K. Tucholsky: Danach – Text und Analyse

Danach

Es wird nach einem Happy-end
im Film jewöhnlich abjeblendt.
Man sieht bloß noch in ihre Lippen
den Helden seinen Schnurrbart stippen –
da hat sie nun den Schentelmen …
Na, un denn –?

Denn jehn die Beeden brav ins Bett.
Naja … diss is ja auch janz nett.
A manchmal möcht man doch jern wissen:
Wat tun se, wenn se sich nich kissen?
Die könn ja doch nich immer penn …!
Na, un denn?

Denn säuselt im Kamin der Wind.
Denn kricht det junge Paar n Kind.
Denn kocht sie Milch. Die Milch looft üba.
Denn macht er Krach. Denn weent sie drüba.
Denn wolln sich Beede jänzlich trenn …
Na, un denn?

Denn is det Kind nich uffn Damm.
Denn bleihm die Beeden doch zesamm.
Denn quäln se sich noch manche Jahre.
Er will noch wat mit blonde Haare:
vorn dof und hinten minorenn …
Na, un denn?

Denn sind se alt. Der Sohn haut ab.
Der Olle macht nu ooch bald schlapp.
Vajessen Kuss und Schnurrbartzeit –
Ach, Menschenskind,wie liecht det weit!
Wie der noch scharf uff Muttern war,
det is schon beinah nich mehr wahr!
Der olle Mann denkt so zurück:
Wat hat er nu von seinen Jlück?
Die Ehe war zum jrößten Teile
vabrühte Milch un Langeweile.
Und darum wird beim Happy-end
im Film jewöhnlich abjeblendt.

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 1. 4. 1930, Nr. 14, S. 517

(Textform, Rechtschreibung und Zeichensetzung nach https://de.wikisource.org/wiki/Danach_(Tucholsky), nur die ß-Schreibung ist den neuen Regeln angepasst.)

Erläuterung:

minorenn (V. 23): minderjährig, unmündig

Es spricht eine unbekannte Stimme über die Frage, warum im Film nach einem Happy end abgeblendet wird. Ort, Zeit und äußerer Anlass des Sprechens sind unbekannt – sachlicher Anlass ist die erstaunliche Tatsache, dass es so ist.

Zu diesem Zweck erzählt die Stimme im Berliner Dialekt, wie die Geschichte des Liebespaares nach dem großen Kuss am Filmende (1. Strophe) weitergeht: Sie gehen ins Bett (2. Strophe), sie kriegen ein Kind und führen eine normale Ehe, bis es kriselt (3. Strophe), sie bleiben doch zusammen (4. Strophe), sie werden alt; im Rückblick erkennt der Mann, dass vom großen Glück nicht viel übrig geblieben ist. Der Erzähler schließt mit der Erklärung, dass deshalb im Film nach dem Happy end abgeblendet wird (5. Strophe). Thema ist der Verlauf einer normalen Ehe zwischen Glücksfantasien und Enttäuschungen.

Das Gedicht besteht aus fünf Strophen; die ersten vier umfassen jeweils sechs Verse, die letzte zwölf – in ihr wird außer vom Altern der beiden auch vom Rückblick des Mannes erzählt (bis V. 34) und abschließend erklärt, warum im Film rechtzeitig abgeblendet wird (V. 35 f.).; damit ist die indirekt zu Beginn gestellte Frage (V. 1 f. bzw. direkt V. 6) beantwortet. Am stärksten fällt auf, dass die Stimme Dialekt spricht. Das weist sie als Stimme eines ganz normalen Zeitgenossen aus, der die Bilder vom großen Liebesglück und den Verlauf der darauf folgenden Liebes- und Ehegeschichte ganz nüchtern betrachtet (Schnurrbart stippen, V. 4; janz nett, V. 7; immer penn, V. 11; macht schlapp, V. 27; V. 29). So fragt er nach jeder Etappe der Geschichte: „Na, und denn –?“ (V. 6 usw.); diese Frage ist als Zitat Courtelines (1858-1929, französischer Schriftsteller), etwa in der Bedeutung „Na, und?“, vorangestellt. Die Stimme wird dadurch veranlasst, immer weiter zu erzählen: „Denn …“ (V. 7 ff.). Gesprochen wird im vierhebigen Jambus, wovon nur die Frage „Na, und denn –?“ abweicht. Die Verse sind im Kreuzreim verbunden, durchweg semantisch sinnvoll, weil zwei Verse immer eine semantische Einheit ergeben: brav ins Bett – auch janz nett (V. 7/8); säuselt der Wind – kriegen ein Kind (V. 13/14); Sohn haut ab – der Olle macht schlapp (V. 25/26), usw. Nur der fünfte Vers in den ersten vier Strophen bleibt in dem Sinn offen, dass er die weiterführende Frage provoziert, die sich aber mit ihm reimt. Die Kadenzen wechseln unregelmäßig. Der Jambus ermöglicht ein zügiges Sprechen, manchmal geht der Satz auch übers Versende hinaus (V. 1, V. 3, V.33, V. 35; ansatzweise V. 9, V. 29, V. 31); aber weil die Stimme einem skeptischen Zeitgenossen gehört („Naja …“, V. 8), spricht sie oft bedächtig.

Schentelmen“ (V. 5), die verdeutschte Schreibweise eines Fremdwortes, zeigt gegenüber den Alternativen „Liebhaber“ oder „Schatz“ ebenfalls die Distanz der Stimme gegenüber dem gezeigten großen Glück, weshalb die Frage „Na, und denn –?“ auch berechtigt ist. In V. 7 fällt vor allem das Satzadjektiv „brav“ auf – sie gehen ins Bett (statt in den siebten Himmel der Liebe) wie Kinder, die ihr Abendprogramm abspulen; so sieht es jedenfalls der Erzähler. Distanz zeigt sich auch in der nächsten Frage: „Wat tun se…?“ (V. 10). In der Bemerkung, dass der Wind säuselt (V. 13), klingt die Liebesromantik noch einmal an; sie wird jedoch von den nächsten Ereignissen konterkariert: Milch läuft über, Streit, Trennungsabsichten (V.15 ff.); das reale Leben hat die Idylle des großen Kusses entzaubert, die Krise ist da. Sie wird weniger überwunden als ertragen, weithin „quälen se sich noch manche Jahre“ (V. 21); das ist alles andere als das große Glück, wie der alte Mann später auch selber einsieht und sagt (V. 32-34).

