Die Geschichte vom Wolf und vom Fuchs

Die Geschichte vom Wolf und vom Fuchs

Jahrelang hatten Wolf und Fuchs gemeinsam in einer Höhle gelebt, und der Wolf hatte den Fuchs oft geschlagen und gebissen. Nun aber war der Fuchs die Frechheiten des Wolfes leid geworden. Er ließ sich auf einem Baumstumpf nieder und dachte nach. Endlich hatte er das Gefühl, eine Lösung gefunden zu haben. Er lief zum Wolf und traf ihn vor der Höhle. Der Fuchs näherte sich dem Wolf und wartete auf die Erlaubnis zu sprechen.

„Was willst du, du Sohn eines Hundes?“, fuhr ihn der Wolf nach einer Weile mürrisch an. „O Gebieter, ich bitte dich, mir zu erlauben, dass ich dir einen Vorschlag mache.“ „Rede“, erwiderte der Wolf gelangweilt. „aber fasse dich kurz.“ Mit demütiger Stimme begann der Fuchs: „Du weißt, mein Gebieter, dass der Sohn Adams, der Mensch, schon so lange einen Krieg gegen uns führt. Er kämpft mit Fallen, Schlingen und Angriffen aus dem Hinterhalt. Der Wald ist so gefährlich für uns geworden, dass wir kaum mehr darin wohnen können. So schlage ich vor, dass alle Füchse und alle Wölfe miteinander einen Vertrag abschließen. Gemeinsam sollten wir gegen den Menschen vorgehen.“ „Das ist unverschämt, dass du auf meine Hilfe hoffst, elender Fuchs“, erwiderte der Wolf. Und er holte aus und schlug dem Fuchs die Vorderpfote so hart gegen die Wange, dass er umfiel.

Nur mit Mühe richtete er sich wieder auf. Er schluckte seine Wut herunter, verbeugte sich und sprach: „Verzeih, mein Herr, dass ich es wagte, so mit dir zu sprechen. Ich tat Unrecht und sehe ein, dass die Ohrfeige gerecht ist.“ Heimlich aber dachte der Fuchs bei sich: „Meine Zeit wird kommen. Dieser Wolf wird seine Schuld büßen.“ „Es ist gut, dass du meine Erziehung zu würdigen weißt“, knurrte der Wolf. „Aber nun schere dich an deine Arbeit. Gehe in den Wald und kundschafte ihn aus. Und wenn du ein Wild siehst, komm’ sofort zurück und melde es mir.“ „Gerne“, beeilte sich der Fuchs zu sagen. Und er ging fort, in den Wald hinein.

Als er durch den Wald gegangen war und zu einem Weinberg kam, stand er vor einem Platz, der ihm verdächtig vorkam. Er sah aus wie eine Falle; der Fuchs hielt an und überlegte: „Wenn jemand hier entlang kommt und so dumm ist, die Falle nicht zu bemerken, wird er wohl hineinfallen.“ Er näherte sich vorsichtig dem verdächtigen Ort und erkannte, dass es sich um eine Grube handelte, die mit Laub überdeckt war. Als er das sah, freute er sich: „Bei Allah, welch ein schöner Weinberg!“, sagte er zu sich. „Und welch eine schöne Falle – schön für den, der es versteht, nicht hineinzufallen. Auch Fallen können am Ende ihr Gutes haben.“

Schnell kehrte er zum Wolf zurück. „Ich bringe gute Nachrichten“, sagte er. „Denn siehe, Allah hat gut für dich gesorgt. Ich sah einen wunderschönen Weinberg mit dicken reifen Trauben. Der ist wie gemacht für dich.“ Der Wolf zweifelte keinen Augenblick an den Worten des Fuchses. Gierig fuhr er den Fuchs an: „Was wartest du noch, Elender. Führe mich sofort dahin.“ Da führte der Fuchs den Wolf zum Weinberg. Und als sie am Eingang angekommen waren, trat er ehrerbietig zurück und ließ dem Wolf den Vortritt. Der rannte in die Richtung, die der Fuchs ihm gewiesen hatte. Dabei achtete er nicht auf den Weg, lief über die dünnen Äste, die die Grube verbargen, und stürzte hinein.

Als der Fuchs das sah, wurde er sehr fröhlich. Vor Vergnügen wälzte er sich im Gras. Dann aber besann er sich und schaute in die Grube. Hier saß der Wolf gefangen, und vor lauter Kummer über sein Schicksal liefen ihm Tränen die Wangen hinunter. Da begann auch der Fuchs zu weinen. „Weinst du aus Mitleid?“, fragte der Wolf. „Aber nein“, entgegnete der Fuchs. „Ich weine darüber, dass du nicht schon eher in die Grube gestürzt bist. Denn bei Allah, mein Leben wäre so schön friedlich und ohne Heuchelei verlaufen, wenn ich dich schon früher losgeworden wäre. Mein Mitleid verdienst du nicht. Das verdient nur einer, der auch mit anderen Mitleid hat.“

(Stark gekürzte und vereinfachte Fassung von http://www.labbe.de/lesekorb/index.asp?themaid=92&titelid=718, offenbar eine Erzählung der Märchen aus 1001 Nacht)

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Bechstein: Seelenlos – Analyse

Text: http://www.zeno.org/Literatur/M/Bechstein,+Ludwig/M%C3%A4rchen/Neues+deutsches+M%C3%A4rchenbuch/Seelenlos bzw.

http://www.internet-maerchen.de/maerchen/seelenlos.htm

(Vorlage: http://www.zeno.org/M%C3%A4rchen/M/Flandern/Johann+Wilhelm+Wolf%3A+Deutsche+M%C3%A4rchen+und+Sagen/20.+Ohneseele bzw. https://archive.org/stream/deutschemrchenu00wolfgoog#page/n120/mode/2up)

Für dieses Märchen hat Bechstein eine Vorlage aus Wolfs „Deutsche Märchen und Sagen“, 1845, genommen und überarbeitet; Wolf bemerkt, er habe das Märchen von Van Duyse aus Gent gekommen. Zwei Einzelheiten hat Bechstein aus Wolfs Märchen „Die dankbaren Tiere“ übernommen (dass der Held ein Messer mitbekommt und dass er einen gefallenen Esel statt eines Pferdes teilt). An diesem Märchen kann man schön sehen, wie Bechstein arbeitet – man muss dazu nur die Vorlage lesen und mit Bechsteins Märchen mit ihr vergleichen. Scherf spricht von einer „Verschwankung eines an sich echten Märchens“. – Auch bei diesem Märchen gehen die zahlreichen sprachlichen Feinheiten Bechsteins unter, wenn man es auf seine Struktur reduziert:

Ausgangssituation:

Ein Menschenfresser frisst junge Mädchen.

Geschehen:

  • Das Los trifft die Königstochter.
  • Der Menschenfresser lehnt ein Geschäft mit dem König ab.
  • Der König setzt für die Rettung seiner Tochter eine Belohnung aus (Aufgabe).
  • Ein Soldat meldet sich und bekommt ein großes Messer.
  • Der Soldat schlichtet den Streit eines Löwen, eines Adlers, eines Bären und einer Fliege um einen toten Esel und teilt ihn auf.
  • Zur Belohnung bekommt er eine wunderbare Adlerfeder und die Fähigkeit, sich in eine Fliege zu verwandeln.
  • Er geht bzw. fliegt zur Königstochter und fragt sie, wo des Seelenlos Seele sei.
  • Seelenlos teilt ihr das Geheimnis mit (Insel im Roten Meer).
  • Der Soldat bekommt diese Information und fliegt zum Schloss der vier Winde.
  • Er bekommt ein Wünschelflughütchen und fliegt mit den Winden zum Roten Meer.
  • Ein Fisch besorgt das Kästchen mit der Seele des Seelenlos.
  • Der Soldat fliegt mit dem Kästchen zum Seelenlos und tauscht die Seele gegen die Prinzessin.
  • Seelenlos saugt seine Seele ein und wird erlöst, er wird ein Kavalier.
  • Die Prinzessin ist befreit, sie heiratet den zum Prinzen geadelten Soldaten (Belohnung).

Scherf nennt als verwandte Erzählungen Bechsteins Märchen „Der Mann ohne Herz“ sowie von den Brüdern Grimm „Die Kristallkugel“ und „Die drei Schwestern“; für die Motivketten von den dankbaren Tieren nennt er Besteins „Die verzauberte Prinzessin“ und „Die Bienenkönigin“ der Brüder Grimm.

 

http://www.maerchen.com/ludwig-bechstein.htm (Bechstein: Deutsches Märchenbuch, 1845)

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_M%C3%A4rchenbuch (Deutsches Märchenbuch, Ausgabe letzter Hand 1857)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Bechstein,+Ludwig/M%C3%A4rchen/Deutsches+M%C3%A4rchenbuch (dito)

https://de.wikipedia.org/wiki/Neues_deutsches_M%C3%A4rchenbuch (Neues deutsches Märchenbuch, 1856)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Bechstein,+Ludwig/M%C3%A4rchen/Neues+deutsches+M%C3%A4rchenbuch (dito)

(Ludwig Bechstein: Sämtliche Märchen. Mit Anmerkungen und einem Nachwort von Walter Scherf, 1976)

(Klaus Schmidt: Untersuchungen zu den Märchensammlungen von Ludwig Bechstein, 1935, Nachdruck 1984)

Wolf: Kassandra – Priesterin oder Seherin?

Die Figur Kassandra wird sowohl als Priesterin wie als Seherin („ich Seherin“; „die Sehergabe“) dargestellt bzw. stellt sich im Rückblick auf ihr Leben so dar; dabei wird nicht recht klar, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Ich möchte also kurz untersuchen, wodurch „Priester“ und „Seher“ im alten Griechenland unterschieden waren, wenn das auch wieder etwas anderes als der Unterschied in der Erzählung der Christa Wolf ist. Ich orientiere mich zunächst an den einschlägigen Artikeln im dreibändigen „Lexikon der Alten Welt“ (1990 = 1965).

1. Priester in Griechenland
Er ist in der Regel ohne lenkende Autorität, er (sie) ist ein staatlicher Kultusbeamter;
er ist zuständig für die korrekte Durchführung der Kulthandlungen, für die Tempelbauten und das Tempelvermögen. An seine Person werden keine besonderen sittlichen Ansprüche gestellt, das Amt schließt nicht von der Teilnahme am bürgerlichen Leben aus.
Die eigentlichen Repräsentanten der Gemeinde vor der Gottheit sind das Familienoberhaupt, der Fürst (oder Magistrat), im Krieg der Feldherr.
Die Mantik, also die Technik, Götterzeichen korrekt zu deuten, ist oft, aber nicht immer an die Technik des Priesteramtes angeschlossen.

2. Mantik
ist die Kunst, bestimmte Indizien induktiv zu deuten (viele Möglichkeiten und Techniken!) oder intuitiv auf Erleuchtung durch Inspiration (Orakel) oder im Traum zu hoffen.
Für die Deutung sind also Kundige zuständig; oft ist die richtige Deutung an Geräte, an Medien, an bestimmte Orte und Zeiten gebunden.

3. Der Begriff des Propheten ist im Wesentlichen für Griechenland ohne größere Bedeutung.

Den Unterschied zwischen Priester und Prophet hat Max Weber in seiner Religionssoziologie herausgearbeitet: http://www.textlog.de/7910.html
Wenn man heute ins Internet schaut, sind folgende Stichwörter bedeutsam: Mantik, Divination, Prophetie. Ich habe folgende interessante Links gefunden:
http://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/details/quelle/WIBI/zeichen/d/referenz/10295///cache/0866a9b646/ (Divination bei den Griechen)
http://lexikon.meyers.de/meyers/Mantik
http://www.sphinx-suche.de/lexpara/mantik.htm (Aufzählung der Sorten)
http://www.amuseum.de/medizin/CibaZeitung/dec34.htm (Schlange als mantisches Tier)
http://homepage.univie.ac.at/elisabeth.trinkl/forum/forum0301/18mantik.htm (Mantik in Mantineia)
http://extispicium.blogspot.com/2006/02/mantik-mantis_09.html
http://www.klassphil.uni-muenchen.de/~waiblinger/Traum.html (Träume und Traumdeutung in der Antike)
http://www.uni-essen.de/Ev-Theologie/wilat/Behrens,Achim-vision.htm (Visionen)
http://www.weltundumweltderbibel.de/wub_links34.htm (Links zum Thema für die Bibel und ihre Umwelt)

Wolf: Kassandra – Unterrichtseinheit

https://norberto68.wordpress.com/2014/05/07/erzahltheorie-einfuhrung-ubersicht/

Ich beziehe mich auf die Textausgabe in der Bibliothek der Süddeutschen Zeitung (München 2007). Eine vergleichende Übersicht der Seitenzählung in den Ausgaben SZ-Edition und Luchterhand (2004) finden Sie unten lokalisiert (ein eigener Beitrag hier in diesem Blog!).

P.S. Das Lehrerheft zur Unterrichtsreihe ist gerade erschienen:
Christa Wolf: Kassandra. Materialien von Norbert Tholen, siehe
http://www.krapp-gutknecht.de/Produkte/Literatur/Kassandra/Kassandra.htm (19.06.08)

Diese Überlegungen sehen drei Schritte in der Erarbeitung der Erzählung vor:
1. Schritt: den Text kennen lernen,
2. Schritt: den Text analysieren,
3. Schritt: die Erzählung interpretieren.

Diese drei Schritte können begrifflich klar voneinander getrennt werden, praktisch jedoch nicht immer; auch ist die Reihenfolge der Schritte theoretisch vielleicht einleuchtend, aber nicht streng durchzuhalten.
Da der Text auch in der Ausgabe der SZ-Edition in der alten Rechtschreibung abgefasst ist, wird man sich mit den Schülern verständigen müssen, ob man ihn nach alter oder neuer Rechtschreibung zitiert.
Es genügt, wenn Schüler elementare Hilfsmittel zu gebrauchen lernen und auf Hinweise im Internet zurückgreifen können; Sekundärliteratur gehört im Wesentlichen in die Universität.

Lernziele: Die Schüler sollen
– einen Überblick über das Geschehen gewinnen,
– die Zeitstruktur des erinnerten Geschehens skizzieren können,
– die Entwicklung Kassandras als Seherin nachzeichnen,
– die Beziehungen verschiedener Figuren (plus Motto) zu Kassandra aufzeigen,
– Themen über den Verlauf des Geschehens verfolgen können,
– die Eigenart der „Erzählweise“ Kassandras erfassen,
– einen Überblick über Hilfsmittel zum Verständnis des Romans gewinnen,
– den Roman in seiner Stellung in der deutschen Literatur um 1980 begreifen,
– die Bedeutung von Christa Wolfs Roman für unsere Gegenwart reflektieren.

