G. R. Weckherlin: Drunkenheit – Text, Erläuterungen, kurze Analyse

Georg Rodolf Weckherlin:

Drunkenheit

Kont ihr mich dan sunst gar nichts fragen,

ihr herren, meine gute freind,

dan was ich euch könd neues sagen,

wie stark und wa jetzund der feind?

ich bit, doch wollet mir verzeihen,

mit fragen nicht zu fahren fort,

dan sunsten will ich euch verleihen

kein einig wort.

 

Ich red nicht gern von schmähen, träuen,

10 von krieg, bronst, raub, unglück und not,

sondern allein, uns zu erfreuen,

von gutem wildbret, wein und brot.

den man der wein mit lieb entzündet

und das brot stärket ihm den leib,

daß er das wildbret besser findet

bei seinem weib.

 

So lang zu reden, lesen, hören,

und mit dem haupt, hut, knü, fuß, hand

gesandten, herren, könig ehren,

20 so lang zu sprachen an der wand,

so lang zu schreiben und zu reden

von Gabor, Tilly, Wallenstein,

von Frankreich, Welschland, Denmark, Schweden

ist eine pein.

 

Darum fort, fort mit solchem trauren,

daß man alsbald bedeck den tisch,

und keiner laß die müh sich dauren,

wan wein, brot, fleisch und alles frisch;

der erst bei tisch soll der erst drinken,

30 so, herren, wie behend? wolan!

schenk voll! die frau thut dir nicht winken.

nu fang ich an.

 

Ho! Toman, Lamy, Sering, Rumler,

es gilt euch! dieser muß herum!

ich weiß, ihr seid all gute tumler

und liebet nicht was quad und krum,

dan nur das, so man kaum kan manglen,

die weiber wissen auch wol was,

gedenkend alsbald an das anglen.

40 aus ist mein glas.

 

Nim weg von meinem ohr die feder,

gib mir dafür ein messer her;

ho, Schweizer, kotz kreuz, zeuch von leder

und Schweizer gleich streb nu nach ehr!

wolan, ihr dapfere soldaten

mit unverzagtem frischen mut

waget zu neu und freien thaten

nu fleisch und blut.

 

Feind haben wir gnug zu bestreiten

50 in dem vortrab und dem nachtrab;

nu greifet an auf allen seiten

und schneidet köpf und schenkel ab,

indem sich streich, schnit, biß vermischen,

und der nachtrab mag hitzig sein,

so ruf ich stets, euch zu erfrischen:

ho! schenk uns ein!

 

Sih, wie mit brechen, schneiden, beißen

dem lieben feind wir machen graus!

laß mich das spanfärlin zerreißen,

60 stich dem kalbskopf die augen aus.

so, so, wirf damit an die frauen,

die, wan sie schon so süß und mild,

doch könden hauen und auch klauen.

es gilt! es gilt!

 

Wan die soldaten vor Roschellen,

wan die soldaten vor Stralsund

die mauren könten so wol fällen,

als herzhaft wir zu dieser stund

nu stürmen wollen die pasteien,

70 ich sag: die stark wildbret pastet,

so würden sie nicht lang mehr freien

die beede stät.

 

Frisch auf, wer ist der beste treffer?

ha ha! frisch her! ho, ich bin wund!

das pulver ist von salz und pfeffer!

ho! die brunst ist in meinem mund!

doch sih, es hat euch auch getroffen;

zu löschen, muß es nicht mehr sein

gedrunken, sondern stark gesoffen.

80 so schenk nur ein!

 

Durch diesen becher seind wir siger!

so sauf herum knap, munder, doll!

drink aus! es gilt der alten schwiger!

ich bin schon mehr dan halb, gar, voll.

darum so laß den käs herbringen.

kom küß! so küß mich artlich! so!

laß uns ein lied zusamen singen!

hem hoscha ho!

Die Schwäblein, die so gar gern schwätzen,

90 in Thüringen, dem dollen land,

fräßen ein rad für eine bretzen

mit einem käs aus Schweizerland.

in unsrer hübschen frauen namen

Schwab, Schweizer, Thüringer, Franzos,

so singet frölich nu zusamen:

kom küß mich, ros!

