Faust I: Osterspaziergang

https://de.wikipedia.org/wiki/Faust._Eine_Tragödie.#Osterspaziergang (der Osterspaziergang im Kontext)

http://www.br.de/telekolleg/faecher/deutsch/drama-goethe-faust-inhalt-100.html (dito)

http://herrlarbig.de/2008/09/22/faust-1-vor-dem-tor-gelehrtentragoedie-2-v-8081177/ (Interpretation im Kontext)

VOM EISE BEFREIT SIND CHROM UND BLECHE: http://blog.zeit.de/zeit-der-leser/2012/04/12/osterspaziergang-2012-nach-johann-wolfgang-von-goethe-faust-i/ (Parodie)

Eine politische Travestie von Goethes „Osterspaziergang“ (Faust I: Vor dem Tor) ist Tucholskys Gedicht „Osterspaziergang“ aus dem Jahr 1919: https://tucholsky.de/osterspaziergang/

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Kästner: Der geregelte Zeitgenosse – Analyse

Hei, wie er die Zukunft auswendig wußte!
Er kannte die Höhe der Summe genau […]“

Das Gedicht ist eine Auftragsarbeit für die Nr. 43 der Zeitschrift „Jugend“ (1930), die dem Thema „Spießer“ gewidmet war. Kästner stellt darin den geregelten Zeitgenossen vor, der den Ablauf seines Lebens total verplant hat. Ein anonymer Sprecher beschreibt diesen Zeitgenossen im Stil einer Typisierungi, wobei er ihn scheinbar zweimal bewundert – aber an beiden Stellen ist nicht klar, ob er personal aus der Sicht des Zeitgenossen spricht oder aus seiner eigenen Perspektive.

Der Sprecher beginnt mit einem begeisterten Ausruf „Hei, wie er die Zukunft auswendig wußte!“ (V. 1) Wenn man die Hei-Begeisterung dem Sprecher zurechnet, dann dient sie, vom Autor aus gesehen, dazu, den Zeitgenossen erst recht ins kritische Licht zu rücken. Das vorgreifende Wissen des Zeitgenossen (Z) – die Zukunft kann man eo ipso nicht kennen, also auch nicht auswendig wissen, auch wenn man Vorsorge für bedrohliche Ereignisse trifft – wird dann am Beispiel der Sterbeversicherung erläutert (V. 2-4); das ist ein gängiges Verfahren der Typisierung, neben verallgemeinernden Beschreibungen, wie sie in der 2. Strophe vorliegen (Aufzählung in V. 6, die mit der Vielzahl alles abdeckt). Der Z wird mit seiner Lebenseinstellung von anderen als fürsorglicher Familienvater anerkannt (V. 5). Das entscheidende Stichwort ist „versicherungsrechtlich geregelt“ (V. 7): Regelung schließt Unvorhergesehenes aus. Daraus ergibt sich das anerkennende (Selbst?)Lob in V. 8: „Er hatte das Schicksal glatt in der Hand.“ Das ist natürlich unmöglich, wie man seit alters weiß – selbst die Götter der Griechen waren dem Schicksal unterworfen, und die Christen beten mit Jesus: „Dein Wille geschehe!“ Es folgt ein weiteres Beispiel dafür, wie der Z sein Leben verplant hat (Gehaltsentwicklung ist vorhersehbar – er kann eigentlich nur Beamter sein). Die Sicherheit seines Wissens wird hypothetisch gegen die Möglichkeit, dass sich die Erdachse verböge, gestellt (V. 9) – ein Ding der Unmöglichkeit, weil die Erdachse ja nur eine gedachte Linie ist, die sich nicht verbiegen kann. Die beiden unmöglichen Aussagen (Schicksal, Erdachse) stellen das Gedicht in die Nähe einer Satire.

Wenn man die Form des Gedichtes betrachtet, fällt auf, dass der Sprecher den Knittelvers gewählt hat (vier Hebungen mit freier Füllung); die Verse sind teilweise im Kreuzreim, teilweise im umfassenden Reim aneinander gebunden, abwechselnd mit weiblicher und männlicher Kadenz – zusammen ergibt das ein lebhaftes Sprechen, in Distanz zu hoher Lyrik. Die Satzlänge (oft über drei Verse) macht es schwer, in den reimenden Versen auch semantische Bezüge herzustellen. Das geschieht eher in einer Strophe mit kurzen Sätzen, z.B. in V. 13/15 (hohe Mauern – sich bedauern), aber gelegentlich auch in denen mit längeren, z.B. V. 18/20 (was sie besprächen – wie sie sich unterbrächen) oder V. 22/24 (Amerika – immer noch da).

In der 4. Strophe wird sein Leben in einem Bild negativ bewertet, was man dem Sprecher zurechnen muss: Hohe Mauernii umgeben ihn und rücken immer näher – sie beschränken die Sicht und verstellen die freie Bewegung (V. 13 f.). Aus der Sicht anderer ist das richtig, aus der Sicht des Z aber nicht: Die Gewohnheit und die totale Regelung gibt ihm ja gerade den Blick in die Zukunft frei (vgl. 1. und 2. Str.); so verstehe ich nicht, dass er sich zu bedauern beginnt (V. 15 f.) – das passt einfach nicht zur Lebenseinstellung des Z, wie sie bisher beschrieben wurde, und stellt m.E. eine Schwäche des Gedichtes dar: Was der Autor meint, darf er nicht durch seinen Sprecher dem Z unterstellen!

Worin die hohen Mauern bestehen, wird an einem Beispiel erklärt (V. 18-20): Alle Worte und Gespräche sind vorhersehbar, laufen nach einem strengen Schema ab. Die drei Verse werden summarisch eingeleitet: „Da half kein gesteigertes Innenleben.“ (V. 17) Zu ergänzen ist aus dem Kontext: Es half nicht gegen das Leiden an den hohen Mauern. Da aber das täglich gleiche Gespräch gerade die hohen Mauern ausmacht, nicht aber ein „gesteigertes Innenleben“ darstellt, ist V. 17 objektiv ironisch zu lesen – ob der Sprecher es ironisch meint, sei dahingestellt.

Die mit V. 13 einsetzende negative Bewertung des geregelten Lebens wird in der 6. Strophe fortgesetzt: Alle Lebensvollzüge (Aufzählung,V. 21), selbst Lieben und Atmen werden zu einem „Amt“: Ein Amt ist eine offizielle (Dienst)Stellung, die mit bestimmten Pflichten verbunden ist, oder eine Aufgabe, zu der sich jemand bereit gefunden hat: Obliegenheit, Verpflichtung (Duden: Deutsches Universalwörterbuch). Bei der Liebe spricht man öfter von ehelichen Pflichten, aber wenn das Atmen ein „Amt“ wird, ist das Leben deformiert. Im nächsten Vers beklagt sich der Z über den Verlust seines Lebens: „Er war doch mal ein Mensch gewesen!“ (V. 23) In der erweiterten Abhängigkeit von „sich bedauern“ (V. 15), aufgrund des Rufzeichens am Versende (V. 23, vgl. V. 24) und des folgenden Gedankens „Verdammt!“ (V. 24) muss man V. 23 als personal, also aus der Perspektive des Z gesehen denken. Wenn er Mensch gewesen war, dann ist er es jetzt nicht mehr – mit dieser Einschätzung hat der Z recht; denn den Menschen zeichnen Spontaneität und Kreativität aus, aber dem Z sind sie abhanden gekommen, und er war auch noch stolz darauf gewesen (1. – 3. Str.).

Zum Schluss berichtet der Sprecher episodisch von Fluchtgedanken des Z (V. 25 ff.), die aber nicht verwirklicht werden – wobei ihm die Flucht nach Amerika auch gar nichts genützt hätte: „So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,heißt es in Goethes Gedicht „Dämon“ (in: Urworte, orphisch), entfliehen auch nicht durch den Umzug nach Amerika. Die beiden letzten Verse „erklären“, weshalb der Z nicht nach Amerika gegangen ist: aus Rücksicht auf seine Frau. Auch das ist eine schwache „Erklärung“, welche die innere Starrheit des geregelten Lebens nach außen transportiert und bei der Frau ablädt.

Der Typus des geregelten Z ist in diesem Gedichtiii gut getroffen; die Selbstkritik und das Leiden des Z an seinem Leben finde ich nicht glaubwürdig – hier wird die Kritik des Autors auf die schwachen Schultern des Z geladen.

ii Die hohen Mauern erinnern mich an Kurt Martis Geschichte „Neapel sehen“ aus „Dorfgeschichten“ (1960).

iii Das Gedicht erinnert mich an einen wunderbaren Text Erich Pawlus: „So ein dummer Mensch“, in der SZ vom 11. August 1984; da wird das von lieben Gewohnheiten bestimmte Leben in einem flirrenden Spiel verschiedener sich kreuzender Perspektiven (Frau Kriegler, ihr Mann Arnold, die Briefkastentante „Frau Tatjana“) beleuchtet.

Kästner: Der synthetische Mensch (1931) – Interpretation

Professor Bumke hat neulich Menschen erfunden,

die kosten zwar, laut Katalog, ziemlich viel Geld […]

Im leichten Ton des flotten Erzählens wird ein schweres Problem zur Diskussion gestellt, ohne dass es eigens genannt würde. Welches Problem? Schauen wir in den Text! Der Ich-Erzähler (V. 5) berichtet von einer Begegnung mit Professor Bumke, dem es gelungen ist, Menschen künstlich so herzustellen, dass dass man sich den gewünschten Typ bestellen und liefern lassen kann. Sie kommen „fix und fertig zur Welt“ (V. 4), ihre Herstellung kostet viel Geld (V. 2) und dauert sieben Stunden (V. 3).

Professor Bumke hat dem Sprecher die Vorteile (V. 5) dieses Verfahrens erklärt, und der Sprecher stimmt ihm zweimal zu (V. 8, V. 12); das macht den Großteil des Gedichtes aus (2. – 8. Str.); der Sprecher macht dann einen Einwand (9. Str.), den Bumke jedoch entkräftet, womit er den Sprecher überzeugt (10. Str.) – den Leser aber nicht, und das ist der Sinn dieser Satire.

Die zehn Strophen bestehen aus 12 – 14 Silben, sie sind im Kreuzreim miteinander verbunden; manchmal sind sie in Jamben getaktet, aber nicht immer. Durch die ungleiche Silbenzahl und die Wechsel im Takt wird in einem flotten Tonfall erzählt. Der Sprecher gebraucht kaum Nebensätze, er spricht gehobene Umgangssprache. In der 4. – 8. Strophe steht der Konjunktiv der indirekten Rede, abhängig von „sagte“ (V. 13), in der 9. Strophe abhängig von „Ich sagte“ (V. 33). Nur einmal wird wörtliche Rede des Professors berichtet (V. 36) – diesem Satz kommt dann auch große Bedeutung zu.

Da die Geschichte von einer völlig unmöglichen Begebenheit ausgeht und sie entfaltet: Menschen synthetisch nach Wunsch herzustellen (Überschrift und V. 4, V. 32), ist sie leicht als Satire zu erkennen; so bleibt zu fragen, was darin kritisiert wird. Das findet man schon in der 2. Strophe: Bumke hat die Vorteile seines Verfahrens erklärt, und der Ich -Sprecher stimmt ihm zu: „Die Bumkeschen Menschen sind das, was sie kosten auch wert.“ (V. 8) Hier steckt das Problem: Dass Menschen ein finanzieller Wert zugemessen wird, wie Sklaven auf dem Sklavenmarkt. Damit wird die große Idee der Menschenwürde verneint. Kant hat diese so gegen den „Wert“ abgegrenzt: „Im Reiche der Zwecke hat alles entweder einen Preis, oder eine Würde. Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes, als Äquivalent, gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde.“ (Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 1785) Das heißt, dass ein Mensch letztlich nicht gegen einen anderen Menschen gleichen Wertes ausgetauscht werden kann – ein Busfahrer oder eine Ärztin können gegen einen Busfahrer oder eine andere Ärztin ausgetauscht werden, aber nicht als Mensch gegen einen anderen Menschen. Genau das aber geschieht mit den Bumkeschen Menschen: Es gibt 219 Sorten von Menschen (V. 30), sie bestehen aus Zubehörteilen (V. 10); misslungene Exemplare kann man zurückgeben (V. 31), die werden dann überarbeitet und durch ein repariertes Exemplar ersetzt (V. 32). Man merkt als heutiger Leser, wie aktuell das Gedicht ist, wenn man an künstliche Befruchtung und Embryonendiagnostik denkt: Da werden Fragen nach der menschlichen Würde berührt, die man nicht leichthin entscheiden kann.

