „höhere Vernunft gebar“ (V. 2458, vgl. 2450 ff.), sowohl Flandern wie Carlos retten zu können, nachdem er die Unschuld der Eboli im Vergleich mit Elisabeth als eigennützig und unecht erwiesen hat (V. 2329 ff.). Es ist aber noch offen, ob sein Plan wirklich aus der Vernunft stammt,  da Posa an dessen Anfang bereits seinem Freund Carlos den Brief des Königs durch einen Betrug entwendet (V. 2399 f.).

Posa als Künstler
Angeregt durch Guthkes Ausführungen zu III 10 kann man das Motiv des Künstlers, der die Welt gestaltet und sich selbst damit verwirklicht, weiter verfolgen (in IV 3, 5, 12, 13; letzte Begegnungen in IV 21 und V 1, 3; nachträgliche Würdigung in V 4, 8, 9).
Man kann dabei einmal darauf achten, an welchen Stellen das Motiv des Künstlers anklingt, etwa in Posas Äußerung:
„Zur höchsten Schönheit wollt ich ihn erheben“ (V. 4328),
und die Königin brauche sich nicht zu schämen,
„Der Heldentugend Schöpferin zu sein“ (V. 4354). Carlos solle die erste Hand an den rohen Stein des neuen Staates legen (V. 4281 f.; vgl. 4356 f.: Carlos als „Maler“) Dementsprechend wird der König von Carlos als „der große Künstler“ (V. 4762), also als Anti-Künstler verspottet; Posa sei dagegen ein „feine(s) Saitenspiel“ gewesen, das folgerichtig „in Ihrer metallnen Hand“ zerbrochen ist (V. 4821 f.).
Man kann aber auch untersuchen,
a) welche Sachfragen bei Posas Künstlertum zur Debatte stehen und
b) wie Posa von den Figuren unterschiedlich beurteilt wird –
c) womit sich unser eigenes Urteil über Posas Handeln bilden mag.
Da ist zunächst der politische Plan Posas, den angeblich „höhere Vernunft“ gebar (V. 2458; 3479 f.; 4801; 4977 ff.), welcher zum einen den Aufstand der Niederlande unter Carlos‘ Führung vorsieht (V. 3460 ff.), zum anderen den gleichzeitigen Angriff der türkischen Flotte (V. 4966 ff.) zur Entlastung der Aufständischen. Dabei ist es Posa selbst bewusst, dass hier das Mittel fast so schlimm wie die Gefahr ist (V. 3460 f.); er gesteht der Königin, dass er Carlos‘ Liebe zu ihr bewusst politisch instrumentalisiert hat (V. 4327 ff.), und er bekennt Carlos, sein Plan sei daran gescheitert, dass er des Freundes „Herz“ vergessen habe (V. 4526 f.). Carlos rühmt in der harten Auseinandersetzung mit seinem Vater Posas Fähigkeit, solcher-maßen mit Menschen zu spielen (V. 4801). Vorher hat er jedoch wie die Königin solch zynisches Spiel beklagt (V. 3969 f.; 4513 f.; 4385 ff.). In V 1 wird deutlich, dass Posas Unaufrichtigkeit oder halbe Ehrlichkeit zum Scheitern seines Plans beigetragen hat, dass aber deren Aufklärung und sein Opfertod ihm die ergebene Bewunderung Carlos‘ sichern. (Zum Stichwort „unaufrichtig“ vgl. V. 3405; IV 5; V. 3577 f.; IV 12; „weltkluge Sorgfalt“ V. 4526).
Posa reflektiert seine Schuld im Gespräch mit Elisabeth (V. 4220 ff.) und mit Carlos (V. 4619 ff.), wobei er gesteht: „Raserei
War meine Zuversicht. Verzeih – sie war
Auf deiner Freundschaft Ewigkeit gegründet.“ (V. 4645/47)
Mit dem Lob der Freundestreue, die bis in den Tod reicht und Carlos zur großen Entsagung führt (V. 5310 ff.), endet das Stück (V 4, 9).
Auch die menschliche Vollendung führt in den Untergang; politisch hat das Freiheitspathos des Marquis sich nur der gleichen Mittel wie der König zu bedienen gewusst und nichts erreicht.

