Märchen von den drei Wünschen – zwei Motive

Man meint, es sei ein Motiv, wenn jemand im Märchen drei Wünsche frei hat, die ihm erfüllt werden. In Wirklichkeit gibt es aber zwei verschiedene Motive.

Das Pointe des ersten Motivs besteht darin, dass jemand drei Wünsche frei hat, dass es ihm aber nicht gelingt, damit seinem Glück einen Schritt näher zu kommen. Am bekanntesten für uns Deutsche ist die Ausprägung dieses Motivs bei Johann Peter Hebel: Drei Wünsche, in: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes, 1811 (https://de.wikisource.org/wiki/Drei_W%C3%Bcnsche), wo ein dreifaches „Merke“ angehängt ist, das in dem Satz zusammengefasst wird: „Alle Gelegenheit, glücklich zu werden, hilft nichts, wer den Verstand nicht hat, sie zu benutzen.“ Das Motiv vom Scheitern der Wünsche ist uralt, es liegt schon in Perraults Märchen „Die drei törichten Wünsche“ vor (s. http://www.maerchenatlas.de/aus-aller-welt/franzosische-feenmarchen/charles-perrault/die-laecherlichen-wuensche/) und soll die Fortbildung eines antiken Motivs (s.u.) sein; es zeigt, dass die zahlreichen Wünsche, von denen Menschen geplagt werden, meistens töricht sind und dass Glück bzw. Zufriedenheit (s. Hebel!) nicht von der Erfüllung aller möglichen Wünsche abhängt.

Das zweite Motiv liegt vor, wenn einem guten, bescheidenen Menschen drei Wünsche erfüllt werden, was einen habgierigen (und geizigen) Menschen nicht ruhen lässt, bis auch ihm drei Wünsche zugestanden werden, deren Erfüllung jedoch zu seinem Unheil ausschlägt. Es geht also eher darum, dass ein Habgieriger bestraft wird, weil er neidisch (und geizig) ist und dem beschenkten Armen sein Glück nicht gönnt. Dieses Motiv kennen wir aus dem Märchen „Der Arme und der Reiche“ der Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen, 1815 [https://de.wikisource.org/wiki/Der_Arme_und_der_Reiche_(1815)]. Abgewandelt finden wir es unter dem Titel „Die drei Wünsche“ in „Deutsche Märchen erzählt von Karl Simrock“, 1864 (https://archive.org/details/bub_gb_fEMJAAAAQAAJ/page/n337), und kunstvoll ausgebaut in Ludwig Bechsteins „Neues deutsches Märchenbuch“, 1856: „Die drei Wünsche“ (http://www.zeno.org/Literatur/M/Bechstein,+Ludwig/M%C3%A4rchen/Neues+deutsches+M%C3%A4rchenbuch/Die+drei+W%C3%Bcnsche), worin verschiedene andere Erzählungen einarbeitet sind. – Vgl. Ernst Meier: „Deutsche Volksmärchen aus Schwaben“, Stuttgart 1852, Nr. 40 und Nr. 65! (https://de.wikisource.org/wiki/Deutsche_Volksm%C3%A4rchen_aus_Schwaben)! Eine Vorstufe des Märchens vom Wünschen könnte man in der antiken Sage von Philemon und Baucis finden. Das Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“ ist natürlich in diesem Zusammenhang nicht zu vergessen. Reizvoll ist auch Andersens Märchen „Die Galoschen des Glücks“, wo bereits die Erfüllung des Hauptwunsches reicht, einem das Wünschen zu verleiden! 

Etwas anderes sind Märchen wie „Der Trommler“, wo jemand durch Wünsche aus einer bestimmten Notlage befreit wird; das sind nicht die törichten Wünsche, von denen der Mensch sich frei machen soll. – Es gibt übrigens auch eine Sammlung „Märchen vom Wünschen“, hrsg. von Sigrid Früh und Hariolf Reitmaier, 2009. Christa Tuczay (Wien) hat für ihren Artikel „Das Märchen von den drei Wünschen“ überaus viel Material gesichtet und legt eine differenzierte Analyse der Verwendung des Märchenmotivs vor.

L. Schücking: Lebenserinnerungen, Bd. 1 – gelesen

Auf Schückings „Lebenserinnerungen“ bin ich durch Zufall gestoßen, als ich die Autobiografie Gutzkows suchte. Heute habe ich den ersten Band der Lebenserinnerungen zu Ende gelesen: ein freundliches Buch, das mich in großen Teilen bezaubert hat. Besonders haben mir die beiden ersten Kapitel gefallen, „Die Knabenzeit“ im Emsland und „Jugendleben“. Schücking charakterisiert den damaligen Menschenschlag im Emsland anschaulich und verständlich: „Das Kind verlangt Antworten, und da die stumme Natur sie ihm nicht giebt, giebt es sie sich selbst. Liegt doch das ewige Räthsel in dieser Stummheit der Natur, die uns doch wieder mit einem so merkwürdigen beständigen Drange, uns etwas sagen zu wollen, gesellt scheint. (…) Wie aber sollte das Kind dieser stummen Schöpfung nicht eine Sprache unterlegen und sich wunderbare phantastische Dinge von ih[r] sagen lassen, das Kind, das noch unduldsam ist und sich empört gegen Räthsel und nicht die später sich einfindende Weisheit hat, Räthsel auf sich beruhen lassen zu können!“ So erklärt Schücking die emsländische Spökenkiekerei, und gleich darauf berichtet er von der stigmatisierten Nonne von Dülmen.

Ansonsten berichtet er von seinen ersten schriftstellerischen Versuchen, von seiner Tätigkeit als Hofmeister oder Bibliothekar und von der Begegnung mit vielen Zeitgenossen, wobei besonders Gutzkow, die Droste und Freiligrath herausstechen. Eine Zeit lang lebte er auf dem Schloss des Schwagers der Droste am Bodensee, dann in Ellingen, kam nach Augsburg, war öfter bei Freiligrath am Rhein; er charakterisiert seine Braut, das Leben in Darmstadt, den liebenswürdigen alten Kerner…

Lesenswert ist das Buch für Leute, die solche Figuren des 19. Jahrhunderts kennen und von ihnen als Menschen etwas erfahren möchten; und, wie gesagt, als Bericht über eine Kindheit und Jugend im frühen 19. Jahrhundert, deren Schönheiten und Fehler von den Reflexionen des alten Mannes kommentiert werden.

https://archive.org/details/3473971_1/page/n3/mode/2up Lebenserinnerungen. Erster Band, 1886.

https://de.wikipedia.org/wiki/Levin_Sch%C3%BCcking Levin Schücking

https://archive.org/details/3473971_2 Lebenserinnerungen, Bd. 2, 1886

https://archive.org/details/annettevondroste00schc/page/158/mode/2up Annette von Droste. Ein Lebensbild, 1871

https://archive.org/details/briefe00schgoog Briefwechsel mit der Droste, 1893

Jürgen Fuchs: Vernehmungsprotokolle (1978) – gelesen

Die „Vernehmungsprotokolle“ sind erstmals 1978 erschienen; darin berichtet Jürgen Fuchs, wie es ihm in der U-Heft der Stasi ergangen ist: wie man versucht hat, ihn mürbe zu machen, damit er sich anpasst und seine kritische Haltung gegen die SED-Diktatur aufgibt. Die Beamten, die ihn vernehmen, wechseln – als Personen und mit ihnen die Taktik, aber das Ziel ist immer das gleiche: ihn klein kriegen, mürbe machen, bedrohen, beschimpfen, falsch informieren, durch einen Zellennachbarn unter Druck setzen. Da Fuchs Sozialpsychologie studiert hatte, konnte er seine Erfahrungen bzw. die Taktik der Vernehmer psychologisch reflektieren. Schließlich hat Fuchs gesiegt: Da man ihn nicht besiegen konnte, hat man ihn gegen seinen Willen aus der DDR ausgebürgert. Im Hinterkopf hatte er immer noch seine Träume von einem menschlichen Sozialismus.

Das Buch ist ein weiteres Zeugnis dafür, wie man mit Menschen anderer Meinung nicht umgehen darf, aber weltweit umgegangen ist und umgeht: Die großen Organisationen, seien es Parteien, Staaten, Kirchen, Fußballverbände oder was auch immer, tendieren dazu, große Ungeheuer zu werden – es gilt, sie durch Regeln und öffentliche Kontrolle zu bändigen.

https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Fuchs_(Schriftsteller) (JürgenFuchs)

https://ddr-opposition.de/2014/08/der-leise-terror-des-mfs-gegen-juergen-fuchs/ (über den Terror gegen J. Fuchs)

https://www.kas.de/de/web/die-politische-meinung/artikel/detail/-/content/du-bist-bei-dir-geblieben (Interview mit Lilo Fuchs)

https://www.boell.de/de/2014/09/04/lilo-fuchs (über Lilo und Jürgen Fuchs)

https://www.deutschlandfunkkultur.de/konstrukt-des-unerhoerten.1270.de.html?dram:article_id=191162 (über die „Vernehmungsprotokolle)

https://www.welt.de/kultur/article3695760/Wie-Juergen-Fuchs-die-Stasi-Verhoere-ueberstand.html (dito)

Yu Hua: Brüder. Roman (2012) – gelesen

Im Roman „Brüder“ wird die Geschichte zweier Jungen erzählt, die dadurch Brüder werden, dass ihre verwitweten Eltern einander heiraten. Diese Geschichte spielt sich in einer kleinen Stadt von gut 30.000 Einwohnern in China ab. Der jüngere der beiden, Glatzkopf-Liu, ist ein robuster Kerl voll unerschütterlichen Selbstvertrauens; nachdem er in seiner Kindheit von größeren Jungen schikaniert worden ist, macht er sich einen Namen, als er mit 14 auf einem Klo die Hintern von Frauen betrachtet und dabei erwischt wird. Er bekommt keine Arbeit und wird in eine Behindertenwerkstatt gesteckt; dort macht er sich zum Direktor Liu und erwirtschaftet erstmals Gewinn. Nach einem geschäftlichen Bankrott als Kleiderfabrikant demonstriert der arbeitslose Liu vor dem Amt und sammelt Lumpen; daraus entwickelt sich ein florierendes Second-hand-Geschäft, das der Beginn einer rasanten Karriere als international erfolgreicher Geschäftsmann ist.