Ein zweiter Aspekt der Kritik betrifft den Wunsch, einen Menschen fix und fertig nach Maß vor sich zu haben, ihm also Kindheit und Jugend (V. 11), eigene Begabung und Krankheit (V. 21 ff.) zu ersparen: Kindheit und Jugend seien bloß Zeitverschwendung, eigene Begabung und Krankheit störten den Elternwunsch. Das formuliert der Sprecher, nachdem er dem Urteil Bumkes zuerst zugestimmt hat (V. 11 f.), als Einwand: dass die synthetischen Menschen konstant seien und sich nicht entwickelten (V. 35). Darauf antwortet der Menschenfabrikant wörtlich: „Das ist ja gerade das Gute!“ (V. 36) Damit verweigert er seinen Produkten die Autonomie und das eigene Schicksal, also das Recht, sich in der Auseinandersetzung mit Welt und Menschen selber zu bestimmen. Auch hier merkt man, dass Kästners Gedicht noch aktuell ist, wie man zum Beispiel am G8-Gymnasium sieht: „Die Abiturienten sollten durch die Schulzeitverkürzung ein Jahr früher ihre Berufsausbildung beginnen und entsprechend früher Steuern und Sozialabgaben zahlen. Die Wirtschaft sollte auf im Durchschnitt ein Jahr jüngere Berufseinsteiger mit Abitur bzw. abgeschlossener Hochschulreife zurückgreifen können.“ (Wikipedia: „Abitur nach der zwölften Jahrgangsstufe“) Dagegen plädiert Kästner – natürlich gegen seinen Ich-Sprecher und Professor Bumke – für das Recht auf Kindheit, Jugend und eigene Entwicklung, für Menschen, die „für die Welt und die Eltern nicht recht zu verwenden“ (V. 22) sind. Wiege und Kindergarten sind eben nicht nur „Umweg“ (V. 19), wie Bumke meint.

Das Gedicht ist leicht zu verstehen. Einen Hinweis verdienen

  • die Alliteration „Bärte – Busen“ (V. 9)
  • das Beispiel des Rechtsanwaltssohnes (V. 13-20)
  • die technischen Bezeichnungen (erfunden, V. 1; Herstellung, V. 3; Zubehörteile, V. 10; Verfahren, V. 28; Menschenfabrik, V. 29; Sorten – Retorten, V. 30/32)
  • der Handel mit Menschen (Katalog, V. 2; viel Geld, V. 2; kosten, V. 8; bestellen, V. 14, liefern, frei ab Fabrik, V. 15; liefern, V. 30; Aufträge, V. 31; Fertigartikel,V. 33; bestellen, V. 40)
  • einige besonders schöne Reime (viel Geld – fertig zur Welt, V. 2/4; Sohn, der Rechtsanwalt sei – des Vaters Kanzlei, V. 13/15; Menschenfabrik – nimmt zurück, V. 29/31; 219 Sorten – verschiedene Retorten, V. 30/32; Fertigartikeln – sich niemals entwickeln, V. 33/35)

Zuerst schmunzelt man über Kästners Einfälle in diesem Gedicht, doch bald kommt man ins Nachdenken… Man kann nach der Lektüre auch an „Die Entwicklung der Menschheit“ denken; dort wird der Fortschritt als bloßer Schein entlarvt, hier wird der Fortschritt in seiner unmenschlichen Zielsetzung kritisiert.

 

http://www.textlog.de/33270.html (Kant-Lexikon: Würde)

https://www.deutschelyrik.de/index.php/der-synthetische-mensch.html (Vortrag f. Stavenhagens) = https://www.youtube.com/watch?v=Dsx0HKJGvf0

http://www.deutschkurse.ch/files/Metrik/Metrik-Uebungen/ME_Kaestner_Gedichte.pdf (metrisches Schema, dort S. 10 f.)

Kästner: Von faulen Lehrern (1930) – Analyse

Zu lernen ist schwer. Zu lehren noch schwerer.

Mir ist dieses Thema gut bekannt. […]

In der Überschrift „Von faulen Lehrern“ fehlt der Artikel „den“, so dass immerhin die Möglichkeit offen bleibt, dass es auch andere Lehrer gibt – im letzten Satz sagt der Sprecher ausdrücklich, die meisten seien faul, also nicht alle (V. 31 f.) Aber auch das ist ein herbes Urteil, worüber sich 1930 viele Lehrer empört haben.

Es spricht ein Ich, das sich indirekt als Erich Kästner identifiziert: „Ich sollte selbst mal Lehrer werden / und weiß Bescheid.“ (V. 11 f.) Kästner hat seit 1913 nach der Volksschule das Freiherrlich von Fletchersche Lehrerseminar besucht – das war für ihn damals der einzige Weg zu einer höheren Bildung. Nach dem Militärdienst hat er dann 1919 Abitur gemacht und zu studieren begonnen.

Das ist Gedicht ist eine massive Anklage gegen die Faulheit der deutschen Volksschullehrer. Der Sprecher beginnt deshalb mit einem Zugeständnis an die später Angeklagten: „Zu lernen ist schwer. Zu lehren noch schwerer.“ (V. 1) Und zur Bekräftigung folgt der Doppelvers, der seine Kompetenz zu urteilen ausweist (V. 3 f., näher V. 11 f.). Das Adverbial „aus erster Hand“ lässt eventuell anklingen, dass er als Kind vom Lehrer verprügelt wurde.

Das Gedicht ist in Knittelversen abgefasst (vier Hebungen mit freier Füllung), wogegen der jeweils vierte Vers nur zwei Hebungen aufweist – das gibt ihm den Charakter eines kraftvollen Abschlusses. Der Knittelvers gibt dem Autor große Freiheit, das Gedicht bekommt eine prosaische Färbung. Die vier Verse der Strophe sind im Kreuzreim miteinander verbunden; da der Satz oft über das Versende hinausgeht, kann man von den Reimen nicht immer erwarten, dass sie semantisch passende Verse verbinden. Man muss also gelegentlich den Satzkern mit berücksichtigen, wenn man Reime untersucht: „Mir ist … bekannt. – Ich kenne … aus erster Hand.“ (V. 2/4) „Zu lehren noch schwerer – Volksschullehrer“ (V. 1/3) ist ebenfalls ein sinnvoller Reim (gleicher Inhalt). Da hiermit das Prinzip klar sein sollte, verzichte ich in Zukunft auf die detaillierte Begründung meiner Reimurteile.

In den vier folgenden Strophen entfaltet der Ich-Sprecher seine Kenntnis: Zuerst beschreibt er, wie Lehrer sich entwickeln (2. und 3. Str.), danach zählt er die vielen Steckenpferde auf, denen sie frönen (4. und 5. Str.). Es wird also eine Entwicklung des (Volksschul)Lehrers beschrieben: Auf eine Zeit idealistischen Arbeitens folgt die Zeit der Verkalkung (2. Str.). Dass er sich „mit hohen Idealen balgt“ (V. 6), deutet den Unterschied zwischen Ideal und Wirklichkeit im Beruf an; der Lehrer kann nicht immer seine Ideale verwirklichen, aber er versucht es trotz mancher Schwierigkeiten. Dass die Seele Haare lässt (wie der Kopf beim Altern), bedeutet, dass die in der „Seele“ beheimateten Ideale ihre Kraft verlieren, dass er sie aufgibt und „verkalkt“ (V. 8) – ein hartes Urteil, was ja normalerweise von Menschen gesagt wird, die geistig wegen ihrer Arterienverkalkung nicht mehr zurechnungsfähig sind. Die Reime V. 5/7 (zeitliche Abfolge) und V. 6/8 (dito) sind sinnvoll.

Nach den ersten zehn Jahren widme der Lehrer sich seinen Hobbys statt seinen Schülern, wird im Bild vom Traben auf den Steckenpferdchen („Pferd“ wieder wörtlich genommen, das Diminutiv wirkt spöttisch) behauptet. Sich Zeit lassen ist so viel wie faulenzen (V. 10). Zur Begründung des negativen Urteils verweist das Ich auf ein biografisches Faktum aus Kästners Leben (V. 11 f.), was jedoch keinen Beweiswert hat: Im Lehrerseminar lernt man keine Lehrer kennen, die mehr als zehn Jahre Dienst getan haben; allerdings sorgt der Besuch des Seminars für eine Nähe zum Berufsstand, dem man selber angehören wird. Die Reime der 3. Strophen sind reine Klangphänomene.

Nun werden fünf Steckenpferde vorgestellt (V. 13-18), welche die Lehrer mit Lust und Liebe betreiben, während sie sich im Unterricht langweilen (V. 19 f., „da gähnen sie alle“). V. 14/16 kann als sinnvoller Reim gelten (zwei Hobbys), die anderen nicht.

Die letzten Strophen nutzt der Sprecher, diese Entwicklung der Lehrer zu bewerten. Dazu stellt er in der 6. und 7. Strophe das Einst dem Jetzt gegenüber (ausdrücklich in der 7., sachlich auch in der 6. Strophe). Mit dem ersten Einst-Jetzt verbindet der Sprecher den Kontrast von Berufung (V. 21) und Praxis (V. 22-24): Berufung, das Volk zu erziehen – herumstehen und auf der Stelle treten; die Kritik an der Faulheit wird in einem Wortspiel-Kontrast geleistet: herumstehen – auf der Gehaltsleiter „fortschreiten“ (Spiel zwischen Metapher und wörtlicher Verwendung; sachlich ist die Gehaltserhöhung nach Dienstaltersstufen gemeint). In der 7. Strophe wird das Bild der Ernährung zur Kritik verwendet: nach geistiger Nahrung hungern (V. 25) – verstopft sein (V. 27 f.). „Pauker-“ (V. 27) ist hier wie ein Schimpfwort gebraucht, obwohl Paukererfahrung zu haben an sich etwas Gutes ist; hier klingt jedoch an, dass damit die negativen Erfahrungen und Einstellungen eines enttäuschten Berufslebens gemeint sind. Ob übrigens alle Lehramtsstudenten zu Kästners Zeit (oder heute) „Freunde gepflegten Lateins“ (V. 26) waren, darf bezweifelt werden – auch Kästner wurde vermutlich von der Mutter ins Lehrerseminar geschickt, damit aus ihm „etwas Besseres“ werde. Der Reim V. 22/24 stellt einen Kontrast schön dar, die Reime V. 25/27 und V. 26/28 enthalten ebenso Kontraste.

Es folgt das Fazit in der letzten Strophe. Hier bemüht der Sprecher zur Kritik wieder einen Kontrast, den zwischen „könnten/sollten“ (Möglichkeit, Pflicht) und der Realität; sie könnten also „Größeres leisten / als Leute mit Namen und großem Maul“ (V. 29 f.) – hier wird der schlichte ehrliche tägliche Dienst höher als die Leistungen namhafter Politiker oder Stars gewertet: ein bemerkenswertes Urteil, dem man zustimmen kann. Dagegen steht dann die Realität: „Aber die meisten / von ihnen sind faul.“ (V. 31 f.) Um einen Sinn im Reim V. 30/32 zu finden, muss man den Akzent auf V. 29 legen; dann hätte man den Kontrast zwischen Möglichkeit und Realität – aber das ist eine sehr wohlwollende Lesart.

Das Gedicht ist 1930 in der Zeitschrift „Jugend“ erschienen; es hat heftige Proteste von Lehrern ausgelöst, so dass Kästner zu seiner Verteidigung ein Gedicht „An die beleidigten Lehrer“ verfasst hat, welches die Redaktion der „Jugend“ jedoch nicht angenommen hat und das erst 1998, also nach Kästners Tod veröffentlicht wurde. [Um es im Netz zu finden, muss man bei google in Anführungszeichen Text eingeben, z.B. „Das Volk hat nichts gelernt. Und ihr wart des Volkes Lehrer!“]

Zustimmung hat Kästner von Lotte Kühn in ihrem „Lehrerhasserbuch“ bekommen; in Schulbüchern sucht man das Gedicht vergebens, Interpretationen dazu gibt es nicht. Ich hielte es für ein Zeichen von Mut, es (etwa ab Klasse 10) in der Schule zur Diskussion zu stellen: wenn die Schüler sich also nicht bloß über die Lehrerschmähung freuen, sondern selber urteilen können, ob Kästner recht hat.

Ich habe in einem alten Buch, das Kästner hätte kennen können, da es 1927 erschienen ist, eine Passage über Bürokratisierung gefunden, welche das Phänomen der faulen Lehrer strukturell verständlich macht. Ich hänge einen Exkurs an – als Lehrer kann man auch Schüler mit dem Phänomen bekannt machen (wobei L. Mises‘ Urteil über die Effizienz des Betriebes und das Vorankommen der Tüchtigen dort auch mit etwas Skepsis zu lesen ist).