Posa: Pläne und Gegenkräfte
Posa tritt in I 2 handelnd ins Geschehen ein – nein, es kommt erst durch ihn zustande, weil er seinen Studienfreund Carlos veranlassen will, etwas zur Rettung der Niederlande vor spanischer Unterdrückung zu unternehmen (V. 154 ff.); weil Carlos jedoch vor lauter Herzeleid handlungsunfähig ist, ändert er „nach einigem Stillschweigen“ (V. 357) seinen Plan ab: Er gibt Elisabeth Briefe, darunter einen aus den Niederlanden ( V. 505) und vertraut darauf, dass Elisabeth diesen Ball aufgreift sund weiterspielt – er muss Elisabeth also gut kennen, eine Tatsache, die im ganzen Drama nicht aufgeklärt wird. Diese gibt die Briefe dann auch an Carlos weiter (V. 808), worauf dieser entschlossen ist, Flandern zu retten, weil Elisabeth dies von ihm wolle (I 7).
Dieser Plan scheitert jedoch, weil Philipp seinem Sohn das Heer nach Flandern nicht anvertrauen will (II 2); später erfahren wir, dass Alba ihn vor seines Sohnes Ehrzeiz gewarnt hat (V. 2556).
Nach diesem Misserfolg und den Turbulenzen um Ebolis Angebot (dazu später mehr) analysiert Posa die Situation, soweit er sie überblickt, und fasst einen neuen zweiten Plan (II 15), in den er Carlos nicht einweiht (V. 2451 ff.). Elisabeth bekommt diesen Plan erklärt (IV 3: Rebellion in Flandern unter Carlos‘ Führung), damit sie als die den Prinzen beherrschende Frau diesem den Plan übermittelt; sie sagt Posa schließlich widerstrebend ihren stillen Anteil zu (V. 3512 f.), weil es sie reizt, der Freiheit einen Platz zu verschaffen.
Dieser Plan ist gescheitert, erklärt Posa der Königin (V. 4216 f.), ehe Elisabeth mit Carlos gesprochen hat; die von ihm genannten Gründe (V. 4619 ff.: Briefe) können mich nach IV 12 und IV 9 aber nicht überzeugen.
Deshalb hat er, wie er Elisabeth mitteilt, einen Notplan gemacht, der für ihn das Selbstopfer bedeutet (V. 4234 ff.). Er legt sein Testament in das Herz der Königin (V. 4265 ff.); Carlos erklärt er, wie der Notplan entstanden ist (V. 4675 ff.), und verweist ihn vorsorglich unmittelabr vor seinem Tod an die Königin (V. 4734 f.). Elisabeth braucht Carlos den Notplan nicht mehr mitzuteilen, weil der aufgrund des Opfertodes bereits so erschüttert ist, dass er ganz im Bann der Ideen Posas steht (V 10) und so auch verhaftet wird (V 11).
Es wird dann auch noch von einem Kriegsplan Posas berichtet, aus dem sich seine Reisen erklären ließen (V. 4994 ff.); aber der steht im gleichen Zwielicht der Täuschungen im Notplan wie die genannten Briefe (V. 4977, 4984) – dieser Plan lässt sich ebenso gut aus den Reisen „erklären“ wie die Reisen aus dem Kriegsplan.
Feindliche Gegenkräfte:
Domingo und Alba haben bereits lange gegen den Prinzen intrigiert (III 3 und 4); sich ihnen eine Gelegenheit bietet, mit der enttäuschten Eboli ein Komlott gegen die Königin und Carlos zu schmieden (beides gefährliche Neuerer in Domingos Augen,  V. 2010 ff.), arrangieren sie den Ehebruch des Königs und den Einbruch bei der Königin (II 11 ff.) – eine Intrige, die Posas Karriere einleitet (III 5 ff.), deren Folgen aber die Königin ausbaden muss (IV 7) und über die Posa informiert wird (IV 12). Dass Carlos den General Alba beleidigt (V. 1032 ff.), verschlimmert die Sache nicht wesentlich; Alba informiert den König jedoch über das heimliche Treffen in Aranzuez (III 3).
In den Turbulenzen in Madrid verkündet Alba den Sieg der eigenen Kräfte und steht bis zum Schluss zum König (V 4 f., V 8 f.).
Von Posa selbst entfesselte Gegenkräfte:
Der größte Gegner seiner Planung ist Posa in seiner Vermessenheit selbst. So ist der Prinz handlungsunfähig, weil Posa dessen Leidschaft für Elisabeth aus strategischen gründen geschürt hat (IV 21); deswegen muss Posa seinen ersten Plan abwandeln (I 2).
Wegen seiner nicht überwundenen Liebe zu Elisabeth fällt Carlos dann auf die anonyme Einladung der Fürstin Eboli herein (II 4) und gibt zu erkennen, dass er mit einer anderen Dame gerechnet habe (II 8), woraus die Eboli ihre Schlüsse zieht und sich für ein Komplott hergibt (II 9 und II 11 ff.). Diesen Komplott gefährdet Ehe und Leben Elisabeths und vermutlich auch des Prinzen Carlos (III 1 ff.).
Die zweite Krise beschwört Posa herauf, indem er gegenüber Carlos nicht mit offenen Karten spielt (II 15) und diesen darauf festlegt, ihm zu vertrauen (V. 2451). Er zerreißt auch den Brief des Königs an die Eboli, der er mit einem Trick an sich gebracht hat (nach V. 2400); als Carlos‘ Freund Lerma den Prinzen über bestimmte „trickreiche“ Aktionen Posas informiert (IV 4) und Carlos dem Freund auch noch seine Brieftasche geben muss (IV 5), wird dieser misstrauisch gegen Posa ( IV 6, wo Posa sein Schweigen vor sich selbst rechtfertigt). Nach einer weiteren Information Lermas (IV 13) glaubt der Prinz, Posa als Freund verloren zu haben, und erneut zur Eboli (IV 15), um ihr sein Herz auszuschütten, wobei er von Carlos verhaftet wird (IV 16). Dementsprechend klagt er auch bei Posa und macht ihm indirekt Vorwürfe, was dieser nicht versteht (V 1), weil er von Lermas Eingreifen nichts weiß.
Auch Posas Idee, Carlos durch die Königin in seine Flandern-Aufgabe einweisen zu lassen (IV 21; V 3), führt letztlich dazu, dass Carlos nicht wegkommt, sondern gefangen genommen wird; er nimmt Elisabeths Einladung zum nächtlichen Treffen an, weil dies Posas Wille sei (V 6), und schlägt die letzte Möglichkeit zur Flucht aus (V 7). Vorher hat er das Angebot des Königs, sich mit ihm auszusöhnen, ebenfalls wegen des Opfertodes Posas ausgeschlagen m Sinn einer Realpolitik zweifellos ein Fehler: Realpolitik ist nach einem Märtyrertod, wie Posa ihn inszeniert hat, nicht mehr möglich („Für mich ist er gestorben.“, V. 4838).
   Überblickt man die Kräfte, die gegen Posas Pläne arbeiten, so muss man sagen, dass Posa mit seinem eigenwilligen und auch vermessenen Planen die Verwirklichung seiner Pläne am stärksten verhindert hat.