Sein Bruder Song Gang ist dagegen ein ruhiger, zurückhaltender Mensch, der einfache Arbeiten erledigt und die von Glatzkopf-Liu erfolglos stürmisch umworbene schöne Lin Hong nach vielen Verwicklungen als Frau gewinnt. Die Bruderschaft der beiden, so haben ihnen die Eltern eingeschärft, ist unzertrennlich; erst in der Rivalität um Lin Hong entzweien sie sich – das Auf und Ab dieser Bruderschaft ist eines der Themen des Romans. Darauf geht es mit Song Gang gesundheitlich und beruflich abwärts, bis er schließlich mit einem Betrüger durch China zieht und Pillen zur Penisvergrößerung sowie Creme zur Brustvergrößerung verkauft. Als er schließlich nach über einem Jahr todkrank nach Hause kommt, erfährt er, dass seine Frau ein Verhältnis mit seinem Bruder hat. Er legt sich vor einen Zug und stirbt.

Damit verbunden wird geschildert, wie China sich in der Zeit zwischen 1960 und 2001 verändert hat: Zuerst waren die Leute kleine Handwerker und Bauern; dann kam die Kulturrevolution, in der Song Gangs Vater nach einer glücklichen zweiten Ehe von gut einem Jahr auf brutale Weise gefoltert und ermordet wird. Nach der Revolution, wo der Pöbel sich schamlos ausgetobt hat, erfolgt dann der wirtschaftliche Aufschwung durch die neue Politik der Öffnung Chinas.

Diese Veränderungen werden an den beiden Brüdern und einigen wenigen Menschen des Städtchens vorgeführt, die immer wieder auftauchen, als Nachbarn und Gegner der beiden Jungen, als Geschäftspartner Glatzkopf-Lius, als selbständige Unternehmer und Weltreisende. Yu Hua schreibt so, dass auf die tiefste Erniedrigung der größte Erfolg Glatzkopf-Lius folgt; der Roman hat also märchenhafte und wegen der Übertreibungen satirische Züge, man könnte ihn im Blick auf Glatzkopf-Liu auch als Schelmenroman bezeichnen. Yu Hua liebt Knalleffekte bzw. Kontraste: In der höchsten und wildesten Liebesekstase erfahren Liu und Lin Hong, dass Song Gang sich das Leben genommen hat. Das wirft beide aus der Bahn. So gehört es sich für eine ordentliche Kolportage.

In einem kleinen Epilog wird erzählt, wie es weitergeht: Liu zieht sich aus dem Geschäft zurück, Lin Hong wandelt sich zur Dame und leitet ein Edelbordell. Liu möchte an einer Raumfahrt teilnehmen und die Asche seines Bruders in eine Umlaufbahn um die Erde befördern.

Ich habe die 750 Seiten mit Freude gelesen, auch wenn man nach einiger Zeit gelegentlich merkt, wohin sich das Geschehen entwickeln muss. Es ist eine leichte Kost mit vielen köstlichen Stellen und mancherlei Trivialitäten.

Ludwig Uhland – ein Rückblick

Ludwig Uhland: ein Rückblick

Das hier wird nur ein ganz kleiner Rückblick, nachdem ich mich intensiver mit einigen Gedichten Uhlands beschäftigt habe. Ich habe viele seiner Gedichte gelesen, wollte alle lesen, habe aber bei den ellenlangen Balladen beizeiten damit aufgehört. Uhlands Balladen befriedigten zu ihrer Zeit ein Bedürfnis, für das es heute Filme gibt und vor 50 Jahren „Heftchen“ gab. Nicht nur wegen der Bekanntheit, sondern auch wegen des Pathos gibt es zum Beispiel von „Des Sängers Fluch“ eine Reihe von Parodien; die Zeit solcher Balladen ist vorbei.

Ein Beispiel nationaler Überheblichkeit bietet die Ballade „Schwäbische Kunde“, in der von einem Kreuzzug Barbarossas erzählt wird:

Nun war ein Herr aus Schwabenland,
Von hohem Wuchs und starker Hand,
Des Rößlein war so krank und schwach,
Er zog es nur am Zaume nach,
Er hätt es nimmer aufgegeben
Und kostet’s ihn das eigne Leben.
So blieb er bald ein gutes Stück
Hinter dem Heereszug zurück;
Da sprengten plötzlich in die Quer
Fünfzig türkische Reiter daher,
Die huben an, auf ihn zu schießen,
Nach ihm zu werfen mit den Spießen.
Der wackre Schwabe forcht sich nit,
Ging seines Weges Schritt vor Schritt,
Ließ sich den Schild mit Pfeilen spicken
Und tät nur spöttlich um sich blicken,
Bis einer, dem die Zeit zu lang,
Auf ihn den krummen Säbel schwang.
Da wallt dem Deutschen auch sein Blut,
Er trifft des Türken Pferd so gut,
Er haut ihm ab mit einem Streich
Die beiden Vorderfüß zugleich.
Als er das Tier zu Fall gebracht,
Da faßt er erst sein Schwert mit Macht,
Er schwingt es auf des Reiters Kopf,
Haut durch bis auf den Sattelknopf,
Haut auch den Sattel noch zu Stücken
Und tief noch in des Pferdes Rücken;
Zur Rechten sieht man wie zur Linken
Einen halben Türken heruntersinken.
Da packt die andern kalter Graus,
Sie fliehen in alle Welt hinaus,
Und jedem ist’s, als würd ihm mitten
Durch Kopf und Leib hindurchgeschnitten.

Als Schüler fand ich diesen tollkühnen Schwaben (Deutschen!) gut, die beiden Verse vom heruntersinkenden Türken kenne ich seitdem auswendig. Ein anderes Lied mit einer bedenklichen Passage ist das „Metzelsuppenlied“ (1815) – ich traue mich fast nicht, es zu zitieren:

Wir haben heut nach altem Brauch
Ein Schweinchen abgeschlachtet;
Der ist ein jüdisch eckler Gauch,
Wer solch ein Fleisch verachtet.
Es lebe zahm und wildes Schwein!
Sie leben alle, groß und klein,
Die blonden und die braunen!

So säumet denn, ihr Freunde, nicht,
Die Würste zu verspeisen,
Und laßt zum würzigen Gericht
Die Becher fleißig kreisen!
Es reimt sich trefflich: Wein und Schwein,
Und paßt sich köstlich: Wurst und Durst,
Bei Würsten gilt’s zu bürsten.

Auch unser edles Sauerkraut,
Wir sollen’s nicht vergessen;
Ein Deutscher hat’s zuerst gebaut,
Drum ist’s ein deutsches Essen.
Wenn solch ein Fleischchen, weiß und mild,
Im Kraute liegt, das ist ein Bild
Wie Venus in den Rosen.
(…)

Dieses Gedicht entfaltet eine witzige Idee, aber ohne heftigen Seitenhieb auf die Juden und ihre Essensgebräuche scheint das Lob der deutschen Küche nicht zu gelingen – ich würde zu Schwein und Sauerkraut übrigens ein Bier und keinen Wein trinken. Ansonsten erklingt bei Uhland das Lob des guten bürgerlichen Lebens, vielleicht auch des spießbürgerlichen Lebens, etwa in „Wanderung“ (1834/35, siehe die Analyse oben!):

Ich kam zum Bürgerhause,

Gern denk‘ ich dran zurück,

Fern vom Parteigebrause

Blüht Tugend hier und Glück.

Lebt häuslich fort, wie heute!

Bald wird vom Belt zum Rhein

Ein Haus voll guter Leute,

Ja! ein Gutleuthaus sein.

Wie gesagt, das sind nur ein paar Eindrücke, aber eben doch an Texten orientierte Eindrücke vom Dichter Ludwig Uhland.

Uhland

http://georgsatke.heimat.eu/safluch.html „Des Sängers Fluch“ – Parodie

https://www.sachsen-lese.de/index.php?article_id=1148 dito

https://www.youtube.com/watch?v=hfXG1yCuJ90 dito,

siehe auch „Des Schadchens Fluch“ u.a.

https://archive.org/details/bub_gb_50EQAAAAYAAJ/page/n3/mode/2up (Uhland: Gedichte, Bd. 1)

https://archive.org/details/bub_gb_TcYMAQAAIAAJ/page/n3/mode/2up (dito, Bd. 2)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Uhland,+Ludwig/Gedichte (Gedichte, Ausgabe letzter Hand, 1862)

https://archive.org/details/ludwiguhlanddie00haaggoog/page/n3/mode/2up (Die Entwicklung des Lyrikers)

https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Uhland (Uhland: Leben)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz6857.html (Uhle: Leben, 2016, knapp)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz6857.html#adbcontent (Leben, 1895 – wesentlich umfangreicher)

https://archive.org/details/bub_gb_e7s5AAAAMAAJ/page/n7/mode/2up (Uhlands Leben, von seiner Witwe, 1874)

https://www.academia.edu/40567951/Ludwig_Uhland_T%C3%BCbinger_linksradikaler_Nationaldichter_Hrsg_von_Georg_Braungart_und_Stefan_Kn%C3%B6dler_T%C3%BCbingen_2012 (Würdigung, 2012)

L. Uhland: Die Malve – Text und Analyse

Ludwig Uhland: Die Malve

Wieder hab‘ ich dich gesehen,

Blasse Malve! blühst du schon?

Ja! mich traf ein schaurig Wehen,

All mein Frühling welkt davon.

Bist du doch des Herbstes Rose,

Der gesunknen Sonne Kind,

Bist die starre, düftelose,

Deren Blüten keine sind.

