G. Dalos: Für, gegen und ohne Kommunismus (2019) – gelesen

Der ungarische Schriftsteller, Ex-Kommunist und Ex-Dissident, Jahrgang 1943, hat seine Erinnerungen an sein Leben in und außerhalb Ungarns bis zum 1. Januar 1990 aufgeschrieben; die beiden ersten zitierten Rezensionen geben über das Buch hinreichend Auskunft.

Ich war von der Lektüre ein wenig enttäuscht, weil Dalos recht nüchtern erzählt – aufgrund des Titels hatte ich mehr vom Furor eines Renegaten erwartet, wie er aus Nietzsches Aphorismus „Von der Überzeugung und der Gerechtigkeit“ (Menschliches, Allzumenschliches I 629) und den folgenden spricht:

Das, was der Mensch in der Leidenschaft sagt, verspricht, beschließt, nachher in Kälte und Nüchternheit zu vertreten — diese Forderung gehört zu den schwersten Lasten, welche die Menschheit drücken. Die Folgen des Zornes, der aufflammenden Rache, der begeisterten Hingebung in alle Zukunft hin anerkennen zu müssen — das kann zu einer um so größeren Erbitterung gegen diese Empfindungen reizen, je mehr gerade mit ihnen allerwärts und namentlich von den Künstlern ein Götzendienst getrieben wird. Diese züchten die Schätzung der Leidenschaften groß und haben es immer getan; freilich verherrlichen sie auch die furchtbaren Genugthuungen der Leidenschaft, welche Einer an sich selber nimmt, jene Racheausbrüche mit Tod, Verstümmelung, freiwilliger Verbannung im Gefolge, und jene Resignation des zerbrochnen Herzens. Jedenfalls: halten sie die Neugierde nach den Leidenschaften wach, es ist, als ob sie sagen wollten: ihr habt ohne Leidenschaften gar Nichts erlebt. — Weil man Treue geschworen, vielleicht gar einem rein fingirten Wesen, wie einem Gotte, weil man sein Herz hingegeben hat, einem Fürsten, einer Partei, einem Weibe, einem priesterlichen Orden, einem Künstler, einem Denker, im Zustande eines verblendeten Wahnes, welcher Entzückung über uns legte und jene Wesen als jeder Verehrung, jedes Opfers würdig erscheinen ließ — ist man nun unentrinnbar fest gebunden? Ja haben wir uns denn damals nicht selbst betrogen? War es nicht ein hypothetisches Versprechen, unter der freilich nicht laut gewordenen Voraussetzung, dass jene Wesen, denen wir uns weihten wirklich die Wesen sind, als welche sie in unserer Vorstellung erschienen? Sind wir verpflichtet, unsern Irrtümern treu zu sein, selbst mit der Einsicht, dass wir durch diese Treue an unserem höheren Selbst Schaden stiften? — Nein, es gibt kein Gesetz, keine Verpflichtung der Art, wir müssen Verräter werden, Untreue üben, unsere Ideale immer wieder preisgeben. (https://www.textlog.de/22216.html)

Wie gesagt, wer einen nüchternen Bericht erwartet, wird vermutlich nicht enttäuscht.

https://www.lvz.de/Nachrichten/Kultur/Kultur-Regional/Gyoergy-Dalos-Erinnerungen-an-ein-Leben-Fuer-gegen-und-ohne-Kommunismus

https://www.tagesspiegel.de/kultur/literatur/erfahrungen-im-kommunismus-bettwanzen-im-studentenheim/25166984.html

https://kommunismusgeschichte.de/jhk/jhk-2011/article/detail/der-kommunismus-als-plusquamperfekt-in-ungarn-randbemerkungen-zur-optik-der-erinnerung/

https://www.ardaudiothek.de/gespraeche/fuer-gegen-und-ohne-kommunismus-gyoergy-dalos-im-gespraech-mit-bernd-schekauski/69003444 (Interview)

https://www.nzz.ch/meinung/kommentare/wie-ich-den-glauben-an-den-kommunismus-verlor-ld.1323780 (Artikel des Autors)

A. Al-Aswani: Der Automobilclub von Kairo – gelesen

Ein großartiger Roman (ägypt. 2013, deutsch 2015) aus der Zeit vor der Revolution Nassers in Ägypten: Einmal erleben wir das Geschick der Familie Gaafar, die aufgrund der Freigebigkeit des Vaters verarmt und nach Kairo gezogen ist, wo er als kleiner Angestellter im Automobilclub ein wenig verdient; er stirbt bald und lässt die Familie unversorgt zurück. So folgt der Erzähler der Geschichte seiner vier Kinder Kamil, Said, Machmud und Saliha.

Durch den Vater, aber auch durch Kamil ist die Familie mit dem Automobilclub verbunden, in dem sich neben reichen Ägyptern und Europäern auch der König herumtreibt und sein Faulenzerleben mit Pokerspiel und Frauengeschichten verschönert. Den Club leitet ein widerlicher Engländer, Mr. Wright, die Aufsicht über das schlecht bezahlte Personal übt der Günstling des Königs Ko gnadenlos aus.

