Ulla Hahn und Gertrud Kolmar

Kinder geliebt und erzogen zur Welt gebracht

Keines. Abgetrieben. Die Mutter hat es gewollt.

Etwas wie Kinderweinen ist seither in deinen Gedichten…

Dieses Gedicht Ulla Hahns ist (überschrieben) „Für Gertrud Kolmar“. Ich wollte eigentlich nicht immer nur die Liebesgedichte der Ulla Hahn analysieren, bloß weil sie in der Schule gern gelesen werden. So habe ich mich umgesehen und auf „lyrikline“ zehn Gedichte Ulla Hahns gefunden, von denen eines eben „Für Gertrud Kolmar“ ist. Um es analysieren zu können, muss man wissen, wer Gertrud Kolmar ist. Also, auf zu Gertrud Kolmar: ein deutsche Jüdin, die Cousine Walter Benjamins, die mühsam in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihren Weg suchte und von deutschen Nazis vergast wurde. Die Seite Ursula Homanns ist am interessantesten, weil sie passend zu den Stationen des Lebenslaufs auch Gedichte Gertrud Kolmars präsentiert.

https://de.wikipedia.org/wiki/Gertrud_Kolmar

http://www.ursulahomann.de/WerWarGertrudKolmar/ (umfangreich, Leben und Gedichte)

http://www.zeit.de/1993/20/die-frau-der-tiere

http://jwa.org/encyclopedia/article/kolmar-gertrud

http://www.luise-berlin.de/lesezei/blz00_08/text5.htm

http://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/gertrud-kolmar-die-tragische-schwester-der-nelly-sachs/

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/gertrud-kolmar (Links: Texte von und über G. Kolmar)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/kolmar.html (von Fritz Stavenhagen vorgetragene Gedichte G. Kolmars)

http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/frauenarchiv/gedicht/kolmar_gedichte.html (sechs Gedichte)

http://www.bernik.ch/wordpress/wp-content/uploads/2011/11/Gertrud_Kolmar.pdf (Arbeit über G. Kolmars Werk)

Und wer dann noch Lust hat, Ulla Hahns Gedicht zu analysieren, der kann das gerne tun – ich habe meine Pflicht erfüllt, wenn ich auf Gertrud Kolmar hingewiesen habe.

Ich möchte zum Schluss noch die Links nennen, unter denen man mehrere Gedichte Ulla Hahns findet:

http://arlindo-correia.com/060301.html (elf Gedichte)

http://www.lyrikline.org/de/gedichte/anstaendiges-sonett-10714#.VoamkPH1eHl (zehn Gedichte)

http://www.liebeskummer.ch/forums/topic/65864-gedichte-v-ulla-hahn-f%C3%BCr-gl%C3%BCcklich-u-ungl%C3%BCcklich-verliebte-geliebte-verlassene/ (20 Gedichte)

http://www.florey.de/7lieder.htm (sieben Gedichte)

http://www.zeit.de/1983/39/mit-grazie-mild-wie-vanille (über Ulla Hahn, DIE ZEIT 1983)

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Ulla Hahn: Angeschaut – Analyse

Du hast mich angeschaut jetzt…

Text:

https://www.randomhouse.de/leseprobe/Gesammelte-Gedichte/leseprobe_9783421042200.pdf (dort S. 35)

 

Um das Gedicht zu verstehen, reduziere ich es auf seinen syntaktischen Kern:

 

Du hast mich angeschaut // jetzt

hab ich plötzlich …

 

Du hast mich angefasst // jetzt

wächst mir …

 

Du hast mich geküsst // jetzt

fliegen mir …

und du tatest dich gütlich.

 

Du hast mich vergessen // jetzt

steh ich da

frag ich …

 

Ergebnis: 1. Es spricht ein Ich zu einem Du; es berichtet (oder stellt fest – das Du weiß das ja alles, hat es aber vergessen: d.h. es erinnert daran), was das Du getan hat (jeweils Perfekt: „Du hast mich angeschaut“ usw.) und was offenbar die Folge davon ist (jeweils Präsens: „jetzt hab ich“ usw.). 2. Die Taten des Du bilden eine uns geläufige Reihe in einer Liebesbeziehung, die vom Anschauen übers Küssen zum Vergessen geführt hat. 3. Am Ende steht das Ich ratlos da („frag ich“). 4. Die Bedeutung all dessen für das Ich muss sich aus dem ergeben, was das Ich von den Folgen fürs eigene Leben und Erleben sagt (und was bisher ausgelassen worden ist); damit ist auch noch nicht klar, wozu das Ich so zum Du spricht.

In der 1. Strophe wird deutlich, welche Haltung das lyrische Ich einnimmt: Es beschreibt seinen Zustand. Als Folge des Angeschautwerdens habe es „plötzlich zwei Augen mindestens“ (V. 2); evtl. kann die modifizierende Partikel „mindestens“ auch zu „(mindestens) einen Mund“ gehören. Als weitere Folge wird beschrieben: „die schönste Nase / mitten im Gesicht“ (V. 3 f.). Das modifizierende „mindestens“ und die Ortsangabe „mitten im Gesicht“ qualifizieren die ganze Beschreibung als ironisch, da beide Angaben selbstverständlich und daher überflüssig, also sachlich unsinnig sind; „die schönste Nase“ ist dem Blick des (damals) verliebten Du zuzurechnen, wovon sich das Ich im Sprechen ironisch distanziert.

Ein Problem bereitet das Adverb „jetzt“, das viermal die präsentische Ich-Aussage einleitet. Ohne weiteres zu verstehen ist es in der 4. Strophe; problematisch ist es in den ersten drei Strophen – sinngemäß wäre dort ein „da“ + Präteritum, wie man besonders deutlich in der 3. Strophe sieht, weil der letzte Satz dort ebenfalls Präteritum aufweist („du tatest“), was nur nach dem Satz „dann flogen mir…“ möglich ist. Wir haben zwei Möglichkeiten, diese Schwierigkeit mit dem Adverb „jetzt“ aufzuheben: a) Wir erklären es in den ersten drei Strophen für fehlerhaft, als Analogiebildung zur 4. Strophe. b) Wir halten am Präsens fest und nehmen an, damit sei eine dauerhafte Folge gültig umschrieben, welche das Ich dem Du und seiner damals verliebten Sicht zuschreibt, von der sich das Ich jedoch durch seine ironische Sicht heute (im Sprechen) absetzt.