Gerne wollt‘ ich dich begrüßen,

Blühtest du nicht rosenfarb,

Lögst du nicht das Roth der Süßen,

Die noch eben glüht‘ und starb.

Heuchle nicht des Lenzes Dauer!

Du bedarfst des Scheines nicht;

Hast ja schöne, dunkle Trauer,

Hast ja weißes, sanftes Licht.

Zuerst sollte man sich einige Bilder von Malven anschauen; sie blühen weiß, rosa, rot, pink bis bläulich, vom Frühsommer bis in den Oktober. Blasse Malven gibt es also (V. 2), die durchaus einen rötlichen Schimmer oder Grundton haben können (V. 11). Das lyrische Ich denkt über eine Malve nach und berichtet, dass es sie wieder gesehen hat (V. 1 f.); wieder kann ‚schon zum zweiten Mal in diesem Jahr‘ oder ‚auch in diesem Jahr schon‘ heißen. Es ist überrascht, sie „schon“ (V. 2) blühend zu sehen – es sieht die Malve als „des Herbstes Rose“ (V. 5) an; als solche sei sie unzeitig, weil ihr Erscheinen bedeutete: „All mein Frühling welkt davon.“ (V. 4) Auch „mein Frühling“ ist eher unbestimmt; es kann der Frühling dieses Jahres, es kann aber auch der Frühling des eigenen Lebens sein. Deshalb ist das Ich vom Erblühen der Malve betroffen, empfindet es „ein schaurig Wehen“ (V. 3), und im Ausdruck unangenehmer Überraschung ruft es „Ja!“ (V. 3). In den folgenden vier Versen wird der Herbst-Charakter der Malve umschrieben, wobei die Malve direkt angesprochen wird: des Herbstes Rose, die Blume der zweiten Jahreshälfte mit dem niedrigeren Sonnenstand (V. 6), die düftelose Blume, die als starr (‚tot‘) und in Wahrheit blütenlos abgewertet wird. – Wenn man schaut, was die Bücher über die Malve sagen, so ist eine Zuordnung zum Herbst richtig, aber einseitig, da sie auch im Frühsommer blüht; das Erschrecken über die ersten blühenden Malven erscheint also ein wenig gesucht: um den Herbst-Eindruck zu rechtfertigen, ähnlich wie im Gedicht „Ich sah des Sommers letzte Rose stehn“ oder im Lied „Letzte Rose in unserm Garten“.

In der zweiten Strophe wird, wiederum in zwei Hälften, das eigene Empfinden angesichts der Malve artikuliert: Die Abneigung des Ichs (V. 9 f.) wird damit begründet , dass die Malve das Rot der Rose vortäusche, als ob noch Sommer wäre (V. 11 f.). Nach der Aufforderung, nicht über das Ende „des Lenzes“ (V. 13) hinwegtäuschen, folgt ein versöhnlicher Schluss: „Du bedarfst des Scheines nicht“ (V. 14), also der Rosenähnlichkeit, des Sommerstrahlens. Der Malve werden dann „schöne, dunkle Trauer“ (V. 15) und „weißes, sanftes Licht“ zuerkannt, wobei zwischen dunkel/weiß sich ein Widerspruch auftut. Jedenfalls wird ihr mit „dunkle Trauer“ und „sanftes Licht“ eine eigene Qualität, eben die Herbstqualität zugesprochen.

Die acht Verse einer Strophe bestehen aus vier Trochäen, deren jeder zweite um eine Silbe verkürzt ist (männliche Kadenz, kleine Pause); das kommt mit dem Kreuzreim überein. Je zwei Verse bilden auch eine kleine semantische Einheit, so dass vor allem die Reime der Verse 2/4 und 6/8 zu beachten sind: du blühst schon / mein Frühling eilt davon (2/4); Kind der gesunkenen Sonne / ohne wirkliche Blüten (6/8); du rosenfarb / die Rose starb (10/12); bedarfst des Scheines nicht / hast eigenes Licht (14/16, indirekt ein kleines Wortspiel). Beachtung verdienen die zahlreichen Adjektive, mit denen die Eigenart der Malve (verwelkter Frühling, Herbst) im Gegensatz zur rot glühenden Rose (Sommer) angedeutet wird.

Das Gedicht von 1834 ist eigentlich ein schönes Gedicht; mich stört ein wenig, dass den ersten Malven des Jahres bereits der Herbstcharakter zugesprochen wird, das finde ich ein wenig gesucht. Nun könnten natürlich die Malven vor 200 Jahren später geblüht haben als heute; die einzige Angabe zur Blütezeit, die ich in alten Lexika gefunden habe, ist die im Meyers 1908 zu einer bestimmten Malvenart: „M. crispa L. (Kohlmalve, Kohlpappel), mit tief herz-, fast schildförmigen, meist siebenlappigen, wellig-krausen Blättern und weißlichen, purpurn überlaufenen Blüten, ist ein Sommergewächs in Syrien, in Deutschland gemeines Gartengewächs und kommt auch verwildert vor.“ Zum Vergleich kann man Hebbels „Sommerbild“ von 1848 lesen.

Malve

http://www.zeno.org/Meyers-1905/A/Malva?hl=malve (Meyers, 1908)

https://de.wikipedia.org/wiki/Malven

https://www.hausgarten.net/pflanzen/sommerblumen/malven-pflegen.html

https://www.gartentipps.com/malven-pflanzen-und-pflegen-so-wirds-gemacht.html

Uhland

https://archive.org/details/bub_gb_50EQAAAAYAAJ/page/n3/mode/2up (Uhland: Gedichte, Bd. 1)

https://archive.org/details/bub_gb_TcYMAQAAIAAJ/page/n3/mode/2up (dito, Bd. 2)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Uhland,+Ludwig/Gedichte (Gedichte, Ausgabe letzter Hand, 1862)

https://archive.org/details/ludwiguhlanddie00haaggoog/page/n3/mode/2up (Die Entwicklung des Lyrikers)

https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Uhland (Uhland: Leben)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz6857.html (Uhle: Leben, 2016, knapp)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz6857.html#adbcontent (Leben, 1895 – wesentlich umfangreicher)

https://archive.org/details/bub_gb_e7s5AAAAMAAJ/page/n7/mode/2up (Uhlands Leben, von seiner Witwe, 1874)

Otto Reutter: Der gewissenhafte Maurer

Der gewissenhafte Maurer


    Der Deutsche ist im fremden Land
    Meist als ein Philosoph bekannt.
    Man weiß, er geht zu jeder Stund‘
    Dem kleinsten Anlaß auf den Grund.
    Zu jeder Sache brauchen wir
    ‘ne Menge Zeit und viel Papier.
    Ob Republik, ob Monarchie,
    Der Schlendrian verläßt uns nie.

    Ich hab ein Haus in Berlin, das ist noch wie neu,
    Bloß oben ist ein Loch, da ging ‘was entzwei.
    Nun fehlen da oben ein paar Steine, es müssen neue dorthin.
    Ich sag‘ zu ‘nem Maurer: „Na, die sind doch bald drin?“
        „Aber jewiß, lieber Mann,
        Da fang‘ wa gleich morgen an!“

    Also um Acht soll er anfangen, eine Stunde vergeht,
    Da seh ich ihn ankommen. Ich sage „‘s ist spät!“
    „Ne“, sagt er, „‘s ist Neune, de richtige Zeit,
    Der Weg zählt doch mit, und ich wohne sehr weit.
    Wollt‘ ‘ne Straßenbahn nehmen, keene zu sehen.
    Ruf‘ ‘nen Auto – besetzt. Na, da muß ich doch geh‘n.
        Aber nu geh‘n wa ran,
        Nu fang‘ wa gleich an!“

    Na, nun sieht er sich um, recht gründlich exakt,
    Was er mitgebracht hat, das wird ausgepackt.
    Er guckt rauf nach ‘m Haus, da fehlt ‘n Steen an dem Fleck,
    Also nimmt er ‘n Steen und legt ‘n gleich wieder weg.
    Er sucht erst ‘ne Leiter, um nach oben zu gehen,
    Trägt sie acht Schritte weiter, da schlägt es Zehn.
    Na, nun frühstückt er ‘n bischen, holt sein Pülleken raus,
    Steckt die Pfeife in Brand, die geht fünfzehnmal aus.
        Und wie sie brennt, sagt er dann:
        „Nu fang‘ wa gleich an!“

    Er nimmt noch ‘ne Prise, es ist über Elfe,
    Dann nimmt er den Steen, es ist noch derselbe,
    Da muß er niesen, der Kopf wird ihm schwer
    Er legt den Steen wieder weg, denn sonst gibt‘s ‘n Malheur.
    Er sucht nach ‘nem Tuch, er hat leider keins.
    Ich sag: „Is‘ gut, dann nehm‘ se meins.“
    Na, nun ist ihm wieder wohl, wie ‘m Fisch in der Elbe,
    Dann nimmt er den Steen, es ist noch derselbe
    Und will auf die Leiter, da schlägt es Zwölfe.
    Na, nun legt er den Steen wieder weg, seine Frau bringt das Essen.
    Nach so ‘ner Arbeit, das schmeckt, da wird feste gegessen.
    Sie setzt sich zu ihm, er setzt sich zu ihr.
    Es gibt Karbonade und Gurken und Bier.
    Dann liest er die Zeitung und sagt entrüstet zu ihr:
    „Du, da streiken se schon wieder, die soll‘n schaffen wie wir!“
    Und dann gibt er ihr ‘n Küßchen,
    Und dann schläft er ‘n bisschen,
    Und dann schlägt die Uhr Zwei
    Und dann ist schon die kurze Pause vorbei.
        „Nun“, sagt er, „geht‘s ran.
        Nun fang‘ wa gleich an!“

