Heißenbüttel: Fragmente – Gedanken zur Interpretation

[aus: http://logos.kulando.de | 12 August, 2009 08:26]

Links zu Heißenbüttel (etwa Juli 2006)
http://www.ub.fu-berlin.de/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/multi_fgh/heissen.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Helmut_Hei%C3%9Fenb%C3%BCttel
http://www.stuttgarter-schule.de/heissenbuettel.htm
http://doehl.netzliteratur.net/mirror/heissenbuettel1.htm
http://www.stuttgarter-schule.de/rotermund_hh2001.htm
http://www.stuttgarter-schule.de/heissenbuettel5.htm
http://www.uni-stuttgart.de/ndl1/hoflitage/hbg_rez2.htm
http://www.reinhard-doehl.de/hhh/h_h_h.htm

Gedanken zu H. Heißenbüttel: Topographien a – e
Es liegen Ortsbeschreibungen vor. Dazu ist vorab zweierlei zu sagen: Die Orte sind nicht als Lokalitäten zu verstehen; und die Beschreibungen sind nicht als konsistente Sätze zu lesen, sondern als Montagen von Satzfetzen.
Das möchte ich an einem Beispiel zeigen (Text und Verszählung nach der Ausgabe „Epochen der deutschen Lyrik“, hrsg. von Walter Killy, Bd. 9): „aufgegitterte Spiegelbilder im Wellblech der Kanäle“ (V. 35). Das ist die Montage einer Wendung „Spiegelbilder im Wasser der Kanäle“ mit dem Bild eines Bauwerks (Wellblech), wobei unklar ist, woher das Attribut „aufgegitterte“ stammt. Vielleicht ließe sich durch eine Fleißarbeit ausmachen, aus welchen Kästen die gemixten Bruchstücke ursprünglich stammen. Die Frage ist, ob das fürs Verstehen wichtig ist.
Als Methode ergibt sich für mich daraus, bestimmte Wendungen zu sammeln, die der Beschreibung eines „Ortes“ dienen. Ich finde folgende fünf Orte beschrieben: das Ich (a), die Zeit (b), die Wiederholung von Mustern (c), gedankenloses Funktionieren (d), Geplapper leerer Gesichter (e) – diese fünf Orte gehören zusammen und bezeichnen das Gelände, in dem man sich bewegt. Es gilt also, diese fünf Orte kurz zu umschreiben:

a) das Ich: ungedecktes Gelände, schutzlos Angriffen ausgesetzt,
irreparable Schäden, Verluste,
Biografie unter den Gesetzen eines Romans,
weiße Flecken, Unbekanntes weithin,
das Profil aufgelöst,
Gesichter abgefallen,
darüber eine stahlblaue Schutzschicht;

b) Zeit: zergehend,
der langsame Schritt der nichts Erwartenden;

c) Wiederholungen: Strukturen der Landschaft,
unaufhörlich dieselben Gesichter, ununterbrechbar,
immer noch meine Schwester,
immer gleiche Spiegelbilder,
die glitzernden Parallelen des vor mir liegenden Geländes;

d) funktionieren: das Fehlen der Gedanken in den abgefallenen Köpfen,
einzige Schlupfwinkel: Bilder von Francis Picabia, Texte von Benjamin Peret;

e) was hört man den ganzen Tag?
inhaltsleere Sätze,
Gesprächsfetzen (ich kenne eine Sammlung vom Begräbnis von Bubi Scholz),
das menschenleere Gesicht:
die milchbraune Kreisform.

Wer es denn wagte, er selber statt bloß Wellnesskonsument zu sein –
Wer es denn wagte, selber zu lernen, statt Abikonsument zu sein –
Wer es denn wagte, selber zu lehren, statt Versatzstücke einzuspielen –
Wer es denn wagte mitzufühlen, statt alte Sprüche zu reproduzieren –
Wer es denn wagte, sich auf sich selbst zu besinnen –

Möglichkeiten, sich das Gedicht zu erschließen:
* Lies Sabine Peters über H.H.: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/166029/
* Sammle Redensarten von Lehrern (Eltern, Schülern) in allen Variationen!
* Höre Musik von Big Sid Catlett, Art Tatum, Fats Navarro!
* Schau dir Bilder von Francis Picabia an!
* Lies Gottfried Benn: Fragmente!

Der vorletzte Link ist nicht mehr direkt im Netz greifbar, hier sein Inhalt:

Helmut Heißenbüttel: Punktuelle Gedichte
[Claus Henneberg: Texte und Notizen. Luchterhand Verlag. Neuwied und Berlin-Spandau 1962]

Oft ist kritisch von der Verarmung der modernen Kunst gesprochen worden. Die Formel Heideggers vom Dichter in dürftiger Zeit wurde von vornherein umgekehrt gelesen als Dürftigkeit des Dichters in dieser Zeit. Denn der Kritiker empfindet das, was fehlt, nicht an sich, sondern an dem, welches das Fehlende manifestiert und doch selber, da es authentisches Zeichen dieses Fehlenden darstellt, ganz vollständig und in sich beschlossen ist. Und das heißt, daß diejenigen, die von der Verarmung und der Dürftigkeit der modernen Kunst sprechen, gar nicht die Kunst zu sehen vermögen, weder ihr Thema noch ihre Prinzipien, sondern allein auf das Stoffliche dieser Kunst starren, das doch nur deren objektiver Gegenstand ist und, wenn überhaupt, dann auf den Zustand des Kritikers kritisch bezogen werden müßte.

Solche Überlegungen könnte man weiter verfolgen an einen wenig Seiten und nicht viel Druckbuchstaben umfassenden Buch, das im Frühjahr im Luchterhand Verlag erschien. Es trägt den Titel „Texte und Notizen“. Sein Autor heißt Claus Henneberg. Sein Inhalt? Kurze Prosastücke, punktuelle Gedichte, Gedichte aus einem Repertoire von wenigen Vokabeln und Vorstellungen, reduzierte Syntax.  Etwa [in den Punktuellen Gedichten] so

„reiter
reiter am flut

fahnen und fähnchen
burgen im wehnden

narden
im scheitel.
verweht

schiff.
blendendes schiff“

Das zu Sagende ist auf ein Geringes beschränkt. Nicht konzentriert. Denn es wäre falsch, solche Gebilde mit dem Vorwand der Konzentration zu verteidigen. Nicht die Essenz des Realen ist hier Sprache geworden, sondern ein Teil von ihm scheint sprachlich ausgeblendet. Nicht etwas Vollständiges oder scheinbar Vollständiges wird erfaßt; möglich allein ist die punktweise Umschau. die punktweise Anrufung. Hennebergs Gebilde gehören nicht zur konkreten Poesie. Sie enthalten sich der vorschnellen Voraussetzung, bereits eine einzige konkrete Vokabel könne, richtig aufgefaßt. eine ganze Welt (wenn nicht die einzige wahre Welt) enthalten. Hennebergs Gebilde haben auch nichts mit Sprachspielerei oder -experiment zu tun. Sie spiegeln Erfahrungen. Aber die Erfahrungen erscheinen nicht als etwas, das logisch oder tatsächlich oder psychologisch bis in alle Einzelheiten, Fakten und Folgerungen rekonstruiert werden kann, sondern (als) gleichsam ausgewaschen, (so) wie am Strand Steine und Muscheln auf Stengeln von Sand stehenbleiben, wenn der Wind dazwischen hindurchgefahren ist

Ein ganzer Entwicklungsroman wird auf 125 Anmerkungen beschränkt. Vielleicht ließe sich mehr erzählen. Aber dies Mehr, so habe ich den Eindruck, wäre nur Wiederholung und bloße Fabel, diese 125 Anmerkungen sind das Stehengebliebene. Das Stehengebliebene, das ein Vorstellungsrepetoire umstellt und, wenn überhaupt etwas von diesen Erfahrungen auf der anderen Ebene der Kunst reproduzierbar ist, stellvertretend steht wie kein tausendseitiger Wälzer.

Eine andere Methode findet sich in dem Dialog „Endlose Nacht für zwei Stimmen„. Hier haben sich die Vokabeln und Sätze zusammengedrängt, da sie die Endlosigkeit, von der sie reden wollen, nur im kurzen Atem sagen können. Denn die Endlosigkeit, wörtlich genommen, ist stumm und schweigt. Dies Drängende des kurzen Atems (das wiederum nicht Konzentration ist, denn dazu fehlt die Besinnung) mischt wichtige und unwichtige Wörter und Vorstellungen, und indem sie gemischt werden, werden sie nun, so neben- und durcheinander, gleich wichtig. Denn sie sagen, was mit der endlosen Nacht los ist.

Am breitesten lädt das Gedicht in den 17 Stücken des Zyklus „Hissarlik“ aus. Hier ist der größte Ehrgeiz spürbar. Der Blick übersteigt die personalen Erfahrungen und versucht, ein Universum abzugrenzen. Hier am ehesten erkenne ich die Grenze Hennebergs. Manches erstarrt in Formeln, die gewollt scheinen. Auf der anderen Seite ist, wo es gelingt, der Fluß stärker und leichter als in den übrigen Texten. Ein Fluß, der mit der Kontrasttechnik Pounds arbeitet.

Ich kenne einen großen Teil dieser Gedichte seit fünf oder sechs Jahren, und ich muß bekennen, daß sie ihren Reiz behalten haben in einer Zeitspanne, in der vieles blaß und unverständlich wurde. Nicht zuletzt scheint mir das an der Leichtigkeit zu liegen, mit der Henneberg sein Repertoire beherrscht. Dem Kritiker, der hier von der Armut reden wollte (die sich an der bloßen Zahl der Vokabeln ja zu bestätigen scheint), wäre gerade der Reichtum der Nuancen auf kleinstem Raurn entgegenzuhalten. Die Zurücknahme auf Weniges hat hier die Sprache nicht, wie es schon fast sprichwörtlich heißt, kahl gemacht, sondern schöner. Wenn eins, dann ist dies Hennebergs Verdienst, daß er die Schönheiten des reduzierten Vokabulars und der reduzierten Syntax ausfindig gemacht hat. Selbst dort, wo das Thema dem zu widersprechen scheint, wie im Schluß des Dialogs: „ertränk uns nicht Öl, tap, laßt uns langsamer atmen, tap, laßt uns den Herzschlag verlangsamen, tap, tap, Leinenschuh hört ich, hilf Horn, das Horn soll helfen, es hilft nicht, tap, alle die wir hier suchen sind verirrte Kinder, tap, alle die wir hier suchen sind unschuldige Kinder, ich sags doch, Erde begrab uns nicht, aber es war nichts, was die Finsternis zerriß, sondern ein gemetzeltes Stück Fleisch am Haken das blutete war die Finsternis. was da tropft ist nicht Öl, sondern Blut, das mir auf die Stirn tropft, und ich kanns nicht abmachen, weil seine blassen Füße auf meiner Stirn stehn und ich hier liege war das finster.“

[DEUTSCHE ZEITUNG, Köln, 28./29. Juli 1962]

Celan: Corona – Interpretation

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde….

