Erich Fried: Was es ist – Analyse

Es ist Unsinn…“

Text: http://falco.heimat.eu/Fried/index.html

Hier haben wir den Text des Eingangssongs einer ZDF-Sendung vor uns, also wohl das bekannteste Gedicht Frieds, auch wenn man es nicht immer mit seinem Namen verbindet. Der Aufbau des Gedichtes ist ganz einfach: Der Doppelvers

Es ist was es ist

sagt die Liebe

beherrscht das Gedicht (V. 3 f., 11 f., 19 f.). Diese zunächst noch kaum verständlichen Verse erhalten ihren Sinn durch die sieben Wider-Worte, welche die Vernunft (V. 1 f.), die Berechnung (V. 5 f.), die Angst (V. 7 f.), die Einsicht (V. 9 f.), der Stolz (V. 13 f.), die Vorsicht (V. 15 f.) und die Erfahrung (V. 17 f.) dagegen vorbringen.

Es geht also darum, „was es ist“ (Überschrift u.ö.). Das ist eine völlig unbestimmte Bezeichnung, die nur in einem Gespräch Bedeutung hat, wo beide Partner wissen, wovon die Rede ist – es kann also alles Mögliche sein: eine hohe Rechnung bezahlen müssen, den Beruf wechseln, nach Süddeutschland ziehen… Es handelt sich in jedem Fall um etwas, worüber man geteilter Meinung sein kann; und hier sind eben die sieben genannten (personifizierten) Qualitäten oder Stimmungen eines Menschen und „die [personifizierte] Liebe“ geteilter Meinung.

Die sieben „Gegner“ widersprechen der Liebe, indem sie das, „was es ist“, mit ihren spezifischen Kategorien beurteilen:

Vernunft → Unsinn,

Berechnung → Unglück,

Angst → Schmerz,

Einsicht → aussichtslos,

Stolz → lächerlich,

Vorsicht → leichtsinnig,

Erfahrung → unmöglich.

Bei Berechnung und Angst wären auch andere Urteile möglich, die vielleicht spezifischer so lauten: Berechnung → Schaden, Angst → Scheitern; insgesamt sind die Widerworte jedoch schlüssig.

Dagegen sagt die Liebe: „Es ist was es ist“ (V. 3 u.ö.). Die Liebe verzichtet also auf eine Bewertung und nimmt das, was es ist, einfach hin. Das kann sich streng genommen (und in anderen Gedichten Frieds explizit gesagt) nur auf den Partner, seine Pläne und seine Eigenheiten beziehen, die einfach akzeptiert werden, ohne dass man ihn zu erziehen versuchte. Die absolute Einfachheit dieser Konstruktion von Liebesworten und Widerworten hat etwas Überzeugendes, wenn im realen Leben auch in einer Liebesbeziehung Auseinandersetzung und rationales Streitgespräch nicht fehlen dürfen. Eine hohe Verschuldung wegen eines Hauskaufs darf auch die Liebe nicht mit dem Satz „Es ist, was es ist“ kommentieren; auch ein Liebender darf sich nicht selbst aufgeben.

Der anonyme Sprecher, der hier lehrhaft ganz allgemein spricht, benutzt normale Umgangssprache in Prosa; nur der Zeilenschnitt und die Konstruktion weisen den Text als Gedicht aus. Jeweils ein Satz bildet eine Zeile, wobei der erste Satz immer Objekt des zweiten ist (was das jeweilige Subjekt sagt). Die erste Strophe besteht aus einem Widerwort und dem Liebeswort; darauf folgen zwei Doppelstrophen, in denen auf drei Widerworte das entscheidende immer gleiche Liebeswort folgt. Weil das Liebeswort allen Einwänden standhält und die Liebe als letzte zu Wort kommt, muss ihr Wort im Sinn des Sprechers das richtige sein.

Vergleichbare Liebesgedichte Frieds sind zum Beispiel „Dich“ oder „Sehen“, beide auf der Seite http://falco.heimat.eu/Fried/index.html zu finden.

Erich Fried: Die Nichtnure – Analyse

Nicht nur aus Zeitungen…“

Text: http://www.meike-lindemann.de/meike/erichfried/liebesgedichte3.htm

Schon die unverständliche Überschrift verrät, dass in diesem Gedicht mit Worten gespielt wird. Es besteht aus drei Teilen: In den beiden ersten Strophen wird achtmal die negierte Bestimmung „Nicht nur…“ vorgetragen; meistens folgt darauf ein Nomen (je nachdem mit weiteren Bestimmungen), aber kein Prädikat, so dass man überhaupt nicht versteht, worum es bei diesen „Nicht-nur“-Äußerungen geht, die ein anonymer Sprecher vorträgt. Erst zu Beginn der dritten Strophe wird das klar: „Erst auf der anderen Seite der Nure / beginnt das Leben“ (V. 17 f.). Damit haben wir zwei Neologismen des Sprechers vor uns, die Nure (V. 17) und und die Nichtnure (Überschrift), wobei die Nure für die eingeschränkten Lebensmöglichkeiten stehen: Stimmen aus Galle (V. 2), Angst, Abwehr der täglichen Gemeinheit (V. 9 f.) usw. Im zweiten Teil des Gedichts wird das erfüllte Leben „auf der anderen Seite der Nure“ (V. 17) beschrieben; im dritten Teil beklagt der Sprecher sein tatsächliches Leben im Land der Nure und – völlig überraschend, thematisch nicht vorbereitet – „ohne dich“ (V. 33).

Vielleicht beginnt man am besten damit, sich das Bild des wahren Lebens anzuschauen, das der Sprecher skizzenhaft entwirft (V. 17-25). Es ist kein richtiges Bild – vielleicht kann er es deshalb nicht detailliert malen, weil er dauernd im Land der Nure lebt (V. 26 ff.); im guten Leben gibt es also „die Liebe“ (V. 19) und wirkliche Jahreszeiten (V. 20 – wobei „wirkliche Jahreszeiten“ eher unklar ist), Farben zum Schauen (V. 21) und Luft zum Atmen (V. 24), dort kann man „beinahe“ alles verstehen (V. 23) und „spüren und fühlen“ (V. 25): Abgesehen von der Liebe ist dieses Bild des guten Lebens rein auf ein eingeschränktes Leben in einer ungegliederten Welt bezogen; die soziale Dimension und die Kultur bleiben ausgespart, als stände der Sprecher im Banne Rousseaus, und auch gearbeitet wird nicht. Der Zeilenschnitt in der dritten Strophe bringt einige Überraschungen hervor, so hinter V. 17, V. 19 und V. 22; in den anderen Fällen fällt er mit syntaktischen Einheiten zusammen. Die Sprache ist normale Prosa; als einzige Strophe besteht die dritte aus neun Zeilen, die anderen aus acht, was jedoch ohne Bedeutung ist.

Gegen dieses schöne Leben ist das reale Leben im Bereich der „Nure“ abgesetzt: Es ist ein bitteres Leben (V. 2) voller Sorgen und Schrecken (V. 1-8), voller Leid und Gemeinheit und ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft (V. 9-16). Im Wettlauf mit der Post zu sein (V. 5 ff.) besagt vermutlich, dass man den durch die vielen durch die Post eintreffenden Verpflichtungen (V. 6-8) kaum nachkommen kann, dass sie einem die Zeit stehlen. Man braucht die einzelnen negativen Bestimmungen nicht tiefsinnig zu deuten; es fallen allerdings die Attribute „notgetaufte“ zu „Hoffnung“ (V. 14) und „geschlachtete“ (V. 15) zu „Glaube an eine bessere Welt“ (V. 15 f.) auf – beide sind syntagmatisch unpassend. Dass der Glaube geschlachtet ist, versteht man leicht: Es gibt ihn nicht mehr. Dass die Hoffnung notgetauft ist, erschließt sich erst, wenn man weiß, dass die Nottaufe Kindern, die sich in höchster Lebensgefahr befanden oder gar tot geboren wurden, gespendet wurde, um ihrer Seele den Zugang zum Himmel zu eröffnen; man darf daher wohl annehmen, dass im Sinn des Sprechers die Hoffnung bereits tot geboren wurde, also nicht lebt.

Der Blick auf das schöne Leben lässt den Sprecher allerdings resignieren; mit dem adversativen „Aber“ (V. 26) wird der Hoffnung, ins gute Leben zu gelangen, entsagt. Er begründet dies mit seiner umfassenden Erschöpfung, die aus drei Quellen stamme: die Zeitungen, die Stimmen, der Wettlauf mit den Nuren (V. 27 ff.). Die beiden ersten Angaben sind recht unbestimmt, da man nicht weiß, was in den Zeitungen steht (V. 27, ebenso V. 1) – im Sinn kritischer linker Theorie Frieds müsste man in ihnen systemstabilisierende Verdummung finden. Die „Stimmen“ (V. 28) sind wohl „die Stimmen aus Galle und Angst“ (V. 2 f.), wobei auch noch ziemlich undeutlich ist, was sie denn sagen und von wem sie stammen. Hier ergeht sich der Sprecher in undeutlicher Systemkritik, die nur in bestimmter Perspektive einleuchtet. Als dritte Quelle der Erschöpfung nennt der Sprecher den „Wettlauf mit diesen Nuren“ (V. 29 f.); dass da ein Wettlauf stattfindet, wird erst verständlich, wenn man den Wettlauf als Metapher für einen Kampf versteht – vielleicht deutet der Sprecher auch an, dass er im Wettlauf den Nuren entfliehen will. Jedenfalls wird mit dem Nomen „Wettlauf“ ein drittes Nomen aus der ersten Strophe aufgegriffen (V. 5), so dass man hier erkennen kann, dass der Sprecher durch die drei Nomina „Zeitungen, Stimmen, Wettlauf“ eine Klammer um den Blick auf das schöne Leben bildet.

