Märchen von den drei Wünschen – zwei Motive

Man meint, es sei ein Motiv, wenn jemand im Märchen drei Wünsche frei hat, die ihm erfüllt werden. In Wirklichkeit gibt es aber zwei verschiedene Motive.

Das Pointe des ersten Motivs besteht darin, dass jemand drei Wünsche frei hat, dass es ihm aber nicht gelingt, damit seinem Glück einen Schritt näher zu kommen. Am bekanntesten für uns Deutsche ist die Ausprägung dieses Motivs bei Johann Peter Hebel: Drei Wünsche, in: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes, 1811 (https://de.wikisource.org/wiki/Drei_W%C3%Bcnsche), wo ein dreifaches „Merke“ angehängt ist, das in dem Satz zusammengefasst wird: „Alle Gelegenheit, glücklich zu werden, hilft nichts, wer den Verstand nicht hat, sie zu benutzen.“ Das Motiv vom Scheitern der Wünsche ist uralt, es liegt schon in Perraults Märchen „Die drei törichten Wünsche“ vor (s. http://www.maerchenatlas.de/aus-aller-welt/franzosische-feenmarchen/charles-perrault/die-laecherlichen-wuensche/) und soll die Fortbildung eines antiken Motivs sein; es zeigt, dass die zahlreichen Wünsche, von denen Menschen geplagt werden, meistens töricht sind und dass Glück bzw. Zufriedenheit (s. Hebel!) nicht von der Erfüllung aller möglichen Wünsche abhängt.

Das zweite Motiv liegt vor, wenn einem guten, bescheidenen Menschen drei Wünsche erfüllt werden, was einen habgierigen (und geizigen) Menschen nicht ruhen lässt, bis auch ihm drei Wünsche zugestanden werden, deren Erfüllung jedoch zu seinem Unheil ausschlägt. Es geht also eher darum, dass ein Habgieriger bestraft wird, weil er neidisch (und geizig) ist und dem beschenkten Armen sein Glück nicht gönnt. Dieses Motiv kennen wir aus dem Märchen „Der Arme und der Reiche“ der Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen, 1815 [https://de.wikisource.org/wiki/Der_Arme_und_der_Reiche_(1815)]. Abgewandelt finden wir es unter dem Titel „Die drei Wünsche“ in „Deutsche Märchen erzählt von Karl Simrock“, 1864 (https://archive.org/details/bub_gb_fEMJAAAAQAAJ/page/n337), und kunstvoll ausgebaut in Ludwig Bechsteins „Neues deutsches Märchenbuch“, 1856: „Die drei Wünsche“ (http://www.zeno.org/Literatur/M/Bechstein,+Ludwig/M%C3%A4rchen/Neues+deutsches+M%C3%A4rchenbuch/Die+drei+W%C3%Bcnsche), worin verschiedene andere Erzählungen einarbeitet sind.

Eine Vorstufe des Märchens vom Wünschen könnte man in der antiken Sage von Philemon und Baucis finden.

Es gibt übrigens auch eine Sammlung „Märchen vom Wünschen“, hrsg. von Sigrid Früh und Hariolf Reitmaier, 2009. Das Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“ ist natürlich in diesem Zusammenhang nicht zu vergessen. Reizvoll ist auch Andersens Märchen „Die Galoschen des Glücks“, wo bereits die Erfüllung des Hauptwunsches reicht, einem das Wünschen zu verleiden!

Etwas anderes sind Märchen wie „Der Trommler“, wo jemand durch Wünsche aus einer bestimmten Notlage befreit wird; das sind nicht die törichten Wünsche, von denen der Mensch sich frei machen soll.

Robert E. Prutz: Sonntagsfeier – Text und Analyse

Robert Eduard Prutz: Sonntagsfeier

Was schwebt dort auf des Wohllauts Schwingen
Zu mir herüber durch die Luft?
Ich hör‘ es rauschen, hör‘ es klingen
In süßem morgendlichem Duft:
Das ist die Orgel, sind die Glocken
Und der Posaunen ernster Klang,
O horch, sie laden mich und locken
Zu einem längst entwöhnten Gang. –

Sieh, vor der Kirche, welch Gedränge!
Vom Staub des Werkeltages rein,
Drängt Alt und Jung, in bunter Menge
Sich in das Heiligtum hinein:
Und hier, in sonntäglichem Kleide,
Den Kranz in glattgestrichnem Haar,
Gesenkten Augs, doch Augenweide,
Der Jungfraun wunderholde Schar.

Sie gehen all‘ mit leisen Schritten,
Erwägend ihres Herzens Not,
Sie wollen beten, wollen bitten
Um Haus und Hof und täglich Brot:
Dass sich die Krankheit endlich wende,
Dass auf dem Feld die Frucht gedeih‘,
Und dass die Arbeit ihrer Hände
Mit gutem Zins gesegnet sei.

O Wahn des Glaubens, süße Stille,
In der das Herz sich selbst verlor,
Du meiner Kinderwelt Idylle,
Was steigst du heute mir empor?
Und würde mir die Welt zu eigen
Und neigten alle Sterne sich:
Ich könnte doch mein Knie nicht neigen,
Nicht deine Psalmen rühren mich! –

Denn andre Glocken hör‘ ich tönen,
Ein andres Lied steigt himmelwärts,
Und anders strömt mit mächt‘gem Dröhnen
Drommetenklang mir in das Herz!
Wir stehen auch gedrängt in Scharen,
Wir Männer, die der Tag erweckt;
Doch keinen Kranz in unsern Haaren,
Mit Myrten nur das Schwert bedeckt!

Wir glauben auch an einen Morgen,
An einen Sonntag hell und licht,
Der, blöden Augen noch verborgen,
Die Wolken endlich doch durchbricht!
Wir beten auch – unausgesprochen,
Ein Hauch, der unsre Brust durchweht,
Ein stummer Schwur, ein Herzenspochen,
Und eine Tat – das ist Gebet!

Drum sollt ihr uns nicht gottlos schmähen,
Nennt uns nicht Ketzer, treibt nicht Spott:
Auch hier, wo unsre Fahnen wehen,
Der freie Geist ist auch ein Gott!
Von allem Finstern, allem Bösen,
Von Sklavenketten groß und klein,
Er wird noch einmal uns erlösen,
Noch einmal unser Heiland sein.

Lasst denn geduldig, ohne Grollen,
Uns wandeln auf verschiednem Pfad:
Sei jeder nur getreu im Wollen,
Nur jeder männlich in der Tat!
Dann deinen Gläub‘gen, deinen Frommen,
Mit Liederklang, mit Schwerterschlag,
Dann wirst auch du uns endlich kommen,
Du, unser Sonntag, Freiheitstag!

(aus „Gedichte“, 1841, https://archive.org/details/gedichtevonrepru00prut/page/186/mode/2up)

Es spricht ein männliches lyrisches Ich, zunächst scheinbar monologisch (vgl. V. 25-28), das sich dann stellvertretend für ein „Wir“ äußert (V. 37 ff.), womit er seine Glaubensgenossen bezeichnet; gegen Ende wendet sich das Ich an „ihr“ (V. 49 ff.), das sind die Altgläubigen, um sich letztlich mit ihnen zu einem übergreifenden Wir zusammenzuschließen (V. 57 ff.). Das allerletzte Wort gilt jedoch dem Freiheitstag, der „uns“ Freiheitsgläubigen endlich kommen soll (V. 61 ff.).

Das Thema des Gedichts ist die Frage, was am Sonntag zu feiern ist, welcher Gott verehrt werden soll und Rettung verspricht. Zunächst (1. – 3. Strophe) beschreibt das Ich seine Eindrücke von einem sonntäglichen Kirchgang auf dem Land (s. V. 20 ff.). Von dieser Frömmigkeit der Frauen (genannt sind stellvertrend „Jungfraun“, V. 16, doch gehen Alt und Jung zur Kirche) grenzt es sich deutlich ab und bekennt sich zu einem anderen Glauben für Männer (4. und 5. Strophe); es ist ein Glaube an das eigene Tuns, das aus dem freien Geist stammt und Erlösung von Sklavenketten verheißt (6. und 7. Strophe). In der letzten Strophe werden alle zu ehrlichem Handeln aufgefordert und die eigene Hoffnung auf den großen Freiheitstag bekräftigt.

Die acht Strophen bestehen jeweils aus acht Versen im vierhebigen Jambus; jeweils zwei Verse bilden eine semantische Einheit (Ausnahme: V. 9), wobei im ersten Vers eine Silbe angehängt ist (weibliche Kadenz), wodurch eine kleinste Pause nahegelegt wird, was das Tempo des Sprechens dämpft. Oft bilden vier Verse eine größere Einheit (deutlich in den Strophen 1, 2, 4, 5, 8), wodurch eine Strophe in zwei Hälften geteilt wird. Als semantisch sinnvoll kommen deshalb nur die Reime der Verse 2/4 und der Verse 6/8 in jeder Strophe in Betracht, etwa: Eindrücke des Hörens / Riechens (V. 2/4); Klänge / ihre Funktion (V. 6/8); rein sein / für das Heiligtum (V. 10/12); das Aussehen / die Jungfrauen (V. 14/16), usw.

Wegen der Länge des Gedichts und seiner guten Verständlichkeit soll nur auf Bemerkenswertes oder Schwieriges hingewiesen werden: In der 1. Strophe wird i. W. beschrieben, was man am Sonntagmorgen hören kann (Orgel, Glocken, Posaunen), als Wohllaut bewertet (V. 1); trotz der Verlockung wird schon die Distanz des Ichs angedeutet (V. 8, Vorgriff auf V. 25 ff.). Die rhetorische Frage (V. 1 f.) soll auf das Folgende aufmerksam machen – das Ich weiß ja, was am Sonntagmorgen geschieht (vgl. V. 25 ff.). Die Metapher „Schwingen“ (V. 1) entspricht dem Verb „schweben“ (V. 1), welches Sanftes und Angenehmes vernehmen lässt.

In der 2. Strophe wird beschrieben, was man sehen kann, wobei dem männlichen Blick vor allem die Jungfrauen auffallen (V. 13 ff.); Jungfrau zu sein galt als Ehre, wie der Kranz (V. 14) bezeugt – wie es „gefallenen“ Mädchen erging, kann man im „Faust“ in der Szene „Am Brunnen“ (V. 3544 ff.) nachlesen; meine gegen Ende des 19. Jahrhunderts geborene Patentante legte noch als alte Frau Wert darauf, mit „Fräulein“ angesprochen zu werden. In der 3. Strophe wird aufgezählt, worum die Menschen in ihrer Not beten, und das heißt bitten wollen. Das Ich scheint in das Innere der Menschen blicken zu können (V. 18 ff.); doch ist es nicht erforderlich, ihm auktoriale Qualitäten zuzuschreiben – es kennt die dörfliche Frömmigkeit aus eigener Erfahrung (V. 27).

Dieser friedliche sonntägliche Kirchgang wird nun zur Folie, vor der sich die neue Religion des Ich und seiner Glaubensgenossen abhebt. Zwar bedeutet die alte Religion dem Ich „süße Stille“ (V. 25) und „meiner Kinderwelt Idylle“ (V. 27), aber sie ist wesentlich nur ein „Wahn des Glaubens“ (V. 25). Die Begründung dieser Einschätzung ergibt sich aus dem Gegensatz, in dem das selbstbewusste Handeln der Männer zum demütigen Bitten der Gläubigen steht (V. 45 ff. vs. V. 19 ff.). Die rhetorische Frage V. 25-28 ist sachlich hinfällig – die Beobachtung des Kirchgangs genügt zur Erklärung, warum die Idylle der Kindheit im Ich emporsteigt; vielmehr wird die verlockende Idylle (s. „locken“, V. 7) deshalb bemüht, damit das Ich sich kraftvoll dagegen abgrenzen kann, wovon es schon lange „entwöhnt“ (V. 8) ist: doppelte Negation in V. 31 f., gesteigert durch einen fiktiven Gewinn der ganzen Welt (V. 29 f.). Das Verb „neigen“ (V. 31) verdankt sich dem Reim, gemeint ist: das Knie beugen, ein Zeichen der Demut und Verehrung.

Wird in der 4. Strophe der Abschied von der alten Frömmigkeit mit zweifachem „nicht“ (und dem wertenden Nomen „Wahn“) vollzogen, so wird ihr in der 5. Strophe ein doppeltes „anders“ (V. 33. 35) entgegen gestellt, während mit der Partikel „auch“ (V. 37 und dann 6. und 7. Strophe) das eigene Recht auf den Titel des Gottesglaubens behauptet wird. Für das Prädikat „anders“ (vs. 1. Strophe) werden genannt: Psalmen (V. 32), Glocken, Lied, Drommeten (Trompeten, V. 33 ff.); die mit „auch“ eingeführten Prädikate der neuen Frömmigkeit sind

  • in Scharen gedrängt (V. 37 vs. V. 11 f.),
  • Männer (V. 38 vs. V. 12, V. 16),
  • Schwert unter Myrten (V. 39 f. vs. Kranz aus Myrten, V. 14);

Das wird fortgesetzt mit

  • glauben an ein Morgen (V. 41 vs. V. 19 ff.),
  • unausgesprochen beten (V. 45-48 vs. V. 19),
  • einen Gott haben (V. 52 f. vs. V. 12),
  • der als Heiland erlöst (V. 53 ff. vs. V. 20-24);

man sieht, wie hier der Übergang von der 5. zu den folgenden Strophen fließend ist. Insgesamt stellt sich der neue Glaube als mächtig (V. 35 vs. sanfter Wohllaut, V. 1 ff.), als Sache der Männer (V. 38), als Verpflichtung zur Tat (V. 48), als Befreiung von den realen Ketten der Sklaverei (V. 53 f.) dar.

Von den traditionellen religiösen Attributen werden außerdem der Tag aus der Nacht-Tag-Symbolik (V. 38, vgl. Röm 13,11) und der Sonntag (V. 42) mit dem Ende der Finsternis, der Hauch (V. 46, vgl. Joh 3,8 u.a.), das Gebet (V. 48), ein Gott (V. 52), unser Heiland (V. 56) genannt.

Daraus zieht das Ich die Folgerung, dass er und seine Genossen „nicht gottlos“ sind; er fordert, nicht derart oder als Ketzer geschmäht zu werden (V. 49 ff.) – obwohl er nach traditionellem Verständnis nicht nur Ketzer, sondern schlimmer als ein Ketzer ist – doch auf die religiöse Würde eines Glaubens will er nicht verzichten. Und auf diesen Anspruch hat er ein Recht, wenn man GOTT als den Titel unserer letzten Entscheidungen und Bindungen begreift (so Max Seckler); nur ist dieser Gott nicht der christliche, sondern „[d]er freie Geist“ (V. 52) oder der Geist der Freiheit. Zwar hat Paulus an die Galater geschrieben: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ (Gal 5,1) Aber diese Botschaft ist in der Kirche zu einer Befreiung von der sogenannten Erbsünde verkommen; in den christlichen Kirchen hat man mehr Unfreiheit als Freiheit erfahren, zumindest 1841. Auch die christliche Dialektik von „schon – noch nicht“ gibt es in der neuen Religion: noch Finsternis – endlich Licht (V. 41-44); schon Hauch und freier Geist (V. 46 ff.) – noch nicht Ende alles Bösen und der Sklavenketten (V. 53 ff.). Die missverständliche Wendung „noch einmal“ (V. 55 f.) muss man nicht als „zum zweiten Mal“ verstehen, sondern Zielpunkt des „noch nicht“: dann endlich einmal („noch“ gehört also zu „erlösen“, nicht zu „einmal“).

In der letzten Strophe besteht eine Spannung zwischen den beiden Hälften. Die erste Hälfte muss man als Fortsetzung der 7. Strophe lesen: Das ist ein Aufruf zur Toleranz an die Christen und gegenüber den traditionell Gläubigen; die beiden Gruppen sollen ohne Feindschaft „wandeln auf verschiednem Pfad“ (V. 59), schlägt das Ich vor. Es zähle vorrangig, dass jeder im Wollen und Tun aufrichtig und stark ist (V. 59 f.) – hier legt der Sprecher seinen eigenen Maßstab des gottgefälligen Lebens an, vgl. V. 45 ff. gegenüber V. 19 ff. Die Phase der Koexistenz müsse geduldig durchlebt werden (V. 57 f.). Dazu steht, beinahe wie eine Naherwartung (vgl. 1 Kor 16,22), die Hoffnung im Widerspruch, dass der große Freiheitstag „endlich“ kommt (V. 63 f.). Wenn man ehrlich ist, muss man aber zugeben, dass die Modalbestimmung nicht gleich der Zeitbestimmung „bald“ ist, obwohl diese ein wenig hineinspielt; das Adverb „geduldig“ (V. 57) widerspricht aber der von mir aus Gründen der Parallelität vorgeschlagenen Lesart – der Gedanke bleibt zweideutig, allzu groß ist die Hoffnung des Sprechers auf baldige Erlösung wohl nicht.

Für die zweite Lesart könnte man sich auch auf Robert E. Prutz‘ späteres Gedicht „Freiheit“ (1845) berufen:

Die Freiheit lässt sich nicht gewinnen,

Sie wird von außen nicht erstrebt,

Wenn nicht zuerst sie selbst tief innen,

Im eignen Busen dich belebt…

Die Lüge winkt, die Schmeichler locken,

Mit seiner Kette spielt der Knecht:

Du aber wandle unerschrocken

Und deine Waffe sei das Recht!

