Wörterbücher Deutsch

Ich habe am linken Rand eine neue Kategorie eingerichtet: Wörterbücher Deutsch. Damit sind nicht Wörterbücher des heutigen Deutsch gemeint, sondern Wörterbücher, die zum Verständnis unserer historischen deutschen Literatur (also für den Literaturunterricht) wichtig sind.

  • Adelung: Das historisch-grammatische Wörterbuch von 1793 ist das erste systematische Wörterbuch des Deutschen, unschätzbar für die Zeit um 1800 (also von 1650-1850); ich habe die verbesserte 2. Auflage von 1811 verlinkt.
  • Damen Conversations Lexikon von 1834; das ist kein Wörterbuch, sondern ein Lexikon, aber aufgrund seiner Eigenart ein auch zum Literaturverständnis hilfreiches.
  • Deutsches Wörterbuch der Brüder Grimm; dieses Wb bietet auch Belege für die Sprachgeschichte.
  • DWDS mit Pfeifer: Das DWDS ist ein Wörterbuch des heutigen Deutsch (aus der DDR, was man ganz selten noch merkt), bietet mit dem „Pfeifer“ aber auch Zugriff auf ein etymologisches Wb, also auf die gesamte Wort- und Bedeutungsgeschichte.
  • Listen der Wörterbücher und Lexika leitet zu den umfangreichen Sammlungen auf meiner Seite für den Deutschunterricht.
  • „zeno.org“ ist trickreich zu benutzen: Wenn man dort „Nur in Literatur“ anklickt, kann man die Suchmaske zur Suche nach bestimmten Wörtern in der bei zeno.org gespeicherten Literatur nutzen (also z.B.: Wo taucht „Veilchen“ im 18. Jh. auf?). Leider beziehen sich die bibliografischen Angaben nicht auf das Erscheinungsjahr, sondern auf das Jahr des Drucks der gelisteten Ausgaben – da muss man also wissen oder nachschlagen, wann das Original erschienen ist. Wenn man dagegen „Bibliothek“ anklickt, sucht man zusätzlich in allen dort gelisteten Lexika.
  • Als Wörterbuch kann man auch die Seite http://wordincontext.com/de/ nutzen; dort werden aber deutsche und übersetzte ausländische Autoren mit vollständigen Sätzen nebeneinander gelistet, auch fehlen die bibliografischen Angaben – dafür kann man das betreffende Werk herunterladen. Fazit: nicht ganz sauber. Die Seite kommt nicht in die Link-Liste.

Czepko: Spiele wohl! / Ausländer: Noch bist du da – Gedichtvergleich

Aufgabenstellung Abitur NRW (Lk):
1. Analysieren Sie das Gedicht „Spiele wohl! Das Leben ein Schauspiel“ von Czepko im Hinblick auf die hier entwickelte Vorstellung vom menschlichen Leben und dessen Bedingungen. Brücksichtigen Sie dabei auch die Metaphorik und den Titel.
2. Erschließen Sie die zentralen Motive und Strukturen von Rose Ausländers Gedicht „Noch bist du da“ und vergleichen Sie anschließend die Konzepte menschlicher Lebensführung, die in den Gedichten jeweils zur Sprache kommen.

Daniel Czepko

Spiele wohl!
Das Leben ein Schauspiel

Was ist dein Lebenslauff und Thun, o Mensch? ein Spiel.
Den Innhalt sage mir? Kinds, Weibs und Tods Beschwerde.
Was ist es vor ein Platz, darauff wir spieln? Die Erde.
Wer schlägt und singt dazu? Die Wollust ohne Ziel.

Wer heißt auff das Gerüst‘ uns treten? Selbst die Zeit.
Wer zeigt die Schauer mir? Mensch, das sind bloß die Weisen,
Was ist vor Stellung hier? Stehn, schlaffen, wachen, reisen,
Wer theilt Gesichter aus? Allein die Eitelkeit.