Die 2. Strophe und das dort erwähnte Engelsfell habe ich bereits erklärt (s.u. Link: norberto68); in der 3. Strophe werden die Folgen des Küssens beschrieben: Die köstlichen Speisen des Schlaraffenlandes strömen dem geküssten Ich aus dem „Maul“ (V. 11) – mit dieser Abwertung wird das Ich in seiner Sicht als bloßer Lieferant (aus Sicht des Du, die Sichtweisen überschneiden sich wieder!) bewertet. Es folgt ein klagendes „ach“ (V. 11), darauf die Erinnerung, dass das Du die guten Gaben genossen hat (V. 12) – ob und warum das lyrische Ich das Küssen bzw. Geküsstwerden nicht genossen hat, wird verschwiegen. Ich kann die Aussage „du tatest dich gütlich“ (V. 12) allerdings nicht als Vorwurf ansehen; dass sich jemand im Schlaraffenland an den herumfliegenden Speisen (man beachte die altertümlichen Bezeichnungen, die zum Märchen vom Schlaraffenland passen!) gütlich tut, ist schließlich Sinn und Zweck des Schlaraffenlandes. Die Pointe steckt hier in der Spannung zur 4. Strophe: „was / fang ich allein / mit all dem Plunder an?“ Hier werden die Köstlichkeiten des Küssens ironisch vom Ich zum heutigen „Plunder“ abgewertet, der für das verlassene Ich natürlich überflüssiges Zeug ist.

Jetzt können wir auch sagen, wozu das Ich seine gescheiterte Liebesgeschichte rekapituliert: Es erinnert das Du an die gemeinsamen Erlebnisse und wirft dem Du vor, dass es sich vom Ich abgewandt, dass es das Ich „vergessen“ (V. 13) hat. Das Ich hat also erwartet, dass nach Anschauen, Anfassen, Küssen das werbende Du nicht weggeht, sondern bleibt; in dieser Erwartung ist es enttäuscht worden. – Ob das eine berechtigte Erwartung ist, ist damit noch nicht erwiesen. Dass das Du sich an den köstlichen Speisen gütlich tat, klingt wie ein Vorwurf; der eigentliche Vorwurf besteht jedoch darin, dass das Du zu schmausen aufgehört hat und die guten Gaben des Schlaraffenlandes ungenutzt liegen lässt.

Die Rollenverteilung Ich/Du ergibt sich aus dem Engelsfell (s. norberto68). Die formalen Dinge sind in den Schülerinterpretationen genannt, deshalb kann ich sie hier übergehen.

Ich zitiere zum Abschluss die zwei Anfänge der im Netz greifbaren Schüleranalysen, um deren Problematik aufzuzeigen:

  1. „In dem Gedicht ‚Angeschaut’ von Ulla Hahn geht es um ein Ich, das durch die Liebe eines Du in seinen Gefühlen entfesselt und in seinem Wesen geformt wird.“ Hier fehlt außer dem Hinweis auf einen Rückblick die Distanz des Ich, die Ironie seines Rückblicks wird nicht gewürdigt; dass es in seinem Wesen geformt wird, steht nicht im Text.
  2. „Das 1981 entstandene Gedicht ‚Angeschaut’ von Ulla Hahn (geb. 1946) beschreibt eine Beziehung zwischen zwei Personen, die sich näher kommen und schließlich, am Ende des Gedichtes, wieder alleine da stehen. / In der ersten Strophe schauen sie einander an, in der zweiten berühren sie sich, in der dritten küssen sie sich. Die vierte Strophe beschreibt, dass das Lyrische Ich alleine ist.“ Das Gedicht beschreibt nichts, sondern das lyrische Ich beschreibt etwas oder vielmehr berichtet von etwas Vergangenem, erinnert jemanden daran; damit macht es dem Du einen Vorwurf, dass es allein steht. Sie schauen sich auch nicht in der 1. Strophe an, sondern in der 1. Strophe wird berichtet, dass das Du das Ich angeschaut hat usw.

Ein Lehrer weiß oder ahnt vielleicht, was die Schüler meinen, aber diese können nicht sagen, was sie (vielleicht) meinen, vielleicht aber auch nicht gesehen haben.

 

http://www.diesterweg.cidsnet.de/conpresso/_data/Interpretation_Ulla_Hahn__Angeschaut.doc (Text und überarbeitete Interpretation einer Schülerin)

http://www.lyrikschadchen.de/Interpretation_Angeschaut__Hahn_.pdf (dito)

https://norberto68.wordpress.com/2015/09/17/ulla-hahn-angeschaut-didaktische-erwaegungen/ (ältere Überlegungen von mir, schrittweise angestellt und deshalb zunächst fehlerhaft)

https://de.wikipedia.org/wiki/Schlaraffenland (Schlaraffenland)

https://de.wikisource.org/wiki/Das_M%C3%A4rchen_vom_Schlauraffenland_(1857) (Grimm: Das Märchen vom Schlaraffenland)

http://southernoregonlivemusic.com/music/live/downloads/ulla-hahn/ (tunes of Ulla Hahn)

Ulla Hahn: Mit Haut und Haar – Analyse

Ich zog dich aus der Senke deiner Jahre…

Text:

http://literatur-und-schriftsteller.blogspot.de/2007/09/ulla-hahn-mit-haut-und-haar-1981.html

http://www.fachdidaktik-einecke.de/5_Schreibdidaktik/aufgabenstellung_textanalyse_11.htm

http://www.daemonenforum.de/mit-haut-und-haar-t903.html (Text mit „gelehrter“ Sammlung von Stilmitteln)

http://lyrikonline.hep-verlag.ch/mod/data/view.php?d=2&rid=320 (Text mit kurzer hilfloser Erklärung – aus einem Lyriklexikon zur dt. Literatur)

 

Wenden wir uns zunächst der Überschrift zu, die später im Text noch zweimal auftaucht: „Mit Haut und Haar“. Das bedeutet so viel wie „völlig, vollständig, ganz und gar“. „Es handelt sich um eine alte Rechtsformel, die bereits im Sachsenspiegel (um 1239) mehrfach gebraucht wird. Sie bezeichnet die äußerlichsten Teile des menschlichen Körpers und vermittelt dadurch die Bedeutung des Extrems und der Vollständigkeit. Ursprünglich handelt es sich dabei um eine körperliche (Züchtigungs-) Strafe, die sich auf das Scheren des Haares und das Schlagen der Körperhaut mit Ruten erstreckte.“ (http://www.redensarten-index.de/suche.php?suchbegriff=~~mit+Haut+und+Haar+/+Haaren&suchspalte%5B%5D=rart_ou, vgl. auch Art. „Haut“ in Lutz Röhrich: Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten). Wer tat oder war etwas mit Haut und Haar – das ist die Frage, welche die Überschrift aufwirft.

