Heine: Laß die heil’gen Parabolen – Analyse

Lass die heilgen Parabolen…

Text

http://www.lyrikmond.de/interpretationen.php (mit Interpretation)

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/HeineNachlese/lazar01.htm

http://www.zeno.org/Literatur/M/Heine,+Heinrich/Gedichte/Gedichte+1853+und+1854/8.+Zum+Lazarus?hl=zum+lazarus (Text: Zum Lazarus – gehört zu „Gedichte 1853 und 1854“)

http://www.versalia.de/archiv/Heine/Zum_Lazarus.2797.html (Text: Zum Lazarus)

http://www.thokra.de/html/heine_17.html (Zum Lazarus, mit Nachwort zum „Romanzero“)

Zu Beginn müssen wir einem möglichen Missverständnis vorbeugen: Einmal gibt es in der Gedichtsammlung „Romanzero“ (1851) im 2. Buch („Lamentationen“) einen Zyklus „Lazarus“, sodann gibt es in „Gedichte 1853 und 1854“ einen Zyklus „Zum Lazarus“. Unser Gedicht „Laß die heil’gen Parabolen“ eröffnet den zweiten Zyklus „Zum Lazarus“. Wie die beiden Zyklen zusammenhängen, ist eine schwierige Frage.

Kerstin Hasdorf schreibt zur Lazarus-Figur: „Dabei lassen sich zwei Überlieferungsstränge aus der Bibel unterscheiden: In Joh 11, 1-44; 12, 1ff. wird Lazarus von Betanien von seinem Freund Jesus wieder zum Leben erweckt. Dagegen handelt es sich in Lk 16, 19-31 um das Gleichnis vom reichen Mann, der gottlos stirbt und damit verdammt ist, und vom armen Lazarus, der als Aussätziger mit Geschwüren bedeckt, aber im Glauben an Gott sein Leben beendet und durch seine Frömmigkeit Eingang in den Himmel findet. Beiden biblischen Gestalten ist das Leiden gemeinsam, das einem höheren Ziel dient: einen Beweis für die Allmacht Gottes zu liefern. Krankheit ist in der Verkörperung des Lazarus’ nicht Ausdruck einer Sünde; an ihr manifestiert sich vielmehr die göttliche Auserwähltheit. Heine präzisiert nicht, auf welche der beiden biblischen Gestalten er sich bezieht, vielmehr scheinen sie ineinander zu verschwimmen. Überhaupt lehnt er sich nur gleichnishaft in der Wahl der Themen an die Überlieferung an. Die Figur bietet die Folie für sein eigenes Leiden. […]Joseph A. Kruse verweist außer der Bibel als Quelle der Lazarus-Figur auf die unmittelbare Wohnumgebung Heines. Heines „Matratzengruft“ begann im Mai 1848. Seit September wohnte er in der rue d’Amsterdam Nr. 50 (heute 54), in der er bis zum August 1854 leben sollte. Diese Straße kreuzte nicht weit von seiner Wohnung die rue Saint-Lazare, die zu dem ehemaligen Aussätzigenheim Saint-Lazare führte. Dieses Leprosenheim war spätestens im frühen 12. Jahrhundert gegründet worden. Der Schutzpatron der Aussätzigen ist der arme Lazarus; sein Name führte ebenfalls zur Bezeichnung von Militärkrankenhäusern (Lazarette).

So beinhalten der Titel und die ihm zugeordneten Gedichte eine für Heine typische Mehrdeutigkeit: Vom individuellen Schicksal ausgehend erhebt er den Zyklus zu einer metaphysischen Sinnsuche. Analog zum Lazarus thematisiert Heine seine persönliche Hilfsbedürftigkeit, überträgt diese aber auch auf soziale und politische Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft.“ (Lyrik als politische Meinungsäußerung…, Wiss. Hausarbeit 2006, S. 53 f.)

Wenn man den ganzen Zyklus „Zum Lazarus“ liest (11 Gedichte), stößt man zwar häufig auf Heines eigenes Leiden in der „Matratzengruft“; aber es sind auch durchaus lockere Töne zu hören, z.B. im Gedicht Nr. 11:

Mich locken nicht die Himmelsauen

Im Paradies, im sel’gen Land;

Dort find ich keine schönre Frauen,

Als ich bereits auf Erden fand.

[…]

Gesundheit nur und Geldzulage

Verlang ich, Herr! O laß mich froh

Hinleben noch viel schöne Tage

Bei meiner Frau im statu quo!“

Ich möchte deshalb das Gedicht Nr. 1 eher allgemein, weniger auf Heine persönlich bezogen lesen.

Das lyrische Ich wendet sich an einen nicht erkennbaren Gesprächspartner, der die traditionelle Verteidigungsstrategie gegen die Theodizeefrage fährt: Er antwortet in bildhaften Reden („Parabolen“, V. 1, also Parabeln, hier nach der griechischen Form parabolh = parabolé), Vergleichen und Analogien, wie es nach der Theorie religiöser Sprache dem Sprechen über Gott angemessen ist; er antwortet ferner – abwertend in der Sicht des lyrischen Ichs – mit „frommen Hypothesen“, kann also keine plausiblen Schlussfolgerung oder Argumente vortragen. Diesen Gesprächspartner fordert der Ich-Sprecher direkt, beinahe heftig oder zornig auf: „Laß die heil’gen Parabolen…“ (V. 1), ähnlich V. 2 (parallel gebaut), um dann auf einer ehrlichen Antwort zu bestehen (V. 3 f.), erneut mit einem Imperativ eingeleitet.

„Ohne Umschweif[e]“ solle er antworten: Umschweife stellt das bildhafte Reden dar, welches das lyrische Ich offenbar als Ausweichen vor den schwierigen Fragen empfindet; „die verdammten Fragen“ (V. 3) sind die drängenden, die schwierigen Fragen – eine Anspielung auf die ewige Verdammnis kann ich beim besten Willen nicht erkennen, eher eine umgangssprachliche Stilebene, auf die man sich begibt, wenn man zornig ist. Zornig ist also das lyrische Ich, weil der Gesprächspartner, der Advokat Gottes, frommes Zeug redet, aber nicht „die verdammten Fragen“ beantwortet.

Das Ich spricht im Trochäus, sehr bestimmt also, vier Hebungen pro Vers; betont sind die vorangestellten Imperative und „Ohne Umschweif“. Es reimen sich die Verse 2 / 4, was V. 1 f. und V. 3 f. als jeweils eine semantische Einheit markiert (das gilt auch für die 2., 3. Strophe). Der Reim ist überaus sinnvoll: keine frommen Hypothesen / Fragen ohne Umschweife lösen.

Wie die verdammten Fragen lauten, wird in den beiden nächsten Strophen entfaltet: Der Ich-Sprecher stellt die Fragen sehr direkt. Es sind die Fragen der klassischen Theodizee: Warum leidet der Gerechte? Warum ergeht es dem Schlechten gut? (V. 5-8) Das Thema ist bereits im biblischen Buch Hiob (oder: Ijob) durchgespielt worden; dort antwortet der Herr selber dem fragenden Hiob, indem er ihm sein Fragen verweist; es komme Hiob nicht zu, Gott zur Rechenschaft zu ziehen (Ijob 38 ff.). „Da antwortete Ijob dem Herrn und sprach: Siehe, ich bin zu gering. Was kann ich dir erwidern? Ich lege meine Hand auf meinen Mund. Einmal habe ich geredet, ich tu es nicht wieder; ein zweites Mal, doch nun nicht mehr!“ (Ijob 40,3-5)

Heine formuliert die Fragen Hiobs noch etwas allgemeiner, wobei in V. 5 f. die Gestalt des leidenden Jesus im Hintergrund steht. Heine hat in den Gedichten „Walküren“ und „Schlachtfeld bei Hastings“ (in „Historien“ im „Romanzero“, 1851) die Fragen gestellt, warum sich in der Geschichte der Schlechtere durchsetzt, der Bessere aber unterliegt. Diese Fragen von 1851 klingen in V. 7 f. an: Warum reitet der Schlechte als Sieger von der Kampfstätte? Im Reim sind „der Gerechte / der Schlechte“ (V. 6 / 8) einander konfrontiert. Die Frage lautet allgemein: Warum geht es in der Welt nicht gerecht zu? Erlösung durch Leiden und Ausgleich im Weltgericht sind die klassischen biblisch-christlichen Antworten darauf; Leibniz hat dagegen als Philosoph die fromme Hypothese von der besten aller möglichen Welten gestellt, über die Voltaire im „Candide“ so herrlich gespottet hat – Voltaires letzte Antwort läuft übrigens darauf hinaus, diese dummen Fragen ruhen zu lassen und stattdessen zu arbeiten, nämlich den Garten zu bebauen.

Heines Ich-Sprecher formuliert dann in der 3. Strophe die klassische Alternative der Theodizeefrage: „Woran liegt die Schuld“ (V. 9) Entweder ist Gott nicht allmächtig oder er ist kein guter Gott, wenn er so viel Leid in der Welt zulässt, so viele Unschuldige entsetzlich leiden lässt (V. 9-11). Falls Gott selbst mit der Welt bloß sein böses Spiel triebe, wäre das „niederträchtig“ – auf einen solchen Gott könnten wir verzichten. Im Reim sind mit „nicht allmächtig“ und „niederträchtig“ (= böser Gott) sinnvoll als die beiden Alternativen miteinander verbunden. Betont sind in dieser Strophe „Schuld“, „ganz“, „selbst“ und „nieder-“; gegen den Takt ist „das“ (V. 12) zu betonen. Takt heißt ja nicht, dass alle „betonten“ Silben taktgemäß zu betonen wären; der Rhythmus ergibt sich, wenn man die tatsächlich zu betonenden Silben betont und die anderen nicht.