Über Posas Pläne, seine Lügen, seine Heimlichkeiten und die Instrumentalisierung der Menschen (der Herzen) zu urteilen ist eine eigene Aufgabe. Posa übt einmal Selbstkritik (V. 4220 ff.) und wird von Elisabeth kritisiert (V. 4342 ff.); indirekt wird er von Carlos kritisiert (V 1); der König würdigt seine politischen Schachzüge (V. 5057 ff.), wehrt sich aus persönlichen Gründen aber dagegen und bezweifelt auch, dass Posa für Carlos allein gestorben sei.
Seine Lügen rechtfertigt Posa gegenüber Elisabeth (V. 3414 ff.), seine Heimlichkeit vor Carlos rechtfertigt er nach dem gleichen Muster (V 6, speziell V. 3648 ff.).

Schiller: Don Karlos – neue Analyse

Nachdem ich den „Don Karlos“ im Schuljahr 2001/02 in einem Leistungskurs Deutsch behandelt hatte, habe ich im vergangenen Frühjahr das Drama noch einmal intensiv gelesen und bei lehrer-online eine Unterrichtseinheit dazu präsentiert (http://www.lehrer-online.de/don-carlos.php). In diesem Frühjahr habe ich dann das Drama erneut gelesen (Vorbereitung für ein Lehrerheft bei Krapp & Gutknecht) und einige Stellen gefunden, die mein Verständnis des Stücks verändert haben:

* Es war mir schon aufgefallen, dass die Szenen I 5 und V 11: die Begegnungen des Prinzen Karlos mit Elisabeth, das Geschehen rahmen und dass die entscheidende Veränderung darin besteht, dass Karlos am Ende „zum Mann gereift“ (5324) ist, also Elisabeths Forderung gerecht wird: „Ermannen Sie sich, edler Prinz.“ (763) Auch Posa fordert, Karlos solle ein Mann sein (V 3), während der Infant für Philipp ein „Knabe“ ist (I 6 und V 9). Die neue Einsicht besteht in einer Verknüpfung dieser Beobachtung mit Karlos’ Aussage,
„Dass Karlos nicht gesonnen ist, zu müssen,
Wo er zu wollen hat;“ (724 f.)
dass Karlos also bei der ersten Begegnung um seine Selbstverwirklichung kämpft. Freiheit besteht im Verständnis des Idealismus darin, das von sich aus zu wollen, was man tun soll (vgl. Posas Wort über Wahl und Pflicht, 3032 f.!); diese Freiheit hat Karlos am Ende gewonnen, insofern ist er ein Mann geworden.

* Der Reifung gegenüber Elisabeth entspricht Karlos‘ Reifung als Sohn: In II 2 bettelt er um die Liebe des Vaters, in V 4 sagt er sich von ihm los (um in V 11 als Infant zum Aufstand bereit zu sein).

* Dass Freundschaft zwischen Karlos und dem Marquis Posa mehr als persönliche Verbundenheit ist (und deshalb auch nicht aus Schillers Leben erklärt werden kann), war mir klar; neu ist die Einsicht, dass der „heutige“ Freundschaftsbund (I 9) für die Freundschaft „auch dermaleinst“ (995) gilt, also die Gleichheit zwischen dem König Karlos und dem Bürger Posa (965 ff. und 994 f.) antizipiert und heute schon herstellt. Damit bekommt dann die schwärmerische Aussage Posas, das Traumbild des neuen Staates sei „der Freundschaft göttliche Geburt“ (4280 f.), ihre Bedeutung.