Es spricht ein lyrisches Ich, das sich vorwurfsvoll an ein Du wendet; es berichtet davon, wie es ihm mit diesem Du ergangen ist, und zwar wie es ihm in der Liebe mit dem Du ergangen ist: übel nämlich. Das wird im Einzelnen expliziert.

Zunächst berichtet das Ich, was es für das Du getan hat (1. Str.). Bildhaft spricht es davon, dass es das Du „aus der Senke deiner Jahre“ gerettet hat. „Senke“ ist das Gegenteil von Höhe, aus diesem Senke-Loch hat das Ich das Du herausgezogen; das Attribut „deiner Jahre“ bezeugt, dass das Du in einem langdauernden Tief gesteckt hat und dann in einen „Sommer“ (V. 2) hineingeholt wurde: Sommer statt Senke (Alliteration), das war das Rettungsprogramm; Sommer ist Licht, Wärme, Leben. In den beiden nächsten Versen wird klar, dass es sich um ein Liebesverhältnis handelt, a) wegen des Verbs „lecken“ (pars pro toto: schmusen), b) wegen des Schwurs, „ewig mein und dein zu sein“. Zu „lecken“ gehören die drei Objekte Hand, Haut, Haare (Alliteration, V. 3), wobei zur Redewendung „mit Haut und Haar(en)“ noch die Hand hinzugefügt ist – die Hand lecken, das ist ein Bild hündischer Ergebenheit. Auffällig ist jedoch der Schwur, der die vermeintliche Unterwürfigkeit widerruft (V. 4). Gängig ist nämlich der Liebesschwur „auf ewig dein“ (vgl. „Dein ist mein ganzes Herz…“), hier aber heißt es „ewig mein und dein zu sein“ – das bedeutet, dass in aller Ergebenheit die Eigenständigkeit gewahrt bleiben soll, dass die Paradoxie von gleichzeitiger Hingabe und Autonomie das Ziel sei.

Das Ich spricht gebundene Sprache (Jambus, fünf Hebungen, Kreuzreim mit wechselnd weiblicher und männlicher Kadenz); jeder Vers ist ein Satz, die jeweils zweiten Sätzen setzen den vorhergehenden mit „und“ fort, haben aber wegen der weiblichen Kadenz eine ganz kleine Pause vor sich. Nach dem zweiten Satz setzt das Ich mit „Ich“ neu an, was eine größere Pause voraussetzt. Die Reime ergeben semantisch nichts, sind bloße Klangphänomene. – Entgegen den Vermutungen vieler Schüleranalysen ist hier über das Alter der beiden sowie über ihre Geschlechtszugehörigkeit nichts auszumachen; später könnte man aufgrund traditioneller Rollenmuster vielleicht spekulieren, wie sich die Rollen auf Mann und Frau verteilen.

Darauf berichtet das Ich davon, wie das Du agierte und welche Folgen das hatte: In zwei bildhaften Wendungen (mich umwenden, mir dein Zeichen ins Fell brennen – das zweite Bild entstammt der Viehzucht, das Zeichen des Besitzers wird Tieren ins Fell gebrannt) wird berichtet, dass das Ich sich selbst enteignet wurde; weil bildhaft gesprochen wird, wird eben nicht gesagt, was genau geschah – das kann sich jeder selbst ausmalen: Auch wenn das Feuer „sanft“ war, schmerzte das Brandzeichen, weil das Fell dünn war. Die Folge der Enteignung wird wieder in abgeblassten Metaphern berichtet: Ich ließ von mir ab, ich wich vor mir zurück: ein Ich-Verlust. Was das bedeutet, wird nach dem Enjambement in der 3. Strophe nachgetragen: Aufgabe oder Bruch des ursprünglichen Schwurs (V. 9), Scheitern der großen paradoxen Liebeshoffnung.

Die Reimform wechselt in der 2. Strophe zum umarmenden Reim, was nicht viel besagt. Der Reim „Zeichen/weichen“ (V. 5/8) ist jedoch bedeutungsvoll, weil er die Enteignung (das Zeichen einbrennen) mit dem Ich-Verlust (vor mir zurückweichen) verbindet. Auch die Veränderung des Satzbaus fällt auf: Jeweils ein kurzer Satz (du/ich) mit einem längeren Folgesatz, der übers Versende hinausgreift, beim zweiten Mal sogar übers Strophenende: eine größere Unruhe im Sprechen.

In den folgenden Versen wird über den Prozess der Enteignung in zwei weiteren Stufen gesprochen: Zuerst begann er (V. 8), darauf wird er fortgesetzt (V. 9-12), schließlich ist er vollendet (V. 13). Die Fortsetzung der Enteignung wird wieder bildhaft umschrieben: Es ist noch ein Rest vom Ich da, der sich an das ehemals ganze Ich erinnert und danach ruft (V. 9 f.); das Ich jedoch ist im Inneren des Du verborgen worden, es ist sozusagen verschlungen oder aufgefressen – „tief“, wird nachgetragen, also unrettbar verloren, wie im nächsten Satz ausdrücklich gesagt wird (V. 13); „ganz in dir aufgegangen“ (V. 13), das ist der totale Ich-Verlust.

In der 3. Strophe bestimmt wieder der Kreuzreim den Ton, die Reime kann man diesmal beide semantisch entschlüsseln: nur noch Erinnern, da in deinem Innern (V. 9/11); der Überrest rief, aber du verbargst mich tief (V. 10/12). Im Satzbau haben wir wieder eine Entsprechung zur 2. Strophe, nur dass in V. 12 der kurze Satz am Ende steht. Die Zweiteilung der Strophe gilt auch für die 2. und 3. Strophe, hier wird jeweils mit „Da“ eine Folge des vorher benannten Geschehens eingeleitet.