    Na, nun wird der Lehm umgerührt, der weiche, der gelbe,
    Und dann nimmt er den Steen, es ist noch immer derselbe,
    Da wird ihm schlecht! Die Gurken, das Bier!
    Er legt den Steen wieder weg und nimmt sein Zeitungspapier,
    Denn der Steen wär‘ ja weniger geeignet dafür,
    Und geht an ‘ne Tür und da steht „Hier“.
    Kommt nach Drei wieder raus, aus dem kleinen Gewölbe
    Und dann nimmt er den Steen, es ist noch immer derselbe,
    Und geht nun wirklich ohne Rast, ohne Ruh‘,
    mit dem Steen auf die Leiter. Was sagen se nu‘?
    Sie hat zwanzig Sprossen, jede ‘nen Fußbreit entfernt,
    Aber er geht unverdrossen, gelernt ist gelernt.
    Da! Bei der achtzehnten hält er! Die Uhr schlägt Vier.
    Es ist Feierabend, und er steht hier.
    Nicht oben, nicht unten, die Sache geht schief.
    Er darf nicht mehr weiter, nach dem Tarif.
    Er hat noch zwei Sprossen, aber er darf sie nicht geh‘n,
    Oder achtzehn nach unten, darf er nicht mit dem Steen.
    Was soll er nun machen, so nah am Ziel?
    Er schwankt zwischen Arbeit und Pflichtgefühl.
    Aber ‘s Pflichtgefühl siegt. „Ist egal!“ sagt er grob.
    Und er läßt den Steen fallen, und mir auf ‘n Kopp.
    Und wie ich schimpfe, da sagt er: „Wieso steh‘n Se denn hier?
    Se brauchen keen Kopp mehr, Se können schaffen wir wir!“

Ich habe zuerst gezögert, ob ich dieses Stück Lebenserfahrung in der Philosophie (also42) oder hier unterbringen sollte; dann habe ich beschlossen, die Kategorie KABARETT neu einzuführen, da kann man Otto Reutter gut unterbringen.

Wer sähe nicht im politischen Management der Coronakrise, dass der Schlendrian uns nie verlässt? Wenn man alle Einzelheiten erzählen müsste, wie das FDP-geführte Schulministerium in NRW sich ohne jede Sachkenntnis von Tag zu Tag oder Woche zu Woche durchhangelt… Jetzt müssen die Lehrer in der Schule Coronatests durchführen – nur: Die Tests waren natürlich nicht da, als getestet werden sollte. Und Positiv-Tests dürfen nicht ans Gesundheitsamt gemeldet werden… Und die Eltern werden nicht gefragt, ob sie dem Test zustimmen, sondern müssen Widerspruch einlegen, falls sie ihn nicht wollen… Freiheit, die ich meine…

Liste aller Couplets Otto Reutters: https://otto-reutter.de/index.php/couplets/texte/

L. Uhland: Lauf der Welt – Text und Analyse

Ludwig Uhland: Lauf der Welt

An jedem Abend geh' ich aus,
Hinauf den Wiesensteg.
Sie schaut aus ihrem Gartenhaus.
Es stehet hart am Weg.
Wir haben uns noch nie bestellt,
Es ist nur so der Lauf der Welt.

Ich weiß nicht, wie es so geschah,
Seit lange küss' ich sie.
Ich bitte nicht, sie sagt nicht: ja!
Doch sagt sie: nein! auch nie.
Wenn Lippe gern auf Lippe ruht,
Wir hindern's nicht, uns dünkt es gut.

Das Lüftchen mit der Rose spielt,
Es fragt nicht: hast mich lieb?
Das Röschen sich am Thaue kühlt,
Es sagt nicht lange: gieb!
Ich liebe sie, sie liebet mich,
Doch Keines sagt: ich liebe dich!

Das 1808 veröffentlichte Gedicht erinnert mich an das „Frühlingslied des Rezensenten“, in dem die poetisch übliche Frühlingsbegeisterung nur gedämpft erklingt; so ist es hier mit der Liebe, die ganz unromantisch als ein Ergebnis vom „Lauf der Welt“ dargestellt wird. Der Erzähler berichtet, wie er abends immer einen Spaziergang unternimmt (1. Str.). Dann denkt er nach, wie es dazu gekommen ist, dass er dann regelmäßig eine Sie in ihrem Gartenhaus küsst, und was davon zu halten ist (2. Str.). In der dritten Strophe rechtfertigt er zunächst durch zwei Analogien sein sprachloses erotisches Verhältnis (Lüftchen – Rose, Röschen – Tau; ich – sie); er stellt dann ganz prosaisch fest: „Ich liebe sie, sie liebet mich“ (V. 17), um abschließend eine überraschende Tatsache festzuhalten: „Doch Keines sagt: ich liebe dich!“ (V. 18)

Die gleiche Sprachlosigkeit hat er schon vorher erwähnt: „Ich bitte nicht, sie sagt nicht: ja! / Doch sagt sie: nein! auch nie.“ (V. 9 f.) Und er rechtfertigt dieses stumme Einverständnis so: „Wenn Lippe gern auf Lippe ruht, / Wir hindern‘s nicht, uns dünkt es gut.“ (V. 11 f.) Dem Drang zu schmusen geben die beiden also einfach nach, „uns dünkt es gut“. Offensichtlich sind die beiden nicht anderweitig gebunden, da er allein spazieren geht und sie regelmäßig aus dem Gartenhaus herausschaut, zum Küssen bereit. Der Antrieb ist bei beiden – ganz gegen die romantische Vorstellung davon, füreinander bestimmt zu sein – einfach die Tatsache, dass „Lippe gern auf Lippe ruht“, dass also Knutschen Spaß macht. Und dabei bleibt es dann auch, das ist unsere Liebe, sagt der Sprecher (V. 17).

„Doch Keines sagt: ich liebe dich!“ (V. 18) Ob man hier der Neutrum-Form „Keines“ besondere Beachtung schenken muss? Ich erwartete eigentlich „Keiner“ – ob das Neutrum im Verbund mit dem stummen Knutschen und den rein ereignishaften Naturanalogien etwas zu bedeuten hat? Ich denke schon; es steht für Akteure, die als Naturwesen, also vorpersonal agieren, weil es so schön ist, die nach Freud vom Lustprinzip bestimmt sind. Nehmen wir es zur Kenntnis, dass auch solch ein Verhältnis schon 1808 den Weg ins Gedicht gefunden hat – realistisch ist es auf jeden Fall.

Die sechs Verse einer jeden Strophe bestehen aus vier Versen, die im Kreuzreim verbunden sind; dabei zählt der erste Vers vier, der zweite drei Jamben. Da je zwei Verse semantisch und syntaktisch zusammengehören, entsteht zweimal so etwas wie ein Langvers. Die Verse 5 und 6 jeder Strophe bestehen aus vier Trochäen und reimen sich im Paarreim; sie heben sich deutlich von den ersten vier Versen ab, so dass jede Strophe eigentlich aus zwei Teilen besteht. V. 5 f. und V. 11 f. stellen eine Art Kommentar zu den vorhergehenden vier Versen dar; in V. 17 f. wird die in V. 13-16 begonnene Analogie zu Ende geführt. Die Reime markieren durchweg sinnvolle semantische Zusammenhänge, z.B. ich geh‘ aus – sie schaut aus dem Haus (V. 1/3); nie bestellt – der Lauf der Welt (V. 5/6), usw.

Fazit: ein ungewöhnliches Gedicht, das man schön mit einem Gedicht romantischer Liebe vergleichen (lassen) könnte.

https://archive.org/details/bub_gb_50EQAAAAYAAJ/page/n3/mode/2up (Uhland: Gedichte, Bd. 1)

https://archive.org/details/bub_gb_TcYMAQAAIAAJ/page/n3/mode/2up (dito, Bd. 2)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Uhland,+Ludwig/Gedichte (Gedichte, Ausgabe letzter Hand, 1862)

https://archive.org/details/ludwiguhlanddie00haaggoog/page/n3/mode/2up (Die Entwicklung des Lyrikers)

https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Uhland (Uhland: Leben)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz6857.html (Uhle: Leben, 2016, knapp)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz6857.html#adbcontent (Leben, 1895 – wesentlich umfangreicher)

https://archive.org/details/bub_gb_e7s5AAAAMAAJ/page/n7/mode/2up (Uhlands Leben, von seiner Witwe, 1874)

L. Uhland: Auf eine Tänzerin – Text und Analyse

Ludwig Uhland: Auf eine Tänzerin

Wenn du den leichten Reigen führest,
Wenn du den Boden kaum berührest,
Hinschwebend in der Jugend Glanz;
In jedem Aug' ist dann zu lesen,
Du seiest nicht ein irdisch Wesen,
Du seiest Aether, Seele ganz.

Mir aber grauet: wenn nach oben
Du würdest plötzlich nun enthoben,
Wie wärest, Seele, du bereit? -
Wohlan! der sich auf Blumen schaukelt,
Der Schmetterling, der ewig gaukelt,
Ist Sinnbild der Unsterblichkeit.

Schiller und Morgenstern haben ein Gedicht über den Tanz geschrieben, Uhland wendet sich direkt an eine Tänzerin („du“, V. 1), ohne dass sie diese Worte hören müsste. Das Gedicht ist wohl 1825 entstanden und 1829 veröffentlicht worden. In der ersten Strophe werden zuerst die leichten Bewegungen der Tänzerin, die man sich wohl als eine Ballerina vorstellen kann, beschrieben oder eher angedeutet (V. 1-3), wobei „schwebend“ bzw. „Hinschwebend“ das Partizip des Verbs ist, welches die Bewegung der Tänzerin an besten charakterisiert. Den leichten Reigen führen (V. 1), das kann anführen oder ausführen bedeuten; da keine anderen Tänzerinnen erwähnt sind, halte ich „ausführen“ für die plausiblere Lesart. In der zweiten Hälfte der ersten Strophe wird berichtet, wie sie auf die Zuschauer wirkt: wie ein überirdisches Wesen, wie „Äther“ oder „Seele“, also ohne Stoff, ohne Körper. Das ist natürlich paradox, dass körperliche Bewegung den Eindruck des Körperlosen erweckt; deshalb liest man die Konjunktive I („seiest“, V. 5 und 6) wohl am besten wie Konjunktive II, so dass man zu einem irrealen Vergleich käme, womit dann die Paradoxie behoben wäre – es sei denn, man bestände darauf, gerade dieses Paradoxe der körperlosen Körperbewegung festhalten zu wollen.

