Schlink: Der Vorleser – der Richter, der Vater (Interpertation)

Die älteren Männer

Der Richter
Ein Gegenbild zu Michael ist der vorsitzende Richter des Prozesses, in dem Hanna verurteilt wird. Er stellt Fragen und leitet die Verhandlung, wie es seines Amtes ist (S. 91 ff.). Aber er macht dabei keinen guten Eindruck.
Was immer wieder von ihm gesagt wird, ist, dass er „irritiert“ schaut oder wirkt (S. 92, 93, 104 zweimal, 157). Michael begreift bald, „daß das seine Masche war“ (S. 94 – dort wird auch beschrieben, wie er diese „Masche“ anwendet, um sich durchzusetzen). Später sagt Michael, dass der Richter den Ausdruck der Irritation „zu seiner Maske gemacht“ hat (S. 107); hinter dieser Maske gewinnt er Zeit zum Nachdenken, was er zum Beispiel auf Hannas elementare Frage antworten soll: „Was hätten Sie denn gemacht?“ Trotzdem wirkt sein Antwort „hilflos, kläglich. Alle empfanden es.“ (S. 108)
Was ebenso deutlich wird, ist die Tatsache, dass er Hanna falsch beurteilt; denn immer, wenn Hanna etwas („falsch“) gemacht hat, weil sie nicht lesen kann, wird ihr das vom Gericht bzw. vom vorsitzenden Richter als schuldhaft angekreidet und auch geahndet: dass sie trotz (statt: wegen) des Angebots einer Beförderung bei Siemens sich zur SS gemeldet hat (S. 91); dass sie auf die Ladung zu Terminen nicht reagiert hat und deshalb in U-Haft sitzen muss (S. 94); dass sie die Anklage und auch das Buch der Tochter nicht sorgfältig gelesen hat (S. 104); dass sie angeblich das Protokoll des Geschehens in der Brandnacht geschrieben hat (S. 123 f.). Michael dagegen entdeckt das Geheimnis: Hanna kann nicht lesen und schreiben, schämt sich dessen und hat sich deswegen auch vorlesen lassen (S. 126 f.).
Obwohl sein Vater ihm philosophisch begründet dazu geraten hat, mit Hanna statt mit dem Richter zu sprechen und so ihre Selbstbestimmung zu achten (S. 137 f.), geht Michael doch zum Richter. „Zu Hanna zu gehen schaffte ich nicht.“ (S. 153) Das begründet er mit einer Serie von Fragen, was er ihr wohl bedeutet habe; die Begründung für den Besuch beim Richter klingt merkwürdig: Es sei ihm „nicht wirklich“ um Gerechtigkeit für Hanna gegangen, wie er sich eingeredet habe, sondern er habe an ihr rummachen müssen (S. 153). Wieso er dies musste, wird nicht mehr erklärt; mir als Leser drängt sich der Verdacht auf, dass der Autor Schlink einen Vorwand braucht, um Michael zum Richter zu schicken und diesen privat zeigen zu können.
Der Richter empfängt Michael freundlich, ganz ohne irritierten Gesichtsausruck, in Hemdsärmeln; er hat „ein nettes, intelligentes, harmloses Beamtengesicht“ (S. 154). Er gibt Michael Tipps und bekennt selbstzufrieden, er sei gerne Richter und würde alles noch einmal so machen, was er gemacht hat; Michael sagt nichts von Hanna. Bei der Urteilsverkündung hat der Richter wieder den irritierten Blick. Hannas Blick zeigt dagegen, dass ihr Unrecht widerfährt: Sie schaut „durch alles hindurch. Ein hochmütiger, verletzter, verlorener und unendlich müder Blick. Ein Blick, der niemanden und nichts sehen will.“ (S. 157)
Der Richter ist ebenso wie Michael und alle Beteiligten, allen voran die Angeklagten, aber auch die ehedem Verfolgten das Opfer einer um sich greifenden Betäubung (S. 96 ff.) Michael empfindet diese Betäubung der Gefühle angesichts der schrecklichen NS-Verbrechen als richtig, weil er nur so im Alltag weiterleben kann (S. 155); er erwacht aus dieser Betäubung erst, als ihn im nächsten Winter das Fieber verlässt (S. 160). – Auf diese Betäubung als eine mythische Größe ist gesondert einzugehen.
Dass der Richter eine Gegenfigur zu Michael ist, wird vollends deutlich, als Michael vor der Berufsentscheidung steht und er sich deshalb an die beim Prozess erlebten Rollen der Juristen erinnert: Anklagen ist eine „ebenso groteske Vereinfachung“ wie das Verteidigen, „und Richten war unter den Vereinfachungen überhaupt die groteskeste“ (S. 171). Er kann Hanna nicht verurteilen (S. 151 f., 162). Der verurteilende Richter ist also als Gegenfigur erforderlich, wenn es um die Beurteilung von Hannas Schuld aus Taten im Dritten Reich geht.

Der Vater
Michaels Vater, ein Philosophieprofessor, wird in vier Kapiteln erwähnt (I 7; I 12; II 2; II 12). „Denken war sein Leben, Denken und Lesen und Schreiben und Lehren.“ (S. 31) Das Arbeitszimmer des Vaters zu Hause, die Bibliothek, ist „ein Gehäuse“ (S. 135); wenn seine Kinder ihn sprechen wollen, bekommen sie einen Termin, wie die Studenten (S. 134). Er ist verschlossen; vielleicht ist sein Gefühlsleben sogar abgestorben, vermutet Michael (S. 134). Manchmal hatte Michael auch das Gefühl, „wir, seine Familie, seien für ihn wie Haustiere“; dabei hätte er es gern gehabt, dass sie „sein Leben gewesen wären“ (S. 31). Michael unterstellt auch, dass der Vater oft gar nicht zuhört, wenn man ihn fragt, oder sofort wieder zwanghaft an seine Arbeit denkt (S. 31). Er hat mehrere philosophische Bücher verfasst. Im Krieg hat er seine Stelle als Dozent verloren, weil er eine Vorlesung über den jüdischen Philosophen Spinoza angekündigt hatte, und als kleiner Verlagslektor den Lebensunterhalt verdient (S. 88).
Dass Michael diesen Vater etwas fragt, wird zweimal berichtet; einmal fragt er, als er nach dem ersten Liebesakt verspätet nach Hause kommt, ob er am nächsten Tag wieder zur Schule gehen darf (S. 30). Beim zweiten Mal fragt er ihn um Rat, ob er gegen Hannas Willen den Richter über ihren Analphabetismus aufklären darf; Michael hat sich gerade wegen dessen abstrakten Denkens mit seiner Frage an den Vater gewandt (S. 134).
Der Vater erörtert das Problem klar, doch Michael kann mit des Vaters Lösung nichts anfangen: mit dem Betroffenen selbst (in diesem Fall Hanna) reden, nicht über ihn mit einem anderen! Als der Vater bedauert, dass er Michael als Philosoph und vor allem als Vater nicht weiterhelfen kann, findet dieser, der Vater mache es sich zu leicht (S. 139).
Als dieser ihm zum Schluss anbietet, jederzeit zu ihm kommen zu können, nickt Michael und glaubt ihm das nicht (S. 139).
Diese beiden Urteile Michaels überraschen mich – ein Vater kann seinem Sohn vier Jahre nach dem Abitur nicht die Lebensentscheidungen abnehmen, und dass er zum Gespräch bereit ist, hat er gerade erst gezeigt. Michaels Urteile zeigen ebenso wie die Charakterisierung des Vaters, dass dieser sein Gegenbild ist: Der Vater denkt und spricht klar, aber Michael weiß nichts zu sagen, weder gegenüber Hanna (S. 138) noch gegenüber dem eigenen Vater (S. 139); ihn bestimmen nicht Gedanken, sondern Sehnsucht und Gefühle (das Gefühl der Schuld, S. 80–200). Auch die Charakterisierung Hannas durch Michael zeigt, dass er das Gegenteil des Vaters sucht: jemanden, der sich seinem Körper und dessen „eigenen, von keinem Befehl des Kopfes gestörten ruhigen Rhythmus überlassen“ kann (S. 17); eine Frau, die in ihrer Weltvergessenheit dazu einlädt, „im Inneren des Körpers die Welt zu vergessen“ (S. 18).
Auch dadurch, dass ein Beischlaf solche Verwöhnung ist (S. 28), dass Hanna ihn sexuell „verwöhnt“ (S. 29) und Michael daran erinnert, wie seine Mutter den kleinen Bub beim Abfrottieren einmal verwöhnt hat (S. 28 f.), zeigt sich, dass Michael die Welt des Geistes, also des Vaters flieht und Erlösung im Bereich des Mütterlich-Körperlichen sucht.
Dieses Streben kann man doppelt interpretieren: Einmal zeigt sich in der Abkehr vom Vater und der Hinwendung zur (Ersatz)Mutter Hanna eine milde Form des Ödipuskomplexes, wie Freud diese Normalform des Familienkonflikts genannt hat; für dieses Verständnis spricht auch, dass Michael den Generationenkonflikt als Triebfeder der Studentenbewegung ausmacht (S. 88, S. 161). Zweitens erweist sich Michael seelisch auch als Zeitgenosse seines Autors Schlink, zu dessen Zeit die „Weltvergessenheit“, ein „Leben aus dem Bauch“ und „verwöhnt werden“ Stichworte eines modischen Lebensgefühls zwischen Feminismus und Wellness waren oder sind.

zu Schlink: Jeremy Adler: Die Kunst, Mitleid mit den Mördern zu erzwingen – Analyse und Erörterung

1. ANALYSE
[Zeilenzählung nach der Ausgabe der Dokumente von M. Heigenmoser, RUB 16050, S. 124 ff. – 17 Absätze, die im Folgenden so bezeichnet werden: (1) usw.]
Der Absatz (1) läuft auf die Frage hinaus, warum Schlinks Buch „Der Vorleser“ so erfolgreich ist; die Frage wird in (16 f.) beantwortet.
In (2) wirft A. (Adler) dem Buch pauschal Fälschungen vor, benennt E. Fried: Ein Soldat und ein Mädchen, als Vorläufer und knüpft seine NS-Kritik an das Motiv des Vorlesens: wie es möglich gewesen sei, dass die deutsche Kultur (Goethe, Schiller) der Barbarei (im Dritten Reich) verfallen sei.
In (3) – (5) legt A. eine erste Kritik vor: Im Vorlesen im Teil I des Romans und in Hannas eigenem Lesen in Teil III werde eine Verbindung von Kultur (Lesen) und Barbarei (Hanna) suggeriert und die Läuterung der Mörderin unterstellt, als ob durch Lesen alles gut würde. In (4) bewertet er diese Unterstellung wegen der Verführung Michaels durch Hanna als Kulturpornografie (Z. 49) und greift in (5) den eigenwilligen Schluss des Buches (III 12) an, in dem der Erzähler sich auf die unangreifbare Wahrheit seiner Geschichte berufe und ungerechtfertigt Subjektivität des Erinnerns mit allgemeiner Gültigkeit verbinde.
In (6) zählt A. einige Einzelheiten des Romans auf, um seine These von der Vielzahl von Irrtümern undd Unwahrscheinlichkeiten des erzählten Geschehens zu begründen.
In (7) – (9) wirft A. dem Erzähler vor, dass er sich auf „Emilia Galotti“ berufe, aber die Botschaft des Dramas pervertiere: Die Fragen nach der Kontrolle der Macht und der Verantwortung der Machthaber verlören ihre Bedeutung (7), der Erzähler ergehe sich in Selbstmitleid (8), stecke die Figuren in ein moralisches Vakuum.
In (9) greift A. das Stichwort „Betäubung“ auf und wirft dem Roman vor, die Posen der Täter und die Schmach der Opfer durcheinander zu bringen. Das wird zum Vorwurf der historischen Verfälschung, der damit begründet wird, dass der historisch belegte Widerstand von Opfern (10) und auch historisch bezeugte Einsicht von SS-Leuten ins eigene Verbrechen (11) geleugnet, missachtet würden. Das wird in Adlers Kritik an der Darstellung des Prozesses (Teil II) fortgesetzt (12 f.). Auch die „Einsicht“ Michaels, Hanna kämpfe für ihre eigene Wahrheit, zählt A. hierhin (14); dem stellt er die Psychologie einer tatsächlichen Mörderin gegenüber, der Hermine Braunsteiner (15). Pointiert wird Hannas Frage, was der Richter an ihrer Stelle getan hätte, als Unterstellung eines Befehlsnotstandes kritisiert.
In (16 f.) fasst A. seine Kritik zusammen (postmoderner Brei, Z. 212; Travestie der Wahrheit, Z. 214 f.) und beantwortet die Frage, warum das miserable Buch trotzdem so erfolgreich ist:
* weil es die Geschichte popularisierend vereinfache (16),
* weil wir uns mit der Anteilnahme für die Opfer begnügten (17),
* weil das Buch moralische Einsichten zu bieten beanspruche (17).
(Nach dieser ersten Analyse habe ich meine Erörterung angefertigt; die Erörterungen der Schüler beruhten meistens auf unzulänglichen Analysen – deshalb fertige ich eine 2. Analyse in einer anderen Form an, um eine Anleitung zum Analysieren zu geben:)

2. Analyse, systematisch:

Die einleitende Frage (1), warum Schlinks Roman so erfolgreich ist, wird am Schluss beantwortet (16 f.):
– die Geschichte werde vereinfacht dargestellt,
– wir begnügten uns gern mit der Anteilnahme für die Opfer,
– der Roman beanspruche, moralische Einsichten zu bieten.

Allgemeine Kritik wird in (2), Einzelkritik in (6) erhoben; die Summe der Kritik steht am Anfang von (16): postmoderner Brei, Travestie der Wahrheit, pornografische Ausnutzung menschlicher Nöte.

Die Grundzüge der Kritik werden an zwei Eigentümlichkeiten des Romans festgemacht:
1. Das Leitmotiv, dass Michael in zwei Phasen seines Lebens seiner Geliebten Hanna und der verurteilten KZ-Wächterin Werke der deutschen und der Weltliteratur vorliest,
suggeriere eine Verbindung von Kultur und Barbarei (in Teil I des Romans)
und lade dazu ein, an die Läuterung Hannas (in Teil III) zu glauben (4).
Diese beiden Vorwürfe werden als Persiflage von Horkheimer-Adornos „Dialektik der Aufklärung“ und mittels der Redensart von Kuchen, den man beim Essen nicht behalten kann, bewertet; die Form des Buches sei Kulturpornografie (Z. 49).
2. Die Selbstrechtfertigung des Erzählers in III 12, der für seine Erzählung die Wahrheit beansprucht, weil er sie so geschrieben habe und weil die Version so geschrieben werden wollte,
sei ein Zirkelschluss, womit jede Kritik unmöglich gemacht
und der Erzähler von aller Verantwortung befreit werde (5).
Das sei eine wirre Ästhetik und schaffe für den Leser eine double-bind-Situation [zwischen Subjektivität des Erinnerns und Allgemeingültigkeit von Symbolen und Aussagen (5)].

Die Entfaltung der Kritik erfolgt in den vorgegebenen zwei Schritten:
1. Für den Vorleser der „Emilia Galotti“ wird die Struktur des Dramas (einschließlich der Poetik Lessings) zum Maßstab genommen [mit der Begründung, das Drama sei eine Quelle des Autors Schlink, deren Wahrheit dieser auf den Kopf stelle (7)].
Diese Kritik wird in (7) bis (9) entfaltet.
2. Dem Wahrheitsanspruch des Erzählers begegnet Adler mit historischer Kritik:
a) was die Leistungen der Opfer und die spätere Einsicht von Tätern betrifft, in (10) und (11);
b) was Hannas und des Gerichtes Agieren während des Prozesses betrifft, in (12) – (15).
Adlers Kritik, deren Fazit sich an der Kritik an Hannas Frage an den Richter festmacht, was er denn an ihrer Stelle gemacht hätte, gipfelt in dem Vorwurf, im Roman solle es offenbar „keinen Unterschied zwischen Gut und Böse, zwischen Wahrheit und Lüge mehr geben“ (14).

Reflexion der Analyse:
Die Analyse dient dazu herauszubekommen,
– was der Autor Adler eigentlich sagt (und worauf er hinauswill),
– in welchem Zusammenhang Aussagen stehen und wie sie begründet werden,
– welchen Stellenwert, welche Funktion die einzelne Aussage hat.
In meiner Analyse wird also z.B. der Vorwurf, der plot scheine einem erotischen Roman der 50er Jahre entnommen zu sein und Frieds Roman „Ein Soldat und ein Mädchen“ stelle einen Vorläufer von Schlinks Roman dar, als sekundär ausgemustert. Die Berufung auf die „Dialektik der Aufklärung“ zählt als Begründung einer Kritik schon etwas mehr. Die Grundzüge der Kritik sind aber andere, siehe oben!
Aufgabe der Erörterung ist es, die Grundzüge der Kritik Adlers zu prüfen,
a) ob sie begründet sind,
b) ob sie (auch unabhängig von Adlers Begründung) richtig sind,
c) ob sie zu ergänzen sind.
Ziel meiner Erörterung ist es, die Grundzüge der Kritik zu prüfen, dagegen einzelne kritische Anmerkungen (aus Zeit- und Platzgründen) nicht zu berücksichtigen.
Für die Analyse theoretischer Texte verweise ich auf mein entsprechendes Arbeitsblatt in „Methodisches (studio D)“ im norberto42.kulando.de-blog bzw. im Blog http://norberto68.wordpress.com; für die Konzeption der Erörterung auf Theorie und Beispiel, ebenfalls in diesen beiden Blogs, in der Rubrik „Schreiben – Aufsatz“.