Die Schreibweise „dof“ (V. 23) sieht verdächtig aus, ist aber laut Wikisource am Original geprüft; die Texte bei zeno.org und textlog.de haben aber „doof“, so dass man entweder von einem Schreibfehler in der „Weltbühne“ von 1930 oder von einem Versehen bei Wikisource ausgehen muss. Diese Stelle soll zum Anlass dienen, die Problematik von Texten im Internet zu bedenken und die drei wichtigsten Quellen für Tucholsky-Gedichte zu nennen (und zu Rate zu ziehen, falls erforderlich).

Am Ende des Lebens (V. 25 ff.) liegt die Herrlichkeit des anfänglichen Happy Ends in weiter Ferne. Der Erzähler lässt den alten Mann selber zurückblicken (V. 31 ff.) und explizit aussprechen, was der Hörer längst erkannt hat: dass aus dem großen Glück viel Banales geworden ist. So kann er selber die Erklärung dafür liefern, warum beim Happy End „jewöhnlich abjeblendt“ wird (V. 35 f.).

Tucholsky behandelt hier die gleiche Lebenserfahrung wie im Gedicht „Ideal und Wirklichkeit“ (siehe die Analyse dort) und wendet sich so gegen das seit dem Sturm und Drang propagierte Ideal von der großen romantischen Liebe, welches schon viele Menschen unglücklich gemacht hat.

Eine ähnliche Idee wie Tucholsky hat Slawomir Mrozek (1930-2013) in seiner Satire „Schneewittchen“ (u. a. in „Das Leben ist schwer“, dtv 10480, 1985) verwirklicht: Schneewittchen will in der Pose des Kusses verharren („Das ist doch das Glück.“), als der Königssohn sie fragt (so ähnlich wie unser Erzähler): „Und was jetzt?“ Dem Königssohn tut bald der Rücken weh, er geht kurz Zigaretten holen und muss versprechen, sofort wiederzukommen…

https://norberto42.wordpress.com/2014/04/09/tucholsky-danach-analyse/ (ein erster Versuch vor vier Jahren)

Vorträge des Gedichts:

https://www.youtube.com/watch?v=zmolhSFfY-k (Tanja Wedhorn, gut, zu schnell)

https://www.deutschelyrik.de/index.php/danach.html (Fritz Stavenhagen, sehr gut)

https://www.youtube.com/watch?v=ri-v3VTnKKc&t=6s (Jörg Schulze, sehr gut)

https://www.youtube.com/watch?v=8jlj7bJ0yWA (Guido Franz, sehr gut)

https://www.youtube.com/watch?v=8ghn9S_T5b0 (Rüdiger Wolff, gesungen, sehr gut, zu hochdeutsch gesprochen)

https://www.youtube.com/watch?v=pdC2YApnfGQ (Günter Rüdiger, gesungen, gut)

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Tucholsky: Eine Frau denkt – Text und Analyse

Eine Frau denkt

Mein Mann schläft immer gleich ein… oder er raucht seine Zeitung und liest seine Zigarre
… Ich bin so nervös… und während ich an die Decke starre,
denke ich mir mein Teil.
Man gibt ihnen so viel, wenigstens zu Beginn. Sie sind es nicht wert.
Sie glauben immer, man müsse hochgeehrt
sein, weil man sie liebt.
Ob es das wohl gibt:
ein Mann, der so nett bleibt, so aufmerksam
wie am ersten Tag, wo er einen nahm… ?
Einer, der Freund ist und Mann und Liebhaber; der uns mal neckt,
mal bevatert, der immer neu ist, vor dem man Respekt
hat und der einen liebt… liebt… liebt…
ob es das gibt?

Manchmal denke ich: ja.
Dann sehe ich: nein.
Man fällt immer wieder auf sie herein.

Und ich frage mich bloß, wo diese Kerls ihre Nerven haben.
Wahrscheinlich… na ja. Die diesbezüglichen Gaben
sind wohl ungleich verteilt. So richtig verstehen sie uns nie.
Weil sie faul sind, murmeln sie was von Hysterie.
Ist aber keine. Und wollen wir Zärtlichkeit,
dann haben die Herren meist keine Zeit.
Sie spielen: Symphonie mit dem Paukenschlag.
Unsere Liebe aber verzittert, das ist nicht ihr Geschmack.
Hop-hop-hop – wie an der Börse. Sie sind eigentlich nie mehr als
erotische Statisterie.
Die Hauptrolle spielen wir. Wir singen allein Duett,
leer in der Seele, bei sonst gut besuchtem Bett.

Mein Mann schläft immer gleich ein, oder er dreht sich um und raucht seine Zigarre.
Warum? Weil…
Und während ich an die Decke starre,
denke ich mir mein Teil.

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 17.12.1929, Nr. 51, S. 920

Textgestalt nach https://de.wikisource.org/wiki/Eine_Frau_denkt (= Weltbühne 1929), andere Ausgaben haben die 2. und 3. Strophe als eine einzige.

 

In der Zusammenstellung „Die Frau spricht“ von 1932 ist „Eine Frau denkt“ das zweite Gedicht; in Wirklichkeit ist das dritte, „Die Nachfolgerin“, eine Woche vorher in „Die Weltbühne“ erschienen. „Die Nachfolgerin“ ist ein schwaches Gedicht, allerdings mit einer bemerkenswerten Aussage: dass sich die Frau nicht nur für ihren Mann, sondern auch gegen andere Frau schön macht:

Immerhin erwart ich, dass ers merken kann;

         ich will fühlen, dass ich reizvoll bin.

         Dreifach spiegeln will ich mich: im Glas, im Neid, im Mann.

Und der guckt gar nicht hin.“

Eine Frau denkt“, das sind Gedanken einer Frau, die sie nicht ausspricht; Ort und Zeit des Denkens bleiben unbestimmt.

Man denkt nach, wenn einem etwas nicht gefällt. Diese Frau denkt über ihren Mann und dann über das Verhältnis von Frauen und Männern nach, weil sie Zuwendung und Zärtlichkeit ihres Mannes vermisst (V. 1-3 und V. 21 ff.). Sie fragt sich, ob des den idealen Mann wohl gibt, und muss diese Frage verneinen (1. und 2. Strophe). Dann bedenkt sie, wie verschieden Frauen und Männer sind und empfinden (3. Strophe). Die letzte Strophe ist eine Variation der ersten drei Verse und bildet mit diesen den Rahmen der Gedanken. Das Thema ist das problematische Verhältnis von Mann und Frau.