 

O daß die Schweizer mit den lätzen,

die Schwaben mit dem leberlein,

die Welschen mit den frischen metzen,

100 die Thüringer mit bier und wein

in ihrer hübschen frauen namen

ein jeder frölich, frisch herum

sing, spring und drink, und allzusamen.

küß mich widrum!

 

Nu schenk uns ein den großen becher,

schenk voll! so! so! ihr liebe freind,

ein jeder guter zecher, stecher

so oft, als vil buchstaben seind

in seines lieben stechblats namen,

110 hie disen ganz abdrinken soll;

ich neunmal, rechnet ihr zusamen.

es gilt ganz voll.

 

Wol! hat ein jeder abgedrunken?

drei, fünf, sechs, siben, zehenmal?

ist dises käs, fisch oder schunken?

ist dises pferd grau oder fahl?

darauf ich schwitz? gib her die flaschen!

es gilt herr Grey, herr Gro, Gro, Groll!

so dise wäsch wird wol gewaschen!

120 seid ihr all doll?

 

Ho! seind das reuter oder mucken?

buff, buff! es ist ein hafenkäs

zu zucken, schmucken, schlucken, drucken.

warum ist doch der A. das gsäß?

pfui dich! küß mich! thust du da schmecken?

wer zornig ist, der ist ein lump!

hei ho! das ding die zähn thut blecken.

bump bidi bump.

 

Ha! duck den kopf! scheiß, beiß, meerwunder.

130 nu brauset, sauset laut das meer.

ein regen, hagel, blitz und dunder.

hei, von heuschrecken ein kriegsheer!

ho! schlag den elefanten nider.

es ist ein stork! ha, nein, ein laus.

glück zu! gut nacht! kom, küß mich wider.

das liecht ist aus.

 

Alsdan vergessend mehr zu drinken

sah man die vier, wie fromme schaf,

zu grund und auf die bänk hinsinken,

140 beschließend ihre freud mit schlaf.

und indem sie die zeit vertriben,

hat diesen seiner freinden chor

alsbald auf dise weis beschriben

ihr Filodor.

Georg Rodolf Weckherlin: Gedichte, Leipzig 1873, S. 166-170.

Andere Schreibweisen des Textes: https://lyrikgeschichte.files.wordpress.com/2013/05/weckherlin.pdf

https://www.reinhard-doehl.de/poetscorner/weckherlin3.htm

http://www.helmut-arntzen.de/lage-der-nation-19.htm

Erläuterungen:

Überschrift: Es gibt auch die Überschrift „Ode. Drunckenheit“.

verleihen (V. 7): umsonst bewillen, zukommen lassen

kein einig (V. 8) : kein einziges

träuen (V. 9): dräuen, drohen

bronst (V. 10): Zustand, da ein Körper von der Flamme verzehrt wird

knü (V.18): Knie

sprachen an der wand (V. 20): sich unterreden, ratschlagen.

Gabor (V. 22): Gabor Bethlen, Fürst von Siebenbürgen, im 30-jährigen Krieg Heerführer auf Seiten der Protestanten.

Tilly (V. 22): Johann Tserclaes Graf von Tilly (gest. 1632), Oberbefehlshaber des Heeres der katholischen Liga und Bayerns

Wallenstein (V. 22): Albrecht Wenzel Eusebius von Wallenstein (1583-1634), kaiserlicher Feldherr und Staatsmann

Welschland (V. 23): hier Spanien (?)

dauern (V. 27): Unlust empfinden, gereuen

der erst drinken (V. 29) als erster trinken

Toman, Lamy, Sering, Rumler (V. 33): vier Freunde Weckherlins in London

tumler (V. 35): ?

quad (V. 36): böse, verkehrt

V. 41: Die Schreibfeder klemmte man hinters Ohr; sie wegnehmen: den Beruf vergessen

Schweizer (V. 43): Toman (wohl auch Anspielung auf die Schweizergarde)

kotz kreuz (V. 43): ein Kraftausdruck

zeuch (V. 43): zieh!

vom Leder ziehen (V. 43): mach Ernst (das Schwert aus der Lederscheide ziehen)

Vortrab, Nachtrab (V. 50): Vorhut, Nachhut

spanfährlin (V. 59): Spanferkel

wirf damit an die frrauen (V. 61): jemanden „mit Augen anwerfen“ heißt ‚mit ihm liebäugeln‘

klauen (V. 63): kratzen.