Was das Geschehen vorantreibt, sind einmal der Widerstand einiger gegen den Ko und dessen Willkürherrschaft, sodann der Widerstand gegen den König, in den der Jurastudent Kamil hineingezogen wird, und vor allem die Lebensgeschichten der vier Gafaarkinder (Arbeit und Liebe), wobei die Tochter Wrights, Mitzi, die sich für ägyptisches Leben begeistert, sich vom Vater lossagt und schließlich Kamil heiratet.

Es gibt also in den vierundvierzig Kapiteln, in denen die Erzählstränge ständig wechseln und die oft aus der Ichperspektive einer Figur erzählt werden, viel Gewalt und Unterwürfigkeit; Liebe, Sex und Ehebruch; Salihas arrangierte und bald gescheiterte Ehe; Kamils Trauung im Gefängnis und zum Schluss die Ermordung Kos, der es nicht besser verdient hat. Man verschlingt die 650 Seiten förmlich – und nach gut 200 Seiten, muss ich gestehen, habe ich schon mal das letzte Kapitel gelesen; da wusste ich dann, dass es mit Ko ein böses Ende nimmt.

Zwei Episoden verdienen, gesondert erwähnt zu werden: Zu Beginn bekommt der Autor Besuch von zwei Figuren des Buchs, die ihm vor dem Druck eine CD mit ihrer wahren Geschichte übergeben: ein kleiner Gag. Und ein größerer: Wright soll und will seine Tochter dem König als Lustobjekt zuführen; Mitzi widersetzt sich zunächst, folgt dann doch der Einladung, lässt sich vom König umsäuseln und versetzt ihn dann – wie sie das macht, sei aber hier nicht verraten.

https://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/maul-halten-und-gehorchen-1.18669288

https://www.sueddeutsche.de/kultur/historischer-roman-der-echte-diener-ist-nur-ein-konsonant-1.2682476

https://www.freitag.de/autoren/soloto/der-automobilclub-von-kairo

https://de.qantara.de/inhalt/alaa-al-aswanis-roman-der-automobilclub-von-kairo-mikrokosmos-der-tyrannei

https://www.marabout.de/Aswani/Aswani3.htm

https://travelwithoutmoving.de/der-automobilclub-von-kairo-von-alaa-al-aswani/

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article147921767/Man-sieht-diesen-roten-Punkt-wenn-sie-zielen.html (Interview)

https://de.qantara.de/inhalt/interview-mit-dem-aegyptischen-autor-alaa-al-aswani-ich-schreibe-um-die-demokratie-zu (dito)

https://www.diepresse.com/4878713/al-aswani-bdquodie-agypter-sind-andere-gewordenldquo (dito)

F. von Schirach: Tabu (2013) – gelesen

Dieses Buch (2013, Neuausgabe 2017) besteht aus zwei Teilen: Im ersten Teil wird die Lebensgeschichte des Eigenbrötlers Sebastian von Eschburg erzählt: Die lieblose Mutter ist nur an Pferden interessiert; der Vater nimmt ihn einmal mit auf die Jagd und weidet einen Rehbock aus, er erschießt sich, die Mutter verkauft das Familiengut zugunsten eines neuen Reitstalls. Sebastian nimmt alle Dinge (auch die Buchstaben) farbig wahr, hat gelegentlich Halluzinationen, wird Fotograf, arbeitet nur mit tollen Kameras in Schwarz-Weiß und wird ein erfolgreicher Geschäftsmann, der sogar eine Freundin Sofia gefunden hat, bei der er es aushält.

Der zweite Teil wird von der Verhaftung Sebastians wegen Mord, den Ermittlungen des Anwalts Biegler und der Verhandlung bestimmt; Held ist hier Biegler, der Sebastian freibekommt, weil dessen Geständnis unter Folter erzwungen war. Sebastian hat den ihm wesensverwandten Biegler als Anwalt gewählt, weil der in einem früheren Verfahren gesagt hatte, „Wahrheit und Wirklichkeit seien ganz verschiedene Dinge, so wie Recht und Moral sich unterscheiden würden“. Damit ist auch das Thema des Romans gegeben: Aus Sebastians Sicht die Konstruktion der vermeintlich getöteten Frau aus drei verschiedenen Bildern, aus Bieglers Sicht der Zweifel an Geständnissen und der Kampf gegen die Folter als Mittel der Wahrheitsfindung (das erinnert an die Diskussion um den Abschuss des Terroristenflugzeugs in einem anderen Roman von Schirachs).

Der Unterschied zwischen Wahrheit und Wirklichkeit wird aber nicht erklärt oder vertieft, sondern steht als erzählte These im Raum (neben Sebastians These, dass Wahrheit nicht in der Schönheit liege, sondern im Blut – Schönheit sei nur das absolute Gleichmaß, der Durchschnitt aller Menschen); auch sonst bleibt einiges unklar, zum Beispiel warum Sebastian sich von Sofia getrennt hat, woher er seine Halbschwester kennt oder wer Senja Finks ist – eine junge Frau, die außer Sebastian niemand gesehen hat und die als SFINKS = Sphinx entschlüsselt wird, ohne dass man von ihr etwas wüsste.