Syntaktisch ist Strophe 1 eigentlich ein einziger Satz (Wenn – dann, mit zwei Objektsätzen zum Hauptverb „lesen“). Die sechs Verse bestehen aus vier Jamben, wobei in dem Reimschema a – a – b – c – c – b die b-Reime eine männliche Kadenz aufweisen, während die anderen Reime eine zusätzliche Silbe besitzen. Das führt zu einem klaren Einschnitt im Sprechen hinter V. 3 und V. 6 (entsprechend dem Satzbau), während die anderen Verse leicht und schwebend ausklingen. Die reimenden Verse passen auch semantisch zueinander, a: der Tanz, c: lesen + Inhalt, b: das Schwebende.

Auch die zweite Strophe ist formal wie die erste aufgebaut, nur dass sie aus zwei selbständigen Sätzen besteht. In der ersten Hälfte grenzt sich der Ich-Sprecher von dem ab („aber“, V. 7), was in jedem Auge zu lesen ist (vgl. V. 4): Ihn ergreift beim Betrachten immer (so muss man das Präsens „grauet“, V. 7, lesen) ein Grauen, also ein das Innerste berührender Schrecken, dass die Tänzerin tatsächlich als Seele „nach oben“ entschwinden könnte (V. 7 f.), und er fragt sie: „Wie wärest, Seele, du bereit?“ (V. 9) Aber er erwartet keine Antwort von ihr, wie es in einem persönlichen Gespräch der Fall wäre, sondern gibt sich selber eine beruhigende Antwort (V. 10-12); daran sieht man, dass es sich insgesamt nur um ein fiktives Gespräch im Inneren des lyrischen Ichs handelt. Die Interjektion „Wohlan!“ (V. 10) zeigt schon, dass der Sprecher eine gute Antwort gefunden hat; er hat zwischen der schwebenden Tänzerin und dem leicht gaukelnden Schmetterling eine Gleichheit oder zumindest Ähnlichkeit erkannt und tröstet sich in seiner Befürchtung damit, dass der Schmetterling „Sinnbild der Unsterblichkeit“ (V. 12) ist.

„Schmetterling heißt im Griechischen Psyche und ist damit das gleiche Wort für die menschliche Seele. Das altgriechische Seelentier war ein Nachtfalter, während in der hellenistischen Zeit ein Tagfalter gemeint war. Dies zeigt an, dass für seelische Prozesse und Wandlungen der Schmetterling als ein geeignetes Symbol erschien. Besonders beeindruckt hat den Menschen die Tatsache, dass sich eine eher unattraktive Raupe durch den Verpuppungsprozess in ein solch schönes, ätherisches Gebilde verwandeln konnte, dass sich dann frei in die Luft und in die Sonne erheben konnte. So wurde dieser Verwandlungsprozess häufig zu einem Bild der Verwandlungskraft des Menschen vom Gebundensein im Materiellen hin zur inneren Freiheit und zur Göttlichkeit.“ Das ist ein Auszug aus dem Artikel „Schmetterling“ auf symbolonline. Die wesentliche Ähnlichkeit zwischen der Tänzerin und dem Schmetterling, die beim Sprecher zur Hoffnung auf „Unsterblichkeit“ führt, beruht auf dem leichten Schweben und verkennt oder übersieht den Gedanken der Verwandlung; die Analogie trifft also nicht den Kern des Schmetterlingsymbols, wie ja auch die Befürchtung, die Tänzerin könnte „enthoben“ werden, reichlich gesucht ist. Ich befürchte, dass aus dem alten Symbol die Befürchtung herausgesponnen ist, um sie dann entkräften zu können. Das macht das schöne Gedicht zu einem verkopften Gebilde – schade für ein Gedicht „Auf eine Tänzerin“!

https://archive.org/details/bub_gb_50EQAAAAYAAJ/page/n3/mode/2up (Uhland: Gedichte, Bd. 1)

https://archive.org/details/bub_gb_TcYMAQAAIAAJ/page/n3/mode/2up (dito, Bd. 2)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Uhland,+Ludwig/Gedichte (Gedichte, Ausgabe letzter Hand, 1862)

https://archive.org/details/ludwiguhlanddie00haaggoog/page/n3/mode/2up (Die Entwicklung des Lyrikers)

https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Uhland (Uhland: Leben)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz6857.html (Uhle: Leben, 2016, knapp)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz6857.html#adbcontent (Leben, 1895 – wesentlich umfangreicher)

https://archive.org/details/bub_gb_e7s5AAAAMAAJ/page/n7/mode/2up (Uhlands Leben, von seiner Witwe, 1874)

Ludwig Uhland: Wanderung

Ludwig Uhland: Wanderung

Ich nahm den Stab zu wandern,
Durch Deutschland ging die Fahrt,
Man pries mir ja vor andern
Der Deutschen Sinn und Art.
Dem Lande blieb ich ferne,
Wo die Orangen glühn;
Erst kennt ich jenes gerne,
Wo die Kartoffeln blühn.

Ich kam zum Fürstenhofe,
Wo man die Künste kränzt,
Wo Prunksaal und Alkove
Von Götterbildern glänzt.
Ein Baum, der nicht im groben
Volksboden sich genährt,
Nein einer, der nach oben
Sogar die Wurzeln kehrt!

Ich ging zur Hohenschule,
Da schöpft ich reines Licht,
Wo vom Prophetenstuhle
Die wahre Freiheit spricht;
Wo uns der Meister täglich
Den innern Sinn befreit,
Indes ihm selbst erträglich
Der ird’sche Leib gedeiht.

Ich schritt zum Sängerwalde,
Da sucht ich Lebenshauch;
Da saß ein edler Skalde
Und pflückt‘ am Lorbeerstrauch;
Nicht hatt er Zeit, zu achten
Auf eines Volkes Schmerz,
Er konnte nur betrachten
Sein groß, zerrissen Herz.

Ich ging zur Tempelhalle,
Da hört ich christlich Recht:
Hier innen Brüder alle,
Da draußen Herr und Knecht!
Der Festesrede Giebel
War: duck dich! schweig dabei?
Als ob die ganze Bibel
Ein Buch der Kön’ge sei.

Ich kam zum Bürgerhause,
Gern denk ich dran zurück,
Fern vom Parteigebrause
Blüht Tugend hier und Glück.
Lebt häuslich fort wie heute!
Bald wird vom Belt zum Rhein
Ein Haus voll guter Leute,
Ja! ein Gutleuthaus sein.

Ich ging zum Hospitale,
Da fand ich alles nett,
Viel Grütz und Kraut zum Mahle
Und reinlich Krankenbett;
Auch sorgt ein schön Erbarmen
Für manch verwahrlost Kind.
Wer denkt des Volks von Armen,
Die altverwahrlost sind?

Ich saß im Ständesaale,
Da schlief ich ein und träumt,
Ich sei noch im Spitale,
Den ich doch längst geräumt.
Ein Mann, der dort im Fieber,
Im kalten Fieber lag,
Er rief: nur nichts, mein Lieber,
Nur nichts vom Bundestag!

Ich mischte mich zum Volke,
Das nach dem Festplatz zog,
Wo durch die Staubeswolke
Manch dürrer Renner flog;
Da lernt es, daß die Eile
Den Reiter überstürzt
Und daß man gut die Weile
Mit Wurst und Bier sich kürzt.

Ein Adler, flügelstrebend,
War Reichspanier hievor,
Ich sah ihn noch, wie lebend,
Zu Nürnberg an dem Tor.
Jetzt fliegt man nicht zum Zwecke,
Der Wahlspruch ist: Gott geb’s!
Das Wappen ist die Schnecke,
Schildhalter ist der Krebs.

Als ich mir das entnommen,
Kehrt ich den Stab nach Haus;
Wann einst das Heil gekommen,
Dann reis ich wieder aus:
Wohl werd ich’s nicht erleben,
Doch an der Sehnsucht Hand
Als Schatten noch durchschweben
Mein freies Vaterland.

Das Gedicht, 1834 geschrieben, wurde 1835 veröffentlicht. Es ist in der Zeit der schlimmsten politischen Restauration bzw. Reaktion in Deutschland entstanden und gehört so mit seiner beinahe dezenten Kritik in den Vormärz. Poetisch ist es als politisch-kritisches eher anspruchslos; hier sollen nur für Schüler einige Hinweise zum Verständnis gegeben werden, nach Strophen sortiert:

Überschrift: Die „Wanderung“ macht es möglich, verschiedene Stationen Deutschlands zu besuchen und zu prüfen, was sie zum Allgemeinwohl des Volkes beitragen.

(1) Das Land, wo die Orangen glühn, ist Italien; Uhland spielt auf Goethes Gedicht „Kennst du das Land…“ an. Orangen-Kartoffeln ist ein hübscher Kontrast, etwa im Sinn von edel-bodenständig.

(2) Den hervorragenden Dichtern wurden Kränze verliehen; die Götterbilder sind Statuen, welche Kunstsinn demonstrieren. Die Metapher vom Baum für Fürstenhof ermöglicht es, die Perversion des feinen Lebens dort anzudeuten.

(3) Die Beschreibung der Universität ist voller Ironie (reines Licht der Wahrheit, Lehrstuhl = Prophetenstuhl, Befreiung des Geistes), markiert durch den Kontrast ‚innerer Sinn / irdischer Leib‘, also durch die Banalisierung des Erhabenen.

(4) Der Sängerwald ist der Ort der Dichter; der alte Skalde ist nur um seinen Ruhm bemüht (um den Lorbeerkranz), s. Str. 2; der Kontrast ‚des Volkes Schmerz / sein „zerrissen“ Herz‘ offenbart die egozentrische Beschränktheit des Dichters, der nicht am Wohlergehen des Volkes interessiert ist.