An den bereits besprochenen V. 13, wo der Abschluss des Ich-Verlustes berichtet und beklagt wird, folgt eine Überraschung – „da spucktest du mich aus mit Haut und Haar.“ (V. 14) Mit dieser Anklage, diesem Vorwurf schließt das Ich seinen Klagegesang vom Ich-Verlust ab. Hier spricht das Ich in der Fortsetzung des Bildes vom Verbergen im Inneren (= Verschlucken, Vernaschen) vom Ausspucken. Das ist Anklage, weil damit gesagt wird, dass das Ich dem Du kein Subjekt war, sondern ein Genussmittel, das nach Gebrauch ausgeschieden wird. Ausgespuckt wird, was nicht ins Innere gehört, was ein ungenießbarer Rest ist oder abgesondertes Sekret, was einem nicht bekommt. Ausspucken statt verabschieden, das ist entwürdigend: mit Haut und Haar, total.

Die vier Schlussworte ergeben die Überschrift des Gedichts; die beiden letzten Verse reimen sich als Paar, hier sind zwei Gegensätze im Klang aneinander gebunden (verschluckt / ausgespuckt). Das Klagelied des Ich endet mit einer großen Anklage.

Das Gedicht ist ein Sonett, aber folgt nicht den gängigen Schemata vom Aufbau eines Sonetts. Vielmehr haben wir ein Schema von Aufstieg (1. Str.) und Verfall (V. 5-13) oder von Gewinn und Verlust vor uns; es endet mit einem dramatischen Schlusspunkt (V. 14)

Nur aufgrund gängiger Klischees oder Rollenbilder kann man im Ich eine Frau, im Du einen Mann erkennen: die Frau devot, der Mann vernascht sie, zum Schluss verstößt er sie – in der Wirklichkeit kann es auch umgekehrt sein, heute zumindest. Wenn man den Text genau liest, gibt es keine Anhaltspunkte für eine Identifizierung von Ich und Du; die Tatsache, dass die Autorin eine Frau ist, verführt ebenfalls leicht dazu, auch im lyrischen Ich eine Frau zu sehen – aber das Ich heißt nicht Ulla, es heißt nur Ich. Wie man den zahlreichen Schüleranalysen entnehmen kann (es gibt noch mehr davon), sind die Schüler in der Regel nicht so vorsichtig wie ich bei der Identifizierung von Ich und Du; das gilt auch für meine ehemalige exzellente Schülerin Sonja, die abschließend kommentierte: „So ein fieser Kerl!“ – Eine wirklich produktive Aufgabenstellung zum Gedicht wäre: „Was sagt das verklagte Du dazu? Formulieren Sie eine mögliche Antwort.“

P.S. Wenn man jenseits von „Gedichtanalysen“ über das Gedicht nachdenkt und es nicht nur zur moralischen Empörung nutzt, stößt man schnell auf die Frage, was denn „ewig mein und dein sein“ bedeuten kann. Seit Jahrzehnten ist die Selbstverwirklichung („mein sein“) das große emanzipatorische Ziel, das aber nur in einem langwierigen Prozess zu erreichen ist: Was das zu verwirklichende Selbst ist, kann nicht definitiv festgelegt werden. Wie lässt sich damit Liebe („dein sein“) vereinbaren?

„Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertigwerden; weil wir sie lieben, solange wir sie lieben.“ (Max Frisch, Tagebuch) Wenn Max Frisch mit seiner Erklärung recht hat, dann wird in der Liebe auch das „mein Sein“ verändert, dann ist darin für die vorrangige Selbstverwirklichung kein Platz.

Die Formel „ewig mein und dein sein“ weiß keine Antwort auf die Frage, wie Liebe und Selbstverwirklichung zusammenpassen; die eher abstrakten Bilder des Gedichts erlauben vielleicht nur die Geste des Vorwurfs aus der Sicht eines enttäuschten Ichs, das sich doch sehr einseitig als der anfängliche Wohltäter empfindet („zog dich aus der Senke deiner Jahre“) und das schon im „Sommer“ lebte, aber nicht mit dem Du in ihn hineingekommen ist.

 

http://www.lerntippsammlung.de/Interpretation-Mit-Haut-und-Haar.html (schülerhaft)

http://www.klausuren.de/inhalt/kategorie/deutsch-1/gedichtinterpretation-mit-haut-und-haar-von-ulla-hahn.html (etwas besser)

http://www.rhetoriksturm.de/mit-haut-und-haar.php (typisch „Rhetoriksturm“: so was von schülerhaft!) – es gibt weitere Exemplare dieser Art.

https://www.yumpu.com/de/document/view/25872868/in-dem-gedicht-quotmit-haut-und-haarquot-von-ulla-hahn-wird-die- (Sammlung mehrerer Schüleranalysen)

http://www.manuelfilm.de/Website/Mit_Haut_und_Haar.html (Vortrag: Manuela Reiser, gut; Verfilmung beliebig: unsinnig)

http://www.literaturportal-westfalen.de/main.php?id=00000086&article_id=00000214 (zehn Gedichte Ulla Hahns vorgetragen, u.a. „Mit Haut und Haar“)

https://www.youtube.com/watch?v=vULql089YjE (Vortrag, zwei Stimmen: so nicht gut, auch zu viel Musik)

https://www.youtube.com/watch?v=FR8h3K5X1fg („Visualisierung“ des Textes: leider dem Text nicht gemäß!)

Ulla Hahn: Irrtum – Analyse

Und mit der Liebe sprach er ists…

Text:

http://www.fachdidaktik-einecke.de/1_Unterrichtsplanung/stundenentwurf_giolda_gk11_hahn_irrtum.pdf (Stundenentwurf, Text dort S. 9 – die sauberste Textbasis)

https://www.klett.ch/mediafiles/probeseite2/978-3-12-927206-0.pdf (geringfügig abweichend: sauberste Textbasis)

 

In einer Darstellung der Prüfungsanforderungen für das Fach Deutsch im Abitur hat das Kultusministerium des Saarlandes (Ministerium für Bildung, Familie, Frauen und Kultur) 2008 auch eine Musteranalyse des Gedichtes von Ulla Hahn dargeboten; da es keine bessere im Netz gibt, sie in den Prüfungsanforderungen jedoch eher versteckt als veröffentlicht ist, soll sie hier noch einmal präsentiert werden:

 

Analysieren und interpretieren Sie das Gedicht von Ulla Hahn.