Der erste Teil wird recht langatmig erzählt, im zweiten löst Anwalt Biegler überraschend schnell die Knoten der irrigen Vorstellungen des Richters, der Staatsanwältin und der Öffentlichkeit auf. Er kontert zum Schluss den Hinweis des Autors, die erzählten Ereignisse beruhten „auf wahren Begebenheiten“ [Anmerkung: Es kann nur wirkliche Begebenheiten geben!], mit der witzigen Frage „Wirklich? (= Ist das wahr?)“.

https://de.wikipedia.org/wiki/Tabu_(Roman)

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/ferdinand-von-schirach-tabu-die-schoenheit-kennt-keine-wahrheit-12573088.html

https://www.zeit.de/2013/37/roman-ferdinand-von-schirach-tabu (kritisch!)

https://stiehlover.com/agenturblog/ich-ist-ein-anderer-ferdinand-von-schirach-hat-angst-ein-tabu-zu-brechen-sein-eigenes/ (kritisch)

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article120871701/Stilvoller-Weltschmerz-mit-Ferdinand-von-Schirach.html

Gelesen: Rückblick 2019

Wenn auf 2019 zurückgeblickt wird, kann ich nicht mit Reisen und Reisezielen aufwarten, weil wir in diesem Jahr wegen meiner Probleme mit den Schultergelenken schlicht nicht verreist sind. Meine Abenteuer haben sich im Wesentlichen im Kopf abgespielt, ich habe einige aufregende Bücher gelesen.

Deren letztes war Wolfram Eilenberger: Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 – 1929 (Klett-Cotta). Darin wird abwechselnd von Wittgenstein, Heidegger, Walter Benjamin und Ernst Cassirer erzählt, von ihrem Leben und von dem, was sie gedacht und geschrieben haben. Von ihnen ist nur Heidegger in Deutschland geblieben; Wittgenstein war ohnehin Österreicher und hat sich später nach England orientiert, Benjamin und Cassirer sind vor den Nazis geflohen. [Der Blick auf die Weimarer Republik hat sich 2018/19 aus meiner Beschäftigung mit Kästner ergeben.]

Weniger aufregend als eindrucksvoll war Hermann Brochs Roman „Die Schuldlosen“, der aus elf Novellen besteht und eine komplexe Entstehungsgeschichte aufweist. Von den elf sind „Methodisch konstruiert“ und „Die vier Reden des Studienrats Zacharias“ hervorzuheben, in denen besagter Lehrer Zacharias auftritt – Prototyp eines widerlichen deutschen Spießers, eine Sumpfblüte, die geradezu nach braunem Sumpf lechzt.

Gabriele Tergits Roman „Effingers“, 1951 erschienen, wurde neu aufgelegt. Erzählt wird von den Schicksalen der jüdischen Familien Goldschmidt und Effinger, eines Bankiers und eines Uhrmachers, vom Aufstieg in der Kaiserzeit über die Krisen in der Weimarer Republik bis zur Heraufkunft der Nazis, Freuden und Leiden von vier Generationen, in Berlin und auf dem Land in Süddeutschland: ein großes Panorama.

Zum Schluss möchte ich noch zwei wirklich alte Bücher nennen. Friedrich Christian Laukhard hat ab 1792 seine Lebensgeschichte erzählt, die 1908 von Viktor Petersen neu herausgegeben worden ist: Studentenleben, Laufbahn an der Uni, Geschicke als preußischer Soldat, Beobachter im revolutionären Frankreich, Begegnungen mit vielen freundlichen Menschen. Man kann es auf www.archive.org einsehen (zwei Bände).

Dort findet man auch den ersten Band der Lebenserinnerungen von Carl Schurz. Er erzählt von seiner Kindheit in Lieblar, seiner Schulzeit, dem Beginn des Studiums in Bonn und seinen Aktivitäten in der Revolution 1848/49, der Befreiung des Professors Kinkel aus der Festung Spandau, dem Exil in Europa, der Auswanderung nach Amerika und seinen politischen und militärischen Kämpfen in der Neuen Welt.

Eugen Ruge: Metropol (2019) – gelesen

Im Epilog berichtet Eugen Ruge, wie sein Buch nach dem Erfolg seines ersten Romans „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ entstanden ist und wie er es einschätzt, dass er auf der Basis einiger Dokumente mit viel Phantasie das Leben seiner Großmutter und ihres zweiten Ehemanns („Charlotte“ und „Wilhelm“) in der Zeit der stalinschen Säuberungen 1936-1938 in der Sowjetunion erzählt. Man sieht also weniger das Bild der Großmutter als das Leben deutscher Kommunisten, die vor den Nazis geflohen sind und für den Geheimdienst der Komintern arbeiten: wie sie ihre Stellungen verlieren, sich von Tag zu Tag durchschlagen, in Angst vor der Verhaftung leben und am Ende ausgewiesen werden.