Wer macht den Schau Platz auff? Der wunderbare Gott.
Was vor ein Vorhang deckts? Das ewige Versehen.
Wie wird es abgetheilt? Durch leben, sterben, flehen.
Wer führt uns ab, wer zeucht uns Kleider aus? Der Tod.

Wo wird der Schluß erwartt des Spieles? in der Grufft.
Wer spielt am besten mit? Der wol sein Ammt kan führen.
Ist das Spiel vor sich gut? Das Ende muß es zieren.
Wenn ist es aus? o Mensch! wenn dir dein JESUS rufft.

Rose Ausländer

Noch bist du da (1977)

Wirf deine Angst
in die Luft

Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast

Diese Aufgabenstellung ist vernünftig, weil sie nicht die Analyse und den Vergleich zweier Gedichte fordert (also drei Aufsätze: Analyse 1, Analyse 2, Vergleich), sondern die Arbeitsaufträge begrenzt – anders als z.B. der (schwache) Gedichtvergleich in http://www.antikoerperchen.de/material/3/gedichtvergleich-eichendorff-winternacht-trakl-im-winter-expressionismus.html mit seinem sogenannten diachronischen Verfahren.

1. Der anonyme Sprecher in Czepkos Gedicht „Spiele wohl!“ wendet sich an alle Menschen, die er direkt anredet (o Mensch, V. 1). Er stellt ihnen die Frage nach der richtigen Lebensführung, indem er das Wesen des Lebenslaufs lehrhaft erschließt: „Was ist dein Lebenslauff und Thun…?“ (V. 1) Seine Lehre besagt, dass sie „ein Spiel“ (V. 1) sind, und zwar ein Schauspiel, wie es in der Überschrift heißt.
Was das bedeutet, wird in der letzten Strophe entfaltet – die Metapher „Schauspiel“ besagt von sich aus, dass verschiedene Rollen nach einem vorgegebenen Plan ausgeführt werden, dass also das Rollenspiel vom Schauspieler nicht ganz „ernst gemeint“ ist bzw. sein darf. Der Sprecher erklärt zum Schluss, was das Spiel und das gute Spielen ausmacht: Wer sein Amt wohl führt, also eine Aufgaben treu erledigt, spielt am besten mit (V. 12). Und das Spiel insgesamt muss von einem guten Tod geziert bzw. gekrönt werden (V. 13) – ein Aufruf zu einer christlich-soliden Lebensführung.
In Str. 1-4 wird dann die Theatermetapher ausgeführt und auf einzelne Aspekte der Lebenserfahrung angewandt. Da sind zunächst die erfahrbaren Tatsachen des Lebens in der Zeit (V. 5) auf der Erde (V. 3): Stehen, Schlafen, Wachen, Reisen machen das Leben aus (V. 6 f.); an seinem Ende stehen der Tod und das Begräbnis (V. 12 f.) – dieses Ende trägt zur Distanzierung von der allzu großen Ernsthaftigkeit des Lebens bei, ebenso die Möglichkeit, das Leben mit den Augen der Weisen zu betrachten (V. 6).
Das Leben wird in seinem normalen Vollzug abgewertet: Es macht Beschwerden (V. 2), wird von der Wollust angetrieben (V. 4), von der Eitelkeit bestimmt (V. 8). Diese negative Wertung hängt davon ab, dass solche kritisierten Lebensvollzüge dem wahren Spielplan widersprechen, den Gott selbst entworfen hat (V. 9 f.) – hier liegt allerdings ein Widerspruch darin, dass der wunderbare Gott (V. 9) uns ein Leben voller Beschwernisse bereitet (V. 2); diesen Widerspruch löst die Bibel jedoch mit der Erzählung vom Sündenfall auf (Gen 2, bei Paulus die Lehre vom ersten und zweiten Adam). Das Geheimnis des Spiels, das ein von Gott angeordnetes Schauspiel ist, wird in der zweiten Hälfte des Gedichts enthüllt: „Wer macht den Schau Platz auf?“ (V. 9) Da kommen der Regisseur Gott (3. Str.) und das Spielende Tod (V. 12 ff.) in den Blick; so wird der Maßstab zur Beurteilung des Spiels und der Schauspieler gewonnen.
Das menschliche Leben wird also als ganzes von seinem Ziel (Schauspiel vor Gott) und seinem Ende (Jesus ruft im Tod, und zwar als Weltenrichter) her bestimmt; in der Todgeweihtheit des Menschen erscheint als Rettung die göttliche Vorsehung (V. 10) und ein den Gläubigen gnädiger Richter (V. 14). „dein Jesus“ (V. 14) ist der selbstverständliche Bezugspunkt dieser weltlichen Predigt Czepkos.
