Märchenmotiv „einen fremden Toten begraben“

In den deutschen Märchen „Die verwünschte Prinzessin“ und in „Des Toten Dank“ (Deutsche Märchen seit Grimm. Herausgegeben von Paul Zaunert, Jena 1919, S. 237 ff. = https://archive.org/details/deutschemrchen00zaun/page/n9) wird der Held dafür belohnt, dass er (für sein ganzes Geld) einen Toten begraben lässt, dem das Begräbnis verweigert worden war. Dieser Tote, der nun seine Ruhe findet, erweist sich dann zum Dank als Helfer des Helden in dessen Nöten: „ich bin auch der Geist von dem Manne, dessen Leichnam du freigekauft und ehrlich begraben hast. Nun kann ich schlafen bis zum jüngsten Gericht.“ (a.a.O. S. 250).

Das Motiv „Einen fremden Toten begraben lassen“ lebt von dem (Aber)Glauben, dass ein Nichtbegrabener keine Ruhe findet und als Untoter oder Wiedergänger umherstreifen muss. Gerade weil man einem Fremden dieses Schicksal erspart, ist die Tat besonders großzügig, da man ihm ja nicht verpflichtet war und keinen Dank dafür erwarten kann. Deshalb kommt der Dank des Toten – als Hilfe für den in Not geratenen Helfer – um so überraschender.

Das Motiv dient im Märchen dazu, zu erklären, wie in einigen Fällen den besonders selbstlosen Menschen Hilfe zuteil wird oder Hilfsmittel gegeben werden, mit denen sie sich aus ihrer Not befreien können. Es gibt eine Reihe weiterer Motive, die die Übertragung solcher Hilfsmittel rechtfertigen: Mitleid mit einem Tier haben, einem Fremden zu essen geben, zu einem Fremden freundlich sein, treue Dienste tun, unter verschiedenen Tieren ein verendetes Tier gerecht aufteilen… Irgendwie muss ja erklärt werden, wieso dem einen (Guten und/oder Verstoßenen) besondere märchenhafte Hilfe zuteil wird und anderen (Bösen und/oder Cleveren) nicht. Solche Märchen leben von der Idee einer höheren Gerechtigkeit, welche die uns bekannten Ungerechtigkeiten ausgleicht.

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Ätiologien als Märchen: Wie kommt es …?

Warum sich die Hunde beriechen“ ist ein Märchen in der Sammlung „Deutsche Märchen erzählt von Karl Simrock“, Stuttgart 1864 = https://archive.org/details/bub_gb_fEMJAAAAQAAJ/page/n137; in einem wird erklärt, woher die Feindschaft zwischen Hunden und Katzen rührt und warum die Katzen die Mäuse verfolgen; ähnlich ist „Hund und Katze“ in „Deutsche Märchen seit Grimm“, 1919, S. 403 f. (https://archive.org/details/deutschemrchen00zaun/page/402). Solche Erzählungen nennt man Ätiologien (griechisch, so viel wie „Ursachenerzählungen“).

Es gibt eine Sammlung solcher Märchen: Naturgeschichtliche Volksmärchen aus nah und fern. Gesammelt von Oskar Dähnhardt. Leipzig 1998 = https://archive.org/details/bub_gb_KclIAAAAIAAJ/page/n5; da gibt es natürlich gleich mehrere, in denen das Beschnüffeln der Hunde und deren Feindschaft zu den Katzen erklärt wird.

Wenn man so will, sind Ätiologien eine Vorstufe der Wissenschaften: Man hat viele Fragen, weiß aber noch keinen Weg zu überprüfbaren Antworten und denkt sich eine „plausible“ Erklärung aus.

Märchen von den drei Wünschen – zwei Motive

Man meint, es sei ein Motiv, wenn jemand im Märchen drei Wünsche frei hat, die ihm erfüllt werden. In Wirklichkeit gibt es aber zwei verschiedene Motive.

Das Pointe des ersten Motivs besteht darin, dass jemand drei Wünsche frei hat, dass es ihm aber nicht gelingt, damit seinem Glück einen Schritt näher zu kommen. Am bekanntesten für uns Deutsche ist die Ausprägung dieses Motivs bei Johann Peter Hebel: Drei Wünsche, in: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes, 1811 (https://de.wikisource.org/wiki/Drei_W%C3%Bcnsche), wo ein dreifaches „Merke“ angehängt ist, das in dem Satz zusammengefasst wird: „Alle Gelegenheit, glücklich zu werden, hilft nichts, wer den Verstand nicht hat, sie zu benutzen.“ Dieses Motiv ist uralt, es liegt schon in Perraults Märchen „Die drei törichten Wünsche“ vor (s. http://www.maerchenatlas.de/aus-aller-welt/franzosische-feenmarchen/charles-perrault/die-laecherlichen-wuensche/) und soll die Fortbildung eines antiken Motivs sein; es zeigt, dass die zahlreichen Wünsche, von denen Menschen geplagt werden, meistens töricht sind und dass Glück bzw. Zufriedenheit (s. Hebel!) nicht von der Erfüllung aller möglichen Wünsche abhängt.

Das zweite Motiv liegt vor, wenn einem guten, bescheidenen Menschen drei Wünsche erfüllt werden, was einen habgierigen (und geizigen) Menschen nicht ruhen lässt, bis auch ihm drei Wünsche zugestanden werden, deren Erfüllung jedoch zu seinem Unheil ausschlägt. Es geht also eher darum, dass ein Habgieriger bestraft wird, weil er geizig ist und dem beschenkten Armen sein Glück nicht gönnt. Dieses Motiv kennen wir aus dem Märchen „Der Arme und der Reiche“ der Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen, 1815 [https://de.wikisource.org/wiki/Der_Arme_und_der_Reiche_(1815)]. Abgewandelt finden wir es unter dem Titel „Die drei Wünsche“ in „Deutsche Märchen erzählt von Karl Simrock“, 1864 (https://archive.org/details/bub_gb_fEMJAAAAQAAJ/page/n337), und kunstvoll ausgebaut in Ludwig Bechsteins „Neues deutsches Märchenbuch“, 1856: „Die drei Wünsche“ (http://www.zeno.org/Literatur/M/Bechstein,+Ludwig/M%C3%A4rchen/Neues+deutsches+M%C3%A4rchenbuch/Die+drei+W%C3%Bcnsche), worin verschiedene andere Erzählungen einarbeitet sind.

Es gibt übrigens auch eine Sammlung „Märchen vom Wünschen“, hrsg. von Sigrid Früh und Hariolf Reitmaier, 2009.

Der Schwank vom verwünschten Esel – Tradition und Abwandlung eines Motivs

Das Motiv des Schwanks: Einem Mann wird ein Esel entwendet, indem ein Schelm sich an dessen Stelle das Halfter überzieht und nach einiger Zeit dem erstaunten Besitzer erklärt, er sei wegen eines Vergehens in einen Esel verwünscht worden, nun aber wieder erlöst; daraufhin gibt der Besitzer ihn frei. Als der sich bald danach auf dem Markt einen neuen Esel kaufen will, stößt er auf seinen alten Esel und hält ihn für den erneut verwünschten Menschen. Die Pointe am Schluss wechselt: a) Wer dich kennt, der kauft dich nicht. b) Hast du dich wieder eines Vergehens schuldig gemacht? c) Er kauft ihn erneut, da eine baldige Erlösung des Esels nicht zu erwarten ist. – Bei Simrock sind die Pointen a) und b) kombiniert.

Dieses Motiv taucht sowohl im Orient wie in deutschen Märchen auf:

1. Paul Alverdes: List gegen List, 1963, S. 164 f.: Der verwünschte Esel (aus: Tausendundeine Nacht)

2. In den Schwänken des Nasreddin Hodscha in verschiedenen Fassungen:

  • Nasreddin Hodscha. Wer den Duft des Essens verkauft. Aus dem Türkischen übersetzt von Herbert Melzig, Reinbek 1988, S. 93 f. (ohne Überschrift)
  • Der Hodscha Nasreddin: Türkische, arabische… Märlein und Schwänke. Gesammelt und herausgegeben von Albert Wesselski. II. Band 1911, S. 161 f. (https://archive.org/details/derhodschanasred02wess/page/160, in der Anm. 487 als griechische Überlieferung angegeben)

3. In deutschen Märchensammlungen

Es ist sehr lehrreich, die verschiedenen Fassungen des gleichen Motivs, beinahe des gleichen Stoffs miteinander zu vergleichen, das über Länder und Zeiten hinweg überliefert ist. Ich kenne das Buch von Alverdes am längsten und habe die Geschichte oft in der Schule zur Unterhaltung meiner Klasse vorgelesen.

