Kurt Tucholsky: Ruhe und Ordnung – Text und Analyse

Ruhe und Ordnung

Wenn Millionen arbeiten, ohne zu leben,
wenn Mütter den Kindern nur Milchwasser geben –
das ist Ordnung.
Wenn Werkleute rufen: »Lasst uns ans Licht!
Wer Arbeit stiehlt, der muss vors Gericht!«
Das ist Unordnung.

Wenn Tuberkulöse zur Drehbank rennen,
wenn dreizehn in einer Stube pennen –
das ist Ordnung.
Wenn einer ausbricht mit Gebrüll,
weil er sein Alter sichern will –
das ist Unordnung.

Wenn reiche Erben im Schweizer Schnee
jubeln – und sommers am Comer See –
dann herrscht Ruhe.
Wenn Gefahr besteht, dass sich Dinge wandeln,
wenn verboten wird, mit dem Boden zu handeln –
dann herrscht Unordnung.

Die Hauptsache ist: Nicht auf Hungernde hören.
Die Hauptsache ist: Nicht das Straßenbild stören.
Nur nicht schrein.
Mit der Zeit wird das schon.
Alles bringt euch die Evolution.
So hats euer Volksvertreter entdeckt.
Seid ihr bis dahin alle verreckt?
So wird man auf euern Gräbern doch lesen:
sie sind immer ruhig und ordentlich gewesen.

Theobald Tiger

Die Weltbühne, 13.01.1925, Nr. 2, S. 68, wieder in: Mona Lisa.

Zum stehenden politischen Schlagwort wurde ‚Ruhe und Ordnung‘ gleich zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als der Stadtkommandant von Berlin, Friedrich Wilhelm Graf von der Schulenburg, nach der verlorenen Schlacht bei Jena und Auerstedt beim Einmarsch der französischen Truppen verkünden ließ, dass ‚Ruhe die erste Bürgerpflicht‘ sei. ‚Ruhe‘ bedeutete hier Bürgertugend, Untertanengeist und einen Vertrauensvorschuss gegenüber dem preußischen Staat (…). Für die ‚Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung‘ im Fall eines ‚Aufruhrs‘ war bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts neben der Polizei auch das Militär zuständig. Mit dem Topos ‚Ruhe und Ordnung‘ trat neben der ‚Sicherheit auch die Kategorie der Öffentlichkeit als Konkretisierung polizeilicher Befugnisse in den Hintergrund. ‚Ruhe und Ordnung‘ war insofern ein militärisch-obrigkeitsstaatliches, antirevolutionär-reaktionäres ‚taktisches Dispositiv in den Machtbeziehungen zwischen Staat und Bürgern in Krisensituationen‘ [Thomas Lindenberg].“ Mit dieser Erklärung von Achim Saupe aus seinem Aufsatz „Von ‚Ruhe und Ordnung‘ zur ‚inneren Sicherheit‘“ (2010, https://zeithistorische-forschungen.de/2-2010/id=4674#pgfId-1037691a) ist die Folie ausgespannt, vor der man Tucholskys Gedicht lesen muss.

Ein namenloser Sprecher wendet sich in einer Rede an Menschen, die unter der in Deutschland geschätzten und politisch propagierten „Ruhe und Ordnung“ (Überschrift) zu leiden haben (Anrede „ihr“ ab V. 23). Ort und Zeit dieser Rede sind nicht benannt; es ist nur auszumachen, dass Tucholsky sich an die Leser der „Weltbühne“ wandte. „Die Weltbühne war eine deutsche Wochenzeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft. Sie wurde von Siegfried Jacobsohn in Berlin unter dem Namen ‚Die Schaubühne‘ als reine Theaterzeitschrift gegründet und erschien am 7. September 1905 zum ersten Mal. Am 4. April 1918 wurde die Schaubühne, die sich seit 1913 für wirtschaftliche und politische Themen geöffnet hatte, in Die Weltbühne umbenannt. (…) Mit ihren kleinen roten Heften galt die Weltbühne in der Weimarer Republik als das Forum der radikaldemokratischen bürgerlichen Linken. (…) Selbst in ihrer Hochphase hatte die Weltbühne nur eine geringe Auflage von rund 15.000 Exemplaren. Publizistisch drang sie dennoch durch. Beispiele dafür sind die Aufdeckung der Fememorde innerhalb der Schwarzen Reichswehr sowie Berichte über die heimliche Aufrüstung der Reichswehr, die später zum sogenannten Weltbühne-Prozess führten.“ (Wikipedia, Art. „Die Weltbühne“, 22. 9. 2018)

Der Sprecher polemisiert gegen die Politik, die unter den Schlagworten „Ruhe und Ordnung“ betrieben wird. In den ersten drei Strophen stellt er polemisch jeweils Situationen gegenüber, denen in Deutschland das Prädikat „Ordnung“ (V. 3 und V. 9, einmal „Ruhe“, V. 15) bzw. „Unordnung“ (V. 6, 12, 18) aufgeklebt wird. In der letzten Strophe wendet er sich direkt an die davon Betroffenen und zeigt ihnen auf, dass sie an dieser Politik sterben werden, wenn sie sich nicht dagegen wehren. Die Leser der „Weltbühne“ waren aber nicht die Leute, deren Schicksal im Gedicht vorgeführt wird, sondern Leser, die wie Tucholsky gegen eine solche Politik von „Ruhe und Ordnung“ waren, so dass zum Schluss kurz erörtert werden muss, was Tucholsky mit seinem Gedicht „bezweckte“. Thema des Gedichts ist die soziale Ungerechtigkeit, die mit dem Schlagwort „Ruhe und Ordnung“ gerechtfertigt wird.

Das Gedicht besteht aus drei Strophen zu sechs Versen und einer zu neun Versen, deren Form unterschiedlich ist. In den ersten drei Strophen stehen zweimal zwei Knittelverse, die im Paarreim verbunden sind; ihnen folgt jeweils der erklärende Satz (mit zwei Hebungen, die so eine größere Pause zum Nachdenken ermöglichen) „das ist Ordnung / Unordnung“ (ab V. 3), der dann variiert wird zu „dann herrscht Ruhe / Unordnung“ (V. 15 und V. 18). Die Sätze „Ordnung / Unordnung“ sind aus der Sicht des Sprechers ironisch gemeint, sie geben die Sicht der herrschenden politischen Klasse wieder. Aus dieser Sicht sind auch die beiden ersten Verse der vierten Strophe gesprochen, in denen erklärt wird, was „[d]die Hauptsache“ ist (V. 19 f.), während die nächsten drei Verse ausdrücklich dem Volksvertreter der kleinen Leute zugeordnet werden (V.21-24), dessen Sicht die gleiche wie die in den Ordnungs-Sätzen ist. In den letzten drei Versen meldet sich der Sprecher mit seiner Sicht zu Wort; er will die kleinen Leute wachrütteln, dass sie sich solche Ruhe-und-Ordnung-Politik nicht gefallen lassen sollen, weil sie daran zugrunde gingen.

Die Paarreime verbinden je zwei Verse auch inhaltlich sinnvoll, zum Beispiel: ohne zu leben – nur Milchwasser geben (V. 1 f., Armut); im Schweizer Schnee – am Comer See (V. 13 f., Luxusorte), usw. Der Sprecher ist zornig, die Knittelverse ermöglichen ein zügiges Sprechen, das auf die ruhige ironische Bewertung in den Ordnungs-Sätzen zustrebt; in der Regel enden die Sätze am Versende (bis auf V. 13), was jeweils eine kleine Pause hervorruft. Die Sprache ist die Standardsprache, nur zweimal werden stark wertende Wörter einer niederen Sprachebene benutzt („pennen“, V. 8; „verreckt“, V. 25).

Zu Beginn spielt der Sprecher auf die Armut von „Millionen“ an, die „arbeiten, ohne zu leben“ (V. 1); damit greift er die Redensart auf, dass wir arbeiten, um zu leben, und nicht unseren Lebenssinn in der Arbeit suchen sollen; er zeigt dagegen an fiktiven Beispielen auf, dass Millionen von ihrer Arbeit eben nicht leben können,

  • dass Mütter ihren Kindern keine Milch geben können (V. 2),
  • dass Kranke zur Arbeit gehen (müssen) (V. 7),
  • dass große Familien auf engstem Raum leben (V. 8),
  • dass Leute wegen drohender Armut verzweifeln (V. 10 f.).

Milchwasser“ (V. 2) ist Milch, die aus Not verdünnt ist; die Arbeitslosenzahl schwankte im Deutschen Reich zwischen 4.000.000 (1923), 1.000.000 (1925), über 2.000.000 (1926) und stieg 1929 noch weit höher an – auf solche Zahlen spielt der Satz „Wer Arbeit stiehlt…“ der Werkleute an (V. 4 f.). Dass sie „ans Licht“ wollen (V. 4), impliziert, dass sie gegenwärtig im Schatten oder gar in der Dunkelheit leben: Metapher ihres elenden Daseins. Mit dem Verb „stehlen“ wird unterstellt, dass dafür einzelne Menschen verantwortlich sind, die man deshalb vor Gericht zur Rechenschaft ziehen könne. Das Leiden der Millionen wird ironisch als „Ordnung“, die Auflehnung dagegen als „Unordnung“ bewertet – zur Perspektive s. o.!

In der zweiten Strophe wird dieses Schema des Strophenaufbaus wiederholt; nicht ganz klar ist, was „ausbrechen mit Gebrüll“ bedeutet, ob damit also nur eine laute Demonstration oder eine kriminelle Aktion gemeint ist. Dass Tuberkulöse zur Drehbank „rennen“ (Übertreibung, V. 7), ist hier so zu verstehen, dass sie es sich nicht leisten können, krank zu sein, weil es für die ersten drei Tage des Krankfeierns keine Unterstützung gab. In der dritten Strophe wird als Gegenbeispiel für „Ruhe“ der Urlaub reicher Erben in teuren Ferienorten genannt, wobei deren Jubeln (V. 14) die gepriesene „Ruhe“ (V. 15) ironisch widerlegt. Dass sich Dinge wandeln (V. 16) spielt auf soziale Verbesserungen oder revolutionäre Umbrüche an, während der Bodenhandel (V. 17) den Handel mit einem partiell öffentlichen Gut betrifft (https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96ffentliches_Gut und https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96ffentliche-G%C3%Bcter-Spiel): Einige haben sich den Boden angeeignet und spekulieren mit ihm am Markt, nutzen auch durch öffentliche Investitionen erzielte Wertsteigerungen (Ackerland → Bauland) und schöpfen privat die Gewinne ab. Wird diese kapitalistische Praxis verboten, wird das als „Unordnung“ diffamiert (V. 17 f.).