2. a) In Rose Ausländers Gedicht „Noch bist du da“ wird ein unbestimmtes Du angesprochen, das Angst hat (1. Str.) und vom bevorstehenden Tod bestimmt ist (2. Str.). An dieses Du ergehen drei Aufforderungen (Imperative), die den Rahmen des Ganzen ausmachen: Wirf deine Angst in die Luft (V. 1 f.), sei was du bist (V. 16), gib was du hast (V. 17). Es bleibt zu prüfen, ob die beiden mittleren Strophen die Bedeutung dieser Forderungen erhellen; die Aufforderungen selbst sind so schlicht wie der Sprache, es werden nur kurze Hauptsätze benutzt.
Was für eine Angst das Du bedrückt, wird nicht gesagt; lebens- und zeitgeschichtlich (1977 Diskussion um Nachrüstung atomarer Mittelstreckenraketen in Europa; Herkunft Ausländers aus der Bukowina, Vertreibung nach dem 1. Weltkrieg und später Verfolgung der Jüdin) wird man die Angst als die des gepeinigten Individuums des 20. Jahrhundert verstehen können. Unklar ist, ob der Sprecher sich an ein fremdes Du oder in diesem „du“ an sich selbst wendet.
Die 2. Strophe ist von dem bestimmt, was „bald“ (V. 3, 5, wiederholt) geschehen wird; das Du wird nicht mehr sein, wird tot sein. Dem steht entgegen, was „noch“ (V. 10, 13, 15, zweimal wiederholt und damit das „bald“ überbietend) ist, was es noch erfährt: das Leben in seiner Schönheit, der Schönheit der Natur (V. 11 f.) und menschlicher Innigkeit (V. 13 f.), das eigene pure Dasein (V. 15). V. 15 kann als Zusammenfassung von V. 10-14 gelten: Das Dasein ist schön.
Die Aussagen der 2. und der 3. Strophe stehen in einer Spannung zueinander: Bald bist du nicht mehr da, aber noch bist du da in einem schönen Leben – die gegensätzlichen Zeitbestimmungen bilden jeweils einen eigenen Vers (V. 3, 10) und leiten eine eigene Strophe ein. Aus diesem spannungsvollen Leben ergeben sich die Forderungen, die oben genannt worden sind: die Angst wegwerfen, dasein und alles geben. Die beiden letzten Aufforderungen sind durch die Aussagen der beiden vorhergehenden Strophen aufgefüllt: Sei, was du bist, das heißt: Stelle dich dem Leben, das eng begrenzt, aber schön ist; man kann die Aufforderung auch weit auslegen – dann würde sie Mut zum individuellen Lebensentwurf machen. Gib, was du hast, das heißt: Verfalle nicht darauf, vor dem nahenden Tod alles an dich zu reißen, sondern stelle dich in die Innigkeit menschlicher Liebe hinein (lieben, verschenken (V. 13 f.); denn das ist es, was du trotz der Todverfallenheit tun darfst (V. 13) und kannst.
b) Beide Gedichte stehen unter dem Aspekt, dass menschliches Leben auf den Tod zuläuft. In Cepkos Gedicht steht hinter diesem Leben (und hinter dem Tod) Gottes Vorsehung und Jesus als der Richter aller Menschen; daher ist nach dem Tod eine ewige Rettung zu erwarten. In Ausländers Gedicht wird das Leben nicht wie bei Czepko als Spiel relativiert, sondern ernstgenommen; dabei zeigt sich jedoch die Möglichkeit, trotz der Angst (die letztlich als Todesangst zu identifizieren ist) und ohne Angst das Leben selbst zu bejahen. Es ist das einzige, das wir haben, und es bietet in Schönheit und Liebe Möglichkeiten, der Angst standzuhalten (oder sogar von ihr frei zu werden) und erfüllt zu leben.
Czepko hat ein typisches Barockgedicht geschrieben, das vom Memento mori! bestimmt ist und zu einem christlich-pflichtbewussten Leben aufruft. Ausländer hat im 20. Jahrhundert ein Gedicht geschrieben, welches sich den ungeheuerlichen Erfahrungen der Zeit stellt und zu einer menschlichen Erfüllung im Hier und Jetzt führen will.

