Georg Trakl: Klage – Analyse

Schlaf und Tod, die düstern Adler…

Text

http://literatur-community.de/forum/gedichte/1997-georg-trakl-s-klage-lyrikrunde/ (mit Interpretationen von Laien)

http://www.versalia.de/archiv/Trakl/Klage.83.html

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1458

http://www.literaturwelt.com/werke/trakl/klage1.html

http://www.hs-augsburg.de/~%20harsch/germanica/Chronologie/20Jh/Trakl/tra_bre1.html (dort als „Klage II“)

(Es gibt auch das Gedicht „Nächtliche Klage“: http://www.textlog.de/19434.html, und ein weiteres Gedicht „Klage“: http://www.zeno.org/Literatur/M/Trakl,+Georg/Gedichte/Ver%C3%B6ffentlichungen+im+%C2%BBBrenner%C2%AB+1914-15/Klage)

Das Gedicht „Klage“, eines der letzten Trakls, wird öfter als Beleg für die Erfahrung von Depression oder Schwermut zitiert; es ist also wohl nicht nur das Kriegserleben Trakls, was sich hier ausdrückt. Es ist die Klage eines Menschen, der mit Nietzsche dem Nihilismus standhalten musste.

Schlaf und Tod (thanatos und hypnos) gehören bereits nach Hesiod zusammen, sie sind Kinder der Nacht (nyx); nach Homer haben sie sogar als Zwillinge zu gelten (Ilias, 16. Gesang, Zeile 671 ff.). Sie „umrauschen nachtlang dieses Haupt“ (V. 2), bedrohen es also; als Adler (Metapher) sind sie Raubvögel, stark und zupackend – ihr Flügelschlag ist ein Rauschen, ihr Aussehen ist düster-bedrohlich. Mit dieser ersten Klage über die erfahrene Bewusstlosigkeit beginnt der Sprecher, der sich hinter dem Demonstrativum „dieses“ verbirgt, seinen Klagegesang. Die von den Adlern ausgehende Drohung wird in den nächsten Versen benannt, im Konjunktiv II formuliert: dass des Menschen goldenes Bildnis verschlungen würde (V. 3-5). Dieses Bildnis ist nicht nur das eigene Bild, sondern das Bild des Menschen an sich, das in einer geist-losen Ewigkeit entschwinden wird, untergegangen wie im Meer. Ob das Attribut „eisig“ eine Anspielung auf den Kältetod ist, der nach dem Gesetz der Entropie alle Differenzen einebnen wird, wie Karl Eibl vermutet? Die eisige Woge ist jedenfalls übermächtig, tödlich: Ewigkeit als Ende der Zeit, als Ende des Zeitwesens Mensch, der hinweggefegt wird; Ewigkeit als Meereswoge (Metapher).

Das Bild der Meerwoge, des Sturzbrechers Ewigkeit wird im Folgenden ausgemalt: Der Leib zerschellt an Riffen; dass er purpurn ist (V. 6), ist ein letztes Zeichen seiner ehemaligen Würde: „Im alten Rom war Purpur den Togen und einige Zeit sogar nur den Schärpen der Senatoren vorbehalten. Es war der Farbstoff der Toga von Triumphatoren und des Kaisers.“ (Wikipedia) Mit der Konjunktion „Und“ (V. 7) eingeleitet, wird die gleichzeitige Klage des Untergehenden berichtet – oder ist die dunkle Stimme die eines anderen? Ist der Klageruf vielleicht bereits dieses Gedicht „Klage“?

Nun wird vom Sprecher die Schwester angesprochen, sie ist die „Schwester [in] stürmischer Schwermut“; die Schwester ist die letzte Instanz, an die der Sprecher sich in seiner Hilflosigkeit wenden kann; es hört ihn kein GOTT und kein Kaiser – und wenn die Schwermut „stürmisch“ ist, so ist sie vielleicht die große Woge, die alles hinwegfegt. Die Schwester wird auf den Untergang des Kahns hingewiesen (V. 10 f.), der metonymisch „ängstlich“ genannt wird; die Schwester ist hier ein Urbild letzter Verbundenheit, Symbolisierung der Schwester Trakls, zu der dieser ein [zu] inniges Verhältnis hatte.

Zum Schluss wird die Kulisse des Untergangs beschrieben: „Unter Sternen…“ (V. 11 f.); wenn sie das Antlitz der Nacht sind, so ist „Nacht“ ihr Wesen, alles Lebenslicht ist erloschen. Wenn das Antlitz „schweigend“ genannt wird, ist es dem Klageruf des Untergehenden entgegengesetzt; war die Stimme dunkel (V. 7), so hat sie derart bereits die Nacht und ihr Schweigen vorweggenommen.

Die Sprache des Gedichts ist gehoben, ohne Reim und Metrum; nur der Zeilenschnitt gliedert die vier Sätze. Abgetrennt werden so Subjekt, Objekt, Attribut, Adverbial – das Sprechen wird gebremst, wird zur Meditation.

Vier Bilder beherrschen das Gedicht: die düstern Adler, das goldene Bildnis des Menschen [sonst dem Kaiser oder der Göttin vorbehalten], der Untergang unter der großen Woge, das Antlitz der Nacht; von diesen Bildern gehören drei als Bedrohungsszenario zusammen, während das goldene Bildnis bedroht wird – und nicht nur bedroht wird, sondern untergeht.

Um Karl Eibls Aufsatz über den Expressionismus (mit kurzer Analyse von „Klage“ zu lesen, kann man hier klicken, aber auch „Karl Eibl: Expressionismus“ eingeben; dann sind andere Seiten im google-book weggelassen.