(5) Die Tempelhalle ist der christliche Dom bzw. eine Kirche; wieder offenbart der Kontrast ‚drinnen (angeblich) Brüder / draußen (in Wahrheit) Herr und Knecht‘, wie es um die Glaubwürdigkeit der frommen Reden bestellt ist, die nur dem Bündnis von Thron und Altar dienen. Dazu passt die „christliche“ Aufforderung „duck dich!“; die bloßen Namen der zwei bzw. vier biblischen Bücher der Könige (AT) werden hier zur Charakterisierung des „christlichen“ Umgangs mit der Bibel als Mittel der Unterdrückung genommen.

(6) Das Haus der einfachen Bürger erscheint als Ort des guten Lebens, weshalb die Bürger zum häuslich-einträchtigen Leben aufgefordert werden und die Einheit des Vaterlands metaphorisch als „ein Gutleuthaus“ gesehen wird.

(7) Das Hospital wird als Vorbild für die Fürsorge für das „arme“ Volk erkannt; Kontrast ‚Kind – altverwahrlost‘ (Neologismus).

(8) Der Ständesaal ist der Ort, wo die Ständeversammlung tagt. Über die Landstände muss man sich bei den Historikern informieren: https://historisches-lexikon.li/Landst%C3%A4nde oder http://www.zeno.org/Meyers-1905/A/Landst%C3%A4nde oder https://de.wikipedia.org/wiki/Landschaft_(Landst%C3%A4nde). Ob das Einschlafen des Sprechers damit zu tun hat, dass im Ständesaal nichts mehr passiert? Zumindest dient es dazu, den Traum mit dem fiebernden Mann zu rechtfertigen, mit seinem Ruf „Nur nichts vom Bundestag!“. Der Bundestag des Deutschen Bundes versagte als Organ in den Augen Uhlands offensichtlich, s. https://www.geschichte-abitur.de/restauration-und-vormarz/deutscher-bund oder https://www.bundestag.de/parlament/geschichte/parlamentarismus/anfaenge.

(9) Durch das Bild vom stürzenden Reiter wird angeblich klar, dass man „[m]it Wurst und Bier“ in aller Seelenruhe besser lebt; ich lese das als ironische Kritik am Spießbürger, dem alles egal ist, wenn er bloß Kirmes und Karneval feiern darf. Man muss auf die Spannung zu (6) achten, ebenso darauf, dass Uhland selber (nicht nur) mit seinem Metzelsuppenlied in eine gefährliche Nähe zu den Spießbürgern gerät.

(10) „Reichsadler nennt man den Adler derjenigen Staatsgebilde, die sich durch das Adlersymbol auf eine Reichsidee beziehen und – mittelbar oder unmittelbar – an die Tradition des Römischen Reiches anknüpfen oder diesen Anspruch verfolgen.“ (Wikipedia) Im Wappen der Stadt Nürnberg befindet sich ein Adler, s. https://de.wikipedia.org/wiki/Wappen_der_Stadt_N%C3%Bcrnberg. Dem früheren fliegenden Adler werden als Symbole des gegenwärtigen Zustands des Reiches Schnecke (langsam) und Krebs (rückwärts gehen) gegenübergestellt. Der Wahlspruch „Gott geb‘s!“ verschleiert nicht einmal die eigene Faulheit und Untätigkeit, vgl. (9).

(11) Das Demonstrativum „das“ fasst alle Erlebnisse der Reise zusammen: Die Gegenwart ist in Deutschland politisch heillos, dazu steht die Hoffnung im Kontrast („einst“), dass der Sprecher irgendwann nach seinem Tod als Schatten noch die Freiheit Deutschlands erleben wird.

Die Form des Gedichtes ist schlicht. Jede Strophe besteht aus acht Versen zu drei Jamben, wobei jeweils der erste, dritte, fünfte und siebte Vers eine Silbe zusätzlich haben (weibliche Kadenz); das passt zumKreuzreim. Jeweils zwei Verse bilden eine semantische und oft auch syntaktische Einheit, so dass man nur von den Reimen der jeweils zweiten Verse einen semantischen Bezug erwarten darf. Ich spiele das für Str. 1 durch: Fahrt durch Deutschland – der Deutschen Art (Entsprechung); wo die Orangen glühn – die Kartoffeln blühn (Kontrast).

Das Ziel des Gedichtes ist weniger poetisch als politisch: eine deutliche Kritik (allerdings nur wenig über Stammtischniveau) an den verbreiteten Missständen (besser Mißständen), ohne eine Anleitung zum Handeln oder gar die Idee eines Aufstandes – außer der sehnsüchtigen Hoffnung (11) auf Besserung hat der Sprecher nichts zu bieten, siehe auch (6)! Der Vormärz zeichnet sich in seiner Radikalität erst am Horizont ab. Trotzdem bietet das Gedicht einen Anlass, sich mit der bleiernen Zeit 1815–1848 und den Fragen der nationalen Einheit und der Freiheit zu befassen.

Text

https://archive.org/details/bub_gb_50EQAAAAYAAJ/page/n101/mode/2up (Original) = http://www.zeno.org/Literatur/M/Uhland,+Ludwig/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+letzter+Hand)/Vaterl%C3%A4ndische+Gedichte/15.+Wanderung

Vormärz

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch/artikel/vormaerz-und-junges-deutschland

https://www.inhaltsangabe.de/wissen/literaturepochen/vormaerz/

Uhland

https://archive.org/details/bub_gb_50EQAAAAYAAJ/page/n3/mode/2up (Uhland: Gedichte, Bd. 1)

https://archive.org/details/bub_gb_TcYMAQAAIAAJ/page/n3/mode/2up (dito, Bd. 2)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Uhland,+Ludwig/Gedichte (Gedichte, Ausgabe letzter Hand, 1862)

https://archive.org/details/ludwiguhlanddie00haaggoog/page/n3/mode/2up (Die Entwicklung des Lyrikers)

https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Uhland (Uhland: Leben)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz6857.html (Uhle: Leben, 2016, knapp)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz6857.html#adbcontent (Leben, 1895 – wesentlich umfangreicher)

https://archive.org/details/bub_gb_e7s5AAAAMAAJ/page/n7/mode/2up (Uhlands Leben, von seiner Witwe, 1874)

Ludwig Uhland: Entschuldigung – Text und Analyse

Ludwig Uhland: Entschuldigung

Was ich in Liedern manchesmal berichte
Von Küssen in vertrauter Abendstunde,
Von der Umarmung wonnevollem Bunde,
Ach! Traum ist, leider, Alles und Gedichte.

Und du noch gehest mit mir in‘s Gerichte,
Du zürnest meinem prahlerischen Munde:
Von nie gewährtem Glücke geb‘ er Kunde,
Das, selbst gewährt, zum Schweigen stets verpflichte.

Geliebte, laß den strengen Ernst sich mildern
Und lächle zu den leichten Dichterträumen,
Dem unbewußten Spiel, den Schattenbildern!

Der Sänger ruhet schlummernd oft im Kühlen,
Indes die Harfe hänget unter Bäumen
Und in den Saiten Lüfte säuselnd wühlen.

Nach der intensiven Arbeit am Gedicht „Der Mohn“ ist erstens auch das Gedicht „Entschuldigung“ (entstanden 1811, veröffentlicht 1815) leicht zu verstehen, weil es die gleiche Idee ausdrückt; es braucht zweitens daher nur eine kurze Analyse. Es handelt sich um ein Sonett; die Verse bestehen aus fünf Jamben plus einer Silbe (weibliche Kadenz, winzige Pause); die Quartette reimen sich in umarmendem Reim, die Terzette in der Form a – b – a c – b – c, sind also in einander verschlungen.

Ein dichterisches Ich reflektiert seine Liebesgedichte (V. 1-3) und kommt zu dem enttäuschenden (leider, V. 4) Ergebnis, dass alles bloß „Traum“ ist, nur „Gedichte“ (V. 4), aber eben nicht erlebte Wirklichkeit. Die reimenden Verse passen gut zusammen: was ich berichte / sind nur Gedichte (V. 1/4); Küsse und Umarmungen (V. 2/3).

Dann wird überraschend ein Du angesprochen (V. 5) und dabei von dessen Vorwurf berichtet, dass das Erdichtete alles nicht wahr sei (V. 5-7), und gerade wenn es wahr wäre, aus Diskretion nicht beschrieben werden dürfte (V. 8). Das sind also zwei Vorwürfe, die sich gegen die eigenen Liebesgedichte richten. Die reimenden Verse 6/7 passen gut zusammen.

In den Terzetten verteidigt der Dichter sein Dichten gegen besagte Vorwürfe. Das angesprochene Du wird als „Geliebte“ identifiziert (V. 9), ihre Kritik bekommt damit nachträglich eine persönliche Note – man könnte die Kritik eimal so lesen, dass die geliebte Frau sich darüber beklagt, dass der Ich-Dichter seine Erotik eher verbal als praktisch auslebe (V. 6 f.); man kann aber auch in Anlehnung an V. 8 stärker den Vorwurf der Indiskretion hören; vielleicht aber sollte man trotz der Anrede „Geliebte“ die Vorwürfe weniger persönlich als sachlich nehmen: Liebesgedichte seien luftiges Geschwätz, wäre dann der Tenor der Kritik.

Im ersten Terzett bittet das Ich versöhnlich um Nachsicht, um ein weniger strenges Urteil ( lasse sich mildern, V. 9; lächle, V. 10); zur Begründung verweist er auf den Charakter der Liebesgedichte – das seien schließlich [zu ergänzen: nur] leichte Dichterträume, unbewusstes Spiel, Schattenbilder. Diese drei Bestimmungen des gedichteten Liebesgeschehens sind die gleichen Charakteristika, die im Gedicht „Der Mohn“ jeglicher Dichtung zugesprochen werden. Wichtig sind hier noch die Attribute „leicht“, „unbewußt“ und das Bestimmungswort „Schatten“ (V. 10 f); sie geben den ohnehin schon relativierenden Nomina „Träume, Spiel, Bilder“ noch einmal einen leichten spielerischen Hauch – solche Gedichte soll und darf man nicht für Erlebnislyrik halten, sagt der Romantiker Ich/Uhland, sondern eben für Dichtung.