P.S. Ich möchte noch auf Czepkos Gedicht „Vive! moriendum est“ hinweisen, das weithin mit dem hier besprochenen übereinstimmt.

Pestalozzi: Die Fressordnung im Hühnerstalle – Analyse

Diese Parabel oder Fabel stammt aus einem Buch Pestalozzis, das (nach Vorarbeiten seit 1780) 1797 unter dem Titel „Figuren zu meinem ABC-Buch oder zu den Anfangsgründen meines Denkens“ erschienen ist; die 2. Auflage 1803 erhielt den Titel „Fabeln“, die dritte, überarbeitete Auflage 1823 wieder den Titel der 1. Auflage. Ich halte mich an die Ausgabe „Fabeln“ bei dtv (München 1993), die der Kritischen Ausgabe folgt. An dieser Erzählung kann man sehr schön Prinzipien demonstrieren, nach denen fiktionale bildhafte Erzählungen (Parabeln) zu verstehen sind (vgl. „Parabeln in der Literatur“).

Prinzip: Analyse der Struktur des erzählten Geschehens; sein Gefälle verstehen
Es gibt eine Ausgangssituation, in der alles Gefiederte zugleich gefüttert wird, wobei die Schwachen gegenüber den Starken zu kurz kommen.
Eine Änderung wird durch einen alten Hahn herbeigeführt (ab Z. 5); bedeutsam ist seine Rede, mit der er die neue Ordnung begründet (Z. 10 ff. und Z. 24 ff.). Hier wird schon deutlich, dass die Erzählung vom Hühnerstall sich auf das politische Gemeinwesen bezieht, als der Hahn die Magd „die Frau Reichsvögtin unseres Gemeinwesens“ nennt (Z. 16 f.) und dazu aufruft, „mit Gerechtigkeit [zu] fressen“ (Z. 19). Es wird also ein Freßrecht nach Schnabellänge eingeführt, das unter der Aufsicht von bevollmächtigten Hütern steht, welche Übeltäter „mit rechtlichem Picken“ und Rupfen (Z. 30 f.) bestrafen dürfen.
Der Erfolg dieser neuen Ordnung ist, dass die Starken weiterhin sich durchsetzen, weil die Hüter bei ihnen ein Auge zudrücken, dass das „neue Gerechtigkeitspicken“ die Tiere zusätzlich verbittert und außerdem mehr schwache Tiere als früher sterben. Die neue Ordnung ist also schlechter als die alte, sie scheitert.
Eine erneute Änderung wird von außen herbeigeführt, als eine neue Magd angestellt wird: Sie sperrt die starken Tiere ein, wenn sie die schwachen füttert; der Erzähler weiß, dass dies „die einzige Gerechtigkeit, die im Hühnerstall möglich war,“ (Z. 54 f.) ist.
Wir haben hier die typische Ereignisstruktur „missglücktes Experiment“ vor uns: Ausgangszustand – Experiment – Rückkehr in den Ausgangszustand; der zuletzt gewonnene (Ausgangs)Zustand zeichnet sich aber dadurch aus, dass er (eher zufällig) gegenüber dem alten Zustand mit seinen Missständen verbessert ist. Zufällig ist das geschehen, weil nicht die Tiere, etwa der alte Hahn aus einer Einsicht die Änderung herbeigeführt haben, sondern eine von außen installierte neue Magd.

