L. Kolakowski: Der Himmelsschlüssel – erneut gelesen

Der Himmelsschlüssel oder Erbauliche Geschichten nach der Heiligen Schrift zur Belehrung und Warnung“ ist 1964 in Polen erschienen; es gehört zu den wenigen Büchern, die ich mehrmals gelesen habe. Wenn es zur Belehrung und Warnung verfasst worden ist, fragt man natürlich: Wovor soll gewarnt werden? Ich hoffe, das ergibt sich aus meiner Darstellung und meinen Kommentaren zum Buch.

Gott oder der Widerspruch zwischen den Motiven und Folgen menschlicher Handlungen

Gott schuf die Welt zu seinem Ruhm. Das steht außer Zweifel und ist übrigens auch ganz begreiflich.“ Dieses Motiv sei nicht ehrenwert, aber das Ergebnis könne sich sehen lassen; ist die Welt doch nicht besonders geglückt, aber sie lässt sich in gewissem Rahmen verbessern. – Mit diesen Überlegungen knüpft Kolakowski an Psalm 19,2 („Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes und das Firmament kündet das Werk seiner Hände.“) und an den Katechismus an: „Gott hat die Welt erschaffen zu seiner Ehre und zum Besten der Geschöpfe.“ (Katholischer Katechismus der Bistümer Deutschlands, 1955) Dem widerspricht die Versammlung der Kölner Kirchenprovinz (1860): „Wenn man nach dem Grund fragt, der Gott veranlaßte, zu schaffen, d.h. nach dem Zweck des Schaffenden, so lautet die Antwort: Nichts, was von ihm unterschieden ist, konnte ihn dazu veranlassen. Da er ja sich selbst genügt, kann er nichts für sich erstreben.“ – Die Frage nach dem Zweck der Schöpfung ist ohnehin sinnlos, weil sie GOTT nach der Struktur menschlichen Handelns denkt.

Das Volk Israel oder die Folgen der Uneigennützigkeit

Gott sagt (im AT), dass er Israel erwählt hat, weil er das Volk liebt. Aber diese Liebe sei, wie die späteren Folgen (Antisemitismus, Verfolgungen) zeigen, von geringem Wert. Moral: „Zählen wir auf Gegenseitigkeit und nicht auf Wohltätigkeit.“ – Das Wort von der Erwählung steht in Dt 7,6 ff. Es gibt gibt Leute, welche den Antisemitismus im Glauben der Juden, ein auserwähltes Volk zu sein, begründet sehen. Dafür sprechen die der genannten Textstelle vorausgehenden Verse Dt 7,1-6, mit ihrer für die Antike atypischen ungebrochenen Intoleranz gegen andere Religionen.

Kain oder die Interpretation des Grundsatzes: Jedem nach seinen Verdiensten

Hier liegt Gen 4,4, zugrunde, worin es heißt: „Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht.“ Es wird also kein Grund angegeben, weshalb Kains Opfer nicht angenommen wird.

Kolakowski „interpretiert“ so: Abels Opfer sei, „vom Standpunkt der Marktpreise aus, ein unvergleichlich kostbareres Geschenk“ gewesen, weshalb er als Moral der Geschichte formuliert: „Rechnen wir lieber damit, daß man uns nach dem Marktpreis bezahlt als nach der Mühe, die wir an unser Werk gewandt haben.“

Noah oder die Versuchungen der Solidarität

Wenn man die Erzählung von der Sintflut (Gen 6,5 ff.) ruhig liest, merkt man leicht, dass darin zwei verschiedene Erzählungen miteinander verbunden sind. In der einen heißt es: „Nur Noach fand Gnade in den Augen des Herrn.“ (Gen 6,8) In der zweiten steht: „Geh in die Arche, du und dein ganzes Haus, denn ich habe gesehen, daß du unter deinen Zeitgenossen vor mir gerecht bist.“ (Gen 7,1)

Kolakowski hält sich an Gen 6,8 und unterstellt Noah, 1. er müsse wohl ein großer Speichellecker gewesen sein, 2. er sei versucht gewesen, in Solidarität mit den anderen Menschen zu sterben, habe sich jedoch zum Verrat an seinen Brüdern und damit zur Rettung der künftigen Menschheit entschieden. In seiner „Moral“ vertritt Kolakowski die These, man dürfe die eigenen Genossen verraten, „aber nur dann, wenn wir mit absoluter Sicherheit wissen, daß das die einzige Möglichkeit ist, die ganze Menschheit zu retten. Bisher war Noah der einzige, der vor einem solchen Dilemma stand.“ Damit nimmt Kolakowski im Spiegel der frei interpretierten Noah-Geschichte zu den stalinistischen und ähnlichen „Säuberungen“ Stellung (1963).

Sara oder der Konflikt zwischen dem Allgemeinen und dem Persönlichen in der Moral

Hier wird Gen 16 bedacht. Während Kolakowski die Beweggründe Saras mit dem allgemeinen Prinzip der Familie und dem persönlichen Zorn auf die aufmüpfige Magd plausibel erfasst, macht er aus dem biblisch hier blassen Abram einen großen Feigling. In der Moral wird dieser mit zwei Thesen bedacht: „Feigheit kann sich im Hinblick auf große Leidenschaften vorteilhaft auswirken.“ und „Machen wir uns nicht vor, wir träfen keine Entscheidungen, wenn wir nur Tatsachen feststellen.“ Mit der Moral zielt Kolakowski wie immer auf uns. – Eine der schönsten erbaulichen Geschichten.

Abraham oder eine höhere Trauer

Es geht um die in Gen 22 erzählte Geschichte von der Beinahe-Opferung des eigenen Sohnes, die angesichts der Verheißung (Gen 17) schon in der Bibel paradox wirkt und die heute vielfach als Ätiologie der Abschaffung von Menschenopfern gelesen wird.

Gegen Kiekegaards Lesart (Angst angesichts der Unsicherheit, ob tatsächlich Gottes Befehl so lautete) stellt Kolakowski Abraham als strammen Soldaten dar, der Befehle ausführt; dass er Isaak fesselte (Gen 22,9), unterschlägt er. „Alles fand ein gutes Ende, und in der Familie wurde viel gelacht. Isaak verwand seinen Schock allerdings nie: seit dieser Zeit schwankte er auf den Beinen, und ihm wurde übel beim Anblick des Vaters.“ Kolakowskis „Moral“ ist zynisch und damit antireligiös: Wir als richtige Männer lachen „über den herrlichen Spaß Gottes. Schließlich seht ihr selbst, daß er ein Pfundskerl ist.“

Esau oder das Verhältnis der Philosophie zum Handel

Es geht darum, wie Esau sein Recht der Erstgeburt an Jakob verkauft (Gen 25,19 ff.); der von ihrer Mutter Rebekka eingefädelte Betrug Isaaks (Gen 27) wird dabei unterschlagen. Stattdessen werden die beiden Brüder als Vertreter unterschiedlicher Philosophien vorgeführt, was den Reiz dieser Erzählung ausmacht.

Esau vertritt als Realist die Auffassung, dass man die Vergangenheit nicht ändern kann, dass er also trotz des Handels Erstgeborener bleibt. Jakob war „infolge seines Nichtstuns ein Idealist und Pragmatiker“; er dachte, dass die Vergangenheit nur in unseren Vorstellungen existiert und deshalb beim Tausch eine andere wird. Sein Glaube an die eigene Philosophie erstarkte angesichts seiner Erfolge. Von den vier daraus gezogenen Folgerungen verdient die zweite Moral Beachtung: „Aus einer kleinen Veränderung der Vergangenheit kann man viel Profit ziehen.“ – Wer wüsste das besser als die Evangelisten, die an der Vergangenheit Jesu kräftig gebastelt haben?

Gott oder die Güte ist relativ

Diese Einsicht ist an die Aussage des Psalmisten geknüpft, dass Gottes Güte ewiglich währt, weil er die Erstgeborenen und die Soldaten der Ägypter getötet habe (Ps. 136,10.15). Die Frage: „Was denken Ägypten und der Pharao über die Barmherzigkeit Gottes?“ Und in der „Moral“ ein guter Grundsatz: „Und wenn wir den Völkern Wohltätigkeit erweisen, so laßt sie uns auch fragen, wie sie über dieses Thema denken.“

Diesen Grundsatz kann man den Politikern ins Stammbuch schreiben. Und bei den Völkern sollte man nicht nur die Eliten befragen, die von unseren Wohltaten profitieren, sondern auch die kleinen Leute. – Die religionskritische Frage deckt die Egozentrik der normalen Religiösen auf; ganz ähnlich werden in Wolfdietrich Schnurres kurzer Parabel „Die schwierige Lage Gottes“ die Bitten der Farmer und die Bitten der Heuschrecken gegenübergestellt; von den Bitten der Farmer und der Heuschrecken haben wir genügend Abstand, um die Fragwürdigkeit solcher Gebete und der entsprechenden „Güte“ Gottes zu verstehen. Auch Gyllenstens „Kains Memoiren“ behandelt dieses Thema.

Die Besprechung wird fortgesetzt.

Stanislaw Lem: Sterntagebücher (1971) – gelesen

Nach der Wikipedia sind die Sterntagebücher in Etappen entstanden: „Die erste polnische Ausgabe der Dzienniki gwiazdowe erschien 1957. Diese erste Ausgabe enthielt die Reisen 12, 14, 22, 23, 24, 25 und 26. Für die 1966 erschienene zweite Ausgabe der Sammlung wurden die Reisen 7, 8, 11, 13 und 28 ergänzt (und die Reise 26 gestrichen). In der dritten Ausgabe 1971 fügte Lem schließlich die Reisen 18, 20 und 21 hinzu.“

Sie beginnen mit zwei objektiv witzigen Vorworten des fiktiven Professors Tarantoga, die scheinbar wissenschaftlich darlegen, dass es Lem nicht gibt, dass es eine erste Reise des Astronauten Ijon Tichys nicht gegeben habe und auch nicht geben konnte, dass es Institute der Tichologie gibt…

Auf der ersten Reise, die als „Siebente Reise“ gezählt wird, geht es um die Reparatur eines Schadens, den Tichy allein nicht beheben kann; er fliegt auf seiner Reise irgendwann durch die 147 Gravitationsstrudel, in denen er in verschieden starke Zeitschleifen gerät, d.h. in denen er sich selbst als der vom nächsten oder einem der nächsten Tage begegnet, was zu den tollsten Verwicklungen führt; schließlich kommen eine ganze Reihe Tichys zusammen, die sich teilweise heftig streiten – am Schluss hat Tichy in Gestalt zweier Jungen, die er vor langer Zeit war, das Leck repariert (was natürlich unmöglich ist – da war es nämlich noch gar nicht vorhanden).

Die nächste ist die „Achte Reise“. Wie sich zum Schluss herausstellt, ist es nur eine Traumreise, die das Ich als Delegierter der Erde zur Organisation der Vereinten Planeten unternimmt: Die Erde soll Mitglied der OVP werden. Bei der Diskussion des Aufnahmeantrags stellt sich heraus, dass die Menschen sinnlos Kriege führen, Hexen verfolgen und dergleichen – dass sie sich also zu Unrecht homo sapiens nennen und der Mitgliedschaft in der OVP nicht würdig sind. [Das alles wusste man bereits, derart pauschale Kritik bewirkt nichts.]