Zu motivgleichen Erzählungen s. https://norberto42.wordpress.com/2011/04/05/literarische-motive-kurze-ubersicht/!

Maria C. Barbetta: Nachtleuchten (2018) – angelesen

Bis S. 213 bin ich vorgedrungen, habe 43 der 100 Kapitel gelesen und muss gestehen: Ic h weiß nicht, worum es in diesem Buch geht, außer um Ereignisse in Argentinien im Jahre 1974, dem Todesjahr Perons und des revolutionären Priesters Carlos Mugica (dazu gibt es eine Notiz im SPIEGEL und einen Artikel in der englischen Wikipedia).

Der erste Teil, also die ersten 33 Kapitel liest sich einigermaßen flüssig: Sie kreisen um 11jährige Schülerinnen einer Nonnenschule, die eine junge progressive Schwester Maria verehren, welche auf geheimnisvolle Weise auf einmal in Zivilkleidung verschwindet. Dabei sprechen die Mädchen eine Erwachsenensprache, die nicht zu ihnen passt („pikiert“, „die vom Leben verhätschelte Ariadna“, „Sie … kultivieren zudem ihre eigenen Phantasmen…“ – ich wüsste gern, wann die Autorin zum letzten Mal mit 11jährigen Mädchen gesprochen hat, vgl. auch S. 176!).

Da wir schon bei der Sprache sind: Was eine expressionistische Sprechblase ist, weiß ich nicht, kann ich mir auch nicht denken; dass man einer Untergangsstimmung durch Sirenengeheul „Nachdruck verleihen“ kann, halte ich für eine schräge Metapher, aber die indirekte Rede beherrsche ich im Gegensatz zur Erzählstimme bzw. der Autorin (S. 172).

Im zweiten Teil werden ständig neue Figuren im Zusammenhang mit der Arbeit in der Autowerkstatt „Autopia“ eingeführt, so dass ich den Überblick verloren habe und auch keinen Zusammenhang mit dem ersten Teil erkennen konnte. So habe ich mich schließlich gefragt: Was habe ich mit den Problemen des Peronismo mit und ohne Peron um 1974 zu tun? Wozu soll ich das alles lesen? Und weil ich darauf keine Antwort wusste, habe ich die Lektüre eingestellt, zu der mich eine Rezension in der SZ („Weltliteratur“) verführt hatte. Für das Verständnis des ersten Teils ist es übrigens hilfreich, wenn man einen katholischen Hintergrund hat.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/shortlist-nachtleuchten-von-maria-cecilia-barbetta-15782767.html

https://www.deutschlandfunkkultur.de/maria-cecilia-barbetta-nachtleuchten-ein-roman-wie-ein.950.de.html?dram:article_id=425518

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/maria-cecilia-barbetta-ihr-roman-nachtleuchten-spielt-in-buenos-aires-a-1227378.html

http://schreiblust-leselust.de/maria-cecilia-barbetta-nachtleuchten

https://www.zeit.de/2018/37/nachtleuchten-maria-cecilia-barbetta-argentinien

http://poesierausch.com/2018/10/07/dbp-18-maria-cecilia-barbetta-nachtleuchten/

https://www.kultur-ostbayern.de/2018/09/11/rezension-nachtleuchten-von-maria-cecilia-barbetta/

https://www.literaturzeitschrift.de/book-author/maria-cecilia-barbetta/ (kritisch)

https://literaturkritik.de/die-madonna-von-villa-ballester,24980.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/maria-cecilia-barbetta-und-ihr-roman-nachtleuchten-15813754.html (Interview mit der Autorin)

G. di Lorenzo: Vom Aufstieg und anderen Niederlagen (2014) – gelesen

Ich lese gern Gespräche, die jemand mit klugen Menschen führt – in den hier von Giovani die Lorenzo gesammelten Interviews von 1981 – 2014 hat er aber nicht nur kluge Menschen getroffen. Viele der Gesprächspartner haben etwas zu sagen (Renate Laker-Harpprecht, Anne-Sophie Mutter, Helmut Schmidt und auch Boris Becker etwa, für mich erstaunlich klug), während andere in ihrer Selbstoffenbarung nur peinlich sind (Silvio Berlusconi, Freiherr zu Guttenberg etwa) und über andere die Zeit einfach hinweggegangen ist (für mein Empfinden Giovanni Trappatoni und Toni Negri – die Entlassung eines Fußballtrainers vor über 20 Jahren und die Schicksale eines revolutionären italienischen Philosophieprofessors vor über 30 Jahren sind selbst historisch kaum noch interessant). Die Verstocktheit des Ehepaars von Brauchitsch ist jedoch auch heute noch bemerkenswert.

Fazit: Viele Gespräche liest man mit Anteilnahme und Interesse (auch die mit Angela Merkel und Rudolf Augstein), manche sind dagegen beinahe obsolet – ich kann nicht ganz so viel Begeisterung wie andere Rezensenten zeigen:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/interviewbuch-von-giovanni-di-lorenzo-13224188.html

https://www.rezensions-seite.de/rezensionen/biographien-berichte/giovanni-di-lorenzo-vom-aufstieg-und-anderen-niederlagen/

https://www.leselupe.de/blog/2014/10/02/giovanni-di-lorenzo-vom-aufstieg-und-anderen-niederlagen/

https://alexandrakloeckner.wordpress.com/2015/02/11/giovanni-di-lorenzo-vom-aufstieg-und-anderen-niederlagen/

https://wasliestdu.de/giovanni-di-lorenzo/vom-aufstieg-und-anderen-niederlagen

G. Gysi: Ein Leben ist zu wenig (2017) – Besprechung

Ich habe die 570 Seiten tatsächlich zu Ende gelesen, obwohl das Buch gegen Ende immer schwächer wird – es verliert sich im Anekdotischen. Am besten sind die Familiengeschichte, also die Vorgeschichte, und die Jugend des Autors erzählt. Interessant ist der Bericht von seiner Arbeit als Anwalt in der DDR, von der man als Wessi wenig weiß und an der der Vorwurf, IM gewesen zu sein, nach wie vor klebt. Der Bericht von der Arbeit in der Partei und Fraktion SED-PDS-Die Linke ist weithin eine Selbtbeweihräucherung; da fand ich vor allem interessant,was Gysi zu Lafontaine und zur Zusammenarbeit bzw. zum Streit mit mit ihm erzählt.

Wo das Buch gut ist, kommt Gysi aus dem Bericht einzelner Ereignisse zu allgemeinen Überlegungen. So merkt er zur Verteidigung eines Sexualtäters in der DDR an: „Ein gerechtes Urteil über einen Menschen erwächst auch aus der Kraft, die sich anderen Urteilen entgegenstellt. Nicht aus Prinzip, sondern aus dem Willen zur Ursachenforschung. Niemals darf ein Verteidiger zum zweiten Ankläger werden.“ Je weiter man liest, desto simpler werden allerdings diese Sentenzen: „Manchmal kann auch ein ganz schlichtes Argument überzeugend sein. Allerdings kann es manchmal lange dauern, bis man aufs Naheliegende kommt.“ Das ist bloß noch eine Plattitüde.

Von seinen Eltern spricht er immer wieder mit Respekt und Zuneigung, auch von seinen Frauen und seinen Kindern. Sich selbst stellt er als einen schlagfertigen Menschen dar, der tolerant ist: „Das Wissen um die Relativität eigener Wahrheiten bedeutet mir viel.“ (S. 204) Politisch folgt er jedoch seiner eignen Maxime nicht. Was seine Arbeit in der Wendezeit betrifft, müsste jemand beurteilen, der sich in den Einzelheiten der Zeitgeschichte besser auskennt als ich; interessant sind diese Teile des Buches allemal. Die Verhältnisse in der DDR hat Gysi beschönigt, finde ich. Zu den Ereignissen in Rostock 1992 bietet er keine Erklärung, über die rechtsradikalen Tendenzen in der ehemaligen DDR schweigt er beharrlich.