Es folgt als Abschluss ein Relativsatz, der sich auf die Nure bezieht: In ihnen vergehe sein Leben „ohne dich“ (V. 31-33), klagt er. Dieses Leben sei sein einziges („mein eines Leben“, V. 31 f.), weshalb keine Hoffnung besteht, den Wettlauf mit den Nuren vor dem Tod zu gewinnen und ins gelobte Land einzuziehen. Die letzte Bestimmung „ohne dich“ (V. 33), durch Zeilenschnitt isoliert und damit hervorgehoben, könnte man als Attribut auf „Leben“ (V. 32) beziehen, aber auch als negiertes Konditional auf den ganzen Satz (etwa: wenn/weil du nicht da bist; wenn/weil du nicht zu mir gehörst). In jedem Fall sei die Tatsache, dass das Du dem Ich fehlt, der Grund dafür, dass es sich weiterhin im Wettlauf mit den Nuren befindet. Das Gedicht erweist sich zum Schluss als verkappte Liebesklage. Im Zeilenschnitt gibt es in der letzten Strophe zwei Überraschungen, nämlich beim Übergang V. 29/30 und ganz stark V. 32733, da vorher noch nie von einem Du die Rede war, wenn auch „die Liebe“ (V. 19) zum gelingenden Leben gehörte.

Außerhalb der Analyse kann man fragen, ob die Liebe wirklich alle Lebensprobleme löst: Solche Hoffnung wird notwendig enttäuscht, auch wenn quälende Sehnsucht vielleicht davon überzeugt ist.

Erich Fried: Halten – Analyse

das heißt…“

Text: http://falco.heimat.eu/Fried/index.html (so richtig)

oder http://www.suzanne.de/worte/fried/halten/halten.html (andere Textgestalt)

In diesem Gedicht verbindet sich das für den späten Fried so wichtige Thema „Liebe“ mit der von ihm gepflegten Technik der Wortspiele. Es geht also darum, was man alles halten kann bzw. wie das Wort „halten“ verwendet wird. In der ersten Strophe wird der normale Sprachgebrauch von „halten“ vorgeführt“, in den folgenden drei Strophen wird dann als Liebesbekenntnis „dich halten“ in seinen Varianten durchgespielt.

Was „halten“ heißt (V. 1), wird zunächst ganz allgemein umschrieben (V. 2: „Nicht weiter“ – ergänze „gehen“, „nicht einen Schritt“ – ergänze „weiter tun“); danach werden vier mögliche Phrasen genannt (V. 3-5), wobei einmal „halten“ genannt (V. 3, mit falscher Rechtschreibung – Nomen und Verb müssten getrennt werden) und dreimal ausgespart wird (V. 4 f.). Diese Übersicht ist wenig originell und fällt ausgesprochen dürftig aus, das DWDS zählt 21 Möglichkeiten auf (https://www.dwds.de/wb/halten). Nur der Zeilenschnitt weist die fünf Zeilen als Gedicht aus; V1. nimmt dabei das deklarierende, an die Überschrift anschließende „das heißt“ ein, in V. 2 werden Beispiele für die Wortbedeutung genannt, ab V. 3 werden ohne erkennbare Ordnung einige Phrasen aufgezählt, wobei „Schritthalten“ (V. 3) spielerisch das Nomen der Wendung „nicht einen Schritt [weiter tun]“ (V. 2) aufgreift; V. 4 nennt zwei sachlich verwandte Verhaltensweisen. In V. 3-5 wird „halten“ immer in einer abgeblassten Bedeutung verwendet, jedenfalls nicht in der in V. 2 vorgeführten.

Danach kommt der Teil, auf den es dem anonymen Sprecher ankommt und in dem er sich auch an ein Du wendet (V. 7 ff.), das vermutlich nicht anwesend ist; die Äußerung ist weniger kommunikativ als reflektierend – wozu sollten man dem Du auch erklären, was alles „dich halten“ bedeutet? Die drei letzten Strophen beginnen alle mit dem Verb „Halten“, dem jeweils eine Zeile reserviert ist, wodurch es betont wird, worauf fünf Zeilen folgen. Wenn man die Überschrift der ersten Strophe zuschlägt (was deshalb berechtigt ist, weil V. 1 sie unmittelbar fortsetzt), hätten wir dort das gleiche Bild. Auch die zweite Zeile (V. 7) besteht aus einem einzigen und daher hervorgehobenen Wort, „dich“, was in der Phrase „dich halten“ das Thema der folgenden Strophen ergibt. In der zweiten Strophe werden dann vier Wendungen vorgeführt (jeweils „halten“ zu ergänzen, V. 8 f.), die zu Verhaltensweisen des dich Haltens gehören; dabei ist „mich an dich halten“ (V. 8) Beleg für eine metaphorische Verwendung von „halten“, während „sich zurückhalten“ (V. 8) ein Kompositum des Verbs ist, ebenso „anhalten“ (V. 8). Nominal lassen sich die vier „halten“ so umschreiben: Rücksicht VerzauberungSchutz – Umarmung. Insgesamt stehen sie im Umkreis des liebenden Haltens, ohne dass eine Verbindung zwischen ihnen hergestellt würde. Eigens ausgeschlossen wird „dir etwas vorenthalten“ („jemandem etwas ihm rechtmäßig Zustehendes verweigern“, DWDS), was etymologisch ein ganz entfernter Abkömmling von „halten“ ist, dessen Abstammung kaum noch verspürt wird (V. 10 f.). Durch den Zeilenschnitt V. 10/11 wird die Negation hervorgehoben. Auch diese Strophe ist in normaler Prosa gesprochen; „vorenthalten“ ist beinahe bildungssprachlich.

In der dritten Strophe werden zwei Wendungen durchgespielt, „dich in den Armen halten“ (V. 12-14) und „dich „hochhalten“ (V. 15-17). Hier werden vom Sprecher zwei elementare Bedeutungen von „dich halten“ entfaltet: sozusagen jederzeit dich in den Armen halten (V. 13 f.) und die ungewöhnliche Wendung „Dich hochhalten / gegen das Dunkel“ (V. 15 f.); dies verstehe ich in dem Sinn, dass das Du dem Ich ein Licht ist. Das beschworene Dunkel wird dreifach und damit umfassend angedeutet (V. 17), zunächst wörtlich „Dunkel des Abends“, dann zweimal metaphorisch-existenziell „Dunkel der Zeit“ und „Dunkel der Angst“, wobei offen bleibt, worin denn die beiden zuletzt genannten Dunkelheiten bestehen – Unbestimmtheit als Bedingung dafür, dass jeder seine Dunkelheiten hier finden kann. Sprachlich fällt hier auf, dass jeweils drei nähere Bestimmungen als Orte des Haltens (V. 14) oder als Attribute des Dunkels (V. 17) aufgeführt werden, so dass die Strophe aus zwei parallel gebauten Teilen besteht, deren Anfang der Verbalkomplex bildet. Dies wird durch den Zeilenschnitt verdeutlicht.

Ähnlich ist auch die letzte Strophe aufgebaut: Im ersten Teil wird aufgezählt, was am geliebten Du alles zu halten ist (V. 18-20); es folgt die Beteuerung, dass außer diesem Du „Sonst nichts mehr [zu] halten“ ist (V. 21), dass das Du sozusagen sein Ein und Alles ist. Die vier genannten Objekte des Nicht-mehr-Haltens sind verschiedenartig; der Trumpf (V. 22) ist völlig unbestimmt und könnte sowohl ein Trumpf gegen die Welt wie gegen das Du sein; wenn Reden (V. 22) nicht mehr zu halten sind, dann ist mit einem Liebesbekenntnis alles gesagt. „Stecken und Stab“ sind eine Wendung aus dem berühmten Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirte“, wo es heißt: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, / fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ (Ps 23,4) Der Sprecher verzichtet mit seiner Äußerung auf jede Art göttlichen Beistands, er hält sich nur an das von ihm gehaltene Du. Die Münze im Mund (V. 23) spielt auf einen antiken Brauch an: „Ein sogenannter Charonspfennig ist eine Münze, die ursprünglich in der Antike verstorbenen Griechen als Grabbeigabe unter die Zunge gelegt wurde, bevor sie bestattet wurden. Die Lage der Münze im Mund stellte sicher, dass der Tote diese im Jenseits bei sich hatte, und sollte als Fährgeld für den Fährmann Charon für die Überfahrt der Toten über den Fluss Acheron, Styx und den Acherousia-See in das Totenreich des Hades dienen.“ (Wikipedia, 3/2020) Wenn das sprechende Ich also auf diese Münze verzichtet, hat es sich auf Leben und Tod dem Du verschrieben. Stecken/Stab und Münze/Mund sind jeweils durch Alliteration miteinander verbunden. Die Wendungen der letzten Zeilen gehören der Bildungssprache an; der Sprecher kennt die antike und die christliche Tradition und sagt sich von den alten Gewissheiten und Tröstungen los – er sucht sein Heil nur noch in dem von ihm gehaltenen Du.

Außerhalb der Analyse ist anzumerken, dass durch solche Ansprüche jedes reale Du überfordert ist; es ist wie das Ich ein hilfsbedürftiger Mensch mit wechselnden Stimmungen und keine Gottheit, mögen verliebte Augen es auch in göttlichem Glanz erblicken. Luise und vor allem Ferdinand in „Kabale und Liebe“ haben demonstriert, wohin solche übersteigerten Ansprüche an das Du führen.

Erich Fried: Die Bezeichnungen – Analyse

Nicht mehr Selbstmord…“

Text: http://www.suzanne.de/worte/fried/bezeichnung/bezeichnung.html

Die Bezeichnungen, von denen im Titel absolut (ohne Attribut: Bezeichnungen für…) und mit bestimmtem Artikel gesprochen wird, sind die möglichen Bezeichnungen für den sogenannten Selbstmord oder Suizid. Drei der gängigen Bezeichnungen werden diskutiert und zurückgewiesen: Selbstmord, Freitod, der letzte Ausweg. Am Ende fragt der anonyme Sprecher deshalb in seiner Ratlosigkeit: „Mit welchen Worten das Namenlose nennen?“ (V. 17)

Das Gedicht ist leicht zu verstehen, da gibt es nicht viel zu „interpretieren“; man kann allerdings den Gedankengang aufzeichnen und sprachliche Feinheiten beachten. Die erste besteht darin, dass in den ersten Versen aller Strophen das Verb und das Subjekt, also der Satzkern fehlt – zu ergänzen wäre dreimal „Man darf sagen“ oder „Man soll sagen“; das zeigt, dass der Sprecher Vorschläge macht oder Verbote (wenn man die jeweils vorhandene Negation berücksichtigt) ausspricht. Es folgen auf dieses einleitende Verbot Begründungen dafür, dass man so nicht sprechen soll oder kann. Daraus ergibt sich dann eben die abschließende Frage (V. 17).