Es gibt unter dem Diktat der Angst um das eigene Leben keine Solidarität, sondern nur Demonstration der guten Gesinnung, Opportunismus, Denunziation, Kampf ums tägliche Essen, und leise Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Anklagen und Urteile nur bei Charlotte. Man erlebt das Geschehen aus der Sicht Charlottes und auch Wilhelms sowie der Hilde Tal, der zweiten Frau seines Großvaters, und des Vorsitzenden Richters der Militärkommission Wassili W. Ulrich, der Todesurteile am laufenden Band fabriziert und schließlich wie auch Hilde selbst Opfer der wahnsinnigen „Säuberung“, des Feldzugs gegen überzeugte Kommunisten wird.

Der Richter Ulrich hat einmal eine Erleuchtung, die einiges von dem dunklen Geschehen erklärt: „Die Menschen glauben, was sie glauben wollen. Betonung auf wollen.“ Das war in der Sowjetunion 1937 nicht anders als in der USA 2016, 2017, 2018, 2019, und 2020 wird es nicht anders sein. Man könnte sich auch in England oder Deutschland umschauen, um Beispiele dieses Phänomens zu finden…

Einen Namen sollte man sich noch merken: Wladislaw Hedeler. Bei dem bedankt Eugen Ruge sich für hilfreiche Hinweise über die Verfolgungswelle in der Sowjetunion – Hedeler ist Spezialist für Bucharin und hat auch sonst zum Thema geschrieben. Man findet über Hedeler nicht viel bei Wikipedia, man muss schon unter seinem Namen weiter suchen.

www.lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/13511 (Hedeler über die großen Schauprozesse 1936/37/38)

Rezensionen:

https://literaturkritik.de/eugen-ruge-metropol-unter-freundfeinden,26142.html

https://www.zeit.de/2019/45/metropol-eugen-ruge-roman-rezension

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/eugen-ruges-neuer-roman-metropol-16425026/blick-aus-dem-hotel-metropol-16427544.html

https://taz.de/Metropol-von-Eugen-Ruge/!5629823/

https://www.deutschlandfunkkultur.de/eugen-ruge-ueber-seinen-roman-metropol-aus-dem-inneren-des.1270.de.html?dram:article_id=460665 u.a.

Schlafe, mein Prinzchen, schlaf‘ ein – Text

Im Internet findet man verschiedene Versionen des Textes. Das Wiegenlied ist nämlich reichlich zersungen [„Dröhnet ein schmelzendes/lustvolles Ach“; in manchen Versionen wird das seufzende Ach durch einen anderen Text ersetzt, damit die Kinder keine dummen Fragen stellen] ; ich habe versucht, den ursprünglichen Text zu finden. Es gelingt mir aber nicht, Gotters Drama „Esther“, aus dem das Gedicht als Äußerung Fatmes stammt (Gotter: Schauspiele, 1795, S. 154-156), im Internet einzusehen. Ich habe allerdings mehrere alte Versionen des Gedichts gefunden:

https://archive.org/details/bub_gb_TkkuAAAAYAAJ/page/n565 Als der Großvater die Großmutter nahm. Ein Liederbuch für altmodische Leute. 4. Aufl. Leipzig 1905, S. 555 f. (bester Text, mit Quellenangabe S. 635)

https://archive.org/details/BoehmeVtLieder1895/page/n491 Franz Magnus Böhme: Volksthümliche Lieder der Deutschen im 18. und 19. Jahrhundert. Leipzig 1895, dort S. 466 f. (Nr. 623)

Meine älteste Quelle stammt aus dem Jahr 1796: https://books.google.de/books?id=rp5hAAAAcAAJ&pg=PP4&dq=Gotter:+schlafe+mein+prinzchen+1796&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwii5bLM1_jlAhVNK1AKHfxfCGI4FBDoAQhJMAU#v=onepage&q=Gotter%3A+schlafe+mein+prinzchen+1796&f=false von Friedrich Fleischmann, allerdings mit erweitertem Refrain, wie er wunderbar von Nana Mouskuri gesungen wird: https://www.youtube.com/watch?v=cJJoBqpxvWs; hier wirkt sich die Melodie so aus, dass sie gefühlvoll den Refrain erweitert. Diese Version findet man auch in der Wikipedia.

Noch eine Bemerkung zur dritten Strophe: Es muss wohl „Karessen [Liebkosungen, Zärtlichkeiten] im Kauf“ heißen; daraus wird oft vereinfachend „Karossen im Lauf“ [vielleicht auch nur falsch gelesen? e für ein unsauber gedrucktes o und das Fraktur-K für L gelesen?] gemacht, was aber falsch ist, auch wenn Kinder das besser verstehen.

W. Eilenberger: Zeit der Zauberer (2018) – gelesen

Ich habe ein kluges und anregendes Buch gelesen: „Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919-1929“ von Wolfram Eilenberger. In acht Kapiteln werden in chronologischer Abfolge jeweils parallel das Leben und Arbeiten der vier Großen: Wittgenstein, Cassirer, Benjamin und Heidegger beschrieben, wobei der Autor sich der Logik der Fragen und Antworten seiner vier Helden anpasst. Was das Buch auszeichnet, ist die Tatsache, dass man als Leser die Probleme mitdenken kann; denn es sind auch noch unsere Probleme.

