Th. Fontane: Unwiederbringlich (1891) – gelesen

Der 1891 veröffentlichte Roman handelt vom Scheitern einer Ehe; was an Geschehen erzählt wird, ist weithin im Wikipedia-Artikel nachzulesen.

Arne und Christine Holk sind seit 17 Jahren verheiratet, aber sie haben sich auseinandergelebt: Der lebensfrohe Graf Holk und die sittenstrenge, religiöse und prinzipienfeste Gräfin können einander kaum noch ertragen, obwohl sie lange in Liebe vereint miteinander glücklich waren und in einem schönen Schloss südlich von Glücksburg wohnen. Der Zustand ihrer Ehe wird nur beschrieben, wird nur durch gegenseitige Vorwürfe erkennbar – aber die Geschichte dieser Entfremdung wird nicht erzählt; das ist ein Manko des Romans, weil so die Figuren blass bleiben. Lediglich an der Frage ob die beiden Kinder (16 und 15 Jahre alt) in ein Internat gegeben werden sollen, entzünden sich Differenzen, wobei der Graf um des Friedens willen nachgibt.

Als der Graf, der ein Kammerherr einer alten dänischen Prinzessin ist, für drei Monate nach Kopenhagen geht, verfällt er kurz dem Zauber der schönen Brigitte Hansen und dann endgültig der geistreichen Ebba von Rosenberg, einer Gesellschafterin der Prinzessin, die ihn seiner Halbheiten wegen aber nicht wirklich schätzt. Die beiden begeben sich beim Schlittschuhlaufen in Lebensgefahr; in der folgenden Nacht, in der Holk bei Ebba ist, brennt das Schloss ab, die beiden werden in letzter Sekunde gerettet: doppelte Lebensgefahr, künstliche Spannungsmomente. Holk beschließt, Ebba zu heiraten, und fährt kurzentschlossen nach Hause, um sich von seiner Frau zu trennen; als er wieder nach Kopenhagen kommt, gibt Ebba ihm einen Korb. Das alles geschieht im Herbst 1859, etwa bis Neujahr – das heißt eigentlich geschieht nicht viel, dafür wird umso mehr geredet, gespielt, gefeiert und getratscht: Hofleben.

Es folgt ein großer Zeitsprung: Holk ist drei Monate durch Europa gereist, ohne Ruhe zu finden, und dann nach London gezogen, wo er sich einlebt und liest, dass Ebba einen stinkreichen Lord geheiratet hat; seine Frau lebt mit ihrer Freundin im Pensionat ihrer Jugendzeit. Woher das Geld für diese Eskapaden kommt, wird aber nicht gesagt; Holks Schwager kümmert sich wohl um die Bewirtschaftung des Holk’schen Gutes, hat sich aber daneben noch um sein eigenes zu kümmern: Wie schafft er das alles? Der Schwager deutet dann in einem Brief an, dass eine Versöhnung der Eheleute möglich sei, und ein befreundeter Geistlicher kann Christine Holk umstimmen. So wird am Johannestag 1861 erneut Hochzeit auf Schloss Holk gefeiert, ohne dass sich jedoch die alte Herzlichkeit einstellte, und der allwissende Erzähler deutet schon die folgende Katastrophe an: Drei Monate später ertränkt sich Christine Holk in der Ostsee, ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen. Ein Lied rahmt thematisch das erzählte Geschehen ein: „Die Ruh ist wohl das Beste / Von allem Glück der Welt… Wer haßt, ist zu bedauern, / Und mehr noch fast, wer liebt.“

Dieser Roman hat bei weitem nicht die Klasse von „Frau Jenny Treibel“; das liegt daran, dass nicht erzählt, also erklärt wird, wie sich die Eheleute auseinandergelebt und wieder versöhnt haben: Man wird also Leser vor vollendete Tatsachen gestellt, und auch die paar Briefe, die wörtlich zitiert werden, helfen dem Manko nicht ab. Das einzige, was man zur Genüge versteht, ist die Logik des Hoflebens: ein leerer Betrieb zur Zerstreuung parasitärer Adliger und Höflinge.

https://archive.org/details/romaneundnovelle07fontuoft/page/n5/mode/2up?view=theater (Text)

A. R. Gurnah: Das verlorene Paradies (1996/2021) – gelesen

Das erzählte Geschehen spielt im ehemaligen Deutsch-Ostafrika, etwa um 1900: Es stehen Auseinandersetzungen mit den benachbarten Briten an, es gibt bereits Autos. Erzählt wird auktorial, wobei die Erzählstimme sich mit dem Protagonisten Yusuf verbindet. In Yusufs Geschick spiegeln sich die Umbrüche, die sich damals vollzogen haben.

Yusuf ist ein Kind armer Leute, der Vater kann die Familie mit Not ernähren. Als er seine Schulden nicht bezahlen kann, wird Yusuf als Pfand in die Hände seines Onkels Aziz, eines erfolgreichen Kaufmanns, gegeben. Er arbeitet für ihn ein wenig in dessen Laden unter Anleitung Khalils, der ein ähnliches Schicksal aufweist und nur wenig älter ist. Aziz mag ihn, ohne sich auf eine bestimmte Laufbahn Yusufs festzulegen. Als Yusuf 16 Jahre alt ist, nimmt er an einer großen Expedition ins Landesinnere teil, die sehr beschwerlich ist und letztlich scheitert, weil viele Träger erkranken und ein Dorfhäuptling sie nachts überfällt. Sie entkommen ihm mit einem Teil ihrer Waren, weil eine kleine deutsche Truppe den Häuptling Chantu in seine Schranken weist. Mit diesem Scheitern ist klar, dass die Zeit der erfolgreichen Handelsexpeditionen vorbei ist.