Die Bezeichnung „Selbstmord“ wird abgelehnt, weil – so der Sprecher – nicht der Selbstmörder mordet, sondern „dieses Leben“ (V. 3 f.). Das ist eine recht vage Aussage, die pauschal unterstellt, dass „dieses Leben“ in der Bundesrepublik Deutschland mörderisch (gewesen) ist; man muss schon sehr links eingestellt (gewesen) sein und etwa auch die Partei der Baader, Meinhof und Genossen ergriffen haben (vgl. das Gedicht „Die Anfrage“), um im Hinweis auf „dieses Leben“ ein Mordmotiv zu erkennen. Aus dieser Perspektive kann man in der Tat in der Bezeichnung „Selbstmord“ eine Verleumdung erkennen (V. 2). – Nur der Zeilenschnitt weist die vier in normaler Prosa gesprochenen Zeilen als Gedicht aus; die beiden ersten trennen semantische Einheiten, der Schnitt hinter „die“ (V. 3) hebt „dieses Leben“ (V. 4) als Täter oder Mörder hervor.

Als nächste Bezeichnung wird „Freitod“ abgelehnt, und zwar mit einer doppelten Begründung: Freitöter (ein Neologismus, abgeleitet von „Freitod“) seien andere Typen (V. 6 f.), die töten und trotzdem frei ausgehen – für Staatsmänner ist das nicht zu bestreiten, für Polizisten in unserem Land allerdings schon. Das zweite Argument steckt in der rhetorischen Frage, ob die Tötung den Betroffenen wirklich freigestanden habe (V. 8). Die rhetorische Frage impliziert die Antwort „Nein“, die allerdings problematisch ist, wenn man das so pauschal behauptet; es gibt doch Leute, die ernsthaft sterben möchten – deren Recht auf Autonomie hat das Bundesverfassungsgericht gerade erst bestätigt (26.02.2020): „Das allgemeine Persönlichkeitsrecht (Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG) umfasst ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Dieses Recht schließt die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen und hierbei auf die freiwillige Hilfe Dritter zurückzugreifen.“ – Der Zeilenschnitt in der zweiten Strophe folgt i.W. dem Satzbau.

Für die Diskussion der dritten Bezeichnung nimmt der Sprecher sich die doppelte Zeit (zwei Strophen): „den letzten Ausweg wählen“. Die Konstruktion der dritten Strophe ist etwas ungewöhnlich: Das Subjekt „sie“ (V. 10) wird erst nachträglich in einer Apposition bestimmt: „die einfachen Leute“ (V. 11), deren Abschiedsbotschaften zitiert werden. Wieso das die einfachen Leute sein wollen, erschließt sich mir nicht.

Das zweifache Argument gegen diese Bezeichnung oder Erklärung steht in der vierten Strophe, wieder in zwei rhetorischen Fragen. Die erste Frage hätte nur Sinn, wenn man von der Bezeichnung „Freitod“ ausgeht, nicht aber vom „letzten Ausweg“ (V. 13 mit V. 12); denn um den letzten Ausweg zu nehmen, braucht man nicht die Wahl zu haben, im Gegenteil. Hier käme man im Sinne des Sprechers höchstens weiter, wenn man nach dem Attribut „Ausweg vor was?“ fragte; da man aber vom letzten Ausweg immer ohne dieses Attribut spricht, beansprucht man gerade, keine Wahl zu haben – nur so kann dieses Wort als Erklärung oder Entschuldigung oder Bitte um Verständnis dienen. Auch die zweite Frage ist mit dem Wortspiel vom „vorletzten Ausweg“ (V. 16, analog dem „letzten“) nicht plausibel: Wenn man am letzten Ausweg ankommt, hat man den vorletzten bereits verpasst; beim letzten Ausweg nach dem vorletzten zu fragen nimmt den, der sterben will, und seine Lage nicht ernst.

Der Zeilenschnitt in den beiden letzten Strophen hebt „die einfachen Leute“ (V. 11) hervor, ohne dass diese Bezeichnung dadurch plausibler würde, ebenso die Wendung „einen vorletzten Ausweg“ (V. 16), wo schon die Wortbildung überraschend ist; in den anderen Fällen folgt der Zeilenschnitt dem Satzbau.

Auf die ratlose Schlussfrage, die in ihre Sonderstellung durch nur eine Zeile gelangt, als die Konsequenz aller Überlegungen ist bereits hingewiesen worden. Eine Untersuchung verdient die Bezeichnung „das Namenlose“ (V. 17). Das ist zunächst das, wofür drei gängige Namen abgelehnt worden sind, weshalb es als namenlos erscheint. Nimmt man jedoch diese Bezeichnung als endgültigen „Namen“ für jenes Namenlose, dann deutet sich darin der Abgrund an, in den man blickt, wenn ein guter Bekannter sich selbst getötet hat.

Angesichts sowohl des Namenlosen wie auch des eigenen Erschreckens könnte man, statt nach einem passenden Namen zu fragen, jedoch überlegen, wie man Verzweiflungstaten wie die Selbsttötung vielleicht verhindern kann – das wäre eine humanere Alternative an Stelle der allerdings logisch erscheinenden Schlussfrage (V. 17). In diesem Gedicht hat Erich Fried in guter „linker“ Absicht um sich gehauen und dabei nicht darauf geachtet, ob er nicht vielleicht auch die Falschen trifft.

Erich Fried: Was ist uns Deutschen der Wald? – Analyse

Ein ewig grünender Vorwand…“ (Text: http://lehrerbarth.de/Deutsch/gedichte/gedicht9.htm)

Im Jahr 2008 durften sich die Schüler des Saarlandes im Abitur mit Erich Frieds Frage befassen, auf die ein anonymer Sprecher im Gedicht ganz viele Antworten anbietet. Er zählt sich (bzw. wird vom Autor, der die Überschrift setzt, gezählt) zu den Deutschen, die in der Überschrift als Wir-Gemeinschaft auftreten. Die Antworten werden in fünf Strophen als Fortsetzung des durch die Titelfrage vorgegebenen Satzkerns „Der Wald ist uns [d.h. bedeutet uns, N.T.] Deutschen“ gegeben.

Die erste Antwort lautet: ein Vorwand zur Definition, zum Hören, zur Freude (1. Strophe). In dieser scheinbar einfachen Antwort steckt eine große Komplexität. Schon das Attribut „ewig grünender“ (V. 1) greift eine gängige Bezeichnung des Waldes auf, die kategorial nicht zu „Vorwand“ passt – ein syntagmatischer Bruch, der den Leser irritiert. Auch zwischen „Geräusche / Rauschen oder Stille“ gibt es einen Bruch, da hier die positiv dem Wald normalerweise zuerkannten Attribute als bloße Geräusche (V. 2) entlarvt werden – genauer: die Definition dieser Geräusche als schönes Rauschen oder erhabene Stille wird entlarvt, indem solche Bezeichnungen als „Vorwand zur Definition“ (V. 1 f.) bezeichnet werden. Exakter müsste der Sprecher sagen, nicht der Wald, sondern seine Verehrung sei ein solcher Vorwand; die verehrende Hinwendung zum Wald steckt in der Bewertung im Attribut „ewig grünender“ (V. 1). Wozu brauchen wir Deutschen einen solchen Vorwand? Das sagt der Sprecher nicht; doch er nennt als weiteren Vorwand den „zum Hören des Schweigens“ (V. 4) – ein Widerspruch in sich, der die religiöse Dimension der Waldverehrung andeutet (GOTT als coincidentia oppositorum, mit Nikolaus Cusanus gesprochen: der Zusammenfall der Gegensätze im Unendlichen, s. https://de.wikipedia.org/wiki/Coincidentia_oppositorum). Solchem Bedürfnis nach Verehrung des Umgreifenden diene der Wald als Vorwand, sagt der Sprecher. Ein weiterer Widerspruch steckt in der dritten Bestimmung: Vorwand zur geselligen Freude an der befreienden Einsamkeit: Wenn man sich der Einsamkeit im Wald in Gesellschaft erfreut (V. 5 f.), wird die Einsamkeit aufgehoben, geht das zwanglos Befreiende in den Ritualen der Geselligkeit unter.

In der Aufdeckung der Widersprüche und im negativ konnotierten Nomen „Vorwand“ (V. 1) finden wir die Pointe der ersten Antwort: Die Deutschen betrügen sich mit ihrem Wald, mit ihrer Waldverehrung. Der Sprecher benutzt die normale Umgangssprache, erweist sich in der Konstruktion der Widersprüche aber als ein großer Dialektiker. Der Zeilenschnitt dient hier dazu, die einzelnen Glieder der Widersprüche zu isolieren und so einander zu konfrontieren (V. 1-2, 2-3, 5-6; nur in V. 4 steckt der Widerspruch in einer Zeile).