Exkurs über Bürokratisierung (im Anschluss an Ludwig Mises: Liberalismus, 1927 = 2010, S. 85 ff.)

Im Gegensatz zu einem normalen Wirtschaftsbetrieb ist die öffentliche Verwaltung nicht darauf aus, Gewinn zu erzielen; im Betrieb dagegen können die einzelnen Abteilungen durch eine Kosten-Nutzen-Rechnung überprüft werden, ob sie wirtschaftlich arbeiten, also erfolgreich sind. Die Orientierung am Erfolg wirkt sich auf die Freiheit des Abteilungsleiters und die Einstellung des Personals aus: Er ist bemüht, gute Leute zu finden und zu behalten und so zu wirtschaften, dass Gewinn erzielt wird. In der Verwaltung gibt es dagegen keine Kriterien, um objektiv festzustellen, ob ein Ressort gut verwaltet wird.

Das hat Rückwirkungen auf den inneren Betrieb des bürokratischen Apparats: Man arbeitet nach Anweisungen, die zu befolgen Pflicht ist; für alle außerordentlichen Fälle muss die Weisung der vorgesetzten Behörde eingeholt werden. Dadurch werden oft unnötige Ausgaben gemacht, während erforderliche unterbleiben.

Die Bürokratisierung wirkt sich auch auf den Bürokraten aus: Da Erfolgskriterien fehlen, sind bei Einstellung und Bezahlung (Beförderung) der Gunst und Missgunst Tür und Tor geöffnet. Um die Willkür dabei zu begrenzen, werden dafür formale Kriterien wie Schulbesuch, Prüfungen und Dienstalter vorgegeben. Dadurch wird ausgeschlossen, dass kraftvolle und tüchtige Persönlichkeiten an die Stellen kommen, die ihren Kräften und Fähigkeiten entsprechen.

Das entscheidende Merkmal des bürokratischen Betriebs ist also, „daß ihm die Richtschnur der Rentabilitätsrechnung zur Beurteilung des Geschäftserfolges in seinem Verhältnis zum Aufwand fehlt“ und dass er „die Abwicklung der Geschäfte und die Einstellung des Personals an formale Vorschriften“ bindet.

Nachtrag meinerseits: Für die Arbeit der Bürokraten hat das zur Folge, dass sie weithin mit der Zeit „Dienst nach Vorschrift“ machen und wenig Lust verspüren, sich übermäßig zu engagieren.

Zwei Anekdoten zum Schluss, in denen die Bürokratisierung beleuchtet wird:

  • Ich weiß sicher, dass ein Dezernent in Düsseldorf über einen völlig inkompetenten Lehrer wörtlich gesagt hat: „Unfähigkeit ist kein Dienstvergehen.“ Damit lehnte er ein Einschreiten seinerseits ab.
  • Als ich mich einmal in Grevenbroich bei einer Schulleiterin wegen einer Beförderungsstelle vorgestellt habe, fragte sie mich: „Wer hat sie geschickt?“ Damit wurde mir klargemacht, dass die Stelle nach Beziehungen, nicht nach Befähigung vergeben wurde.

http://www.erich-kaestner-museum.de/erich-kaestner/biographie/ (Kästners Biografie)

http://www.daswirtschaftslexikon.com/d/b%C3%BCrokratie/b%C3%BCrokratie.htm (Bürokratie – Bürokratisierung)

Parallel zum Gedicht „An die beleidigten Lehrer“ kann man Tucholskys Gedicht „Die Schule“ (1919) lesen:

Die Schule

Wer die Schule hat, hat das Land.

Aber wer hat die bei uns in der Hand!

 

Du hörst schon von weitem die Schüler schnarchen.

Da sitzen noch immer die alten Scholarchen,

die alten Pauker mit blinden Brillen,

sie bändigen und töten den Schülerwillen.

Und lesen noch immer die alte Fibel

und lehren noch immer den alten Stiebel:

 

Wie in den alten Zeiten die wichtigen Schlachten

die großen Völkerentscheidungen brachten,

wie die Fürsten und die Söldnerlanzen

den großen blutigen Contre tanzen,

und ohne die heilige Monarchie

sei die Hölle auf Erden – und schließlich,

wie die Völker nur eigentlich Statisten seien.

Man müßte ihnen die Dumpfheit verzeihen.

Könnten eben nichts weiter dafür …

 

Und sie lernen vom Kupfercyanür.

Und von den braven Kohlehydraten.

Und von den beiden Koordinaten.

Und von der Verbindung mit dem Chrome.

Lernen auch allerhand fremde Idiome.

Ut regiert den Konjunktiv.

Polichinelle ist ein Diminutiv.

Und was so dergleichen an Stoff und an Wissen.

 

Himmelherrgott! ist die Schule beschmissen!

Seelenmord und Seelenraub!

Unter die Kruste von grauem Staub

drang auch kein Luftzug der neuen Zeit.

Der alte Schulrat im alten Kleid.

Wundert euch nicht! Was kommt aus dem Haus

schließlich nach Oberprima heraus?

 

Ein nationalistischer langer Lümmel.

Gut genug für den Ämterschimmel.

Gut genug für die alten Karrieren –

als ob die heute noch notwendig wären!

Türen auf und Fenster auf!

Lege deine Hand darauf,

lieber Herr Haenisch, und zeige den Jungen,

wie die alten Griechen sungen –

aber ohne die Philologie

und ohne die Kriegervereinsmelodie!

 

Wer die Jugend hat, hat das Land.

Unsre Kinder wachsen uns aus der Hand.

Und eh wir uns recht umgesehn,

im Handumdrehn,

sind durch die Schulen im Süden und Norden

aus ihnen rechte Spießbürger geworden.

 

Kaspar Hauser

Die Weltbühne, 24.07.1919, Nr. 31, S. 110.

 

Kästner: Konferenz am Bett (1930) – Analyse

Ich saß bei dir am Bett und fühlte jede

Bewegung des Plumeaus, als wärst es du. […]

Zur Überschrift kann man erst etwas sagen, wenn man das ganze Gedicht gelesen hat. Ein Ich wendet sich an ein Du und spricht heute (V. 24) von dem, was vor Zeiten in einer Nacht geschah oder eben nicht geschah. „Ich saß bei dir am Bett“ (V. 1), das hört sich nach einem Krankenbesuch an – wie soll er sonst zu einer Frau kommen, die im Bett liegt? „Ich“ ist offenbar ein Mann, „du“ eine Frau (V. 15); zumindest in seiner Vorstellung fühlt er die Bewegungen des Plumeaus (Federbett) wie die Bewegungen ihres Körpers (V. 2). Die Situation ist von einer eigenartigen Spannung zwischen dem, was die beiden sagen, und dem, „was geschehen sollte“ (V. 3 f.), erfüllt: Sie sollten und wollten eigentlich im Bett schmusen, aber sie sprechen von etwas anderem. Im Bild sagt der Ich-Sprecher: Wir deckten es mit der Rede „auf und zu“ (V. 4). Das bedeutet, dass sie das Gewollte enthüllen und dann wieder verhüllen, oder dass sie ambivalent sind und nicht klar und eindeutig etwas wollen; vielleicht ist auch die Nähe zum Plumeau zu beachten, mit dem man etwas auf- und zudecken kann – das Bild deutet mehr an, als es sagt.

Die vier Verse sind in fünfhebigen Jamben abgefasst, im Kreuzreim, wobei der zweite und vierte Vers um eine Silbe verkürzt sind (männliche Kadenz), was eine kleine Pause erzeugt, zumal da dort auch der Satz endet. V. 1/3 klingen nur im Laut an, in V. 2/4 kann man auch einen Sinnzusammenhang erkennen: Bewegung des Plumeaus (= du) – wir deckten [dich] auf und zu. In der nächsten Strophe ist der Reim V. 5/7 beinahe komisch, ebenso der Reim V. 6/8.

In der 2. Strophe wird die seltsame Situation als „Zweikampf in gepflegter Prosa“ (V. 5) bestimmt; wer wofür kämpft, wird aber nicht gesagt – das ergibt sich aus der 3. Strophe: Die Frau will eigentlich schmusen (V. 9), will aber, „daß ich dich erst auf dein Kommando fräße“ (V. 11). Im Bild des Fressens wird nachgetragen, dass sie „Appetit“ machte – also sein Begehren anstachelt (vgl. V. 15), aber seinen eigenen Willen nicht gelten lässt („dein Kommando“, V. 11). Er macht sie also dafür verantwortlich, dass die Situation angespannt ist und bleibt. Der Reim V. 9/11 fügt ihre gegensätzlichen Impulse zusammen.

Kommen wir zu einigen Einzelheiten aus der 2. und 3. Strophe: Zum Bild vom Zweikampf passt die stramme Haltung (V. 6), ebenso das schwere Gewicht der Worte (V. 8), während der Geruch (Puder) und das Licht (rosa, V. 7) der erotischen Atmosphäre zuzuordnen sind. Den Konjunktiv II in V. 9 hält man zuerst für ein Signal der indirekten Rede der Frau, aber das passt nicht zur Situation, dass sie eben doch nicht das „Kommando“ (V. 11) gegeben hat; das Verb „erraten“ (V. 10) zeigt an, dass nicht nur der zweite (V. 11), sondern auch der erste daß-Satz (V. 9) seine Interpretation ihres Agierens darstellen – dafür spricht auch V. 13 f.

In der 4. Strophe analysiert der Sprecher die Situation: Aus der Schleife „Ich weiß, dass du weißt, dass ich weiß…“ (V. 13 f.) gibt es keinen Ausstieg, wenn niemand etwas Klares sagt oder tut; wenn kein Vertrauen vorhanden ist, so dass man mit dem Interpretieren aufhören kann. Das ist ein grundsätzliches Problem in der Liebe: Was das Herz des anderen sagt, erkennt man an Zeichen oder Worten, aber Zeichen kann man missverstehen, Worte können unwahr sein; darum versichern Liebende tausendmal, dass sie einander lieben, aber genau wissen kann man es nicht. Die beiden folgenden Verse zeigen, was mit Auf- und Zudecken gemeint ist: Sie zeigt „(ein bißchen sehr) viel Büste“ (V. 15), er sagt dazu „Es ist heiß.“ (V. 16) Was könnte er sonst sagen? „Du bist schön, ich möchte…“? Mit „Es ist heiß“ deckt er das, was geschehen sollte, zu (vgl. V. 3 f.). Der Reim V. 13/15 bezeichnet den Kontrast zwischen Denken und Tun.

In der 5. Strophe bewertet der Sprecher die Situation, beinahe eine Art Fazit. Was deutet das Bild vom Sieb, wodurch die Stimmung geschüttet wird (V. 18), an? Man könnte meinen, mit dem Sieben würde etwas ausgefiltert, oder mit dem Sieben würde etwas Fließendes gestört; das Bild ist ungewöhnlich und deshalb vieldeutig. Die beiden folgenden Verse sagen klar und einfach, wieso die Situation so verzwickt ist und die Stimmung gesiebt wird, ohne dass das Bild vom Sieben dadurch klarer würde. Aber auch die indirekte Frage des Ich, „wer das (…) hintertrieb“ (V. 20), ist problematisch: Vielleicht niemand, also nicht eine einzelne Person das hintertrieben, sondern die Kommunikation war derart verdeckt oder unehrlich oder höflich oder vorsichtig, dass sie gescheitert ist. Der Reim V. 18/20 ist diesem Scheitern gewidmet.

In der letzten Strophe setzt der Sprecher die Erzählung (1. – 3. Strophe) fort; hier nennt er den „Zweikampf“ der Worte (V. 5) ein Duett (V. 22), also ein Lied nach vorgegebenen Noten – vielleicht steht dieses Bild unter dem Eindruck des Vogelgesangs (V. 21), oder es besagt, dass die gleiche Melodie auch von anderen Paaren bereits gesungen wurde, womit er nicht unrecht hätte. Mit einem Wortspiel (weitergehen – [weg]gehen, V. 23) leitet er zu einem vielleicht verzweifelten, vermutlich erleichterten Schluss über: „Sonst säß ich heute noch bei dir am Bett.“ (V. 24). Der Reim V. 21/23 verbindet zwei Aussagen zur Situation um 6.30 Uhr.