Falls sich jemand mit Fried oder Horkheimer-Adorno befassen will:
http://deutsch.pi-noe.ac.at/inetsem/fried_w.htm (zu Fried)
http://www.fcsh.unl.pt/apeg/mdoohm.htm (zu Horkheimer-Adorno)
http://www.glasnost.de/autoren/blumen/utopie.html
http://www.tierrechteportal.de/Bibliothek/frames.php?url=Adorno.html

ERÖRTERUNG
Zur Strategie des Erörterns: nur das Wichtige erörtern, nicht die Nebenfragen, ob also z.B. Frieds Roman ein Vorläufer von Schlinks Roman ist… Im Bild gesprochen: nicht an den Blättern zupfen, sondern die Tragfähigkeit der Äste des Baums prüfen, selbst des Stamms! – Ich habe diese Eröterung vor der systematisch angelegten 2. Analyse geschrieben; nach der 2. Analyse würde ich die Erörterung vielleicht ein wenig anders schreiben. (Adler wird mit Zeilen, Schlink mit Seiten zitiert.)
Die erste große Frage ist die, was Vorlesen und Lesen für Hanna bedeuten, ob also dadurch eine Verbindung von „Kultur und Barbarei“ (Z. 34) suggeriert und die „Läuterung der Frau“ (Z. 40) unterstellt wird.
Als der junge Michael Hanna vorliest, soll er dies wegen seiner schönen Stimme tun (43/9 f.); Hannas Kommentare bezeugen weder kulturelles noch moralisches Verständnis (53/24 ff.), sondern kommen „aus dem Leben“ einer Frau, als ob sie über junge Frauen aus der Nachbarschaft urteilte (das wird später als Hannas unmittelbarer Zugang zur Literatur umschrieben, 179/16 ff.); auch ihr Interesse am „Taugenichts“ (56/15 ff.) kommt nicht über die Ebene der Unterhaltung hinaus.
Etwas anders liegt der Fall bei Hannas Lektüre im Gefängnis: Sie verfügt über die einschlägige KZ-Literatur (193/24 ff.), sorgfältig aufgrund einer Bibliografie ausgewählt. Daraus schließt Michael, dass sie gewusst habe, was sie Menschen im KZ und auf dem Marsch angetan hat (202/15 ff.). Anderseits weigert Hanna sich bis zum Schluss, sich vor Gericht zu verantworten (187/21 f.); nur den stummen Toten hat sie das Recht zugestanden, Rechenschaft von ihr zu fordern. – Mit diesem Widerspruch muss man Adler Recht geben, dass hier die Läuterung einer Mörderin durchs Lesen unterstellt wird, während nicht wirklich erkennbar ist, dass sie sich verantworten wollte. Vielleicht soll auch ihr Rückzug aus der Welt (S. 196) so etwas wie Läuterung signalisieren, vielleicht. – Da ich also Adler nur im zweiten Teil seines Vorwurfs zustimme, möchte ich sein Schimpfwort „Kulturpornografie“ nicht übernehmen.

Die nächste Frage, unmittelbar mit dem Lesen zusammenhängend, ist die, ob der Autor Schlink „seine Quellen“ ernstnimmt (Z. 121 f.), obwohl der Erzähler die Botschaft der „Emilia Galotti“ auf den Kopf stelle. Hier kann ich Adler nicht folgen, weil „Emilia Galotti“ nur als Unterhaltungslektüre dient (s.o.) – d.h. der Anschein, hier werde große Literatur verstanden, ist anmaßend; als „Quelle“ Schlinks kann man das Drama jedoch nicht ansehen.
In dem Kontext sollte man aber Michaels Bemerkung bedenken, die von ihm später auf Kassette gesprochene Literatur drücke „ein großes bildungsbürgerliches Urvertrauen“ aus (176/1 f.). In dieser Formel wird das Attribut ausgespart und schöne Unbestimmtheit erzeugt: Urvertrauen in was? „Urvertrauen“ hört sich gut an – als ob hier Defizite frühkindlicher Sozialisation durch Literatur ausgeglichen werden könnten; de facto sollte, wenn bürgerliches Urvertrauen bestände, Vertrauen in die bürgerliche Institution des Gerichts vorhanden sein – das Gericht aber wird von Hanna abgelehnt (S. 187, s.o.), wobei die Darstellung eines lächerlichen Prozesses mit dummen oder geifernden Anwälten und einem überforderten („irritierten“) Richter ihr Recht zu geben scheint (Teil II des Romans).
Michael schließt sich dieser Ablehnung des Gerichts als Institution an, was sich einmal aus seiner Bemerkung ergibt, Hanna habe um ihre eigene Wahrheit und Gerechtigkeit gekämpft (128/24) und nur nicht gewusst, wie man sich taktisch geschickt vor Gericht aufführen soll (105/24 ff.); zum anderen ist seine Weigerung, selber im Gerichtswesen tätig zu werden (III 4), in der inneren Ablehnung des bürgerlichen Justizwesens begründet. Hier sehe ich eine große Lüge des Erzählers, dass der Jurist Michael vom bürgerlichen Urvertrauen spricht, aber die realen bürgerlichen Institutionen ablehnt! Hier ist „Urvertrauen“ ein sozialpädagogischer Kiki. [Nachträglich: Hinweis auf die Bedeutung des Richters und des Vaters, vgl. http://logos.kulando.de/post/2007/03/15/]

Zur Darstellung des Gerichts sind zwei grundsätzliche Überlegungen angebracht, welche auch für weitere Aspekte von Bedeutung sind:
1. Die Kritik Adlers an Michaels Zirkelschluss (Z. 52 ff.), seine Erzählung sei wahr, weil er sie so geschrieben hat (und dass auch der Prozess so richtig beschrieben, also so abgelaufen ist), ist berechtigt: Michaels Theorie ist an Naivität nicht zu überbieten. – Damit kann man auch Michaels Darstellung, in den 60er Jahren habe es keine relevante KZ-Literatur gegeben und man habe sich kein Bild von den Vorgängen im KZ machen können, als „subjektiv“ und sachlich falsch zurückweisen (vgl. meinen Aufsatz über die Aufarbeitung der Vergangenheit) – solche Behauptungen sind nicht durch Berufung auf die eigene Erinnerung und das eigene Schreiben zu rechtfertigen.
Damit stimme ich auch – gegen Michaels seltsame Theorie von der Betäubung – Adlers Vorwurf zu, Schlinks Erzähler bringe die Posen der Täter und die Schmach der Opfer durcheinander (Z. 117 ff.). Die Theorie von der autopoietischen Betäubung ist ein Schmarren sondergleichen; dadurch wird wirklich über den Widerstand von Opfern und die Einsicht einiger Täter gelogen (Z. 128 ff.).
2. Natürlich kann man aus methodischen Erwägungen den Erzähler Michael nicht mit Schlinks eigenen Überzeugungen gleichstellen; aber zu fragen ist doch, wie das Buch gelesen wird – ob es also als Äußerung eines fiktionalen beschränkten, wenn auch studierten Michael oder als Darstellung einer „wahren“ oder menschlichen Möglichkeit des Umgangs mit den NS-Verbrechen und -Verbrechern gelesen wird. Vermutlich – das wäre empirisch noch zu untersuchen – ist die zweite Möglichkeit wirklich vorhanden (gewesen), und dann muss Schlink für Michaels Dummheiten geradestehen. Dann kann man Adlers Vorwurf zustimmen, hier werde Geschichte vereinfacht (Z. 218 ff.).

Den Vorwurf der historischen Verfälschung möchte ich nicht überprüfen, weil das zu viel Arbeit erforderte. Lassen wir deshalb auch Frau Braunsteiner beiseite und wenden uns wieder dem Roman Schlinks zu: Adler hat mit seinen drei Annahmen für den Erfolg des Buches Recht (Z. 217 ff.). Aus meiner Sicht kommt ein weiterer wichtiger Grund hinzu, den ich im Aufsatz über Hannas Weltvergessenheit entfaltet habe: Hanna und Michael repräsentieren den modischen Typus des Menschen, der fühlt und aus dem Bauch (aus dem Körper) lebt und nicht kopflastig durchs Leben wankt. Sie leben zwischen Grün und Feminismus, echt betroffen (Michael, an seiner Liebe leidend, S. 163); deshalb trägt er auch das deutsche „Schicksal“ (163/9) und kann nicht begreifen, dass Geschichte von Menschen gemacht wird; deshalb weigert er sich, Geschichte mitzugestalten – es ist ja Schicksal, wie die Betäubung kommend und gehend… (vgl. meine „Analysen“ zum Roman!).
Literarisch genügt es Schlink deshalb, wenn er Konkretheit andeutet (was Michael alles riechen kann – er weiß sogar, wie alte Frauen riechen, 185/8 ff.); man braucht nichts zu beschreiben, etwa wie Michael oder Gertrud aussehen oder wie es bei der letzten großen Liebesnacht war; man kann sich mit Begriffen aus der Wellness-Literatur begnügen. [Über literarische Mängel habe ich mich am Ende meiner „Analysen“ ausgelassen; deshalb erspare ich mir hier Einzelnachweise.]
Noch einen letzten Grund für den Erfolg möchte ich nennen: „Wenn sie auf mir eingeschlafen war, im Hof die Säge schwieg, die Amsel sang, in der Ferne das Posthorn ertönte, die Grille betörend zirpte und der Pastor, sein Brevier murmelnd, an der Seite des Herrgotts segnend durch die Felder ging…“ (44/3 ff.). Na, ich habe bei diesem Zitat ein bisschen geschummelt, aber nur ein bisschen; zu Deutsch, Schlink hat Kitsch produziert. Da freut sich die Seele des einfachen Menschen, dass man noch so vollkommen glücklich sein kann (44/6 f.). Auch das unsägliche Gedicht Michaels (S. 57) verdient hier genannt zu werden – es ist zwar das Gedicht eines 16jährigen, okay, aber der 50jährige müsste es ja nicht zitieren! Sich öffnen, versinken, vergehen in Liebe und Lust, das ist etwas Schönes! Da kann man auch als ausgewiesenes Sensibelchen, das nicht so selbstgerecht ist wie die anderen (163/1: echt Pharisäer, vgl. Luk 18,9 ff.: Herr, ich danke dir, dass ich kein Achtundsechziger bin!), ruhig die Tausende vergessen, die in den KZs „vergangen“, also ermordet worden sind, solange man nur selber richtig in Liebe vergeht.

Fazit: Insgesamt ist Adlers Kritik an Schlinks Roman berechtigt; zwar ist „Emilia Galotti“ keine Quelle Schlinks, sondern für Hanna nur Unterhaltungsliteratur (wie Hanna ja auch gern von Forsythien, Vögeln und Gewittern spricht, wenn sie sich zur Literatur äußert, siehe Stichwort „Kitsch“, wobei sie „erstaunlich sicher“ über die Autoren der Weltliteratur urteilt, 179/11 ff. – jedoch nur über die Autoren, nicht über Literatur!) – aber gerade das könnte man Schlink vorwerfen, denke ich: dass die mühsam gewonnenen Maßstäbe bürgerlicher Vernunft (wegen antiintellektueller Gefühligkeit und allgemeiner odysseischer Vergeblichkeit, vgl. III 4 und meine Aufsätze über Hannas Weltvergessenheit und das Odyssee-Motiv) für Michael nicht gelten; dass das eigene Körper-Sein (41/25) mehr zählt als die bürgerlichen Institutionen, weshalb das Körper-Sein der anderen ohne Bedauern beendet werden kann, solange man sich von dessen Beendigung kein „Bild“ machen kann (S. 142), weil „die Phantasie“ sich dem verweigert (S. 143). Es ist halt alles Schicksal, deutsches Schicksal! Und gegen das Schicksal ist man bekanntlich machtlos, oder?
Vielleicht sollte Michael eine kleine Kolumne in der BILD betreuen? Das kann man nämlich selbst dann, wenn man regelmäßig nichts zu sagen weiß (73/5 f.; 74/2 f.; 74/11 f. und so weiter).

(2007)

Vergleiche auch https://norberto42.wordpress.com/tag/schlink/

Schlink: Der Vorleser – Analysen

Erzähltechnik und Zeitstruktur in Teil I, Kap.1 – 6
(Die Zeilen werden so gezählt, als ob sie alle wie auf S. 6 oben anfingen, also als ob jede Seite 30 Zeilen hätte. – Wesentlich ist es, dass man vom Erzähler als der handelnden Größe ausgeht, nicht einfach vom „Inhalt“ des Berichteten, und dass man schaut, wofür er seine Zeit verwendet und wie er davon spricht!)

5/10-21 summarisch berichtet: Krankheit des 15jährigen vom Herbst (Kap. 1) bis Februar
5/21 – 7/16 vom Montag im Oktober berichtet: Erbrechen, Hilfe, mit Vorgeschichte 5/23 – 6/1
7/16 f. vom Gang in die B‘straße berichtet (greift 5/18-21 auf)

8/10 ff. Rückblick auf das Haus in der B‘straße von „heute“ aus (Kap. 2)
8/22 ff. das alte Haus wird beschrieben
9/5 ff. Bericht von der Sicht des kleinen Jungen auf das Haus
9/18 ff. Bericht von späteren Träumen vom Haus, die alle so enden, dass der Eingang ins Haus nicht gelingt

12/10 ff. Bericht vom ersten Besuch (greift 7/16 f. auf), vermischt (Kap. 3) mit (Nicht-)Erinnerungssignalen (12/30 u.ö.): Treppenhaus und Wohnung werden beschrieben (12/15 ff.), vom Bügeln und vom eigenen Blick wird berichtet (13/29 ff.);

vom Weggehen (15/10 ff.), dem begehrlichen Blick, der erwidert (Kap. 4) wird, vom Wegrennen und vom Sich-Ärgern sowie vom doppelten „Rätsel“ (16/27 ff.): wie souveränes Handeln ausgesehen hätte und wieso die Frau faszinierte;
17/12 ff. wird vom späteren Verstehen des Rätselhaften berichtet: dass ein Rückzug ins Innere des Körpers als möglich erschien.

19/10 ff. Bericht vom zweiten Besuch eine Woche später, angefangen (Kap. 5)
19/11-20 summarisch wird die Woche vorher berichtet (-> 20/17 ff.);
19/22 – 20/16 Krankheit in Jugend und Kindheit wird kommentiert;
20/17 ff. Bericht vom Umgang mit Hanna und dem eigenen Begehren sowie von den zugehörigen Überlegungen in dieser Vorwoche;
21/16 ff. Rückblick auf das eigene Vernünfteln, Bericht vom heutigen Verständnis des eigenen Handelns und seines Musters (21/26), das dem Schema von „Fleisch“ und „Geist“ bei Paulus folgt (Röm 7,14 ff.; vgl. Freud!): Der Mensch tut nicht, was er eigentlich will…

23/10 ff. Bericht vom Warten (greift 19/10 auf), vom Kohlenholen (Kap. 6) (von einem kleinen Kommentar 24/26-29 unterbrochen), vom Baden (und dem Widerspruch zwischen Hannas Worten und Tun 25/29 ff.) sowie vom Umschlagen des eigenen Fühlens (rot werden -> Behagen 26/2 ff.; Angst -> Selbstverständlichkeit des Liebens 27/9 ff.)

Werte diese Übersicht aus: Erzähltechnik, Zeitstruktur, erzähltes Geschehen; der Erzähler „heute“!
Wichtig ist es, dass man die doppelte Perspektivität versteht: 1. Letztlich bleibt alles Berichtete an Michaels Ich-Perspektive gebunden. 2. Diese Perspektive schwankt zudem zwischen dem damals Erlebten und dem später (eventuell erst heute, also im Zeitpunkt des Erzählens) Verstandenen oder so Bewerteten; das damals Geschehene wird zum Teil nur undeutlich erinnert.

Links zur Erzähltechnik
http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_aut/schl/vorl/schl_vorl_0.html (Erzählstrukturen)
http://www.lehrerfortbildung-bw.de/faecher/deutsch/projekte/epik/der_vorleser/ (Erzählweise)
http://www.ratsgymnasium-gladbeck.de/schuelerprojekte/dervorleser/ (Erzähltechnik, etwas simpel; interessant ist, wie das gleiche Phänomen mit vier verschiedenen Stichworten erfasst wird.)