Das Gedicht besteht aus vier Strophen unterschiedlicher Länge; in manchen Ausgaben werden die zweite und die dritte Strophe zu einer zusammengefasst. Die Sprache ist prosaisch, die Verse sind unterschiedlich lang, aber durchweg im Kreuzreim miteinander verbunden (Ausnahmen:V. 3 und V. 14-16). Wenn der Satz übers Versende hinausgeht, klappt es mit der semantischen Entsprechung der reimenden Verse meist nicht. Sonst aber gibt es viele semantische Entsprechungen: er befasst sich mit Zigarre – ich an die Decke starre (V. 1 f. und V. 29/31, dort ausnahmsweise Kreuzreim); verstehen uns nie – sprechen von Hysterie (V. 19/20, Gleiches); wir wollen Zärtlichkeit – sie haben keine Zeit (V. 21/22, Kontrast), usw. Meistens sind die Kadenzen männlich; wenn der Satz damit endet, ergibt das einen richtigen Abschluss. Die Sprache ist die Standardsprache mit wenigen Verschleifungen („mal“, V. 10; „was“, V. 20), aber einigen Wörtern der Bildungssprache (Hysterie, V. 20; Symphonie mit dem Paukenschlag, V. 23; Börse, V. 23; Duett, V. 27). Gelegentlich hält die Frau im Denken inne oder führt einen Satz nicht zu Ende; vieles bleibt auch unbestimmt, weil es um ihre Gefühle geht.

Die Gedanken setzen bei der Beobachtung ein, dass der Mann „immer gleich“ einschläft (V. 1 – nach dem Geschlechtsverkehr, ist zu ergänzen), womit die Frau nicht zufrieden ist, ebenso wenig wie mit seinem anschließenden Rauchen oder Lesen. Dass er seine Zeitung raucht und seine Zigarre liest – ein Versprecher – ist nicht leicht zu erklären; ich denke, was er tut, ist ihr egal – schlimm ist nur, dass er sich nicht ihr zuwendet. Ob ihre Bemerkung, sie sei so nervös (V. 2), sich auf den Moment des gegenwärtigen Nachdenkens oder auf die Wahrnehmung, was er nachher tut, bezieht, bleibt offen; wer nervös ist, ist „reizbar, erregbar, gereizt, unruhig, zerfahren“ (DWDS) – ich meine, sie sei jetzt im Augenblick des Nachdenkens nervös. Ihr hilflose Reaktion auf seine nächtliche Abwendung, damit fährt sie fort: Sie starrt an die Decke und denkt sich „mein Teil“; was die Frau denkt, wird aber nicht gesagt, sicher ist es nichts Erfreuliches.

Dann wendet sie sich in ihren Gedanken allen Männern zu („sie“, ab V. 4, und „diese Kerls“, V. 17); hinter dem Indefinitum „man“ (V. 4, V. 6, V. 16) steht „ich immer“ (vgl. V. 14) oder „wir Frauen“ (vgl. „uns“, V. 10). Sie arbeitet zunächst den Unterschied im Gene und Nehmen in der Liebe zwischen Frau und Mann heraus (V. 4-6), wobei offen bleibt, was „so viel“ (V. 4) ist – es ist eine empfundene Differenz, ein Mangel, der die Frau eben zum Nachdenken antreibt. Danach fragt sie, ob es den idealen Mann wohl gibt (V. 7-13), bei dem es diese Differenz nicht gäbe und „der einen liebt… liebt… liebt…“ (V. 12); die Wiederholung steht für die Unendlichkeit des Gefühls, welche die Frau ersehnt und die sie zuvor an Beispielen verdeutlicht hat (aufmerksam usw.). Diese Erwartung ist die gleiche wie die, welche Tucholsky in Gedichten wie „Das Ideal“ oder „Ideal und Wirklichkeit“ als Ausgeburt unserer unendlichen Fantasie entlarvt hat; die Frau muss ihre Frage demgemäß verneinen (V. 14 f.), auch wenn sie ihre fantastische Hoffnung nicht aufgibt (V. 16), also unbelehrbar ist – vgl. sein Gedicht „Stationen“, wo die wechselnden Erwartungen des Mannes beschrieben wird, der schließlich zur Einsicht und zur Bejahung der Realität kommt. Will sagen: Was die Frau denkt, muss nicht die Billigung des Autors Tucholsky findet, auch nicht die des Lesers – man soll es einfach einmal zur Kenntnis nehmen, das genügt für den Anfang, weiteres Nachdenken ist damit nicht verboten.

In der dritten Strophe steht unter dem Gedanken: „So richtig verstehen sie uns nie.“ (V. 19) Damit ist die Front wir-sie bezeichnet, die in den Streckenabschnitten Erregung (V. 17-21) und Zärtlichkeit (V. 21-28) beschrieben wird. Mit dem nicht vollendeten Satz „Wahrscheinlich…“ und dem unbestimmten Verweis auf die „diesbezüglichen Gaben“ (V. 18) weist die Klage der Frau ins Weite, ohne dass man ein Objekt sähe; sie deutet allerdings die gegenseitigen Vorwürfe mit den Stichworten Faulheit / Hysterie an (V. 20). Der Mangel an „Zärtlichkeit“ (V. 21) der Männer wird eindrucksvoll beklagt, mit den Bildern von der „Symphonie mit dem Paukenschlag“ (Haydn) und der erotischen Statisterie vs. Hauptrolle (Theater), mit dem Börsenvergleich; die Klage gipfelt in dem schönen Paradox „Wir singen allein Duett“ (V. 27) und dem passenden Reim „leer in der Seele, bei sonst gut besuchtem Bett“ (V. 28). Auf den Begriff und in den Gegensatz zum „Paukenschlag“ gebracht: „Unsere Liebe aber verzittert“ (V. 24); „verzittern“ bedeutet nach dem Grimm’schen Wörterbuch „von akustischen vorgängen ‚zitternd verhallen, verklingen’“, „von optischen erscheinungen ‚zitternd verzucken, verblassen’“, dann auch wie hier uneigentlich, also bildlich gebraucht. Der Unterschied zwischen dem Ende mit Paukenschlag und dem Verzittern macht sich bei der Frau als Leere in der Seele bemerkbar (V. 28).