Die beiden ersten Verse der letzten Strophe (V. 19 f.) lese ich als ironisches Fazit des Sprechers; da Anführungszeichen in dieser Strophe fehlen, könnte man sie auch als Entdeckung des Volksvertreters lesen (V. 24), was aber im Sinn keinen Unterschied macht. Hier werden die Beispiele der ersten drei Strophen verallgemeinert, indem gesagt wird, was Kriterien der Unordnung sind: auf Hungernde hören, das Straßenbild stören. „Nur nicht schrein.“ (V. 21), der einzige Vers ohne reimendes Paar, ist die erste Forderung des „Volksvertreters“ (V. 24), der angeblich die Interessen der Armen, nämlich des Volks, in Wahrheit die der Privilegierten vertritt, so dass der „Volksvertreter“ kein Volksvertreter ist; er begründet seine Forderung mit dem allgemeinen Trost, die Probleme regelten sich „mit der Zeit“ von selbst und ohne Revolution, nämlich durch „Evolution“ (V. 23 – das politisch ungewöhnliche Wort ist bewusst als Gegensatz zu „Revolution“ gewählt). Auch dass besagter Herr dieses „entdeckt“ habe (V. 24), ist ironisch gesagt – da gab es nichts zu entdecken, das ist tradierte Ideologie.

Die Frage nach den Überlebenschancen (V. 25) ist weniger eine Frage als konditionaler Nebensatz zum folgenden „tröstenden“ Satz („doch“ als tröstende Modifizierung, V. 26) vom Grabspruch der Verreckten, der in den Augen der Obrigkeit ein Lob darstellt: „sie sind immer ruhig und ordentlich gewesen“ (V. 27), haben sich nicht gegen Unterdrückung gewehrt und sind deshalb „verreckt“ (V. 25), sagt der Sprecher – gegen die Obrigkeit. Das ist Tucholskys politische Propaganda in Form der Lyrik für die „Weltbühne“.

Was mag Tucholsky mit dem Gedicht bezweckt haben? Die Massen zur Revolution aufrufen, wie man dem Text entnehmen könnte, wollte er sicher nicht; er wusste, dass die Massen nicht die „Weltbühne“ lasen; er wandte sich an Leser, die das Gleiche wie er dachten und die sich vermutlich freuten und bestärkt fühlten, wenn sie in diesem Gedicht ihre Weltsicht in geistreich gereimter Form wiederfanden. Was Tucholsky bezweckte, lässt sich nicht sagen; vielleicht wollte er nur einen Beitrag zur nächsten Nummer der „Weltbühne“ leisten. Das ist jetzt nicht böse gemeint: Vielleicht hat er auch nur seine vertraglich geregelte Pflicht erfüllt und ans Honorar gedacht – das wäre im Einzelfall sicher nicht unmöglich, auch wenn Tucholsky von dem überzeugt war, was er schriftlich von sich gab. Was man jedoch mit Sicherheit sagen ist, worauf der Text als solcher zielt – unabhängig davon, was Tucholsky an einem Freitagnachmittag damit bezweckte; der Text lebt unabhängig von seinem Dichter, lebt auch nach seinem Tode weiter.

 

 

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Kurt Tucholsky: Gebet nach dem Schlachten – Text und Analyse

Gebet nach dem Schlachten

Kopf ab zum Gebet!

Herrgott! Wir alten vermoderten Knochen
sind aus den Kalkgräbern noch einmal hervorgekrochen.
Wir treten zum Beten vor dich und bleiben nicht stumm.
Und fragen dich, Gott:
Warum –?

Warum haben wir unser rotes Herzblut dahingegeben?
Bei unserm Kaiser blieben alle sechs am Leben.
Wir haben einmal geglaubt… Wir waren schön dumm…!
Uns haben sie besoffen gemacht…
Warum –?

Einer hat noch sechs Monate im Lazarett geschrien.
Erst das Dörrgemüse und zwei Stabsärzte erledigten ihn.
Einer wurde blind und nahm heimlich Opium.
Drei von uns haben zusammen nur einen Arm…
Warum –?

Wir haben Glauben, Krieg, Leben und alles verloren.
Uns trieben sie hinein wie im Kino die Gladiatoren.
Wir hatten das allerbeste Publikum.
Das starb aber nicht mit…
Warum –? Warum –?

Herrgott!
Wenn du wirklich der bist, als den wir dich lernten:
Steig herunter von deinem Himmel, dem besternten!
Fahr hernieder oder schick deinen Sohn!
Reiß ab die Fahnen, die Helme, die
Ordensdekoration!
Verkünde den Staaten der Erde, wie wir gelitten,
wie uns Hunger, Läuse, Schrapnells und Lügen den Leib zerschnitten!
Feldprediger haben uns in deinem Namen zu Grabe getragen.
Erkläre, dass sie gelogen haben! Läßt du dir das sagen?
Jag uns zurück in unsre Gräber, aber antworte zuvor!
Soweit wir das noch können, knien wir vor dir – aber leih uns dein Ohr!
Wenn unser Sterben nicht völlig sinnlos war,
verhüte wie 1914 ein Jahr!
Sag es den Menschen! Treib sie zur Desertion!
Wir stehen vor dir: ein Totenbataillon.
Dies blieb uns: zu dir kommen und beten!
Weggetreten!

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 07.08.1924, Nr. 32, S. 233

Erläuterungen:

Kopf ab zum Gebet (V. 1): Abwandlung des Befehls „Helm ab zum Gebet!“

Weggetreten! (V. 39): Abwandlung des Befehls „Wegtreten!“

Das Gedicht ist ein Gebet es spricht entweder ein Soldat im Namen aller anderen, vermutlich aber der ganze Chor gemeinsam („Wir“, V. 2 ff.) zum „Herrgott“ (V. 2, V. 22) oder „Gott“ (V. 5); wenn es hier traditionell „der Sprecher“ heißt, ist der sprechende Chor gemeint. Er spricht in den ersten vier Strophen von den Leiden aller Soldaten. Es folgt eine weitere große Strophe (V. 22 ff.), in der er Gott bittet oder auffordert, etwas gegen den Krieg zu unternehmen. Gerahmt sind diese fünf Strophen von zwei Kommandos: „Kopf ab zum Gebet!“ (V. 1) und „Weggetreten!“ (V. 39). Wer diese Kommandos gibt, ist nicht klar; sie können als militärische Kommandos aber nur an die Soldaten gerichtet sein, die dann beten oder eben wegtreten. In den Fragen zu Beginn und den Imperativen in der zweiten Hälfte zeigt sich die Erregung des Sprechers, der von der Frage nach dem Sinn des Soldatenschicksals umgetrieben wird.

Man kann eine Reihe von Paarreimen erkennen, die in der prosaischen Sprachweise kaum auffallen. Sie verbinden die Verse durchweg sinnvoll: vermoderte Knochen – aus den Gräbern gekrochen (V. 2/3); Blut dahingegeben – sechs am Leben (V. 7/8), usw. Man kann auch über die Strophen hinweg einen Reim feststellen: bleiben nicht stumm – waren schön dumm – einer nahm Opium – wir hatten bestes Publikum (V. 4/9/14/19), was sich immer auf „Warum“ reimt (V. 6/11/16/21). Dazwischen steht dann jeweils ein Vers ohne Reimwort; wenn man diesen Vers aber als ersten Teil des Warum-Verses ansieht oder spricht, hätte man auch in diesem Fall einen Paarreim. Paarreime beherrschen auch den Rest des Gedichts; der einzige Vers ohne reimendes Pendant ist V. 1. Meistens macht ein Satz einen Vers aus, die Ausnahmen davon sind nicht wichtig. Der Sprecher gebraucht die Standardsprache, wobei naturgemäß eine große Anzahl von Wörtern dem Bereich des Militärischen angehört.

Thema des Gedichts sind die Leiden der Soldaten im und am Krieg; da das Gedicht 1924 veröffentlicht wurde, denkt man zuerst an die Soldaten des Ersten Weltkriegs, aber diese Einschränkung ist nicht zwingend.

Schon die Überschrift überrascht mit der Datierung „nach dem Schlachten“ (statt „nach der Schlacht“); geschlachtet werden Tiere, Menschen werden geschlagen, wobei „schlachten“ und „schlagen“ sprachlich verwandt sind. Schon durch die Überschrift zeigt der Autor Tucholsky, dass die Soldaten im Krieg wie Vieh behandelt wurden. Der erste Befehl persifliert den normalen Befehl „Helm ab zum Gebet!“; da dem Befehl ein Gebet folgt, ist die radikale Abänderung „Kopf ab…“ (Helm → Kopf, Teil → Ganzes) vermutlich eine Aufforderung an Tote, mit dem Beten anzufangen – Eindeutigkeit gibt es bei Montagen von Textfragmenten nicht.

Mit der bekannten Anrede „Herrgott“ (aus „Herr“ und „Gott“, V. 2 – wenn es nur einen Gott gibt, hat er keinen Namen) stellt der Sprecher sich zunächst vor und rechtfertigt sein Gebet (V. 2-6). Er spricht als ein Toter für die anderen Toten (aus den Gräbern „noch einmal hervorgekrochen“, V. 3) oder zusammen mit ihnen; sie treten vor Gott mit einem einzigen Anliegen, sie suchen die Antwort auf die Frage „Warum –?“ (V. 6); worauf dieses Warum abzielt, wird in den nächsten Strophen gesagt. Die Frage nach dem Warum bewegt die Toten so sehr, dass sie auch in den folgenden drei Strophen, in denen ihre Leiden beklagt werden, am Ende wiederholt wird.

Diese Frage ist eine der menschlichen Fragen schlechthin. Hinter der Frage steht die Überzeugung, dass alles, was geschieht, nach dem Willen eines Gottes (oder einer obersten Instanz) geschieht und damit zu etwas gut sein muss; dass es so etwas wie eine verlässliche Weltordnung gibt; dass also alles, was geschieht, verstanden werden kann. Deshalb müsste auch die oberste Instanz als lenkende Macht die Frage beantworten können: „Wir fragen dich, Gott: Warum?“ (V. 5 f.) Bemerkenswert ist, dass die „alten vermoderten Knochen“ (V. 2) sprechen können; bemerkenswert ist ferner, dass sie dem Befehl zum Beten gehorchen (V. 1 und V. 4), dass sie ihre Stimme aber nicht zum Gotteslob erheben, sondern nur nach dem Warum fragen. Damit drücken sie möglicherweise aus, dass es eine glaubwürdige Antwort auf ihre Frage gibt; vielleicht aber zeigen sie jedoch damit, dass sie die Frage lange nach ihrem Tod stellen, auch, dass sie eben nicht an eine plausible Antwort glauben.