Von vielen Persönlichkeiten, die er als PDS-Vorsitzender getroffen hat, weiß Gysi nichts Substanzielles zu berichten, etwa von seiner Begegnung mit Nelson Mandela; dass dieser Toleranz und Güte ausstrahlte, war mir nicht neu – und ist als Ergebnis eines Besuchs bei ihm dürftig. In solchen Erzählungen höre ich nur den Unterton: Seht her, wen ich alles getroffen habe! Der Bericht über einen Besuch bei Assad ist ausgesprochen oberflächlich (Einrichtung des Palastes). Anlässlich einer Begegnung mit Milosevic spricht er über das Ende Jugoslawiens und die Kriege: „Das System kollabierte nicht, aber es durfte in Europa keinen sozialistischen Staat mehr geben.“ Das ist schlicht Unfug, es genügt ein Blick in der Artikel „Jugoslawienkriege“ in der Wikipedia, um besser belehrt zu werden.

Ein Leben ist zu wenig“, heißt das Buch; man hat den Eindruck, dass Gysi als Politiker hyperaktiv war, woran nach seinem Eingeständnis auch seine zweite Ehe zerbrochen ist. Er hatte immer zu wenig Zeit – und auch zum Schreiben des Buches hat er sich nicht genug Zeit genommen; er hat sich die Mitarbeit von Hand-Dieter Schütt gesichert (man weiß nicht, wie viel auf dessen Konto geht), und er bleibt eben weithin oberflächlich: „Aber die Unterschiede West-Ost blieben dennoch deutlich.“ Ja, welche denn?

Wenn man schon meint, sein Leben erzählen zu sollen, sollte man sich aber wirklich Zeit auch zum Nachdenken nehmen, nicht nur zum Sammeln der Einzelheiten und der Belege.

https://www.zeit.de/2017/51/gregor-gysi-autobiographie-ein-leben-ist-zu-wenig/komplettansicht

https://www.perlentaucher.de/buch/gregor-gysi/ein-leben-ist-zu-wenig.html

http://dasfilter.com/kultur/gysi-blickt-zurueck-rezension-ein-leben-ist-zu-wenig-hoerbuch

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tv-kritik/tv-kritik-maischberger-das-traurige-leben-von-gregor-gysi-13855619.html

K. Tucholsky: Wenn eena dot ist – Text und Analyse

Wenn eena dot is

Für Paul Graetz

Wenn eena dot is, kriste ‘n Schreck.
Denn denkste: Ick bin da, un der is weg.
Un hastn jern jehabt, dein Freund, den Schmidt,
denn stirbste ‘n kleenet Sticksken mit.

Der Rest is Quatsch.
Der Pfaffe, schwarz wien Rabe,
un det Jemache an den offnen Jrabe…
Die Kränze…! Schade um det Jeld.
Und denn die Reden – hach du liebe Welt –!

Da helfen keine hümmlische Jewalten:
die Rede muss der Dümmste halten.
Un der bepredicht sich die schwarze Weste
un hält sich an Zylinder feste.
Wat macht der kleene Mann, wenn eena sanft vablich?
Er is nich hülflos – er ist feialich.

Leer is de Wohnung. Trauer, die macht dumm.
Denn kram se so in seine Sachen rum.
Der Tod bestärkt die edelsten Jefühle,
un denn jibs Krach, von wejn die Lederstühle.

Der Zeitvesuv speit seine Lava.
Denn sacht mal eena: »Ja, wie der noch da wah –!«
Denn ween se noch ‘n bisken hinterher,
und denn, denn wissen se jahnischt mehr.

Wenn eena dot is, brummts in dir:
Nu is a wech. Wat soll ickn denn noch hier?
Man keene Bange,
det denkste nämlich jahnich lange;
ne kleine Sseit,
denn is soweit:
Denn lebst du wieda wie nach Noten!

Keener wandert schneller wie die Toten.

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 24. 5. 1932, Nr. 21, S. 792

Erläuterung:

Paul Graetz (Widmung) war ein großer Berliner Kabarettist (1890-1937), der intensiv mit Tucholsky zusammengearbeitet hat.

Es spricht eine unbekannte Stimme darüber, was passiert, wenn jemand stirbt; sie spricht mit „du“ jedoch keinen an, sondern meint alle, also „man“. Es ist ein Monolog, eine Art Meditation, für die es keinen besonderen Anlass braucht.

In der ersten Strophe spricht die Stimme davon, wie es einem selber in diesem Fall ergeht. In der zweiten und dritten Strophe wird das, was am Grab geschieht, als „Quatsch“ (V. 5) abgetan. In der vierten und fünften Strophe wird beschrieben, wie es nach dem Begräbnis weitergeht. In den beiden letzten Strophen wird dann erwogen, wie man selber danach weiterlebt. Thema ist unser Umgang mit dem Tod eines anderen Menschen.

Das Gedicht besteht aus sieben Strophen unterschiedlicher Länge, deren Verse im Paarreim verbunden sind. In der Regel weisen die Verse, im Jambus gesprochen, vier bis fünf Hebungen auf; Ausnahmen werden gesondert besprochen. Die Kadenzen wechseln unregelmäßig, sind aber in den reimenden Versen gleich. Gelegentlich gehen die Sätze übers Versende hinaus, wobei jedoch meist ein weiterer Hauptsatz folgt. Das alles ergibt ein recht lebhaftes Sprechen, was gut zur distanzierten Einstellung der Stimme gegenüber dem ganzen Trauerbetrieb passt.. Deswegen sind auch viele Reime holperig, einige aber semantisch sinnvoll, etwa: kriste ’n Schreck – der is weg (V. 1/2); bepredigt sich die Weste – hält sich an Zylinder feste (V. 12/13), und andere (V. 18/19; V. 22/23; V. 26/27; V. 30/31). Die Stimme spricht Berliner Dialekt und repräsentiert so den gesunden Menschenverstand des kleinen Mannes, dem das angeblich traurige Getue zuwider ist.

Zur Widmung weiß ich nicht mehr, als in der Erläuterung steht. Die Stimme spricht ehrlich das aus, was man erlebt, wenn jemand gestorben ist: der Schreck, eventuell die eigene Betroffenheit (1. Strophe). Was am Grab geschieht, wird als „Quatsch“ bezeichnet (V. 5), in einem Vers mit nur zwei Hebungen und dadurch langsam und energisch zu sprechen; V. 6 setzt vom Sprechen her V. 5 zu einem Vers mit fünf Hebungen fort.. Summarisch wird der „Rest“ aufgeführt: Pfarrer (abschätzig als „Pfaffe“ bezeichnet, V. 6); Jemache, also die Beileidsbekundungen; Kränze (distanziert: „Schade um det Jeld.“); die Reden. In der dritten Strophe wird die Grabrede zerpflückt: Die unpassende Einleitung von den himmlischen Gewalten zur Tatsache, dass der Dümmste sie halten muss (V. 10 f.), echt satirisch. Dass der sich die Weste „bepredigt“ (V. 12, Neologismus), lässt mich an „bekleckert“ denken – an sich hat die Weste ja nichts mit der Rede zu tun (Satire). Seine Hilflosigkeit zeigt sich daran, dass er sich am eigenen Zylinder festhält (V. 13). Die Sentenz am Ende mit dem Kontrast „hülflos – feialich“ rundet den Spott über die Grabrede ab; dabei ist das gar kein Kontrast, sondern der Redner ist feierlich, weil er hilflos ist und eigentlich nichts Tröstliches zu sagen weiß.

In den beiden folgenden Strophen spricht die Stimme davon, wie es nach dem Begräbnis weitergeht; dabei zählt die Stimme ganz einfach mit „Denn“ die Stationen auf. Einen schönen satirischen Kontrast bilden das Lob der edlen „Jefühle“ (V. 18) und der folgende Streit um die Lederstühle (V. 19). Die allgemeine Ratlosigkeit wird in der Sentenz „Trauer, die macht dumm“ (V. 16) ausgedrückt; ihr entspricht die Bemerkung am Schluss, dass sie gar nichts mehr wissen (V. 23, Objekt des Wissens fehlt) – was vielleicht heißt, dass sie nach dem flüchtigen Gedenken (V. 21) und den letzten Tränchen (V. 22) nichts mehr vom Verstorbenen wissen. Denn: „Der Zeitvesuv speit seine Lava“ (V. 20, ein originelles Bild), und diese Lava bedeckt alles, die Zeit heilt alle Wunden, sagt man, und so groß sind sie beim Tod eines anderen normalerweise nicht.

Auch in einem selber – darum geht es anschließend, V. 24 ff. – läuft der gleiche Prozess ab, dass die Trauer sich schnell abschwächt: Zuerst befallen einen Zweifel am Lebenssinn (V. 25), aber bald lebt man wieder fröhlich „wie nach Noten“ (V. 30). Der kurze Vers „Man keene Bange“ (V. 26), nur zwei Hebungen, leitet den Übergang ein (vgl. V. 5!) und bereitet pointiert auf die Wahrheit gegenüber dem Gefühlsüberschwang vor: „det denkste (…) jahnich lange“ (V. 27). Die beiden folgenden Verse (V. 28 f.), verkürzt, geben Zeit zum Nachdenken und zur Einsicht, dass bald wieder alles normal verläuft.

