Uli Däster: Johann Peter Hebel, rm 195 – gelesen

Uli Däster (1942-2012) war ein Schweizer Lehrer, der über Hebel promoviert hat; er war also ein ausgewiesener Kenner des Dichters und der Literatur über ihn. Das merkt man an der Monographie rm 195: Johann Peter Hebel in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Dargestellt von Uli Däster (Reinbek 1973).

Hebel ist der Autor, der mich in meiner Lehrtätigkeit am Gymnasium von Kl. 5-13 begleitet hat, freilich mit Unterbrechungen. In Kl. 5 und 6 habe ich zum Wochenende einzelne Kalendergeschichten vorgelesen; in Kl. 7 wurde an Kalendergeschichten eingeübt, wie man eine Geschichte aus einer anderen Perspektive neu erzählen kann (Ein Mann erzählt in der Wirtschaft seinen Bekannten: „Wie mich ein kluger Richter gegen ein böse Anklage freigesprochen hat“, u.a.). Und in Kl. 13 gehörten einzelne unbekannte Kalendergeschichten zu den kurzen Erzählungen, welche die Schüler zu analysieren hat (bis ins Abitur): Da konnten sie zeigen, was sie aus dem Stegreif zu leisten imstande waren, während die meisten Kollegen Auszüge aus bekannten Romanen vorlegten, an denen die Schüler beweisen mussten, was sie alles auswendig gelernt hatten. Schon in mein religionsphilosophisches Arbeitsbuch (Wohin mit der Religion?, 1978) hatte ich Hebels Erzählung „Die Bekehrung“ aufgenommen; Hebel hat mich durch die Jahrzehnte begleitet.

Uli Däster berichtet von Hebels Leben, von seiner Geburt in Basel 1760 bis zu seinem Tod in Schwetzingen 1826. Hebel war ein Kind einfacher Leute, mit 13 Jahren Vollwaise, der gern Landpfarrer geworden wäre, hauptamtlich Lehrer und schließlich oberster Protestant in Baden wurde. Er blieb Zeit seines Lebens Junggeselle, auch wenn einzelne Damen ihm viel bedeutet haben: Gustave Fecht, Madame Hensel und Sophie Haufe; mit ihr wie mit Gustave Fecht blieb er in regem Briefwechsel verbunden. Viele menschliche Züge Hebels treten in Dästers Buch hervor, die ich nicht kannte: seine Verbundenheit mit der Heimat und dem südlichen Rheinland; sein konservativer Zug; seine tiefe Religiosität, die Gott in der Welt fand und auch vor Polytheismus nicht zurückschreckte; sein Leben unter dem Eindruck der allgemeinen Vergänglichkeit; seine ausgelassenen Scherze mit Freunden und ihren Phantasien… Erstaunt hat mich, dass er eine kleine Theorie der Evolution aufgestellt hat: „Ich habe, wo der Faden in der 14. Klasse der Pflanzen ausgeht, den Übergang aus dem Pflanzenreich ins Tierreich gezeigt…“ (Brief an Gmelin, 28. Nov. 1796)

Von den Werken Hebels werden vor allem die Alemannischen Gedichte und die Kalendergeschichten beachtet, ein wenig auch die Biblischen Geschichten der späten Jahre. Insgesamt bietet Uli Däster ein facettenreiches Bild des Dichters, aber auch der unten genannte Katalog der Sonderausstellung 2010 ist nicht zu verachten. Und natürlich Hebel selbst: immer wieder die Kalendergeschichten (und für die Badenser natürlich auch die Alemannischen Gedichte)!

https://cdn.website-editor.net/2ab3831c91d447929f4c65718d809e86/files/uploaded/Hebel-Brosch%25C3%25BCre_.pdf (Katalog zur Ausstellung 2010, sehr informativ)

http://hausen.pcom.de/jphebel/hebel_verzweig.htm Werke

http://hausen.pcom.de/jphebel/geschichten/geschichten_gesamtverzeichnis.htm die Kalendergeschichten

W. Drews: Lessing – noch einmal gelesen

Wolfgang Drews: Gotthold Ephraim Lessing in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. rm 75, Reinbek 1962