Roschellen (V. 65): La Rochelle (Frankreich); 1628 von Kardinal Richelieu erobert

Stralsund (V. 65): 1628 von Wallenstein erfolglos belagert

pasteien (V. 69): Basteien (Befestigungen)

sie freien (V. 71): sich freuen

knap (V. 82): stattlich ?

schwige (V. 83):: Schwiegermutter

rad für eine bretzen (V. 91): eine Brezel so groß wie ein Rad

küß mich ros (V. 96): Rose, Rosa; Frauenname

V. 95: Rumler, Toman, Sering, Lamy (in dieser Reihenfolge, vgl. V. 33)

lätzen (V. 97): Hosenlätze.

metzen (V. 99): Mädchen, Huren; die Welchen müssten hier die Franzosen sein

stechblat (V. 109): Schutzvorrichtung am Degen, oft mit einer Inschrift (eigener Name) versehen

schuncken (V. 115): Schinken

mucken (V. 121): Mücken

hafenkäs (V. 122): Topfkäse

meerwunder (V. 129): Ungetüm

dunder (V. 131): Donner

stork (V. 134): Storch

Filodor (V. 144): Weckherlins Spitzname im Freundeskreis (?)

1. Ein Ich-Sprecher wendet sich an „Herren“ (V. 2), die seine guten Freunde sind; sie haben sich anscheinend bei ihm getroffen und schicken sich an, gut zu essen und zu trinken. Dazu fordert er sie, die er auch namentlich anspricht (V. 33) mehrfach auf.

2. Nach mehrfachen Aufrufen scheint mit der 6. Strophe das Essen zu beginnen. Der Sprecher lässt seine Schreibfeder gegen ein Messer austauschen und spricht im Anschluss daran vom bevorstehenden Essen als einem Krieg gegen die Speisen (V. 43 ff.). Er ruft auch zum gemeinsamen Singen (V. 87), zum Küssen (V. 96 ff.) und zum tatkräftigen Trinken (V. 105 ff. und öfter), sogar zum Saufen (V. 79) auf. Zum Schluss scheint die Stimmung völlig ausgelassen zu sein (V. 120 ff.), die Reden werden teilweise wirr (V. 121 ff.)., das Licht geht aus (V. 136). In der letzten Strophe erzählt der Sprecher, wie die Freunde anscheinend total betrunken eingeschlafen sind, während er das Gedicht geschrieben hat (V. 137 ff.). Der innere Aufbau des Gedichts ist an der Chronologie der Ereignisse des Abend orientiert.

Das Thema ist das gute Essen und Trinken im Kreis der Freunde, die sich ihres Lebens erfreuen und nicht mehr an den Krieg denken sollen. Die Erwähnung der Städte (V. 65) lässt darauf schließen, dass das Treffen 1628 oder kurz danach in England, also außerhalb des Kriegsgebietes stattgefunden hat.

3. Das Gedicht besteht aus 18 Strophen zu acht Versen, die im Kreuzreim miteinander verbunden sind. Der einzelne Vers besteht aus Jamben mit vier Füßen; die Verse mit ungerader Zählung weisen eine weitere Silbe auf (weibliche Kadenz), der letzte Vers jeder Strophe besteht aus zwei Jamben. Vor allem die Reime in den Versen mit gerader Nummer sind semantisch sinnvoll, zum Beispiel „freind / feind „(V. 2/4); mit Fragen fortfahren / kein Wort sagen (V. 6/8); „unglück und not / wein und brot“ (V. 10/12) usw.

Neben dem großen Bild vom Festessen als einem Krieg gegen die Speisen (ab V. 43) fällt noch ein kleines Wortspiel mit „wildbret, wein und brot“(V. 12 ff.) auf, wo die Frau als „wildbret“ des Mannes bezeichnet wird (V. 15. f.).