Vortrag

http://www.dctp.tv/ („Grodek“ und „Klage“)

http://www.youtube.com/watch?v=mTK8dzxrUrU (gesungen von „Leichenwetter“)

http://www.youtube.com/watch?v=4ZWRM0s_BAg&list=PLkA4yucCP-Ky6uDR1879Cqz0NPHgYDDVF (eine Reihe von Trakl-Gedichten)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/trakl.html (von F. Stavenhagen gesprochene Gedichte – „Klage“ ist nicht dabei)

Schwermut: Gedichte

http://gedichte.xbib.de/_Schwermut_gedicht.htm

http://gedichte.xbib.de/_Melancholie_gedicht.htm

http://www.lyrik-lesezeichen.de/gedichte/melancholische_gedichte.php

http://www.was-ist-depression.net/2012/06/depression-gedichte-depressionen.html

http://borderline-syndrom.beepworld.de/gedichte.htm

http://lyric4life.npage.de/gedichte/depressive-gedichte.html

http://www.textlog.de/17588.html (Trakl: Die Schwermut)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=359 (Platen)

http://www.gedichte.eu/71/george/der-teppich-des-lebens/juli-schwermut.php (George)

http://www.gedichte.eu/71/morgenstern/melancholie.php (Morgenstern)

http://de.wikipedia.org/wiki/Melancholie_%28Gottfried_Keller%29 (Keller)

Sonstiges

http://gedichte-werkstatt.de/Trakl/Interpretationen.html (Text und kurze Interpretation vieler Gedichte Trakls, darunter auch „Klage“ – das Bild von der Seefahrt = Leben halte ich für falsch)

http://www.literaturnische.de/Trakl/texte.htm (alle Texte Trakls)

http://www.gasl.org/refbib/Trakl__Dichtungen.pdf (Dichtungen)

http://www.textlog.de/trakl.html (dito)

http://www.babelmatrix.org/works/de/Trakl,_Georg (dito)

http://www.textkritik.de/trakl/trakl.htm (Reproduktionen aller Texte im „Brenner“)

http://www.georgtrakl.de/index.html (Die Lyrik Trakls anhand exemplarischer Beispiele)

http://home.arcor.de/sonnenblume69/trakl.htm (Natur und Schwermut in den Gedichten Trakls)

http://www.reiprich.com/peregrina/Nacht_in_Dichtung.pdf (Die Nacht in der Dichtung)

http://kups.ub.uni-koeln.de/619/1/11w1021.pdf (Angelika Zawodny: „[…] erbau ich täglich euch den allerjüngsten Tag.“Spuren der Apokalypse in expressionistischer Lyrik, Diss. 1999)

https://www.facebook.com/alejandro.graziani.9/posts/361099504022799 (Georg Trakl)

http://deu.1september.ru/article.php?ID=200700511 (Georg Trakl)

http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Trakl (dito)

http://altmarius.ning.com/profiles/blogs/georg-trakl (dito)

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=40754 (dito)

http://www.zeit.de/1987/06/die-fremde-naehe-des-georg-trakl/seite-1 (Würdigung zum 100. Geburtstag)

http://www.studentshelp.de/p/referate/02/461.htm (Hermetische Lyrik: George – Trakl – Benn)

http://www1.ids-mannheim.de/fileadmin/lexik/lehre/engelberg/Webseite_Lyrik_Linguistik/Sauermann-Referat-Dietz-Schmidt.pdf (Valenzverstöße in den Gedichten Georg Trakls)

http://www.inst.at/trans/6Nr/cellbrot.htm (Zu Trakl und Nietzsche)

http://www.uibk.ac.at/brenner-archiv/bibliothek/pdf/ficker_2_gesamt.pdf (L. von Ficker: Briefwechsel 1914-1925, darin 1914: Briefwechsel mit Trakl)

https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/n5/mode/2up (Anthologie „Menschheitsdämmerung“, 1920)

https://archive.org/stream/verkndigungant00kays#page/n5/mode/2up (Verkündigung. Anthologie junger Lyrik, hrsg. von Rudolf Kayser, München 1921)

Georg Trakl: Grodek – Analysen

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder…

Text

http://www.textlog.de/17596.html

http://gutenberg.spiegel.de/buch/5445/82

http://www.literaturnische.de/Trakl/sonst.htm#grodek

http://xoomer.virgilio.it/micheleruele/CD_202.pdf (Text mit italien. Übersetzung)

„Grodek“ ist das letzte Gedicht Trakls, das er kurz vor seinem Tod im Garnisonshospital Krakau geschrieben hat; mit dem Titel nimmt es die Schlacht von Grodek auf, nach der Trakl 90 Schwerverwundete zu betreuen hatte. Es gibt mehrere Interpretationen im Netz; die intensivste steht in einer Magisterarbeit von „Sonnenblume“ aus dem Jahr 2001, dort unter 2.3: http://home.arcor.de/sonnenblume69/trakl.htm (Natur und Schwermut in den Kriegsgedichten Georg Trakls). Ob man wirklich von einem fortlaufenden Wechsel des Metrums oder von freien Rhythmen sprechen soll, lasse ich offen – ich plädiere für die freien Rhythmen.

Erläuterungen zur Entstehung des Gedichts findet man hier: http://www.gbv.de/dms/faz-rez/780506_FAZ_0108_BuZ4_0002.pdf

Eine intensive Meditation über das Gedicht und ein Bild dazu hat Thomas Schreijäck veröffentlicht: http://www.spacetime-publishing.de/essays/schreijaeck-grodek.htm (dazu ein Bild F. D. Bunsens und Deutungsversuch).