Ein stolzes Alter hat das Buch: 60 Jahre; nur die Älteren kennen vermutlich noch „rowohlts monographien“, eine Reihe, in der verschiedenste Geistesgrößen dem breiten Publikum nahegebracht werden sollten und wurden. Den Autor Wolfgang Drews kennt heute keiner mehr, in der Wikipedia findet man nur einen Hinweis, im Netz den Anfang des Artikels im Munzinger (Schriftsteller und Theaterkritiker, 1903-1975). Ehe ich das Büchlein endgültig entsorge, habe ich es noch einmal gelesen; ich hatte es 1964 für eine Seminararbeit über Lessings „Die Erziehung des Menschengeschlechts“ (1780) herangezogen und die Stellen markiert und notiert, die ich eventuell zu verwerten gedachte. Selbst für eine Seminararbeit taugt aber der Text des Autors Drews kaum, eher die von ihm zitierten Stellen aus Lessings Briefen. Vor allem sind in rm 75 eindrucksvoll:

  • Ich würde nicht so lange angestanden haben, an Sie zu schreiben…“ (Brief an die Mutter, S. 13 ff.)

  • Endlich dringt mich die Not, an Sie zu schreiben.“ (Brief an Nicolai, S. 71 ff.)

  • Aber liebe, liebste Freundin, sollte ich nicht ein wenig schmählen…“ (Brief an Elise Reimarus)

  • die beiden Briefe an Eschenburg vom 31. Dez. 1777 und vom 10. Jenner 1778 zum Tod des Sohnes und der Frau.

Sie zeigen den Menschen Lessing. Einige wenige andere Stellen offenbaren den Dichter und Denker: „Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet…“; die Polemik gegen Gottsched (‚„Niemand“, sagen die Verfasser der Bibliothek, „wird leugnen…“ Ich bin dieser Niemand…‘); das Gedicht „Auf ein Karussell“; und natürlich der Anti-Goeze: „Lieber Herr Pastor! Poltern Sie doch nicht so in den Tag hinein…“. „Laokoon“ und die Hamburgische Dramaturgie bleiben in Drews’ Darstellung kaum verständlich, „Die Erziehung des Menschengeschlechts“ wird nur erwähnt, die Dramen werden allzu knapp vorgestellt; die verbindenden Texte sind journalistisch-flott, doch weithin nichtssagend: Man bekommt insgesamt ein Bild vom Menschen Lessing, nicht vom Dichter.

Ohne Quellenangabe zitiert Drews ein Stück, das hier den Schluss bilden soll: „Ich habe immer geglaubt, es sei die Pflicht der Kritikus, sooft er ein Werk zu beurteilen vornimmt, sich nur auf dieses Werk allein einzuschränken; an keinen Verfasser dabei zu denken; sich unbekümmert zu lassen, ob der Verfasser noch andere Bücher , ob er noch schlechtere oder bessere geschrieben habe; uns nur aufrichtig zu sagen, was für einen Begriff sich man aus diesem gegenwärtigen allein mit Grunde von ihm machen könne.“

P.S. Wenn man die zitierten Stellen über google verifizieren will, stößt man auf das Problem der Differenz der damaligen Rechtschreibung zur heutigen. Das Zitat am Ende findet man nur, wenn man eingibt: „ich habe immer geglaubt, es sey die pflicht des kriticus“ (105. Literaturbrief) Bei der Suchmaschine etools klappt es auch mit der modernen Rechtschreibung.

Theodor Fontane: Gedichte – kleine Blütenlese

Vor Jahren habe ich „Theodor Fontane: Gedichte. Ausgewählt von Rüdiger Görner“ als sogenanntes Mängelexemplar gekauft. Heute habe ich es zum zweiten Mal durchgeblättert, um zu prüfen, woran ich mich in Zukunft noch erinnern möchte. Dabei ist Folgendes herausgekommen:

Aus „Verzeiht“ strahlt vor allem in der ersten Strophe eine wohltuende Ruhe aus, nach der ich mich angesichts des heutigen allgemeinen Geschreis sehne:

Verzeiht den Anekdotenkram

Und daß niemals ich einen »Anlauf« nahm,

Auch niemals mit den Göttern grollte,

Nicht mal den Staat verbessern wollte,

Nicht mal mit »sexuellen Problemen«

Gelegenheit nahm mich zu benehmen.