Das Verhältnis Michaels und Hannas im 1. Teil – Phasen, Aspekte
1. Dietmar Schäfer (Mentor) sieht folgende Phasen:
* Beginn der Beziehung – Michael ist fasziniert (Kap. 1 – 4)
* der erste sexuelle Kontakt – Michael verändert sich (5 – 7)
* die Entwicklung der Beziehung – ein Ritual entsteht (8 – 9)
* Spannungen – Michael ist oft ratlos und gibt immer wieder nach (10 – 12)
* das Ende der Affäre – Hanna ist plötzlich verschwunden (13 – 17)
2. Bettina Greese (u.a., Schöningh) sieht vier Phasen:
* Kap. 1, S. 6 f.; 6, S. 24-27; 8, S. 33 (Sie ergreift ihn.)
* Kap. 10, S. 45-49 (Sie festigt ihre Macht.)
* Kap. 11, S. 54-57 (Das Verhältnis gewinnt Innigkeit.)
* Kap. 14, S. 70 f.; 15, S. 72 f.; 16, S. 75 (Michael wendet sich von ihr ab.)
Bei B. Greese gibt es ein Schema (S. 31), in dem Michael anfangs als von Hanna abhängig dargestellt wird, dann jedoch einen Prozess wachsender Unabhängigkeit durchläuft, während die anfangs total dominierende Hanna zunehmend von Michael abhängig wird. Das Baden soll nicht nur, wie überall zu lesen ist, symbolisch reinigen; die ihn Badende ist für Michael auch eine Art Mutter(-Ersatz), wie seine Erinnerung (S. 28 f.) zeigt.
Zum Begriff und zum literarischen Motiv der Verführung: http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor/index/index/docId/13861
Den sexuellen Missbrauch von Jugendlichen definiert StGB § 182.
Statt „Liebesverhältnis“ könnte man das gemeinte Phänomen auch „Michaels Adoleszenz“ nennen (Juliane Köster, Oldenbourg; vgl. seinen „Abschied“ von der Familie, S. 31 f.) und auch im Blick auf den 2. Teil den Roman eventuell als Bildungs- und Entwicklungsroman verstehen (Schäfer, S. 28).[Eine neue Analyse des Verhältnisses zwischen Michael und Hanna gibt es in http://www.logos.kulando.de, dort ebensfalls unter „Romane und Novellen“.]
P.S. Übrigens sind für den Hausgebrauch von Schülern die Erläuterungen zu Bernhard Schlink: „Der Vorleser“ von Magret Möckel (Königs Erläuterungen Nr. 403) trotz einiger Versehen nicht schlecht.

Wie sich Michaels Schuld ihm selber (im 1. Teil) darstellt
Die Formulierung des Themas besagt ausdrücklich, dass sie sich dem Leser anders darstellen kann (und sich mir auch, vor allem im 2. Teil, anders darstellt). Zweitens überlagern sich die beiden Zeitebenen des damaligen Erlebens und des heutigen Urteilens.
Die erste „Schuld“, die Michael auf sich lädt, ist Schuld in der Perspektive der christlichen Erziehung. Sie beginnt damit, dass er die Augen nicht von Hanna lassen kann, als sie sich im Unterrock die Strümpfe anzieht (15/24 ff.); er bezeichnet den Vorgang als „Verführung“ (18/2 f.), gebraucht den Begriff aber (aus der Sicht „heute“) nicht mehr im eigentlichen Sinn. Mit dem Bericht von sexuellen Träumen (20/17 ff.) und von der moralischen Reflexion des Begehrens [ganz im Schatten der Bergpredigt: „Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“ Mt 5,28; vgl. 21/1 ff.] , das er „heute“ als Vernünfteln betrachtet (21/17), leitet er den Bericht vom ersten Beischlaf ein, bei dem schließlich „alles selbstverständlich“ wurde (27/13); zudem erlebte Michael damals den ganzen Vorgang als normale Ablösung von der Familie (S. 31 f.), sodass sich der sündige Charakter der sexuellen Begegnung als überholte Erziehungsmaxime darstellt.
Gleichwohl stellt sich ihm „heute“ (21/25) im damaligen Handeln ein Muster dar, welches er als Muster seines Handelns überhaupt erkennt (21/26 ff.): dass nicht er handelt, sondern dass es aus ihm heraus handelt. Das ist zunächst ein Muster, mit dem Paulus das Handeln des sündigen Menschen aus dem „Fleich“ (sarx) statt aus dem (heiligen) „Geist“ erklärt (Röm 7,14 ff.), wovon man jedoch im Glauben an Jesus Christus frei wird (Röm 8,1 ff.); es ist gleichermaßen das Konzept des großen Sigmund Freud, wonach „Es“ uns zu etwas treibt, was das Über-Ich verbietet – wovon es Erlösung geben kann, wenn aus dem Es Ich wird, also das Ich die beiden Pole Es und Über-Ich versöhnt. – Von beiden Modellen weicht der Erzähler jedoch ab, indem er dieses Es-hafte Handeln als sein eigenes bezeichnet (22/13 ff.), ohne dies jedoch näher oder gar theoretisch zu erklären. So bleibt der Erzähler in seiner Sicht ein Wesen voller Widersprüche; zumindest bleibt er sich rätselhaft.
Die zweite Schuld ist „das Gefühl der Schuld“ (80/22 f.), was sich als Gefühl auch wieder verlieren kann (83/21 f.). Ab I 15 beginnt der Erzähler zu berichten, dass er Hanna verleugnet und so verraten habe; er erwähnt ausdrücklich „die Halbherzigkeit der letzten Monate“ (80/25 f.) und die Tatsache, dass er im Schwimmbad nicht sofort zu ihr gelaufen ist (80/23 f.; vgl. S. 78), wofür er sich durch Hannas Verschwinden (irrtümlich) bestraft glaubt (80/27). In Wahrheit ist Hanna die Frau, die sich seiner sexuellen Not „annahm“ (vgl. 6/9) und dabei durchaus auf ihre Kosten kam (33/28-30), auch wenn das Verhältnis später inniger wurde (56/27 f.). Mit dem Bild vom „Gleitflug der Liebe“ (67/24) bezeichnet er das Gesetz eines Vorgangs, nicht eigenes Handeln, finde ich. Er berichtet außerdem von einem Druck, unter dem Hanna steht und unter dem sie quasi von ihm Abschied nimmt (76/22 ff.); wieder einmal gleicht der Erzähler die Spannung zwischen Fakten und eigenem Schuldgefühl nicht aus.
Seine Bewertung erscheint mir den Möglichkeiten eines Sechzehnjährigen nicht angemessen; der Erzähler hat einen Schuldkomplex, würde ich sagen; dafür spricht auch die abstruse Schuldreflexion des Studenten (129/11 ff.), dafür spricht des Erzählers Bemerkung, welche Gefühle der Verpflichtung sich „bis heute“ nach einer Nacht mit einer Frau bei ihm einstellen – er überfordert sich moralisch selbst, was mich wieder an die Herkunft seines Verhaltensmusters (S. 21 f.) aus dem Römerbrief denken lässt. Offensichtlich wird uns ein Mann mit einem wahnhaften Schuldkomplex vorgeführt. Ein anspruchvoller Vortrag behandelt die Frage, welche Bedeutung Scham und Schuld in dem Roman spielen: www.maikatze.de/grafik/Vorleser.pdf

Wir haben im Unterricht untersucht, wie sich Hannas Schuld (im 2. Teil) dem Gericht und wie sie sich Michael darstellt. Michael feiert als seine große Entdeckung, dass Hanna nicht lesen (und deshalb auch nicht das Protokoll angefertigt haben) kann (S. 126 ff.). Zur Bedeutung des Analphabetismus sollte man sich im Netz informieren, z.B. http://de.wikipedia.org/wiki/Analphabetismus, http://www.alphabetisierung.de/infos/faq.html usw.
Michael scheint anzunehmen, Hannas Bloßstellung als Analphabetin stelle notwendig eine Alternative zu der als Verbrecherin dar (128/2 ff.); dem kann ich nicht zustimmen.
Für die Frage, wie sich Michaels Schuld (im 2. Teil) ihm darstellt, liegt Lauras Aufsatz unserem Kurs vor. Ich meine allerdings, dass Laura noch zwei Aspekte vermengte, die wir besser trennen sollten:
Wie stellt sich Michaels Schuld ihm (damals – heute) dar? Und wie stellt sich Michaels Schuld dem Leser dar? Wir sind ja nicht verpflichtet, seine Wertungen zu übernehmen! Um abschließend urteilen zu können, muss man natürlich noch den dritten Teil des Romans heranziehen.
Eine Bemerkung zu dem emphatischen Bekenntnis: „Also blieb ich schuldig.“ (129/14) Michaels pointierte Schuldbekenntnisse in Richtung Hanna machen es möglich, im Sinn einer antoymischen Negation andere Schuld in Frage zu stellen. Diese Rhetorik (bzw. rhetorische Strategie) der Schuldbekenntnissse ist meines Wissens bisher nicht erkannt worden: Wenn ich eine These als Aussage vortrage, negiere ich die Gegenthese; wenn ich meine Schuld unterstreiche, spreche ich dich frei, lenke zumindest den Blick von deiner Schuld ab – Denken und Sprechen folgen in hohem Maß dem Gesetz antonymischer Bildungen. Außerdem legitimiert das pointierte Schuldbekenntnis Michaels Gewissen (oder was man so nennt): Wer derart schuldbewusst lebt (empfindet), leugnet oder übersieht wahre Schuld nicht.

Michaels Schuld in Teil III
Methodisch möchte ich die moralisch-politische Auseinandersetzung mit dem 3. Reich abtrennen und zunächst nur von der „menschlichen“ Schuld Michaels sprechen, obwohl diese die abgetrennte Frage (u.a. in der „Betäubung“) berührt.
Das erste Mal, dass Michael hier Schuld auf sich lädt, resultiert aus seiner Scheidung und der Tatsache, dass er seiner Tochter Julia keinen Bruder schenkt (165/7 ff., speziell 165/25).
Auf Gertruds Vorwurf, er weiche „vor der Herausforderung und Verantwortung des Lebens“ (171/30) aus, gibt er in einem Satz zu, dass er geflohen ist und erleichtert war, geflohen zu sein (172/1 f.). Das ist nur eine Randbemerkung, betrifft aber mit der Berufswahl einen wichtigen Lebensbereich; auf diese „Schuld“, die er nicht als solche benennt, kommt er nie mehr zu sprechen. [Frage: Ist sie der Betäubung vergleichbar?]
Die vielen Halbheiten, die in Michaels Kontakt mit der inhaftierten Hanna auftauchen (dass er ihr nicht schreibt, S. 179, usw.), fasst er in der Differenzierung von Nische und Platz zusammen: Er habe der inhaftierten Hanna eine kleine Nische in seinem Leben zugebilligt, aber keinen Platz eingeräumt (187/5 ff.); jemandem nur eine Nische zubilligen heiße aber, ihn zu verscheuchen (180/1 ff.) – das bringe aber Schuld mit sich, wenn man jemanden gewählt hat (vgl. S. 162).
In seinen Erinnerungen hat er das Gefühl (!), sie verraten zu haben (190/10 ff.), wogegen er sich wehrt – er fragt dann, rhetorisch sich entschuldigend: „Hatte ich nicht auch Rechenschaft von ihr zu fordern? Wo blieb ich?“ (190/20 f.) Damit greift er in falscher Geste auf das vor, was die Jüdin ihm in New York offenbart, die seinen Lebenslauf als einen von Hanna abhängigen, abhängig gemachten analysiert (202/3 ff.) und ihn fragt, ob Michael das Gefühl gehabt habe, „daß sie wußte, was sie Ihnen angetan hat“ (202/14 f.). Diese Analyse hört er, nachdem er erstmals (!) einer Fremden zugegeben hat, mit Hanna ein Verhältnis gehabt zu haben (S. 201). – Diese Analyse, die seiner eigenen Einschätzung widerspricht, wird aber weiter nicht beachtet.
Im Schlusskapitel folgen einige unklare Reflexionen über Schuld:
– dass die alten Fragen nach seiner Schuld gegenüber Hanna unwichtig geworden sind (205/18 f.), weil sein Leben nun eben seines geworden ist [eine merkwürdige Begründung für einen Theoretiker der Schuld];
– dass manchmal die alten Schuldgefühle wieder hochkommen (206/20 – nota bene: die Schuldgefühle, nicht die Schuld!);
– den Widerspruch zwischen beiden Aussagen löst er mit dem Bild von den dicht aufeinander ruhenden Schichten auf (206/22 ff.), wo im Späteren eben Früheres begegne.

Wenn man zu Michaels oder Hannas Schuld Stellung nehmen will, sollte man sich seiner Urteilskriterien bewusst werden:

1. Zum juristischen Begriff der Schuld (bezogen auf Hanna):
http://www.rechtslexikon-online.de/Schuld.html
http://www.jura.uni-sb.de/CJFA/material/DStrafR/strafr_01_02/t_schuld.html
http://www.ls-wolf.euv-frankfurt-o.de/lehrstoff/grundbegriffe/schuld/theorien-schuld.htm

2. Zum philosophischen Begriff der Schuld (bezogen auf Michael):
über die Sammlung: http://www.erlangerliste.de/ressourc/lex.htm zum Stichwort „Philosophie“, dort etwa zu PhilLex und PhilSearch, oder zum Eisler-Wörterbuch (1904): http://www.textlog.de/eisler_woerterbuch.html

3. Zu krankhaften Schuldgefühlen (Michaels), die man jedoch nicht von der Rhetorik der Schuldbekenntnisse trennen sollte: http://www.persoenlichkeits-stoerungen.de/schuldgefuehle/

Ein rätselhaftes Diktum ist das von der verborgenen Wahrheit des Redens (166/18 f.): Er hat seinen Frauen von Hanna und von sich erzählt, damit jene sich einen Reim auf Michaels befremdliches Verhalten machen könnten (166/2 ff.), ohne dass besagte Frauen viel Interesse an seinen Erzählungen gezeigt hätten; seine Resignation schließt er mit der Sentenz, man könne das Reden auch lassen, weil dessen Wahrheit ohnehin in dem liege, was man tut. [Das dürfte eine Art Wittgenstein-Zitat sein: „Unsere Rede erhält durch unsere übrigen Handlungen ihren Sinn.“ (L. Wittgenstein: Über Gewißheit. Suhrkamp 1970, Nr. 229; vgl. Nr. 397 ff.)]
Der Sinn dieses Diktums zeigt sich vermutlich, wenn die Stellen, an denen Michael nichts zu sagen weiß (27/1; 74/11 f.; 139/7 f.; 170/3 f.), mit denen konfrontiert werden, wo er etwas ganz fest zu wissen behauptet: Wer sich nicht zu seiner Geliebten bekennt, weiß genau, ob er sie verrät (72/18 f.); Michael wusste also, dass er Hanna vor seinen Freunden verriet (73/10). Hier wird also zwischen dem intuitiven Wissen und dem bloß äußerlichen Reden unterschieden, dem intuitiven Wissen allein kommt Wahrheit zu – das zeigt sich dann in seiner Vermutung, dass Hanna um ihre (!) Wahrheit kämpfte (128/24). In der „Aufarbeitung der Vergangenheit“ (s. dort!) zeigt sich die Bedeutung des Wortes von der verborgenen Wahrheit des Redens; vgl. auch die Beziehung des untersuchten Diktums zu Hannas Weltvergessenheit (s. meinen Exkurs über Hannas Weltvergessenheit).
Der Rhetorik der Schuldbekenntnisse entspricht die strategische Rhetorik des Nichtwissens und Nichtsagenkönnens (z.B. 18/5 f.; 27/1; Kap. I 15); in diesem Kap. I 15 sieht man auch, wozu die Betonung des Nichtwissens gut ist: Wenn Michael so oft nichts Genaues weiß, muss es wohl stimmen, wenn er etwas genau zu wissen beansprucht (72/10 mit 72/18 f. und 72/23 f.). Genau wie bei der Rhetorik der Schuldbekenntnisse (s.o.) und dem Selbstrechfertigungszirkel des Erzählers in III 12 handelt es sich um eine kalkulierte Strategie, mit der man Einwände abwehren kann. Wozu diese Strategie erforderlich ist, sieht man bei der „Aufarbeitung der Vergangenheit“.

Eine gesonderte Untersuchung verdient das Thema „Aufarbeitung der Vergangenheit“ oder die Frage, was die Nachgeborenen die Taten der Nazis angehen – von Michael zunächst aus der Situation der zweiten Generation gestellt. [Das Thema wird in diesem blog norberto42 in einem eigenen Aufsatz vom 3. April behandelt: „Aufarbeitung der Vergangenheit“ in Schlinks „Der Vorleser“] Im 2. Kapitel des zweiten Teils wird Hannas Verfahren in diesen Kontext gestellt; Michael ist (mit seinen Zeitgenossen) durch „Betäubung“ beiden Phänomenen verbunden. Aus Teil II sollten folgende Kapitel berücksichtigt werden:
II 2 (über die moralische Arroganz der Jugend)
II 4 (über die Betäubung; dazu die Frage nach dem Vergleichen und dem Verstummen)
II 8 nur mit der Bemerkung, dass auch das Buch die Betäubung atmet (S. 114)
II 13 (wichtig wegen der Bemerkung: wir konnten uns kein Bild machen, mit eigener Phantasie-Theorie)
II 14 (das unkommentierte Gespräch mit dem Fahrer)
II 15 (wiederum: kein Bild; verstehen und verurteilen zugleich nicht möglich)
II 16 (es ging mir nicht um Gerechtigkeit…; zur Funktion der Betäubung)
Aus Teil III kommen hierfür in Betracht:
Kap. III 1 (wundersames Ende der Betäubung, mit dem großen Wort vom deutschen Schicksal, 163/9!)
Kap. III 4 (über das Anklagen, Verteidigen und Richten; über das Erbe der Vergangenheit, S. 172)

Hannas späteres Verhältnis zu ihrer NS-Schuld
S. 187 (Hannas Ansicht, wer von ihr Rechenschaft fordern kann)
S. 193 f. (Hannas Lektüre, mit Auswertung Michaels S. 202)
S. 196 f. (Hannas Rückzug derart, dass sie ihren Ort in der Welt neu definiert)
S. 203 f. Hanna bekommt keine Absolution von der Jüdin, wohl aber wird ihr eine Art „Anerkennung“ der Welt zugebilligt.
Übrigens ist es Michaels Idee, das Geld für jüdische Analphabeten zu verwenden, die lesen und schreiben lernen wollen (203/16 ff.). Was bedeutet diese Idee für seine Sicht von Hannas Schuld? Man hätte das Geld ja auch für KZ-Häftlinge verwenden können, die 1984 immer noch auf ihre Entschädigung warteten!