Links zum Buch (November 2007 – leider funktionieren viele Links inzwischen nicht mehr):
http://www.editionkerpen.de/kassandra_wolf.htm (Armin König: Bedeutung der Erzählung)
http://www.aixtema.de/inger/diplom.html (Inger Tilk: Weiblichkeit und Feminismus in „Kassandra“)
http://www2.vol.at/borgschoren/lh/lh5c.htm (Unterrichtseinheit: v.a. die Figuren, der Aspekt Krieg!)
http://www.aixtema.de/inger/semesterarbeit.html (Inger Tilk: Utopie in „Kassandra“)
http://www.google.com/search?q=%22Wolf:+Kassandra%22+ (Über die Lesarten soziohistorisch / genderorientiert, von Irmgard Nickel-Bacon, leider nicht mehr als pdf-Datei)
Dominique Stöhr: Christa Wolfs Kassandra (www.ub.uni-heidelberg.de/archiv/5706: feministische Ethnologie, genderstudies, Mythenrezeption – Magisterarbeit)

1. Schritt: den Text kennen lernen

Aufgrund der Erzählform ist der „Inhalt“ des Textes nicht leicht zu überblicken; auch darf der trojanische Krieg nicht mehr als den Schülern bekannt vorausgesetzt werden. Deshalb ist es erforderlich, dass nicht nur der Lehrer, sondern auch die Schüler sich während der Lektüre Notizen machen – also das lesen verzögern und sich Rechenschaft geben von dem, was sie lesen. Dazu gibt es zu Wolfs „Kassandra“ mehrere Möglichkeiten:
* ein Blatt Papier in der Mitte falten und Eindrücke (in zwei Spalten) notieren, mit Seitenzahl; dieses übliche Verfahren bereitet hier Probleme, weil die Ich-Erzählerin in ihren Gedanken oft hin und her springt und sich nur bei der Darstellung des Krieges an eine chronologische Ordnung hält;
* ein Blatt Papier quer legen und in drei Spalten aufteilen (oder sogar zwei Blätter zusammenkleben und entsprechend nutzen): in der Mitte die Spalte „Ereignisse“, links eine Spalte „Entwicklung Kassandras“, rechts eine Spalte „Krieg und Männerwelt“. Mit dieser Dreiteilung kann man das, was Erzählt wird, vorsortieren;
* bei wikipedia gibt es einen Artikel „Kassandra (Christa Wolf)“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Kassandra_%28Christa_Wolf%29). Es wäre naiv zu glauben, die Schüler fänden den Artikel nicht, und unklug, ihn nicht für den Unterricht zu nutzen. Dieser Artikel gibt einen ersten „soliden“, chronologisch geordneten Überblick über das in der Erinnerung berührte Geschehen, ohne dem Buch formal gerecht zu werden.
Man könnte den Wikipedia-Artikel auf zwei verschiedene Weisen nutzen:
a) Man verweist auf ihn als (unzulängliches) Hilfsmittel und arbeitet auf der Basis so, dass man das Buch in drei Etappen lesen lässt (bis S. 49 Mitte; bis S. 107 Mitte; bis Ende). Die Lektüre kann man durch die drei mitgegebenen Arbeitsblätter leicht überprüfen.
b) Man druckt den Wikipedia-Artikel als Spalte (linke Hälfte) aus und lässt rechts Platz, um beim Lesen Notizen zu den erwähnten Personen und Ereignissen zu machen.
Ich schlage vor, zuerst den Artikel lesen zu lassen und für die eigene Lektüre der „Kassandra“ eine Liste mit drei Spalten anzulegen; den Schülern sollte man erlauben, ins eigene Buch Hinweise auf Parallelen (Querverweise) einzutragen, aber nur als Seitenangabe – genauso mache ich es selber auch.
Nach der Lektüre jedes der drei „Teile“ sollte man einen ersten Eindruck schriftlich festhalten; es ist aufschlussreich zu sehen, wie sich das eigene Verständnis später von diesem ersten Eindruck entfernt, dieses Verständnis überholt. Ich habe den Text in einem Zug gelesen, ohne den Wikipedia-Artikel zu kennen und ohne Notizen in drei Spalten zu machen (auf diese Idee bin ich erst bei der zweiten Lektüre gekommen). Mein Bericht von meinem ersten Gesamteindruck fällt entsprechend aus.
Nach der Lektüre der ersten 49 Seiten kann man mit der „Analyse“ des Textes beginnen, indem man die Form des Erzählens untersucht; diese Untersuchung kann nur ein vorläufiges Ergebnis zeitigen, aber doch schon einen guten Einblick in die Erzählform gewähren. Ein allererster Einstieg könnte auch in der sorgfältigen Lektüre bis S. 12 (bis „Achill“) gelingen.

2. Schritt: den Text analysieren

Ziel: die Zeitstruktur des erinnerten Geschehens skizzieren können
Die Schüler sollen sehen, dass auf 150 Seiten (in etwa sechs Stunden Erzählzeit) die Ereignisse von rund 30 Jahren selektiv, teilweise nicht in chronologischer Reihenfolge erinnert und bedacht werden.
Für die Bedeutung der einzelnen Erinnerung gibt es drei Kriterien:
1. Wie lange spricht Kassandra davon? Der Kampf ihres Bruders Troilos mit Achill, seine Flucht und seine Ermordung durch jenen (S. 83-85) mag vielleicht zwei Stunden gedauert haben; Kassandra verwendet etwa fünf Minuten (2 Seiten) Zeit auf diese Erinnerung; ebenso verwendet sie rund 5 Minuten (2 Seiten) für die Erinnerung an ihren Auftritt vor dem Rat, als sie den Meuchelmord an Achill missbilligt, wonach sie festgenommen wird (S. 140-142).
Rechnet man die 150 Seiten bzw. sechs Stunden auf die Ereignisse von 30 Jahren um, dann hat Kassandra für die Ereignisse eines Jahres 12 Minuten ( gleich 5 Seiten) Zeit der Erinnerung; an diesem Maßstab erkennt man, wie wichtig ihr die Erinnerung an den Mord und an ihren eigenen Widerspruch vor dem Rat sind.
2. Das zweite Kriterium der Bedeutsamkeit ist die Anzahl, wie oft Kassandra von einem Ereignis oder von einer Person spricht. Nach diesem Kriterium sind (alphabetisch geordnet) Aineias, Achill, Anchises, Hekabe, Panthoos, Paris , Priamos und Polyxena die wichtigsten Bezugspersonen für Kassandra.
3. Welche Bedeutung misst Kassandra selbst kurz vor ihrem Tod einem Ereignis bei?
Es bestände die Möglichkeit, die Darstellung des Wikipedia-Artikels „Kassandra (Christa Wolf)“ zu überarbeiten: zu ergänzen, mit einer geschätzten Chronologie und mit Belegen aus dem Roman zu überarbeiten.
Man sollte wahrnehmen, dass „die Stunde vor der Dunkelheit“ eine metaphorische Bedeutung hat; das Leben in der Frauengemeinschaft am Skamander wird so datiert (S. 150), was wohl bedeutet: die Zeit vor dem (Kriegs-)Ende. Dieser Stunde ist wiederum ein besonderes Licht zugeordnet: „Das Licht der Stunde, ehe die Sonne untergeht. Wenn jeder Gegenstand aus sich heraus zu leuchten anfängt…“ (S. 150); dieses Licht hat Kassandra oft mit Aineias gesehen (S. 150, S. 154: auch beim letzten Treffen), wenn die beiden es auch verschieden interpretiert haben; bei diesem Licht vor Sonnenuntergang hat sie auch von Myrine Abschied genommen (S. 8); dieses Licht kommt jetzt am Ende ihres Wartens vor dem Tor (S. 154). Es ist also das Licht der Klarheit wie des Untergangs und entspricht so dem umfassenden Wissen, was man nur vor dem Tod erlangen kann (S. 110).

Ziel: die Entwicklung Kassandras als Seherin nachzeichnen
Es ist in jedem Fall wichtig zu sehen, dass Kassandra in ihrem Leben eine Entwicklung durchgemacht hat; man kann aus Zeitgründen aber nicht alle Aspekte gleichermaßen beachten. Neben dem Aspekt „Kassandra als Seherin“ könnte auch stehen „Kassandras Weg vom Palast zu den Höhlen am Skamandros“, den sie mit den Wort abgeschlossen sieht: „Da, endlich, hatte ich mein ‚Wir’.“ (S. 139); die Familienmitglieder sind „sie“ geworden. Einen anderen Hinweis gibt ein Gedanke Kassandras: „Mir kommt der Gedanke, insgeheim verfolge ich die Geschichte meiner Angst. Oder, richtiger, die Geschichte ihrer Entzügelung, noch genauer: ihrer Befreiung.“ (S. 41, der ganze Absatz) In der Sache handelt es sich wohl um eine einzige Entwicklung, die man unter verschiedenen Begriffen thematisieren kann.
„Kassandra als Seherin“, diese geläufige Formel lenkt vielleicht die Aufmerksamkeit gleich zu Beginn in eine falsche Richtung. Sie selber sagt: „Mit meiner Stimme sprechen: das Äußerste. Mehr, andres hab ich nicht gewollt.“ (S. 6) und sie preist sich glücklich, dass der Ton der Verkündigung am Ende dahin ist (S. 7). Vielleicht sollte man also sagen, dass die Seherin Kassandra auch die Sprecherin ist, die im Nein ihre eigene Stimme gefunden hat (S. 128 und 140 ff., S. 6: mit eigener Stimme sprechen) Am Anfang der Erzählung „Was bleibt“ (1990) sagt das Wolf-Ich: „In jener anderen Sprache, die ich im Ohr, noch nicht auf der Zunge habe, werde ich eines Tages auch darüber reden.“ (S. 7)
Die Höhle(n) ist Ort [eine Metapher] des gelingenden Lebens; vgl. zu Höhle
http://www.lochstein.de/hoehle.htm („Mensch und Höhle“)
http://www.lochstein.de/hrp/themen/koerper/koerper.htm (Körper und Höhle)
http://www.neon.de/kat/fuehlen/psychologie/179599.html (Wie viel Höhle braucht der Mensch?)
http://www.rcom.marum.de/Heinrich_Jakob_Fried.html (Die blaue Grotte)
http://www.lochstein.de/sprache/sz2005.htm („Höhle“ 2005 in der SZ)
http://www.univie.ac.at/Medienwissenschaft/reichert/dipl/04Traum.htm (Höhle Kino Traum)
http://www.txtbank.de/metaphern/vergessen_und_memoria/ (zur Metaphorik von Landschaft)
http://www.zeit.de/1996/16/blumenb.txt.19960412.xml?page=all (ganz kurz zu Blumenbergs fundamentalem Buch „Höhlenausgänge“)
http://db.swr.de/upload/manuskriptdienst/wissen/wi20050511_3137.rtf (über Hans Blumenberg: Leben in der Höhle, Schutz durch den Mythos und später durch das Lesen – Kassandra kann nicht schreiben, S. 148)
http://www.lochstein.de/kunst/kuenstler/lindenmayr/moderne/moderne.htm (moderne Höhlen)
http://www.bechteler.com/referate/max_frisch/index.htm (Höhlengeschichte im Roman „Stiller“)
http://www.sommeruniversitaet.eu/download/vortrag_scholz_070730.pdf (über Metaphern, unter anderem die Metapher „Höhle“)
Goethe: Faust I, Szene „Wald und Höhle“ (V. 3217 ff.)
Man könnte einigen Aspekten dieser Entwicklung auch nachgehen, wenn man Kassandras Annäherung an verschiedene, vor allem fremde Figuren oder einfach deren Auftreten verfolgt (das nächste Lernziel).

Ziel: die Beziehungen verschiedener Figuren (plus Motto) zu Kassandra aufzeigen (dabei Penthesilea und Polyxena als weibliche Gegenfiguren begreifen)
Dieses Ziel überschneidet sich in gewisser Hinsicht mit dem vorherigen, die Entwicklung Kassandras aufzuzeigen. Es sollten die wichtigsten Figuren (Achill, Agamemnon, Aineias, Anchises, Eumelos, Panthoos, Paris; Arisbe, Briseis, Hekabe, Marpessa, Polyxena) berücksichtigt werden; das kann arbeitsteilig geleistet werden – hierbei lesen die Schüler den Roman zum zweiten Mal, wenn man ihnen die relevanten Stellen nicht vorgibt. Die zweite Lektüre sollte zu einem vertieften Verständnis des Romans führen. Man kann eine große Übersicht über die Gesamtkonstellation oder einzelne Figurengruppen anlegen; die Beziehungen zu einer Figur ändern sich im Lauf von Kassandras Leben.
Zur Analyse von Erzähltexten siehe
https://norberto68.wordpress.com/2011/02/13/was-heist-analysieren/
https://norberto68.wordpress.com/2011/02/13/erzahltexte-analysieren/
https://norberto68.wordpress.com/2014/05/07/erzahltheorie-einfuhrung-ubersicht/
https://norberto68.wordpress.com/2015/04/25/einfuhrung-in-die-erzahltheorie/
Die Figuren und ihre Beziehungen zu Kassandra können auch in produktiven Verfahren verstanden werden, vgl. http://www.lfkdeutsch.de/html/szenisches_interpretieren.html
http://www.teachsam.de/deutsch/d_schreibf/schr_schule/protex/protex10.htm
http://www.schwark.de/dwn/szi.pdf
Auch und gerade bei dieser Erzählung halte ich es für sinnvoll, einzelne Passagen laut („gestaltend“) zu lesen: Sinnvolles Lesen setzt Verstehen voraus, ist „Interpretation“.
Die Figuren Achill, Eumelos, Paris und Priamos stehen für das Thema Männer-Krieg, die drei ohne Eumelos auch für das Verhältnis Männer-Frauen. Es gibt Querverbindungen zwischen der Betrachtung von Figuren und der Untersuchung von Themen – das sind nur verschiedene Methoden, das erzählte Geschehen zu erfassen. Die Figur des Achill sollte man sich für die Interpretation reservieren: Wie Christa Wolf den Mythos verändert.

Das Motto, welches von der Autorin über ihre Erzählung gesetzt worden ist, kann ich nur mit Mühe in Beziehung zur Figur Kassandra setzen; es gibt für diese keinen unbezähmbaren Eros – nur eine einzige erotisch erfüllte Begegnung mit Aineias (S. 100; dagegen S. 130: „Nichts regte sich.“), sie verzichtet auf Aineias um einer Authentizität willen, die auch keine Rücksicht auf ihre Kinder oder Marpessa nimmt. Allerdings bereitet es ihr Lust, in Myrines Haar zu wühlen (S. 9); dann gibt es noch Lust für die männlichen Kriegsopfer (S. 148), im Zusammenhang mit den Berührungsfesten (S. 149). Anderseits berichtet sie, sie habe sich vom sexuellen Begehren befreit (S. 62). – Vielleicht ist Achill von unbezähmbarem Eros erfüllt – doch für den gilt: „Achill das Vieh“ (S. 83).