Die letzte Strophe gleicht den ersten drei Versen, nur dass der Mann sich umdreht, statt zu lesen, und diesmal tatsächlich seine Zigarre raucht. – Vgl. auch Tucholskys Gedicht „Sie, zu ihm“!

Was eine Frau denkt (Überschrift), ist vor allem für Männer interessant, weil es hier ungefiltert ans Licht kommt; die Frage ist nur, was die anderen Frauen denken, vor allem die eigene, und ob die Frauen heute Ähnliches denken – aber das sagt einem ja keiner, oder, wenn ich ehrlich bin: Man bekommt es doch gesagt, aber die Unterschiede bleiben trotzdem bestehen.

Vortrag des Gedichts:

https://www.youtube.com/watch?v=_UVn94IaVK8 (Fritz Stavenhagen, sehr gut)

https://www.youtube.com/watch?v=rwkhJLVuHxc („Vorleser“, gut)

https://www.youtube.com/watch?v=bSpDy8Foaj0 (Astrid Kohrs, gut)

https://www.youtube.com/watch?v=U7IbIFui1QQ (Dolly Velbinger, schwächer)

https://www.youtube.com/watch?v=tvvJFYHWDMs (Claudia Riese, gut, unvollständig)

Als Gegengedicht sollte man unbedingt Tucholskys „Stationen“ (1930) lesen. Ausgewogen kann man sich bei Herrn Stangl über Geschlechtsunterschiede informieren: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/Geschlechtsunterschiede.shtml

Tucholsky: Die geschiedene Frau – Text und Analyse

Die geschiedene Frau

 

Ja … da wär nun also wieder einer …

das ist komisch!

Vor fünf Jahren, da war meiner;

dann war eine ganze Weile keiner …

Und jetzt geht ein Mann in meiner Wohnung um,

findet manches, was ich sage, dumm;

lobt und tadelt, spricht vom Daseinszwecke

und macht auf das Tischtuch Kaffeeflecke –

Ist das alles nötig –?

 

Ja … er sorgt. Und liebt. Und ists ein trüber

Morgen, reich ich meine Hand hinüber …

Das ist komisch:

Männer … so in allen ihren Posen …

Und frühmorgens, in den Unterhosen …

Plötzlich wohnt da einer auch in meiner Seele.

Quält mich; liebt mich; will, dass ich ihn quäle;

dreht mein Leben anders, lastet, lässt mich fliegen –

siegt, und weil ich klug bin, lass ich mich besiegen …

Habe ich das nötig –?

 

Ich war ausgeglichen. Bleiben wir allein,

… komisch …

sind wir stolz. So sollt es immer sein!

Flackerts aber, knistern kleine Flammen,

fällt das alles jäh in sich zusammen.

Er braucht uns. Und wir, wir brauchen ihn.

Liebe ist: Erfüllung, Last und Medizin.

Denn ein Mann ist Mann und Gott und Kind,

weil wir so sehr Hälfte sind.

Aber das ist schließlich überall:

Der erste Mann ist stets ein Unglücksfall.

Die wahre Erkenntnis liegt unbestritten

etwa zwischen dem zweiten und dem dritten.

Dann weißt du. Vom Wissen wird man nicht satt,

aber notdürftig zufrieden, mit dem, was man hat,

Amen.

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne 13. 8. 1929, Nr. 33, S. 248

Die geschiedene Frau (Überschrift) führt ein Selbstgespräch, Ort und Zeit sind natürlich unbestimmt, ihre Situation ergibt sich aus dem Text: Sie lebt mit einem neuen Mann zusammen und denkt über ihre Lage nach.

Solche Gedanken sind nicht systematisch geordnet; gleichwohl kann man mit Abstrichen eine Progression feststellen: Sie beschreibt, wie er auftritt, wie sie ihn liebt, wie es überhaupt mit dem Verhältnis von Frauen und Männern ist – und wie man als Frau schließlich „notdürftig zufrieden, mit dem, was man hat“ (V. 34), ist. Das Schlusswort „Amen“ (V. 35) weist das Gedicht nicht als Gebet aus, sondern bedeutet in seinem ursprünglichen Sinn „So sei es.“ (wahrlich, es geschehe; so soll es sein). Thema des Gedichts ist das Verhältnis von Mann und Frau.

Die Überschrift ist „Die geschiedene Frau“, veröffentlicht am 13. 8. 1929 in „Die Weltbühne“. Dieses Gedicht ist mit drei weiteren (vom 10. 12. 1929, 17. 12. 1929 und 6. 1. 1931) unter der Überschrift „Die Frau spricht“ im Buch „Lerne lachen ohne zu weinen“ (1931) zusammengefasst worden, aber sicher unabhängig von den anderen entstanden. Vielleicht sind aber „Die Nachfolgerin“ (10. 12.) und „Eine Frau denkt“ (17. 12. 1929) – der zeitliche Zusammenhang legt es nahe – zusammen konzipiert worden. Im weiteren Sinn kann man das Gedicht zur Liebeslyrik zählen – aber welch ein Unterschied zu den Gedichten des jungen Goethe; darin kamen keine geschiedenen Frauen vor, und erst recht keine, die selber nachdachten.

Vermutlich ist das Schriftbild (hier etwas gestört nach textlog.de) eine Hilfe, wenn man das Metrum des Gedichtes verstehen will. Durchgängig bestehen die Verse aus vier- bis sechshebigen Trochäen, die ruhig gesprochen werden, weil die Frau ja nachdenkt. Davon weichen die eingerückten „komisch“-Sätze ab (V. 2 usw.), ebenso die beiden „nötig“-Fragen (V. 9 und V. 19) und natürlich das abschließende „Amen“ (V. 35). Von diesen abgesehen sind die Verse im Kreuzreim miteinander verbunden, welche die Verse meistens semantisch sinnvoll aufeinander beziehen: wieder einer – meiner – eine Weile keiner (V. 1/3/4, ihre Männer, ausnahmsweise drei Verse mit einem Reim); spricht vom Daseinszwecke – macht Kaffeeflecke (V. 7/8, der Mann in der Wohnung, beinahe satirisch); in ihren Posen – in den Unterhosen (V. 13/14, schöner Kontrast, ähnlich wie V. 7/8), usw. Die Kadenzen wechseln ohne erkennbares System. Die Sätze gehen manchmal übers Versende hinaus; dem Gestus des Denkens entsprechend sind die Sätze gelegentlich unvollständig, als Aufzählung aneinander gereiht, auch durch „und“ angeschlossen. Umgangssprachlich werden gelegentlich Endbuchstaben verschluckt („reich“, V. 11; „sollt“, V. 22) oder Wörter verschliffen („ists“, V. 10; „Flackerts“, V. 23).