Prinzip: Bezug zur Zeitgeschichte herstellen
Was ergibt sich aus einem Bezug auf den historischen Kontext der Entstehungszeit dieser Parabel? Es liegen in der politischen Metaphorik Anspielungen auf revolutionäre Ideale der Gleichheit, der Gerechtigkeit, der rechtlichen Ordnung vor, welche an die Stelle der alten feudalen Vorrechte (starke – schwache Tiere) treten sollten („wir alle“; Z. 10 f., „mit Gerechtigkeit fressen“, Z. 19; Schnabelrecht, Z. 29 f., usw.). Warum scheitert das Experiment, sodass es im Sinn des autorialen Erzählers (und vermutlich auch des Autors) verworfen werden muss? Erstens verstehen die Tiere „gar nicht, was das sei, mit Gerechtigkeit fressen“ (Z. 21 f.); zweitens üben die Tiere als Vorsteher ihr Amt eben „wie Hähne und Gänse“ aus, also wie Tiere, die sich dem Gesetz des Stärkeren beugen (Z. 42 f.); drittens zeigen die Wortungetüme (Neologismen, für in sich Unmögliches:) „Gerechtigkeitsfressen, Gerechtigkeitspicken, Gerechtigkeitsrupfen“ (Z. 38, 47 f.), dass eben das Fressen und Rupfen einer anderen Dimension angehören als die Gerechtigkeit [eine Auffassung, die zu prüfen wäre, denn wo sonst als im Bereich des Kämpfens sollte man Gerechtigkeit überhaupt einführen?].

Prinzip: Position des Erzählers (Sprechers) zur Deutung heranziehen
Auch und erst recht die Stellungnahmen des auktorialen Erzählers weisen in die Richtung, in der die Bedeutung einer bildhaften Rede zu suchen ist. Hier haben wir zum Schluss drei offene Wertungen des Erzählers („Gerechtigkeitselend“, Z. 49; „zum Glücke“, Z. 52; „die einzige Gerechtigkeit…“, Z. 54 ff.). Vorher gibt es eine verhaltene Wertung, nämlich die Erwähnung der Weisheit der alten Vorsteher, welche den Vorschlag des Hahns bedenklich finden (Z. 35 f.). – Dieses Prinzip lässt sich besonders deutlich an Ebner-Eschenbachs Erzählung „Die Nachbarn“ demonstrieren, s. dort!

Prinzip: Werke des Autors als Kontext beachten
„Die Fressordnung im Hühnerstall“ trägt in der dtv-Ausgabe die Nr. 192; es gibt bei Pestalozzi eine Reihe von Erzählungen (abgesehen von seinen theoretischen Schriften, vgl. das Nachwort Josef Billens, S. 343 ff.), die die Gerechtigkeit thematisch behandeln. Eine davon ist Nr. 204: „Der allgemeine Tiervorschritt in der Gerechtigkeit“. Dort wird erzählt, wie in der „Gaukelzeit“ (!) die wilden Fleischfresser vereinbaren, sich zwar nicht des Raubens und Reißens zu enthalten, dies jedoch unauffällig zu tun – ein Rat der Füchse.
Diese Gaukelzeit wird als die Zeit identifiziert, in der eine Menge Tiere „den alten Traum vom goldenen Zeitalter wieder aufwärmten“ (Z. 26 f.); als der gleiche Zeitpunkt, wo die Katzen sich mit den Mäusen über ihren Unterhalt freundlich verständigen sollen (Z. 20 ff.); und eben auch als der Zeitpunkt, in dem der alte Hahn das Gerechtigkeitsfressen einführen wollte (Z. 31 ff.).
Hier wird die Figur des alten Hahns, der schon einmal auf dem Totenbett gelegen hat  (Nr. 192, Z. 5 f.) und den man ob seines Alters wohl für weise halten könte, neu beleuchtet; denn den widernatürlichen Rat, dass die Katzen sich mit den Mäusen verständigen sollen, gibt „eine närrische, träumerische, alte Katze“ (Nr. 204, Z. 20 f.). Alter schützt vor Torheit also nicht, eine alte Katze muss ebenso wie der gleichalte Hahn nicht nur Weisheiten von sich geben.
Wenn man Nr. 204 heranzieht, wird noch deutlicher, dass in Nr. 192 der Erzähler die neue Ordnung der Gerechtigkeit als spinnert ablehnt.