In der 4. Strophe zieht der Ich-Sprecher ein Fazit, indem er distanziert auf das ewige Fragen blickt: „Also fragen wir beständig…“ (V. 13). Er stellt sich damit in die Gemeinschaft der Fragenden und bietet mit dem Personalpronomen „wir“ dem Leser an, sich an diesen Fragen zu beteiligen (so bereits in „uns“, V. 4). Er weiß, dass es keine befriedigenden Antworten auf die verdammten Fragen gibt; das formuliert er sarkastisch in V. 14 f.: Man stopft uns das Maul, wenn wir sterben, „mit einer Handvoll Erde“. Im Subjekt „man“ (V. 14) ist kein bestimmter Akteur bezeichnet; der Totengräber stopft uns ja nicht das Maul. Das Indefinitivpronomen „man“ umschreibt wie eine Passivkonstruktion einfach den Vorgang: Uns wird das Maul gestopft; „endlich“ (V. 15) ist hier doppeldeutig – einmal geschieht dies „am Ende“ unseres Lebens, einmal geschieht es „schließlich“, womit das Fragen beendet wird. Dagegen lehnt der Ich-Sprecher sich schon jetzt auf: „Aber ist das eine Antwort?“ Mit der rhetorischen Frage sagt er, dass es keine Antwort gibt – wer sollte sie auch geben, da der Ich-Sprecher die professionellen Theologen und Philosophen nicht als Gesprächspartner akzeptiert und auch Gott selber sich bei Hiob nicht als Gesprächspartner, der die verdammten Fragen beantwortete, erwiesen hat. „Gott“ kommt hier bei Heine ohnehin nicht vor; er steht ja im Verdacht, weder allmächtig noch gut zu sein (V. 9 ff.).

Formal weicht die letzte Strophe von der vorhergehenden ab: Es gibt keinen Reim, es gibt keine Zweiteilung. Betont sind „endlich“ (V. 15) und „das“ (V. 16); das Gedicht endet mit einer Frage, einer rhetorischen Frage, die alles offen lässt. – Anders als Sabine Schneider vermag ich in dem Gedicht keine Ironie zu erkennen.

http://opus.kobv.de/tuberlin/volltexte/2008/1915/pdf/hasdorf_kerstin.pdf (Kerstin Hasdorf, dort S. 52 ff. über den „Lazarus“)

[Sabine Schneider: Die Ironie der späten Lyrik Heines, 1995, S. 167 ff., ist bei google-books leider nur unvollständig greifbar.]

http://www.e-hausaufgaben.de/Hausaufgaben/D5530-Hausaufgabe-Deutsch-Analyse-Zum-Lazarus-von-Heinrich-Heine.php (schülerhaft, Paraphrase)

http://www.uni-protokolle.de/foren/viewt/258239,0.html (ziemlicher Mist)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=NvyQIhH3TzE (nicht schlecht: Jay)

Sonstiges

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=9114 (Heine und die Religion: Ursula Homann)

http://www.ursulahomann.de/HeinrichHeinesReligionsgespraecheSindAktuellerDennJe/kap006.html (U. Homann: Heines Dichtung nach der religiösen Wendung)

http://www.payer.de/religionskritik/heine02.htm (Religionskritische Gedichte Heines, mit Kommentaren)

http://www.zeit.de/1947/50/heine-und-die-gottheit (H. Fritsche: Heine und die Gottheit, 1947)

http://www.textuniversum.de/index.php5?topic=zitate&zid=27 (Günter Bachmann, über Heines Weltanschauung, 2006)

http://www.uni-regensburg.de/theologie/fundamentaltheologie/medien/materialien/priemertheod.pdf (Die Theodizeefrage in der Literatur, theologisch, kurz über Heine)

Zu Hiob / Theodizee

http://www.kath.de/lexikon/philosophie_theologie/theodizee.php (katholisch)

http://www.bibelwissenschaft.de/bibelkunde/themenkapitel-at/theodizee/ (Bibelwissenschaft)

http://www.uni-regensburg.de/theologie/fundamentaltheologie/medien/materialien/knoedlhiob.pdf (speziell zu Hiob – kathol.)

http://www.dober.de/religionskritik/theodizee2.html (allgemein)

http://www.philosophie-woerterbuch.de/online-woerterbuch/?tx_gbwbphilosophie_main%5Bentry%5D=888&tx_gbwbphilosophie_main%5Baction%5D=show&tx_gbwbphilosophie_main%5Bcontroller%5D=Lexicon&cHash=291c4f65668aea7d8fc9f551c3ceafd1 (philosoph.)

http://irenenickelreligionskritik.beepworld.de/theodizee.htm (Irene Nickel: große Diskussion)

http://de.wikipedia.org/wiki/Theodizee und natürlich Wikipedia…

Ein persönliches Wort zum Thema als Schluss: Ich empfehle das wunderbar böse Buch Kains Memoiren (deutsch 1968, schwedisch 1963), das in wenigen Exemplaren bei amazon, bei booklooker öfter, aber auch sonst noch greifbar ist, zu lesen; nicht einmal die Auflage von 4.000 konnte Suhrkamp regulär verkaufen. Als die Restexemplare für 3,00 bzw. für 1,00 Mark verscherbelt wurden, habe ich zehn Exemplare gekauft und verschenkt – das heißt, außer meinem alten Exemplar habe ich noch eines behalten, und ich weiß keinen, dem ich ich sinnvollerweise schenken könnte.

Roth: Hiob – Inhalt, Zeitstruktur und thematischer Aufbau

Zuerst werden hier die äußeren Ereignisse und ihre Datierung vorgestellt. Ich beziehe mich auf die uralte Ausgabe in der Fischer Bücherei (1969, kostete damals DM 2,80), Text dort S. 5 – 123. Ich gebe den Umfang der einzelnen Kapitel genau an, damit man meine Nachweise auch (ungefähr) auf andere Ausgaben übertragen kann.

Kap. I (5 ff.) Vor vielen Jahren (S. 5) lebte in Zuchnow Mendel Singer, 30 Jahre alt (S. 6 – man wird die Zahl 30 aber nicht wörtlich nehmen dürfen, sonst bekommt man Schwierigkeit mit dem Alter der Söhne bei der Musterung; dreißig ist in der Bibel oft Einheitswert für größere Zahlen (z.B. Ri 10,4), auch bei Zeitangaben (z.B. Num 20,29). Jesus wurde ungefähr 30 Jahre alt (Luk 3,23). [K.-H. Bernhardt in BHH] Vgl. auch http://zahlwort.blogger.de/stories/1069564/ und als Belege etwa Gen 11,14 Und Schelach lebte dreißig Jahre und zeugte Heber. Gen 41,46 Und Joseph war dreißig Jahre alt, als er vor dem Pharao, dem Könige von Ägypten, stand. Num 4,3 von dreißig Jahren und darüber bis zu fünfzig Jahren, alle, welche in die Arbeit treten, um das Werk am Zelte der Zusammenkunft zu verrichten. 2. Sam 5,4 Dreißig Jahre war David alt, als er König wurde; er regierte vierzig Jahre.), dem „an einem heißen Tag im Hochsommer“ (7) das vierte Kind geboren wird, der Sohn Menuchim. In seinem 13. Monat stellt sich heraus, dass er schwer behindert ist (7 f.). Eines Tages: die Pocken (8). Eines Tages, im Herbst (9) fährt Deborah mit Menuchim zum Rabbi nach Kluczysk und bekommt dessen Segensverheißung (12).

Kap. II (12 ff.) Einige Tage danach (13) müssen die Geschwister sich um Menuchim kümmern (14), eines Tages im Sommer unternehmen sie einen Mordversuch (14). Menuchim wächst (16). Plötzlich, eines Morgens, stößt er einen Schrei aus und sagt eine Woche später „Mama“ (16).

Kap. III (17 ff.) Auch zehn Jahre später kann er nur „Mama“ sagen (17). – Erinnerung Deborahs an eine Episode aus der Zeit ihrer letzten Schwangerschaft (17 f.) – die einzige Stelle, an der der Erzähler das Prinzip der chronologischen Abfolge durchbricht (indirekt: Es handelt sich ja nur um eine Erinnerung!); in Deborahs Augen ist mit dieser Episode ihr Unglück erklärt oder begründet. [Russisch-japanischer Krieg 1904/05 ist schon beendet (19).] Jonas und Schemarjah werden an einem Mittwoch gemustert (20, Abreise am 26. März), auf der Heimreise zeigen sich die Differenzen zwischen ihnen (20-23), Ankunft daheim am Sonntag (20).

Kap IV (25 ff.) Mendel versucht vergeblich, Menuchim das Sprechen und Singen beizubringen (27 f.). Deborah reist zu Kapturak, der ihre Söhne vor dem Militärdienst retten soll. Jonas wird Pferdeknecht bei Sameschkin (30 f., bis Herbst, 20).

