Werfel: Fremde sind wir auf der Erde alle – Analyse

Tötet euch mit Dämpfen und mit Messern…

Text

http://jhelbach.de/Lit/Expressionismus.pdf (dort S. 3)

https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/34/mode/2up

http://www.babelmatrix.org/works/de/Werfel%2C_Franz-1890/Fremde_sind_wir_auf_der_Erde_alle (mit ungar. Übersetzung)

Das Gedicht stammt aus dem Band „Einander“ (1915) und wurde später in die Anthologie „Menschheitsdämmerung“ (1920) aufgenommen. Der Sprecher spricht allgemeingültig für ein Wir, das alle Menschen umfasst: verkündend, reflektierend, aufrüttelnd. Das Thema steht in der Überschrift (und in V. 23): „Fremde sind wir auf der Erde alle“. Das ist das alte christliche Thema von homo viator: „Wir sind nur Gast auf Erden“ (Kirchenlied), unsere Heimat ist im Himmel (Phil 3,20) – das sagt der Sprecher aber nicht, auch wenn es als Hintergrundmusik noch ganz leise anklingt, eher nachklingt.

In der 1. Strophe werden zunächst völlig unbestimmt „ihr“ angesprochen: „Tötet euch… Werft dahin um Erde euer Leben!“ (V. 1-3) Das ist eine beinahe ironische Aufforderung, tüchtig den gerade begonnenen Weltkrieg fortzusetzen; ironisch wird diese Aufforderung durch die negierenden (antithetischen) Feststellungen der drei folgenden Verse: „… Unterm Fuß zerrinnen euch die Orte.“ (V. 4-6) Euer Bemühen, Land und Heimat mit Gewalt zu ergreifen, wird scheitern, sagt der Sprecher.

Diese Antithetik wird in den folgenden Strophen entfaltet, zuerst exemplarisch am Thema der Stadt, wofür hier Niniveh steht (V. 8), die Hauptstadt der Assyrer (http://de.wikipedia.org/wiki/Ninive und http://www.bibelkommentare.de/index.php?page=dict&article_id=566 – „Gottestrotz“ aus der Sicht der Juden, vgl. das Buch Jona im AT). Dazu sagt der Sprecher: „Flüchtig muß vor uns das Feste fallen, (…) Und am Ende bleibt uns nichts als Weinen.“ (V. 10-12) Das ist das barocke Thema der vanitas, der Eitelkeit menschlicher Selbstbehauptung. Zuvor hat er das Gesetz dieses Scheiterns enthüllt: „Ach, es ist ein Fluch in unserm Wallen…“ (V. 9) „wallen“: „In weiterer Bedeutung, gehen, zu Fuße reisen; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung, vermuthlich, weil die Figur hier nicht paßt, und man so viele andere Wörter an dessen Stelle hat. Im Oberdeutschen scheint es noch hin und wieder gangbar zu seyn. In der Fremde herum wallen. Im Hochdeutschen lebt es in dieser Bedeutung nur noch bey den Dichtern, ungeachtet das Bild hier zur Verschönerung nichts beyträget, da es nicht einmahl passend ist.“ So steht es im Adelung-Wörterbuch; bereits um 1800 war das Verb also veraltet oder eben poetische Hochsprache. Weil im Wallen der Fluch steckt, sind wir auf der Erde alle Fremde.

In der 3. Strophe wird das Unsere als „weichen“ und „Fluß-Sein“ umschrieben (V. 13 ff.). Danach wird das Grundgesetz des Fluchs (V. 9) erläutert: „Schuldvoll sind wir, uns uns selber schuldig, / Unser Teil ist: Schuld, sie zu begleichen!“ (V. 17 f.) Diese Metaphysik ist nicht leicht zu erklären, dass wir uns selber einem anderen (GOTT) schulden oder verdanken – das ist die absolute Gegenthese zum neuzeitlichen Dogma, das in Goethes „Prometheus“ erklingt: „Hast du nicht alles selbst vollendet, heilig glühend Herz?“ Dagegen spricht der Sprecher sein religiöses Bekenntnis: Wir müssen die Urschuld begleichen – wie das geschehen soll, bleibt aber offen; auch wird die Urschuld als bekannt vorausgesetzt.