Ein Germanist macht Anmerkungen zu einigen Gedichten, die er nicht interpretieren will – dazu seien sie zu groß. Zu diesen Gedichten gehört auch „Grodek“: http://www.zuefle.ch/pdf/texte/literatur/Zwischen_Versen_das_Gedicht.pdf (dort S. 4 ff.)

Eine mehr oder weniger hilflose und uninformierte Deutung hat ein Schüler geliefert: http://www.rhetoriksturm.de/grodek-trakl.php; von Trakls Schwester hat er offenbar keine Ahnung.

Nachträglich habe ich vier weitere Interpretationen gefunden:

http://www.georgtrakl.de/4-phase.html (Interpretation „Grodek“)

http://umija.org/roxanne:studium:old01

http://www.antikoerperchen.de/material/18/gedichtinterpretation-georg-trakl-grodek-expressionismus.html

http://lyrik.antikoerperchen.de/georg-trakl-grodek,textbearbeitung,71.html

Vgl. auch Walter Höllerers Interpretation, in: Die deutsche Lyrik, hrsg. von Benno von Wiese, Bd. II, S. 419 ff.

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=V7Ph7kQlW0M

http://www.youtube.com/watch?v=TZ3bx9gU2nI (deutlich schwächer, mit Bildern)

http://www.rezitator.de/gdt/732/ (Lutz Görner, gut)

http://www.youtube.com/watch?v=k2YSz6Amq7c = http://www.deutschelyrik.de/index.php/grodek.html (Fritz Stavenhagen, gut)

http://www.youtube.com/watch?v=rIJgloydqRM (Ulrich Matthes)

http://www.dctp.tv/ („Grodek“ und „Klage“)

http://www.youtube.com/watch?v=h7Tv7rcKLEI (Fritz Stavenhagen, mit Musik und Bild)

http://www.youtube.com/watch?v=BksoCGuaBHM (in Musik und Bilder umgesetzt: D. H. Johnson, Nr. 3)

http://www.youtube.com/watch?v=9N_ktX_l628 (D. H. Johnson, Nr. 4)

http://www.youtube.com/watch?v=z1E-CiFglwM (Musik: ExZess, Text kann ich nicht verstehen)

http://www.youtube.com/watch?v=4ZWRM0s_BAg&list=PLkA4yucCP-Ky6uDR1879Cqz0NPHgYDDVF (eine Reihe von Trakl-Gedichten)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/trakl.html (von F. Stavenhagen gesprochene Gedichte)

Sonstiges

http://gedichte-werkstatt.de/Trakl/Interpretationen.html (Text und kurze Interpretation vieler Gedichte Trakls, auch von „Grodek“)

http://www.literaturnische.de/Trakl/texte.htm (alle Texte Trakls)

http://www.gasl.org/refbib/Trakl__Dichtungen.pdf (Dichtungen)

http://www.textkritik.de/trakl/trakl.htm (Reproduktionen aller Texte im „Brenner“)

http://www.georgtrakl.de/index.html (Die Lyrik Trakls anhand exemplarischer Beispiele)

https://www.facebook.com/alejandro.graziani.9/posts/361099504022799 (Georg Trakl)

http://deu.1september.ru/article.php?ID=200700511 (Georg Trakl)

http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Trakl (dito)

http://altmarius.ning.com/profiles/blogs/georg-trakl (dito)

http://www.studentshelp.de/p/referate/02/461.htm (Hermetische Lyril: George – Trakl – Benn)

Trakl: Traum des Bösen – kurze Analyse

1. Fassung: 

Traum des Bösen

Verhallend eines Gongs braungoldne Klänge –
Ein Liebender erwacht in schwarzen Zimmern
Die Wang‘ an Flammen, die im Fenster flimmern.
Am Strome blitzen Segel, Masten, Stränge.

Ein Mönch, ein schwangres Weib dort im Gedränge.
Guitarren klimpern, rote Kittel schimmern.
Kastanien schwül in goldnem Glanz verkümmern;
Schwarz ragt der Kirchen trauriges Gepränge.

Aus bleichen Masken schaut der Geist des Bösen.
Ein Platz verdämmert grauenvoll und düster;
Am Abend regt auf Inseln sich Geflüster.

Des Vogelfluges wirre Zeichen lesen
Aussätzige, die zur Nacht vielleicht verwesen.
Im Park erblicken zitternd sich Geschwister.

2. Fassung: (Nachlass)

Traum des Bösen

O diese kalkgetünchten, kahlen Gänge; 
Ein alter Platz; die Sonn’ in schwarzen Trümmern. 
Gebein und Schatten durch ein Durchhaus schimmern 
Im Hafen blinken Segel, Masten, Stränge.

Ein Mönch, ein schwangres Weib dort im Gedränge.
Guitarren klimpern; Flucht aus leeren Zimmern.
Kastanien schwül in goldnem Glanz verkümmern;
Schwarz ragt der Kirchen trauriges Gepränge.

Aus bleichen Masken schaut der Geist des Bösen.
Paläste dämmern grauenvoll und düster;
Am Abend regt auf Inseln sich Geflüster.

Des Vogelfluges wirre Zeichen lesen
Aussätzige, die zur Nacht vielleicht verwesen.
Im Park erblicken zitternd sich Geschwister.

3. Fassung: (Nachlass – Rückkehr zur 1. Fassung, kleine Korrekturen)

Traum des Bösen

Verhallend eines Sterbeglöckchens Klänge –
Ein Liebender erwacht in schwarzen Zimmern,
Die Wang’ an Sternen, die am Fenster flimmern.
Am Strome blitzen Segel, Masten, Stränge.