Yusuf ist ein ungewöhnlich schöner Bursche mit einem eindrucksvollen Blick; Mädchen und Frauen, aber auch Männer mögen ihn gut leiden und nähern sich ihm. Die kranke Frau des Seyyid Aziz, seines Onkels, hat einen Narren an ihm gefressen; trotz der Warnungen Khalils geht er, inzwischen 17 Jahre alt, öfter am Abend zu ihr, um sie durch seine Gebete und Berührungen zu beruhigen und um Amina, Khalils Adoptivschwester, die zweite Frau des Chefs, zu sehen. Er träumt davon, mit Amina wegzugehen. Die kranke Mistress will ihn verführen; es kommt zu einer Szene, wie der biblische Joseph sie in Ägypten erlebt haben soll – Yusuf flieht, sein Hemd wird am Rücken zerrissen, die Mistress beschuldigt ihn der unsittlichen Annäherung. Doch sein Chef, der am nächsten Tag von einer Reise zurückkehrt, glaubt seiner Darstellung wegen des zerrissenen Hemdes.

Dann kommen deutsche Offiziere mit ihren Askaris, um Männer für den Kampf gegen die Engländer gefangen zu nehmen. Khalil und Yusuf verschanzen sich im Laden und überstehen die Rekrutierung unbeschadet; aber in Yusuf lebt noch die alte Angst, die ihn nachts von bedrohlichen Hunden träumen lässt. Er meint, die Tür zum herrlichen Garten des Seyyids Aziz, in dem er gern gearbeitet hat und durch den er Zutritt ins Haus des Chefs hatte, sei hinter ihm verriegelt worden. Da rennt er „mit brennenden Augen“ der abmarschierenden deutschen Kolonne nach – Ende offen.

Der Seyyid wird durch sein Auftreten und durch Khalils Erklärungen charakterisiert, Yusuf durch eine Reflexion nach der Befreiung bei Chantu (S. 227 f.) und durch seine Gespräche mit Khalil, Amina und dem alten Gärtner, der freiwillig Sklave Seyyids geblieben ist. Das Bild der verschiedene Volksgruppen und ihrer Religionen bleibt oberflächlich; fast alle verachten die anderen als Wilde, nur ein indischer Automechaniker und der Seyyid ragen aus dem allgemeinen Ethnozentrismus heraus.

Inge Leipold hat den Roman für eine 1996 erschienene Ausgabe übersetzt; da Abdul Razak Gurnah 2021 den Nobelpreis für Literatur erhalten hat, wurde die alte Übersetzung schnell überarbeitet und mit einem Register der afrikanischen Begriffe auf den Markt geworfen. An einigen Stellen hat die Übersetzerin Schwierigkeiten mit den Personalpronomen; nicht immer ist der Rückbezug auf gemeinte Personen korrekt. Ärgerlich war für mich jedoch, dass man die Bedeutung vieler afrikanischer Wörter und Wendungen (ca. 90 Stück) in einem Glossar am Ende des Buches nachschlagen muss, also im Lesen gestört wird, obwohl man sie leicht im laufenden Text (oder in einer Fußnote) hätte erklären können, was gelegentlich geschieht. Kann man nicht ganz auf sie verzichten? Oder muss ich wissen, was alles in einen gumbo-Eintopf gehört? Eine Reihe afrikanischer Wörter ist auch übersehen, also nicht erklärt worden: asli, Haya, Kirisani und einige weitere. Daran merkt man, dass das Buch schnell auf den Markt musste, solange der Ruhm des Nobelpreises noch zählt. Ich würde den Roman zur guten Unterhaltungsliteratur, aber nicht zur Weltliteratur zählen.

https://litafrika.com/2016/12/28/abdulrazak-gurnah-das-verlorene-paradies/

https://www.ndr.de/kultur/buch/Das-verlorene-Paradies-Gurnah-zeigt-Verlust-von-Traditionen,dasverloreneparadies102.html

https://www1.wdr.de/kultur/buecher/gurnah-das-verlorene-paradies-106.html

https://www.badische-zeitung.de/das-verlorene-paradies-der-roman-des-literaturnobelpreistraegers-abdulrazak-gurnah-wieder-auf-deutsc–207591002.html

https://www.deutschlandfunkkultur.de/abdulrazak-gurnah-literaturnobelpreis-zanzibar-kolonialismus-ostafrika-100.html

https://www.tagesspiegel.de/kultur/das-verlorene-paradies-von-abdulrazak-gurnah-die-europaeer-werden-alles-zermalmen/27867050.html

https://www.augsburger-allgemeine.de/kultur/literatur-und-wie-liest-sich-der-nobelpreistraeger-nun-id61267781.html

https://oe1.orf.at/artikel/689826/Gurnah-jetzt-wieder-auf-Deutsch

und weitere Rezensionen – ohne den Nobelpreis hätte es nicht so viele Besprechungen des Romans gegeben.