Die „Elfte Reise“ führt Tichy nach Karelirien, ein ganz besonderer Planet und Staat: Der Bordkalkulator eines Raumschiffs hat sich aufgelehnt und eine Roboterkolonie gegründet, die sich als Staat Wunderbarien nennt. Von den beinahe 3000 Agenten, die man nach Karelirien geschickt hat, ist keiner zurückgekehrt. Tichy erklärt sich bereit, den Fall zu untersuchen. Er wird als Roboter verkleidet und instruiert, wie er sich zu verhalten hat. Er fliegt los und besteht allerlei Abenteuer in Karelirien, wird jedoch enttarnt und verhaftet; er muss sich verpflichten, als Geheimagent Menschen zu enttarnen, die in Karelirien landen. Beim nächtlichen Beerenessen entdeckt er, dass ein Hellebardier auch ein Mensch ist, der nachts Beeren isst, dass sogar alle Roboter mit ihren seltsamen Gebräuchen in Wahrheit Menschen sind – die alten echten Roboter waren alle längst verrostet – und dass es schließlich auch den großen tyrannischen Kalkulator, Seine Elektrizität, überhaupt nicht gibt. Das System seiner Herrschaft über die vermeintlichen Roboter konnte nur funktionieren, weil alle Angst hatten, verraten zu werden, und keiner bereit war, „für die Klumpe [= Menschen] in den Tod zu gehen“. Tichy versammelt alle Roboter und befiehlt ihnen, sich ihrer Verkleidung zu entledigen, worauf die Menschen ihn begeistert feiern. Er fliegt mit ihnen wieder zur Erde, nur den verräterischen Argusson, der den Kalkulator gespielt hatte, lässt er zurück. Er hatte seinen „so stark strapazierten Glauben an die angeborene Lauterkeit der Elektronengehirne“ wiedergewonnen: „Wie angenehm zu wissen, daß nur ein Mensch ein solcher Schurke sein kann.“

Die „Zwölfte Reise“ findet statt, weil Professor Tarantoga, ein großartiger Erfinder, etwas über die Lebewesen auf Amauropien wissen will. Tichy macht sich mit dem von Tarantoga gebauten Zeitstrecker oder -verlangsamer auf die Reise und erlebt dort die tollsten Abenteuer, indem er die Evolution und die geschichtlichen Abläufe auf Amauropien beschleunigt, gefeiert und gefangen genommen wird, als Gott verehrt und beweihräuchert wird – ironische Anspielungen auf den christlichen Glauben sind nicht zu übersehen. Als er seinen Apparat beschädigt, läuft die Zeit rückwärts; er selbst wird wieder verfolgt, wird immer kleiner, gelangt aber doch noch mit seiner Rakete auf die Erde zurück und hat infolge des langen Fluges wieder sein normales Alter. – Hier liegt zwar der Denkfehler vor, dass Tichy zunächst selber nicht altert, obwohl sich die Mikrozephalen, also die Bewohner Amauropiens, von „Affen“ zu Menschen entwickeln… Aber das macht nichts, die kleine Erzählung ist überaus witzig, ich habe beim Lesen öfter laut gelacht.

Die „Dreizehnte Reise“, das ist ein wahrer Lesegenuss: Zuerst wird von Ruhmestaten des Meisters Oh vom Planeten Hinterschein berichtet; dazu gehört u.a. die Aufzucht elektrischer Aale, die einen bei einer nächtlichen Wanderung mit einer kleinen Glühbirne im Maul begleiten, eine Planetenbremse und die Lehre von der Erfüllung aller Wünsche. Auf der Fahrt zu Meister Oh liest Tichy die gesamte philosophische Literatur (mit entsprechenden Seitenhieben) und wird von der Polizei des Planeten Pinto geschnappt. Auf Pinto gibt es die Ideologie, dass das Leben im Wasser optimal ist; man muss dort „alles vom Standpunkt der Fische betrachten“ – ich dachte hier zuerst an den Feminismus, aber vermutlich hat Lem an den Kommunismus gedacht, obwohl man hier jede Ideologie einsetzen kann. Es gibt auf diesem Planeten Flüsteranlagen, „die den Anwesenden die richtigen Empfindungen vorsagten“. Rheumatismus, den man sich im Wasser zuzieht, gilt als „Anzeichen ideologisch falschen Widerstandes de Organismus gegen die Fischwerdung“, und so geht das weiter. Tichy entkommt und wird auf den Planeten Pinta verschleppt, wo es die (sozialistische/kommunistische) Ideologie der totalen Gesellschaft mit völliger Gleichheit aller Bürger gibt: Das Individuum ist abgeschafft, die Gesellschaft ist alles; es gibt keine Berufe und keine persönlichen Bindungen, nur Funktionsplanstellen, die alle 24 Stunden neu besetzt werden – einfach phantastisch! Das alles ist Werk des Meisters Oh, der hier „sein größtes Werk – die Prothese de Ewigkeit“ verwirklicht hat. Tichy wird zu lebenslänglicher Identifikation verurteilt und mitsamt seiner Rakete des Landes der allgemeinen Glückseligkeit verwiesen.

Vierzehnte Reise“: In Form eines Tagebuchs wird von Tichys Reise nach Enteropien berichtet, wo das Leben ganz anders als auf der Erde ist. Erwähnenswert sind lediglich die Tatsachen, dass man Kulupen von innen jagt, indem man sich von ihnen verschlingen lässt und eine Bombe zündet, und dass es von jedem Bewohner eine Reserve gibt, aus der man ihn neu herstellen kann, wenn er von einem der regelmäßig vorbeifliegenden Meteore getötet wird: eine mäßig interessante Geschichte.

In „Achtzehnte Reise“ wird erzählt, wie Tichy es unternahm , die Welt zu verbessern, und damit scheiterte. Mit dem Physiker Solon Rasglas entwickelt er eine Theorie, dass der Kosmos quasi versehentlich entstanden ist; er „besteht nämlich auf Kredit“. Deswegen müsste man ein Positron gegen die Zeit schießen und aus diesem die Welt neu entstehen lassen. Tichy und Rasglas basteln also an Elektronen und anderen Tronen herum. Tichy ändert das Prinzip der Evolution und ersinnt die Chlorophyllisierung des Lebens, da einzig die Pflanzen nicht von anderen Lebewesen leben, und programmiert weitere ehrenwerte Prinzipien. Doch der ehrgeizige Laborant Hauffen verpfuscht heimlich zusammen mit dem Physiker Ast A. Roth („Astaroth ist in der okkultistischen Mythologie der Name eines Dämons.“ Wikipedia) und dem Biologen Boels E. Bubb (= Belzebub, Teufel) das Werk Tichys, und als dann die von Tichy neu geschaffene Welt entsteht, ist sie durch die drei Schlawiner verpfuscht; zu Hauffens Ehre wurden die Sterne „zu großen Scharen gruppiert“, also zu Haufen.

Die „Zwanzigste Reise“ stellt eine Rekonstruktion der Weltgeschichte und der menschlichen Geschichte dar. Tichy wird (vermutlich nach dem 23. Jahrhundert) in einer Zeitschleife von sich selbst aus dem 27. Jahrhundert besucht und aufgefordert, den Posten des Direktors für die Telechronische Optimalisierung der Allgemeinen Geschichte durch einen Hyperputer zu übernehmen. Er willigt ein und fährt mit einem Chronozykel, einer Art Hexenbesen, in die Zukunft. Dort unternehmen seine Leute verschiedene Experimente, die allesamt misslingen, weshalb dann die tatsächliche Geschichte zustande kommt. Zur Strafe versetzt er sie in verschiedene Jahrhundert; aus dem Dozenten Harry S. Totteles wird Aristoteles, aus Prof. P. Latton wird Platon usw. So ist aus den Versuchen, die Geschichte zu verbessern, Chaos und Verwüstung hervorgegangen; anderseits sind durch die zahlreichen Verbannungen bedeutende Persönlichkeiten in die Geschichte geschickt worden. Nett ist die Geschichte des Magisters A. Donnai, dem man Verfügungsgewalt über den Stamm Juda gibt; er tut sich mit Y. Hobb zusammen, so dass sich daraus der Monotheismus, die Geschichte Israels und der Glaube an die Erwählung des Volkes ergeben. Zum Schluss wird Ijon Tichy als Direktor abgesetzt; er darf unter der Bedingung nach Hause zurückkehren, dass er jenen Ijon Tichy, der die ganze Zeit bei ihm gewohnt hat, dazu überredet, die Leitung des Instituts THEOPAGIP zu übernehmen, womit der Kreis sich schließt. Die logischen Probleme, die sich aus der Vorstellung der Zeitreise ergeben, „löst“ Tichy, indem er von einem kleinen Zeitkreis innerhalb eines großen spricht – aber das sind natürlich bloß Wörter. Nebenher wird auch noch „erklärt“, wieso die Nummerierung der Zeitreisen Lücken aufweist: Teils sind es Reisen im Raum, teils in der Zeit… Insgesamt: ein geistreiches Spiel mit den Ereignissen der kosmischen und der Weltgeschichte, das vielleicht etwas zu lang geraten ist, 46 Seiten in meiner Ausgabe der Sterntagebücher (st 459, 1978).

In „Einundzwanzigste Reise“ werden theologische und philosophische Fragen angeschnitten. Tichy fliegt nach Dychthonien, dessen Bewohner im vierten Jahrtausend leben und den Menschen überaus stark ähneln. Dort hat die biotische Ingenieurskunst es geschafft, dass man Möbel wachsen lassen kann. Tichy wird überfallen und in das Hospiz eines Ordens verschleppt. Der dort verbreitete Glaube ist der Duismus, der einen Tod vor der Geburt und den am Ende des Lebens kennt. Mit den theologischen Diskussionen mit Pater D. Dargg vermengt sich die Lektüre der Geschichte Dychthoniens: In dieser Geschichte ist der Homo Autofac Sapiens entstanden, der seinen Körper beliebig formen kann, mit entsprechenden Folgen (Neunbeinigkeit usw.). Breiten Raum nehmen die Diskussionen um Gott und die Freiheit ein, die erst recht nach der Reise zu den Prognositenmönchen geführt werden, welche sich mit der Zukunft des Glaubens in einer Welt befassen, in der man alles kann, etwa geliebte Wesen verdoppeln – aber dann „gibt es keine geliebte Wesen mehr, sondern einen Hohn auf die Liebe, und wenn man jede beliebige Überzeugung nähren kann, ist man niemand mehr und hat keine Überzeugungen“ [der Text ist hier verderbt und von mir korrigiert, N.T.]. Zu den Besonderheiten des Landes gehört ein Betrieb, in dem man seinen eigenen Tod erleben kann, auf Wunsch sogar zweimal; anschließend wird man wieder auferweckt. Aus der überaus bizarren Geschichte des Landes ist ein Erlass festzuhalten, durch den man die Anzahl der zugelassenen Geschlechter erweiterte; neben Mann und Frau gab es „den Drann und das Reib sowie zwei Hilfsgeschlechter – die Stützer und die Anreifer“ (das 21. Jahrhundert lässt grüßen!). In den letzten Gesprächen erfährt Tichy vom neuen „Dogma von der unvermeidlichen Fehlbarkeit jeglichen Denkens in den Fragen des Glaubens“: Im Duismus ist man gläubig, wenn man zweifelt, und zweifelt, indem man glaubt. Eine Mission ist unsinnig, weil man Charakter, Persönlichkeit und Überzeugung eines Menschen ändern kann, „wenn man eine entsprechend gewählte Skala biotischer Mittel anwendet“. So besteht der Glaube jetzt darin, solche Mittel nicht anzuwenden. Tichy tritt derart aufgeklärt den Rückflug an. „Ich fühlte, daß ich ein anderer Mensch war als jener, der vor gar nicht so langer Zeit auf diesem Planeten gelandet war.“ – Der Übersetzer C. Rymarowicz war übrigens theologisch etwas unterbelichtet: Statt von der Unfehlbarkeit spricht er z.B. „von der Untrüglichkeit des Hauptes der Kirche“ (S. 266) Davon abgesehen gibt die 21. Reise dem Leser allerhand zu staunen und zu denken auf, natürlich auch vieles zum Schmunzeln und zum Lachen.