Offen und trostlos endet auch die 4. Strophe: An vier Beispielen wird wieder exemplarisch durchgespielt, was uns alles entzogen wird: Mütter, Haus, selige Blicke, der Schlag des Herzens. Als Fazit folgt: „Fremde sind wir auf der Erde Alle, / Und es stirbt, womit wir uns verbinden.“ (V. 23 f.) In dieser Trostlosigkeit erinnert das Gedicht an Wilhelm Raabes Gedicht „Legt in die Hand das Schicksal dir ein Glück“, nur dass bei Werfel der Gedanke des Scheiterns noch radikaler gedacht wird.

Die vier Strophen bestehen aus fünfhebigen Trochäen, was dem profetischen Sprechen den nötigen Nachdruck verleiht; jeder Vers ist ein Satz, die weibliche Kadenz schließt den Vers ruhig ab. Die sechs Verse jeder Strophe sind kunstvoll miteinander verbunden, in einer sonst unbekannten Form: V. 1-2 und V. 5-6 bilden einen Kreuzreim, die umschlossenen Verse 3 f. einen Paarreim. Nicht mehr die einzelnen Verse sind so aneinander gebunden, sondern die ganze Strophe ist eine klingende Einheit.

Der Zeitbezug ist nur in der 1. Strophe gegeben (Gaskrieg usw., Kriegspropaganda, Tod auf dem Schlachtfeld, V. 1-3); dieser Horizont unmittelbarer Erfahrung wird ins Grundsätzliche ausgeweitet, er ist nur Ausdruck der Condition humaine. Eine Lösung des menschlichen Dilemmas zeigt der Sprecher nicht auf, nur im Hintergrund klingt in der Erinnerung die christliche Heilsbotschaft noch an, vor der die Predigt vom Wandeln in der Fremde einst ihren Schrecken verlor, weil sie ihr Pendant war.

Der Titel des Gedichtes hat sich beinahe als Zitat verselbständigt und so die Trostlosigkeit des Gedichtes abgemildert.

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=tnw-wdPqunM (Jürgen Hentsch)

homo viator, vanitas

http://www.merzbach.de/VoortrekkingUtopia/Datos/texto/Waldenfels_Topographie.pdf (B. Waldenfels)

http://epub.uni-regensburg.de/27615/1/hettlage5.pdf (Fremdheit und Fremdverstehen)

http://www.kas.de/upload/dokumente/2012/heimat/Heimat_schloegel.pdf

http://de.wikipedia.org/wiki/Vanitas (Vanitas)

http://de.wikipedia.org/wiki/Vanitas-Stillleben (Vanitas-Stillleben)

http://www.podcast.de/episode/229277040/Wir%2Bsind%2Balle%2BFremde%252C%2Bwir%2Bsind%2Balle%2BWanderer%2B%25E2%2580%2593%2BIlija%2BTrojanov%2Bim%2BGespr%25C3%25A4ch/

Sonstiges

http://ejournals.library.ualberta.ca/index.php/crcl/article/download/2351/1746 (Roger Bauer, Werfel als Kritiker: Ein Nachwort zu allen Nachworten)

http://m.schuelerlexikon.de/mobile_deutsch/Expressionismus.htm („Expressionismus“ im Schülerlexikon)

http://universal_lexikon.deacademic.com/236275/Expressionismus_in_der_Literatur%3A_Aufschrei_und_Zeitdiagnose (Expressionismus)

http://www.literatur-hausarbeiten.com/lektuere/expressionismus/index.php (zu: Expressionismus)

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=14761 (Thomas Anz: Zur literarischen Moderne im „expressionistischen Jahrzehnt“)

http://kups.ub.uni-koeln.de/619/1/11w1021.pdf (Angelika Zawodny: „[…] erbau ich täglich euch den allerjüngsten Tag.“ Spuren der Apokalypse in expressionistischer Lyrik, Diss. 1999)

Franz Werfel: Trinklied – Analyse

Wir sind wie Trinker…

Text

http://www.magyarulbabelben.net/works/de/Werfel,_Franz-1890/Trinklied (3. und 4. Strophe sind nicht getrennt, kleine Tippfehler – offenbar aus der pdf-Datei kopiert, s.u.)

https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/66/mode/2up (dort S. 67 f.)