Kap. V (31 ff.) Am 20. August wird Schemarjuk abgeholt und über die Grenze gebracht. „Also verrannen die Jahre.“ (35)

Kap. VI (35 ff.) An einem Nachmittag im Spätsommer (35) bringt ein Fremder einen Brief Schemarjahs, der jetzt Sam heißt und die Eltern nach Amerika einlädt (36 f.). Mirjam geht mit einem Kosaken (42-44). Beschluss, nach Amerika zu fahren (44).

Kap. VII (45 ff.) Bemühen, Papiere für die Reise zu bekommen; Kapturak wird wieder eingeschaltet; Dauer: einige Wochen.

Kap. VIII (54 ff.) Das Haus bekommen Billes, die sich um Menuchim kümmern sollen (59 f.). Kapturak bringt die Karten (60), man reist nach Bremen (63-65), drei Tage lang (64); Abfahrt am nächsten Tag (64 f.).

Kap. IX (66 ff.) Ankunft in NY nach 14 Tagen, einige Tage Quarantäne. Sam und Mac holen Singers ab.

Zweiter Teil

Kap. X (69 ff.) Mendel lebt sich in NY ein (69 f.), seiner Frau fehlt Menuchim (71 f.). – Brief Billes: Menuchim kann sprechen (75 f.), Brief des Sohnes Jonas [mit Andeutung eines kommenden Krieges, 76, also etwa 1913/14].

Kap. XI (77 ff.) Mendel wird bald 59 Jahre alt (77), er will Menuchim holen (78-80); der Kriegsausbruch [August 1914] verhindert seine Reise.

Kap. XII (82 ff.) Herbst [1917, da Kriegseintritt Amerikas, am 6. April 1917]: Jonas ist verschollen (82), Sam amerikanischer Soldat (82 f.). Eines Tages ist Sam als Soldat gefallen (84 f.), seine Mutter fällt darauf tot um (86).

Kap. XIII (86 ff.) Am achten Tag danach wird Mirjam irre (87 f.); Mendels Hiob-Aufstand beginnt (90 ff.).

Kap. XIV (96 ff.) Mendel zieht zu Skowronnek (96). [In Russland regiert kein Zar mehr, 100.] Mac heiratet Vega, die verwitwete Schwiegertochter (100). [Es ist Herbst 1918, der Krieg ist aus, 101.] Mendel hört „Menuchims Lied“, das ihn ergreift (101 f.).

Kap. XV (102 ff.) Im Frühling [1919] (102) will Mendel zurück nach Russland (104 f.); der Dirigent Kossak sucht ihn (106 ff.) und kommt als Fremder Ostern zu Besuch zu Skowronnek (111 f.). Er offenbart sich als Menuchim (117), auch Jonas lebt (113 ff.).

Kap. XVI (119 ff.) Im Astor-Hotel erzählt Menuchim dem Vater seine Lebensgeschichte (120). Am nächsten Tag fahren sie los, in die Sonne hinein (121 f.). Menuchim zeigt im Hotel ein Bild seiner Familie (122), Mendel ruht aus (123).

Auswertung: Erzählblöcke: Kap. I f. Menuchims Anfänge; Kap. III-V die Bedrohung der anderen Söhne durch das Militär; Kap. VI-IX Mirjams Bedrohung: Aufbruch und Reise nach Amerika; Kap. X f. der Anfang in Amerika; Kap. XII f. Unglück in der Familie Singer; Kap. XIV-XVI Ankunft Menuchims und glückliches Ende. Die eigentlich rasante Abfolge der Ereignisse wird nicht als solche erlebt, weil der Erzähler auch Personen charakterisiert, von Gesprächen berichtet und uns am inneren Erleben der Hauptpersonen teilnehmen lässt. – Erzählt wird die Geschichte der Familie Singer; die Hauptfiguren sind Mendel Singer und sein Sohn Menuchim, mit dessen Geburt das Geschehen beginnt. Es endet mit dem glücklichen Wiedersehen von Vater und Sohn. Deborah, die Mutter, ist eine treibende Kraft und Mendels Helferin; die lebenslustigen oder erfolgreichen Geschwister sind als später bedrohte oder zerstörte Menschen die Kontrastfiguren zu Menuchim, an dem sich die Verheißung erfüllt hat.

Der fiktive Ort Zuchnow wird nicht nur indirekt (Zar, Rubel, Kosaken), sondern auch direkt nach Russland verlegt (38), und zwar nach Wolhynien (69), also an die Westgrenze, die man in drei Tagen zu Pferd erreichen kann (31 ff.).

Der innere Zielpunkt des Erzählens wird in Kap. I durch die Segensverheißung des Rabbi gesetzt: „Menuchim, Mendels Sohn, wird gesund werden. Seinesgleichen wird es nicht viele geben in Israel. Der Schmerz wird ihn weise machen, die Häßlichkeit gütig, die Bitternis milde und die Krankheit stark. Seine Augen werden weit sein und tief, seine Ohren hell und voll Widerhall…“ (12) Unter dieser Verheißung steht das ganze erzählte Geschehen, bis sie sich am Ende als erfüllt erweist: Gesund ist Menuchim, ein großer Komponist und Kapellmeister (Ohren!), mit bemerkenswerten Augen.

Zweimal treibt ein Fremder, der plötzlich auftaucht, das Geschehen voran. Ein Fremder bringt den Brief des erfolgreichen Sohnes aus Amerika mit der Einladung zu kommen (35); ein Fremder erscheint bei Skowronnek (111) und erweist sich als der gerettete Sohn Menuchim – „ein Fremder“ ist ein literarisches Motiv, das auf viele Arten entfaltet werden kann, bis hin zur religiösen Deutung, dass wir alle auf Erden Fremde sind, allenfalls Gäste, und dass unsere Heimat im Himmel liegt.

Bereits als Menuchim nach Jahren auf einmal „Mama“ sagen kann, erlebt Deborah diesen Durchbruch als Bestätigung der Verheißung („und dieses Wort der Mißgeburt war erhaben wie eine Offenbarung…“, 17). In der Nacht vor der Abreise nach Amerika, als sie Menuchim zurücklässt, denkt sie dagegen: „Nichts wird aus ihm.“ (62); sie zweifelt an der Verheißung und lässt den Sohn im Stich, um Mirjam davor zu bewahren, ein Kosakenflittchen zu werden. In NY stellt Mendel sich vor, dass ein erlösender Brief ihm mitteile, Menuchim sei ganz gesund geworden (74). Bald darauf kommt Billes Brief (75) mit der Nachricht, dass Menuchim zu reden begonnen hat (75 f.). Deborah kommentiert: „Der Rabbi hat recht“, und zitiert dann einen Teil der Verheißung: „Der Schmerz wird ihn weise machen…“ (77). Da erst erfährt Mendel von dieser Verheißung (Deborahs Ausrede „Ich hatte es vergessen.“ klingt wenig glaubhaft). Von diesem Zeitpunkt an wartet Mendel auf Menuchim (78 ff.); vorher hatte nur Deborah sich nach dem Sohn gesehnt (71 f.). Beim Unglück der anderen Kinder erlebt Mendel in einem den Tod Menuchims mit (86, 89), also das Scheitern der Verheißung. Hier haben wir auch einen Anknüpfungspunkt der Hiob-Thematik: Freund Rottenberg wirft ihm vor, dass er Menuchim im Stich gelassen hat und so Gottes Pläne gestört haben könnte (94). Dass Mendel von „Menuchims Lied“ ergriffen wird (101 f.), bringt die Wende zum Guten; dieses Lied ist auch mit „Kossaks“ Ankunft verbunden (107), der auf der Suche nach Mendel ist. Bereits als Mendel die Augen Kossaks auf dem Bild betrachtet, beginnt die Verheißung sich zu erfüllen (109); in ihnen ist Licht. Als der Fremde zu Skowronnek zum Osterfest kommt (111), sucht Mendel seine Augen zu erblicken (112); der Fremde offenbart sich als Menuchim (116 f.) – die Szene erinnert mich an die entsprechende Episode aus der Josefsgeschichte (Gen 45). Dankbar zitiert Mendel die Verheißung, die er von Deborah gehört hat: „Der Schmerz wird ihn weise machen…“ (117).

Zum Schluss liegt noch einmal in indirekter Bezug auf die Segensverheißung vor. Als Mendel von Menuchim getröstet worden ist, denkt er: „Der Mensch ist unzufrieden (…). Sieh nur, was aus Menuchim, dem Krüppel, geworden ist. Schmal sind sein Hände, klug sind seine Augen, zart sind seine Wangen.“ (121)

An dieser Stelle wird auch das Thema genannt, unter dem die Erfüllung der Verheißungen steht: ein Wunder. „Eben hat er ein Wunder erlebt, schon will er das nächste sehn.“ (121) Man muss also „das Wunder“ oder „die Wunder“ mit der Erfüllung des Segens zusammen sehen, auch wenn hier aus Gründen der Darstellungstechnik das Wunder-Thema von mir gesondert behandelt wird.