Das einleitende „Ja“ entspricht etwa meinem „tja“ und „drückt [umgangssprachlich] Nachdenklichkeit, Bedenken, eine zögernde Haltung, auch Verlegenheit oder Resignation aus“ (namenloses Wörterbuch bei google); im Grimm‘schen Wörterbuch steht unter I 5: „begleitet auch nur einen zweifel, einwurf, ein bedenken“; diese Bedenken findet man auch in der Wendung „nun also wieder“ (V. 1) und im ersten Kommentar („komisch“, V. 2). Komisch ist die Situation, weil die Frau einige Jahre offenbar zufrieden allein gelebt hat und jetzt ein Mann in der Wohnung umhergeht (V. 6; „umgehen“ erinnert ein wenig an das Treiben eines Gespenstes) und allerlei Seltsames anstellt (V. 5-8), was in der Disparatheit von „Daseinszwecke / Kaffeeflecke“ (V. 7 f.) schön zum Ausdruck kommt, aber auch in seiner Einschätzung mancher Äußerungen der Frau als „dumm“, V. 6). So ist ihre Frage verständlich: „Ist das alles nötig –?“ (V. 9, ähnlich in V. 19 wiederholt).

Das nächste „Ja“ ist eines, das Zustimmung, vielleicht sogar Gewissheit ausdrückt (DWDS); denn es folgen drei Aussagen über das Gute an diesem Mann (sorgt, liebt, verbunden, V. 10 f.). Mit dem zweiten Komisch-Kommentar (V. 12) leitet sie zu ambivalenten Erfahrung mit diesem Mann über, zunächst zu den etwas lächerlichen (in ihren Posen – in den Unterhosen, V. 13 f.), dann zu denen, über die man wirklich nachdenken kann; denn der Mann ist nicht nur in der Wohnung (V. 5), sondern „auch in meiner Seele“ (V. 15) und beschert so neben der Liebe auch Qual, belastet und lässt „mich fliegen“ (V. 17), kurz, er „dreht mein Leben anders“ (V. 17). Dazu gehört auch, dass sie ihn gleichermaßen quält (V. 16, damit ist nicht SM gemeint, sondern die normale Qual von unbedachten Äußerungen, Kompromissen und Missverständnissen); und er muss als Mann natürlich „siegen“, was sie ihm als kluge Frau zugesteht (V. 18). Weil das alles nicht nur Gewinn ist, fragt sie erneut: „Habe ich das alles nötig?“ (V. 19)

Aber man muss auch die Gegenfrage stellen: Was fehlt mir, wenn das alles fehlt? Darum geht es in der letzten Strophe. Zuerst blickt die Frau zurück auf die Zeit, in der sie ohne Mann gelebt hat und ausgeglichen war (V. 20). Für alle allein lebenden Frauen („wir“, V. 20) stellt sie fest, dass sie „stolz“ sind oder als stolz gelten (V. 22) – das ist hier bei „sind“ nicht zu entscheiden; diesen Sachverhalt kommentiert sie wieder (V. 21) und fügt bejahend hinzu: „So sollt es immer sein!“ (V. 22) Als Mann verstehe ich sie vielleicht nicht ganz, ich lese „stolz“ im Sinn von „selbstbewusst, emanzipiert, unabhängig“. Doch die Realität macht diesen Wunsch leicht zunichte, stellt sie fest: „Flackerts aber…“ (V. 23), dann fällt im Fall der Liebe „das alles jäh in sich zusammen“ (V. 24). Es folgt die Erklärung dafür: Der eine braucht den anderen (V. 25). Was das heißt, steht im nächsten Vers: Liebe ist „Erfüllung, Last und Medizin“ (V. 26), was sich fast dialektisch anhört: positiv die Erfüllung, negativ die Last, Medizin als Aufhebung des Belastenden. Das folgende „Denn“ (V. 27) kann ich nicht als echte Begründung der Liebesdefinition verstehen; gemäß dem Grimm‘schen Wörterbuch (dort 5.) steht „denn“ auch für „zugleich, dabei, dazu, simul“, und das passt hier gut, wenn bei „denn“ vielleicht auch ein kausaler Ton mitschwingt. Ein Mann hat also ganz verschiedene Seiten: Als Gott will er siegen, als Kind umsorgt werden, und als Mann, na ja, das weiß man. Worauf sich der weil-Satz bezieht, ist bei der Disparatheit des Mann-Bestimmungen unklar, vielleicht gerade auf ihre Gesamtheit; anderseits hat „weil“ auch eine zeitliche Bedeutung („so lange als“). Dass der Mann so verquer sein kann, wie er ist (V. 27), kann also daran liegen, dass er die Frauen oder eine Frau braucht, „weil wir so sehr [seine] Hälfte sind“ und er ohne Frau nur ein halber Mensch ist. Das Wort von der besseren Hälfte, eine Redensart, mag darauf beruhen, dass in der Bibel Mann und Frau als „ein Leib (ein Fleisch)“ bezeichnet werden (Gen 2,24).„Aber“ (V. 29) drückt einen Gegensatz des Folgenden zu der in V. 23-28 signalisierten Zustimmung zum Mann im eigenen Leben aus, dient in abgeschwächter Bedeutung zur Anknüpfung und Weiterführung des bisher Gesagten (DWDS), und zwar in einer allgemein gültigen Erkenntnis darüber, welcher Mann ins Leben einer Frau passt: Der erste nicht, das ist „stets ein Unglücksfall“ (V. 30), und dann ganz witzig: „Die wahre Erkenntnis liegt unbestritten / etwa zwischen dem zweiten und dem dritten.“ (V. 31 f.) Was man in dieser Erkenntnis erkennt („Dann weißt du.“, V. 33 – das Objekt fehlt, es ist leicht zu ergänzen: was du von einem Mann erwarten darfst), wird nicht ausgeführt, dafür aber, wozu diese Erkenntnis gut ist: Man wird als Frau „notdürftig zufrieden, mit dem, was man hat“ (V. 33 f.). Die Pointe liegt in der Zusammenstellung des Adjektivs „zufrieden“ mit dem Modalwort „notdürftig“ (= „nicht befriedigend, nur knapp ausreichend“, DWDS). Metaphorisch sagt die Frau, man werde von diesem Wissen „nicht satt“ – zu ergänzen wäre, dass man aber auch nicht verhungert, wenn man sich als Frau wissend auf einen Mann einlässt: „Erfüllung, Last und Medizin“ (V. 26) kann die Beziehung zu ihm sein.