Gottfried Benn hat dieses Gedicht geschätzt. Es steht in der Anthologie „Menschheitsdämmerung“ (1920); wo es vorher veröffentlicht wurde, weiß ich nicht. Der Sprachgestus schwebt zwischen Nachdenklichkeit, Klage und Anklage, Verzweiflung: Teilweise scheint der Ich-Sprecher nur meditierend zu sich selbst zu sprechen, doch spricht er auch ein Du an („Laß du uns leben!, V. 7) sowie  ungenannte „ihr“ (V. 27) und schließlich noch „Tänzerinnen“ (V. 41) ; doch müssen weder das Du noch die Ihr als anwesend gedacht werden.

Es ist ein Trinklied ganz besonderer Art: „Wir sind wie Trinker“ (V. 1), beginnt das sprechende Ich, also mit einem Vergleich, während es die 6. Strophe ohne Vergleich, also metaphorisch sagt: „Trinker sind wir über unserem Mord.“ (V. 36) Worauf läuft diese Metapher hinaus? Mit ihr umschreibt das sprechende Ich (ein lyrisches ist es nicht) unseren Zustand eines dämmernden Wankens (V. 4), trunkener Eitelkeit (V. 10 f.), der Lüge (V. 12) und des Nichtwissens: „Woher wir leben? / Wir wissen’s nicht…“ (V. 14 f.). Dieser Zustand ist sehr bedenklich: Wir sind „wie Trinker, / Gelassen über unsern Mord gebeugt.“ (V. 1 f., vgl. V. 36 und V. 27 f.) Gemeint ist nicht, dass ein Mord geschehen ist, sondern dass wir so dumpf sind wie ein Trinker, der sich gelassen über seinen Mord beugt.

Mit drei Aspekten wird der Zustand der Trunkenheit verdeutlicht: 1. Es ist ein Geheimnis da. (gegen V. 5 ff., vgl. V. 38 f. – man sollte die Möglichkeit bejahen, dass die so sichere Aussage „Nein, nichts da!“, V. 40, ein Selbstbetrug ist: „Wir wollen nicht die Arme sehn, / Die nachts aus schwarzem Flusse stehn.“, V. 18 f.) 2. Wir wissen nichts.  3. „Doch reden wir hinüber, herüber / Zufälliges Zungenwort.“ (V. 16 f.) Diesem Reden entspricht die Lebensweise, „Wir leben hin und her.“ (V. 23)

Selbstbetrug also: „Reich du voll schwarzen Schlafes uns den Krug! / Laß du uns leben nur, / Und trinken laß uns, trinken!“ (V. 24 ff.) Zwar wird im Konjunktiv II die unmögliche Möglichkeit bedacht, dass wir den Selbstbetrug aufgäben: „Doch wenn ihr wachtet! (…) In jedes Feuer würf ich mich, / Schmerzlicher zu zerglühn!“ (V. 27 ff., 5. Str.) Tödlich jedoch wäre die wahre Erkenntnis der eigenen Lage.

Deshalb wendet sich das Ich 1. an das Du, hinter dem man GOTT vermuten kann: „Laß du uns leben! (…) Laß uns die gute Lüge, / Die Wohlernährende Heimat!“ (V. 9 ff.) So kann es nur im Zustand des Selbstbetrugs beten, der mit dem Nomen „Lüge“ indirekt aufgedeckt und widerrufen wird. Doch es kommt aus diesem Zustand nicht heraus: „Nur trinken, trinken laß du uns!“ (V. 45, das letzte Wort des Sprechers) 2. Das Ich wendet sich an seine Genossen: „Kommt denn und singt ihr! (…) Kämpfen wollen wir und spielen.“ (V. 41 ff.) Also weiter wie bisher!

Wer gehört zu diesem Wir der Trunkenen? Sind das die Zeitgenossen Werfels, vielleicht kurz vor dem Ersten Weltkrieg? Sind das alle Menschen, gehört diese Trunkenheit zur Condition humaine?  Das bleibt offen. Das Gedicht ist vom Hauch des Apokalyptischen geprägt, der eine der Eigentümlichkeiten des Expressionismus war.