Das lässt sich schön an Walter Benjamins Frage, wie sich Freiheit und Schicksal zueinander verhalten, wie sich das Problem in Goethes „Wahlverwandtschaften“ darstellt und was das für das Konzept der romantischen Liebe bedeutet, zeigen (S. 169 ff.): Wo sich Schicksalhaftes ereignet, gibt es keine Freiheit und keine Schuld, sondern nur Sühne; nur wo Freiheit besteht, gibt es Verantwortung. Dass die schicksalhafte romantische Liebe in eine frei gewollten Ehe mündet, ist in sich widersprüchlich und damit „existenziell uneinholbar“.

Auch dass Heideggers Liebesgeschichte relativ viel Raum bekommt, empfinde ich nicht als deplatziert; zeigt doch sein Umgang mit Hannah Arendt, dass sein rein individualistisches Daseinskonzept der gewaltigen Erfahrung seiner Liebe nicht standhält (S. 217 ff.). „Im Namen seines Existenzideals einer heroischen Eigentlichkeit versagt er der Erfahrung des Du letzte Anerkennung.“ Für mich ist damit das Urteil über seine Philosophie gesprochen.

Ich habe beschlossen, die alten Bücher von Walter Benjamin, Ludwig Wittgenstein und Ernst Cassirer (zum Teil noch einmal) zu lesen; Cassirers „Philosophie der symbolischen Formen“ habe ich mir eigens gekauft. Die alten Probleme von 1919-1929 sind immer noch, wenn auch teilweise unter anderen Namen, aktuell.

P.S. Wenn man bedenkt, dass Cassirer und Benjamin von den Nazis vertrieben wurden (und Wittgenstein sich in Deutschland auch nicht hätte halten können), sieht man, welche Barbarei im Namen einer angeblichen Gesundung des deutschen Volkes betrieben worden ist: Die Besten wurden verjagt!

https://www.zeit.de/2018/12/zeit-der-zauberer-wolfram-eilenberger-philosophie-martin-heidegger

https://www.deutschlandfunkkultur.de/wolfram-eilenberger-ueber-sein-buch-zeit-der-zauberer-die.2162.de.html?dram:article_id=412694

https://buch-haltung.com/wolfram-eilenberger-zeit-der-zauberer/

http://www.kulturbuchtipps.de/archives/2078

https://www.freitag.de/produkt-der-woche/buch/zeit-der-zauberer/zauberer_netzschau

https://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.philosophie-wolfram-eilenberger-zeit-der-zauberer.610e376a-90a1-471f-854f-23a9a53c8fe9.html (leise kritisch)

http://blog.klett-cotta.de/sachbuch/geschichte/lesebericht-wolfram-eilenberger-zeit-der-zauberer-das-grosse-jahrzehnt-der-philosophie-1919-1929/

https://www.radiobremen.de/bremenzwei/sendungen/gespraechszeit/wolfram-eilenberger114.html (Gespräch mit dem Autor)

P.S. Ergebnisse meiner Lektüre:

https://also42.wordpress.com/2019/11/14/walter-benjamin-einbahnstrasse-darin-kaiserpanorama/

Zigeuner – drei Perspektiven

Der Zigeuner, des -s, plur. ut nom. sing. Fäm. die -inn, der Nahme eines herum streifenden ausländischen Gesindels, welches bald nach dem Anfange des 15ten Jahrh. in Deutschland und dem westlichen Europa bekannt ward, aus den östlichen Gegenden kam, und aus Egypten herstammen wollte, daher sie in manchen Europäischen Sprachen auch Egyptier genannt werden. Einigen neuern Entdeckungen zu Folge soll dieses Volk von der Indostanischen Gränze herstammen […]. Der Nahme ist aus dem Pers. Zengi, Türk. Tschingane, daher denn das Russ. und Ungar. Tzigan. In Niedersachsen nennet man sie Tatarn, weil man sie daselbst für Tartarischer Abkunft hielt.

So steht es in Adelungs „Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Sprache“, 4. Band, 1801. Wesentlich dezenter wird im Brockhaus Conversations-Lexikon 1809 von den Zigeunern gesprochen: Die Zigeuner, ein Volk, das sich von jeher einen Namen, wenn gleich nicht von der besten Art, gemacht hat, wurde zuerst ungefähr 1417 bekannt. […] Sie führen bekannter Maßen eine unabhängige freie Lebensart, lieben Musik und Tanz, und verdienen sich damit, so wie durch ihre Wahrsagekünste, wohl auch durch Handarbeit ihr Brot. […] Auch haben sich die Regenten (Catharina II. Maria Theresia, Joseph II.) viel Mühe gegeben, das Volk nach und nach zur Feldarbeit oder zu Handwerken, auch zum Kriegsdienst anzugewöhnen, oder sie den übrigen Nationen einzuverleiben; allein noch scheinen diese Zwecke nicht sehr erreicht worden zu sein.