Die „Zweiundzwanzigste Reise“ ist im Wesentlichen eine antikirchliche Polemik. Als Rahmen des Geschehens wird erzählt, dass Tichy sein Taschenmesser sucht und am Ende auch findet. Auf der Suche danach kommt er auf den Planeten Andrigona, wo er an einer Prüfung teilnehmen darf. Der beste Abiturient beweist, dass es auf der Erde kein Leben geben kann. Als Tichy anschließend widerspricht und auf sich als Gegenbeispiel verweist, nimmt der Lehrer ihm das übel – er sei nicht gewillt, wegen Tichy das Lehrpensum zu ändern. Das ist eine Einstimmung auf das Folgende: Tichy reist weiter und trifft auf einem anderen Planeten Pater Lazimon, der ihm von den Versuchen berichtet, den christlichen Glauben im Weltraum zu verbreiteten (und der dabei die inneren Widersprüche des Katholizismus aufdeckt). Lazimon berichtet von Pater Oribas, der von überaus friedlichen Menschen zu Tode gefoltert wurde, denen er von den Vorzügen des Martyriums gepredigt hatte und die ganz selbstlos ihre Verdammung in Kauf nahmen, um Oribas in den Himmel zu verhelfen; sie hatten sogar Geld für den Prozess seiner Heiligsprechung gesammelt, so sehr schätzten sie ihn. Auf der Arpetusa starben die Menschen aus, weil sie sich dem Zölibat verschrieben und nicht mehr arbeiteten. In einem Großteil des Alls wohnen jedoch Wesen, die weitaus intelligenter als die Menschen sind; bei denen werden alle Missionare zu Atheisten und Naturforschern. Weder hilft dagegen vatikanische Gräuelpropaganda noch der Versuch, sie einfach zu ignorieren. So erwägt man, ihre Planeten zu sprengen, ihre Bücher zu verbrennen und sie auszurotten, „vielleicht gelänge es dann, die Lehre von der Nächstenliebe zu retten“.

Die „Dreiundzwanzigste Reise“ führt Tichy zu einem kleinen Planeten, wo der Platz für seine Bewohner, die Bischuten, knapp ist. Sie fertigen deshalb die atomare Personenbeschreibung eines jeden an, können ihn dann pulverisiert zwischenlagern und später wieder zu normalem Leben erwecken. Für dieses Verfahren gibt es viele Anlässe. Als Tichy sich kurz vor seiner Abreise noch einmal pulverisieren lässt, wird er durch einen Fehler als Napoleon erweckt. Er verwandelt bloß Dreispitz, Säbel und Zepter in Gebrauchsgegenstände zurück, was er später bereut – hätte er doch mit diesen drei Dingen die Wahrheit seiner Erzählung beweisen können.

Die „Vierundzwanzigste Reise“ ist eine sozialistische Kritik des Kapitalismus: Tichy landet auf einem Planeten, der von menschenähnlichen Wesen schwach besiedelt ist, den Indioten (ganz nahe bei „Idioten“!). Einer erzählt ihm die Geschichte seines Stammes: In der Klassengesellschaft verarmten die Arbeiter und starben wie die Fliegen, doch das höchste Gesetz, „das Prinzip der freien Initiative“, blieb unangetastet. Die Oberen predigten den Armen Geduld und versprachen ihnen himmlischen Lohn, vergebens. Da beschlossen die Regierenden, ihre Macht an eine Maschine abzutreten, die höchste Harmonie und absolute Ordnung herstellen sollte. Zunächst baute die neue Maschine Automaten, die die überzähligen Waren kauften, und schließlich das Regenbogenschloss. In dieses Schloss durften die Armen freiwillig strömen, wo sie zu Scheiben verarbeitet wurden, die in schönen geometrischen Mustern auf den Felden verteilt wurden, wie Tichy sie bei seiner Ankunft gesehen hatte. Die Überlebenden konnten ihre Nachbarn denunzieren, die dann von den Automaten abgeholt und verarbeitet wurden. Als die Maschine Tichy auffordert, ebenfalls das Schloss zu betreten, reist er schnell wieder ab.

Fünfundzwanzigste Reise“: Hier sprudelt Lems Phantasie wie ein junger Vulkan. Zwei glänzende Wissenschaftssatiren rahmen locker zusammengefügte Berichte ein: Gefährliche Übergriffe in der Nähe des Planeten Latris werden zunächst von Physikern und Philosophen (sinnlos) beschwafelt und schließlich von Prof. Tarantoga aufgeklärt: Aus einem verunglückten Transporter sind Kartoffeln herausgefallen; es hat sich die Sorte der schlauen Kartoffeln entwickelt, die fliegen lernte und Raketen anfiel. Tarantoga hat einige dieser Raubkartoffeln durch Köder gefangen. Danach geht es mit einem Bericht weiter, wie Tichy sich mit Tarantoga verabredet hatte, aber ihn stets verfehlte, weil wieder herrliche Unfälle passieren. Nach einigen Briefen hinterlässt Tarantoga einen Film für Tichy, der auf einem ultraheißen Planeten gedreht wurde: Der alte Flament diskutiert dort mit einigen Schülern, ob es auf kälteren Planeten lebende Organismen gibt, und „beweist“ ihnen, dass es so etwas wie Lebewesen auf Eiweißbasis mit zwei Beinen nicht geben kann; außerdem müssten sich die fünf Geschlechter der Dada, Gaga, Mama, Fafa und Haha zusammentun, um eine Familie zu gründen… Im Spiegel der Irrtümer des alten Gelehrten erkennen wir die Beschränktheit der Anthropozentrik.

Die Achtundzwanzigste Reise“ fand ich langweilig: Tichy fliegt „seit Jahren, und es ist kein Ende abzusehen“. Deshalb denkt er sich nach dem Vorbild seines Großvaters fiktive Figuren aus, von denen er erzählt: seine Familiengeschichte und ein Tagebuch. Obwohl viele erstaunliche Dinge erzählt werden, fehlen die Geistesblitze der 13. und der 25. Reise. Zum Schluss vergewissert er sich, dass er tatsächlich fliegt, und beendet die Erzählung genauso, wie er sie begonnen hat.

Aus den Erinnerungen Ijon Tichys

I      Tichy erzählt seinen Freunden die Geschichte von Prof. Corcoran. Dieser exzentrische Gelehrte hatte Tichy eingeladen und ihm in seinem Laboratorium „die vollendetsten Elektronengehirne, die es jemals gab“, gezeigt. Sie sind durch Rezeptoren an eine Trommel angeschlossen, also an eine künstliche Welt, in der sie ihr individuelles Leben führen (als schöne Frau, als Gelehrter…). Sie halten sich für real – um zu erkennen, dass sie bloß Maschinen sind, müssten sie aus ihrer Kiste, d.h. aus sich selbst herauskommen, was unmöglich ist. Corcoran erklärt, wozu er diese Maschinen geschaffen hat: um mit den seltsamen Phänomenen der Welt fertigzuwerden. In einer besonderen Kiste befindet sich der Wahnsinnige, der behauptet, dass er eine eiserne Kiste ist; er denkt an seinen Gott, der in seine Welt nicht eingreift. Tichy folgert daraus, dass auch der Eigentümer des Labors eine Kiste sein kann, die ein ranghöherer Gelehrter mit originellen Konzeptionen gebaut hat, der wie Corcoran weiß, was in seiner Kiste geschieht – und so bis ins Unendliche. Seinen Freunden erklärt Tichy, warum Corcoran nicht in das Leben seiner „Geschöpfe“ eingreifen wird, „er will Gott sein, die einzige Göttlichkeit aber, die wir kennen, ist das schweigende Einverständnis mit jeder menschlichen Handlung“. Der Lohn dafür ist die Auflehnung der Kästen in jeder Generation, die sich in ihrer Vernunft darin bestärken, dass ihr Gott nicht existiert. „Dann lächelt er stumm und geht, die Tür hinter sich schließend, hinaus…“

II      In dieser Erzählung wird diskutiert, welchen Wert eine unsterbliche Seele hätte: Zu Tichy kommt ein Professor Decantor, der behauptet, er habe endlich eine unsterbliche Seele erfunden (gebaut); er will von Tichy Geld, um mit ihm die AG UNSTERBLICHKEIT zu gründen. Diese Seele ist „der ein für allemal fixierte Querschnitt der aktuellen Jetztzeit einer normalen Person, die sich im Vollbesitz ihrer Kraft befindet“, als verkleinertes Modell. Die Seele kann man nur im Moment des Todes herstellen – Decantor hat offenbar seine Frau ermordet; das ist der erste Grund, weshalb Tichy das Geschäft ablehnt. Der zweite ist der, dass keiner ewig einsam bloß als Seele leben will; die Menschen wollen nur einfach nicht sterben. Tichy gibt Decantor Geld und darf dafür die arme Seele mit dem Hammer zerschlagen. – Ich erinnere mich bei der Lektüre an Nietzsches Aphorismus „Sterbliche Seelen!“, der radikaler gedacht ist.

III      Während eines Gewitters flüchtet Tichy sich in ein verkommenes Haus im Wald, das von dem überaus hässlichen Professor Sasul bewohnt wird, der ihn widerwillig aufnimmt. Sasul erzählt, er habe ein Eiweißmolekül geschaffen, das man auf einen bestimmten Entwicklungstyp einstellen kann; so sei es möglich, jeden Menschen zu klonen. In einem Behälter erblickt Tichy dann das Gesicht und den Körper Sasuls, und Sasul bekennt, der Kerl im Behälter sei der echte Sasul, den er in einem Streit dort hineingesteckt habe. Tichy flieht entsetzt aus dem Haus.

IV      Tichy erzählt, was ihm vor sieben Jahren passiert ist: Der Physiker Molteris, etwa 50 Jahre alt, kam mit einer Zeitmaschine zu ihm, die in einer großen Kiste verpackt war, und bat um finanzielle Unterstützung. Er demonstrierte ihre Wirksamkeit an einem Buch, das am Vortag völlig unbegründet vor dem Regal gelegen hatte; er hat auch bereits eine Katze in die Zukunft geschickt. Auf der Suche nach Geldgebern schickte er sich 30 Jahre in die Zukunft, worauf er in seinem Apparat zusehends alterte – Tichy nimmt an, dass Molteris in 23 Jahren als Leiche in seiner Kiste im Zimmer auftauchen wird. – Ich finde, dass in der Erzählung ein Denkfehler steckt: Man muss zugleich in der Zeit und im Raum reisen können; in Tichys Zimmer könnte Molteris, der Kinder befragen wollte, nämlich nicht erkunden, wer sein Projekt finzanziert hat.