Ehe Deborah zum Rabbi zu gehen sich entschließt, ist sie wegen Menuchims Behinderung ganz unten angelangt: „Sie wagte nicht mehr, Gott anzurufen“ (11), sie hält sich an niedrigere Vermittler. Dann erhält sie vom Rabbi die Segensverheißung, die sie wieder aufrichtet (12). Mendel Singer jedoch lehnt solche Mittler wie den Rabbi ab: „Sein gerader Sinn (…) vertrug kein Wunder im Bereich der Augen. Er lächelte über den Glauben seiner Frau an den Rabbi.“ (12)

Ein erstes kleines, wenn auch nicht so benanntes Wunder erleben Menuchims Geschwister; sie haben versucht, den ihnen lästigen Menuchim zu töten, aber der hat alles überlebt. „Eine große Furcht vor Gottes kleinem Finger, der eben ganz leise gewinkt hatte, ergriff die zwei Knaben und das Mädchen.“ (14) – Die Eheleute Singer streiten sich, ob Gott Wunder tut, als sie Menuchim bei ihrer Reise nach Amerika nicht mitnehmen wollen (55). Von Deborah wird dann berichtet, wie sie lange vergeblich auf das Wunder gewartet hat (55) und nun glaubt, Wunder seien nur vor alten Zeiten geschehen (56) – anscheinend hätten heute nur andere Leute das Glück, Wunder an eigenen Leib zu erfahren. Sie intoniert dann gegenüber Mendel das Hiob-Thema: „Wofür straft er uns jetzt? Haben wir Unrecht getan? Warum ist er grausam?“ (56) [Hier sieht man m.E., dass das Hiob-Thema dem Thema „Wunder“ zugeordnet bzw. untergeordnet ist.] Bei der Abreise stellt sie ausdrücklich fest, dass kein Wunder geschehen ist (63).

In NY hört Mendel dagegen, Amerika sei God’s own country, „wie einmal Palästina“, und NY the wonder city, „die Stadt der Wunder, wie einmal Jerusalem“ (70). Damit wird der Leser (und auch Mendel?) auf die Erfüllung der Verheißung vorbereitet. In der Hiob-Situation Mendels, als Mirjam nach dem Tod Sams und Deborahs irre geworden ist (89 ff.), fragt er seine Freunde: „Habt ihr schon wirkliche Wunder gesehen, mit euren Augen?“ (94) Menkes als Verteidiger Gottes erklärt, warum dieser heute nur noch „mäßige Wunder“ vollbringe (95) – Mendel werde Menuchim nach dem Krieg sehen können, wie auch Jonas und Mirjam, die ja nicht tot seien.

Bei der Osterfeier werden liturgisch die Wunder erzählt bzw. besungen, die der Herr in der Geschichte Israels vollbracht hat. Die Melodie entfaltet ihren Zauber in der Runde. „Und selbst Mendel stimmte sie milde gegen den Himmel“ (110), er denkt ausdrücklich an Menuchim (110 f.) – hier wird die baldige (Er)Lösung massiv durch den Erzähler vorbereitet. Die ganze Liturgie hat alle Anwesenden „so nah an die Erwartung eines Wunders gebracht“ (111), dass sie beinahe mit der Ankunft des Elias rechnen, als der Fremde anklopft. Man fährt dann mit dem Essen und dem „Absingen der Wunder“ fort (113), „daß sogar Mendel am Ende jeder Strophe ‚Halleluja, Halleluja’ wiederholte“ (113). Als Menuchim sich zu erkennen gegeben hat, setzt Mendel sich auf dessen Schoß und zitiert flüsternd einen Satz der Verheißung (117). Skowronnek aber geht von Haus zu Haus und verkündet: „Ein Wunder ist geschehn! Kommt zu mir und seht es an!“ (117) Und Menkes korrigiert sich (s.o. 95!), als die anderen Juden erscheinen: „Groß sind die Wunder, die der Ewige vollbringt, heute noch wie vor einigen tausend Jahren. Gelobt sei sein Name!“ (118) Damit ist das Ziel der Erzählung erreicht; nicht nur Menkes‘ kleiner Glaube, sondern auch Mendels Gottesverständnis (12) und Deborahs Skepsis (56) sind widerlegt.

Vielleicht muss als eine humane Einfärbung des großen Wunders gelten, was Menuchim über seine Heilung berichtet (120): Mendel hat einmal mit seinem Löffel an ein Glas geklingelt (vgl. 27), Billes‘ Schwiegersohn hat auf seiner Geige gespielt (120) – das hat offensichtlich dazu beigetragen, aus Menuchim den großen Musiker zu machen, ohne dass dadurch das Wunder seiner Rettung kleiner würde.

Es folgt noch die bereits zitierte Einsicht in die Unzufriedenheit des Menschen bzw. Mendels: „Eben hat er ein Wunder erlebt, schon will er das nächste sehn.“ (121) Am Schluss ist auch diese Unzufriedenheit verflogen: „Und er ruhte aus von der Schwere des Glücks und der Größe der Wunder.“ (123) – ein prächtiges Finale, welches andeutet, dass der Weg Mendels ins Alter ein Ende gefunden hat; mit diesem zweiten Thema neben der Verheißung-Wunder-Thematik werden wir uns befassen, wenn wir den Stellenwert der Hiobthematik genauer bestimmt haben.

Der Stellenwert des Buches Hiob (oder Ijob, wie es heute heißt) im Spektrum des Tun-Ergehen-Zusammenhangs, der in der Neuzeit unter dem Stichwort „Theodizee“ diskutiert wird:

Auf der Seite http://www.bibelwissenschaft.de/bibelkunde/themenkapitel-at/theodizee/ wird die Vorstellung vom Tun-Ergehen-Zusammenhang so dargestellt: „Im Alten Testament ist in den älteren Schichten die Anschauung belegt, daß sich Tun und Ergehen eines Menschen entsprechen. Wer nicht gerecht/ gemeinschaftstreu handelt, sammelt um sich eine unsichtbare Unheilssphäre, die einst auf diesen Übeltäter negativ zurückwirken wird. Dementsprechend ist jemand, der Gutes tut, auch mit einer guten Heilssphäre ausgestattet (Tun-Ergehen-Zusammenhang). Damit wird Leiden als notwendige Folge eigener Verschuldungen verstanden, die sich sogar ohne besonderes Zutun Gottes negativ auswirken können. Dieses Verständnis erreichte seinen Höhepunkt mit der allgemein akzeptierten Deutung der Zerstörung Jerusalems und des Exils als „gerechte“ Strafe für Israels Abfall.

Bis in die exilische Zeit hinein gab es folglich wenig Zweifel daran, daß Gott gerecht handeln würde. Wenn es auch in Israel wie in anderen Kulturen das Thema des leidenden Gerechten gab, so konnte man das Problem doch anfänglich damit lösen, daß man generationenübergreifend dachte: das dem Gerechten fehlende Wohlergehen werde seinen Nachkommen eignen (vgl. Dtn 5,9f: Gott sucht Schuld bis in das dritte und vierte Geschlecht heim, übt aber Gnade bis in das 1000. Geschlecht).

Doch immer mehr brach sich die Erkenntnis Bahn, daß einerseits sich Tun und Ergehen nicht immer wirklich entsprechen und andererseits das Verschieben auf spätere Generationen keine Lösung sein konnte.“

An dieser Stelle setzt das biblische Buch Hiob ein: „Der wichtigste Versuch zur Bewältigung dieser Problematik findet sich in den Dichtungen des Ijobbuches, in denen die Anklagen gegen Gott in bis dahin nicht gehörter Schärfe formuliert werden. Doch zu einer Lösung kommt es auch hier nicht. Gott redet zweimal mit Ijob, er verweist auf seine Majestät und die Schönheit der Schöpfung; er, Gott, dämmt allein das Chaos ein. Doch auf Ijobs Anklagen und die Herausforderungen geht er nicht ein. Dennoch unterwirft Ijob sich Gott und bekennt, ohnmächtig und unwissend zu sein. Die Lösung des Ijobbuches wird man so verstehen müssen, daß Gott dem Bösen einen Raum in der Schöpfung zugestanden hat, auch wenn er letztlich der allen Überlegene ist. Warum das so ist, weshalb Gott das Leiden der Menschen in Kauf nimmt, darauf wird offenbar keine Antwort gegeben oder es liegt außerhalb des Horizontes der Dichtung.“ (Differenzierter ist die Darstellung im WiBiLex, Stichwort „Tun-Ergehen-Zusammenhang“; ganz knapp ist http://de.wikipedia.org/wiki/Tun-Ergehen-Zusammenhang, vgl. auch http://de.wikipedia.org/wiki/Ijob sowie die Suchwörter „Tun-Ergehen-Zusammenhang“, „Hiob“ und „Theodizee“ in den Suchmaschinen).

Die Hiob-Thematik im Roman ist vom Umfang begrenzt und in der Sache dem Thema „Wunder“ untergeordnet. Bereits im zweiten Satz („Er war fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich…“, 5) wird ein Parallele zum biblischen Hiob gezeichnet: „Dieser Mann war untadelig und rechtschaffen; er fürchtete Gott und mied das Böse.“ (Ijob 1,1) Eine zarte, noch ironische Andeutung der Hiob-Situation findet man, als erzählt wird, wie den älteren Söhnen der Familie Singer die Einberufung zum Militär droht: „Anderen Jünglingen hatte eine gnädiger und vorsorglicher Gott ein körperliches Gebrechen mitgegeben…“ (19). Diese Andeutung wird bald ausgebaut: Man sieht sich sowohl mit dem kranken Menuchim wie mit den gesunden Söhnen gestraft (26, vgl. 24 und 28). Deborah wirft Mendel vor, ein hilfloser dummer Lehrer zu sein, „und in seinem Herzen züngelten bereits die weißen Stichflämmchen der Empörung“ (26).