Von Georg Herwegh kennen wir andere Töne: Deine Waffe sei das Schwert! Anderseits kommen in „Sonntagsfeier“ auch Männer mit Schwertern vor (V. 37-40); eine letzte Klarheit ist zu dieser Stelle nicht zu erreichen.

https://gedichte.xbib.de/gedichtband_Gedichte–8.+Zeitgedichte_Prutz%2C32%2C0.htm (Zeitgedichte von Robert Prutz)

Robert Eduard Prutz

https://www.deutsche-biographie.de/sfz97561.html#adbcontent (1888 und 2001)

Vormärz

https://www.geschichte-abitur.de/restauration-und-vormarz/vormarz

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch/artikel/vormaerz-und-junges-deutschland

https://www.inhaltsangabe.de/wissen/literaturepochen/vormaerz/

Sonstiges

https://de.wikipedia.org/wiki/Karlsbader_Beschl%C3%BCsse (Karlsbader Beschlüsse)

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/deutscher-bund/karlsbader-beschluesse-1819.html (dito)

Herwegh / Preußen

Herweghs Verhältnis zu Preußen ist ambivalent und von der Enttäuschung geprägt, mit der er den Besuch beim preußischen König (1842, bald darauf Ausweisung aus Preußen) erlebt hat:

An den König von Preußen“ (1841): Herwegh hat noch Hoffnung, dass der König die Deutschen einen könnte, https://www.zgedichte.de/gedichte/georg-herwegh/an-den-koenig-von-preussen.html

Die drei Zeichen“ (1842): Herwegh äußert sich voller Begeisterung über die Vollendung des Kölner Doms (und damit indirekt positiv über Preußen, dessen König den Bau finanziert), https://deutsche-poesie.com/herwegh/die-drei-zeichen/

Epilog zum Kriege“ (nach 1870): vernichtende Kritik an Preußens Machtpolitik, https://deutsche-poesie.com/herwegh/epilog-zum-kriege/

Zwei Preußenlieder“ (???): Kritik am Absolutismus, https://gedichte.xbib.de/Herwegh_gedicht_Zwei+Preussenlieder.htm

Die Auseinandersetzung mit Preußen geht also weit über den Vormärz hinaus.

Butz Peters: 1977. RAF gegen Bundesrepublik (2017) – gelesen

Butz Peters hat ein dickes Buch, sein drittes, über die RAF und das Jahr 1977 geschrieben, in dem die großen Morde (Buback, Ponto, Schleyer) und die Entführung der Landshut geschahen. Im Buch werden die Vorgeschichte (Ausbildung der Terroristen bei den Palästinensern), die Ereignisse des Jahres 1977 sowie die nachfolgende Aufklärung in vielen Prozessen erzählt. In gewisser Weise ist die detaillierte Erzählung zu breit, so dass die Spannung auf die Dauer nachlässt und man ohnehin nicht mehr weiß, wer wen nun erschossen hat. Zweitens finde ich die Kritik der FAZ richtig, dass Peters zu sehr an der Oberfläche bleibt und nicht wirklich erklärt, wie junge Erwachsene auf solche mörderischen Ideen kommen konnten.

Neu war für mich, auf welche Weise einige der Terroristen in der DDR mit Hilfe der Stasi untergetaucht sind. Lesenswert ist das Buch für alle, die keine Ahnung von den Ereignissen 1977 haben; für die anderen steht relativ viel Bekanntes im Buch. (Witzig ist übrigens das fünfzackige Logo von Droemer, es passt genau zu einem Buch über die RAF.)

https://www.perlentaucher.de/buch/butz-peters/1977.html (Die Rezensionen dere großen Zeitungen gibt es anscheinend nur noch in dieser Kurzfassung; die der FAZ ist zu beachten!)

https://www.nwzonline.de/politik/terror-eskaliert-im-deutschen-herbst_a_31,2,2901927028.html

https://www.wissenschaft.de/rezensionen/buecher/1977-raf-gegen-bundesrepublik/ (informativ)

https://www.kreiszeitung.de/kultur/pannen-ungereimtheiten-8135162.html

http://magazin.amboss-mag.de/buch-butz-peters-1977-raf-gegen-die-bundesrepublik/

 

G. Herwegh: Das Lied vom Hasse – Text und Analyse

Georg Herwegh: Das Lied vom Hasse (1841)

Wohlauf, wohlauf, über Berg und Fluss
Dem Morgenrot entgegen,
Dem treuen Weib den letzten Kuss,
Und dann zum treuen Degen!
Bis unsre Hand in Asche stiebt,
Soll sie vom Schwert nicht lassen;
Wir haben lang genug geliebt
Und wollen endlich hassen!

Die Liebe kann uns helfen nicht,
Die Liebe nicht erretten;
Halt du, o Hass, dein Jüngst Gericht,
Brich du, o Hass, die Ketten!
Und wo es noch Tyrannen gibt,
Die lasst uns keck erfassen;
Wir haben lang genug geliebt
Und wollen endlich hassen!

Wer noch ein Herz besitzt, dem soll‘s
Im Hasse nur sich rühren;
Allüberall ist dürres Holz,
Um unsre Glut zu schüren.
Die ihr der Freiheit noch verbliebt,
Singt durch die deutschen Straßen:
»Ihr habet lang genug geliebt,
O lernet endlich hassen!«

Bekämpfet sie ohn‘ Unterlass,
Die Tyrannei auf Erden,
Und
heiliger wird unser Hass
Als unsre Liebe werden.
Bis unsre Hand in Asche stiebt,
Soll sie vom Schwert nicht lassen;
Wir haben lang genug geliebt
Und wollen endlich hassen!

Das ist ein erstaunliches Gedicht aus der Sammlung „Gedichte eines Lebendigen“ (1841): Es ist ein Aufruf zum Hassen, direkt entgegen der seit Jahrhunderten in den Kirchen gepredigten Aufforderung zur Liebe, selbst zur Feindesliebe – es erinnert mich an den antichristlichen „Aufruf“: „Reißt die Kreuze aus der Erden!“ Es spricht ein Ich, das sich an eine Wir-Gemeinschaft wendet und sie zum Kampf und zum Hassen aufruft und wieder als Sprachrohr Herweghs gelten kann, wenn das Ich auch keineswegs mit dem Dichter Herwegh identisch ist – er hatte nämlich 1841 kein treues Weib, dem er den letzten Kuss hätte geben können (V. 3).

In der Ausgabe 1841 ist jeder zweite Vers eingerückt, so dass auch optisch sichtbar ist, was sich aus dem Satzbau ergibt: Jeweils zwei Verse bilden eine Einheit, was dem Sprechen angesichts der Jamben Tempo verleiht und der aufgeregten Kampfeslust des Ich entspricht, die sich auch in einer Vielzahl von Ausrufezeichen manifestiert (V. 4, V. 8, usw.). In jedem zweiten Vers fehlt eine Silbe (weibliche Kadenz), was eine kleine Pause im sonst ungehemmten Redefluss erfordert.

Mit einem doppelten Aufruf „Wohlauf“ kommt der Sprecher gleich zur Sache; „Berg und Fluss“ (V. 1) stehen für alle Hindernisse, die zu überwinden sind (wofür der Autor sogar eine Störung des Taktes in Kauf nimmt: „über“ hat eine Silbe zu viel). Zur Orientierung der Aufbrechenden soll das Morgenrot dienen (V. 2), das in der Nacht-Tag-Metaphorik den Beginn eines neuen Tages bezeichnet und so für die Hoffnung der Aufbrechenden steht. Der zweite Aufruf gilt den Waffen, die nach dem Abschiedskuss zu ergreifen sind (V. 3 f.) – der letzte Kuss ist wörtlich gemeint, wie sich aus V. 5 f. ergibt. Durch das Attribut „treu“ ist die eigene Frau mit dem Degen verbunden, was den Abschied von ihr erleichtern könnte. Es folgt ein weiterer Aufruf, der dem Kampf bis zum Endsieg gilt (V. 5 f.); „stieben“ ist hier nicht leicht zu verstehen, wohl aktivisch zu lesen: Staub aufwirbeln in der Asche der Häuser oder Städte, die man hat in Flammen aufgehen lassen – so lange soll gekämpft werden (V. 6). Es folgt eine radikale Begründung des militanten Aufrufs (V. 7 f.), die mit dem Kontrast „lieben – hassen“ spielt und nur aus der Verzweiflung des Sprechers verstanden werden kann: Die Unterdrückung durch den (nicht genannten) Feind ist so groß und grausam, dass jede Verständigung mit ihm, jeder Ausgleich unmöglich erscheint und der Hass sich im Kampf Bahn brechen muss. Damit wird jeder Aufruf zu Liebe und Verständigung zurückgewiesen: „lieben – hassen“ wird mit Vergangenheit („lang genug“) und Zukunft („endlich“) verbunden, wobei „endlich“ auch besagt, dass eine Erwartung erfüllt wird. Diese Begründung des Aufrufs bleibt jenseits aller politischen Analyse im Bereich bilanzierender Bewertung: Jetzt reicht es! Die Reime V. 2/4 bezeugen die Zuversicht des Aufbruchs, die von V. 6/8 die Kampfbereitschaft.

In der zweiten Strophe tut der erregte Sprecher kund, was er vom Hassen erwartet, hier zunächst an den kontrastierenden Nomina Liebe-Hass festgemacht: Der Sprecher wendet sich direkt an den personifizierten Hass und fordert ihn auf, sein Jüngstes Gericht zu halten und die Ketten zu brechen (V. 11 f.). Das ansonsten Gott vorbehaltene Jüngste Gericht ist, wenn es dem Hass übertragen wird, nur noch ein Tag der Rache und des Strafens – für die bisher Unterdrückten jedoch das Ende der Knechtschaft, für die metonymisch „die Ketten“ genannt werden. Zur Begründung wird eine doppelte Absage an die Liebe vorangeschickt (vorangestellt im Vers und deshalb betont; zweimal „kann … nicht“): Sie hat sich als hilflos erwiesen, so dass die einzige Hoffnung im Hassen liegt. Im zweiten Teil der zweiten Strophe wird wieder zum Kampf aufgerufen, diesmal konkreter gegen „Tyrannen“ (V. 13), und zwar gegen alle („Und wo es noch … gibt“, V. 13). Das Verb „erfassen“, hier des Reimes wegen gewählt, ist eine recht milde Bezeichnung der Behandlung, die man den Tyrannen angedeihen lassen will (vgl. V. 5 f.) und die aus dem Hassen entspringt. V. 15 f. ist die wörtliche Wiederholung von V. 7 f. (vgl. wieder V. 31 f.). Der Reim in V. 10/12 bindet Liebe und Hassen im Kontrast aneinander, der Reim in V. 14/16 handelt wieder vom Kampf gegen die Tyrannen. Wer die Tyrannen sind, ist im Vormärz allen Lesern klar: Es sind die Fürsten und Könige, welche ihre unumschränkte Herrschaft durch die Karlsbader Beschlüsse abgesichert haben.

Dem Herzen des Menschen wird normalerweise die Liebe zugeordnet, es kann auch hart oder weich sein. In der dritten Strophe wird es in einem erneuten Aufruf dagegen dem Hass verpflichtet (Modalverb „soll“, V. 17); damit wird die Gegenüberstellung Liebe-Hass aus der zweiten Strophe fortgeführt. Der Aufruf richtet sich anscheinend an solche Menschen (hier situationsbedingt: Männer), die noch nicht zur Wir-Gemeinschaft gehören: „Wer noch ein Herz besitzt…“ (V. 17) – an die Herzlosen braucht der Sprecher ohnehin keinen Gedanken zu verschwenden. Welche Funktion das folgende Bild vom dürren Holz und der Glut des Hasses (V. 19 f.) hat, ist nicht leicht auszumachen; am ehesten zeigt es, wie naheliegend und einfach es sei zu hassen; damit dient es als eine einfache metaphorische Begründung für den vorhergehenden Aufruf zum Hassen (V. 17 f.). Im zweiten Teil werden die wenigen Freiheitsfreunde im Land aufgefordert (Imperativ „singt“, V. 22), die versklavten Deutschen zum Hassen und damit zum Freiheitskampf aufzurufen (Imperativ „lernet“ mit dem Modalwort „endlich“, V. 24 es greift den Kontrast „lang genug – endlich“ aus V. 7 f. auf). Als Aufruf an Außenstehende wird der mehrfach wiederholte Schluss einer Strophe hier variiert, durch die Anrede „Ihr“ an die Fremden und den Imperativ an Stelle der Formel „Wir wollen…“ (V. 23 f.). Der Reim V. 18/20 verbindet das Hassen mit der zugehörigen Glut; der Reim V. 22/24 ist weniger zwingend, er verbindet die deutschen Straßen mit dem Ruf, der in ihnen erschallen soll. Die Reime der ungeraden Verse (V. 17/19, V. 21/23) sind wie in den übrigen Strophen Zufallsreime, denen man keine Bedeutung beimessen muss.

In der vierten Strophe wird noch einmal zum zum Kampf gegen die Tyrannei „auf Erden“ (V. 26), also auf der ganzen Erde aufgerufen, was aber nur formal rhetorisch eine Steigerung gegenüber dem Aufruf in V. 13 f. darstellt; dem folgt eine Verheißung, die dem Aufruf zum Hassen eine religiöse Weihe gibt: Der Hass werde heiliger „als unsre Liebe“ werden (V. 27 f., im Original gesperrt gedruckt, was ich durch ‚kursiv fett‘ dargestellt habe); das ist gegenüber der traditionellen religiösen Sprache eine Paradoxie, die ihr Recht einzig aus dem Freiheits- und Kampfpathos des Sprechers herleiten kann. Die zweite Hälfte der vierten Strophe ist gleich der zweiten Hälfte der ersten und rahmt so die erregten Äußerungen des Ich-Sprechers; die Wiederholung zeigt zugleich, dass von einem thematischen oder gedanklichen Fortschritt im Gedicht kaum die Rede sein kann – allenfalls der Kontrast Liebe-Hass und das Stichwort „Tyrannen“ führen in der zweiten Strophe noch über die erste hinaus; ansonsten wiederholt der Prophet des Hassens seine Aufrufe und hämmert sie so seinen Kampfgefährten ein. Um den Reim V. 26/28 zu würdigen, muss man die beiden ganzen Doppelverse heranziehen: Im Kampf gegen die Tyrannei wird der Hass der Kämpfer durch das Endziel der Freiheit geheiligt.

Wer hasst, fokussiert sich. Hass kann Energie freisetzen und Identität stiften. Doch dieses Gefühl erschafft nie etwas, ohne gleichzeitig zu zerstören.“ (ZEIT 4/2018) Dieses Zitat aus der ZEIT zeigt, worauf der Sprecher mit seinem Aufruf zum Hass hinaus will: die Kämpfer einen, die Tyrannen zerstören. Heute wird allüberall zum Kampf gegen Hass (im Internet etc.) aufgerufen; man muss lange suchen, bis man eine vernünftige Erklärung des Hasses findet: „Hass ist eine menschliche Emotion scharfer und anhaltender Antipathie und entsteht, wenn tiefe und lang andauernde Verletzungen nicht abgewehrt und/oder bestraft werden können. Hass ist in den meisten Fällen somit eine Kombination aus Vernunft und Gefühl, wobei die Vernunft das Ende der Verletzung und eine Bestrafung des Quälers fordert.“ [Stangl, W. (2020). Stichwort: ‚Hass‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik. WWW: https://lexikon.stangl.eu/17226/hass/ (2020-06-26)]

Vielleicht ist der glücklich zu preisen, der am Ende so sprechen kann:

Lieben und Hassen, Hassen und Lieben,
Ist alles über mich hingegangen;
Doch blieb von allem nichts an mir hangen,
Ich bin der allerselbe geblieben.
“ (Heinrich Heine)

https://archive.org/details/bub_gb_UFJLAAAAMAAJ (Gedichte eines Lebendigen, 1841)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Herwegh,+Georg/Gedichte/Lieder+eines+Lebendigen (Lieder eines Lebendigen, 1841 – falscher Titel)

https://nddg.de/dichter/657-Georg+Herwegh.html (Gedichte Herweghs)

Herwegh

http://ciml.250x.com/archive/literature/german/herwegh/georg_herwegh.html

https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/127236126

https://www.swr.de/swr1/importe/migration/redaktion/download-swr-2752.pdf (Emma Herwegh)

Vormärz

https://www.geschichte-abitur.de/restauration-und-vormarz/vormarz

https://www.inhaltsangabe.de/wissen/literaturepochen/vormaerz/

Sonstiges

https://de.wikipedia.org/wiki/Karlsbader_Beschl%C3%BCsse (Karlsbader Beschlüsse)

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/deutscher-bund/karlsbader-beschluesse-1819.html (dito)

https://www.zeit.de/zeit-wissen/2018/04/emotionen-hass-gefuehl-empathie (Hass)

https://www.tagesspiegel.de/wissen/psychologie-hass-ein-ganz-normales-gefuehl/19539854.html (Hass, ein ganz normales Gefühl)

http://www.psychology48.com/deu/d/hass/hass.htm (Hass, psychologisch)

https://gedichte.xbib.de/Weinheber%2C+Josef_gedicht_0029.+HASS.htm (Gedicht „Hass“)

https://gedichte.xbib.de/Lasker-Sch%FCler_gedicht_Ungl%FCcklicher+Hass.htm (Gedicht „Unglücklicher Hass“)

P. van Husen: Als der Wagen nicht kam (2019) – gelesen

Was für ein Mensch der Verwaltungsjurist Paulus van Husen (1891-1971) war, kann man in kurzen Übersichten nachlesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Paulus_van_Husen oder https://www.gdw-berlin.de/vertiefung/biografien/personenverzeichnis/biografie/view-bio/paulus-van-husen/. Etwas anderes ist es, seine Autobiografie zu lesen, in der er anschaulich und spannend von seinem Leben erzählt; sie ist jetzt, gekürzt, von seinem Großneffen Manfred Lütz herausgegeben worden: unbedingt lesenswert, besser als ein Krimi. Man gewinnt Einblick in das Geschehen hinter den Kulissen, auch was die Vergabe von Posten angeht, und lernt Leute als Menschen kennen, die bisher nur historische Figuren waren.