Fontane: Frau Jenny Treibel (1892) – gelesen

Jahrelang hatte ich „Frau Jenny Treibel“ im Bücherregal stehen; doch als ich kürzlich bei Ludwig Thoma oder Fritz Mauthner den Roman außerordentlich gelobt fand, habe ich mich entschlossen, ihn zu lesen – und habe es nicht bereut. In ihm wird die aus kleinen Verhältnissen emporgeheiratete Jenny Treibel, die von Gefühl und höheren Werten schwärmt, aber deren Sinn nur nach Geld und gesellschaftlichem Glanz steht, derart bloßgestellt, dass es eine wahre Pracht ist.

Es geht darum, wen Corinna, dynamische Tochter des Studienrats bzw. Gymnasialprofessors Schmidt, heiraten soll und darf. Ihr tüchtiger Vetter Marcell Wedderkopp liebt sie, aber sie hat sich in den Kopf gesetzt, den reichen Langweiler Leopold Treibel, Sohn einer Jugendfreundin ihres Vaters, als Mann zu gewinnen. Sie schafft es, dass Leopld Treibel sich mit ihr verlobt; aber er kann sich gegen seine Mutter nicht durchsetzen. Er schreibt seiner Verlobten nur täglich ein Briefchen und versichert sie seiner Treue, unternimmt aber nichts, so dass Corinna die Briefchen nicht einmal mehr liest: der Wendepunkt. Danach kommt sie im Gespräch mit der klugen verwitweten Haushälterin Schmolke und ihrem Vater zur Einsicht, dass ein aufrechter und tüchtiger Mann, eben ihr Vetter, besser ist als ein reicher Schlappschwanz. Es folgen die rasche Verlobung und Hochzeit, und am Ende sind alle zufrieden, auch die Schwiegertochter der Treibels, Helene, die unbedingt ihre Schwester Hildegard an den Mann (Leopold) bringen wollte.

Die Spannungen innerhalb der beiden Treibelfamilien sind eine Delikatesse für sich, die blende ich jetzt aus, ebenso die Herrenrunde der Gymnasiallehrer, die sich einigermaßen regelmäßig trifft, obgleich die meisten einander nicht leiden können und sich gegenseitig für beschränkt halten. Das große Essen zu Beginn erinnert mich an das Eingangsfest bei Buddenbrooks, obwohl es chronologisch umgekehrt sein müsste; aber ich kenne „Buddenbrooks“ schon lange und Fontanes Roman erst seit gestern. Thomas Mann erzählt vom Zerfall einer großen bürgerlichen Familie, Fontane kritisiert die aufgeblasene und hohle Bourgeoisie.

Eines verdient noch einen Hinweis, ein Wort Marcells, das er im Gespräch mit seinem Onkel und künftigen Schwiegervater äußert, als es darum geht, dass er Corinna eine Entschuldigung und ein „Sündenbekenntnis“ ersparen will; da erinnert er an einen jüdischen Spruch, „wonach es als ganz besonders strafwürdig gilt, ‚einen Mitmenschen zu beschämen’“. Das deckt sich mit einem Spruch Nietzsches: Was ist dir das Menschlichste? — Jemandem Scham ersparen.“ (Die fröhliche Wissenschaft, 274.)

Fazit: unbedingt lesenswert, große Literatur, phantastische Charakterisierung der Menschen! Die feine Ironie des allwissenden Erzählers zeigt sich im Untertitel „Wo sich Herz zum Herzen find’t“. Das ist der letzte Vers eines Gedichtes, das der junge Schmidt für die von ihm verehrte Jenny Bürstenbinder verfasst hatte – seines einzigen Gedichts – und das Jenny Treibel immer noch liebt und als Lied bei Festessen vortragen lässt, obwohl sie in Heiratsfragen keinen Deut dafür gibt, was das Herz ihres Sohnes Leopold sagt; und im Gespräch mit Willibald Schmidt tönt sie, sie wäre wahrscheinlich „als Gattin eines in der Welt der Ideen und vor allem auch des Idealen stehenden Mannes wahrscheinlich glücklicher geworden“, worauf Schmidt „Ach, Jenny…“ mit dem Ausdruck des ganzen Schmerzes eines verfehlten Lebens haucht und sich dann im Stillen freut, „daß er sein Spiel so gut gespielt habe“ – einfach großartig.

https://de.wikipedia.org/wiki/Frau_Jenny_Treibel

http://literaturlexikon.uni-saarland.de/index.php?id=6662

https://www.ndr.de/kultur/buch/Theodor-Fontane-Frau-Jenny-Treibel,weltliteratur138.html

Kent Haruf: Lied der Weite (1999/2018) – gelesen

1999 ist die amerikanische Ausgabe des Buches erschienen, 2001 die deutsche Übersetzung unter dem Titel „Flüchtiges Glück“, 2018 die Ausgabe „Lied der Weite“ als Taschenbuch. Das erzählte Geschehen spielt in dem Städtchen Holt in den USA, auf dem Land. Mehrere Erzählfäden ranken sich um zwei Hauptfiguren, den Lehrer Tom Guthrie und das 17jährige Mädchen Victoria Roubidaux.