Die sechs Strophen sind unterschiedlich lang; die Sprache ist gebunden, ohne Versmaß, ohne Reim, doch nicht ohne Rhythmus; das Gedicht lebt von dunklen Andeutungen, bedrückender Bildlichkeit, Wiederholungen und inneren Widersprüchen: Erkenntnis des Selbstbetrugs – Wunsch, darin zu verbleiben; Erkenntnis der Trunkenheit – Wunsch, sie auf immer fortzusetzen. Man muss das Gedicht sprechen, hören, sich gesprochen vorstellen…

Es ist natürlich ein Witz, wenn dieses Gedicht in einer Sammlung von Sauf- und Trinkliedern (Berlin 1920) auftaucht. Auch Wawerzineks Parodie „Trinklied der Wölfe“ wird dem eindrucksvollen Gedicht nicht gerecht, genauso wie meine Analyse ihm nicht gerecht wird – die ganze Dichte der Sprache habe ich nicht beschrieben; die einzige Entschuldigung, die ich vorbringen kann: Es ist die erste Analyse, die es im Netz gibt.

 

FRANZ WERFEL: TRINKLIED

Wir sind wie Trinker,

Gelassen über unsern Mord gebeugt.

In schattiger Ausflucht

Wanken wir dämmernd.

Welch ein Geheimnis da?

Was klopft von unten da?

Nichts, kein Geheimnis da,

Nichts da klopft an.

 

Laß du uns leben!

Daß wir uns stärken an letzter Eitelkeit,

Die gut trunken macht und dumpf!

Laß uns die gute Lüge,

Die wohlernährende Heimat!

Woher wir leben?

Wir wissen’s nicht . .

Doch reden wir hinüber, herüber

Zufälliges Zungenwort.

 

Wir wollen nicht die Arme sehn,

Die nachts aus schwarzem Flusse stehn.

 

Ist tiefer Wald in uns,

Glockenturm über Wipfeln?

Hinweg, hinweg!

Wir leben hin und her.

Reich du voll schwarzen Schlafes uns den Krug!

Laß du uns leben nur,

Und trinken laß uns, trinken!

 

Doch wenn ihr wachtet!

Wenn ich wachte über meinem Mord!

Wie flöhen die Fuße mir!

Unter den Ulmen hier wär‘ ich nicht.

An keiner Stätte wäre ich.

Die Bäume bräunten sich,

Wie Henker stünden die Felsen!

In jedes Feuer würf ich mich,

Schmerzlicher zu zerglühn!

 

Trinker sind wir über unserem Mord.

Wort deckt uns warm zu.

Dämmerung und in die Lampe Sehn!

Ist kein Geheimnis da?

Nein, nichts da!

Kommt denn und singt ihr!

Und ihr mit Kastagnetten, Tänzerinnen!

Herbei! Wir wissen nichts.

Kämpfen wollen wir und spielen.

Nur trinken, trinken laß du uns!

 

Sonstiges

https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/n5/mode/2up (Anthologie „Menschheitsdämmerung“, 1920: https://openlibrary.org/books/OL23319050M/Menschheits_Dämmerung als pdf-datei)

http://d-nb.info/575379588/04 (Inhaltsverzeichnis „Menschheitsdämmerung“)

https://archive.org/stream/verkndigungant00kays#page/n5/mode/2up (Verkündigung. Anthologie junger Lyrik, hrsg. von Rudolf Kayser, München 1921)

http://jhelbach.de/Lit/Expressionismus.pdf (Kleine Textsammlung: Expressionismus)

http://d-nb.info/956759254/04 (Lyrik des Expressionismus, hrsg. von Silvio Vietta, 1998, 4. verbesserte Aufl. 1999: Inhaltsverzeichnis)

http://www.dandelon.com/servlet/download/attachments/dandelon/ids/AT001C2E5251121E98B63C12572AC00483681.pdf (Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts. Von den Wegbereitern bis zum Dada. Eingeleitet von Gottfried Benn, 1955: Inhaltsverzeichnis)

