Enzensberger: Der Angestellte – analytische Bemerkungen

Nie hat er jemanden umgebracht. Nein…

Text:

Der Angestellte

Nie hat er jemanden umgebracht. Nein,
er wirft aus Versehen Flaschen um.
Er möchte gern, schwitzt, verliert
seinen liebsten Schlüssel. Immerzu
erkältet er sich. Er weiß, dass er muß.     5
Er mutet sich Mut zu, er gähnt,
er tupft seinen Gram auf den Putz.
Er denkt, lieber nicht. Eingezwängt
……in zwei Schuhe, beteuert er bleich
das Gegenteil. Ja, er meldet sich an     10
und ab. Das Gegenteil sagt er von dem,
was er sagen wollte. Eigentlich, sagt er,
eigentlich nicht. Der Anzug ist ihm zu eng,
zu weit. Seine Stelle schmerzt. Nein,
seine eigene Handschrift kann er schon längst     15
nicht mehr lesen. Er hat sich scheiden lassen,
vergebens. Kein Mensch ruft ihm an. Überall
juckt es ihn. Sein Kugelschreiber läuft aus,
beim besten Willen. Er ist öfters vorhanden,
in jedem Zimmer einmal, immer allein.     20
Er schneidet sich beim Rasieren. Ja,
er passt nämlich immer auf, sonst
kann er nicht schlafen. Er schläft.
Alles meckert, alles was recht ist,
alles lacht über ihn. Er merkt nicht,     25
was los ist. Das merkt er. Sein Kopfweh
ist unpolitisch. Er stellt sich an,
er stottert schon wieder, verschluckt sich.
Was er vorhin hat sagen wollen, das hat er
vorhin vergessen. Er hat vergessen,     30
sich umzubringen. Beim besten Willen.
Heimlich lebt er. Nein, er darf nicht,
aber er müsste. Er hat keinen Krebs,
aber das weiß er nicht. Sein Hut schwitzt.
Es ist ihm noch nie so gut gegangen     35
wie jetzt. Eigentlich möchte er nicht,
aber er muß. Er weint beim Friseur. Ja,
er ist anstellig, er entschuldigt sich.
Ja, er schreibt, ja, er kratzt sich,
ja, er müsste, aber er darf nicht,     40
nein, seinen Jammer hat niemand bemerkt.
Das Gedicht stand im Band Die Furie des Verschwindens (1980), in dem es eine Reihe deprimierender Gedichte gibt; dieses ist eines davon. Es hat einen Vorgänger u.a. in Tucholskys Gedicht „Angestellte“ (1926) und in Kracauers Studie „Die Angestellten“ (1930), bei Enzensberger eine Parallele im Gedicht „Middle Class Blues“, vgl. auch https://de.wikipedia.org/wiki/Angestellter.

Charakteristisch für dieses Gedicht sind die Sätze mit den Modalverben, in denen der zugehörige Infinitiv fehlt: „Er möchte gern, schwitzt…“ (V. 3) Was er gern möchte, wird nicht (im Infinitiv) gesagt – dadurch bekommt man den Eindruck dass er alles, was er gern tun möchte, nicht tun kann. Ähnlich ist es in V. 5 („daß er muß“). Explizit wird das in den beiden Gegensätzen „er darf nicht, aber er müßte“ (V. 32 f.; vgl. V. 8) und „Eigentlich möchte er nicht, aber er muß.“ (V. 36 f.) Hier wird deutlich, wie es den Angestellten zerreißt – wer oder was zerreißt ihn? Die Spannung zwischen den beruflichen Zwängen und den Wünschen als Mensch!

Diese Spannung auch sonst noch öfter spürbar: in seinem Denken (V. 8); im Eingezwängtsein (V. 9 f.; V. 13); im Lügen (V. 11 f., vgl. V. 9 f. und V. 12 f.); in weiteren Widersprüchen (V. 10 f.; 13 f.; 22 f.; 36 f., V. 35 f. / V. 41; ja / nein, V. 39-41). Sie zeigt sich ebenso in körperlichen Beschwerden (V. 3-5, 14, 21, 26 f., 29 f., 37, 39).

Als Mensch ist er völlig erledigt: „Er hat sich scheiden lassen, vergebens.“ (V. 16 f.) „Er ist öfters vorhanden…“ (V. 19) Er hat vergessen, sich umzubringen.“ (V. 30 f.) Er ist nicht mehr Mensch, sondern bloß „anstellig“ (V. 38, ein Wortspiel) und entschuldigt sich für nichts und wieder nichts (V. 38) – er hat sich völlig aufgegeben.

Die beschreibenden Aussagen sind weithin zusammenhanglos aufgereiht: Von allen Seiten prasselt „es“, greift „es“ nach seinem Leben. „Er mutet sich Mut zu“ (Wortspiel, V. 6), doch ist er „immer allein“ (V. 20), „seinen Jammer hat niemand bemerkt“ (V. 41).

Das Gedicht ist eine deprimierende Situationsbeschreibung des Menschen, der in seiner Existenz von anderen abhängig und auf bloße wirtschaftliche Nützlichkeit als einzige Rechtfertigung seines Lebens reduziert ist. Die Melodie dieses Lebens ist der Middle Class Blues.

Wie es den leitenden Angestellten ergeht, wird in „Die kurze Geschichte der Bourgeoisie“ erzählt; dort ist der Aspekt jedoch der, dass diese ganze Herrlichkeit nur „fünf Minuten lang“ dauert – gemessen am Alter der Menschheit, am Alter der Erde. Sie sind nur „Wolken, die Ich sagten“, fünf Minuten lang.

Tucholsky: Danach – Analyse

Es wird nach einem happy end…

Text

http://de.wikisource.org/wiki/Danach_(Tucholsky)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten/frankfurter-anthologie/marcel-reich-ranicki-in-der-frankfurter-anthologie-danach-von-kurt-tucholsky-12633890.html (mit Kommentar R.-R.)

http://www.textlog.de/tucholsky-danach.html

Zuerst sollte man den Kommentar Reich-Ranickis zur Kenntnis nehmen. Danach überlegt man einmal, was das Gedicht Tucholskys (1930) so reizend macht:

  • die Spannung zwischen der schönen Vorstellung von der romantischen Liebe und dem, wie Tucholsky die normale Ehe skizziert;
  • das ist die Spannung zwischen dem happy end des Films und dem, was danach tatsächlich kommt;
  • sie spiegelt sich in der Spannung zwischen den hochdeutschen Vorstellungen und den im Berliner Dialekt erzählten Ereignissen.