4. Die Barockgedichte sind oft vom Thema der Vergänglichkeit und dem sogenannten vanitas-Motiv bestimmt. Aber es gibt auch Zeichen der Lebensfreude, wie dieses Gedicht zeigt. Neben Weinliedern gab es in der Barockdichtung viele Trinklieder, zum Beispiel von Johann Christoph Haiden (1572-1617) „Salvete, lieben Fratres“, von Johann Hermann Schein (1586-1630) „Frisch auf, ihr Kloster-Brüder mein“, von Johann Wilhelm Moscherosch (1601-1669) „Alle Welt schreit: Zu den Waffen! Ich schrei: Juch zum Wein!“ u.a.

Weckherlins Leben:

https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Weckherlin,_Georg_Rudolph

https://www.deutsche-biographie.de/sfz75070.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Rodolf_Weckherlin

Werke:

https://de.wikisource.org/wiki/Georg_Rodolf_Weckherlin (Übersicht)

https://archive.org/details/bub_gb_6WAZAAAAYAAJ/page/n5 (Gedichte, hrsg. von Karl Goedecke)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Weckherlin,+Georg+Rodolf/Gedichte/Gedichte (Gedichte)

https://archive.org/details/bub_gb_AyZLAAAAcAAJ/page/n15 (Geistliche und weltliche Gedichte, 1648)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/26/BLV_199_Georg_Rudolf_Weckherlins_Gedichte_Band_1.pdf?uselang=de (Gedichte, Bd. 1)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/45/BLV_200_Georg_Rudolf_Weckherlins_Gedichte_Band_2.pdf?uselang=de (Gedichte, Bd. 2)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/ae/BLV_245_Georg_Rudolf_Weckherlins_Gedichte_Band_3.pdf (Gedichte, Bd. 3)

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Weckherlin: An das Teutschland – Text und Analyse

Georg Rodolf Weckherlin:

Sonnet. An das Teutschland

Zerbrich das schwere joch, darunder du gebunden,

o Teutschland, wach doch auf, faß wider einen mut,

gebrauch dein altes herz und widersteh der wut

die dich und die freiheit durch dich selbs überwunden.

Straf nu die tyrannei, die dich schier gar geschunden,

und lösch doch endlich aus die (dich verzehrend) glut

nicht mit dein eignem schweiß, sondern dem bösen blut,

fließend aus deiner feind und falschen brüdern wunden.

Verlassend dich auf got, folg denen fürsten nach,

die sein gerechte hand will, so du wilt, bewahren

zu der getreuen trost, zu der treulosen rach:

So laß nu alle forcht, und nicht die zeit, hinfahren,

und got wird aller welt, daß nichts dan schand und schmach

des feinds meineid und stolz gezeuget, offenbaren.

Erläuterung:

Das Gedicht ist 1641 in Amsterdam veröffentlicht worden, Weckherlin lebte in England.

denen (V. 9): den

wilt (V. 10): willst

nichts dan (V. 13): nichts als

Ein ungenannter Sprecher wendet sich „An das Teutschland“, wobei es eo ipso keine konkrete Situation geben kann, da Deutschland nicht hören kann, was der Sprecher sagt – es sei denn, man sähe durch den Aufruf eine deutsche Öffentlichkeit konstituiert.

Der Sprecher ruft in neun aneinander gereihten Imperativen (von „Zerbrich“, V. 1, bis „laß … hinfahren“, V. 12) das unter dem Krieg, der seit 1618 in Deutschland geführt wird, das gequälte Land auf, sich gegen die Peiniger zu erheben; diese werden jedoch nicht politisch identifiziert, sondern nur metaphorisch benannt:

  • das joch (V. 1)
  • die wut (V. 3)
  • die tyrannei (V. 5)
  • die dich verzehrend glut (V. 6)
  • falsche brüder (V. 8)
  • die treulosen (V. 11).