http://delabar.net/storage/216c27f9Vorlesung_02_Expressionismus.PDF (Lyrik des 20. Jh.: Expressionismus)

http://m.schuelerlexikon.de/mobile_deutsch/Expressionismus.htm („Expressionismus“ im Schülerlexikon)

http://universal_lexikon.deacademic.com/236275/Expressionismus_in_der_Literatur%3A_Aufschrei_und_Zeitdiagnose (Expressionismus)

http://www.literatur-hausarbeiten.com/lektuere/expressionismus/index.php (zu: Expressionismus)

http://kups.ub.uni-koeln.de/619/1/11w1021.pdf (Angelika Zawodny: „[…] erbau ich täglich euch den allerjüngsten Tag.“ Spuren der Apokalypse in expressionistischer Lyrik, Diss. 1999)

Werfel: Als mich dein Wandeln an den Tod verzückte – Analyse

Als mich Dein Dasein tränenwärts entrückte…

Text

http://dspace.library.uu.nl/bitstream/handle/1874/209057/Abschlussarbeit_nieuwe_versie%5B1%5D.pdf?sequence=1 (dort S. 26)

https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/n5/mode/2up (Anthologie „Menschheitsdämmerung“, 1920 – dort S. 107)

Im erstgenannten Link gibt es eine kurze Deutung Rick Duijfs, die ich jedoch für falsch, zumindest für missverständlich halte: Das lyrische Ich wendet sich an sein geliebtes Du und beschreibt in den beiden Quartetten und im ersten Terzett, was außerdem geschah, „Als mich dein Dasein tränenwärts entrückte“ (V. 1): Da lebten zugleich „Millionen Unterdrückte“ (V. 4), es „starben Niebeglückte“ (V. 8), viele stampften „im Dumpfen“. Im letzten Terzett wendet das lyrische Ich sich an alle diese Unterdrückten: „Ihr Keuchenden…“ (V. 12) und fragt sich selbst: „Wie werd’ ich diese Schuld bezahlen müssen!?“ (V. 14) – Schuld unter der Bedingung (V. 13 ist ein Konditionalsatz), dass es „ein Gleichgewicht in Welt und Leben“ gibt oder gäbe. Ob es diesen Ausgleich gibt, wird nicht erörtert; aber das Ich hält ihn zumindest für möglich, wenn es sich diese Schlussfrage stellt.

Ich kann hier keinen Ich-Zerfall erkennen, sondern nur ein lyrisches Ich, das an der Ungleichheit und Ungerechtigkeit in der Welt leidet, das eine Art von Schuldgefühl angesichts seines privilegierten Schicksals empfindet. Seltsamerweise wird diese Diskrepanz der Geschicke jedoch nicht durch Ungleichheit der sozialen Lage erklärt, sondern durch die Differenz: eigenes Liebesglück / soziale Unterdrückung der anderen; nur in V. 7 f. werden die anderen auch als „gottlos Unerwärmte“ oder „Niebeglückte“ bezeichnet – allenfalls die letzte Formel könnte man aufs fehlende Liebesglück der anderen beziehen.

Dieses Gedicht ist zwar zusammen mit 26 weiteren Gedichten Werfels in die „Menschheitsdämmerung“ (1920) aufgenommen worden, hat aber gar nichts von dem an sich, was man „Expressionismus“ nennt; es steht in der Anthologie in der Abteilung „Erweckung des Herzens“ – da passt es hinein.

Wenig „expressionistisch“ sind die Sprache und die Form des Sonetts – aber was ist überhaupt Expressionismus? Über die Problematik der Klassifizierung von Gedichten in expressionistische und nichtexpressionistische hat Gottfried Benn sich in der Einleitung der Anthologie „Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts“ geäußert. Die Sprache des Gedichtes bzw. des lyrischen Ichs ist hochartifiziell, beinahe noch artistisch wie die Georges oder Hofmannsthals. Das gilt zunächst für das Vokabular: „tränenwärts“ (V. 1) ist ein Neologismus; die Substantivierungen „das Unermeßne“ (V. 2) und „das Abgehärmte“ (V. 3) sind als solche ungebräuchlich, aber auch schon die Adjektive selbst gehören ebenso wie das Verb „wandeln“ (V. 1) der gehobenen Sprache an; Ähnliches gilt für „gottlos Unerwärmte“ (V. 7) und „Niebeglückte“ (V. 8). Die Ellipse „[bis] an den Tod verzücken“ (V. 5) ist sprachlich sehr anspruchsvoll; „von Dir geschwellt“ (V. 9) wirkt heute in Verbindung mit „zum Entschweben“ schon beinahe lächerlich, da man an einen aufgeblasenen Luftballon denken könnte.