Ziel: Themen über den Verlauf des Geschehens verfolgen können
Dieses Ziel ist der Thematik des Buches verpflichtet; ob es ein einziges Thema gibt, darüber lässt sich trefflich streiten. Es geht um das Verhältnis von Männern und Frauen. Für das Thema „Männer“ gibt Achill Stichwort und Anschauung: „Die nackte gräßliche männliche Lust.“ (S. 84) Männer sind ichbezogene Kinder (S. 11), Männer brauchen uns Frauen als Opfer (S. 136); Kassandra ist am Ende froh, dass sie Frau sein darf (S. 125).
Achill und Panthoos werden in Tiervergleichen erfasst (S. 123, 129, 135, 137 u. ö.).
Dieses Thema spaltet sich in zwei Unterthemen auf:
a) der Krieg; Prototypen sind Paris und Eumelos, der von ihm abhängige Priamos und Achill; Lug und Betrug, Verrat und Ende jeden geregelten Anstands, das ist der Krieg.
b) die Beziehungen zwischen Männern und Frauen; das sollen hier die von Kassandra beobachteten Beziehungen sein, also die von Priamos und Hekabe, die der Geschwister,
Achill und die Frauen, Agamemnon und die Frauen.
Das zweite Thema sind die Frauen; da denke ich zunächst an das, was Kassandra als Frau selbst erlebt, mit vielen Unterthemen: als Tochter, als Schwester, als Freundin,
als Geliebte (mit der seltsamen Aufspaltung Panthoos – Aineias) bzw. „Schülerin“ des griechischen Priesters, als Ehefrau und Mutter, als freie Frau in der Kommune (wir Frauen). Das überschneidet sich naturgemäß mit den Frauen, die sie beobachtet:
Arisbe, Briseis, Marpessa, Myrine, Penthesilea. Bedeutsam ist das Pronomen „wir“, in dem Kassandra ihre Zughörigkeit festhält („wir Frauen alle“, S. 135; S. 137!).
Die Kriegsdarstellung kann man auf den Ost-West-Konflikt im Kalten Krieg mitsamt der damaligen Nachrüstung beziehen, aber auch grundsätzlicher sehen; die feministische Gegen-Darstellung der mythischen Figuren muss unbedingt beachtet werden; das ist eine Aufgabe für den 3. Schritt, die Interpretation.

3. Schritt: die Erzählung interpretieren

Unter der Interpretation wird hier verstanden, dass man die Erzählung in Zusammenhänge einordnet: in die deutsche Literatur um 1980, in das Werk Christa Wolfs, in die von ihr selber in den Frankfurter Poetik-Vorlesungen skizzierten Voraussetzungen. Konkret bedeutet dass, dass man das Buch auch in die Geschichte des Kalten Krieges um 1980 und auch in die feministische Literatur einordnet.Ziele: Die Schüler s– einen Überblick über Hilfsmittel zum Verständnis des Romans gewinnen,

– den Roman in seiner Stellung in der deutschen Literatur um 1980 begreifen,
– die Bedeutung von Wolfs Roman für unsere Gegenwart reflektieren.

Mit diesen Zielen könnte man sich monatelang befassen, aber dazu fehlte die Zeit; ich schlage vor, dass man die Themen arbeitsteilig bearbeitet und die Ergebnisse referieren lässt, vgl. http://norberto42.kulando.de/post/2007/10/23/arbeitstechnik_prasentation
Die Analyse von Sachtexten und ihre Erörterung wird v. a. am dritten Lernziel orientiert sein, vgl. http://norberto42.kulando.de/post/2005/12/21/theoretische_texte_analysieren
http://norberto42.kulando.de/post/2007/09/14/
http://norberto42.kulando.de/post/2006/01/05/erortern
http://norberto42.kulando.de/post/2006/01/21/
Vielleicht sind die Aufsätze über Argumentationsansatz und Argumentationsstrategie in http://norberto42.kulando.de/category/rhetorik_und_argumentation hilfreich.

Zur deutschen Literatur um 1980:

Schlosser, Horst Dieter: dtv-Atlas Deutsche Literatur (8. Aufl. 1999, S. 263 ff.)
Friedrich, Anne-Cathrin u.a.: Basiswissen . Literatur (2002, S. 408 ff.; im Netz unter www.schuelerlexikon.de)
Jäger, Manfred: Kultur und Politik in der DDR 1945 – 1990. 1994
Literatur Lexikon. Daten, Fakten und Zusammenhänge. Hrsg. von Wieland Zirbs, 4. Aufl. 2004, Stichwort „DDR-Literatur“
http://lbs.hh.schule.de/welcome.phtml?unten=/faecher/deutsch/epochen/brd/
http://lbs.hh.schule.de/welcome.phtml?unten=/faecher/deutsch/epochen/ddr/
http://www.literarischesleben.uni-goettingen.de/ (Jahresdaten zur deutschen Literatur 1945-2000)
http://www.udoklinger.de/Deutsch/Gesch/BRD.html (DDR fehlt)
http://www.ws-schwabach.de/Deutsch/10a/ddr.htm (DDR-Literatur)
Deutschland 1945-2005 (eine Chronik: http://www.bpb.de/publikationen/XHLLMV)
http://www.ddr-suche.de/ (Suchmaschine zur DDR allgemein)
http://www.grenzschild.de/links.htm (DDR-Links)
http://www.ddr-im-www.de/index2.htm (DDR im www)
http://www.tcd.ie/Germanic_Studies/wende/kultur.htm (Kultur in der DDR)
http://www.politeia.uni-bonn.de/begriffe/begriffe.html (Nachkriegszeit in Frauensicht)
Zur Geschichte der BRD: http://www.bpb.de/themen/E4L482,0,0,Geschichte_der_Bundesrepublik_Deutschland.html
Geschichte der DDR: http://www.bpb.de/themen/68PQ10,0,Geschichte_der_DDR.html
Müller-Ensbergs, Helmut u.a. (Hrsg.): Wer war wer in der DDR? Bonn 2000
http://www.bpb.de/themen/2Q7F55,8,0,Ursachen_und_Entstehung_des_Kalten_Krieges.html (vgl. auch das Stichwort: Krieg, Aggression, Gewalt!)

Christa Wolf:
http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/WolfChrista/ (Skizze einer Biografie) Es gibt
Biografien von Franz Baumer, Sonja Hilzinger usw. – man muss schauen, was am Ort greifbar ist. In Kindlers Neues Literatur Lexikon sollte man die Artikel über „Der geteilte Himmel“ (1963), „Nachdenken über Christa T.“ (1968), „Kindheitsmuster“ (1976) und „Kassandra“ (1983) lesen.
http://www.politeia.uni-bonn.de/biographien/wolf/wolf.html
http://www.feministische-sf.de/einzelne_autorinnen/fsf_christa-wolf.html
http://www.ub.fu-berlin.de/internetquellen/
Christa Wolf ist nicht Kassandra – dessen muss man sich bewusst sein. In ihrer Erzählung (nicht: im Protokoll) „Was bleibt“ (1990), im Sommer 1979 geschrieben und im November 1989 überarbeitet (?), wird ein Tag aus dem Leben der von der StaSi beobachteten Frau Wolf erzählt. Diese Erzählung könnte man nutzen, um „Kassandra“ besser zu verstehen; Kassandra ist eine Figur Christa Wolfs, die den Weg des Widerstands gegen die Staatsgewalt zu Ende geht.
Auch die Erzählung „Kein Ort. Nirgends“ (1979) berührt thematisch „Kassandra“ (1983). An der Macht und am Staat Preußen leidet der Denker Kleist – Kassandra leidet mit den anderen Frauen an den Machthabern und ihrer Männlichkeit. Man wird in Kleists Leiden an Preußen Christa Wolfs Leiden an der DDR erkennen dürfen; und man wird ihren Weg von 1967 (Verlust des Status: Kandidatin des Zentralkomitees des SED) über 1976 (Protest gegen die Ausbürgerung Biermanns) bis 1989 (Austritt aus der SED) als eine Geschichte verstehen dürfen, in der sie ihren Konflikt zwischen marxistisch-kommunistischer Überzeugung und dem Streben nach Autonomie gelebt hat. Im Westen wurden im Kalten Krieg solche persönlichen Konflikte als Auflehnung gegen die staatliche Gewalt wahrgenommen („Dissidenten“).
(Christa Wolf hat die Zensur ihrer „Voraussetzungen einer Erzählung“ in der DDR 1983 noch hingenommen; im Juni 1989 ist sie aus der SED ausgetreten.)

Rezeption der Erzählung „Kassandra“
Eine Übersicht über die westliche Rezeption bietet Preusser, Heinz Peter: Projektionen und Missverständnisse. In: Text und Kritik, Heft 46: Christa Wolf, 4. Aufl. 1994, S. 68-87
Für die Rezeption in der DDR siehe Jäger, Manfred: Kultur und Politik in der DDR 1945-1990. Köln 1994, S. 219 ff.
http://www.editionkerpen.de/kassandra_wolf.htm

Feministische Literatur in Deutschland:
In der BRD erschien 1973 Katrin Struck: Klassenliebe; 1975 Verena Stefan: Häutungen; in der DDR 1974 Irmtraut Morgner: Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz; 1974 Brigitte Reimann: Franziska Linkerhand. 1977 erschien in ganz Deutschland Maxi Wander: Guten Morgen, du Schöne (Interviews, Lebenswege von Frauen in der DDR; das Vorwort für die West-Ausgabe schrieb Christa Wolf). Feministische Literatur gab es in Ost und West: Der Unterschied zwischen den Gesellschaftssystemen relativierte sich.

Feminismus:
„Doch was ist eigentlich der Kern des Feminismus? In zwei Sätzen gesagt: Es sind die uneingeschränkt gleichen Chancen, Rechte und Pflichten für Frauen wie Männer; sowie die Infragestellung des herrschenden männlichen Prinzips – zugunsten einer menschlichen Utopie. Das und nichts anderes waren Anfang der Siebziger die deklarierten Ziele der Frauenbewegung.“
(Alice Schwarzer, Vorwort ihrer Gespräche mit Simone de Beauvoire, Neuauflage 2007 – hier nach SZ vom 27. Oktober 2007: „Besuch bei der großen Dame“, S. 16)
Was ist „das herrschende männliche Prinzip“?
Die Sachverständigenkommission für Kriminalprävention der Hessischen Landesregierung formulierte: „Die männliche Gewaltkriminalität entspricht und entspringt dem gesellschaftlichen Konzept der Männlichkeit, dem ‚männlichen Prinzip‘, das sich beispielsweise ausdrückt
– in der Härte gegen sich selbst und andere
– in Durchsetzungsvermögen um jeden Preis,
– in der Herrschafts- und Erfolgsorientierung,
– in der Rücksichtslosigkeit gegen Schwächere,
– in der Betonung des Individuellen gegenüber dem Sozialen,
– in der Unterdrückung ‚weicher‘ Anteile
– in der Verdrängung von Ängsten.“
Diese Attribute seien für Erfolgs- wie für Kriminalkarrieren funktional und typisch.
(http://cgi.dji.de/bibs/252_1995MaennlicheGewalt.pdf, dort S. 3)
http://www.fluter.de/de/feminismus/thema/6355/?tpl=162 (Was bedeutet heute Feminismus? – Dem Thema Feminismus ist ein ganzes Heft fluter.de gewidmet.)
Fünf weitere fluter-Hefte, die thematisch relevant (und sprachlich verständlich) sind:
http://www.fluter.de/de/utopie/editor/?tpl=83 (Utopie)
http://www.fluter.de/de/protest/editor/?tpl=83 (Protest)
http://www.fluter.de/de/eliten/editor/?tpl=83 (Eliten)
http://www.fluter.de/de/gleichheit/editor/?tpl=83 (Gleichheit)
http://www.fluter.de/de/freiheit/editor/?tpl=83 (Freiheit)
In diesen fluter-Heften (bzw. -Dateien) sollte man Texte finden können, die für eine Analyse und Erörterung zu gebrauchen sind.
Geschichte der Frauenbewegung: http://www.bpb.de/themen/KYOE75
http://www.conne-island.de/nf/74/23.html (Materialistische Gesellschaftskritik und radikaler Feminismus)
http://www.freitag.de/2004/09/04092302.php (Ökonomie der Geschlechter, marxistisch)
http://www.frauenmediaturm.de/heymann_weibl_pazifismus.html (weibl. Pazifismus)
http://www.uni-muenster.de/PeaCon/wuf/wf-85/8530700m.htm (Mutterrecht und Friedfertigkeit)
http://www.wedernoch.de/thesen/mensch2.htm (Hierarchien und das männliche Prinzip)
http://www.aspekt.sk/desat.php?desat=113 (Unterdrückung eigener Erfahrungen und Gefühle zugunsten der gesellschaftlichen Ideologie: Frauen akzeptieren ihre Benachteiligung – warum?)
http://wilhelm-griesinger-institut.de/veroeffentlichungen/seelenvergiftung.html (über feministische Seelenvergiftung)
http://edoc.hu-berlin.de/dissertationen/levy-alfred-2000-12-12/HTML/levy-ch3.html (Matriarchat und Marxismus bei E. Fromm)
http://www.wedernoch.de/thesen/mensch1d.htm (Mensch, Gesellschaft und Macht)
Susanne Buettner: Über den feministischen Tellerrand hinausblicken (pdf-Datei: Menschliches statt männliches Fehlverhalten in „Kassandra“ und „Medea“)
Ein Aspekt von Kassandras Feminismus ist, dass sie keinen Helden lieben kann (S. 154). Es könnte geprüft werden, was sie damit meint, und erörtert werden, welche Bedeutung Helden haben.

Helden, Idole, Vorbilder
http://www.dwds.de/?kompakt=1&sh=1&qu=Held (Wörterbuch zu „Held“)
http://www.textlog.de/cgi-bin/search/search.cgi?q=Held („Held“ in der Literatur)
http://www.wie-sagt-man-noch.de/synonyme/ (Synonyme für „Held“)
http://synonyme.woxikon.de/synonyme/Held.php (dito)
Unter der Kombination „Held Vorbild Idol“ habe ich im Netz
gefunden:
http://www.immanuel-online.de/pdf/helden.pdf (Wörterbuch zu „Held“)
http://www.ron-matz.de/textosteron_idolatrie.php („Held“ in der Literatur)
http://web.uni-frankfurt.de/fb09/kunstpaed/indexweb/publikationen/idol.htm (Jugend-Idole in der medialen Präsentation)http://www.schulfach-ethik.de/ethik/Grund-Hauptschule/personen_als_vorbild.htm (Idole und Vorbilder)
http://www.suedwestweb-berlin.de/struktur/v0199/s0199.html (weitere Links!)
http://www.dramaking.de/archiv/356 (Blog-Beitrag)
http://www.zeit.de/2003/24/Jan_Ullrich?page=2 (Jan Ulrich als „Held“)
http://www.jf-archiv.de/archiv03/503yy57.htm (Vorbild und ein bisschen Held: über gute Lehrer)
Wer sich sachlich fundiert über frühe Formen von Recht und Herrschaft informieren will, sollte lesen: Wesel, Uwe: Der Mythos vom Matriarchat, 1980; derselbe: Frühformen des Rechts in vorstaatlichen Gesellschaften, 1985; Popitz, Heinrich: Phänomene der Macht, unbedingt 2. Aufl. 1992, v. a. S. 185 ff.; Vowinkel, Gerhard: Verwandtschaft, Freundschaft und die Gesellschaft der Fremden. Grundlagen menschlichen Zusammenlebens, 1995.
http://de.wikipedia.org/wiki/Soziokulturelle_Evolution

Krieg, Aggression, Gewalt
Vermutlich wird man diese Thematik sachlich (d. h. soweit sie über die Textanalyse des Romans „Kassandra“ hinausgeht) höchstens in Zusammenarbeit mit einem Kurs Sozialwissenschaften bearbeiten können, wenn selbst dazu die Zeit nicht fehlt.
http://www.fluter.de/de/gewalt/editor/?tpl=83 (Gewalt)
http://logos.kulando.de/post/2007/11/17/motive_der_weltliteratur_krieg
Ruloff, Dieter: Wie Kriege beginnen, München 1985
Zum Stichwort „Feindbilder“ findet man im Internet mehr als genug Links, falls man die Entstehung und Wirkung von Feindbildern erörtern möchte.
http://www.dhm.de/ausstellungen/kalter_krieg/start.htm (deutsch-deutsche Feindbilder im Kalten Krieg, berührt die Untersuchung der deutschen Geschichte)
http://www.stiftung-aufarbeitung.de/downloads/pdf/BALBIER.pdf
http://www.geschichte-lernen.de/index.cfm?5E09F594E38E4CF58CECC63BF031FC35
http://www.burkhard-mohr.de/archiv.liste.php?rubrik=1&i=20 (aktuelle Karikaturen)

Frauenliteratur:
http://de.wikipedia.org/wiki/Frauenliteratur
http://referateguru.heim.at/Frauenliteratur.htm
http://www.faz.net/s/Rub117C (kritisch zum Begriff)
http://misoskop.viennablog.at/2007/07/09/frauenliteratur (kritisch zum Begriff)

Weibliches Schreiben:

http://www.kritische-ausgabe.de/hefte/frauen/frauwolff.pdf (Rochus Wolff zur Frage, ob Frauen anders schreiben; an die Unterscheidung sex-gender gebunden)
http://www.kultur.uni-hamburg.de/volkskunde/Texte/Vokus/2000-1/tagebuch2.html (kluge kritische Reflexion des „weiblichen“ Schreibens!)
http://prghorn.kilu2.de/journal/Kassand2.htm (antimythologische Begründung weiblichen Schreibens in „Kassandra“!)
http://www.uni-hamburg.de/volkskunde/Texte/Vokus/2000-1/tagebuch2.html
http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/methoden/feminlitwiss.htm
http://www.astridhoffmann.de/ (kritisch zum Thema)
http://wwwcs.uni-paderborn.de/~bergerma/texte/schreib.html (Mann / Frau / Mensch, in Konfrontation mit der Maschine; schwierig!)
Beispiel: „Lexikon deutschsprachiger Epik und Dramatik von Autorinnen (1730-1900)“, 2006, besprochen in http://www.iaslonline.de/index.php?vorgang_id=1891 und
http://www.iaslonline.de/index.php?vorgang_id=2577.