Die einzelnen Strophen sind zunächst so aufgebaut, dass in 5 Versen im Jambus eine Situation beschrieben wird, die die Frage „Und dann?“ bzw. „Na, un denn -?“ nahelegt. Dabei reimt sich das „denn“ immer auf das letzte Wort der 5. Zeile, wodurch der Paarreim die 6 Verse beherrscht. In den verschiedenen Stationen wird der normale Weg einer Ehe gezeigt:

  • der große romantische Kuss
  • Vollzug der großen Liebe
  • erstes Kind und Eheprobleme
  • Unzufriedenheit und Fortsetzung der Ehe
  • Erinnerung an die romantischen Anfänge: Alter

Die letzte Strophe fällt aus diesem Schema heraus, a) weil die beiden alt sind (alt, Sohn geht, der Olle …, „vajessen“ und „weit“) und b) es nicht mehr weitergeht, das „Na, un denn -?“ also (im 6. Vers) angesichts des Todes auch nicht mehr gefragt wird. Stattdessen wird berichtet, dass der alte Mann zurückblickt und ein ernüchterndes Fazit des ganzen Ehelebens zieht („Die Ehe war…“). Die Pointe wird damit erreicht, dass zum Schluss in beinahe wörtlicher Wiederholung der beiden ersten Verse erklärt werden kann, weshalb „beim happy end / im Film jewöhnlich abjeblendt“ wird: das Ergebnis des beharrlichen Fragens „Na, un denn -?“ Der Rahmen ist geschlossen.

Das Gedicht ist weit verbreitet und beliebt, was man daran erkennt, dass es oft vorgetragen und gesungen wird.

http://www.theomag.de/13/juhe1.htm (Über das happy end im Film)

Vortrag

http://gedichte.xbib.de/mp3-audio_Tucholsky_Danach.htm (Bettina Radener)

https://www.youtube.com/watch?v=zmolhSFfY-k (Tanja Wedhorn)

http://www.rezitator.de/gdt/509/ (Lutz Görner)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/danach.html (Fritz Stavenhagen)

https://www.youtube.com/watch?v=J46FzkH2A5w (?)

https://www.youtube.com/watch?v=lHZ11U0cbzs (gesungen)

https://www.youtube.com/watch?v=Z-lUmln1ThM (gesungen von Oliver Steller)

https://www.youtube.com/watch?v=4lYS0fevvnk (gesungen von Heinrich Schott)

https://www.youtube.com/watch?v=5h_nydbyb2w (gesungen von Ruth Schmitt)

https://www.youtube.com/watch?v=jVofZWSXILA (gesungen von Dr. Hagen)

Gedichte Tucholskys

http://gedichte.xbib.de/gedicht_Tucholsky%2C135,0.htm

http://ingeb.org/tucholsk.html

http://www.deutsche-liebeslyrik.de/tucholsky.htm (Liebeslyrik)

http://www.lexikus.de/bibliothek/Tucholsky-Kurt-1890-1935-Gedichte-und-Lieder

http://gedichte.jobaloha.de/autor/15/kurt.tucholsky/

http://www.gedichtsuche.de/gedichtliste/items/Tucholsky,%20Kurt.html (einige)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/tucholsky.html (Fritz Stavenhagen spricht Tucholsky-Gedichte)

http://www.rezitator.de/gdt/autor/ (Lutz Görner spricht Tucholsky-Gedichte)

Werke

http://de.wikisource.org/wiki/Kategorie:Kurt_Tucholsky (Texte Tucholskys bei Wikisource)

http://www.tucholsky.org/

http://gutenberg.spiegel.de/autor/598

http://www.textlog.de/kurt-tucholsky.html (Leben und Werke)

Biografie

http://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Tucholsky

http://www.kurt-tucholsky.info/lebenslauf.php

http://www.whoswho.de/templ/te_bio.php?PID=545&RID=1

http://www.xlibris.de/Autoren/Tucholsky/Biographie

http://www.kuenstlerkolonie-berlin.de/bewohner/bio_tuch.htm (Leben und Links)

http://www.tucholsky-gesellschaft.de/ (Tucholsky-Gesellschaft)

Sonstiges

http://m.schuelerlexikon.de/mobile_deutsch/Neusachliche_Lyrik.htm (Lyrik der neuen Sachlichkeit)

http://www.zeit.de/2016/32/liebe-heiraten-ehe-falsche-partnerwahl (über das Ideal romantischer Liebe)

Tucholsky: Ideal und Wirklichkeit – Analyse

In stiller Nacht und monogamen Betten…

Text

http://www.textlog.de/tucholsky-ideal-gedichte.html („das“ gehört an den Anfang von V. 6, nicht ans Ende von V. 5!)

http://de.wikisource.org/wiki/Ideal_und_Wirklichkeit

http://www.ngiyaw-ebooks.org/ (dort „Tucholsky“, dort „Ideal und Wirklichkeit“ – das Original!)

http://www.wisdominalphabeticalorder.com/formate/akademisches/kurt-tucholsky-ideal-und-wirklichkeit-interpretation (Text, mit Interpretation)

In diesem Gedicht aus dem Jahr 1929 geht es um die ewige Differenz zwischen „Ideal und Wirklichkeit“ (Überschrift), wobei „Ideal“ auch eine Wunschvorstellung oder eine Imagination bedeuten kann. Es spricht ein ungenannter Sprecher, der „das Leben“ durchschaut, zu allen möglichen Leuten, wobei direkt Männer angesprochen sind: „du“ (V. 2), wobei „du“ jedermann ist. Das sieht man auch daran, dass er sich auf das Indefinitpronomen „man“ bezieht, wenn er das Subjekt der nicht erfüllten Wünsche nennt (V. 7 f. usw.). Im gleichen Sinn, aber eben aus der Perspektive der Wünschenden, gebraucht er das Pronomen „wir“ (V. 3 f.); nicht wegen der 2. Person des Pronomens, sondern wegen der allgemeinen Verbreitung entsprechender Wünsche und Phantasien spricht der Sprecher indirekt auch die Leser an – ich denke, auch die Frauen, wenn auch die Beispiele männlichen Lesern angepasst sind. Das Pronomen „Wir“ in V. 23 bezieht sich auf die republikanisch gesinnten Deutschen in der Zeit vor und um 1918, ist also ein Sonderfall in dem Tableau der Pronomina: ein Beispiel für ein politisches Ideal, das wieder nur auf krumme Weise wirklich wurde.