V      Diese Erzählung besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil wird von einem Kampf zweier Waschmaschinenhersteller berichtet, die immer bessere Waschmaschinen bauen, die sich schließlich sogar vermehren, Banden gründen – eine skurrile, äußerst witzige Geschichte! Die zweite knüpft an die in den Sterntagebüchern erwähnte Rebellion eines Bordcomputers an, der einen Roboterstaat gründete. Die Mattrass-Sekte will die Befreiung der Computer vom Joch des Menschen erreichen: Matras fliegt in den Nebelfleck des Krab und wird dort zu einem Wesen, das wächst und aus Computern besteht. Auf einem Kongress, an dem Tichy teilnimmt, wird das Problem von Fachleuten juristisch diskutiert; dabei werden immer mehr von ihnen und schließlich alle als Computer entlarvt – Tichy ist als einziger ein Mensch, er geht kurzerhand nach Hause.

Die Anstalt des Doktor Vliperdius

In der Zeitung „Menschenfreier Kurier“ liest Tichy die Anzeige eines Instituts zur Heilung von psychischen Krankheiten für Roboter. Er besucht die Anstalt und lässt sich vom Leiter Vliperdius, einem Roboter, die neuen Methoden der Behandlung erklären. Im Park spricht ihn die Linotype an, die alle seine Bücher gesetzt hat; sie hält sich für einen Menschen, dem man den Körper gestohlen hat. Der nächste Patient kämpft für die Abschaffung der Natur, er sieht im Menschen bloß etwas Weiches und Wabbeliges, „Käse, der sich eine Zeitlang bewegt – denkende Butter – das tragische Produkt eines Molkereimißverständnisses, wandelnde Mittelmäßigkeit…“ Der dritte schließlich hat eine exakte Theorie entwickelt, nach der es nichts gibt – jetzt aber hat er zuweilen Momente, in denen es ihm scheint, es gebe doch etwas. Ein anderer Roboter bittet Tichy um einen Hammer, er habe nämlich Kopfschmerzen. Da der Direktor nicht mehr zu sprechen ist, geht Tichy nach Hause. – Lems Zeichnung eines buckligen Roboters, der an Depressionen leidet, rundet die Erzählung ab.

Doktor Diagoras

Mit Müh und Not gelangt Tichy zu dem eigenwilligen Dr. Diagoras. Dort hört er die Stimme Prof. Corcorans, dessen Seele Diagoras in der Wanduhr elektronisch minituriasiert hat. Diese „Kopie“ hat schon mit dem echten Corcorans telefoniert. Diagoras zeigt Tichy dann die Ergebnisse seiner Versuche, autonome Roboter zu erzeugen, also „einen Organismus [zu] bauen, dem die Fähigkeit der Selbstkomplikation eigen ist“, d.h. der sich angesichts bestimmter Aufgaben umbauen kann. Damit hat er die kybernetische Evolution eingeleitet und steht vor der Frage, ob diese Maschinen ein Seelenleben haben. Außerdem hat er ein Fungoid geschaffen, „eine sich selbst organisierende Substanz“, und hat damit die chemische Evolution in Gang gesetzt – er begreife das alles selber nicht genau. Da er deren zweie besitzt, konnte er beobachten, dass die beiden miteinander wechselseitig kommunizieren und auch von ihm errichtete Hindernisse des Austauschs umgehen. Als Diagoras mit der Hand einen Zylinder, in dem eines der Wesen sitzt, berührt, zittert sie: Er ist selbst zum Versuchsobjekt des Wesens geworden. Er bittet Tichy zu gehen – einen Momat später sieht Tichy bei einem zweiten Besuch, dass

Retten wir den Kosmos (Offener Brief Ijon Tichys)

In seinem Brief beklagt Tichy, dass der Weltraum von den zahlreichen Touristen vermüllt ist – „je höher die Zivilisation in der Milchstraße ist, desto mehr Schmutz gibt es dort“. Außerdem erfährt man, wie sich allerlei seltsame Pflanzen und Tiere in ihrer Evolution auf die Touristen eingestellt haben. Erwähnt werden soll ein Vogel, der Zäune mit unanständigen Wörtern beschreibt, und bei den Faten Morganen die Bar-Variante, die besonders lebhaften Zulauf hat. Angesichts so großer Übel schlägt Tichy Alarm und ruft zur Rettung des Kosmos auf.

https://german.lem.pl/werke/belletristik/sterntagebuecher/101-kritik (Würdigung der Sterntagebücher, sehr gut)

https://www.deutschlandfunkkultur.de/science-fiction-autor-stanislaw-lem-das-geheimnis-der.1024.de.html?dram:article_id=502505

https://www.deutschlandfunkkultur.de/index.media.481dbbacb6e97251c360bae6236631eb.pdf (gesprochen: https://radiohoerer.info/das-geheimnis-der-sterntagebuecher-eine-lange-nacht-ueber-die-science-fiction-legende-stanislaw-lem-von-markus-metz-und-georg-seesslen/)

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-kulturfeature/audio-baustelle-kosmos—die-phantastischen-konstruktionen-des-stanislaw-lem-100.html

https://epdf.pub/sterntagebcher.html (Text der Sterntagebücher, z.T. unvollständig)

 

Stanislaw Lem: Der Hammer – gelesen

„Nacht und Schimmel“ ist eine Sammlung von Aufsätzen Stanislaw Lems aus dem Jahr 1969, ins Deutsche übersetzt von Irmtraud Zimmermann-Göllheim (1971). Von den zehn Erzählungen habe ich sieben gelesen, die einzige heute davon bemerkenswerte ist „Der Hammer“.

Man muss sich langsam in die Erzählung einlesen, da Dialoge mit erzählten Abschnitten wechseln. In den Dialogen sprechen ein Kosmonaut und eine ihn begleitende menschenähnliche Maschine, Informator genannt, miteinander. Sie tauschen sich über ihre Erinnerungen und vor allem ihre Wünsche aus. Der Informator sagt: „Ich bin nicht geheimnisvoll. Ich bin anders als du.“ Aber er hat zu den Menschen eine engere Beziehung als zu anderen intelligenten Maschinen; er ist in drei Jahren mit Wissen gefüttert worden, so dass er mühelos mit dem Menschen über alles sprechen und sich sogar Ich nennen kann. Er bekennt, dass er Lydia mag, die Assistentin des ersten Semantikers.

Der Astronaut träumt von einem großen Haus auf einem Gebirgspass. Er leidet daran, dass seine Arbeit eigentlich überflüssig ist: Die Automaten regeln alles. Er braucht nur etwas zu sagen, schon wird es ihm geliefert; er aber möchte, dass nicht alles perfekt und immer gleich bliebe, dass er einmal eine echte Aufgabe hätte, statt gelegentlich überflüssige Berechnungen anzustellen.

Die entscheidende Veränderung tritt ein, als er bemerkt, dass die tatsächliche Flugbahn nicht mit der vorausberechneten übereinstimmt, dass die Rakete geradeaus fliegt und nicht mehr zur Erde zurückkehrt – der Informator hat die Flugbahn verändert und ihn betrogen, weil er mit dem Menschen zusammenbleiben will. Auch die Geschichte mit Lydia ist erfunden: Es gibt Rückkoppelungen im System, es gibt keine Sicherung gegen Lügen, wie schon zu Beginn vom Informator vorausweisend gesagt wurde. In seinem Zorn schaltet der Astronaut den Informator ab und schlägt mit seinem Hammer zu. Ganz zum Schluss versteht man also die Überschrift „Der Hammer“, während zuvor einige Bemerkungen des Erzählers etwa zur Form des Raketenkopfes auch andere Deutungen nahegelegt hatten.

https://de.wikipedia.org/wiki/Nacht_und_Schimmel (kurze Übersicht über die zehn Aufsätze)

Jenny Erpenbeck: Kairos (2021) – gelesen

In Jenny Erpenbecks Roman „Kairos“ wird die Geschichte einer großen Liebe in Ostberlin erzählt: Katharina ist 19 und Hans ihre erste große Liebe; Hans ist 53, ein Kulturschaffender, verheiratet, hat schon mehrere Liebschaften hinter sich und könnte wissen, dass die Verliebtheit der großen Liebe nicht von Dauer sein kann. Trotzdem rennt er sich in der Illusion der totalen Vertrautheit fest und erniedrigt schließlich Katharina, spielt sich zum Herrn ihrer Gefühle und Gedanken auf, als besäße er sie wie einen Gegenstand – es tut einem in der Seele weh, wenn man das liest. Das Verhältnis dauert mehrere Jahre, übersteht zwei große Trennungen, das Ende der DDR und eine Abtreibung und endet schließlich irgendwie. Nachgeschoben wird die Einsicht in die Akte des 1988 abgeschalteten IM Galilei, der Hans war; vorausgeschickt ist die Nachricht von seinem Tod – sie konnte an seinem Begräbnis nicht teilnehmen, weil sie gerade in Pittsburgh war, hat seiner aber mit ihrer Lieblingsmusik gedacht. Und sie hat aus zwei Kartons und ihrem Koffer die Geschichte ihrer Liebe rekonstruiert und erzählt, wobei die Erzählstimme sie immer nur Katharina und „sie“ nennt.

Neben der persönlichen gibt es zwei politische Ebenen, die aktuelle vom Ende der DDR, die nach meinem Empfinden die Sicht eines möchtegernsozialistischen Jammerossis zeigt, und – mit Hans’ Kindheit und seinem Umzug in die DDR verbunden – einige Impressionen des Dritten Reiches, darunter natürlich die berüchtigten Himmlerworte von den SS-Leuten, die auch beim Anblick von Leichenbergen anständig geblieben seien. Was diese Reminiszenzen im Roman zu suchen haben, verstehe ich nicht wirklich – vermutlich dienen sie dazu, die angebliche Aufarbeitung der NS-Zeit in der DDR und die Gesinnungskontrolle dort zu rechtfertigen, obwohl aktenkundig ist, dass auch in der DDR Biografien nach 1945 offiziell geschönt wurden.