Auseinandersetzung mit dem Mythos
Ich schlage vor, dass man eine Liste anlegt und (aufgrund von Robert von Ranke Graves: Griechische Mythologie. Quellen und Deutung, Bd. 2) untersucht, welche Figuren in Wolfs Kassandra gegenüber dem traditionellen Mythos neu hinzukommen und welche fehlen; dieses Buch von Ranke-Graves ist eine wichtige Quelle für Christa Wolf gewesen.
http://www.hamburger-bildungsserver.de/ (Antike auf dem Hamburger BS)
http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen.pdf
http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/literatur/wolf/kassandra.html
(Dieter Schrey, über die Arbeit am Mythos in „Kassandra“)
An der Figur der Kassandra kann man untersuchen, worin sich Wolfs Darstellung oder Sicht von der des Mythos unterscheidet; dazu kann man auch ihre Poetik-Vorlesungen heranziehen. Auch ihr Vortrag ist zu beachten:
http://www.bbs1-northeim.de/Unter-projekte/.pdf
Schmidt, Svenja: Antiker Mythos und moderne Literatur am Beispiel der Erzählung „Kassandra“ von Christa Wolf, 1999 (e-book)
Frenzel, Elisabeth: Stoffe der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte. 10. Aufl. 2005, Artikel „Kassandra“
Dominique Stöhr: Christa Wolfs Kassandra im Spannungsfeld von feministischer Ehtnologie, gender studies und Mythosrezeption (2001, pdf-Datei)
Walther, Lutz: Antike Mythen und ihre Rezeption. Leipzig 2003
Mythos Kassandra. Texte von Aischylos bis Christa Wolf, hrsg. von Matthias Falke. RBL 20114
Wichtig erscheint mir eine Konfrontation der Darstellungen Achills als des Helden bzw. des Viehs schlechthin (im Mythos / bei Christa Wolf).
http://de.wikipedia.org/wiki/Trojanischer_Krieg
http://de.wikipedia.org/wiki/Achilles
http://www.f-r-g.de/website/faecher/de/13antikemythen/13antikemythen.html
Artikel „Ilias“ im KLL
Frenzel, Elisabeth: Stoffe der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte. 10. Aufl. 2005, Artikel „Trojanischer Krieg“ und „Achilleus“
Allgemein:
http://www.mythenrezeption.uni-tuebingen.de/links.html (dort anklicken: Mythologie im Internet)
http://www.wedernoch.de/thesen/z_mythen2.htm
Das Stichwort „Entmythologisierung“ ist von der Theologie besetzt; allgemeiner ist der Aufsatz http://www.postmoderne-theologie.de/de/entmythologisierung.html.
Man könnte vielleicht auch auf den Artikel „Dekonstruktion“ in literaturwissenschaftlichen Wörterbüchern zurückgreifen.
Eine andere Art der Auseinandersetzung mit dem Mythos demonstriert Leszek Kolakowski: Der Himmelsschlüssel. Erbauliche Geschichten, München 1966. Man könnte ein, zwei dieser Geschichten mit Christa Wolfs Erzählweise vergleichen und die Angemessenheit der beiden Verfahren für heutige Zeit erörtern. Schlinks Rückgriff auf die „Odyssee“ dürfte aus dem Zentralabitur 2007/08 noch bekannt sein.
Weiteres Material findet man, wenn man „biblische Motive, moderne Literatur“ in der Suchmaschine eingibt, und bei den genannten Wörterbüchern (E. Frenzel, L.Walther).
Ein anderes Suchwort neben „Auseinandersetzung mit dem Mythos“ ist „Antikerezeption“, unter dem einige Projekte an deutschen Unis laufen, oder der Begriff „Transformation der Antike“. Vgl. http://c2m.free.fr/al/litte.htm oder http://de.wikipedia.org/wiki/ (Kategorien der Antikerezeption dort)
Vielleicht kommt man weiter, wenn man Wolfs „Kassandra“ als Gegenentwurf gegen das antike Heldenepos oder die Heldensage versteht und sich nicht am Begriff „Mythos“ festklammert:
http://lexikon.meyers.de/meyers/Heldenepos
http://lexikon.meyers.de/meyers/Epos
http://de.wikipedia.org/wiki/Heldenepos
http://www.freenet.de/freenet/kino/filme/troja/index.html
http://www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/
http://lexikon.meyers.de/meyers/Heldensage
http://wapedia.mobi/de/Heldensage
http://www.retrobibliothek.de/retrobib/seite.html?id=107882#Heldensage
Dirk Schindelbeck: Schöpfungsmythos und Goldenes Zeitalter – Unsere Nachkriegsgeschichte als Heldenepos (pdf-Datei) kann man als moderne Verfremdung des Heldenepos lesen. Eine Einführung in die historische Wirklichkeit des Heldensangs bietet Meyers Darstellung.

Zur Interpretation des Dritten (S. 120, vgl. 99 und 133)
Wenn man fragt, was mit dem so genannten Dritten gemeint ist, kommt man vielleicht auf drei Wegen weiter:
1. Es geht um die Überwindung einer Konfrontation, in der vermeintlich nur einer gewinnen kann, vielleicht aber beide verlieren (die politische Interpretation); das wird in der Spieltheorie theoretisch und praktisch diskutiert:
http://www.uwenowak.de/arbeiten/gefangenendilemma.xhtml (einfach, mit Aufgaben)
http://www.4managers.de/themen/spieltheorie/
http://www.methode.de/st/ws/stws003.htm (einfach)
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,408327,00.html
http://www.spieltheorie.de/ (mit praktischen Aufgaben)
http://www.mathematik.de/spudema/spudema_beitraege/beitraege/kuhlenschmidt/index.htm (einfach, mehrere Stichwörter)
http://infos.aus-germanien.de/Spieltheorie (mit Querverweisen)
http://classic.unister.de/Unister/wissen/sf_lexikon/ausgabe_stichwoerter27_y.html (Lexikon!)
http://wikiludia.mathematik.uni-muenchen.de/index.php/Spieltheorie (mathematisch)
http://www.eckhartarnold.de/papers/spieltheorie/node1.html (skeptisch)
2. Wenn es um die theoretische Geltung zweiwertiger Unterscheidungen geht, kann man sich mit dem Phänomen der sprachlichen Antonyme und mit Gotthard Günthers Kritik an der zweiwertigen Logik befassen (Vorsicht, schwierig!):
a) Antonyme: Müller, Wolfgang: Das Gegenwörterbuch. Ein Kontrastwörterbuch mit Gebrauchshinweisen, Berlin 2000
Lyons, John: Semantik. Band I, München 1980, S. 281 ff.
http://santana.uni-muenster.de/Linguistik/user/steiner/semindex/paradigma.html
http://santana.uni-muenster.de/Linguistik/user/steiner/semindex/semindex.html
(Semantik und Pragmatik: Basis der Ausführungen über Antwonyme)
http://wapedia.mobi/de/Antonym (Übersicht: Arten von Antonymen)
http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/asw/gfs/deutsch/onlinewb/frames.html (dort: „Bedeutungsbeziehungen, logische“)
b) zu Gotthard Günther:
http://de.wikipedia.org/wiki/Gotthard_G%C3%BCnther
http://www.thinkartlab.com/pkl/media/kurtk/obgeist.htm
http://www.textem.de/346.0.html
http://www.vordenker.de/ggphilosophy/ggphilo.htm
http://userpage.fu-berlin.de/~gerbrehm/GG_Seite.htm
http://beat.doebe.li/bibliothek/p00877.html
3. Mit der Formel „Leben im Geist“ greift Kassandra auf christliche Schlagworte vor (Christa Wolf greift darauf zurück), die auf eine Befreiung hinweisen und deshalb oft im Predigtton behandelt werden. Ich habe unter den Stichworten „Geist – Buchstabe“ (bzw. pneuma – gramma) und „Leben Geist“ nachgeschaut:
http://also.kulando.de/post/2006/12/30/ber_ds_unaussprechliche
http://www.welt-der-bibel.de/bibliographie.1.3.zweite_Brief_Paulus_Korinther.75.html (vor allem zu Vers 6!)
http://theopoint.de/html/geist_und_bibel.html
http://www.bible-only.org/german/handbuch/Spirituelle_Interpretation.html
http://www.stereo-denken.de/joachim.htm
http://www.fbgg.de/perspektiven/06-00/0600-1.htm
http://www.come2god.de/koeberlelebenimgeist.htm
Das Thema „Geist“ als eines der zentralen Themen europäischen Denkens kann nicht erschöpfend behandelt werden. [Der Autorin Wolf mag es um ein Leben aus dem Geist des Sozialismus statt aus dem Buchstaben der SED gegangen sein.]

Dem Lehrer sei das Buch „Moderne Literatur in Grundbegriffen“, hrsg. von Dieter Borchmeyer und Viktor Zmegac, 2., neu bearbeitete Auflage 1994, empfohlen: „Frauenliteratur, Innerer Monolog, Intertextualität, Metatextualität, Moderne/Modernität, Mythos, Neue Subjektivität, Realismus, Roman, Utopie/Antiutopie“ sind relevante Stichwörter.

30. Nov. 007

Ich möchte noch auf Angelika Schmidts Rezension des Buches hier in diesem Blog nebst dem begleitenden Briefwechsel hinweisen.

Nach menschlichem Ermessen erscheint im Frühjahr 2008 ein von mir verfasstes Lehrerheft mit der Ausarbeitung dieser Ideen in Aufgaben und Lösungserwartungen sowie mit Materialien (im Verlag Krapp & Gutknecht, Rot an der Rot). Deshalb behalte ich mir alle Rechte der wirtschaftlichen Nutzung dieses Beitrags über Wolfs „Kassandra“ vor.
Inzwischen bin ich „natürlich“ in meiner Arbeit für das Lehrerheft ein Stück über den Stand meiner Einsichten vom 30. November hinausgekommen – aber dazu sage ich jetzt nichts; sonst bestünde ja kein Anlass mehr, sich das Lehrerheft anzuschauen.
30. Dezember 007

Idee: produktiv zu Bildern schreiben
Kassandra
http://www.museumonline.at/2003/servus_latein/antike/bilder/museum_13.jpg (Portrait)* http://www.bc.edu/bc_org/avp/cas/ashp/NEWhp252/portnov/Kassandra1234.jpg (Kassandras Vergewaltigung; Quelle dafür: http://www.bc.edu/bc_org/avp/cas/ashp/NEWhp252/portnov/cassandrat.html) http://pl.wikipedia.org/wiki/Grafika:Aias_Kassandra_Louvre_G458.jpg (Vergewaltigung, wobei sie die Statue der Athene umfasst) http://www.hellenica.de/Griechenland/Mythos/Kassandra.html (mit Flucht des Aineias)http://www.mlahanas.de/Greeks/Mythology/Cassandra.html (viele Kassandras!)
Achilleus http://www.hellenica.de/griechenland/Biographie/Exekias.html (dort: Ajax und Achilleus beim Brettspiel)* http://www.mlahanas.de/Greeks/Mythology/Achilles.html (viel Achill, u.a. im Film)
http://users.bigpond.net.au/bstone/achilles.htm (viel Achill, Patroklos) http://www.marvunapp.com/Appendix/achilles.htm (im Comic) Anchises, Aineias http://www.mlahanas.de/Greeks/Mythology/Aeneas.html http://chss2.montclair.edu/classics/aeneidetc.htm

Es gibt in diesem Blog noch weitere Analysen und Interpretationen zu Wolf: Kassandra; man findet sie, wenn man am rechten Rand die Kategorien sieht und dort „Romane“ anklickt oder bei den Schlagwörtern „Wolf“:
– ketzerische Randbemerkungen
– Rezension 2007
– Interpretation der Formel „Zeugin bleiben“
– Kassandras Situation
– Eros (im Motto)
– Materialien zur Interpretation
– die Erzählsituation
(überstrapazierte Ich-Erzähler)
Abendlicht/Sonnenuntergang: Motiv und Metapher
– Priesterin oder Seherin
Seitenzählung der Ausgaben SZ-Edition und Luchterhand (2004)

Nachtrag: 
Herlinde Koelbl hat 1998 das Buch „Im Schreiben zu Haus. Wie Schriftsteller zu Werke gehen“ mit Fotos vieler bedeutender Schriftsteller (auch ihrer Arbeitsgeräte und -räume) und Gesprächen mit ihnen veröffentlicht (Verlag Knesebeck). Das Buch ist lesens- und sehenswert; den Beitrag über Christa Wolf findet man S. 238 ff.

Subjektive Authentizität – zu Christa Wolf

In einem e-Buch Ulli W.s habe ich eine Passage gefunden, die auch ein vertieftes Verständnis dessen erlaubt, was Christa Wolf „subjektive Authentizität“ nennt:

Einige der Autoren im Frankreich des 18. Jahrhunderts betreiben ihre Textproduktion als Steckenpferd von einer wohlsituierten bürgerlichen Existenz aus, andere wie Rousseau, Diderot oder Voltaire sind mehr oder weniger auf den literarischen Erfolg angewiesen, sei es, um unmittelbar von den Einkünften oder mittelbar von ihrem Ruhm zu zehren, wie es später Goethe mit seinem ‚Werther‘ gelingen wird. Alle diese Leute gehören zur neuen Profession der Literaten, Schriftsteller, von ihrer Wichtigkeit überzeugt und davon, daß die Menschheit ihnen dafür ein Auskommen schulde.