Unter „Sprüche“ gefallen mir Nr. 1 und Nr. 10:

Nicht Glückes-bar sind deine Lenze… (und)

Man wird nicht besser mit den Jahren,
Wie sollt‘ es auch, man wird bequem
Und bringt, um sich die Reu‘ zu sparen,
Die Fehler all in ein System.

Das gibt dann eine glatte Fläche,
Man gleitet unbehindert fort,
Und »allgemeine Menschenschwäche«
Wird unser Trost- und Losungswort.

Die Fragen alle sind erledigt,
Das eine geht, das andre nicht,
Nur manchmal eine stumme Predigt
Hält uns der Kinder Angesicht.

Köstlich finde ich „Aber wir lassen es andere machen“, wo das Wort des Chinesen vom Tanzen („Aber wir lassen es andere machen“) zur Lebensmaxime des lyrischen Ichs wird:

So sag ich: »Alles hat seine Zeit.
Auch die Jagd nach dem Glück. All derlei Sachen,
Ich lasse sie längst durch andere machen.«

Zum Denken, nicht zur Nachahmung regt das Gedicht „Wissen und Wähnen“ an: Der Adler in der Höhe, im Licht ist einsam, das Vöglein im Käfig erfreut sich im Spiegel vermeintlich eines lieben Genossen. Große Lebensweisheit spricht aus dem Gedicht „Es kribbelt und wibbelt weiter“, wo angesichts weltumstürzender Katastrophen empfohlen wird:

So banne dein Ich in dich zurück

Und ergib dich und sei heiter;

Was liegt an dir und deinem Glück?

Es kribbelt und wibbelt weiter.

Auch „Geschichtsschreibung“ ist ein kluges Gedicht; in vier Zeilen weiß Fontane zu sagen: „Geschichten und Geschichte / Wachsen und wechseln schon im Entstehen.“

Von den Balladen hat mir als Jugendlichem „Archibald Douglas“ gefallen; in der Schule haben wir regelmäßig „Die Brücke am Tay“, „John Maynard“ und „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ gelesen. Jetzt fällt mir noch „Prinz Louis Ferdinand“ auf, dem ich (literarisch) in den Berliner Salons um 1800 (Varnhagen, Herz) begegnet bin und der ein literarisches Denkmal verdient:

Sechs Fuß hoch aufgeschossen,
Ein Kriegsgott anzuschaun,
Der Liebling der Genossen,
Der Abgott schöner Fraun,
Blauäugig, blond, verwegen
Und in der jungen Hand
Den alten Preußendegen –
Prinz Louis Ferdinand.

Als letztes nenne ich ein Gedicht, in dem ausgesprochen wird, was viele Menschen angesichts großer Verluste erfahren haben:

Die Frage bleibt

Halte dich still, halte dich stumm,
Nur nicht forschen, warum, warum?

Nur nicht bittre Fragen tauschen,
Antwort ist doch nur wie Meeresrauschen.

Wie’s dich auch aufzuhorchen treibt,
Das Dunkel, das Rätsel, die Frage bleibt.

http://www.zeno.org/Literatur/M/Fontane,+Theodor/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1898)

https://de.wikisource.org/wiki/Gedichte_Fontane_(Ausgabe_1905)

https://gedichte.xbib.de/gedicht_Fontane.htm

Rolf Meyer: Limericks

Beim Aufräumen bin ich auf ein Bändchen Gedichte von Rudolf Meyer, Aachen, gestoßen, den ich nur unter dem Namen Rolf Meyer kenne; Rolf hat meinem mit ihm befreundeten Schwiegervater, der auf Familienfesten gern Gedichte vortrug, solche Gedichte geliefert. Er hat auch bemerkenswerte Bilder gemalt, von den mehrere in unserem Haus hängen. Er ist inzwischen verstorben; dass er mit dem am 14. Mai 2021 verstorbenen Rolf Meyer identisch ist, kann ich nur annehmen. Zum Andenken an „meinen“ Rolf Meyer zitiere ich drei seiner Limericks.

Bangen im Ganges

Ein Inder, der stieg in den Ganges,

immer tiefer ins Wasser, schon drang es

vom Hals übers Kinn,

da beschlich seinen Sinn

ein seltsam Gefühl, ein gar banges.

Sprichwörtlich

Ein Gaul, ein geschenkter, beklagte,

daß keinem sein Maul je behagte.