Wer hat dich, du schöner Wald, / Aufgebaut so hoch da droben? / Wohl, den Meister will ich loben…“ Solche romantischen Waldgedichte Eichendorffs muss man kennen, wenn man Frieds Gedicht verstehen will: Dem gemäß decke der „deutsche Wald“ Hochgefühle, „die anderwärts nicht mehr gedeckt sind“ (V. 8). Dass mit dem Waldpathos Hochgefühle gedeckt werden, steht schon in Strophe 1; jetzt kommt die nüchterne Bewertung, dass sie eben Gefühle einer vergangenen Zeit sind, also heute („nicht mehr“, V. 8) kein Fundament in unserer Lebenswelt haben – was in der 1. Strophe bereits durch die Brüche und inneren Widersprüche angedeutet war. „Vertiefung in die äußerste Innerlichkeit“ (V. 9) ist ebenso etwas, was „der deutsche Wald“ abdecken muss; das entspricht dem „Hören des Schweigens“ (V. 4) und ist in sich genau so widersprüchlich formuliert (äußerst / Innerlichkeit). Was damit gemeint ist, wird in der folgenden Paraphrase von Goethes Gedicht „Gefunden“ („Ich ging im Walde / So für mich hin…“) angedeutet, etwas lässig-umgangssprachlich („im Sinne“, V. 11; „aller Funde“, V. 12; „womöglich“, V. 13) und damit von Goethe distanziert. Der Zeilenschnitt folgt den Sinneinheiten, also den syntaktischen Blöcken (Sätzen und Satzteilen). Zur Strophe gehören sieben Zeilen – insgesamt schwankt die Zahl der Zeilen in den fünf Strophen von fünf bis sieben.

Der deutsche Wald“ und das damit verbundene Gefühlspathos dient verschiedenen Zwecken, zeigt das Gedicht auf (Str. 1-5): Er ist

  • ein Vorwand für…
  • eine Deckung für…
  • ein Anlass zu…
  • eine Gelegenheit zu…
  • ein Grund zu…,

das sind fünf verschiedene Ausdrücke dafür, einen Zweck anzugeben. In der dritten Strophe werden zum „Anlass zu…“ verschiedene Gefühle und Handlungen aufgezählt; in der ersten dient dazu das Wortspiel „gelassen verlassen“ (V. 14), das wieder in sich widersprüchlich ist. Der zweite Widerspruch („vor lauter Bäumen die Bäume nicht sehen“, V. 15) verdreht auf unsinnige Weise die Redensart „vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen“. Markierungen haben in einem der Innerlichkeit dienenden Ort (V. 16, mit V. 9) eigentlich nichts zu suchen. Der vierte Zweck läuft auf einen bewusst sinnlos formulierten Widerspruch („Todeswarnungen, die sie nicht lesen können“, V. 18) hinaus: erstens können Hunde nie lesen, und zweitens dienen die Warnungen den Menschen, nicht den Hunden. Sprachlich gibt es sonst gegenüber den beiden ersten Strophen nichts Neues.

In der vierten Strophe wird die Liste der Wortspiele und Widersprüche fortgesetzt, diesmal im Hinblick auf die Waldwirtschaft: Man bahnt Wege, aber keine Holzwege (V. 20), sondern kann allenfalls auf einem Holzweg sein (Wortspiel „Holzweg“ – Wald); „kurz und klein schlagen“ (V. 21) ist hier abwertende Bezeichnung des Bäume Fällens, was als geplante Aktion natürlich kein „Schicksalsschlag“ (V. 22) sein kann – auch hier wieder ein Wortspiel (schlagen – Schicksalsschlag, V. 21 f.). Ebenfalls doppeldeutig ist „von Fall zu Fall“ (V. 23), hier auch auf das Fallen eines gefällten Baumes bezogen. In den beiden letzten Versen ist gleich ein doppelter Widerspruch vorhanden: äußerlich vernichten – innerlich errichten (V. 24 f.). Der Zeilenschnitt folgt wieder den syntaktischen und semantischen Einheiten. In V. 24 f. finden wir erstmals einen Paarreim.

Dieses Reimschema wird in der letzten Strophe beibehalten; hier wird der Ton noch deutlicher ironisch – bereits die Vielzahl der inneren Widersprüche war in den ersten vier Strophen ein Hinweis auf eine ironische Schwingung in der Sprache. Satiresignal ist die Tatsache, dass Phänomene als gleichartig zusammengestellt werden, die semantisch (bzw. syntagmatisch) nicht zueinander passen: im Wald lieben / schießen (V. 26; ebenso V. 29 und V. 31), massiv das Zeugma in V. 27 („ins Herz und für den Durchgang schließen“), die inneren Widersprüche (der Wald gehört auch zur ganze Welt, die verneint wird, V. 28; Schweigen feiern in schallenden Chorgesängen, V. 30); auch die Reimwörter passen partout nicht zueinander: in ihm schießen – ihn für den Durchgang schließen (V 26 f.); vereinen – verneinen (V. 28 f.); in Chorgesängen – sich erhängen (V. 30 f.); sie sind so Zeugnisse des satirischen Tones, in dem die deutsche Waldbegeisterung verspottet wird.

Mit diesem Gedicht bezieht Erich Fried sich kritisch auf eine literarische Tradition der innerlicher Seligkeit, in der dem deutschen Wald vor allem im 19. Jahrhundert Denkmäler gesetzt wurden. Eines davon stammt von Leberecht Blücher Drewes (1816-1870):

Frühmorgens, wenn die Hähne krähn,
Eh‘ noch der Wachtel Ruf erschallt,
Eh‘ wärmer all‘ die Lüfte wehn,
Vom Jagdhornruf das Echo hallt:
Dann gehet leise
Nach seiner Weise
Der liebe Herrgott durch den Wald.“

Das wird heute noch von Heino (https://www.youtube.com/watch?v=cY5XDvuKzPY), von Chören (https://www.youtube.com/watch?v=ITakopQqiAc) oder in der Bundeswehr (https://www.youtube.com/watch?v=Xs5XKYNe7PU) gesungen. Und von Peter Rosegger gibt es die Erzählung „Der liebe kleine Gott geht durch den Wald“. Da kann man mit Fried (in: „Die Beine der größeren Lügen“, 1969) nur noch entgeistert fragen: Was ist uns Deutschen der Wald? Gewidmet ist das Gedicht Hans Mayer.

P.S.

Der Abiturient, der unter dem Pseudonym „sebastian29189“ (vermutlich sein Vorname und sein Geburtsdatum) von der Abituraufgabe im Saarland berichtet hat (http://www.uni-protokolle.de/foren/viewt/183727,0.html), schreibt zur Interpretation des Gedichtes u.a.:

Ich interpretierte allgemein die Ambivalenz des Waldmotivs in der Literatur und auch in der Wahrnehmung des Menschen vom romantischen Wald bis hin zu einem fremden Ort, der den Mensch entfremdet und isoliert beziehungsweise ein Ort, wo Menschen auf dem Holzweg sind und ihren Weg verlieren. Mit anderen Worten und kurz ausgedrückt warnt der Lyriker davor, den Weg zu verlieren, sich zu isolieren und blind durch das Leben zu gehen. Er hält es für wichtig, sehend und auf die Gemeinschaft Rücksicht zu nehmen und warnt „vor lauter bäumen die bäume nicht mehr zu sehen“ also den Menschen und das Einzelschicksal aus dem Blick zu verlieren. Er spricht sich für Toleranz aus… In dieser Art habe ich interpretiert.
Meine Frage lautet nun, inwiefern ihr es als bedeutend seht, die „wildernde Hunde“, die ich als eine allgemeine Bedrohung oder auch als einen Teil des Waldes gesehen habe, als Nazis interpretieren würdet und inwiefern die Chorgesänge für die Gesänge der Nationalsozialisten stehen.

Da sieht man, was arme Schüler von sich geben, wenn sie nicht zu lesen gelernt haben, sondern bloß „interpretierend“ anhand einzelner Wörter zu phantasieren (und wenn man ihnen zu Gedichten, die sich mit literarischen Traditionen auseinandersetzen, keine Zusatzinformationen gibt – aus denen sie im Zweifelsfall aber bloß abschreiben würden).

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Wald (Deutscher Wald)

https://www.planet-wissen.de/natur/landschaften/deutscher_wald/deutscher-wald-sehnsuchtsort-100.html (Die Deutschen und ihr Wald)

https://www.bpb.de/apuz/260674/natur-der-nation-der-deutsche-wald-als-denkmuster-und-weltanschauung (Der „deutsche Wald“ als Denkmuster und Weltanschauung)

http://www.buergerimstaat.de/1_01/wald_01.pdf (Der deutsche Wald)

http://s128739886.online.de/deutscher-wald/ (Deutscher Wald)

Erich Fried: Kinder und Linke – Analyse

Wer Kindern sagt…“

In diesem Gedicht werden in drei Strophen fünf verschiedene Möglichkeiten beurteilt, wie man mit Kindern über ihr Denken sprechen kann. In den beiden ersten Strophen stellt der anonyme Sprecher lehrhaft vier falsche Möglichkeiten vor, jeweils in drei Versen, die nach dem gleichen Schema aufgebaut sind:

Wer Kindern sagt

[was sie zu denken haben]

der ist ein Rechter“

Entscheidend ist hier, dass den Kindern überhaupt gesagt wird, was sie zu denken haben; dem ist gleichwertig, dass man ihnen sagt, es sei egal, was sie denken (V. 11), weil man sie so nicht beachtet. Es kommt in der Kritik des Sprechers darauf an, dass man ihnen überhaupt das Denken vorschreiben oder verbieten (V. 8) will oder ihr Denken nicht ernst nimmt (V. 11). Die Kritik steht dann im jeweils dritten Vers, immer gleich lautend: „der ist ein Rechter“, also ein Reaktionär, ein Gegner des Fortschritts. Bemerkenswert ist, dass auch nur ein Rechter vorschreibt, links zu denken (V. 4-6); damit wird jeder Zensur und jeder Konformität, wie sie im „real existierenden“ Sozialismus (SU, DDR usw.) gang und gäbe war, eine Absage erteilt.

Richtig dagegen, sagt der Sprecher, sei es, den Kindern zu sagen,

a) was man selbst denkt,

b) dass daran etwas falsch sein könnte;

wer so zu ihnen spricht, „der ist vielleicht / ein Linker“ (V. 17 f.). In den beiden zitierten Versen ist das Modalwort „vielleicht“ durch den Zeilenschnitt betont und auch dadurch, dass in den vier vorhergehenden Bewertungen (V. 3, 6, 9, 12) das Modalwort fehlt. So mit Kindern zu sprechen ist also nur eine notwendige, aber noch keine hinreichende Bedingung dafür, „ein Linker“ zu sein. Ein Linker, ein Vertreter der Humanität, relativiert also als Lehrer seine eigene Position, stellt sie zur Kritik; diese These findet man in vielen Gedichten Brechts, besonders eindrucksvoll in „Lob des Zweifels“ und „Der Zweifler“, aber auch in anderen. Die richtige Möglichkeit steht nach den Regeln nicht nur literarischen Sprechens und Erzählens am Schluss; da gehört sie hin, sie ist die Pointe der Ausführungen.