* Von dieser neuen Einsicht aus wird auch eine beinahe „defätistische“ Äußerung des politischen Taktikers Posa verständlich; der sagt nämlich über Karlos: „Er lege
Die erste Hand an diesen rohen Stein.
Ob er vollende oder unterliege –
Ihm einerlei!“ (4281/84)
Von dieser Vision aus kann man verstehen, wieso Karlos nicht flieht (V 7), sondern am Schluss vollendet ist (V 11), auch wenn der Inquisitor ihn hinrichten wird. „Katastrophe“ kann man diese Vollendung nicht nennen.

* Die letzte neue Einsicht besteht darin, in Posas Selbstopfer eine Säkularisierung des christlichen Glaubens an den Opfertod Jesu zu sehen. Das ergibt sich aus aus Karlos’ Bekenntnis: „Für mich ist er gestorben.“ (4787 und 4837) Da geschieht insofern eine Erlösung, als nun die Bindungen der Natur nicht mehr gelten (4767) und die neue Bruderschaft „ein edler Band, als die Natur es schmiedet“ (4794), darstellt.

Diese Einsichten machen es nötig, erneut zu untersuchen, wie das Drama aufgebaut ist und was eigentlich im Drama geschieht.

P.S. Schillers Brief an Körner vom 3. Juli 1785 bezeugt, dass im Zusammenhang des Themas „Freundschaft“ die Säkularisisierung zentraler christlicher Motive Schiller nicht fremd war:
„O, mein Freund! Nur unserer innigen Verkettung, ich muß sie noch einmal so nennen, unserer heiligen Freundschaft allein war es vorbehalten, uns groß und gut und glücklich zu machen. Die gütige Vorsehung, die meine leisesten Wünsche hörte, hat mich Dir in die Arme geführt, und ich hoffe, auch Dich mir. Ohne mich sollst du ebenso wenig Deine Glückseligkeit vollendet sehen können, als ich die meinige ohne dich. Unsere künftig erreichte Vollkommenheit soll und darf auf keinem anderen Pfeiler als unserer Freundschaft ruhen. – Unsere Unterredung hatte diese Wendung genommen, als wir ausstiegen, um unterweges ein Frühstück zu nehmen. Wir fanden Wein in der Schenke. Deine Gesundheit wurde getrunken. Stillschweigend sahen wir uns an, unsere Stimmung war feierlich Andacht, und jeder von uns hatte Thränen in den Augen, die er sich zu ersticken zwang. Göschen bekannte, daß er dieses Glas Wein noch in jedem Gliede brennen fühlte, Huber’s Gesicht war feuerroth, als er uns gestand, er habe noch keinen Wein so gut gefunden, und ich dachte mir die Einsetzung des Abendmahls – „Dieses thut, so oft ihr’s trinket, zu meinem Gedächtniß.“ Ich hörte die Orgel gehen und stand vor dem Altare. Jetzt erst fiel’s uns auf die Seele, daß heute Dein Geburtstag war. Ohne es zu wissen haben wir ihn heilig gefeiert. – Theuerster Freund, hättest Du Deine Verherrlichung in unseren Gesichtern gesehen – in der vom Weinen erstikten Stimme gehört: in dem Augenblike hättest Du sogar Deine Braut vergessen, keinen Glüklichen unter die Sonne hättest Du beneidet. – – –“

„Don Karlos“ und die Aufklärung
Ein Blick in das „Lexikon der Aufklärung“, hrsg. von Werner Schneiders, 1995, kann ganz hilfreich sein; ich denke etwa an die Stichwörter „Enthusisasmus; Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit; Freundschaft; Glück; Philosoph; Schwärmerei; Tugend“.  Für die Trias „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“ zeigt Gerd van Heuvel, dass die Brüderlichkeit nicht zum eisernen Bestand gehörte und dass es auch andere Parolen als den später (!) klassisch gewordenen Dreiklang F – G – B gab.

Das angekündigte (http://www.krapp-gutknecht.de/67-don-karlos) Lehrerheft zu „Don Karlos” ist im Verlag Krapp & Gutknecht erschienen.