Das Versmaß ist ein fünfhebiger Jambus mit weiblicher Kadenz (also mit zusätzlicher Silbe), welche an jedem Versende für eine kleine Pause sorgt und das Sprechen getragener, feierlicher macht. Die Reime stellen Bezüge des Kontrastes (tränenwärts entrückte / Millionen Unterdrückte, V. 1/4), der Entsprechung (lärmte / Unerwärmte, V. 5/6) sowie einen Bezug her, den ich nicht benennen kann: „Ihr Keuchenden (…) auf Flüssen!!“ / ich werde „diese Schuld bezahlen müssen!?“ (V. 12/14). Hier geht es sachlich um einen Ausgleich, eine Schicksalsgemeinschaft, formal um eine Art von Entsprechung (?). Die Reime in V. 9/13 stellen keine Beziehung zwischen den Versen her. Es fallen eine Reihe von Alliterationen auf (Dein Dasein, V. 1; durch Dich, V. 2; ins Unermeßne, V. 2; um uns und, V. 6, usw.), auch die Häufung der dumpfen pf-Laute in V. 10 f. (Dumpfen, stampften, schrumpften, dampften).

Expressionistisch ist vielleicht der erregte Blick auf die Millionen Leidenden; erregt wirkt dieser Blick, weil er mit dem privaten Über-Glücksgefühl erfüllter Liebe konfrontiert und dem Gedanken des Ausgleichs verbunden wird. Diese Konfrontation macht jedoch auch die Schwäche des Gedichts aus: Die Kategorien des Vergleichs haben nichts miteinander zu tun, auch Unterdrückte können glücklich verliebt sein; deshalb bleibt  der Gedanke des Ausgleichs („diese Schuld bezahlen müssen“, V. 14) völlig unbestimmt und vage-schicksalhaft – Franz Werfel als eine Art religiöser Dichter!? Das zeigt sich in der mystischen Verbundenheit des lyrischen Ichs mit den Opfern der Unterdrückung – eigentlich sollte man die Unterdrücker büßen lassen, statt selber als Stellvertreter  für die einen oder anderen einzuspringen. Auch deshalb ist die Anrede an die Keuchenden (V. 12) bloß literarisches Spiel: Diese Keuchenden und Stampfenden lesen weder Werfels Gedichte noch verständen sie überhaupt, was Herr Werfel hier sagt. Dafür in der Tat musste Franz Werfel (statt des lyrischen Ichs) büßen: 1938 musste er nach Frankreich, später in die USA emigrieren. Untergründig hängt das vielleicht auch damit zusammen, dass er sich in diesem Gedicht mit einer mystischen Buße begnügt, statt nach den Ursachen und Methoden der Unterdrückung zu fragen. Sit venia verbo; in der Rückschau kann man leicht klüger sein als die, deren Fehler man klar erkennt. Vgl. auch dieses Gedicht Werfels!

Sonstiges

http://www.liberley.it/w/werfel.htm (Texte Franz Werfels)

https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/n5/mode/2up (Anthologie „Menschheitsdämmerung“, 1920)

https://archive.org/stream/verkndigungant00kays#page/n5/mode/2up (Verkündigung. Anthologie junger Lyrik, hrsg. von Rudolf Kayser, München 1921)

http://michaelansel.userweb.mwn.de/dateien/liebesgedichteexpressionismus.pdf (Expressionismus: Liebesgedichte)

http://jhelbach.de/Lit/Expressionismus.pdf (Kleine Textsammlung: Expressionismus)

http://d-nb.info/575379588/04  (Inhaltsverzeichnis „Menschheitsdämmerung“)