Ein Mönch, ein schwangres Weib dort im Gedränge.
Guitarren klimpern, rote Kittel schimmern.
Kastanien schwül in goldnem Glanz verkümmern;
Schwarz ragt der Kirchen trauriges Gepränge.

Aus bleichen Masken schaut der Geist des Bösen.
Ein Platz verdämmert grauenvoll und düster;
Am Abend regt auf Inseln sich Geflüster.

Des Vogelfluges wirre Zeichen lesen
Aussätzige, die zur Nacht vielleicht verwesen.
Im Park erblicken zitternd sich Geschwister.

Die Überschrift kündigt einen „Traum des Bösen“ an. Da jedoch nirgends von einem Träumer die Rede ist, bleibt unklar, was „Traum“ hier bedeutet; denn „Traum“ gibt es in zwei Lesarten, „Wunsch“ und „Schlafbilder“ (DWDS, owid). Da der Traum des Bösen kaum als Wunschbild zu verstehen ist, liegt zunächst die Vermutung nahe, im Text finde man „Bilder, Bildersequenzen bzw. Filme während des Schlafes“ (owid). „Traum“ taucht jedoch in den Dornseiff-Bedeutungsgruppen auch unter „Falsch, Irrtum; Einbildung, Wahn; Enttäuschung; Übersinnliches“ auf (Wortschatz Uni Leipzig). Auch dieses negative Traum-Verständnis würde den Text des Gedichtes abdecken.

Die Textgestalt des Gedichtes ist nicht ganz sicher. Die 1913 veröffentlichte Fassung (1. Fassung) hat Trakl zweimal überarbeitet, einmal ziemlich stark (1. Strophe fast vollständig, 2. und 3. Strophe geringfügig); in der 3. Fassung ist er fast vollständig (bis auf zwei kleine Korrekturen) zur 1. Fassung zurückgekehrt; die 2. und die 3. Fassung sind aber nicht (mehr) veröffentlicht worden. Diese Arbeit am Text zu untersuchen wäre ein eigenständiger Arbeitsgang – halten wir uns hier an die 1. Fassung; sie ist diejenige, die neben der 3. Fassung am häufigsten abgedruckt wird.

Wir haben in der Tat eine Abfolge von Bildern vor uns, die mit einer Ausnahme (V. 12 f.) jeweils einen Vers einnehmen und sprachlich nicht durch Konnektoren verbunden sind; lediglich in V. 2 könnte man das Erwachen als Folge der verhallenden Klänge auffassen. Es sind Bilder unheilvoller Situationen (schwarze Zimmer, V. 2; Flammen, V. 3; schwangres Weib, V. 5; usw.); zu ihnen gibt es nur in der 1. Strophe noch zwei Kontraste, des Gongs braungoldne Klänge (V. 1) und die blitzenden Segel und Masten (V. 4) – deren Blitzen kann aber auch als gefährlich verstanden werden. Die Sujets und Situationen wechseln beliebig: Zimmer (V. 2 f.), Gedränge in der Straße (V. 5), Kirchen in der Stadt (V. 8), ein Platz (V. 10) usw.; einige Vorgänge sind nicht lokalisiert (Gong verhallt, V. 1; Guitarren und Kittel, V. 6; verkümmernde Kastanien, V. 7; usw.). Einen zeitlichen Zusammenhang der einzelnen Ereignisse kann man nicht erkennen – es sei denn, man konstruierte eher willkürlich um den Abend (V. 11) herum einen zeitlichen Zusammenhang. Auch ist kein Sprecher auszumachen (mit dem 1. Vers der 2. Fassung wird ein betroffener Sprecher angedeutet, aber später wieder aufgegeben – zu Recht!). Der Tonfall ist ziemlich flüssig: fünf Jamben pro Vers plus eine weibliche Kadenz, die ein abschließendes Innehalten bewirkt.

Eine gewisse Bedeutung besitzt die Form des Sonetts: Zu Beginn der Terzette, in V. 9, steigert sich die Wahrnehmung der bösen Bilder zur Personifikation des Geists des Bösen, der aus den Masken schaut. Es wird angedeutet, dass die Aussätzigen möglicherweise bald verwesen (V. 12 f.), was ebenfalls die zuvor gezeigten Bilder des Bösen übertrifft. Als letzte Steigerung des Bösen ist die Andeutung des Geschwister-Inzests in V. 14 zu lesen.

Den Reihungsstil, dass also Bilder unverbunden aufeinander folgen, hat Trakl in seiner zweiten Schaffensperiode (1909-1912) entwickelt; dieser Stil ist dann typisch für Gedichte des Expressionismus geworden. In solchen Gedichten äußert sich das Unbehagen in der Kultur nach 1900 – in der Rückschau sagen wir dann leicht, darin kündige sich der 1. Weltkrieg und das Ende des bürgerlichen 19. Jahrhunderts an.

http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Trakl (Leben und Werk)

http://www.georgtrakl.de/index.html (ähnlich, mit großem Quellenverzeichnis)

http://www.wcurrlin.de/kulturepochen/kultur_expressionismus.htm (Expressionismus)

http://www.fundus.org/pdf.asp?ID=461 (Hermetische Lyrik: George – Trakl – Benn; dort die Einleitung, S. 2 ff., und die Ausführungen zu Trakl, S. 12-15)

Text(e):

http://www.textlog.de/17489.html

http://gedichte.xbib.de/Trakl_gedicht_Traum+des+B%F6sen.htm

www.munseys.com/diskeight/didi.pdf

http://www.literaturnische.de/Trakl/texte.htm (mit Materialien zu Trakl)

Trakl: Ein Winterabend / Eichendorff: Winternacht – Gedichtvergleich

Diesen Gedichtvergleich gibt es bei http://www.frustfrei-lernen.de/deutsch/gedichtvergleich-winterabend-winternacht.html (Texte dort miserabel, mit Fehlern!).