Die beiden letzten Imperative, die in den Terzetten stehen, stehen unter der Zusage, dass Gott dem gequälten Land beistehen wird, wenn (Partizipialkonstruktion: Verlassend dich, V. 9) das Land „auf got“ vertraut: Das Land soll den Fürsten nachfolgen, die Gottes Hand bewahren wird (V. 9-11, wieder sehr unbestimmt – die Fürsten standen ja auf Seiten verschiedener Parteien); Deutschland (und der Leser) muss von sich aus wissen, welche das sind, genau wie beim Feind (V. 14); und es soll seine Furcht fahren lassen (V. 12). Klar ist jedoch, dass Deutschland gemäß dem Sprecher nicht dem Kaiser folgen soll; der Sprecher steht also auf Seiten der protestantischen Partei, soweit man den Krieg als Religionskrieg begreifen kann. Zum Schluss steht eine Heilszusage, wie bei einem Propheten: Gott wird offenbaren , dass die Feinde Deutschlands nichts als „schand und schmach“ (V. 13) angerichtet haben – das sieht bereits jetzt jeder, der die Lage im Land kennt. In den Terzetten rekurriert der Sprecher auf Gottes Beistand,während er in den Quartetten gemahnt hat, sich zu ermannen.

Man kann eigentlich nicht von einem Thema sprechen, welches das Gedicht bestimmt (etwa: die Schrecken des Krieges, oder die Bosheit der Feinde), sondern muss die Eigenart des Gedichts im sprachlichen Handeln des Sprechers bestimmen: Er ruft Deutschland dazu auf, sich gegen seine Feinde endlich zur Wehr zu setzen.

Das Gedicht ist ein Sonett; diese Form wurde im Barock intensiv gepflegt. Die Quartette bestehen aus sechshebigen Jamben, die im umarmenden Reim miteinander verbunden sind; dabei weisen die Verse 1 und 4 jeder Strophe jeweils eine Silbe mehr auf (weibliche Kadenz), was nach dem vierten Vers zu einem ruhigen Ausklang und einer Pause führt. Die Terzette sind von Kreuzreimen bestimmt, wobei die Verse 10, 12, 14 eine weibliche Kadenz besitzen.

Unter einem Joch (V. 1) gehen Zugtiere, die für den Menschen arbeiten müssen; im Alten Orient wurden auch die Kriegsgefangenen mit Hals und Händen in ein Joch gespannt, damit sie wehrlos waren. Das Joch zerbrechen kann nur, wer den Aufstand wagt. Das Bild von Schlafen und Erwachen ist uralt; der Ruf zu erwachen wird sowohl in religiösen wie in politischen Zusammenhängen immer wieder gebraucht (V. 2). Die Imperative „fasse wieder Mut“ und „gebrauch dein altes Herz“ (V. 2 f.) bedeuten das Gleiche; sie unterstellen, 1. dass Deutschland wie ein Mensch agieren kann, 2. dass eine frühere gute Verfassung (Mut haben, beherzt sein) verloren wurde, aber durch einen Entschluss wieder gewonnen werden kann; die neue Verfassung soll wie die gute alte sein. Auch Vers 4 ist jambisch konstruiert, was aber nicht zu den normalen Wortakzenten passt (Freyhéit, normal: Fréyheit; auch „selbs“ gegen den Sinn ohne Betonung). Die Glut (V. 6) ist die Glut des Feuers, das sowohl wörtlich wie metaphorisch im Krieg erlebt wurde; dass nicht der eigene Schweiß, sondern das feindliche Blut das Löschwasser sein soll, ist ein originelles Bild (V. 7 f.). Mit dem Attribut „falschen“ (V. 8) werden angebliche Brüder entlarvt, ohne dass gesagt würde, welche der Kriegsparteien dazu zählt. Hier liegt wieder eine starke Wertung vor, genau wie bei „Joch“ und „gebunden“ (V. 1), beim unterstellten Schlafen (V. 2), beim verlust der Freiheit (V. 4), bei „Tyranney“ und „geschunden“ (V. 5), bei der verzehrenden Glut (V. 6), beim Attribut „bösen“ (V. 7), auch bei „feind“ (V. 8).

Im Kontrast dazu fallen die positiven Wertungen auf, die mit Gottes Hand (V. 10) und den Getreuen als Nutznießern (V. 11, im Kontrast zu den Treulosen) verbunden sind.