Der letzte Vers macht als Konsequenz aller dieser Erfahrungen eine ganze Strophe aus: „Keener wandert schneller wie die Toten.“ (V. 31) Sie wandern fort, das heißt, sie sind schnell verschwunden.

Tucholsky hat hier wieder ein Gedicht über elementare menschliche Erfahrungen geschrieben, ein ehrliches Gedicht, welches das übliche Trauergehabe entlarvt.

Zum Vergleich könnte man das Gedicht „Dreimal ging die Witwe übers Ödland“ von Marie Luise Kaschnitz lesen, welches im hohen Ton letztlich nichts anderes sagt als Tucholskys Gedicht, nämlich dass nach einiger Zeit die Witwe ins normale Leben zurückkehrt: „Hoch stand das Gras, verwachsen starrten die Hecken, / Margeriten blühten und Rosen, die Sichel ging. / Leb wohl, und die Sonne nickte.“ Wegen des hohen Tons (mit der antiquierten Vorstellung von der Sichel) zählt das Gedicht der Frau Kaschnitz allgemein zu den „schönen“ Trauergedichten – da sucht man allerdings Tucholskys Gedicht mit seinem schnodderigen Berliner Ton vergebens.

Vortrag des Gedichts:

https://www.youtube.com/watch?v=7rwJrhn6sXk (Der Vorleser, gut)

https://www.youtube.com/watch?v=GfH_QQSIszk (Martin Sommerhoff, gesungen, sehr gut)

https://www.youtube.com/watch?v=3B2l2BeOUtI (blonde Carmen, gesungen, undeutlich)

 

Kurt Tucholsky: Die Herren Eltern – Text und Analyse

Die Herren Eltern

Ist ein Schullehrer Pazifist
und sagt, wie es in Wahrheit im Kriege ist –:
dass Generale Kriegsinteressenten sind,
ganz gleich, wer verliert; ganz gleich, wer gewinnt…
dann – sollte man meinen – freun sich die Eltern für ihr Kind?
Jawoll!

Dann erhebt sich ein ungeheures Elterngeschrei:
»Raus mit dem Kerl! Das ist Giftmischerei!
Unser Junge soll lernen, wie schön die Kriege sind!
Wir warten schon drauf, wann wieder ein neuer beginnt –
und dazu liefern wir gratis und franko 1 Kind!
Jawoll!«

Die Elternbegeisterung ist ganz enorm.
Die Mütter: aus Liebe zur Uniform.
Die Väter, die Lieferanten für den Schützengraben,
denken: warum sollen denn diese Knaben
es besser als unsereiner haben?
Nicht wahr?
Die Fabrikation eines Kindes ist nicht sehr teuer.

Aber erhöh mal ein bisschen die Umsatzsteuer –:
dann kreischen die Herren Eltern, dass der Ziegel vom Dache fällt.
Man trennt sich leicht vom Kind.
Aber schwer vom Geld.
Bekommt das Kind einen Bauchschuss? Das macht ihnen keine Schmerzen.
Doch ihr Geld – das lieben die Herren Eltern von Herzen.
Jawoll!

Mitleid mit den Opfern, die da fallen für Petroleum, für Fahnen, für Gold –?
Die Herren Eltern haben es so gewollt.

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 19. 4. 1932, Nr. 16, S. 590

An der Überschrift fällt die Bestimmung „Herren“ zu „Eltern“ auf, weil ja zu Zeiten heterosexueller Ehen nur ein Elternteil ein Herr war. Also muss „Herr“ hier etwas anderes bedeuten, wie wir es etwa aus der Zusammenstellung von Herr und Knecht kennen: „jemand, der anderen zu befehlen hat, der über jemanden oder etwas Gewalt hat; Gebieter“ (DWDS 3.).

Es spricht eine unbekannte Stimme; zu wem oder bei welcher Gelegenheit sie spricht, bleibt offen, es muss aber in einer von militaristischem Denken bestimmten Zeit sein.

Im Gedicht geht es um die Frage, was Eltern als „Herren“ bereit sind herzugeben bzw. wann sie dabei Geschrei erheben. Dafür werden zwei Möglichkeiten erwogen: Sie geben ihr Kind (1.-3. Strophe) oder sie geben Geld her (4. Strophe). Aus den verschiedenen Reaktionen der Eltern in den beiden Fällen folgert die Stimme, dass die Eltern lieber ihren Sohn als ihr Geld hergeben, und bewertet das sarkastisch (4. und 5. Strophe). Daraus erklärt sich auch das Attribut „Herren“: Eltern verfügen, wenn es um Krieg geht, wie Herren über ihren Sohn.

Das Gedicht besteht aus fünf Strophen, wovon die ersten vier etwa gleich lang sind. Die Verse weisen kein festes Metrum auf, reimen sich aber meistens im Paarreim; einige dieser Reime sind Dreiergruppen (V. 3-5 und V. 15-18); die vier Einschübe „Jawoll!“ und „Nicht wahr?“ fallen aus dem Rahmen. Die beiden Verse 22 und 23 sind als ein einziger Vers zu lesen (des Reimes wegen); sie stehen aber getrennt, weil die beiden Aussagen dem Empfinden widersprechen und höchst bedeutsam sind – zwischen ihnen muss eine Pause gemacht werden, damit der Kontrast spürbar wird. In der ersten und der dritten Strophe geht ein Satz über mehrere Verse. Das Gedicht ist insgesamt zügig zu sprechen, weil die Stimme zornig ist und sich über die Eltern und ihr Gehabe empört. Die Stimme spricht die Standardsprache; sie übertreibt einiges, so dass man ihre Äußerung zumindest Polemik, vielleicht Satire nennen muss. In diesem Sinn bindet eine Reihe von Reimen Verse semantisch sinnvoll: Pazifist – wie es in Wahrheit im Kriege ist (V. 1/2); Elterngeschrei – das ist Giftmischerei! (V. 7/8); Bauchschuss macht keine Schmerzen – Geld lieben sie von Herzen (V. 24/24), usw.

In den beiden ersten Strophen geht es um eine einzige Situation: Wie die Eltern reagieren, wenn ein Lehrer als Pazifist die Kinder über den Krieg aufklärt. Die Stimme steht auf der Seite des Pazifisten, wie man am Adverbial „in Wahrheit“ und den Aussagen des Lehrers (V. 3 f.) erkennt. Ab V. 5 geht es um die Reaktion der Eltern darauf, zuerst um die erwartete (V. 5 f.), dann um die tatsächliche Reaktion (V. 7 ff.). Die erwartete Reaktion wird mit dem Einschub „– sollte man meinen –“ (V. 5) qualifiziert; dem entspricht dann die erwartete Zustimmung der Eltern („Jawoll!“, V. 6; das sagen die Eltern also nicht, das erwartet die Stimme nur). In Wirklichkeit reagieren die Eltern entgegengesetzt, wobei V. 8 (Forderung nach dem Rauswurf des Lehrers) als tatsächliche Äußerung gelten kann. Ihre Äußerungen V. 9-11 sind dagegen sarkastisch übertrieben – sie gehen nur implizit auf das Konto der Eltern, weil diese den Pazifisten bzw. den Pazifismus ablehnen, also Krieg gut finden (logisch etwas problematisch), sogar auf einen neuen Krieg sehnsüchtig warten (das war 1914 allerdings teilweise der Fall) und ihr Kind gern dafür hergeben. Die Wendung „gratis und franko liefern“ (V. 11) stammt aus dem Bereich des Geschäftlichen und bereitet den späteren Vergleich damit, wie schwer sich Eltern vom Geld trennen, vor; auch die Ziffer 1 qualifiziert das zu liefernde Kind als Ware. In diesen Zusammenhang gehört auch die Aussage: „Die Fabrikation eines Kindes ist nicht sehr teuer.“ (V. 19, ein Gedanke der Väter) Hier sind die Wörter „Fabrikation“ und „teuer“ markant. Das „Jawoll!“ am Ende der zweiten Strophe (V. 12) drückt echte Zustimmung aus.