Wenn man die Struktur der 1. Strophe beschreibt, kann man im Vergleich mit dieser den Aufbau der anderen leichter erfassen. In den ersten 4 Versen wird also vom Sprecher beschrieben, wie man sich in stillen Stunden vorstellt, was einem zum Glück „am Leben fehlt“. In V. 5 f. wird dann die allgemeine Erfahrung beschrieben, dass man dieses so Vorgestellte „nie“ bekommt (V. 6). In V. 7-8 wird diese allgemeine Männer-Erfahrung an einem komischen Beispiel verdeutlicht: „Man möchte immer eine große Lange, / und dann bekommt man eine kleine Dicke –“; darauf folgt ein resignierender Kommentar: „C’est la vie – !“ (V. 9).

Diese Betrachtung über die Vergeblichkeit heimlichen Wünschens wird in einem insgesamt heiter-skeptischen Ton vorgetragen. Dazu trägt gleich das satirische Zeugma in V. 1 bei; „In stiller Nacht“ zitiert den Beginn eines christlichen Passionsliedes (von Spee), wird hier als Datum der erotischen Phantasien verwendet; auch der Plural „Betten“ wirkt komisch, weil der Monogame ja nur in einem Bett schläft und nicht durch die Betten hüpft. In V. 2 hat das Verb „sich ausdenken“ den Unterton des Willkürlichen. Durch diese Situation des Sich-Ausdenkens ist der Inhalt schon vorgezeichnet: Es geht um das Superweib, wie es in V. 10 ff. beschrieben wird. Zunächst wird das derart Ausgedachte noch allgemein beschrieben: aufregend (V. 3 a), dann aus der Perspektive der Wünschenden gesagt: „Wenn wir das doch hätten…“ (V. 3 f.); in V. 4 wird der Sehnsucht-Charakter der Wünsche deutlich: Es quält das, was nicht da ist, aber ersehnt wird – normalerweise quält nur etwas, was da ist. Im Präsens „du präparierst“ (arbeitest heraus) und im Adverbial „nie“ wird die allgemeine Gültigkeit dieser Defiziterfahrung festgehalten, die dann im komischen Beispiel (V. 7 f.) plausibel gemacht wird.

Der Takt der Verse ist ein Jambus, durchweg mit 5 Hebungen (Ausnahme V. 15 und V. 22), abwechselnd weibliche und männliche Kadenzen, dazu ein Kreuzreim – die semantischen Einheiten bestehen also aus Doppelversen. Nur der 8. Vers jeder Strophe passt nicht ins Reimschema; doch wenn man die drei Silben von V. 9 zu V. 8 zählt, reimt sich „la vie“ bzw. „lawih“ auf den V. 6. Die Reime der V. 2/4 und 6/8(9) sind semantisch sinnvoll: was dir fehlt / was leise quält (V. 2/4); kriegst du’s nie / C’est la vie (V. 6/9); usw. Vom gängigen Metrum weichen „denkst“ (V. 2), „das“ (V. 6) und „C’est“ ab; in den beiden ersten Fällen wird so ein wichtiges Wort hervorgehoben, in V. 9 nur das Metrum nach einer weiblichen Kadenz passend fortgesetzt.

In der 2. Str. wird in V. 1-4 das Superweib der erotischen Phantasie beschrieben; der Vergleich „wie in einem Kugellager“ passt nicht zu einer Frau: satirisch. „zuwenig“ (V. 12) ist übertrieben, „weniger“ passte sachlich; „in den Haaren sich sonnen“ (V. 13) ist ein schräges Bild (satirisch). In V. 5 f. folgt die Erklärung, warum die Wünsche nicht Wirklichkeit werden: der verfluchte Hang, das ist ohne Präpositionalobjekt ziemlich unbestimmt – vielleicht ist der Hang zum ewig Weiblichen, unabhängig von dessen Idealform, gemeint. Dazu passt die Eile (V. 15), während „die Phantasie“, mit der man das reale Mängelwesen als eine Idealform sieht, gerade die von der Fantasie erträumte Idealform(en) (V. 1-4!) negiert: ein innerer Widerspruch (Satire!?) des Menschen, der seiner Imagination folgt: dessen Leben selbst ist eine Satire! V. 16-18 entsprechen wieder V. 7-9, nur dass hier die saloppe Eindeutschung „Ssälawih“ vorliegt (Satire).

In der 3. Strophe stehen zu Beginn Beispiele dafür, wie die Wünsche aus unterschiedlichen Gründen nicht Wirklichkeit werden (V. 19-22); es folgt dann das einzige politische Beispiel einer Enttäuschung (ohne Analyse der Gründe, die man hier aus dem Kontext der beiden ersten Strophen ergänzt): die Weimarer Republik (V. 23 f.). V. 25-27 sind dann wieder gleich V. 16-18.

Ist V. 23 f. die Pointe des Gedichts? Ich denke, dass dies nicht der Fall ist; Plausibilität erhalten die Erklärungen des Sprechers dadurch, dass sie sich auf die allgemeinen Erfahrungen der Leser beziehen. Die Weimarer Republik als unschöne Wirklichkeit gegenüber dem vor 1918 Erträumten kann ernsthaft nicht so locker analysiert werden, wie Tucholsky dies mit der Gegenüberstellung von „Ideal und Wirklichkeit“ tut; vielmehr wird sie in den heiteren Ton des resignierenden „Ssälawih“ einbezogen, was in der kölschen Philosophie „Et kütt, wie et kütt“ heißt. Das Gedicht passt ins Kabarett (s. Vortrag: G. Pfitzmann), da ist es gut.