Da abschließende „Amen“ bestätigt diese Erkenntnis und ist das Gegenwort zum einleitenden skeptischen „Ja“ (V. 1). So ist der Weg von der Skepsis zur Zustimmung, einer von Wissen und Erfahrung geprägten verhaltenen Zustimmung beendet. Die Frau hat die Erkenntnis gewonnen, die der Leser in vielen Gedichten Tucholskys finden kann („Ideal und Wirklichkeit“, „Nebenan“ und andere). – Um das Problem des Mannes, ob er nun heiraten soll oder nicht, geht es in Tucholskys Gedicht „Wie mans macht“.

Vortrag

https://www.youtube.com/watch?v=4w5FiNBkrck (Juliane Kosarev, sehr gut) = https://www.youtube.com/watch?v=pohP6unL4RE

https://www.youtube.com/watch?v=fod6MT9Df3I (Fritz Stavenhagen, sehr gut)

https://www.youtube.com/watch?v=HWBPvuDLozY („Vorleser“, gut)

https://www.youtube.com/watch?v=4r-Cmk4RvzQ (Astrid Kohrs, gut)

https://www.youtube.com/watch?v=2iA01WG8pBo (???, gut)

Ulla Hahn: Mit Haut und Haar – Analyse

Ich zog dich aus der Senke deiner Jahre…

Text:

http://literatur-und-schriftsteller.blogspot.de/2007/09/ulla-hahn-mit-haut-und-haar-1981.html

http://www.fachdidaktik-einecke.de/5_Schreibdidaktik/aufgabenstellung_textanalyse_11.htm

http://www.daemonenforum.de/mit-haut-und-haar-t903.html (Text mit „gelehrter“ Sammlung von Stilmitteln)

http://lyrikonline.hep-verlag.ch/mod/data/view.php?d=2&rid=320 (Text mit kurzer hilfloser Erklärung – aus einem Lyriklexikon zur dt. Literatur)

 

Wenden wir uns zunächst der Überschrift zu, die später im Text noch zweimal auftaucht: „Mit Haut und Haar“. Das bedeutet so viel wie „völlig, vollständig, ganz und gar“. „Es handelt sich um eine alte Rechtsformel, die bereits im Sachsenspiegel (um 1239) mehrfach gebraucht wird. Sie bezeichnet die äußerlichsten Teile des menschlichen Körpers und vermittelt dadurch die Bedeutung des Extrems und der Vollständigkeit. Ursprünglich handelt es sich dabei um eine körperliche (Züchtigungs-) Strafe, die sich auf das Scheren des Haares und das Schlagen der Körperhaut mit Ruten erstreckte.“ (http://www.redensarten-index.de/suche.php?suchbegriff=~~mit+Haut+und+Haar+/+Haaren&suchspalte%5B%5D=rart_ou, vgl. auch Art. „Haut“ in Lutz Röhrich: Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten). Wer tat oder war etwas mit Haut und Haar – das ist die Frage, welche die Überschrift aufwirft.

Es spricht ein lyrisches Ich, das sich vorwurfsvoll an ein Du wendet; es berichtet davon, wie es ihm mit diesem Du ergangen ist, und zwar wie es ihm in der Liebe mit dem Du ergangen ist: übel nämlich. Das wird im Einzelnen expliziert.

Zunächst berichtet das Ich, was es für das Du getan hat (1. Str.). Bildhaft spricht es davon, dass es das Du „aus der Senke deiner Jahre“ gerettet hat. „Senke“ ist das Gegenteil von Höhe, aus diesem Senke-Loch hat das Ich das Du herausgezogen; das Attribut „deiner Jahre“ bezeugt, dass das Du in einem langdauernden Tief gesteckt hat und dann in einen „Sommer“ (V. 2) hineingeholt wurde: Sommer statt Senke (Alliteration), das war das Rettungsprogramm; Sommer ist Licht, Wärme, Leben. In den beiden nächsten Versen wird klar, dass es sich um ein Liebesverhältnis handelt, a) wegen des Verbs „lecken“ (pars pro toto: schmusen), b) wegen des Schwurs, „ewig mein und dein zu sein“. Zu „lecken“ gehören die drei Objekte Hand, Haut, Haare (Alliteration, V. 3), wobei zur Redewendung „mit Haut und Haar(en)“ noch die Hand hinzugefügt ist – die Hand lecken, das ist ein Bild hündischer Ergebenheit. Auffällig ist jedoch der Schwur, der die vermeintliche Unterwürfigkeit widerruft (V. 4). Gängig ist nämlich der Liebesschwur „auf ewig dein“ (vgl. „Dein ist mein ganzes Herz…“), hier aber heißt es „ewig mein und dein zu sein“ – das bedeutet, dass in aller Ergebenheit die Eigenständigkeit gewahrt bleiben soll, dass die Paradoxie von gleichzeitiger Hingabe und Autonomie das Ziel sei.

Das Ich spricht gebundene Sprache (Jambus, fünf Hebungen, Kreuzreim mit wechselnd weiblicher und männlicher Kadenz); jeder Vers ist ein Satz, die jeweils zweiten Sätzen setzen den vorhergehenden mit „und“ fort, haben aber wegen der weiblichen Kadenz eine ganz kleine Pause vor sich. Nach dem zweiten Satz setzt das Ich mit „Ich“ neu an, was eine größere Pause voraussetzt. Die Reime ergeben semantisch nichts, sind bloße Klangphänomene. – Entgegen den Vermutungen vieler Schüleranalysen ist hier über das Alter der beiden sowie über ihre Geschlechtszugehörigkeit nichts auszumachen; später könnte man aufgrund traditioneller Rollenmuster vielleicht spekulieren, wie sich die Rollen auf Mann und Frau verteilen.