In der dritten Strophe erklärt die Stimme diese unerwartete Reaktion der Eltern. Die Begeisterung der Eltern (V. 13) ist die für den Krieg – „Begeisterung“ ist vielleicht etwas übertrieben, siehe oben! Dabei haben Mütter und Väter unterschiedliche Motive (V. 14/V.15-19) – beides sind aber niedere Motive, wenn man die „normale“ Liebe zum eigenen Kind als Maßstab nimmt; durch diese niederen Motive wird der Antipazifismus der Eltern diskreditiert. Statt mit „Jawoll!“ werben die Väter hier mit „Nicht wahr?“ (V. 18) um Zustimmung zu dem Gemeinplatz „Warum sollen denn diese Knaben es besser als unsereiner haben?“ (V. 16 f.); „diese Knaben“ wertet die nächste Generation und damit auch den eigenen Sohn ab: Diese Knaben brauchen es in der Tat nicht besser zu haben; unsere Kinder – sagt man normalerweise – sollen es dagegen einmal besser haben als wir.

In der vierten Strophe wird, um die Paradoxie dieser elterlichen Militärverherrlichung zu zeigen, zum Vergleich die Reaktion auf eine Steuererhöhung dargestellt, die ausdrücklich als gering („ein bisschen“, V. 20) bezeichnet wird; sie löst Kreischen aus (V. 21), das durch die metaphorisch umschriebene Folge (Ziegel fällt vom Dach, V. 21) qualifiziert wird und vergleichbar dem Geschrei über den pazifistischen Lehrer (V. 7) ist. Es folgt die gravierende Bewertung, auf zwei Verse verteilt, dass man sich offenbar leichter vom eigenen Kind als vom eigenen Geld trennt (V. 22 f.).

Hier könnte das Gedicht eigentlich zu Ende sein. Aber in zwei Aussagen wird noch einmal aufgezeigt und bewertet, wie die Eltern ohne Mitleid auf einen möglichen Bauchschuss ihres Sohnes oder seinen Tod „für Petroleum, für Fahnen, für Geld“ reagieren; dabei wird der vorgebliche Tod „fürs Vaterland“ oder „für die Heimat“ (oder „für den Kaiser“, später „für Führer, Volk und Vaterland“) ausdrücklich nicht genannt (bzw. durch das Objekt „für Fahnen“ abgewertet), sondern eben die Interessen, für die aus der Sicht des Pazifisten die Kriege in Wahrheit ausgetragen werden (vgl. die Entlarvung der Generale als Kriegsinteressenten, V. 3 f. – diese Entlarvung hätte ich mir etwas deutlicher gewünscht). Der letzte Satz bezieht sich zurück auf den Tod Tausender oder sogar von Millionen für Petroleum und Gold: „Die Herren Eltern haben es so gewollt.“ Hier zeigt sich, wieso diese Eltern „Herren“ sind und was ihre Verteufelung des pazifistischen Lehrers bedeutet: Sie stellen ihre kleinkarierten Lebensentwürfe und Vorurteile über die wahren Interessen ihres Kindes.

Als Vater und als pensionierter Lehrer kann ich sagen, dass es nicht einfach ist, die wahren Interessen der Kinder zu bestimmen. Aber am FMG in MG-Giesenkirchen habe ich manches erlebt, was mich der Stimme Tucholskys nachdenklich zuhören lässt.

Vortrag des Gedichts:

Tucholsky: Also wat nu – ja oder ja? – Text und Analyse

Also wat nu – ja oder ja?

 

Wie ick noch ’n kleena Junge wah,

da hattn wa auffe Schule

een Lehra, den nannten wa bloß: Papa –

een jewissen Doktor Kuhle.

Un frachte der wat, un der Schieler war dumm,

un der quatschte und klönte bloß so rum,

denn sachte Kuhle feierlich:

»Also – du weeßt et nich!«

 

So nachn Essen, da rooch ick jern

in stillen meine Sßijarre.

Da denk ick so, inwieso un wiefern

un wie se so looft, die Karre.

Wer weeß det … Heute wähln wa noch rot,

un morjen sind wa valleicht alle tot.

Also ick ja nich, denkt jeda. Immahin …

man denkt sich so manchet in seinen Sinn.

Ick bin, ick werde, ich wah jewesen …

Da haak nu so ville Bicher jelesen.

Und da steht die Wissenschaft uff de Kommode.

Wie wird det mit uns so nachn Tode?

Die Kürche kommt jleich eilich jeloofn,

da jibt et ’n Waschkorb voll Phillesophen …

Det lies man. Un haste det hinta dir,

dreihundert Pfund bedrucktet Papier,

denn leechste die Weisen

beit alte Eisen

un sachst dir, wie Kuhle, innalich:

Sie wissen et nich. Sie wissen et nich.

 

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 1. 9. 1931, Nr. 35, S. 347

Es spricht ein Ich-Erzähler über seine letzten Einsichten; zu wem oder bei welcher Gelegenheit er spricht, bleibt offen.

Das Gedicht besteht aus zwei ungleich langen Strophen. In der ersten Strophe erzählt er als Erwachsener von seinem Lehrer Dr. Kuhle und dessen Spruch: „Also – du weeßt et nich!“ In der zweiten Strophe berichtet er, wie er gelegentlich über Gott und die Welt nachdenkt und dabei zum Ergebnis kommt, dass „die Weisen“ trotz ihrer vielen Bücher auch nicht mehr wissen als er. Thema ist die Beschränktheit menschlichen Wissens.

Der Erzähler spricht Berliner Dialekt; damit bezieht er einen Standpunkt nahe bei den einfachen Leuten, beim gesunden Menschenverstand, obwohl er viele Philosophen gelesen hat (V. 22 f.). Die Verse weisen meisten vier, gelegentlich drei Hebungen bei unregelmäßiger Füllung auf, was sich gut fürs Erzählen und fürs Nachdenken macht. Nur die Verse 25 und 26 weisen zwei Hebungen auf und sind somit gegenüber der erwarteten Fülle kurz, sind also langsam zu sprechen und bereiten so auf die Pointe vor. Die ersten vier Verse jeder Strophe stehen im Kreuzreim, die anderen im Paarreim. Vor allem am Anfang gehen die Sätze oft übers Versende hinaus, so dass nicht immer mit sinnvollen Reimen zu rechnen ist. Aber es gibt sie durchaus: auffe Schule – Doktor Kuhle (V. 2/4); war dumm – klönte so rum (V. 5 f.), und einige andere.

Die Erinnerung an die eigene Schulzeit wird erzählt, weil der Erzähler später den Spruch seines Lehrers Doktor Kuhle (V. 7 f.) braucht (V. 27 f.). Bei der Erzählung vom Doktor Kuhle fällt der Reim „sachte Kuhle feierlich – du weeßt et nich“ (V. 7 f.) auf, besonders der Kontrast zwischen „feierlich“ und dem Urteil, das den Schätzer bloßstellte. Der Übergang zum Bericht (was die Stimme hier sprachlich tut, ist schwer zu erfassen; sie erzählt sicher nicht; am ehesten berichtet sie von dem, was das Ich regelmäßig tut und denkt) ist unvermittelt und wird erst zum Schluss klar, wo die Stimme auf Doktor Kuhles Spruch zurückgreift.

Sie berichtet zunächst vom ruhigen Nachdenken nach dem Essen (V. 9 ff.); als Gegenstand wird der Gang der Welt („der Karre“, V. 12, eine gängige Metapher oder pars pro toto) genannt: „inwieso und inwiefern un wie“. Die Häufung unbestimmter Fragewörter zeigt die Weite des Nachdenkens an; „inwieso“ ist eine Neubildung, eine Kombination aus „wieso“ und „inwiefern“. Mit „Wer weeß det…“ (V. 13) wird schon die spätere Einsicht vorweggenommen, da offensichtlich niemand als Wissender benannt werden kann. Ein Beispiel für die Gedanken nach dem Essen steht in V. 13-15. Ein weiteres Beispiel ist Vers 20: „Wie wird det mit uns nachn Tode?“ Zwischen den beiden Beispielen wird noch einmal gezeigt, wie die Fragen in die Weite schweifen: „Immahin…“ ist völlig unbestimmt, „so manchet“ ebenso; die Konjugation von „Ick bin“ zeigt gleichfalls sozusagen das Ganze: Vergangenheit und Zukunft des Gegenwärtigen. Mit „Da“ (V. 18) leitet die Stimme zum Ende ihres Berichtes über, zum Ergebnis der Lektüre vieler Bücher (V. 18; „die Wissenschaft“, V. 19; „ ’n Waschkorb voll“, V. 22; „dreihundert Pfund“, V. 24) – die Häufung der Bezeichnungen des Wissens macht deutlich, dass es nicht an Eifer im Bemühen ums die richtige Erkenntnis gefehlt hat. „Die Kürche“ wird nur nebenher erwähnt (V. 21), sie zählt nicht zu den relevanten Quellen des Wissens. Das Ergebnis aller Mühen wird ganz ruhig berichtet: „denn lechste die Weisen / beit alte Eisen“ (V. 25 f.). Und dann („Also wat nu“)? Dann hilft der Spruch von Doktor Kuhle weiter, hier allerdings ein wenig resigniert vorgetragen, ohne Kuhles überlegenes Wissen: „Sie wissen et nich.“ (V. 28) Und weil das stimmt und eine wesentliche Einsicht ist, muss man es gleich zweimal sagen (auch damit der Vers voll wird).