Insgesamt neutral wird auch 100 Jahre später in Meyers Großem Konversations-Lexikon über die Zigeuner informiert; es finden sich jedoch kritische Untertöne. Und dann liest man schwarz auf weiß: Die Z. fanden anfangs wohl überall eine gute Aufnahme, wurden aber infolge ihrer Betrügereien und Diebstähle bald auf das grausamste verfolgt, ohne daß man jedoch das unheimliche Volk auszurotten vermochte. (Band 20, 1909 – zwei Schreibfehler von mir korrigiert)

Die Zigeuner blieben über Jahrhunderte in allen Ländern Fremde und wurden schlecht behandelt, oft verfolgt, am schlimmsten weil systematisch im Dritten Reich. So ist in den letzten Jahrzehnten ein Streit um den Namen „Zigeuner“ entstanden, den man politisch korrekt jetzt durch „Roma“ ersetzen soll, wie man breit im Wikipedia-Artikel (und im DWDS) nachlesen kann. Dagegen gibt es aber auch von Seiten der Zigeuner Widerstand, wie Rolf Bauerdick berichtet.

Die Zigeuner/Roma waren also überall Fremde, damit Außenseiter und aller Untaten verdächtig. Das zeigt sich in Sprichwörtern, wo man die Meinung des Volks unzensiert hört – die zweite Perspektive (Quelle ist Wander: Deutsches Sprichwörter-Lexikon Bd. 5, 1880):

Den Zigeuner betrügt der Jude, den Juden der Grieche und den Griechen der Teufel. (Hier werden verschiedene Betrügergruppen genannt, unter denen Zigeuner nicht einmal die schlimmsten sind.)

Der Zigeuner verkauft um einen Groschen seine Seele und um einen Heller seine Tochter. (Vielleicht wird im ersten Satz darauf angespielt, dass Zigeuner sich ohne große Bedenken verschiedenen Religionen anpassten, wenn es günstig war. Gegen den zweiten Satz steht das Sprichwort: Ein Zigeuner hat sein Kind lieb, und wäre es auch schwarz, wie der Satan. Dieses Sprichwort kann man übrigens auf jede Mutter und jeden Vater übertragen.)

Was dir ein Zigeuner gestohlen, kann nur ein anderer wieder holen.

Wenn der Zigeuner nicht stiehlt, er nicht als Mensch sich fühlt. (Diese beiden Sprichwörter brauchen nicht kommentiert zu werden; sie schlagen sich im Meyers-Artikel nieder und man fragt sich, ob das bloß Vorurteile sind oder Urteile, die vielleicht doch auf vielfacher Erfahrung beruhen oder, wie in Schnurres Erzählung „Jenö war mein Freund“ vermutet wird, auf einem anderen Eigentumsbegriff.)

Bemerkenswert ist nun, dass in der Aufklärung das „Lob der Zigeuner“ durch Friedrich Hagedorn (1708-1754) erklingt: Ihre andersartige Lebensweise gilt – hier noch etwas hölzern – als vorbildlich, die dritte Perspektive:

Uraltes Landvolk, eure Hütten

Verschont der Städter Stolz und Neid;

Und fehlt es euch an feinen Sitten,

So fehlt’s euch nicht an Fröhlichkeit,

Ihr scherzt auf Gras und unter Zweigen,

Ohn‘ allen Zwang und ohne Zeugen.

[…]

Ihr rennet nicht nach hohen Ehren:

Ihr wünscht euch nicht an Titeln reich.

Kein Zwiespalt in geweihten Lehren,

Kein Federkrieg verhetzet euch.

Ihr seid (was kann den Vorzug rauben?)

Von Einer Farb‘ und Einem Glauben.

Das schönste Zigeuner-Gedicht stammt von Nikolaus Lenau (1802-1850):

Die drei Zigeuner

Drei Zigeuner fand ich einmal

Liegen an einer Weide,

Als mein Fuhrwerk mit müder Qual

Schlich durch sandige Heide.

 

Hielt der eine für sich allein

In den Händen die Fiedel,

Spielte, umglüht vom Abendschein,

Sich ein feuriges Liedel.

 

Hielt der zweite die Pfeif im Mund,

Blickte nach seinem Rauche,

Froh, als ob er vom Erdenrund

Nichts zum Glücke mehr brauche.

 

Und der dritte behaglich schlief,

Und sein Zimbal am Baum hing,

Über die Saiten der Windhauch lief,

Über sein Herz ein Traum ging.

 

An den Kleidern trugen die drei

Löcher und bunte Flicken,

Aber sie boten trotzig frei

Spott den Erdengeschicken.

 

Dreifach haben sie mir gezeigt,

Wenn das Leben uns nachtet,

Wie mans verraucht, verschläft, vergeigt

Und es dreimal verachtet.

 

Nach den Zigeunern lang noch schaun

Mußt ich im Weiterfahren,

Nach den Gesichtern dunkelbraun,

Den schwarzlockigen Haaren.