http://d-nb.info/956759254/04 (Lyrik des Expressionismus, hrsg. von Silvio Vietta, 1998, 4. verbesserte Aufl. 1999: Inhaltsverzeichnis)

http://www.dandelon.com/servlet/download/attachments/dandelon/ids/AT001C2E5251121E98B63C12572AC00483681.pdf (Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts. Von den Wegbereitern bis zum Dada. Eingeleitet von Gottfried Benn, 1955: Inhaltsverzeichnis)

http://delabar.net/storage/216c27f9Vorlesung_02_Expressionismus.PDF (Lyrik des 20. Jh.: Expressionismus)

http://m.schuelerlexikon.de/mobile_deutsch/Expressionismus.htm („Expressionismus“ im Schülerlexikon)

http://universal_lexikon.deacademic.com/236275/Expressionismus_in_der_Literatur%3A_Aufschrei_und_Zeitdiagnose (Expressionismus)

http://www.literatur-hausarbeiten.com/lektuere/expressionismus/index.php (zu: Expressionismus)

http://is.muni.cz/th/183873/pedf_b/derneuemensch.doc (Miroslav Janík: Der neue Mensch in der Expressionistischen Literatur, Bachelorarbeit 2009)

http://dspace.library.uu.nl/bitstream/handle/1874/209057/Abschlussarbeit_nieuwe_versie%5B1%5D.pdf?sequence=1 (Rick Duijf: Das Sonett in der expressionistischen Lyrik, Bachelor-Arbeit 2011)

Werfel: An den Leser – Analyse

Mein einziger Wunsch ist, Dir, o Mensch verwandt zu sein!…

Text

http://www.gutenberg.org/files/41883/41883-h/41883-h.htm (Werfel: Ausgewählte Gedichte, 1917 – dort das erste)

http://www.buecherlesung.de/pdf/An_den_Leser-Franz_Werfel.pdf

Es ist ein programmatisches Gedicht, in dem der Dichter sich 1911 im Gedichtband „Der Weltfreund“ direkt an seine Leser wendet – das lyrische Ich wird durch die Anrede und die Position im Buch vom Dichter als Franz Werfel vorgestellt. In vier Strophen wird der Leser als Mensch angesprochen („o Mensch“, V. 1); das ist bedeutsam – denn alles, was er sonst noch sein mag (Neger, Akrobat usw., V. 2 ff.), zählt nicht. Diesem Menschen wird der brennende Wunsch vorgetragen: „Mein einziger Wunsch ist, Dir, o Mensch verwandt zu sein!“ (V. 1) Als Begründung dieser Bitte lese ich V. 9, auch wenn dieser Vers unmittelbar an V. 7 f. anzuschließen scheint: „Denn ich habe alle Schicksale durchgemacht.“ Das wäre in der Tat eine solide Begründung für Verwandtschaft. Aber man muss auch die andere Möglichkeit zulassen bzw. denken, dass mit V. 9 die Bitte begründet wird, gemeinsam mit dem Ich zu weinen, „wenn ich Erinnerung singe“ (V. 7) – es handelt sich hier schließlich um ein Gedicht, nicht um eine logisch strukturierte Abhandlung.

Dass wir ein Gedicht vor uns haben, erkennt man nicht nur am Untertitel des Buches („Gedichte“), sondern auch an der Form: fünf Strophen à vier Verse, die zwar kein Versmaß aufweisen, aber einen Kreuzreim. Dieser Reim trägt jedoch nichts zur Semantik bei (z. B.: „verwandt zu sein – Floß im Abendschein“, V. 1/3), sondern ist rein äußerlich da. Die Sprache ist die Umgangssprache, jedoch leicht gehoben (Akrobat, V. 2; Aviatiker = Flieger, V. 4; Gouvernante, V. 11, usw.).

Mit den zuerst herausgehobenen Sätzen (V. 1, V. 7 f., V. 9) ist bereits das erfasst, was in den ersten vier Strophen gedacht wird; die 12 anderen Verse enthalten nur Beispiele für die entsprechenden Nomina Verwandtschaft, Erinnerung, Schicksale; diese Beispiele decken ein breites Spektrum menschlichen Lebens ab, tendenziell das ganze Spektrum. Nur in der 3. Strophe werden Adjektive herangezogen, um die Gefühle der aufgezählten schwachen Harfenistinnen, Gouvernanten, Debutanten zu charakterisieren. „Das Gefühl“ wird zweimal wiederholt (V. 10, 11, 12), diese Anapher bestimmt die 3. Strophe.