Die Überschrift versteht man erst nach der Lektüre des Gedichts: „Also wat nu –“ sagt man in der Situation, wo man eine endgültige Antwort erwartet; im Gedicht lernt man, dass es diese Antwort nicht gibt. Das kommt in der unsinnigen Alternative „ja oder ja?“ zum Ausdruck: Auf diese paradoxe Frage kann es keine Antwort geben. Damit stellt die Überschrift den Gang des Berichts in knappster Form vor; aber das versteht man erst hinterher.

Vortrag des Gedichts:

https://www.youtube.com/watch?v=9l6dsvI1H8c (Jürgen von der Lippe, 1-2)

Über das Nichtwissen ist seit Sokrates viel nachgedacht worden (https://de.wikipedia.org/wiki/Ich_wei%C3%9F,_dass_ich_nichts_wei%C3%9F). Der in Deutschland bekannteste Beleg stammt aus dem „Faust“, Szene „Nacht“:

Habe nun, ach! Philosophie,

Juristerei und Medizin,

Und leider auch Theologie

Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.

Da steh‘ ich nun, ich armer Tor,

Und bin so klug als wie zuvor!

Heiße Magister, heiße Doktor gar,

Und ziehe schon an die zehen Jahr‘

Herauf, herab und quer und krumm

Meine Schüler an der Nase herum –

Und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen.“

Bei Sokrates ist nicht einmal klar, was man unter „Wissen“ zu verstehen hat (https://also42.wordpress.com/2018/03/17/platon-theaitetos-theaetet-kurze-uebersicht); aber das ist eine weitere Frage, die wir hier nicht untersuchen können.

K. Tucholsky: Die Gefangenen – Text und Analyse

Die Gefangenen

 

Hörst du sie schlucken, Herrgott?

Sie sitzen muffig riechend und essen ein muffiges Essen,

holen es mit dem Blechlöffel aus den amtlichen Gefäßen

und führen es in ihren privaten Mund.

Der Körper verdaut es,

und es ist ganz sinnlos, was sie da tun.

Hörst du sie schlucken, Herrgott?

 

Siehst du sie im Hof trotten, Herrgott?

Man bewegt sie wie die Pferde, damit sie nicht frühzeitig sterben –

sie sollen leidensfähig erhalten werden,

und im Schubkasten des Gefängnispastors liegt eine Bibel.

Daraus liest er ihnen von Zeit zu Zeit etwas vor und glaubt wirklich,

er sei besser als sie.

Siehst du sie in ihrer Kirche sitzen, Herrgott?

Fühlst du sie leiden?

Nachts bedrängen sie wüste Träume;

ihre innere Sekretion ist nicht in Ordnung,

sie sehen riesige Geschlechtsteile auf Beinen

und zupfen an sich herum …

Fühlst du sie leiden?

 

Ja, sie haben gefehlt – das ist wahr.

Doch kann kein Mensch den andern bestrafen, er kann ihn nur quälen.

Denn Schuld und Strafe kommen niemals zusammen.

Ja, sie haben gefehlt, das ist wahr.

Da sitzen sie und leiden:

   Weil sie gestohlen haben;

      weil ihre Eltern nur einen verwüsteten Körper zeugen konnten;

      weil sie in Spanien eine Republik haben wollten;

weil sie Stalins Politik nicht billigen;

   weil sie den Duce nicht lieben;

      weil sie in Amerika Gewerkschaften gründen wollten …

Sie sind Späne des irdischen Sägewerks.

Die Gerechten können nicht sein, wenn die Ungerechten nicht wären.

Ja, sie haben gefehlt – das ist wahr.

 

Und so ist es eingeteilt:

Sie haben gesündigt.

Andre haben sie verurteilt.

Wieder andre vollstrecken das Urteil.

Was haben diese drei Dinge miteinander zu tun?

 

Gott, du siehst es –!

Erbarme, erbarme dich der Gefangenen!

Der Mensch, der da richtet, erbarmt sich nicht.

Man müsste ihn quälen, wiederum,

und wiederum wäre nichts damit getan.

Hörst du sie, siehst du sie, fühlst du sie,

die Gefangenen –?

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 14. 4. 1931, Nr. 15, S. 534

Erläuterung:

in Spanien eine Republik (V. 28): In Spanien gab es 1923-1930 die Diktatur des Miguel Primo de Rivera; Stalin war seit 1922 Generalsekretär der KPdSU, Mussolini ab 1924 in Italien Diktator.

Es spricht eine namenlose Stimme, die sich an den Herrgott wendet (V. 1 ff.), also ein betendes Ich. Ort und Datum des Sprechens sind nicht bekannt, einen konkreten Anlass dafür gibt es nicht – außer der Tatsache, dass es Gefangene gibt. Da Stalins Politik und die Herrschaft des Duce (Mussolini) als Anlass der Gefangenschaft genannt werden, muss 1924 als frühester Zeitpunkt des Betens gelten.

In den beiden ersten Strophen wendet die Stimme sich an Gott und fragt ihn, ob er die Gefangenen leiden hört, sieht und fühlt. Darauf reflektiert die Stimme die Verfehlungen und die Bestrafung von Gefangenen (dritte und vierte Strophe). In der letzten Strophe appelliert der Sprecher an Gott, der möge sich der leidenden Gefangenen erbarmen. Thema ist das Leiden der Gefangenen und das Recht, sie so zu quälen

Die fünf Strophen sind unterschiedlich lang. Das Gedicht kommt ohne Metrum und Reime aus, es ist in freien Rhythmen verfasst. Die Sätze können über mehrere Verse gehen (V. 2-4), doch ist der einzelne Vers eine geschlossene Sinneinheit. Die Stimme spricht die Standardsprache.

In der ersten Strophe wird gefragt, ob Gott die Gefangenen hört, und zwar schlucken hört (zweimal, V. 1 und V. 7, identisch, der Rahmen der Strophe). Es geht nämlich um ihr Essen, und das ist „muffig“ (dumpfriechend: abwertend gebraucht) wie sie selbst (V. 2). Der Kontrast zwischen dem amtlichen Gefäßen und dem privaten Mund (V. 3 f.) markiert zwei Sphären, die getrennt sein müssten, aber durch das Essen verbunden und vermengt werden; dieser Kontrast setzt sich in der Unterscheidung Körper / sie (V. 5 f.) fort: Der Körper verdaut das muffige Essen, aber für sie als Menschen ist das Ganze sinnlos.

Die zweite Strophe wird in zwei Teilen durch die wiederholten Fragen, ob Gott sie sieht und ob der sie leiden fühlt, bestimmt (V. 8/14; V. 15/20); beide Fragen rahmen wieder weitere Beschreibungen der Leiden derer, die mal im Hof trotten, mal in der Kirche sitzen; „trotten“ statt „gehen“ (V. 8) wertet das Gehen ab, ebenso der Tiervergleich „Man bewegt sie wie die Pferde“ (V. 9); der folgende Finalsatz (V. 9 f.) zeigt den Zynismus des Systems. Auch der Pastor ist Teil des Systems (V. 11 ff.); er wertet die Gefangenen ab, indem er auf die herabschaut. Die Frage, ob Gott sie leiden fühlt, wechselt von den äußeren Sinnen (sehen, hören) zum inneren Sinn (fühlen, mitfühlen) und damit zu jener Solidarität, die in der christlichen Lehre von der Menschwerdung Gottes gemeint war. Hier geht es um „wüste Träume“ (V. 16) und die sexuelle Not der kasernierten Männer, deren „innere Sekretion“ zwangsläufig gestört ist (V. 17). Die Frage klingt, an einen körperlosen Gott gerichtet, seltsam – aber wie soll es Erlösung geben, wenn ein Gott nicht in allem mitfühlen kann? Allzu früh hat man den Erlöser Christus auf die Erlösung der Seelen festgelegt – eine komplizierte Geschichte in der Auseinandersetzung mit dem leibfeindlichen Mönchtum und dem Platonismus in der Kirche. Das hat Goethe gewusst, als er „Der Gott und die Bajadere“ dichtete:

Mahadöh, der Herr der Erde,
Kommt herab zum sechsten Mal,
Dass er unseresgleichen werde,
Mit zu fühlen Freud’ und Qual.
Er bequemt sich, hier zu wohnen,
Lässt sich alles selbst geschehn.
Soll er strafen oder schonen,
Muss er Menschen menschlich sehn.