Schiller: Resignation – Analyse, Interpretation

Der Untertitel des Gedichtes „Resignation“ ist „Eine Phantasie“ – und anderes kann die Vision eines Auftritts der Seele nach dem Tod vor dem Weltgericht nicht sein. Die setzt mit einem Bericht des Ichs ein (1. Str. = 1), in dem es klagt, dass es in seinem Leben statt der von Natur aus zustehenden „Freude“ nur „Tränen“ erlebte. In (2) spricht es aus der gegenwärtigen Situation des Todes seine „Brüder“ an, fordert sie zum mitleidigen Weinen auf und beklagt den endgültigen Verlust aller Freuden (des Lebens Mai … hat abgeblüht: Perfekt).
In (3) spricht das Ich die „Geistermutter“ Ewigkeit an, als ob es gerade über die Schauerbrücke (des Todes) ihren Bereich betreten hätte und sich meldete: „Da steh ich schon…“. Es erhebt Klage, die es damit begründet, dass ihm die verbriefte „Vollmacht“ zum Glück versagt geblieben ist (bis V. 17). Im Bild des Vollmachtbriefs ist eine Mitschuld des Ichs insofern angedeutet, als es diesen Brief „unerbrochen“ zurückbringt; es hat sein Recht nicht eingelöst. Darauf folgt eine lange Rede des Ichs, in der es berichtet, warum es den „Vollmachtsbrief“ nicht geöffnet hat (bis 15), und abschließend die Begründung seiner Klage (16 und 17). In den drei letzten Strophen berichtet das Ich dann, was ein unsichtbarer Genius ihm zur Antwort gab; dort liegt mit dem Präteritum „rief“ ein Tempusbruch vor – die Klage des Ichs wird präsentisch, also als gegenwärtig erlebt dargestellt (3 und 4), während die Antwort des Genius als vergangen berichtet wird.
In (4) hebt das Ich also zu einem Bericht über seine Lebensentscheidung (im Präteritum) an: Einmal gab es die „frohe Sage“ (4) von der Vergeltung aller Leiden im Jenseits (bis 10); dagegen stand der kritische Spott derer, die nicht an solche Verheißungen glaubten (11 – 15). In der frohen Sage, einer Umschreibung der christlichen Botschaft, wurde zunächst das Gericht nach dem Tod angekündigt: Schrecken für die Bösen, Freuden für die Redlichen (6 und 7). Dann berichtet das Ich, wie sich diese Botschaft in seinem Leben auswirkte:
„Ein Götterkind, das sie mir Wahrheit nannten,
Die meisten flohen, wenige nur kannten,
Hielt meines Lebens raschen Zügel an.“
Dass die meisten vor dieser Wahrheit flohen und nur wenige sie kannten, spielt auf die zwei Wege an: den breiten Weg ins Verderben, den schmalem Weg zum Leben (Mt 7,13 f.). Diese sogenannte „Wahrheit“, in der Sicht der Gläubigen noch „Götterkind“ genannt, hat den Lebenslauf des Ichs gebremst oder gehemmt; sie hat ihm die Freuden der Jugend und die geliebte Laura abverlangt (7 und 8) und ihm dafür Ausgleich „jenseits der Gräber“ (8) versprochen (8 und 9).
Danach berichtet das Ich von dem, was die Gegner dieser frohen Sagen vortrugen, die hohnlächelnde „Welt“ (10) und „das Schlangenheer der Spötter“ (11). „Diese Welt“ ist ein christlicher Terminus für die Welt als Exil, der die Heimat im Himmel gegenübersteht; die Spötter sind bereits im AT die Ungläubigen, die den Frommen zu Fall bringen wollen:
„Wohl dem Mann, der nicht dem Rat der Frevler folgt,
nicht auf dem Weg der Sünder geht,
nicht im Kreis der Spötter sitzt,
sondern Freude hat an der Weisung des Herrn…“ (Ps 1)
Die Kritik dieser Spötter läuft darauf hinaus, dass der Jenseitsglaube ein Wahn ist (11 und 14), eigens erdacht, um die Unzulänglichkeit der Welt kaschieren (11) und die Beachtung der Gesetze zu sichern (12). In den Partizipien „gedungen, schlau erdacht, gegönnt, angesteckt“ wird deutlich, dass die trügerischen Hoffnungen von Menschen gemacht worden sind; das Bild vom Hohlspiegel der Gewissensangst (13) zeigt, wie auf Seiten der Getäuschten die Jenseitsangst funktioniert. Die Spötter fragten das Ich nach dem Sinn des schlechten Tauschgeschäfts (lügnerische Hoffnung vs. gewisse Güter), wobei der Vorwurf der Lüge dadurch begründet wurde, dass noch kein Toter die Wahrheit des Jenseitsglaubens bestätigt hat (15). Die dort genannten 6000 Jahre sind das nach der biblischen Chronologie ermittelte ungefähre Alter der Welt seit der Schöpfung.
Danach verknüpft das Ich die gegensätzlichen Reden, indem es von seinen Erfahrungen berichtet: Es hat nicht erlebt, dass ein Toter zurückkam, hat dennoch der Jenseitshoffnung vertraut und deshalb alle seine Freuden aufgegeben (16 f.); es wendet sich deshalb an „die Vergelterin“, die ihm ewigen Lohn für die Achtung ihrer Güter verheißen hat: „Vergelterin, ich fodre meinen Lohn.“ (17)
Die Vergelterin antwortet jedoch nicht; stattdessen spricht (oder sprach, wie das Ich in einer antizipierten Rückschau berichtet – wenn man nicht einfach eine Schlamperei Schillers annehmen will) ein unsichtbarer Genius, ein Schutzgeist. Der erste Satz des Genius widerlegt den Gerichtsgedanken: „Mit gleicher Liebe lieb ich meine Kinder!“ (18) Es ist also nicht so, dass auf die Bösen Schrecken und Freuden auf die Guten warten, dass der Richter die Bösen hasst und die Guten liebt, wie jeder Gerichts- und Jenseitsglaube unterstellt. Dagegen erklärt der Genius, wie es in Wahrheit um das Gericht bestellt ist: Es gibt (im Leben) zwei Blumen: „Sie heißen Hoffnung und Genuß.“ (18) Man kann als Mensch nur eine von ihnen „brechen“, also erwerben, darf dann aber nicht die andere begehren. Diese Lehre „ist ewig wie die Welt“, sagt der Genius. Und es folgt seine Erklärung: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.“ (19) Das Gericht erfolgt also nicht nach dem Leben, zum Ausgleich für das Leben, sondern im Leben selbst:
„Du hast gehofft, dein Lohn ist abgetragen,
Dein Glaube war dein zugewognes Glück.“
Unter Bezug auf das Genießen fügt der Genius einen Hinweis auf die Lehre aller Weisen an, dass keine Ewigkeit zurückgibt, „was man von der Minute ausgeschlagen“ hat (20).
Was ist der Ertrag des Geschehens für das lyrische Ich? Es kann seine vergangene Lebensentscheidung nicht mehr korrigieren; it is „to late“. Eigentlich kann es nicht einmal in die Gerichtssituation kommen, weil ja schon die Weltgeschichte das Gericht ist – es gibt kein Totengericht, sagt der Genius. Von  dieser Überlegung aus wird es vielleicht verständlich, warum der Genius „rief“ (Präteritum, statt „ruft“, was der Situationslogik entspräche): Es gibt nach dem Tod auch keinen rufenden Genius – der gute Geist ruft nur zu Lebzeiten, und was man da nicht hört, das ist verhallt. Eine Phantasie kann „Resignation“ nur für den Dichter sein, und nur dieser und die Leser können die Botschaft des Genius zu ihren Lebzeiten hören und bedenken. Der abendländische christlich-platonische Gesamtmythos vom Totengericht wird in einer mythischen Phantasie, weniger durch die aufgeklärte funktionale Religionstheorie der Spötter (Religion ist von Menschen zu bestimmten Zwecken gemacht) entschieden; diese wird vielmehr mythisch bestätigt – logisch ein Unding.