Die Debatte um den Zusammenhang vom eigenen Tun und der Strafe Gottes kommt gelegentlich auf (56 – diese Stelle ist bereits im Wunder-Zusammenhang besprochen). Ganz verschwunden sind alle Zweifel Mendels, als er Jonas’ Brief erhalten hat: „Auch über ihm wölbte sich Gottes breite, weite, gütige Hand.“ (77, mit Bezug auf Billes Wohlergehen, 59) Mendel ist seinem Gott treu, er singt seine Psalmen in guten wie in bösen Stunden (81).

Das ändert sich, als Sam und Deborah sterben (85 f.) und Mirjam irre wird (87 f.). Mendel merkt, wie er einsam geworden ist (91). „Es galt, nur noch eine Beziehung zu kündigen.“ (91) – die Beziehung zu Gott. Er schickt sich an, alle Gebetsutensilien zu verbrennen (91 f.), aber seine Hände versagen ihm den Dienst (92). Seine Freund kommen, ermahnen ihn zur Treue und erinnern ihn an Hiob (92 f.). Gegen ihren Trost fragt er: „Habt ihr schon wirkliche Wunder gesehen, mit euren Augen?“ (94 – siehe oben zum Thema „Wunder“). Von diesem Tag an betet er nicht mehr (96). „Als erbarmungswürdiger Zeuge für die grausame Gewalt Jehovahs lebte er in der Mitte der andern, deren mühseligen Wochentag kein Schrecken störte.“ (97) Aber es tut Mendel weh, dass er nicht mehr betet (97). Er denkt sich auch schreckliche Lästerungen aus (99).

Als er nach Kriegsende Menuchims Lied hört, setzt seine Verwandlung ein (101 f.). Es wird Frühling, die Feier des Osterfestes wird vorbereitet (102) – Mendel wartet zwar ausdrücklich nicht auf den Messias, aber er erscheint den Nachbarn doch verändert (103). Die Begegnung mit dem Bild von „Kossaks“ Augen (108 f.), mit der Osterliturgie (110) und dann mit dem noch unerkannten Menuchim (111 f.) bringen ihn bereits dazu, das „Halleluja“ mitzusingen. Am Ende ist die Verwandlung abgeschlossen, siehe oben „Verheißung-Erfüllung“ und das Thema „Wunder“.

Der Hiob-Aufstand Mendels ist in dem Augenblick erfolgt, als er beinahe seine ganze Familie verloren hat (85 ff.). Doch hat Mendel es nicht fertiggebracht, sich ganz von Gott loszusagen (97), und die Lästerungen denkt er sich auch nur aus, ohne sie auszusprechen (99, vgl. 90: „Bin ich verrückt geworden…“). Das Wunder, das er erlebt (117 ff.), bringt ihn vollends auf den rechten Weg zurück. Er erwartet schließlich, dass er auch Jonas und Mirjam wiedersehen wird, um „nach späten Jahren in den guten Tod ein[zu]gehen, umringt von vielen Enkeln und ‚satt am Leben’, wie es im ‚Hiob’ geschrieben stand“ (121). Zum Schluss ist „Hiob“ also das Stichwort des gelungenen Lebens und Sterbens.

Die zuletzt zitierte Stelle von der Hoffnung Mendels (121), alt und lebenssatt zu sterben, wie es Buch Hiob geschrieben steht, verweist auf einen anderen Aspekt des Romans „Hiob“: Joseph Roths Roman „Hiob“ handelt auch vom Altern Mendels, dem er zuerst erliegt und das er schließlich meistert – der Roman ist ein Krisenroman, in dem der glaubende und der alternde Mendel Singer gefährdet ist und gerettet wird.

Die Glaubenskrise ist bereits unter dem Stichwort „Hiob“ besprochen, sodass jetzt nur noch die Krise des Alterns darzustellen ist: Den Ausgangspunkt des erzählten Geschehens markiert die Beschreibung Mendel Singers gleich am Anfang (5 f.): Er ist 30 Jahre alt, ein Lehrer mit Frau und drei Kindern, sein Leben rinnt stetig dahin, er hat nichts zu bereuen und begehrt nichts, er liebt sein Weib und ergötzt sich an ihrem Fleisch. Furcht und Kummer brechen in das Leben der Familie, als ihrem Sohn Menuchim die Impfung droht (9) – anscheinend eine antijüdische Aktion. Eines Tages bemerkt Deborah die ersten weißen Haare in Mendels schwarzem Bart und sieht, wie sie auch selbst alt wird (15). „Seit diesem Tage hörte die Lust auf zwischen Mendel Singer und seiner Frau.“ (16) Sie leben nebeneinander her, im gleichen Rhythmus altern ihre Gesichter und ihre Leiber (16).

Zehn Jahre später ist sein Bart ergraut. „Früh verwelkt waren auch Angesicht, Körper und Hände Deborahs“ (18) – aber die beachten wir ab jetzt nicht mehr, weil der Roman wesentlich vom Altern Mendels handelt. Mit den Sorgen um die Einberufung der Söhne kommt die Einsicht auf, dass „Gott uns gestraft hat“ (24) – solche Querbeziehung zu anderen Themen sollte man immer beachten: dies nur als methodischer Hinweis. In einer bald folgenden Charakterisierung Mendels ist die Entfremdung von seiner Frau noch größer geworden: Er mag ihr Gesicht nicht mehr sehen, er ist mit der Hässlichkeit verheiratet; er erlebt sie wie eine Krankheit, „mit der man Tag und Nacht verbunden ist“ (26). Auch Schemarjahs Abschied enthält ein Todesignal, er soll „ein Abschied für immer“ sein (32). „Also verrannen die Jahre.“ (35)

Eines Tages glaubt er, „zum ersten Mal in seinem Leben deutlich das lautlose und tückische Schleichen der Tage zu fühlen“ (40); die Söhne sind verschwunden, Mirjam schaut einem Amerikaner nach, nur er selber bleibt Lehrer und Menuchim bleibt krank. Als die Reise nach Amerika vorbereitet wird, bleiben alsbald die meisten Schüler weg – das Haus Mendel Singer beginnt offensichtlich zu zerfallen (59); er hört auf, Lehrer zu sein.

In Amerika ist er zuerst einsam, aber dann in NY doch zu Hause (69). Er wandert dem Greisenalter entgegen; statt dass um 15 Uhr die Schüler kommen, legt er sich zum Mittagsschlaf aufs Sofa und lebt ansonsten gleichförmig von Tag zu Tag (73). Als Jonas‘ Brief kommt, fühlt er sich zwar in Gottes Hand geborgen; aber trotzdem nähert sich ihm der Tod – bald 59 Jahre ist er alt. „Der Rücken krümmte sich und die Hände zitterten. Der Schlaf war leicht und die Nacht war lang.“ (77) Als seine Hiob-Krise ausbricht (91), fällt ihm ein, dass er seit Jahren einsam ist – seit dem Tag, „an dem die Lust zwischen seinem Weib und ihm aufgehört hatte“ (91). Mendels Hiob-Krise ist bereits oben besprochen worden. Seine Gestalt wird kleiner und kleiner (100); doch Menuchims Lied leitet den Wandel ein (s. oben).

Das große Wunder, Menuchims Heilung und Aufstieg, seine Ankunft beim Vater, bringt dann die große Wandlung Mendels mit sich: Er erwartet, dass er auch Jonas und Mirjam wiedersehen wird, um „nach späten Jahren in den guten Tod ein[zu]gehen, umringt von vielen Enkeln und ‚satt am Leben’, wie es im ‚Hiob’ geschrieben stand“ (121). Zum Schluss ist „Hiob“ also das Stichwort eines gelungenen Lebens und Sterbens. Wie Mendel Singer sich verändert hat, zeigt sich dann, als er ein Foto von Menuchims Kindern betrachtet. In dem Mädchen glaubt er ein Kinderbild Deborahs zu sehen. „Dankbar erinnerte sich Mendel an ihre junge Wärme, die er einst gekost hatte, ihre roten Wangen, ihre halboffenen Augen, die im Dunkel der Liebesnächte geleuchtet hatten…“ (122 f.) – auch die Bitterkeit gegenüber seiner Frau (vgl. 16 und 26, s. oben!) ist verschwunden in der großen Erinnerung an das, was in seinem Leben gut und schön war. „Und er ruhte aus von der Schwere des Glücks und der Größe der Wunder.“ (123, der letzte Satz des Romans) Die Ruhe Gottes, das ist eine große Hoffnung, von der im Hebräerbrief (4,9-11) Folgendes zu lesen ist: „Folglich steht die versprochene Ruhe, der große Sabbat, dem Volk Gottes erst noch bevor. Denn wer in die Ruhe Gottes gelangt ist, ruht auch selbst aus von seiner Arbeit, so wie Gott ausruht von der seinen. Wir wollen also alles daransetzen, zu dieser Ruhe zu gelangen!“ Zumindest an diesem Tag ist Mendel Singer zu Gottes Ruhe gelangt. (Vgl. zu RUHE GOTTES auch Ausführungen über den Sabbat: http://de.wikipedia.org/wiki/Sabbat oder http://www.erwin-schmidt.de/Texte/SABBAT.pdf, http://www.bibelkommentare.de/index.php?page=dict&article_id=130 oder http://www.bibelwissenschaft.de/nc/wibilex/das-bibellexikon/details/quelle/WIBI/zeichen/s/referenz/25732/cache/5ab3246d1bcdcb990d75179a75b0c1f1/ u.ä. )

Figurenlexikon zum Roman: http://literaturlexikon.uni-saarland.de/index.php?id=4689

Kommentierte Links zum Roman: https://norberto42.wordpress.com/2011/11/27/joseph-roth-hiob-kommentierte-links/

Klausur: https://norberto42.wordpress.com/2015/11/13/klausur-zu-roth-hiob-kap-ix/

http://lib.ugent.be/fulltxt/RUG01/002/060/253/RUG01-002060253_2013_0001_AC.pdf (Analyse des Verhältnisses zwischen dem Heimatbegriff und dem Motiv des Gasthauses bei Joseph Roth: Diplomarbeit, u.a. zu „Hiob“)

P.S. Zum Rahmen der Lektüre des Romans: Dieter Liewerscheidts Aufsatz „Joseph Roths Roman Hiob zwischen Wunschdenken und Ironie“, in: literatur für leser (36. Jg., S. 141 ff.). Ich referiere verkürzend:

Thematisch geht es um den bedrohten Zusammenhang einer ostjüdischen Familie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Verschiedene Möglichkeiten der Auslegung werden in der Literatur vorgeschlagen:

1) Es geht um die Fortexistenz der ostjüdischen Lebensform zur Zeit der Romanentstehung, heute muss der Holocaust als Hintergrund beachtet werden.