Text

http://www.lyrikline.org/de/gedichte/corona-67 (mit Vortrag)

http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/360186/Paul-Celan-Corona

http://matthewsalomon.wordpress.com/2007/11/23/paul-celan-corona/

http://worlds-poetry.com/paul_celan/corona (verschiedene Übersetzungen, darunter eine „Rückübersetzung“ ins Deutsche)

Peter Rychlo (s.u.) datiert das Gedicht auf die erste Jahreshälfte 1948, die Zeit von Celans erstem Wienaufenthalt; er sieht es als Reflexion auf die erfüllte Liebe zu Ingeborg Bachmann. Wer sich über den biografischen Hintergrund informieren will, kann die beiden Abhandlungen über das Verhältnis Celan-Bachmann lesen (s.u.). Und zum Interpretieren gibt es ein witziges Gedicht von Axel Kutsch: „Anleitung“. Da es mehrere Interpretationen gibt, begnüge ich mich mit einem kurzen Versuch:

Der Ich-Sprecher gehört zu einer Gruppe „wir“ (V. 1), die ihn und den Herbst umfasst: „wir sind Freunde“ (V. 1), was sich an der zutraulichen Nähe des Herbstes zeigt. Der Herbst ist die Jahreszeit des Reifens und des Vergehens; durch die Freundschaft mit dem Herbst gewinnt der Sprecher eine besondere Macht über die vergehende Zeit, die als vergangene in den Nüssen (einer Frucht) steckt: Gemeinsam lehren sie die Zeit gehen, „die Zeit kehrt zurück in die Schale“ (V. 3); sie geht rückwärts, damit ist die Zeit aufgehoben, damit ist „Ewigkeit“ (erfüllte Zeit, Seligkeit, Glück) da, ist das Vergehen (und Morden) beendet.

In der 2. Strophe wird dieser Zustand Ewigkeit paradox beschrieben: Im Spiegel ist Sonntag, der Tag nach der Woche, der 1. Tag einer neuen Schöpfung (christlich: Auferstehung); „im Traum wird geschlafen“ (V. 5), statt dass im Schlafen geträumt würde, „der Mund redet wahr“ (V. 6 – gegen alle Erfahrung!).

Wird in der 2. Strophe Ewigkeit allgemein beschrieben, so geht es in der 3. Strophe um ein neues „Wir“, zu dem das Ich und seine Geliebte gehören: im Zustand des Glücks, des Zeitlosen: Das Ich kann das Geschlecht der Geliebten ruhig suchen und anschauen („Aug“, V. 7); „wir sehen uns an“ (V. 8) statt aneinander vorbei; „wir sagen uns Dunkles“ (V. 9), die Worte der Liebe jenseits des Berechnens und des kalkulierten Vorteils. Es folgen zwei Aussagen mit drei Vergleichen über das unwahrscheinliche Ereignis der Liebe: einander lieben „wie Mohn und Gedächtnis“ (Mohn: Quelle des Opiums, also die Pflanze des Vergessen – paradox verbunden mit dem „Gedächtnis“ in der Liebe). „wir schlafen“ (V. 11), das greift das wundersame Schlafen aus V. 5 auf, hier ausgelegt in dem dunklen Vergleich „wie Wein in den Muscheln“ (V. 11) – dieser Vergleich wird in den verschiedenen Deutungen nicht erhellt, finde ich. Die Muscheln verweisen schon auf den folgenden Meervergleich (V. 12), aber wieso sie an der Stelle von Gläsern genannt werden, bleibt dunkel. „Da die Muschel von ihrer Form her dem weiblichen Geschlecht (Vulva, Vagina) ähnelt, gilt sie als Symbol der weiblichen Sexualität, Erotik und Fruchtbarkeit.“ (Symbollexikon) So berühren sich der berauschende Wein und die berauschende Liebe im Schlaf (?). Dass das Meer schläft, ist zu verstehen; dass es „im Blutstrahl des Mondes“ (V. 12) schläft, ist der dunkelste der drei Vergleiche – wieso sendet der Mond einen Blutstrahl aus? Der Blutstrahl kann jedenfalls die Ruhe des Meeres nicht stören, es schläft; „wir“ schlafen so, ungeachtet der Blutstrahlen der von uns erlebten Geschichte (Judenmord).

In der 4. Strophe konfrontiert das Liebespaar („wir“) sich der Welt, die hier „sie“ (V. 13) und „man“ (V. 14) ist: „es ist Zeit, daß man [von dieser Liebe, von der Wirklichkeit solcher traumhaften Liebe, N.T.] weiß“ (V. 14). Das ist die erste von vier Aussagen „Es ist Zeit“, worauf dreimal ein dass-Satz folgt, während zum Schluss der Satz elliptisch allein steht. Der zweite der dass-Sätze gehört in den Bereich des traumhaften Glücks, von dem in der 2. Strophe die Rede ist; der dritte dass-Satz ist semantisch paradox, weil sozusagen selbstbezüglich – eine Verbindung zweier Sätze, mit denen sonst die Notwendigkeit, etwas zu tun, eingeleitet wird. Ich sehe hier, dass auf die Zeit-Paradoxie der 1. Strophe verwiesen wird, wo die Zeit aufgehoben ist.

Die 5. Strophe besteht aus dem unvollständigen Satz „Es ist Zeit.“ (V. 18); die Zeit ist da, vergeht nicht (mehr). Dieser Satz kann nur die drei vorhergehenden Sätze mit den anschließenden Aussagen in den dass-Sätzen zusammenfassen und doch die Frage hervorrufen: Wofür ist es Zeit? In seiner Absolutheit erinnert er an Rilkes Gedicht „Herbsttag“  bzw. an dessen Eingangsvers. Ingeborg Bachmann antwortet auf dieses Gedicht mit der enttäuschten Antwort „Die gestundete Zeit“.

Warum heißt die Überschrift „Corona“? Corona, lateinisch, heißt Kranz (als Schmuck oder Auszeichnung), Kreis von Zuhörern, poetisch auch Krone, Diadem (daneben Truppenkette, Mauerring u.a.). Vielleicht ist Corona das, was Celan in der Büchnerpreis-Rede von 1960 „Meridian“ genannt hat? – Hier im Gedicht ist des Lebens Kranz noch ganz; in Bachmanns Gedicht geht der Kranz bereits den Weg alles Irdischen, wie Wilhelm Raabe es in einem bitteren Gedicht beschrieben hat:

„Legt in die Hand das Schicksal dir den Kranz,
so mußt die schönste Pracht du selbst zerpflücken…“

P.S.

In seinem Brief vom 20. Juni 1949 schreibt Celan an Ingeborg, er möchte, „daß niemand außer Dir dabei sei, wenn ich Mohn, sehr viel Mohn, und Gedächtnis, ebensoviel Gedächtnis, zwei große leuchtende Sträuße auf deinen Geburtstagstisch stelle“. (Ich erinnere auch an das Lied „Roter Mohn, warum welkst du denn schon“, das Rosita Serrano kurz vor 1940 gesungen hat; roter Mohn kommt in vielen Liedern vor, das Rot steht für die Liebe.) In ihrer Antwort vom 24. Juni schreibt Bachmann: „Ich habe oft nachgedacht, ‚Corona’ ist Dein schönstes Gedicht, es ist die vollkommene Vorwegnahme eines Augenblicks, wo alles Marmor wird und für immer ist. Aber mir hier wird es nicht ‚Zeit’. Ich hungere nach etwas, das ich nicht bekommen werde…“

Am 7. Juli 1951 schreibt Celan: „Nichts ist wiederholbar, die Zeit, die Lebenszeit hält nur ein einziges Mal inne, und es ist furchtbar zu wissen, wann und für wie lange. (…) Ich wäre froh, mir sagen zu können, dass du das Geschehene als das empfindest, was es auch wirklich war, als etwas, das nicht widerrufen, wohl aber zurückgerufen werden kann durch wahrheitsgetreues Erinnern.“

http://www.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/17/740.pdf (dort S. 11 ff.)

http://www.drmkraemer.de/leben+tod.PDF (dort S. 9 ff.; Krämer sieht Bachmanns Gedicht „Die gestundete Zeit“ als Antwort auf „Corona“.)

http://www.avl.uzh.ch/studies/archive/hs07/PSGoslicka/papers/SybillePaperII.pdf (kurze Interpretation, Vergleich mit Rilke und Bachmann)

http://www.bewilderingstories.com/issue561/celan6.html (Eternity and Remembering)

Vortrag

https://www.youtube.com/watch?v=X25-IDqiC5k (P. Celan)

https://www.youtube.com/watch?v=2UxA-DhWOnU (B. Damshäuser)

https://www.youtube.com/watch?v=Q6fU_5pqED0 (Wortmann)

https://www.youtube.com/watch?v=bUSrB-MPnQc (U. Lemper, gesungen)

Sonstiges

http://www.liberley.it/c/celan_p.htm (Texte Celans im Internet)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/celan.html (Fritz St.: 12 Gedichte, mit Vortrag)

http://www.lyrikline.org/de/gedichte/todesfuge-66 (zehn Gedichte, mit Vortrag Celans)

http://www.marcus-steinbrenner.info/docs/texte/Celan_Auge.pdf (Gedichte zu den Motiven: Auge, Begegnung im Schweigen)

http://www.onlinekunst.de/november/23_11_Celan.htm (sechs Gedichte, einige Links)

http://www.planetlyrik.de/paul-celan-ausgewahlte-gedichte/2011/06/ (u.a. Beda Allemann über „Sprich auch du“ als poetolog. Gedicht; Allemanns Text allein: http://kammermusikkammer.blogspot.de/2012/07/paul-celan-ich-horte-sagen-gedichte-und.html)

http://www.ggr.ro/PCFRGED.htm (G. Gutu über frühe Gedichte Celans, plus 22 Gedichte)

http://www.imdialog.org/bp2010/06/06.html (U. Schwemer: Gedenken und Umkehren, mit Gedichten Celans)

http://www.slm.uni-hamburg.de/ifg2/abschlussarbeiten/BA-Arbeit_Julian_Tietz.pdf (Funktion der Bibelmotive bei P.C.)

http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/opus4/files/13954/celan.pdf (Identitätssuche bei P.C.)

http://www.theologie-und-literatur.de/fileadmin/user_upload/Theologie_und_Literatur/Blasphemische_Gebete.Paul_Celan.Fin.pdf (zur versuchten Rettung des Menschen durch Gottesfremde bei P.C.)

http://is.muni.cz/th/263101/ff_m/Magisterarbeit.pdf (Bachmann – Celan)

http://www.erika-mitterer.org/dokumente/ZK2012-01/rychlo_celan-bachmann_2012-1.pdf (Peter Rychlo: Celan und Bachmann als Liebespaar)

http://www.inst.at/trans/15Nr/03_6/gutu15.htm (George Gutu: zu den Plagiatsvorwürfen)

http://www.anarchafeminismus.de/afaz/afaz-nr2/lyrik.htm (Lyrik und Anarchie – über P.C. u.a.)

http://www.kas.de/wf/doc/kas_6038-544-1-30.pdf?050201172131 (über P.C.)

http://www.ruedigersuenner.de/paul%20celan.html (über den Dichter)

http://www.ub.fu-berlin.de/service_neu/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/autorc/celan.html (Links der UB der FU Berlin)

Dieser Beitrag von April 2014 ist unverändert übernommen worden, weil ich langfristig die andere Seite löschen will: Sie ist das bevorzugte Ziel englischsprachiger Spammer.

Huchel: Der Garten des Theophrast – Interpretationen

Peter Huchel
(1903 – 1981)


Der Garten des Theophrast

                                   Meinem Sohn

 

Wenn mittags das weiße Feuer

Der Verse über den Urnen tanzt,

Gedenke, mein Sohn. Gedenke derer,

Die einst Gespräche wie Bäume gepflanzt.

Tot ist der Garten, mein Atem wird schwerer,

Bewahre die Stunde, hier ging Theophrast,

Mit Eichenlohe zu düngen den Boden,

Die wunde Rinde zu binden mit Bast.

Ein Ölbaum spaltet das mürbe Gemäuer

Und ist noch Stimme im heißen Staub.