Abschließende Fragen an das Buch

Nach der dritten Lektüre tauchen Fragen auf. Ich frage mich zum Beispiel, wieso
– die Phantasie (S. 143), die Betäubung (S. 160) oder die Versionen der Geschichte (206/1 f.) wie Personen oder wie schicksalhafte Mächte agieren; die Betäubung ist ohnehin ein seltsames Phänomen, vgl. zu ihrer psychologischen Deutung http://www.teachsam.de/deutsch/d_ubausteine/;
– der Erzähler, ein Jahr jünger als ich, aber doch Student, die Literatur der 60er Jahre nicht kennt (142/20 ff. – vgl. meine Anmerkungen zu seiner Bemerkung über das Verlagsprogramm der 60er Jahre, im Aufsatz über die Aufarbeitung der Vergangenheit);
– Hanna angeblich Bedenken gegen die Radtour hat (S. 51), obwohl sie diese doch selber vorgeschlagen hat (S. 41);
– Hanna dem Gericht das Recht bestreitet, Rechenschaft von ihr zu fordern (S. 187), obwohl sie doch angeblich akzeptiert hat, zur Rechenschaft gezogen zu werden (S. 128);
– Michael weiß, dass Hanna alles richtig machen wollte (105/16), obwohl er doch an seine Perspektive gebunden ist;
– der Kosename für Hanna ausgerechnet „Pferd“ sein muss (68/30 ff.), wenn später eine Parallele zur Stute von Majdanek hergestellt wird (115/19 ff.: allzu simpel!);
– der Koks auf Michael fallen musste (S. 25 – ein Slapstick), um einen Vorwand für die Verführung zu liefern;
– der Erzähler das einzige offene Gespräch mit seinem Vater vergessen konnte (137/2) und dann doch gern daran zurückdenkt, obwohl es angeblich nichts gebracht hat und peinlich endete (138/28 ff.);
– Michael von Liebeswahl (162/16) und Liebesverrat (S. 72 ff.) spricht, obwohl niemals ein Liebesbund geschlossen wird; obwohl die Liebesbeziehung (1959!) heimlich bleiben muss; obwohl er bekennt, er wisse nichts über Hannas Liebe zu ihm (67/25 f.); obwohl er damals nicht einmal 16 Jahre alt war; vgl. dazu F. Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches. Bd. I, Nr. 629 und 630 ff. (http://gutenberg.spiegel.de/nietzsch/menschli/mensch09.htm);
– er die Frage „Hanna oder Sophie“ (66/11) nicht als Liebesverrat bewertet hat, wohl aber sein Schweigen gegenüber den Freunden (S. 72 f.);
– er von der großen Liebeswahl spricht und doch weiß, dass seine Sehnsucht letztlich nicht Hanna gilt (200/8-10);
– Michael einerseits von der großen Liebeswahl spricht (S. 162), anderseits aber Hanna nicht schreibt, nachdem sie den großen Schritt zum Schreibenlernen getan hat (S. 177 f.);
– Michael die Fiktion der Liebeswahl aufrecht erhält (162/12), obwohl er doch weiß, dass Hanna ihn verlassen und getäuscht (153/13 ff.), also den (vermeintlichen) Liebesbund gebrochen hat;
– Michael die „Odyssee“ als das Grundbuch der Reise ohne Heimkehr ansieht (173/20 ff.) und doch von seiner gerade zitierten Sehnsucht spricht, nach Hause zu kommen (200/8 ff.);
– es Verrat sein soll, wenn man die Verbrechen eines geliebten Menschen verurteilt (S. 162 f.; bereits Augustinus wusste, dass man die Sünde hassen, aber den Sünder lieben kann; auch der Journalist Jens Bisky weiß, dass solche Unterscheidungen zum Wesen des Rechtsstaates gehören – nur der studierte Jurist Michael Berg weiß es nicht, kann es in seinen Hanna-Schuld-Gefühlen nicht wissen);
– er plötzlich weiß, dass es ihm nicht um Gerechtigkeit ging, als er beim Richter intervenieren wollte, sondern dass er angeblich nur „an ihr rummachen“ (153/27) wollte, obwohl er doch vom Zuschauer zum Teilnehmer geworden ist (131/26 f.);
– die Liebe merkwürdig abstrakt beschrieben wird („Besitz ergreifen“ und davon Abstand nehmen, S. 33 f. und S. 57; wie alles selbstverständlich wurde, 27/13 ff.; sagte mir, wo ich sie anfassen sollte, 33/28); auch wird der große letzte Liebesakt (77/14-19) in gut fünf Zeilen nur mit Begriffen völlig unanschaulich beschrieben, genau wie Hannas Weltvergessenheit (17/29);
– Figuren wie Gertrud (S. 164 f.) und auch Michael selber so blass bleiben, dass man sie sich kaum vorstellen kann;
– Michael nicht weiß, was er einem ehemaligen Kommilitonen sagen soll, als der ihn nach seinem Verhältnis zu Hanna fragt (S. 169 f.), obwohl er der Jüdin in New York bereitwillig Auskunft gibt (S. 201 f.);
– Hannas „menschliche“ Äußerungen über Literatur (43/24 ff.; 179/12 ff.) als erstaunlich genau treffend bewertend werden (179/11 f.): „Keller braucht eine Frau“, ein wahrlich „tiefes“ Literaturverständnis;
– und wann Michael „manchmal“ am Schreibtisch oder im Auto seinen Erinnerungen nachhängen, im Bett liegen oder in Hannas Wohnung sein kann (190/6 ff.); man kann die Chronologie ab S. 183 verfolgen: In einer Woche soll sie entlassen werden (183/28 – Telefonat); am nächsten Sonntag besucht Michael sie (184/10); dann kommen die Erinnerungen (190/6 ff.); am Nachmittag vor der Entlassung (und nach den Erinnerungen) ruft Michael im Gefängnis an (190/22 f.), am nächsten Morgen ist sie tot (192/10);
– diese Jüdin zu einer Blitzanalyse von Michaels Leben imstande ist (202/3 ff.) und Michael ihre elementare Einsicht nicht kommentiert;
– Michael aus dem Heute erzählt, aber lange Zeit so tut, als wüsste er nicht, dass Hanna Analphabetin ist („Aber sie hatte nicht darauf geachtet.“, 35/17 f.); sein damaliges Nichtwissen müsste er ausdrücklich als solches markieren, um es von seinem jetzigen Wissen abzuheben;
– die Geschichte mit Hanna ihn nicht mehr traurig macht (206/11 f.), während es ihn doch so traurig macht, wenn er an das Vergangene zurückdenkt (38/10 f.) – beides im Heute des Erzählens berichtet;
– seine Berufsentscheidung „Flucht“ und doch nicht Flucht (S. 171 f.) ist, das Studium der Rechtsgeschichte also ein Akt der Verantwortung vor der Vergangenheit, die Geschichte des Rechts aber wieder nur ein Irrweg ist (S. 172 f.);
– ihn überhaupt „die alten Fragen“ (205/11) bedrängt haben, wo doch Michaels Handeln stets sein eigenes Handeln ist (22/12 ff.);
– er sich nicht konsequent an sein Diktum hält, man könne das ganze Reden auch sein lassen, weil dessen Wahrheit ohnehin im Tun liege (166/18 f.).
Letztlich laufen die Fragen darauf hinaus, ob Michael Berg eben so ist, eben so erzählt – oder ob der Autor, dezent formuliert, etwas nachlässig gearbeitet hat; das hat er ganz sicher, als er Michael die rund 2.500 Seiten von „Krieg und Frieden“ in 40 bis 50 Stunden vorlesen lässt (68/1): 50 bis 60 Seiten pro Stunde vorlesen, das ist ein Witz, von der Auswahl des Titels einmal abgesehen. Auch dass 1959 ein 15jähriger Junge in einer derart patriarchalischen Professorenfamilie kochen konnte (S. 60), ist fragwürdig.

Nach der anfänglichen Begeisterung setzte in Deutschland DER SPIEGEL einige kritische Akzente; international wurde der Roman in England und USA ab 2002 ideologisch in Frage gestellt, u.a. von Jeremy Adler. Möglicherweise sind die simple patterns eine Bedingung des Bucherfolgs: Vogel ist die Amsel, Pflanze ist die Forsythie, Dichter sind Schiller und Lessing (und nebenher ein paar andere), Philosophen sind Kant und Hegel – zumindest die Namen kennt jeder, mit den Namen assoziiert man „Literatur“ und „Philosophie“. – Man kann sich auch mit der Rezeption des Buches befassen. Material findet man mehr als genug, wenn man in der Suchmaschine eingibt: „Schlink: Der Vorleser“ +(Rezension OR Besprechung) oder +Kritik.

Könnte es sein, dass auch die Ambivalenzen der Figur Michael eine Bedingung für den großen Erfolg des Romans sind? Zuerst legt Michael sich eine Hanna zurecht, die akzeptiert, dass sie zur Rechenschaft gezogen wird (128/21 f.); [dann wird er plötzlich Teilnehmer (131/27), was jedoch so endet, dass er nur an ihr rummachen will, s.o.;] dann hört er von Hanna, das Gericht habe nicht Rechenschaft von ihr fordern können (187/21 f.); später empört er sich über diese Äußerung (190/14 ff.); dann lenkt er den Blick auf die Lebenden, und seine letzte Frage ist: „Wo blieb ich?“ (190/21) Zigtausend Ermordete werden ausgeblendet, wenn Michael nur an seiner Liebe zu Hanna leiden und „das deutsche Schicksal“ zelebrieren kann (163/7 ff.).
Die Ambivalenz zeigt sich für mich noch deutlicher im Zusammenhang mit der Odyssee-Metapher: Michael kennt die Odyssee aus der Schulzeit, er kennt den Text Homers (66/4 f.); er liest sie erneut (173/21) – das Epos hört mit dem Ende des Kämpfens und Rächens auf, wovon man sich anhand des Textes überzeugen kann. Doch Michael macht in einem Gewaltakt aus dieser Geschichte der Heimkehr die Geschichte einer ziellosen Bewegung (173/27 f.), indem er sie (das Epos aus dem 8. Jh. v.C.) mit dem Wort Heraklits (um 500 v.C.) vom Fluss, in den man nicht zweimal steigt, kombiniert und dieses Wort als das Wissen der (also aller) Griechen ausgibt (173/23 ff. – hätte er auf den Griechen Platon zurückgegriffen, wäre er zu einem anderen Ergebnis gekommen). Damit hat er eine schöne Metapher für seine Verzweiflung an der Rechtsgeschichte gewonnen (173/9 ff.). Persönlich jedoch pflegt er zuletzt die Hoffnung darauf, „nach Hause zu kommen“ (200/9 f.).
So hat er von allem etwas, ein bisschen existenzialistische Geworfenheit und Bindungslosigkeit, ein bisschen Sehnsucht nach Heimat; er will seine Geschichte loswerden und kann es doch nicht (206/28) – nur Hannas Tod kann ihn davor bewahren, in der Endlosschleife des Fühlens weiter Verantwortung zu übernehmen, zu versagen, Schuld zu fühlen, zu sein wie die anderen und doch anders, obwohl es ihm gut getan hätte dazuzugehören (163/11 ff.), und er hatte auch das entsprechende gute Gefühl (89/15), aber dann ist ihm das selbstgerechte Auftrumpfen peinlich (160 ff.) – es ist jedoch nur gespürte Distanz (160/28): So bleibt er beim Fragen und kommt nicht zum Denken. Aber sein feines Gespür hat ihm geholfen, die Version seiner Geschichte zu finden, die geschrieben werden wollte (206/1 f.) – die anderen wollten halt nicht, da kann man nix machen.
Bezeichnenderweise hat der Kopf weder bei Michael (21/28 ff.) noch bei Hanna (17/25 ff.) viel zu sagen – im Gegenteil, Befehle des Kopfes stören nur den ruhigen Rhythmus des Körpers (17/27-29): Das scheint dem Publikum gefallen zu haben, vgl. meinen Exkurs zu Hannas Weltvergessenheit. Muss ich noch sagen, dass sich gespürte Distanz zu einer vom Kopf begriffenen verwandeln kann?
21. Mai 2006
Bei l-o steht die U-Reihe unter http://www.lehrer-online.de/url/der-vorleser.

„Aufarbeitung der Vergangenheit“

Die in der politischen und moralischen Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich von den Deutschen immer wieder geforderte „Aufarbeitung der Vergangenheit“ wird als Stichwort explizit vom Erzähler genannt (S. 87/Z. 14; vgl. 160/27 ff.). Bei allem, was wir hierzu im Roman finden, ist zu bedenken, dass wir an die Perspektive des Ich-Erzählers gebunden bleiben, selbst wenn wir ihm widersprechen wollen.

1. Das Thema „Aufarbeitung der Vergangenheit“ in Deutschland 1966
Michael spricht von der Situation in Deutschland im Jahr 1966, wie sich aus einer Synchronisation der Daten von Prozess und Lebenslauf Hannas (S. 91) ergibt. Sein Professor ist einer der wenigen, die sich damals mit der Nazi-Vergangenheit auseinandersetzten (86/12 ff.); Thema seines Seminars war „das Verbot rückwirkender Bestrafung“ (86/19).
Die Studenten, die an diesem Seminar teilnehmen, sehen sich als Avantgarde der Aufarbeitung und Aufklärung (87/14 ff.); sie wollen verurteilen, wollen eine ganze Generation verurteilen, wollen ihre Eltern kollektiv zur Scham verurteilen (87/29 und 88/15 f.). Sie sind voll Eifer, sind Eiferer im biblischen Sinn der Zeloten (S. 87 f.) – „jetzt“ sieht Michael, dass dieses Eifern „tatsächlich abstoßend war“ (87/25). – Das gleiche Bild zeichnet er für die Teilnehmer der Studentenunruhen im folgenden Jahr (S. 160 f.): In der Auseinandersetzung um das Dritte Reich geht es den Jungen mehr um die Abrechnung mit den Eltern – der politisch-moralische Streit ist nur eine Form des Generationenkonflikts (161/17); nur bei wenigen (wie bei Michael) ist die Sache selbst „das eigentliche Problem“ (162/18).
Er selbst distanziert sich von den Studenten des Jahres 1967 (162/6 ff.; 160/28 ff.), denen er „auftrumpfende Selbstgerechtigkeit“ (162/29 f.) bescheinigt. Doch gibt es eine sonst unverständliche Bemerkung, in der er sich als den eifernden Studenten zugehörig erweist: Er berichtet von seinem Besuch beim Vorsitzenden Richter, den er eigentlich über Hannas Analphabetismus und dessen Konsequenzen aufklären will (II 16); gegen sein damaliges Selbstverständnis kommentiert er, es sei ihm nicht wirklich um Gerechtigkeit gegangen, er habe nur an Hanna „rummachen“ wollen (153/21 ff.). Diese völlig unvorbereitete Bemerkung kann ich nur als Versuch verstehen, Michaels Zugehörigkeit zu den eifernden Jungen auszudrücken, bei denen erlebte Verstrickung und Scham in Aggression umgeschlagen seien (162/1 ff.). [Dass er sich zugehörig fühlen will (163/11 f., vgl. 89/12 f. und bereits Kap. I 13), ist noch etwas anderes: Das ist die Folie, vor der die Liebe zu Hanna als sein Leiden im rechten Licht erstrahlt!]
Während des Prozesses entdeckt Michael, dass Hanna nicht lesen konnte. In seinen Überlegungen im Anschluss an diese Entdeckung versucht Michael hinter Hannas Motive für ihr Agieren im KZ und für ihr Auftreten vor Gericht zu kommen (S. 127 ff.). Als Ergebnis vielfacher Überlegungen trägt er vor, dass Hanna „akzeptierte, daß sie zur Rechenschaft gezogen wurde“ (128/21.). Und dann folgt ein vielsagender Satz: „Sie verfolgte nicht ihr Interesse, sondern kämpfte um ihre Wahrheit, ihre Gerechtigkeit.“ (128/23 f.) Da sie „sich immer ein bisschen verstellen“ musste (wieso?) und nie „ganz sie selbst sein“ konnte, sieht das Ergebnis dann etwas kläglich aus, stellt er fest.
Für die Kenntnis der Vorgänge im Dritten Reich behauptet Michael, damals (1966) habe es eigentlich wenig „Anschauung“ vom Leben und Morden in den Lagern gegeben (142/11 ff.); erst seit den achtziger Jahren seien die relevanten Bücher wieder aufgelegt worden (142/22 ff.), heute sei die Welt der Lager, auch durch Filme, dagegen „ein Teil der gemeinsamen vorgestellten Welt“ (142/25 f.). – Es folgt dann eine für mich unverständliche Erklärung über die Meinung der Phantasie: Diese habe damals gemeint, zur Erschütterung durch die Lagerereignisse passe die Bewegung der Phantasie nicht (143/1 ff.); sie habe sich deshalb die Ereignisse nicht angeeignet. – Zu seiner Einschätzung, es habe damals kein zutreffendes Bild der KZ-Ereignisse gegeben, passen auch die Episoden von der unkommentierten Erzählung des Fahrers (S. 145 ff.) und vom vergeblichen Versuch Michaels, sich in Struthof ein eigenes Bild von einem KZ zu machen (II 14).
Zu dieser Darstellung der Situation 1966 kann man historisch Stellung nehmen; was sie für die Reflexion Michaels bedeutet, wird zu prüfen sein. Ich halte als Altersgenosse Michaels seine Bemerkung über die damals greifbare Literatur für falsch; der Bericht vom Nürnberger Ärzteprozess („Medizin ohne Menschlichkeit“, hrsg. von A. Mitscherlich 1949) ist 1960 als Fischer-Taschenbuch erschienen (Startauflage 50.000); Rudolf Höss: Kommandant in Auschwitz, ist 1963 bei dtv erschienen; Primo Levi: Ist das ein Mensch?, ist im November 1961 als Fischer-Taschenbuch in Deutschland erschienen, ich habe ein Exemplar am 15. Januar 1962 gekauft; Adolf Eichmann wurde 1961 in Jerusalem der Prozess gemacht, 1962 wurde er hingerichtet; im Frankfurter Auschwitz-Prozess wurde im August 1965 das Urteil gesprochen – vorher war 22 Monate verhandelt worden, war 22 Monate in der Presse berichtet worden (1965 erschien dazu P. Weiss: Die Ermittlung). Walter Hofers Textsammlung „Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933-1945“ ist als Fischer-Taschenbuch 1957 erschienen und hat in den nächsten 15 Jahren eine Auflage über 600.000 erreicht – das alles sehe ich ohne Recherchen, nur bei einem Blick in meinen inzwischen wiederholt verkleinerten Bücherschrank.