H. von Kleist: Das Erdbeben von Chili – von der Analyse zum Aufsatz

In einem Aufsatz soll ein Gedankengang entfaltet werden. Wenn in ihm eine Analyse dargestellt wird, sollen nicht die Aspekte des Arbeitsblattes nacheinander „abgearbeitet“ werden; dann hätte man zwar die Teile in der Hand, es fehlte aber das geistige Band. Das heißt also, dass im Verstehen der Zusammenhang der zuvor isolierten Bedeutungselemente wieder hergestellt worden sein muss; es muss somit der Beitrag der Elemente zum  S i n n  des Ganzen gezeigt werden.
Wenn man diese Forderung am Beispiel von Kleists Erzählung „Das Erdbeben in Chili“ (verkürzt, nur im Ausschnitt) verdeutlichen will, heißt das etwa Folgendes: In dieser Erzählung wird der Untergang einer Stadt im Erdbeben zur Bedingung dafür, dass die verurteilten Liebenden gerettet werden; dieses wahrhaft denkwürdige Ereignis führt dazu, dass alle Geretteten „brüderlich“ zusammenleben und alles miteinander teilen; auf der Suche nach dem Sinn der Schrecken verflucht der Dominikaner das gerettete Paar, der Schuster ruft zum Morden auf, die Menge erschlägt die „mühsam“ geretteten Liebenden und den kleinen Juan, während „das Kind der Sünde“, ihr Sohn Philipp, von Don Fernando adoptiert wird. – Ich beziehe mich auf die Ausgabe „Sämtliche Erzählungen und Anekdoten“, dtv 2033 (1978, = Carl Hanser Verlag 1977).
Was ist also der Sinn so merkwürdig zusammentreffender Ereignisse? Diese Frage wird in der Erzählung dreifach beantwortet oder eben nicht beantwortet: durch die Technik des Erzählens, durch die Betonung des Zufalls und die der Bewusstlosigkeit der Protagonisten.
Der Erzähler scheint allwissend zu sein; er weiß, dass Jeronimo sich erhängen will (S. 144, Z. 6) oder dass dieser sich an etwas erinnert (147/8 f.). Aber er sagt nicht alles, was er vielleicht weiß (die Worte Donna Elisabeths, 154/38 ff.); vor allem jedoch bindet er sich an die Perspektive der Personen, von denen er gerade erzählt (die Leute 144/25; Jeronimo 145/14 f.; Josephe 148/34 f. u.a.). Er verzichtet also auf eine auktoriale Bewertung der Taten und Menschen. Ebenso verzichtet er auf eine Erklärung der Ereignisse und weist auf den „Zufall“ als treibendes Moment des Geschehens (144/16; 145/28; 146/ 3f. und öfter). Was durch Zufall geschieht, dient keinem Zweck oder Plan, stiftet keinen Sinn; ob dahinter Gottes Wille steht, bleibt offen (147/2-13, s. unten).
Dem Zufall auf der Seite des Geschehens entspricht auf der Seite der handelnden Menschen eine auffällig häufig vorhandene Besinnungs- und Bewusstlosigkeit (145/14; 145/35 f.; 146/11; 149/10); die Betroffenen wissen nicht, was sie von den Ereignissen halten sollen (147/3 f. vs. 147/12 f.; 152/12-14); die Ereignisse selbst sind voller Widerspruch (151/30 ff. vs. 152/15 ff.). So wundert es nicht, dass die Figuren etwas wahrnehmen, „als ob“ es etwas anderes wäre (145/35; 148/26 und öfter).
Der Erzähler lässt seine Hörer also im Unklaren über den Sinn der Ereignisse, und der Leser muss sich dieser Ungewissheit stellen.