Georg Trakl
Ein Winterabend

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
Und das Haus ist wohlbestellt.

Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
Aus der Erde kühlem Saft.

Wanderer tritt still herein;
Schmerz versteinerte die Schwelle.
Da erglänzt in reiner Helle
Auf dem Tische Brot und Wein.

Joseph von Eichendorff
Winternacht

Verschneit liegt rings die ganze Welt,
Ich hab nichts, was mich freuet,
Verlassen steht der Baum im Feld,
Hat längst sein Laub verstreuet.

Der Wind nur geht bei stiller Nacht
Und rüttelt an dem Baume,
Da rührt er seinen Wipfel sacht
Und redet wie im Traume.

Er träumt von künft’ger Frühlingszeit,
Von Grün und Quellenrauschen,
Wo er im neuen Blütenkleid
Zu Gottes Lob wird rauschen.

Trakl:
Situation: zuerst allgemein, wiederkehrend („wenn“, „vielen“, „mancher“), dann eine konkrete Situation in der 3. Strophe (Wanderer wird angesprochen, da erglänzt …); Situation der Geborgenheit (Abendglocke läutet, Tisch bereitet, Haus wohlbestellt, Baum der Gnaden), zum Schluss Situation des Heils (erglänzen, reine Helle, Brot und Wein: symbolisch), Erlösung für den Wanderer von seinem Schmerz, Überwindung der trennenden Schwelle, Stärkung am bereiteten Tisch
Sprecher: wird nur im Beschreiben der Situation und in der Anrede an den Wanderer hörbar
religiöse Färbung: Baum der Gnaden (Weihnachtsbaum?), erglänzen (Glanz als Attribut Gottes), Brot und Wein (auch: christliches Sakrament).
Form: drei Strophen, umfassender Reim, Trochäus

Eichendorff:
Situation: konkret, zunächst Situation der Verlassenheit (verschneit, nichts Erfreuliches, verlassen, verstreuet); Wind führt eine sanfte Veränderung herbei (2. Strophe), Baum erwacht zu traumhaftem Leben (sacht, redet wie im Traum: Personifikation); Vorgriff auf eine Situation künftigen Lebens als Trauminhalt: Überwindung der gegenwärtigen Verlassenheit (grün, Quellenrauschen, neues Blütenkleid, wird rauschen)
Sprecher: „Ich“ als Bestandteil der tristen Situation, sonst nur Beobachter und Beschreibender (kennt aber den Trauminhalt)
religiöse Färbung: erlösendes Naturgeschehen (Wind als Baum-Belebender, Rhythmus der Jahreszeiten als Lebensgewinn), Baumrauschen als Gotteslob
Form: drei Strophen, Kreuzreim, Jambus im Wechsel von 3 und 4 Hebungen, Wechsel von männlichem und weiblichem Schluss (ähnlich bei Trakl)

Vergleich:
Der Winter ist bei Trakl nur der Rahmen, vor dem sich das helle Haus abhebt; bei Eichendorff ist der Winter Symbol der Leblosigkeit und Verlassenheit.
Überwindung einer Unheilssituation einmal eines Wanderes, dann eines Baumes als Repräsentanten der Natur, evtl. sogar der Welt; Erlösung einmal durch die Einladung ins Haus und an den Tisch, dann durch den Wind bzw. den Lebensrhythmus der Natur; bei Trakl tritt der unselige Wanderer in die Späre der Rettung ein, bei Eichendorff wird eine Situation des Unheils durch innere Kraft der Natur überwunden.

Bei Trakl ist vom Expressionismus seiner Zeit nicht viel zu spüren; Eichendorffs Gedicht darf als merklich „romantisch“ gelten.

Trakl: Verfall – Analyse

In dem 1913 veröffentlichten Gedicht Trakls beschreibt ein lyrisches Ich, wie es im Herbst bzw. in einer Situation des Glücks dessen Verfall erlebt. In den beiden ersten Strophen des Sonetts wird noch nicht deutlich, dass das Ich ein Erlebnis berichtet; es scheint so, als spräche es von dem, was es regelmäßig „am Abend“ (V. 2) im Herbst (V. 5) erlebt. Vielleicht trägt dazu der Umstand bei, dass das Ich nur von seinen Wahrnehmungen spricht und diese ganz allgemein datiert als „am (nicht mit anderen Ereignissen synchronisierten) Abend“ sich ereignend.