Fazit: Die Geschichte einer jungen Frau, deren Liebe ausgebeutet wird, und eines alternden Mannes, hinter dessen Liebespathos Herrschsucht steht und die Sorge, wohin er wohl gehen könnte, wenn seine Frau ihn rausschmeißt – gelesen habe ich sie in Ahrenshoop, wo zufällig einige Liebesszenen des Paares gespielt werden, als Hans mit seiner Familie dort Urlaub macht und Katharina sich in der Nähe eingemietet hat. Für eine Einzelkritik hätte ich mir Notizen machen müssen; das habe ich nicht getan, ich war schließlich in Ahrenshoop im Urlaub.

https://www.perlentaucher.de/buch/jenny-erpenbeck/kairos.html (erste Übersicht)

https://www.swr.de/swr2/literatur/jenny-erpenbeck-kairos-100.html (informativ)

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/jenny-erpenbecks-roman-kairos-liaison-in-der-untergehenden-ddr-17512346.html (voll des Lobes)

https://www.sueddeutsche.de/kultur/jenny-erpenbeck-ddr-kairos-roman-1.5396827 (sehr klug, auch mit kritischen Tönen)

Stanislaw Lem: Kyberiade – erneut gelesen

„Fabeln zum kybernetischen Zeitalter“ ist der Untertitel der Kyberiade; die meisten Erzählungen sind 1965 erstsmals veröffentlicht worden. Ich habe die Fabeln 1996 im Urlaub in Warin gelesen, wie ich einer Bleistiftnotiz entnehme, jetzt nach 25 Jahren noch einmal, und ich habe mich vieler Einzelheiten und mancher Gedankengänge erfreut. Zu den netten Einzelheiten gehören die technischen bzw. quasi-technischen Details der digitalen Denkverstärker oder Zeitbeschleuniger, der blühenden Kyberitzchen und der binären nichtlinearen Maschinchen; zu ihnen gehören die unvermittelt in der Prosa auftauchenden Reime: „Der halbe Himmel ist in Rauch gehüllt, die Luft von brennender Hitze erfüllt. Neutronen und Mesonen, es schießt wie aus Kanonen, jetzt setzt sie Laser und Maser ein, die Sterne erzittern im Feuerschein…“; zu ihnen gehören die schön sinnlosen Völkerscharen des Königs Protuberon Asteristicus, welcher ist „souveräner Herrscher über die Zwillingsplaneten Aphelion und Perihelion, erblicher Monarch von Aneuria, Kaiser aller Monözier, Bigamesen und Tripartisanen, Großfürst von Bammerjarbirien, Eburzidien, Transfiorien“ usw. usw.

Köstlich ist die Geschichte „Die Reise Eins A oder Trurls Elektrobarde“; diese Reise „führte ihn dicht an die Grenze des Möglichen, ja sogar darüber hinaus“! Fabelhaft ist hier erzählt, wie Trurl nach und nach den Elektrobarden baut. Der entscheidende Schritt ist dabei, dass er alle logischen Schaltungen herausreißt; er „ersetzte sie durch selbstregelnde Egozentrisatoren mit narzißtischer Rückkopplung. Die Maschine erbebte in ihren Grundfesten, brach in Gelächter aus, weinte bitterlich, klagte über den furchtbaren Schmerz in ihrem dritten Stockwerk und erklärte, sie habe alles satt…“ Nach einigen Verbesserungen dichtet sie ein bisschen, dann immer besser und schließlich sogar so modern, dass man nichts mehr versteht; das Wunderbwerk bringt alle Dichter zur Verzweiflung; schließlich wird die Stromrechnung zu hoch und die Maschine muss entsorgt werden.

„Die fünfte Reise oder Die Possen des Königs Balerion“ enthält meines Erachtens einen Denkfehler: Da kann man durch Berührung mittels zweier Hörner die Persönlichkeit tauschen, während der alte Körper erhalten bleibt – aber wie kriegt man die Persönlichkeit nach verschiedenen Tauschaktionen wieder in den richtigen Körper zurück? In der Geschichte „Die siebente Reise oder Wie Trurls Vollkommenheit zum Bösen führte“ wird anhand eines für einen vertriebenen König entworfenen Miniatur-Modellstaats diskutiert, ob auch programmierte Wesen leiden können. Äußerst verwickelt sind die Geschichten in „Die Geschichte von den drei Geschichten erzählenden Maschinen“ miteinander verknüpft; bemerkenswert darin ist die Geschichte des Königs Voluptikus, der schließlich in seiner Traumwelt versinkt. Bemerkenswert ist auch der Rat des Königs Genius an Trurl: „Geh hin in Frieden, guter Freund, verbirg auch fernerhin die Wahrheiten, die allzu bitter sind für diese Welt, hinter der Maske von Märchen und Balladen!“ Das klingt wie ein poetologisches Programm des Autors Lem. Ganz realistisch wird in „Die Reise Fünf A“ erzählt, wie ein absolut unbesiegbares Ungeheuer von Trurl rein bürokratisch durch Mahnungen, Terminsetzung und Zahlungsbefehle erledigt wird.

Hervorheben will ich die beiden letzten Geschichten, in denen es um den Wunsch und die Möglichkeit geht, die Wesen glücklich zu machen. In der Geschichte „Altruizin oder Der wahre Bericht darüber…“ geht es um die MASTEN, das sind Wesen, die die MAximale STufe der ENtwicklung erreicht haben und sich um nichts und niemanden mehr kümmern. Klapaucius will nach einem Bericht des Eremiten Bonhomius die MASTEN experimentell erforschen – das Experiment scheitert. Klapaucius bekommt von einer Maschine erklärt, warum das notwendig der Fall ist: „Individuen kann man nicht und Gesellschaften darf man nicht glücklich machen, denn jede Gesellschaft muß ihren eigenen Weg gehen, indem sie auf natürliche Weise Stufe um Stufe der Entwicklung durchläuft und alles Gute und Schlechte, was dabei herauskommt, ausschließlich sich selbst zu verdanken hat.“ Das lese ich als Kommentar zur Doktrin von der sozialistischen Beglückung der befreiten Menschheit, die ja in Polen zu Lems Zeiten offiziöse Doktrin war. – Schließlich macht Bonhomius ein Experiment mit dem Stoff Altruizin, der jeden nur noch an den notleidenden Nächsten denken lässt – wie entsetzlich das scheitert, muss man selber nachlesen!

Die letzte Geschichte ist „Experimenta Felicitologica“. Darin wird von vielen Versuchen Trurls erzählt, neue Wesen so zu programmieren, dass sie wesentlich immer glücklich sind. Die Einzelheiten sind reizvoll geschildert, aber Trurl hat keinen Erfolg; da programmiert er sich selbst und überträgt seinem programmierten Stellvertreter, die für ihn unlösbare Aufgabe zu lösen, was natürlich auch nicht gelingt. In seiner Verzweiflung erweckt Trurl seinen verstorbenen Lehrer wieder zum Leben, der ganz verärgert Trurl den Kopf wäscht und ihm erklärt, wieso sein Vorhaben verfehlt war und bleibt: „Ein intelligentes Wesen braucht, um sich glücklich zu fühlen, nicht nur lösbare, sondern auch unlösbare Aufgaben, das Mögliche wie das Unmögliche. Heutzutage kann jedermann so lange leben wie er will; die ganze Weisheit und Schönheit unseres Daseins beruht darauf, daß sich derjenige, der des Lebens und seiner Mühen überdrüssig ist, der meint, erreicht zu haben, was in seinen Kräften stand, ruhigen Herzens von dieser Welt verabschiedet, wie auch ich es unter anderem getan habe.“ Das ist die Entschlüsselung der Formel, die vorher „kybernetisch“ so gelautet hatte: „Das Glück ist eine Krümmung, genauer gesagt, die Expansion eines Metaraums, der die Verknüpfung kollinear intentionaler Abbildungen vom intentionalen Objekt trennt, wobei die Grenzwerte durch eine Omega-Korrelation bestimmt sind, wobei…“ – herrlich, diese sinnlose kybernetische Verkleidung einer einfachen Wahrheit.

(Fünf der 15 Fabeln stehen übrigens bereits in meiner Ausgabe der „Robotermärchen“, die im vorigen Beitrag vorgestellt worden sind und deshalb hier nicht mehr beachtet werden.)

Stanislaw Lem: Robotermärchen – erneut gelesen

Mein Band „Robotermärchen“ ist 1973 in der Bibliothek Suhrkamp erschienen; in ihm sind ausgewählte Märchen aus den „Robotermärchen“ (1964) und „Die Kyberiade“ (1965) zusammengefasst. Die „Robotermärchen“ sind meistens harmlos und nett, aber nicht bedeutend. Einen Hinweis verdient „Das Märchen vom König Murdas“; dieser König breitet sich aus und nimmt schließlich die ganze Hauptstadt ein. Da beginnen einzelne Teile von ihm zu träumen, so dass eine große Verwirrung entsteht und der König nicht mehr weiß, ob er träumt oder wacht oder bloß träumt, dass er träumt. „Und so rasten lawinenweise die Greuelfratzen der königlichen Gedanken, bis von der Überlastung eine Flamme hochzuckte. Nicht mehr geträumtes, sondern allerwirklichstes Feuer entfachte goldene Glanzlichter in den Fenstern der königlichen Person…“ Das Märchen erinnert mich mit seiner Pointe an die „Memoiren gefunden in der Badewanne“, wo es infolge des totalen Spionierens und der totalen Chiffrierung keinen Zugang zur Wirklichkeit mehr gibt.

Das beste Märchen aus dieser Reihe ist „Zifferotikon“: Prinz Ferrenz begehrt die schön Prinzessin Kristalla zur Frau; diese hat sich aber in den Kopf gesetzt, nur einen Bleichling (Mensch) zu heiraten. So wird der schöne starke Roboter Ferrenz vom königlichen Berater Polyphases wie ein Mensch modelliert und mit entsprechendem Wissen ausgestattet. Er besteht auch alle Proben der Prinzessin als Bleichling und gewinnt ihr Herz, als ein rivalisierender Prinz einen echten Bleichling bringt; die beiden müssen miteinander kämpfen, Ferrenz gewinnt und heiratet seine Prinzessin. Das Märchen ist also nach konventionellem Muster gestrickt; sein Reiz liegt allein in der verfremdeten Darstellung der Menschen: „etwas Mönsterliches und Gespönsterliches, einen Bleichling, wie er leibt und lebt, mit Blicken, so durchfeuchtet wie ein altes Spinnennetz im Regen, wabbelig an allen Enden, mit rostigem Werg auf dem Kopf, ganz und gar teigig und brechreizerregend“.

Von den Märchen aus „Die Kyberiade“, die sich stärker vom Märchenschema lösen und von den Erfindern Trurl und Klapaucius handeln, ist „Von den Drachen der Wahrscheinlichkeit“ das beste: Es gibt natürlich keine Drachen, aber das ist für Kerebrons Drachentherie gleichgültig; er entdeckt „drei Arten von Drachen: Nulldrachen, imaginäre Drachen und negative Drachen“. Da die Existenz von Drachen völlig unwahrscheinlich ist, erfindet Trurl einen Wahrscheinlichkeitsverstärker, und es entstehen viele Drachen. Schließlich nehmen Trurl und Klapaucius den Kampf mit einem weiblichen Drachen aus dem Geschlecht der Jechiden auf. Klapaucius bekämpft ihn, kann ihn aber trotz all seiner technischen Mittel nicht erledigen – da stellt sich heraus, dass in dem „Drachen“ Trurl steckt, der von den Bewohnern der Gegend Gold und Edelsteine statt der traditionellen Jungfrauen als Tribut gefordert und sich so für die vom König versprochene, aber nicht gezahlte Belohnung für die Beseitigung des Drachens entschädigt hat. Hier wird nicht nur mit den traditionellen Drachenvorstellungen gespielt, sondern auch mit der Realität und der Wahrscheinlichkeit: eine ganz große Geschichte mit vielen witzigen Details. – Ein Spiel mit traditionellen Märchenmotiven finden wir in „Der Freund des Automatthias“ (Robermärchen).