Auffällig ist die Neigung zur Schriftgläubigkeit, Textgläubigkeit, die seit dem Humanismus und der Reformation immer weiter zugenommen hat. Inzwischen gibt es dank Leihbüchereien und zunehmender Alphabetisierung ungebildet bleibender breiter Schichten ein größeres Lesepublikum, das weder im bisherigen Sinne Kunst noch Gelehrsamkeit, sondern Zeitvertreib, Unterhaltung, virtuelle Alternativen zur bürgerlichen Enge und gelegentlich Anteilnahme an der modernen Ideologieproduktion möchte.

Bei Jean-Jacques Rousseau geht das alles so weit, daß er irgendwann anfängt, das Eigentliche seines Lebens als dessen Text zu verstehen, nachdem er als Kind und Jugendlicher sein Leben mit den Texten der Romane seiner Mutter und denen, die er von der Bücherverleiherin Tribu bezieht, ausgefüllt hat. Dieses Eigentliche wird immer massiver an die Stelle eines wirklichen, selbst gelebten Lebens treten. In seinen letzten 16 Jahren wird er immer wieder aufs neue und fast nur noch sein eigenes Leben aufschreiben. In einem lichten Moment wird er dann bekennen, daß rundweg alle seine Texte nur von ihm selbst handeln, Konfessionen, Ausdruck “seiner Natur” sind, was heißt, wenig mit einem von ihm getrennten Gegenstand befaßt sind. Auch damit wird er Vorbild für Schiller und Goethe wie für Shelley, Byron und viele andere. Die abendländische Kultur wendet sich von der Auseinandersetzung mit Gegenständen ab und dem Abarbeiten an Vorstellungen zu; sie wird in einem allgemeinen Sinn “idealistisch” und in einem konkreten “programmatisch”. Bildung wird zur Hinwendung zu einer intertextuellen res publica, deren Gegenstände sich als das “Ich”, “der Mensch”, “die Natur”, das Leben als solches und die Welt im Großen und im Ganzen formulieren lassen. Solche Texte hören auf, das konkrete Leben in der wirklichen Welt zu begleiten, sie fangen an, es zu ersetzen. Das Autorentum wird zum Beruf und zur Lebensaufgabe, die Köpfe rauchen und der Hände Arbeit wird wie nebenbei von anderen erledigt. Bürgerliche Damen, der Untätigkeit hingegeben, werden zu Leseratten, Disku-Tanten und eröffnen Salons für die (Salon)Löwen der Texte, mögen sie nun im Bett der Damen oder vorwiegend als Bettvorleger wie Rousseau landen. Dieser versucht sich zunächst schüchtern und mit zwiespältigen Gefühlen in dieser Welt zu etablieren, mit in den Text verlagerten Allmachtsphantasien und zugleich mit diffusen Ängsten im persönlichen Umgang, die schlußendlich in der Feindschaft mit allen und jedem enden: dem Wahn, überall verfolgt zu werden.

(Ulli Wohlenberg in seinem Buch über Rousseau: http://ulliwohlenberg.tripod.com/senseandsensibility/id13.html, dort aus dem Abschnitt „Les Mots“)

Wolf: Kassandra – „Zeugin bleiben“

Kassandra als Zeugin (zur Interpretation des Kerns von 26/14 [26/3]- 28/28, nach der Seiten- und Zeilenzählung der Ausgabe in der SZ-Bibliothek, Bd. 59)

Das Schema des semantischen Feldes um „Zeuge“ wird (nach http://wortschatz.uni leipzig.de) durch den Prozess vor Gericht bestimmt: Der Zeuge wird geladen und sagt aus oder wird vernommen; außerdem gibt es einen Angeklagten. Im wiktionary steht als Bedeutung für „Zeuge“: „eine (männliche) Person, die etwas bestimmtes gesehen oder auf andere Art wahrgenommen hat und dies auch bestätigen kann/könnte“. Als Minimum des Zeuge-Seins (oder Zeugin-Seins) ergibt sich also:
– Jemand ist Zeuge;
– er hat etwas wahrgenommen;
– er wird darüber befragt;
– er legt sein Zeugnis ab.
Das muss man geklärt haben, damit man eine der zentralen Aussagen Kassandras einschätzen kann: „Ich will Zeugin bleiben, auch wenn es keinen einzigen Menschen mehr geben wird, der mir mein Zeugnis abverlangt.“ (27/4-6) Diese Aussage wird durch einen langen Nebensatz eingeleitet, in dem die Zeit seit der Ankunft der Schiffe als eine Zeit, in der Kassandras Herz fester und ihr Vorsatz fertig wird, zusammengefasst wird (ab 26/14). Im Folgenden reflektiert sie diesen Vorsatz gegen ihre eigene Angst und begründet den Vorsatz darin, dass sie die Sehergabe empfangen hat (28/15), auch wenn sie dort den Zusammenhang mit dem Zweifel an ihrem Vorsatz aus dem Auge verliert und kein Ergebnis ihrer Reflexion bietet. Es soll zunächst nur um den zitierten Satz gehen.

Es fällt auf, dass sie von den vier Bestimmungen des Zeuge-Seins zwei erfüllt und zwei nicht erfüllt: Jemand ist Zeuge: Kassandra; sie legt Zeugnis ab: Das will sie tun; sie hat etwas wahrgenommen: Davon ist nicht die Rede; sie wird darüber befragt: Sie will Zeugin bleiben, auch wenn sie nicht gefragt wird. Die erste Lücke, dass vom Gegenstand des Zeugnisses nicht die Rede, ist an sich unverzeihlich; man könnte sie damit beseitigen, dass man sie etwa mit der Formel „Kassandras Botschaft“ selbst füllt, womit man vor der Aufgabe stände, Kassandras Botschaft zu benennen; man könnte nach der Lektüre des Buches vermuten, sie wolle die Verderblichkeit des Krieges anprangern – aber wenn es um ihren Bruder Troilos geht, ist sie bis zum Lebensende von tiefstem Hass und Vernichtungswillen gegen Achill erfüllt (35/29 ff.). Ihr Zeugnis: eine große Leerstelle – sie zu füllen eine Aufgabe für den Leser; vor die Wahl gestellt, ob sie zur Rettung ihrer Botschaft gegen die Heldenlieder der Griechen Klytaimnestra um Schonung bitten sollte (92/13 ff.), verwirft sie diese Möglichkeit.
Die zweite Lücke ist noch bedenklicher; Zeuge bleiben, auch wenn niemand nach einem Zeugnis fragt, das ist in sich unmöglich. Vielleicht kommt man in dieser Lage jedoch weiter, wenn man einen absoluten Gebrauch von „Zeuge sein“ oder „Zeuge bleiben“ in Erwägung zieht.
Den Hinweis dafür gibt das Lehnwort „Märtyrer“, das nach dem griechischen Wort „martys“ [Zeuge] gebildet ist und nicht nur den christlichen Märtyrer bezeichnet, sondern jemanden, „der sich für seinen Glauben, für seine Idee opfert“ (Wahrig: Deutsches Wörterbuch). Der Märtyrer weiß selber, was sein Glaube ist, und die ihn töten, wissen es auch. Diese Lesart des Zeuge-Bleibens wird durch die folgenden Reflexionen zunächst gestützt; sie hat vor dem Beil des Henkers Angst, ihr Tod steht bevor – das ist eine richtige Märtyrersituation (26/3 ff.; 27/12 ff.); auch die vorhin zitierte Todesbereitschaft (92/13 ff.; vgl. auch 137/19 f.) spricht für dieses Verständnis des Zeugin-Bleibens.
Dieses Verständnis wird in den gängigen Wörterbüchern nur von Wikipedia unterstützt: Im Wörterbuch steht als vierte Bedeutung (im wiktionary-Wb unter „Zeugnis“: vier Bedeutungen, davon die letzte): „in der Religion (emphatisch): Bericht einer persönlichen Gotteserfahrung (Zeugnis ablegen bzw. Zeugnis geben)“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Zeugnis); das wird dann im Artikel „Zeugnis (Religion)“ so ausgeführt: „Im Zentrum des christlichen Bekehrungszeugnisses steht die Abkehr eines Menschen von seiner bisherigen Weltanschauung und seiner Hinkehr zu Jesus Christus. Ausgangspunkt solcher Bekehrungen sind sowohl besondere transzendente Erlebnisse als auch Lebenskrisen, die einen Perspektivwechsel zur Folge haben.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Zeugnis_%28Religion%29) Ein Beleg für dieses Verständnis ist das Wort des auferstandenen Christus an seine Jünger: „Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen (…) und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde.“ (Apg 1,8)

Wenn man genauer liest, tauchen jedoch mehrere Fragen zu dem zitierten Satz auf: 1. Kassandra wird von Klytämnestra nicht als Zeugin einer größeren Sache hingerichtet, sondern als Geliebte Agamemnons; als solche hat sie nichts zu bezeugen. 2. Sie reflektiert den Vorsatz als Ausdruck ihres Bewusstseins, dass sie nämlich „gespalten in mir selbst, mir selber zuseh, mich sitzen seh auf diesem verfluchten Griechenwagen…“ (27/12 ff.); das ist ein Problem ihres Lebensideals, aber nicht des von ihr vertretenen Glaubens – es ist das Problem der Reflexion überhaupt, welches sie hier als Belastung empfindet. 3. Sie fragt in vielen Ellipsen (27/14 ff.), ob sie [wegen der Ellipsen jedoch nicht ganz klar] nicht vom spaltenden Bewusstsein frei wird und vor Angst brüllen wird, ehe sie noch einmal neu ansetzt: „Warum will ich mir diesen Rückfall in die Kreatur bloß nicht gestatten.“ [Hier wie oft steht nur ein Punkt statt eines Fragezeichens im Text.] Nachdem sie sich selbst als letzte Instanz, die über sie urteilt, erkannt und auch anerkannt hat (27/26-28), kommt sie über manche Umwege zur Erkenntnis, dass ihr „die Sehergabe“ (28/25) als der Archimedische Punkt ihrer Existenz vorgegeben ist. Wegen der vielen Ellipsen und der unklaren demonstrativen Anschlüsse (zum Beispiel: „Wär auch das vorgegeben.“ 27/29) sind meine Überlegungen aber nur als wahrscheinlich richtig zu bezeichnen.
Diese Lesart wird jedoch untermauert, wenn man die vorgehende Passage (26/3-14) hinzunimmt: Sie geht aus von der Todesangst, stellt sich Fragen und bekundet dann den Vorsatz: „Ich will die Bewußtheit nicht verlieren, bis zuletzt.“ Bewusstheit ist ohne Reflexion nicht zu haben; sie will also bewusst Zeugin, Märtyrin sein, auch wenn sie ihre große Angst vorhersieht. Sie steht also in einer Heldenpose vor sich selber, hat den Bezug zu denen, vor denen sie Zeugnis ablegen kann, und auch vor der Sache, für die sie einsteht, zurückgestellt und steht zu ihrem Lebensvollzug als Seherin-Zeugin, die sich von konkreten Bestimmungen des Zeugnisgebens gelöst hat.
Als sie „die Schmerzprobe“ (8/13) macht, will sie prüfen, ob der Schmerz stirbt, ehe wir sterben (übrigens eine seltsame Vermutung): „Das, wär es so, müßte man weitersagen, doch wem?“ (8/17 f.) Hier haben wir die gleiche Denkfigur wie in dem von uns zuvor untersuchten Zitat. Dagegen steht freilich ihre Äußerung, die sie nach der Erinnerung an Myrines Tod macht: „Ich will nicht mehr sprechen. (…) Wer wird, und wann, die Sprache wiederfinden.“ (10/17 ff.) Mit dem ersten Satz widerspricht sie ihrem Wunsch, Zeugin zu bleiben; mit dem zweiten beklagt sie eine Sprachnot, die sie im Folgenden erklärt (aus der Grässlichkeit des Siegens) und die man nicht nur auf Kassandras Situation, sondern als Leser auch auf die eigene Situation der atomaren Bedrohung beziehen soll – dort wird die Schädelspaltung, andernorts als Problem des Bewusstseins beklagt (S. 27, s.o.), als Resultat der politischen Situation und als Bedingung des Sprechens eingefordert.
Die Lage Kassandras, was ihren Wille zum Zeugnis, ihre innere Spaltung und ihren Wunsch zu sprechen angeht, ist also ziemlich verworren; das kann sie sich erlauben, weil sie elliptisch spricht, von einem Thema zur nächsten Assoziation springt und keinen Gedankengang entwickelt, diese Aufgabe vielmehr dem Leser Christa Wolfs überlässt.

Eine andere Möglichkeit, Kassandras Beharren auf ihrem Zeugnis zu verstehen, ergibt sich, wenn man ihr Bewusstsein der Todesnähe stärker gewichtet (von 26/3 aus: 7/27 ff.; 41/16-18; 74/36 f.; 110/12 f.) und wahrnimmt, dass sich ihr Blick auch auf sich selbst richtet und klärt (ferner 11/10 ff. mit 59/20 ff. und der Situation, dass sie über sich urteilt, 27/26 ff.). Ihre Bemerkung, dass Selbstanklage nicht genüge und dass die Ursachen ihrer Blindheit aufgedeckt werden müssten (87/14 ff.), lässt an „Bekenntnisse“ denken. – Dann kann man Kassandras Selbstgespräch vom Topos der Selbsterkenntnis „auf dem Sterbebett“ aus verstehen und ihr Zeugnis in die Gattung der Bekenntnis-Literatur einordnen. Bei dieser Deutung verwiese Kassandra auch auf die Autorin Christa Wolf, die ihre Lebensfragen in ihren Büchern ab- oder aufarbeitet.

Es gibt zwei weitere Stellen, die ich mit dem Satz vom Zeugin-Bleiben zusammen lesen möchte. Die erste ist die knappe Schilderung vom utopischen Leben in den Höhlen, welches sie nach der Entlassung aus der Haft führt (S. 148 f.), ein Leben voller Heiterkeit, wenn auch kurz vor dem Abgrund. Man spricht dort über „unsre Träume“ (148/27) und deutet sie. „Oft aber, eigentlich am meisten, redeten wir über die, die nach uns kämen. Wie sie wären. Ob sie uns noch kennten. Ob sie, was wir versäumt, nachholen würden, was wir falsch gemacht, verbessern. Wir zerbrachen uns die Köpfe, wie wir ihnen eine Botschaft hinterlassen könnten, doch wir warn der Schrift nicht mächtig.“ (148/28 ff.) Logisch wäre es, wenn man ein Defizit erkennt, dieses zu beheben: schreiben lernen. Doch man feiert lieber ein Berührungsfest und befasst sich angesichts der begrenzten Zeit nicht mit Nebensachen. „Also gingen wir, spielerisch, als wär uns alle Zeit der Welt gegeben, auf die Hauptsache zu, auf uns. Zwei Sommer und zwei Winter.“ (149/6 ff.) Hier wird deutlich, dass der Gedanke an die Nachkommenden zwar vorhanden ist, aber doch nicht ernsthaft gedacht wird, da sie eben nicht „die Hauptsache“ sind.
Auch der Bericht Kassandras vom letzten Gespräch mit Aineias zeigt sie als eine Frau, der die Nachkommen letztlich gleichgültig sind, wenn sie selber nur an ihren Prinzipien festhalten kann: keinen Helden lieben (154/7 ff.). Lieber geht sie in den Tod, als des Aineias „Verwandlung in ein Standbild“ (154/33) zu erleben; hier sehen wir die gleiche Sehnsucht nach dem Martyrium, die den Fragestellungen des realen Lebens ausweicht. Sie ist die Heldin bzw. der Held, als den sie Aineias nicht lieben kann. Panthoos hat ihr vorgeworfen, sie hole sich ihre Dauer „aus unserm Untergang“ (14/10 f.); ich werde den Verdacht nicht los, sie hole sich ihre Dauer zumindest aus ihrem eigenen Untergang.