Darauf berichtet das Ich davon, wie das Du agierte und welche Folgen das hatte: In zwei bildhaften Wendungen (mich umwenden, mir dein Zeichen ins Fell brennen – das zweite Bild entstammt der Viehzucht, das Zeichen des Besitzers wird Tieren ins Fell gebrannt) wird berichtet, dass das Ich sich selbst enteignet wurde; weil bildhaft gesprochen wird, wird eben nicht gesagt, was genau geschah – das kann sich jeder selbst ausmalen: Auch wenn das Feuer „sanft“ war, schmerzte das Brandzeichen, weil das Fell dünn war. Die Folge der Enteignung wird wieder in abgeblassten Metaphern berichtet: Ich ließ von mir ab, ich wich vor mir zurück: ein Ich-Verlust. Was das bedeutet, wird nach dem Enjambement in der 3. Strophe nachgetragen: Aufgabe oder Bruch des ursprünglichen Schwurs (V. 9), Scheitern der großen paradoxen Liebeshoffnung.

Die Reimform wechselt in der 2. Strophe zum umarmenden Reim, was nicht viel besagt. Der Reim „Zeichen/weichen“ (V. 5/8) ist jedoch bedeutungsvoll, weil er die Enteignung (das Zeichen einbrennen) mit dem Ich-Verlust (vor mir zurückweichen) verbindet. Auch die Veränderung des Satzbaus fällt auf: Jeweils ein kurzer Satz (du/ich) mit einem längeren Folgesatz, der übers Versende hinausgreift, beim zweiten Mal sogar übers Strophenende: eine größere Unruhe im Sprechen.

In den folgenden Versen wird über den Prozess der Enteignung in zwei weiteren Stufen gesprochen: Zuerst begann er (V. 8), darauf wird er fortgesetzt (V. 9-12), schließlich ist er vollendet (V. 13). Die Fortsetzung der Enteignung wird wieder bildhaft umschrieben: Es ist noch ein Rest vom Ich da, der sich an das ehemals ganze Ich erinnert und danach ruft (V. 9 f.); das Ich jedoch ist im Inneren des Du verborgen worden, es ist sozusagen verschlungen oder aufgefressen – „tief“, wird nachgetragen, also unrettbar verloren, wie im nächsten Satz ausdrücklich gesagt wird (V. 13); „ganz in dir aufgegangen“ (V. 13), das ist der totale Ich-Verlust.

In der 3. Strophe bestimmt wieder der Kreuzreim den Ton, die Reime kann man diesmal beide semantisch entschlüsseln: nur noch Erinnern, da in deinem Innern (V. 9/11); der Überrest rief, aber du verbargst mich tief (V. 10/12). Im Satzbau haben wir wieder eine Entsprechung zur 2. Strophe, nur dass in V. 12 der kurze Satz am Ende steht. Die Zweiteilung der Strophe gilt auch für die 2. und 3. Strophe, hier wird jeweils mit „Da“ eine Folge des vorher benannten Geschehens eingeleitet.

An den bereits besprochenen V. 13, wo der Abschluss des Ich-Verlustes berichtet und beklagt wird, folgt eine Überraschung – „da spucktest du mich aus mit Haut und Haar.“ (V. 14) Mit dieser Anklage, diesem Vorwurf schließt das Ich seinen Klagegesang vom Ich-Verlust ab. Hier spricht das Ich in der Fortsetzung des Bildes vom Verbergen im Inneren (= Verschlucken, Vernaschen) vom Ausspucken. Das ist Anklage, weil damit gesagt wird, dass das Ich dem Du kein Subjekt war, sondern ein Genussmittel, das nach Gebrauch ausgeschieden wird. Ausgespuckt wird, was nicht ins Innere gehört, was ein ungenießbarer Rest ist oder abgesondertes Sekret, was einem nicht bekommt. Ausspucken statt verabschieden, das ist entwürdigend: mit Haut und Haar, total.

Die vier Schlussworte ergeben die Überschrift des Gedichts; die beiden letzten Verse reimen sich als Paar, hier sind zwei Gegensätze im Klang aneinander gebunden (verschluckt / ausgespuckt). Das Klagelied des Ich endet mit einer großen Anklage.

Das Gedicht ist ein Sonett, aber folgt nicht den gängigen Schemata vom Aufbau eines Sonetts. Vielmehr haben wir ein Schema von Aufstieg (1. Str.) und Verfall (V. 5-13) oder von Gewinn und Verlust vor uns; es endet mit einem dramatischen Schlusspunkt (V. 14)

Nur aufgrund gängiger Klischees oder Rollenbilder kann man im Ich eine Frau, im Du einen Mann erkennen: die Frau devot, der Mann vernascht sie, zum Schluss verstößt er sie – in der Wirklichkeit kann es auch umgekehrt sein, heute zumindest. Wenn man den Text genau liest, gibt es keine Anhaltspunkte für eine Identifizierung von Ich und Du; die Tatsache, dass die Autorin eine Frau ist, verführt ebenfalls leicht dazu, auch im lyrischen Ich eine Frau zu sehen – aber das Ich heißt nicht Ulla, es heißt nur Ich. Wie man den zahlreichen Schüleranalysen entnehmen kann (es gibt noch mehr davon), sind die Schüler in der Regel nicht so vorsichtig wie ich bei der Identifizierung von Ich und Du; das gilt auch für meine ehemalige exzellente Schülerin Sonja, die abschließend kommentierte: „So ein fieser Kerl!“ – Eine wirklich produktive Aufgabenstellung zum Gedicht wäre: „Was sagt das verklagte Du dazu? Formulieren Sie eine mögliche Antwort.“

P.S. Wenn man jenseits von „Gedichtanalysen“ über das Gedicht nachdenkt und es nicht nur zur moralischen Empörung nutzt, stößt man schnell auf die Frage, was denn „ewig mein und dein sein“ bedeuten kann. Seit Jahrzehnten ist die Selbstverwirklichung („mein sein“) das große emanzipatorische Ziel, das aber nur in einem langwierigen Prozess zu erreichen ist: Was das zu verwirklichende Selbst ist, kann nicht definitiv festgelegt werden. Wie lässt sich damit Liebe („dein sein“) vereinbaren?

„Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertigwerden; weil wir sie lieben, solange wir sie lieben.“ (Max Frisch, Tagebuch) Wenn Max Frisch mit seiner Erklärung recht hat, dann wird in der Liebe auch das „mein Sein“ verändert, dann ist darin für die vorrangige Selbstverwirklichung kein Platz.