An wen wendet sich der Sprecher in gehobener Sprache (in kunstvoll gemalten Bildern) mit seiner reflektierten Erzählung von der unglücklichen Nacht an ihrem Bett? Formal spricht er die Frau als „du“ an, aber er scheint nichts mehr mit ihr zu tun zu haben (V. 24). Soll man also annehmen, dass er ihr nachträglich erklärt, wieso die Beinahe-Beziehung gescheitert ist? Oder liegt ein Monolog vor, in dem er sich scheinbar an eine abservierte Beinahe-Geliebte wendet, in Wirklichkeit aber sich selber Rechenschaft von einem verunglückten Erlebnis gibt? Die kommentierende Anmerkung des Autors spricht eher für die zweite Deutung – nach V. 23 f. könnte auch der Ich-Sprecher in der zeitlichen Distanz zum Geschehen so ähnlich reden. – Das vom Autor indirekt gelobte „Vereinfachen“ hat jedoch auch seine Grenzen; oft ist es jedenfalls richtig oder gut, nicht „einfach“ nur zuzupacken, wenn man „Appetit“ (V. 12) hat, sondern zu warten, bis das Zeichen zum Essen gegeben wird.

Am Ende des Gedichts wirkt die Überschrift „Konferenz am Bett“ wie ein ironischer Kommentar: In einer Konferenz wird viel geredet, aber das Bett ist halt kein Ort, wo man Konferenzen abhalten sollte… In der Überschrift sind also das leidige Reden und das nicht reden Sollen miteinander verbunden.

http://www.kurtluescher.de/ambivalenz.html (Ambivalenz)

Kästner: Sogenannte Klassefrauen – Analyse

Sind sie nicht pfui teuflisch anzuschauen?
Plötzlich färben sich die „Klassefrauen“ […]

Der erste Vers hat es in sich, „pfui teuflisch anzuschauen“ ist nicht leicht zu entschlüsseln:„Pfui Teufel“ ist eine Äußerung des höchsten Abscheus, die Wendung „pfui teuflisch“, davon abgeleitet, gibt es sonst nicht – was bedeutet sie also hier? Ist sie wirklich Ausdruck des Abscheus oder schwingt ein bisschen Bewunderung mit, da es ja um Klassefrauen geht? Ich denke, aus dem Fortgang des Gedichts, vor allem aus der letzten Strophe ergibt sich, dass hier wirklich reiner Abscheu ausgedrückt wird, da es sich ja nur um sogenannte „Klassefrauen“ (in Anführungszeichen!) handelt.

Ab V. 2 wird in vier Strophen erklärt, was für Frauen die sogenannten Klassefrauen sind. Die erste Bestimmung dieser Frauen liegt darin, dass sie sich die Nägel rot färben, „weil es Mode ist“ (V. 3). Diese Begründung ist entscheidend, nicht das Färben an sich. Dass ein Handeln aus dem Motiv „weil es Mode ist“ Unsinn ist, wird im Folgenden recht witzig demonstriert: Es wird nämlich vorgeführt, was sie alles bedenkenlos täten, wenn es Mode würde („Wenn es Mode wird“, V. 4, wiederholt oder variiert bis V. 21): die Nägel abkauen, sie mit dem Hammer blauhauen (nette Variation zu rot färben), die Brust färben, als Kind sterben (paradox – man kann na nicht nachträglich als Kind sterben!) usw., bis dahin, „das Bein zu heben an Laternen“ (V. 20) wie die Hunde, nur dass sie das als Frauen nicht können… Das Unsinnige ihrer Modeverfallenheit wird besonders deutlich, wenn sie sich daran erfreuen würden, sich die Finger mit dem Hammer blau zu hauen (V. 5 f.), sich also Schmerz zuzufügen, oder wenn sie wie Tiere auf allen Vieren durch die Stadt kriechen würden (V.15 f.); eigentlich zeigen alle Beispiele den Unsinn des Modefimmels auf. Ich zweifle nicht daran, dass der Sprecher heute auch das Tätowieren in seine Liste aufnähme.

Der Rhythmus des Gedichtes ist schwungvoll und lebhaft: Die fünf Verse einer Strophe bestehen aus fünfhebigen Trochäen, die in der Kadenz weiblich – männlich folgendermaßen wechseln: w – m – w – w – m, wobei sich die w- und die m-Verse jeweils reimen (dazu später). Dieses Fünferschema ist aus einem Viererschema mit Kreuzreim entstanden, wobei die Struktur des dritten Verses im vierten wiederholt wird. Dieses Strophenschema ist in der ersten Strophe noch einmal verändert, indem ein Vers vom Typus des ersten Verses vorgeschaltet wird, so dass wir das Schema w – w – m – w – w – m haben, mit entsprechenden Reimen. Die Reime der w-Verse passen im Allgemeinen zueinander, da es sich um die unsinnigen Prozeduren handelt, welchen sich die „Klassefrauen“ unterziehen würden: abkauen, blauhauen, Brust färben, als Kind sterben usw. Bei den m-Reimen muss man im Einzelfall prüfen, ob sie einen semantischen Mehrwert besitzen: in V. 3/6 ist das der Fall (die Freude passt zum Färben), in den weiteren Strophen gilt das mit einer kleinen Einschränkung auch, wenn man sich nicht nur auf das letzte Wort des jeweils zweiten Verses beschränkt, sondern den zugehörigen Satzkern dazu nimmt.

Die 5. Strophe wird nach dreimal „Wenn“ mit „Denn“ eingeleitet; es folgt die Erklärung dafür, dass die sogenannten Klassefrauen immer mit der Mode und nur mit ihr gehen: Sie fliegen auf „den ersten besten Mist / […] wenn sie hören, daß was Mode ist“ (V. 23/26, ein sinnvoller Reim). Der Vergleich „wie mit Engelsflügeln“ untermalt nur das metaphorische Verb „fliegen auf“ so, als ob es wie normales „fliegen“ gebraucht würde, ist also eigentlich nicht passend. Die ins Unsinnige gesteigerten Fälle des Modischen, bei denen die Frauen mitmachten, weisen das ganze Gedicht als Satire aus, genau wie die innere Unmöglichkeit, nachträglich als Kind zu sterben (V. 9) oder als Frau das Bein an Laternen zu heben (V. 20).

In der letzten Strophe äußert der Sprecher seine Wünsche dahin, wie man die sogenannten Klassefrauen wieder loswerden könnte, in Wenn-Sätzen mit Konjunktiv II:

  • Wenn‘s doch Mode würde, zu verblöden! (V. 27)
  • Wenn‘s doch Mode würde diesen Kröten / jede Öffnung einzeln zuzulöten! (V. 29 f.)

Der erste Wunsch brauchte gar nicht geäußert zu werden, weil die „Klassefrauen“ nach Meinung des Sprechers ohnehin verblödet sind; die Mode des Verblödens gäbe ihnen allerdings die Chance, besonders groß herauszukommen – „Denn in dieser Hinsicht sind sie groß.“ (V. 28) Der zweite Wunsch ist recht sarkastisch ein Todeswunsch, wobei das Zulöten nicht zur Kategorie Lebewesen passt (Merkmal der Satire): „Denn dann wären wir sie endlich los.“ (V. 31)

Der Sprecher unterscheidet sich deutlich von anderen Männern, welche besagte Frauen „Klassefrauen“ nennen, weil sie mit der Mode gehen, um sich von anderen Frauen (Mauerblümchen, Bauerntrampel – oder wie man sie sonst beschimpfen mag) unterscheiden. Seine Kritik ist darin begründet, dass sie auf den ersten besten Mist hereinfallen, ja auf ihn fliegen (V. 23)

Ein Gedicht über Frauenmode, das ist Neue Sachlichkeit!

https://www.youtube.com/watch?v=tJJvXhTiFuQ (Vortrag Hermann Lauses)
https://www.youtube.com/watch?v=QL42QjvE-mc (Vortrag, bebildert)
https://www.youtube.com/watch?v=mHLgIi2YIS0 (Vortrag Dirk Maiwalds, gesungen), sowie weitere Versuche des Vortrags, auf youtube zu finden.

Kästner: Ansprache an Millionäre (1930) – Analyse

Warum wollt ihr so lange warten,

bis sie euren geschminkten Frauen […]

Dieses Gedicht stellt eine „Ansprache an Millionäre“ dar, wobei der Sprecher unbekannt bleibt: Er spricht die Millionäre mit „ihr“ an, denen nur zweimal ein „wir“ (bzw. „uns“, V. 42 und 44) gegenübersteht. Die Ansprache enthält eine Drohbotschaft: dass es ihnen an den Kragen geht, wenn sie die Welt nicht bald (V. 6) zum Besseren verändern. Der Sprecher tritt wie der Prophet Amos vor über 2700 Jahren auf, der die Oberschicht Israels anklagte, weil sie die Armen unterdrückte:

Seht, Tage kommen über euch, da holt man euch mit Fleischerhaken weg,

und was dann noch von euch übrig ist, mit Angelhaken.“ (Amos 4,2) Der Sprecher der Ansprache beruft sich aber nicht auf ein Wort des Herrn, sondern auf die voraussehbare geschichtliche Entwicklung zur Revolution; die Revolutionäre werden das Gericht an den Reichen vollziehen:

  • ihnen eins über den Schädel hauen (V. 2-4)
  • sie erstechen und an die Fenster hängen (V. 7 f.)
  • sie in die Flüsse jagen (V. 9)
  • ihnen die Köpfe abschlagen (V. 11)
  • sie an die Gartenmauern stellen und töten (V. 14 f.)

Diese Drohungen sind die Folie für den Aufruf, jetzt etwas zu ändern, bevor es zu spät ist: „Warum wollt ihr die Welt nicht ändern, / bevor sie kommen?“ (V. 23 f.) Dieser Aufruf wird in drei weiteren Fragen an die Millionäre gerichtet: „Warum wollt ihr so lange warten, bis…?“ (V. 1 ff.) „Warum wollt ihr euch denn nicht bessern?“ (V. 5) „Wie lange wollt ihr euch weiter bereichern?“ (V. 17)

Wenn sie sich jetzt nicht ändern und weiter zuwarten, dann wird es bald zu spät sein (V. 12):

  • Dann nützen Geschrei und Gebet nichts (V. 10).
  • Niemand wird über sie trauern (V.16).
  • Sie werden alles verlieren (V. 20).

Der Appell an die Millionäre stützt sich darauf, dass sie die Macht dazu haben, die Welt jetzt zu verändern, bevor die Revolutionäre kommen (V. 23 f.): Als die Herren der Welt haben sie sich „das Geld und die Macht genommen“ (V. 22). Dass ihnen das später nichts mehr nützt (V. 20, V. 24), erinnert an Jesu Gleichnis vom reichen Kornbauern (Luk 12,13-21), nur dass dort die Frist noch kürzer war: Der reiche Kornbauer soll bereits in der nächsten Nacht sein Leben verlieren. Auch Heines Gedicht „Die Wanderratten“ kann man zum Vergleich heranziehen, wo die bedrohlich anstürmenden Revolutionäre mit Ratten verglichen werden, die die Bürger bedrohen.

Die elf Strophen des Gedichts sind alle gleich aufgebaut: vier Verse im Kreuzreim; die ersten drei Verse weisen jeweils vier Hebungen mit freier Füllung auf, sind also volkstümliche Knittelverse, während der vierte Vers eine oder zwei Hebungen weniger aufweist; dadurch wirkt er oft wie ein kleines Fazit der Strophe, wie eine Sentenz (V. 12; V. 16; V. 20 u.ö.). Die Reime verbinden die Verse durchweg sinnvoll (etwa: den Frauen – über den Schädel hauen, V. 2/4; über die Freitreppen drängen – an die Fenster hängen, V. 6/8). Wenn die einzelnen Verse einen ganzen Satz bilden, was oft der Fall ist, sind die Reime insgesamt sinnvoll, etwa in der 3. Strophe: in die Flüsse jagen – die Köpfe abschlagen; sinnlos wird das Gebet sein – dann wird es zu spät sein.

Den ersten Teil der Ansprache bilden die genannten Fragen danach, warum die Millionäre noch warten wollen, statt die Welt zu verändern (Str. 1-6); dabei kommt der 6. Strophe insofern eine Sonderrolle zu, als dort in den ersten beiden Versen die Macht der Millionäre herausgestellt wird, die Welt zu verändern (V. 21 f.). Diese Strophe bildet so das Scharnier zum zweiten Teil der Ansprache, in der diese Macht als Pflicht (V. 28) ausgelegt wird: Sie können die Welt verändern (V. 23). → Sie haben die Pflicht, die Welt zu verwandeln (V. 27 f.).

Der zweite Teil umfasst, wenn man die überleitende 6. Strophe mitzählt, die Strophen 6-10; in ihnen wird den Millionären ihre Verpflichtung näher erklärt (Str. 6-9), ehe imperativisch eine Reihe von Appellen an sie gerichtet werden (Str. 10):

  • Ihr habt die Macht (euch genommen), Str. 6.
  • Ihr sollt nicht aus Güte handeln, sondern aus Pflicht, Str. 7.
  • Ihr sollt vernünftig sein, ihr macht mit der Weltveränderung ein Geschäft, Str. 8 und 9.