Dass die Männer an sich „zupfen“ (V. 19), ist ein Euphemismus – Sex im Knast ist vermutlich eine härtere Nummer. Nach mehr als Mitgefühl kann die Stimme nicht fragen.

Sie scheint die direkte Anrede Gottes zu unterbrechen (V. 21), aber das muss nicht sein, wie man beim zweiten Nachdenken bemerkt; die Stimme kann ihre Überlegungen über die Schuld der Gefangenen (3. und 4. Strophe) auch Gott vortragen, und zwar im Sinn der rhetorischen Strategie „Zwar – Aber“, an die sich dann die Bitte um Gottes Erbarmen begründet anschließen kann (5. Strophe). Mit der Konzession „Ja“ (V. 21) bzw. „Ja, sie haben gefehlt“ (V.21, in V. 24 wiederholt) kommt die Stimme einem möglichen Einwand Gottes entgegen; darauf folgt der Widerspruch: „Doch kann kein Mensch den andern bestrafen (V. 22). Da das dem Augenschein widerspricht, kommt die Stimme mit einer Unterscheidung weiter, dass der eine Mensch den anderen „nur quälen“ kann (V. 22), was er mit einem allgemeinen Satz (V. 23) begründet. Dieser Satz, dass Schuld und Strafe „niemals“ zusammenkommen, ist recht kühn – wir wissen, dass sie oft nicht zusammenkommen; das Adverbial „niemals“ enthält eine gewagte These, die durch die Konzession „Ja, sie haben gefehlt“ (V. 24 und noch einmal V. 34) abgemildert wird: „fehlen“ („ungerecht handeln, sündigen“, DWDS) muss als „verfehlen“ gelesen werden, „einen Fehler begehen“ – was möglicherweise impliziert: aber sie haben nicht Schuld auf sich geladen. „Da sitzen sie und leiden“, leitet die Stimme die lange Liste seiner Entschuldigungen ein (V. 25), womit er an seine letzte Frage an Gott anknüpft (V. 20). In dieser Liste ist nur das Stehlen als echte Verfehlung zu erkennen, die folgenden fünf Gründe machen die Gefangenen wirklich von eigener Schuld frei und bereiten die Erklärung vor, dass jene „Späne des irdischen Sägewerks“ sind (V. 32, eine Metapher für unpersönliche Abläufe), in das man ohne eigenes Zutun hineingeraten kann, dessen Kräfte den Menschen einfach ergreifen und zermalmen. Auch die folgende Unterscheidung entschuldigt sie: Die von Gott geliebten Gerechten könnte es ohne deren Gegenteil nicht geben (V. 33); ob Gott sich auf eine solche Rechnung wohl einlässt? Mit der erneut wiederholten Konzession (V. 34) könnte die Stimme Gottes Bedenken zerstreuen wollen.

Die Argumentation in der vierten Strophe ist riskant. Sie knüpft an die Arbeitsteilung in den modernen Gesellschaften an („so ist es eingeteilt“, V. 35), welche auch für den Bereich der Justiz gilt: Dass andere das Urteil vorstrecken als die, die das Urteil aussprechen (. 37 f.), kann einen nicht wundern, wird jedoch in der letzten Strophe problematisiert, ebenso wie der Zusammenhang zwischen Unrecht (Sünde, V. 36) und Verurteilung (V. 36 f.); hier wird der institutionalisierte Zusammenhang von Urteilen und Ausführen in Frage gestellt (V. 39).

Die entscheidende Argumentation folgt in der letzten Strophe: „Gott, du siehst es –!“ (V. 40) Es, das ist das Leiden, das ist der fragwürdige Zusammenhang von Schuld und Strafe. Der Ausruf begründet die Bitte um Erbarmen (V. 41). Es folgt die schon angekündigte Begründung dafür, dass die drei Dinge Sünde – Urteil – Vollstreckung nicht wirklich miteinander verbunden sind:

  • Der Richter erbarmt sich nicht (V. 42).
  • Damit er Erbarmen spürte, müsste er das Leiden fühlen (unausgesprochen).
  • Damit er das Leiden fühlte, müsste man ihn quälen (wie die Gefangenen, V. 43).
  • Damit wäre aber nichts getan, weil dann neue Schuld entstände (V. 44).

Also bleibt der Zusammenhang von Schuld und Strafe gestört (unausgesprochen).

Deshalb bleibt nur der Appell an das Erbarmen Gottes: „Hörst du sie, siehst du sie, fühlst du sie, die Gefangenen –?“ (V. 45 f.) Der wichtigste Appell ist der an das Mitfühlen – die Frage ist als solche ein Appell, Mitleid zu zeigen. Ob es eine Frage ist, die auch die Skepsis zuließe, wie Goethes Prometheus sie zornig ausspricht: „als wenn drüber wär / Ein Ohr, zu hören meine Klage, / Ein Herz wie meins, / Sich des Bedrängten zu erbarmen“?

Tucholsky war ein studierter Jurist, hat aber nie als solcher gearbeitet. Er stellt mit diesem Gedicht die ganze Strafverfolgung – hier insbesondere auch die politische (V. 28-31) – in Frage. Vom Gottvertrauen des Samuel Gottlieb Bürde (1753-1831) ist nichts mehr zu spüren:

Wenn der Herr einst die Gefangenen
ihrer Bande ledig macht,
o dann schwinden die vergangenen
Leiden wie ein Traum der Nacht…“

Tucholskys Stimme lässt sich nicht mehr auf das religiöse Einst vertrösten; sie will, dass die Leiden jetzt enden.

Mit so naiven „Dichtern“ wie Andreas Kley: Richter sehen alles (https://gedichte.xbib.de/Kley%2C+Andreas_gedicht_Richter+sehen+alles.htm) braucht man sich erst gar nicht abzugeben. Vgl. auch die Liste der Gedichte über Gefangene in https://gedichte.xbib.de/_Gefangenen_gedicht.htm! Interessant wäre eine Konfrontation von Tucholskys Gedicht mit Goethe: Das Göttliche (http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1111). Aber das führte hier zu weit.

Vortrag des Gedichts:

https://www.youtube.com/watch?v=9levlFvbYkE (Jürgen Goslar, 1-2)

Kurt Tucholsky: Stationen – Text und Analyse

Stationen

Erst gehst du umher und suchst an der Frau

das, was man anfassen kann.

Wollknäul, Spielzeug und Kätzchen – Miau –

du bist noch kein richtiger Mann.

Du willst eine lustig bewegte Ruh:

sie soll anders sein, aber sonst wie du …

Dein Herz sagt:

Max und Moritz!

 

Das verwächst du. Dann langts nicht mit dem Verstand.

Die Karriere! Es ist Zeit … !

Eine kluge Frau nimmt dich an die Hand

in tyrannischer Mütterlichkeit.

Sie passt auf dich auf. Sie wartet zu Haus.

Du weinst dich an ihren Brüsten aus …

Dein Herz sagt:

Mutter.

 

Das verwächst du. Nun bist du ein reifer Mann.

Dir wird etwas sanft im Gemüt.

Du möchtest, dass im Bett nebenan

eine fremde Jugend glüht.

Dumm kann sie sein. Du willst: junges Tier,

ein Reh, eine Wilde, ein Elixier.

Dein Herz sagt:

Erde.

 

Und dann bist du alt.

Und ist es so weit,

dass ihr an der Verdauung leidet –:

dann sitzt ihr auf einem Bänkchen zu zweit,

als Philemon und Baucis verkleidet.

Sie sagt nichts. Du sagst nichts, denn ihr wisst,

wie es im menschlichen Leben ist …

Dein Herz, das so viele Frauen besang,

dein Herz sagt: »Na, Alte … ?«

Dein Herz sagt: Dank.

 

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 18.11.1930, Nr. 47, S. 756

Erläuterungen:

verwachsen (V. 9): aus etwas herauswachsen, für etwas zu groß werden (DWDS, 4.)