Die 20 Strophen des Gedichtes sind im Jambus abgefasst; Vers 1, 3 und 4 jeder Strophe bestehen aus fünf Takten, Vers 4 meistens aus fünf, gelegentlich aus vier (4 und öfter), einmal aus drei Takten (2). Vers 2 besteht meistens aus drei, öfter aus fünf (3 und öfter), selten aus vier Takten (5, 15, 18). Nicht nur diese Wechsel, sondern vor allem die Tatsachen, dass die Verse 1, 3, 4 immer mit einer weiblichen Kadenz enden, die anderen jedoch nicht; dass oft Wörter gegen das Metrum betont werden (Lenz in 1, Mir in 2, Ehrwürdge in 3 und öfter); dass öfter Enjambements über die weibliche Kadenz hinweggehen (deutlich in 6), dass aber der volle Takt im Vers oft nicht dazu genutzt wird, den Satz fortzuführen (2, 3 und öfter) – alle diese Tatsachen bedeuten, dass der Text lebhaft gesprochen werden muss, wie es auch der Streitsituation zwischen den beiden Parteien (7 – 15) und der Gerichtssituation: Klage des Ich und drängendes Begehren nach Gerechtigkeit, entspricht.

Der beste Kommentar ist der von Wolfgang Riedel (Interpretationen. Gedichte von Friedrich Schiller. Hrsg. von Norbert Oellers, 1996, S. 48 ff. bzw. 51 ff.). Das Gedicht ist vermutlich Ende 1784 entstanden, steht im Zusammenhang mit „Freigeisterei der Leidenschaft“ (1784/85) und „An die Freude“ (geschrieben Sommer 1785) und wurde von Schiller in der „Thalia“ 1786 veröffentlicht. Für die Ausgabe in „Gedichte“ (1800) hat Schiller Str. 9 („Du siehst die Zeit…“) und Str. 12 („Ein Gaukelspiel…“) gestrichen; im Allgemeinen wird heute die erste Fassung gelesen (im Schiller-Handbuch, Metzler 2005, ist jedoch von 18 Strophen die Rede: kurzer Artikel von Michael Hofmann, S. 261 f.). Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Resignation_%28Friedrich_Schiller%29