Mit der Metapher der Betäubung umschreibt Michael seine Fühllosigkeit gegenüber Hanna (96/19-22); ein ähnliches Betäubtsein beobachtet er jedoch, minimal abgeschwächt, auch bei den anderen (97/15 ff.), außer bei den Anwälten; ein ähnliches Betäubtsein habe auch die KZ-Häftlinge ergriffen gehabt (98/18 ff. – er beruft sich auf die Literatur der Überlebenden). Kurz, es habe eine große „Gemeinsamkeit des Betäubtseins“ gegeben (99/4 ff.); sogar das Buch der überlebenden Jüdin atme die Betäubung (114/30). – Im Widerspruch hierzu steht Michaels Bemerkung, die anderen Studenten seien im Prozess „stets aufs neue entsetzt“ (98/12) gewesen.
Auch seine Bemerkung, die Betäubung habe sich bei ihm auf die Gedanken und Gefühle der letzten Wochen gelegt (155/21 ff.), passt nicht recht, weil er ja schon längst betäubt ist. In diesem Zusammenhang erwähnt er jedoch die von ihm positiv bewertete Funktion der Betäubung; sie habe es ihm ermöglicht, „in meinen Alltag zurückzukehren und in ihm weiterzuleben“ (155/26 f.).

2. Michaels Konsequenzen im Allgemeinen
Im Anschluss an das Stichwort „[die Betäubten] vergleichen“ (99/10 ff.) folgt ein Hinweis auf die Schwierigkeit dieses Unternehmens damals (99/12) und die Frage, die sich ihm damals stellte und heute stellt: „Was sollte und soll meine Generation der Nachlebenden eigentlich mit den Informationen über die Furchtbarkeiten der Vernichtung der Juden anfangen?“ (99/23 ff.) Er zitiert dann gängige Positionen (man könne nicht begreifen, dürfe nicht vergleichen, scheitere beim Nachfragen); er fragt weiter rhetorisch: „Sollen wir nur in Entsetzen, Scham und Schuld verstummen?“ (100/2 f.) Die Frage wird dann aporetisch mit einem Nein beantwortet.
Die von seiner Generation erlebte Kollektivschuld (s. oben 1.) lässt er in der Reflexion offen und löst sie für sich in Bezug auf Hanna (S. 162 f.).

3. Michaels Konsequenzen für seine Person
Persönlich zieht Michael aus der Teilnahme an Hannas Prozess die Konsequenz, keine der erlebten juristischen Rollen für sich zu übernehmen (171/17 ff.): Anklagen und Verteidigen beruhten auf grotesken Vereinfachungen, Richten sei überhaupt die groteskeste. Seine Frau Gertrud sagt formelhaft, seine Entscheidung sei eine Flucht „vor der Herausforderung und Verantwortung des Lebens“ (171/30); ich verstehe dann jedoch nicht seinen Kommentar („und sie hatte recht“, 172/1). Gertrud kann nicht Recht haben, wenn Michael mit seiner Einschätzung rechtlichen Agierens Recht hat.
Diesen Widerspruch fängt der Erzähler in gewisser Weise auf, indem er den Vorwurf der „Flucht“ reflektiert und umdeutet (172/11 ff.); in seinen rechtshistorischen Studien sei er gerade nicht geflohen – doch mit dem Bild der Odyssee als Metapher der Rechtsgeschichte wird auch diese Erkenntnis wieder zurückgenommen (173/28 f.).
In seiner Reflexion des Verhältnisses zu Hannas Schuld (Kap. II 15 und III 1) bündeln sich unsere bisherigen Ergebnisse. Michael berichtet, was er mit seinem Besuch in Struthof erreichen wollte (und was daran scheitert, dass man sich damals angeblich kein Bild von den KZ-Ereignissen machen konnte): „Ich wollte Hannas Verbrechen zugleich verstehen und verurteilen.“ (151/24 f.) Die folgenden Erklärungen, warum das nicht zugleich möglich sei, verdienen Beachtung; Verstehen bedeute, nicht verurteilen zu können, und Verurteilen bedeute, Hanna wieder zu verraten. – Er beendet diesen Bericht mit der Versicherung seines Bemühens und dem Eingeständnis seines Scheiterns (152/1-3).
Die gleiche Konstellation, diesmal noch stärker aufs Nicht-Verurteilen ausgerichtet, trägt er in der Reflexion der Auseinandersetzungen von 1967 vor (S. 162 f.). Er habe Hanna „eigentlich“ verurteilen müssen, und dann die Metapher: „Aber der Fingerzeig auf Hanna wies auf mich zurück. Ich hatte sie geliebt. Ich hatte sie nicht nur geliebt, ich hatte sie gewählt.“ (162/15 ff.) Also kann er sie nicht verurteilen, was er als seine späteren Gedanken ausweist (163/6). Und dann folgt als sein Resümee das große Wort, dass sein Leiden an seiner Liebe zu Hanna „in gewisser Weise das Schicksal meiner Generation, das deutsche Schicksal war“ (163/8 f.).

4. Auswertung
Die beiden zuletzt untersuchten Stellen (Kap. II 15 und III 1) machen mir die Konstruktion des Buches klar: Es geht letztlich um die Möglichkeit, zu den Verbrechen des Dritten Reiches als Deutscher Stellung zu nehmen; durch die Liebe Michaels wird dieser menschlich an eine (zudem durch Analphabetismus behinderte) Verbrecherin gebunden, sodass er in eine typische, die „deutsche“ Konstellation hineinkommt: den Tätern menschlich verbunden zu sein, sie deshalb verstehen zu müssen und letztlich (und auch wegen der Schwierigkeiten, sich „damals“ ein Bild zu machen) nicht verurteilen zu können, ohne sie menschlich zu verraten.
Die Liebesgeschichte des Jungen mit der reifen Frau ist also nur eine Beigabe, um die Verstrickung eines Jüngeren in die deutsche Geschichte herzustellen; ob Michaels Selbstverständnis von der Liebeswahl (S. 162) menschlich plausibel ist, interessiert den Erzähler nicht. Es liegt kein Entwicklungsroman vor, auch kein Liebesroman (auch die Entwicklungen in der Liebe sind seltsam schematisch und wenig erklärt, finde ich – etwa 57/3-7), sondern ein politischer Roman über „die Aufarbeitung der Vergangenheit“ mit einer Liebeshandlung im Rahmen. Für dieses Verständnis spricht auch, dass in Teil III die „Liebe“ trotz des großen Wortes von der Liebeswahl (162/16) fehlt und Michael in seiner Rolle des Vorlesers stagniert; es geht nur um Hanna und ihre „Läuterung“, verbunden mit etwas Emanzipation („Schritt aus der Unmündigkeit…“, 178/17) – dabei wäre das Lesenlernen doch wirklich ein Grund, ihr zu schreiben. Michael entwickelt sich eben nicht, auch wenn er gelegentlich Ansichten ändert; zum Schluss erspart ihm (oder dem Autor Schlink?) ein Selbstmord wie deus ex machina die reale Begegnung mit Hanna.
Auch Michaels Überlegungen nach der Entdeckung von Hannas Analphabetismus verdienen beachtet zu werden. Wie mag das zugehen: ganz man selbst sein, dabei seine eigene Wahrheit und Gerechtigkeit finden (124/28)? Wie stellt der Jurist M. Berg, der doch am Rechtsprechen verzweifelt ist (S. 171 f.), sich eine derartige (ganzheitliche? vgl. Hannas Weltvergessenheit!) Gerechtigkeit vor: individuell, nicht mehr intersubjektiv? Sind Wahrheit und Gerechtigkeit mehr als Wörter, wenn sie nicht mehr intersubjektiv möglich sind? Sollte man vielleicht nicht doch das Ganz-man-selbst-Sein als Kategorie aus dem Katalog der Kriterien der Gerechtigkeit entfernen?
Der Erzähler Michael ist eine fiktive Figur; man kann seiner Ansichten wegen dem Autor keinen Vorwurf machen, weil ein Autor weder mit dem Charakter noch mit der Weltsicht seines Erzählers etwas „behauptet“; man kann dem Autor auch nicht vorwerfen, dass Michael an entscheidenden Stellen in Metaphern flüchtet (Betäubung, die wundersam durch ein Fieber verschwindet, S. 97 – 160; Finger der zeigenden Hand), sich intellektuell mit schlichten Alternativen begnügt (verstehen oder verurteilen) – so ist die Figur eben. Man kann dem Autor selbst Hannas statement, nur die Toten dürften von ihr Rechenschaft fordern, nicht vorwerfen – aber an dieser Stelle hätte ich doch eine Reflexion Michaels erwartet, die über seine Wehleidigkeit (190/19 ff. – vgl. seine demonstrativ betonte Sensibilität 163/9 ff. u.ö.) hinausgeht.
Wir können jedoch Michael menschlich und den Roman literarisch beurteilen; und man kann sich Gedanken machen, warum ein einfach gestrickter Roman wie „Der Vorleser“ so erfolgreich war.

Zur Scham- und Schuldproblematik (innerhalb!) des Romans: www.maikatze.de/grafik/Vorleser.pdf
Unschuldig schuldig? Zur Schuldfrage (in der Wirkung des Romans) und Vermittlung von Schlinks Der Vorleser im DaF-Unterricht: www.gfl-journal.de/2-2004/tm_kleymann_rings.html
Ein wikipedia-Artikel Peter Reichels, der aber wohl umstritten ist:
http://de.wikipedia.org/wiki/Vergangenheitsbew%C3%A4ltigung_und_Erinnerungskultur_der_Zeit_des_Nationalsozialismus
sowie zu den Nürnberger Prozessen: d-a-s-h.org/PDF/Dossier11_Erinnerungskultur-Gedaechtnispolitik.pdf
www.weblexikon.de/Vergangenheitsbewältigung.html
Das richtige Suchwort ist „Peter Reichel“ +Vergangenheitsbewältigung o.ä.
Im WS 2005/06 hat Peter Reichel eine Vorlesung gehalten: „Der Nationalsozialismus vor Gericht“. Unter diesem Stichwort (+“Peter Reichel“) findet man viele Beiträge. Die Vorlesung „Der Nationalsozialismus vor Gericht III“ befasst sich mit dem Frankfurter Auschwitz-Prozess, der 1963/65, als in zeitlicher Nähe zum KZ-Prozess im Roman Schlinks stattgefunden hat und deshalb für uns ineressant ist: www.sozialwiss.uni-hamburg.de/Ipw/personal/reichel/WS_2005-06_Vorlesung.doc
Generell kann man unter den Suchwörtern Vergangenheitsbewältigung, Erinnerungspolitik, Erinnerungsarbeit, Erinnerungsliteratur, Holocaustliteratur und ähnlichen (eventuell mit „Der Vorleser“ kombiniert) im www viel Material finden.
Für unverbesserliche Leseratten:
Braese, Stephan (Hg.): Rechenschaften. Juristischer und literarischer Diskurs in der Auseinandersetzung mit den NS-Massenverbrechen, 2004 (besprochen von Markus Roth: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/type=rezbuecher&id=4029)
V. Knigge / N. Frei (Hg.): Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, 2005 (kann bei der Bundeszentrale für polit. Bildung bezogen werden!)
Schlink, Bernhard: Vergangenheitsschuld und gegenwärtiges Recht, 2002.
Ostermann, Micha: Aporien des Erinnerns – Bernhard Schlinks Roman Der Vorleser, Bochum 2004.
Welzer, Harald: Täter, 2005, rezensiert von Tobias Bütow: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=6713&count=363&recno=13&type=rezbuecher&sort=datum&order=down&region=100

Exkurs über Hannas Weltvergessenheit

Weltvergessenheit ist eine wohltemperierte Variante der klassischen Weltverachtung oder Weltflucht; unter diesen Stichwörtern findet man im Historischen Wörterbuch der Philosophie (Bd. 12, Sp. 521 ff.) die christlich-platonischen Quellen der genannten Strebungen. In Matthias Claudius‘ „Abendlied“ (1779) ist die Weltvergessenheit – im Vorgriff auf Gottes Heil (5. Str.) – an eine Mondscheinsituation gebunden (2. Str.):
„Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.“
Etwas weltlicher hatte Wieland 1768 von den Lustreisen der jungen Venus erzählt: „Irdische Paradiese, und Inseln, gleich den Inseln der Seligen, blühten unter ihren Blicken auf.“ Diese himmlischen Örter waren schön genug, „selbst den stoischen Marcus Antoninus eine Zeit lang der Sorgen für die Welt vergessen zu machen“. Mit Bezug auf das Motiv der Freundschaft hat Goethe (An den Mond, 1776/78) gedichtet:
„Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Haß verschließt…“
Was versteht man unter Weltvergessenheit, wer ist weltvergessen? Das ist „1. weit entfernt vom Getriebe der Welt, einsam gelegen: er lebt in einem w. Winkel  2. vgl. weltentrückt: ein w. Träumer“, sagt das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache des 20. Jahrhunderts. Das Duden-Wörterbuch weist das Adjektiv als Ausdruck der gehobenen Sprache aus, stellt es „weltverloren“ gleich und bestimmt als dessen Bedeutungen:
1. weltentrückt, 2. weit entfernt vom Getriebe der Welt, einsam – nur die 1. Bedeutung trifft jedoch auf „weltvergessen“ zu.
Wer vergisst die Welt? Das Wort taucht heute (www) vorzüglich in der Reklame auf:
* Musik, die die Welt vergessen lässt;
* Saunen, die Sie die Welt vergessen lassen;
* sich manchmal die Bettdecke bis über beide Ohren ziehen und die Welt vergessen … (Reklame für Schlafzimmer);
* und immer wieder Wellness, dazu eine fernöstliche Teestube in Berlin: „Zurücklehnen und die Welt vergessen. Tee ist hier nicht nur Getränk, sondern Medizin für die Seele, ein Heilmittel.“ Auch Spielsüchtige vergessen die Welt – aber ein bisschen östlich ist „Weltvergessenheit“ doch angehaucht, als Station auf dem Weg der Suche nach dem Selbst.
Und dann natürlich: die Liebe! „Im Mittelpunkt dieses Bandes steht die wundersame Geschichte von Hasan von Basran und Nur-Ayni, der Vogelfrau. Sie erzählt, wie der Jüngling Hasan entführt wird und mit dem Schiff über die Meere getragen wird, hin zu einem Wolkenberg, auf dem die sieben Töchter des Dschinns leben. Sie lassen ihn die Welt vergessen, bis er Nur-Ayni begegnet.“ (Geschichten aus 1001 Nacht: Hassan und die Vogelfrau) Junge Leute sind noch kühn genug, in ihren Gedichten entsprechende Wünsche zu äußern:
„Ich wünschte ich würde die Welt Vergessen
Zurückziehen mich können, still und bessesen
Von dem Bilde, so schön, so klar
Meiner einzig‘ Geliebten – Angelika.“
(Gedicht des Sebastian B. Klostermeier, 2001)