2) Zugang zum Roman gewährt der biblische Prätext. Neben den Gemeinsamkeiten der Figuren Mendel und Hiob steht als Unterschied die Frage der Assimilation in Russland und dann in Amerika; auch ist die Figur Mendel von moralischen Selbstzweifeln frei und wird psychologisch nicht problematisiert.

3) Der Roman soll die Welt des Ostjudentums den Lesern näher bringen; diese Lesart gilt aber als fragwürdig.

4) Es geht um das Assimilationsproblem, v.a. im 2. Teil des Romans. Die Auswanderung dient der Assimilationsverweigerung, die amerikanische Assimilation der Kinder scheitert letztlich, Mendel wird von der Stadt NY überwältigt. Nur Menuchim gelingt die Assimilation mit seinem Lied.

Liewerscheidt macht die Auslegung des Schlusses zum Schlüssel des Romans:

a) Man kann den Schluss als Belohnung und Bestätigung jüdischer Orthodoxie lesen, sozusagen märchenhaft.

b) Man ihn als Dokument eines solchen Wunschdenkens lesen; Mendel gibt am Ende den Widerstand gegen die Assimilation auf.

c) Liewerscheidt plädiert dafür, dass der Erzähler gegenüber diesen beiden Lesarten einen ironischen Vorbehalt äußert. „Es ist allerding eine sanfte Form der Ironie, welche die Empathie mit seinem Protagonisten und dem ostjüdischen Dilemma, das er repräsentiert, nicht preisgibt.“ (S. 152)

Voltaire: Candide – Inhalt, Aufbau, Interpretation

Ich beziehe mich hier auf die Ausgabe insel taschenbuch 11 von 1973, in der Übersetzung von Ilse Lehmann (die Rechte in der DDR zu kaufen war wohl billiger, als selber übersetzen zu lassen), mit Zeichnungen von Paul Klee. Das Buch hat 1973 vier D-Mark gekostet. Ich stelle den Inhalt des Romans und kurz auch die Art, wie er erzählt wird, vor.

Im 1. Kap. werden Herkunft, Heimat und Charakter Candides beschrieben. Er ist wohl der uneheliche Neffe des Barons Thunder ten Tronck, eines armen Freiherrn in Westfalen. Candide hat einen sanftmütigen Charakter, ist arglosen Gemüts und hat (ironisch!) „gesunden Menschenverstand“ (S. 9); er glaubt in seiner Vertrauensseligkeit alles, was der Hauslehrer Pangloss lehrt: die Metaphysico-theologico-cosmologie.

Diese Lehre wird [Parodie der Philosophie des großen Leibniz und der Aufklärung, siehe den folgenden Exkurs!] als Sammlung von banalen Grundsätzen („keine Wirkung ohne Ursache“, S. 10) und naivem Anthropozentrismus vorgeführt: Alle Dinge sind zu einem bestimmten Zweck geschaffen, die Nasen für das Brilletragen, die Schweine zum Gegessenwerden usw., woraus man ersieht: „alles ist aufs beste bestellt“ (S. 11). In seiner Unschuld glaubt Candide das alles (S. 11) – der Erzähler distanziert sich deutlich von Herrn Pangloss.

[Exkurs: Leibniz hat 1714 in seiner „Monadologie“ die beiden Hauptprinzipien des vernünftigen Denkens so skizziert:

„§. 30. Unsere Schlüsse gründen sich auf zwei große Haupt-Wahrheiten / worunter die eine das Principium contradictionis oder der Satz des Widerspruchs ist / vermöge dessen wir urteilen / daß dasjenige / welches etwas widersprechendes in sich fasset / falsch / hingegen aber wahr sei / welches dem falschen gerade zuwider laufet oder entgegengesetzet ist.

§. 31. Die andere Haupt-Wahrheit ist der Satz des zureichenden Grundes oder das Principium rationis sufficientis, durch Hülfe dessen wir betrachten / daß keine Begebenheit wahrhaftig und würklich vorhanden / kein Satz echt oder der Wahrheit gemäß sein kann, wo nicht ein zureichender Grund sei / warum das Factum oder der Satz sich vielmehr so und nicht anders verhalte; ob gleich diese Gründe uns sehr öfters ganz und gar unbekannt sein können.]

Die Baronin wiegt 350 Pfund, ihre Tochter Kunigunde ist 17 Jahre alt, „frisch, mollig und appetitlich“ (S. 10). Diese beobachtet, wie der große Pangloss einer Zofe im Freien „Unterricht in Experimentalphysik“ gibt (S. 12), also mit ihr der Liebe pflegt, sodass man seinen zureichenden Grund (Penis) sehen konnte. Davon angetan lässt Kunigunde sich aufs Knutschen mit Candide ein, worauf dieser fortgejagt wird. – Kunigunde hat einen Bruder.

Satirisch werden auch die bescheidenen Verhältnisse auf dem Schloss beschrieben, das sogar eine Tür und Fenster nebst einigen Wandteppichen aufweist und somit (im Sinn der Theorie des Pangloss) das schönste aller Schlösser ist; der ist „der größte Philosoph der Provinz und somit auch der ganzen Welt“ (S. 11).

Im 2. Kap. macht Candide (= C) seine Erfahrungen mit der besten aller Welten: Halb erfroren wird er von bulgarischen Werbern aufgegriffen und als Gast freigehalten („Wir Menschen sind doch dazu da, uns gegenseitig zu helfen.“, S. 15), dann gefesselt und als Rekrut ausgebildet. Ein Spaziergang wird als Fahnenflucht ausgelegt; er muss Spießruten laufen, der König rettet ihn eher zufällig vor dem Tod und erkennt in ihm „einen in den Dingen dieser Welt reichlich unerfahrenen jungen Metaphysiker“ (S. 17).

Die Freiheit des Willens wird parodiert (frei spazieren gehen wird bestraft; Wahl zwischen Spießruten laufen und erschossen werden, S. 16 f.). Das Erzähltempo ist rasant.

Die fällige Schlacht zwischen Bulgaren und Avaren (3. Kap.) wird in Pangloss’ Sprache berichtet: Die Musketen befreien die beste aller Welten von 9.000 – 10.000 Schurken, die Bajonette sind der zureichende Grund des Todes von weiteren Tausenden … C flieht, er kommt durch zwei verwüstete Dörfer nach Holland. Er bekommt weder Almosen noch Hilfe von einem evangelischen Prediger, der eine Stunde lang über Wohltätigkeit geredet hat; ein Wiedertäufer (also ein „Ketzer“) gibt ihm dagegen Arbeit und Brot.

Auf einem Spaziergang trifft er am nächsten Tag einen verkommenen, kranken Bettler, der beim Husten sein Zähne ausspuckt – damit wird das nächste Kap. vorbereitet.

Dieser Bettler ist niemand anderes als Pangloss (4. Kap.); das Schloss ist verwüstet, die Bewohner sind tot, berichtet dieser. C erkundigt sich „eingehend nach Ursache und Wirkung und nach dem zureichenden Grund“ (S. 23 f.) von seines Lehrers Zustand: Pangloss hatte sich bei der Zofe Paquette die Syphilis geholt – die Geschichte dieser Syphilis wird über Patres, Pagen und Marquisen bis in des Columbus Zeit zurückverfolgt. Pangloss erklärt C das Gute dieser mit der Entdeckung Amerikas verbundenen Krankheit; er wird vom Wiedertäufer Jacques als Buchhalter eingestellt. Dieser widerspricht des Pangloss Theorien: Die Menschen seien böse und nicht so, wie sie geschaffen wurden. Pangloss kontert: „Alles dies ist unerlässlich, auf dem Unglück einzelner baut sich das Wohl der Allgemeinheit auf, so dass also das Glück der Gesamtheit umso größer ist, je mehr privates Unglück es gibt.“ (S. 27).