An die Imperative, die Welt zu verbessern, hängt der Spreche seinen klagenden Wunsch nach einem Dutzend kluger Millionäre („ein Dutzend Weise / mit sehr viel Geld“, V. 39 f.), welche die von ihm erkannte geschäftliche Chance nutzen würden.

Die Strophen 6-9 werden von den Aussageformen „Ihr seid – Ihr sollt“ bestimmt. Es fällt auf, dass nicht an die Güte oder das Herz der Millionäre appelliert wird, sondern an ihren Verstand, den sie bei ihren bisherigen Geschäften ja schon nachgewiesen haben (V. 31 f. und V. 21 f., dazu V. 33 ff.). Bildlich wird ihnen erspart, sich wie Engel Flügel anzuheften (V. 30); das klappt auch deshalb nicht, weil der Mensch nun einmal schlecht sei und bleibe (V. 29), weshalb man zumindest vernünftig sein müsse (V. 31). Damit weicht der Sprecher von der traditionellen, speziell der religiösen (christlichen) Ethik ab, welche die Menschen geradezu aufforderte, sich zunächst selber zu ändern: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15; so Johannes der Täufer, aber auch Jesus selber). Der Sprecher sagt dagegen: ‚Seid vernünftig und glaubt meiner Drohbotschaft.‘ Denn wenn man den Armen hilft, helfe man damit sich selber, man verdiene daran (V. 33 ff. und „von Geschäften“, V. 32).

Die letzte Strophe bildet den Abschluss, wo der Sprecher erkennt, dass seine Warnungen vergeblich sind und seine Appelle zur Vernunft ungehört verhallen: „Ihr seid nicht klug.“ (V. 41) Das ist schlimm, weil sie nicht gut sind (V. 26), aber sich mit Klugheit retten könnten (V. 31, V. 34 ff.). Erstmals erwähnt er „uns“, die Zuschauer ihres Untergangs: „Uns tut es leid. Ihr werdet‘s bereuen.“ (V. 42) Dass die Millionäre bald untergehen (und in die ewigen Jagdgründe eingehen werden), deutet er in einem Bild salopp an: „Schickt aus dem Himmel paar Ansichtskarten!“ (V. 43) Darauf folgt die sarkastische Schlussbemerkung: „Es wird uns freuen.“ Was? Dass wir von ihnen ein paar Ansichtskarten aus dem Himmel bekommen.

Der letzte Vers („Es wird uns freuen.“) steht einmal im Kontrast zu V. 42: „Es tut uns leid.“ Zusammen mit diesem steht er dann in Analogie zu dem Vers, der die erste Serie der Drohungen abschließt: „Niemand wird über euch trauern.“ (V. 16) Zum Schluss ist das nicht Trauern zum sich Freuen gesteigert.

Unheilspropheten haben es schwer, weil sie von den Besitzenden verlangen, dass sie etwas verändern; die Bedrohten wollen jedoch nichts ändern, weil sie sich so schön in ihrem Leben eingerichtet haben – und wenn sie dann erwachen, ist es zu spät, weil sie untergehen. Kästners Gedicht stammt aus dem Jahr 1930, wo es in Deutschland in der Zeit der Wirtschaftskrise Millionen Menschen gab, die keine Arbeit und kaum zu essen hatten. Heute werden wir Europäer alle von einigen „Propheten“ zu den Reichen gezählt, welche auf Kosten der Dritten Welt leben und die vom Untergang bedroht sind, wenn sie den Armen der Welt keine Teilhabe am eigenen Reichtum gewähren.

https://www.youtube.com/watch?v=8Is1ZDSWguY (Vortrag Fritz Stavenhagens)

https://www.youtube.com/watch?v=vvelhy4MRBE (Vortrag Werner Friedls)

https://www.youtube.com/watch?v=Hm-nT4D_iBA (Vortrag Elmar Rieders)

https://www.youtube.com/watch?v=TXH1tF6_oeA (Vortrags Konstantin Weckers)

http://lup.lub.lu.se/luur/download?func=downloadFile&recordOId=8054972&fileOId=8055088 (Erich Kästners politische Dichtung, eher Paraphrase verschiedener Gedichte)

Kästner: Mißtrauensvotum – Analyse

Ihr sagt, ihr könntet in uns lesen.

Und nickt dazu. Und macht euch klein. […]

Ein Misstrauensvotum ist der Mehrheitsbeschluss eines Parlaments, einem Mitglied der Regierung oder dieser insgesamt das Vertrauen zu entziehen und so den Rücktritt zu erwirken (DWDS). Wem soll hier das Vertrauen entzogen werden, wer darf darüber abstimmen?

Der Sprecher spricht hier als Vertreter einer Wir-Gruppe gegen eine Ihr-Gruppe. Er listet auf, was die anderen sagen und tun. Sie sagen,

  • sie könnten ins „uns“ lesen (V. 1),
  • sie wären auch jung gewesen (V. 3),
  • wir“ fänden in ihnen Weggefährten (V. 6 f.),
  • wir“ dürften ihnen vertrauen (V. 11);

Sie

  • machen sich klein (V. 2),
  • tragen Konfetti in den Bärten (V. 5),
  • tanzen mit Kindern Ringelreihn (V. 9 f.),
  • lieben oder hassen nur aus Pflicht (V. 13 f.).

Damit ist die Aufteilung klar: Die Worte des Sprechers sind an die Erwachsenen, an die Eltern, an die Erziehenden gerichtet; er spricht für die Kinder oder Jugendlichen, am ehesten für die Kinder, mit denen Erwachsene Ringelreihn spielen oder für die sie etwas Lustiges veranstalten (Beispiel: Konfetti in den Bärten tragen).

Dreimal sagt der Sprecher zu den um Vertrauen werbenden Worten der Erwachsenen: „Es kann ja sein.“ (V. 4, 8, 12); er stimmt ihnen also nicht zu, er widerspricht aber auch nicht; statt Ja oder Nein sagt er Vielleicht. Die Pointe steht dann in der 4. Strophe. Er fragt die Erwachsenen (und sich selber): „Wir sollen uns auf euch verlassen?“ (V. 15) Darauf antwortet er lapidar: „Ach, lieber nicht!“ (V. 16)

Das Gedicht kann erwachsene Leser betroffen machen, weil ihnen so kurz und knapp das Vertrauen entzogen wird, ohne dass dafür Argumente vorgebracht würden. Das heißt, es gibt ein einziges Argument: „Ihr treibt dergleichen nur aus Pflicht.“ (V. 14) Das heißt: Ihr treibt es nicht aus herzlicher Zuneigung zu uns, sondern aus eurem eigenen Pflichtgefühl, also im Hinblick auf euch selbst. Drei weitere Formulierungen stellen die Bemühungen der Erwachsenen in ein schräges Licht und liefern so, wie man erst beim zweiten Lesen bemerkt, eine Begründung für die Ablehnung (V. 14 und V. 16):

  • Ihr „macht euch klein“ (V. 2), d.h. im Kontext: Ihr tut nur so; deshalb ist trotz des Nickens (V. 2) zweifelhaft, ob ihr in uns lesen könnt (der Konjunktiv II „könntet“ kann einfach für die indirekte Rede stehen, kann aber auch den Zweifel des Sprechers ausdrücken – das gilt dann auch für die anderen Konjunktive).
  • Ihr „tragt Konfetti in den Bärten“ (V. 5), was ja ziemlich lächerlich und so bemüht „lustig“ aussieht.
  • In die gleiche Richtung zielen V. 9 f.: „Ihr hüpft wie Lämmer durch die Auen…“ Der Tiervergleich wertet das vermeintlich kindgerechte Hüpfen ab, macht sich darüber lustig.

All ihren Beteuerungen, mit denen die Erwachsenen ihr Verständnis bekunden und um Vertrauen werben, setzt der Sprecher deshalb das skeptische Wort „Es kann ja sein“ entgegen – er sagt nie „Nein, das stimmt nicht.“ Deshalb ist das Misstrauensvotum im letzten Satz nicht von Hass oder Aufruhr, sondern von der tiefen Skepsis bestimmt: „Ach, lieber nicht!“ Das heute viel beschworene Urvertrauen, das ein Mensch brauche, um sich entwickeln und leben zu können, ist den Kindern dieses Gedichts abhanden gekommen, sagt der Sprecher.

Der formale Aufbau der Strophen ist immer gleich: vier Verse im Kreuzreim, vierhebiger Jambus, abwechselnd weibliche und männliche Kadenz, dann im vierten Vers nur zwei Takte; dieser Kurzvers wirkt deshalb lapidar, er stellt die Antwort auf die werbenden Aussagen und Aktionen der Erwachsenen dar. Nachdem man dreimal „Es kann ja sein“ gehört hat, ist die Variation „Ach, lieber nicht“ die große Pointe – die Konsequenz aus der Unmöglichkeit, den Beteuerungen der Erwachsenen zuzustimmen.

In den ersten drei Strophen ergeben die Reime von V. 1/3 jeweils sinnvolle Zusammenhänge, sie binden Äußerungen und Verhalten der Erwachsenen aneinander. In der letzten Strophe ergibt sich ein tiefer Zusammenhang zwischen den Versen 14 und 16: V. 14 stellt den entscheidenden Vorwurf dar, V. 16 die abschlägige Antwort. Fünfmal wird ein neuer Satz durch „Und“ eingeleitet, und zwar bei den Äußerungen und Taten der Erwachsenen, die einfach reihend aufgezählt werden, um auf die immer gleiche Skepsis zu stoßen.

Das Gedicht ist erstmals 1929 in der Zeitschrift „Jugend“ erschienen – es kann dort den Lesern eine Stimme verleihen. Angesprochen sind jedoch die Erwachsenen, so dass man sich als erwachsener Leser fragt: Betreibe ich meine Bemühungen um meine Kinder (bzw. um meine Schüler usw.) „nur aus Pflicht“, wie es in V. 14 heißt?

Wie kann es dann weitergehen, wenn man nicht mehr miteinander sprechen kann, weil die eine Seite nur „Es kann ja sein“ äußert? In der Bundesrepublik Deutschland gibt es das konstruktive Misstrauensvotum: Das Misstrauensvotum führt nur dann zum Rücktritt der Regierung, wenn gleichzeitig mit Mehrheit ein neuer Kanzler gewählt wird. Wen könnten die Kinder als neue Eltern wählen? Was sich als Gurus, Führer oder Ersatzfamilien anbietet, lässt mich jedenfalls an der Qualität ihrer Motive zweifeln.

Erich Kästner hatte 1929 gut dichten, er war nicht verheiratet und hatte damals noch kein Kind. Ich wäre schon froh, wenn alle Erwachsenen ihren Kindern „aus Pflicht“ mit Fürsorge begegneten, wenn kein Kind misshandelt, vernachlässigt oder missbraucht würde. Das wäre vielleicht nicht genug – aber besser als das, was manche Kinder heute erleben.

http://lexikon.stangl.eu/1932/urvertrauen/ (Urvertrauen)

https://de.wikipedia.org/wiki/Urvertrauen (Urvertrauen)

http://www.kinderrechte.de/ (Kinderrechte)

https://www.dkhw.de/unsere-arbeit/schwerpunkte/kinderrechte/die-kinderrechte-in-deutschland/ (Kinderrechte)

Kästner: Gewisse Ehepaare – Analyse

Ob sie nun gehen, sitzen oder liegen,
sie sind zu zweit. […]“

Auch dieses Gedicht nimmt wie „Familiäre Stanzen“ das Thema der alten Eheleute auf, packt es aber geschickter und radikaler an, weil es sich nicht auf das gegenseitige Hassen beschränkt. Die Überschrift mit dem Adjektiv „gewisse“ klingt ein wenig geheimnisvoll: Gewisse Ehepaare, das sind solche, die man kennt, aber schicklicherweise nicht beim Namen nennt (gewiss: „wenn der Hörer weiß oder leicht erraten kann, wer oder was gemeint ist; drückt aus, dass man zwar an eine bestimmte Person oder Sache denkt, diese aber nicht näher bezeichnen kann oder will“, DWDS).

Die metrische Struktur des Gedichtes ist eigenwillig: Die neun Strophen bestehen aus je vier Versen, die im Kreuzreim verbunden sind; der erste und dritte Vers bestehen aus fünfhebigen Jamben mit einer zusätzlichen Silbe (wodurch eine kleine Pause erzeugt wird), ihnen folgen zweihebige Jamben, die dann wie ein Fazit des vorhergehenden längeren Verses klingen.