Beide haben Probleme: Guthries Frau ist schwermütig, zieht weg und lässt ihn mit seinen beiden Söhnen Ike und Bobby (9 und 10 Jahre alt) allein. Victoria ist schwanger und wird von ihrer Mutter vor die Tür gesetzt. Da hilft Maggie Jones, eine Kollegin Guthries: Sie vermittelt Victoria an zwei alte Junggesellen MacPherson, Farmer, die sie unbeholfen aufnehmen und ihr ein Zuhause bieten. Damit sind die Hauptpersonen vorgestellt. Es gibt außer Randfiguren einige rücksichtslose Gegner: Ein Schüler Beckman, der nichts für die Schule tut, sich mit Guthrie anlegt und seine Eltern als Helfer einschaltet; und der ehemalige Freund Victorias, der sie verlassen hat, sie aus ihrer neuen Umgebung vorübergehend herausholt, dem sie wieder entkommt und der sie erneut kurz vor der Entbindung abholen will. Indem Victoria sich für das Baby entschieden hat, ist sie auf die Seite der Guten getreten bzw. gezogen worden. Die Figuren haben keine seelische Tiefe, sondern agieren nur. Eine Parallele zwischen den trächtigen Rindern und der schwangeren Victoria zieht nicht nur einer der MacPhersons. Die Ereignisse setzen symbolträchtig im winterlichen Herbst ein und enden nach vielen Verwicklungen im Mai: Das Baby ist glücklich geboren, die Feinde sind vorerst abgewehrt und Guthrie hat sich mit Maggie Jones zusammengetan – so musste es einfach kommen.

Man liest das Buch in einem Zug und fiebert dem glücklichen Ausgang entgegen. Wenn man will, gehört es in die Abteilung „Herz und Schmerz“; große Literatur ist es nicht, auch wenn Bernhard Schlink Kent Haruf (1943-2014) einen großen amerikanischen Schriftsteller nennt; aber man liest es mit Begeisterung und Anteilnahme, ohne sich wie bei manchen modernen deutschen Romanen zu fragen: Was soll das alles?

Nachwort: Als pensionierter Lehrer des FMG konnte ich Guthries Problem mit dem arroganten Faulpelz Beckman und seinen unverschämten Eltern gut nachvollziehen – Guthrie hatte immerhin einen Schulleiter hinter sich, der den Streit besonnen behandelte, was am FMG nicht immer der Fall war.

https://literaturkritik.de/haruf-lied-weite-grosse-gefuehle-provinz-kent-harufs-lied-weite-ist-ein-froehlich-melancholisches-lesevergnuegen,24358.html (Besprechung, sehr positiv)

Andeutung einer Rezension: https://www.perlentaucher.de/buch/kent-haruf/lied-der-weite.html

https://literaturschock.de/literatur/belletristik/gegenwartsliteratur/kent-haruf-lied-der-weite (dito)

https://thelostartofkeepingsecrets.wordpress.com/2018/01/23/lied-der-weite/ (dito)

https://www.livebreathwords.de/2021/01/07/rezension-kent-haruf-das-lied-der-weite/ (dito)

Helga Schubert: Judasfrauen (1990/2021) – gelesen

Helga Schubert berichtet, wie schwer es ihr in der DDR gemacht wurde, an die Gerichtsakten zu Frauen als Denunziantinnen im Dritten Reich heranzukommen: Sie solle lieber etwas Positives schreiben, etwa über kommunistischen Widerstand, statt das Kleinbürgertum zu vergrätzen, dessen Mitarbeit man in der DDR brauche…

Zehn Fallgeschichten präsentiert Schubert, in denen die Anzeige einer Frau zur Hinrichtung des Angezeigten oder zu schwerster Bestrafung führte; Schubert will das Bild der empathischen, fürsorglichen Frau als Täuschung entlarven. Sechs Geschichten sind neutral berichtet, drei aus der (erdachten) Perspektive der Täterin, eine aus der eines Opfers geschrieben. Immer wieder ist erschreckend, wegen welch belangloser Äußerungen man im Dritten Reich geköpft werden konnte; die Spinner, die heute von Corona-Diktatur reden, wären in der Nazi-Diktatur wegen solcher Äußerungen alle füsiliert worden – und hätten spätestens beim Verhör erfahren, was wirklich eine Diktatur ist.

Wer die großen Darstellungen der NS-Opfer (Primo Levi, Jorge Semprun etc.) nicht kennt, sollte eher diese Klassiker lesen; aber der Blick auf die kleinen Leute im NS-System, auf die Mitläufer und Überzeugungstäter ist auch interessant, wenngleich ihr Bild (bzw. das Bild der Frauen) im Buch Helga Schuberts nicht besonders deutlich wird – das wird daran liegen, dass sie sich nur auf Gerichtsakten stützt. Der Gesichtskreis der Täter(innen) ist beschränkt; aber das ist keine neue Erkenntnis. Man kann das Buch lesen, muss es aber nicht. Ich verweise auf die Besprechungen, die ich im Netz gefunden habe:

https://www.aviva-berlin.de/aviva/content_Gewinnspiele.php?id=1421091 (Buch kurz vorgestellt)

https://www.spiegel.de/kultur/eine-million-judaslohn-a-89e340bc-0002-0001-0000-000013500013 (Buch kurz vorgestellt)

https://www.genderopen.de/bitstream/handle/25595/625/fs-1992-0112.pdf?sequence=1 (Die umfangreichste, scharfsinnigste und schärfste Kritik des Buches aus soziologischer und feministischer Perspektive – an einigen Stellen kann ich der Autorin nicht folgen; angeblich verfestigt Helga Schubert ihrerseits ein falsches Frauenbild. Was Sigrid Weigel von der Autorin fordert, kann nur in einer umfangreichen wissenschaftlichen Arbeit geleistet werden, nicht in einem (quasi)literarischen Text. Das ändert aber nichts daran, dass Weigels Aufsatz wirklich lesenswert ist!)