In der zweiten Strophe stellt der Sprecher die Frage nach dem Sinn des eigenen Todes der Soldaten gegen die Tatsache, dass die sechs Söhne des Kaisers Wilhelm II. am Leben geblieben sind (V. 7 f.) – insgesamt gab es im Krieg knapp 10.000.000 Gefallene (und knapp 9.000.000 getötete Zivilisten), davon etwa 2.037.000 deutsche Soldaten (neben etwa 2.463.000 Verletzten). Aus diesem Gegensatz zwischen dem Schicksal der Kaiserfamilie und dem eigenen Tod ergibt sich, dass die Soldaten ihren Glauben verloren haben; woran sie geglaubt haben, wird nicht gesagt – zu ergänzen ist wohl: an das Vaterland und die Notwendigkeit, es zu „verteidigen“. Dass sie so etwas geglaubt haben, erkennt der Sprecher jetzt als Folge davon, dass man sie „besoffen gemacht“ habe mit großen Parolen und Gefühlen (V. 10); sie waren damals „schön dumm“ (V. 4), weiß und wertet er jetzt aus Erfahrung.

In der nächsten Strophe berichtet er von einzelnen Soldaten und ihren Leiden (V. 12-15) und fragt wieder nach dem Warum. In der vierten Strophe berichtet er von den Folgen der Kriegserlebnisse für die Soldaten, genauer: für die Gefallenen. Sie hätten „alles“ verloren (V. 17),

  • Glauben,

  • Krieg ,

  • Leben,

eine umfassende Zusammenstellung höchster Werte. Mit einem Film-Vergleich zeigt er, wie verächtlich die Soldaten behandelt wurden: wie im Kinofilm die Gladiatoren (V. 18); ein Gladiatorenfilm, das ist eine andere Welt – Gladiatoren sind Sklaven, deren Leben nichts zählt, die zur Unterhaltung der Bürger (in Rom echt, im Kino auf Zelluloid) kämpfen und sterben. Der Vergleich wird dann weitergeführt: „Wir hatten das allerbeste Publikum.“ (V. 19) Publikum waren der Kaiser und die Generäle, für welche die Soldaten nur Klötzchen im Sandkasten waren. Diese Strophe schließt der Sprecher mit einem doppelten „Warum – ?“ (V. 21).

Mit der erneute Anrede „Herrgott!“ (V. 22) wechselt der Sprecher zu den Bitten, die er angesichts seiner Verzweiflung an Gott richtet – mit der Einschränkung zu Beginn: „Wenn du wirklich der bist, als den wir dich [als Kinder kennen] lernten“ (V. 23), nämlich gütig und mächtig zugleich (eine Kombination, die zur Theodizee-Frage führt); man weiß nicht aus eigener Anschauung, wie es um Gott bestellt ist – das rechtfertigt die Einschränkung, wobei aus dem Modalwort „wirklich“ auch herausgehört werden kann, dass es vielleicht nicht so ist, wie man es offiziell von den Predigern gehört hat. Die Bitten sind im Imperativ vorgetragen (ab V. 24):

  • Steige vom Himmel herab!

  • Reiße die militärischen Symbole weg!

  • Verkünde den Staaten unsere Leiden!

  • Erkläre, dass wir nicht in deinem Namen gestorben sind, dass die Feldprediger gelogen haben!

  • Höre uns an und antworte!

  • Verhüte ein weiteres Jahr wie 1914 (einen neuen Krieg)!

  • Treibe die Menschen zur Desertion!

Bei den Bitten fällt die zweite auf: „Fahr hernieder oder schick deinen Sohn“ (V. 25). Nach dem christlichen Glauben hat Gott bereits seinen Sohn geschickt; wenn der Sprecher nun darum bittet, jenen zu schicken, kann das heißen:

a) Schicke ihn noch einmal, damit er selber die Sache mit den Kriegen in Ordnung bringt.

b) Schicke ihn wirklich, denn sein erstes (angebliches?) Kommen hat offenbar nichts genützt, wie es in Kästners Gedicht „Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag“ heißt.

Die Frage (V. 31), ob Gott sich sagen lässt, dass seine Feldprediger gelogen haben, brauchte den Sprecher eigentlich nicht zu beunruhigen; sowohl im Alten wie im Neuen Testament ist bekannt, dass falsche Propheten auftreten, und in Dostojewskijs Parabel vom Großinquisitor wird erzählt, wie der Kardinal erklärt, dass der erneut gekommene Jesus den Betrieb der Kirche nur stört. Da dürfte es Gott nicht schwerfallen, sich von seinen deutschen Feldpredigern zu distanzieren,

Worum der Sprecher nicht bittet: dass die Toten wieder zum Leben erweckt werden (V. 32); wichtiger als das Leben ist den Soldaten die Antwort auf die Frage nach dem Warum des massenhaften Sterbens. Und falls es darauf eine Antwort gibt („nicht völlig sinnlos“, V. 34), dann soll Gott einen neuen Weltkrieg verhindern; man könnte auch umgekehrt sagen: Wenn er ihn verhindert, dann war der Tod der Soldaten nicht völlig sinnlos. Die nächste Bitte „Sag es den Menschen!“ (V. 36) ist dunkel, falls man sie nicht auf V. 31 f. bezieht (dass die Feldprediger gelogen haben, solle Gott feststellen); „es“ hat keinen direkten Bezugspunkt. Die letzte Bitte („Treib sie zur Desertion!“) zeigt Gott auf, wie er ein neues 1914 verhindern könnte; da aber die Menschen auch nicht recht auf sein Gebot hören, man solle nicht morden, ist es wohl fraglich, ob sie seinen Aufruf zur Desertion hören würden.

Zum Schluss blickt der Sprecher auf das Heer der noch einmal aufgestandenen Toten („ein Totenbataillon“, V. 37) bzw. der Chor auf sich selbst. Der letzte Satz „Dies blieb uns…“ (V. 38) kann sowohl Verzweiflung wie auch Geborgenheit ausdrücken – Verzweiflung, wenn man liest: Uns ist nichts geblieben; Geborgenheit, wenn man liest: Du bist uns als unser letzter Halt geblieben. Formal legt das Gebet als Gebet die zweite Lesart nahe; dem Tenor des Gebetes nach halte ich die erste Lesart für richtig (vgl. auch die Einschränkung in V. 23), zumindest für möglich – dann wäre das Gebet nur die Sprachform, in der sich die völlige Verzweiflung oder Verlassenheit der Toten ausdrückt.

Zur Kommandosprache einer Truppe gehört der Befehl „Wegtreten!“, wonach der Platz schnellen Schrittes zu verlassen ist. „Weggetreten“ als Partizip II kann kein Befehle sein, auch wenn ihm ein Rufzeichen folgt. So gibt der Befehl am Ende ebenso Fragen auf wie der zu Beginn des Gedichts, zumal unklar bleibt, wer zu wem „Weggetreten!“ sagt. Könnte ein eintelner Sprecher den anderen vermoderten Knochen diesen Quasi-Befehl geben, denen man das Partizip II zumuten kann, weil sie ja bereits tot, also von der Erde abgetreten sind? Oder ist „Weggetreten!“ trotz allem gleich „Wegtreten!“?

Wolfgang Borchert lässt in seinem Drama „Draußen vor der Tür“ (1947) Gott auftreten, der sich vor Beckmann verantworten muss, dass er nicht „lieb“ war (https://de.wikipedia.org/wiki/Drau%C3%9Fen_vor_der_T%C3%Bcr). Man darf sicher sagen, dass die Theodizee-Frage, wie ein gütiger und zugleich allmächtiger Gott das Böse in der Welt zulassen könne, nicht beantwortet werden kann.

Kurt Tucholsky: Zu tun! Zu tun! – Text und Analyse

Zu tun! Zu tun!

Heute lese ich da in der Zeitung:
In Los Angeles gibts einen Schnapsverein,
und man befürchtet seine Verbreitung
in dem übrigen Land – dabei fällt mir ein:
Ich sollte mal wieder an Edith schreiben
(in Kalifornien) – seit Januar
liegt der Brief da, und ich lass es bleiben
und verschieb es nun schon ein halbes Jahr.
Das ist nicht richtig. Es nimmt mir die Ruh.
Aber… ich komme nicht dazu.

Der Arzt sagt, ich soll mir Bewegung machen.
Da gibt es so eine Schule für Sport…
Auf dem Boden liegen noch alte Sachen,
die sollten doch längst für die Armen fort!
Bin ich an Vaterns Grab gewesen?
Ich nehm es mir vor – und dabei wirds nie.
Das Gelbbuch wollte ich immer mal lesen,
das und Simmels Soziologie.
Wie oft wollt ich schon nach Friedrichsruh!
Aber… ich komme nicht dazu.

Einstmals, wenn die Posaunen schallen,
steigt auf der Berliner aus seinem Grab.
Und er steht in der ersten Reihe vor allen –
(»Weil ich doch meine Beziehungen hab!«)
Gott, der Herr, mild und voll Frieden,
der über allen Gewässern schwebt,
spricht: »Berliner! Was tatst du hienieden?
Menschenskind! Wie hast du gelebt –?«

Und der Berliner sagt darauf verschwommen:
»Ich… bin leider nicht dazu gekommen.«

Theobald Tiger

Die Weltbühne, 10.07.1924, Nr. 28, S. 65.

Erläuterungen:

Gelbbuch (V. 17): Ein Farbbuch ist ein regierungsamtliches Dossier, dessen Umschlagfarbe dem jeweiligen Land angepasst ist; in Deutschland gibt es Weißbücher, in Frankreich Gelbbücher.

Simmels Soziologie (V. 18): Georg Simmel, Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung (1908) – ein wichtiges und berühmtes Buch

Friedrichsruh (V. 19): Den Sachsenwald in Schleswig-Holstein bekam Bismarck vom Kaiser zum Dank für den Sieg über Frankreich und die Reichsgründung 1871 geschenkt; in Friedrichsruh ließ er sich darauf ein Herrenhaus als Wohnsitz bauen.

Wenn die Posaunen schallen (V. 21): am Ende der Welt, zum Gericht Gottes über alle

Gott schwebt über allen Gewässern (V. 26): Zitat von Genesis 1,3

 

Es spricht ein Ich, das sich nur indirekt in seinen Überlegungen vorstellt; ob es zu einem Hörer spricht, kann man nicht ermitteln – es wäre jedoch sinnlos, monologisch so zu sprechen: Wozu sollte man sich selber sagen, dass man heute nicht gekommen ist, an Edith zu schreiben?