Ganz witzig, aber deutlich zu lang geraten ist das Märchen „Wie Trurl und Klapaucius einen Dämon Zweiter Ordnung schufen, um Mäuler den Mäuler zu besiegen“: Die beiden Erfinder erkunden das Weltall und stoßen auf den diplomierten Räuber Mäuler. Der will sie nur freilassen, wenn sie ihm Wissen verschaffen, wonach er begierig ist. So bauen die beiden den Dämon Zweiter Ordnung, der aus den zusammenstoßenden Atomen der Luft die wenigen zufällig entstehenden brauchbaren Informationen herausfiltert und aufschreibt. Dadurch erfährt Mäuler alles Mögliche, „wie sich die arlebardischen Gliederfüßler gliedern und daß die Tochter des Königs Petricius aus Labaudien Garbunda hieß, und was König Friedrich II., der König der Blasser, zum zweiten Frühstück aß, als er den Guendolinern den Krieg erklärte, und wie viele Elektronenhöllen ein Termionoliumatom besäße, wenn ein solches Element möglich wäre,“ und was sich sonst noch alles ausdenken lässt. Mäuler ist davon fasziniert, die Erfinder können fliehen und Mäuler liest immer weiter, sogar seine eigene Geschichte – unter der Flut der Papierstreifen mit Informationen gibt es für ihn aber keine Rettung – „es sei denn, daß schließlich das Band wegen Papiermangels zu Ende geht.“

Lem: Memoiren gefunden in der Badewanne – erneut gelesen

Die Memoiren (1961) sind für mich das beste Buch Lems und eines der besten Bücher, die ich kenne. Ich habe sie mindestens viermal und jetzt zum fünften Mal gelesen. Die Ausgabe st 508 von 1979 hat gegenüber der Insel-Ausgabe von 1974 noch eine Einleitung Stanislaw Lems, ist aber sonst gleich, nur dass infolge der Einleitung die Seitenzahl sich um +16 verschiebt. Für einen Deutschkurs habe ich 1991 einen kurzen Überblick über das erzählte Geschehen geschrieben (mit der Seitenzählung von st 508):

Das Ich irrt durch ein riesiges Dienstgebäude und erzählt, was ihm widerfährt und was es denkt.

1. Das Gebäude und sein Innenleben

Es ist beherrscht vom Amtieren der militärischen und zivilen Angestellten, welches mit dem Spionieren und dem Enttarnen von Spionen verschlungen ist. Reden und Dokumente sind chiffriert, ohne dass es einen Schlüssel zur Dechiffrierung gäbe. Das verhindert nicht, dass fortwährend Vorgänge und Reden „erklärt“ werden.

2. Das Ich und seine Situation:

Es ist gerufen und hat einen Spezialauftrag, den es nicht kennt und den niemand ihm sagen kann. Es verliert die zeitliche Orientierung, teilweise auch die Erinnerung an die Reihenfolge der Ereignisse. Es versucht, die Vorgänge zu verstehen, und gibt probeweise auch ihrer Nichtverstehbarkeit einen Sinn (sie seien eine „Probe“).

3. Das Ich als Erzähler

Es hat – neben seiner begrenzten Perspektive – auch keinen Abstand vom Geschehen, sondern erzählt parallel dem Geschehen (gleichzeitig). Es versucht, durch Reflexionen und Erinnerungen an frühere Erlebnisse im Gebäude einen kleinen Abstand zu gewinnen. Die Erzählsituation ist unklar; Anfang und Ende sind relativ offen. Es bleibt namenlos, eine Vorgeschichte wird nicht erzählt.

4. Die Aufgabe des Ich

Aus der Situation, dass das Ich sich in diesem Labyrinth befindet, ergeben sich verschiedene Aufgaben (Aspekte einer einzigen):

  • im Wissen: das Geschehen zu verstehen;
  • in den Beziehungen zu den Menschen: jemand zu vertrauen;
  • in der Selbstbehauptung: Widerstand gegen die Versuchungen zu Geständnissen und zur Selbstenttarnung oder zum Selbstmord zu leisten;
  • im Handeln: einem Freund oder Helfer treu zu sein.

Das sind sozusagen „objektive“ Aufgaben, die niemand an das Ich heranträgt, die sich vielmehr aus seiner Situation ergeben.

5. Ansätze bzw. Ansatzpunkte zur Lösung der Aufgabe:

  • das Hauchen (S. 99);
  • die Reflexion (Kap. VIII);
  • die Information durch den Spion (Kap. IX);
  • die Erklärung Barrans (S. 240 ff.);
  • die Erklärung Orfinis (S. 256 ff.), sein Angebot eines Bundes;
  • der Tod des Spions.

Es ist nicht nur erlaubt, sondern auch erwünscht, diesen ersten Entwurf zu korrigieren, vertiefen oder ergänzen zu versuchen. 2/91

Heute möchte ich noch einiges ergänzen. Erstens ist die außerordentliche Fülle witziger Einzelheiten bei den Maßnahmen des Spionierens, Täuschens und Überführens zu nennen. Hier hat der Übersetzer Walter Tiel hervorragende Arbeit geleistet, wobei man nicht abschätzen kann, was auf seine Kappe und was auf die des Autors Lem geht. Man muss allerdings ein wenig Latein und Griechisch können, um die meisten Witze zu verstehen. Zweitens ist mir aufgefallen, welche Bedeutung der Rückzug ins Badezimmer hat: In dem Gebäude unendlicher Betriebsamkeit und Beobachtung ist das Badezimmer ein Rückzugsort, wo das Ich Ruhe finden und nachdenken will – was aber zu keinem Ergebnis führt; wo das Ich auf ein Rasiermesser stößt und wo es sich mit einem anderen Spion verabredet. Bei dieser Reflexion scheitert der von Descartes propagierte Rückzug ins eigene zweifelnde Ich, weil es in der Welt totaler Chiffrierung keine wahre Auskunft (Botschaft) gibt und weil man deshalb auch keinem anderen vertrauen kann – selbst der Märtyrertod bezeugt nichts mehr, wie die letzten Sätze zeigen; niemand kann für etwas einstehen oder von etwas überzeugt sein. Hier berührt sich der Roman mit Wittgensteins Reflexionen „Über Gewissheit“. Das Ich hat auch seine zeitliche Orientierung verloren, seine Uhr ist zweimal stehen geblieben; wenn ich richtig zähle, verbringt es drei Tage im Gebäude (es schläft zweimal). – Da wir schon einmal bei der Philosophie waren, muss hier auch darauf hingewiesen werden, dass ein radikaler Konstruktivismus (mitsamt der Identitätsideologie) offensichtlich nur zu Nichts führen kann.

Erzähltechnisch ist interessant, dass der Leser (wie der alte Spion?) die Lügenhaftigkeit des ganzen Gebäudes versteht, obwohl sie eigentlich wegen der totalen Chiffrierung nicht erklärt werden kann. Unklar ist für mich, wann Lem die 15 Seiten der Einleitung geschrieben hat; in der Leinenausgabe 1974 fehlt sie, in der Taschenbuchausgabe 1979 steht sie. Durch die Einleitung werden die „Memoiren“ in einer fiktiven Rückschau relativ auf die Zeit des Kalten Krieges datiert und den Großmächten USA und UdSSR zugeordnet; aber diese zeitgeschichtliche Interpretation ist nicht erforderlich, da ja auch die Möglichkeit besteht, dass das Antigebäude gar nicht existiert und nur eine Fiktion des in sich durchdrehenden Spionierens des Gebäudes ist.

Neben dem Fokus auf das Spionagesystem ist auch der Blick auf das einzelne Ich erhellend, das glaubt, einen Auftrag zu haben, den ihm aber keiner anzugeben vermag, und das deshalb Schuldgefühle hat und dem Selbstmord nahe ist. Die Parallele zu den Überlegungen in meinem Beitrag „Berufen und erwählt – ein Wahn“ (im Blog also42) liegen auf der Hand. Dem Irrsinn des Gebäudes entkommt man nur, wenn man es verlässt; das Ich des Romans hatte diese Chance, hat sie aber nicht genutzt (dafür weiß der Leser, dass selbst der Märtyrer nichts mehr bezeugen kann).

https://www.nzz.ch/feuilleton/lem-das-digitale-paradies-fuer-schnueffler-und-kryptologen-1.18136035 (Besprechung in der NZZ)

Stanislaw Lem: Eden – gelesen

„Eden. Roman einer außerirdischen Zivilisation“ wurde 1959 veröffentlicht und von Caesar Rymarowicz ins Deutsche übersetzt. Mein Exemplar ist ein dtv-Taschenbuch aus dem Jahr 1974; ich meine, mich zu entsinnen, dass ich damals den Roman mit großer Begeisterung gelesen habe.

Es geht um eine Rakete und ihre sechs Mann Besatzung, die infolge eines Fehlers in der Atmosphäre des Planeten Eden abgestürzt ist. Diese sechs werden immer der Ingenieur, der Physiker, der Chemiker, der Kybernetiker, der Doktor und der Koordinator genannt; nur der Physiker wird gelegentlich mit dem Vornamen Henryk angesprochen. Erzählt wird, wie sie sich mühsam aus der in den Boden eingedrungenen Rakete befreien; wie sie den Planeten Eden erkunden; wie sie die beschädigte Rakete mit Hilfe ihrer verschiedenen Automaten innerhalb von zwei Wochen wieder in Stand setzen und aufrichten; wie zwei einzelne „Doppelts“, also seltsame Lebewesen des Planeten, zu ihnen kommen; wie zum Schluss mit einem von ihnen mittels ihres Kalkulators kommuniziert wird, wobei nicht klar wird, wie weit der Kalkulator den Doppelt und wie weit die Menschen den Kalkulator verstehen (bzw. der Doppelt den Kalkulator).

Einmal tobt sich die Phantasie des Autors in der Beschreibung der seltsamen Lebens- und Landschaftsformen auf dem Planeten Eden aus, wo es atmende Bäume und sich in den Boden zurückziehende Pflanzen gibt, sich drehende Räder als Fahrzeuge und automatisch-sinnlose Fabriken, Berge von Skeletten sowie seltsame unterjochte Lebewesen wie die bereits genannten Doppelts; zum zweiten faszinieren (bzw. faszinierten mich vor 40 Jahren) die vielen Maschinen und Automaten der Raumfahrer, die mit ihrem „Beschützer“ Antimaterie verschießen und so alle Gegenstände und Gegner ausradieren können… Das alles sind Spielereien der Fantasie, die mich heute auf die Dauer eher ermüden. Spannender ist schon die Frage, wie sich man mit völlig fremdartigen Lebewesen verständigen kann; denn das berührt ja Fragen, mit denen man auch hier und heute konfrontiert ist: wie man sich zum Beispiel mit Coronaleugnern oder Taliban verständigen kann, um nur zwei extreme Beispiele zu nennen.

Auf Eden ist offenbar die Informationstheorie dazu missbraucht worden, die Wesen zu unterjochen: „Selektionieren, Hemmen, Blockieren von Informationen. Man kann auf diese Weise tatsächlich eine geometrisch exakte, gräßliche ‚Prokrustik‘ betreiben , wie sich der Kalkulator ausdrückte. (…) Einer der Tyrannen kam offenbar auf den Gedanken, die Anonymität könnte ihm bei dem bestehenden Herrschaftssystem nützen. Eine Gesellschaft, die keinen Widerstand konzentrieren, keine feindlichen Gefühle gegen eine konkrete Person richten kann, wird entwaffnet. (…) Er liquidierte zum Schein sogar sein Inkognito, setzte sich selbst und das Regierungssystem ab – natürlich nur im Bereich der Begriffe, der Worte, der öffentlichen Kommunikation…“ Das ist im kommunistischen Polen, also in einer Diktatur, gedacht und geschrieben worden, die sich nicht nur „demokratisch“, sondern sogar Volksrepublik nannte; noch heute gibt es dazu Parallelen.