Auf dieser gehobenen Sprachebene bewegt sich also Michael, als er „Jahre später“ (S. 17/Z. 12) versteht, warum er seine Blicke nicht von Hanna hatte lassen können: Hannas Bewegungen wirkten schwerfällig, sie schien „sich in das Innere ihres Körpers zurückgezogen“ (17/26) zu haben: „Dieselbe Weltvergessenheit lag in den Haltungen und Bewegungen, mit denen sie sich die Strümpfe anzog.“ (17/29 ff.) Wer solches kann, wird nicht vom Kopf gesteuert, sondern kann sich dem ruhigen Rhythmus des Körpers überlassen und die äußere Welt vergessen (17/27 ff.) oder „aus der Situation und nur aus ihr“ leben (40/1 f.). Und das war für Michael einfach verführerisch: „die Einladung, im Innern des Körpers zu Welt zu vergessen“ (18/3 f.). – Dazu möchte ich ein paar Bemerkungen machen:
1. Die erlöste Weltvergessenheit Hannas wird ihr einfach zugeschrieben; man kann sich nicht vorstellen und bekommt kaum beschrieben oder erklärt, woran man solche Weltvergessenheit erkennen oder bemerken kann; mich würden eher gelöste als schwerfällige Bewegungen in ekstatische Träume versetzen.
2. Die Einladung zur Erlösung Michaels wird unscharf formuliert: Soll er im Innern seines Körpers oder im Innern von Hannas Körper die Welt vergessen? Vermutlich ist die zweite Lesart die beabsichtigte – aber dazu passt die triviale Beschreibung des Aktes stilistisch nicht recht: „Auge in Auge, bis es mir kam“ (27/15). Ihm kam es nämlich schnell (34/5), wenn sie über ihm war (34/7 f.) – die verworfenste Äußerung ist übrigens die, dass sie ihn „ritt, bis es ihr kam“ (33/29); ansonsten wird gelegentlich geschrien (27/17 f.; 34/12 f.).
3. Da Michael vor seiner Erlösung in der Weltvergessenheit steht, wird von ihm erwartet, dass er sich zur Erlöserin bekennt und sie nicht verleugnet; das Pathos, mit dem in Kapitel I 15 die Gegensätze „verleugnen / sich bekennen“ eingeführt werden, erinnert mich an das Jesuswort vom Bekennen/Verleugnen vor den Menschen und vor dem himmlischen Vater (Mt 10,32 f. – vgl. das Pathos des Verratens, 72/10, das dem vom Verrat des Petrus gleicht, Mk 14,66 ff.; ob man Hannas Blick, 112/17, mit dem des Herrn, Luk 22,61, vergleichen darf, ist jedoch fraglich).
4. Der Erzähler betont, dass es sich um eine gehobene Verführung handelt, also eigentlich nicht um Verführung: „Verführung, die nicht Busen und Po und Bein ist, sondern die Einladung, im Inneren des Körpers die Welt zu vergessen“ (18/3 f.). Nach meiner Erkenntnis ist es so, dass Busen und Po nie Verführung „ist“, sondern dass davon Verführung „ausgehen“ kann, wenn jemand sie als Verheißung eines ekstatischen Erlebens sieht; also als Einladung, die Welt zu vergessen.
P.S. Nebenbei sei bemerkt, dass für weltvergessene Menschen offenbar neue Kriterien der Gerechtigkeit gelten, wie ich in meinem Aufsatz über die „Aufarbeitung der Vergangenheit“ in Schlinks „Der Vorleser“ gezeigt habe; diese dem ganzheitlichen Spüren verpflichtete Existenz der beiden Protagonisten H. & M. ist meines Erachtens in der Auseinandersetzung um Schlinks Roman zu wenig gewürdigt worden.

Wenn man dem Universal-Horoskop in „Mannis Welt“ (siehe „die Welt vergessen“ in einer Suchmaschine) glauben darf, schätzen die im Zeichen des Krebses Geborenen „einen sicheren Ort, wo man die Welt vergessen kann“ – das sind die nach dem 22. Juni Geborenen. O wundersame Erklärung: Hat Michael nicht im Juli Geburtstag (70/21 – vgl. 200/8-10)?

Das Motiv „Odyssee“, untersucht anhand der Erläuterungen von M. Möckel (Hollfeld 2000, S. 85 ff.)

1. Möckels Darstellung des Motivs
In den beiden ersten Absätzen stellt Möckel das Motiv dar. Dabei unterläuft ihr ein Fehler: Sie hält die „Odyssee“ für einen lateinischen Text (peinlich!); und sie meint, Michael verstehe die „Odyssee“ zum Zeitpunkt seiner zweiten Lektüre als Geschichte einer Heimkehr – später korrigiert sie diese ungenaue Ausdrucksweise (Er hatte sie als solche nur in Erinnerung behalten, S. 173; er datiert sein neues Verständnis nicht, sondern setzt es präsentisch: „Aber es ist nicht die Geschichte einer Heimkehr.“, 173). Michaels erstes Verständnis sieht sie als Ausdruck seiner Sehnsucht, nach Hause zu kommen.
Möckel stellt richtig den Zusammenhang zwischen Michaels Reflexion der „Flucht“ bei seiner Berufsentscheidung, seinem neuen Verständnis der Rechtsgeschichte und dem Verständnis der „Odyssee“ her: Die Rechtsgeschichte kennt keinen Fortschritt, Odysseus kann nicht zu Hause bleiben. [Bei „Flucht“ wird das Scheitern im Roman positiv gewertet: Flucht ist auch Ankunft; Geschichte treiben heißt, an beiden Ufern tätig zu werden.]

2. Möckel erklärt die Tragweite des Motivs
Möckel meint, in diesem von Gegensätzen bestimmten Motiv die Fahrten und Wege Michaels insgesamt erkennen zu können:
a) seine Träume vom Haus,
b) seine Fahrt mit der Straßenbahn am ersten Tag der Osterferien,
c) seine Fahrt mit der Straßenbahn zum Begräbnis des Professors,
d) seine Reise nach New York,
e) seine Fahrt(en) zum KZ Struthof,
f) seine berufliche Flucht,
g) den Gedankengang, der ihn zur Erkenntnis von Hannas Analphabetismus führt,
h) das Ergebnis seines Schreibens.
Zum Schluss weist sie darauf hin, dass Schlink das Odyssee-Motiv so ähnlich wie viele Autoren in Deutschland nach dem Krieg verwendet. [Vgl. dazu Moormann / Uitterhove: Lexikon der antiken Gestalten, 1995, s.v. „Odysseus“!]

3. Stellungnahme zu Möckel
Zu den beiden Ungenauigkeiten habe ich oben schon etwas gesagt.
zu a) Das halte ich für richtig, auch wenn im Haustraum das Scheitern überwiegt (S. 10 f.)
zu b) Möckels Begründung halte ich hier für falsch, da sie sich nur auf einen irrealen Vergleich für ein Gefühl während des Fahrens beruft; vielleicht könnte man aus dieser Fahrt „mehr machen“, wenn die Reflexion des Aufwachens (47/6 ff.) und der Ausweglosigkeit seiner Liebessituation mit hinzunimmt (50/18: Ich hatte keine Wahl.)
zu c) und d) Das halte ich für falsch.
zu e) Das ist ein interessanter Gedanke: Die Fahrt führt nicht zu einer Erkenntnis; dieser Gedanke kann vielleicht mit g) zusammengenommen werden. Dann zeigt sich hier der antiaufklärerische Impuls des Romans, den man mit Hannas Weltvergessenheit (siehe meinen Exkurs zum Thema!) und Michaels Hoffnung auf Erlösung in ihrem Körper verbinden muss: Auch die Einsicht in Hannas Analphabetismus wird nicht von Michael gedacht, sondern der Gedanke bahnt sich irgendwie seinen Weg, so wie Michaels Gedanken nicht sein Handeln bestimmen (S. 21 f.) und die Geschichte des Rechts keinen Fortschritt kennt (S. 173). Ich würde dem auch noch hinzufügen, dass Michael mit Hanna letztlich nicht reden (50/19 ff.), also nur sprachlos fühlen kann, wie er ja dem Sprechen überhaupt keine Wahrheit zuerkennt (162/18 f.).
zu g) Für sich allein kann g) nicht überzeugen.
zu h) Die Ergebnislosigkeit seines Schreibens und Erinnerns bzw. die Unklarheit, ob es zu einer Befreiung führt, passt in gewisser Weise zu dieser Einsicht in die Sinnlosigkeit des Sprechens, macht das Schreiben eigentlich jedoch überflüssig.
In der Nachkriegsliteratur ist das Motiv auch anders verstanden worden; für Horkheimer/Adorno (Dialektik der Aufklärung, 1944, dt. 1969) ist Odysseus der Prototyp des Aufklärers.
Fasse ich meine Überlegungen zusammen, möchte ich das Odyssee-Motiv nicht vom Reisen her, sondern von der Ziel-losigkeit her verstanden wissen; Odysseus ist bei Schlink Symbol einer antiaufklärerischen Grundhaltung, die auf dem Weg wort- und bewusstloser Körperlichkeit zur Erlösung zu kommen hofft.
(Hiermit ist die Erörterung der These Möckels abgeschlossen; ihr dürft es euch in einer Klausur nicht so einfach wie ich hier machen und schreiben: „Das halte ich für falsch.“ Das reicht nicht als Begründung! – Der folgende 4. Punkt ist eine Kritik des Romans.)

4. Stellungnahme zu Schlink
a) Sich auf Homer zu berufen und dann von Heraklit aus die Heimkehr des Odysseus zu leugnen, ist ein Kunststück, das nur Antiaufklärer fertigbringen; bereits bei Dante ist Odysseus ein Mann, der nicht zu Hause bleiben kann – aber wenn man ihn so verstehen möchte, darf man sich nicht auf den griechischen Urtext berufen. (Am Rande: Dass man Homer in Kl. 10 liest, ebenso wie „Emilia Galotti“ und „Kabale und Liebe“, ist auch in Heidelberg hoffentlich nur selten, vielleicht aber auch nie passiert.)
b) Schlink stellt Michaels „Flucht“ vor dem juristischen Beruf und das Verständnis der Rechtsgeschichte zusammen (S. 172 f.), und zwar unter dem Bild der „Odyssee“ und in einer Reflexion: Fliehen heiße auch ankommen (172/10 f.), und ankommen heiße, wieder aufbrechen (ausgehen) müssen (173/17 ff. und 173/25 f.).
Michael argumentiert einmal mit dem Bild des Brückenbaus (172/17 ff.), wobei er auch verteidigt, dass wir vom „Erbe der Vergangenheit (…) geprägt sind“ (172/26), womit er quasi seiner Frau Gertrud die wahre, die blinde Flucht unterstellt, wogegen er ein Edel-Flüchtling ist; zum anderen polemisiert er gegen das Rechtsverständnis der Aufklärung (!), dass die Welt durch Recht wieder in eine gute Ordnung gebracht werde könnte (173/2 ff.) – dagegen stellt er seine tiefere Einsicht, dass der Gang der Rechtsgeschichte zwar zielgerichtet sei, dass das Ziel aber „der Anfang, von dem er ausgegangen ist und von dem er, kaum angekommen, erneut ausgehen muß“, sei. Lassen wir das Bild des Brückenbaus beiseite, weil zu unbestimmt ist, was es heißt, an beiden Seiten der Brücke tätig zu werden (172/19 – ich meine, man könne nur an einer Seite tätig werden, weil die Vergangenheit ja vergangen ist), und fragen: Was heißt das: an dem Anfang ankommen, von dem man ausgegangen ist, dort wieder aufbrechen und dabei doch eine zielgerichtete Bewegung ausführen? Es heißt nichts; es ist Wortgeklingel. Es ist antiaufklärerisch, gewiss, aber ohne den Mut zur Einsicht: „Alles vergeblich!“ (vgl. Benn: Reisen) Man kann auch Aufklärer sein, ohne vom gradlinigen Fortschritt zu träumen – aber das wird von Michael bzw. von seinem Autor Schlink nicht gedacht; da wird nur hin und her gefühlt und ein bisschen räsonniert, aber eben nicht gedacht: „Manchmal denke ich…“, manches weiß ich nicht, und den Rest habe ich vergessen – aber es bleibt der Wunsch, nach Hause zu kommen, von der Erinnerung frei werden, auch wenn das nicht geht…
c) Schlinks Erzähler übertüncht seine antiaufklärerische Haltung, wenn er Hannas Lesen- und Schreibenlernen als aufklärerischen Schritt in die Mündigkeit (Kants Formel) preist (178/15 ff.). Nicht umsonst weicht er dem persönlichen Schreiben an Hanna aus, liest ihr Klassiker vor und belässt sie im Zustand der Zuhörerin – was ich zuerst nicht verstanden habe, enthüllt jetzt einen tieferen Sinn; er wagt nicht offen zu sprechen oder klar zu denken, dass Schreiben sinnlos ist (dann bliebe das Buch ja ungeschrieben!) und dass es keine Heimkehr gibt – Schlink wagt nicht, einen solchen Erzähler zu konzipieren; lieber lässt er den Erzähler Michael mit antiaufklärerischen Gedanken spielen, ihn aber doch am Ende noch hoffen – sonst verkaufte das Buch sich nicht.
d) Nur so, in dieser Halbherzigkeit, in dieser quasireligiösen Hoffnung wider alles Hoffen (wie Abraham, Röm 4,18), kann Michael sein Schreiben und seine Lektüre der Klassiker rechtfertigen (oder schreiben die Klassiker etwas anderes als Worte?), auch wenn man als Mensch das Reden eigentlich „auch lassen“ kann. Er will die Geschichte loswerden, auch wenn er es nicht kann (206/26 f.); aber weil Hanna endlich tot ist, kann er ungestört weiter an seiner Liebe zu ihr leiden. Doch letztlich geht es nicht um die Liebe, sondern um das rechtliche Urteilen – und die Botschaft des Romans ist: Man kann über das Dritte Reich nicht urteilen; denn die Geschichte des Rechts…, siehe oben.

Klausur, zum Thema „Hanna verraten“

Aufgabenstellung:
1. Analysieren Sie das Kapitel I 15 exakt nach Erzählweise und Zeitstruktur.
Ordnen Sie das erzählte Geschehen kurz in den Zusammenhang der Ereignisse ein (etwa eine halbe, maximal eine Spalte).
2. Zeigen Sie anhand der relevanten Stellen, welche Bedeutung das Motiv „Hanna verraten“ für die Komposition des Romans hat.
3. Wie urteilen Sie selber: Hat Michael in der in I 15 erzählten Episode Hanna verraten? Begründen Sie Ihr Urteil!
(Die Aufgaben werden etwa im Verhältnis 2 : 2 : 1 gewertet.)
Zeit: drei Schulstunden