Man schaue dem Gaul

nicht gerne ins Maul,

sprach jeder persönlich Befragte.

Verwechslung

Ins Affengehege, das leider

nicht geschlossen, verlief sich ein Schneider.

Die Leute, die lachten,

doch einige dachten:

Wie kommt nur das Tier an die Kleider?

Mascha Kaleko zum Gedächtnis

Beim Aufräumen bin ich auf ein Bändchen Gedichte von Mascha Kaleko gestoßen („Verse für Zeitgenossen“). Es stehen nicht viele darin, die bleiben werden. Nach dem ersten Lesen halte ich „Memento“ für bedenkenswert. Man findet es auf der Seite https://www.maschakaleko.com/gedichte. „Wo sich berühren Raum und Zeit…“ berührt mein Empfinden: dass wir im Kosmos und seiner unendlichen Geschichte wirklich nur Stäubchen sind, die im Luftstrom der Zeit einfach verweht werden:

Dein Weltbild, Zwerg, wie du auch sinnst,

Bleibt ein Phantom, ein Hirngespinst.

Dein Ich – das Glas, darin sich Schatten spiegeln,

Das „Ding an sich“ ein Buch mit sieben Siegeln.

Der letzte Vers fällt ein wenig aus dem Rahmen – er gibt dem Ding an sich eine Bedeutung, die ihm nicht zukommt. Im Gedicht „Kleine Zwischenbilanz“ ist der Gedanke, dass Schweigen besser als Reden ist, nicht streng durchgehalten: Erstens hat sie doch drei schmale Bände geschrieben, und zweiten finde ich es albern, dem Wind zuzugestehen, dass er viel weiß; auch finde ich im vorletzten Vers den Feigen nicht optimal, da wäre mir der Dumme lieber.

Mit einem Jugendbildnis“ finde ich leider nicht im Netz; es geht darin um die Erfahrung, dass man beinahe erschrickt, wenn man die Bilder alter Leute aus ihrer Jugendzeit sieht. Recht hat sie, dass man dann denkt:

Gemessen und gezählt ist unsre Frist

Auf diesem Stern, der so vergänglich ist.

Man kann das Gedicht mit „Das Ende vom Lied“ vergleichen.

An Kästner erinnert mich das Gedicht „Der Bescheidwissenschaftler“, das ich leider im Netz nicht finden kann. Ich will wenigstens die beiden ersten Strophen zitieren:

Er ist beim Weltall angestellt,

Vor fremder Tür zu kehren.

Bevor die große Glocke schellt,

Hat er sie läuten hören.

Er kniet für einen Silberling

Vor Hohem und Gemeinem,

Er kennt den Preis für jedes Ding,

Den Wert kennt er von keinem.

Die zweite Strophe lässt mich aber schon skeptisch fragen: Ist das wirklich ein Bescheidwissenschaftler oder einfach ein Wendehals? Aber immerhin, der Bescheidwisser verdient eine Typisierung. Als letztes Gedicht nenne ich „Temporäres Testament“, das man auf der wunderbaren Seite von Fritz Stavenhagen findet, der viele Gedichte Machs Kelekos gesprochen hat: https://www.deutschelyrik.de/kaleko.html

Man findet unter „Mascha Kaleko“ auch eine Sammlung von Gedichten, auf die ich noch hinweisen möchte: https://www.pinterest.at/spinne55/mascha-kal%C3%A9ko/

Goethe: Dichtung und Wahrheit – gelesen

Bisher hatte ich nur gelegentlich in „Dichtung und Wahrheit“ gestöbert, um Auskunft etwa über die Entstehung des „Götz“ oder das Verhältnis zu Friedrike zu erhalten. Dieser Tage habe ich Goethes Autobiografie erstmals ganz gelesen, geleitet vom Kommentar in der Hamburger Ausgabe (neunte, neubearbeitete Auflage 1981). Die ersten 15 Bücher sind, so erfährt man dort, von Januar 1811 bis Oktober 1813 entstanden; am vierten Teil (Buch 16-20) hat Goethe mit großen Unterbrechungen von 1813 bis 1831 gearbeitet – diesen Teil hat er nicht mehr selbst veröffentlicht, man spürt beim Lesen gelegentlich holperige Übergänge. Was mich überrascht hat, ist die Tatsache, wie viele Bücher Goethe aus der herzoglichen Bibliothek entliehen hat, um sein Bild von den Ereignissen und Personen aufzufrischen; denn was er erzählt, sind die Begebenheiten seines Lebens von 1749 bis 1775, bis zum Aufbruch nach Weimar, der seinem Leben eine neue Richtung gegeben hat.