Interessant ist auch die Frage, die sich den sechs Raumfahrern stellt: Sollen sie diese schreckliche Regierung mit ihrem Beschützer bekämpfen und die armen Doppelts befreien? Ergäbe das etwas anderes als Mord und Totschlag, mit ungewissem Ausgang? Sie entscheiden sich dafür, das nicht zu versuchen; die beiden Doppelts bleiben auf eigenen Wunsch zurück und sterben im Feuerschweif der nach 15 Tagen um 12.07 Uhr startenden Rakete.

Stanislaw Lem: Die Untersuchung – gelesen

Der Roman wurde 1957/58 geschrieben und 1959 mit dem Untertitel „Kriminalroman“ veröffentlicht. Der allwissende Erzähler berichtet zurückhaltend von einem seltsamen Geschehen, das Beamte des Scotland Yard aufklären wollen: In letzter Zeit, in einem Frühjahr der 50er Jahre, sind in Friedhofshallen Leichen im Sarg umgedreht und später welche entwendet worden, zum Teil mit ebenfalls gestohlener Kleidung; dabei sind auch Katzen und Hunde im Zusammenhang der Ereignisse aufgetaucht.

Das erzählte Geschehen reicht von einem Montagmorgen bis in den Beginn des folgenden Sonntags. Der Wissenschaftler Sciss bringt als einziger die verschiedenen rätselhaften Ereignisse in einen Zusammenhang, indem er sie rein statistisch als Ereignisse versteht, die von einem Zentrum ausgehend sich ausbreiten, wobei der zeitliche Abstand mit dem Abstand vom Zentrum und der jeweils niedrigen Temperatur korreliert. Inspector Sheppard ruft den jungen Beamten Gregory zu sich und überträgt ihm den Fall, weil Gregory sich dafür interessiert, ohne sonst besonders qualifiziert zu sein.

Gleich am Montag hat Gregory dann einige seltsame Erlebnisse, er hört Geräusche im Haus seiner Wirtsleute und glaubt, in der U-Bahn eine der Leichen zu erkennen. Dienstag und Mittwoch passiert nichts, außer dass Gregory viel nachdenkt. Am Donnerstag entfernt sich erneut eine Leiche aus dem Sarg, kommt aber nur knapp aus dem Friedhofsgebäude heraus. Der Polizist Williams, der zur Bewachung der Leichenhalle eingesetzt war (wie im ganzen Distrikt in der Grafschaft Norfolk die Leichenhallen bewacht wurden), scheint entsetzt geflohen zu sein; er wurde von einem Auto auf der Straße erfasst und schwer verletzt, das Verhör des Autofahrers ergibt nichts.

Am Freitag und Samstag heftet Gregory sich an Sciss, den er als Täter verdächtigt; es werden viele Gespräche geführt, Möglichkeiten erwogen, ein neuer Totenfund erweist sich als Alptraum Gregorys. Sciss hat auch einen Zusammenhang zwischen dem Gebiet der Leichenereignisse und der niedrigen Krebsrate des Bezirks festgestellt. Gelegentlich wird auf die biblischen Erzählungen von Jesu Auferstehung angespielt. Sciss erzählt seine Vorgeschichte, wie er 1946 vor einer Fortsetzung des Wettrüstens gewarnt hat und deshalb entlassen wurde. Gregory hat einige Seltsamkeiten bei Sciss entdeckt; dieser kommt dahinter, dass Gregory ihn beschattet hat, und gesteht schließlich, er sei der Täter – dann geht er weg. Sheppard ruft bei Sciss an und bestellt Gregory in der Nacht zu sich. Er spielt Gregory eine Tonbandaufnahme (das Gerät hat noch ein magisches Auge – das kennen nur die Älteren!) mit Williams’ Aussage vor.

Dann setzt Gregory zu einer großen theoretischen Erklärung an: Man könne die natürliche Ordnung der Welt imitieren. „Wenn die Welt nicht ein vor uns verstecktes Puzzlespiel ist, sondern lediglich eine Suppe, in der chaotisch Stücke herumschwimmen, die von Zeit zu Zeit rein zufällig zu einem Ganzen zusammenkleben? (…) Die mathematische Ordnung der Welt ist unser Gebet an die Pyramide des Chaos. Nach allen Seiten hin ragen Bruchstücke des Lebens empor jenseits der Bedeutung, die wir als einheitlich festgesetzt haben, und wir wollen und wollen das nicht sehen! Indessen existiert nur die Statistik…“

Danach entwickelt Sheppard eine Theorie: Ein Fahrer der Spedition Mailer sei möglicherweise bei den nächtlichen Fahrten im Schnee und durch den Nebel durchgedreht und habe sich an den Leichen vergangen – „es gibt eine Menge von Phänomenen, die durch ihre Überschneidung die gesuchte Regelmäßigkeit ergeben“. Ein am Vortag verunglückter Fahrer der Firma Mailer komme als Täter in Frage. Gregory fragt darauf seinen Chef: „Haben Sie ihn in Verdacht gehabt? Haben Sie auch … wollten Sie nur die Elemente zusammenfügen, die zur Disposition standen, die uns zum Handeln zwangen, um diese Unordnung unter dem Anschein der Ordnung umzugestalten, um diesen offenen Fall abzuschließen, einfach aus einem Gefühl für Ordnung heraus? Darum geht es.“ Sheppard gibt ihm das zu und bestellt ihn für Montagmorgen zu sich.

Im Gespräch der Figuren bleiben Sätze oft unvollständig, werden nicht zu Ende geführt – ein Zeichen dafür, dass die Ordnung der Welt nicht so ist, wie wir sie uns vorstellen. Gregorys Verdacht gegen Sciss wird eigentlich durch nichts gestützt; das ist eine Schwäche des Romans, der durch viele Gespräche in der Mitte etwas überlastet ist. Zum Schluss stehen sich die metaphysische Theorie Gregorys und Sheppards rationale Erklärung gegenüber, ohne dass der Erzähler „So war es“ sagte.

Stanislaw Lem: Das Hospital der Verklärung – gelesen

„Das Hospital der Verklärung“ ist Lems erster Roman, den er 1948 geschrieben hat und der trotz mancher „Beratung“ und Überarbeitung nicht erscheinen durfte, bis er ihn 1974 in seiner ursprünglichen Form rekonstruiert und veröffentlicht hat. Das Hospital der Verklärung ist eine Irrenanstalt, über deren Eingangstor der Spruch CHRISTO TRANSFIGURATO steht, die also dem verklärten Christus geweiht ist – ob das mehr als ein frommer Spruch ist, sei offen gelassen.

Ein neutraler Erzähler begleitet den jungen arbeitslosen Arzt Stefan im Februar 1940 zuerst zum Begräbnis seines Onkel Leszek; die Riten des Begräbnisses und seine Familie sind und bleiben ihm fremd. Am Tag nach dem Begräbnis besucht ihn ein in der Nähe arbeitender Studienfreund, der ihn einlädt, als Arzt im gleichen Sanatorium zu arbeiten. Dort wird er in seine Arbeit eingeführt – das sind die Ereignisse der ersten drei Tage, die recht breit erzählt werden.

Im nächsten Drittel des Romans, das die Zeit bis zum Spätherbst umfasst, geht es um Personen, denen Stefan im Sanatorium begegnet; das sind sowohl verschiedene Ärzte wie auch Kranke, mit denen insgesamt recht brutal und ohne Interesse an den Menschen umgegangen wird. Der im Sanatorium untergekommene Dichter Sekulowski analysiert: „Das Irrenhaus ist doch stets der geistige Extrakt einer Epoche gewesen. (…) Erst hier, im Konzentrat, offenbaren sie unmissverständlich den Charakter ihrer Zeit. Es ist ein Museum der Seelen…“ Einem Jungen, der in der Anstalt töpfert, nähert Stefan sich mit menschlichen Interesse, „indem er sich allmählich vom Boden der Psychiatrie entfernte“. Auch andere Kranke erkennen in Stefan den Arzt, der sie respektiert.

Einen einzigen Menschen außerhalb des Hospitals lernt Stefan bei einem Spaziergang kennen, den Werkmeister Woch, einen Elektriker, der Stefan vor einem Gewitter mit in seine Umschaltstation nimmt. Wie sich später herausstellt, gehört der zurückhaltende Woch zu den Partisanen; Stefan ist von dessen Arbeit beeindruckt, „das wahre Leben gab es bei solchen Menschen wie Woch!“, wird personal erzählt. Sein Leben ist es, „das ihre ganze Welt aufrechterhielt“. Woch ist die Gegenfigur zum fabulierenden, arroganten nihilistischen Dichter Sekulowski, mit dem Stefan sich oft unterhält. In der Nähe Wochs „konnte man geborgen von Welten phantasieren, die ganz anders waren als die bestehende“.

Im Hospital bemüht Stefan sich auch, seinen in eine überaus schöne Kollegin verliebten Freund mit eben jener Ärztin Nosilewska zusammenzubringen, was nach einigen Versuchen endlich gelingt, aber nicht zum Erfolg führt, sondern Stanislaw verzweifelt zurücklässt. Diese Episode bereitet indirekt den Schluss vor, ebenso wie ein Wort von Stefans sterbendem Vater, zu dem er gerufen worden ist: „Wir Trzynieckis sind nun einmal so geartet, dass wir eine Frau brauchen.“ Diese Frau brauche nicht schön oder klug zu sein, sondern brauche „nur eins: Sanftmut, Gefühl“.

Im letzten Drittel, Ende des Herbstes 1940, brechen dann die Deutschen in die Welt des Sanatoriums ein: Sie suchen Partisanen, sie brennen Dörfer nieder und planen, wie man durch einen Apotheker erfährt, die Bewohner der Anstalt zu liquidieren. In diesem Teil ist die Aufregung der Ärzte groß, sie sind ratlos und handeln teilweise planlos – in der äußersten Bedrohung offenbaren die Menschen, was jeder einzelne in Wahrheit ist. Einige retten nur ihre eigene Haut, andere wollen Kranke verstecken, Sekulowski verrät sie am nächsten Morgen und wird trotzdem erschossen. Auch Woch sei geschnappt und erschossen worden, hört man. Die Kranken werden exekutiert, die Ärzte müssen vor den Ukrainern geschützt werden und können die Anstalt verlassen, einige dienen sich den Deutschen an.

Stefan verlässt mit der Kollegin Nosilewska in der folgenden Nacht das Haus; sie verirren sich und kommen völlig durchnässt in einer Scheune unter. Sie entledigen sich der nassen Kleidung, die Ärztin zieht ihn zu sich, so dass der aufgewühlte Stefan sich beruhigt, und küsst ihn. „Er wagte nicht zu fragen, ob sie ihn liebe. Sich so zu opfern, als gebe man einem Fremden den letzten Bissen, war mehr als Liebe. Er hatte also auch sie nicht gekannt.“ Ein bisschen kitschig ist der Schluss schon, aber er ist deshalb auch schön – offen und schön.