Interessant ist, dass van Husen ein geradliniger stockkatholischer Mann war, der mit dem Rosenkranz und aus den Gebeten der Liturgie lebte und der stets auch kirchliche Belange (etwa die Bekenntnisschule) im Blick hatte. Das geht so weit, dass er die von ihm mit erarbeitete Verfassung des Landes NRW mit einem Anruf der Heiligen Dreifaltigkeit einleiten wollte. Was er ausblendet ist die schwache Seite des politischen Katholizismus: dass seine Partei, das Zentrum, für das Ermächtigungsgesetz gestimmt hat – das kann auch nicht durch seinen fortwährenden Rekurs auf ewige Gesetze und Rechte, der ihm sicher Kraft gegeben hat, vertuscht werden; und dass seine Kirche als ganze – Ausnahmen bestätigen die Regel – eher kirchliche Belange als Belange der Menschen im Blick hatte, was sich schon beim Judenboykott am 1. April 1933 zeigte.

Was mir an seiner Frömmigkeit erneut aufgefallen ist, ist die Naivität, mit der ein Geretteter seine Rettung einem helfenden Engel zuschreibt: Es sind immer nur die Geretteten, welche Geschichten von helfenden Engeln erzählen; die unter die Räder gekommen sind (und denen kein Engel geholfen hat), erzählen nichts mehr – sie bleiben auf unser Gedenken angewiesen und auf unsere Einsicht, dass offenbar auf helfende Engel kein Verlass ist.

Noch einige Besprechungen des fabelhaften Buches:

https://www.deutschlandfunk.de/paulus-van-husen-ein-vergessener-widerstaendler-katholik.886.de.html?dram:article_id=444131

https://www.mdr.de/kultur/sachbuch-van-husen-als-der-wagen-nicht-kam-100.html

https://www.aachener-nachrichten.de/kultur/buch/als-der-wagen-nicht-kam-von-manfred-luetz-und-paulus-van-husen_aid-38130215

https://www.lesejury.de/manfred-luetz/ebooks/als-der-wagen-nicht-kam/9783451821523

Der Jäger Gracchus lebt weiter

Sibylle Lewitscharoff: Von oben. Suhrkamp: Berlin 2019 – Besprechung

Gestern habe ich die Lesezeit eines Tages investiert, um mir Lewitscharoffs Roman „Von oben“ (2019) einzuverleiben. Jetzt weiß ich ungefähr, was darin steht, und müsste ihn für eine große Besprechung noch einmal lesen; aber das lohnt nicht, ich werde mich mit der zweiten Lektüre des Kapitels begnügen, in dem der Ursprung der Idee des Buches dargelegt wird (S. 90 ff.).

In diesem Kapitel kommt der tote Ich-Erzähler auf Kafkas Erzählung „Der Jäger Gracchus“ zu sprechen; der Erzähler stellt Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen sich und Gracchus heraus. Daraus ergibt sich eindeutig, dass Lewitscharoff aus dem Jäger Gracchus einen vor kurzem verstorbenen Professor der Philosophie gemacht hat, der wie ein Luftgeist vom Wind hierhin und dorthin getrieben wird, allerdings in Berlin bleibt, sich an vieles nicht mehr erinnert (auch seinen Namen nicht weiß), zu Bewusstsein kommt und es wieder verliert. Er macht sich Gedanken über seine „Existenz“, auch über Gott, den Tod und die adamitische Sprache, die Erschaffung einer neuen Welt und ähnliche Phantasmen – und er stellt allerlei Beobachtungen an, die er aufgrund seiner eigenwilligen Existenzform in zwangloser Folge über ein Jahr verteilt in Berlin macht. Außerdem kennt er sich in moderner Philosophie, in Literatur und Musik aus und tut dies breit kund.

Das ist Idee und Konstruktion des Buches, das man am ehesten als Mischung aus phantasy- und Berlinroman charakterisieren kann. Allerdings passiert herzlich wenig, dafür wird umso mehr geschwafelt. Was soll das alles, habe ich mich die meiste Zeit gefragt. Dass Angela Merkel nachts Akten studiert, hätte ich mir auch so denken können, das brauche ich nicht zu lesen; oder dass vier Russen einen jungen Mann zu Tode treten, ist nicht der Rede wert – deshalb nicht, weil keine Gründe und Hintergründe berichtet werden (können), während das bloße Faktum ein simples Klischee ist.

Schon bei „Blumenberg“ (2011) und „Das Pfingstwunder“ (2016), die ich beide nicht zu Ende gelesen habe, habe ich mich fortwährend gefragt: Was soll das alles? Und das frage ich mich erneut bei diesem Roman, auch wenn zusätzlich zu belanglosen Berlinepisoden musikalisches Wissen demonstriert, Philosophen kritisiert und einige Gedichte und Liedtexte zitiert werden. Man hat nichts verpasst, wenn man vom Buch bloß den Titel kennt. Ich frage mich, warum man die Autorin mit derart vielen Preisen überhäuft hat, dass sie daran sicher schwer zu tragen hat: Was soll das alles?

https://www.deutschlandfunkkultur.de/sibylle-lewitscharoff-von-oben-pointierter-fabulier-und.1270.de.html?dram:article_id=458174

https://www.zeit.de/2019/42/sibylle-lewitscharoff-von-oben-frankfurter-buchmesse kritisch

https://www.swr.de/swr2/literatur/av-o1150092-100.html kritisch, gut

https://www1.wdr.de/kultur/buecher/lewitscharoff-von-oben-geisterstunde104.html diffus

https://www.nzz.ch/feuilleton/sibylle-lewitscharoff-erzaehlt-in-von-oben-ueber-einen-halbtoten-ld.1506830 offen, positiv

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/sibylle-lewitscharoffs-roman-von-oben-16376285.html sehr kritisch

https://www.deutschlandfunkkultur.de/schriftstellerin-sibylle-lewitscharoff-von-oben-schreibend.1270.de.html?dram:article_id=460914 Interview, sehr wohlwollend

P.S. Einen Tag später habe ich die von Manfred Lütz herausgegebene Autobiografie seines Großonkels Paulus van Husen (Als der Wagen nicht kam, Herder 2019) zu lesen begonnen: schön, aufschlussreich, spannend – da hat einer etwas zu erzählen, wozu er keine in der Luft treibenden toten Seelen braucht…

G. Herwegh: Abschied – Text und Analyse

Georg Herwegh: Abschied

Lebwohl! was könnt‘ ich auch dir bieten?
Lebwohl! Lebwohl! mein ander‘ Herz!
In deiner Hütte schläft der Frieden,
Und in die Fremde irrt der Schmerz!

Du bist ein Weib! und eine Stütze
Suchst an dem Manne du für dich!
Du suchst ein Haupt, verschont vom Blitze,
Such‘ einen andern denn als mich!

Du könntest einen Zauber sprechen,
Und alle Himmel wären mein!
Doch müsste ich den Zauber brechen,
Weil deine Ruh der Preis würd‘ sein!

Lebwohl! ich werd‘ dir nicht mehr folgen!
Lebwohl! Lebwohl! ich ziehe gern!
Lebwohl! Lebwohl! rett‘ vor den Wolken
In deinen Himmel dich, mein Stern!

Dein Leben – dass es Gott beschütze –
Ein Maitag sei‘s im Morgenlicht,
Eh ihm der Sonne Glut und Hitze
Die Rosen von dem Haupte bricht!

Der Tod sei dir die Hippokrene,
Die jeden Durst der Seele stillt;
Willkommen wie die erste Träne,
Die erster Lieb‘ im Auge quillt!

Der Herr behüte dich in Gnaden!
Ein Wetter lagert sich um mich.
Es könnte endlich sich entladen
Und träfe dann auch dich, auch dich!

Ich will dir nicht den Frieden trüben!
Nimmt auch der Wahnsinn ganz mich ein;
Lebwohl! ich will dich ewig lieben
Und doch von dir geliebt nicht sein!

Erst im Kontext der „Gedichte eines Lebendigen“ versteht man dieses Gedicht, in dem ein Liebender den Abschied von seiner Geliebten nimmt, um der Liebe willen – und um des Freiheitskampfes willen, wie sich erst aus den anderen Gedichten ergibt. Das sprechende Ich ist ein Mann, der sich an eine geliebte Frau wendet („du“), im Moment des Abschieds. Er erklärt und begründet, warum er sich von ihr auf immer trennt, obwohl er sie liebt und obwohl ihn die Trennung schmerzt: Er kann und will ihr nicht das bieten, was sie braucht: Ruhe (V. 12), Frieden (V. 3, V. 29), eine Stütze im Leben (V. 5 f.). Deshalb sagt er ihr „Lebwohl!“ (sechsmal, V. 1 ff.), obwohl sie „mein ander Herz“ (V. 2) ist.

Warum das so ist, warum die Liebe nicht Erfüllung finden kann, wird in zwei Bildern ausgeführt. Das erste Bild ist das des Gewitters, welches den Sprecher bedroht: Blitze (V. 7), Wolken (V. 15), (bedrohliches) Wetter (V. 26) – wenn sich das Wetter entlüde, „träfe [es] dann auch dich, auch dich“ (V. 28); deshalb rät er der Geliebten, sich in ihren friedlichen Himmel zu retten (V. 15) – dem korrespondiert die bildhafte Anrede „mein Stern“ (V. 16). Das zweite Bild ist das des Maitages, dem das Leben der Frau (in seinem Wunsch) gleicht und der von „der Sonne Glut und Hitze“ bedroht ist (5. Strophe).

Der Sprecher ist aufgewühlt, von Schmerz gepeinigt (V. 4), von Wahnsinn bedroht (V. 30) – seine Äußerung ist zwar metrisch geordnet, aber gedanklich nicht. So wechseln mit den Begründungen für den Abschied seine guten Wünsche für die Geliebte, Ratschläge an sie und Blicke auf sich selbst. Beginnen wir mit dem Blick auf sie: Du bist eine Frau und suchst eine Stütze – suche deshalb einen anderen (2. Strophe); du könntest mich durch einen Zauber bannen (V. 9 f.) – aber ich müsste ihn brechen, weil er dich unglücklich machte (3. Strophe). Mit dem Blick auf sich sagt er: Dein Zauber würde mich beglücken (V. V. 10); doch ich werde dir nicht mehr folgen (V. 13, weil ich dir deinen Frieden nicht trüben will (V. 29) – dass er gern fortzieht (V. 14), passt nicht zu den Bekundungen des Schmerzes und der andauernden Liebe.

Er hat nur noch einige gute Wünsche für sie:

  • Rette dich vor dem über meinem Haupt drohenden Unwetter (V. 15 f.).
  • Dein Leben sei ein Maitag im Morgenlicht (5. Str.).
  • Gott behüte dich (V. 17 und V. 25).
  • Mein Tod bringe dir Frieden (6. Strophe).

Dieser letzte Wunsch ist nicht so klar ausgesprochen, wie ich ihn formuliert habe. Hippokrene ist im griechischen Mythos die Quelle, die das geflügelte Pferd Pegasus aus dem Berg Helikon losgetreten hat; sie ist dem Apoll und den Musen heilig, ihr Wasser begeistert zum Dichten. Nun ist „Der Tod“ (V. 21) völlig unbestimmt, doch kann angesichts des drohenden Unwetters nur sein Tod gemeint sein; er könnte ihr (s. „dir“, V. 21) den Durst der Seele nach dem verschwundenen Geliebten stillen, weil dann jede Hoffnung auf seine Wiederkehr verschwunden wäre. Sein Tod wäre ihr dann „[w]illkommen wie die erste Träne…“ (V. 23 f.) – ein etwas unglücklicher Vergleich, gerechtfertigt allein durch die letzten Tränen, die sie bei seinem Tod vergösse.

Den Höhepunkt bilden die Schlussverse:

Lebwohl! Ich will dich ewig lieg

Und doch von dir geliebt nicht sein!“ (V. 31 f.)

Dieser Verzicht auf ihre Liebe ist der höchste Ausdruck seiner Liebe – um ihrer Ruhe willen entsagt er ihrer Liebe – nur dass er sie nicht fragt, was sie zu seinem einsamen Entschluss sagt; das macht sein Liebesbekenntnis etwas fragwürdig. Es erinnert an Philines Wort zu Wilhelm (in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, 4. Buch, 9. Kap.): „und wenn ich dich lieb habe, was geht‘s dich an?“ Und doch gibt es einen Unterschied, weil in Herweghs Gedicht der Liebende offensichtlich aus einen bestehenden Liebesbindung um einer größeren Sache willen ausbricht. Ich meine, mich an ein ähnliches Wort aus einem Gedicht der Louise Labé zu erinnern, kann das aber nicht belegen.

Die acht Strophen weisen alle die gleiche metrische Form auf: Das Ich spricht im Jambus, vier Takte pro Vers; die vier Verse sind im Kreuzreim verbunden und weisen abwechselnd männliche und weibliche Kadenz auf, was eine Pause nach jedem zweiten und vierten Vers bedingt. Der Form gemäß sind vor allem die Reime der Verse 2/4 semantisch sinnvoll, weil manchmal der Satz nicht mit dem Versschluss endet; jedenfalls bilden jeweils zwei Verse eine gedankliche Einheit. Die Entsprechung fällt bei V. 6/8 ins Auge (einen Mann suchen), V. 10/12 (Kontrast: Himmel für mich / keine Ruhe für dich), V. 18/20 (Morgenlicht / Sonnenglut), V. 26/28 (das Unwetter), V. 30/32 (Wahnsinn / Grund: von dir getrennt).

Das Ich spricht zügig, wozu die Sinneinheit von je zwei Versen und der Jambus beiträgt; nur vier Nebensätze gibt es in den acht Strophen, sonst reiht sich Hauptsatz an Hauptsatz. „Hippokrene“, ein Anspielung auf den griechischen Mythos, passt nicht recht zum übrigen sprachlichen Niveau, das die Ebene gehobener Umgangssprache darstellt.

Das Gedicht berührt einen trotz einiger formaler Schwächen, weil es sich so stark von gängigen Liebesgedichten oder Liebesklagen unterscheidet. Kein Wunder, dass sich Emma Siegmund für den Dichter begeisterte und seine Nähe suchte; der gedichtete Liebesverzicht wurde durch das reale Leben konterkariert.

https://archive.org/details/bub_gb_UFJLAAAAMAAJ (Gedichte eines Lebendigen, 1841)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Herwegh,+Georg/Gedichte/Lieder+eines+Lebendigen (Lieder eines Lebendigen, 1841 – falscher Titel)

https://gedichte.xbib.de/gedicht_Herwegh.htm (Gedichte Herweghs)

https://nddg.de/dichter/657-Georg+Herwegh.html (dito)

https://www.gedichte.com/gedichte/Georg_Herwegh (Gedichte Herweghs)

https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/19Jh/Herwegh/her_alph.html (dito)

https://www.youtube.com/watch?v=lv8KwGqf2vI (Die Liederarchäologen: Georg Herwegh – Geschichte in Liedern)

Georg Herwegh

https://literaturkritik.de/die-eiserne-lerche-und-deutschlands-erster-politischer-dichter-zum-200-geburtstag-von-georg-herwegh,23363.html

https://www.deutsche-biographie.de/sfz30395.html#ndbcontent

https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Herwegh

http://ciml.250x.com/archive/literature/german/herwegh/georg_herwegh.html

spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/127236126

Vormärz

https://www.geschichte-abitur.de/restauration-und-vormarz/vormarz

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch/artikel/vormaerz-und-junges-deutschland

https://www.inhaltsangabe.de/wissen/literaturepochen/vormaerz/

Sonstiges

https://de.wikipedia.org/wiki/Karlsbader_Beschl%C3%BCsse (Karlsbader Beschlüsse)

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/deutscher-bund/karlsbader-beschluesse-1819.html (dito)

G. Herwegh: Protest – Text und Analyse

Georg Herwegh: Protest

Solang ich noch ein Protestant,
Will ich auch protestieren,
Und jeder deutsche Musikant
Soll‘s weiter musizieren!
Singt alle Welt: Der freie Rhein!
So sing‘ doch ich: Ihr Herren, nein!
Der Rhein, der Rhein könnt‘ freier sein –
So will ich protestieren.

Kaum war die Taufe abgetan,
Ich kroch noch auf den Vieren,
Da fing ich schon voll Glaubens an,
Mit Macht zu protestieren,
Und protestiere fort und fort,
O Wort, o Wind, o Wind, o Wort,
O selig sind, die hier und dort,
Die ewig protestieren.

Nur eins ist not, dran halt‘ ich fest
Und will es nit verlieren,
Das ist mein christlicher Protest,
Mein christlich Protestieren.
Was geht mich all das Wasser an
Vom Rheine bis zum Ozean?
Sind keine freien Männer dran,
So will ich protestieren.

Von nun an bis in Ewigkeit
Soll euch der Name zieren:
Solang ihr Protestanten seid,
Müsst ihr auch protestieren.
Und singt die Welt: Der freie Rhein!
So singet: Ach! Ihr Herren, nein!
Der Rhein, der Rhein könnt‘ freier sein,
Wir müssen protestieren.

Das Gedicht bezieht sich auf ein vertontes Gedicht, das so beginnt und endet:

Sie sollen ihn nicht haben,
den freien deutschen Rhein,
ob sie wie gier‘ge Raben
sich heiser danach schrein,
(…)

Sie sollen ihn nicht haben,
Den freien deutschen Rhein,
Bis seine Flut begraben
Des letzten Manns Gebein!