Hier haben wir mit Pangloss (= P) den ersten Fall, dass Figuren erzählerisch recycelt werden: Ihr Geschick wendet sich total, was einmal erzähltechnisch ökonomisch ist, aber auch der großen Theorie des P widerspricht: Die Welt ist doch nicht stabil eingerichtet … Auf der Fahrt nach Lissabon gerät ihr Schiff in einen Sturm und der Leser so ins 5. Kapitel:

Das Schiff geht unter; nur C und P überleben mitsamt einem üblen Matrosen, während der gute Jacques wie die anderen absäuft. P beweist, dass die Reede von Lissabon eigens dazu angelegt worden war, dass Jacques dort den Tod fand … Der Matrose raubt und hurt in der verwüsteten Stadt; P schwadet zuerst und rettet dann doch den verschütteten C. P erklärt den wenigen Überlebenden, dass das Erdbeben notwendig eintreten musste und „daß sich Ereignisse dort abspielen müssen, wo sie entstehen. Also ist alles gut.“ (S. 31)

Im Theoretisieren geraten C und P an einen Spitzel der Inquisition, wodurch eine Anschlussstelle fürs Weitererzählen geschaffen wird.

Von jetzt an raffe ich die Darstellung, weil das Prinzip der Erzählens klar geworden sein sollte:

6. Kap. Wie man zur Verhinderung von Erdbeben ein schönes Autodafé veranstaltete, und wie Candide ausgepeitscht wurde

P wird aufgehängt, andere verbrannt; C wird von Zweifeln an P.s Lehre befallen.

7. Kap. Wie Candide von einem alten Weib gepflegt wurde, und wie er den Gegenstand seiner Liebe wiederfand

Kunigunde, die nicht gestorben war, ist die Herrin der Alten, die ihn gepflegt hat.

8. Kap. Kunigundes Geschichte

Kunigunde (= K) verwirft als Augenzeugin des Autodafés (6. Kap.) P.s Lehre, „alles in der Welt sei aufs beste bestellt“ (S. 44).

9. Kap. C ersticht die beiden „Besitzer“ K.s; sie fliehen mit der Alten.

10. Kap. Sie reisen nach Südamerika, C wird Oberst; sie diskutieren P.s Lehre.

11. und 12. Kap. Die Alte, eine vormals schöne Papsttochter, erzählt ihre Lebensgeschichte. – Hier wie auch sonst wird teils von Figuren, teils vom Erzähler erklärt, dass Schinden, Morden usw. allgemein üblich ist: ein Kommentar zu P.s Lehre! Die Alte weiß, dass jeder „mehr als einmal sein Leben verflucht und sich […] so oder so für den allerunglücklichsten Menschen gehalten hat“ (S. 65).

13. Kap. C sieht sich nun erfahren genug, gegen die Theorie P.s Einwände zu machen.

K soll einen Gouverneur heiraten, C. muss fliehen.

14. Kap. Cacambo, ein Diener C.s, taucht als Figur auf und ist kundiger Führer in Südamerika. Bei den Jesuiten in Paraguay ist der Pater Kommandant K.s Bruder.

Ein Beispiel für die im Roman immer präsente Sozial- und Kirchenkritik: Cacambo beschreibt C die Zustände in Paraguay: „Den Padres gehört dort alles, dem Volke nichts – das Ganze ist ein Meisterwerk der Vernunft und Gerechtigkeit! Ich für meinen Teil kenne nichts Verehrungswürdigeres als diese Padres.“ Denn in Amerika bekämpfen sie die Könige von Spanien und Portugal, in Europa nehmen sie ihnen die Beichte ab (S. 73).

15. Kap. K.s Bruder erzählt seine Geschichte. C ersticht ihn, als der Pater ihn angreift, weil C (mit nur 71 statt 72 adeligen Ahnen!) es wagt, K heiraten zu wollen.

16. Kap. Und wieder triumphiert das Völkerrecht, da es erlaubt, seinen Nächsten zu töten, falls er ein Feind ist. Außerdem treiben manche Damen es mit Affen, die ja bekanntlich zu einem Viertel Menschen sind … Unsere Reisenden wären beinahe aufgegessen worden, beinahe – als Gegner der Jesuiten überleben sie.

17. Kap. Die beiden kommen versehentlich ins Land Eldorado und erleben dort die andere, die schöne alte Welt.

18. Kap. Eldorado ist ein utopisches Gegenbild Europas (bzw. der Welt): Gäste werden bewirtet, Gefängnisse gibt es nicht, die Menschen streiten sich nicht und verbrennen keine Ketzer … Dort ist es besser als in Westfalen, stellt C fest (S. 93,97). „Eines ist sicher – man muß eben reisen.“, denkt C (S. 97). – Sie reisen ab, um als reich beschenkte Leute in Europa zu leben und K freizukaufen.

19. Kap. Von den vielen Hammeln und dem Gold, mit dem sie beladen sind, bleiben ihnen nur zwei. Sie treffen einen von Weißen geschundenen Neger: C erwägt, ob er nicht seinen Optimismus aufgeben muss – Optimismus, „das ist der Wahnsinn, zu behaupten, daß alles gut sei, auch wenn es einem schlecht geht“ (S. 105). – Der vollständige Titel des Romans lautet bekanntlich: Candide oder der Optimismus.

Cacambo reist mit viel Geld ab, um K loszukaufen. C wird fast um sein ganzes Vermögen betrogen (hat aber später immer noch Geld). C wählt sich unter den Unglücklichsten den Gelehrten Martin als Reisebegleiter aus.

20. Kap. Martin ist Manichäer: Er hat nur Böses in der Welt erlebt. – Einer der beiden Hammel C.s wird beim Untergang eines Piratenschiffs gerettet.

21. Kap. Martin und C philosophieren.

22. Kap. Was Candide und Martin in Frankreich erlebten – ein Land von Verrückten (das Land Voltaires!); nebenbei bekommen Theater- und Kunstkritiker ein paar Seitenhiebe ab (S. 125 ff.). Martin vertritt das Gegenteil von P.s Lehre: „Ich finde im Gegenteil, daß bei uns alles verkehrt geht: kein Mensch ist sich über seinen Stand und seine Aufgabe im klaren“, die Zeit vergehe in Zänkereien usw. (S. 130).

Ein betrügerischer Abbé schreibt einen fingierten Liebesbrief der K und knöpft C Geld ab, worauf sich viele in Paris verstehen. Unsere beiden Freunde stechen in See.

23. Kap. Zwischenlandung in England, wo kurzerhand ein Admiral erschossen wird. Sie reisen nach Venedig weiter, um Cacambo mit K zu finden.

24. Kap. Sie finden die beiden jedoch nicht. Nur in Eldorado ist die Welt gut, stellt Martin fest. – Sie treffen die verliebt mit einem Mönch turtelnde Paquette, die als Nutte in Wahrheit unglücklich ist.

25. Kap. Besuch beim Edelmann Poccurante, der zwar die besten Kunstwerke der Welt besitzt, aber an allen viel zu kritisieren hat. [Parallele zum 22. Kap.]

Objektive Ironie: C hält den Edelmann für großartig, für einen überlegenen Geist: „Nichts vermag ihm zu gefallen.“ (S. 156) Doch ist Poccurante nicht allem überlegen, wie C meint, sondern unglücklich, wie Martin es sieht.

26. Kap. C speist in Gesellschaft von sechs absetzten Königen, worunter einer Sultan war. Cacambo, jetzt Sklave des Sultans, taucht auf – die Erzählung beginnt sich zu runden, von nun an tauchen die alten Figuren wieder auf: Er weist C in die Türkei, wo K als Sklavin lebt.

27. Kap. Darauf neigt C wieder zu P.s Lehre. Cacambo erzählt seine Geschichte und wird freigekauft. C trifft P. und K.s Bruder, die als Galeerensklaven auf dem Schiff arbeiten, wieder. Er kauft sie frei, sie brechen zu K auf.

28. Kap. Die Freigekauften erzählen ihre Geschichten; für P als Philosophen ist es „unmöglich, meine Worte zu widerufen, um so weniger, als Leibniz ja nicht unrecht haben kann und es im übrigen nichts Schöneres auf der Welt gibt als die prästabilierte Harmonie, den erfüllten Raum und die immaterielle Substanz“ (S. 174).

29. Kap. Man trifft die furchtbar hässlich gewordene K und kauft sie mitsamt der Alten los. K drängt aufs Heiraten; ihr Bruder widersetzt sich dem, weil die Kinder nicht in ein deutsches Ordensstift eintreten dürften.

30. Kap. Nur der Widerstand des Bruders reizt C, K zu heiraten; der Bruder wird zwangsweise zu den Jesuiten zurückgeschickt. – C hat am Ende von seinem Reichtum nur eine kleine Meierei und eine hässliche und zänkische Frau. Die klugen Köpfe disputieren oder lanweilen sich. Paquette und der Mönch treffen bettelarm bei ihnen ein.

P, C und M treffen einen alten freundlichen Mann (S. 182 ff., womit das Geschehen den entscheidenden Dreh zum Abschluss bekommt), der sich nicht um Konstantinopel und die Ermordung von Wesiren kümmert. Er lädt sie zu sich ein und bewirtet sie köstlich. Er bebaut mit seinen Kindern 20 Morgen Land: „Die Arbeit hält drei große Übel von uns fern: die Langeweile, das Laster und die Not.“ (S. 183) Nach dem Besuch beim alten Türken schwadroniert P wieder, aber C und M wollen im Garten arbeiten, „ohne viel zu grübeln, das ist das einzige Mittel, um das Leben erträglich zu machen“, sagt M (S. 184). So arbeitet denn jeder in der Gemeinschaft an seiner Stelle; und als P seine alten Theorien erneut vorträgt, antwortet C: „Sehr richtig, aber wir müssen unsern Garten bestellen.“ (S. 184)

Figuren, Thema und Konstruktion des Romans „Candide oder der Optimismus“

Der Held des Romans ist Candide. Er kehrt sich von der These des Optimismus ab, dass wir in der besten aller Welten bzw. in einer von Gott „gut“ geschaffenen Welt leben. Sein Gegenspieler ist Pangloss, der in ihm diesen naiven Glauben durch schlaue Worte bestärkt.