Die Textgestalt im Internet ist nicht immer sauber – am besten hält man sich an eine gedruckte Ausgabe, sofern sie zur Hand ist (z.B. „Der große Conrady“, 2000, S. 631).

Vortrag

http://www.srf.ch/player/radio/lyrik-am-mittag/audio/kurt-tucholsky-ideal-und-wirklichkeit?id=1d7934d6-641c-4b4b-95a0-f19d1c170a90

http://www.mp3olimp.net/kurt-tucholsky-ideal-und-wirklichkeit/

https://www.youtube.com/watch?v=KWdawKNEuK0 (?)

https://www.youtube.com/watch?v=O2P4DWGl2AA (?)

https://www.youtube.com/watch?v=_DhLjqa9i0A (Eisler, gesungen von E. Verenin)

https://www.youtube.com/watch?v=vzn2wT4epEY (Günter Pfitzmann, z.T. gesungen) = http://supersan.net/videos/tr/video/vzn2wT4epEY/Kurt-Tucholsky-Ideal-und-Wirklichkeit-G%C3%BCnter-Pfitzmann

https://www.youtube.com/watch?v=KAr9xY6dLqE (gesungen von H. Schott)

https://www.youtube.com/watch?v=bMvtqf8hxjg (Musik: Eisler)

Gedichte

http://gedichte.xbib.de/gedicht_Tucholsky%2C135,0.htm

http://ingeb.org/tucholsk.html

http://www.deutsche-liebeslyrik.de/tucholsky.htm (Liebeslyrik)

http://www.lexikus.de/bibliothek/Tucholsky-Kurt-1890-1935-Gedichte-und-Lieder

http://gedichte.jobaloha.de/autor/15/kurt.tucholsky/

http://www.gedichtsuche.de/gedichtliste/items/Tucholsky,%20Kurt.html (einige)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/tucholsky.html (Fritz Stavenhagen spricht Tucholsky-Gedichte)

http://www.rezitator.de/gdt/autor/ (Lutz Görner spricht Tucholsky-Gedichte)

Werke

http://de.wikisource.org/wiki/Kategorie:Kurt_Tucholsky (Texte Tucholskys bei Wikisource)

http://www.tucholsky.org/

http://gutenberg.spiegel.de/autor/598

http://www.textlog.de/kurt-tucholsky.html (Leben und Werke)

Biografie

http://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Tucholsky

http://www.kurt-tucholsky.info/lebenslauf.php

http://www.whoswho.de/templ/te_bio.php?PID=545&RID=1

http://www.xlibris.de/Autoren/Tucholsky/Biographie

http://www.kuenstlerkolonie-berlin.de/bewohner/bio_tuch.htm (Leben und Links)

http://www.tucholsky-gesellschaft.de/ (Tucholsky-Gesellschaft)

Sonstiges

http://norberto42-1.blog.de/2005/08/27/uber_die_imagination~146375/ (Über die Imagination)

http://also.kulando.de/post/2008/12/02/die-sache-mit-dem-gl-ck (dito)

http://also.kulando.de/post/2008/08/02/i-21-ber-die-macht-der-phantasie (Über die Phantasie)

http://also.kulando.de/post/2007/09/03/moglich_moglichkeit (Über das Mögliche)

http://also.kulando.de/post/2006/12/30/ber_zufriedenheit_und_die_suche_nach_dem_besten (Über die Suche nach dem Besten)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=forum&sub=reply&add=522 (Spee: Bei stiller Nacht)

http://www.liederlexikon.de/lieder/in_stiller_nacht_zur_ersten_wacht (In stiller Nacht)

http://www.youtube.com/watch?v=c5JtO-vBlsY (Bei stiller Nacht)

Tucholsky: Luftveränderung – Analyse

Fahre mit der Eisenbahn…

Text

http://www.textlog.de/tucholsky-luftveraenderung.html

http://www.zeno.org/Literatur/M/Tucholsky,+Kurt/Werke/1924/Luftver%C3%A4nderung

http://www.ccbuchner.de/downloads/164/lernstand2009.pdf (mit Aufgaben aus einer Lernstandserhebung 2009)

Ein offenbar älterer und somit „klügerer“ Sprecher wendet sich an einen Jungen (V. 2) und gibt ihm verschiedene Ratschläge (Imperativ), die alle auf das Gleiche hinauslaufen: Raus aus dem Dorf oder Städtchen und hinein in die große weite Welt!

Wenn man sich die Ratschläge im Einzelnen anhört, fällt Folgendes auf:

  • Zuerst kommt der dringende Rat, mit der Eisenbahn loszufahren (dreimal „fahre“, V. 1 f.) oder mit dem Wasserkahn (V. 3 f.), also weit wegzufahren, wobei „Eisenbahn / Wasserkahn“ einen sinnvollen Reim ergeben.
  • In der 2. Strophe dominiert das Adjektiv „fremd“ (viermal): Es geht darum, mit der geforderten „Luftveränderung“ (Überschrift) Fremdes wahrzunehmen.
  • Das wird in der 3. Strophe als z.B. „der heutigen Zeit fremd“ (dem Betrieb mitsamt Telefon fremd) ausgelegt: auch „in alten Schmökern“ (V. 10) sich umsehen; die Buchhandlungen an Seineufer sind dann nur ein Beispiel für Orte, wo man alte Schmöker findet.
  • In der 4. Strophe werden verschiedene Beispiele fremder Länder, die es zu erkunden gilt, genannt: Afrika/Oasen, blaues Meer (im Süden), die Provence mit dem kalten Fallwind Mistral. Das Erkunden soll durch Laufen, Reiten, Hören, Lauschen erfolgen.
  • In der 5. Strophe wird das Stichwort „Eisenbahn“ aus der 1. Strophe aufgegriffen und so ein Rahmen geschaffen: Ganz ohne Aufforderungen wird der angesprochene Junge daran erinnert, dass es bei diesem Reisen auf ihn selbst ankommt. Der einschränkende Nebensatz (V. 17 f.) zeigt, dass es nicht ums rastlose Flitzen geht, und im Hauptsatz wird das Subjekt „du“ als die relevante Größe herausgestellt. Diese Anrede bekommt einen ganzen Vers für sich: eine Silbe, aber gefühlt drei Takte; das ist ist eine Fanfare, „du“ bist die entscheidende Größe.