Sie gaben Befehl, die Wurzel zu roden.

Es sinkt dein Licht, schutzloses Laub.

 

Zum ersten Druck des Gedichts 1962 in der DDR: „Toleranz demonstrierten auch publizistische Plattformen wie die international ausgerichtete Kulturzeitschrift ‘Sinn und Form’ oder die auf Ausgleich bedachte Zeitschrift ‘Ost und West’, die eine Vermittlungsfunktion zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit einnahmen. Die Geschichte beider Periodika wirft aber auch ein bezeichnendes Licht auf die begrenzten Möglichkeiten in der SBZ/DDR: Peter Huchel, der die Redaktion von ‘Sinn und Form’ 1949 auf Wunsch von DDR-Kulturminister Johannes R. Becher übernommen hatte, erregte mit seiner unorthodoxen Editionspolitik zunehmend offiziellen Unwillen und gab – nach wiederholten schweren Vorwürfen, u.a. auf der Bitterfelder Konferenz 1959 – im Jahr 1962 seine Tätigkeit auf, druckte aber noch einige seiner berühmtesten und politisch schärfsten Gedichte (Der Garten des Theophrast, Traum im Tellereisen, Winterpsalm) ab.” (http://www.li-go.de/prosa/fachgeschichtegerm/institutionelleundpersonalebedingungen.html)

Zu Peter Huchels Dichten: „Antike Mythologie und Geschichte schlägt sich in zentralen Texten seines lyrischen Schaffens nieder, die einschlägigen Titel Polybios, Der Garten des Theophrast oder Das Grab des Odysseus verweisen darauf. Es ist geradezu ein Gemeinplatz, daß sich hinter den von Huchel verwendeten Mythologemen und seinen Anspielungen auf den Fundus klassischer Gelehrsamkeit eine chiffrierte Wahrnehmung seiner Umwelt verbirgt. Diese Umwelt, die die Chiffrierung oder die parabelhafte Maskierung seiner Texte geradezu existentiell notwendig machte, war Ulbrichts Terrorstaat, der Vasallenstaat von sowjetrussischen Gnaden DDR.“ (Alexander Rubel: https://www.academia.edu/3877513/Antike_Tradition_und_politische_Gegenwart_in_Peter_Huchels_Gedicht_An_taube_Ohren_der_Geschlechter)

Es gibt mehrere große Interpretationen im Netz (unten die ersten zwei bzw. drei, mit Hutchinson), so dass es vermessen wäre, denen eine flüchtig angefertigte vierte hinzuzufügen.

http://leonardo.sfasu.edu/germanresources/IDS475/Kap07-Gegenwart/Texte/Lyrikauswahl.pdf (Text: S. 42)

https://www.ideals.illinois.edu/bitstream/handle/2142/12947/illinoisclassica171992SEIDENSTICKER.pdf?sequence=2 (Interpretation im Rahmen der Antikenrezeption in der DDR, engl.)

http://www.planetlyrik.de/alfred-kelletat-zu-peter-huchels-gedicht-der-garten-des-theophrast/2015/04/ (A. Kelletats große Interpretation, mit Verlinkung von Peter Hutchinsons Interpretation)

http://www.litde.com/gedichte-aus-unserer-zeit-interpretationen/der-garten-des-theophrast-peter-huchel.php (hahaha – hier schreibt einer Peter Hutchinsons Interpretation unvollständig ab!)

http://monikawolting.pl/wp-content/uploads/2012/04/Garten-im-20.-Jahrhundert.pdf (Kurze Deutung im Rahmen der „Wege des Gartengedichts und der Naturlyrik im 20. Jahrhundert“)

http://www.friedel-schardt.de/dokumente/lyriksekii.ppt (Strukturierung durch die Tempora, am Ende des Textes)

https://hpecker.files.wordpress.com/2010/02/hans-peter_ecker_dichtung-im-schafspelz-formzitate-mit-alibifunktion-beispiele-aus-idyllik-und-naturlyrik.pdf (Hans-Peter Ecker: Dichtung im Schafspelz – Formzitate mit Alibifunktion?)

https://de.wikipedia.org/wiki/Theophrastos_von_Eresos (Theophrast)

http://www.karsten-wilkens.de/?page_id=911 (Theophrast und seine „Charaktere“)

Ulla Hahn und Gertrud Kolmar

Kinder geliebt und erzogen zur Welt gebracht

Keines. Abgetrieben. Die Mutter hat es gewollt.

Etwas wie Kinderweinen ist seither in deinen Gedichten…

Dieses Gedicht Ulla Hahns ist (überschrieben) „Für Gertrud Kolmar“. Ich wollte eigentlich nicht immer nur die Liebesgedichte der Ulla Hahn analysieren, bloß weil sie in der Schule gern gelesen werden. So habe ich mich umgesehen und auf „lyrikline“ zehn Gedichte Ulla Hahns gefunden, von denen eines eben „Für Gertrud Kolmar“ ist. Um es analysieren zu können, muss man wissen, wer Gertrud Kolmar ist. Also, auf zu Gertrud Kolmar: ein deutsche Jüdin, die Cousine Walter Benjamins, die mühsam in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihren Weg suchte und von deutschen Nazis vergast wurde. Die Seite Ursula Homanns ist am interessantesten, weil sie passend zu den Stationen des Lebenslaufs auch Gedichte Gertrud Kolmars präsentiert.

https://de.wikipedia.org/wiki/Gertrud_Kolmar

http://www.ursulahomann.de/WerWarGertrudKolmar/ (umfangreich, Leben und Gedichte)

http://www.zeit.de/1993/20/die-frau-der-tiere

http://jwa.org/encyclopedia/article/kolmar-gertrud

http://www.luise-berlin.de/lesezei/blz00_08/text5.htm

http://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/gertrud-kolmar-die-tragische-schwester-der-nelly-sachs/

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/gertrud-kolmar (Links: Texte von und über G. Kolmar)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/kolmar.html (von Fritz Stavenhagen vorgetragene Gedichte G. Kolmars)

http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/frauenarchiv/gedicht/kolmar_gedichte.html (sechs Gedichte)

http://www.bernik.ch/wordpress/wp-content/uploads/2011/11/Gertrud_Kolmar.pdf (Arbeit über G. Kolmars Werk)

Und wer dann noch Lust hat, Ulla Hahns Gedicht zu analysieren, der kann das gerne tun – ich habe meine Pflicht erfüllt, wenn ich auf Gertrud Kolmar hingewiesen habe.

Ich möchte zum Schluss noch die Links nennen, unter denen man mehrere Gedichte Ulla Hahns findet:

http://arlindo-correia.com/060301.html (elf Gedichte)

http://www.lyrikline.org/de/gedichte/anstaendiges-sonett-10714#.VoamkPH1eHl (zehn Gedichte)

http://www.liebeskummer.ch/forums/topic/65864-gedichte-v-ulla-hahn-f%C3%BCr-gl%C3%BCcklich-u-ungl%C3%BCcklich-verliebte-geliebte-verlassene/ (20 Gedichte)

http://www.florey.de/7lieder.htm (sieben Gedichte)

http://www.zeit.de/1983/39/mit-grazie-mild-wie-vanille (über Ulla Hahn, DIE ZEIT 1983)

Ulla Hahn: Angeschaut – Analyse

Du hast mich angeschaut jetzt…

Text:

https://www.randomhouse.de/leseprobe/Gesammelte-Gedichte/leseprobe_9783421042200.pdf (dort S. 35)

 

Um das Gedicht zu verstehen, reduziere ich es auf seinen syntaktischen Kern:

 

Du hast mich angeschaut // jetzt

hab ich plötzlich …

 

Du hast mich angefasst // jetzt

wächst mir …

 

Du hast mich geküsst // jetzt

fliegen mir …

und du tatest dich gütlich.

 

Du hast mich vergessen // jetzt

steh ich da

frag ich …

 

Ergebnis: 1. Es spricht ein Ich zu einem Du; es berichtet (oder stellt fest – das Du weiß das ja alles, hat es aber vergessen: d.h. es erinnert daran), was das Du getan hat (jeweils Perfekt: „Du hast mich angeschaut“ usw.) und was offenbar die Folge davon ist (jeweils Präsens: „jetzt hab ich“ usw.). 2. Die Taten des Du bilden eine uns geläufige Reihe in einer Liebesbeziehung, die vom Anschauen übers Küssen zum Vergessen geführt hat. 3. Am Ende steht das Ich ratlos da („frag ich“). 4. Die Bedeutung all dessen für das Ich muss sich aus dem ergeben, was das Ich von den Folgen fürs eigene Leben und Erleben sagt (und was bisher ausgelassen worden ist); damit ist auch noch nicht klar, wozu das Ich so zum Du spricht.

In der 1. Strophe wird deutlich, welche Haltung das lyrische Ich einnimmt: Es beschreibt seinen Zustand. Als Folge des Angeschautwerdens habe es „plötzlich zwei Augen mindestens“ (V. 2); evtl. kann die modifizierende Partikel „mindestens“ auch zu „(mindestens) einen Mund“ gehören. Als weitere Folge wird beschrieben: „die schönste Nase / mitten im Gesicht“ (V. 3 f.). Das modifizierende „mindestens“ und die Ortsangabe „mitten im Gesicht“ qualifizieren die ganze Beschreibung als ironisch, da beide Angaben selbstverständlich und daher überflüssig, also sachlich unsinnig sind; „die schönste Nase“ ist dem Blick des (damals) verliebten Du zuzurechnen, wovon sich das Ich im Sprechen ironisch distanziert.

Ein Problem bereitet das Adverb „jetzt“, das viermal die präsentische Ich-Aussage einleitet. Ohne weiteres zu verstehen ist es in der 4. Strophe; problematisch ist es in den ersten drei Strophen – sinngemäß wäre dort ein „da“ + Präteritum, wie man besonders deutlich in der 3. Strophe sieht, weil der letzte Satz dort ebenfalls Präteritum aufweist („du tatest“), was nur nach dem Satz „dann flogen mir…“ möglich ist. Wir haben zwei Möglichkeiten, diese Schwierigkeit mit dem Adverb „jetzt“ aufzuheben: a) Wir erklären es in den ersten drei Strophen für fehlerhaft, als Analogiebildung zur 4. Strophe. b) Wir halten am Präsens fest und nehmen an, damit sei eine dauerhafte Folge gültig umschrieben, welche das Ich dem Du und seiner damals verliebten Sicht zuschreibt, von der sich das Ich jedoch durch seine ironische Sicht heute (im Sprechen) absetzt.

Die 2. Strophe und das dort erwähnte Engelsfell habe ich bereits erklärt (s.u. Link: norberto68); in der 3. Strophe werden die Folgen des Küssens beschrieben: Die köstlichen Speisen des Schlaraffenlandes strömen dem geküssten Ich aus dem „Maul“ (V. 11) – mit dieser Abwertung wird das Ich in seiner Sicht als bloßer Lieferant (aus Sicht des Du, die Sichtweisen überschneiden sich wieder!) bewertet. Es folgt ein klagendes „ach“ (V. 11), darauf die Erinnerung, dass das Du die guten Gaben genossen hat (V. 12) – ob und warum das lyrische Ich das Küssen bzw. Geküsstwerden nicht genossen hat, wird verschwiegen. Ich kann die Aussage „du tatest dich gütlich“ (V. 12) allerdings nicht als Vorwurf ansehen; dass sich jemand im Schlaraffenland an den herumfliegenden Speisen (man beachte die altertümlichen Bezeichnungen, die zum Märchen vom Schlaraffenland passen!) gütlich tut, ist schließlich Sinn und Zweck des Schlaraffenlandes. Die Pointe steckt hier in der Spannung zur 4. Strophe: „was / fang ich allein / mit all dem Plunder an?“ Hier werden die Köstlichkeiten des Küssens ironisch vom Ich zum heutigen „Plunder“ abgewertet, der für das verlassene Ich natürlich überflüssiges Zeug ist.