Auch theoretisch bleibt der Widerspruch im Zeugin-Bleiben ungelöst, da Kassandra einmal zustimmend die Sentenz der Übermutter Arisbe zitiert: „Es gibt Zeitenlöcher.“ (139/21 f.) Dann kann es aber den von Kassandra behaupteten Zusammenhang von finsterer Gegenwart und einem schmalen Streifen hellerer Zukunft (150/28 ff.) nicht geben, und des Anchises Diktum vom Träumen mit beiden Beinen auf der Erde (151/7 f.) bleibt nur eine Formel aus dem Lehrbuch der Utopie.
Auf der Ebene der Figur Kassandra kann man diese Probleme nicht eindeutig lösen; man muss auch die Ebene der Autorin Wolf und ihres Endzeitbewusstseins, das sie angesichts der atomaren Bedrohung mit vielen Zeitgenossen teilte, heranziehen, um diese Widersprüche als Widersprüche eines Lebensgefühls von Menschen zu begreifen, die einerseits den beinahe sicheren Untergang vor Augen haben, aber trotzdem feiern und weiterleben – die Nachkommen treten aus dem Blickfeld, wenn man selber auch im Untergang noch Haltung zeigen will: Schädelspaltung. Bei Brecht setzen sich solche Probleme um in eine Dialektik des Heldenideals (Leben des Galilei, Bild 13/14), bei Wolf in die Aufspaltung Kassandra/Aineias.
Diese Ambivalenz ist in der Datierung entscheidender Ereignisse in die Stunde vor Sonnenuntergang gespiegelt (S. 8, 110, 150, 154), und man kann wie Kassandra mit Aineias darüber streiten, was die Klarheit besagt, in der die Dinge sich im Abendlicht zeigen – auf jeden Fall ist diese Datierung nicht nur Legitimation der Ambivalenzen, sondern auch der Wahrheit von Kassandras Sicht: Jeder Gegenstand zeigt dann „die Farbe, die ihm eigen ist“ (150/10). Wer könnte ihr da noch widersprechen?

Vgl. zum Licht bei Sonnenuntergang diesen kleinen Aufsatz!
Dass hier auch untersucht worden ist, wie Kassandra spricht, auch wenn dies nicht mit einem Stichwort benennt wird, sollte jede(r) bemerkt haben.

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Ein anderes Fazit:
Der innere Zweck ihrer Erinnerungen ist es, Zeugnis zu geben (27/4 ff.):
1. Sie denkt an die Möglichkeit, die Geschichte Trojas anders als die Griechen zu erzählen: „Anchises meinte einmal, wichtiger als die Erfindung des verdammten Eisens hätte die Gabe der Einfühlung für sie [die Griechen, als die, welche in scharfen Unterscheidungen denken, N.T.] sein können. Daß sie die eisernen Begriffe Gut und Böse nicht nur auf sich bezögen. Sondern zum Beispiel auch auf uns. / Nichts davon werden ihre Sänger überliefern. / Und wenn sie – oder wir es überlieferten? Was folgte daraus?“ (120/20 ff., vgl. 153/14 f.; dafür wäre eine weibliche Traditionsform nötig, 92/15 ff.)
2. Bereits als sie zum ersten Mal den Namen „Achill“ denkt, bekennt sie, dass sie diesen Namen (des Helden der „Ilias“) vertilgen möchte (12/18 ff.). Dass der Ruhm seines Namens nicht gesungen würde, ist ihr innerster Wunsch (90/12 ff.).
3. Auch was die trojanischen Schreiber festhalten, ist nicht der Rede wert (88/27 ff.); es ist ein Schreiben im Dienst der Herrschenden. Sie hat jedoch mit den anderen Frauen die Möglichkeit erwogen, wie man den kommenden Generationen von den Erfahrungen des gelingenden Höhlenlebens berichten könnte (148/28 ff.).

Wolf: Kassandra – Kassandras Situation

Wie das Bild von Kassandras Situation aufgebaut wird (untersucht bis 17/26)

Die von Christa Wolf verwendete Erzähltechnik macht es dem Leser schwer, Zusammenhänge zwischen Figuren und Ereignissen zu erkennen. Im Gespräch mit Jacqueline Grenz sagte Christa Wolf im Herbst 1983, man müsse nicht wie Homer erzählen, „mit einem Anfang, mit einem Höhepunkt, mit einem Schluß, mit den entsprechenden Peripetien, den Schicksalsentwicklungen und neuerdings auch mit der entsprechenden Psychologie“ (Werke 8, 2000, S. 348 f.); sie dagegen habe ihre Erzählung „nicht als eine geschlossene Geschichte, sondern als ein Muster, als ein Gewebe“ gesehen und deshalb auf das lineare Erzählen verzichtet (S. 349).

Zuerst spricht ein Erzähler hier über „sie“ (bis 5/18). – Das sprechende Ich Kassandra ist (im 3000 Jahre vergangenen Jetzt) seiner inne, nimmt die Umgebung wahr und kann im Geist sowohl sich andere Situationen vorstellen als auch situationsunabhängig denken.
Wenn man untersucht, wie die Situation Kassandras aufgebaut wird, kann man ein vereinfachtes Schema mit drei Aspekten anzulegen. (Ich habe die Passage mit 17/26 abgegrenzt; man könnte auch bei 13/17 oder 15/31 einen Einschnitt machen, ohne dass das Ergebnis wesentlich anders ausfiele.)
1. Einmal ist da die gegenwärtig erlebte Situation (ich/hier/jetzt), in der auch andere Figuren da sein können [diese Situation „wandert“ in der Zeit]:
„Hier ende ich…“ (5/20)
Fremdes Volk umsteht den Wagen (6/19 f.).
„Marpessa schweigt…“ (6/23 f.)
…….
…….
……. usw.
2. Daneben gibt es andere Situationen, die erinnert oder vorweggenommen werden; diese können hier oder anderswo sein, mit den Figuren ich und/oder andere:
„Mit der Erzählung geh ich…“ (5/19)
„Doch neulich nachts…“ (5/28 ff.)
„Warum wollte ich…“ (6/16 ff.)
…….
…….
……. usw.
3. Daneben gibt es situationsunabhängige Aussagen [und Fragen; primär im Präsens für Gültiges; im Perfekt solches, das sich aus Vergangenem ergeben hat und jetzt besteht]:
„nichts (…) hätte mich an ein andres Ziel geführt“ (5/20-22)
„Gescheitert ist das Wagnis…“ (5/25-27)
„Merkwürdig…“ (6/12-15)
„Etwas in mir entspricht…“ (6/27 ff. – oder erst ab „Noch alles“?)
…….
…….
……. usw.
In diesem Schema kann man festhalten, was man zur Konstitution der Situation Kassandras findet.

Auswertung:
Zuerst stellt der Erzähler Kassandra im Rückblick indirekt vor: „Da stand sie.“ (5/10) Und er deutet an, dass sie dem Tod entgegenging und allein war (5/18). Daran schließt sich die erste Äußerung Kassandras unmittelbar an, dass „ich in den Tod“ gehe (5/19), wobei der Hinweis auf die Erzählung unklar ist. Es ist ein sprechendes Ich aufgetaucht; später charakterisiert Kassandra ihr Sprechen einmal als Selbstgespräch (107/15 f.)
Durch den Erzähler ist das Hier bereits als der Ort bei den steinernen Löwen vor dem Tor bestimmt (5/10 ff.); Kassandra spricht unbestimmt von ihrem Hier (5/20), bei dem auch die Bestimmung „jetzt“ mit anklingen mag (so eindeutig 6/31). Sie ist in Mykene (6/25). Sie befindet sich auf einem Wagen, den fremdes Volk umsteht (6/19 f.); sie nimmt wahr, dass Marpessa schweigt (6/23); sie sieht den Himmel (6/25), sie sieht, dass die Sonne den Mittag überschritten hat (7/35); sie hört, was „die Weiber“ sagen (8/5); sie nimmt wahr, was die Leute tun (13/25 ff.) und dass die Frauen sich wieder nähern (13/33 ff.); sie sieht Marpessa lächeln (15/20).
Zuvor hat sie ihre Situation bedacht: „Hier ende ich…“ (5/20), in den Tod gehend (5/19); sie blickt bilanzierend auf ihr Leben zurück: „Gescheitert ist das Wagnis“, Wärme in die Welt zu bringen (5/25 ff.), in dem sie mit den anderen Menschen („uns Irdische“, 5/25; „wir“, 5/27) verbunden ist (Präsens: versuchen). In einer ersten Erinnerung („neulich nachts, auf der Überfahrt“, 5/28 ff.) führt sie eine kleine Gruppe von Menschen als ihre damalige Gemeinschaft ein: Marpessa, ihre Kinder, andere Verschleppte, Agamemnon. Außerdem gibt es die Königin (7/33), die zu Agamemnon gehört (10/21 f.; 13/14 f.) und die ihn wohl ermorden wird (13/16 f.).
Kassandra stellt sich als „ich, die Seherin“ (6/9; 13/20) vor und erklärt damit, warum sie trotz ihrer Enttäuschung am Leben hängt; sie setzt ihre Lebensbilanz fort: Sie hat ihre Waffen abgelegt (6/14 ff.), sie wollte mit ihrer Stimme sprechen (6/17); sie ist hinter das Geheimnis ihres Lebens gekommen (6/28 ff.), dass sie zu keinem ganz gehört hat. In einer Randbemerkung sagt sie, dass sie ihre Kinder nicht mehr sehen will (6/23).
Mit dem Satz „Ich mache die Schmerzprobe.“ (8/13) wendet sie sich ihrem augenblicklich präsenten Ich zu; sie prüft, ob sie noch Schmerz empfinden kann. Vermutlich bejaht sie diese Frage: „Endlich nach so langer Zeit wieder mein Körper. Wieder der heiße Stich…“ (9/17 ff.); da in diesem Satz aber Prädikat und Datierung fehlen, ist der Bezug zur vorhergehenden Erinnerung an die von ihr geliebte Myrine nicht eindeutig – ich lese die Äußerung als Ergebnis ihrer Schmerzprobe. Dann stellt sie fest, dass im Augenblick („jetzt“, 9/34) der Schrecken wieder auf sie zukommt.
Dass sie nicht mehr sprechen will (10/17) und dass sie jetzt ihre Fähigkeit, „meine Gefühle durch Denken besiegen“, brauchen kann (10/34 f.), gilt einem breiteren Jetzt, nicht dem Augenblick, sondern ihrer Situation vor dem Tod; das Gleiche gilt vom nächsten „jetzt“ (11/10), wo ihre Neugier ganz frei ist – das ergibt sich eindeutig aus der Form des Präteritums im folgenden Satz (erkannte, 11/11). Ihre Mutter fällt ihr ein (12/26).
Sie denkt aber auch über ihre eigene Situation hinaus: Sie bedenkt das Verhältnis von Klytemnestra und Agamemnon (12/9 ff.) und die Unfähigkeit der Menschen („sie“) zu leben; diese Einsicht wird in die Geschichte ihres eigenen Verstehens eingebunden (13/18 ff.). Auch in der Zeit geht sie über den Augenblick hinaus, indem sie sich erinnert: Vorhin hat Marpessa ihr einen Dolch angeboten (7/31 ff.), vorhin hat die Königin etwas gesagt (12/14), hat Agamemnon den roten Teppich betreten (10/21 f.); sie erinnert sich an die Fahrt mit dem Wagen (13/12 ff.; 11/1) zur Burg, sie erinnert sich an die Ereignisse jener Sturmnacht auf dem Schiff (5/28 ff.; 11/25 ff.; 13/1 ff.); sie erinnert sich an Ereignisse in Troja, an ihr letztes Gespräch mit Myrine (8/7 ff.) und Auseinandersetzungen mit Panthoos (14/6 ff.). Sie erinnert sich an was, was die gefangenen Griechen von Mykene erzählt haben (16/8 ff.), sowie an ihren Vater (16/27 ff.). Teilweise fallen ihr diese Erinnerungen einfach ein, meistens sind sie aber durch ihre eigenen Gedanken oder durch Wahrnehmungen veranlasst.
Kassandra führt auch ein Gespräch mit Marpessa, welches aber nicht ausdrücklich datiert wird (15/22 ff.). Ich lese diese Stelle so, dass das Gespräch „jetzt“ geführt wird. Vom Gespräch aus blickt Kassandra dann in die Geschichte ihrer Bekanntschaft mit Marpessa zurück (15/32 ff.). Am Schluss der hier untersuchten Passage schaut sie auch in die Zukunft und beklagt, dass diese so begrenzt ist: „Ich werde heute noch erschlagen.“ (17/25 f.)

In diesem Anfang hat Kassandra sich, ihre Umgebung und wichtige Gefährten ihres Lebens vorgestellt; sie gibt sich Rechenschaft von ihrem Leben. Sie hat als Seherin eine Entwicklung durchlaufen und sich bis zum Ende hin verändert. Sie beklagt die Kälte der Welt (5/22 ff.) und die Unfähigkeit der Menschen zu leben (13/18 ff.); der Krieg hat das Geschick der Menschen bestimmt und sie als Gefangene nach Mykene kommen lassen, wo sie sterben wird.

(Seiten- und Zeilenzählung nach der Ausgabe der SZ-Edition 2007)

Wolf: Kassandra – Eros (Motto)

„Schon wieder schüttelt mich der gliederlösende Eros,
bittersüß, unbezähmbar, ein dunkles Tier.“
(Sappho)
Das Motto: zwei Verse der Sappho. Diese war eine griechische Dichterin (um 600 v. C.), sie lebte in Mytilene auf Lesbos, wo sie im Kult der Aphrodite und im Dienst der Musen junge Mädchen aus vornehmen Kreisen um sich sammelte. Sie war die bedeutendste Lyrikerin der Antike; in ihrer Dichtung spiegelt sich persönliches Erleben, sagt das Lexikon (Meyers Großes Taschenlexikon).