 

Ulla Hahn:

Irrtum 

 

Und mit der Liebe sprach er ists

wie mit dem Schnee: fällt weich

mitunter und auf alle

aber bleibt nicht liegen.

 

Und sie darauf die Liebe ist

ein Feuer das wärmt im Herd

verzehrt wenns dich ergreift

muß ausgetreten werden.

 

So sprachen sie und so griff

er nach ihr sie schlugs nicht aus

und blieb auch bei ihm liegen.

 

Er schmolz sie ward verzehrt

sie glaubten bis zuletzt an keine Liebe

die bis zum Tode währt.

(1988)

aus: Ulla Hahn: Süßapfel rot. Gedichte, Stuttgart 2003, S. 20

 

 

Erwartungshorizont Textinterpretation (Lyrik)

 

Thematik:

In dem Gedicht „Irrtum“ entwickelt die Autorin in freundlich-ironischer Paradoxie die Macht einer dauerhaften Liebe gerade aus deren Leugnung heraus.

 

Formale Aspekte und deren Funktion:

Das Druckbild offenbart bereits auf den ersten Blick eine Sonettform, die den Schülern spätestens seit der Behandlung von Barocklyrik in der Einführungsphase vertraut sein sollte. So gibt sich das Gedicht von vornherein traditionell-konventionell, freilich mit Abweichungen (die als bewusste Freiheiten bzw. als [post]moderner Umgang mit vorgegebenen Formen deutbar sind):

    • Reimverzicht – mit Ausnahme des recht „unreinen“ Gleichklangs der Versenden 12/14 („verzehrt/währt“).
    • vorwiegend  jambische Metrik, aber auch hier mit Unregelmäßigkeiten (Vers 6 und Vers 9, es sei denn, man lege im letzteren Falle die Betonung auf das zweite „so“; dann ergibt sich eine Fortführung des jambischen Rhythmus zusammen mit Vers 10, der mit einer trochäischen Hebung einsetzt)
    • ungleiche Verslängen mit ungleicher Hebungszahl (z.B. drei Hebungen in Vers 3, fünf Hebungen in Vers 13)

 

Textaufbau und Sinnbeziehungen, sprachliche Merkmale:

Jede Strophe bildet eine Sinneinheit, was nicht zuletzt durch den jeweiligen Schlusspunkt deutlich wird.

Im Gegensatz dazu schafft der Verzicht auf jedes trennende Komma innerhalb der Strophen einen auffälligen Textfluss, der zur sinnerschließenden Aufmerksamkeit zwingt.

(Letzteres ist ein allgemeines Stilmerkmal der meisten Gedichte der Autorin und bedarf von daher keiner individuellen Interpretation; es ist jedoch möglich, wenn auch nicht zwingend, etwa die enge Verschränkung in den Strophen 3 und  4 in Sinnzusammenhang zum Verschmelzen der beiden Partner zu setzen.)

Der Gedichtanfang blendet sich mit der Konjunktion „Und“ unmittelbar in ein – wie es scheint – bereits laufendes Gespräch ein, in dem es unter anderem auch um die Liebe geht. Denkbar wäre, dass damit schon angedeutet werden soll, dass beide Gesprächspartner (Mann und Frau) der Liebe rational begegnen und ihr keinen großen Stellenwert in ihrem Leben einräumen wollen.

Ihre beiden Ansichten über die Liebe werden in konträrer Bildlichkeit einander gegenübergestellt: „Er“ betont das Vergängliche, „sie“ das Bedrohliche der Liebesleidenschaft (schmelzender Schnee – verzehrendes Feuer), gemeinsam ist beiden allerdings die negative Sicht.

Von der inneren Struktur her sind die beiden Strophen sehr gleichsinnig aufgebaut: Zunächst die Ankündigung einer Definition (Verse 1 und 5), dann das scheinbar Positive (Verse 2 und 6: weicher Schnee und wärmendes Herdfeuer), in den jeweiligen Folgeversen die Umkehrung ins Negative („bleibt nicht liegen“ –  „muß ausgetreten werden“).

Somit sind die die beiden Quartette bestimmt vom Prinzip der Parallelität und des Gegensatzes.

Dem getrennten theoretisierenden Reden wird die ganz anders geartete ‚Praxis’, das gemeinsame Handeln und dessen Wirkung, in den Terzetten entgegengesetzt. Von daher wirken die Aussagen der ersten beiden Strophen letztlich nur wie vorangestellte intellektuelle Absicherungen, nach denen man sich doch (bzw. erst) miteinander einlässt – wohl zunächst nur sexuell (3. Strophe), dann aber doch grundsätzlicher. Dabei klingen die Verben der ersten  beiden Strophen an, erhalten aber umgekehrte Wertigkeit, wenn das Verhalten der Frau beschrieben wird: Sie „blieb […] bei ihm liegen“ (im Gegensatz zum Schnee) und „schlugs nicht aus“ (im Gegensatz zum Feuer, das angeblich „ausgetreten werden“ muss).

Die Schlussstrophe führt die Umdeutung fort: Schmelzen und Verzehren erfahren die Wendung ins Positive.

Die beiden letzten Verse enthalten die Steigerung zum ironisch-humorvoll dargebotenen Hauptgedanken des Gedichts. Beider Skepsis bleibt, aber eben die Liebe auch „bis zuletzt“ – ein sehr positiver, produktiver „Irrtum“, den der Titel bereits benennt, der aber nun erst erklärt wird. Damit hält bis „zuletzt“ die Spannung des Lesers (wie die des Liebespaares) an.