Das erste Verspaar gipfelt in der Aussage, dass sie immer zu zweit sind – das „immer“ wird durch die Aufzählung in V. 1 umschrieben. Immer zu zweit sein, also nie allein sein, nie unter anderen sein, das ist der Traum von Verliebten, aber hier erweist es sich als Verhängnis; das wird in den beiden nächsten Versen klar. In einem Wortspiel (Kontrast „sich aussprechen – sich ausschweigen“, letzteres ein Neologismus, analog zu „sich aussprechen“ gebildet) wird als Ergebnis der dauernden Zweisamkeit herausgestellt, dass sie sich nichts mehr zu sagen haben. Das Ergebnis dieses Schweigens klingt dunkel: „Es ist soweit.“ (V. 4, Rechtschreibfehler, richtig ist „so weit“). Was das bedeutet, wird erst in der letzten Strophe klar, die die erste beinahe wörtlich wiederholt, wobei nur der vierte Vers entscheidend verändert wird – davon später. Die Reime bleiben hier auf den lautlichen Anklang beschränkt.

Wie es um Sprechen und Schweigen steht, wird in den nächsten drei Strophen gesagt:

  • Man kennt den andern besser als sich selber.“
  • Auch das Reden ist nur eine Form des Schweigens.
  • Sie sind „wie Grammophone mit drei Platten“.

Da sie schon so lange zusammen sind (V. 5 f.), kennt man den andern in- und auswendig (V. 7). Fazit: „Der Fall liegt klar.“ (V. 8) Dieser Satz ist allein unverständlich, Bedeutung bekommt er in Kontext von V. 3 und V. 9; dann begründet der Doppelvers 7 f., warum man sich nichts mehr zu sagen hat. Die Verse 5 (Haut wird gelber) und 7 (kennt ihn besser als sich selber) ergeben einen sinnvollen Reim, indem V. 5 den V. 7 begründet.

Was das Sprecher mit dem umfassenden Schweigen meint, erklärt er in der scheinbaren Paradoxie des V. 9. Von den beiden Sätzen ist vielleicht der erste erklärungsbedürftig: Durch Schweigen sagt man dem andern, dass man nichts mit ihm zu tun hat, dass man doch nicht mit ihm reden kann. V. 9 ist eine Erläuterung zum zweiten Satz des V. 8, ebenso die satirische Formulierung des V. 11 inklusive V. 12. Satirisch nenne ich diese Formulierung, weil Schweigsamkeit nicht aus Sorten besteht, „Schweigsamkeit“ und Sorten“ also nicht zueinander passen, ein Merkmal satirischen Sprechens – obwohl man beim zweiten Nachdenken durchaus versteht, dass es verschiedene „Sorten“ (bzw. Motive) des Schweigens gibt. Die Verse 9 und 11 reimen sich sinnvoll, da sie beide dem Thema Schweigen gelten.

Die 4. Strophe besteht aus zwei Gedanken, ähnlich wie die 2. Strophe, nur dass sie hier ohne Zusammenhang nebeneinander stehen. Mit „Seelen und Krawatten“ (V. 13) werden wieder zwei „Dinge“ zusammengestellt, die kategorial nicht zueinander passen – ein Merkmal der Satire. Dass sie durch den besagten langen Anblick bös wurde, greift auf die 5. und 6. Strophe vor und wird auch dort erst verständlich. Dass sie „wie Grammophone mit drei Platten“ (V. 15) sind, also stets das Gleiche abspielen müssen, erläutert die paradoxe Formulierung, dass man mit Worten schweigt (V. 9). In dieser Strophe kann man einen Zusammenhang der Negativität zwischen „bös“ und „nervös“ (V. 14/16) erkennen; „nervös“ ist aber nicht das unbedingt passende Wort, was die Folge von V. 15 akkurat umschreibt (passender wäre „dumm, stupide, taub“), es verdankt sich der Notwendigkeit des Reimes – die einzige kleine Schwäche des Gedichts.

In den beiden folgenden Strophen wird ein neuer Aspekt des Verhältnisses der beiden beleuchtet, der schon in V. 13 angeklungen ist: Sie betrügen, belügen einander, sind feig und unansehnlich (V. 17-21); sie sehen sich beim Betrügen „voll ins Gesicht“ (V. 18), sind also auch noch dreist dabei – und scheitern doch damit (V. 19 f.). „Betrügen – belügen“ (V. 17/19) sind ein sinnvoller Reim.

Wieso lebten sie „feig“ (V. 21) Weil sie nicht den Mut zur Wahrheit hatten (V. 17-19). Dadurch unansehnlich geworden sind sie jetzt „echt“ (V. 21 f.) – das ist ein bittere Aussage, mit der der Sprecher sehr deutlich „gewisse Ehepaare“ bewertet, ebenso wie mit V. 24 (aber auch schon vorher, wenn auch nicht so hart). Dass alte Ehepaare einander ähnlich werden, ist eine Volksweisheit, hier eine bittere Wahrheit (V. 23).

in den beiden folgenden Strophen wird ein weiterer Aspekt dieses Verhältnisses beschrieben: Sie sind in ihrer Zweisamkeit Gefangene; das wird in einem Tiervergleich (V. 25) und mit dem ganzen Wortfeld der Gefangenschaft umschrieben: Gitter, fliehen, Käfig, gefangen, stöhnen, Ketten (V. 25-31). In V. 27 f. wird das Bild vom Tier im Käfig ausgebaut: Es steht ein Dritter vor dem Käfig… Das braucht man nicht in die „Wirklichkeit“ zu übertragen und zu „deuten“, hier ist einfach – typisch Satire – ein Bild über die Grenze der Analogie hinaus weitergezeichnet. Der Reim „gefangen in den Betten – Ketten“ (V. 27/29) fügt Gleiches zusammen; hier sieht man übrigens erneut, dass man bei der Untersuchung von Reimen sich nicht auf Wörter („Betten – Ketten“) beschränken darf, sondern Phrasen oder sogar den ganzen Vers beachten muss. Dass aus Bett und Kissen „Särge“ (V. 32) werden, sprengt das Bild des Gefangenseins, passt aber von der Vorstellung zum Bett und weist auf V. 36 hin.

Die letzte Strophe gleicht weithin der ersten (s.o.). Der entscheidende Unterschied liegt in V. 36: „Man hat sich ausgeschwiegen. / Nun ist es Zeit…“ Das Präsens „ist“ ergibt sich hier als Folge des Perfekts „hat sich ausgeschwiegen“: Etwas ist abgeschlossen, jetzt liegt das Ergebnis vor: „Nun ist es Zeit.“ Hier fehlt eine Angabe, wofür es Zeit ist. Im Zusammenhang mit den Hinweisen auf das Alter (V. 5), auf den Zustand der „Vollendung“ (V. 4, V. 22 u.a.) sowie auf die Särge (V. 32) muss man ergänzen: Es ist Zeit, dass sie sterben. Das ist nicht ausgesprochen, aber die makabre Wahrheit – wieder ein Merkmal satirischen Sprechens.

Stichwort Satire: Was wird hier angegriffen? Kritisiert wird die Art verfehlten Lebens gewisser Ehepaare, die nicht aus dem Käfig ihrer tödlichen verlogenen Zweisamkeit ausgebrochen sind. Ob der Akzent auf dem nicht Ausbrechen oder auf dem Leben im tödlichen Schweigen besteht, sei dahingestellt.

https://www.deutschelyrik.de/index.php/gewisse-ehepaare.html (Vortrag Fritz Stavenhagens)

https://www.youtube.com/watch?v=E9dT6svDjiM (Vortrag Otto Schenks)

Gegenüber Schillers „Das Lied von der Glocke“ sind hier bei Kästner „gewisse Ehepaare“ negativ gezeichnet – aber sein Blick auf die Ehe war nicht der einzige; die kritischeren Gedichte standen einfach nicht im Lesebuch. Bereits Francis Bacon von Verulam dichtete: Es ist betrübt, man könnte drüber weinen, / Ein Merkmal unser Schwäch‘ und Sündlichkeit, / Dass Lieb‘ und Ehe selten sich vereinen […]“

Vgl. auch Tucholskys Gedicht „Ehekrach“ (http://www.textlog.de/tucholsky-ehekrach.html, 1928) und die Liste der Ehemotive (http://www.sgipt.org/gipt/sozpsy/bez/ehemotiv.htm).

Kästner: Familiäre Stanzen – Analyse

Wenn sich Leute, die sich lieben, hassen,
tun sie das auf unerhörte Art.
[…]

Die Stanze ist eine aus Italien stammende Gedichtform, die aus acht elfsilbigen Versen mit dem Reimschema a-b-a-b-a-b-c-c besteht; im deutschen weist die Stanze meist abwechselnd weibliche und männliche Kadenzen auf und besteht aus fünfhebigen Jamben. Diese Gedichtform bestimmt die Überschrift des Gedichts „Familiäre Stanzen“: Stanzen, in denen Leben in der Familie Thema ist. Genau gesagt handelt es sich nicht um eine Familie, sondern ein altes Ehepaar (mit falschen Zähnen, V. 6): „Denn sie kennen sich […] viele Jahre schon.“ (V. 9 f.) Es geht um die scheinbar paradoxe Situation, dass „Leute, die sich lieben, [einander, N.T.] hassen“ (V. 1). Zuerst sieht es so aus, als ob dieses Hassen ein Dauerzustand wäre (Str. 1-3); doch ändert sich die Situation, der Hass verschwindet ( Str. 4).

Leute, die sich lieben, hassen einander „auf unerhörte Art“ (V. 2), also nicht einfach so, wie man einen Fremden oder Nachbarn hasst, denen man einfach den Tod wünscht. Da die Liebenden zusammen wohnen, durchzieht ihr Hassen den ganzen Alltag – dies wird in V. 3-8 entfaltet: Hass in allem, was sie tun und lassen (V. 3 f.), sogar bei scheinbar höflichen Gesprächen (V. 7 f.); dass keiner „vorm anderen erblassen“ will (V. 5), heißt vielleicht, dass keiner zeigen will, wie ihn eine Verletzung trifft, oder dass keiner in seiner Gemeinheit hinter dem anderen zurückstehen will. Dass jemand Haare auf den Zähnen habe, wird gewöhnlich auf die bissige, schroffe Art einer Frau bezogen; wenn nun hier gesagt wird, dass selbst auf den falschen Zähnen Haare stehen (V. 6), ist damit eine Steigerung der gewöhnlichen Bosheit gemeint, und zwar bei beiden Streithähnen.

Semantisch sinnvoll sind vor allem die Verse 2, 4, 6 miteinander im Reim verbunden; das kommt daher, dass dort zweimal der Satzkern steht: unerhörte Art / Hass gewahrt / Zähne behaart; diese Verse sind um eine Silbe kürzer und bilden jeweils das Satzende, so dass dort im Sprechen eine Pause entsteht. Die Satzbildung über zwei Verse verhindert, dass in V. 7 f. ein sinnvoller Reim entstehen kann. Der anonyme Sprecher, der das Phänomen des Hassens distanziert beschreibt, spricht in einem gehobenen Stil („aufs sorglichste“, V. 4), bildet Nebensätze und gebraucht auch eine Reihe von Vergleichen (V. 8, 17, 21, 24). Diese Vergleiche dienen auf verschiedene Weise dazu, das gegenseitige Hassen in seiner Intensität darzustellen; in der 1. Strophe (V. 8) wie später in V. 21 wird ein irrealer Vergleich gebraucht (Konjunktiv II), wobei der Vergleich in V. 8 durchaus unanschaulich bleibt und eine metaphorische Redewendung aufgreift (das Herz bricht).

In der 2. Strophe wird zunächst erklärt, warum die beiden sich so tief verletzen können (V. 9-12, eingeleitet mit „Denn“): Sie kennen sich schon jahrelang (V. 10 und das Präteritum V. 11), also sehr gut. Im Zeugma (von Trank bis Telefon, V. 11 f.) passt das Telefon als konkreter Gegenstand nicht recht in die Aufzählung; durch diese Art des Aufzählens wird einfach „alles“ umschrieben. Semantisch passt zum Reim „viele Jahre schon“ (V, 10) nur der ganze Doppelvers V. 11 f. Welche Möglichkeiten durch diese lange intime Bekanntschaft „jetzt“ (V. 13) eröffnet werden, wird in V. 13 summarisch beschrieben und dann in V. 14-24 entfaltet. Die Adverbien „klug und leise“ (V. 13, dazu passt V. 14) zeigen die Besonderheit des intimen Hassens; sie werden jedoch in V. 21-24 außer Kraft gesetzt – eine Schwäche des Gedichts, finde ich.Das Adverb „messerscharf“ (V. 15) kann noch zu den Vergleichen (s.o.) gezählt werden. V. 16 klingt etwas rätselhaft. Ich lese ihn so: Das Verstehen einer Bosheit geht dem Schmerz voraus, den sie auslöst; sie kommt also nicht unerwartet, man ist vielmehr gespannt darauf, was dem anderen jetzt wohl einfällt, um einen zu verletzen. „scharf geschliffen – Schmerz begriffen“ (V. 16) ist ein sinnvoller Reim.