Das Ich beschreibt also in einem einzigen Satz, was es wahrnimmt: das Erlebnis, dass es „am Abend“ Glocken läuten hört und Scharen von Zugvögeln fliegen sieht (V. 2-4). Was vernimmt das Ich in seinen Wahrnehmungen? Es hört, wie die Glocken „Frieden“ läuten (V. 2); es sieht wundervolle Vogelzüge (V. 3), die es mit „frommen Pilgerzügen“ vergleicht. Beiden Wahrnehmungen eignet also unterschwellig eine religiöse Qualität; sie erwecken in dem betrachtenden Ich die Ahnung einer letzten Vollendung aller Wege und Reisen; die Vögel entschwinden in „klaren Weiten“ (V. 5), und das Ich folgt ihnen (V. 3), zumindest mit seinen Blicken, vermutlich auch mit seiner Sehnsucht.
Seine einzige Tätigkeit, das Folgen, ist durch die Synkope („folg“, V. 3) aus dem ruhigen Fluss des jambischen Sprechens herausgehoben; durch den Reim (hier umarmender Reim) werden die Flüge der Vögel noch einmal an die mit ihnen verglichenen Pilgerzüge gebunden, die „klaren Weiten“ des Ziels hingegen ans „Frieden Läuten“, womit die Dimension des Friedens in die unendliche Weite aller Ziele ausgedehnt wird. In den ersten drei Versen sind „Frieden“, „wundervoll“ und „fromme Pilgerzüge“ die betonten und damit Sinn tragenden Wörter. Das Ich spricht ruhig; hinter jedem Vers bildet sich wegen der weiblichen Kadenz im jambischen Sprechen eine kleine Pause; größere Pausen entstehen nach V. 2 und V. 4, weil dort Sätze enden. Wegen des umarmenden Reims lässt die Assonanz in V. 3 und V. 4 ebenfalls den Sprechen ganz kurz innehalten – der erinnerte Reimlaut fordert sein Recht.
In der zweiten Strophe spricht das Ich mehr von sich selbst und auch von dem Ort, wo es sich befindet: „Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten / Träum ich…“ (V. 6 f.). Mit dem Partizip „hinwandelnd“ beschreibt es sich als ebenso in Bewegung befindlich wie die Vögel (vgl. die Wiederholung „folg“, V. 9); das Wort erinnert an das christliche Bild vom homo viator, der auf Erden nur Gast ist und zur himmlischen Heimat pilgert. Damit wird die religiöse Bedeutung des Glockenläutens (vermutlich das Ave Maria der Abendglocke) und des Pilgerzug-Vergleichs unterstrichen; das Ich geht allerdings nicht auf ein bestimmtes Ziel zu, sondern nur durch den Garten „hinwandelnd“. Das Verb „wandeln“ gehört der gehobenen Sprache an und weist deutlich religiöse Bezüge auf [Wortschatz der Uni Leipzig: „Teilwort von: auf seinen Spuren wandeln, auf ihren Spuren wandeln, sich wandeln in, auf Gottes Pfaden wandeln, gerade seinen Weg wandeln, auf abschüssigen Pfaden wandeln, gottlos wandeln, den Weg der Tugend wandeln, auf dem Sündenwege wandeln, in Gleichstrom wandeln, die Bahn der Tugend wandeln“]. Der Garten wird als dämmervoll wahrgenommen (V. 6); die helleren Ziele der Vögel stehen dazu im Kontrast, sie sind entsprechend Gegenstand der Sehnsucht, das lyrische Ich träumt von ihnen, erträumt und ersehnt sie für sich; durch eine Synkope („träum“ betont) wird das träumende Sehnen ins Blickfeld gerückt.
Durch den Reim „Geschicken / rücken“ (V. 7 f.) bindet das Ich seine Sehnsucht nach dem Hellen mit dem gegenwärtig erlebten Glück zusammen. Dass es das Verstreichen oder Vergehen der Zeit nicht mehr wahrnimmt (V. 8), erscheint als Folge seines Sehnens, zumindest damit verbunden (Konjunktion „und“, V. 9). Abschließend deutet es erneut an, dass es gar „über Wolken“ dem Vogelflug folgt (V. 9).; vielleicht hat es sich aus der Gegenwart verabschiedet und im Geist ihrem Flug angeschlossen.

Mit dem betonten „da“ (V. 9) beginnt das Ich in den Terzetten zu beschreiben, wie es einen „Hauch von Verfall“ vernimmt und davon erschüttert wird; es wird durch einen bloßen „Hauch“ aus dem transzendierenden Träumen gerissen (vgl. Hebbel: „Sommerbild“). Es vernimmt, wie die Amsel nicht flötet, sondern (personifiziert) „klagt“; das ist der Gegenklang zu den läutenden Glocken, aber eben in der Nähe. Auch dass die Zweige „entlaubt“ sind, ist Zeichen des Verfalls der Lebewesen. Weitere Zeichen des Verfalls sieht das Ich: das Schwanken des Weins (V. 11) an den „rostigen“ Gittern (Alliteration rot – rostig, vgl. die f-Alliteration in V. 2). Auch die Astern neigen sich, gar „fröstelnd“: Die Personifikation zeigt, dass dieses Frösteln die Menschen angeht, dass sie gleichermaßen vom Verfall bedroht sind. Das wird auch in dem Vergleich „wie blasser Kinder Todesreigen“ angedeutet, mit dem die Astern zum zweiten Mal aufs menschliche Vergehen verweisen. „dunkel“ (statt „dämmervoll“ oder gar „klar“, V. 5 und V. 4) und „verwittern“ sind weitere Boten des Verfalls. „um dunkle Brunnenränder“ könnte Adverbial zu „neigen“ sein, aber auch Attribut zu „Todesreigen“; die gleiche Unbestimmtheit ist bei „über Wolken“ (V. 8) auszumachen; sachlich ist aber ohne größere Bedeutung, für welche Lesart man sich entscheidet.
In der Anfangsstellung werden, abweichend vom Taktschema, „Folg“ (V. 2), „Hin-“ (V. 5), „Träum“ (V. 6) und „So“ (V. 8) betont; „Da“ (V. 9) ist bereits genannt. Durch diese Abweichung von Taktschema kommt etwas Spannung oder Leben ins Sprechen. Das Reimschema in den beiden Terzetten ist ein dreifacher Paarreim. Die Semantik der Reime könnte man leicht aufschlüsseln: Wie das Ich aus seinem „Garten“ sich wegträumt und an den „Fahrten“ der Vögel bei ihrer Himmel-Fahrt teilnimmt, wenn auch nur träumend (V. 5 / 8), usw.