Wer oder was ist Eros den Griechen? „Eros ist eine goldengeflügelte Liebesgottheit im Sinne von Verlangen oder Begehren, d.h. als zur Vereinigung bewegendes Prinzip, nicht so sehr als ihr unmittelbarer Genuss oder Erfüllung, die eher Aphrodite vorbehalten bleibt.“ (Thomas Buchheim: Art. „Eros“, in: Wörterbuch der antiken Philosophie. Hrsg. von Christoph Horn und Christoph Rapp, München 2002, S. 153).
Im www gibt es eine große Einführung in das Werk der Sappho („Sappho: eine Einführung“, 15. April 2002, ohne Angabe des Autors), der ich folgende Passage als Kommentar zum Motto entnehme:
„Der Mann (oder: der Mensch) scheint mir den Göttern
ebenbürtig (gewachsen) zu sein, der dir gegenüber
sitzt und aus der Nähe dich hört, wie du süß redest
wie du liebreizend lachst – ja, das hat mir
mein Herz in der Brust verstört!
Denn sehe ich nur kurz auf dich, kann ich nichts mehr reden,
sondern stumm ist mir die Zunge erlahmt, ein feines
Feuer ist alsbald mir unter die Haut gefahren,
mit den Augen sehe ich nichts mehr, es dröhnen die Ohren,
Schweiß ergießt sich über mich, und Zittern
ergreift mich ganz, ich bin gelber
als Gras, und fast meine ich, dass ich sterbe …

Dies ist, wie man im Altertum richtig verstanden hat, nichts anderes als die Beschreibung der erotikai maniai, des Liebeswahnsinns, und zwar in dem Sinne, dass die Liebe dem Menschen Sinne und Besinnung raubt: Beim nahen Anblick der Geliebten versagt die Sprache, versagen dann auch Gesicht und Gehör; unter Hitzewallung und kaltem Schweiß gerät der Liebende in die Nähe des Todes, genauer gesagt, einer Ohnmacht. (Sowohl Sappho an anderer Stelle als auch die ältere griechische Dichtung sprechen in diesem Sinn vom Eros lysimeles, dem „gliederlösenden Eros“, womit nicht irgend etwas wohlig Entspanntes gemeint ist, sondern eben dies, dass der Mensch unter Wirkung des Liebesverlangens die körperliche Kraft verliert, dass ihm hier, wie schon Homer sagt, die „Knie weich werden“.) Darum erklärt Sappho denjenigen, der es fertigbringt, in der Nähe ihrer Geliebten zu sein, deren Lächeln und süßes Plaudern zu hören, für göttergleich – nicht weil er göttergleiches Glück genießen würde, sondern weil er offenbar übermenschliche Fähigkeiten besitzen muss: Sappho jedenfalls, sagt sie, ist dazu nicht in der Lage, sie hält diesen Anblick nicht aus (so wenig wie sie den Anblick einer Gottheit aushalten würde). Und da sie die Geliebte in diesem Gedicht anredet, mit ihr spricht, dürfte das letztlich wohl als Liebeswerbung gemeint sein – aber das ist nicht sicher, weil uns ja der Schluss fehlt.“
(http://www.klassphil.uni-muenchen.de/~stroh/Sappho.htm)
Dass dieser Eros unbezähmbar ist, dass er „mich“ schüttelt, leuchtet ein; bittersüß ist er, weil er zwei Seiten hat – eine, die leiden lässt, und eine, die auf Erfüllung aus ist (vgl. auch Gernot Böhme: Anthropologie in pragmatischer Absicht, Frankfurt/M. 1985, S. 97 ff.).

P.S. Nachträglich finde ich eine Erklärung zum Namen Myrine, der Geliebten Kassandras und Mitstreiterin Penthesileas: Der Historiker Diodorus aus Sizilien berichtete im 1. Jahrhundert v. Chr. von Amazonen, die in Libyen (= Nordafrika) in einer Gynokratie lebten; ihre Königin hieß Myrina. Sie zog mit 30.000 weiblichen Soldaten und 3.000 weiblichen Kavalleristen siegreich durch Europa und Syrien bis zur Ägäis; als die Königin fiel, zertstreute sich ihr Heer. – Die Ehe wurde als eine Form der weiblichen Unterwerfung abgelehnt; um für Nachwuchs zu sorgen, schliefen sie mit zufällig ausgewählten Männern aus den umliegenden Orten. Nur eine Frau, die schon einen Mann im Kampf getötet hatte, durfte mit einem Mann schlafen. (Stieg Larsson: Vergebung. Wilhelm Heyne Verlag, München 2008, S. 447)

Wolf: Kassandra – zur Interpretation

1. Vorstellung des Bandes „Kassandra“ (Bibliothek SZ 59) in der SZ, 16. Juni 2007:

Schrecksekunde einer Frau
Christa Wolf: „Kassandra“
Was war das für ein Buch, was hat es nicht alles bedeutet! Damals, in den achtziger Jahren, den Zeiten des Nato-Doppelbeschlusses, des Kampfes gegen Pershings und Atomkraft, gegen Kapitalismus und Patriarchat. Kassandra, die trojanische Königstochter und Seherin, deren Warnungen keiner Gehör schenkte, war eine Figur ganz nach dem Geschmack der Zeit. Der Ernstfall in Person, wurde sie zu einer Identifikationsgestalt, kämpferisch und stolz, sanft und verletzlich. Auch wem Christa Wolfs Erzählung eigentlich zu pathetisch war, der schätzte sie als Steilvorlage für lautstarke Diskussionen: um Männer und Frauen, Ost und West und die Utopie einer friedlichen Gesellschaft.
In den Studentenzirkeln West-Berlins gehörte „Kassandra“ zu den Büchern, die man haben musste, ganz egal, ob man sie auf legalem Weg erworben hatte oder als billigen Raubdruck. Eigentlich war letzteres sogar besser. Wer das schmale Bändchen spät nachts aus einem Stapel hochbrisanter Texte, der krachend auf dem Kneipentisch gelandet war, herausgezogen hatte, der steigerte sein Lebensgefühl. Wo es um den drohenden Untergang der Welt ging, konnte man unmöglich auch noch Urheberfragen bedenken. Das Unrechtsbewusstsein blieb unter der Wahrnehmungsschwelle, nicht aber das Gefühl, etwas Bedeutsames zu tun.
„Kassandra“ erschien 1983 in der BRD, ein Jahr später auch in der DDR. Dort fand Christa Wolfs dichte Neuinterpretation des griechischen Mythos ein ebenso aufnahmebereites Publikum, das sich aus verständlichen Gründen nicht ganz so selbstgewiss artikulieren konnte. Der Mythos wurde als Maske verstanden, unter der sich die Angst vor einem drohenden Weltkrieg verbergen und doch auch artikulieren konnte. Der hohe Ton erschien manchen als Preis für das Aussprechen einer sonst unaussprechlichen Wahrheit, andere schätzten die Erzählung gerade seinetwegen. Der Stil, beileibe nicht der Inhalt, war der Grund für den großen Erfolg beim bildungsbürgerlichen Publikum. Nicht nur der DDR-Zensur, auch ihm hatte Christa Wolf einiges untergejubelt.
Als Kriegsbeute des Agamemnon sitzt Kassandra vor den Toren von Mykenae auf dem Wagen, der sie hergebracht hat. Ihre Zwillinge sind bei ihr, ebenso die Dienerin. Sie weiß, dass sie gleich von Klytaimnestra getötet werden wird. Es gibt keine Rettung. Aber sie will aufrechten Hauptes in den Tod gehen, klar, mit vollem Bewusstsein. Noch einmal zieht ihr Leben vorbei, ihre Rolle als Lieblingstochter von König Priamos, die Verleihung der Sehergabe und der darauf lastende Fluch, die Liebe zu Aineias, der Hass auf Achill, „das Vieh“, die Erinnerung an Augenblicke des Glücks in der Gemeinschaft von Frauen. Christa Wolf formt aus der Dauer des homerischen Epos die gedehnte Schrecksekunde einer einzigen Frau: Kassandras Schmerzensschrei, spitz und scharf wie die Pfeile der Penthesilea. Sie will das Herz der Männer erreichen, doch tödlich treffen will sie es nicht.
MEIKE FESSMANN

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2. Christa Wolf war von der Idee des Matriarchats (Kreta) ergriffen, als sie die Erzählung schrieb.

Vgl. dazu u.a.: Heide Göttner-Abendroth: Moderne Matriarchatsforschung. Ihre Ergebnisse und ihre Aktualität
http://www.goettner-abendroth.de/de/index.php?page=matriarchat

Martina Schäfer, Die Wolfsfrau im Schafspelz. Autoritäre Strukturen in der Frauenbewegung. Hugendubel Verlag München
http://www.lespress.de/012002/texte012002/schaefer.html

Matriarchat: „(…) Vorherrschaft von Frauen in Familie, Staats- und Gesellschaftsordnung, verbunden mit einem religiösen Symbolsystem einer weiblichen Gottheit. Das M. verhält sich in dieser Perspektive spiegelbildlich zum Patriarchat. In der feministischen M.-Theorie wird unter M. auch eine egalitäre, in Harmonie mit der Natur stehende, gewaltfreie Gesellschaftsordnung verstanden. Die historische Existenz von M.en ist in Archäologie und Ethnologie umstritten.“
(Metzler Lexikon Gender Studies Geschlechterforschung. Hrsg. von Renate Knoll, 2002, S. 259)

Selbst ob es in Catal Höyük, der Musterstadt des „Matriarchats“ (vgl. http://www.gabi-catal.de/grosse_goettin.htm), ein solches gegeben hat, ist fragwürdig:
http://www.spektrum.de/artikel/839656 (Matriarchat bezweifelt!)
http://www.wissenschaft-online.de/artikel/864162 (ebenso)
http://www.archaeologie-online.de/links/2/46/53/483/index.php (mit Links)

P. S.
Der Feminismus ändert seine Richtung.
Das SPIEGEL spezial 1/2008 steht unter dem Titel: Das starke Geschlecht. Was Frauen erfolgreich macht
Dort gibt es den Aufsatz Frauen-Welten: Die Alpha-Mädchen
„Sie sind pragmatischer als ihre Mütter, sie sind ehrgeiziger, zielstrebiger, gebildeter als die Männer. Sie glauben nicht mehr an die Versorgung durch die Ehe, sondern an den Erfolg. Eine junge Frauengeneration macht sich auf den Weg an die Macht – und lässt die Männer hinter sich.“ (S. 18 ff.)
* Mit dem Suchwort Alpha-Mädchen wird man in den Suchmaschinen fündig.

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3. Christa Wolf hat ausdrücklich begründet, warum sie nicht auf traditionelle Weise erzählt (nämlich um in das Innere des Lesers einzudringen). Eine Verteidigung traditionellen Erzählens bietet ein Aufsatz der Germanistin und Psychologien B. Boothe:

Brigitte Boothe: Erzählen als kulturelle Praxis:
Dies ist geschehen; verstehe, wer kann


Die kulturelle Praxis des Erzählens schafft emotionale Verständigung. Das Fühlen und Denken des anderen wird im Erzählen zugänglich und findet soziale Resonanz. Leiden
findet im Erzählen Teilnahme. Aber es gibt Geschichten im Alltag, die sich dem Verstehen verschliessen. Die Erzählung bleibt liegen und wird zum Manifest einer undurchdringlichen Isolation.

[…]
Die narrative Verlockungsprämie
Wenn jemand von sich erzählt, dann schafft er eine Verlockungsprämie für das Gegenüber, er öffnet sich, um Distanz zu vermindern, reizt mit Persönlichem, er einigt beide in der Verheissung und im Schrecken, die er, die Erzählung startend, als Erfüllungs- und Katastrophenhorizont aufscheinen lässt, lustvolle Wachheit entsteht beim Hörer für die Figuren und deren Aktionsfeld und wie der Held, eben die Ich-Figur, dabei herauskommt. Die Erzählung ist ein gemeinsames erregendes Drittes, durch das Nähe und Gemeinschaft entsteht, das aber auch dekonstruiert und transzendiert wird. Erzählen erreicht das Körperliche und überschreitet das Körperliche. Sprache und Ausdruck, Trieb und Moral, Kultur und Wildnis tun sich zusammen.

Kenntlich werden in Geschichten
Von wem man noch nichts weiß, den bittet man darum, von sich zu erzählen. Das Narrativ ist eine Sozialagentur mit hoher Flexibilität (Gergen & Gergen 1988). Doch nicht nur das: Das Narrativ ist ein Agent des Gefühlslebens. Geschichten lenken den Blick auf die Erscheinungen des Lebens, im Blick auf die einzelne Person und im Blick auf das soziale Kollektiv. Sie tun das als szenisches Geschehen, sprachlich verfertigt, und im engagierten Dabeisein und Mit-Konstruieren des Hörers oder Lesers. Das engagierte Dabeisein ist möglich durch narrative Intelligenz: Sie fügt Ereignisse im Horizont der Erfüllung und der Katastrophe zusammen.
Geschichten verwandeln Menschengekrabbel in eine konzentrierte Dynamik, in ein übersichtliches Spiel. Sie sind auf erregende Weise konfliktsensitiv. Sie sind Sprachspiele, die Erfahrungen eine regelbestimmte Form geben und einen Horizont des Sehens und
Schauens eröffnen. Geschichten affizieren uns. Sie verführen durch Spannung. Sie zielen auf Erfüllung und Scheitern. Die Welt ist dem Erzählenden nicht alles, was der Fall ist, sondern die Welt verwandelt sich zum Schauplatz von Glück und Leid. Leben wird zu Fülle oder Kargheit des Daseins. Die grosse Indifferenz der naturalen Bedingungen verschwindet vor einem Blick, der sagt: Dies ist gut und Dies ist nicht gut. Dies ist wünschenswert und Dies ist hassenswert. Dies ist freundlich und Dies ist bedrohlich. Wer erzählt, präsentiert nicht Sachverhalte auf der Ebene der Information; er verweist vielmehr auf Vorgefallenes, um auszudrücken und vorzuführen, in welcher Weise er sich darin verstrickt erlebt. Die biologischen Notwendigkeiten, Ernährung, Stoffwechsel, Fortpflanzung, Exitus werden transfomiert in Kultur und Geschichte, in Angelegenheiten des Sozial- und Gefühlslebens. Sinn ist nicht etwas, das man irgendwie sucht, sondern Sinn erfüllt uns von Anfang an, es kommt nur darauf an, die Geschichten zu sehen, in denen wir leben.

Merkwürdig
Die Kulturpraxis Erzählen lebt von der Merkwürdigkeit. Man erzählt im Alltag, was wert ist, bemerkt und gemerkt zu werden. Viele können das Gleiche merkwürdig finden, andere machen das scheinbar Bedeutungslose erzählend zur Merkwürdigkeit. Im Erzählprozess wird das Merkwürdige im positiven oder negativen Sinn zum Skandalon oder zur Merk- Würdigkeit (Gülich & Quasthoff 1986). Die Schrecken und Freuden des Alltagslebens erhalten narrative Würde und lassen sich merken, weil sie ins Licht einer Ordnung gerückt werden, die den verstehenden Mit- und Nachvollzug eröffnet. Die Merkwürdigkeit erleidet diesem Würdigungsverfahren das Schicksal aller Selektion: „Die Guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen“ oder: Was nicht durchdringt bis zur nachträglichen narrativen Gestaltung, wird runtergeschluckt, das andere wird zur evokativen und expressiven Gestalt im sprach- und bildträchtigen Raum der Kommunikation. Diese nachträglichen evokativen und expressiven Gestalten haben oft noch ihren Ariadnefaden hin in ein Dunkel des psychophysischen Getroffen- und Berührtseins, aber es ist eben nur ein Faden, er verwirrt sich und reisst leicht.
Gestaltung, wird runtergeschluckt, das andere wird zur evokativen und expressiven Gestalt im sprach- und bildträchtigen Raum der Kommunikation. Diese nachträglichen evokativen und expressiven Gestalten haben oft noch ihren Ariadnefaden hin in ein Dunkel des psychophysischen Getroffen- und Berührtseins, aber es ist eben nur ein Faden, er verwirrt sich und reisst leicht.