Die Formel „ewig mein und dein sein“ weiß keine Antwort auf die Frage, wie Liebe und Selbstverwirklichung zusammenpassen; die eher abstrakten Bilder des Gedichts erlauben vielleicht nur die Geste des Vorwurfs aus der Sicht eines enttäuschten Ichs, das sich doch sehr einseitig als der anfängliche Wohltäter empfindet („zog dich aus der Senke deiner Jahre“) und das schon im „Sommer“ lebte, aber nicht mit dem Du in ihn hineingekommen ist.

 

http://www.lerntippsammlung.de/Interpretation-Mit-Haut-und-Haar.html (schülerhaft)

http://www.klausuren.de/inhalt/kategorie/deutsch-1/gedichtinterpretation-mit-haut-und-haar-von-ulla-hahn.html (etwas besser)

http://www.rhetoriksturm.de/mit-haut-und-haar.php (typisch „Rhetoriksturm“: so was von schülerhaft!) – es gibt weitere Exemplare dieser Art.

https://www.yumpu.com/de/document/view/25872868/in-dem-gedicht-quotmit-haut-und-haarquot-von-ulla-hahn-wird-die- (Sammlung mehrerer Schüleranalysen)

http://www.manuelfilm.de/Website/Mit_Haut_und_Haar.html (Vortrag: Manuela Reiser, gut; Verfilmung beliebig: unsinnig)

http://www.literaturportal-westfalen.de/main.php?id=00000086&article_id=00000214 (zehn Gedichte Ulla Hahns vorgetragen, u.a. „Mit Haut und Haar“)

https://www.youtube.com/watch?v=vULql089YjE (Vortrag, zwei Stimmen: so nicht gut, auch zu viel Musik)

https://www.youtube.com/watch?v=FR8h3K5X1fg („Visualisierung“ des Textes: leider dem Text nicht gemäß!)

Abschied ist „ein scharfes Schwert“

Ein scharfes Schwert, das hat es früher gegeben, zu Zeiten der Ritter. Von Leuten, die heute noch Samurai spielen, abgesehen wird „scharfes Schwert“ heute nur noch als Metapher gebraucht:

(1) Die Behörde brauche „ein scharfes Schwert, um für mehr Wettbewerb bei der Stromerzeugung zu sorgen“, sagte Rhiel.
(2) Logik ist ein scharfes Schwert.
(3) Er machte meinen Mund zu einem scharfen Schwert,
er verbarg mich im Schatten seiner Hand.
er machte mich zum spitzen Pfeil
und steckte mich in seinen Köcher.

(Jes 49,2 der Gottesknecht, über sich )

Das sollte man wissen, wenn man im Rahmen der „Volksmusik“ Roger Whittacker hört:
Abschied ist ein scharfes Schwert,
das oft so tief ins Herz dir fährt.
Du bist getroffen und kannst dich nicht wehren,
Worte sind sinnlos du willst sie nicht hören,
weißt, einmal geht auch die schönste Zeit vorbei.
Oh, Stunden der Liebe du hast sie besessen.
Stunden so zärtlich, du musst sie vergessen,
denn das Leben geht ja weiter
und jemand, der dich liebt, wartet schon auf dich.“

Das ist die erste Strophe eines Liedes, welches von den treuen Fans des Sängers als größter Hit gewählt wurde (ARD, 5. April 2008). Ohne die zugehörige Musik zu würdigen, wende ich mich dem Text zu, der einem Stück Poesie gleicht: Es reimt sich fast alles mehr oder weniger rein (Schwert / fährt; wehren / hören usw.); der Vers weist vier Hebungen ohne regelmäßige Füllung auf: Volksliedstrophe.
Dass der Abschied „ein scharfes Schwert“ ist, diese Metapher muss den Leuten wohl eingehen; diese Metapher ist ein weiches Ding, das tief ins Gemüt euch ging. Von der Musik abgesehen – wieso?

Zunächst wird „der Abschied“ zu einer eigenständigen Größe gemacht; es sind damit nicht mehr zwei Leute gemeint, die handeln, sondern Abschied ist ein Vorgang, den (nur) „du“ erlebst, erleidest, der dir ins Herz dir fährt. Du fällst als handelndes Subjekt aus, weshalb Worte sinnlos sind; der Partner ist unwichtig, deshalb brauchst du nichts zu sagen.
Die Metaphysik ist schlicht: „das Leben geht ja weiter“, und jemand, der dich liebt, wartet schon auf dich – also ist der Abschied letztlich nicht schlimm. Der große Kontrast vom scharfen verletzenden Schwert und dem Trost in der neuen Liebe ist letztlich nur Rhetorik: Kontrastverschärfung, eingebettet in die tröstenden Worte „das Leben geht ja weiter“. Deshalb fällt es auch nicht schwer, erlebte Stunden der Liebe zu vergessen; und wenn es schwer fällt, dann „muss“ man es eben – Gottfried Benn grüßt aus der Ferne, das Schicksal winkt: „Du musst.“
Das ist also Volkspoesie 2000; entsprechend hochklassig ist die poetische Formulierung:
„Oh, Stunden der Liebe du hast sie besessen.
Stunden so zärtlich du musst sie vergessen“.
Um des Reimes willen muss man die Stunden, die man vergessen soll, „besessen“ haben: Stunden der Liebe besitzen, ein Grausamkeit gegen Gefühl und Sprache, eben Volkspoesie. Hätte man die Stunden der Liebe genossen, müsste man verdrossen sein; aber da ja leicht die neue Liebe lacht, so bis morgens um halb acht, muss man die alte vergessen, weshalb man ihre Stunden um des Reimes willen besessen hat. Man könnte sie noch essen, ermessen, vermessen; man könnte sie auch „in Hamburg und Stessen“ erlebt haben – aber wer kennt schon Stessen?

Wäre der Abschied tatsächlich ein scharfes Schwert, eine große Passion, lauerte hinter der nächsten Ecke nicht schon das neue Glück. Und die Leute, die das schöne Lied mitsingen und sich dabei im Takt wiegen, verraten noch deutlicher: Liebe ist für Whittacker-Fans ein Gefühlsbrei, bestenfalls ein Vibrator, weshalb sie denn auch nicht tief ins Herz fährt – was sollte sie da auch?

Wie eine Anhängerin des Herrn Whittacker sich besagtes Schwert-Lied wünscht, ist hörenswert: http://www.youtube.com/watch?v=L9vdkE-FUr8. Dass ihr Herr Whittacker als inspiriert erscheint, verwundert nicht.