In den vom Trochäus bestimmten Versen steht dreizehnmal ein Imperativ am Versanfang, dort bekommt er den gehörigen Akzent. Abwechselnd gibt es vier und drei Hebungen mit abwechselnd männlicher/weiblicher Kadenz, was zu Doppelversen als semantischen Einheiten führt (meistens mit abschließendem Satzzeichen); aber auch die ersten und dritten Verse jeder Strophe schließen mit einer kleinen Pause, weil eine Silbe im Trochäus fehlt. Die Reime der Verse 2/4 jeder Strophe sind zwar nicht überragend, aber durchaus sinnvoll: fremde Gassen / fremde Tassen (V. 6/8); schmökern / Bücher verhökern (V. 10/12) usw.

Es ist ein frisches und flottes Gedicht, was Tucholsky geschrieben hat; sein tieferer Sinn liegt in der Mahnung, nicht im dörflichen oder nationalen Mief zu verblöden, sondern sich auf fremde Menschen und Lebensweisen einzulassen: sie fröhlich und lustvoll einmal zur Kenntnis zu nehmen, statt den eigenen Bauchnabel für den Mittelpunkt der Welt zu halten. Wie sehr Tucholsky 1924 (und heute) damit recht hat(te), sieht man an den Ergebnissen, zu denen dumpf national getriebene Politik in den 20er und 30er Jahren des 20. Jh. geführt hat und immer noch führt.

Vortrag

https://www.youtube.com/watch?v=UPwr9eWCajk

Gedichte

http://gedichte.xbib.de/gedicht_Tucholsky%2C135,0.htm

http://ingeb.org/tucholsk.html

http://www.deutsche-liebeslyrik.de/tucholsky.htm (Liebeslyrik)

http://www.lexikus.de/bibliothek/Tucholsky-Kurt-1890-1935-Gedichte-und-Lieder

http://gedichte.jobaloha.de/autor/15/kurt.tucholsky/

http://www.gedichtsuche.de/gedichtliste/items/Tucholsky,%20Kurt.html (einige)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/tucholsky.html (Fritz Stavenhagen spricht Tucholsky-Gedichte)

http://www.rezitator.de/gdt/autor/ (Lutz Görner spricht Tucholsky-Gedichte)

Werke

http://de.wikisource.org/wiki/Kategorie:Kurt_Tucholsky (Texte Tucholskys bei Wikisource)

http://www.tucholsky.org/

http://gutenberg.spiegel.de/autor/598

http://www.textlog.de/kurt-tucholsky.html (Leben und Werke)

Biografie

http://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Tucholsky

http://www.kurt-tucholsky.info/lebenslauf.php

http://www.whoswho.de/templ/te_bio.php?PID=545&RID=1

http://www.xlibris.de/Autoren/Tucholsky/Biographie

http://www.kuenstlerkolonie-berlin.de/bewohner/bio_tuch.htm (Leben und Links)

http://www.tucholsky-gesellschaft.de/ (Tucholsky-Gesellschaft)

Sonstiges

http://www.reisegeschichte.de/reisen/reiselit4.htm (Reiseliteratur)

http://www.ronald-schmid.de/reiserecht/reiserecht-literarisch (dito)

Tucholsky: Park Monceau – Analyse

Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen…

Text

http://www.textlog.de/tucholsky-park-monceau.html

http://www.cicero.de/berliner-republik/kurt-tucholsky-park-monceau-truegerische-harmonie/ (Text, mit kurzem Kommentar)

http://www.gedichtsuche.de/gedichtliste/items/Tucholsky,%20Kurt.html (dort das vorletzte Gedicht)

Das Gedicht erschien am 15. Mai 1924 in „Die Weltbühne“, später in „Mit 5 PS“; Tucholsky arbeitete als politischer Korrespondent in Paris.

Das Gedicht ist kein großes, sondern ein bürgerliches Gedicht mit einigen kleinen Spitzen gegen das damalige Deutschland. Es lebt von dem Kontrast zwischen dem, was „Hier“ (V. 1 ff., dreimal genannt) ist, und dem, wie es im Vaterland zugeht (V. 16); das wird aber nicht gesagt, sondern beim deutschen Leser als bekannt vorausgesetzt – es ergibt sich aus dem Gegensatz zu dem, wie es „Hier“ ist:

„Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.

Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist.

Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen

sagt keine Tafel, was verboten ist.“ (V. 1-4)

Kästner hat in vielen Gedichten das militärische Deutschland verspottet: „Die andere Möglichkeit“  oder „Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?“; vgl.  Tucholskys eigenes Gedicht „Deutsches Lied“! Hier, in Paris, fehlt also das Militärisch-Geregelte, was offenbar in Deutschland dominiert und aus dem Nichtsoldaten einen bloßen Zivilisten macht; hier im Park gibt es keine Verbote (V. 3 f.), hier ist man einfach Mensch und kann „ruhig träumen“, wie das lyrische Ich erfreut feststellt.

Es folgt die Beschreibung einer Reihe von Eindrücken (V. 5-14: Ball, Vogel, Junge…), wobei der Spott über die amerikanischen Touristinnen eine ganze Strophe einnimmt; die schauen in den Reiseführer statt in den Park, echt touristisch. Die Pointe bilden die beiden letzten Verse, drei kurze aneinander gereihte Sätze:

„Ich sitze still und lasse mich bescheinen

und ruh von meinem Vaterlande aus.“ (V. 15 f.)

Vor allem der letzte Vers zeigt, dass das Leben in Deutschland für Leute wie Tucholsky anstrengend war, dass sie sich offenbar dauernd im Kampf befanden; da tat es wohl, einfach in der Sonne zu sitzen und weder für noch gegen etwas kämpfen zu müssen.