Sich Finden – Sich Verlieren im Erzählen

Wer von Glück und Unglück erzählt und dies als Skandalon und Merk-Würdigkeit narrativ evoziert, der findet sich wieder in seinen Worten und Bildern, andere verstehen ihn auf der Basis seiner Worte und Bilder, aber „die kulturelle Form der Texte…., in denen man lesen, leben und reisen kann“ ist ein Medium, in dem „man sich selbst verlieren“ kann (Stoellger 1993, S. 47).
Lebenspraktisch entsteht kein Schaden, solange die Erzählkommunikation Figuren, Aktionen, Konflikte aufrufen kann, Identifikationsräume für Leser und Hörer öffnet statt verschliesst und Partizipation ermöglicht, weil Personal und Handlung nach dem Muster von Spielfiguren und Handlungszügen gestaltet sind. Auf diese Weise wirtschaftet die narrative Performanz mit dem Kapital der Lebendigen, eben der imaginativen und emotionalen Investition.
Leiden wird erträglicher, wenn man es erzählen kann. Aber nicht jeder will und kann sein Leid erzählen. Erzählen schafft Nähe und Erregung. Aber es ist nicht immer günstig, Wogen des Mitgefühls rollen zu lassen oder einen Sturm zu entfachen. Nicht jedes Leid
lässt sich erzählen. Nicht jede Katastrophe lässt sich in Sprache bannen (Lucius-Hoene 2002). Merkwürdiges kann sprachlos machen. Am Erlebten kann die Sprache zerfallen.

Wer erzählt, will Resonanz

„Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“ Die berühmte Frage von Thomas Nagel (1973) kann man nur mit Keine Ahnung beantworten. Das lebendige Dasein der Fledermaus bleibt undurchdringlich. Wer Fledermaus-Geschichten erzählen will, kann nicht anders: er muss die Tiere den Menschen ähnlich machen. Dann aber spricht er nicht mehr von ihnen, sondern vom Menschendasein. Wer erzählt, will Resonanz. Er will gesehen werden als Individuum und ankommen als unverwechselbare Person. Er hat aber nur Anklang beim andern, wenn er so erzählt, dass dieser sich in seiner Geschichte wiederfindet. So ist jeder Resonanzerfolg einer tua res agitur zu verdanken. Je mehr einer sich durch seine narrative Offerte angenommen und bestätigt fühlen darf, um so eher teilt er sein Bett mit vielen. Wer allein gelassen ist mit seiner Geschichte, ist heimatlos. Er hat keinen Ort, so lange seine Geschichte liegen bleibt. Aber das ist eben oft nicht das Ende. Es kommt vor, dass einer sich der liegengelassenen Geschichte annimmt und sie neu erzählt. Und andere finden sich darin. Etwas Neues entsteht.
[…]
(http://www.psychologie.unizh.ch/klipsa/team/boothe/lehre/ws03/documents/BrigitteBootheErzahlenalskulturellePraxisMaterialzuICH171103, S. 3 f.)
[Einige offensichtliche R-Fehler wurden korrigiert, ansonsten wurde die Schweizer Rechtschreibung beibehalten. N.T.]

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4. Die Liebe spielt in der Erzählung eine bedeutende Rolle; bereits das Motto zitiert den Eros als treibende Kraft.

Ernst Michael Lange: Liebe und Freundschaft
„Der Beziehungsform Liebe sind wir schon unter dem Thema ‚Vorgaben’ begegnet. Ich hatte vorgeschlagen, die Definition von Leibniz – Liebe ist Freude am Glück des anderen – in „Freude am Dasein des anderen“ zu verändern. Das war nicht nur dem Umstand geschuldet, dass es im früheren Zusammenhang um das Mutter-Kind-Verhältnis ging und Frauen, wenn sie Mütter werden, sich erst einmal mit dem Dasein eines von ihnen abhängigen anderen Wesens, das doch zu ihnen gehört, zurechtfinden müssen. Als Freude am Dasein des anderen, die verbunden ist mit dem Bestreben, mit ihm zusammen sein zu können und ihm gut zu tun, ist Liebe zunächst einmal eine Einstellung einer Person gegenüber (einer) anderen. Wenn die Psychoanalyse die seelische Gesundheit darin sieht, dass eine Person arbeits- und liebesfähig ist, dann ist mit Liebesfähigkeit die Fähigkeit zu dieser Einstellung gemeint.
Aber wenn jemand das Glück hat oder hatte, ‚seine große Liebe’ zu finden, dann ist mit Liebe nicht nur die Einstellung (und schon gar nicht ein bloßes Gefühl der Verliebtheit) gemeint, sondern eine soziale Beziehungsform, die sich aus der Wechselseitigkeit der Einstellung der Liebe ergibt. Das Begegnen dieser Wechselseitigkeit ist ein Widerfahrnis. Warum wird dieses Widerfahrnis und damit diese Beziehungsform gemeinhin ersehnt? (Es wäre nicht gerade widersprüchlich, aber merkwürdig zu sagen, sie werde „erstrebt“.)
Die Frage geht auf eine potentielle rationale Erklärung (und damit ein Erklärungsschema), in deren Licht die Beziehungsform und ihre Rolle in unserer Erfahrung besser verstehbar sind. Das Problem ist zu verstehen, wie ein handlungsfähiges Wesen etwas suchen kann, was zentral ein Widerfahrnis ist, also seiner Handlungsfähigkeit entgegensteht. Deshalb ist der Schlüssel zum aufzuklärenden Phänomen hier nicht die eigene Einstellung der Person dem anderen gegenüber, sondern ihre Erfahrung der Einstellung des Gegenübers zu ihr. Aus der Verschränkung der Einstellungen beider Partner (Freude am Dasein des jeweils anderen) und ihrer Erfahrungen der Einstellung des anderen (‚ich bin Gegenstand der Freude des anderen’) ergibt sich die Wechselseitigkeit der Einstellungen; und aus der Wahrnehmung der Wechselseitigkeit die Stabilisierung der Beziehungsform: Jeder weiß von sich selbst und vom anderen und damit von der beide verknüpfenden Beziehung und kann daher ‚wir lieben uns’ sagen.
In seinen Spekulationen zur Triebtheorie weist Freud77 auf die Lobrede des Aristophanes auf Eros in Platons Symposion hin, wonach sich der Trieb zur Vereinigung mit seinem jeweils anderen aus der Zerreißung einer ursprünglichen Einheit als Trieb zur Rückkehr in dieselbe ergebe. Psychoanalytische Spekulationen haben an Derartiges den Gedanken einer symbolischen Rückkehr in den Mutterschoß geknüpft. Theorien dieses Typs geben nicht die gesuchte rationale Erklärung. Ich schlage gegen solche ursprungsmythischen Scheinerklärungen vor, die Stabilität der Beziehungsform Liebe in der Koinzidenz von homologen Strukturen auf leiblicher und psychischer Ebene zu sehen.
Zunächst ist der sexuelle Trieb während langer Zeit nach der Pubertät eine beherrschende Antriebskraft. Er geht elementar auf abreagierende Entspannung durch plötzliche78 Auflösung eines in rhythmischer Bewegung erzeugten Lustkrampfes (und ist daher auch allein zu befriedigen), findet aber genussreichere Erfüllung erst mit einem Sexualpartner. Die wechselseitige Befriedigung dieses Triebes gibt eine leibliche Erfüllung des anerkannt werden, angenommen werden Wollens als ganze Person. Als psychische Personen aber sind wir als uns selbst bewertende Lebewesen auf eine genaues psychisches Analogon der Erfüllung in der leiblichen Vereinigung gerichtet – wir wollen nicht nur unserer Fähigkeiten wegen und nach von anderen an uns herangetragenen Hinsichten, sondern als ganze Person (bewertet und) angenommen werden. Und die leibliche Vereinigung in ihrer gelungensten Form überbietet die psychische sogar darin, dass sie im Orgasmus das Bewusstsein leiblicher Getrenntheit für einen Augenblick aufgehoben sein lässt. Ich denke, dass diese Sicht des Sachverhalts das Neue Testament von Liebenden sagen lässt, sie seien „ein Fleisch“ (– religiös soll das natürlich nur in heterosexueller Ehe möglich sein). Und diese momentane Überbietung möglicher psychischer Vereinigung lässt einerseits ihre Wiederholbarkeit79 und damit die Stabilisierung der Beziehungsform, in der sie möglich ist, wünschen, und begründet andererseits, wie der katholische Philosoph Spaemann realistisch anerkannt hat, dass „der Akt der geschlechtlichen Vereinigung … allen Glücksvorstellungen als Paradigma zugrunde liegt.“80
[…]
Freundschaft lässt sich vor diesem Hintergrund als eine Beziehungsform verstehen, die gleichfalls durch die wechselseitige Anerkennung der ganzen Person der Freunde gekennzeichnet ist, in der aber das bei Geschlechtsverhältnissen die Integrationsaufgabe bedingende Moment der Begierde (des Geschlechtstriebs) fehlt, so dass das Verhältnis einen größeren Grad der Unabhängigkeit der Partner voneinander zu- und bestehen lässt. Personen, denen die Öffnung gegenüber anderen Personen auf der Ebene des Geschlechts aus psychischen oder anderen Gründen nicht möglich ist, suchen gemeinhin in der Einbettung in einem größeren engen Freundeskreis ein Äquivalent für die zentralen Funktionen, die diese Dimension für das Personsein bildet.
Wenn unter den Lebensthemen, an denen sich der Sinn eines Lebens bildet, hier Liebe und Freundschaft vor viele andere sachliche Vorgegebenheiten gestellt werden, dann weil ich nahe legen möchte, dass wir in ihnen das Gravitationszentrum unserer Erfahrung sozialer Beziehungen haben – alle anderen messen wir am Abstand zu diesen, die für unser Selbstverhältnis zentral sind.“

77 Jenseits des Lustprinzips (1920) Abschnitt VI, Studienausgabe Bd. III, S. 266. – Bei Platon (vgl. Symposion 189 d – 193 d) ) ist das jeweils andere nicht eo ipso das andere Geschlecht; das ist es nur beim ursprünglich (androgynen) dritten Geschlecht; Aristophanes nimmt drei ursprüngliche Geschlechtstypen an, die in Doppelindividuen realisiert waren, welche dann von Zeus geteilt wurden und daher nach ihrer Wiedervereinigung streben.
78 Wenn man lernt, dass das Plötzliche für antike religiöse Erfahrung die vornehmliche Erscheinungsform des Göttlichen war, bekommt man eine Ahnung von der Erfahrungsbasis von Redeweisen, die uns fremd geworden sind. Vgl. M. Theunissen: Pindar. Menschenlos und Wende der Zeit. München 2000, S. 399- 441.
79 Das betont schon Sokrates im Symposion, wenn er Eros als das Verlangen, das Gute immer zu haben, erklärt (204 d ff.).
80 Glück und Wohlwollen – Versuch über Ethik, Stuttgart 1989, S. 88. Die paradigmatische Stellung einer Erfahrung der Plötzlichkeit für unsere Glücksvorstellung ist übrigens der Grund, nicht mit „Glück“ als formalem Begriff für die Verstehensorientierung menschlichen Lebens zu operieren (die Vorstellung eines ununterbrochen dauernden Orgasmus dürfte doch eher schrecklich sein), sondern mit „Sinn“. Damit ist eine Orientierung ins Auge gefasst, die Raum hat für Glück und Unglück und die ein Muster der gesamten Erfahrung stiftet, die beides lebbar sein lässt.
Lange, Ernst Michael: Das Verstandene Leben. Nachmetaphysische Lebensphilosophie: Vorschläge und Kritik (pdf-Datei, korrigierte Fassung 2007, S. 52-54)

Wolf: Kassandra – Erzählsituation

In Wolfs Erzählung gibt es den Rahmen, in dem ein neutraler Erzähler in Mykene am Löwentor an „sie“ (Kassandra) denkt, also auf ihre Todessituation zurückblickt. Darin eingebettet erzählt Kassandra in einem inneren Monolog ihr Leben.

Die Erzählsituation Kassandras ist aus der „Orestie“ des Aischylos übernommen, nur dass Kassandra jetzt nicht mehr mit dem Chor, sondern mit sich selbst spricht: Es denkt in ihr. Für die „Orestie“, Teil „Agamemnon“, 4. Hauptszene, kann man auf folgende Zusammenfassung zurückgreifen:

Klytaimestra tritt eilig aus dem Palast und fordert Kassandra vergeblich auf, in den Palast zu kommen und sich zu unterwerfen; dann verschwindet sie im Palast.
Kassandra klagt und kündet die Ermordung Agamemnons an, worauf der Chor wiederholt verständnislos antwortet. In der siebten Strophe sieht sie im Wechselgesang mit dem Chor ihr eigenes Ende voraus; sie erzählt dem Chor, wie sie von Apollon ihr unglückliches Seheramt bekommen hat. Sie kündigt dem Chor dann an:
„Agamemnons Ende, sag ich, wirst du heute sehn!“
Das erläutert sie dann:

„Sie wetzt das Messer ihrem Herrn, sie rühmt sich laut:
Mord soll es rächen, daß er mich hat mitgebracht!
Was hab ich länger mir zum Gespött den heilgen Schmuck,
Den Zepter noch, den Seherkranz um meine Stirn?
Fort! eh der Tod mich fasset, brech ich dich entzwei!
Euch werf ich hin, verkommt ihr! So vergelt ich euch;
Bringt einer andren eures Elends Bettelstolz!
Sieh her, Apollon, der du mir mein Seherkleid
Nun selber ausziehst, der auf mich du niedersahst,
Als Freund und Feind mich auch in diesem deinen Schmuck
Gar sehr verhöhnten, unverhohlen, wahnbetört!
Gescholten Törin, Bettlerin, Lügenzauberweib,
Wahnwitzig, elend, hungersüchtig – ich ertrug’s!
Nun hat der Seher mich, die Seherin, gestraft!
Hat mich in dies Verhängnis, in den Tod geführt!
Statt meiner Väter Altar harret mein der Block,
Drauf blutig heißer, scharfer Mord bald mich erschlägt!
Doch nein, ich sterbe nicht den Göttern ungerächt;
Denn wieder wird einst unser Rächer nahe sein,
Der Muttermörder, der des Vaters Mord vergilt;
Ein irrer Flüchtling, kehrt er aus der Fremde heim
Und setzt den Schlußstein aller Schuld der Seinigen.
Geschworen also war den Göttern höchster Schwur,
Sie nachzustürzen in des erschlagenen Vaters Sturz!“
Während sie ihren eigenen Tod beklagt, nimmt sie schon im Geist wahr, wie Agamemnon erschlagen wird. Dann fügt sie sich in ihr Schicksal:
„So geh ich, so bewein ich noch im Hause mein
Und Agamemnons Ende. Sei’s des Lebens gnug!
O Freunde!
Nicht klagen will ich, wie der Vogel im Gebüsch,
Furchtsam, vergebens. Mir, der Toten, zeuget einst,
Wie das Weib an mein, des Weibes, Statt erschlagen liegt,
An des Mannes Statt der fluchgefreite Mann erliegt!
Mit diesem Gastgruß tritt hinein die Sterbende.“
Nach ihrem Rachewunsch bleibt ihr eine letzte Klage:
„O dieses Menschenleben! – wenn es glücklich ist,
Ein Schatten stört es; ist es kummervoll, so tilgt
Ein feuchter Schwamm dies Bild, und alle Welt vergißt’s;
Und mehr denn jenes schmerzt mich dies: vergessen ist’s!“ (Ab in den Palast)

Kassandra beklagt nicht nur Agamemnons Ende und ihr eigenes, sondern stellt ihr Geschick in den Zusammenhang einmal der künftigen Rache des Orest an seiner Mutter, dann in den alles menschlichen Scheiterns im Tod.
Statt der klar erkennbaren Theater-Situation (Gespräch mit dem Chor) wird in der Erzählung Christa Wolfs die „reale“ Situation Kassandras im Rückblick der Erzählers vorgeführt.