Zu zwei „Bildern“ möchte ich etwas sagen, wobei „Bilder“ solches bezeichnet, was das verstorbene Ich erlebt; was in der Ich-Welt „Realität“ ist, ist für den Dichter und seine Zeitgenossen wie auch für uns eine Bilder-Welt. Das für uns, aber nicht in sich Selbstverständliche ist, dass man vom Tod in Bildern spricht:
„In der griechischen Kunst wurde Thanatos als Personifikation des Todes als alter Mann mit langem Bart und Flügeln oder wie sein Bruder Hypnos, der Schlaf, als geflügelter Jüngling bzw. als Genius mit zu Boden gesenkter Fackel dargestellt. Dem Urchristentum war die Darstellung des Todes fremd. [Markierung von N.T.] Die meist aus ärmeren Schichten stammenden Gläubigen sahen im Tod kein Ende, sondern den Beginn eines neuen, besseren ewigen Lebens. Die Personifikation des Todes war erst wieder im Mittelalter üblich, wobei er als Folge der Erbsünde angesehen und zumeist hässlich wiedergegeben wurde.“
(Das große Kunstlexikon von P. W. Hartmann, dort Art. „Tod“: http://www.beyars.com/kunstlexikon/lexikon_9034.html) Damit kommen wir zuerst zum Genius mit der gesenkten Fackel (2. Strophe: „Der stille Gott taucht meine Fackel nieder…“).
„Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts hatte sich die barocke Symbolik offenbar verbraucht und auf dem Boden von Italiensehnsucht, Neoklassizismus und der Kultur der Empfindsamkeit wurden neue Ausdrucksformen erprobt, die dem Zeitgeist entsprachen.
Am deutlichsten wird diese neue Auffassung von Gotthold Ephraim Lessing formuliert, dessen Schrift «Wie die Alten den Tod gebildet» (1769) eigentlich einem Gelehrtenstreit entsprang. In dieser Polemik führt Lessing die These aus, dass in der antiken Kunst die Personifikation des Todes als Zwillingsbruder des Schlafes dargestellt sei und einem Genius mit gesenkter Fackel gleiche. Inspiriert von Winkelmann war Lessing der Auffassung, dass die alten Griechen nur schöne Gegenstände dargestellt und hässliche vermieden hätten. Deshalb hätten die Künstler den Tod nicht in einem Bild dargestellt, das Moder und Verwesung oder ein hässliches Gerippe zeigt. Sie hätten lieber ein Bild gewählt, dessen sich auch die Sprache bedient, die den Tod als „ewigen Schlaf” bezeichnet.
Das Antikenbild Lessings und seiner Zeitgenossen war entscheidend von Winkelmanns Werk «Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in Malerei und Bildhauerkunst» (1755) und den wenigen archäologischen Fundstücken seiner Zeit geprägt.
Unter dem Eindruck der neuen Funde und Bewertung dieser Stücke entwickelte sich in Rom eine Kunstszene von Gelehrten, Künstlern, Sammlern und Kritikern. Neben den Anfängen einer systematischen wissenschaftlichen Erforschung der antiken Kunst mit all ihren Irrtümern wurde die griechische Antike in vielerlei Hinsicht zum Ideal für eine neue humanistische Gesinnung. In Winkelmanns Beschreibung von «edler Einfalt und stiller Größe» fand man ein künstlerisches Ideal, dass sich aller verstaubten Embleme, Symbole und Allegorien des Barocks enthob.“
Katharina Braum, die ich hier ausführlich zitiert habe, kommentiert diese historische Darstellung so: „Archäologisch hat Lessing sich geirrt. Das Bruderpaar Schlaf und Tod aus der Illiasdarstellung ‚die Bestattung Sarpedon‘, auf das sich Lessing bezieht, entstammt der Vasenmalerei aus dem 4. bis 6. Jahrhundert vor Christus. Die Knaben mit den umgestürzten Fackeln stammen aus der spätantiken, römischen Kunst. Sie gehören dem ikonografischen Typ der Eroten an und konnten, wenn sie auch ein Todes-  und Grabessymbol sind, ohne weiteres von der christlichen Kunst als dekoratives Beiwerk übernommen werden.“ (http://www.fantom-online.de/seiten/12d7.htm)
Klären wir auch noch kurz, was ein Genius ist: „Im altrömischen Glauben die Personifikation der dem Mann innewohnenden zeugenden Kraft. Jeder Mann verehrte seinen speziellen Schutzgeist und brachte ihm Speise- und Räucheropfer dar. Der Genius wurde auch beim Eid als Schwurzeuge angerufen und die Schwurhand dabei zum Bezeugen der Wahrheit an die Genitalien gelegt. Dem Genius des Mannes entsprach die von Frauen verehrte Göttin Juno, als Inbegriff der Gebärkraft. Später wurden die Genien ganz allgemein als Schutzgeister angesehen, der Familie, des Hauses oder eines bestimmten Ortes.“ (wiederum nach P.  W. Hartmann, Art. „Genius“: http://www.beyars.com/kunstlexikon/lexikon_3358.html)
Wenn man sich über die Unterwelt-Vorstellungen informiert, findet man bei vielen Völkern die Vorstellung, dass sie durch einen großen Fluss vom Land der Lebenden getrennt ist. Der Tote muss von einem Fährmann oder Seelenführer über diesen gefährlichen Fluss geleitet werden. In der nordischen Mythologie gibt es eine Brücke, über die der Tote die Unterwelt erreichen kann. – Fasst man die Ergebnisse dieser Bild-Untersuchungen zusammen, dann sieht man, dass Schiller mit seinen Zeitgenossen sich bereits in dieser Bilderwelt weit vom Christentum entfernt hat. [Ich verweise der Vollständigkeit halber noch auf Schillers Epigramm „Der Genius mit der umgekehrten Fackel“, 1796.]