Die beste Übersicht über den Inhalt des Buches findet man auf der Seite de-academic.com (s. unten). Hier kann es nur darum gehen, auf einzelne Stellen hinzuweisen, die mich beeindruckt haben. Die erste steht im 4. Buch, wo Goethe über die Religion der Erzväter (Abraham und seine Nachkommen) bzw. seine Beschäftigung als Kind damit erzählt. Dort hat er, ein kleiner Vorläufer Thomas Manns, die Idee eines Joseph-Romans: Die Geschichte Josephs zu bearbeiten war mir lange schon wünschenswert gewesen; allein ich konnte mit der Form nicht zurecht kommen, besonders da mir keine Versart geläufig war, die zu einer solchen Arbeit gepaßt hätte. Aber nun fand ich eine prosaische Behandlung sehr bequem und legte mich mit aller Gewalt auf die Bearbeitung. Nun suchte ich die Charaktere zu sondern und auszumalen, und durch Einschaltung von Inzidenzien und Episoden die alte einfache Geschichte zu einem neuen und selbstständigen Werke zu machen. Ich bedachte nicht, was freilich die Jugend nicht bedenken kann, daß hiezu ein Gehalt nötig sei, und daß dieser uns nur durch das Gewahrwerden der Erfahrung selbst entspringen könne. Genug, ich vergegenwärtigte mir alle Begebenheiten bis ins kleinste Detail, und erzählte sie mir der Reihe nach auf das genauste.“

Einen Hinweis verdient die Bemerkung über seine Gottesverehrung in der Natur (6. Buch, HA Bd. 9, S. 223,10 ff.) Auf der gleichen Seite findet man einen Kommentar, der von Goethes Altersweisheit geprägt ist: Glückliche Beschränkung der Jugend! ja der Menschen überhaupt, daß sie sich in jedem Augenblicke ihres Daseins für vollendet halten können, und weder nach Wahrem noch Falschem, weder nach Hohem noch Tiefem fragen, sondern bloß nach dem, was ihnen gemäß ist.“ Solche Kommentare haben mir mehr Freude bereitet als Landschafts- und Personenbeschreibungen. Öfter findet man den Verweis auf deutsche Art und Eigenart, und zwar immer im positiven Sinn. So spricht Goethe im 7. Buch vom Bemühen der Schriftsteller, sich dem König Friedrich II. bemerkbar zu machen; „aber man tat’s auf deutsche Weise, nach innerer Überzeugung, man tat, was man für recht erkannte, und wünschte und wollte, dass der König dieses deutsche Rechte anerkennen und schätzen sollte.“ Was Goethe über die kirchliche (hier katholische) Religion im 7. Buch schreibt (HA Bd. 9, S. 289,23 ff.), zeugt von tiefem Verständnis, beschreibt aber einen Idealzustand, den es de facto kaum gab – Religion war und ist durchweg eine Sache des Herkommens. In vielen Sentenzen spricht Goethe aus seinem konservativen Herzen: „Wie froh sind die Menschen, wenn sie einen Widersacher, ja nur einen Hüter los sind, und die Herde bedenkt nicht, dass da, wo der Rüde fehlt, sie den Wölfen ausgesetzt ist.“ (9. Buch) Bedenkenswert ist, was er über Dank und Dankbarkeit im 10. Buch schreibt: „Dank und Undank gehören zu denen in der moralischen Welt jeden Augenblick hervortretenden Ereignissen, worüber die Menschen sich unter einander niemals beruhigen können. Ich pflege einen Unterschied zu machen zwischen Nichtdankbarkeit, Undank und Widerwillen gegen den Dank. Jene erste ist dem Menschen angeboren, ja anerschaffen: denn sie entspringt aus einer glücklichen, leichtsinnigen Vergessenheit des Widerwärtigen wie des Erfreulichen, wodurch ganz allein die Fortsetzung des Lebens möglich wird. Der Mensch bedarf so unendlich vieler äußeren Vor- und Mitwirkungen zu einem leidlichen Dasein, daß, wenn er der Sonne und der Erde, Gott und der Natur, Vorvordern und Eltern, Freunden und Gesellen immer den gebührenden Dank abtragen wollte, ihm weder Zeit noch Gefühl übrig bliebe, um neue Wohltaten zu empfangen und zu genießen. Läßt nun freilich der natürliche Mensch jenen Leichtsinn in und über sich walten, so nimmt eine kalte Gleichgültigkeit immer mehr überhand, und man sieht den Wohltäter zuletzt als einen Fremden an, zu dessen Schaden man allenfalls, wenn es uns nützlich wäre, auch etwas unternehmen dürfte. Dies allein kann eigentlich Undank genannt werden, der aus der Roheit entspringt, worin die ungebildete Natur sich am Ende notwendig verlieren muß. Widerwille gegen das Danken jedoch, Erwiderung einer Wohltat durch unmutiges und verdrießliches Wesen ist sehr selten und kommt nur bei vorzüglichen Menschen vor…“ (Bd. 9, S. 410,35 ff.) Der Rest des 10. Buchs ist dann der Begegnung mit Friederike gewidmet, den sollte man ganz lesen.