Jetzt können wir auch sagen, wozu das Ich seine gescheiterte Liebesgeschichte rekapituliert: Es erinnert das Du an die gemeinsamen Erlebnisse und wirft dem Du vor, dass es sich vom Ich abgewandt, dass es das Ich „vergessen“ (V. 13) hat. Das Ich hat also erwartet, dass nach Anschauen, Anfassen, Küssen das werbende Du nicht weggeht, sondern bleibt; in dieser Erwartung ist es enttäuscht worden. – Ob das eine berechtigte Erwartung ist, ist damit noch nicht erwiesen. Dass das Du sich an den köstlichen Speisen gütlich tat, klingt wie ein Vorwurf; der eigentliche Vorwurf besteht jedoch darin, dass das Du zu schmausen aufgehört hat und die guten Gaben des Schlaraffenlandes ungenutzt liegen lässt.

Die Rollenverteilung Ich/Du ergibt sich aus dem Engelsfell (s. norberto68). Die formalen Dinge sind in den Schülerinterpretationen genannt, deshalb kann ich sie hier übergehen.

Ich zitiere zum Abschluss die zwei Anfänge der im Netz greifbaren Schüleranalysen, um deren Problematik aufzuzeigen:

  1. „In dem Gedicht ‚Angeschaut’ von Ulla Hahn geht es um ein Ich, das durch die Liebe eines Du in seinen Gefühlen entfesselt und in seinem Wesen geformt wird.“ Hier fehlt außer dem Hinweis auf einen Rückblick die Distanz des Ich, die Ironie seines Rückblicks wird nicht gewürdigt; dass es in seinem Wesen geformt wird, steht nicht im Text.
  2. „Das 1981 entstandene Gedicht ‚Angeschaut’ von Ulla Hahn (geb. 1946) beschreibt eine Beziehung zwischen zwei Personen, die sich näher kommen und schließlich, am Ende des Gedichtes, wieder alleine da stehen. / In der ersten Strophe schauen sie einander an, in der zweiten berühren sie sich, in der dritten küssen sie sich. Die vierte Strophe beschreibt, dass das Lyrische Ich alleine ist.“ Das Gedicht beschreibt nichts, sondern das lyrische Ich beschreibt etwas oder vielmehr berichtet von etwas Vergangenem, erinnert jemanden daran; damit macht es dem Du einen Vorwurf, dass es allein steht. Sie schauen sich auch nicht in der 1. Strophe an, sondern in der 1. Strophe wird berichtet, dass das Du das Ich angeschaut hat usw.

Ein Lehrer weiß oder ahnt vielleicht, was die Schüler meinen, aber diese können nicht sagen, was sie (vielleicht) meinen, vielleicht aber auch nicht gesehen haben.

 

http://www.diesterweg.cidsnet.de/conpresso/_data/Interpretation_Ulla_Hahn__Angeschaut.doc (Text und überarbeitete Interpretation einer Schülerin)

http://www.lyrikschadchen.de/Interpretation_Angeschaut__Hahn_.pdf (dito)

https://norberto68.wordpress.com/2015/09/17/ulla-hahn-angeschaut-didaktische-erwaegungen/ (ältere Überlegungen von mir, schrittweise angestellt und deshalb zunächst fehlerhaft)

https://de.wikipedia.org/wiki/Schlaraffenland (Schlaraffenland)

https://de.wikisource.org/wiki/Das_M%C3%A4rchen_vom_Schlauraffenland_(1857) (Grimm: Das Märchen vom Schlaraffenland)

http://southernoregonlivemusic.com/music/live/downloads/ulla-hahn/ (tunes of Ulla Hahn)

Ulla Hahn: Mit Haut und Haar – Analyse

Ich zog dich aus der Senke deiner Jahre…

Text:

http://literatur-und-schriftsteller.blogspot.de/2007/09/ulla-hahn-mit-haut-und-haar-1981.html

http://www.fachdidaktik-einecke.de/5_Schreibdidaktik/aufgabenstellung_textanalyse_11.htm

http://www.daemonenforum.de/mit-haut-und-haar-t903.html (Text mit „gelehrter“ Sammlung von Stilmitteln)

http://lyrikonline.hep-verlag.ch/mod/data/view.php?d=2&rid=320 (Text mit kurzer hilfloser Erklärung – aus einem Lyriklexikon zur dt. Literatur)

 

Wenden wir uns zunächst der Überschrift zu, die später im Text noch zweimal auftaucht: „Mit Haut und Haar“. Das bedeutet so viel wie „völlig, vollständig, ganz und gar“. „Es handelt sich um eine alte Rechtsformel, die bereits im Sachsenspiegel (um 1239) mehrfach gebraucht wird. Sie bezeichnet die äußerlichsten Teile des menschlichen Körpers und vermittelt dadurch die Bedeutung des Extrems und der Vollständigkeit. Ursprünglich handelt es sich dabei um eine körperliche (Züchtigungs-) Strafe, die sich auf das Scheren des Haares und das Schlagen der Körperhaut mit Ruten erstreckte.“ (http://www.redensarten-index.de/suche.php?suchbegriff=~~mit+Haut+und+Haar+/+Haaren&suchspalte%5B%5D=rart_ou, vgl. auch Art. „Haut“ in Lutz Röhrich: Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten). Wer tat oder war etwas mit Haut und Haar – das ist die Frage, welche die Überschrift aufwirft.

Es spricht ein lyrisches Ich, das sich vorwurfsvoll an ein Du wendet; es berichtet davon, wie es ihm mit diesem Du ergangen ist, und zwar wie es ihm in der Liebe mit dem Du ergangen ist: übel nämlich. Das wird im Einzelnen expliziert.

Zunächst berichtet das Ich, was es für das Du getan hat (1. Str.). Bildhaft spricht es davon, dass es das Du „aus der Senke deiner Jahre“ gerettet hat. „Senke“ ist das Gegenteil von Höhe, aus diesem Senke-Loch hat das Ich das Du herausgezogen; das Attribut „deiner Jahre“ bezeugt, dass das Du in einem langdauernden Tief gesteckt hat und dann in einen „Sommer“ (V. 2) hineingeholt wurde: Sommer statt Senke (Alliteration), das war das Rettungsprogramm; Sommer ist Licht, Wärme, Leben. In den beiden nächsten Versen wird klar, dass es sich um ein Liebesverhältnis handelt, a) wegen des Verbs „lecken“ (pars pro toto: schmusen), b) wegen des Schwurs, „ewig mein und dein zu sein“. Zu „lecken“ gehören die drei Objekte Hand, Haut, Haare (Alliteration, V. 3), wobei zur Redewendung „mit Haut und Haar(en)“ noch die Hand hinzugefügt ist – die Hand lecken, das ist ein Bild hündischer Ergebenheit. Auffällig ist jedoch der Schwur, der die vermeintliche Unterwürfigkeit widerruft (V. 4). Gängig ist nämlich der Liebesschwur „auf ewig dein“ (vgl. „Dein ist mein ganzes Herz…“), hier aber heißt es „ewig mein und dein zu sein“ – das bedeutet, dass in aller Ergebenheit die Eigenständigkeit gewahrt bleiben soll, dass die Paradoxie von gleichzeitiger Hingabe und Autonomie das Ziel sei.

Das Ich spricht gebundene Sprache (Jambus, fünf Hebungen, Kreuzreim mit wechselnd weiblicher und männlicher Kadenz); jeder Vers ist ein Satz, die jeweils zweiten Sätzen setzen den vorhergehenden mit „und“ fort, haben aber wegen der weiblichen Kadenz eine ganz kleine Pause vor sich. Nach dem zweiten Satz setzt das Ich mit „Ich“ neu an, was eine größere Pause voraussetzt. Die Reime ergeben semantisch nichts, sind bloße Klangphänomene. – Entgegen den Vermutungen vieler Schüleranalysen ist hier über das Alter der beiden sowie über ihre Geschlechtszugehörigkeit nichts auszumachen; später könnte man aufgrund traditioneller Rollenmuster vielleicht spekulieren, wie sich die Rollen auf Mann und Frau verteilen.

Darauf berichtet das Ich davon, wie das Du agierte und welche Folgen das hatte: In zwei bildhaften Wendungen (mich umwenden, mir dein Zeichen ins Fell brennen – das zweite Bild entstammt der Viehzucht, das Zeichen des Besitzers wird Tieren ins Fell gebrannt) wird berichtet, dass das Ich sich selbst enteignet wurde; weil bildhaft gesprochen wird, wird eben nicht gesagt, was genau geschah – das kann sich jeder selbst ausmalen: Auch wenn das Feuer „sanft“ war, schmerzte das Brandzeichen, weil das Fell dünn war. Die Folge der Enteignung wird wieder in abgeblassten Metaphern berichtet: Ich ließ von mir ab, ich wich vor mir zurück: ein Ich-Verlust. Was das bedeutet, wird nach dem Enjambement in der 3. Strophe nachgetragen: Aufgabe oder Bruch des ursprünglichen Schwurs (V. 9), Scheitern der großen paradoxen Liebeshoffnung.

Die Reimform wechselt in der 2. Strophe zum umarmenden Reim, was nicht viel besagt. Der Reim „Zeichen/weichen“ (V. 5/8) ist jedoch bedeutungsvoll, weil er die Enteignung (das Zeichen einbrennen) mit dem Ich-Verlust (vor mir zurückweichen) verbindet. Auch die Veränderung des Satzbaus fällt auf: Jeweils ein kurzer Satz (du/ich) mit einem längeren Folgesatz, der übers Versende hinausgreift, beim zweiten Mal sogar übers Strophenende: eine größere Unruhe im Sprechen.

In den folgenden Versen wird über den Prozess der Enteignung in zwei weiteren Stufen gesprochen: Zuerst begann er (V. 8), darauf wird er fortgesetzt (V. 9-12), schließlich ist er vollendet (V. 13). Die Fortsetzung der Enteignung wird wieder bildhaft umschrieben: Es ist noch ein Rest vom Ich da, der sich an das ehemals ganze Ich erinnert und danach ruft (V. 9 f.); das Ich jedoch ist im Inneren des Du verborgen worden, es ist sozusagen verschlungen oder aufgefressen – „tief“, wird nachgetragen, also unrettbar verloren, wie im nächsten Satz ausdrücklich gesagt wird (V. 13); „ganz in dir aufgegangen“ (V. 13), das ist der totale Ich-Verlust.

In der 3. Strophe bestimmt wieder der Kreuzreim den Ton, die Reime kann man diesmal beide semantisch entschlüsseln: nur noch Erinnern, da in deinem Innern (V. 9/11); der Überrest rief, aber du verbargst mich tief (V. 10/12). Im Satzbau haben wir wieder eine Entsprechung zur 2. Strophe, nur dass in V. 12 der kurze Satz am Ende steht. Die Zweiteilung der Strophe gilt auch für die 2. und 3. Strophe, hier wird jeweils mit „Da“ eine Folge des vorher benannten Geschehens eingeleitet.