Noch eine Besonderheit, richtig vom Denken zu sprechen, besteht darin, dass man sagt, was man selber denkt: Erstens denkt man selber (was nicht selbstverständlich ist!), und zweitens steht man öffentlich dazu (was ebenfalls nicht selbstverständlich ist). Mit solchem Selbstbewusstsein verträgt es sich ausgezeichnet, dass man seine eigene Fehlbarkeit zugeben kann – nur mit solchem Selbstbewusstsein kann man das. Dem selbstbewussten Standpunkt-Nehmen entspricht das Ziel, Kinder in die Mündigkeit, in die Autonomie zu entlassen.

Der Sprecher redet in normaler Umgangssprache; der Zeilenschnitt folgt dem Satzbau (bis auf V. 17/18, s.o.). Für die Erläuterung der richtigen Art, zu Kindern zu sprechen, braucht es mehr Platz (sechs Verse) statt der sonst ausreichenden drei Verse.

Das Gedicht ist leicht zu verstehen – ihm gemäß zu handeln ist schon etwas schwerer, aber unbedingt notwendig; schließlich muss man dafür kein Linker sein. Am Rand der Analyse sollte man festhalten, dass hier die Unterscheidung „ein Linker / ein Rechter“ sich der Bedeutung „richtig / falsch handeln“ nähert, allerdings nicht ihr gleich ist. Erich Frieds Probleme, wer wahrhaft ein Linker ist, brauchen uns nicht mehr zu interessieren; erfreulich ist, dass er sich von Stalinisten und Betonkommunisten abgrenzt und ihnen abspricht, wahrhaft Linke zu sein – wenn wir denn annehmen dürfen, der anonyme Sprecher trage Frieds Ansichten vor, wogegen nichts spricht. Die Schlag- und Schimpfworte „ein Linker – ein Rechter“ sind in der politisch aufgeheizten Stimmung heute nicht hilfreich (und waren es vielleicht noch nie); wenn ich Frieds Gedicht lese, geht es mir jedenfalls darum, wie man richtig mit Kindern umgeht, egal welches Etikett man später darauf klebt.

Text und Vortrag Fritz Stavenhagens: https://www.deutschelyrik.de/kinder-und-linke.html

Erich Fried: Wo lernen wir – Analyse

Wo lernen wir leben…“

Text: https://lyricstranslate.com/de/erich-fried-wo-lernen-wir-lyrics.html u.ö.

Mit diesem Gedicht vom Lernen greift Erich Fried eines der großen Themen Bertolt Brechts auf. Ein anonymer Sprecher bedenkt monologisch – für Zuhörer gibt es jedenfalls keine Anzeichen – wichtige Fragen, die um das Thema „lernen“ kreisen; dieses Thema ist viel zu wenig bedacht, auch wenn es heute von Coachs, Beratern und Therapeuten wimmelt: dies vielleicht deshalb, weil wir zu leicht am Leben-Lernen scheitern.

Die erste Frage ist die elementare, die sozusagen alle weiteren in sich einschließt: „Wo lernen wir leben“? (V. 1) Das Leben des Organismus ist ein Faktum; deshalb meint leben lernen: richtig zu leben lernen, sein Leben zu führen lernen, ein gelingendes Leben zu führen lernen. Es folgen fünf Fragen, in denen Dimensionen des gelingenden Lebens vor unsere Augen treten.

Die zweite Frage gilt dem lernen Lernen (V. 2-4). Damit ist hier nicht das bekannte schulische „das Lernen lernen“ gemeint, sondern etwas anderes, das in der Gegenüberstellung lernen/vergessen expliziert wird: Man muss auch das Vergessen lernen, sagt der Sprecher, „um nicht nur Erlerntes zu leben“ (V. 4) – wichtig ist hier das Verb „leben“ (vgl. V. 1): Wer nur Erlerntes lebt, kann keine eigenen Erfahrungen machen, kann aus seinen Erfahrungen nichts lernen und kann nichts Neues entdecken; sein Leben wird ausschließlich von der Tradition bestimmt, wie es vor zwei- oder dreihundert Jahren der Fall war, vor dem großen Epochenumbruch um 1800. Das Verb „vergessen“ (V. 3) ist hier also in einem weiten Sinn zu verstehen: Altes hinter sich lassen, sich über Traditionen hinwegsetzen: das Programm einer jeden Aufklärung, als deren Motto Kant „sapere aude“ bestimmt hat: Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. Die vier kleinen Sätze der ersten Strophe, in normaler Sprache formuliert, machen jeweils einen Vers aus; der Zeilenschnitt bringt keine Überraschung hervor.

In der zweiten Strophe werden zwei Grundhaltungen oder Tugenden miteinander als zu lernende konfrontiert: klug sein / ehrlich sein (V. 5-11). Sie werden beide in Bezug auf die Liebe problematisiert. Man muss „klug genug sein“ (V. 5) – also nicht nur klug sein, sondern es auch im richtigen Maß sein – um bestimmte Fragen zu vermeiden, welche die Liebe zerstören können („nicht einträchtig machen“ = Zwietracht erzeugen, V. 8). Außerdem muss man „ehrlich genug sein“ (V. 10), kritische Fragen um der Liebe willen nicht zu unterdrücken (V. 11 f.). Durch das Modalwort „genug“ wird für beides das richtige Maß eingefordert, das natürlich nicht abstrakt bestimmt werden kann; jedenfalls kann die Liebe durch unziemliche Fragen und die Ehrlichkeit durch unziemliches Schweigen gefährdet werden – beides darf nicht der Fall sein, fordert der Sprecher mit seinen beiden Fragen. Beide Tugenden setzen voraus, dass zwei starke Persönlichkeiten in Liebe verbunden sind, was nicht immer der Fall ist. Die zweite Strophe besteht aus sieben Zeilen; die ersten drei (V. 5-7) sind nach dem Schema von V. 2-4 aufgebaut (ein Satz pro Zeile), die letzten vier (V. 8-11) sind eigenwillig geschnitten, ohne dass dadurch Erkenntnis gefördert würde – man könnte sie auch in drei Versen unterbringen (so ist der Zeilenschnitt hinter „und wo“, V. 8, überflüssig, ein Schnörkel). Sprachlich hat sich gegenüber der ersten Strophe nichts geändert.

Das gilt auch für die dritte Strophe, die aus acht Zeilen besteht: zweimal vier Verse, die jeweils in zwei plus zwei aufgeteilt sind (lernen + Infinitiv, es folgt ein Nebensatz). Da alle Strophen aus einem einzigen Satz bestehen, wird die zweite Frage danach, wo wir etwas lernen, immer mit „und“ eingeleitet (V. 2, 8, 16). In der letzten Strophe wird zwar zweimal das Nomen „Wirklichkeit“ genannt (V. 13, 19), aber die eigentliche Aussage liegt naturgemäß in den Verben: sich gegen die Wirklichkeit wehren / träumen und wach sein für Träume (V. 13, 16 f.). Inwiefern will uns „die Wirklichkeit… um unsere Freiheit betrügen“ (V. 13 ff.)? Es muss sich da um eine Wirklichkeit handeln, welche unsere Lebensmöglichkeiten einschränkt – was offensichtlich der Fall ist, unterstellt der Sprecher (als Vertreter des Radikalsozialisten Erich Fried). Die Möglichkeiten kennen wir nur in unseren Träumen, also in unseren Utopien (nicht in den nächtlichen Träumen!). Auch solches Träumen muss man lernen, weil bürgerliche Erziehung normalerweise darauf hinausläuft, dass man sich den Gegebenheiten anzupassen hat: „Was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten.“ Die Verbalphrase „wach sein für Träume“ (V. 17) klingt zunächst paradox, weil man ja nur während des Schlafens träumt; unsere Erklärung des Träumens löst aber den scheinbaren Widerspruch in der Phrase auf. Das Verb „wach sein“ spielt zudem in das Metaphernfeld „schlafen / erwachen“ hinein, das gern benutzt wird, um zu einem neuen Aufbruch aufzurufen. Als Beispiel sei nur Georg Herweghs „Wiegenlied“ genannt, wo Deutschland ironisch dazu aufgefordert wird, weiter zu schlafen (https://gedichte.xbib.de/Herwegh_gedicht_Wiegenlied.htm und https://norberto42.wordpress.com/2012/01/29/georg-herwegh-wiegenlied-analyse/). Das Wortspiel „Träume / Wirklichkeit“ (V. 17 / V. 19) wird hier dazu genutzt, die Träume von einem gelingenden Leben in einer besseren Welt nicht wie üblich als „Schäume“ abzuwerten; vielmehr sollen sie „unsere Wirklichkeit werden“ (V. 19). Hier ist das Pronomen „unsere“ bedeutsam; es zeigt an, dass die vom Sprecher gemeinten und eingeforderten Träume nicht Träume vom privaten Glück sind, sondern solche, die uns alle betreffen.

Die Pronomina „Wir / unser“ (Plural!) findet man durchgängig (V. 1, 2, 5, 7 usw.). Sie zeigen an, dass für das gelingende Leben zu sorgen eine Gemeinschaftsaufgabe ist, die der einzelne für sich nicht lösen kann. In Frieds Gedicht wird eine große Aufgabe formuliert. Hans-Jochen Gamm: Umgang mit sich selbst. Grundriß einer Verhaltenslehre, München 1977 = Reinbek 1979, zielte in die gleiche Richtung wie Frieds Gedicht. Vergleiche auch Glück und Utopie. Ein Arbeitsbuch von Leonhard Horster und Norbert Tholen, Frankfurt 1988.