Lösungserwartung:
1. Aufgabe:
a) I 15 besteht eigentlich aus vier Teilen (man kann auch anders zählen!):
In 72/10 berichtet der Erzähler summarisch, er habe „dann“ begonnen, Hanna zu verraten; damit wird ein Übergang in seinem Leben markiert.
Es folgen Erklärungen (72/11 ff.) und ein Kommentar (72/15 ff.) zum Verrat(en).Diese Überlegungen sind zeitlos.
In 72/23 ff. wird die Geschichte der Freundschaften des Sommers zeitraffend erzählt, eingeleitet durch einen (Nicht-)Bericht 72/22 f.; dieser Nicht-Bericht wird durch den Bericht (oder die Erklärung?) der Stadien des Nichtbekennens (73/1 ff.) erläutert und endet in einem Kommentar (Bericht?, 73/10 ff., zumindest Z. 14 f. ist Kommentar) der an 72/11 ff. anschließt, zum Verrat. [Die Geschichte der Freundschaften greift auf I 13 zurück.]
Als Beispiel wird ein Abend mit Sophie szenisch erzählt (73/15 ff.), insgesamt zeitraffend, teilweise zeitgleich; eingeleitet wird die Episode durch einen Kommentar (73/14 f.), in dem bedacht wird, dass die Freunde bemerkt haben, dass Michael nicht ganz offen war. Die Episode wird von Kurzkommentaren (74/1 f.; 74/11 f.) des für Michael typischen Nichtsagenkönnes und Nichtwissens und unterbrochen; abgeschlossen wird sie durch einen Nicht-Bericht (74/18). (8 Punkte)
b) Michael ist im Frühjahr 1959 in ein merkwürdig asymmetrisches Liebesverhältnis mit Hanna geraten (I 6 ff.), das durch den Übergang in die neue Klasse und die dort sich entwickelnden Freundschaften (I 13 ff.) relativiert wird; in I 14 spricht er vom „Gleitflug der Liebe“ (67/24), der sich u.a. in Spannungen an seinem Geburtstag zeigt (S. 70 f.). Der erste Satz von I 15 könnte als Fortsetzung des Wortes vom Gleitflug gelesen werden. Es folgt der Bericht vom letzten Zusammensein und dem letzten Anblick Hannas im Schwimmbad (I 16), wonach sie verschwunden ist und wonach die Schuldgefühle Michaels eine neue Qualität gewinnen (I 17). Damit ist der Bericht von der ersten Liebe Michaels, Teil I des Romans, zu Ende. (2 Punkte)
10 Punkte
2. Aufgabe:
Durch das Stichwort „Hanna verraten“ ist die erinnerte Lebensgeschichte Michaels bestimmt, werden also die drei Teile des Romans zusammengehalten und als bemerkenswerte Stationen seines Lebens verbunden. Für den ersten Teil des Romans deutet der Erzähler dies im Bericht seiner damaligen Überlegungen an: „In der einen kleinen Situation [d.i. Begegnung im Schwimmbad, N.T.] bündelte sich für mich die Halbherzigkeit der letzten Monate, aus der heraus ich sie verleugnet, verraten hatte. Zur Strafe war sie gegangen.“ (80/24 ff.) Daraus resultiert das Gefühl seiner Schuld, das ihn fortan begleitet.
Nachdem Michael erkannt hat, dass Hanna nicht lesen kann (II 10), durchdenkt und sieht er ihr ganzes Leben mit anderen Augen; auch wenn sie damals nicht weggegangen ist, weil er sie verraten und verleugnet hat, bleibt für ihn der Verrat eine Tatsache. „Also blieb ich schuldig.“ (129/13) [Es folgt dann eine abstruse Überlegung, die nur seinen Schuldkomplex deutlich macht.] Auch im Rückblick auf sein ganzes Leben und Schreiben (III 12) zeigt sich, dass die Fragen des Verleugnens, des Verrats und der Schuld sein Leben auch nach Hannas Tod bestimmt haben (205/10 ff.).
Eine zentrale Stelle im Teil II ist der Bericht über sein Bemühen, „Hannas Verbrechen zugleich verstehen und verurteilen“ zu wollen (151/24 ff.). Verstehen bedeute, sie nicht verurteilen zu können [eine seltsame Gleichung], sie nicht verstehe bedeute, sie wieder zu verraten [ebenfalls kryptisch]: „Ich bin damit nicht fertiggeworden.“ (152/1) Damit wird Michaels Stellungnahme zu den Studenten von 1967 und zur Vergangenheitsbewältigung vorbereitet (S. 160 ff.): Diese Studenten waren oberflächlich und selbstgerecht, nur Michael ist es nicht; er trägt das deutsche Schicksal, an seiner Liebe zu Hanna zu leiden (S. 163).
Teil III des Romans behandelt das Leben Michaels nach dem Prozess, also weithin das distanzierte Verhältnis zu Hanna im Gefängnis; dieses Verhältnis (und auch der einzige Besuch im Gefängnis) wird im Bild von Nische und Platz als unzulänglich begriffen (187/5 ff.). Die beiden Bilder von Hanna im Gefängnis, auf der Bank, und von Hanna im Schwimmbad verbinden sich im anklagenden Blick; dann hat Michael „manchmal“ wieder das Gefühl, „sie verraten zu haben und an ihr schuldig geworden zu sein“ (190/13 f.). [Hier stimmt übrigens die Chronologie des Romans nicht: Was da in einer Woche alles passiert (183/28 ff.), ist ganz schön happig; auch dass er sich „wieder“ gegen das Gefühl der Schuld empört (190/14 f.), überrascht mich.]
10 Punkte (davon 3 für die Einsicht, dass das Thema die drei Teile des Romans verbindet, und 3 für eine intensive Analyse der zentralen Stelle S. 151 f., sofern ihre Bedetung erkannt ist)
3. Aufgabe
Ich halte die Überlegungen Michaels von I 15 für unzulänglich; sein Verhältnis zu Hanna ist auf Heimlichkeit angelegt und konnte 1959 auch gar nicht anders geführt werden (vgl. I 11). Wenn er jemandem Unrecht tut, dann Sophie, vor der er nicht ganz offen ist; doch sagt er, er „konnte“ von Hanna nicht reden (74/2) – das genügt. Die Berufung auf die eigene Sicherheit des Wissens (72/19; 73/11) ist für mich eher Beleg für den Menschentyp, den Schlink hier zeichnet: der aus dem Gefühl, nicht aus dem Wissen lebt (vgl. 84/17 f. u.ö.), als Beweis für Michaels Schuld. Ich kann Michael sein großes Wort von der Liebeswahl (162/16) nicht abnehmen; seltsam ist auch, dass Michael sein eigenes Schwanken (66/11 f.) nicht reflektiert. – Das ganze Gerede vom Verrat dient letztlich dazu, die Nichtverurteilung Hannas (S. 151 f., 162 f.) zu rechtfertigen.
Wer verteidigen will, dass Michael Hanna im Gespräch mit Sophie (I 15) verraten hat, muss auch die Lebensführung der beiden einbeziehen (I 11, nicht ins Kino gehen usw.), wenn er plausibel argumentieren will; bloßes Liebes- und Aufrichtigkeitspathos ist hohl.
[Die Art, wie Michael (ernsthaft!) seine Ausreden entlarvt (73/1 ff.), erinnert mich an die satirisch erzählten „Gewissensbisse“ Huckleberry Finns, der seinen Freund Jim nicht verraten hat: „Aber was ich mir auch vormachte – ich wußte, daß ich Hanna verriet…“ (73/10 f.); bei Schlink ist das leider ernst gemeint. Oder sollte es Satire sein, ohne dass die Leser es gemerkt hätten?]
5 Punkte [für zwei Argumente, 3 für ein Argument; sofern jemand Michaels Ansicht verteidigt, müsste er auch zur Praxis der heimlichen Liebe der beiden (und am besten auch zu 66/11 f.) Stellung nehmen! Es genügt nicht, in Liebes- und Ehrlichkeitspathos zu verfallen; das Geschehen spielt immerhin 1959!]

(2007)

Interpretationen zu Schlink und weitere Analysen: https://norberto42.wordpress.com/tag/schlink/

Schlink: Der Vorleser – Erzähltechnik (Aufbau Teil II)

Analyse der Erzähltechnik: Komposition von Teil II
1. Analyse von II 5 – II 9
In diesen fünf Kapiteln wird mehrfach aus verschiedenen Blickwinkeln bzw. aus verschiedenen Anlässen berichtet, was den Angeklagten zur Last gelegt wird: ihre Tätigkeit in einem KZ und ihr Verhalten in der Brandnacht, als sie eine Gruppe von Häftlingen, die in einer bombardierten und dann brennenden Kirche eingeschlossen waren, nicht befreit haben. Ich nenne die beiden Situationen der Einfachheit halber jetzt Lager und Nacht.
Zuerst wird berichtet, was in der Anklage steht (II 5), und zwar vom Lager (S. 101) und von der Brandnacht (S. 102); in einem zweiten Durchgang werden die beiden Hauptanklagepunkte vorgestellt, nämlich die Tätigkeit der Frauen im Lager (S. 102 f.) und in der Nacht (S. 103).
Im Kapitel II 6 wird vom Verhör Hannas berichtet, in dem es um ihre Mitwirkung bei Selektionen geht (S. 106 f.) und wo sie die „unpassende“ Frage stellt: „Was hätten Sie denn gemacht?“ (S. 107)
In II 7 wird zunächst die Beweislage juristisch beurteilt (das Lager, die Nacht, S. 109 f.); dann wird berichtet, wie ein Anwalt Hanna über die Selektionen verhört. Dabei ergibt sich, dass sie „Schützlinge“ hatte; eine überlebende Jüdin schaltet sich in das Gespräch ein und bezeugt, dass die Schützlinge Hanna vorlesen mussten (S. 111 f.). Michael bringt sich mit seiner Idee ein, wie man Hanna entlasten könnte (S. 112 f.).
In II 8 wird berichtet, was im Buch der beiden überlebenden Jüdinnen über das Leben im Lager, über den Todesmarsch und vor allem über den Brand in der Kirche steht; es wird ausführlich berichtet, wie die beiden sich retten konnten. [Dieses Buch muss auch „die Betäubung“ atmen, S. 114 f. – andernfalls würde es die These Michaels widerlegen, dass man sich trotz dieses Zeugnisses damals kein Bild vom Leben im Lager machen konnte; zur Sicherheit sind alle Beteiligten betäubt, S. 97.]
In II 9 wird berichtet, wie die Angeklagten verhört und dabei mit dem offiziellen Bericht der SS vom Todesmarsch und der Brandnacht konfrontiert werden; im Lauf des Verhörs gibt Hanna, um einer Handschriftenprobe auszuweichen, zu, dass sie den Bericht der SS geschrieben hat, obwohl sie das zunächst bestritten hatte.
In dieser Vielfalt der Perspektiven und Darstellungen werden einmal immer wieder neue Einzelheiten vorgebracht, wird aber auch der Prozess selber erzählt und Hanna in den Mittelpunkt gestellt; der Leser kennt sich bald im Geschehen von 1944/45 wie im Prozess aus, hört Bekanntes und wird zielstrebig vom Erzähler zur Pointe geführt: Hannas Geständnis, dass sie den Bericht geschrieben hat.
2. Komposition des Teils II
Die Kapitel II 5-9 zielen also auf Hannas Geständnis; dieses aber wird von Michael in seiner Bedeutung bald darauf (II 10) begriffen: Im Wald ist ihm der Gedanke gekommen, dass Hanna nicht lesen kann (S. 126) und ihr Geständnis nur aus Scham abgelegt hat: Scham als „Grund für ihr Verhalten im Prozeß und im Lager“ (S. 127 – eigentlich dürfte Michael nur schließen: für ihre Meldung zur SS, S. 91). Michael würdigt dann in seinen Gedanken diese Einsicht und entschuldigt Hanna: Sie habe sich nicht für das Verbrechen, sondern gegen eine Beförderung bei Siemens entschieden, wodurch sie bloßgestellt worden wäre (S. 128). Er versteht dann auch, warum Hanna von ihm fortgegangen ist, hält aber an seiner Schuld fest (S. 129 – ich werde das unter dem Aspekt der Rhetorik der Schuld an anderer Stelle würdigen).
Im Anschluss an II 10 berichtet Michael dann, wie er vom Zuschauer zum Teilnehmer wird (S. 131) und sowohl den Besuch beim Richter vorbereitet wie die Fahrt zum KZ Struthof unternimmt, die ja beide scheitern. II 10 ist also die Achse dieses Teils II: die Erkenntnis, dass Hanna nicht lesen und schreiben kann, dass sie in ihrem Tun von Scham bestimmt war und ist.
Wie wird der Bericht vom Prozess vorbereitet und eingeleitet? In II 1 überbrückt Michael die Zeit zwischen Hannas Verschwinden im Sommer 1959 und dem Prozessbeginn im Frühjahr 1966. Kap. II 2 wird mit dem vorgreifenden Satz eingeleitet: „Ich sah Hanna im Gerichtssaal wieder.“ (S. 86); mit diesem Satz wird auf den Bericht vom Prozessbeginn in II 3 vorgegriffen. Der Leser weiß also schon, worauf es hinauslaufen wird, wird aber durch den einführenden Bericht vom juristischen Seminar und den Bemühungen der Studenten um „Aufarbeitung der Vergangenheit“, welche Michael nachträglich als selbstgerecht verurteilt, hingehalten – in Einem wird das genannte Bemühen der Studenten (auch schon im Vorgriff auf III 1) in Misskredit gebracht.
In II 3 berichtet Michael über den Prozessbeginn insgesamt: von den Fahrten zur Verhandlung, vom Wiedersehen und einem bisher unbekannten Teil von Hannas Biografie, vom irritierten Agieren des Richters und vom unbeholfenen Agieren von Hannas Anwalt sowie von seinen eigenen Gefühlen.
Das setzt er in II 4 fort, worauf er seine Theorie der Betäubung entfaltet: Betäubung und damit Fühllosigkeit Michaels, aber auch aller anderen Beteiligten, einschließlich der Angeklagten und der KZ-Opfer. Am Schluss stehen die Fragen Michaels, welche damit dem Leser gestellt werden und die Lektüre des Prozessberichtes begleiten sollen: Was kann man von den Verbrechen im Dritten Reich begreifen? Darf man sie mit anderen vergleichen? Was sollen wir Nachgeborenen mit einer Kollektivschuld anfangen?

Analyse der Erzähltechnik in einem Kapitel (II 12)
Michael hat während des Prozesses begriffen, dass Hanna nicht lesen kann und sich deswegen schämt (S. 126 f.). Er fühlt sich verantwortlich, dies als mildernden Umstand dem Richter mitzuteilen (S. 131 f.), und diskutiert mit seinen Freunden, ob man eine derart verschämte Selbstdarstellung akzeptieren muss (S. 132 f.). Dann beschließt er, mit seinem Vater zu sprechen (S. 134) – der erste Satz des Kapitels II 12: ein Bericht, der sich an die Chronologie der Ereignisse hält.
In 9 Zeilen charakterisiert Michael dann seinen Vater als verschlossen, nimmt dabei zwei Erklärungen aus verschiedenen Phasen seines Lebens auf (damals – später, S. 134).
Im nächsten Absatz erklärt er, warum er während des Prozesses das Gespräch mit dem Vater gesucht hat.
Es folgen zwei Absätze mit Erinnerungen an den Vater, wie der für seine Kinder kaum zu sprechen war und wie sein Arbeitszimmer zu verschiedenen Zeitpunkten eingerichtet war: immer als „Gehäuse“ und Gegen-Welt. So charakterisiert er indirekt seinen Vater; er greift dabei einmal auf den früher erzählten Besuch Hannas in der Bibliothek (I 12) zurück (S. 135).
Dann beginnt Michael vom Gespräch mit dem Vater zu berichten (S. 135-139) – mit vier Seiten eine der ausführlicher erzählten Episoden. Den Anfang des Gesprächs berichtet er summarisch und beschreibt dabei kurz den Vater, wie er nachdachte. Dann erzählt er Passagen des Gesprächs wörtlich (bis S. 136 unten).
Es folgt ein Absatz, in dem Michael das Gespräch aus heutiger Sicht bewertet (denke gern zurück, S. 137); dann berichtet er vom Gesamteindruck „damals“ und vom Fazit, das er selber aus dem Gespräch gezogen hat.
Es folgt ein wörtlicher Bericht (2 Absätze), wie Michael mit dem Vater sein Fazit bespricht (S. 137 f.).
Dann berichtet Michael zeitdehnend seine Gedanken, seine Fragen zum Resultat des Gesprächs, dass er nämlich mit Hanna reden müsse, und sagt zu seiner Entschuldigung, was er alles nicht „wusste“ (1 Absatz).
Es folgt wieder ein wörtlicher Bericht vom Gespräch: über seine Unfähigkeit, mit dem Betroffenen (d.i. Hanna) zu reden; der Vater bedauert, seinem Sohn nicht helfen zu können (bis S. 139 oben).
Dann berichtet Michael kurz seine Reaktionen (ich wartete, ich dachte, ich konnte nichts sagen, ich wurde verlegen). Mit einer Bemerkung greift er vorwurfsvoll in die Vergangenheit zurück: „ich wusste, wann er sich mehr um uns hätte kümmern und wie er uns mehr hätte helfen können“ (S. 139), ohne dies jedoch auszuführen.
Der Abschied wird wörtlich berichtet (4 Zeilen, S. 139).

Fazit: Michael nimmt sich für den Bericht eines Gesprächs von ein oder zwei Stunden Dauer rund fünfeinhalb Seiten „Zeit“ (Platz im Bericht); es ist ihm also wichtig. Er springt im Berichten zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her (Kindheit, später, Prozess, heute), berichtet oft summarisch, erzählt aber auch szenisch. Er erklärt das Motiv seiner Bitte um das Gespräch und lässt den Leser seines Berichts (vgl. III 12) und damit auch die Leser des Buches an seinen Gedanken, Fragen und Vorwürfen teilnehmen, den Vater dagegen nur teilweise und auch in der Sache verdeckt: Er hat nicht von Hannas Analphabetismus gesprochen.

Kurze Interpretation von II 12:
Wenn man Michaels Fragen (S. 138) bewerten will, kann man sie als Ausreden lesen, mit denen er den klaren Gedanken seines Vaters ausweicht; seine Bedenken bezüglich des Gefängnisaufenthalts werden auch seiner eigenen Einsicht nicht gerecht, dass Hanna zäh „um ihre Wahrheit, ihre Gerechtigkeit“ kämpft (S. 128). Man könnte die Vorwürfe, die er gegen seinen Vater erhebt (S. 139, teilweise auch S. 134 f.) in Konfrontation mit seinen Fragen (S. 138) aber auch als indirekte Selbstverurteilung lesen: Wer vom Vater nachträglich mehr Verständnis und Hilfe fordert (und weiß, wie der hätte helfen können), darf sich selber nicht im gleichen Atemzug auf sein Unwissen und eigene Unfähigkeit berufen (S. 138).
Michaels spätere Bewertung des Gesprächs (S. 137 oben) widerspricht nicht nur dem Schluss-Satz, sondern auch der Tatsache, dass er dieses eine offene Gespräch vergessen hat; vielleicht stützt diese Beobachtung die Deutung, dass Michael seine Hilflosigkeit gegenüber Hanna nachträglich indirekt verurteilt. Anderseits verharrt er in dieser Hilflosigkeit bis zum Ende seines Lebens und rechtfertigt auch, dass er zu Hanna Distanz wahrt (S. 183; vgl. Nische-Platz, S. 187). Insgesamt schillert Michaels Bericht in seiner Ambivalenz.