An den bereits besprochenen V. 13, wo der Abschluss des Ich-Verlustes berichtet und beklagt wird, folgt eine Überraschung – „da spucktest du mich aus mit Haut und Haar.“ (V. 14) Mit dieser Anklage, diesem Vorwurf schließt das Ich seinen Klagegesang vom Ich-Verlust ab. Hier spricht das Ich in der Fortsetzung des Bildes vom Verbergen im Inneren (= Verschlucken, Vernaschen) vom Ausspucken. Das ist Anklage, weil damit gesagt wird, dass das Ich dem Du kein Subjekt war, sondern ein Genussmittel, das nach Gebrauch ausgeschieden wird. Ausgespuckt wird, was nicht ins Innere gehört, was ein ungenießbarer Rest ist oder abgesondertes Sekret, was einem nicht bekommt. Ausspucken statt verabschieden, das ist entwürdigend: mit Haut und Haar, total.

Die vier Schlussworte ergeben die Überschrift des Gedichts; die beiden letzten Verse reimen sich als Paar, hier sind zwei Gegensätze im Klang aneinander gebunden (verschluckt / ausgespuckt). Das Klagelied des Ich endet mit einer großen Anklage.

Das Gedicht ist ein Sonett, aber folgt nicht den gängigen Schemata vom Aufbau eines Sonetts. Vielmehr haben wir ein Schema von Aufstieg (1. Str.) und Verfall (V. 5-13) oder von Gewinn und Verlust vor uns; es endet mit einem dramatischen Schlusspunkt (V. 14)

Nur aufgrund gängiger Klischees oder Rollenbilder kann man im Ich eine Frau, im Du einen Mann erkennen: die Frau devot, der Mann vernascht sie, zum Schluss verstößt er sie – in der Wirklichkeit kann es auch umgekehrt sein, heute zumindest. Wenn man den Text genau liest, gibt es keine Anhaltspunkte für eine Identifizierung von Ich und Du; die Tatsache, dass die Autorin eine Frau ist, verführt ebenfalls leicht dazu, auch im lyrischen Ich eine Frau zu sehen – aber das Ich heißt nicht Ulla, es heißt nur Ich. Wie man den zahlreichen Schüleranalysen entnehmen kann (es gibt noch mehr davon), sind die Schüler in der Regel nicht so vorsichtig wie ich bei der Identifizierung von Ich und Du; das gilt auch für meine ehemalige exzellente Schülerin Sonja, die abschließend kommentierte: „So ein fieser Kerl!“ – Eine wirklich produktive Aufgabenstellung zum Gedicht wäre: „Was sagt das verklagte Du dazu? Formulieren Sie eine mögliche Antwort.“

P.S. Wenn man jenseits von „Gedichtanalysen“ über das Gedicht nachdenkt und es nicht nur zur moralischen Empörung nutzt, stößt man schnell auf die Frage, was denn „ewig mein und dein sein“ bedeuten kann. Seit Jahrzehnten ist die Selbstverwirklichung („mein sein“) das große emanzipatorische Ziel, das aber nur in einem langwierigen Prozess zu erreichen ist: Was das zu verwirklichende Selbst ist, kann nicht definitiv festgelegt werden. Wie lässt sich damit Liebe („dein sein“) vereinbaren?

„Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertigwerden; weil wir sie lieben, solange wir sie lieben.“ (Max Frisch, Tagebuch) Wenn Max Frisch mit seiner Erklärung recht hat, dann wird in der Liebe auch das „mein Sein“ verändert, dann ist darin für die vorrangige Selbstverwirklichung kein Platz.

Die Formel „ewig mein und dein sein“ weiß keine Antwort auf die Frage, wie Liebe und Selbstverwirklichung zusammenpassen; die eher abstrakten Bilder des Gedichts erlauben vielleicht nur die Geste des Vorwurfs aus der Sicht eines enttäuschten Ichs, das sich doch sehr einseitig als der anfängliche Wohltäter empfindet („zog dich aus der Senke deiner Jahre“) und das schon im „Sommer“ lebte, aber nicht mit dem Du in ihn hineingekommen ist.

 

http://www.lerntippsammlung.de/Interpretation-Mit-Haut-und-Haar.html (schülerhaft)

http://www.klausuren.de/inhalt/kategorie/deutsch-1/gedichtinterpretation-mit-haut-und-haar-von-ulla-hahn.html (etwas besser)

http://www.rhetoriksturm.de/mit-haut-und-haar.php (typisch „Rhetoriksturm“: so was von schülerhaft!) – es gibt weitere Exemplare dieser Art.

https://www.yumpu.com/de/document/view/25872868/in-dem-gedicht-quotmit-haut-und-haarquot-von-ulla-hahn-wird-die- (Sammlung mehrerer Schüleranalysen)

http://www.manuelfilm.de/Website/Mit_Haut_und_Haar.html (Vortrag: Manuela Reiser, gut; Verfilmung beliebig: unsinnig)

http://www.literaturportal-westfalen.de/main.php?id=00000086&article_id=00000214 (zehn Gedichte Ulla Hahns vorgetragen, u.a. „Mit Haut und Haar“)

https://www.youtube.com/watch?v=vULql089YjE (Vortrag, zwei Stimmen: so nicht gut, auch zu viel Musik)

https://www.youtube.com/watch?v=FR8h3K5X1fg („Visualisierung“ des Textes: leider dem Text nicht gemäß!)

Ulla Hahn: Irrtum – Analyse

Und mit der Liebe sprach er ists…

Text:

http://www.fachdidaktik-einecke.de/1_Unterrichtsplanung/stundenentwurf_giolda_gk11_hahn_irrtum.pdf (Stundenentwurf, Text dort S. 9 – die sauberste Textbasis)

https://www.klett.ch/mediafiles/probeseite2/978-3-12-927206-0.pdf (geringfügig abweichend: sauberste Textbasis)

 

In einer Darstellung der Prüfungsanforderungen für das Fach Deutsch im Abitur hat das Kultusministerium des Saarlandes (Ministerium für Bildung, Familie, Frauen und Kultur) 2008 auch eine Musteranalyse des Gedichtes von Ulla Hahn dargeboten; da es keine bessere im Netz gibt, sie in den Prüfungsanforderungen jedoch eher versteckt als veröffentlicht ist, soll sie hier noch einmal präsentiert werden:

 

Analysieren und interpretieren Sie das Gedicht von Ulla Hahn.

 

Ulla Hahn:

Irrtum 

 

Und mit der Liebe sprach er ists

wie mit dem Schnee: fällt weich

mitunter und auf alle

aber bleibt nicht liegen.

 

Und sie darauf die Liebe ist

ein Feuer das wärmt im Herd

verzehrt wenns dich ergreift

muß ausgetreten werden.

 

So sprachen sie und so griff

er nach ihr sie schlugs nicht aus

und blieb auch bei ihm liegen.

 

Er schmolz sie ward verzehrt

sie glaubten bis zuletzt an keine Liebe

die bis zum Tode währt.

(1988)

aus: Ulla Hahn: Süßapfel rot. Gedichte, Stuttgart 2003, S. 20

 

 

Erwartungshorizont Textinterpretation (Lyrik)

 

Thematik:

In dem Gedicht „Irrtum“ entwickelt die Autorin in freundlich-ironischer Paradoxie die Macht einer dauerhaften Liebe gerade aus deren Leugnung heraus.

 

Formale Aspekte und deren Funktion:

Das Druckbild offenbart bereits auf den ersten Blick eine Sonettform, die den Schülern spätestens seit der Behandlung von Barocklyrik in der Einführungsphase vertraut sein sollte. So gibt sich das Gedicht von vornherein traditionell-konventionell, freilich mit Abweichungen (die als bewusste Freiheiten bzw. als [post]moderner Umgang mit vorgegebenen Formen deutbar sind):

    • Reimverzicht – mit Ausnahme des recht „unreinen“ Gleichklangs der Versenden 12/14 („verzehrt/währt“).
    • vorwiegend  jambische Metrik, aber auch hier mit Unregelmäßigkeiten (Vers 6 und Vers 9, es sei denn, man lege im letzteren Falle die Betonung auf das zweite „so“; dann ergibt sich eine Fortführung des jambischen Rhythmus zusammen mit Vers 10, der mit einer trochäischen Hebung einsetzt)
    • ungleiche Verslängen mit ungleicher Hebungszahl (z.B. drei Hebungen in Vers 3, fünf Hebungen in Vers 13)

 

Textaufbau und Sinnbeziehungen, sprachliche Merkmale:

Jede Strophe bildet eine Sinneinheit, was nicht zuletzt durch den jeweiligen Schlusspunkt deutlich wird.

Im Gegensatz dazu schafft der Verzicht auf jedes trennende Komma innerhalb der Strophen einen auffälligen Textfluss, der zur sinnerschließenden Aufmerksamkeit zwingt.

(Letzteres ist ein allgemeines Stilmerkmal der meisten Gedichte der Autorin und bedarf von daher keiner individuellen Interpretation; es ist jedoch möglich, wenn auch nicht zwingend, etwa die enge Verschränkung in den Strophen 3 und  4 in Sinnzusammenhang zum Verschmelzen der beiden Partner zu setzen.)

Der Gedichtanfang blendet sich mit der Konjunktion „Und“ unmittelbar in ein – wie es scheint – bereits laufendes Gespräch ein, in dem es unter anderem auch um die Liebe geht. Denkbar wäre, dass damit schon angedeutet werden soll, dass beide Gesprächspartner (Mann und Frau) der Liebe rational begegnen und ihr keinen großen Stellenwert in ihrem Leben einräumen wollen.

Ihre beiden Ansichten über die Liebe werden in konträrer Bildlichkeit einander gegenübergestellt: „Er“ betont das Vergängliche, „sie“ das Bedrohliche der Liebesleidenschaft (schmelzender Schnee – verzehrendes Feuer), gemeinsam ist beiden allerdings die negative Sicht.

Von der inneren Struktur her sind die beiden Strophen sehr gleichsinnig aufgebaut: Zunächst die Ankündigung einer Definition (Verse 1 und 5), dann das scheinbar Positive (Verse 2 und 6: weicher Schnee und wärmendes Herdfeuer), in den jeweiligen Folgeversen die Umkehrung ins Negative („bleibt nicht liegen“ –  „muß ausgetreten werden“).

Somit sind die die beiden Quartette bestimmt vom Prinzip der Parallelität und des Gegensatzes.

Dem getrennten theoretisierenden Reden wird die ganz anders geartete ‚Praxis’, das gemeinsame Handeln und dessen Wirkung, in den Terzetten entgegengesetzt. Von daher wirken die Aussagen der ersten beiden Strophen letztlich nur wie vorangestellte intellektuelle Absicherungen, nach denen man sich doch (bzw. erst) miteinander einlässt – wohl zunächst nur sexuell (3. Strophe), dann aber doch grundsätzlicher. Dabei klingen die Verben der ersten  beiden Strophen an, erhalten aber umgekehrte Wertigkeit, wenn das Verhalten der Frau beschrieben wird: Sie „blieb […] bei ihm liegen“ (im Gegensatz zum Schnee) und „schlugs nicht aus“ (im Gegensatz zum Feuer, das angeblich „ausgetreten werden“ muss).

Die Schlussstrophe führt die Umdeutung fort: Schmelzen und Verzehren erfahren die Wendung ins Positive.

Die beiden letzten Verse enthalten die Steigerung zum ironisch-humorvoll dargebotenen Hauptgedanken des Gedichts. Beider Skepsis bleibt, aber eben die Liebe auch „bis zuletzt“ – ein sehr positiver, produktiver „Irrtum“, den der Titel bereits benennt, der aber nun erst erklärt wird. Damit hält bis „zuletzt“ die Spannung des Lesers (wie die des Liebespaares) an.