Im 11. Buch finden wir eine grundsätzliche Bemerkung über den Lebenslauf im allgemeinen (Bd. 9, S. 478,28 ff.) und über seinen eigenen Weg zu Erkenntnis: Aber so sollte es mir immer ergehn, daß ich durch Anschauen und Betrachten der Dinge erst mühsam zu einem Begriff gelangen mußte, der mir vielleicht nicht so auffallend und fruchtbar gewesen wäre, wenn man mir ihn überliefert hätte. (S. 500,1 ff.)

Im 13. Buch sind die Reflexionen über Kunst und das Missverhältnis von Autor und Leser bemerkenswert (S. 590,11 ff. und S. 592,9 ff.). Im 14. Buch berichtet er über seine erste Begegnung mit Jacobi und versucht dabei, einige seiner eigenen Eigenarten zu verstehen (Bd. 10, S. 31,28 ff.). Für den Deutschlehrer ist natürlich wichtig, was Goethe über die Entstehung des „Mahomet“ im Zusammenhang einer Reflexion des Verhältnisses von Göttlichem und Weltlichem berichtet (S. 38,24 ff.). Ebenso wird er sich dafür interessieren, was der Autor im 16. Buch über die Entstehung des Knittelverses im Anschluss an Hans Sachs zu sagen weiß (S. 121 f.). Die zweite Hälfte des vierten Teils ist vom Verhältnis zu Lili und der Schwierigkeit, sich voneinander zu lösen, geprägt (S. 93 ff.)

Gleich zu Beginn des vierten Teils, im 16. Buch, berichtet Goethe über den Eindruck, den Spinoza auf ihn gemacht hat: Unser physisches sowohl als geselliges Leben, Sitten, Gewohnheiten, Weltklugheit, Philosophie, Religion, ja so manches zufällige Ereignis, alles ruft uns zu, daß wir entsagen sollen. So manches, was uns innerlich eigenst angehört, sollen wir nicht nach außen hervorbilden, was wir von außen zu Ergänzung unsres Wesens bedürfen, wird uns entzogen, dagegen aber so vieles aufgedrungen, das uns so fremd als lästig ist. Man beraubt uns des mühsam Erworbenen, des freundlich Gestatteten, und ehe wir hierüber recht ins klare sind, finden wir uns genötigt, unsere Persönlichkeit erst stückweis und dann völlig aufzugeben. Dabei ist es aber hergebracht, daß man denjenigen nicht achtet, der sich deshalb ungebärdig stellt, vielmehr soll man, je bittrer der Kelch ist, eine desto süßere Miene machen, damit ja der gelassene Zuschauer nicht durch irgend eine Grimasse beleidigt werde.

Diese schwere Aufgabe jedoch zu lösen, hat die Natur den Menschen mit reichlicher Kraft, Tätigkeit und Zähigkeit ausgestattet. Besonders aber kommt ihm der Leichtsinn zu Hülfe, der ihm unzerstörlich verliehen ist. Hiedurch wird er fähig, dem Einzelnen in jedem Augenblick zu entsagen, wenn er nur in dem andern nach etwas Neuem greifen darf; und so stellen wir uns unbewußt unser ganzes Leben immer wieder her…“ (S. 77,14 ff.)