Was geschieht also in dem Gedicht? Das klagende Ich hat gezeigt, dass seine scheinbar selbstlose Verzichtmoral einem großen Tauschgesetz unterliegt, dass es ein Geschäft machen möchte: irdische Leiden gegen ewige Belohnung: Rechnung halten (V. 25), zahlen (31), Schmerzen wuchern (V. 38), Schuldverschreibung (V. 46), „dein Lohn ist abgetragen“ (V. 96). Diese Rechnung ist nicht aufgegangen, sagt der Genius. Der Lohn ist bereits im Leben abgetragen worden (Perfekt), „Dein Glaube war dein zugewognes Glück“ (V. 97). Jeder der beiden Lebenswege (Blumen, Str. 18 f.) hat sein Glück in sich, immanent, und somit stehen die beiden Lebenswege gleich gültig und gleichberechtigt nebeneinander: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.“ (V. 95) Ein anderes Gericht gibt es nicht, den wahren Weg gibt es nicht.
Riedel verweist darauf, dass der Satz des Genius („Mit gleicher Liebe lieb ich meine Kinder“, V. 86) an die Ringparabel anklingt, wo der Vater seine drei Söhne gleichermaßen liebt. Riedel sieht auch den Atheismusstreit des 18. Jahrhunderts als Hintergrund des Gedichts. Er meint sogar nachweisen zu können, dass Schiller David Humes „The Natural History of Religion“ (1757, dt. 1759) über seinen Lehrer Abel gekannt haben müsse, was sich hier im Gedicht zeige.
„Resignation“, der Titel des Gedichts, hatte zur Zeit Schillers zwei Bedeutungen, eine kirchenrechtliche (Verzicht auf ein Amt) und eine theologische aus der Mystik: Resignation ist die Übergabe der Seele an Gott, die gänzliche Aufgabe des Eigenen. So spricht das Ich: „All meine Freuden hab ich dir geschlachtet“ (V. 81), vgl. auch Str. 7 und 8! Doch entgegen dieser ursprünglichen Intention zeigt sich hier, dass das sich opfernde Ich der Logik des Tauschs, des Geschäftemachens gefolgt ist. Das ist einmal Entlarvung der scheinbaren Selbstlosigkeit, verbunden mit der Zurückweisung der Erwartung jenseitiger Belohnungen. Und Genießen und Glauben stehen letztlich gleichberechtigt nebeneinander, auch wenn Schiller das beim Erscheinen des Gedichts abgeschwächt und erst recht später bestritten hat.

Im Kontext dieses Gedichtes stehen „Freigeisterei der Leidenschaft“ und „An die Freude“; der biographische Hintergrund ist Schillers intensives Verhältnis zu der verheirateten Frau Charlotte von Kalb.

Erläuterungen:
V. 1 et ego in arcadia: „Auch ich war in Arkadien“ (ein Grabspruch)
V. 5 Lenz: Frühling
V. 17: verhüllte Richterin: die blinde Göttin der Gerechtigkeit (mit Tuch vor den Augen, damit sie unparteiisch richten kann)
V. 18 jener Stern: die Erde
V. 23 des Herzens Krümmen: die verborgenen Krummheiten (Fehler)
V. 24 Vorsicht: die göttliche „Vorsehung“ (schicksalhafte Bestimmung)
V. 26 der Verbannte: Wir sind nur Gast auf Erden…
V. 29 die meisten/wenige: die breite Straße / der schmale Weg des Lebens
V. 33 Weisung: vielleicht Anweisung (finanziell); vielleicht Verweis, Hinweis
V. 37 Laura: in Schillers Gedichten die verehrte Geliebte
V. 44 Erde und Himmel fliegen auseinander: beim Weltuntergang (Endgericht); die Parallele von individuellem Gericht jedes Toten und allgemeinem Endgericht am „Ende“ der Welt ist auch theologisch nicht aufgelöst.
V. 49 Schatten: Anspielung auf die Schattenexistenz in der Unterwelt, hier auch: Lügen
V. 50 Schein: sowohl Schuldschein wie bloßer Schein
V. 52 Verjährung: sein hohes Alter (gibt ihm eine Art Weihe)
V. 55 Menschenwitz: menschlicher Geist, der sich „Götter ausdenkt, um die Not(durft) der Menschen jetzt erträglich zu machen
V. 56 Gewürme: die Untertanen als Würmer der Mächtigen
V. 58 ff. Ähnlich hat bereits Epikur die Götterfurcht der Menschen zu entkräften versucht.
V. 61 heißt: vielleicht „verheißt“; Gräber verdecken die Zukunft; vgl. Str. 15: es ist noch nie ein Toter zurückgekommen, um die religiösen Tröstungen zu bestätigen.
V. 62 eitel: nichtig
V. 62 prangen: angeben
V. 63 vgl. V. 52
V. 65 Im Hohlspiegel sieht man alles vergrößert.
V. 71 Die Verwesung widerlegt alle Hoffnungen: Es bleibt nichts übrig.
V. 76 ff.: Rückgriff auf Str. 9, 15, 6, 7, 8, 11
V. 85 Die Anrede „Vergelterin“ greift die Klage von Str. 4 abschließend auf.
V. 99 f. Der Satz ist ein Sprichwort geworden.