Dieses Gedicht wurde gegen Ende Juli 1840 von Nikolaus Becker geschrieben und am 18. September 1840 in der „Trierischen Zeitung“ veröffentlicht; durch die Veröffentlichung in der „Kölnischen Zeitung“ im Oktober 1840 wurde es schlagartig bekannt – Becker wurde als Patriot gefeiert und geehrt, weil er französische Ansprüche auf linksrheinisches Gebiet abwehrte. Als Lied in der Komposition von Konradin Kreutzer wurde es am 15. Oktober 1840 zum Geburtstag des preußischen Königs im Kölner Theater gesungen; das Gedicht wurde über hundertmal vertont.

Mit Beckers populärem Gedicht, genauer: mit der darin festgehaltenen patriotischen Begeisterung, die sich dann im Singen äußerte, setzt Herwegh sich in seinem Gedicht „Protest“ (in „Gedichte eines Lebendigen“, 1841) auseinander. Der Begeisterung für den „freien“ Rhein setzt er seinen Protest entgegen: „Der Rhein, der Rhein könnt‘ freier sein“ (V. 7 und V. 31); denn es komme nicht auf das Wasser an, sondern darauf, dass freie Männer am Rhein wohnen (V. 23) – das ist die Idee seines Protests. Für das Recht zum Protest beruft er sich darauf, dass er Protestant sei (V. 1 ff.); er schält also aus dem zur bloßen Konfessionsbezeichnung gewordenen Nomen die ursprüngliche Bedeutung wieder heraus und wendet sie ins Politische, was er zu seiner Legitimation als christliches Protestieren deklariert (V.17-20); das ist die Technik, mit der er seine Idee verwirklicht.

Ein Ich-Sprecher, der gut als Sprachrohr Herweghs zu verstehen ist, wendet sich mit seinem Protest an die Öffentlichkeit; in der vierten Strophe spricht er zwar direkt die (deutschen) Protestanten an („euch“, „ihr“), aber die fordert er nur auf, in seinen Protest einzustimmen. Innerhalb seines Protestes zitiert er sein Gegenlied, das sich an „Ihr Herren“ wendet (V. 6); diese „Herren“ sind diejenigen, die als „alle Welt“ singen: „Der freie Rhein“ (V. 5).

Der Sprecher beruft sich zu Beginn darauf, dass er Protestant ist (V. 1; Herwegh hat in seiner Jugend ein Jahr lang in Tübingen Theologie studiert) und deshalb auch protestieren will (V. 2) und darf, wie er implizit gegen mögliche Kritiker festhält; denn es gehört nun einmal zum Wesen des Protestanten zu protestieren, wie er in der 2. Strophe expliziert. Der Übergang zu Vers 3 erfolgt abrupt: Er fordert alle deutschen Musikanten auf, „‘s weiter [zu] musizieren“ (V. 3 f.). Die Frage ist, worauf „‘s“ verweist: Das könnte, rückwärts gerichtet, sein Bekenntnis zum Protest (V. 1 f.) sein; liest man es vorwärts gerichtet, wäre es das von aller Welt gesungene Lied vom freien Rhein (V. 5). Das Rufzeichen hinter V. 4 scheint mir den Ausschlag für die erste Lesart zu geben, wenn auch die zweite Lesart grammatisch möglich wäre; doch erforderte sie wohl als Satzzeichen einen Doppelpunkt hinter V. 4. Der Sprecher fordert also für sein Protestieren die gleiche Publizität, wie sie das Rheinlied derzeit hat; das sei wahrhaft „deutsch“, besagt das Attribut des bzw. der Musikanten (V. 3). Dem Lied vom freien Rhein stellt er sein Protestlied entgegen, sein Lied vom freieren Rhein (V. 6 f.). Er bekräftigt seine Entschlossenheit zum Protestieren, indem er seinen festen Willen noch einmal (V. 8 nach V. 2) bekundet.

Die ersten vier Verse bestehen aus vier Jamben, im Kreuzreim aneinander gebunden, die zu je zwei Versen miteinander verbunden sind: je ein Satz mit weiblicher Kadenz am Ende des zweiten Verses. V. 5-8 weichen von diesem Schema ab: Auf drei vierhebige Jamben mit gleichem Reim folgt der Vers mit der weiblichen Kadenz, der sich auf V. 4 reimt und so den Anschluss an die erste Hälfte herstellt. V. 5-8 bilden einen einzigen Satz, der also schwungvoll zu sprechen ist. Der semantische Zusammenhang der Reime „protestieren – musizieren“ (V. 2/4/8) liegt offen, weil das Protestieren des Sprechers im Musizieren aufgegriffen wird, was dann auch für die Wörter „Protestant / Musikant“ (V. 1/3) gilt. Auch der Sinnzusammenhang der Verse 5-7 liegt auf der Hand: frei / nein / freier (Steigerung).

In der zweiten Strophe erklärt der Sprecher, wieso er von seinem Wesen her ein Protestant ist: Schon von der Taufe an hat er protestiert (V. 9-14); folgerichtig preist er die selig, „[d]ie ewig protestieren“ (V. 16). Diese Seligpreisung steht den für einen Protestanten maßgeblichen Seligpreisungen Jesu (Mt 5,1 ff.) entgegen; da werden u.a. die Friedfertigen gepriesen und alle, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden – von solchen Anmutungen ist der „protestantische“ Sprecher weit entfernt! Schon vorher steht die Religion im Zwielicht; die Taufe war „abgetan“ (V. 9), was einen despektierlichen Unterton hat, und dass er schon damals „voll Glaubens“ (V. 11) protestiert habe, ist für das Babygeschrei eine religiös unzulässige Qualifikation. Wiederholungen (dreimal „protestieren“, „fort und fort“ sowie V. 14 und V. 15 f.) sind das Charakteristikum dieser Strophe, in ihnen stellt sich so das Wesen des Protestanten dar. V. 14 ist im Zusammenhang rätselhaft: „O Wort“ könnte man als Begeisterung für das Wort des Protestes verstehen, während der alliterierende Ausruf „O Wind“ schleierhaft ist – nicht ohne Fantasie könnte man an das Jesus zugeschriebene Wort denken: „Der Wind [oder: Der Geist] weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht.“ (Joh 3,8) Diese Lesart ist gut möglich, weil Herwegh seine Bibel gut kannte; sie würde die Protestierenden als die wahren Jünger Jesu erweisen.

Formal gleicht die zweite Strophe der ersten; die Reime der ersten vier Verse verdeutlichen, dass der Sprechen von klein an Protestant war, während die Reime in V. 13-15 die Unendlichkeit des Protestes bezeugen. Die Strophe besteht aus zwei Sätzen, was zum Schwung des Sprechens beiträgt.

In der dritten Strophe wird der Protest noch einmal geadelt und inhaltlich gefüllt: Es geht mehr um die Freiheit als um den Rhein. In V. 17-20 wird der Protest des Ich-Protestanten als wesentlich christlich „geadelt“; das erfolgt einmal durch das wiederholte Attribut „christlich“ (V. 19 f.), aber auch schon vorher durch den Einleitungssatz „Nur eins ist not“ (V. 17). Mit diesem Satz greift der Sprecher ein Wort Jesu an Marta auf (vgl. Luk 10.38-42): Marta hat fortwährend für das leibliche Wohl gesorgt, ihre Schwester Maria hat zu Jesu Füßen seinen Worten gelauscht; darauf wird Marta zurechtgewiesen: „Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt…“ Dem Nützlichen stellt Jesus hier das eine Notwendige gegenüber – und indem der Sprecher Jesus zitiert, beansprucht er für seinen Protest das Prädikat des einen Notwendigen: Protest und Kampf für die Freiheit ist das eine Notwendige, ist das wahre Christentum (anders formuliert: ist die neue Religion).

In der zweiten Hälfte der Strophe wird das patriotische Rheinlied resp. der darin gefeierte deutsche Rhein als „all das Wasser“ (V. 21) abgetan, das als solches ohne die „freien Männer dran“ (V. 23) wertlos und deshalb Grund zum Protestieren sei. Die Reduktion des freien Rheins auf bloßes Wasser ist rhetorisch geschickt, sie unterschlägt die Bedeutung des Rheins für die Patrioten.

Auch die dritte und vierte Strophe gleichen formal der ersten. Die Reime in V. 17-20 stellen das Bekenntnis zum Protest dar; die Reime in V. 21-23 verknüpfen das besagte „Wasser“ mit den wichtigeren freien Männern. Der letzte Vers bindet V. 21-23 an die erste Hälfte und ist wie alle letzten Verse der vier Strophen dem entschlossenen Protest gewidmet.

In der vierten Strophe wird der Anschluss an die erste wieder hergestellt; diese wird, könnte man sagen, leicht variiert: Der Sprecher geht vom Namen Protestanten aus, folgert daraus die Pflicht zum Protest (V. 27 f.) und wiederholt die zweite Hälfte der ersten Strophe, nur statt dass des Singulars „ich“ nun der Plural „ihr“ (wie in V. 27) steht: Es sollen Mit-Protestanten geworben werden. Ob das Pronomen „wir“ in V. 32 noch zum Liedtext (V. 30 f.) gehört oder das Ich mit „ihr“ zusammenfasst, ist nicht zu entscheiden und auch nicht von Belang – wichtig ist allein die Botschaft: „Wir müssen protestieren“, gegen die patriotische Rhein-Duselei, für die Freiheit in Deutschland.

Die Wendung „Von nun an bis in Ewigkeit“ (V. 25) ist die Antwort auf den religiösen Gruß „Gelobt sei Jesus Christus“ bzw. die Schlussformel von Gebeten, auf welche das „Amen“ folgt; sie wird wie auch die anderen religiösen Anspielungen hier in den Dienst des politischen Protests gestellt, um ihm den christlichen Anstrich oder die höhere Legitimation zu verleihen (und bei Christen um Mit-Protestanten zu werden).

Die Reime in V. 25-28 propagieren die Größe und Dauer und des Protests; über die Reime V. 29-31 ist oben schon gesprochen, V. 32 verbindet wieder die beiden Hälften der Strophe.

 

https://archive.org/details/bub_gb_UFJLAAAAMAAJ (Gedichte eines Lebendigen, 1841)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Herwegh,+Georg/Gedichte/Lieder+eines+Lebendigen (Lieder eines Lebendigen, 1841 – falscher Titel)

https://gedichte.xbib.de/gedicht_Herwegh.htm (Gedichte Herweghs)

https://nddg.de/dichter/657-Georg+Herwegh.html (dito)

https://www.gedichte.com/gedichte/Georg_Herwegh (Gedichte Herweghs)

https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/19Jh/Herwegh/her_alph.html (dito)

https://www.youtube.com/watch?v=lv8KwGqf2vI (Die Liederarchäologen: Georg Herwegh – Geschichte in Liedern)

Georg Herwegh

https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Herwegh

http://ciml.250x.com/archive/literature/german/herwegh/georg_herwegh.html

https://gedichte.xbib.de/gedicht_Herwegh.htm

https://austria-forum.org/af/Wissenssammlungen/Essays/Literatur/Georg_Herwegh

https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/127236126

http://oberrhein-projekte.de/poet-mit-dem-flammenwort/

https://www.swr.de/swr1/importe/migration/redaktion/download-swr-2752.pdf (Emma Herwegh)

Vormärz

https://www.geschichte-abitur.de/restauration-und-vormarz/vormarz

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch/artikel/vormaerz-und-junges-deutschland

https://praxistipps.focus.de/vormaerz-die-epoche-einfach-erklaert_112306

https://www.inhaltsangabe.de/wissen/literaturepochen/vormaerz/

Sonstiges

https://de.wikipedia.org/wiki/Karlsbader_Beschl%C3%BCsse (Karlsbader Beschlüsse)

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/deutscher-bund/karlsbader-beschluesse-1819.html (dito)

https://de.wikipedia.org/wiki/Nikolaus_Becker (Nikolaus Becker)

http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/nikolaus-becker-/DE-2086/lido/57c577157dc4b1.94865755 (dito)

Lenaus Gedicht „Protest“ ist schon 1833 entstanden, aber erst 1851 gedruckt worden:

Protest

Wenn ich verachte heimliches Verschwören,

Und wenn ich hasse Meuchelmörderhand,

Wenn in des Volkserretters Ruhmgewand

Verhüllte Schufte meinen Groll empören,

 

Reih ich das Königstum den Himmelsgaben,

Verlaßner Völker Vaterhaus und Hort.

O glaubet nicht, ich liebe drum sofort,

Was jetzt und hier an Königen wir haben.

 

O glaubet nicht, ich führe keinen Zunder

Im Herzen für des Zornes edle Glut,

Tritt wo ein Fürst sein Volk im Übermut,

Noch daß ich ehren kann gekrönten Plunder.

 

Nie wird mein Flügelroß zum Schindergaule

Für meine Ehre, und mich strafe Gott,

Sing ich ein Fürstenlied, daß mir, zum Spott,

Die Hand vom Saitenspiel herunterfaule.

(Ich halte es für denkbar, dass in V. 9 ein Lese- oder Druckfehler steht: fühle > führe.)

Auch Richard Dehmels Gedicht „Protest“ verdient Beachtung.

G. Herwegh: Die Jungen und die Alten – Text und Analyse

Georg Herwegh: Die Jungen und die Alten

 

»Du bist jung, du sollst nicht sprechen!

Du bist jung, wir sind die Alten!

Lass die Wogen erst sich brechen

Und die Gluten erst erkalten!

 

Du bist jung, dein Tun ist eitel!

Du bist jung und unerfahren!

Du bist jung, kränz‘ deinen Scheitel

Erst mit unsern weißen Haaren!

 

Lern‘, mein Lieber, erst entsagen,

Lass die Flammen erst verrauchen,

Lass dich erst in Ketten schlagen,

Dann vielleicht kann man dich brauchen!«

 

Kluge Herren! Die Gefangnen

Möchten ihresgleichen schauen;

Doch, ihr Hüter des Vergangnen,

Wer soll denn die Zukunft bauen?

Sprecht, was sind euch denn verblieben,

Außer uns, für wackre Stützen?

Wer soll eure Töchter lieben?

Wer soll eure Häuser schützen?

 

Schmäht mir nicht die blonden Locken,

Nicht die stürmische Gebärde!

Schön sind eure Silberflocken,

Doch dem Gold gehört die Erde.

 

Schmähet, schmäht mir nicht die Jugend,

Wie sie auch sich laut verkündigt!

O wie oft hat eure Tugend

An der Menschheit still gesündigt!

In diesem Gedicht setzt sich ein Junger stellvertretend für seine Generation von den Alten ab. Das Gedicht ist also Zeugnis einer Jugendbewegung – und macht deutlich, dass „Jugendbewegung“ viel zu eng verstanden wird, wenn man damit nur den Aufbruch zu Beginn des 20. Jahrhunderts bezeichnet, den Ausbruch „aus grauer Städte Mauern“ (Fahrtenlied), „eine vor allem in Kreisen der bürgerlichen Jugend sich ausbreitende Hinwendung zum Naturerleben“ (Wikipedia). Auch der Sturm und Drang war eine Jugendbewegung, ebenfalls der Aufbruch 1968, die Gründung der Burschenschaften 1815 oder der Aufbruch im „Vormärz“: Freiligrath war Jahrgang 1810, Gutzkow 1811, Robert Prutz 1816, Georg Herwegh 1817, Georg Weerth 1822.

Die Jungen und die Alten“ steht in Herweghs Gedichtband „Gedichte eines Lebendigen“ von 1841. In den ersten drei Strophen werden die Sprüche referiert, die sich ein Junger von einem Alten anhören musste bzw. muss – auch wenn im Satz „wir sind die Alten!“ der Plural steht, können die Redensarten als stereotype Äußerungen eines einzelnen Alten gelten. Es handelt sich, wie gesagt, um Redensarten, die nicht sonderlich originell sind und sich so zusammenfassen lassen:

Du bist (zu) jung (fünfmal in Strophe 1 und 2, eindringlich wiederholt).

Du bist zu stürmisch.

Du hast keine Ahnung.

Du musst erst noch deine Kanten abschleifen.

Das wird in der Form bewertender indikativischer Aussagen (z.B. fünfmal Du bist jung“; „dein Tun ist eitel“, V. 5), eines verbietenden Modalverbs („du sollst nicht…“, V. 1) und mehrerer Imperative („Lern‘ entsagen“, V. 9; dreimal „Lass…“, V. 3 ff.) vorgebracht. Die Ratschläge sind vom Gegensatz jung/alt (V. 2, in jedem „jung“ und in „weißen Haaren“, V. 8, mit aufgerufen) bestimmt. In drei Bildern aus der Natur versuchet der Alte plausibel zu machen, wieso die Jungen weltfremde Spinner sind:

Wogen müssen sich brechen (V. 3),

Gluten müssen erkalten (V. 4),

Flammen müssen verrauchen (V. 9) –

Dann vielleicht kann man dich [in der realen Welt, N.T.] brauchen!“ (V. 12) Die geforderte Einschränkung der Jungen wird auch explizit genannt:

nicht mitreden (V. 1)

entsagen (V. 9)

sich bändigen lassen, sich einschränken (V. 11, bildhaft).

Der Alte hat seine Worte energisch vorgetragen, was sich auch im vierhebigen Trochäus zeigt. Sicher ist „wir“ (V. 2), vielleicht auch „dein“ (V. 5) gegen den Takt betont; die Pronomina und Imperative zu Beginn der Verse bekommen naturgemäß einen starken Akzent.

Die Sätze des Alten sind kurz; meistens ist ein Vers ein Satz, gelegentlich besteht ein Vers sogar aus zwei Sätzen (V. 1, 2, 5), in V. 7 f. finden wir ein Enjambement. Sinnvolle Reim gibt es in V. 1/3 (Gebot/Begründung), V. 9/11 (Entsprechung), V. 10/12 (Forderung/Folge). Die Form des Gedichts ist der Kreuzreim, der jeweils zwei Verse zu einer Einheit verbindet, weil nach den jeweiligen Versen 2 und 4 eine durch das Reimwort bedingte Pause eintritt.