Dieser Gedanke teilt sich mit in einer Sprache, die deutlich an Lyrik des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts gemahnt, sei es im Auftaktvers, der etwas von der bewussten Heine’schen Schlichtheit hat, oder in dem altertümlichen „ward“ der Schlussstrophe. Es sind postmoderne Anklänge, die den zart-ironischen Gedichtgestus noch erhöhen und – beinahe wie die Vorreden der Liebenden – als eine Art von Absicherung der Autorin beim Schreiben über ein geradezu inflatorisch behandeltes Thema dienen mögen. Hierbei schließt sich auch der Kreis zur Gedichtgestalt selbst, die ja ebenfalls eine spielerische Traditionsanknüpfung an die barocke (Liebes-)Lyrik darstellt (s.o. zur Sonettform).

 

http://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/DO01_3-12-350511_AB5-03.pdf (Analyse im Schulbuch)

http://www.rhetoriksturm.de/irrtum-ulla-hahn.php (schülerhafte Analyse)

http://archive-de-2012.com/de/x/2012-07-21_174869_7/Irrtum-Ulla-Hahn-Gedicht-Analyse/ (Paraphrase)

http://www.zeit.de/1983/39/mit-grazie-mild-wie-vanille (über Ulla Hahn, 1983)

Ulla Hahn: Winterlied – Analyse

Als ich heute von dir ging…

Text:

http://www.maths.ed.ac.uk/~aar/surgery/ulla2.pdf

http://www.dtv.de/_pdf/blickinsbuch/13604.pdf?download=true (Wintergedichte, dort S. 20)

https://www.randomhouse.de/leseprobe/Gesammelte-Gedichte/leseprobe_9783421042200.pdf (dort S. 41 – diese Links sind wichtig, weil in den umlaufenden Versionen oft in V. 7/8 ein falscher Zeilenschnitt vorliegt)

 

Das Gedicht aus „Herz über Kopf“ (1981) hat bereits 1979 in der FAZ gestanden. Es heißt „Winterlied“, ist aber kein Winterlied – oder wenn doch, dann in einem anderen Sinn als gewöhnlich. Nur die beiden ersten Verse scheinen ein Winterlied einzuleiten, da wird vom ersten Schnee gesprochen; die Autorin variiert hier den ersten Vers von Brechts Gedicht „Als ich nachher von dir ging“; die Situation ist jedoch anders als bei Brecht, dafür steht „der erste Schnee“. Danach geht es spielerisch-subversiv weiter: „und es machte sich mein Kopf / einen Reim auf Weh.“ (V. 3 f.) Hier fällt mir zunächst der Kopf auf als derjenige, der sich einen Reim macht – normalerweise sagt man ja, dass ich mir einen Reim auf etwas mache. Wenn nun der Kopf sich den Reim macht, dann ergibt das wohl etwas (bloß) Erdachtes – ich (das Ich des lyrischen Ichs) kann es anscheinend nicht. Das Zweite ist der „Reim auf Weh“ – im Gedicht ist „Weh“ (V. 4) überraschend der Reim auf „Schnee“, aber das Ich kann sich auf sein Weh keinen Reim machen und bemüht dafür seinen Kopf.

Diese Lesart wird durch die zweite Strophe, angeschlossen mit kausalem „Denn“ (V. 5), bestätigt: Dem Ich ist ja „Ungereimtes“ widerfahren (V. 8), worauf es sich keinen Reim machen kann. In Anlehnung an gängige Winterlieder wird verneint, dass die Kälte dem Ich die Tränen beschert hat (V. 5-7), „es war / vielmehr Ungereimtes“ (V. 7 f.). Dem entspricht hier die formale Eigenschaft, dass in dieser Strophe auch der Reim von V. 2/4 entfällt, den es in den übrigen Strophen gibt. V. 8 endet erstmals mit einer weiblichen Kadenz, während die ersten sieben Verse alle eine männliche Kadenz aufweisen. Ob man hierfür auch die Enjambements in V. 6 und 7 bemühen muss, lasse ich offen; bereits in V. 3 gab es ein Enjambement. Jedenfalls weisen die Verse ein einfaches trochäisches Sprechen auf, der Tonfall ist schlicht und beinahe volksliedhaft. Einem Vers mit vier Hebungen folgt einer mit dreien, wodurch eine Pause entsteht, welche die Strophe teilt bzw. von den anderen Strophen absetzt.

„Ach“ (V. 9) ist die traditionelle Klage des verlassenen Liebenden; hier wird beklagt, dass das untreue Du „schon zu weit“ entfernt war (V. 9, vgl. V. 1: Als ich von dir ging), als das Ich fragte. Mit diesem „Ach“ äußert das lyrische Ich seinen gegenwärtigen Kummer über die misslungene Kommunikation, von der es (im Präteritum) berichtet. Seine Frage greift die eigene Äußerung über das Ungereimte (V. 7 f.) auf: Dem für das Ich Ungereimten muss ja etwas Gereimtes entsprechen, eben Reime, nach denen es fragte (V. 10 f.): ‚Wer schlief die Nacht in deinen Reimen?’ Das heißt: ‚Wer schlief die Nacht in Harmonie mit dir, in deinen Armen?’ Die Frage des verlassenen Ichs erreicht das gefragte Du nicht mehr – der Abstand ist „schon zu weit“ (V. 9); zwischen ihnen steht nur noch Ungereimtes, meint jedenfalls das enttäuschte Ich. – Der letzte Vers weist einen zusätzlichen Auftakt auf: Ob man dem Bedeutung beimessen muss? Oder ob die Entscheidung fürs Possessivpronomen „deinen“ (statt für den Artikel „den“) diese Störung bedingt? Es mag ungeklärt bleiben angesichts des vielen Ungereimten.

 

http://www.planetlyrik.de/karl-krolow-zu-ulla-hahns-gedicht-winterlied/2015/03/ (Karl Krolows Eindrücke, 1982)

http://www.sprachverein.ch/sprachspiegel_pdf/Sprachspiegel_2013_3.pdf (Mario Andreotti: Gute Zeiten für Gedichte? – dort S. 75 über die Reime in Ulla Hahns Gedicht)

Ulla Hahn: Bildlich gesprochen (1981) – Analysen

Wär ich ein Baum, ich wüchse…

Text:

http://www.onlinekunst.de/gedichte/ulla_hahn.html

http://deutschsprachigedichtung.blogspot.de/2009/02/ulla-hahn-bildlich-gesprochen.html

http://arlindo-correia.com/060301.html (dort das 7. Gedicht)

http://www.stiftikus.de/lyrik/liebe0.doc (Sammlung von modernen Liebesgedichten, dort S. 3)

Nachdem ich Ulla Hahns Gedicht „Wörtlich genommen“ kurz analysiert hatte, reizte mich einfach der analoge Titel „Bildlich gesprochen“ (1981). Ich habe dann festgestellt, dass es eine ganze Reihe von Analysen und Interpretationen gibt, und habe mich mit einer Fleißarbeit begnügt: die Links dazu notieren (es gibt weitere Arbeiten außer den genannten!). – Offensichtlich gehört dieses Gedicht in den Kanon moderner Liebeslyrik in der Schule.

http://www.ucconradt.dscloud.me/Deutsch/page4/downloads/files/Liebe%20im%20Gegenwartsgedicht.pdf (Text und große Interpretation)

http://www01.ph-heidelberg.de/wp/haerle/download/Haerle_LiebLyr_310306.pdf (Text und kurze Interpretation im Rahmen themengleicher Liebesgedichte, S. 102 f.)

http://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/DO01_3-12-350511_AB5-04.pdf (Analyse)

http://herkules.oulu.fi/thesis/nbnfioulu-201306011440.pdf (Die Dynamik von Ich und Du in der Lyrik Ulla Hahns, dort S. 52 ff. Interpretation des Gedichts)

http://www.magistrix.de/texte/Schule/Schularbeiten/Deutsch/Gedichtsinterpretationen/Bildlich-Gesprochen-Gedichtinterpretation.16163.html (dito, Schülerarbeit)

http://www.lerntippsammlung.de/Interpretation–g-Bildlich-gesprochen-g–von-Ulla-Hahn.html (Text und „Interpretation“ – Schülerarbeit)

https://www.youtube.com/watch?v=YdY4fWO32v8 (eigenwilliger Vortrag)

http://studioafraz.com/portfolio-item/bildlich-gesprochen/ (Lyrik-Clip zum Gedicht)

http://lyriklas.tumblr.com/post/19450691988/bildlich-gesprochen-eine-parodie (Parodie)

http://lehrerfortbildung-bw.de/faecher/deutsch/projekte/lyrik/liebeslyrik/material/epochen/5_kommentierte_linkliste_liebeslyrik.doc (Links zur Liebeslyrik)

Ulla Hahn: Anständiges Sonett – Analyse

Komm beiß dich fest ich halte nichts…

Text:

http://www.maths.ed.ac.uk/~aar/surgery/ulla1.pdf (1979 in der FAZ)

http://www.lyrikline.org/de/gedichte/anstaendiges-sonett-10714#.VoaexPH1eHk (in: Herz über Kopf, 1981)
https://deutschunterlagen.files.wordpress.com/2014/12/hahn-anstacc88ndiges-sonettrilke.pdf (dort S. 4)

Der Titel „Anständiges Sonett“ stellt einen kleinen Scherz zu Beginn dar: Wie durch den „Untertitel“, eine Aufforderung durch St. H. (Stefan Hermlin?), einmal „ein anständiges Sonett“ zu schreiben, ausgewiesen ist, soll dieses Gedicht das Ergebnis sein, mit dem Ulla Hahn der Aufforderung nachkommt. Dabei ist „anständig“ in dieser Aufforderung das umgangssprachliche Wort für „angemessen, zufriedenstellend“ (DWDS), ordentlich, solide; diese Qualitätsbezeichnung hat Ulla Hahn dann als Titel genommen, wobei sie mit einer anderen Bedeutung des Wortes spielt: „anständig“ war man früher – Ulla Hahn ist immerhin Jahrgang 1945 und stammt aus dem Sauerland! – wenn man sich sexuell zurückhielt und „der bösen Lust“ nicht nachgab, ganz anders als das lyrische Ich dieses Gedichts.

Das Ich spricht ein geliebtes Du in Imperativen an, bittet es darin um erotisch-sexuelle Zuwendung: „Komm…“ (V. 1 ff.). Diese Aufforderungen zum wilden Liebesspiel sind anfangs noch konkret (küss, V. 2; beiß, V. 1) und werden dann zunehmend bildhaft („miss“, V. 3, gehört noch zu „küss“ – Reimwort; „Mal“, V. 4, und erst recht „lass mich springen“, V. 6 f., sowie „Zeig mir…“, V. 7 f., bezeichnen keine konkreten Handlungen mehr, sondern umschreiben die Intensität der sexuellen Spiele, während „drunter und drüber“ in diesem Zusammenhang auch wörtlich zu nehmen ist). Ein indikativischer Satz in V. 8: Das Ich beschreibt sein Agieren im Augenblick höchster Lust.

Wir haben bisher die Quartette des Sonetts betrachtet: Enjambements entsprechen der Leidenschaft der beiden, die umarmenden Reime machen das anständige Sonett aus, während der Wunsch, dass es drüber und drunter geht (V.7 f.), gar nicht so „anständig“ klingt. Der Wunsch „lass mich springen unter der Hand in deine“ (V. 6 f.) ist semantisch schleierhaft – „unter der Hand“ wird vielleicht in „drunter … und drüber“ aufgenommen. Die Reime sind eher zufällig, was wohl mit der Konstruktion versübergreifender Sätze zusammenhängt.