S. hat mir vor langen Jahren Erich Frieds „100 Gedichte ohne Vaterland“ geschenkt; dessen erneute Lektüre hat mich veranlasst, zusätzlich seine Gedichte zu lesen, soweit sie im Netz in größeren Sammlungen vorliegen. Daher ist diese Analyse für S.

Erich Fried: Markttag auf Kreta – Analyse

Der Sklavenhändler hatte…“

Dieses Gedicht ist zuerst 1972 in „Die Freiheit den Mund aufzumachen“ veröffentlicht worden, dann in der Anthologie „100 Gedichte ohne Vaterland“ (Wagenbach, Berlin 1978, S. 102 f.). Leider ist es im Netz nicht zu finden. Es erinnert von fern an Heinrich Heine: Das Sklavenschiff (https://www.deutschunddeutlich.de/contentLD/GD/GT61psSklavenschiff.pdf).

Erzählt wird (in 13 Strophen zu vier Versen) von einem Sklavenhändler, der „hatte / eine Schwäche für Freiheit / im Rahmen des wirtschaftlich Denkbaren“ (V. 1-3); damit ist gleich zu Beginn des Sklavenhändlers vermeintliche Humanität entlarvt,

  • weil er als Sklavenhändler Menschen in die Unfreiheit verkauft,
  • weshalb er keine Schwäche für die Freiheit haben kann (innerer Widerspruch),
  • die sich ohnehin nur „im Rahmen des wirtschaftlich Denkbaren“ bewegt.

Dieser Sklavenhändler hält vor seinen Sklaven eine Rede, in der er sie zu gegenseitigem Nutzen zur Kooperation auffordert: Sie sollen ihm ihre besondere Fähigkeit nennen, damit er sie als Sklaven für sie und für ihn optimal verkaufen kann (Str. 3-7).

Diogenes erklärt ihm, er verstehe es nur, „über Menschen zu herrschen“ ( (V. 36), und wolle deshalb an jemand verkauft werden, „der einen Gebieter braucht“ (V. 38). Das ist natürlich paradox, dass ein Sklave herrschen will und dass jemand einen Sklaven als seinen Gebieter kaufte. Jedenfalls wird Diogenes an den Korinther Xeniades vekauft, „der wirklich einen / Gebieter brauchte / nämlich für seine zwei Söhne“ (V. 46-48). Dieser kleinere Teil des erzählten Geschehens geht auf die antike Tradition zurück: Im 4. vorchristlichen Jahrhundert kaufte der reiche Korinther Xeniades Diogenes von Sinope als Sklaven, schenkte ihm die Freiheit und machte ihn zum Erzieher seiner Söhne.

Das Gedicht schließt mit der 13. Strophe:

Denen [den Söhnen, N.T.] brachte Diogenes bei

Wie nichtig Reichtum und Rang sind

und wie gut Sklaverei sich verträgt

mit der inneren Freiheit“

Dieser Schluss gibt ein Rätsel auf: Ist diese Lehre des Diogenes wörtlich gemeint oder ironisch zu lesen (im Sinn objektiver Ironie)? Für die erste Lesart spricht, dass Bedürfnislosigkeit und Unabhängigkeit von äußeren Zwängen tatsächlich den Kern der Lebensphilosophie des Diogenes darstellten; außerdem ist er so unverfroren vorzuschlagen, er wolle als ein Gebieter verkauft werden. Für die zweite Lesart spricht die Tatsache, dass in den Reden des Sklavenhändlers Freiheit nur im Rahmen des wirtschaftlichen Kalküls etwas zählt, also nichts zählt – anderseits ist Diogenes nicht der Sklavenhändler, er ist eher dessen Gegenfigur und könnte (mit seinem „Zynismus“, also seiner Hunde-Lebensweise) als Gegenbeispiel zu dessen Zynismus da stehen; dazu passte auch, dass Erich Fried den Diogenes gegen die Tradition im Haus des Xeniades noch als Sklaven leben lässt: zur Demonstration der inneren Freiheit. Diese freilich wird von Diogenes hier nur behauptet, nicht aber vorgelebt – dafür müsste man wieder auf das zurückgreifen, was aus der Tradition über ihn bekannt ist.

Allerdings wird man wieder misstrauisch, wenn man weiß, was Erich Fried 1969 im Gedicht „Von der inneren Freiheit“ geschrieben hat.

Diogenes von Sinope:

https://de.wikipedia.org/wiki/Diogenes_von_Sinope

https://www.spektrum.de/lexikon/philosophen/diogenes-von-sinope/91

http://www.gavagai.de/philosoph/HHP42.htm

Erich Fried: Von der inneren Freiheit – Analyse

Ich bückte mich…“

Soll man bei der inneren Freiheit von einer Erfahrung oder von einer Theorie sprechen? Es gibt einerseits Fälle, in denen Gefangene großartige Beispiele ihrer Unbeugsamkeit, ihrer inneren Freiheit gegeben haben; ich denke etwa an Carl von Ossietzky und andere, die im Widerstand gegen das Dritte Reich sich nicht haben beugen lassen. Anderseits kann das Lob der inneren Freiheit auch darüber hinwegtrösten, dass einem die „äußere“ Freiheit der Bewegung, der Meinungsäußerung, der Partnerwahl, der Religionsausübung oder wessen auch immer verweigert wird. In dieses weite Feld hinein ist Erich Frieds Gedicht „Von der inneren Freiheit“ gesprochen. [Text und Verfilmung durch Schüler: https://www.youtube.com/watch?v=NLaTwimOJNQ]

Ein Ich-Erzähler spricht zu nicht präsenten Hörern über eine Begegnung mit „unserem Herren“ (V. 14, vgl. V. 3). Das könnte implizieren, dass er zu anderen Dienern des gleichen Herrn spricht ;vielleicht deutet er damit aber auch nur an, dass sein Herr über viele Diener gebietet. Die erzählte Begebenheit (Präteritum!): dem Herrn die Stiefel küssen, ist die Darstellung absoluter Unterwerfung unter einen Mächtigen; sie erinnert an die aus dem Altertum bekannte Proskynese oder Prostratio („das ausgestreckte Sich-Niederwerfen einer Person im Altarraum als Zeichen der Demut, Hingabe und flehentlichen Bitte“, Wikipedia 3/2020). Das Ich erzählt, dass es sich freiwillig zum Kuss bückte, worauf der Herr „Tiefer!“ (V. 6) forderte, also die Geste der Unterwerfung als noch nicht ausreichend empfand und die Demütigung steigerte. Ob es von Bedeutung ist, dass es sich bei den Stiefeln um glänzende schwarze Stiefel handelt (V. 2), kann ich nicht beurteilen; sie gehörten zu vielen Uniformen, von denen der Reiter bis zu denen der SS.

Die erste Strophe des Gedichts besteht wie die beiden folgenden aus sechs Zeilen, die nur durch den Zeilenschnitt als Gedicht markiert werden; erzählt wird in der Umgangssprache. Die Übergänge am Zeilenende erfolgen nach V. 1, vor allem nach V. 3 (→ „zu küssen“) und V. 5 (→ „Tiefer!“) überraschend.

Als das Ich dem Befehl nachkommt, spürt es „den Widerstand / meines Rückgrats“ (V. 10 f.). Es leistet also selber keinen Widerstand, nur das geist-lose Rückgrat wehrt sich gegen die Zumutung; dieses wird sogar (objektiv ironisch, subjektiv sicher nicht) personifiziert: Es wollte nicht krumm sein (V. 12), während das erzählende Ich keinen eigenen Willen besitzt. Das Ich preist diesen Widerstand des Rückgrats als „herrlich“ (V. 9), womit es sich selber als mieses Stück qualifiziert, weil es eben nicht Widerstand leistet; dieses Lob oszilliert also und lässt klar erkennen, dass dem Leser solche Unterwürfigkeit gegen den Strich gehen soll – der Dichter schiebt den Unterwürfigen als einen Pappkameraden vor, aus dessen Fehler man zu lernen hat: eine beliebte didaktische Methode. Der Zeilenschnitt hebt in dieser Strophe „herrlich“ (V. 9) und „meines Rückgrats“ hervor, wodurch die genannten Effekte hervorgerufen werden.

In der letzten Strophe wird erzählt, wie es weiterging und wie das Ich sein Erlebnis bewertet: Erstens kriecht das Ich weiter (V. 13), bleibt also in seiner unterwürfigen Haltung. Zweitens ist es froh und seinem Herrn dankbar für sein Erlebnis (V. 13 ff.): das „Erlebnis / meiner inneren / Würde / und Kraft“ (V 15 ff.). Das Adjektiv „inneren“ (V. 15 und Überschrift) ist doppeldeutig; normalerweise bedeutet es so viel wie seelisch-geistig, hier wird aber diese Bedeutung zerstört zugunsten von „(Knochen) im Körperinnern“, da ja nur das Rückgrat diese Kraft (V. 18) hatte, aber als Knochenstrang keine „Würde“ (V.17) besitzen kann. Vor allem „Würde“ wird durch den Zeilenschnitt überraschend hervorgehoben und objektiv ironisiert.

Wir haben ein lehrhaftes Gedicht vor uns (veröffentlicht 1969 in „Die Beine der größeren Lügen“ – ein Jahr nach ´68!), in dem durch die unwürdige Unterwerfung des Erzählers indirekt deutlich wird, dass man sich nicht durch Herren demütigen lassen soll. Man soll vor allem nicht von der inneren Freiheit (Überschrift) schwätzen, wenn man sie nicht außen zeigt, indem man sich gegen Unterdrückung wehrt; das ist die Botschaft des Dichters an die Leser. Das Lob der inneren Freiheit dient(e) den Mitläufern und Angepassten allzu oft als Entschuldigung ihrer Feigheit, nicht nur im Dritten Reich. – Als Gegengedicht könnte man Goethes „Prometheus“ lesen.