Mit „So“ (V. 12) zieht der Sprecher das Fazit aus seinen Aufrufen; Furcht und nicht die Zeit hinfahren lassen: ein Zeugma. Zum Schluss wird angekündigt, was Gott offenbaren wird: das Böse, in Form von Schande und Schmach beim Opfer, Deutschland, in Form von Meineid und Stolz bei den Feinden (V. 13 f.); Stolz ist schon in den Psalmen die Haltung der Feinde Gottes (Ps. 10,4; 17,10 usw.). Die Zusage in V. 13 f. ist für ein verwüstetes Land ein bisschen dürftig: Ruhe und Frieden wären mehr als nur die Offenbarung, dass die Bösen böse sind.

Verwandte Gedichte:

Heinrich Hudemann: Teutschland

Andreas Gryphius: Tränen des Vaterlandes (https://de.wikipedia.org/wiki/Tr%C3%A4nen_des_Vaterlandes)

Sigmund von Birken: Kriegstränen

Johann Klaj: Teutschland

Dreißigjähriger Krieg:

https://www.xn--dreissigjhriger-krieg-e2b.de/

https://de.wikipedia.org/wiki/Drei%C3%9Figj%C3%A4hriger_Krieg

Weckherlins Leben:

https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Weckherlin,_Georg_Rudolph

https://www.deutsche-biographie.de/sfz75070.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Rodolf_Weckherlin

Werke:

https://de.wikisource.org/wiki/Georg_Rodolf_Weckherlin (Übersicht)

https://archive.org/details/bub_gb_6WAZAAAAYAAJ/page/n5 (Gedichte, hrsg. von Karl Goedecke)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Weckherlin,+Georg+Rodolf/Gedichte/Gedichte (Gedichte)

https://archive.org/details/bub_gb_AyZLAAAAcAAJ/page/n15 (Geistliche und weltliche Gedichte, 1648)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/26/BLV_199_Georg_Rudolf_Weckherlins_Gedichte_Band_1.pdf?uselang=de (Gedichte, Bd. 1)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/45/BLV_200_Georg_Rudolf_Weckherlins_Gedichte_Band_2.pdf?uselang=de (Gedichte, Bd. 2)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/ae/BLV_245_Georg_Rudolf_Weckherlins_Gedichte_Band_3.pdf (Gedichte, Bd. 3)

Weckherlin: erklärung an etliche canzleiherren – Text und Analyse

Georg Rodolf Weckherlin:

Erklärung an etliche canzleiherren

1615.

 

Ihr herren, damit ich ja euch

nenn eben gleich

wie günstig ihr euch selbs intitulieret,

ihr, deren grob verderbtes blut

sich, gleichsam ab des fiebers wut,

ab meiner schrift erhitzet und gefrieret.

 

Ihr mischet teutsch, welsch und latein,

doch keines rein,

weil eure kunst ihr nicht gern wolt verhehlen,

10 und sprechet mit zu weiser schmach,

daß ich verderb die teutsche sprach,

weil fremde wort ich nicht, wie ihr, mag quälen.

 

Zwar wan man ja welsch reden soll,

so müst ihr wol,

daß besser ich, dan ihr, es red, gestehen;

kan also auch ein blinder tropf

nicht so vil witz in euerm kopf

als neid und haß in euern herzen sehen.

 

Demnach dan euers hirns gefahr

20 so offenbar,

warum solt ich in versen euch bedenken?

wär ich nicht kränker selbs, dan ihr,

und auch ein vernunftloses thier,

wan ich euch wolt mit schriften mehr bekränken?

 

Nein. Euer argwohn ist umsunst

und nur ein dunst,

der euch das hirn, so vorhin schwach, verletzet.

ich wär wie ihr, wan ich die hand,

für oder wider eure schand

30 zu schreiben, nur auf das papier gesetzet.

 

Dan würden alle weisen nicht

bald das gedicht,

das euch fuchsschwänzen wolt, verlachen?

wie dan euch schelten, wär auch kaum

ein weisers werk, dan einen baum,

der dürr und faul, noch fruchtbar wollen machen.

 

Wan ich die zeit schadlos vertreib

und frölich schreib,

so schreib ich doch nicht an, für, noch von allen,

40 und meine vers, kunstreich und wert,

die sollen denen, die gelehrt,

und nur, hoff ich, verständigen gefallen.