Die beiden Terzette sind nach Art eines Kehrreims wenig originell gebaut: wieder / auch / Lieder / Bauch / Lider / auch (V. 9 ff.). Es dominieren wieder Aufforderungen, wobei der Aussagesatz (V. 9-11) als Begründung zur Aufforderung „Warte“ (V. 9) dient. Die erste Bitte ist der selbstverständliche Wunsch aller Liebenden („Bleib bei mir.“), die zweite („Warte“) wird durch die folgende Aussage erst klar: „Ich komm wieder zu mir“ (V. 9 f.), zurück aus der Benommenheit des Liebesrausches; im Wortspiel [zu sich kommen / kommen als Bewegung] setzt das Ich fort: „zu dir dann auch“ – das als Zitat ausgewiesene Adverbial (V. 11) vergleicht den erneuten Ablauf des Liebesspiels mit der Wiederholung des Kehrverses beim Singen.

Es folgen drei Bitten: die erste um „ewiges“ („ein und allemal“, V. 13) zärtliches Schmusen (die Sonnenkringel auf dem Bauch verreiben), die beiden folgenden umschreiben indirekt die neuen unendlichen Liebesspiele, wobei Lider/Lippen (V. 13 f.) in Alliteration aneinander gebunden sind: nicht einschlafen lassen, küssen!

http://www.biblioforum.de/forum/read.php?31,945,1047 Walter Hinderer (1996)

http://www.litde.com/stationen-der-deutschen-lyrik/das-liebesgedicht-kommt-in-fahrt/ulla-hahn-geb-i-anstndiges-sonett-liebe-nach-dem-gesetz-des-kehrreims.php

https://www.youtube.com/watch?v=KQfHfTxP57o (Vortrag, zu sanft)

Enzensberger: M. A. B. / Gedichte

M. A. B. (1814 – 1876)

Ich wünschte nur eines, rief er, das Gefühl der Empörung

das mir heilig ist, bis an mein Ende ganz und voll zu bewahren! –

Marktschreier, Dickkopf, verdammter Kosak! – Das ist die Liebe

zum Phantastischen, ein Hauptfehler meiner Natur. – Mohammed

ohne Koran! – Die Ruhe bringt mich zur Verzweiflung. – Ein Gaukler,

ein Papst, ein Ignoramus! – Sein Herz und sein Kopf sind aus Feuer.

*

Ja, Bakunin, so muß es gewesen sein. Ein ewiges Nomadisieren,

närrisch und selbstvergessen. Unerträglich, unvernünftig, unmöglich

warst du! Meinetwegen, Bakunin, kehr wieder, oder bleib wo du bist.

*

Eine lange Gestalt in blauem Frack auf den Dresdener Barrikaden,

mit einem Gesicht, darin sich die roheste Wuth ausdrückte. Feuer

ans Opernhaus! Und als alles verloren war, verlangte er, in der Hand

die Pistole, von der Provisorischen Revolutions-Regierung,

sie möge sich (und ihn) in die Luft sprengen. (Merkwürdige Kaltblüthigkeit.)

Mit großer Mehrheit lehnten die Herren den Antrag ab.

*

Erinnerst du dich, Bakunin? Immer dasselbe. Natürlich hast du gestört.

Kein Wunder! Und du störst heute noch. Verstehst du? Du störst

ganz einfach. Und darum bitte ich dich, Bakunin: kehr wieder!

*

Verhört, an die Wand geschmiedet in den Olmützer Kasematten,

zum Tod verurteilt, nach Rußland verschleppt, begnadigt zu ewigem Kerker:

ein höchst gefährlicher Mensch! In seine Zelle läßt ihm ein Gönner

einen Flügel von Lichtenthal bringen. Die Zähne fallen ihm aus.

Für seine Oper Prometheus erfindet er eine süße, klagende Melodie,

zu deren Takt er in kindlicher Weise sein Löwenhaupt wiegte.

*

Ach, Bakunin, das sieht dir ähnlich. (Sein Löwenhaupt wiegte:

noch zwanzig Jahre danach, in Locarno.) Und weil es dir ähnlich sieht,

und weil du uns doch nicht helfen kannst, Bakunin, bleib wo du bist.

*

Verbannt nach Sibirien, und den eisblauen Amur entlang geflohen

über das Stille Meer, auf Dampfseglern, Schlitten, Pferden,

Expreßzügen, quer durch das wüste Amerika, sechs Monate lang

ohne Aufenthalt, endlich, in Paddington, kurz vor Neujahr,

aus dem Hansom gestürzt, die Treppe hinauf, in Herzens Arme

warf er sich und rief aus: Wo gibt es hier frische Austern?

*

Weil du, mit einem Wort, unfähig bist, Bakunin, weil du nicht taugst

zum Abziehbild zum Erlöser zum Bürokraten zum Kirchenvater

zum rechten oder zum linken Bullen, Bakunin: kehr wieder, kehr wieder!

*

Zurück im Exil. Nicht nur das Grollen des Aufruhrs, der Lärm der Clubs,

der Tumult auf den Plätzen; auch die Bewegtheit des Vorabends,

auch die Absprachen, Chiffren, Losungen machten ihn glücklich.

Großer Obdachloser, verfolgt von Gerüchten, Legenden, Verleumdungen!

Magnetisches Herz, naiv und verschwenderisch! Er schimpfte und schrie,

ermunterte und entschied, den ganzen Tag und die ganze Nacht.

*

Nicht wahr? Und weil deine Tätigkeit, dein Müßiggang, dein Appetit,

dein ewiges Schwitzen sowenig von menschlichem Ausmaß sind

wie du selber, darum rate ich dir, Bakunin, bleib wo du bist.

*

Sein Biograph, der Allwissende, sagt: Er war impotent. Aber Tatjana,

die kleine verbotene Schwester, Harfe spielend im weißen Herrenhaus,

machte ihn rasend. Zwar seine drei Kinder sind nicht von ihm.

doch Necaev, dem Mythomanen, dem Mörder, dem Jesuiten, Erpresser

und Märtyrer der Revolution, schrieb er: Mein kleiner Tiger, mein Boy,

mein wilder Liebling! (Der Despotismus der Erleuchteten ist der ärgste.)

*

Ach, schweigen wir von der Liebe, Bakunin. Sterben wolltest du nicht.

Du warst kein politökonomischer Todesengel. Du warst verworren

wie wir, und arglos. Kehr wieder, Bakunin! Bakunin, kehr wieder.

*

Endlich die Nacht in Bologna. Es war im August. Er stand am Fenster.

Er lauschte. Nichts regte sich in der Stadt. Die Turmuhren schlugen.

Die Insurrektion war gescheitert. Es wurde hell. In einem Heuwagen

versteckte er sich. Den Bart abrasiert, im Habit eines Pfarrers,

ein Körbchen Eier im Arm, mit grüner Brille, am Stock zum Bahnhof

ist er gehumpelt, um in der Schweiz zu sterben, im Bett.

*

Das ist jetzt schon lange her. Es war damals wohl zu früh, wie immer,

oder zu spät. Nichts hat dich wiederlegt, nichts hat dich bewiesen,

und darum bleib, bleib wo du bist, oder, meinetwegen, kehr wieder.

*

Enorme Fleisch- und Fettmassen, Wassersucht, Blasenleiden.

Polternd lacht er, raucht unablässig, keucht, vom Asthma gehetzt,

verschlüsselte Telegramme liest er und schreibt mit sympathetischer Tinte:

Ausbeuten und Regieren: ein- und dasselbe. Er ist aufgedunsen und zahnlos.

Alles bedeckt sich mit Tabaksasche, Teelöffeln, Zeitungen. Vor dem Haus

tänzeln die Spitzel. Überall Wirrwarr und Schmutz. Die Zeit verrinnt.

Nach Polizei riecht Europa immer noch. Darum, und weil es nie und nirgends,

Bakunin, ein Bakunin-Denkmal gegeben hat, gibt oder geben wird,

Bakunin, bitte ich dich: kehr wieder, kehr wieder, kehr wieder.

(Text nach „Literatur und Studentenbewegung. Eine Zwischenbilanz“, hrsg. von W. Martin, Wiesbaden 1977, S. 112 f. – ein google-Buch; die Sternchen markieren die verschiedenen Strophen – sie gehören nicht zum Text, sondern sind von mir gesetzt, weil wordpress keine Leerzeilen erlaubt.)

Eine größere Sammlung von Enzensbergers Gedichten gibt es hier; www.literaturundkunst.net/hans-magnus-enzensberger-„der-tausendsassa-gedichte-1950-2010/ (vier Gedichte); http://www.liberley.it/e/enzensberger.htm (Stand 2009, viele Links veraltet)

Eine wdr-Sendung 2015 von Manon Jungmann stellte folgende Gedichte zusammen:

Utopia (http://www.zyrano.de/freetext/enzensberger.htm)

Die Macht der Gewohnheit (http://wortgarage.myblog.de/wortgarage/art/8359397/Die-Macht-der-Gewohnheit)

Episode: –

Weiterung (http://www.planetlyrik.de/hans-magnus-enzensberger-beschreibung-eines-dickichts/2011/11/)

Gedankenflucht (http://cms.bistum-trier.de/bistum-trier/Integrale?MODULE=Frontend.Media&ACTION=ViewMediaObject&Media.PK=41316&Media.Object.ObjectType=full – unvollständig?)

An einen Ratsuchenden (http://missmarplespoesiealbum.blog.de/2008/01/22/an_einen_ratsuchenden_hans_magnus_enzens~3614921/)

Die Zerknirschung (http://www.dphv.de/fileadmin/user_upload/wettbewerbe/lyrix/2010/06Jun/lyrix_Unterrichtsmaterialien_Enzensberger_Juni_DPhV.pdf)

Friedensgespräche: –

Unterlassungssünden (http://anschnallenoderloslassen.blogspot.de/2014/04/unterlassungssunden.html)

Der fliegende Robert (http://www.chbeck.de/fachbuch/zusatzinfos/leseprobe_ulrich-greiners-leseverf%C3%BChrer_978-3-406-53644-1.pdf, dort S. 15)

Die Visite (http://www.mblue.de/gedichte/enzensberger_visite.htm)

Eventuell: –

Verlustanzeige (http://classes.colgate.edu/dhoffmann/germ479f98/private/jprellwitz/titanic2.jprellwitz.htm)

Gegebenenfalls: –

Identitätsnachweis: –

Middle Class Blues (http://www.muenstergass.ch/blog/?p=641)

Litanei vom Es (http://www.elmshorn.de/INTERNET/Kultur-Freizeit/Tourismus/Sehenswertes/Ausflugsziele-in-Elmshorn/Litanei-vom-ES)

———- Weitere Gedichte u.a.:

http://deutschsprachigedichtung.blogspot.de/2013/09/hans-magnus-enzensberger.html (Kopfkissengedicht) http://ethikpost.blogspot.de/2012/07/dafur-wie-du-die-knie-biegst-hans.html Kopfkissengedicht