Der zweite Teil des Gedichts stellt die Antwort des Jungen, der für seine Generation spricht („uns“, V. 18), auf diese Ermahnungen dar. Voller Ironie spricht er die Alten als „Kluge Herren!“ (V. 13) an, eine Replik auf den Vorwurf, unerfahren zu sein (V. 6). Er bezeichnet sie als „[d]ie Gefangnen“, womit er die Beschränktheit der Sicht- und Lebensweise der Alten bewertet; es ist die Antwort auf die Forderung, sich „erst in Ketten schlagen“ zu lassen (V. 11), also sich den geltenden Gepflogenheiten anzupassen. Diesen Gefangenen wirft er vor, sie möchten bloß „ihresgleichen schauen“ (V. 14), möchten also keine Freien neben sich dulden – in der Bezeichnung „Gefangnen“ (V. 13) ist das Antonym „Freie“ mit aufgerufen. In einer rhetorischen Frage wertet er danach den vom Alten aufgebauten Kontrast ‚alt=klug / jung=unerfahren‘ um: ‚Hüter des Vergangenen / Erbauer der Zukunft‘ (V. 15); so kann er rhetorisch fragen, wer denn die Zukunft erbauen soll, da Hüter des Vergangenen eo ipso dazu nicht fähig sind.

An diese grundsätzliche rhetorische Frage schließt er vier weitere an, in denen er entfaltet, was das heißt: die Zukunft bauen (fünfte Strophe):

für euch sorgen

eure Töchter lieben

eure Häuser schützen.

Die metrische Form der vierten und fünften Strophe hat sich nicht geändert (und wird sich auch in den beiden letzten Strophen nicht ändern). Die Wiederholung der Frage „Wer soll [etwas tun]?“ unterstreicht die Notwendigkeit, dass die Jungen für die Zukunft sorgen, und die These, dass nur sie es können. In V. 13 f., V. 15 f. und V. 17 f. geht der Satz übers Versende hinaus, was die Erregung des Sprechers anzeigt; trotzdem reimt sich „die Gefangnen“ sinnvoll auf „Hüter des Vergangnen“ (V. 13/15). Die Verse 13 f./15 f. stellen einen Kontrast dar, während „wackre Stützen“ / „eure Häuser schützen“ (V. 18/20) das Gleiche bezeichnet.

In den beiden letzten Strophen wendet sich der Sprecher mit dem wiederholten Appell „Schmäht mir nicht…“ (V. 21, V. 25 mit Verdoppelung) an die Alten (Plural); dabei beansprucht er Respekt für „die stürmische Gebärde“ (V. 22) und die lautstarken Äußerungen (V. 26) der Jugend. Die Begründungen der beiden Appelle unterscheiden sich jedoch: In der ersten wird mit „Silberflocken“ (V. 23) auf die von seinem zitierten Alten beschworenen weißen Haare (V. 8) zurückgegriffen; dem Silber des Alters stellt er das „Gold“ der Jugend gegenüber, das mehr wert sei, wobei dieses Gold einfach die Wertsteigerung gegenüber Silber impliziert, aber in keiner Weise sachlich bestimmt oder begründet wird. In der zweiten Begründung wirft er den Alten Unredlichkeit oder Heuchelei vor – anklingend an das Sprichwort „Jugend kennt keine Tugend“ – weil „eure [beanspruchte] Tugend“ (V. 27, halb ironisch) nur verdecke, dass man „[a]n der Menschheit still gesündigt“ habe (V. 28). Auch für diesen Vorwurf bleibt der Sprecher einen Beleg schuldig, er begnügt sich mit einer simplen Retourkutsche. Die Menschheit, das kann auch die Menschlichkeit, die Würde des Menschen bedeuten; an der versündigt man sich auch, wenn man die Herrschaft von Fürsten und Despoten erträgt. Aber, wie gesagt, das wird von Sprecher nicht näher ausgeführt.

Die Silberflocken kontrastieren zu den blonden Locken der Jugend (V. 21/23); die stürmische Gebärde ist denen eigen, die das Gold der Erde darstellen (V. 22/24); Jugend und Tugend stehen im traditionellen Kontrast (V. 25/27), während „still gesündigt“ das, was „laut verkündigt“ wird (V. 26/28), fragwürdig macht. Auch in den beiden letzten Strophen merkt man die Erregung des Sprechers daran, dass er zweimal über die Versende hinaus spricht (V. 21 f., V. 27 f.) und in den beiden anderen Verspaaren für den ganzen Satz ebenfalls zwei Verse braucht.

Das Gedicht ist vom Kontrast zwischen Jungen und Alten beherrscht, der sich in den verschiedenen Kontrasten spiegelt (jung-alt, blond-weiß, Gefangene-Freie, Vergangenheit-Zukunft, laut verkündigen – leise sündigen). Beide Seiten kommen nicht über Rhetorik hinaus zu einer sachlichen Auseinandersetzung, was auch daran mag, dass das Gedicht nur sieben Strophen zu vier Versen umfasst. – Das Gedicht könnte ein Anlass sein, über die Interessengegensätze nachzudenken, welche in der Realität das Verhältnis der Generationen bestimmen, über die Lasten, die den Jungen von den Alten für die Zukunft aufgebürdet werden.

Auch im Gedicht „An die Zahmen“ tritt der Gegensatz scharf hervor, genau wie im Gedicht „Alter und Jugend“ oder „Billigkeit“ von Robert Prutz. Viel näher kommen sich die Generationen in Herweghs Gedicht „Gesang der Jungen bei der Amnestierung der Alten“, das ebenfalls in „Gedichte eines Lebendigen“ (1841) zu finden ist:

Ihr habt die Erlösung so nahe gedacht,
Ihr Brüder, ihr lustigen Zecher;
Ihr glaubtet zu fallen in blutiger Schlacht;
In den Kerkern wird uns Quartier gemacht –
Den Becher, mein Liebchen, den Becher! –
Die Alten heraus und die Jungen hinein!
Wie sollte der Weltlauf anders sein?
Gott schütze dich, Liebchen!

(Gesang der Jungen bei der Amnestierung der Alten, 2. Strophe)

https://archive.org/details/bub_gb_UFJLAAAAMAAJ (Gedichte eines Lebendigen, 1841)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Herwegh,+Georg/Gedichte/Lieder+eines+Lebendigen (Lieder eines Lebendigen, 1841 – falscher Titel)

https://gedichte.xbib.de/gedicht_Herwegh.htm (Gedichte Herweghs)

https://nddg.de/dichter/657-Georg+Herwegh.html (dito)

https://www.gedichte.com/gedichte/Georg_Herwegh (Gedichte Herweghs)

https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/19Jh/Herwegh/her_alph.html (dito)

https://www.youtube.com/watch?v=lv8KwGqf2vI (Die Liederarchäologen: Georg Herwegh – Geschichte in Liedern)

Georg Herwegh

https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Herwegh

http://ciml.250x.com/archive/literature/german/herwegh/georg_herwegh.html

https://gedichte.xbib.de/gedicht_Herwegh.htm

https://austria-forum.org/af/Wissenssammlungen/Essays/Literatur/Georg_Herwegh

https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/127236126

http://oberrhein-projekte.de/poet-mit-dem-flammenwort/

https://www.swr.de/swr1/importe/migration/redaktion/download-swr-2752.pdf (Emma Herwegh)

Vormärz

https://www.geschichte-abitur.de/restauration-und-vormarz/vormarz

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch/artikel/vormaerz-und-junges-deutschland

https://praxistipps.focus.de/vormaerz-die-epoche-einfach-erklaert_112306

https://www.inhaltsangabe.de/wissen/literaturepochen/vormaerz/

Sonstiges

https://de.wikipedia.org/wiki/Karlsbader_Beschl%C3%BCsse (Karlsbader Beschlüsse)

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/deutscher-bund/karlsbader-beschluesse-1819.html (dito)

https://www.wissen.de/lexikon/jugendbewegung (Jugendbewegung)

G. Herwegh: An die Zahmen – Text und Analyse

Georg Herwegh: An die Zahmen (1841)

Die ihr im Abendsäuseln schon
Des Herren Spur gewahrt,
Und denen er im Kräuseln schon
Der See sich offenbart –
O freut euch eurer Lose,
Und dankt und lasst mich gehn!
Im wilden Sturmgetose,
Im Feuer nur, wie Mose,
Mag ich den Herren sehn!

So einer glücklich, sonn‘ er sich
In Frieden vor dem Haus;
Ich lobe mir den Donner, ich,
Des Sinai Gebraus‘.
Ich fühl‘s durch alle Nerven,
Durch alle Adern sprühn:
Ich möchte Speere werfen,
Ich möchte Klingen schärfen,
Und tatlos nicht verglühn.

Nicht mehr an Blumenhügeln möcht‘
Ich liegen auf der Wacht,
In eines Streithengsts Bügeln möcht‘
Ich wiegen mich zur Schlacht,
Nicht mehr im Mondschein wandeln,
Nicht länger schreiben mehr,
Ich möcht‘ nun einmal sandeln,
Ich möcht‘ nun einmal handeln –
Auf! bringt mir Fahnen her!

Lasst endlich das Geleier sein
Und rührt die Trommel nur!
Der Deutsche muss erst freier sein,
Dann sei er Troubadour.
Im Freiheitsfeuertranke
Werd‘ unser Reich erfrischt,
Ihr ewiger Gedanke
Führ‘ unser Schwert, das blanke,
Wenn‘s in die Feinde zischt!

Gedichte eines Lebendigen“ (1841) war der Titel des Gedichtbandes, der Herwegh berühmt machte und mit dem er auch das Herz seiner späteren Frau Emma eroberte; aus diesem Band stammt der Aufruf „An die Zahmen“, mit dem der junge Herwegh (Jahrgang 1817) sich von den traditionellen „zahmen“ Dichtern abgrenzt.

Der Sprecher tritt als Ich auf (V. 6 ff.) und wendet sich an eine Gruppe, die er mit „ihr“ anspricht (V. 1 ff.) und die der Autor schon in der adressierenden Überschrift als „die Zahmen“ verspottet hat; aus V. 28-31 ergibt sich eindeutig, dass es Dichter sind. Etwas verhaltener erkennt man es schon in V. 1-4: Es sind Leute, die in milden Naturerscheinungen (Säuseln – Kräuseln, V. 1/3, ein hübscher Binnenreim) Gottes Spur erkennen; das zielt auf die Wald- und Naturfrömmigkeit der Romantiker. Als Beispiel sei die erste Strophe des Gedichtes „Waldandacht“ des gleichaltrigen Leberecht Blücher Drewes (1816-1870) zitiert:

Frühmorgens, wenn die Hähne krähn,
Eh‘ noch der Wachtel Ruf erschallt,
Eh‘ wärmer all‘ die Lüfte wehn,
Vom Jagdhornruf das Echo hallt:
Dann gehet leise
Nach seiner Weise
Der liebe Herrgott durch den Wald.

Ironisch – ironisch deshalb, weil er solche Dichtungen als „Geleier“ (V. 28) abwertet – grenzt er sich von solchen Dichtern in drei Imperativen ab: Freut euch eures Lebens, dankt (eurem Gott für eure Beschränktheit, von mir sinngemäß ergänzt) und lasst mich gehen! Denn mit solchen Schwätzern will er nichts zu tun haben (V. 5 f.). Man geht nicht fehl, in diesem Ich das Sprachrohr des Dichters Herwegh zu sehen.

Dem Säuseln und Kräuseln, das den Zahmen gefällt, setzt er Sturmgetose und Feuer entgegen, in dem er wie einst Moses die Gegenwart des „Herren“, also Gottes verspürt (V. 7-9), wobei dieses Sturmgetose allerdings der Kriegslärm ist (V. 12 ff.). Den der Bibel entwöhnten Lesern sei der Bericht aus dem Buch Exodus vorgestellt:

Am dritten Tag, im Morgengrauen, begann es zu donnern und zu blitzen. Schwere Wolken lagen über dem Berg und gewaltiger Hörnerschall erklang. Das ganze Volk im Lager begann zu zittern. Mose führte das Volk aus dem Lager hinaus Gott entgegen. Unten am Berg blieben sie stehen. Der ganze Sinai war in Rauch gehüllt, denn der HERR war im Feuer auf ihn herabgestiegen. Der Rauch stieg vom Berg auf wie Rauch aus einem Schmelzofen. Der ganze Berg bebte gewaltig und der Hörnerschall wurde immer lauter. Mose redete und Gott antwortete ihm mit verstehbarer Stimme. (Ex 19,16-19) Diese Stelle schwebte Herwegh vor, wo Jahwe sich in einem Vulkanausbruch dem Volk Israel bzw. Moses offenbart. Hier wird in der Tat anders von Gott gesprochen, als es die Zahmen tun.

Der Sprecher redet in seinem Zorn schnell daher, im Jambus. Jeweils zwei Verse bilden in V. 1-4 eine Einheit (ein Satz); dem entspricht, dass in den jeweils zweiten Versen eine Silbe fehlt (weibliche Kadenz, kleine Pause), wobei die Satzenden für sinnvolle Reime in Frage kommen (Thema: Offenbarung Gottes, V. 2/4). Die Form der Verse 5-9 ist etwas komplizierter: Es kommt zu einem Wechsel des Jambus mit vier und drei Versfüßen, nur dass jetzt dem Vers mit der weiblichen Kadenz einer mit männlicher Kadenz (3 Takte) folgt; außerdem ist nach der Anzahl der Silben und dem Reimwort am Ende der siebte Vers im achten „verdoppelt“. Durch den Wechsel von Kadenzen und Anzahl der Versfüße hinter V. 4 und den „zusätzlichen“ V. 8 wird der Vortrag des Sprechers viel lebhafter. Auch in V. 5-9 liegt wieder ein Kreuzreim vor (mit der Einschränkung, dass V. 8 dabei nicht mitgezählt werden darf), mit sinnvollem Reim (lasst mich von euch gehen / Begründung dafür, V. 6/9). Auch in V. 7/8 kann man einen sachlich bedeutsamen Reim erkennen (Moses vor dem offenbaren Gott), während der Reim in V. 1/3 simpel aus der Wiederholung des gleichen Wortes besteht. In V. 3 liegt um des Reimes willen eine Inversion vor, „schon“ müsste vor „im Kräuseln der See“ stehen. In den beiden folgenden Strophen stellt sich der Ich-Sprecher mit seinen Wünschen und Plänen selbst dar (sechsmal „Ich möcht[e]“); dabei grenzt er sich von allen Spießern ab, deren Welt an der Grenze ihres eigenen Gartens endet: Wer es mag, soll sich ruhig vor seinem Haus sonnen (V. 10 f.) – ich dagegen… (V. 12 ff.). „So“ bedeutet so viel wie „Wenn“; in dem einleitenden Nebensatz fehlt aus Gründen des Metrums das Prädikat „ist“.

Die Wünsche des Sprechers laufen auf ein Leben voller Kampf, voller Taten, voller Gefahren hinaus (V. 12-27); das ist in sich verständlich und braucht insgesamt nicht erläutert zu werden. Nur einige Einzelheiten sind zu klären: Das achtmalige „Ich“ am Versanfang (V. 12-26) ist gegen den Takt betont, ebenso der Aufruf „Auf!“ (V. 27). V. 13 f. bezieht sich auf V. 7-9 zurück, hier jedoch als Kriegslärm umgedeutet. Das Adjektiv „tatlos“ (V. 18) ist um des Metrums willen verkürzt („tatenlos“). In V. 19/21 haben wir die gleiche Wiederholung des Reimwortes wie in V. 1/3 und in V. 28/30. Die Adverbiale „an Blumenhügeln“ (V. 19) und „im Mondschein“ (V. 23) verdanken sich dem Spott auf die gottesfrohen Naturdichter (V. 1 ff.). In V. 24 entsagt der Sprecher jedweder Dichterei, was er in V. 30 f. begründet; das ist kein Selbstwiderspruch (‚Der Dichter Herwegh schreibt…‘), da hier nicht der Dichter Herwegh schreibt, sondern sein Ich-Sprecher zu seinen Zuhörern redet – hier sieht man, wie wichtig die präzise Unterscheidung von Ich und Autor ist. Das Verb „sandeln“ (V. 25) bedeutet: mit teerartigen Stoffen getränkte Pappe mit Sand bestreuen (DWDS); langsam arbeiten, faulenzen (Duden); im oder mit Sand spielen (Pons) es steht hier eher des Reimes wegen, sachlich erkenne ich keinen Bezug zum Kontext, es sei denn, das Sandeln habe eine Funktion im Krieg, wovon ich aber nichts weiß. Von den Reimen seien 11/13 (Gegensatz), 15/19 (Tatendurst), 20/22 (Krieg) und 24/27 (Gegensatz) genannt.

An den Aufruf in V. 27 schließt sich ein weiterer Aufruf an die zahmen Dichter an, für den Krieg zu trommeln statt bloß herumzudichten (V. 28 f., Rufzeichen und Imperativ). Als Begründung folgt die Maxime über die Prioritäten im Leben eines Deutschen (V. 30 f.); dabei ist „Troubadour“ nicht zwingend abwertend für „Dichter“ gebraucht, während „Geleier“ (V. 28) ausschließlich negativ konnotiert ist. Mit dem Adjektiv „frei“ (V. 30) ist das entscheidende Stichwort genannt, das hinter dem bösen Aufruf „An die Zahmen“ steht: Es steht der Kampf um die Freiheit an, wobei die Gegner der Freiheit nicht einmal benannt werden müssen: Es sind die Fürsten und Könige, welche hinter den Karlsbader Beschlüssen stehen. Mit dem Neologismus „Freiheitsfeuertrank“ (V. 32), dem ein ewiger Gedanke im Reim zugeordnet ist (V. 34), wird der Ruf nach Freiheit als Kriegsgrund verherrlicht – dem Reich wird bildhaft eine Erfrischung durch den Kampf wie durch einen kühlen Schluck gewünscht (Konjunktiv I in V. 33 und V. 35).