Vor der geplanten Schweizer Reise mit den Brüdern Stolberg warnt Merck ihn und charakterisiert ihn dabei: »Dein Bestreben«, sagte er, »deine unablenkbare Richtung ist, dem Wirklichen eine poetische Gestalt zu geben; die andern suchen das sogenannte Poetische, das Imaginative, zu verwirklichen, und das gibt nichts wie dummes Zeug.« (S. 128,32 ff.)

Im 20. Buch blickt Goethe noch einmal auf seine Autobiografie zurück: „Man hat im Verlaufe dieses biographischen Vortrags umständlich gesehn, wie das Kind, der Knabe, der Jüngling sich auf verschiedenen Wegen dem Übersinnlichen zu nähern gesucht, erst mit Neigung nach einer natürlichen Religion hingeblickt, dann mit Liebe sich an eine positive festgeschlossen, ferner durch Zusammenziehung in sich selbst seine eignen Kräfte versucht und sich endlich dem allgemeinen Glauben freudig hingegeben. Als er in den Zwischenräumen dieser Regionen hin und wider wanderte, suchte, sich umsah, begegnete ihm manches, was zu keiner von allen gehören mochte, und er glaubte mehr und mehr einzusehn, daß es besser sei, den Gedanken von dem Ungeheuren, Unfaßlichen abzuwenden. Er glaubte in der Natur, der belebten und unbelebten, der beseelten und unbeseelten, etwas zu entdecken, das sich nur in Widersprüchen manifestierte und deshalb unter keinen Begriff, noch viel weniger unter ein Wort gefaßt werden könnte. Es war nicht göttlich, denn es schien unvernünftig, nicht menschlich, denn es hatte keinen Verstand, nicht teuflisch, denn es war wohltätig, nicht englisch, denn es ließ oft Schadenfreude merken. Es glich dem Zufall, denn es bewies keine Folge, es ähnelte der Vorsehung, denn es deutete auf Zusammenhang. Alles, was uns begrenzt, schien für dasselbe durchdringbar, es schien mit den notwendigen Elementen unsres Daseins willkürlich zu schalten, es zog die Zeit zusammen und dehnte den Raum aus. Nur im Unmöglichen schien es sich zu gefallen und das Mögliche mit Verachtung von sich zu stoßen. Dieses Wesen, das zwischen alle übrigen hineinzutreten, sie zu sondern, sie zu verbinden schien, nannte ich dämonisch, nach dem Beispiel der Alten und derer, die etwas Ähnliches gewahrt hatten. Ich suchte mich vor diesem furchtbaren Wesen zu retten, indem ich mich, nach meiner Gewohnheit, hinter ein Bild flüchtete.“ (S. 171,11 ff.) Jenes Dämonische erklärt Goethe kurz darauf näher (S. 177,6 ff.)

Am Schluss des 20. Buchs und damit des ganzen Werks zitiert Goethe, als er sich dem Drängen der Frau Delph, nach Mannheim zu kommen, widersetzt und nach Weimar aufbricht, begeistert ein Wort Egmonts: »Kind, Kind! nicht weiter! Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals leichtem Wagen durch, und uns bleibt nichts als, mutig gefaßt, die Zügel festzuhalten und bald rechts, bald links, vom Steine hier, vom Sturze da, die Räder abzulenken. Wohin es geht, wer weiß es? Erinnert er sich doch kaum, woher er kam.«

https://de.wikipedia.org/wiki/Aus_meinem_Leben._Dichtung_und_Wahrheit (knapp, schwach, nur an äußeren Ereignissen orientiert)

https://de-academic.com/dic.nsf/dewiki/327620 (ausführlich, gute Übersicht)