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/frankfurter-anthologie/gedicht-interpretation-lesung-nuernberg-1935-von-hans-magnus-enzensberger-12559526.html (Nürnberg 1935)

https://mfx.dasburo.com/poe/enz.html Die Scheiße = http://www.scheisse-museum.de/ins-museum/literatur/

http://www.bamberger-onlinezeitung.de/2013/02/08/return-to-sender-gestatten-hans-magnus-enzensberger-homme-de-lettres/ gestatten…

http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/leichteralsluft-r.htm Arme Kassandra

http://www.goethe.de/ins/es/bar/prj/lit/aag/enz/les/deindex.htm Leichter als Luft

http://www.heim2.tu-clausthal.de/~kermit/gedichte/hme/oberstufe.shtml Ins lesebuch, vgl. http://www.keinverlag.de/texte.php?text=350669

https://deutschunterlagen.files.wordpress.com/2014/12/enzensberger-gedichte.pdf (Die Scheiße; Der Unverwundbare; Zur Frage der Reinkarnation; Haustier; Zur Frage der Bedürfnisse; Der Krieg, wie)

http://www.gesamtschule-wanne-eickel.de/allerlei/gedichte-der-monate-liste/386-gedicht-des-monats-06-2010.html call it love

http://ullakaradeniz.com/hme-ag.html Privilegierte Tatbestände

http://www.mblue.de/gedichte/enzensberger_visite.htm Die Visite vgl. http://www.lyrik-projekt.de/gedichtbeispiele/die_visite.htm

http://www.predigten.de/predigt.php3?predigt=5884 Empfänger unbekannt

http://www.litde.com/gedichte-aus-unserer-zeit-interpretationen/an-alle-fernsprechteilnehmer-hans-magnus-enzensberger.php An alle fernsprechteilnehmer

http://www.mathehotline.de/deutsch4u/hausaufgaben/messages/65/7127.html Konjunktur

http://www.abipur.de/referate/stat/639998635.html Bildzeitung

http://aclassen.faculty.arizona.edu/sites/aclassen.faculty.arizona.edu/files/Enzensberger.Auswahl.pdf (Trigonometrischer Punkt; Windgriff; Schattenreich; Schattenbild; Das Blumenfest; Das leere Haus; Himmelsmaschine; Schwarz-Weiß-Zeichnung; An Niccolo Macchiavelli…; Über die Schwierigkeiten der Umerziehung)

http://cmo.jmf-gym.org/index.php?option=com_content&view=article&id=7&Itemid=148&jsmallfib=1&dir=JSROOT/Gedichte&download_file=JSROOT/Gedichte/Enzensberger%2C+Landessprache.pdf Landessprache

http://oldschool.pableo.de/gedi.htm Über die Schwierigkeiten der Umerziehung

http://www.dphv.de/fileadmin/user_upload/wettbewerbe/lyrix/2010/06Jun/lyrix_Unterrichtsmaterialien_Enzensberger_Juni_DPhV.pdf Die Zerknirschung

http://www.sezession.de/1578/das-maerz-gedicht.html Leuchtfeuer

http://horslesmurs.ning.com/profiles/blogs/1302569:BlogPost:42894 Gedicht für die Gedichte nicht lesen = http://zeittotschlaeger.blogspot.de/2010/12/gedicht-fur-die-gedichte-nicht-lesen.html = http://www.stiftikus.de/pollyrik/HMEgedic.doc (mit kurzer Analyse)

http://www.uni-goettingen.de/de/mythen-brauchtum-und-dichtung/305466.html Aesculus hippocastanum

http://www.poetry.de/showthread.php?t=30918 Autobahndreieck Feucht

http://www.petergoergen.de/app/download/5779386725/enzensberger.rtf (Gnade; Die Visite; Fischmesser und Ideen; Kleine Theodizee; Tiefe Töne in Liepaja)

http://files.schulbuchzentrum-online.de/onlineanhaenge/files/171473_probeseiten.pdf Trennung

http://www.colegioaleman.edu.co/Sprachdiplom/dsd2oral/altesmedium.htm Altes Medium

http://www.impurismus.de/zb-enzensberger.pdf April

http://houseboathouse.blogspot.fr/2014/02/hans-magnus-enzensberger-homage-to.html (Die Verschwundenen; Freizeit; Zungenwerk; Für Karajan und andere; Eine Beobachtung beim Austausch von Funktionseliten; Der Untergang der Titanic – Erster und Zwölfter Gesang)

http://www.ub.fu-berlin.de/service_neu/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/autore/enzens.html

http://jacketmagazine.com/17/enz-robot.html#xlist Einladung zu einem Poesie-Automaten

http://www.deutschboard.de/topic,3318,-gedicht-poetik-vorlesung.html Poetik-Vorlesung

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-32092775.html SPIEGEL-Gespräch 1957

http://www.diss.fu-berlin.de/diss/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDISS_derivate_000000005206/DissKoschnick.pdf (Enzensbergers Literaturbegriff, eine Diss.)

http://www.pausenhof.de/forum/enzensberger/27067 (Links zu HME)

Vgl. auch die Links in den Artikeln

https://norberto42.wordpress.com/2015/07/05/enzensberger-verteidung-der-wolfe-gegen-die-lammer-analyse/ und

https://norberto42.wordpress.com/2015/06/08/enzensberger-der-untergang-der-titanic-text-inhalt-ubersicht/

Enzensberger: Schwacher Trost – Analyse, Aufbau

Der Kampf aller gegen alle soll…

Den Text des Gedichtes (aus „Der Untergang der Titanic“, 1981, zwischen dem 17. und 18. Gesang) gibt es nur auf der Seite www.literaturundkunst.net/hans-magnus-enzensberger-„der-tausendsassa-gedichte-1950-2010/, allerdings ohne Stropheneinteilung (à 6 Verse).

Dieses Gedicht ist um die Bücher „Leviathan“ (1651, von Thomas Hobbes) und „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ (1902, von Peter Kropotkin) und um die damit verbundenen Erfahrungen herum gebaut. Zuerst sollen deshalb kurz die beiden Bücher vorgestellt werden:

„Im Naturzustand wird der Mensch als frei von Einschränkungen der historischen Moral, der Tradition, des Staates oder etwa der Kirche vorgestellt. Aus Hobbes’ Menschenbild ergibt sich, dass in einem solchen Naturzustand Gewalt, Anarchie und Gesetzlosigkeit herrschen; die Menschen führen – in Hobbes negativem Weltbild – einen „Krieg aller gegen alle“ (bellum omnium contra omnes), in dem „der Mensch (…) dem Menschen ein Wolf [ist]“. […] Rein vernünftige Gesetze reichen nicht aus, um den Naturzustand zu beenden und den allgemeinen Frieden einzuleiten. Da sie aus Worten bestehen, seien sie nicht genügend furchteinflößend und wirkungsvoll, so Hobbes. Stattdessen erwächst diesem Zustand daher vielmehr die Notwendigkeit einer übergeordneten, allmächtigen Instanz, die die Einhaltung allgemeiner Gesetze gebietet und ihre Verletzung mit Strafen belegt. Indem die Gesetze allgemein gelten, besteht zwischen den Bürgern des Staates kein allgemeiner Anlass zur Furcht mehr – sie können erwarten, dass jeder vor ihnen die Strafen des Leviathans fürchtet. Dadurch bietet dieser Sicherheit und Schutz und ermöglicht eine Verfolgung der eigenen Leidenschaften innerhalb des durch die Gesetze gegebenen Rahmens.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Leviathan_%28Thomas_Hobbes%29, 13.07.2015)

Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt (englischer Originaltitel Mutual Aid: A Factor of Evolution) ist ein 1902 erschienenes Buch von Peter Kropotkin. Die Thesen herkömmlicher sozialdarwinistischer Auffassungen kritisierend, stellt er dem Kampf ums Dasein das Konzept der Gegenseitigen Hilfe gegenüber und sieht beide zusammen als Faktoren der Evolution. (https://de.wikipedia.org/wiki/Gegenseitige_Hilfe_in_der_Tier-_und_Menschenwelt, 13.07.2015)

Das Gedicht beginnt im Stil einer Nachricht (V. 2 f.) mit einer paradoxen Meldung, dass nämlich der „Kampf aller gegen alle“ demnächst verstaatlicht werde (V. 1-5), mit ausdrücklichem (ironischem) Bezug auf Hobbes (V. 6). Paradox ist diese Meldung deshalb, weil nach Hobbes der Kampf aller gegen alle durch die Institution des Staates und seine Gesetze (s.o.) gerade beendet werden sollte. Es folgt eine Art Kommentar (V. 7-12 bzw. 7-19): Hier wird erklärt, wieso im Staat der Kampf aller gegen alle fortgesetzt wird, „mit ungleichen Waffen“ (V. 7) wie Steuerklärung und Fahrradkette. Dass eine Fahrradkette eine Waffe sein kann, leuchtet ein; aber das dies auch für die Steuererklärung gelten soll, überrascht ein wenig – ein wenig nur, weil es indirekt eine Erklärung Brechts aufgreift: „Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes?“ – Die Dreigroschenoper (Druckfassung 1931), III, 9 (Mac) Mit einer falschen Steuererklärung kann ein Reicher entsprechend Steuern sparen und so den Armen, der darauf angewiesen ist, bekämpfen (V. 8 f.). Dass die Gründung von Gewerkschaften für Verbrecher erwogen wird (V. 10-12), spitzt die Unrechtmäßigkeit des Rechtsstaats paradox zu.

Der Kommentar wird satirisch fortgesetzt (V. 13-18): Dass man Kropotkins Buch im Knast lesen kann, was als „aufgeschlossen bis dort hinaus“ (V. 13) bewertet wird, ist ein Widerspruch in sich: Kropotkin zu lesen hilft einem Häftling nämlich überhaupt nichts (vgl. V. 18 – dieser Vers gibt die Überschrift ab).

V. 19-30 hat den Charakter eines Statements oder einer Verlautbarung („Wir haben mit Bedauern vernommen…“): dass es Gerechtigkeit weder gibt noch je geben wird, wo doch Gerechtigkeit herzustellen eine Haupträson des Staates ist. Die Spekulation über die möglichen Ursachen dieses Defizits (V.25 ff.) ist massiv satirisch: Hier werden Dinge zusammengestellt, die nichts miteinander zu tun haben. Der satirische Ton beherrscht auch die Fortsetzung im Stil eines Kommentars (V. 31-36 – hier bezeichnet das Pronomen „wir“ alle Menschen), einmal einer makabren Zuspitzung (V. 33 f.), sodann in der Bewertung, dass eine Erklärung unserer Wildheit zu finden (statt sie abzustellen, also die Verhältnisse zu ändern!) schön wäre, „Balsam für die Vernunft“ (V. 36) – nein, Balsam und Zeichen von Vernunft wäre es, die scheußlichen Unmenschlichkeiten zu verhindern.

Es folgt ein großes Finale voller Zynismus, darin dem letzten Kommentar (V. 31 ff.) verwandt: dass die tägliche Scheußlichkeit uns wenig (w-Alliteration) wundert (wenn auch ein bisschen stört), dass aber alle Akte von gegenseitiger Hilfe (s. Kropotkin!) „rätselhaft“ anmuten (V. 39 bzw. 39-42). Es folgen einige Beispiele, die als lobenswert bezeichnet werden (V. 43 ff.) – und dann ein harter Schnitt: „und wir legen die Zeitung weg“ (V. 55). Dass wir solche Taten der Zeitung entnehmen, zeigt, dass sie uns bloß zur Unterhaltung dienen, aber nicht als Vorbilder; dass sie nicht unserer realen Erfahrung entstammen wie „die tägliche Scheußlichkeit“ (V. 37). Wir „freuen uns, achselzuckend“ (V. 56), darüber, sie gehen uns nichts an. Das wird durch den abschließenden Vergleich vollends deutlich: Solche Nachrichten konsumieren wir wie einen Schmachtfetzen im Kino (V. 57 ff.), danach gehen wir zurück in die reale Welt, können endlich eine Zigarette rauchen – und uns wieder dem Kampf gegen alle anderen widmen.