Der Sprecher beginnt, im Präsens zu erzählen, dass ihm „heute“ eingefallen ist, er müsste eigentlich seit einem halben Jahr an Edith schreiben, aber er komme nicht dazu. Bei dieser Gelegenheit erinnert er sich daran, was er noch alles seit langem tun will, wozu er aber auch nicht kommt – das ist die zweite Strophe (teils im Präsens, teils im Präteritum – das Präsens steht für den großen Zeitraum der gültigen Pflichten, das eine Perfekt in V. 15 zielt auf den erreichten Zustand: Pflicht erfüllt). In der dritten Strophe blickt der Sprecher auf das Jüngste Gericht voraus und erzählt, wie es dabei dem Berliner ergehen wird, dass dieser sich nämlich damit herausredet, er sei nicht dazu gekommen, wenn Gott ihn fragen wird, wie er gelebt habe; diese Strophe ist der Höhepunkt des Gedichts, weil er die dritte Stufe in der Steigerung des Versagens ist.

Das Thema ist die menschliche Erfahrung, dass man trotz guter Vorsätze es nicht schafft, das zu erledigen, was eigentlich geschehen müsste.

Das Gedicht besteht aus drei Strophen zu zehn Versen, die als Knittelverse vorgetragen werden; diese Versform passt zum normalen Erzählen. Die ersten acht Verse jeder Strophen sind im Kreuzreim verbunden, die beiden letzten im Paarreim; in diesen beiden wird das thematische Stichwort „ich komme nicht dazu“ abgewandelt. Je zwei Verse bilden (bis auf kleine Verschiebungen in der ersten Strophe) eine semantische Einheit, so dass sich im Kreuzreim kaum sinnvolle Entsprechungen ergeben, bis auf wenige Ausnahmen: an Edith schreiben – ich lass es bleiben (V. 5/7); seit Januar – ein halbes Jahr (V. 6/8). Die Paarreim-Verse passen immer vom Sinn her zueinander. Öfter geht der Satz übers Versende hinaus, was ein lebhaftes Sprechen bezeugt (V. 3; V. 5 u. ö.). Der Sprecher benutzt die Umgangssprache, gelegentlich verschleift er das Pronomen „es“ zu „s“ am Wortende; mehrmals fehlt das Schluss-e (V. 7-9), einmal gebraucht er den ungewöhnliche Genitiv „Vaterns“ (V. 15).

In der ersten Strophe wird die Situation aufgebaut, in der es zum schlechten Gewissen und der Ausrede kommt: „ich komme nicht dazu.“ (V. 10) Das beginnt mit einer zufälligen Zeitungslektüre „[h]eute“ (V. 1) über ein Ereignis in Los Angeles, woran das Ich assoziativ an Edith in Kalifornien denkt (V. 4 ff.), der es seit einem halben Jahr schreiben müsste, ohne es zu tun. Es folgt das etwas überzogene Schuldbekenntnis (V. 9, dass ihm das Versäumnis „die Ruh“ nimmt, worauf es sich herausredet: „[I]ch komme nicht dazu.“ (V. 10) Das alles könnte man jemand erzählen, der einem gegenübersitzt.

In der zweiten Strophe werden viele unerledigte Vorsätze oder Pflichten aufgezählt:

  • Sport treiben auf Rat des Arztes

  • Alte Sachen fortgeben

  • Vaters Grab besuchen

  • Das Gelbbuch und Simmels „Soziologie“ lesen

  • Nach Friedrichsruh fahren

Wozu stellt jemand eine solche Liste zusammen? Das tut man nur im stillen Kämmerlein, wenn man in sich geht und Bilanz zieht; dann aber entschuldigt man sich nicht, man komme nicht dazu (V. 20), sondern legt die Priorität der Dinge, die zu erledigen sind, fest. Kommunikativ sind die beiden ersten Strophen also nicht schlüssig miteinander zu verbinden, sondern nur logisch: ein Fall → viele Fälle, immer mit dem Subjekt „ich“.

Das ist in der dritten Strophe anders, da geht es um „den“ Berliner. Der kann mit dem bisher genannten Ich nur so zusammenhängen, dass „der Berliner“ die Verallgemeinerung des Ichs ist, wenn es um die Ausreden geht, wozu man leider nicht komme. Mit einem Ausblick darauf, was beim Jüngsten Gericht geschehen wird („Einstmals“, V. 21, mit folgendem Präsens), kann der Sprecher seine Ausreden und die aller Berliner endgültig bewerten. Dies geschieht, indem Gott als Richter den Berliner fragt: „Wie hast du gelebt?“ (V. 28) Dieser spricht sich – vor dem Leser – selber das Urteil, als er bekennt, er sei „leider nicht dazu gekommen“ (V. 30), d. h. er habe sein Leben verfehlt; er habe es über allen Beschäftigungen versäumt zu leben.

Das Thema des Gedichtes ist ungewöhnlich: eine menschliche Erfahrung, über die es sonst keine Gedichte gibt, sondern die eher in Parabeln, Weisheitssprüchen oder Gleichnissen behandelt wird, etwa von Jesus: „Darum sage ich euch: Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr denn Speise? und der Leib mehr denn die Kleidung?“ (Mt 6,25) Das heißt, man solle über allen seinen Sorgen nicht zu leben versäumen. Es gibt auch eine Geschichte aus dem Leben Jesu, wo „der Berliner“ in Gestalt einer Frau auftaucht: „Als sie weiterzogen, kam er in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn gastlich auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen zu dienen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen! Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat den guten Teil gewählt, der wird ihr nicht genommen werden.“ (Luk 10,38-42)

Bei den klugen Ratschlägen, wie man mit seiner knappen Zeit (im äußersten Fall: mit seiner begrenzten Lebenszeit) haushalten soll, wird vorgeschlagen, man solle die beiden Unterscheidungen ‚wichtig/unwichtig‘ sowie ‚dringend/nicht dringend‘ beachten und sein Handeln daran ausrichten; wenn man sich aber nur an den Kategorien ‚angenehm/unangenehm‘, also am Lustprinzip orientiere, komme man mit seinem Leben nicht zurecht. Das kann man schon in Äsops Fabel „Die Ameise und die Heuschrecke“ bzw. in der Version „Die Grille und die Ameise“ nachlesen: „Die Ameise arbeitete hart während des ganzen Sommers, baute ihr Haus und legte Vorräte für den Winter an. Die Grille dachte: „Was für ein Narr ist doch diese Ameise!“, und sie sang und lachte und tanzte und spielte den ganzen Sommer lang. Es kam der Winter, die Ameise hatte es in ihrem Haus behaglich warm und genug zu essen. Die Grille jedoch, die weder für eine Unterkunft noch für Nahrungsvorräte gesorgt hatte, starb elend in der Kälte.“

Doch auch dazu gibt es wieder Gegen-Fabeln, aber die lassen wir jetzt auf sich beruhen.

K. Tucholsky: Revolutions-Rückblick, Text und Analyse

Revolutions-Rückblick

Ich schau zurück. Die Pressegenerale
ergriff vor einem Jahr der große Schreck.
Die O H L verstummt mit einem Male.
Vorbei. Die Phrase lag im Dreck.
Vorbei die Pläne und die dicken Thesen,
vorbei die plumpen Renommisterein –
Behüt dich Gott, es wär zu schön gewesen,
behüt dich Gott, es hat nicht sollen sein!

Soldaten vor! Der Kaiser hat verzichtet.
Nun wolltet ihr alleine weitersehn.
Das ist im Leben häßlich eingerichtet,
dass bei den Eberts gleich die Noskes stehn.
Kaum ist das Land von einer Pest genesen,
fällt es mit Grazie in die nächste rein –
Behüt dich Gott, es wär zu schön gewesen,
behüt dich Gott, es hat nicht sollen sein!

Wir dachten schon: Jetzt gilts den Offizieren!
Wir dachten schon: Hier wird nun Ernst gemacht.
Wir dachten schon: Man wird sich nicht genieren,
das Feuer brennt einmal… es ist entfacht…
Wir dachten schon: Nun kommt der Eisenbesen…
Doch weicht der Deutsche sich die Hosen ein –
Behüt dich Gott, es wär zu schön gewesen,
behüt dich Gott, es hat nicht sollen sein!

Kommt diesem Lande niemals denn ein Retter?
Die graue Regenluft weht naß und fahl.
Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter:
Fahr wohl, fahr wohl, November-Ideal!
Denn erstens kostest du zu hohe Spesen,
und zweitens singt ihr noch die Wacht am Rhein –
Tatü-tata – es wär zu schön gewesen,
behüt dich Gott, es hat nicht sollen sein!

Kaspar Hauser

Die Weltbühne, 06.11.1919, Nr. 46, S. 576.

Erläuterungen:

O H L (V. 3): Oberste Heeresleitung

Ebert, Friedrich (V. 12): Erster Reichspräsident der Republik, Sozialdemokrat

Noske, Gustav (V. 12) : Reichswehrminister, schlug die Aufstände Anfang 1919 mit militärischer Gewalt nieder

Die Wacht am Rhein (V. 30): patriotisch-militärisches Lied, seit 1871 die halboffizielle deutsche Hymne (https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Wacht_am_Rhein)

Es spricht ein ungenanntes Ich; als Verfasser des Gedichts zeichnet „Kaspar Hauser“, der sich hinter diesem Ich verbergen könnte. Hörer sind nicht eindeutig auszumachen. Das Gedicht ist Anfang November 1919 erschienen – wenn es ein „Revolutions-Rückblick“ ist, dann muss der Zeitpunkt des Sprechens auf die Zeit nach dem 3. Mai 1919 datiert werden, weil da die Berliner Märzkämpfe und der Kampf um die Münchener Räterepublik beendet waren. Eine erste Übersicht über die Novemberrevolution 1918, in der die Republik ausgerufen wurde, gibt es bei https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/innenpolitik.html.

In der ersten Strophe blickt der Sprecher erleichtert auf das Ende des Krieges (November 1918) zurück. In der zweiten und dritten Strophe berichtet er von den Hoffnungen, die es in Deutschland („Wir“, V. 17 ff.) nach dem Rücktritt des Kaisers gab, und von der darauf folgenden Enttäuschung. In der vierten Strophe reflektiert er seine Enttäuschung. Das Thema des Gedichts ist die Novemberrevolution 1918 in Deutschland – die damit verbundenen Hoffnungen, die Gründe ihres Scheiterns und die Enttäuschung des Sprechers darüber.