Dieser Gedanke teilt sich mit in einer Sprache, die deutlich an Lyrik des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts gemahnt, sei es im Auftaktvers, der etwas von der bewussten Heine’schen Schlichtheit hat, oder in dem altertümlichen „ward“ der Schlussstrophe. Es sind postmoderne Anklänge, die den zart-ironischen Gedichtgestus noch erhöhen und – beinahe wie die Vorreden der Liebenden – als eine Art von Absicherung der Autorin beim Schreiben über ein geradezu inflatorisch behandeltes Thema dienen mögen. Hierbei schließt sich auch der Kreis zur Gedichtgestalt selbst, die ja ebenfalls eine spielerische Traditionsanknüpfung an die barocke (Liebes-)Lyrik darstellt (s.o. zur Sonettform).

 

http://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/DO01_3-12-350511_AB5-03.pdf (Analyse im Schulbuch)

http://www.rhetoriksturm.de/irrtum-ulla-hahn.php (schülerhafte Analyse)

http://archive-de-2012.com/de/x/2012-07-21_174869_7/Irrtum-Ulla-Hahn-Gedicht-Analyse/ (Paraphrase)

http://www.zeit.de/1983/39/mit-grazie-mild-wie-vanille (über Ulla Hahn, 1983)

Ulla Hahn: Winterlied – Analyse

Als ich heute von dir ging…

Text:

http://www.maths.ed.ac.uk/~aar/surgery/ulla2.pdf

http://www.dtv.de/_pdf/blickinsbuch/13604.pdf?download=true (Wintergedichte, dort S. 20)

https://www.randomhouse.de/leseprobe/Gesammelte-Gedichte/leseprobe_9783421042200.pdf (dort S. 41 – diese Links sind wichtig, weil in den umlaufenden Versionen oft in V. 7/8 ein falscher Zeilenschnitt vorliegt)

 

Das Gedicht aus „Herz über Kopf“ (1981) hat bereits 1979 in der FAZ gestanden. Es heißt „Winterlied“, ist aber kein Winterlied – oder wenn doch, dann in einem anderen Sinn als gewöhnlich. Nur die beiden ersten Verse scheinen ein Winterlied einzuleiten, da wird vom ersten Schnee gesprochen; die Autorin variiert hier den ersten Vers von Brechts Gedicht „Als ich nachher von dir ging“; die Situation ist jedoch anders als bei Brecht, dafür steht „der erste Schnee“. Danach geht es spielerisch-subversiv weiter: „und es machte sich mein Kopf / einen Reim auf Weh.“ (V. 3 f.) Hier fällt mir zunächst der Kopf auf als derjenige, der sich einen Reim macht – normalerweise sagt man ja, dass ich mir einen Reim auf etwas mache. Wenn nun der Kopf sich den Reim macht, dann ergibt das wohl etwas (bloß) Erdachtes – ich (das Ich des lyrischen Ichs) kann es anscheinend nicht. Das Zweite ist der „Reim auf Weh“ – im Gedicht ist „Weh“ (V. 4) überraschend der Reim auf „Schnee“, aber das Ich kann sich auf sein Weh keinen Reim machen und bemüht dafür seinen Kopf.

Diese Lesart wird durch die zweite Strophe, angeschlossen mit kausalem „Denn“ (V. 5), bestätigt: Dem Ich ist ja „Ungereimtes“ widerfahren (V. 8), worauf es sich keinen Reim machen kann. In Anlehnung an gängige Winterlieder wird verneint, dass die Kälte dem Ich die Tränen beschert hat (V. 5-7), „es war / vielmehr Ungereimtes“ (V. 7 f.). Dem entspricht hier die formale Eigenschaft, dass in dieser Strophe auch der Reim von V. 2/4 entfällt, den es in den übrigen Strophen gibt. V. 8 endet erstmals mit einer weiblichen Kadenz, während die ersten sieben Verse alle eine männliche Kadenz aufweisen. Ob man hierfür auch die Enjambements in V. 6 und 7 bemühen muss, lasse ich offen; bereits in V. 3 gab es ein Enjambement. Jedenfalls weisen die Verse ein einfaches trochäisches Sprechen auf, der Tonfall ist schlicht und beinahe volksliedhaft. Einem Vers mit vier Hebungen folgt einer mit dreien, wodurch eine Pause entsteht, welche die Strophe teilt bzw. von den anderen Strophen absetzt.

„Ach“ (V. 9) ist die traditionelle Klage des verlassenen Liebenden; hier wird beklagt, dass das untreue Du „schon zu weit“ entfernt war (V. 9, vgl. V. 1: Als ich von dir ging), als das Ich fragte. Mit diesem „Ach“ äußert das lyrische Ich seinen gegenwärtigen Kummer über die misslungene Kommunikation, von der es (im Präteritum) berichtet. Seine Frage greift die eigene Äußerung über das Ungereimte (V. 7 f.) auf: Dem für das Ich Ungereimten muss ja etwas Gereimtes entsprechen, eben Reime, nach denen es fragte (V. 10 f.): ‚Wer schlief die Nacht in deinen Reimen?’ Das heißt: ‚Wer schlief die Nacht in Harmonie mit dir, in deinen Armen?’ Die Frage des verlassenen Ichs erreicht das gefragte Du nicht mehr – der Abstand ist „schon zu weit“ (V. 9); zwischen ihnen steht nur noch Ungereimtes, meint jedenfalls das enttäuschte Ich. – Der letzte Vers weist einen zusätzlichen Auftakt auf: Ob man dem Bedeutung beimessen muss? Oder ob die Entscheidung fürs Possessivpronomen „deinen“ (statt für den Artikel „den“) diese Störung bedingt? Es mag ungeklärt bleiben angesichts des vielen Ungereimten.