Die metrische Form ist in allen Strophen gleich. In der vierten Strophe finden wir wieder sinnvolle Reime: 28/30 (Gegensatz), 29/31 (Gegensatz), 33/36 (Krieg). Formal sind die Reime in V. 28/30 (wie in V. 19/21 und in V. 1/3) schwach, aber hinter ihnen steht eine große Begeisterung für die Freiheit der Deutschen und für den Freiheitskampf, dessen Zielpunkt 1848 wurde.

Als Parallele kann man Herweghs Gedicht „An die deutschen Dichter“ (1840, ebenfalls in „Gedichte eines Lebendigen“ 1841) lesen.

https://archive.org/details/bub_gb_UFJLAAAAMAAJ (Gedichte eines Lebendigen, 1841)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Herwegh,+Georg/Gedichte/Lieder+eines+Lebendigen (Lieder eines Lebendigen, 1841 – falscher Titel)

https://gedichte.xbib.de/gedicht_Herwegh.htm (Gedichte Herweghs)

https://nddg.de/dichter/657-Georg+Herwegh.html (dito)

https://www.gedichte.com/gedichte/Georg_Herwegh (Gedichte Herweghs)

https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/19Jh/Herwegh/her_alph.html (dito)

https://www.youtube.com/watch?v=lv8KwGqf2vI (Die Liederarchäologen: Georg Herwegh – Geschichte in Liedern)

An die deutschen Dichter

https://www.zgedichte.de/gedichte/georg-herwegh/an-die-deutschen-dichter.html

https://www.litde.com/stationen-der-deutschen-lyrik/die-republik-ein-traum/georg-herwegh-iii-an-die-deutschen-dichter-i-lasst-die-harfen-uns-zertrmmern.php (kritisch!)

Georg Herwegh

https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Herwegh

http://ciml.250x.com/archive/literature/german/herwegh/georg_herwegh.html

https://gedichte.xbib.de/gedicht_Herwegh.htm

https://austria-forum.org/af/Wissenssammlungen/Essays/Literatur/Georg_Herwegh

https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/127236126

http://oberrhein-projekte.de/poet-mit-dem-flammenwort/

https://www.swr.de/swr1/importe/migration/redaktion/download-swr-2752.pdf (Emma Herwegh)

Vormärz

https://www.geschichte-abitur.de/restauration-und-vormarz/vormarz

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch/artikel/vormaerz-und-junges-deutschland

https://praxistipps.focus.de/vormaerz-die-epoche-einfach-erklaert_112306

https://www.inhaltsangabe.de/wissen/literaturepochen/vormaerz/

Sonstiges

https://de.wikipedia.org/wiki/Karlsbader_Beschl%C3%BCsse (Karlsbader Beschlüsse)

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/deutscher-bund/karlsbader-beschluesse-1819.html (dito)

G. Herwegh: Aufruf – Text und Analyse

Georg Herwegh: Aufruf (1841)

Reißt die Kreuze aus der Erden!
Alle sollen Schwerter werden,
Gott im Himmel wird‘s verzeih‘n.
Lasst, o lasst das Verseschweißen!
Auf den Amboss legt das Eisen!
Heiland soll das Eisen sein.

Eure Tannen, eure Eichen –
Habt die grünen Fragezeichen
Deutscher Freiheit ihr gewahrt?
Nein, sie soll nicht untergehen!
Doch ihr fröhlich Auferstehen
Kostet eine Höllenfahrt.

Deutsche, glaubet euren Sehern,
Unsre Tage werden ehern,
Unsre Zukunft klirrt in Erz;
Schwarzer Tod ist unser Sold nur,
Unser Gold ein Abendgold nur,
Unser Rot ein blutend Herz!

Reißt die Kreuze aus der Erden!
Alle sollen Schwerter werden,
Gott im Himmel wird‘s verzeih‘n.
Hört er unsre Feuer brausen
Und sein heilig Eisen sausen,
Spricht er wohl den Segen drein.

Vor der Freiheit sei kein Frieden,
Sei dem Mann kein Weib beschieden
Und kein golden Korn dem Feld;
Vor der Freiheit, vor dem Siege
Seh‘ kein Säugling aus der Wiege
Frohen Blickes in die Welt!

In den Städten sei nur Trauern,
Bis die Freiheit von den Mauern
Schwingt die Fahnen in das Land;
Bis du, Rhein, durch freie Bogen
Donnerst, lass die letzten Wogen
Fluchend knirschen in den Sand.

Reißt die Kreuze aus der Erde!
Alle sollen Schwerter werden,
Gott im Himmel wird‘s verzeih‘n.
Gen Tyrannen und Philister!
Auch das Schwert hat seine Priester,
Und wir wollen Priester sein!

Den Kern des „Aufrufs“ machen die ersten drei Verse aus, die zu Beginn der vierten und der siebten Strophe wiederholt werden und so dem Gedicht seine Struktur geben. Sie sind Anfang, Mitte und Ende der Forderungen des Sprechers: „Reißt die Kreuze aus der Erden…“ Dieser Aufruf (Imperativ) ist in einem christlich geprägten Land, wie es Deutschlang um 1840 war, eine Gotteslästerung; daher ist es erforderlich, dass die Bedenken der zu solcher Tat Aufgerufenen beschwichtigt werden: „Gott im Himmel wird‘s verzeih‘n“ (V. 3), auch wenn alle seine irdischen Vertreter und Statthalter ob des Frevels laut aufheulen werden. Wozu sollen die Kreuze ausgerissen werden? „Alle sollen Schwerter werden“ (V. 2); erst später wird klar, wozu diese Schwerter gebraucht werden: zum Kampf für die Freiheit (V. 9, V. 25 ff.), zum Kampf gegen „Tyrannen und Philister“ (V. 40). Dieser Freiheitskampf ist der große Zweck, der das Mittel: aus Kreuzen Schwerter schmieden, heiligt – das besagt der dreifache Aufruf.

Es spricht ein im Text Ungenannter, der leicht als das Sprachrohr des Dichters Herwegh zu erkennen ist. Abschätzig nennt man solche Dichtung „Tendenzliteratur“: „Dichtungen mit propagandistischer Absicht, die eine eindeutige politische Richtung, Ideologie oder Moral erkennen lassen. Die Bezeichnung geht zurück auf die Zeit des Jungen Deutschland und des Vormärz, als man eine leidenschaftlich vertretene politische oder weltanschauliche Orientierung eine ‚Tendenz‘ nannte.“ (Wikipedia, 6/2020) Positiv kann man von politisch engagierter Literatur sprechen. Angesprochen sind die Deutschen („Eure Tannen“, V. 7, und direkt „Deutsche“, V. 13).

Mit diesem Aufruf ist eine Reihe von Forderungen verbunden, aber auch mehrere Prognosen: Der Sprecher blickt ausschließlich in die Zukunft und lässt die Vergangenheit, zu der auch die Kreuze gehörten, hinter sich.

Es schließt sich ein zweiter Aufruf (Imperativ) an: Die Deutschen sollen nicht Verse, sondern das Eisen schmieden (V. 4 f.); die Deutschen, sonst Dichter und Denker („Verseschweißen“, V. 4, ein Bild aus der Erzverarbeitung, in der Nähe der Schwertproduktion), sollen Freiheitskämpfer werden – das sei derzeit die höchste Forderung an jeden, sei die neue Religion. Das wird in den drei Schlussversen der genannten Strophen 1, 4, 7 bekräftigt: „Heiland soll das Eisen sein“ / Gott spricht „wohl den Segen drein“ / „Und wir wollen Priester sein“: Hier wird der alte Gott des Kreuzes dafür in Anspruch genommen, den Kampf und die Kämpfer (= „Priester“) für die neue Göttin der Freiheit zu segnen. Es ist beinahe unmöglich, hier nicht an Delacroix‘ Bild „Die Freiheit führt das Volk“ von 1830 zu denken.

Der Aufrufende spricht kraftvoll in Trochäen, er schließt seine Forderungen mit Rufzeichen (V. 1, V. 5). Die Verse bestehen aus vier Metren, der jeweils dritte und sechste Vers sind um eine Silbe verkürzt (weibliche Kadenz), was – verbunden mit einem Satzende (mindestens Semikolon) zu einem kurzen Innehalten im Sprechen führt. Die Verse 1/2 und 4/5 bilden semantisch sinnvolle Paarreime: Kreuze aus der Erden / sollen Schwerter werden (ein Vorgang); Verseschweißen [Neologismus, statt Verseschmieden] / schmieden das Eisen (zwei konträre Schmiedevorgänge). Auch die verkürzten Verse 3/6 reimen sich: Gott wird‘s verzeih‘n / Heiland soll das Eisen sein (alte und neue Religion im Bunde); die Verse 3 und 6 schmieden also die Doppelverse 1/2 und 4/5 zu einer Einheit zusammen, auch wenn alle Verse in sich geschlossene Sätze sind.

In den beiden nächsten Strophen geht es primär um das Thema: Wie sieht die nächste Zukunft aus? Die Antwort lautet: düster. Doch zunächst wird enthüllt, worum es im bevorstehenden Kampf geht: um die Freiheit (2. Str.). Der Sprecher lanciert das Thema geschickt, indem er die Tannen und Eichen metaphorisch als „die grünen Fragezeichen / Deutscher Freiheit“ (V. 8 f.) einführt und fragt, ob man deren Frage [etwa: Wie steht es um die deutsche Freiheit?] wahrgenommen habe, wobei seine Zuhörer erstmals mit dem Pronomen „ihr“ angesprochen werden. Die Tanne als immergrüner Baum ist nicht nur Weihnachtsbaum, sondern auch Symbol für ewiges Leben und Auferstehung und verweist als solche schon auf V.10-12 vor, während die Eiche mit ihrem harten Holz einmal Lebensbaum, seit dem 18. Jahrhundert auch typisch deutscher Wappenbaum bzw. Nationalbaum ist. So können beide Bäume „Fragezeichen deutscher Freiheit“ sein, wie in V. 10-12 erläutert wird – in Form einer Willenserklärung (V. 10) und einer Prognose (V. 11 f.). Dabei sind die drei Stationen: (beinahe) Tod / Höllenfahrt / Auferstehung dem im Christentum geglaubten Erlösungsweg Jesu Christi nachgebildet, womit indirekt die Hoffnung auf das Wiedererstehen der Freiheit begründet ist. Im Vordergrund der Prognose steht jedoch die angekündigte Höllenfahrt. – Die Reime sind wieder sinnvoll: V. 7/8 Identifizierung der genannten Bäume, V. 10/11 Stationen des Erlösungsweges (bzw. wenn man die Negation in V. 10 mit hinzunimmt: Gleichheit der beiden Zustände).

Wieso „uns“ (erstmals Hörer und Sprecher zusammengeschlossen) eine Höllenfahrt bevorsteht (Prognose), wird im Anschluss an die Aufforderung in V. 13 erläutert: Mit den Attributen „ehern“ und „Erz“ (V. 14 f.) wird im Anschluss an das Eisenschmieden (1. Str.) die Härte der bevorstehenden Kämpfe angedeutet und in der Auslegung der Farben Schwarz-Rot-Gold, die seit 1815 die erhoffte deutsche Einheit symbolisierten, entfaltet (V. 16-18): Schwarz steht für den drohenden Tod, Gold ist „ein Abendgold nur“, also ein bald verschwindendes Gold, und Rot steht für das blutende Herz – wobei offen bleibt, warum das Herz blutet, aus Leiden an der Unfreiheit oder im Kampf getroffen. Das Rufzeichen hinter V. 18 bekräftigt die entschiedene Prognose. – Wer die Seher sind (V. 13), wird nicht gesagt; ich halte es für wahrscheinlich, dass der Sprecher sich selbst zu diesen Sehern zählt. Die Reime schmieden die Aussagen über die Ankündigung der Seher (13/14) und die tödlichen Gefahren (V. 16/17) zusammen.

Es folgt eine Wiederholung der ersten drei Verse (V. 19-21), wobei diesmal die Voraussage über des alten Gottes Handeln erweitert wird: Er wird nicht nur das Ausreißen verzeihen (V. 21), sondern das Tun der Kämpfer auch segnen (V. 24); die Begründung dieser Hoffnung steht in V. 22 f.: Wenn er „sein heilig Eisen“ (= unsere aus den Kreuzen geschmiedeten Schwerter) sausen hört, erkennt er das Recht der Kämpfer, denen er deshalb seinen Segen nicht verweigern kann. In V. 22/23 wird im Reim die Einheit des Schmiedens und der Kämpfer hergestellt; die Verse 21/24 bezeichnen auch im Reim die Einheit des göttlichen Handelns („verzeih‘n / Segen drein“).

Den zweiten Zwischenraum zwischen den Aufforderungen, die Kreuze auszureißen (4. und 7. Strophe), füllt der Sprecher mit einer ganzen Reihe von Forderungen, die entweder im Konjunktiv I (Wunsch, 5. Str. und V. 31 f.) oder im Imperativ „lass“ (V. 35) formuliert sind. Der Tenor dieser Forderungen ist: Das ganze normale Leben muss vor dem Sieg im Freiheitskampf (V. 32 f.) eingestellt werden, weil es in diesem Kampf um alles geht. Die Fahnen schwingende Freiheit (V. 32 f.) und der fluchende deutsche Rhein (V. 36) werden als Personen eingeführt; was mit den freien Bogen gemeint ist, bleibt offen – ich vermute, dass es parallel zu V. 35 f. die großen Windungen des mäandrierenden Flusses sind.

In den Versen 28/29 und 31/32 kann man wegen der Enjambements keine sinnvollen Reime erwarten; in 25/26 sind Entsagungen des Kampfes, in 34/35 Bewegungen des Rheins im Reim aneinander gebunden – 34/35 nur die betreffenden Wörter, keine ganzen Aussagen (Enjambements); ähnliche Zusammenhänge kann man in 27/30 und in 33/36 entdecken. Dass der Rhein im Kampf mit den Franzosen seit den Eroberungskriegen Napoleons als „freier deutscher Rhein“ gefeiert und gefordert wird, sei nur am Rand erwähnt: „Die Wacht am Rhein“ von Max Schneckenburger sei genannt, aber auch Herweghs relativierende Antwort „Protest“ (1841): „Und singt die Welt: Der freie Rhein! / So singet: Ach! Ihr Herren, nein! / Der Rhein, der Rhein könnt‘ freier sein, / Wir müssen protestieren.“ Auch der seit 1800 aufkommenden Rheinromantik kann man nachspüren, um zu verstehen, dass der Rhein in die im Kampf notwendige Einschränkung des Lebens einbezogen wird.

Nach der zweiten Wiederholung der ersten drei Verse (V. 37-39) werden erstmals die Gegner im Freiheitskampf benannt: Tyrannen und Philister, bzw. es wird zum Kampf gegen sie aufgerufen (Rufzeichen, V. 40). Tyrannen sind alle, die die Freiheit unterdrücken: die Pressefreiheit, die Meinungsfreiheit, die Vereinigung von Studenten, die kritischen Professoren (Karlsbader Beschlüsse 1819). Philister sind in der Sprache der Studenten die Spießer, die nicht über den Tellerrand ihres Lebens im Städtchen hinausblicken – Herwegh war Jahrgang 1817 und hatte nach kurzem Studium sich auch als Dichter dem politischen Kampf verschrieben.

Zum Schluss wird noch einmal die religiöse Metaphorik des Freiheitskampfes ausgeweitet: „Auch das Schwert hat seine Priester“ (V. 41), nämlich uns Kämpfer (V. 42) – damit werden die zum Kampf Aufgeforderten ins große WIR

eingebunden, sie erhalten eine Weihe und Auszeichnung. Rhetorisch geschickt ruft der Sprecher: „Wir wollen…“ – können sich die Aufgerufenen da noch dem Kampf versagen? „Philister/Priester“ (V. 41 f.) bezeichnet einen Gegensatz, während 39/42 im Reim den verzeihenden Gott und seine Priester zusammenschließt.

Es gibt eine anonyme Replik zu Herweghs Gedicht (Reaction und Adel. Eine Mahnung. Nebst einem Anhange aus dem Tagebuche eines Royalisten, Berlin 1843, S. 24)

An Georg Herwegh“

Reißt die Kreuze aus der Erden! –“

Ward durch deutsche Lieder kund,

Schwerter sollen alle werden

Flammend durch der Erde Rund.

Reißt die Kreuze aus der Erden! –“

Sang ein deutscher Dichtermund, —

Soll‘n wir alle Heiden werden?

Soll‘n zerreißen Christi Bund?

 

Dichter, der du so gesungen,

Hast du niemals Ihn geschaut,

Der von Liebe nur durchdrungen

Mild die Kirche uns erbaut?

Ward in Nächten Schmerz durchrungen

Nie die Seele dir bethaut,

Durch den Trost, der einst erklungen

Von dem Kreuze hell und laut?

 

Freiheit mußt vom Kreuz du flehen.

Freiheit ist am Kreuz allein,

Nur am Kreuze kann entstehen

Freiheit wahrhaft hell und rein,

Dichter laß die Kreuze stehen,

Steck die Schwerter ruhig ein,

Willst zum Freiheitskampf du gehen,

Laß das Kreuz die Waffe sein!