Candide entwickelt sich von einem naiven „Jüngling“ zu einem vernünftigen Mann, der auf leere Spekulationen verzichtet und seiner Arbeit nachgeht. Die Stufen der Entwicklung sind diese:

* Glaube an des Pangloss Lehre;

* Zweifel an dieser Lehre [hier findet jedoch keine „Entwicklung“ statt, sondern es wird nur eine Position bezweifelt; die erzählten Ereignisse haben ihren Wert eher als Anlass zur Kirchen- und Sozialkritik!];

* Einsicht in die Möglichkeit guten Lebens, vermittelt durch das Beispiel des alten Türken.

Gleichwohl bzw. deshalb haben wir keinen Entwicklungsroman vor uns:

* Die Figuren sind bloße Träger von antimetaphysischen Schicksalen und Vertreter von Ideen; sie haben kein Eigenleben als Charaktere.

* An ihnen wird vorgeführt, wie unsinnig des Pangloss Lehre (und die europäische Sozialordnung) ist.

* Der Gegenspieler Candides ist weniger der Schwätzer Pangloss als seine eigene Naivität. Für diese Naivität steht schon das westfälische Schloss Thunder ten Tronck – welche ein Name! – der Arsch der Welt. (Martin ist philosophisch ein Gegner des Pangloss, aber sie produzieren nur Theorien bzw. Ideologie.)

* Die Einsicht Candides ist nicht Ergebnis einer Reifung, sondern eher zufällig, nämlich an einem Beispiel gewonnen: Der Roman hätte auch mit Kap. 20 enden können – nur das 30. Kapitel wäre noch nötig, um das Geschehen abzuschließen.

Der Erzähler ist die interessanteste „Figur“: Er erzählt zu Beginn (ironisch) im Sinn der Lehre des Pangloss, kann aber auch Candide offen die Auffassung Voltaires vertreten lassen (z.B. Definition des Optimismus, S. 105). Wir haben also quasi einen ironisch-auktorialen Erzähler vor uns.

Die Zeit als Dauer der Ereignisse spielt keine Rolle, sie ist nicht greifbar; das trägt zur rasanten Abfolge der Ereignisse bei, die jede Ordnung vermissen lassen. Von den Orten sind vielleicht vier von Bedeutung: Westfalen als tiefste Provinz und Ort des naiv-weltfernen Optimismus leibniz’scher Prägung, das ferne Südamerika als „Ort“ des utopischen Eldorado, das heimische Frankreich als Land der Betrüger und die fremde Türkei als Land, wo ein Mann (vermutlich ein Moslem) durch sein Beispiel Candide zur Einsicht verhilft (evtl. noch Europa/Südmerika als Schauplatz unchristlichen Treibens).

Eldorado als Gegenbild zeigt einmal, wie unsinnig des Pangloss Lehre in unserer Welt ist, dient aber auch zur Kritik an den christlichen Kirchen und den Machtverhältnissen in der ganzen Welt. Die Kritik an Königen, Geschäftsleuten und „Christen“ taucht bereits im 1. Kap. auf [nur Leute mit 72 Ahnen heiraten dürfen, wobei 72 ohnehin eine unsinnige Zahl von Vorfahren ist, weil die bei strenger Blaublütigkeit im Verfahren des Verdoppelns gezählt werden müssten: 64 wäre eine richtige Vorfahrenzahl; oder im Verfahren 2(n + 2n +4n usw.)], im 2. Kap. (was Könige veranstalten lassen), im 3. Kap. (wie hartherzig Pfarrer trotz frommer Worte sind) und durchzieht, ja bestimmt das ganze Buch – vielleicht dient sogar des Pangloss Lehre hauptsächlich dazu, die Folie von Voltaires Kritik zu sein; denn philosophisch ist jene bereits mit dem 2. Kapitel erledigt, wenn sie denn überhaupt das 1. Kapitel übersteht.

Außerdem möchte ich einige Links zum Verständnis bzw. zur Interpretation des Romans nennen:

http://www.goldlay.de/haus/candid.html

http://www.sparknotes.com/lit/candide/themes.html

http://www.correspondance-voltaire.de/html/250_jahre_candide.htm

http://yalepress.yale.edu/yupbooks/excerpts/voltaire_candide.pdf

http://www.shmoop.com/candide/plot-analysis.html

http://www.raffiniert.ch/svoltaire.html (Inhalt, ausführlich)

Der Kontext des Buches wird von Odo Marquard erklärt: http://www.nzz.ch/2005/10/29/li/articleD47BO.html

Wolfgang Schirmacher zeigt den Fortgang der Diskussion bis zu Schopenhauer: http://www.egs.edu/faculty/schirmacher/schirmacher-systematischer-optimismus-und-oekologische-philosophie.html

Zur Bedeutung des Erdbebens von Lissabon (1755): http://www.scienzz.de/magazin/art10100.html

Leben und Werk Voltaires: http://www.bautz.de/bbkl/v/voltaire.shtml (inzwischen kostenpflichtig), http://de.wikipedia.org/wiki/Voltairehttp://www.correspondance-voltaire.de/ (mit „Candide“!), http://www.raffiniert.ch/svoltaire.html (mit „Candide“!), http://www.klassiker-der-weltliteratur.de/voltaire.htm

Voltaires Roman reizt zur produktiven Auseinandersetzung. Ich kenne vier Beispiele:

Enzensbergers Gedicht „Candide“ (in: Verteidigung der Wölfe, 1957);

E. Y. Meyer: Ach, Egon, Egon, Egon. Ein Briefwechsel mit Monsieur de Voltaire anläßlich seines „Candide“ (in: Ein Schriftsteller schreibt ein Buch über einen Schriftsteller, der zwei Bücher über zwei Schriftsteller schreibt …, hrsg. von Gerhard Köpf, 1984, S. 147 ff.);

Volker Brauns Rede bei der Entgegennahme des Candide-Preises 2009: „Was Candide in seinem Garten widerfuhr“ (SZ 19. November 2009, S. 14).

Ganz frisch ist Bruno Preisendörfers Recycling: Candy oder Die unsichtbare Hand. Nach einer berühmten Vorlage des Herrn von Voltaire erzählt und auf den Stand der Neuen Weltordnung gebracht. Illustriert von Wolfgang Würfel. Verlag Das Arsenal, Berlin 2012 (besprochen in der SZ vom 31.01.2012 von Lothar Müller).

In meiner Ausgabe von Elisabeth Frenzels „Motive der Weltliteratur“ fehlt ein Artikel „Candide“ – eine Lücke, finde ich.

P.S. Zur logischen Bewertung des „Candide“ ein Auszug aus Schleicherts Buch „Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren“ (Text aus dem Internet, daher ohne Seitenangaben):

„Im Argument ad lapidem wird eine handfeste triviale Tatsache angeführt, durch welche eine subtile, theoretische Argumentation widerlegt werden soll, ohne im einzelnen auf deren eventuell raffinierte Gedankenführung einzugehen. Es macht den Reiz dieser Figur aus, daß nicht ohne weiteres zu entscheiden ist, ob sie überzeugend sein wird oder nicht.

Ein geistesgeschichtlich berühmtes Beispiel ist Voltaires philosophischer Roman Candide, der sich in satirischer Form gegen Leibnizens These richtet, diese unsere Welt mitsamt ihrem ganzen Elend sei die beste aller möglichen. Leibniz hatte das Problem der Theodizee – wir sind ihm ja schon begegnet – dadurch gelöst, daß er philosophisch nachwies, eine bessere Welt als diese, unsere, sei gar nicht möglich.
Anstatt aber auf Leibnizens tiefgründige Argumentation einzugehen, schildert Voltaire im Candide ein einzelnes menschliches Leben, das buchstäblich von einem Unglück ins nächste taumelt. In die Schilderung aller Leiden und Unglücksfälle dieses Lebens werden gelegentlich Kommentare im Stile der Leibnizschen Philosophie eingeblendet. Voltaire erspart sich eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dieser Philosophie, er konfrontiert sie einfach mit der Realität, dies allerdings tut er drastisch.
Die Bewertung von Voltaires Argumentation hat immer geschwankt. Für deutsche Metaphysiker geht Voltaire an Leibnizens Argumenten vorbei, ohne deren Tiefgründigkeit zu begreifen. Voltaire, sagen seine Kritiker, sei seicht, Leibniz aber tief. Die Anhänger Voltaires andererseits meinen, der Roman Candide zeige ein für allemal die Lächerlichkeit der Leibnizschen »Theo-Philosophie«, an der nichts tief sei, außer ihrem Unsinn.“

P.S. Das Theodizee-Problem

Die von Voltaire bekämpfte bzw. verspottete Philosophie Leibniz‘ wollte (u.a.) das Theodizee-Problem lösen: Wie kann ein guter und allmächtiger Gott die vielen Übel in der Welt zulassen? Vgl. dazu http://www.dober.de/religionskritik/leibniztheodizee.html bzw. als größere Darstellung http://www.gkpn.de/theodizee.html; Voltaires Lösung am Schluss des Romans läuft darauf hinaus, solche dummen Fragen nicht mehr zu stellen.