 

Zu köstlich und zu rein und frisch

für euern tisch

und magen seind die trachten meiner schriften;

den bauren taugt ein hafenkäs,

die pomeranzen seind zu räß,

damit sie sich wol förchten zu vergiften.

Ich will nicht die torechte müh,

50 so ich alhie,

jemals von euch zu schreiben ferners haben;

darum so gebt euch nu zu ruh,

ich sag euch bei den Musen zu:

von euch schreib ich kein einigen buchstaben.

 

Auch mir gebührt es freilich nicht

durch ein gedicht

euch, herren, euch und euer lob zu singen,

sondern dem der in hungersnot

mit starker stim ein stücklein brot

60 für euerm haus verhoft davon zu bringen.

Quelle: Georg Rodolf Weckherlin: Gedichte, Leipzig 1873, S. 134-136.

Sprachliche Erläuterungen:

canzleiherr (Überschrift): Die Kanzlei war die Behörde des Regenten, die den Schriftverkehr führte. Kaiser Maximilian führte eine eigene (oberdeutsche) Kanzleisprache ein, während Luther sich auf die Sächsische Kanzleisprache stützte.

ab (V. 5): vor, aus

welsch (V. 7): ausländisch (italienisch, auch französisch)

verhehlen (V. 9): verbergen

schmach (V. 10): herabsetzende Beleidigung

tropf (V. 16): einfältiger Mensch

witz (V. 17): Verstand

euers hirns (V. 19): für euer Hirn

bedenken (V. 21): über etwas nachdenken, beachten

dan (V. 22, beim Komparativ): als (noch selten noch „denn“)

bekränken (V. 24): kränken

vorhin (V. 27): vorher

wan (V. 28) wenn

fuchsschwänzen (V. 34): schmeideln, nach dem Mund reden

schadlos (V. 37): ohne Schaden zu bringen

tracht (V. 45): was als Frucht getragen wird

hafenkäs (V. 46): alter fauler Käse

pomeranzen (V. 47): Goldäpfel

räß (V. 47): scharf, herb

damit (V. 48): womit (oder Objekt zu „sich vergiften“)

torecht (V. 49): töricht

einig (V. 54): einzig

für (V. 60): vor

verhoft (V. 60): von „verhofen (?): Bedeutung unklar; die Vorsilbe „ver-“ bedeutet oft das Falsche, Schlechte, Unzweckmäßige; „des Hofs verwiesen“ (bezogen auf „dem…“) oder „weggeworfen“ (bezogen auf „brot“)?; oder „erhofft“?

1. Durch die Überschrift werden die Gegner ungenau identifiziert, gegen die sich der Ich-Sprecher wendet. Dieser kann hier mit dem Autor Weckherlin gleichgesetzt werden.

2. Es geht um die angemessene Sprache des Autors Weckherlin, in in den Ohren mancher Kanzleiherren unangemessen klingt: Sie verwenden eine gängige Bildungssprache (V. 7-9) und werfen Weckherlin vor, die „teutsche sprach“ zu verderben (V. 11), weil er deutsche Wörter gebrauche.

Dagegen wehrt Weckherlin sich sehr polemisch:

  • Ich beherrsche die Fremdsprache besser als ihr (V. 13-18).
  • Mit euch setze ich mich nicht einmal auseinander (V. 19-36 und V. 49-54).
  • Ich schreibe nur für vernünftige Menschen (V. 37-48).
  • Ich schreibe für den, dem eure Sprachprodukte nicht genügen (V. 55 ff.).

Das Thema ist der Streit um die Frage, wie weit Schriftsteller sich von der mit Fremdwörtern durchsetzten Bildungssprache zugunsten der deutschen Sprache lösen dürfen oder sollen.

3. Die Strophen stehen in einer kunstvollen Spannung zwischen Reimform, Verslänge und Satzbau. Die Verse bestehen aus Jamben zu 5, 2, 6, 4, 4, 5 Hebungen; dabei bilden die Verse 1 und 2 jeder Strophe einen Paareim, die Verse 3-6 einen umarmenden Reim. Die jeweils ersten drei Verse und die letzten drei sind ein Satz, der mit einer weiblichen Kadenz ausklingt – sonst haben wir immer männliche Kadenzen. Zusammen ergibt das ein lebhaftes Sprechen, das dem Zorn des Sprechers den nötigen Schwung verleiht.