In der 5. Strophe wird das Fazit der bisherigen Äußerungen gezogen: „So gehöre ich Dir und Allen!“ (V. 17) Es folgen abschließend zwei Bitten; die erste erinnert an die Bitte in V. 7 f.: „Wolle mir, bitte, nicht widerstehn!“ (V. 18) Nicht widerstehen – da fehlt zwar ein Präpositionalobjekt, worin der Du-Leser dem Sprecher nicht widerstehen soll; das ist jedoch klar: nicht in seinem Werben um Bruderschaft widerstehen. Daran schließt sich dann der letzte Wunsch als Hoffnung an: Könnten wir uns doch einmal „in die Arme fallen“ (V. 19 f.) – Vgl. auch Werfels Gedicht Der gute Mensch!

Im Pathos der allumfassenden Brüderlichkeit zeigt sich vermutlich eine Entfremdung des Einzelnen von der Gesellschaft. Man versteht das Gedicht vielleicht am besten, wenn man es als Anwort auf Wolfensteins „Städter“ liest, oder als ein Gegenwort zu dem verbohrten und überheblichen Nationalismus, der sich in dem Spruch (aus Emanuel Geibels Gedicht „Deutschlands Beruf“, 1861, verändert entnommen) äußert: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.“ Was bei Geibel 1861 eine Werbung um Deutschlands Einheit unter einem neuen Kaiser war, trug in seiner überheblichen Umformung vielleicht auch dazu bei, dass 1914 das deutsche Kaiserreich den Ersten Weltkrieg mit entfesselte.

In der Anthologie „Die Menschheitsdämmerung“ (1920) war Franz Werfel mit 27 Gedichten der meistzitierte Dichter, wenn wir heute auch eher andere Namen mit dem Stichwort „Expressionismus“ verbinden.

Sonstiges

http://www.lexikus.de/bibliothek/Juden-in-der-deutschen-Literatur/Franz-Werfel-von-Rudolf-Kayser (über F.W.)

https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/n5/mode/2up (Anthologie „Menschheitsdämmerung“, 1920)

https://archive.org/stream/verkndigungant00kays#page/n5/mode/2up (Verkündigung. Anthologie junger Lyrik, hrsg. von Rudolf Kayser, München 1921)

http://jhelbach.de/Lit/Expressionismus.pdf (Kleine Textsammlung: Expressionismus)

http://d-nb.info/575379588/04 (Inhaltsverzeichnis „Menschheitsdämmerung“)

http://d-nb.info/956759254/04 (Lyrik des Expressionismus, hrsg. von Silvio Vietta, 1998, 4. verbesserte Aufl. 1999: Inhaltsverzeichnis)

http://www.dandelon.com/servlet/download/attachments/dandelon/ids/AT001C2E5251121E98B63C12572AC00483681.pdf (Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts. Von den Wegbereitern bis zum Dada. Eingeleitet von Gottfried Benn, 1955: Inhaltsverzeichnis)

http://m.schuelerlexikon.de/mobile_deutsch/Expressionismus.htm („Expressionismus“ im Schülerlexikon)

http://universal_lexikon.deacademic.com/236275/Expressionismus_in_der_Literatur%3A_Aufschrei_und_Zeitdiagnose (Expressionismus)

http://delabar.net/storage/216c27f9Vorlesung_02_Expressionismus.PDF (Lyrik des 20. Jh.: Expressionismus)

http://is.muni.cz/th/183873/pedf_b/derneuemensch.doc (Miroslav Janík: Der neue Mensch in der Expressionistischen Literatur, Bachelorarbeit 2009)

http://dspace.library.uu.nl/bitstream/handle/1874/209057/Abschlussarbeit_nieuwe_versie%5B1%5D.pdf?sequence=1 (Rick Duijf: Das Sonett in der expressionistischen Lyrik, Bachelor-Arbeit 2011)