Hier ahnt man, was das Bündnis von Thron und Altar bedeutet.

https://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/350470_0237_Herwegh_Aufruf.pdf (Text)

http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/herwegh_gedichte01_1841?p=59 (Text, Original)

https://lyrik.antikoerperchen.de/georg-herwegh-aufruf,textbearbeitung,131.html (schülerhafte Analyse, hilflos)

https://www.youtube.com/watch?v=gGfsvZQgXcg (Stefan Höning singt)

https://www.youtube.com/watch?v=lv8KwGqf2vI (Die Liederarchäologen: Georg Herwegh – Geschichte in Liedern)

Georg Herwegh

https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Herwegh

https://gedichte.xbib.de/gedicht_Herwegh.htm

https://austria-forum.org/af/Wissenssammlungen/Essays/Literatur/Georg_Herwegh

https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/127236126

http://oberrhein-projekte.de/poet-mit-dem-flammenwort/

https://www.swr.de/swr1/importe/migration/redaktion/download-swr-2752.pdf (Emma Herwegh)

Vormärz

https://www.geschichte-abitur.de/restauration-und-vormarz/vormarz

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch/artikel/vormaerz-und-junges-deutschland

https://praxistipps.focus.de/vormaerz-die-epoche-einfach-erklaert_112306

https://www.inhaltsangabe.de/wissen/literaturepochen/vormaerz/

Sonstiges

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Freiheit_f%C3%BChrt_das_Volk (Delacroix)

https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarz-Rot-Gold (Schwarz-Rot-Gold)

https://de.wikipedia.org/wiki/Rheinromantik (Rheinromantik)

https://de.wikipedia.org/wiki/Karlsbader_Beschl%C3%BCsse (Karlsbader Beschlüsse)

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/deutscher-bund/karlsbader-beschluesse-1819.html (dito)

H. C. Andersen: Suppe aus einem Wurstspeiler – Text und Analyse

Andersen: Suppe aus einem Wurstspeiler (= von einem Wurstspeiler)

* Ein Wurstspeiler ist ein kleiner Holzspieß, mit dem man eine gerollte Wurst zusammenhält.

1) Suppe aus einem Wurstspeiler

»Das war gestern ein ausgezeichnetes Mittagessen!« sagte eine alte Mäusefrau zu einer, die nicht bei dem Schmaus gewesen war. »Ich saß einundzwanzig Plätze von dem alten Mäusekönig entfernt; das ist doch gar nicht schlecht! Wenn ich Ihnen nun etwas über die Gänge sagen soll, so waren sie sehr gut zusammengestellt: Schimmeliges Brot, Speckschwarte, Talglicht und Wurst – und dann dasselbe wieder von vorn; das war so gut, als hätten wir zwei Mahlzeiten bekommen. Es war eine behagliche Stimmung und gemütliches Durcheinander wie in einem Familienkreis; nichts ist übrig geblieben außer den Wurstspeilern. Darüber wurde natürlich gesprochen und auch davon, wie man Suppe aus einem Wurstspeiler kochen könnte; gehört hatte ja schon jeder davon, aber keiner hatte die Suppe gekostet, geschweige denn verstanden, sie zu kochen. Es wurde ein reizender Toast auf den Erfinder der Suppe ausgebracht, er verdiene, Armenhausvorsteher zu werden! War das nicht witzig? Und der alte Mäusekönig erhob sich und gelobte, dass diejenige von den jungen Mäusen, welche die erwähnte Suppe am leckersten kochen könnte, seine Königin werden sollte; Jahr und Tag sollten sie Bedenkzeit haben.«

»Das ist gar nicht so übel!« sagte die andere Maus, »aber wie kocht man die Suppe?« »Ja, wie kocht man sie?« Das fragten auch die andern Mäusedamen, junge und alte. Alle wollten sie gern Königin sein, aber keine wollte sich die Mühe machen, in die weite Welt hinauszugehen, um es zu lernen; doch das würde wohl notwendig werden. Aber es ist auch nicht jedem gegeben, die Familie und die alten Ecken und Winkel zu verlassen; nicht alle Tage kommt man draußen an Käserinde und den Geruch von Speckschwarten, nein, man muss manchmal Hunger leiden; vielleicht wird man sogar lebendigen Leibes von einer Katze gefressen!

Solche Gedanken waren es wohl auch, welche die meisten abschreckten, auf Erkundung auszuziehen. Es stellten sich nur vier Mäuse zur Abreise ein, jung und flink, aber arm; sie wollten jede bis an eines der vier Enden der Welt gehen, und nun kam es darauf an, wem das Glück zur Seite stände. Jede von ihnen nahm einen Wurstspeiler mit, um nicht zu vergessen, weshalb sie verreiste; er sollte ihr Wanderstab sein.

Anfang Mai zogen sie fort, und erst im Mai des folgenden Jahres kamen sie zurück, jedoch nur drei von ihnen; die vierte meldete sich nicht und ließ auch gar nichts von sich hören. Und nun war der Tag der Entscheidung da.

»Mit jedem Vergnügen ist doch immer ein Kummer verbunden«, sagte der Mäusekönig; aber er gab doch den Befehl, alle Mäuse viele Meilen im Umkreis einzuladen, sie sollten sich in der Küche versammeln. Die drei Reisemäuse standen in einer Reihe für sich; für die vierte, die fehlte, war ein Wurstspeiler mit schwarzem Trauerflor aufgestellt. Niemand wagte, etwas zu sagen, bevor nicht die drei gesprochen und der Mäusekönig bestimmt hatte, was weiter geschehen sollte.

Nun werden wir es hören.  

2) Was die erste kleine Maus auf der Reise gesehen und gelernt hatte

»Als ich in die weite Welt hinauszog«, sagte die kleine Maus, »glaubte ich wie so viele in meinem Alter, ich hätte schon alle Weisheit der Welt gefressen. Ich fuhr sogleich zur See, und zwar mit einem Schiff, das nach Norden sollte. Ich hatte gehört, dass ein Schiffskoch sich auf dem Meer zu helfen wissen müsse; aber es ist leicht, sich zu helfen, wenn man Speckseiten, Tonnen voll Pökelfleisch und schimmeliges Mehl hat; man lebt ausgezeichnet, aber man lernt dabei nicht, wie man eine Suppe aus einem Wurstspeiler kochen kann. Wir segelten viele Nächte und Tage, das Schiff schlingerte und wir wurden tüchtig nass. Als wir an Ort und Stelle ankamen, verließ ich das Schiff; es war hoch oben im Norden.

Es ist schon seltsam, aus seinem heimatlichen Winkel herauszukommen und mit einem Schiff zu fahren, das aber auch eine Art Winkel ist, und dann plötzlich über hundert Meilen entfernt zu sein und in einem fremden Land zu stehen. Dort gab es unwegsame Wälder mit Tannen und Birken, die stark dufteten. Ich habe das gar nicht gern! Die wilden Kräuter rochen so würzig, ich musste niesen und an Wurst denken. Dort waren große Waldseen; das Wasser sah in der Nähe ganz klar aus, aber aus der Ferne wie schwarze Tinte. Weiße Schwäne schwammen dort, ich hielt sie für Schaum, so still lagen sie; aber ich sah sie fliegen und ich sah sie gehen, da erkannte ich sie. Sie gehören zum Geschlecht der Gänse, das sieht man schon am Gang; niemand kann seine Herkunft verleugnen! Ich hielt mich an meine Art, ich schloss mich den Wald- und Feldmäusen an, die übrigens sehr wenig wissen, besonders was die Bewirtung angeht; und das war es doch gerade, weshalb ich ins Ausland gereist war. Der Idee, Suppe aus einem Wurstspeiler zu kochen, war für sie ein so außerordentlicher Gedanke, dass er sofort durch den ganzen Wald ging; aber die Aufgabe zu lösen, das hielten sie für ein Ding der Unmöglichkeit. Damals dachte ich überhaupt nicht daran, dass ich dort und noch in derselben Nacht in die Zubereitung eingeweiht werden sollte. Es war Mittsommer, darum dufte der Wald so stark, sagten sie; darum seien die Kräuter so würzig, die Seen so klar und doch so dunkel mit den weißen Schwänen auf dem Wasser. Am Saum des Waldes, zwischen drei, vier Häusern, war eine Stange errichtet, so hoch wie der Großmast eines Schiffes; ganz oben hingen Kränze und Bänder, es war ein Maibaum. Knechte und Mägde tanzten rundherum und sangen dazu mit der Fiedel des Spielmannes um die Wette. Es ging lustig her bei Sonnenuntergang und im Mondenschein, aber ich nahm nicht teil; was soll eine kleine Maus auf dem Ball im Wald! Ich saß im weichen Moos und hielt meinen Wurstspeiler fest. Der Mond schien besonders auf eine Stelle, wo ein Baum mit einem so feinen Moos stand, ja, ich darf wohl sagen, so fein wie das Fell des Mäusekönigs, aber es war grün – eine Wohltat für die Augen. Da kamen auf einmal die lieblichsten kleinen Leute aufmarschiert, nicht größer, als dass sie mir bis ans Knie reichten; sie sahen aus wie Menschen, aber sie waren besser proportioniert. Sie nannten sich Elfen und hatten feine Kleider aus Blütenblättern mit Fliegen- und Mückenflügelbesatz, gar nicht übel. Es kam mir so vor, als ob sie etwas suchten, ich wusste jedoch nicht was; dann kamen einige auf mich zu, der Vornehmste zeigte auf meinen Wurstspeiler und sagte: ›Das ist gerade so einer, wie wir ihn brauchen! Der ist zugespitzt, der ist ausgezeichnet!‹ Und je länger er meinen Wanderstab betrachtete, desto entzückter wurde er.

Nur leihen, aber nicht behalten! ‹ sagte ich. Nicht behalten‹, sagten sie alle, fassten den Wurstspeiler, den ich losließ, und tanzten mit ihm zu der Stelle mit dem feinen Moos, wo sie den Wurstspeiler mitten im Grünen aufrichteten. Sie wollten auch einen Maibaum haben, und der, den sie nun hatten, war ja auch wie dafür geschaffen. Nun wurde er geschmückt – ja, da bekam er erst ein Aussehen!

Kleine Spinnen spannen Golddraht darüber, behängten ihn mit wehenden Schleiern und Fahnen, so fein gewebt, so schneeweiß im Mondenschein gebleicht, dass es mir die Augen blendete. Sie nahmen Farben von den Flügeln des Schmetterlings und streuten diese über das weiße Leinen, da erschienen Blumen und Diamanten darauf; ich erkannte meinen Wurstspeiler nicht wieder. Ein solcher Maibaum findet gewiss nicht seinesgleichen auf der ganzen Welt! Und nun erst kam die richtige große Elfengesellschaft, ganz ohne Kleider, feiner konnte es nicht sein; mich lud man ein, das Fest mit anzusehen, aber aus einiger Entfernung, denn ich war ihnen zu groß.

Nun begann das Musizieren. Es war, als klängen Tausende von Glasglocken, so voll und stark, dass ich glaubte, es wären Schwäne, die sängen. Ja, es schien mir, als könnte ich auch den Kuckuck und die Drossel hören; es war zuletzt, als klänge der ganze Wald, da waren Kinderstimmen, Glockenklang und Vogelsang, die lieblichsten Melodien. Und all die Herrlichkeit erklang aus dem Maibaum der Elfen, der war ein ganzes Glockenspiel und war doch nur mein Wurstspeiler. Dass so viel aus ihm herauskommen könnte, hätte ich nie geglaubt; aber es kommt wohl immer darauf an, in welche Hände man gerät. Ich war wirklich sehr gerührt; ich weinte, wie nur ein Mäuschen weinen kann, vor lauter Freude.

Die Nacht war allzu kurz, aber sie ist nun einmal dort oben um diese Zeit nicht länger. In der Morgendämmerung wehte ein Lüftchen, der Wasserspiegel des Waldsees kräuselte sich, all die feinen schwebenden Schleier und Fahnen flogen in der Luft davon; die schaukelnden Lauben aus Spinnwebe, die Hängebrücken und Balustraden oder wie sie nun heißen, die von Blatt zu Blatt gespannt waren, flogen davon wie nichts. Sechs Elfen brachten mir meinen Wurstspeiler wieder und fragten, ob ich irgendeinen Wunsch hätte, den sie mir erfüllen könnten; da bat ich sie, mir zu sagen, wie man Suppe aus einem Wurstspeiler kocht.

Wie wir es machen‹, sagte der Vornehmste und lachte, ›das hast du doch soeben gesehen! Du kanntest deinen Wurstspeiler ja kaum wieder!‹ So meinen Sie es also‹, sagte ich und erzählte geradeheraus, warum ich auf Reisen sei und was man sich zu Hause davon verspreche. ›Welchen Nutzen‹, fragte ich, ›haben der Mäusekönig und unser ganzes mächtiges Reich davon, dass ich diese Herrlichkeit gesehen habe? Ich kann sie nicht aus dem Wurstspeiler schütteln und sagen: Seht, hier ist der Wurstspeiler, und nun kommt die Suppe! Das wäre doch höchstens eine Art Nachtisch – wenn man schon satt ist!‹

Da tauchte der Elf seinen kleinen Finger in den Kelch eines blauen Veilchens und sagte zu mir: ›Gib acht! Ich bestreiche deinen Wanderstab, und wenn du nach Hause zum Schloss des Mäusekönigs kommst, dann berühre mit dem Stab die warme Brust deines Königs und es werden Veilchen sprießen und den ganzen Stab bedecken, selbst zur kältesten Winterzeit. Sieh, dann hast du doch etwas nach Hause gebracht, und nun bekommst du noch ein bisschen dazu.‹« Aber bevor die kleine Maus sagte, was dieses bisschen sei, richtete sie ihren Stab auf die Brust des Königs, und wirklich, da spross der herrlichste Blumenstrauß hervor, der überaus stark duftete. Deshalb befahl der Mäusekönig, die Mäuse, welche dem Schornstein am nächsten standen, sollten sofort ihre Schwänze ins Feuer stecken, damit es etwas verbrannt rieche; denn der Veilchenduft sei nicht auszuhalten, das sei kein Geruch, den man schätze.

»Aber was war das Bisschen, von dem du eben sprachst?« fragte der Mäusekönig. »Ja«, sagte die kleine Maus, »das ist das, was man wohl den Knalleffekt nennt!« Und darauf kehrte sie den Wurstspeiler um; keine Blume war mehr da, sie hielt nur den nackten Speiler, und diesen hob sie wie einen Taktstock.

»Veilchen, sagte mir der Elf, sind für die Augen, für den Geruch und das Gefühl; aber es bleibt noch übrig, für das Gehör und den Geschmack zu sorgen!« Nun schlug sie den Takt; das war eine Musik, nicht wie sie im Wald beim Fest der Elfen erklang, nein, wie sie in der Küche zu hören ist. Na, das war ein Durcheinander! Es kam plötzlich, gerade als ob der Wind durch alle Schornsteine brauste; Kessel und Töpfe kochten über, der Feuerhaken donnerte gegen den Messingkessel, und dann wurde es auf einmal still. Man hörte den gedämpften Gesang des Teekessels, so wunderlich, dass man gar nicht wusste, ob er zu summen aufhörte oder begann; der kleine Topf kochte und der große Topf kochte, einer kümmerte sich nicht um den andern, es war, als habe jeder Topf seine Gedanken nicht beisammen. Und die kleine Maus schwang ihren Taktstock immer wilder – die Töpfe schäumten, brodelten, kochten über, der Wind sauste, der Schornstein pfiff – huha! Es wurde so entsetzlich, dass die kleine Maus selbst den Stock verlor.

»Das ist keine einfache Suppe!« sagte der Mäusekönig, »wird sie nun angerichtet?« »Das war das Ganze!« sagte die kleine Maus und verneigte sich. »Das Ganze! Ja, dann lasst uns hören, was die nächste zu berichten hat!« sagte der König.

3) Was die zweite kleine Maus zu erzählen wusste

»Ich bin in der Schlossbibliothek geboren«, sagte die zweite Maus, »ich und mehrere aus meiner Familie haben nie das Glück gekannt, in ein Speisezimmer, geschweige denn in die Speisekammer zu kommen; erst auf meiner Reise habe ich heute hier zum ersten Mal eine Küche gesehen. Wir haben wirklich oft Hunger in der Bibliothek gelitten, aber uns dafür viele Kenntnisse erworben. Auch zu uns drang das Gerücht von dem königlichen Preis, der dafür ausgesetzt war, Suppe aus einem Wurstspeiler zu kochen; da war es meine alte Großmutter, die ein Manuskript hervorsuchte, das sie zwar nicht lesen konnte, das sie aber hatte vorlesen hören, und darin stand: ›Ist man ein Dichter, so kann man Suppe aus einem Wurstspeiler kochen.‹ Sie fragte mich, ob ich ein Dichter sei. Ich fühlte mich in dieser Hinsicht unschuldig, und sie sagte, dann müsse ich sehen, dass ich einer würde. Was dazu erforderlich sei, fragte ich, denn es war für mich ebenso schwierig, das herauszufinden wie die Suppe zu kochen; doch Großmutter war bestens informiert. Sie sagte, es seien hauptsächlich drei Dinge erforderlich: ›Verstand, Phantasie und Gefühl, kannst du dir diese aneignen, so wirst du ein Dichter, und dann kommst du wohl auch mit dem Wurstspeiler zurecht!‹ Und dann ging ich nach Westen, in die weite Welt hinaus, um Dichter zu werden.

Verstand ist bei jedem Ding das Wichtigste, das wusste ich; die beiden anderen Teile werden nicht in gleicher Weise geschätzt. Ich suchte also zuerst den Verstand. Ja, wo wohnte der wohl? ›Gehe zur Ameise und werde weise!‹ hat ein großer König im Judenland gesagt, das wusste ich aus der Bibliothek; so machte ich keine Rast, bis ich zu einem großen Ameisenhaufen kam. Dort legte ich mich auf die Lauer, um weise zu werden.