Schlink: Der Vorleser – Inhaltsangabe

Schlinks Roman „Der Vorleser“ ist 1995 erschienen; in ihm wird von Michael Berg im Rückblick erzählt, welche Bedeutung Hanna Schmitz in verschiedenen Epochen von Michaels Leben hatte.

Im ersten Teil (17 Kapitel) berichtet der Ich-Erzähler Michael Berg in einem deutlich erkennbaren, aber zeitlich nicht bestimmten Abstand („heute“, S. 8), wie er im Alter von 15 Jahren eher zufällig eine Frau von 36 Jahren namens Hanna Schmitz kennenlernt, die ihm bei einer Übelkeit beisteht und ihn bei einem Besuch verführt. Michael, Sohn eines Philosophieprofessors und Schüler der Untersekunda (Kl. 10), hat drei Geschwister; die Familie wohnt offensichtlich in Heidelberg. Die Liebesgeschichte bedeutet für ihn den Abschied von der Familie (S. 32 f.); ihre Liebe gerät in eine Krise, Hanna verschwindet plötzlich aus der Stadt.

Als Michael sich wegen einer heraufziehenden Gelbsucht im Herbst 1958 auf der Straße übergibt, säubert Hanna Schmitz ihn und bringt ihn nach Hause (I 1). Michael bedankt sich im Frühjahr 1959 dafür und lernt dabei Hannas Wohnung kennen (I 3); er schaut die Frau voller Begehren an und rennt weg, als Hanna das bemerkt (I 4). Als er sie erneut besucht, macht er sich total schmutzig, als er für sie Kohlen holt (I 6); er muss sich deshalb baden und wird anschließend von Hanna verführt. Er verliebt sich in Hanna und besucht sie täglich. Wichtig ist ein Streit am ersten Tag der Osterferien: Michael ist früh mit der Straßenbahn gefahren, weil Hanna als Schaffnerin arbeitet; sie beachtet ihn nicht, weil er im hinteren Waggon sitzt. Als er sich am Mittag bei ihr beschwert, weist sie ihn ab, was er nicht erträgt: Er unterwirft sich völlig, um ihre Liebe nicht zu verlieren (I 10).

Auf einer Radtour, die sie als „Mutter mit Sohn“ in den Osterferien unternehmen, ist Michael der Organisator; er wählt die Strecke und die Hotels aus und bestellt das Essen – verdeckte Hinweise darauf, dass Hanna nicht lesen kann. Einen deutlicheren Hinweis gibt es beim Streit in Amorbach, bei dem Hanna Michael mit einem Lederriemen schlägt: Michael will Hanna am frühen Morgen mit einer Rose überraschen und hat sich schriftlich „abgemeldet“; Hanna hat den Zettel „nicht gefunden“ und denkt, Michael habe sie verlassen. Die Versöhnung führt zu größerer Liebesinnigkeit (I 11). Michael besticht nach der Heimkehr seine Schwester durch Kleidung, die er stiehlt; so kann er während der Ferien mit Hanna allein sein. Einmal besucht sie ihn zu Hause, als seine Eltern in Urlaub sind (I 12).

Das Eigentümliche der Beziehung zu Hanna besteht darin, dass die beiden in ihrer Liebesbeziehung ein Ritual entwickeln: vorlesen, duschen, miteinander schlafen. So wird er für Hanna zum Vorleser, der ihr deutsche Dramen (Kabale und Liebe; Emilia Galotti) und den „Taugenichts“, aber auch Tolstois „Krieg und Frieden“ im Lauf des Frühlings und des Sommers 1959 vorliest – ein weiterer Hinweis auf Hannas Analphabetismus.

Nach der Versetzung in die Obersekunda (Kl. 11) lernt Michael neue Mitschüler kennen, darunter auch Sophie, die er neben Hanna mag (I 13). Michael findet stärker als bisher Anschluss an seine Klasse; es beginnt aus seiner Sicht „der Gleitflug unserer Liebe“ (I 14). Er empfindet es als Verrat, dass er sich in der Öffentlichkeit nicht zu Hanna „bekennt“; in der Nachbarstadt gehen sie gemeinsam ins Theater, sonst sehen sie sich nur in Hannas Wohnung. Hanna lebt im Sommer unter einem merkwürdigen Druck; einen Tag, nachdem er sie überraschenderweise im Schwimmbad gesehen hat, ohne zu ihr hin zu rennen (I 16), ist Hanna spurlos aus der Stadt verschwunden (I 17). Es stellt sich heraus, dass sie zur Fahrerin befördert werden sollte (I 17) – eine Parallele zur Beförderung bei Siemens im Jahr 1943 (II 3).

Die Erzählung wird häufig von Erinnerungen, Reflexionen und Erklärungen Michaels unterbrochen: wie das Haus aussah, in dem Hanna gewohnt hat (I 2); was an ihr ihn fasziniert hat (I 4); welches Muster sein Handeln und Denken bestimmt (I 5); warum er traurig wird, wenn er an diese Zeit denkt (I 9). Er lädt durch Fragen indirekt die Leser ein, sich mit seinen Problemen zu identifizieren: „Geht das allen so?“ (S. 64)

Im zweiten Teil des Romans (17 Kapitel) erzählt Michael, wie er sieben Jahre später, im Frühjahr 1966, als Jurastudent eher zufällig einen Prozess beobachtet, in dem neben anderen Frauen gegen Hanna als ehemalige Aufseherin in einem KZ verhandelt wird. Neben der Thematik, wie er nach sieben Jahren zu seiner ehemaligen Geliebten steht, tritt die Frage in den Vordergrund, wie man 20 Jahre nach Ende des Dritten Reiches die ehemaligen Täter verstehen oder verurteilen kann – oder konnte; der Erzähler nimmt auch aus seiner heutigen Sicht zu den Bemühungen der Studenten um „Aufarbeitung der Vergangenheit“ als einem anmaßenden Unterfangen Stellung (II 2). Das Urteil des Gerichts über Hanna fällt auch deshalb hart aus, weil sie ihren Analphabetismus auf jeden Fall verbergen will, den Michael als einziger plötzlich entdeckt.

Michael erzählt, wie er nach dem Abitur Jura studiert hat und an einem Seminar über „Aufarbeitung der Vergangenheit“ teilnimmt (II 2); er sieht Hanna als Angeklagte (II 2) und stellt fest, dass ihr Schicksal ihn nicht berührt (II 3). Sie ist mit anderen Frauen angeklagt, in einem KZ an der Selektion mitgewirkt sowie eine Gruppe von Häftlingen auf einem Marsch nicht aus einer brennenden Kirche gerettet zu haben (II 5). Die Verhandlung läuft für Hanna nicht gut; sie taktiert ungeschickt und wird zur Hauptverantwortlichen gemacht (II 6 f.)

Im Prozess wird bekannt, dass Hanna sich auch im KZ etwas von jungen Mädchen hat vorlesen lassen (II 7). Sowohl durch das Buch einer Überlebenden wie durch den Bericht der SS wird der Tod der Häftlinge in der brennenden Kirche rekonstruiert (II 8 f.); es wird deutlich, wie sowohl die anderen Angeklagten als auch die Dorfbewohner froh sind, eine Hauptschuldige gefunden zu haben. Michael entdeckt während des Prozesses, dass Hanna nicht lesen kann und dass sie deswegen auch Taten zugibt, die sie nicht getan haben kann (II 10) ; er bespricht mit seinem Vater, ob man in diesem Fall gegen den Willen eines Betroffenen die Wahrheit seiner Behinderung offen legen darf (II 12), was der Vater verneint. Ferner berichtet Michael von dem gescheiterten Versuch, sich selber in dem kleinen KZ Struthof im Elsass ein Bild von den NS-Verbrechen zu machen (II 14); dieser Versuch scheitert, auch als er ihn später wiederholt. Während der Fahrt nach Struthof führt er ein merkwürdiges Gespräch mit einem Mann über Gründe, warum jemand andere tötet (II 14). – Der vorsitzende Richter, den Michael besucht, um ihn über Hannas Analphabetismus zu informieren, was er dann aber unterlässt (II 16), wird auch im privaten Auftreten dargestellt; er ist ein seiner Sache sicherer Jurist, was Michael später nicht werden will (vgl. III 4). Hanna wird am Ende als einzige zu lebenslanger Haft verurteilt, die anderen Frauen werden milder beurteilt.

Im dritten Teil des Romans wird erzählt, wie Hanna in Michaels Leben fortlebt, wie sie im Gefängnis lesen lernt und sich am Tag der Entlassung selbst tötet; Michael hat als Vorleser den Kontakt zu ihr wieder aufgenommen und hat auch ihre Rückkehr ins bürgerliche Leben vorbereitet, ohne sich jedoch persönlich auf Hanna einzulassen. Er leidet bis zuletzt an seiner Schuld gegenüber Hanna.

Michael setzt sein Studium fort (ab Sommer 1966), macht einen Skiurlaub im Winter 1967, erkrankt und lernt Gertrud kennen; als Referendar heiratet er diese, als sie schwanger wird; sie werden geschieden, als die Tochter Julia fünf Jahre ist (ca. 1973). Für die Frauen, mit denen er zu tun hat, ist Hanna sein Maßstab, dem sie nicht genügen; von einem früheren Kommilitonen wird er nach seinem angeblich während des Prozesses erkennbaren Verhältnis zu Hanna gefragt (III 3) – er weicht aus. Michael wird schließlich Rechtshistoriker, weil er an den Möglichkeiten der Rechtsprechung zweifelt (bis III 4).

Nach der Trennung von seiner Frau liest Michael wieder die „Odyssee“, spricht sie auf Kassette und schickt diese an Hanna, danach zehn Jahre lang weitere Titel (etwa ab 1974). Hanna lernt Lesen und Schreiben (ca. 1977) und schreibt Michael gelegentlich auch, aber er antwortet nicht, sondern schickt ihr nur die Kassetten, die er mit Werken der großen Literatur besprochen hat (III 5 f.).

Die Anstaltsleiterin bittet Michael schließlich um einen Besuch. Eine Woche vor Hannas Entlassung aus dem Gefängnis (1984) besucht Michael sie dort (III 8); er trifft eine alte Frau, die ihm fern steht und sich weigert, den Lebenden Rechenschaft für ihre Taten zu geben. Michael bereitet alles für ein neues Leben Hannas in der Freiheit vor, doch sie erhängt sich am Morgen des Tages ihrer Entlassung. Die Anstaltsleiterin gibt ihm ein Bild von Hanna in ihrer Gefangenschaft (III 10); sie habe sich zuerst wie in ein Kloster zurückgezogen, später aber sich ganz den andern entzogen; als sie lesen konnte, hat sie sich auch mit Literatur über die NS-Verbrechen befasst. Im Herbst des Jahres 1984 versucht in New York die Jüdin, die mit ihrer Mutter das Buch über den Untergang der Häftlinge in der Kirche geschrieben hatte und der er Geld von Hanna bringt, Michael die Augen dafür zu öffnen, dass Hanna ihm etwas angetan hat (III 12). Hannas Geld wird einer jüdischen Stiftung übertragen, ohne dass sie von der Jüdin „die Absolution“, also Vergebung erhielte.

Im letzten Kapitel (III 12) spricht Michael zehn Jahre später (1994) über seine und Hannas Geschichte, wie er sie geschrieben hat: dass sie so geschrieben werden wollte, wie sie jetzt da steht, dass sie rund ist und ihn nicht mehr traurig macht. Dann widerspricht er sich selbst: „Vielleicht habe ich unsere Geschichte doch geschrieben, weil ich sie loswerden will, auch wenn ich es nicht kann.“ (S. 206) Auch im dritten Teil des Romans gibt es wieder Reflexionen über Kollektivschuld (III 1), über das Recht und den Sinn der Rechtsgeschichte (III 4), vor allem aber über sein Verhältnis zu Hanna: Er hat an seiner Liebe zu Hanna gelitten – aber dieses Leiden war „in gewisser Weise das Schicksal meiner Generation, das deutsche Schicksal“ (S. 163).

Vergleiche auch https://norberto42.wordpress.com/tag/schlink/

Schlink: Der Vorleser – Aufbau

Aufbau des Romans

Der erste Teil des Romans besteht aus 17 Kapiteln; in ihm wird die Geschichte von Michael Bergs Liebe zu Hanna Schmitz im Frühjahr 1959 erzählt. Im ersten Kapitel wird die Vorgeschichte nachgetragen, das Erbrechen Michaels im Oktober 1958 und Hannas Hilfe für den Jungen (S. 5-7); die Zeit zwischen diesem Ereignis und dem ersten Besuch bei Hanna wird summarisch in sieben Zeilen überbrückt (S. 5). Der Besuch erfolgt Ende Februar; zum letzten Mal sind sie Ende Juli oder Anfang August zusammen (S. 76 f.), am Tag danach ist Hanna verschwunden.
Im zweiten Teil, der ebenfalls aus 17 Kapiteln besteht, wird der Prozess gegen Hanna und ihre Mitangeklagten erzählt; er findet im Frühjahr 1966 statt (Chronologie S. 91) und endet im Juni des Jahres. Michael wird vom Beobachter des Prozesses zum „Teilnehmer“, weil er Hannas Analphabetismus entdeckt; trotz seiner Distanz zu Hanna bleibt er mit seinen Schuldgefühlen an sie gebunden (S. 129; 151 f.). Einen breiten Raum nimmt die Darstellung dessen ein, was die Angeklagten im KZ getan und was sie in der Nacht des Brandes nicht getan haben – für Hanna ist dies die Zeit von Herbst 1943 bis Winter 1944/45. Einmal springt der Erzähler in die Zukunft, als er einen Besuch im Struthof erzählt, den er „unlängst“ gemacht hat (S. 148). – Die Zeit zwischen Sommer 1959 und Frühjahr 1966 wird im Kap. II 1 überbrückt.
Im dritten Teil wird insgesamt erzählt, wie Michael unter dem Eindruck, den Hanna auf ihn gemacht hat, nach dem Prozess weiterlebt (1966 – 1984); wie er nach seiner Ehe mit Gertrud den Kontakt zu Hanna als Vorleser wieder aufnimmt, weil Hanna seine Erinnerungen und Träume „dominierte“ (S. 174); wie sie sich zum Schluss einmal begegnen, ohne sich nahe zu kommen; dass Hanna sich am Tag ihrer Entlassung das Leben nimmt und Michael ihren letzten Willen vollstreckt. Im Schlusskapitel (III 12) reflektiert Michael zehn Jahre später, also 1994, warum und wie er seinen Bericht geschrieben hat. [Der Bericht richtet sich also an unbekannte Leser, während wir die Leser des Buches sind, das von Schlink geschrieben worden ist und Michaels Bericht „darstellt“.]
Was hält die drei Teile des erzählten Geschehens zusammen? Es ist Michaels Schuldgefühl gegen Hanna; dieses Gefühl artikuliert sich in ganzer Schärfe in dem Bekenntnis, er habe sie verraten (S. 72), indem er sich nicht öffentlich zu ihr „bekannt“ habe: „In der einen kleinen Situation [d.i. Begegnung im Schwimmbad, N.T.] bündelte sich für mich die Halbherzigkeit der letzten Monate, aus der heraus ich sie verleugnet, verraten hatte. Zur Strafe war sie gegangen.“ (S. 80) Daraus resultiert das Gefühl seiner Schuld, das ihn fortan begleitet; dieses Schuldgefühl ist in der Erzählerstrategie die Pointe der Liebesgeschichte.
Nachdem Michael erkannt hat, dass Hanna nicht lesen kann (II 10), durchdenkt und sieht er ihre Lebensgeschichte mit anderen Augen; auch wenn sie damals nicht weggegangen ist, weil er sie verraten und verleugnet hat, bleibt für ihn der Verrat eine Tatsache. „Also blieb ich schuldig.“ (S. 129) Eine zentrale Stelle im Teil II ist der Bericht über sein Bemühen, „Hannas Verbrechen zugleich verstehen und verurteilen“ zu wollen (S. 151). Verstehen bedeute, sie nicht verurteilen zu können; sie nicht verstehen bedeute, sie wieder zu verraten; er könne sie weder verstehen noch verurteilen. „Ich bin damit nicht fertiggeworden.“ (S. 152) Über das Stichwort „Hanna verraten“ ist also die Liebesgeschichte mit der Prozessgeschichte (und dem Thema „Aufarbeitung der NS-Vergangenheit“) verbunden.
Auch am Ende seines Lebens bekennt er den Verrat. Die beiden Bilder von Hanna im Gefängnis, auf der Bank, und von Hanna im Schwimmbad verbinden sich im anklagenden Blick; dann hat Michael „manchmal“ wieder das Gefühl, „sie verraten zu haben und an ihr schuldig geworden zu sein“ (S. 190). Im Rückblick auf sein Leben und Schreiben (III 12) zeigt sich, dass die Fragen des Verleugnens, des Verrats und der Schuld sein Leben auch nach Hannas Tod bestimmt haben (S. 205).

Vergleiche auch https://norberto42.wordpress.com/tag/schlink/