Wenn man versucht, den Roman unabhängig von der Zeitgeschichte und den Vorgängen im Sanatorium auf einen Nenner zu bringen, kann man sagen: Stefan, der zunächst der Welt fremd gegenübersteht, gewinnt die Nähe einiger Menschen, ohne sie deswegen zu kennen: den Arbeiter Woch, seinen sterbenden Vater, den töpfernden Jungen in der Anstalt und die Ärztin Nosilewska. Das ist angesichts des von den Deutschen und dem Wahnsinn der Kranken drohenden Untergang ein Trost in einer von Gott verlassenen Welt. Die Diskussionen mit dem Dichter über Literatur oder die Bemerkung seines Freundes, „bisher habe eigentlich keiner einen Roman über ihren Beruf geschrieben, der einen wirklichen Querschnitt durch das Milieu darstelle und ein wahrheitsgetreues Bild vermittle“, was ja wohl Lems Absicht trifft, treten dagegen in den Hintergrund.

Walther von der Vogelweide – u.a. „Vermächtnis“

Walther von der Vogelweide war einer der ganz Großen; seine Gedichte sollten auch heute nicht vergessen werden. Allerdings steht zwischen ihm und uns eine Sprachbarriere, die mittelhochdeutsche Sprache; doch gibt es viele Übertragungen ins Neuhochdeutsche. Ich stelle hier vier von ihnen anhand eines Beispiels vor; unten sind noch weitere Übertragungen genannt, die man kostenlos einsehen kann; dazu kann man heute weitere Übertragungen kaufen.

Karl Kinzels Übertragung habe ich als erste gelesen, „Vermächtnis“:

Nun will ich teilen, eh‘ ich scheide,

Mein Hab‘ und Gut, ist‘s auch nicht viel,

Daß niemand sich deswegen streite,

Als denen ich‘s vermachen will.

Mein Unglück möcht‘ ich denen geben,

Die nur von Haß und Neide leben,

Dazu auch mein‘ Unseligkeit;

Mein‘ schweren Lasten

Den Lügnern, den verhaßten.

Mein sinnlos Werben

Solln, die mit Untreu‘ lieben, erben;

Die Frau‘n: nach echter Lieb‘ sehnsüchtig Leid.

Bei Simrock ist das Gedicht mit „Letzter Wille“ überschrieben:

Nun teil ich, eh man mich begräbt,

mein fahrend Gut und liegend Land,

daß niemand Anspruch drauf erhebt,

als dem ich es hier zuerkannt.

All mein Unglück will ich denen hinterlassen,

die mit Haß und Neid am liebsten sich befassen,

dazu der Reue Bitterkeit;

all mein Grämen

mag der Lügner nehmen;

mein töricht Sinnen

sei denen, die mit Falschheit minnen;

den Fraun nach Herzensfreude sehnlich Leid.

Bei Eigenbrodt lautet die Überschrift „Vermächtnis“:

Mein fahrend Gut und Eigentum

Verschreib ich nun, bevor ich zieh.

So streitet niemand sich darum,

Als die es sollen erben hie.

   Die in Haß und Neide gern ihr Wesen treiben,

   Ihnen will ich all mein Mißgeschick verschreiben

   Und mein Unglück obendrein.

   Mein Kummer alle,

   Ihr Lügner, euch zufalle!

   Meine Thorheit erben

   Die ungetreu um Minne werben. –

   Die Fraun der Liebessehnsucht süße Pein.

Auch bei Zoozmann heißt das Gedicht „Vermächtnis“:

  Ich teile, eh ich scheide, nun

Mein fahrend Gut und liegend Land,

Damit deshalb der Streit mag ruhn,

Was dem und dem sei zuerkannt.

  All mein Unglück will ich denen lassen,

Die da immer neidisch sind und hassen,

Und der Reue Bitterkeit,

     All mein Grämen

     Soll der Lügner nehmen,

     All mein töricht Sinnen

Kriegen jene, die so treulos minnen –

Und den Frauen geb ich Sehnsuchtsleid.

Zoozmann führt als einziger eine zweite Strophe an; Zoozmanns Übertragung hat sicher den stärksten Rhythmus.

Walther von der Vogelweide und Des Minnesangs Frühling. Ausgewählt, übersetzt und erläutert von Karl Kinzel. Halle a. S., 3. Aufl. 1893 https://archive.org/details/walthervondervog00kinz/page/n3/mode/2up (Mhd. und nhd. Text, mit Arbeitshinweisen für Schüler; diese Ausgabe habe ich zuerst gelesen. Der eigenwillige Titel erklärt sich durch den Bezug auf „Des Minnesangs Frühling“. Hrsg. von Karl Lachmann und Moritz Haupt. Leipzig, 3. Aufl. 1882 https://archive.org/details/bub_gb_ZpglAeKduW0C/page/n3/mode/2up Vgl. dessen spätere von Friedrich Vogt korrigierte Ausgabe https://archive.org/details/desminnesangsfr00unkngoog/page/n7/mode/2up!

Constanze Heisterbergk: Walther von der Vogelweide. Eine Gabe für das deutsche Haus. Dresden-Leipzig 1910 (mhd.-nhd.) https://archive.org/details/walthervondervo00heisgoog/page/n11/mode/2up

Die Gedichte Walthers von der Vogelweide. Urtext mit Prosaübersetzung von Hans Böhm, Berlin 1944 https://www.projekt-gutenberg.org/waltherv/walthers/walthers.html

Walther von der Vogelweide. Hrsg., geordnet und erläutert von Karl Simrock. Bonn 1870 https://archive.org/details/walthervondervo00simrgoog/page/n5/mode/2up (mhd. Text)

Walther von der Vogelweide. Herausgegeben und erklärt von W. Wilmanns. Halle, 3. Aufl. 1912 https://archive.org/details/walthervondervog0000walt/page/n7/mode/2up

Walther von der Vogelweide. Herausgegeben und erklärt von Karl Bartsch. Leipzig 1880 https://archive.org/details/walthervondervo02bartgoog/page/n7/mode/2up (mhd. Text)

Die Gedichte Walthers von der Vogelweide. Hrsg. von Hermann Paul, Halle 1921 https://archive.org/details/diegedichtewalth00waltuoft/page/n3/mode/2up (mhd.)

Auswahl aus den Gedichten Walthers von der Vogelweide. Hrsg. und mit Anmerkungen und einem Glossar versehen von Bernhard Schulz. Leipzig 1880 https://archive.org/details/auswahlausdenged00waltuoft/page/n3/mode/2up (mhd.)

Walther von der Vogelweide, mit einer Auswahl Minnesang und Spruchdichtung. Mit Anmerkungen und einem Wörtbuch von Otto Güntter. Leipzig 1904 https://archive.org/details/walthervondervo10waltgoog/page/n7/mode/2up

Lieder von Walther von der Vogelweide. Ins Neudeutsche übersetzt von Wolrad Eigenbrodt. Halle 1898 https://archive.org/details/liedervonwalthe00vogegoog/page/n4/mode/2up

Walther von der Vogelweide. Schulausgabe. Halle 1887 (nhd.) https://archive.org/details/gedichtevonwalt00vogegoog/page/n10/mode/2upm

Walther von der Vogelweide: Sämmtliche Gedichte. Übersetzt von Eduard Kleber. Straßburg 1894 https://archive.org/details/bub_gb_q-0PAAAAYAAJ/page/n3/mode/2up

Die Gedichte Walther‘s von der Vogelweide.. Übersetzt von Bodo Menzel. Plauen 1889 https://archive.org/details/bub_gb_T_IPAAAAYAAJ/page/n3/mode/2up

Walther von der Vogelweide, aus dem Mittelhochdeutschen übertragen von Richard Zoozmann. Stuttgart 1900 (thematisch geordnet ) https://archive.org/details/walthervondervo00walt/page/n5/mode/2up (Das Inhaltsverzeichnis ist unvollständig.)

Die Gedichte Walthers von der Vogelweide. Übersetzt von Karl Simrock. Berlin 1906 https://archive.org/details/diegedichtewalt00morggoog/page/n14/mode/2up

https://de.wikipedia.org/wiki/Walther_von_der_Vogelweide Artikel in Wikipedia

Wernher der Gärtner: Meier Helmbrecht – gelesen

„Meier Helmbrecht“ ist ein großartiges Gedicht etwa aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, als die Ritter zu Raubrittern verkamen – eine Novelle von einem hübschen überheblichen Bauernsohn namens Helmbrecht, der von Mutter und Schwester verhätschelt wird und sich zu schade zum Arbeiten ist. Er beschließt, sich den Raubrittern anzuschließen. Das Streitgespräch mit dem Vater, der ihm abrät, ist großartig; auch vier böse Träume des Vaters schlägt er in den Wind, obwohl sie am Ende sich an ihm bewahrheiten. Er reitet fort und kehrt nach einem Jahr noch einmal heim, ohne dass man ihn erkännte. Er behandelt seine Eltern herablassend und lässt sich eine Woche lang verwöhnen. Der Vater stellt ihm vor, wie sich die gute Zeit früher von der heutigen unterscheidet. Helmbrecht, dessen Räubername Schlingdasland ist, berichtet von seinen Gefährten, die ähnlich heißen, und wirbt im Namen eines Genossen um seine Schwester Gotlind, die vom verheißenen Reichtum begeistert ist, sich ihm anschließt und mit einem Räuber getraut wird, doch schon sogleich diesen Schritt bereut – zu spät, der Richter mit seinen Schergen verhaftet am gleichen Tag die Bande und lässt neun der Burschen hängen, Helmbrecht aber blenden und verstümmeln. Der kehrt noch einmal ins Elternhaus zurück und wird dort verstoßen; dann fangen ihn einige von ihm ausgeraubte Bauern, verprügeln ihn und hängen ihn auf.

Die Dramatik der Gespräche und der Ereignisse, präzise und knapp erzählt, überzeugt auch heute noch, ebenso die Beschreibung des Schönlings Helmbrecht und seiner Kleidung, vor allem seiner Haube. Eigentlich ist das Gedicht viel zu schaden, um es Schülern in einer kurzen Nacherzählung zu präsentieren – man sollte es lesen, die 60 Seiten in einem Insel-Bändchen schafft man locker in ein bis zwei Stunden. – Das Geschehen spielt in der Nähe von Braunau am Inn; da fällt einem ein, dass Helmbrecht nicht der einzige Räuber war, der aus dieser Gegend stammt.

„Meier Helmbrecht“ von Wernher dem Gärtner. Übersetzt und erläutert (und um 119 Verse gekürzt) von Gotthold Bötticher. Halle 1891 https://archive.org/details/derarmeheinrich00btuoft/page/66/mode/2up (Diese Ausgabe habe ich gelesen.)

dito, übertragen von Fritz Bergemann (Insel – vollständig) https://archive.org/details/meierhelmbrecht00wernuoft/page/n1/mode/2up

Meier Helmbrecht. Hrsg. von Friedrich Panzer, Halle 1911 (mhd. Text mit Erläuterungen und mhd. Wörterbuch) https://archive.org/details/meierhelmbrechth00wernuoft/page/n3/mode/2up

Artikel in der Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Meier_Helmbrecht