Es ist interessant, dieses Erlebnis der Natur-Transzendenz (Vogelflug als Himmelfahrt) und seine leichte Erschütterbarkeit zu bedenken; wenn man zum Vergleich Psalm 23 heranzieht, sieht man den Unterschied zum religiösen Glauben:
„Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil;
denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.“ (Ps. 23,4)
Es ist der Stab des guten Hirten, welcher auch im Finstern da ist; das lyrische Ich dagegen kann nur träumend sich aus dem Dämmern entfernen. Wenn es finster und dunkel wird, wird es von den Zeichen des Verfalls eingeholt und erschüttert. Das Ziel des menschlichen Wandels stellt sich von selbst ein: Lebensabend, Frösteln, Tod.

Einige rhetorisch interessante Hinweise findet man in der Analyse bei „antikoerperchen“, obwohl dort auch manches von Fantasie bestimmt ist: http://www.antikoerperchen.de/material/11/. Ferner:
http://www.opus-magnum.de/neumann/trakl/ (E. Neumann: Georg Trakl: Person und Mythos)
http://www.literaturnische.de/Trakl/kaleidoskope1.htm (Werner Schmitt: Zur Dichtung Georg Trakls)
http://www.literaturnische.de/Trakl/material/material-f.htm (Links)

Trakl: Die schöne Stadt – Analyse

In diesem Gedicht (1913)  wird eine Residenz- oder Domstadt in einzelnen Bildern beschrieben; diese sind nicht miteinander verbunden, der Blick des Betrachters wandert einfach durch die Stadt. Der Sprecher tritt nicht hervor, ebenso ist kein Hörer zu erkennen; der Sprecher verschwindet in den Eindrücken, die er beschreibt; was er sieht, geht ihn nichts an. Solche Distanzierung (Fremdheit) kenne ich aus meiner Jugendzeit; vielleicht spiegelt sich darin das jugendliche Alter des Autors? Insgesamt sind deutlich zwei Eindrücke zu unterscheiden: optische (Str. 1-4) und akustische (Str. 5-6); unter dieser Vorgabe könnte man in Str. 7 noch einen Duft wahrgenommen sehen (V. 25 f.), der dann in V. 28 wieder angedeutet würde.
Das Gedicht wird als ein tönendes Klanggebilde präsentiert: In den umarmenden Reimen (V. 1-4 jeder Strophe umarmen die reimenden Verse 2-3) bleibt das Wort in jeder Strophe gleich („schweigen“, V. 1 und 4 usw.). Mir fallen auch mehrere Alliterationen auf, eine t-Alliteration in V. 2-3, sch- in V. 4 und V. 14, h- in V. 20-21 und in V. 25. Dadurch, dass in jedem vierten Vers das letzte Wort des ersten Verses wiederholt wird, erscheint das in den einzelnen Strophen gezeigte Bild als eine kleine Einheit, in sich abgeschlossen.

Was gibt es in der schönen Stadt zu sehen?
– alte Plätze mit Buchen,
– Kirchen mit Fürstengräbern,
– Brunnen mit Rössern, blühenden Bäumen, wirr spielenden Knaben
– Tore mit Mädchen, die sich sehnen,
später in den von anderen Eindrücken dominierten Strophen noch
– Kirchen (5. Str.),
– Gärten (6. Str.),
– Blumenfenster (7. Str.).
Viele Farbtupfer fallen in der Stadt auf: Blau und Gold (V. 2), Braun (V. 5), das Blau des Himmels (V. 20), Silbern (V. 27). Es sind erlesene Farben (alle anderen) oder ruhige Farben (Braun).
Was gibt es in dieser Stadt zu hören? Zuerst herrscht tiefes Schweigen; erst ab Str. 5 werden die in eine schöne Stadt passenden Geräusche vernehmbar:
– Glocken (1. Str.), Orgel (5. Str.),
– Marschtakt und Rufe von Wachen,
– helle Instrumente,
– Lachen schöner Damen,
– Singen junger Mütter.
Die Menschen in dieser Stadt sind plakativ genannt: ernste Nonnen; (tote) große Fürsten; wirre Knaben und Mädchen mit feuchten Lippen, erkennbar in den Nöten der Pubertät; Fremde; schöne Damen; junge Mütter; zum Schluss bleibt unklar, wem „müde Lider“ (V. 27) gehören. Erblickt werden vor allem Frauen; ist das ein männlicher Blick in die Welt? Jedenfalls sind keine Arbeiter, keine Kranken, keine Greise zu sehen, von Bettlern oder Gammlern ganz zu schweigen – die Touristen sind bloß „Fremde“. Die schöne Stadt, das ist die Stadt von früher, in deren Zentrum die Kirche, Fürsten und reiche Bürger gebaut haben, in der „heute noch“ die Vertreter einer Oberschicht wohnen und wo es weder den Lärm von Fabriken und Eisenbahn noch von Büros oder Warenhäusern gibt.
Ein wenig zeigen sich schon die Schatten des Fin de siècle in der schönen Stadt: Unter den Buchen ist es schwül (V. 4), die Blüten drohen wie Krallen (V. 10), die pubertierenden Jugendlichen sind unsicher (V. 11 ff.), im Duft am Fenster ist auch Teer enthalten (V. 26), die Lider der blickenden Augen sind müde (V. 27), ohne dass eine Bedrohung der Menschen wirklich zu erkennen wäre; es bleibt bei der Ahnung, dass Lebewesen nicht immer im besten Alter stehen (bleiben). Das sind zarte Anklänge des Expressionismus, als dessen Repräsentant Trakl sonst gilt; insgesamt ist das Gedicht eher die Komposition eines impressionistischen Bildes.