Zur erklärenden Begründung seiner Bitte um Nachsicht fügt das sprechende Ich einen Hinweis darauf hinzu, wie solche Gedichte (angeblich) zustande kommen (V. 12-14): Während der Sänger draußen in der Natur schlummert, bewegt der säuselnde Wind die Saiten der Harfe und entlockt ihnen die Liebeslieder; die entstehen also quasi von selbst, ein Naturgeschehen, das man keinem Ich zurechnen darf – wobei der Traumcharakter (V. 10) sich aus dem Schlummern des Dichters (V. 12) ergibt, der Spielcharakter (V. 11) aus dem Säuseln des Windes (V. 14). – Was nicht zum Säuseln passt, ist das Verb „wühlen“ (V. 14), das sich dem Reimzwang (zu „im Kühlen“, V. 12) verdankt. Von den übrigen Reimen sind nur V. 9/11 sinnvoll, bei den anderen bleibt es beim Gleichklang.

Auch „Entschuldigung“ ist ein poetologisches Gedicht Uhlands, hier speziell auf die Liebeslyrik bezogen. Aber im Zusammenhang mit „Der Mohn“ und „In ein Stammbuch“ darf man die Idee getrost auf die ganze Lyrik ausweiten. Zum poetischen Programm Uhlands sollte man noch „Freie Kunst“ (1813) zur Kenntnis nehmen, wo mich nur „der deutsche Gott“ im letzten Vers ein wenig irritiert.

https://archive.org/details/bub_gb_50EQAAAAYAAJ/page/n3/mode/2up (Uhland: Gedichte, Bd. 1)

https://archive.org/details/bub_gb_TcYMAQAAIAAJ/page/n3/mode/2up (dito, Bd. 2)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Uhland,+Ludwig/Gedichte (Gedichte, Ausgabe letzter Hand, 1862)

https://archive.org/details/ludwiguhlanddie00haaggoog/page/n3/mode/2up (Die Entwicklung des Lyrikers)

https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Uhland (Uhland: Leben)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz6857.html (Uhle: Leben, 2016, knapp)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz6857.html#adbcontent (Leben, 1895 – wesentlich umfangreicher)

https://archive.org/details/bub_gb_e7s5AAAAMAAJ/page/n7/mode/2up (Uhlands Leben, von seiner Witwe, 1874)

L. Uhland: Der Mohn – Text und Analyse

Ludwig Uhland: Der Mohn

Wie dort, gewiegt von Westen,
Des Mohnes Blüthe glänzt!
Die Blume, die am besten
Des Traumgotts Schläfe kränzt;
Bald purpurhell, als spiele
Der Abendröthe Schein,
Bald weiß und bleich, als fiele
Des Mondes Schimmer ein.

Zur Warnung hört‘ ich sagen,
Daß, der im Mohne schlief,
Hinunter ward getragen
In Träume, schwer und tief;
Dem Wachen selbst geblieben
Sei irren Wahnes Spur,
Die Nahen und die Lieben
Halt‘ er für Schemen nur.

In meiner Tage Morgen,
Da lag auch ich einmal,
Von Blumen ganz verborgen,
In einem schönen Thal.
Sie dufteten so milde!
Da ward, ich fühlt‘ es kaum,
Das Leben mir zum Bilde,
Das Wirkliche zum Traum.

Seitdem ist mir beständig,
Als wär‘ es so nur recht,
Mein Bild der Welt lebendig,
Mein Traum nur wahr und ächt;
Die Schatten, die ich sehe,
Sie sind, wie Sterne, klar.
O Mohn der Dichtung! wehe
Um‘s Haupt mir immerdar! 

Dieses Gedicht aus dem Jahr 1829 hat mich überrascht und gibt mir zu denken, weil es eines der großen Themen des Philosophierens streift: die Frage nach dem, was wirklich ist. Dabei fängt es ganz harmlos an, mit einem begeisterten Ausruf des erlebenden lyrischen Ichs: „Wie dort … glänzt!“ (V. 1 f.) Das erinnert direkt an Goethes „Maifest“: „Wie herrlich leuchtet …“. Es ist die im Sonnenschein glänzende Blüte des Mohns (V. 2), die bald purpur, bald weiß erscheint (V. 5 ff.); diese Farbspiele bringt das Ich in zwei irrealen Vergleichen mit der Abendröte und dem Mondschimmer in eine gedankliche Verbindung und bereitet so auf die Assoziation Nacht-Schlaf-Traum vor, welche schon durch das Attribut der Blume (V. 3 f.) zart angedeutet wird: „die am besten / Des Traumgotts Schläfe kränzt“.

Schließlich unterteilt sich die Gattung Mohn in Arten, die medizinisch stark wirksame – insbesondere schlafbringende und schmerzlindernde – Inhaltsstoffe enthalten, wie z. B. der Schlafmohn (Papaver somniferum), und Arten, die diese Inhaltsstoffe so gut wie nicht aufweisen, wie z. B. der Klatschmohn (Papaver rhoeas). […] Eine Reihe von symbolischen Aussagen in der bildenden Kunst stehen in direktem Zusammenhang mit den bekannten Wirkungen des Mohns bzw. des Opiums. Dazu gehören insbesondere der Schlaf, der Traum, das Vergessen, der Trost und der Tod. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass Mohn auf Bildern im Zusammenhang mit entsprechenden Gottheiten, insbesondere auf Bildern der antiken Götterfamilie Nyx (Göttin der Nacht) mit ihren Söhnen Thanatos (Gott des Todes) und Hypnos (Gott des Schlafes) und dessen Sohn Morpheus (Gott der Träume), symbolische Verwendung findet. Oft kommt auf diesen Bildern nicht die Mohnpflanze oder Mohnblüte zur Abbildung, sondern die Mohnkapsel, aus der das Opium gewonnen wird. (P. Schmersahl: Mohn in der bildenden Kunst – Eine Pflanze zwischen Traum und Tod. In: Deutsche Apothekerzeitung 5/2003) Der Traumgott ist Hypnos, zu ihm gehört (V. 4) der Mohn als schlafbringende Blume und Arznei. Dieses Attribut zu „Blume“ (V. 3) ist eine Art Kommentar des lyrischen Ichs und bereitet zusammen mit den irrealen Vergleichen das Thema „Wirklichkeit und Traum“ vor.

Danach fällt dem Ich etwas ein und es berichtet, was es vom Mohn hat sagen hören (V. 9 ff., 2. Str.): Wer im Mohn(feld) schlafe, werde in tiefe Träume (Alliteration) getragen und verfalle dem Wahn, so dass er die „Nahen und Lieben“ nur für Schemen halte. Schemen: eine nur undeutlich erkennbare, verschwommene Gestalt, Schatten; eine farblose unkörperliche Figur. Wer im Mohnfeld schlafe, dem entziehe sich also die Wirklichkeit; sie löse sich in eine farbloses Bild auf. Das hat man dem Ich „[z]zur Warnung“ (V. 9) gesagt, um es vor dem so drohenden Verlust zu bewahren. Die Erinnerung stellt sich wohl als Assoziation zum Stichwort „Traumgott“ (V. 4) → „Träume“ (V. 12) ein.

Das Ich erinnert sich dann, wiederum assoziativ, an eine Episode aus seiner Kindheit oder Jugend („Morgen“ der Tage, V. 17, deutet eher auf Kindheit hin): Wie es in einem Tal in einem Feld duftender Blumen lag (V. 18 ff.). Da wurde unmerklich „Das Leben mir zum Bilde, / Das Wirkliche zum Traum“ (V. 23 f.). Dieses Kindheitserleben ist der Punkt, den das Gedicht in einem ersten Schritt ansteuert. Leben und Wirklichkeit gehören in diesen parallelen Aussagen zusammen, ebenso Bild und Traum; Bild und Traum erhellen sich gegenseitig und bezeichnen etwas Un-Wirkliches, was sich dem Zugriff entzieht, worauf schon mit der Warnung vor den Schemen (V. 16) hingewiesen wurde. Diesem Erleben eignet jedoch entgegen der Warnung nichts Bedrohliches; es ereignete sich in einer Situation, die mit Blumen / schön / milde (V. 19 ff.) umschrieben wird.

Abschließend erklärt das Ich, welche Folgen dieses Erleben gehabt hat: Es erscheint ihm seitdem als die einzig richtige Form des Erlebens (V. 25 f.), als wäre (irrealer Vergleich, Konjunktiv II, V. 26) „Mein Bild der Welt lebendig, / Mein Traum nur wahr und ächt“ (V. 27 f.). Entgegen der Warnung sind also Bild und Traum ihm nicht schemenhaft, sondern lebendig, farbig, nahe (und das „Wirkliche“ farblos, blass, unbedeutend). Die Bewertungen von Traum und Wirklichkeit sind vertauscht worden – wobei zunächst noch offen ist, was das Ich mit Traum und Bild meint. In den beiden nächsten Versen (V. 29 f.) bestätigt es noch einmal diese neue Sicht: Die von ihm gesehenen „Schatten“ seien nicht undeutlich, sondern klar wie die Sterne. Und dann kommt im zweiten großen Schritt das Gedicht an sein Ziel, die Rätsel lösen sich auf: „O Mohn der Dichtung! Wehe / Um‘s Haupt mir immerdar!“ (V. 31 f.) Das Ich verbindet in einer Metapher (Mohn der Dichtung) Dichtung und Traumgesichte, die wahrer als die Wirklichkeit sind, offenbart sich damit als Dichter und bittet den (ungreifbaren) Mohn der Dichtung, es immer zu umfangen und damit zu inspirieren („wehe …“, V. 31 f.: Bild des Windes, des Geistes).