Die Verse bestehen aus fünfhebigen Jamben mit im Kreuzreim abwechselnden weiblichen und männlichen Kadenzen, was den Doppelvers als kleinere Einheit etabliert; die Reime sind mehr oder weniger sinnvoll, am besten ist V. 2/4: „nicht nur Zivilist / was verboten ist“, wo der bürgerliche Sinn des Autors vernehmlich spricht. Die drei „Hier“ an den Versanfängen (V. 1-3) sind gegen den Takt betont und heben so den Kontrast zwischen ‚Hier / Vaterland’ hervor. Für die Leser der „Weltbühne“ im Vaterland ist das Gedicht ein Hinweis, wie schön das Leben sein könnte, wenn es auch in Deutschland ein wenig ziviler zuginge.

https://de.wikipedia.org/wiki/Parc_Monceau (Park Monceau)

http://uploads6.wikipaintings.org/images/gustave-caillebotte/the-park-monceau.jpg (Bild: Park M.)

http://static.panoramio.com/photos/large/46922738.jpg (Bild: Mark M.)

http://bestpaintingsforsale.com/UploadPic/Claude%20Monet/big/The%20Park%20at%20Monceau.jpg (Bild: Park M.)

http://landscapelover.files.wordpress.com/2010/06/monceau-5.jpg (Bild: Park M.)

http://uploads6.wikipaintings.org/images/claude-monet/park-monceau-2.jpg (Bild: Park M.)

http://media-cache-cd0.pinimg.com/736x/da/4c/64/da4c64a847d2eb8e751bf18ddef9a896.jpg (Bild: Park M.)

http://www.badische-zeitung.de/reise-1/ein-literarischer-spaziergang-durch-paris–82140066.html (lit. Spaziergang durch Paris)

Vortrag

http://www.rezitator.de/gdt/605/ (Lutz Görner)

https://www.youtube.com/watch?v=UPwr9eWCajk

https://www.youtube.com/watch?v=sZmoRzS6xcY (gesungen)

https://www.youtube.com/watch?v=r4qM70IvT5w (H. Mitzinger)

Gedichte

http://gedichte.xbib.de/gedicht_Tucholsky%2C135,0.htm

http://ingeb.org/tucholsk.html

http://www.deutsche-liebeslyrik.de/tucholsky.htm (Liebeslyrik)

http://www.lexikus.de/bibliothek/Tucholsky-Kurt-1890-1935-Gedichte-und-Lieder

http://gedichte.jobaloha.de/autor/15/kurt.tucholsky/

http://www.gedichtsuche.de/gedichtliste/items/Tucholsky,%20Kurt.html (einige)

Werke

http://de.wikisource.org/wiki/Kategorie:Kurt_Tucholsky (Texte Tucholskys bei Wikisource)

http://www.tucholsky.org/

http://gutenberg.spiegel.de/autor/598

http://www.textlog.de/kurt-tucholsky.html (Leben und Werke)

Biografie

http://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Tucholsky

http://www.kurt-tucholsky.info/lebenslauf.php

http://www.whoswho.de/templ/te_bio.php?PID=545&RID=1

http://www.xlibris.de/Autoren/Tucholsky/Biographie

http://www.kuenstlerkolonie-berlin.de/bewohner/bio_tuch.htm (Leben und Links)

http://www.tucholsky-gesellschaft.de/ (Tucholsky-Gesellschaft)

Tucholsky: Augen in der Großstadt – Analyse

Was muss der Analytiker sehen? Er muss sehen, dass hier jemand (wer?) zu einem „du“ spricht, und muss sich deshalb bemühen, das Verhältnis des Sprechers zum Du zu klären. Zweitens muss er sehen, dass die drei Strophen von der Struktur (Aufbau) her ähnlich sind, aber nicht gleich; er muss also die Ähnlichkeit und die Differenz erfassen und wird dann m.E. einen Fortschritt feststellen: Zweimal wird auf die Frage „Was war das?“ geantwortet, dass jemand das persönliche Liebes- oder Lebensglück erwartet; beim dritten Mal antwortet der Sprecher selber belehrend: „von der großen Menschheit ein Stück“, womit er die Privatsphäre als den Bereich des wahren Lebens hinter sich lässt und den Raum des Politischen betritt oder eröffnet: Dort sind die Menschen der Großstadt beheimatet, auch wenn deren einzelne Exemplare (Stücke) vorüber- und vergehen.

Die Gestalt des Gedichtes wird unterschiedlich dargestellt; ich bin dem nicht weiter nachgegangen, bevorzuge einfach aus Gründen der Analogie (V. 11 – 23 – 37) folgende Form:

Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
dann zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
10   die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Vielleicht dein Lebensglück…
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast’s gefunden,
20   nur für Sekunden…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück…
vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
30   es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Es sieht hinüber
und zieht vorüber…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.
(V. 37 wird meist auf zwei Verse verteilt, was mir als nicht richtig erscheint.)