Die Ameisen sind ein sehr respektables Volk, sie leben mit Verstand. Alles ist bei ihnen wie ein großes Rechenexempel, das aufgeht. Arbeiten und Eierlegen, sagen sie, heißt in der Zeit leben und für die Nachwelt sorgen, und das tun sie denn auch. Sie teilen sich in die sauberen und die schmutzigen Ameisen auf; der Rang besteht in einer Nummer, die Ameisenkönigin ist Nummer eins, und ihre Ansicht ist die einzig richtige; sie hat alle Weisheit geschluckt, und das zu wissen war für mich von Bedeutung! Sie sagte vieles, das war so klug, dass es mir dumm vorkam. Sie sagte, ihr Ameisenhaufen sei das Höchste in dieser Welt; aber dicht bei dem Haufen stand ein Baum, der höher, viel höher war, das ließ sich nicht leugnen, und so sprach man nicht davon. Eines Abends hatte sich eine Ameise dorthin verirrt, war den Stamm hinaufgekrochen, nicht einmal bis zur Krone, aber doch höher, als vorher irgendeine Ameise gekommen war. Als sie umkehrte und wieder nach Hause kam, erzählte sie im Haufen von etwas viel Höherem draußen; aber das empfanden die Ameisen als Beleidigung ihrer Gesellschaft, und die Ameise wurde deshalb zu Maulkorb und immerwährender Einsamkeit verurteilt. Doch kam kurze Zeit darauf eine andere Ameise zu dem Baum; sie nahm denselben Weg und machte die gleiche Entdeckung, sprach aber, wie man sagte, nur vorsichtig und in unklaren Ausdrücken davon. Da sie außerdem eine geachtete Ameise und eine der sauberen war, so glaubte man ihr, und als sie starb, setzte man ihr eine Eierschale als Denkmal; denn bei ihnen werden die Wissenschaften geachtet. Ich sah«, sagte die kleine Maus, »dass die Ameisen unaufhörlich mit ihren Eiern auf dem Rücken umherliefen. Eine von ihnen verlor das ihrige, sie gab sich große Mühe, es wieder aufzuheben, aber es wollte ihr nicht gelingen; da kamen zwei andere hinzu und halfen ihr aus Leibeskräften, so dass sie beinahe ihre eigenen Eier dabei verloren hätten. Da ließen sie es augenblicklich wieder sein, denn jeder ist sich selbst der Nächste; und die Ameisenkönigin äußerte darüber, hier sei Herz und Verstand gezeigt worden. ›Diese beiden Eigenschaften stellen uns Ameisen auf die höchste Stufe unter den Vernunftwesen. Der Verstand soll und muss jedoch den Vorrang haben, und ich habe den größten!‹ Dabei erhob sie sich auf ihre hintersten Beine; so war sie zu erkennen – ich konnte gar nicht fehlgehen – und verschluckte sie. Gehe zur Ameise und werde weise! Nun hatte ich die Königin.

Ich ging nun näher an den erwähnten großen Baum heran; es war eine Eiche, sie hatte einen hohen Stamm und eine mächtige Krone und war sehr alt. Ich wusste, hier wohnte ein lebendiges Geschöpf, eine Frau; Dryade wird sie genannt. Sie wird mit dem Baum geboren und stirbt auch mit ihm; ich hatte davon in der Bibliothek gehört – nun sah ich einen solchen Baum, sah ein solches Eichenmädchen; es stieß einen entsetzlichen Schrei aus, als es mich so nahe erblickte. Es fürchtete sich wie alle Frauen vor Mäusen, aber es hatte auch mehr Grund dazu als die anderen; denn ich hätte den Baum durchnagen können, und an ihm hing ja sein Leben. Ich sprach es freundlich und herzlich an, flößte ihm Mut ein und es nahm mich in seine feine Hand; als es erfuhr, warum ich in die weite Welt gegangen war, versprach es mir, ich solle vielleicht schon am selben Abend einen der zwei Schätze erhalten, die ich noch suchte. Es erzählte mir, dass Phantasus sein bester Freund sei und dass er so schön wie der Liebesgott sei. Er ruhe manche Stunde hier unter den belaubten Zweigen des Baumes, die dann noch kräftiger über den beiden rauschten. Er nenne sie seine Dryade, sagte sie, und den Baum seinen Baum. Die knorrige, mächtige schöne Eiche sei ganz nach seinem Sinn, die Wurzeln breiteten sich tief und fest in der Erde aus, der Stamm und die Krone höben sich hoch empor in die frische Luft und kännten den vom Sturm gefegten Schnee, die heftigen Winde und den warmen Sonnenschein so gut, wie man sie kennen solle. Ja, so sprach sie: ›Die Vögel singen dort oben und erzählen von fremden Ländern. Und auf dem einzigen dürren Ast hat der Storch sein Nest gebaut, das schmückt schön ihn und man bekommt etwas aus dem Land der Pyramiden zu hören. Das alles kann Phantasus gut leiden; es reicht ihm nicht einmal. Ich selbst muss ihm noch von meinem Leben im Wald erzählen, wo ich noch klein war und der Baum so zart, dass eine Brennnessel ihn verdeckte, bis jetzt, wo er so groß und mächtig geworden ist. Setze dich nun dort unter den grünen Waldmeister und gib gut Acht! Ich werde, wenn Phantasus kommt, schon Gelegenheit finden, ihn am Flügel zu zupfen und ihm eine kleine Feder auszurupfen. Die nimm dann, eine bessere hat kein Dichter bekommen; dann hast du genug.‹

Und Phantasus kam, die Feder wurde ausgerupft und ich nahm sie«, sagte die kleine Maus, » und ich hielt sie ins Wasser, damit sie weich würde. Sie war auch dann noch schwer verdaulich, aber ich habe sie doch aufgeknabbert. Es ist durchaus nicht leicht, sich zum Dichter durchzubeißen; es gibt so vieles, was man in sich aufnehmen muss. Nun hatte ich bereits zwei Dinge, Verstand und Phantasie; dadurch wusste ich nun, dass das dritte Ding in der Bibliothek zu finden sei. Ein großer Mann hat nämlich gesagt und aufgeschrieben, dass es Romane gibt, die allein dazu da sind, die Menschen von den überflüssigen Tränen zu befreien; sie seien so eine Art Schwamm, um die Gefühle aufzusaugen. Ich erinnerte mich an einige dieser Bücher, die mir immer ganz appetitlich ausgesehen hatten; sie waren so zerlesen, so fettig, sie müssen ganze Gefühlsströme in sich aufgesogen haben.

Ich ging heim in die Bibliothek, fraß gleich so gut wie einen ganzen Roman, das heißt das Weiche, das Eigentliche; die Kruste dagegen, den Einband ließ ich liegen. Als ich ihn verdaut hatte und noch einen dazu, spürte ich schon, wie es sich in meinem Innern regte. Ich fraß noch ein wenig von einem dritten, und dann war ich ein Dichter; das sagte ich mir selbst und sagte es auch den andern. Ich hatte Kopf- und Leibschmerzen – ich weiß nicht mehr, was ich alles für Schmerzen hatte; ich dachte nur darüber nach, welche Geschichten wohl in Verbindung mit einem Wurstspeiler gebracht werden könnten. Sehr viele Speiler und andere Hölzchen kamen mir in den Sinn – die Ameisenkönigin hatte einen außergewöhnlichen Verstand gehabt. Ich erinnerte mich an den Mann, der ein weißes Hölzchen in den Mund nahm und dann mitsamt dem Hölzchen unsichtbar wurde. Ich dachte an die Redewendung ›vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen‹, an ›den Stab über einen brechen‹ und andere Sprüche. Alle meine Gedanken gingen in Speilern und Hölzchen auf. Und davon müsste man auch ein Gedicht machen können, wenn man ein Dichter ist, und das bin ich; ich habe keine Mühe gescheut, bis ich es endlich geworden bin. Ich werde somit an jedem Tag der Woche mit einem Speiler, einer Geschichte aufwarten können – ja, das ist meine Suppe!«

»Lasst uns nun die dritte Maus hören!« sagte der Mäusekönig.

»Piep, piep!« sagte es in der Küchentür, und eine kleine Maus, es war die vierte von ihnen, die totgeglaubte, schoss herein und rannte den Wurstspeiler mit dem Trauerflor um. Sie war Tag und Nacht gelaufen, war auf der Eisenbahn mit einem Güterzug gefahren, wozu sie zufällig Gelegenheit gefunden hatte, und doch wäre sie fast zu spät gekommen. Sie drängte sich vor, sah zerzaust aus, hatte ihren Wurstspeiler verloren, aber nicht die Sprache. Sie ergriff sofort das Wort, als wenn man nur auf sie gewartet hätte, nur sie anhören wollte. Das geschah so plötzlich und unerwartet, dass niemand Zeit fand, sich über ihren Vorwitz groß aufzuregen, bevor sie mit ihrer Rede fertig war. Nun, wir wollen hören!

4) Was die vierte Maus, bevor die dritte gesprochen hatte, zu erzählen wusste

»Ich ging sogleich in die Großstadt«, sagte sie »der Name ist mir entfallen, ich habe ein schlechtes Namengedächtnis. Von der Eisenbahn kam ich mit konfiszierten Gütern aufs Rathaus, und dort lief ich zum Kerkermeister; er erzählte von seinen Gefangenen, besonders von einem, der unbesonnenes Zeug gesprochen hatte, und darüber war wieder gesprochen und geschrieben worden. »Das Ganze ist Suppe aus einem Wurstspeiler«, sagte er, »aber die Suppe kann ihn den Kopf kosten.« Das flößte mir nun Interesse für den Gefangenen ein«, sagte die kleine Maus; »ich benutzte die Gelegenheit und huschte zu ihm hinein, ein Mauseloch findet sich auch hinter verschlossenen Türen! Er sah blass aus, hatte einen langen Bart und große funkelnde Augen. Die Lampe rußte, die Wände waren schon daran gewöhnt, sie wurden nicht schwärzer. Der Gefangene ritzte Bilder und Verse hinein, Weiß auf Schwarz, ich habe sie nicht gelesen. Ich glaube, er langweilte sich; so war ich ein willkommener Gast. Er lockte mich mit Brotkrümeln, mit leisem Pfeifen und sanften Worten; er freute sich so über mich – ich fasste Vertrauen zu ihm und wir wurden Freunde. Er teilte Brot und Wasser mit mir, er gab mir Käse und Wurst. Ich lebte flott; aber es war doch, muss ich sagen, hauptsächlich sein guter Umgang, der mich fesselte. Er ließ mich auf seiner Hand und auf seinem Arm laufen, den ganzen Ärmel hinauf; er ließ mich in seinen Bart kriechen und nannte mich seinen kleinen Freund. Ich gewann ihn richtig lieb – so etwas ist eben gegenseitig. Ich vergaß meinen Auftrag in der weiten Welt, vergaß auch meinen Wurstspeiler in einer Ritze im Fußboden, dort liegt er noch. Ich wollte bleiben, wo ich war; wenn ich fortging, hatte der arme Gefangene ja keinen mehr, und das ist zu wenig in dieser Welt! Ich blieb also, aber er blieb nicht. Das letzte Mal sprach er ganz traurig zu mir, gab mir doppelt so viel Brot und Käserinde wie sonst und warf mir noch eine Kusshand zu; er ging und kam nie wieder. Ich kenne seine Geschichte nicht.

»Suppe aus einem Wurstspeiler«, hatte der Kerkermeister gesagt; zu diesem ging ich nun, doch ihm hätte ich nicht trauen sollen. Er nahm mich zwar in seine Hand, aber er steckte mich in einen Käfig, in eine Tretmühle; das ist entsetzlich! Man läuft und läuft und kommt nicht weiter und wird obendrein noch ausgelacht! Die Enkelin des Kerkermeisters war eine allerliebste Kleine, mit goldblonden Locken, fröhlichen Augen und lachendem Mund. »Arme kleine Maus!« sagte sie, guckte in meinen hässlichen Käfig hinein und schob den Riegel zurück – und ich sprang aufs Fensterbrett und in die Dachrinne hinaus. Frei! Frei! Daran allein dachte ich und nicht an das Ziel meiner Reise.

Es war dunkel, es wurde Nacht, ich suchte Obdach in einem alten Turm; dort wohnten ein Wächter und eine Eule. Ich traute keinem von beiden, am wenigsten der Eule; sie gleicht einer Katze und hat den großen Fehler, dass sie Mäuse frisst. Aber man kann sich irren, und das tat ich in diesem Fall; sie war eine respektable, außerordentlich gebildete alte Eule; sie wusste mehr als der Wächter und ebenso viel wie ich. Die Eulenjungen machten von jeder Kleinigkeit viel Aufheben. »Kocht nur keine Suppe aus einem Wurstspeiler!« sagte sie; das war das Härteste, was sie übers Herz bringen konnte – sie liebte ihre Jungen zu innig. Ich fasste ein solches Vertrauen zu ihr, dass ich ihr aus der Spalte, in der ich saß, »piep« zurief; dieses Zutrauen gefiel ihr sehr, und sie versicherte mir, dass ich unter ihrem Schutz stände. Keinem Tier sollte es erlaubt sein, mir Böses anzutun; das wolle sie selbst erst im Winter tun, wenn es schmale Kost gebe.

Sie war in allem ein kluges Tier; sie bewies mir, dass der Wächter ohne das Horn, das lose an seiner Seite hing, nicht tuten könnte. »Er bildet sich entsetzlich viel darauf ein und er glaubt, er sei eine Eule im Turm. Groß hinaus will er, aber winzig ist er! Suppe aus einem Wurstspeiler!« Ich bat sie, mir das Rezept dafür zu geben, und nun erklärte sie es mir: »›Suppe aus einem Wurstspeiler‹ ist nur eine menschliche Redensart und ist auf verschiedene Weise zu verstehen; ein jeder hält sein Verständnis für das richtige, aber das Ganze ist eigentlich nichts«

»Nichts?« fragte ich. Das traf mich. Die Wahrheit ist nicht immer angenehm, aber die Wahrheit geht über alles! Das sagte auch die alte Eule. Ich dachte darüber nach und sah ein: Wenn ich die Wahrheit als das Höchste mitbrächte, dann brächte ich viel mehr als Suppe aus einem Wurstspeiler. Und dann eilte ich fort, damit ich noch zur rechten Zeit nach Hause käme und das Höchste und Beste mitbrächte: die Wahrheit. Die Mäuse sind ein aufgeklärtes Volk, und der Mäusekönig steht über ihnen allen. Er ist imstande, mich um der Wahrheit willen zur Königin zu machen.«

»Deine Wahrheit ist eine Lüge!« sagte die Maus, die noch nicht die Erlaubnis zum Sprechen bekommen hatte. »Ich kann die Suppe kochen, und das werde ich auch tun« 

5) Wie sie gekocht wurde

»Ich bin nicht gereist«, sagte die dritte Maus, »ich bin im Land geblieben, das ist das Richtige! Man braucht nicht zu reisen, man kann hier alles ebenso gut bekommen. Ich bin hier geblieben. Ich habe meine Weisheit nicht von übernatürlichen Wesen gelernt, es mir nicht angefressen oder von Eulen gehört. Ich habe mein Wissen erworben, indem ich selber gedacht habe. Wollt ihr nun den Kessel aufs Feuer setzen und Wasser hineinfüllen! Ganz voll! Noch mehr stochen! Brennen lassen, bis das Wasser kocht – es muss sprudelnd kochen! Nun den Speiler hineinwerfen! – Wollen der Mäusekönig nun geruhen, seinen Schwanz in das kochende Wasser hineinzustecken und umzurühren! Je länger er umrührt, desto kräftiger wird die Suppe; es kostet nichts! Man braucht keine Zutaten – nur umrühren!«

»Kann das nicht ein anderer tun?« fragte der König. »Nein«, sagte die Maus, »die Kraft steckt nur im Schwanz des Mäusekönigs!«

Und das Wasser kochte und sprudelte, der Mäusekönig stellte sich dicht daran, es war beinah gefährlich. Er streckte den Schwanz aus, so wie es die Mäuse in der Milchkammer tun, wenn sie den Rahm aus einem Napf abschöpfen und sich darauf den Schwanz ablecken; aber er bekam den seinigen nur bis in den heißen Dampf hinein, dann sprang er sofort herunter und sagte: »Natürlich wirst du meine Königin! Mit der Suppe wollen wir aber bis zu unserer goldenen Hochzeit warten; dann haben die Armen meines Reiches etwas, worauf sie sich freuen können, und das wird eine große Freude!«

Und dann hielten sie Hochzeit. Aber mehrere Mäuse sagten, als sie nach Hause kamen: »Das konnte man doch nicht Suppe aus einem Wurstspeiler nennen, das ist eher Suppe aus einem Mäuseschwanz!« Dieses und jenes von dem, was erzählt worden war, fanden sie ganz gut; aber das Ganze hätte auch anders sein können: »Ich hätte es so erzählt – oder so – oder so –!«

Das war die Kritik, und die ist immer so klug – hinterher.

Und diese Geschichte ging um die ganze Welt; die Meinungen über sie waren geteilt, aber die Geschichte selbst blieb ganz. Und das ist das Wichtigste, im Großen wie im Kleinen, auch bei der Suppe aus einem Wurstspeiler; man darf nur keinen Dank dafür erwarten.

Die Übersetzung, die meiner Bearbeitung zugrunde liegt, ist die von https://internet-maerchen.de/maerchen/wurstspeiler.htm („Sämmtliche Märchen“, minimal geglättet); ich habe öfter auf http://visitandersen.de/suppe-von-einem-wurstspeiler/ und auch auf „Sämmtliche Märchen“ zurückgegriffen. Analyse: https://norberto42.wordpress.com/2010/11/05/andersen-suppe-von-aus-einem-wurstspeiler-kurze-analyse/