In den Strophen 2 und 3 werden fünf Sätzen durch „Und“ eingeleitet (in Str. 1 und 4 sind es nur drei Sätze): Dieses aufreihende Erzählen signalisiert (bis auf V. 11), wie eines aus dem anderen folgt, wie die Serie der Verletzungen abläuft. In Strophe 3 dominieren Vergleiche (V. 17, 24) und Metaphern (V. 20) des Kämpfens, dazu kommt ein irrealer Tiervergleich (V. 21): alles ein Folge der intimen Kenntnis des „Gegners“. Dass die Uhr „erschrickt“ (V. 22), ist eine surreale Personifikation. Das Präteritum „schrie“ (V. 22) passt nicht zum Präsens „erschrickt“ (V. 22 und in der ganzen Strophe; es verdankt sich der Notwendigkeit, zu „Anatomie – sie“ (V. 18, 20) ein passendes Reimwort zu finden. V. 17/19 („wie bei Duellen – die schwachen Stellen“) reimen sich sinnvoll.

Durch „Aber“ (V. 25) leitet der Sprecher eine Wende des Geschehens, ohne dass er erklärt, warum der Hass verschwindet, der doch so tief zu sitzen schien – es ist so etwas wie ein Innehalten vor lauter Erschöpfung („Krank und müde“, V. 26). Dass sie über ihre Wunden, d.h. die Wunden, die sie dem anderen zugefügt haben (wegen V. 28), „staunen“, verwundert mich, haben sie sich doch „klug und leise“ verletzt (V. 13); und dass keiner wusste, „daß er beißen kann“ (V. 28), stimmt einfach nicht – ich glaube es dem Sprecher nicht, er beschönigt hier etwas. Das Indefinitpronomen „Beide“ (V. 29) zeigt die neue Gemeinsamkeit kann, ebenso das Bild „beim gleichen Schicksal Kunden“ (V. 29); dieses Bild verstehe ich so, dass damit auf ihr Alter und im weiten Sinn die Todesnähe angespielt wird. Dass sie Mann und Frau spielen, heißt, dass sie miteinander schlafen; das Verb „spielen“ muss nicht nur etwas Negatives oder Scheinhaftes bezeichnen (wegen V. 25), auch wenn die Bedeutung „vortäuschen“ mitschwingt. Es folgt zum Schluss eine humorvoll-kritische Begründung dafür, dass die beiden miteinander schlafen (wollen): weil die Liebe nach einem Streit „endlich wieder“ (V. 32) angenehm empfunden wird, nachdem sie in den langen Jahren zu einer Routine verkommen war. Das ist nicht ohne einen spöttischen Unterton gesagt, finde ich: Der Sprecher steht dem ganzen Ehekrieg mit folgender Versöhnung distanziert gegenüber. Die Reime in V. 25-28 verbinden die Verse sinnvoll, ohne dass sie den Versen 27 und 28 Plausibilität verleihen könnten.

Gegenüber Schillers „Das Lied von der Glocke“ ist hier bei Kästner die Ehe negativ gezeichnet – aber Schiller stand zwar früher in vielen Lesebüchern, aber sein Blick auf die Ehe war nicht der einzige; die kritischeren Gedichte standen einfach nicht im Lesebuch. In Lessings Gedicht „Das Muster aller Ehen“ wird die einzige Ehe besungen, in der es keine Zwietracht gibt: „Der Mann war taub, die Frau war blind.“ Und Francis Bacon von Verulam dichtete:

Es ist betrübt, man könnte drüber weinen,

Ein Merkmal unser Schwäch‘ und Sündlichkeit,

Dass Lieb‘ und Ehe selten sich vereinen […]“

Vgl. auch Tucholskys Gedicht „Ehekrach“ (http://www.textlog.de/tucholsky-ehekrach.html, 1928) und die Liste der Ehemotive (http://www.sgipt.org/gipt/sozpsy/bez/ehemotiv.htm). Noch böser als „Familiäre Stanzen“ ist Kästners Gedicht „Gewisse Ehepaare“, das als nächstes vorgestellt werden soll.

Kästner: Das Gebet keiner Jungfrau – Analyse

Ich könnte gleich das Telefon ermorden!

Nun hat er, sagt er, wieder keine Zeit. […]“

Die Überschrift ist in der Verwendung des Pronomens „keiner“ ungewöhnlich; gemeint ist, dass die junge Frau, die hier ihre Gedanken äußert, nicht mehr Jungfrau ist. Das war 1929 anscheinend bemerkenswert – nach ihrer Äußerung in V. 21 („schon dreißig“) und ihren schwärmerischen Vorstellungen dürfte sie knapp unter 20 Jahre alt sein, zumal da sie noch unter der Obhut ihrer Mutter steht (V. 17 f.). Der ungewöhnliche Titel „Das Gebet keiner Jungfrau“ ist vielleicht als Replik auf Frank Wedekinds Gedicht „Das Gebet einer Jungfrau“ von 1920 entstanden (das würde immerhin die sonderbare Überschrift erklären):

Ave Maria!

Schwere Träume plagen

Mich so manche Nacht […]“

Die junge Frau in Kästners Gedicht beginnt sehr aufgebracht mit einer zornigen Äußerung über das Telefon, auf dessen Klingeln sie vergeblich wartet – „er“ hat schon „wieder keine Zeit“ (V. 2), sagt er zumindest (V. 2). Mit dem Einschub „sagt er“ drückt sie ihren Zweifel daran aus, und das Adverb „wieder“ zeigt den Zustand ihres Verhältnisses: „Ich“ denkt offenbar dauernd an „ihn“, der so selbstverständlich der eine Er ist, dass nicht einmal sein Name genannt wird, der aber ihre Erwartungen nach Nähe und Zweisamkeit nicht (mehr?) erfüllt; gleichwohl zeigt das Pronomen „er“ statt „du“ eine gewisse Distanz an. Sie beschreibt ihren Zustand dann mit dem mythischen Bild vom ganzen resp. halben Menschen, das wir aus der Bibel und von Platon kennen: Eva ist aus der Rippe Adams gebaut, erst zusammen sind sie „ein Fleisch“ (Gen 2,24). Aristophanes erzählt im platonischen „Symposion (Gastmahl)“ den Mythos von den Kugelmenschen, die zerteilt worden seien, wonach sich jeder nach der zu ihm passenden Hälfte sehnte (https://de.wikipedia.org/wiki/Kugelmenschen). Genau das meint die Klage der jungen Frau, dass sie nur noch „eine Hälfte“ sei, weil die andere Hälfte sich ihr entzieht (V. 4); ein ganzer Mensch „bin ich nur noch zweit“ (V. 3) – das ist genannte mythische Vorstellung.

Sie denkt bzw. spricht in fünfhebigen Jamben, die in umarmendem Reim miteinander verbunden sind. Die beiden Innenverse enden glatt mit der fünften Hebung, die beiden anderen haben eine Silbe mehr (weibliche Kadenz). Weil der erste und der vierte Vers recht weit voneinander entfernt sind, besteht meist nur zwischen den beiden Innenversen eine semantische Beziehung über die reine Klangverbindung hinaus, z.B. „keine Zeit – nur noch zu zweit“ (V. 2/3: Kontrast zwischen Wunsch und Wirklichkeit), während „Telefon ermorden“ und „aus mir geworden“ nur durch den Klang verbunden sind. Das klagende „Ach“ (V. 4) ist gegen den Takt betont – überhaupt besagt die Feststellung, dass es fünf Hebungen gibt, nicht, dass sie alle gleich stark betont werden; der Rhythmus eines Gedichtes ergibt sich erst aus der sinnvollen Akzentuierung der einzelnen Verse.

In den nächsten drei Strophen entfaltet das Ich die Klage über sein Liebesleid: In einem Dreischritt kommt sie zur Gewissheit, dass er sie nicht liebt, obwohl er mit ihr schläft:

  • Er sieht sie ungerührt, fast belustigt leiden (2. Str.).
  • Er sagt nicht, dass er sie liebt (3. Str.).
  • Sie erkennt, dass er sie nicht liebt (4. Str.).

Sie beschreibt sein distanziertes Verhältnis zu ihr sehr vorsichtig: „Ich glaube fast…“ (V.5), „vielleicht“ (V. 6), irrealer Vergleich (sieht mich an, als ob, V. 7 f.); sie ist sich also nicht ganz sicher, wie sie sein Verhalten einschätzen soll – jedenfalls zeigt er sich überlegen (V. 6, mit V. 8 als Bestätigung) und rücksichtslos, er verletzt sie (kränken, V. 5; traurig, V. 7) ohne Mitleid, vielleicht sogar absichtlich (um sie auf Distanz zu halten?). Man kann eine semantische Beziehung zwischen V. 5 und V. 8 erkennen: Durch ihre Traurigkeit bestätigt sie ihm seine Macht.

Sie vermutet, dass er sie nicht liebt, weil er sein Liebesbekenntnis durch Küsse im Bett ersetzt hat. Diese Erkenntnis sagt alles über ihren Zweifel: Durch Küsse bestätigt man normalerweise seine Liebe; aber die Zweifelnde können Küsse allein nicht von seiner Liebe überzeugen. Hier sind „danach gefragt – nichts gesagt“ (V. 10 f.) sinnvolle Reime (Verhältnis Frage – Antwort).

Dann kommt sie im Fortgang ihrer Überlegungen zur Einsicht: „Er liebt mich nicht.“ (V. 15) Das steht gegen ihre Wünsche und ihr eigenes Lieben (V. 13 f.). So bleibt ihr für das Verhältnis nur die Deutung: „Mein Körper geht bei seinem in die Lehre.“ (V. 16) Damit ist einmal klar, dass ihr Verhältnis auf Sex reduziert ist; problematisch finde ich die Wendung „in die Lehre gehen“; denn wer in die Lehre geht, will ja etwas lernen (was auch in der Liebe erforderlich ist, zumal wenn man noch „unschuldig“ ist), während sie doch zuvor davon gesprochen hat, dass sie seine Liebe empfangen will. Hier kann man überlegen, ob Kästner die Wendung nicht optimal gewählt hat oder ob die Wendung besagt, dass sie unterschwellig durchaus daran interessiert ist, im Sex etwas zu lernen – oder ist V. 16 mit Bedauern geäußert? Man müsste im Sprechen erproben, welche Lesart von V. 16 überzeugt. Der Reim „wie ich ihn – erst so schien“ (V. 14 f.) verbindet den Kontrast von Wirklichkeit und Schein miteinander.

Er liebt mich nicht.“ (V. 15) Das ist eine klare Äußerung – welche Konsequenz zieht sie daraus? An der Antwort auf diese Frage entscheidet sich, wie man das Gedicht zu verstehen hat: Wird eher Er als herzloser Ausbeuter angeklagt? Verdient sie deshalb Mitleid, oder ist Sie eine dumme Gans, die sich willig ausnehmen lässt? Zunächst antwortet sie nicht auf unsere Frage, welche Konsequenz sie aus ihrer Einsicht zieht. Sie blickt einmal kurz zurück (5. Str.) und dann voraus in die Zukunft (6. Str.).

Ich wollte alles so, wie alles kam!“ (V. 19) Mit diesem Satz wehrt sie sich gegen die Aufforderung ihrer Mutter, sie solle sich benehmen und sich wegen ihres „unmoralischen“ Verhältnisses schämen (V. 17 f) – ein offensichtlich nur heimlich gepflegtes Verhältnis (V. 18: „Sie ahnt etwas.“). Das lehnt sie ab (V. 19 f.), sie steht zu diesem Verhältnis. Der Reim „Scham – wie alles kam“ (V. 18 f.) drückt die Spannung zwischen Wirklichkeit und traditioneller Moral (1929) aus.

Im Ausblick auf die Zukunft weiß sie dagegen, wie es ihr ergehen wird: wie vielen Damen vor ihr, an die er sich zwar innert (V. 21 f.), wogegen er später nicht einmal mehr ihren Namen wissen wird (V. 24). Was bleibt, wird sein: „Mit der war doch mal was…“ Hier finden wir ein paar Striche zu einem Bild von ihm: wie er mit seinen verflossenen Damen umgeht. Die Reime passen semantisch: „viele Damen – meinen Namen“ (V. 21/24: Gleichheit); „erinnert sich – dann auch mich“ (V. 22/23: Gleichheit des Schicksals).