Hier spricht der Romantiker, der auch noch weitere Zigeuner-Gedichte verfasst hat (http://www.zeno.org/Literatur/M/Lenau,+Nikolaus/Gedichte/Gedichte/Fünftes+Buch/Mischka), ebenso wie Georg Friedrich Daumer (http://www.zeno.org/Literatur/M/Daumer,+Georg+Friedrich/Gedichte/Hafis/Poetische+Zugaben/Zigeunerisch, 1846).

Mein Fazit: Man darf auch heute noch „Zigeuner“ sagen, wenn man das Wort nicht abschätzig verwendet.

Man findet die alten Belege (und viele schöne Sagen und Märchen zum Thema), wenn man bei http://www.zeno.org in der Suchmaske das Wort Zigeuner eingibt; siehe zum Beispiel https://also42.wordpress.com/2019/11/05/geschoepf-sein-theorie-oder-erfahrung/. Vgl. auch diese Zigeunergeschichte!

Deutsche Märchen bei den Nazis

Wie in den braunen 1000 Jahren Märchen gedeutet bzw. eher paraphrasiert wurden, kann man in folgendem Buch nachlesen: https://archive.org/details/HoffmannFritzHugoDeutscheMaerchenUndIhreDeutungDeutschjugendVerlag1934_201702/page/n3

Diese Nazi-Deutung ist ein wunderbares Besipiel dafür, wie etwas in den Text hineininterpretiert wird, was nicht darin steht.

 

H. Broch: Die Schuldlosen – gelesen

Die Schuldlosen“ ist ein eigenwilliger „Roman in elf Erzählungen“, die auf die Jahre 1913 / 1923 / 1933 datiert sind, die meisten auf 1923. Die verschiedenen Handlungen spielen in Deutschland und sind mehr oder weniger deutlich miteinander verknüpft; Ausgangspunkt waren fünf alte Novellen, die später überarbeitet und durch weitere Geschichten ergänzt und verbunden wurden. Das Thema ist das „schuldlose“ Leben der Figuren, die jeweils auf ihre Weise ihr Leben verfehlen und so schuldig werden und Sühne leisten müssen – sie sind der Nährboden, auf deren Gleichgültigkeit die Hitlerei sich durchsetzen kann.

Die Hauptfigur ist Andreas, ein holländischer ehemaliger Diamantenhändler, der nebenbei immer viel Geld verdient und sich in die Sohnesrolle bei einer verwitweten Baronin flüchtet; in deren Haus regiert unausgesprochen die hinterlistige Magd Zerline, welche die jüngferliche Tochter der Baronin gegen Melitta, für zwei Tage die Geliebte Andreas‘, aufhetzt, welche Melitta dann in den Tod treibt. Eine andere Hauptfigur, über Andreas mit dem Geschehen verbunden, ist Herr Zacharias, ehemaliger Hilfslehrer für Mathematik, später Studienrat – ein autoritärer Charakter, ein widerlicher Spießer als Typ des absoluten Durchschnitts. Allein schon die beiden Novellen, in denen Zacharias agiert („Methodisch konstruiert“ und „Die vier Reden des Studienrats Zacharias“), lohnen die Lektüre des Romans, und wem dieser unzugänglich ist, sollte die Novellen gesondert lesen.

Die Erzählungen zu den drei Jahren 1913, 1923, 1933 werden jeweils durch ein längeres Gedicht eingeleitet; nicht nur die einleitende Parabel von der Stimme“, sondern auch die Erzählungen selber sind von einer eigenwilligen Sein-und-Nichts-Mystik gefärbt, mit der der Autor die absolute ethische Verpflichtung zu einem authentischen Leben verdeutlichen will – als Akt der Sühne ist der Selbstmord des Andreas zu verstehen.

In dem von Paul Michael Lützeler herausgegebenen Suhrkamp-Band tragen die Kommentare Hermann Brochs zum Verständnis des Romans mehr bei als der schwache Artikel in der Wikipedia.

zu Broch: http://www.pointernet.pds.hu/kissendre/germanisztika/20050409201044406000000413.html

http://forvm.contextxxi.org/_hermann-broch_.html

http://stefanieweiss.tk/author/hermann-broch/?page=2 (Bücher Brochs herunterladen)

der Roman:

http://www.literaturepochen.at/exil/multimedia/pdf/brochhandlung.pdf (Broch: Die Handlung [des Romans])

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Schuldlosen (Schwächen im Verständnis des Romans)

http://www.lostinfactsandfiction.de/hermann-broch-die-schuldlosen/ (kritisch)

Die_Gleichgultigkeit_als_ethische_Schuld_in_Hermann_Brochs_Die_Schuldlosen.pdf (Die Gleichgültigkeit als ethische Schuld in Hermann Brochs Die Schuldlosen)

http://www.solon-line.de/2014/06/30/stimme-und-blick-gleichgueltigkeit-und-antwortfaehigkeit/ (Stimme und Blick, Gleichgültigkeit und Antwortfähigkeit. Hermann Brochs Roman „Die Schuldlosen“ und die Krise Europas)

https://www.academia.edu/34654124/09.HainzDTP1.pdf (Martin A. Hainz: Handlungsmelodik? (An-)Ästhetiken in Brochs Schuldlosen)

https://d-nb.info/105972443X/34 (Mythos und Mathematik. Hermann Brochs Roman Die Schuldlosen und seine Essays)

http://www.goldbergstiftung.org/file/broch.pdf (Musikalische Zeit und Zeichen-Raum in Brochs Roman Die Schuldlosen und Mozarts Don Giovanni)