Wir haben hier ein poetologisches Gedicht vor uns, das die Idee der romantischen Dichtung in einer Folge von drei oder vier Schritten (wenn man die Erinnerung an die Warnung als eigenen Schritt zählt) entfaltet. Die vier Strophen bestehen aus acht Versen zu je drei Trochäen, wobei – passend zum Kreuzreim – die ungeraden Verse immer eine Silbe mehr aufweisen (weibliche Kadenz). Jeweils zwei Verse bilden eine (kleine) semantische Einheit, so dass man nur von Reimen mit der männlichen Kadenz einen semantischen Bezug erwarten kann. Der ist tatsächlich gegeben, wie ich exemplarisch an der ersten Strophe zeige: die Blüte glänzt, sie kränzt des Traumgotts Schläfe; die Farben gleichen dem Schein der Abendröte, des Mondes Schimmer. Von der zweiten Hälfte der dritten Strophe an entfällt dieser Bezug, zweimal wegen des bloß modifizierenden Einschubs (V. 22 und V. 26), einmal wegen des Themenwechsels (ab V. 31).

Thematisch mit dem Gedicht „Der Mohn“ verwandt ist eines aus dem Jahr 1826, das ich zur Verdeutlichung der romantischen Poetologie zitiere – beide Gedichte erhellen sich gegenseitig:

In ein Stammbuch

Die Zeit in ihrem Fluge streift nicht bloß

Des Feldes Blumen und des Waldes Schmuck,

Den Glanz der Jugend und die frische Kraft:

Ihr schlimmster Raub trifft die Gedankenwelt.

Was schön und edel, reich und göttlich war

Und jeder Arbeit, jeden Opfers wert,

Das zeigt sie uns so farblos, hohl und klein,

So nichtig, daß wir selbst vernichtet sind.

Und dennoch wohl uns, wenn die Asche treu

Den Funken hegt, wenn das getäuschte Herz

Nicht müde wird, von Neuem zu erglühn!

Das Echte doch ist eben diese Glut,

Das Bild ist höher als sein Gegenstand,

Der Schein mehr Wesen als die Wirklichkeit.

Wer nur die Wahrheit sieht, hat ausgelebt;

Das Leben gleicht der Bühne: dort wie hier

Muß, wann die Täuschung weicht, der Vorhang fallen.

https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2003/daz-5-2003/uid-9092 (P. Schmersahl zur Kulturgeschichte des Mohns, DAZ 2003)

https://de.wikipedia.org/wiki/Hypnos (Art. „Hypnos“)

https://archive.org/details/bub_gb_50EQAAAAYAAJ/page/n3/mode/2up (Uhland: Gedichte, Bd. 1)

https://archive.org/details/bub_gb_TcYMAQAAIAAJ/page/n3/mode/2up (dito, Bd. 2)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Uhland,+Ludwig/Gedichte (Gedichte, Ausgabe letzter Hand, 1862)

https://archive.org/details/ludwiguhlanddie00haaggoog/page/n3/mode/2up (Die Entwicklung des Lyrikers)

https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Uhland (Uhland: Leben)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz6857.html (Uhle: Leben, 2016, knapp)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz6857.html#adbcontent (Leben, 1895 – wesentlich umfangreicher)

https://archive.org/details/bub_gb_e7s5AAAAMAAJ/page/n7/mode/2up (Uhlands Leben, von seiner Witwe, 1874)

Schade, ich hatte ein so schönes Mohnbild gefunden (vecteezy_coloful-poppy-flowers_2030404.jpg), das man wiedergeben durfte, aber ich kriege es nicht richtig in den Post gebannt.

L. Uhland: Frühlingslied des Rezensenten – Text und Analyse

L. Uhland: Frühlingslied des Recensenten

Frühling ist's, ich laß es gelten
Und mich freut's, ich muß gestehen,
Daß man kann spazieren gehen,
Ohne just sich zu erkälten.

Störche kommen an und Schwalben,
Nicht zu frühe, nicht zu frühe!
Blühe nur, mein Bäumchen, blühe!
Meinethalben, meinethalben!

Ja! ich fühlen wenig Wonne,
Denn die Lerche singt erträglich,
Philomele nicht alltäglich,
Nicht so übel scheint die Sonne.

Daß es Keinen überrasche,
Mich im grünen Feld zu sehen!
Nicht verschmäh' ich auszugehen,
Kleistens Frühling in der Tasche.

U. galt 100 Jahre lang quer durch die sozialen Schichten und parteipolitischen Lager als Idealgestalt: im Politischen durch sein lebenslanges unerschütterliches Eintreten für staatsbürgerliche Rechte und Freiheiten sowie seinen glaubwürdigen, unpathetischen Patriotismus, im Poetischen durch seine volkstümlich-schlichte, formal gebändigte, klare und ethisch fundierte Romantik. (...) U. zählt maßgeblich zu jenen dt. Dichtern, die mit ihren Werken zur inneren Nationwerdung der Deutschen im 19. Jh. beitrugen.“ Mit dieser Würdigung durch Friedrich Max Uhle fangen wir an und schauen auf das 1813 veröffentlichte Frühlingsgedicht Uhlands, in dem das Frühlingsmotiv ganz untypisch, aber witzig behandelt wird.

Empfangt mich heilige Schatten! ihr Wohnungen süsser Entzückung

Ihr hohen Gewölbe voll Laub und dunkler schlafender Lüfte!

Die ihr oft einsahmen Dichtern der Zukunft Fürhang zerrissen

Oft ihnen des heitern Olymps azurne Thoren eröfnet

Und Helden und Götter gezeigt...

So beginnt Ewald von Kleists 459 Verse langes Gedicht „Der Frühling“, 1750 veröffentlicht; so beginnt ein Frühlingsgedicht aus der Zeit der Empfindsamkeit: mit einem Jubel über den Frühling, voll Enthusiasmus. Ganz anders spricht der Rezensent, die sprechende Ich-Rolle in Uhlands Gedicht, den man kaum ein lyrisches Ich nennen mag, weil er als ein Bücherwurm so prosaisch denkt und empfindet. Er befindet sich offensichtlich draußen, in der freien Natur; er spricht ein Bäumchen an (V. 7) und bekennt sogar, „ein wenig Wonne“ (V. 9) zu fühlen – aber insgesamt ist er dem Frühling gegenüber doch sehr reserviert:

  • er lässt es gelten, dass Frühling ist (V. 1);
  • er freut sich, dass er spazieren gehen kann, ohne sich zu erkälten (V. 3);
  • zum Blühen des Bäumchens sagt er „Meinethalben, meinethalben!“ (V. 8);
  • er verspürt nur „ein wenig Wonne“ (V. 9), denn
  • Lerche, Nachtigall und Sonne sind „erträglich“, „nicht so übel“ (V. 10-12);
  • doch für alle Fälle hat er Kleists Gedicht „Der Frühling“ bei sich (V. 16), die große Frühlingsbegeisterung steckt bloß in einem Buch.

Die Leute kennen ihn auch nicht als Spaziergänger (V. 13 f.), aber mit „Kleistens Frühling in der Tasche“ (V. 16) wagt er sich ins grüne Feld (V. 14). Dass man Uhland zu den Romantikern zählt, überrascht angesichts dieses bürgerlich-behäbigen Frühlingserleben doch ein wenig. Soll man die Distanz vom üblichen poetischen Frühlingsjubel ironisch nenne? Oder biedermeierlich? Oder wird hier einfach das Frühlingsjubilieren der Dichter ein wenig auf die Schippe genommen, da Lerchen- und Nachtigallengesang zwar ganz erträglich, aber doch nicht berauschend sind – und steckt in den 459 Versen von Kleists Gedicht ein so wunderbarer Frühling, dass die reale Natur im Frühling dagegen verblasst? Für die letzte Lesart spricht auch die Tatsache, dass Uhland in zwei Glossen die Glossen zeitgenössischer jubilierender Dichter parodiert, also verspottet hat.

Die vier Strophen bestehen aus vier Versen zu je vier Trochäen, sie sind durch einen umarmenden Reim verbunden. Die reimenden Verse der dritten Strophe und die Verse 14 f. Stehen auch in einer semantischen Beziehung, die anderen eher nicht – aber das ist bei einem so prosaischen Gedicht auch gar nicht nötig.

Ich habe mich jedenfalls gefreut, das Gedicht kennenzulernen; man kann es auch zwei- und dreimal lesen, ohne dass es als Anti-Gedicht seinen Reiz verlöre. Es gehört zu den Frühlingsliedern, einer kleinen Sammlung, zu der auch der „Frühlingsglaube“ gehört, ebenfalls 1813 veröffentlicht. Des Kontrastes halber sei dieses typische Frühlingsgedicht ebenfalls zitiert:

Uhland: Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,

Sie säuseln und weben Tag und Nacht,

Sie schaffen an allen Enden.

O frischer Duft, o neuer Klang!

Nun, armes Herze, sei nicht bang!

Nun muß sich Alles, Alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,

Man weiß nicht, was noch werden mag,

Das Blühen will nicht enden.

Es blüht das fernste, tiefste Thal:

Nun, armes Herz, vergiß der Qual!

Nun muß sich Alles, Alles wenden.

https://archive.org/details/bub_gb_50EQAAAAYAAJ/page/n3/mode/2up (Uhland: Gedichte, Bd. 1)

https://archive.org/details/bub_gb_TcYMAQAAIAAJ/page/n3/mode/2up (dito, Bd. 2)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Uhland,+Ludwig/Gedichte (Gedichte, Ausgabe letzter Hand, 1862)

https://archive.org/details/ludwiguhlanddie00haaggoog/page/n3/mode/2up (Die Entwicklung des Lyrikers)

https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Uhland (Uhland: Leben)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz6857.html (Uhle: Leben, 2016, knapp)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz6857.html#adbcontent (Leben, 1895 – wesentlich umfangreicher)

https://archive.org/details/bub_gb_e7s5AAAAMAAJ/page/n7/mode/2up (Uhlands Leben, von seiner Witwe, 1874)