In der nächsten Strophe wird ihr schwärmerischer Liebeswunsch („Zwei Dutzend Kinder …“, V. 25) mit seiner Wirklichkeit konfrontiert und damit die 6. Strophe thematisch fortgesetzt: „Er weiß Bescheid.“ (V. 27) Er weiß, wie man Empfängnis verhütet, was 1929 viele Frauen und manche Männer nicht wussten, Gegen ihren überschwänglichen Kinderwunsch setzt er also seinen Willen und sein Wissen, er lacht sie aus (V. 26 ff.); notfalls würde er auf einer Abtreibung bestehen (V. 27 f.). Hier fällt mir auf, wie sie sich anscheinend diesem fremden Willen unterwirft, obwohl sie doch angeblich zwei Dutzend Kinder von ihm haben will: Wäre es ihr damit ernst, würde sie, wo sie im Monolog doch nicht kontrolliert wird, sagen können: „Das machte ich nicht mit, das Kind ließe ich mir nicht nehmen.“ Das tut sie aber nicht – wie soll man solche Hörigkeit bewerten? – Die Reime V. 25/28 und V. 26/27 sind durch die Gegensätze in den Aussagen bestimmt.

In der letzten Strophe zieht sie das Fazit aus ihren bisherigen Überlegungen; dabei binden die Reime jeweils gleichartige Aussagen aneinander: von der bleibenden Liebe (V. 29/32) und von ihrem Aus (V. 30/31). Sie möchte, dass sie Ihn weiter liebt hat, aber sie weiß, dass das nicht der Fall sein wird (V. 29 f.); eine Erklärung dafür gibt sie nicht, obwohl sie das doch tun könnte (wenn man „aus“, V. 30, wirklich auf das Ende ihres Liebens bezieht, wie es grammatisch geboten ist, weil auch „es“ in V. 29 wie die beiden folgenden sich auf den Vordersatz bezieht, also auf ihr Liebhaben und nicht auf das Verhältnis). Sie sieht die Folgen des Endes ihrer Liebe voraus (V. 31 f.), sie wird leiden: „Das ist die Liebe.“ (V. 32) Was ist die Liebe? Weil das „Das“ (V.32) unbestimmt ist, muss man es als Leser füllen. Ich lese es so: Dass man an der Liebe und vor allem am Ende der Liebe leidet, das ist die Liebe.

Wir hatten gefragt: Welche Konsequenzen zieht sie aus ihrer Einsicht, dass er sie nicht liebt? Ich lese Str. 5-8 so, dass sie daraus keine Konsequenzen zieht, sondern nur das Ende ihres Liebens kommen sieht. Im Gegenteil, sie hält an wirklichkeitsfremden Wünschen (V. 25) fest. Und sie bedauert sich ein wenig als eine, die am Ende ihrer Liebe leiden wird (8. Str.). So erscheint sie mir als jemand, der blind oder vielmehr sehend an etwas festhält, was es schon gar nicht mehr gibt und vielleicht nie gegeben hat. Nicht der böse Er, sondern die gefühlsduselige Sie stehen im kritischen Fokus des Gedichts. Aber vielleicht lesen Frauen das Gedicht anders?

https://de.wikisource.org/wiki/Gebet_einer_Jungfrau (Wedekind: Das Gebet einer Jungfrau) – fast zwingend ergibt sich ein Gedichtvergleich als Aufgabe!

Ich finde übrigens „Das Gebet keiner Jungfrau“ wesentlich besser für die Lektüre in der Schule geeignet als das überall verbreitete Gedicht „Sachliche Romanze“; aber wer weiß, dass Lesebücher so gemacht werden, dass Texte aus anderen Lesebüchern abgeschrieben werden, wird vergeblich hoffen, das die „Sachliche Romanze“ durch „Das Gebet keiner Jungfrau“ ersetzt würde.

Kästner: Mädchens Klage – Analyse

Wir wohnen Hinterhaus. Im vierten Stock.

Ich kriege schon die ersten Achselhaare. […]

Es spricht ein 13jähriges Mädchen in der Ich-Form von sich und seinem Leben. Das Mädchen stellt sich als jemand dar, der in beengten Verhältnissen lebt und dabei ist, die Sexualität zu entdecken. Der Autor hebt durch den Untertitel „Dem Wohnungsamt gewidmet“ auf die schwierige Wohnungssituation der Familie ab, während das Mädchen stärker sein Interesse an Männern herausstellt (bzw. das Interesse von Männern an ihm). Wieso hier „Mädchens Klage“ vorliegt, wird erst in der letzten Strophe deutlich.

Zunächst stellt das Mädchen sich seinen anonymen Zuhörern vor. Sie wohnt in einem Hinterhaus (V. 1), wo die billigen Wohnungen sind; die Familie lebt beengt, sie schläft in einem einzigen Zimmer (V. 5). Sie ist 13 Jahre alt (V. 4), in der Pubertät (erste Achselhaare, V. 2) und wird manchmal von ihrem Bruder sexuell bedrängt (V. 3) – sie weiß genau, was das bedeutet. Es fällt auf, dass ihre erste Äußerung über sich der Hinweis auf die Achselhaare ist: Die Sexualität steht im Fokus ihres Interesses.

Offensichtlich ist die Familie – nur von der Mutter ist später kurz die Rede (V. 23 ff.) – so arm, dass sie noch ein Zimmer vermieten muss (V. 6). Dieser Untermieter ist der erste Mann im Leben des Mädchens; er gibt ihr Geld, da tut sie „manches gern“ (V. 8). Durch das Indefinitpronomen „man“ wird dieses nicht näher umschriebene erotische Entgegenkommen als normal bewertet. Dass es sich bei „manches“ um erotische Gefälligkeiten handelt, ergibt sich aus der Gegenüberstellung des Untermieters mit dem Lehrer Günther, der ihr gefallen könnte und von dem sie kein Geld nähme (V. 9 ff.).

Auch wenn das Mädchen in fünfhebigen Jamben spricht (vier Verse im Kreuzreim mit abwechselnd männlichen und weiblichen Kadenzen bzw. umgekehrt), scheint sie zunächst in einem restringierten Code zu sprechen (V.1: „Wir wohnen Hinterhaus.“ , die Präposition „im“ fehlt!); auch beginnt sie gelegentlich umgangssprachlich einen neuen Satz mit „Und“ (V. 4, 8, 20). Bis auf eine Ausnahme (V. 1 b) bildet sie aber die Sätze regelhaft und gebraucht sogar einige Nebensätze (V. 5, 12, 17, 21, 24, 25). Die Reime ergeben oft semantisch sinnvolle Beziehungen: „die ersten Achselhaare – vierzehn Jahre“ (V. 2/4); „fest möblierten Herrn – tut man manches gern“ (V. 6/8); „bei uns wohnen hätten – fast in denselben Betten“ (V. 13/15) u.a., da liegen jeweils Entsprechungen vor.

Das Mädchen stellt die beiden Männer, den Untermieter und Lehrer Günther, gegenüber; der eine ähnelt sonntags zwar „einem schönen Grafen“ (V. 7), ist also durchaus attraktiv, aber der Lehrer Günther „könnte mir gefallen“ (V. 9), und das ist offensichtlich mehr; denn von ihm nähme sie kein Geld (V. 14). Sie drängt sich ihm regelrecht auf, zieht extra beim Turnen „drunter nicht viel an“ (V. 10), damit der Lehrer an ihrem Leib Gefallen finden kann – anscheinend hat sie damit auch Erfolg, wie des Lehrers Bemerkung über ihre gymnastischen Bewegungen (V. 11 f.) ihr zeigt. Das hört sich so an, als ob zwischen den beiden ein geheimes Einverständnis bestände: Sie zeigt sich ihm, er lobt ihre Bewegungen vor der Klasse. Ihre Annäherungsversuche an Lehrer Günther stehen im Kontext ihrer Wunschvorstellungen (V. 9 und 4. Strophe: Konjunktiv II), dass dieser bei ihnen als Untermieter wohnte; ihre Wünsche gipfeln darin, dass sie im Fall des Falles mit ihm „fast in denselben Betten“ (V. 15) läge. Dass sie dann im Osterzeugnis in „Sittlichkeit“i eine Eins bekäme, ist angesichts ihrer schwülen Phantasien ein pikantes Detail – ich vermute, dass dieser hübsche Kontrast eher dem Autor Kästner als dem sprechenden Mädchen wichtig war. Vom Reim her ist besagte „Eins“ die Belohnung dafür, dass sie „von ihm keins“ (V. 14/16), also kein Geld für ihre Gefälligkeit nähme.

Die nächste Strophe zeigt, dass das Mädchen nicht nur frühreif, sondern auch noch Kind ist: Sie spuckt vom Haus auf die Laternenspitze, gelegentlich macht sie mit ihrem Bruder Wettspucken (5. Strophe). Der Reim „am Fester sitze – nach der Laternenspitze“ zeigt den Zusammenhang der beiden Aussagen (Wenn – Da, V. 17/19) sinnvoll an. Es folgt ein weiterer Wenn-Satz, der wieder auf einem Umweg (über die Bibellektüre) zum ersten Thema „Liebe“ zurückführt; dass sie in der Bibel liest, ist angesichts ihrer Lebensumstände allerdings erstaunlich und auch nicht ohne objektive Ironie (aus Sicht des Autors): Die „Liebe“ der Bibel ist als Nächstenliebe eine andere Liebe als die in des Mädchens Phantasie und Leben. Der Reim „von der Liebe – was ich triebe“ (V. 22/24) zeigt die Spannung zwischen den beiden Arten von Liebe auf; denn für das, was sie treibt, bekommt sie von der Mutter gelegentlich „Hiebe“, wiederum ein passender Reim zu „was ich triebe“ (V. 24/26). Dass sie noch kontrolliert („was ich tu“, V. 25) und geschlagen wird, macht deutlich, dass sie zu Hause noch als Kind gilt.

Ich finde es erstaunlich, dass sie anscheinend Wert darauf legt, gelegentlich ihre Ruhe zu haben (V. 21); diese Situation ist aber die Voraussetzung für die Bibellektüre, über deren Bedeutung für das Mädchen und den Autor bereits gesprochen wurde. Der Reim „meine Ruh – was ich tu“ (V. 21/25) ist als Bezeichnung eines Kontrastes sinnvoll, während „grad dazu“ (V. 23) bloß eine Klangverbindung herstellt.

Was ist nun des „Mädchens Klage“ (Überschrift)? Die kann m.E. nur darin begründet sein, dass sie von der Mutter kontrolliert und geschlagen wird; denn über das Interesse von Männern beschwert sie sich nicht, im Gegenteil: Sie kokettiert mit ihrer Weiblichkeit; nur ihres Bruders muss sie sich erwehren, aber da sie dem nur einen Satz ohne Bewertung widmet (V. 3), wiegt dessen Aufdringlichkeit anscheinend auch nicht schwer. Die Klage zielt also darauf ab, dass sie noch Kind ist oder wie ein Kind behandelt wird, während sie doch schon dabei ist, eine Frau zu werden.

Nach der Jahrhundertwende um 1900 war die Situation der Jugendlichen in der Literatur angekommen. Die Pubertätsproblematik war vor allem, aber nicht nur in Wedekinds Drama „Frühlings Erwachen“ (1891) und in Musils Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törless“ (1906) ins Bewusstsein gerückt worden. Bei Kästner ist das Thema der entfremdeten Liebe dominant, wie nicht nur das Gedicht „Der Scheidebrief“ zeigt. Damit enttäuschte er aber manche Leser, die von Gedichten etwas „Lyrisches“ erwarteten und erbost an den Autor schrieben: „Und wo bleibst das Positive, Herr Kästner?“ Aber auch daraus machte Erich Kästner wieder ein Gedicht.

Den Unterschied zwischen Kästners Gedichten und überkommener Lyrik erkennt man im Vergleich des Gedichts „Mädchens Klage“ mit Schillers „Des Mädchens Klage“:

Der Eichwald brauset,
Die Wolken ziehn,
Das Mägdlein sitzet
An Ufers Grün,
Es bricht sich die Welle mit Macht, mit Macht,
Und sie seufzt hinaus in die finstre Nacht,
Das Auge vom Weinen getrübet. 
[…]

(http://www.friedrich-schiller-archiv.de/gedichte-schillers/kurze-gedichte/des-maedchens-klage/)

i„Sittlichkeit“ ist hier so viel wie „Betragen“; vor dem 1. Weltkrieg gab es im Zeugnis zuerst Noten in Betragen, Fleiß und Schulbesuch (wie in Führungszeugnissen), die sogenannten Kopfnoten, die erst lange nach dem 2. Weltkrieg abgeschafft wurden.