 

http://www.planetlyrik.de/karl-krolow-zu-ulla-hahns-gedicht-winterlied/2015/03/ (Karl Krolows Eindrücke, 1982)

http://www.sprachverein.ch/sprachspiegel_pdf/Sprachspiegel_2013_3.pdf (Mario Andreotti: Gute Zeiten für Gedichte? – dort S. 75 über die Reime in Ulla Hahns Gedicht)

Ulla Hahn: Bildlich gesprochen (1981) – Analysen

Wär ich ein Baum, ich wüchse…

Text:

http://www.onlinekunst.de/gedichte/ulla_hahn.html

http://deutschsprachigedichtung.blogspot.de/2009/02/ulla-hahn-bildlich-gesprochen.html

http://arlindo-correia.com/060301.html (dort das 7. Gedicht)

http://www.stiftikus.de/lyrik/liebe0.doc (Sammlung von modernen Liebesgedichten, dort S. 3)

Nachdem ich Ulla Hahns Gedicht „Wörtlich genommen“ kurz analysiert hatte, reizte mich einfach der analoge Titel „Bildlich gesprochen“ (1981). Ich habe dann festgestellt, dass es eine ganze Reihe von Analysen und Interpretationen gibt, und habe mich mit einer Fleißarbeit begnügt: die Links dazu notieren (es gibt weitere Arbeiten außer den genannten!). – Offensichtlich gehört dieses Gedicht in den Kanon moderner Liebeslyrik in der Schule.

http://www.ucconradt.dscloud.me/Deutsch/page4/downloads/files/Liebe%20im%20Gegenwartsgedicht.pdf (Text und große Interpretation)

http://www01.ph-heidelberg.de/wp/haerle/download/Haerle_LiebLyr_310306.pdf (Text und kurze Interpretation im Rahmen themengleicher Liebesgedichte, S. 102 f.)

http://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/DO01_3-12-350511_AB5-04.pdf (Analyse)

http://herkules.oulu.fi/thesis/nbnfioulu-201306011440.pdf (Die Dynamik von Ich und Du in der Lyrik Ulla Hahns, dort S. 52 ff. Interpretation des Gedichts)

http://www.magistrix.de/texte/Schule/Schularbeiten/Deutsch/Gedichtsinterpretationen/Bildlich-Gesprochen-Gedichtinterpretation.16163.html (dito, Schülerarbeit)

http://www.lerntippsammlung.de/Interpretation–g-Bildlich-gesprochen-g–von-Ulla-Hahn.html (Text und „Interpretation“ – Schülerarbeit)

https://www.youtube.com/watch?v=YdY4fWO32v8 (eigenwilliger Vortrag)

http://studioafraz.com/portfolio-item/bildlich-gesprochen/ (Lyrik-Clip zum Gedicht)

http://lyriklas.tumblr.com/post/19450691988/bildlich-gesprochen-eine-parodie (Parodie)

http://lehrerfortbildung-bw.de/faecher/deutsch/projekte/lyrik/liebeslyrik/material/epochen/5_kommentierte_linkliste_liebeslyrik.doc (Links zur Liebeslyrik)

Ulla Hahn: Wörtlich genommen (2011) – Analyse

Ich herze dich …

Text:

http://www.lyrikline.org/de/gedichte/woertlich-genommen-10715#.VpJ0TfH1eHl

http://www.50plus-treff.de/forum/moegt-ihr-gedichte–t47642-s900.html (dort 2. Gedicht)

Das Gedicht „Wörtlich genommen“ (aus: Wiɘderworte, 2011) ist John Donne gewidmet, einem englischen Dichter des 17. Jahrhunderts. Warum sie gerade ihm gewidmet ist, wird nicht gesagt – vielleicht erschließt es sich aus seinem Gedicht „Elegie auf das Zubettgehen seiner Dame“ (s. Link!), einem innigen Liebesgedicht.

Es beginnt mit dem Bekenntnis „Ich herze dich“ (V. 1): herzen = jemanden ans Herz drücken, liebkosen (DWDS). Als Bekenntnis ist dieser Satz eher sinnlos: Wenn ich eine Frau herze, sage ich nicht: „Ich herze dich.“ Das kann man allenfalls als Versprechen und Lockung sagen („Wenn ich dich morgen sehe, dann …“) oder zur Beschreibung einer Beobachtung resp. als Bericht: „Sie herzte ihn innig.“ Wie dem auch sei, von diesem Satz aus, der angeblich „wörtlich genommen“ wird, ist das ganze Gedicht konstruiert: „herzen“ wird auf „Herz“ („wörtlich genommen“) zurückgeführt; danach werden in Analogie zu „Herz/herzen“ neue Verben zu „Lunge, Haut“ usw. gebildet (V. 2-4), die allesamt von Substantiven für „Dinge“ ausgehen, die man zärtlich berühren kann.

Die zweite Strophe setzt an beim Satz „Du baust auf mich“ = Du verlässt dich auf mich, du vertraust mir (V. 5). Hier ist der Rückgang vom metaphorischen „bauen auf…“ über „bauen“ (ein anderes Verb!) zu „Bau“ riskanter; danach werden Verben zu „Spitzdach“ und „Palast“ gebildet (V. 6 f.). Es folgen in der inzwischen bekannten Analogiebildung Sätze mit Verben zu „Oase, Meerstern [kenne ich nur aus dem Marienlied], Land“, also geografischen Größen (V. 8 ff.). Über den Anklang an „bergen/Berg“ folgen weitere „geografische“ Verben (zu Berg, Tal, Gipfel), diesmal dem Ich zugesprochen (V.11 f.).

In der 4. Strophe werden – im Ich-Du-Wechsel – zunächst die Befindlichkeiten Freude und Sehnsucht verbalisiert (V. 13-15), darauf das mögliche Kosewort „Sternschnuppe“ (V- 16).

In der 5. Strophe sind die zärtlich berührten Körperteile dran, verbalisiert zu werden: Brust, Hüfte, Schenkel (V. 17 f.), danach mit Ich-Subjekt Zunge, Zähne, Kehlkopf. Ich lese „Zaum“ = Zähne, nach der homerischen Wendung vom „Gehege deiner Zähne“; „ich kehlkopf“ überschreitet m.E. die Sinngrenze des Sagbaren – ich habe jedenfalls keine erotische Beziehung zu einem fremden Kehlkopf – zur Stimme, ja, aber nicht zum Kehlkopf – das lyrische Ich ist hier etwas eigen.