Das Gedicht besteht aus vier Strophen zu acht Versen; die einen fünfhebigen Jambus aufweisen, also flott zu sprechen sind. Die Verse sind im Kreuzreim verbunden, wobei die reimenden Verse manchmal semantisch sinnvoll verbunden sind: der große Schreck – lag im Dreck (V. 2/4); das Land fällt in die nächste Pest rein – es hat nicht sollen sein (V. 14/16); ferner V. 17/19, V. 18/20, V. 21/23, V. 22/24, V. 26/28, vielleicht auch V. 29/31 und V. 30/32. Es wechseln sich weibliche und männliche Kadenzen ab, wobei die Verse mit weiblicher Kadenz (Vers 1, 3, 5, 7 in jeder Strophe) wegen des unvollständigen Taktes am Ende den folgenden Vers aufrufen; nach den Versen 2, 4, 6, 8 ist dagegen jeweils „Pause“ zu machen. Die Verse 7 und 8 bilden in allen Strophen den gleichen Refrain, der aus dem berühmten Trompeterlied aus Scheffels Oper „Der Trompeter von Säckingen“ (1884) stammt (vgl. https://www.deutschland-lese.de/index.php?article_id=747). Öfter geht der Satz in den Versen mit weiblichen Kadenzen über das Versende hinaus (V. 1, V. 5, V. 7 usw.). Der Sprecher benutzt eine gehobene Standardsprache („Renommisterei“, V. 6), in der Begriffe aus dem Bereich des Politischen vorkommen.

Die ersten drei Strophen stehen im Präteritum, der Sprecher berichtet im Rückblick auf die Situation im November 1918 („November-Ideal“, V. 28) von den damaligen Hoffnungen auf eine echte Revolution. In der ersten Strophe berichtet er von der Ausgangssituation, von den Bedingungen dieser Hoffnung: Ende der Kriegspropaganda und ihrer großmäuligen Siegesparolen (vgl. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/propaganda.html; http://www.bpb.de/gesellschaft/medien-und-sport/krieg-in-den-medien/130707/geschichte-der-kriegspropaganda?p=all), die einen Verständigungsfrieden abgelehnt und einen „Siegfrieden“ mit Annexionen gefordert hatten (https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/innenpolitik.html), obwohl die Armee in Frankreich die Soldaten in endlosen Stellungskämpfen geopfert wurden. Mit den Worten „Phrase“ (V. 4), „die dicken Thesen“ (V. 5) und „die plumpen Renommisterein [Angebereien]“ werden die früheren Verlautbarungen der O H L abgewertet. Der Refrain stammt aus dem Trompeterlied einer Oper, in der die stets fälligen Enttäuschungen im Leben „verarbeitet“ werden. Hier ist unklar, wer im Refrain als Du angesprochen wird; im Trometerlied ist es eine „schlanke Maid“, von der der Sänger sich trennen muss. Es könnte sein, dass diese beiden Verse hier einfach als Zitat einer enttäuschten Stimme stehen, also das nicht an ein bestimmtes Du gedacht ist.

Soldaten vor!“ (V. 9) ist ein Zitat, hier als die revolutionäre Forderung vom November 1918 vorgetragen. Was man sich nach dem Thronverzicht des Kaisers (V. 9) davon erhoffte, ist in der dritten Strophe zu lesen:

  • Abrechnung mit den Offizieren des Krieges
  • Feuer soll den alten Schutt verbrennen (Metapher)
  • Ein Eisenbesen soll radikal den Abfall entfernen (Metapher)

Der Sprecher redet seine Landsleute als „ihr“ an (V. 10, vgl. V. 30); das wären dann seine Hörer, die damals ohne Kaiser „weitersehn“ (V. 10) wollten und deshalb nach den Soldaten riefen. Es folgt eine Erklärung, warum diese Hoffnung enttäuscht wurde: Neben dem Präsidenten Ebert, der die Hoffnung auf eine soziale Erneuerung verkörperte, stand der harte Reichswehrminister Noske, der die Aufstände niederschlug. Das wird hier als Gesetz des Lebens vorgetragen, dass es immer so ist, und zwar mittels einer Parodie der beiden ersten Verse aus dem Trompeterlied:

Das ist im Leben hässlich eingerichtet,
dass bei den Rosen gleich die Dornen stehn,“

nur dass in Tucholskys Gedicht statt der Rosen die „Eberts“ (V. 12, Plural für die Allgemeingültigkeit des Gesetzes!) und statt der Dornen „die Noskes“ stehen. Die Kaiser- und Kriegszeit wird als „Pest“ (V. 13, Metapher) bewertet, die Zeit der Republik nach der gescheiterten Revolution als „die nächste [Pest]“ (V. 14). Dass das Land in diese böse Krankheit „mit Grazie“ (V. 14) hineingefallen ist, muss als Ironie gelten. Hier passt der Refrain, während er in der ersten Strophe etwas deplatziert war, weil dort noch nicht von einer Enttäuschung die Rede war. Das du kann diesmal jeder der Ihr sein, aber wie beim ersten Mal (V. 7 f.) einfach niemand, für das unbestimmte „einer“ – vielleicht auch für Deutschland?

In der dritten Strophe wird von den später enttäuschten Revolutionshoffnungen berichtet (s. o.), die „Wir“ hatten. Ob der Sprecher mit dem Pronomen der ersten Person einen anderen Personenkreis als die vorhin angesprochenen „ihr“ (V. 10), ist nicht auszumachen; jedenfalls bezieht er sich selber ausdrücklich in der Kreis der Hoffenden ein. Der Euphemismus „sich nicht genieren“ (V. 19) steht für einen radikalen revolutionären Umbau der alten Institutionen und für eine Säuberung unter den Amtsinhabern. Als Erklärung dafür, dass die Revolution gescheitert ist, greift der Sprecher auf ein Bild zurück: „Doch weicht der Deutsche sich die Hosen ein –“ (V. 22), d. h. er pisst vor Angst in die Hose. Auch an dieser Stelle passt dann der Refrain (V. 23 f.), nur dass diesmal noch „der Deutsche“ (V. 22) als Bezugsperson in Frage kommt.

Zu Beginn der letzten Strophe parodiert der Sprecher den Anfang der dritten Strophe des Trompeterliedes und verändert es dabei zum Teil:

Die Wolken flieh’n, der Wind saust durch die Blätter,
ein Regenschauer zieht durch Wald und Feld,
zum Abschiednehmen just das rechte Wetter,
grau wie der Himmel steht vor mir die Welt.“

Dabei ist V. 25 als Frage nach einem „Retter“ ganz neu und auch nicht ungefährlich, als Ruf nach dem starken Mann; in V. 26 sind die beiden ersten Verse des Trompeterlieds zusammengefasst und mit dem richtigen Schlusswort „fahl“ versehen, damit ein Reimwort für das „November-Ideal“ (in V. 28) vorhanden ist; in V. 28 wird mit dem „November-Ideal“ die politische Wirklichkeit Deutschlands zitiert, von der eben (statt von einer geliebten Frau, wie im Trompeterlied) Abschied zu nehmen ist. Das herbstliche Wetter (V. 26) passt sowohl zum Abschiednehmen wie zum Revolutionsdatum November.

In den Versen 29 f. folgen zwei Erklärungen dafür, warum die Revolution gescheitert ist:

Das November-Ideal, mit „du“ angesprochen, kostet „zu hohe Spesen“ – ein unscharfes Bild für die Folgen einer Revolution, in der viele Nutznießer der alten Ordnung etwas verlieren; und zweitens sängen die Deutschen noch „Die Wacht am Rhein“ (V. 30), hätten also die alten kaiserlich-militärischen Ideale noch nicht aufgegeben; dass hier (V. 30) das Pronomen der zweiten Person (nach „Wir“ in V. 17 ff.) verwendet wird, zeigt an, dass der Sprecher sich von diesen Sängern distanziert – dass dieses „ihr“ die gleichen Personen wie in V. 10 bezeichnet, ist unwahrscheinlich. Entsprechend dem patriotischen Lied wird dann der letzte Refrain (V. 31 f.), der auch hier semantisch passt, abgeändert: „Tatü-tata…“ Hier kann das Du des Refrains sowohl das Novemberideal als auch Deutschland als auch niemanden (in einem bereits bekannten Zitat) bezeichnen.

Von der politischen Schwäche der Deutschen handeln auch Tucholskys Gedichte „Worte und Taten“ sowie „Der Geschlechtslose“. Bereits in „Das Lied vom Kompromiss“ hat Tucholsky im März 1919 Eberts Politik angegriffen und für radikale Maßnahmen plädiert.

Links zu den Tucholsky-Gedichten:

https://www.textlog.de/tucholsky-blumentag.html (chronologisch) und

https://tucholsky.de/gedichte/ (alphabetisch)

Kurt Tucholsky – 25 wichtige Gedichte

Ich möchte eine Lanze für Kurt Tucholsky brechen und 25 bedeutende Gedichte von ihm empfehlen:

Revolutionsrückblick, 1919

Park Monceau, 1924

Zu tun! Zu tun!, 1924

Gebet nach dem Schlachten, 1924

Ruhe und Ordnung, 1925

Gefühle, 1925

Nächtliche Unterhaltung, 1926

Zwei Seelen, 1926

Der Rhein und Deutschlands Stämme, 1927

Das Ideal, 1927

Nebenan, 1928

Bürgerliche Wohltätigkeit, 1928

Masse Mensch“, 1928

Die Leibesfrucht, 1929

Ideal und Wirklichkeit, 1929

Die geschiedene Frau, 1929

Eine Frau denkt, 1929

Augen in der Großstadt, 1930

Danach, 1930

Das dritte Reich, 1930

Stationen, 1930

Die Gefangenen, 1931

Also wat nu – ja oder ja?, 1931

Die Herren Eltern, 1932

Wenn ena dot is, 1932

Links:

https://www.textlog.de/tucholsky-blumentag.html (chronologisch) und

https://tucholsky.de/gedichte/ (alphabetisch)

Von diesen 25 Gedichten sind vier bereits in diesem Blog analysiert, dazu „Luftveränderung“, welches oft in Lesebüchern zu finden ist (es wendet sich schließlich an Kinder!). Die Analyse der 21 anderen Gedichte wird folgen.

 

Ingrid Noll: Ehrenwort (2010) – Besprechung

Warum der Roman „Ehrenwort“ heißt, weiß ich nicht: Es geht um eine bürgerliche Familie mit kleinen Dellen; der Vater, Diplomingenieur, ist ein bisschen korrupt, seine Frau, eine Buchhändlerin, geht ein bisschen fremd, die Tochter studiert und ist lesbisch, der Sohn vernachlässigt sein Studium, wird erpresst, klaut Opas Geld und überhaupt… Bewegung kommt in das Geschehen, als der Opa verunglückt und ins Haus zieht. Der Enkel betätigt sich als Pfleger und verliebt sich in eine Pflegerin, Opa kommt wieder auf die Beine, obwohl die Eltern ihn möglichst schnell wieder weg haben wollen – zwei Mordversuche an Opa scheitern, dafür werden zwei Gangster von zwei Frauen ermordet und entsorgt.