https://taz.de/!1771474/ (Leserbrief in der taz)

Zum Titel: Solide Informationen über Judas gibt es hier: https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/judas-iskarioth/ch/87311509863494532bc01866bf341815/#h5

Chr. Poschenrieder: Die Welt ist im Kopf (2010) – gelesen

Im Hochgefühl einer vollbrachten großen Leistung begab er sich im Herbst 1818 nach Italien, genoß die Kunstschätze von Rom und Neapel, kehrte aber im Sommer 1819 auf die Nachricht von drohenden Vermögensverlusten nach Deutschland zurück.“ Diesen Satz aus der ADB baut Christoph Poschenrieder zu einem Roman aus: wie Schopenhauer mühsam nach Italien reist; wie er dabei den verbummelten Studenten und Lebenskünstler Fidelis kennenlernt; wie er in Venedig ankommt und in der Stadt heimisch wird; wie er sich in Teresa verliebt und mit ihr zusammenlebt; wie er von Tita lernt, eine Gondel zu lenken; wie er Goethes Empfehlungsschreiben nicht zu einem Besuch Byrons benutzt; wie er darauf wartet, dass „Die Welt als Wille und Vorstellung“ endlich gedruckt wird; wie er in den Blick von Metternichs Geheimpolizei gerät und versehentlich verhaftet werden soll, jedoch in in einer wüsten Verfolgungsjagd entkommt; wie endlich ein Exemplar seines Buches eintrifft; wie seine Schwester ihn sukzessive informiert, dass seine Geliebte in Dresden schwanger ist und nach einiger Zeit eine Fehlgeburt hatte; als er erfährt, dass der Kaufmann Muhl bankrott gegangen ist und damit das Schopenhauersche Vermögen verloren zu gehen droht, entschließt er sich, heimzureisen – er will und will doch nicht (wegen seiner Geliebten Teresa) abfahren und ist damit weit vom Imperativ seiner Philosophie, sich vom Wollen zu befreien, entfernt.

Diese PHILOSOPHIE wird in einigen wenigen Sätzen eingestreut; wesentlich mehr erfährt man von ihr, wenn man etwa die von einem Verehrer gesammelten Schopenhauer-Zitate liest; noch mehr, wenn man auf youtube sich in den Schopenhauer-Filmen umschaut.

Das Buch ist flott geschrieben, die Schauplätze und die Personen wechseln nach vielen Schnitten, rund 40 kleine Kapitel machen das Buch aus: Goethe, Adele Schopenhauer und ihre Mutter, Metternich, Byron, Schopenhauer selber, Karoline (die Geliebte in Dresden), Hochkofler (Metternichs Oberagent), die Catalani (Sängerin), Fidelis, Karneval in Venedig – ein buntes Kaleidoskop, das im Wesentlichen der Phantasie des Autors entsprossen ist: ein munteres Bild einiger Monate 1818/19; aber wer es nicht kennt, hat auch nicht viel verpasst. Zum Schluss reisen Schopenhauer, die Catalani und Byron aus Venedig ab; Hochkofler gibt sein Amt auf, fährt ins Heimatdorf und arbeitet als Bauer. Und damit ist der Roman aus.

 

Erinnerungen von Fritz Mauthner (1918) – gelesen

In seinen Erinnerungen, von denen nur der erste Teil erschienen ist („Prager Jugendjahre“) und die bereits 1914 gesetzt waren, aber wegen des Krieges erst 1918 erschienen, berichtet Mauthner von seiner Kindheit: wie er als „deutscher“ Jude im katholischen tschechischen Böhmen aufwuchs; wie in der Schule verkannt und zurückgesetzt wurde, also nicht vorzeitig als Hochbegabter das Gymnasium besuchen durfte; wie er dort unterfordert und von zumeist unfähigen Lehren in die Langeweile und ins Nichtstun gestoßen wurde; wie er gegen seine Neigung ein Jurastudium begann, während seine Liebe der Literatur galt, und das Studium in Prag abschloss; wie sich in Prag die „deutschen“ Studenten mit den Tschechen, die in der Mehrzahl waren, prügelten; wie ihm die Ideen zu seiner Sprachkritik kamen und wovon sie unterstützt wurden; wie er erste Erfahrungen als Theaterkritiker sammelte, immer in finanzieller Not, wie er Gedichte und erste Stücke verfasste und schließlich nach Berlin zog, um dort in der deutschen Hauptstadt sich zu versuchen. Mauthner kann gut erzählen, manchmal etwas weitschweifig, aber immer unterhaltsam und anschaulich – und durchaus von sich eingenommen: https://archive.org/details/erinnerungenipra00mautuoft/page/2/mode/2up?view=theater