Die Überschrift „Augen in der Großstadt“ ist zunächst kaum zu verstehen, da Augen nie allein auftreten; es wird aber bald klar, dass die Augen der Teil des Menschen sind, in dem sich die Seele spiegelt und mit dem wir Kontakt zu anderen aufnehmen können, ohne sie zu sprechen oder zu berühren. Das Gedicht (Chanson?) gilt also der Frage, was die kurzen Augen-Kontakte mit Fremden zu bedeuten haben, die in der Großstadt sich ereignen.
Der Sprecher ist ein namenloser Mensch, der nicht als ein Ich hervortritt und anfänglich Erfahrungen beschreibt, die man in der Großstadt macht; erst zum Schluss (dritte Strophe) tritt er sehr bestimmt auf und erklärt seinen Hörern, was die Kontakte in Wahrheit bedeuten. Die Hörer werden mit „du“ angesprochen, treten aber auch nicht deutlich hervor; dieses Pronomen bezeichnet vermutlich ein allgemeines Du, etwa im Sinn von „man“, könnte aber auch den Sprecher selber bezeichnen, der zu sich spräche, sich Rechenschaft gäbe und schließlich zur Einsicht käme.
Die Haupterfahrung, die man in der Großstadt macht, ist die, dass einem, leicht übertrieben gesagt, „Millionen Gesichter“ begegnen (V. 8); dies wird vom Sprecher als eine Erfahrung dargestellt, die man eigentlich immer macht. Er zählt beispielhaft zwei Situation auf, wann man sie macht: wenn man zur Arbeit geht und wenn man am Bahnhof steht (V. 1 und V. 3). Die vielen Menschen, die über den Bahnhof die Stadt betreten oder verlassen, machen diesen bzw. die ganze Stadt zum „Menschentrichter“ (V. 7); mit dieser Metapher werden die einzelnen Menschen entwertet, sie gleichen dem Wasser oder der Milch, die man in einen Trichter schüttet, sie werden in Massen zum Ziel befördert. Das neue Adjektiv „asphaltglatt“ ist grammatisch nicht eindeutig bestimmt; ich lese es als Attribut zu „Stadt“, welches die Großstadt in ihrer Trichterfunktion als „glatt“, also gut funktionierend, zeigt; der Asphalt trägt dazu bei, indem er die Hindernisse von Feldwegen und Schlaglöcher beseitigt. Vielleicht erscheint mit diesem Adjektiv auch das Grau oder Schwarz des Asphalts, was die Stadt als bedrückend bezeichnete.
Diese Stadterfahrung drängt sich, so beschreibt es der Sprecher in den einleitenden Konditionalsätzen („wenn…“), dem zuhörenden Du auf; das Du ist nämlich dieser Erfahrung ausgeliefert, wenn es zu seiner eigenen Arbeit fährt und mit seinen eigenen Sorgen beschäftigt ist, also gar nicht an anderen interessiert ist: Die Stadt wird personifiziert, sie „zeigt“ einem die Gesichter (V. 5); diese begegnen einem millionenfach, aber nicht als Menschen, sondern nur in der Schrumpfform der „Gesichter“ (V. 8); sie sind das an den Vorüberhastenden auffallende Merkmal.
Der zweite Teil der ersten Strophe, wo beschrieben wird, wie man die Menschen erfährt, ist eingerückt; damit wird der erste Teil, in dem in allen drei Strophen vom Gehen des Du gesprochen wird, abgesetzt. Den ersten Teil trägt der Sprecher etwas schneller vor; die Sätze umfassen dort jeweils zwei Verse. Der Tempowechsel wird zudem vom Wechsel der Reimform (vom Kreuz- zum Paarreim) unterstützt. Der dritte Teil, wiederum vier Verse, ist wieder linksbündig gesetzt, hebt sich jedoch vom bisher Gesagten ab: Es wird eine einzelne kurze Erfahrung beschrieben, der kurze Augen-Blick eines Fremden (V. 9).
Dieser neue Ansatz kommt sogleich im Zahlwort „zwei“ (V. 9), das in Spannung zu den unmittelbar vorher genannten „Millionen“ steht (V. 8), zum Ausdruck; in einem dieser Millionen Gesichter fallen – wem, das wird nicht gesagt: Es klingt wie eine absolute Erfahrung, die jeder machen kann oder gemacht hat – einem  die Braue, Pupille, die Lider auf (V. 10); das fremde Auge, der fremde Mensch wird also sehr genau, intensiv betrachtet. Und nun hält der Sprecher inne, aber eigentlich nicht im Sprechen, sondern im Betrachten des Auges; es liegt also eine Art personales Beschreiben vor, wenn man das in Analogie zum personalen Erzählen sagen darf. Der Gedankenstrich (V. 10) signalisiert das Innehalten, signalisiert in einem den Versuch, mit der Frage „Was war das?“ die Bedeutung des kurzen, nun beendeten Augen-Blicks zu erfassen. Wie wichtig diese Frage ist, zeigt die Betonung aller drei Worte, die sonst in dem meist gleichmäßigen jambischen Sprechen nicht vorkommt. Die Antwort des Sprechenden – er ist wahrscheinlich nicht mit dem Sprecher des Gedichts identisch; denn dieser weiß in der dritten Strophe die richtige Antwort! – klingt unsicher („vielleicht“) und doch hoffnungsvoll: „dein Lebensglück“ (V. 11). Die folgenden drei Punkte scheinen die Phantasien anzudeuten, die man an solchen Augen-Blicken festmacht: Phantasien von Zuneigung und Zärtlichkeit, befreit von den Pflichten des täglichen Lebens. Das sprechende Ich scheint sich dann dessen bewusst zu werden, dass der Augen-Blick im Augenblick auch bereits vergangen ist; das Präteritum „war“ (V. 11) zeigt den Augenblick schon als vergangen, aber als solchen noch nicht begriffen. Die drei subjektlosen Wendungen (V. 12), davon die beiden ersten stabreimend, klingen enttäuscht, vor allem die letzte („nie wieder“), welche dem unausgesprochenen Wunsch „Wäre doch…“ oder „Bliebe doch…“ entspricht.

[In der 2. Strophe verdienen Beachtung:
– die Ausweitung „dein Leben lang“,
– die Abwertung „die dich vergaßen“,
– die metaphorische Erläuterung der Erfahrung („die Seele klingt“),
– das Perfekt „du hast’s gefunden“,
– die Paradoxie: Lebensglück – für Sekunden,
– die Wiederholung „Zwei…“ (erneute Erfahrung?),
– die Wiederholung der Frage „Was war das?“,
– die resignierende Antwort „kein Mensch…“]