Mark Jones: Am Anfang war Gewalt (2017) – gelesen

Mark Jones hat in seinem Buch die Spirale der Gewalt gezeichnet, die nach der relativ friedlichen Revolution im November 1918 zu immer schrecklicheren Morden in Deutschland führte; er sieht die Schuld weitgehend bei der SPD-Regierung, speziell bei Gustav Noske, die mit übertriebener Härte auf Gerüchte und Ängste vor einem kommunistischen Umsturz reagiert habe. Methodisch bezieht er sich dabei auf Georges Lefebvre, der mit diesem Ansatz die Revolution von 1789 untersucht hatte. Die von der Regierung gedeckte Brutalität sei eine der Ursachen für die Hemmungslosigkeit gewesen, die sich dann im Dritten Reich entfaltet habe.

Das Buch ist gut lesbar, da Jones immer wieder auf akribisch untersuchte Einzelfälle von Gewaltausübung zurückgreift; darüber treten die großen Linien der Revolution 1918/19 und ihre Einbettung in die Kriegs- und Nachkriegspolitik zurück. – Es gibt eine Reihe vorzüglicher Rezensionen (s. unten), mit deren Verfassern ich nicht mithalten kann. Was ich persönlich vermisst habe, sind Überlegungen zur Frage, wie eine Revolution ohne Gewalt auskommen könnte. Wie verengt der Blickwinkel des Autors ist, sieht man, wenn man bloß die Einführung in Ian Kershaws Buch „Höllensturz. Europa 1914 bis 1949“, 2016, liest.

https://www.perlentaucher.de/buch/mark-jones/am-anfang-war-gewalt.html (Übersicht)

http://www.sehepunkte.de/2017/10/30581.html (detailliert)

https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-25865 (detailliert, kritischer) = http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/index.asp?id=27742&view=pdf&pn=rezensionen&type=rezbuecher

https://www.sueddeutsche.de/kultur/geschichte-stunden-der-abrechnung-1.3528653 (Jens Bisky)

https://sezession.de/58302/gewalt-wo-wer-wann (sehr kritisch)

https://www.tagesspiegel.de/kultur/literatur/gewalt-in-der-weimarer-republik-manchmal-muss-es-revolution-sein/19956342.html (sachlich-kritisch)

http://library.fes.de/pdf-files/afs/81867.pdf

und weitere Beiträge

Emil. Tagebücher aus der Weimarer Republik (2018) – gelesen

Mit diesem Comic haben Ludger Grevelhörster (Text) und Rüdiger Trebels (Bilder) eine leicht lesbare Übersicht über die Weimarer Republik gegeben; verfasst ist sie für Schüler (etwa Sek. I), die noch keine Ahnung vom Thema haben. Grevelhörster ist Lehrer, und das merkt man dem Text doppelt an: Die Konstruktion des Textes ist gut; ein Schüler (mit Familie, Kameraden und Freundin) entdeckt auf dem Speicher die Tagebücher seines Urgroßvaters. Die Tagebücher sind wieder von einem Jungen bzw. jungen Mann (mit Kameraden und Freundin) geschrieben; in ihnen wird direkt gelesen, aber die berichtete Geschichte wird dann schnell selbst dargestellt.

Durch die Form des Tagebuchs wird auch die Beschränkung der Themen gerechtfertigt: Matrosenaufstand und Revolution 1918/19, Versailler Vertrag, Ruhrkrise 1923, Inflation 1923; Weltwirtschaftskrise 1929 und der Vormarsch der Radikalen bis 1933. Sachlich ist diese Auswahl natürlich einseitig, sie ergibt sich aus der unausgesprochenen didaktischen Fragestellung des Lehrers: „Wie kam es zum Dritten Reich?“ Die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund, die kluge Außenpolitik, der Aufschwung der Wirtschaft und des Kinos, Brecht und Kästner und George Grosz und das Bauhaus und die Emanzipation der Frauen und die Musik und Goebbels und der Staatsstreich in Preußen und vieles andere fehlen.

Kurze Infotexte ergänzen gelegentlich die gezeichneten Berichte. Ich habe immerhin verstanden, warum die Kommunisten im Januar 1919, wenige Tage vor den allgemeinen Wahlen, geputscht haben: Sie wollten die Wahlen verhindern. Ganz unschuldige Märtyrer waren also Luxemburg und Liebknecht nicht, auch wenn man sie deshalb nicht gleich ermorden musste.

Das Buch gibt es derzeit kostenlos bei der Landeszentrale für politische Bildung NRW (www.politische-bildung.nrw.de).