Elixier (V 22): Heilmittel, Zaubertrank

Philemon und Baucis (V. 29): im griechischen Mythos ein altes Ehepaar, das den auf Erden wandernden Zeus aufnahm und dafür belohnt wurde.

Es spricht eine unbekannte Stimme zu einem Du, das jeder Mann ist. Ort und Zeit des Sprechens gibt es nicht, weil ja jeder Mann angesprochen wird.

Die Überschrift nennt „Stationen“ als Thema: Es sind die Stationen im normalen Leben eines Mannes, soweit es sich um sein Verhältnis zur Frau handelt. Diese Stationen reichen in chronologischer Reihenfolge vom jungen bis zu alten Mann, wobei nur die beiden letzten Stationen mit „ein reifer Mann“ (V. 17) und „alt“ (V. 25) genauer bestimmt, die beiden ersten dagegen nur vage umschrieben werden. Die Stimme scheint ein überlegenes Wissen zu haben; sie kennt die Stationen im Leben eines Mannes und muss demnach über das Wissen der Alten, also der Weisen verfügen, die „alles“ gesehen haben (vgl. V. 31 f.: „denn ihr wisst, wie es im menschlichen Leben ist…“)

Das Gedicht besteht aus vier Strophen. Die ersten drei Strophen sind gleich aufgebaut: vier Verse im Kreuzreim, zwei Verse als Paarreim, der Satz „Dein Herz sagt“ und als achter Vers ein Stichwort, mit dem die Bedeutung der jeweils gesuchten bzw. gefundenen Frau umschrieben wird. Man könnte den Text für reine Prosa halten; man kann aber auch sechs Verse in einem Wechsel von vier und drei Hebungen bei freier Füllung erkennen, wobei V. 10 jedoch Probleme macht. Die letzte Strophe weicht im grafischen Bild davon insofern ab, als die ersten vier Verse zu fünf gedehnt sind, wobei vom Sprechen her V. 25 f. als ein Vers zu gelten hat. Es folgen darauf fünf Verse, wovon die ersten drei vier Hebungen besitzen. Die letzten drei Verse werden mit „Dein Herz“ eingeleitet, und was das Herz sagt, wird zweimal ausgeführt (V. 33 f.). Die Stimme spricht die Umgangssprache mit dem Verschleifen von Buchstaben (Ruh, V. 5), kennt aber Philemon und Baucis. Öfter geht der Satz in Versen mit vier Hebungen übers Versende hinaus, so dass eine Art Langvers entsteht. In diesen Langversen sind auch die Reime meist semantisch bedeutsam: was man anfassen kann – noch kein richtiger Mann (V. 2/4); etwas sanft im Gemüt – eine fremde Jugend glüht (V. 18/20, Kontrast); es ist so weit – auf dem Bänkchen zu zweit (V. 26/28, Alter); ebenso V. 28/30. Auch die Paarreime sind semantisch sinnvoll, wie man leicht sieht.

Mit „Erst“ (V. 1) im Sinn von „Zuerst“ wird der junge Mann charakterisiert und das, was er sucht; weil er etwas zum Anfassen sucht, wird die entsprechende Frau als „Spielzeug“ bestimmt (V. 3), in einer Reihe ähnlicher Bestimmungen (Aufzählung), wobei dem Kätzchen um des Reimes willen ein „Miau“ entlockt wird (V. 3). Der junge Mann wird dann als „noch kein richtiger Mann“ beurteilt (V. 4). In einem neuen Anlauf wird bestimmt, was der junge Mann will: „eine lustig bewegte Ruh“ (V. 5), ein Paradox also, und auch der nächste Vers ist ein Paradox: anders als du, aber sonst wie du (V. 6), was beim besten Willen nicht möglich ist, nur vom Adverb „sonst“ gegen alle Logik überspielt wird. Wenn das Herz „Max und Moritz“ („eine Bubengeschichte“, 1865) sagt, dann stehen deren Streiche als Kinder für das noch nicht Männliche des Suchens in dieser Phase.

Das verwächst du.“ (V. 9, die dritte Strophe beginnt genauso: Wiederholung) Mit dieser Einleitung wird die nächste Station des Lebens angedeutet, die des Mannes, in die man hineinwächst. Dessen Situation wird in drei Bestimmungen als die eines Mangels charakterisiert: Mangel an Verstand (ohne dass dies erklärt würde) und Wunsch nach beruflichem Aufstieg; „Es ist Zeit…“ (V. 10) drückt ein unbestimmtes getrieben Sein aus: die Angst, etwas zu verpassen. Dem hilft „[e]ine kluge Frau“ (V. 11) ab; die metaphorische Geste „an die Hand nehmen“ ist hier die der Mutter, auch wieder paradox (und doch lebensnah) formuliert: „in tyrannischer Mütterlichkeit“ (V. 12). Mütterlichkeit, dazu gehören als Synonyme Selbstlosigkeit und Fürsorge; aber wie die Erfahrung lehrt und auch die Literatur weiß, kann die totale Mutter auch ein Tyrann sein, die vorab das Leben ihres Sohnes bestimmt (Felix Schottlaender: Die Mutter als Schicksal, 1967 – gibt es leider nicht mehr zu kaufen). Was diese „Mutter“ dem Mann bedeutet, wird in den beiden nächsten Versen beschrieben: Sie gibt dem Mann Halt, der weint sich „an ihren Brüsten aus“ (V. 13 f.); deshalb sagt sein Herz auch „Mutter“ (V. 15 f.).

Die nächste Station ist die des reifen Mannes. Bei dem liegt das Paradoxe in der Spannung zwischen dem, was er ist („etwas sanft im Gemüt“, V. 18), und dem was er neben sich im Bett haben will: ein junges Tier, eine Wilde, kurzum heiß glühende Jugend (V. 20 ff.). Der Kontrast zur „Mutter“ fällt auf; diese war klug (V. 11), aber die junge Wilde kann ruhig dumm sein (V. 21; vgl. „vorn doof und hinten majorenn“ in „Danach“) – sie soll die verschwundene Jugend zurückbringen. Das Herz sagt „Erde“ (V. 24); es könnte auch „Tier“ sagen, finde ich.

Zu bedenken ist noch die Wendung „Das verwächst du.“ (V. 9 und V. 17), die zweimal zwischen „Erst“ (V. 1) und „Und dann“ (V. 25) steht: Diese Stationen zu durchlaufen scheint der Stimme eine Art Gesetz des organischen Wachsens zu sein; von Freiheit, Einsicht und Persönlichkeit ist nicht die Rede. Als letzte Station wird das Alter genannt, metaphorisch in der Ähnlichkeit mit Philemon und Baucis ausgedrückt (V. 25-29); dass das Leben eingeschränkt ist, ergibt sich aus dem Hinweis auf Verdauungsprobleme und dem Diminutiv „Bänkchen“. Erstmals wird hier auch die Personenangabe „zu zweit“ (V. 28) verwendet. Dem Alter wird die gereifte Weisheit zugeordnet (V. 30 f.): Man braucht nichts zu sagen, denn beide wissen Bescheid. Das Herz sagt ganz prosaisch „Na, Alte…?“ (V. 33) Das steht im Gegensatz zu den hohen Tönen, in denen das Herz früher „viele Frauen besang“ (V. 32), als es etwas von ihnen wollte, als es sie verführen wollte. Jetzt stehen die beiden von gleich zu gleich, eben „zu zweit“ (V. 28) – bei „Max und Moritz“ war die Frau ein Spielzeug, als „Mutter“ war sie die Herrin, bei der „Erde“ war sie ein Gegenstand, jetzt ist sie eine gleich alte Frau, mit der man gelebt hat. Deshalb sagt das Herz mit Recht „Dank“ (V. 34).

Es fällt auf, dass in dieser Lebensgeschichte kein Kind vorkommt, anders als in „Danach“; Tucholsky selbst war zweimal kurz verheiratet, hatte aber keine Kinder – er kannte sie wohl nur vom Hörensagen, sie gehören anscheinend nicht in die „Stationen“ eines Mannes. Aber auch das, was er selber vor allem betrieb: das rastlose Schreiben, kommt in den Stationen nicht vor, es sollen wohl die Stationen des Otto Normalverbraucher sein, zu denen jedoch eigentlich Kinder gehören.

Vorträge des Gedichts:

https://www.youtube.com/watch?v=ePPd_T2aVrc (Florian Friedrich, undeutlich)

https://www.youtube.com/watch?v=JeHyz0jWTIA (Der Vorleser, 2-)

Noch einmal anders wird das Thema des Zusammenlebens in „Liebespaar am Fenster“ behandelt.