Erinnerungen von Ludwig Thoma (1921) – gelesen

Gerade habe ich die Lektüre von Ludwig Thomas Erinnerungen beendet: Die beiden ersten Teile, Kinderzeit und Schuljahre, machen etwa die Hälfte aus; hier wird anschaulich erzählt, wie ein Försterbub in der Einsamkeit aufwächst und wie es ihm an den Gymnasien erging, was sich von einer Kindheit in der Mitte des 20. Jahrhunderts nicht wesentlich unterscheiden muss; es kommt nur darauf an, in welches Elternhaus man hineingeboren wurde und in welcher Schule man untergebracht war. Das dritte Kapitel „Im Berufe“ war für mich interessant, soweit es Studium und die Arbeit als Justizreferendar und -assessor sowie als selbständiger Anwalt betrifft; die späteren Begegnungen mit Menschen, die man heute kaum noch mehr kennt, habe ich dagegen großenteils überflogen, soweit sie nicht die Mitarbeiter des „Simplicissimus“ betreffen. Ein Denkmal setzt er seinem früh verstorbenen Freund Rudolf Wilke, Zeichner beim „Simplicissimus“. Wie Thoma die Großstadt Berlin und das Auftreten des Hohenzollernkaisers respektlos kommentiert, ist lesenswert; der Bericht von einer großen Italienreise ist eher etwas für Italienliebhaber. Die Zeit ab 1908, als Langen und zwei wichtige Mitarbeiter starben, kommt praktisch nicht mehr vor, außer in einer fragwürdigen Rechtfertigung dessen, dass der Simplicissimus 1914 auf die patriotische Linie einschwenkte.

Einige Kommentare des Erzählers stechen ins Auge: „Das Wetter ist nie so schlecht, wie es sich vom Fenster aus ansieht, und die Berühmtheiten sind nie so erhaben, wie man von weitem glaubt.“ (262) Zum Berufseintritt: „Dem Amtsvorstande stellte ich mich freudig zur Verfügung, und ich wollte ein unbeugsamer Hüter der Gerechtigkeit sein. Von da an brachte mir fast jeder Tag Enttäuschungen, bis ich von allen Illusionen geheilt war.“ (158) Zur Kritik am Kaiser: „Gegen eines lehnte ich mich auch damals schon auf: daß immer wieder betont wurde, der Kaiser habe den besten Willen, meine es gut und vergreife sich nur in den Mitteln. (…) In Wirklichkeit stammte die Zufriedenheit oder dieser Mangel an Auflehnung aus Saturierung durch guten Verdienst und glänzende Geschäfte. / Die Sozialdemokratie aber – das habe ich damals geglaubt, und heute bin ich erst recht davon überzeugt – hat den Angriff gegen die gefährlichen Schadenstifter abgeschwächt, von ihnen abgelenkt durch maßlose und doktrinäre Polemik gegen den Kapitalismus.“ (269 f.) – Der Wikipedia-Artikel über Ludwig Thoma ist umfangreich und informativ. Ich kannte bisher u.a. den Filser-Briefwechsel von Thoma, Karl-Manfred Wilde hatte mich auf das Buch aufmerksam gemacht; es ist unbedingt lesenswert. Und Thoma hat mich auf Mauthners Parodien „Nach berühmten Mustern“ hingewiesen, die man mit Genuss liest, auch wenn man die parodierten Schriftsteller nicht kennt (s.u.) – ich gebe als kleine Kostprobe acht Zeilen wieder:

Höchster Wahrheit tiefste Keimung

Liegt in dem Gedanken nicht,

Liegt allein in Klang und Reimung.

Hör drum was der Weise spricht:

Schöne Weiber, Tiger, beide

Wohnten traut vermischt im Penschab,

Dorther stammt zu seinem Leide

Nach dem Bibelwort der Mensch ab.

https://archive.org/details/nachberhmtenmu00maut/page/28/mode/2up?view=theater (Nach berühmten Mustern. Parodistische Studien von Fritz Mauthner)

https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Thoma (Ludwig Thoma, umfangreiche Information)

https://archive.org/details/briefwechseleine00thomuoft/page/n5/mode/2up (Briefwechsel eines bayrischen Landtagsabgeordneten, 1921, bekannt als Filser-Briefwechsel, vgl. https://archive.org/details/JozefFilsersBriefwexel/page/n21/mode/2up)

Goethe: Dem Schicksal → Einschränkung

Wir haben hier einen der Fälle vor uns, wo Goethe ein frühes Gedicht später deutlich überarbeitet hat: „Was weiß ich, was mir hier gefällt“ → „Ich weiß nicht, was mir hier gefällt“. Den Text beider Fassungen findet man u.a. in der Hamburger Ausgabe, Bd. 1, S. 132. Die Erläuterungen dort (S. 550) sind etwas knapp, ausführlicher ist Viehoffs Kommentar, auf den ich ausdrücklich verweise. Siehe auch Heinrich Düntzers Kommentar!

Ich finde es reizvoll, etwa im LK Deutsch verschiedene Fassungen eines Gedichts zu vergleichen, und rege deshalb dazu an, es einmal zu versuchen. Unter „Gedichtvergleich“ finden Sie mehrere Arbeiten in diesem Blog; siehe auch https://norberto68.wordpress.com/2021/04/29/gedichtvergleich-zwei-fassungen-eines-gedichts/ und https://norberto68.wordpress.com/2012/10/15/gedichtvergleich-mehrere-fassungen-verwandte-gedichte/!

„Die kluge Else“ und „Die faule Kathrin“ – Analyse

Der Schwank „Die kluge Else“, erstmals 1819 in den KHM und dann bis zur letzten Auflage 1859 darin geringfügig überarbeitet verblieben, weist zwei Erzählkerne oder -motive auf: 1. Wie eine dumme Frau trotz ihrer Dummheit einen Mann bekam; 2. wie der Mann seine faule Frau mittels ihrer Dummheit wieder los wurde.