Die bisherigen Strophen haben alle aus vier Versen bestanden, jeweils mit einer oder zwei betonten Silben (je nach Anzahl der Verben); als Reimwörter dienten nur die Pronomina „dich/mich“. Die letzte Strophe besteht aus drei Versen, wovon der erste und letzte nach einem neuen Prinzip gebildet werden: Gleichklang von Verben mit dem Stammlaut „au“ (V. 21) bzw. „a“ (V. 23), diesmal ohne Objekt: „Ich hauch, brauch, fauch“: bloße Tätigkeiten des Ichs; „du füllhornst mich“: Analogie zu V. 13 ff., mit Objekt. Der letzte Vers hat als neues Subjekt das gemeinschaftliche „Wir“ (V. 23): „Wir atmen amseln amen“. Der Ich-Sprecher (oder ist es eher eine Sprecherin?) geht vom normalen „atmen“ aus: atmen = leben (kein Wunder bei so viel Liebe!). Das folgende kleingeschriebene Wort „amseln“ müsste in Analogie zu den anderen Verben als Verb gelesen werden: „amseln“ = flöten. Es folgt das Wort des Gebetsabschlusses: „Amen“, hier kleingeschrieben, womit offen bleibt, ob es sich um das Schlusswort „Amen“ oder das Verb „amen“ (= sich gegenseitig die letzte Bestätigung geben?) oder beides zugleich handelt. Die beiden letzten Worte sollte man nicht eindeutig machen wollen, weil sie nicht eindeutig sind: Lassen wir das Liebesgedicht offen verklingen.

Die Sammlung „Wiɘderworte“, 2011, ist Ulla Hahns eigene Antwort auf den frühen Gedichtband „Herz über Kopf“, 1981.

https://de.wikipedia.org/wiki/John_Donne (John Donne)

http://www.badische-zeitung.de/literatur-rezensionen/du-fuellhornst-mich–49511190.html (Vorstellung des Gedichtbandes)

http://www.blick-aktuell.de/Koblenz/Ulla-Hahn-bringt-Lyrik-zum-Klingen-1313.html (dito)

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16089 (dito)

Ulla Hahn: Anständiges Sonett – Analyse

Komm beiß dich fest ich halte nichts…

Text:

http://www.maths.ed.ac.uk/~aar/surgery/ulla1.pdf (1979 in der FAZ)

http://www.lyrikline.org/de/gedichte/anstaendiges-sonett-10714#.VoaexPH1eHk (in: Herz über Kopf, 1981)
https://deutschunterlagen.files.wordpress.com/2014/12/hahn-anstacc88ndiges-sonettrilke.pdf (dort S. 4)

Der Titel „Anständiges Sonett“ stellt einen kleinen Scherz zu Beginn dar: Wie durch den „Untertitel“, eine Aufforderung durch St. H. (Stefan Hermlin?), einmal „ein anständiges Sonett“ zu schreiben, ausgewiesen ist, soll dieses Gedicht das Ergebnis sein, mit dem Ulla Hahn der Aufforderung nachkommt. Dabei ist „anständig“ in dieser Aufforderung das umgangssprachliche Wort für „angemessen, zufriedenstellend“ (DWDS), ordentlich, solide; diese Qualitätsbezeichnung hat Ulla Hahn dann als Titel genommen, wobei sie mit einer anderen Bedeutung des Wortes spielt: „anständig“ war man früher – Ulla Hahn ist immerhin Jahrgang 1945 und stammt aus dem Sauerland! – wenn man sich sexuell zurückhielt und „der bösen Lust“ nicht nachgab, ganz anders als das lyrische Ich dieses Gedichts.

Das Ich spricht ein geliebtes Du in Imperativen an, bittet es darin um erotisch-sexuelle Zuwendung: „Komm…“ (V. 1 ff.). Diese Aufforderungen zum wilden Liebesspiel sind anfangs noch konkret (küss, V. 2; beiß, V. 1) und werden dann zunehmend bildhaft („miss“, V. 3, gehört noch zu „küss“ – Reimwort; „Mal“, V. 4, und erst recht „lass mich springen“, V. 6 f., sowie „Zeig mir…“, V. 7 f., bezeichnen keine konkreten Handlungen mehr, sondern umschreiben die Intensität der sexuellen Spiele, während „drunter und drüber“ in diesem Zusammenhang auch wörtlich zu nehmen ist). Ein indikativischer Satz in V. 8: Das Ich beschreibt sein Agieren im Augenblick höchster Lust.

Wir haben bisher die Quartette des Sonetts betrachtet: Enjambements entsprechen der Leidenschaft der beiden, die umarmenden Reime machen das anständige Sonett aus, während der Wunsch, dass es drüber und drunter geht (V.7 f.), gar nicht so „anständig“ klingt. Der Wunsch „lass mich springen unter der Hand in deine“ (V. 6 f.) ist semantisch schleierhaft – „unter der Hand“ wird vielleicht in „drunter … und drüber“ aufgenommen. Die Reime sind eher zufällig, was wohl mit der Konstruktion versübergreifender Sätze zusammenhängt.

Die beiden Terzette sind nach Art eines Kehrreims wenig originell gebaut: wieder / auch / Lieder / Bauch / Lider / auch (V. 9 ff.). Es dominieren wieder Aufforderungen, wobei der Aussagesatz (V. 9-11) als Begründung zur Aufforderung „Warte“ (V. 9) dient. Die erste Bitte ist der selbstverständliche Wunsch aller Liebenden („Bleib bei mir.“), die zweite („Warte“) wird durch die folgende Aussage erst klar: „Ich komm wieder zu mir“ (V. 9 f.), zurück aus der Benommenheit des Liebesrausches; im Wortspiel [zu sich kommen / kommen als Bewegung] setzt das Ich fort: „zu dir dann auch“ – das als Zitat ausgewiesene Adverbial (V. 11) vergleicht den erneuten Ablauf des Liebesspiels mit der Wiederholung des Kehrverses beim Singen.

Es folgen drei Bitten: die erste um „ewiges“ („ein und allemal“, V. 13) zärtliches Schmusen (die Sonnenkringel auf dem Bauch verreiben), die beiden folgenden umschreiben indirekt die neuen unendlichen Liebesspiele, wobei Lider/Lippen (V. 13 f.) in Alliteration aneinander gebunden sind: nicht einschlafen lassen, küssen!

http://www.biblioforum.de/forum/read.php?31,945,1047 Walter Hinderer (1996)

http://www.litde.com/stationen-der-deutschen-lyrik/das-liebesgedicht-kommt-in-fahrt/ulla-hahn-geb-i-anstndiges-sonett-liebe-nach-dem-gesetz-des-kehrreims.php

https://www.youtube.com/watch?v=KQfHfTxP57o (Vortrag, zu sanft)