Es gibt eine knappe Analyse des Gedichtes gleich mehrfach im Netz, zum Beispiel
http://www.3b-infotainment.de/unterricht/analyse2.htm
Dass in V. 16 der Rhythmus vom Takt abwiche, kann ich nicht feststellen.
Eine intensive Auseinandersetzung mit dem Gedicht beim Kollegen Schrey:
http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/trakl/index.htm
http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/trakl/schstint.htm (nur Interpretationsskizze)
http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/home-unt.html (homepage).

Bei der Analyse des Kollegen Schrey fällt auf, dass sie vermutlich unter dem Eindruck des berühmten Trakl-Gedichtes „Verfall“ steht. Nur so kann man erklären, dass er darauf hinaus will, dass in „Die schöne Stadt“ die Grenzen zwischen Menschen und Dingen verschwömmen. Die hierfür von ihm herangezogenen „Personifikationen“ von Dingen lassen sich weithin nicht vertreten: Sicher keine Personifikation sind „schwimmen“, „flattern“, „auftauchen“; problematisch sind „schauen“ und vielleicht auch „hauchen“. Dass in der Beschreibung von Marschtakt und Musik die Agierenden „depersonalisiert“ würden, ist ebenfalls reine Phantasie; wenn dabei nicht die agierenden Menschen genannt werden, so deshalb, weil sie nicht zu sehen sind – man hört halt einfach irgendwo Marschtakt und Musik, das ist alles: ein Eindruck in der schönen Stadt.
Man kann hier nur den alten Schülerfehler feststellen: Es wird etwas [Verfallendes, Schreckliches, Expressionistisches] gesucht, also wird es auch gefunden – Jesus hat wie so oft auf eine peinliche Weise Recht: „Wer sucht, der findet.“ – Genauso falsch ist es, in der 4. Strophe die Mitte oder Achse des Gedichtes entdecken zu wollen, weil die Mädchen angeblich aus der Stadt hinausschauen, während alles andere sich in der Stadt ereigne. Liest man den Text, so findet man:  „Mädchen stehen an den Toren, / Schauen scheu ins farbige Leben.“ Wo ist das farbige Leben? Vermutlich in der Stadt; auf die vielen Farben habe ich schon hingewiesen. Warum findet jedoch Freund Schrey (http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/literatur/trakl/trakl_sch%F6ne%20stadt.html) eine Achse des Gedichtes? Na, weil er sie gesucht hat! Zu dem Zweck wird der Blick der Mädchen entsprechend verstanden (korrigiert).

http://www.kulturvereinigung.com/fileadmin/user_upload/downloads/Georg_Trakl_-_die___Salzburg__-Gedichte.pdf (die Salzburg-Gedichte Trakls)

Eine reizvolle Aufgabe wäre es, passende Bilder zu den einzelnen Objekten der schönen Stadt zu suchen; denn den Schülern sind ja Fürstengräber in Kirchen und Pferdebrunnen nicht zwingend bekannt. Wenn man sucht, sieht man den Unterschied im Sprachgebrauch zwischen Trakl und uns: Gibt man „Mädchen, Tor“ in der Suchmaske ein, bekommt man nur Bilder von Mädchenfußball; „Damen“ gibt es ohnehin nicht, „schöne Frauen“ dafür umso mehr (aber eben keine Damen!). Ich habe nach langem Suchen u.a. folgene Seiten gefunden, ohne dass ich sie jetzt noch als Link setzte:

Marktplatz:


http://www.gwg-goslar.de/info/index_markt.html
Kirchenfenster:

http://www.tourismus-salzgitter.de/galerie2/displayimage.php?pos=-104

Fürstengrab < Königsgrab:

http://www.gottwein.de/SP_Inscr/SP05c.htm
http://www.raymond-faure.com/Braunschweig/Braunschweig_Dom/braunschweig-blaise-divers.html
http://www.kunstverlag-peda.de/braunschweig.htm
Brunnen:
http://www.bloesl.de/Fotoseiten/Rom/03462_Trevi_Brunnen.htm
http://www.gpaed.de/bildergalerie/img263.htm?l=deutsch
http://augsburger-brunnen.schwabenmedia.com/Brunnen/Brunnen-domplatz.htm
Mädchen an Toren ???
dagegen: girlie:

http://www.dj-spin.com/summer%202003%20page%20one.html
http://www.face-pic.com/pages/view_profile.php?user=Lovable_girlie
Kirche < Domplatz < Stufen < (Spanische) Treppe:
http://www.alla-turca.de/v1_istanbul/KatholKirche.html

http://www.citysam.de/rom/spanische-treppe-fotos-rom.htm
Garten:
http://www.koll1.at/Garten_01/Garten_0102.htm
http://www.fotos-bilder.de/Prag/gaerten/page-0019.htm

Frauen? Damen? schöne Frauen (oft eindeutig!)
(blumiges) Fenster < Blumenfenster:
http://www.photohomepage.de/galerien_reisefotografie_mosel_moselland_traben_trarbach_blumenschmuck.htm
http://www.fisching.at/fotos/pages/steir_fenster.htm
http://www.photobsession.de/Europe/Elsass/Blumenfenster.htm

Bei der Suche im www zeigt sich, dass auch Wörter, die dem Lehrer ganz unverfänglich klingen, im öffentlichen Bewusstsein, soweit es sich im Netz spiegelt, ihre Bedeutung verschoben haben oder kaum noch vorkommen.
Es wäre auch interessant, einmal zu prüfen, was vom Gedicht man durch solche Bilder (und dann analog: durch Standbilder) nicht erfassen kann.