Dass Else schon als Kind „die kluge Else“ hieß, ist objektiv ironisch, vielleicht auch subjektiv aus Sicht der Eltern; denn die bescheinigen ihrer Tochter, dass sie Zwirn im Kopf hat, den Wind auf der Gasse laufen und die Fliegen husten hört. Der Freier aus der Ferne – wer Else kennt, will sie offenbar nicht zur Frau nehmen – wollte sie zuerst auch nicht haben, „wenn sie nicht recht gescheidt ist“. Danach wird als erste Episode erzählt, wie Else und ihre Mitbewohner das mögliche Unglück ihres nicht einmal gezeugten Kindes bejammern und alle Elses Angst als Zeichen ihrer Klugheit preisen: „was haben wir für eine kluge Else!“ (An dieser Stelle kann man bezweifeln, dass die Eltern ironisch von der Klugheit Elses sprechen; denn jeder normale Erwachsene weiß, dass man das befürchtete Unglück später leicht verhindern könnte, es vorzeitig zu bejammern also Unsinn ist.) Der Freier nimmt Else trotz dieser Dummheit zur Frau; denn „mehr Verstand ist für meinen Haushalt nicht nöthig“. Damit ist das erste Motiv abgearbeitet.

Im zweiten Absatz wird ein neues Motiv eingeführt, das der Arbeit und des Fleißes: arbeiten, Geld verdienen, ins Feld gehen, Korn schneiden. Dies alles zu tun wird vom Ehemann Hans angeregt; er selber geht zur Arbeit und arbeitet später am Abend auch noch zu Hause. Die kluge Else zieht es jedoch vor, gut zu essen und dann zu schlafen, statt zu arbeiten – sie ist also faul und nicht darum bemüht, „daß wir Brot haben“. Hans vermeint von Else, sie sei „so fleißig, daß sie nicht einmal nach Haus kommt und ißt“, muss aber feststellen, dass das Gegenteil der Fall ist: Sie ist faul, schläft bloß und hat trotzdem gut gegessen. Die von Hans akzeptierte Dummheit („mehr Verstand ist für meinen Haushalt nicht nöthig“) verbindet sich mit einer nicht akzeptablen Faulheit: Else fragt nämlich, statt sich an die Arbeit zu machen: „was thu ich?“ – sie weiß nicht (oder weiß sie es doch und hat bloß keine Lust?), dass man zuerst arbeiten und dann essen, zuerst arbeiten und dann schlafen soll. Deshalb vertreibt Hans sie, indem er ihre Dummheit ausnutzt und sie an ihrer Identität zweifeln lässt: Er hängt Else ein Vogelgarn mit kleinen Schellen um, also quasi ein Narrenkleid, „und als sie aufstand, rappelte es um sie herum, und die Schellen klingelten bei jedem Schritte, den sie that. Da erschrack sie, ward irre ob sie auch wirklich die kluge Else wäre und sprach ‚bin ichs, oder bin ichs nicht?‘“ Die Frage „bin ichs“ heißt: „Bin ich die kluge Else?“, also „Bin ich ich selber?“ Die normale Selbstgewissheit, die bei Descartes sogar den unbezweifelbaren Ausgangspunkt seines Philosophierens ausmacht, fehlt der klugen Else; schon ein seltsames Kleidungsstück lässt sie in ihrer Selbstgewissheit irre werden: „ich will nach Haus gehen und fragen ob ichs bin oder ob ichs nicht bin, die werdens ja wissen.“ Diese Überlegung Elses ist in sich widersprüchlich; denn wenn sie „nach Haus“ gehen will, weiß sie ja, wohin sie gehört – dass sie die Ihren aber fragen muss, zeigt, dass sie durch den Anblick des seltsamen Umhangs etwas Wesentliches verloren hat.

Was dem Leser zunächst lächerlich vorkommt, wird durch Erkenntnisse der Ethnologie ein wenig gemildert; dort hören wir, dass in der Initiation durch Tätowierung, Essensentzug, neue Kleidung, Einführung in geheimes Wissen und/oder Mutproben usw. Kinder zu Erwachsenen gemacht werden, also zu anderen Menschen. Diese Position nähmen sie erst ein, „wenn sie neue Rechte und Pflichten erhielten, d.h. re-sozialisiert würden“ (Bernhard Streck: Art. „Initiation“, a.a.O., S. 114). Else übernimmt keine Pflichten, aber isst gern viel, obwohl es ohne Arbeit kein Essen gibt – das nicht zu sehen und zu bejahen gehört zu ihrer Dummheit, eine durch Faulheit entscheidend disqualifizierte Dummheit. Insofern wird sie zu Recht ex-kommuniziert, also vertrieben; sie weiß nicht mehr, wer sie ist: die für den Haushalt zuständige Frau Else. Wie Frank-Rutger Hausmann aus Else eine Heldin machen kann, begreife ich nicht; er demonstriert die Willkür der Rezeption eines Textes.