Psychologische Wahrscheinlichkeit darf man bei Ingrid Noll nicht erwarten, sondern eine Art „humorvoller“ Unterhaltung; dazu gibt es wie üblich Nörgelei über die Verhunzung der deutschen Sprache, einige vom Opa zitierte lateinische Redensarten, ein bisschen Liebe, ein bisschen Cognac, zum Schluss ist die Familie wieder versöhnt, Sohn Max will Krankenpfleger werden und der Opa stirbt sogar – Max wusste sofort, „dass der Opa mit seinem Latein am Ende war“. Wer bei diesem doppeldeutigen Schluss den Humor des Erzählers nicht spürt, dem ist nicht zu helfen.

Wer die einigermaßen berühmte Autorin Ingrid Noll nicht kennt, hat nicht viel verpasst. Ich habe jetzt zwei ihrer Bücher gelesen, das reicht wirklich.

 

Ingrid Noll: Halali (2017) – Besprechung

Ingrid Nolls „Halali“ (2017) bietet harmlose Unterhaltung für vier Stunden: Studien des Bonner Milieus in den 50er Jahren, in dem zwei junge Frauen („Mädchen“ oder „Fräuleins“ sagte man damals) ihre Zeit mit Arbeit im Innenministerium, Spaziergängen, Tratschen, Spielen und der Suche nach einem Mann verbringen. Dabei wird mehr oder weniger augenzwinkernd erzählt, wie die beiden mit einem angeworbenen Agenten und seinem Führungsoffizier in Verbindung kommen und nicht nur diese beiden töten oder sterben lassen, sondern später auch noch einen dritten, den langweiligen Ehemann der einen; der wird auf einer Jagd erschossen, während der erste Tote Jäger hieß – daher der Titel „Halali“.

Ich-Erzählerin ist eine 82jährige Frau, die genauso alt wie Ingrid Noll ist; sie erzählt ihrer Enkelin Laura bei Besuchen dieses Stück ihrer Lebensgeschichte in Abschnitten, wobei sie die von der Enkelin repräsentierte Gegenwart mit der neugierigen Distanz einer alten Dame betrachtet. Das Beste am Buch sind die trefflichen Milieuschilderungen des Lebens junger lediger Frauen in Bonn in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, in die auch manche altbekannte Scherze eingebaut sind.

J. Littell: Die Wohlgesinnten (2008) – Besprechung

Es ist nicht einfach, eine einzige Meinung über einen Roman von gut 1300 Seiten zu haben, in dem Blut und Scheiße, Cognac und Sperma in Strömen fließen. Der idealistisch überzeugte SS-Mann Dr. Max Aue, Jahrgang 1913, erzählt und reflektiert rückblickend in der Ich-Perspektive sein Leben von Juni 1941 bis April 1945; er war im SD und so direkt für die ordnungsgemäße Ermordung von Juden, Partisanen und anderen „Volksfeinden“ hinter der Front verantwortlich, ohne doch Lust am Töten zu haben – gleichwohl ermordet er noch zum Schluss drei Menschen eher grundlos.

Er ist schwul und lebt seine Sexualität teilweise mit pathologischer Besessenheit aus, lässt aber die ihn liebende junge Witwe Helene nicht wirklich an sich heran. Das hängt damit zusammen, dass er seiner Zwillingsschwester Una seit ihren gemeinsamen heftigen Pubertätsliebesübungen verfallen ist, während die Schwester sich davon distanziert hat und mit dem älteren kranken Baron von Üxküll verheiratet ist (und vermutlich zwei nichteheliche Kinder, ebenfalls Zwillinge, hat, die bei ihrer zum zweiten Mal verheirateten Mutter untergebracht waren, bis diese mit ihrem zweiten Mann in Frankreich ermordet wird).

Das Buch endet damit, dass er im von den Russen eroberten Berlin seinen Freund Thomas, der ihm gerade das Leben gerettet hat, mit einer Eisenstange erschlägt und im verwüsteten Zoo in seiner Traurigkeit zu sich kommt: „Mit einem Mal spürte ich das ganze Gewicht der Vergangenheit, den Schmerz des Lebens und des unerbittlichen Gedächtnisses, ich blieb allein mit dem sterbenden Flusspferd, einigen Straußen und den Kadavern, allein mit der Zeit und der Traurigkeit und dem Leid der Erinnerung, mit der Grausamkeit meiner Existenz und meines künftigen Todes. Die Wohlgesinnten hatten meine Spur wieder aufgenommen.“ (S. 1358 f.) „Die Wohlgesinnten“, das sind die drei Rachegöttinnen des griechischen Mythos (https://de.wikipedia.org/wiki/Erinnyen), die aber in der Auseinandersetzung mit Apollon von Athene eine neue Aufgabe bekommen haben. Sie müssen ihn also schon vorher verfolgt und sein wahnwitziges Leben bestimmt haben – ein Tipp des Erzählers, wie sein Leben zu verstehen ist (die beiden Kriminalbeamten als ihre moderne Entsprechung?). Entgegen diesem Tipp wird auf den letzten 50 Seiten teilweise reichlich surreal erzählt, wie Aue sich zusammen mit Thomas mit einer Kinderbande durch die russischen Linien schleicht, wie er bei einer Ordensverleihung Hitler in die Nase beißt und nicht getötet wird, wie ein hartnäckiger Kriminalbeamter ihn im zerbombten Berlin erneut stellt und dabei vom zufällig hinzukommenden Thomas erschossen wird…

Und das alles muss sich mit dem vertragen, was der Erzähler zu Beginn über sein Schreiben sagt:: „Hier geht es nicht um Schuldgefühle oder Gewissensbisse. Die gibt es natürlich auch, das will ich nicht leugnen, aber mir scheint, die Dinge liegen viel komplizierter. Selbst ein Mensch, der nicht im Krieg war, der nicht töten musste, wird erlebt haben, wovon ich rede.“ (S. 15)

Nicht nur die Vielzahl der Personen, denen Max Aue begegnet, sondern auch die seltsamen Überschneidungen von Wehrmacht, staatlicher Verwaltung und SS nebst ihren zahlreichen Diensträngen machen für mich das erzählte Geschehen so unübersichtlich, dass ich mir 31 Memo-Streifen an besonders eindrucksvollen Stellen ins Buch geklebt habe. Ich finde Littells Versuch, die systematische Vernichtung von Millionen Menschen aus der Sicht eines überzeugten Nazis zu erzählen, jedoch interessant, weil wir bisher nur die neutrale historische Dokumentation und die Erzählungen aus der Sicht der Opfer (Primo Levi, Jorge Semprun und andere) kennen – und vielleicht die Rechtfertigungen verbohrter Nazis, wofür ich aber kein Beispiel weiß, sowie Schlinks verquasten „Vorleser“.

An einem Beispiel möchte ich das moralische Problem des Helden aufzeigen: Seit meiner Kindheit trieb mich der leidenschaftliche Wunsch nach dem Absoluten und nach Grenzüberschreitung; jetzt hatte mich diese Leidenschaft an den Rand der Massengräber in der Ukraine geführt. Ich war immer bestrebt gewesen, radikal zu denken; nun hatten auch der Staat, die Nation die Radikalität und das Absolute für sich entdeckt; wie also hätte ich mich in diesem Augenblick verweigern, Nein sagen und mich stattdessen für die Bequemlichkeit der bürgerlichen Gesetze, die laue Sicherheit des Gesellschaftsvertrags entscheiden können? Das war natürlich unmöglich. Und wenn sich die Radikalität als die des Abgrunds und das Absolute als das absolut Schlechte erwies, so galt es trotzdem – zumindest war ich davon in meinem Innersten überzeugt –, ihnen offenen Auges bis zum bitteren Ende zu folgen.“ (S.137 f.) Das ist eine nicht akzeptable Rechtfertigung: Wer dem Absoluten nachjagt, kann nur das Gute suchen; wenn sich das vermeintlich Gute als das wahrhaft Böse erweist, kann man an ihm als intellektuell Redlicher (als welcher Dr. Aue sich stilisiert, z.B. S. 452) nicht mehr festhalten, muss man (nach Nietzsche) zum „Verräter“ werden (Menschliches, Allzumenschliches I 627 ff.). – Die zitierte Stelle ist intellektuell verlogen, also unglaubwürdig; zumindest in der Rückschau müsste der Ich-Erzähler sich davon distanzieren.

Bei den Soldaten, die schießen, verurteilt der Erzähler diejenigen, denen das Freude macht; die jedoch ihre Aufgabe „aus Pflichtgefühl“ erfüllten und „Freude an ihrer Hingabe“ empfanden, die finden seine Zustimmung (S. 141) – damit lobt er einen Kadavergehorsam („In einem Staat wie dem unseren war jedem seine Rolle zugewiesen: Du bist das Opfer und du der Henker…“, S. 146), der mit dem von ihm vertretenen Kategorischen Imperativ nicht vereinbar ist, nur mit einem Imperativ, der dem Führerprinzip untergeordnet ist, wie Aue das in einem Gespräch mit Eichmann erläutert (S. 791 f.). Die Freiheit bestehe darin, „die Notwendigkeit der Führerbefehle für sich selbst zu verstehen und anzunehmen“, andernfalls bleibe man ein Schaf. (S. 147) „Die Höhere Führung musste diese Probleme natürlich in ihrer Gesamtheit betrachten…“ (S. 142) – das ist dann bloß Geschwafel.

Im Gespräch mit Thomas erklärt Dr. Aue, die Ermordung der Juden sei objektiv sinnlos, „ein Verlustgeschäft, die reine Verschwendung. Das ist alles. Insofern kann es nur einen einzigen Sinn haben: den eines endgültigen Opfers, das uns für immer zusammenschweißt, das uns ein für alle Mals daran hindert, den Rückweg anzutreten.“ (S. 203) Anschließend muss er kotzen, aber davon wird der Gedanke auch nicht besser – er unterschlägt die menschliche Möglichkeit, wieder neu anzufangen; er stammt aus einem unmenschlichen Dezisionismus: Nur der GOTT kann ein für alle Mal „handeln“, wie Aue selber letztlich weiß; denn er rechnet mit der Möglichkeit, dass die Roten mehr Fabriken haben als bisher angenommen. So ist die Rechtfertigung der „Endlösung“ der Akt eines Spielers, der nachträglich einsehen müsste, dass man so hoch nicht pokern darf.