Der Form nach argumentiert der Sprecher, aber im Wesentlichen beschimpft er seine Gegner und setzt sie als Idioten herab. Den Titel „Herren“ erkennt er ihnen nicht zu (V. 1-3); im Bild von Blut und Fieber wertet er sie als „verderbt“ ab (V. 4-6). Er wirft ihnen vor, sich mit ihren Kenntnissen brüsten zu wollen (V. 7-9), und benennt ihren Vorwurf (V. 10-12). Er prahlt damit, die fremdsprachen besser als sie zu beherrschen (V. 13-15), woraus sich ergibt, dass ihr vorwurf gegen ihn auf Neid und Hass beruhe (V. 16-18). Daraus folgert er, dass er sich mit ihnen nicht abzugeben brauche (V. 19 ff.), sie seien Schwachköpfe (V. 27); das ist ein innerer Widerspruch, da er sich ja die ganze Zeit mit ihnen befasst und bei seinem Gedicht die Hand aufs Papier gesetzt hat (V. 28-30). Mit dem Vergleich der Gegner mit einem dürren Baum (bzw. Vergleich des Scheltens der Gegner mit dem Versuch, einen verdorrten Baum fruchtbar zu machen, V. 34-36) schließt er diese Passage ab. Daraus ergibt sich logisch, dass er für Verständige schreibt, wie er anschließend kundtut (V. 37 ff.). Den Vergleich mit dem verdorrten Baum führt er in V. 43-45 fort: „Zu köstlich und zu rein und frisch / für euern tisch / und magen seind die trachten meiner schriften;“ er beschimpft sie indirekt als dumme Bauern (V. 46-48), für die seine Früchte (V. 45) zu schade sind. Im Zorn des Streitens wiederholt er den bereits geäußerten (V. 19 ff.) Schimpf, er setze sich mit ihnen nicht einmal auseinander (V. 49-54 und V. 55-57, vgl. V. 31-33). Er schreibe vielmehr für Leser, die solide Kost brauchten (V. 58-60).

Das Bild vom Gedicht als geistiger Nahrung beherrscht sachlich die Argumentation (V. 43 ff.), während vorher noch „gefallen (V. 42) als Kriterium des guten Gedichtes genannt wird.

4. Die Heftigkeit des Streits zeigt an, dass eine neue Zeit angebrochen ist, in der die deutsche Sprache in die Dichtung einzieht. Über diesen Hintergrund informiert der Artikel „Sprachgesellschaften im Barock“ im Lernhelfer Deutsch (https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/sprachgesellschaften-im-barock), allgemein die Übersicht „Literatur des Barock“ (https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/kapitel/46-literatur-des-barock oder https://de.wikipedia.org/wiki/Barockliteratur). Im Barock wird die deutsche Literatur neu begründet.

Leben:

https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Weckherlin,_Georg_Rudolph

https://www.deutsche-biographie.de/sfz75070.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Rodolf_Weckherlin

Werke:

https://de.wikisource.org/wiki/Georg_Rodolf_Weckherlin (Übersicht)

https://archive.org/details/bub_gb_6WAZAAAAYAAJ/page/n5 (Gedichte, hrsg. von Karl Goedecke)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Weckherlin,+Georg+Rodolf/Gedichte/Gedichte (Gedichte)

https://archive.org/details/bub_gb_AyZLAAAAcAAJ/page/n15 (Geistliche und weltliche Gedichte, 1648)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/26/BLV_199_Georg_Rudolf_Weckherlins_Gedichte_Band_1.pdf?uselang=de (Gedichte, Bd. 1)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/45/BLV_200_Georg_Rudolf_Weckherlins_Gedichte_Band_2.pdf?uselang=de (Gedichte, Bd. 2)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/ae/BLV_245_Georg_Rudolf_Weckherlins_Gedichte_Band_3.pdf (Gedichte, Bd. 3)