Erich Fried: Die Feinde – Analyse

Die schon vom Leben zerrissen…“

Dieses Gedicht besteht aus einem einzigen Satz: Der Hauptsatz steht ganz am Ende (V. 16); das ihn einleitende Demonstrativum „die“ greift auf die vier Relativsätze zurück, die ihm voraufgehen (V. 1 ff., V. 5 ff., V. 9 ff., V. 13-15) – vor V. 1 ist das Pronomen „Diejenigen“ zu ergänzen, dann ist die Konstruktion klar. Die in den vier Relativsätzen umschriebenen Personen „sind meine Brüder und Schwestern“ (V. 16), sagt der anonyme Sprecher zu nicht genannten Hörern oder zur Allgemeinheit. Über diese scheinbar belanglose Äußerung müssen wir noch nachdenken, wenn wir die Besonderheit der Brüder und Schwestern verstanden haben; sie sollen laut Überschrift ja „Die Feinde“ sein.

Es handelt sich dabei um Leute, die „schon vom Leben zerrissen“ sind (V. 1); es sind die kleinen Leute, die Ausgebeuteten, sagt man gewöhnlich mit Karl Marx. Ihre Besonderheit erkennt der Sprecher nun darin, dass sie nicht gegen die Unterdrücker kämpfen, dass sie nicht an ihren Ketten rütteln, sondern dass sie von völlig unsinnigen Sorgen geplagt sind, die mit ihrer Lage nichts zu tun haben: Sie haben die Sorge, „keine Antwort zu wissen / auf ungefragte Fragen“ (V. 3 f.). Solchen Antworten nachzusinnen ist sinnlos, weil die Fragen ja gar nicht gestellt sind, vielleicht auch sich gar nicht stellen. An welche ungefragten Fragen der Sprecher denkt, sagt er nicht. Ich vermute mit Nietzsche: „ich meine jene Fragen: wozu der Mensch? Welches Los hat er nach dem Tode? Wie versöhnt er sich mit Gott? und wie diese Kuriosa lauten mögen“ (Menschliches, Allzumenschliches II 16, s. https://www.textlog.de/20744.html), aber das ist nur eine Vermutung. Dass jene Sorge „immer noch“ (V. 2) besteht, deutet an, dass sie eigentlich überholt ist, dass man es jetzt besser wissen könnte – das passt gut in den Kontext von Nietzsches Aphorismus, auch wenn Erich Fried es sicher nicht mit Nietzsche hält und vielleicht auch an etwas anderes gedacht hat.

Die vier Verse sind im Kreuzreim aneinander gebunden; man darf hier aber (wie immer) nicht nach dem Zusammenhang der reimenden Wörter fragen, sondern muss mindestens den ganzen Vers beachten; dann findet man vier Verse von armen Menschen, die sich mit einer unnötigen Sorge plagen. In jedem Vers gibt es drei Hebungen bei freier Füllung, die Kadenz ist weiblich, was ein flüssiges Sprechen möglich macht. Die beiden letzten Verse (V. 3 f.) sind Attribut zu „Sorge“.

Die zweite Strophe setzt im Anschluss mit „und“ (V. 5) die Aussage über die vom Leben Zerrissenen fort; sie ist genau so wie die erste Strophe aufgebaut, ein Infinitivsatz (V. 7 f.) gibt an, womit sie ihr Leben verbringen („damit“ ist Objekt zu „verbringen“, V. 6). Das Reimschema entspricht dem von Strophe 1, die Anzahl der Hebungen schwankt. Auch die zweite genannte Bemühung der vom Leben Zerrissenen ist sinnlos oder eher unangebracht: Sie besingen „ihr ungelebtes Leben“, statt es zu beklagen oder statt sogar zu revoltieren; das zeigt, wie sehr sie irregeleitet sind, sie merken nicht einmal, dass sie ihr Leben nicht gelebt haben (und vielleicht von den Konsumangeboten darin getäuscht werden, was Leben heißen kann). Das tun sie den ihnen verbliebenen „Rest ihres Lebens“ (V. 5); hier ist „Leben“ einfach die Lebensspanne, während in V. 7 das wahre Leben gemeint ist. Spätestens jetzt fällt auf, wie stark das Nomen „Leben“ das Gedicht resp. die Äußerung des Sprechers bestimmt. Es steht auch in der Hauptaussage der dritten Strophe, dass sie nämlich bereit vielleicht sind, ihr Leben für etwas zu geben (V. 10).

Diese Strophe ist mit der Partikel „auch“, welche hier eine Steigerung der ideologischen Verblendung der Zerrissenen einleitet, an die zweite angeschlossen: Sie besingen nicht nur ihr verfehltes Leben, sondern sind vielleicht sogar bereit, für ihre Ideologie zu kämpfen und ihr Leben hinzugeben. Dass hier von einer Ideologie die Rede ist, sieht man in der zugehörigen Infinitivkonstruktion (V. 11 f.): Sie wollen partout nicht sehen, „wofür und wogegen sie leben“ (V. 12) – sie leben nämlich für ihre Ausbeuter und gegen die Möglichkeit der Befreiung. Ich kenne nicht die Entstehungszeit des Gedichtes, würde es aber aufgrund seiner Tendenz in den Kalten Krieg zwischen dem Westen und der Sowjetunion verorten; die verführten Zerrissenen wären dann die Westdeutschen, die zu einem Krieg gegen die SU bereit wären, welche als Trägerin der roten Revolution die Möglichkeiten sozialistischen Lebens offenhielte. – In dieser Strophe reimen sich nur V. 10/12; sonst gilt für die Sprache das Gleiche wie vorhin, der Sprecher bewegt sich mit seinem kritischen Blick (ungefragte Fragen, V. 4; ungelebtes Leben, V. 7) in der Ebene gehobener Umgangssprache.

Die vierte Charakterisierung der Zerrissenen wird adversativ mit „doch“ hinter der aufzählenden Konjunktion „und“ (V. 13) angeschlossen: Sie hoffen trotz ihrer Verblendung auf ein „Morgen“ (V. 13); in ihnen glüht also noch der menschliche Funke. Allerdings ist ihre Hoffnung notwendig eine verfehlte, eine getäuschte; denn sie lebt „ohne Wissen von Heute und Gestern“ (den Pendants und der historischen Basis des „Morgen“, V. 15), wie ja ihre Sorgen (Str. 1), ihre Lieder (Str. 2), ihre Unwissenheit (V. 11 f.) zeigen. In einer Apposition wird noch einmal ausdrücklich ihre Verdummung genannt, sie sind „allen Lügen und Täuschungen offen“ (V. 15); sie werden also belogen und getäuscht, aber sie lassen sich auch belügen und täuschen und sind somit ihr Elend auch selber schuld. Der Kontrast „Wissen / Lügen und Täuschungen“ (V. 14 f.) markiert die verfehlte Hoffnung der Zerrissenen; er zeigt den Ort des Gedichtes im ideologischen Kampf zwischen Kapitalismus und Sozialismus.

Sprachlich weicht der Sprecher in dieser Strophe nur in der Anzahl der Hebungen vom Schema der ersten Strophen ab (dreimal vier statt drei Hebungen). Das verdankt sich der überraschenden Pointe am Schluss des Gedichts: Die vom Leben Zerrissenen, die in ihrer ideologischen Verblendung ihr Leben völlig verfehlen, die deshalb sogar als „Die Feinde“ (Überschrift) betrachtet werden, „die sind meine Brüder und Schwestern“ (V. 16). Damit sagt der Sprecher, dass er die vom Leben Zerrissenen, vom Kapitalismus Getäuschten nicht aufgibt, dass er zu ihnen hält – und seine Äußerung über ihr verfehltes Leben mag als ein erster Beitrag zu ihrer Befreiung gedacht sein.

Die Kategorie der Bruderschaft ist seit Jahrtausenden bedeutsam; ich nenne jetzt nur vier Beispiele dafür, ohne damit ihre Bedeutung erschöpft zu haben:

  • Von Jesus ist in einer Rede vom Weltgericht der Satz überliefert, dass der Menschensohn als Richter nur einen Maßstab kennt: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr für mich getan.“ (Mt 25,40)
  • In den christlichen Orden wurde versucht, das wahrhaft christliche Leben im Sinn einer Bruderschaft zu führen (vgl. Mt 23,8).
  • In der französischen Revolution war „Brüderlichkeit“ eine der drei großen Losungen (fraternité).
  • Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ ist das Lied der Arbeiterklasse (https://www.youtube.com/watch?v=sJ4ZKzO4YJ), wo sich die Parole der Brüderlichkeit mit der Lichtmetaphorik verbindet.

Der Sprecher hat über dem Bekenntnis zu den verführten Brüdern auch die Schwestern nicht vergessen; sein Kampf gilt nicht ihnen – die wahren Feinde sind immer noch und bleiben die Ausbeuter.

Fritz Stavenhagen hat das Gedicht gut vorgetragen (https://www.deutschelyrik.de/die-feinde.html), doch etwas zu ruhig, zu wenig kämpferisch.

Erich Fried: Aber die Lauen – Analyse

Die da eintreten…“

Das Gedicht besteht aus einem einzigen Satz: Das Subjekt steht in V. 1-15, in V. 16-19 finden wir zwei Pädikate als Wünsche (Modalverb „sollen“, jeweils mit Infinitiv). Der Sprecher tritt nicht als Figur hervor, als Hörer ist die Allgemeinheit oder die ganze Menschheit angesprochen; denn der Sprecher redet wie ein priesterlicher Prophet von Segen und Fluch. So hat etwa Melchisedek, „Priester des Höchsten Gottes“, den Abram gesegnet (Gen 15,18 ff.), und im Deboralied (Richter 5,2 ff.) sind Jubel, Segen und Fluch im Siegestaumel der Sänger miteinander verbunden.