Allen bisherigen Ausführungen widersprechen die Gedanken, die Aue bald darauf äußert: Die Massaker im Osten bezeugten paradoxerweise „die schreckliche, unabänderliche Solidarität der Menschen untereinander“; denn kein Soldat könne eine Frau oder ein Kind erschießen, ohne an die eigene Frau, Schwester oder Mutter und das eigene Kind zu denken – „das alles bewies, dass es den Anderen gibt, dass es ihn als Anderen, als Menschen gibt und dass kein Wille, keine Ideologie, kein noch so großes Maß an Dummheit und Alkohol dieses Band zerreißen kann – dieses überdehnte, aber unzerstörbare Band. Das ist eine Tatsache und nicht bloßes Meinen.“ (S. 210 f.) Dieser Gedanke widerlegt alles, was Aue bis dahin geschrieben hat. Was heißt das? Entweder ist Dr. Aue in seinem Denken nicht klar, ist er ein intellektueller Schwätzer, der blind mit diversen Versatzstücken arbeitet, oder der Autor Littell muss sich diesen Schuh anziehen.

Ein Traum des Dr. Aue und seine Deutung bestätigt diese intellektuelle Unbedarftheit (des einen oder des anderen): Aue träumt also von einem vollkommenen Lager, wie er nach dem Erwachen erkennt (S. 868 f.), und fragt sich dann, „ob es nicht einfach eine Darstellung des sozialen Lebens in seiner Gesamtheit war. Ohne seine billige Verkleidung … bleibt vom menschlichen Leben kaum mehr als das übrig; sobald man sich fortgepflanzt hat, hat man den Zweck der Spezies erfüllt; und was den Zweck des eigenen Lebens angeht, so ist er nichts als Augenwischerei, ein Köder, der uns dazu bringen soll, morgens aufzustehen; doch wenn man die Sache objektiv betrachtete, wozu ich mich imstande glaubte, war die Nutzlosigkeit all dieser Bemühungen offenkundig, genauso wie der Fortpflanzung selbst, da sie nur dazu diente, neue Nutzlosigkeit hervorzubringen. Und so kam mir der Gedanke, dass das Lager selbst, mit seiner strengen Organisation, seiner absurden Gewalttätigkeit und seiner peniblen Hierarchie, womöglich nichts anderes als eine Metapher sei, eine reductio ad absurdum des täglichen Lebens.“ (S. 869) Das ist wieder so ein Gedankensplitter, der sich mit den bisherigen Rechtfertigungen des Judenmordes nicht verträgt – der Gedanke eines Menschen, der zu den Herren und nicht den Sklaven des Lagers gehört.

Iris Radischs (DIE ZEIT) Kritik:

  • literarisch mittelmäßig bis dürftig [stimmt i.W., aber streckenweise spannend]
  • Ich-Perspektive des NS-Täters ist eine Chance, aber
  • das Buch ist nur eine Bibliotheksfantasie und offenbart nicht den Täter als Menschen, [das stimmt]
  • außerdem ist er ein Edelnazi, der einen akzeptablen Nationalsozialismus repräsentiert, [der Relativsatz ist falsch, Dr. Voss entlarvt die Rassentheorie als Unsinn, S. 423 f.]
  • er wird durch das intertextuelle Spiel mit der „Orestie“ des Aischylos veredelt, [stimmt vielleicht – mir wird der Bezug auf die Orestie aber nicht klar!]
  • weswegen Dr. Max Aues Taten als Schicksal, aber nicht als zu verantwortende Entscheidungen dastehen. [Das halte ich für falsch, wenn auch die zu erwartenden Strafen von Aue bloß als Siegerjustiz gesehen werden.]
  • Das ist ein innerer Widerspruch: Wenn man den Täter derart ins Zentrum rückt, muss man ihn auch verantwortlich machen. [Problematisch!]
  • Außerdem hat der Roman keinen Stil, ist sexuell schwülstig und lebt vom Standardvokabular des Horrors, bleibt floskelhaft. [Das stimmt, außerdem hat der Roman oft überflüssige Längen, auch bei den Sexorgien Aues.]
  • Es gibt keinen Grund, ihn zu lesen. [Das ist vorschnell geurteilt – man muss die Ich-Perspektive als Chance begreifen, die zu bedenken ist, auch wenn Littell sie nicht wirklich genutzt hat.]

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/ss-roman-die-wohlgesinnten-der-scherge-in-uns-a-535538.html sowie http://www.spiegel.de/thema/jonathan_littell/

https://www.zeit.de/2008/08/L-Littell-Radisch/komplettansicht (sehr kritisch)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/osteuropa-jonathan-littell-die-wohlgesinnten-1386577.html (sehr kritisch)

https://www.begleitschreiben.net/die-wohlgesinnten/ (sehr ausführlich, sehr kritisch)

https://www.welt.de/kultur/article1677754/Jonathan-Littell-macht-jeden-zum-Nazi.html

http://schwarzaufweiss.online/littell-jonathan-die-wohlgesinnten/ (kritisch, doch positiv)

https://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/DieWohlgesinnten

https://dieterwunderlich.de/Littell-wohlgesinnten.htm (Inhalt ausführlich)

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Wohlgesinnten (knappe Übersicht)

 

Eumeniden (Mythologie), Erynnien, Furien, die furchtbaren Rachegöttinnen der griechischen Mythe, Tochter der Nacht, Quälerinnen der Bösen in der Unterwelt, und auf der Oberwelt die verderblichen Machte, welche Seuchen, Hunger, Mord und Krieg verbreiteten. Sie hießen Tisiphone, Megära und Alekto; Andere geben ihre Zahl auf 50 an. Schlangen umringelten ihr Haupt statt des Haares, Schlangen umgürteten sie, Schlangen, Fackeln und Dolche trugen[28] sie in entfleischten Händen; ihr Gesicht war voll tiefer Häßlichkeit, schwarz, ihre Hände bekrallt, doch stellte eine veredelte Kunst später auch die Furien schöner, ja in vollendeter Schönheit voll tiefen Ernstes dar. Wen die Furien verfolgten, der fand keine Ruhe, keinen Frieden; rastlos wurde er umhergejagt von Ort zu Ort, bis er den Tod fand oder freiwillig wählte, oder die »Zürnenden« (Erynnien) sühnte. Neben dem Areopagus zu Athen hatten sie eine geheiligte Grotte.

Damen Conversations Lexikon, Band 4. [o.O.] 1835, S. 28-29.

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Erinyen (Singular Erinys), die griech. Rachegöttinnen, nach Hesiod entstanden aus den auf die Erde gefallenen Blutstropfen des entmannten Uranos, nach andern Töchter der Nacht oder des Skotos (Dunkels) und der Gäa. Die Dreizahl erscheint zuerst bei Euripides, noch später die Namen Alekto (die nie Rastende), Tisiphone (die Mordrächerin), Megära (die Verargende). Wie ihre Heimat, so ist ihr Aufenthalt die Unterwelt, aus der sie gerufen und ungerufen emporsteigen, um ihres Amtes zu walten. Sie sind die unerbittlichen Rächerinnen jeder Überschreitung der Weltordnung, besonders der Vergehen gegen die Grundlagen der menschlichen Gemeinschaft; so strafen sie die Versündigungen gegen Götter, Eltern und Geschwister, namentlich die Blutschuld, Verletzung des Gastrechts, Meineid etc. auf Erden wie im Hades. Die Phantasie der Dichter stattete sie nach dem Vorgang des Äschylos, der sie zuerst auf die Bühne brachte, mit allen möglichen Schrecknissen aus: von dunkler Hautfarbe, mit schwarzen, nach Jägerinnenart aufgeschürzten Gewändern und schwarzen Flügeln, mit Flammenblicken, Schlangen im Haar und um Leib und Arme, durch giftigen Hauch und Geifer Mißwachs und Seuche verbreitend, Fackeln, Geißel, Stachelstab oder Schlangen in den Händen, hetzen sie unermüdlich die Frevler und versetzen den Getroffenen in Wahnsinn, bis er seine Schuld gesühnt hat. Aber als Hüterinnen des Rechts und Rächerinnen des Frevels galten sie auch als wohltätige Mächte, als Eumeniden (die »Wohlwollenden«); in Attika wurden sie als Semnai (die »Ehrwürdigen«) am Areopag und auf dem Hügel Kolonos verehrt.

Geopfert wurde ihnen des Nachts mit schwarzen Schafen, honiggemischtem Wasser, Milch und Kuchen. Eine Übertragung der griechischen E. sind die römischen Furiae oder Dirae, die gewöhnlich als Quälerinnen der Frevler in der Unterwelt vorgestellt wurden, aber auch auf die Oberwelt kommen, um in Wahnsinn zu versetzen und Verbrechen anzustiften. – Dem Zwiefachen der E. entsprechen in der Kunst zwei Typen, der ältere stellte sie als ehrwürdige, langgekleidete Frauen von ernstem Charakter mit Schlangen in der Hand als Symbol dar; der zweite kennzeichnet sie als die furchtbaren Göttinnen und gibt sie mit Vorliebe in der Tracht von Jägerinnen von mehr oder minder schrecklichem Aussehen (vgl. die Abbild.)

http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

Zur „Orestie“ des Aischylos siehe W. Nicolai: Zum doppelten Wirkungsziel der aischyleischen Orstie (https://publications.ub.uni-mainz.de/opus/volltexte/2011/2638/pdf/2638.pdf, dort v.a. S. 37 ff. zu den „Eumeniden); vielleicht tut man mit der Lektüre dieses großen Aufsatzes Herrn Littell jedoch zu viel der Ehre an.

L. Binet: HHhH – Besprechung

L. Binet: HHhH. Himmlers Hirn heißt Heydrich. rororo 25587

Ein großartiges Buch, das man bis zum Ende mit Freude liest (um S. 250 überkam mich allerdings das Gefühl, allmählich könnte es mit dem Attentat losgehen): Laurent Binet erzählt, wie das Attentat auf Heydrich im Mai 1942 vorbereitet und durchgeführt wurde, wie Heydrich starb und wie die Attentäter schließlich durch Verrat gefunden wurden, sich gegen eine Übermacht verteidigten und schließlich selbst töteten. Um diesen Kern herum werden viele Geschichten ausgebreitet, von Heydrichs Lebenslauf, von seinem mörderischen Wirken, von der tschechischen Exilregierung und ihren Soldaten, und immer wieder von Prag, von Böhmen und Mähren und der Slowakei.