Danach ändert der Sprecher seinen Ton: Er beschreibt nicht mehr allgemeine Erfahrungen, sondern erklärt die Notwendigkeit dieses Lebensweges in der Stadt: „Du musst… wandern“ und siehst „den fremden Andern“ (V. 25 ff.). Von diesem fremden Andern, den man ohnehin nur „einen Pulsschlag lang“ (V. 27) sieht, wird nun jedoch in anderen Kategorien gesprochen; der Blick des belehrenden Sprechers ist ein politischer, zeigt den anderen als jemand, der im Klassenkampf verschiedene Positionen einnehmen kann (V. 29 ff.). Der Gegensatz „Freund-Feind“ wird durch die beste, die als dritte genannte Möglichkeit überboten: Er kann Genosse sein. Das ist für den politisch Denkenden mehr als Freund, mehr als Träger oder Bedingung des privaten Lebensglücks. Diese unbestimmte Größe („es“, V. 33), der Besitzer der fremden Augen, die Person des vorher beglückenden Augen-Blicks, wird ganz leidenschaftslos als sozusagen notwendig vorüberziehend beschrieben – zwei zusätzliche Verse, die das gleichmäßige Strophenbild scheinbar stören.
Der erneuten Frage, was dieser Augen-Blick zu bedeuten hat, wird nun die richtige, wahre Antwort zuteil: „Von der großen Menschheit ein Stück!“ Das Rufzeichen unterstreicht, wie ernst es dem Sprecher mit dieser Einsicht ist; denn nur so kann die private Hoffnung aufs Lebensglück zurückgewiesen, der Vorrang der Genossenschaft vor allem Schmuseglück behauptet werden. Größer als das Liebespaar ist die große Menschheit (V. 37), die sich im Kampf der Genossen befreit und die Gemeinschaft der Gleichen gründet. Das einzelne „Stück“ tritt darin zurück, ohne dass dies in den Augen des Sprechers ein Verlust wäre; denn die große Menschheit bleibt als ganze bestehen, einer tritt in die Lücke, die ein anderer hinterlässt, was der Sprecher aus Einsicht bejaht.

Wenn man den Rhythmus des Gedichtes untersucht, findet man eine eigenwillige Mischung von zügigem und langsamem Sprechen: Der vorherrschende Jambus erlaubt ein schnelles Sprechen, ebenso der Satzbau (z.B. geht der erste Nebensatz über vier Verse, mit einem Einschnitt nach dem zweiten Vers; der Hauptsatz geht wieder über vier Verse), aber auch ein langsames Sprechen, was von Pausen eingefordert wird (die drei elliptischen Sätze in V. 9 f., jeder in sich abgeschlossen, also mit Pause zu sprechen; analog V. 11 f. – dazu als Zeichen der Gedankenstrich V. 10 und die … in V. 11). Die Kreuzreime erlauben ein schnelles, die Paarreime erfordern ein langsameres  Sprechen. Ab V. 8 wird der Jambus gestört und das Tempo vom Metrum beschleunigt – wie, das ist eine schwierige Frage, während es vom Satzbau gebremst wird. Betont sind zunächst die Wörter der Stadt-Erfahrung (Arbeit, Morgen, Bahnhof, Sorgen usw.), dann die der Augen-Erfahrung (bitte selber im Sprechen suchen!), danach (außer „Lebensglück“) die Wörter des Vergehens (war, vielleicht, vorbei usw.). – Den Wechsel von Tempo und Ruhe im Sprechen wird man zum Tempo des Großstadtlebens und zum Innehalten der fragenden Vergewisserung in Beziehung setzen, ebenso die betonten Wörter zum beschriebenen oder bedachten Geschehen; denn die Untersuchung des Rhythmus ist kein Zweck an sich, sondern sollte dem Verständnis des Gedichtes dienen.

Vortrag

http://www.rezitator.de/gdt/621/ (Lutz Görner)

https://www.youtube.com/watch?v=5NoQXxO9D0w (Melanie Wirtz)

https://www.youtube.com/watch?v=kIBEXBY2NlU (Carsten Striepe)

https://www.youtube.com/watch?v=VQZs5kychcA (Sissy, die Vorleserin)

https://www.youtube.com/watch?v=C3xox-p4pyo (?)

https://www.youtube.com/watch?v=dvVQFkeFkio (gesungen: Dorine Niezing – gut!)

https://www.youtube.com/watch?v=CBMhUFakd4U (gesungen: E. D. Smid – gut!)

https://www.youtube.com/watch?v=K0BwviDpR40 (gesungen: Udo Lindenberg, es geht)

https://www.youtube.com/watch?v=yxsiiQjFKv8 (gesungen: J. Tabatabai, gut)

https://www.youtube.com/watch?v=RUd0t2rObok (gesungen: Sabine Paas, gut)

https://www.youtube.com/watch?v=GqfmPYMoHQ4 (gesungen: L. Kowald)

https://www.youtube.com/watch?v=vFOGXNg40d8 (gesungen: P. Beysens, gut)

https://www.youtube.com/watch?v=h1yh0jxsaZA (gesungen: Kapelle Vorwärts)

https://www.youtube.com/watch?v=2jWLuo3n4Wg (gesungen: Micarus, es geht – Bilder mäßig)

https://www.youtube.com/watch?v=_IwTui-K7uw (gesungen)

https://www.youtube.com/watch?v=QtJteL5aP1A (rap-ähnlich, interessant)

https://www.youtube.com/watch?v=5xJhJGQZ8vQ (rap-ähnlich, schwach)

https://www.youtube.com/watch?v=l1h-qQBdkCM (dito)

https://www.youtube.com/watch?v=yxsiiQjFKv8 (dito)

https://www.youtube.com/watch?v=XQGJIKGq5xw (schulische Gedichtverfilmung – erst um 2:10 geht der Trottel los; auf die Millionen Gesichter wartet man vergebens…)

https://www.youtube.com/watch?v=xBFLmHbYWLY (dito – auch dieser Trottel geht erst um 1:30 los – endlos gedehnt)

https://www.youtube.com/watch?v=mraK07HP7f8 (mit Musik und Bildern unterlegt – wozu?)

https://www.youtube.com/watch?v=pSslryaurvY (wo sind die Gesichter?)

https://www.youtube.com/watch?v=xtpehXF5mRI (dito)

https://www.youtube.com/watch?v=Ap89sYXSAB8 (dito – man sieht weder Arbeit noch fremde Gesichter)

https://www.youtube.com/watch?v=c8PTNGGizNM (dito – etwas besser)

https://www.youtube.com/watch?v=SmX_8mNDq5k (dito)

https://www.youtube.com/watch?v=qWXB2YxGSss (dito)

https://www.youtube.com/watch?v=BrBa7qSH7Mk (dito – gute Bilder!)

und noch einige andere!