In Frieds Gedicht gelten Segen und Fluch auf eine eigentümliche Weise den „Lauen“. Denen wird schon in der Apokalypse Strafe angedroht. Der Seher Johannes soll dem Engel der Gemeinde in Laodizea nämlich schreiben: „Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch heiß bist. Ach, dass du kalt oder heiß wärest! Also, weil du lau bist und weder heiß noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.“ (Apk 3,15 f.) Und bereits Jesus selber hat Umkehr (Mk 1,15) und Entschiedenheit in der Nachfolge gefordert (Mk 8,34 ff. u.ö.). In Frieds Gedicht werden „die Lauen“ dagegen im Politischen ausgemacht; es sind die Leute, die „eintreten / für Kriege / ohne Greuel“ (V. 1-3). Sie zeigen eine scheinbar humane Einstellung, da sie ja Gräuel ablehnen; aber weil sie für Kriege eintreten, erweisen sie sich in Wahrheit als Menschenfeinde. Im Attribut „lau“ wird diese Haltung kritisiert: Sie seien weder richtig für noch gegen Krieg; denn Kriege ohne Gräuel könne es nicht geben – das zeigt die ganze Kette der sieben kritisierten Einstellungen auf (V. 2-15):

  • für Kriege ohne Gräuel
  • für Hinrichtungen ohne Grausamkeit
  • für Verurteilungen ohne Hinrichtung
  • für Strafvollzug ohne Schläge
  • für Verhöre ohne Folter
  • für Folter ohne bleibende Schädigungen
  • für Ausbeutung ohne zumutbare Härte

Sicher gibt es keine Folter „ohne bleibende Schädigungen“ (V. 13); im Begriff der Ausbeutung ist impliziert, dass den Ausgebeuteten mit unzumutbarer Härte begegnet wird; und sicher gibt es auch keine Kriege ohne Gräuel. Da die sieben kritisierten politischen Optionen asyndetisch hintereinander aufgezählt werden, stellen sie eine Reihe gleichartiger und gleichwertiger Optionen dar: Es sind in den Augen des Sprechers laue Optionen, weder warm noch kalt, weder human (gegen Krieg) noch zynisch (für Krieg mit seinen Gräueln). In den Augen des Sprechers sind es Optionen für etwas Unmögliches, die den Lauen nur das schöne Gefühl vermitteln, in ihrer Unmenschlichkeit human zu sein. Man könnte darüber streiten, ob es nicht doch andere Verurteilungen, anderen Strafvollzug und andere Verhöre gibt, als der Sprecher unterstellt – aber das gehört nicht in die Analyse des Gedichts, sondern in seine Bewertung.

Was wünscht der Sprecher den Lauen? Er wünscht, dass sie „sollen gesegnet sein / ohne Segen“ (V. 16 f.). Dieser eigenwillige, innerlich widersprüchliche Wunsch entspricht genau (auch im sprachlichen Aufbau) der Einstellung der Lauen, die ja „für Kriege / ohne Greuel“ (V. 2 f.) eintreten; der Segenswunsch steht damit unter dem Gesetz des Talion, das wir mit dem Merkvers „Wie du mir, so ich dir“ umschreiben. Ein Segen ohne Segen ist kein Segen – aber die Lauen haben es nicht besser verdient, sagt der Sprecher.

Die beiden abschließenden Verse (V. 18 f.) sind semantisch rätselhaft. In der Form sind sie parallel zu V. 16 f. aufgebaut, nur dass es jetzt um den Fluch statt um den Segen geht. Eine Verfluchung ohne Fluch wäre allerdings kein Fluch, während der Sprecher die Lauen jedoch offensichtlich verfluchen will – oder wäre eine Verfluchung zu viel des Guten bzw. Bösen für sie? Oder sollen sie „verflucht sein“ (V. 18), ohne dass eigens ein Fluch über sie ausgesprochen werden müsste (V. 19)? Die sprachliche Pointe, „Segnung“ und Verfluchung streng parallel zu formulieren, führt zu Verständnisproblemen, die man nur versuchsweise lösen kann.

Am Gedicht fällt auf, dass der Bereich des Politischen (V. 1-15) mit Wendungen der religiösen Sprache (Überschrift und V. 16-19) verbunden wird. Unter dem Primat des Politischen gewinnen die Wörter der religiösen Sprache eine bloß metaphorische Bedeutung, zumal da sie in ihrer Widersprüchlichkeit („gesegnet sein ohne Segen“, V. 16 f.) bereits ihres religiösen Kerns beraubt sind. Abgesehen von V. 1, in dem das Subjekt bzw. dessen Kern genannt wird, gehören jeweils zwei Zeilen zueinander, wobei die zweiten immer mit der Präposition „ohne“ eingeleitet werden, die ersten mit (eintreten) „für“ (bis V. 14), während in V. 17 und V. 19 die beiden Prädikate stehen, genauso asyndetisch aufgereiht wie die sieben politischen Optionen vorher.

Der Sprecher stellt sich in diesem Gedicht, ganz im Sinne Frieds, konsequent in die „linke“ Ecke: gegen Krieg, gegen Folter, gegen Ausbeutung.

Erich Fried: Notwendige Fragen – Analyse

Das Gewicht der Angst…“

Weder ist ein Sprecher noch ein Hörer (generisches Maskulinum) in diesem Gedicht auszumachen. Es geht in ihm um den Zusammenhang von Glück und Leid, von Mühe und Segen – aber auf eine sprachlich derart unbestimmte Weise, dass nicht einmal genau auszumachen ist, welches denn die notwendigen Fragen sind. Sicher stehen in V. 5-8 zwei Fragen: Wie viele Stein müssen geschluckt werden…? Wie tief muss man graben…? Ihnen sind in einer Aufzählung drei Nominalkomplexe vorgeordnet (V. 1-4), denen das Prädikat fehlt (die also keine Aussagen sind) und die ohne syntaktische Anbindung an die beiden bereits genannten Fragen stehen; man weiß deshalb nicht, in welchem Zusammenhang das Gewicht der Angst, die Ausmaße der Liebe und die Farbe der Sehnsucht (V. 1-4) zu Glück und Leid stehen, ja wie sie zueinander stehen: Sind sie gleichwertig? Oder gehört die Angst zur „Strafe für Glück“ (V. 6), das Ausmaß der Liebe aber zum Glück? Und wohin gehört die Sehnsucht mit ihren zwei verschiedenen (V. 3 f.) Farben?

Solche Unbestimmtheit, die wir bereits bei Gottfried Benn häufig antreffen, erweckt den Eindruck von Tiefsinn und lädt dazu ein, sich seinen Assoziationen hinzugeben und den bloßen Worten und ihren Anmutungen nachzuspüren; dann bekommt das Gedicht beinahe einen musikalischen Charakter, was man gerade bei Gottfried Benn bemerken kann. Musikalische Gedichte kann man persönlich beliebig interpretieren – analysieren kann man nur ihre Unbestimmtheit.

Von welcher Angst (V. 1) ist die Rede? Da gleich darauf Liebe und Sehnsucht genannt werden, liegt es nahe, an die mit der Liebe verbundene Angst zu denken. Gibt es da nur eine Sorte Angst? Selbst „Angst“ steht hier ohne Attribut (Angst vor…), absolut, als ob es überhaupt nur eine einzige Angst gäbe, die dann allerdings Gewicht hat (V. 1, eine Metapher): Angst bedrückt, Angst engt ein (das Wort „Angst“ ist mit dem indogermanischen „eng“ verwandt), sie nimmt einem die Luft zum Atmen.

Länge und Breite“ der Liebe (V. 2), das ist ein Bruch der Kategorien, da die Liebe kein Ding ist, weshalb „Länge und Breite“ metaphorisch verstanden werden müssen: das Ausmaß, von dem aber nicht gesagt wird, wie groß es denn sein soll. Gleiches gilt von der „Farbe der Sehnsucht“ (V. 3), die ja von Schatten und Sonne unabhängig ist, weshalb der Bezug auf Schatten und Sonne (V. 4) der Farbe, nicht der Sehnsucht zuzuordnen ist – ohne jeden möglichen Anhaltspunkt dafür, diese Farbe (oder zwei Farben?) näher zu bestimmen.

In den beiden Fragen zum Schluss tauchen zwei Bilder auf: Steine schlucken / tief graben (V. 5 / V. 7). Das Steine Schlucken lege ich so aus, dass Steine anstelle von Brot zu essen sind: Unverdauliches, das einen belastet, wie bereits der Wolf der sieben Geißlein feststellen musste. Wieso das Steine Schlucken „Strafe für Glück“ (V. 6) ist, wird nicht erklärt; es könnte so gemeint sein, dass Glück nicht ohne Leid, Licht nicht ohne Schatten zu haben ist – wenn man so will, eine Plattitüde. Den Acker tief umzugraben (V. 7 f.) ist nötig, damit der Boden gelockert und Nährstoffe freigesetzt werden, und tief zu graben ist mit großer Mühe verbunden. „Milch und Honig“ (V. 8) sind eine metaphorische Anspielung auf GOTTes Verheißung an das Volk Israel, er werde es in ein Land führen, „das von Milch und Honig fließt“ (Ex 3,8 und öfter), wo es das Gute also im Überfluss gibt. Solchen Überfluss gibt es nur als Lohn harter Arbeit (= tief graben), deutet der Sprecher mit seiner Frage nach dem Maß des Grabens an – ebenfalls eine Plattitüde.

Die sprachliche Form des Gedichts ist einfach: Die Sprache ist Prosa, gehobene Umgangssprache, mit vielen Metaphern geschmückt. Die Anordnung des Textes in acht Zeilen macht daraus ein Gedicht. Der Zeilenschnitt bietet keine Überraschungen: Am Anfang stehen die drei Nominalphrasen, in V. 4 ein bzw. zwei Attribute zu „Farbe der Sehnsucht“; die beiden Fragen bekommen jeweils zwei Zeilen, wobei in der ersten Zeile der Hauptsatz steht und in der zweiten Zeile eine nähere Bestimmung zu diesem Satz (einmal: seine Bedeutung erläuternd, V. 6, einmal das Gleiche in Form einer temporalen Bestimmung, V. 8).

Der Wert des Gedichtes „Notwendige Fragen“ besteht darin, dass es die oft überschwängliche Liebesseligkeit in Erich Frieds Gedichten korrigiert. In seiner Tendenz ist es dem Gedicht „Dann“ verwandt, in dem auch ein Verzicht auf das dauernde Glück ausgesprochen wird.