Doch ist Binets Buch nicht nur ein Thriller, sondern es ist zugleich ein reflektierter Roman: Immer wieder macht der Erzähler sich daran, über die Möglichkeit, vergangenes Geschehen wahrheitsgetreu zu erzählen, Gedanken; er bezieht sich auf andere Autoren und ihre Bücher, auf Filme und auf seine eigenen Wünsche – das alles nicht ohne Ironie und mit dem Anspruch, nur Wahres zu erzählen: „Diese Geschichte wird zu meiner persönlichen Angelegenheit. Deshalb vermischt sich meine Vorstellung manchmal mit den tatsächlichen Fakten. Es ist, wie es ist.“ (S. 148) Kapitel 102 kann man als Paradebeispiel für dieses Spiel mit der „Wahrheit“ und mit dem Leser ansehen.

Damit etwas ins allgemeine Gedächtnis übergeht, muss es zunächst in Literatur verwandelt werden. Das mag schäbig sein, aber es ist nun einmal so.“ Soll man mit Binet über diesen Satz streiten? Nein, es ist besser, das ganze Buch zu lesen, um sich im Sinne Binets die Untaten der Nazis noch einmal vor Augen zu führen.

https://de.wikipedia.org/wiki/HHhH

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/laurent-binet-hhhh-wie-die-blonde-bestie-starb-11229062.html

https://www.perlentaucher.de/buch/laurent-binet/hhhh.html

Laurent Binet: Die siebte Sprachfunktion (2018) – Besprechung

Die siebte Sprachfunktion“ ist ein witziger Roman. Unter Sprachfunktionen versteht man die wesentlichen Aufgaben, welche Sprache für die Menschen hat. Der Linguist Jakobson (https://de.wikipedia.org/wiki/Roman_Ossipowitsch_Jakobson#Werk) hat deren sechs identifiziert, vielleicht auch eine siebte, und um diese siebte geht es: um das Performativ oder die Möglichkeit, mit Sprache jeden herumzukriegen oder zu besiegen.

Gesucht wird also Jakobsons Manuskript der Theorie der siebten Sprachfunktion, bzw. dessen Fälschung, um dessen Besitz und Raub… dabei kommen allerlei Menschen zu Tode. Die Ereignisse spielen im Jahr 1980, zunächst in Paris mit seinen Intellektuellen und einigen wichtigen Politikern, dann an verschiedenen Orten mit vielen koksenden Studenten und sexuell freizügigen Menschen. Inspektor Bayard wird vom französischen Präsidenten damit beauftragt, besagtes Manuskript zu finden und den Tod Roland Barthes‘ aufzuklären; er engagiert dazu einen jungen Sprachwissenschaftler, und der erlebt von heißer Liebe über großen Wettkampf bis zur Verstümmelung das pralle Leben.

Besagte Sprachfunktion soll bei zwei Gelegenheiten eingesetzt werden: beim rhetorischen Wettkampf im Logos-Club (mit schlimmen Konsequenzen für die Verlierer) und beim französischen Wahlkampf 1980, den Mitterand gewinnt – und so gehen die Ereignisse ihren Gang, zum Schluss ist der Fall aufgeklärt.

Ich habe das Buch mit Freude gelesen.

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article161767523/Ganz-Frankreich-ist-ein-einziger-Krimi.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/laurent-binets-roman-die-siebte-sprachfunktion-14574555.html

https://www.zeit.de/2017/05/die-siebte-sprachfunktion-laurent-binet-roman-campus

https://www.deutschlandfunk.de/laurent-binet-die-siebte-sprachfunktion-deftige.700.de.html?dram:article_id=378885

J. Kaube: Die Anfänge von allem (2017) – Besprechung

Jürgen Kaube, einer der Herausgeber der FAZ, hat mit „Die Anfänge von allem“ (Rowohlt 2017) ein Buch veröffentlicht, das im Dezember 2017 bereits in 3. Auflage vorlag, wobei die Auflagenhöhe aber dezent verschwiegen wird. Es geht darin um die Anfänge spezifisch menschlich-kultureller Errungenschaften, die nicht durch Nachahmung natürlicher Gegebenheiten erklärt werden können, vom aufrechten Gang über die Anfänge der Sprache, der Religion, der Musik, der Schrift bis zu den Anfängen des Geldes und der Monogamie – insgesamt 16 Kapitel mit 50 Seiten Anmerkungen und 40 Seiten Literaturangaben. Dabei greift Kaube auf evolutionsbiologische Überlegungen, historische Untersuchungen zur Antike und ethnologisches Vergleichsmaterial zurück, ohne dass diese Differenzen in der Fragestellung im Einzelfall begründet würden: Warum widmet er sich z.B. im 12. Kapitel den Anfängen des geschriebenen Rechts, also dem Codex Hammurabi, aber nicht dem mutmaßlichen Anfang rechtlicher Verhältnisse unter Menschen?

Bestechend ist die Fülle der Literatur, die Kaube verarbeitet hat; dabei fällt allerdings auf, dass die englischsprachige Literatur überproportional vertreten ist, auch mit Artikeln in Fachzeitschriften, an die man als normaler deutscher Leser nicht herankommt. Dafür fehlt manchmal deutsche Standardliteratur, bei der Schrift etwa Christian Stetters „Schrift und Sprache“ (Suhrkamp 1997).

Die 14 Kapitel sind naturgemäß nicht gleich gut. Die ersten Kapitel haben mich besonders beeindruckt: über den aufrechten Gang als zentrales Kriterium des Menschlichen, über das Kochen und Sprechen (wobei ich nicht begreife, wie es ein Kapitel über das Sprechen und eines über die Sprache geben kann). Gut ist auch das Kapitel über die Stadt, während die Kapitel über die Religion, den Staat und das Erzählen Schwächen aufweisen. Das müsste an vielen Einzelheiten belegt werden.

So geht es im 14. Kapitel darum, dass es praktisch war, die unzähligen Götter auf einige zu reduzieren. „Dafür waren Gedanken wie der nötig, dass nicht jeder Fluss eines zuständigen Gottes bedarf, wenn sich alle Flüsse aus einem unterirdischen See speisen. Dessen Gott genügte dann. Auf diese Weise kamen Konzepte wie Ursache und Wirkung, Ganzes und Teil oder Über- und Unterordnung ins Spiel. Die Menschheit lernte an den Göttern, die sie sich vorgestellt hatte, logisch zu denken.“ (S. 296) Das ist denn doch eine viel zu einfache „Erklärung“ der Herkunft von Kategorien des Denkens. Und es nicht die einzige Stelle, wo Kaube journalistisch-flott statt wissenschaftlich-langsam argumentiert.

Gleichwohl hat Kaube ein Buch geschrieben, das interessant ist und viel Stoff zum Nachdenken bietet. Und das wollte er ja auch, nicht nur die Anfänge zivilisatorischer Errungenschaften darstellen (S. 19), sondern auch „Perspektiven auf die Zivilisation (…) eröffnen, die nicht von unseren eigenen Gewohnheiten schon festgelegt sind“ (S. 22). Dabei ergibt sich, dass viele Errungenschaften nicht eine einzige Ursache haben, dass sie nicht direkt „erfunden“ worden sind, dass es über ihre Anfänge nicht nur eine Theorie gibt; wenn man gut Bescheid weiß, etwa über die Anfänge der Stadt, reduziert sich jedoch die Zahl der plausiblen Theorien.

Als eine Schwäche erweist sich m.E. die Aufteilung der Frage nach den Anfängen auf viele Themen, bei denen man dann wieder auf andere Themen resp. die dort vorgetragenen Überlegungen zurückgreifen muss. Ein chronologisch geordneter Längsschnitt hätte diese Probleme umgangen.

https://www.mdr.de/kultur/empfehlungen/sachbuch-der-woche-juergen-kaube-die-anfaenge-von-allem-100.html

https://www.zeit.de/2017/44/die-anfaenge-von-allem-juergen-kaube-sachbuch

http://www.deutschlandfunk.de/juergen-kaube-die-anfaenge-von-allem-ein-buch-das-lust-zum.700.de.html?dram:article_id=408511

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article169026184/Was-hat-der-aufrechte-Gang-mit-Monogamie-zu-tun.html (sehr anregend)

https://www.praeposition.com/sentimenthek/9-jrgen-kaube-die-anfnge-von-allem u.a.

Philip Roth: Mein Leben als Sohn – Besprechung

Philip Roth: Mein Leben als Sohn. Eine wahre Geschichte, 1992

Vor einigen Tagen ist der amerikanische Autor Philip Roth gestorben. Aufgrund der Würdigung seiner wichtigsten Werke habe ich beschlossen, Roth zu lesen, und mir aus der Stadtbibliothek einige zufällig vorhandene Bücher mitgenommen. „Mein Leben als Sohn“, ein spätes Buch des Autors, handelt vom Sterben seines Vaters – genauer von der Zeit davor. Es beginnt mit der Entdeckung, dass Herman Roth einen bereits zehn Jahre alten Gehirntumor hat: Soll man dem 86jährigen noch eine über zehnstündige Operation zumuten? Und was geschieht mit ihm, wenn man nicht operiert?

Diese Geschichte wird aus der Perspektive des Sohnes erzählt, der sich um den eigenwilligen Vater kümmert, dessen Lebensgeschichte (jüdisches Einwandererkind, Ehemann und Vater, Sportsfreund und Kämpfer, Vertreter einer Versicherungsgesellschaft …) immer wieder durchscheint. Zum Schluss werden auch das Atem- und Esszentrum angegriffen, und Herman Roth stirbt einen schweren Tod.

Philip Roth greift seinem Tod in einem Traum voraus, in dem eine alte Kriegsfregatte unbewaffnet und steuerlos auf die Küste zutreibt; Philip Roth steht mit anderen Kinder am Ufer und sieht dem Geschehen zu. „Der Traum sagte mir, daß ich zumindest in meinen Träumen ewig als sein kleiner Sohn leben würde, mit dem Gewissen eines kleinen Sohnes, so wie er dort lebendig bleiben würde, nicht nur als mein Vater, sondern als der Vater, der zu Gericht sitzt über alles, was immer ich tue.“

Roth hat das Buch „Für unsere Familie, die Lebenden und die Toten“ geschrieben, ein eindrucksvolles Buch, das einen am Sterben des Herman Roth und am Mitleiden des Philip Roth teilnehmen lässt. Jetzt gehört Philip Roth selbst zu den Toten – wenn man denn so überhaupt sprechen darf, als ob es die Gemeinschaft der Toten gäbe. Vermutlich ist das aber nur ein Wort, bei dem wir uns im Glauben an die Existenz des Benannten etwas ahnend denken.

https://de.wikipedia.org/wiki/Mein_Leben_als_Sohn

http://www.die-leselust.de/buch/roth_philip_sohn.htm

http://www.lesekost.de/Us/HHLUS05.htm

https://radiergummi.wordpress.com/2011/03/03/philip-roth-mein-leben-als-sohn/