Ein ebenfalls mit der Identitätsunsicherheit spielendes Märchen aus Sachsen ist „Die faule Kathrin“. Diese Frau wird von Anfang an nur als faul, aber nicht als dumm charakterisiert. Sie ist auf ihre Art klug, zumindest raffiniert, weil sie bewusst in den Weinberg geht, „um nicht zu Hause arbeiten zu müssen“, und bei der Heimkehr so tut, „als ob sie von der Arbeit so schwitze“; aber sie schläft gern viel und isst gern gut. Ihr Mann überlegt, als er ihre Faulheit entdeckt, wie er „auf eine kluge Art von dem faulen Tier frei werden“ kann; er schneidet heimlich ihren Zopf ab und nimmt ihr die Haue weg, also das Arbeitsgerät – diese beiden Attribute machen ihre Identität aus; und als sie schrittweise feststellt, dass sie ihr fehlen, ruft sie: «Nein, wahrlich, das bin ich nicht! Du willst dich aber noch besser überzeugen, bevor du aburteilst!» Auch in dieser Überlegung zeigt sich noch eine gewisse Klugheit: Sie weiß, dass andere ihre Identität bezeugen können. Die vom Vater instruierten Kinder bestätigen jedoch, dass ihre Mutter bereits zu Hause sei (seltsam, dass Kinder ihre Mutter nicht erkennen oder verleugnen, auch wenn sie noch klein sind – hier aber erzähltechnisch erforderlich). Der Schluss ist dann im Witz überdreht: „«Jetzt», sprach sie bei sich, «ist es klar, daß nicht ich es bin; ich will aber gehen und mich suchen; am langen Zopf und an der Haue im Weinberg und an der Mutter, die nicht zu Hause ist, bin ich leicht zu erkennen!» So ging sie nun in die weite Welt, um sich zu suchen, und geht bis heute noch und kann sich nimmer finden.“

Vor allem das dritte Merkmal ist natürlich grotesk-spielerisch überzogen, weil es einen nur vorübergehenden Zustand („nicht zu Hause sein“) zu einem Merkmal der dauernden Identität macht. Die beiden ersten Merkmale beziehen sich zwar auf beständigere, aber eben nicht beständige oder wesentliche Attribute Kathrins; sie gehören zu dem, was sie hat, und das ist etwas anderes als das, was sie ist – wäre sie fleißig, könnte die Haue vielleicht zu ihrer Identität gehören (zur Unterscheidung „was ich habe – als was ich gelte – was ich bin“ siehe Lessings Gedicht „Ich“ und Schopenhauers „Aphorismen zur Lebensweisheit“!). So ist es folgerichtig, dass sie sich anhand der drei genannten Kriterien nicht findet. Bis heute kann entgegen der Meinung vieler Zeitgenossen das, was ich habe, nicht für das stehen, was ich bin, und wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen (so der Apostel Paulus 2 The 3,10).

Das Motiv der verlorenen oder verkannten Identität ist weit verbreitet, wie die Anmerkungen der Brüder Grimm und von Bolte-Polivka zeigen. Die im Wikipedia-Artikel „Die kluge Else“ referierten tiefsinnigen Deutungen verkennen, dass der Erzähler einen Schwank vorträgt, bei dem der Hörer/Leser über eine dumme Frau lachen darf: Zuerst wird ihre Dummheit ausführlich vorgestellt, die noch kein Hindernis dafür darstellt, Hausfrau zu werden; als sich dann aber erweist, dass Else auch noch faul ist und ihre Pflichten nicht erfüllt, vertreibt der Mann sie aus dem Haus. Sie verliert aufgrund des Schellenumhangs die normale menschliche Selbstgewissheit und will die anderen fragen, wer sie ist; darüber (wie bereits über ihre lächerliche Sorge um ein ungezeugtes Kind) kann man als Hörer oder Leser nur lachen. Ob man die von Hans vertretene Aufassung billigt, eine Hausfrau dürfe ruhig dumm sein, wenn sie nur ihre Arbeit verrichtet, ist eine andere Frage, zu der der Erzähler nichts sagt.

https://de.wikisource.org/wiki/Die_kluge_Else_(1819) (Text, 2. Aufl., 1819)

https://de.wikisource.org/wiki/Die_kluge_Else_(1857) (Text, 7. Aufl., 1857)

Anmerkung der Brüder Grimm (zur 3. Auflage): https://de.wikisource.org/wiki/Kinder-_und_Haus-M%C3%A4rchen_Band_3_(1856)/Anmerkungen#34

Bolte-Polivka: https://de.wikisource.org/wiki/Anmerkungen_zu_den_Kinder-_und_Hausm%C3%A4rchen_der_Br%C3%BCder_Grimm_I/Die_kluge_Else

F.-R. Hausmann: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/frank-rutger-hausmann-das-kopflose-kind-die-kluge-else-1281496.html

Fritz W. Kramer: Art. „Identität“, in Wörterbuch der Ethnologie, hrsg. von B. Streck, Wuppertal 2000, S. 108 ff.

Bernhard Streck: Art. „Initiation“, in Wörterbuch der Ethnologie, a.a.O. S. 111 ff.

Die faule Kathrin: https://archive.org/details/bub_gb_RB1IAAAAIAAJ/page/n337/mode/2up?view=theater (Deutsche Volksmärchen aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen gesammelt von Joseph Haltrich, Berlin 1856) = http://www.zeno.org/M%C3%A4rchen/M/Siebenb%C3%BCrgen/Josef+Haltrich%3A+Deutsche+Volksm%C3%A4rchen+aus+dem+Sachsenlande+in+Siebenb%C3%BCrgen/70.+Die+faule+Kathrin

Lessing: Ich https://norberto42.wordpress.com/2020/08/24/lessing-ich-text-und-analyse/