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/aus-meinem-leben-dichtung-und-wahrheit (rein formal, erste Übersicht)

https://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/wp-content/uploads/2015/09/XIII-Dichtung-und-Wahrheit-Protokoll-Goethe-VL-vom-01.02.2011.pdf (relativ kurzer kluger Kommentar mit einigen Zitaten und Urworte Orphisch)

https://archive.org/details/erluterungenzu34dnuoft/page/n5/mode/2up (Goethes Dichtung und Wahrheit. Erläutert von Heinrich Düntzer. Erster Teil. Einleitung, 1881)

https://archive.org/details/erluterungenzu3536dnuoft/page/n5/mode/2up (Goethes Dichtung und Wahrheit. Erläutert von Heinrich Düntzer. Zweiter Teil. Erläuterung, 1881)

https://archive.org/details/goethesdichtung00jahngoog/page/n5/mode/2up?view=theater (Goethes Dichtung Wahrheit. Vorgeschichte – Entstehung – Kritik – Analyse, von Kurt Jahn, 1908)

https://archive.org/details/goethesleipziger00voge/page/n7/mode/2up?view=theater (Goethes Leipziger Studentenjahre. Bilder und Erläuterungen…, von Julius Vogel, 1922)

https://archive.org/details/dichtungundwahrh00goet/page/n7/mode/2up?view=theater (Illustrierte und kommentierte Ausgabe, 1903, Vogel – Zeitler – Wülker)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Autobiographisches/Aus+meinem+Leben.+Dichtung+und+Wahrheit/Dritter+Teil/F%C3%BCnfzehntes+Buch (Text, hier findet man sich leichter als bei Projekt Gutenberg zurecht)

https://www.projekt-gutenberg.org/goethe/dichwah1/dichwah1.html (Text)

https://librivox.org/aus-meinem-leben-dichtung-und-wahrheit-von-johann-wolfgang-von-goethe/ (gesprochen)

Kim de l’Horizon – Blutbuch – Deutscher Literaturpreis 2022

Mit dem deutschen Buchpreis 2022 für „Blutbuch“ von Kim de l’Horizon ist ein Mensch und sein Buch geehrt worden, die davon leben, sexuell nicht-binär sein zu wollen. Und die daraus ein großes Problem machen und im modernen sexuell bestimmten Identitäts-Diskurs groß in den Vordergrund rücken. Das hat besagter Kim zusätzlich dadurch geschafft, dass er sich bei der Preisverleihung die Haare abrasierte, mag das nun ein Zeichen der Solidarität mit iranischen Frauen oder eine Demonstration des Nichtbinären oder sonst etwas gewesen sein – Rainald Goetz hat sich ja seinerzeit auch mit der Klinge geritzt und van Gogh hat sich sogar ein Ohr abgeschnitten; aber nicht jeder, der sich verschandelt, ist ein Genie wie van Gogh.

Aus den Besprechungen entnehme ich, dass Kim beschreiben will, wie es sich anfühlt, queer zu sein; aber ehrlich gesagt, das interessiert mich nicht. Über die ganze Fokussierung auf die Sexualität und die Zelebrierung ihrer Spielarten in links-grünen Modezirkeln ärgere ich mich; ich halte es für eine arge Verengung des Blicks auf den Menschen, wenn man primär auf die Geschlechtsteile und das darüber schwebende Bauchgefühl blickt und das, was jemand mit besagten Körperteilen und dem zugehörigen Bauchgefühl alles anstellt. Die Bandbreite des Menschlichen ist deutlich größer.

Ich frage mich, was Goethe, Fontane, Thomas Mann oder Robert Musil sagten, wenn sie hörten, wer den deutschen Buchpreis 2022 wofür bekommen hat. Ich gebe zu, ich habe das Buch nicht gelesen und werde es auch nicht lesen, kenne nur zwei gute Besprechungen (s.u.); das reicht mir.

https://kommunikativeslesen.com/2022/10/08/kim-de-lhorizon-blutbuch/ (umfangreich, übersichtlich)

https://literaturkritik.de/de-lhorizon-blutbuch-gender-trouble-a-la-suisse,29220.html (eine der wenigen vernünftigen Besprechungen)

https://www.srf.ch/kultur/literatur/roman-blutbuch-kim-de-l-horizon-steigt-auf-und-ist-schwer-zu-greifen (knapp)

Kim de l’Horizon

https://de.wikipedia.org/wiki/Kim_de_l%E2%80%99Horizon (der Autor)

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/deutscher-buchpreis-2022-fuer-kim-de-l-horizon-18393529.html (Preisverleihung)

P.S. Ich werde den Verdacht nicht los, dass Kim de l’H die Literatur und die Inszenierung seines Lebens als Showgeschäft betreibt. Wenn es stimmt, dass in den Buchhandlungen i.W. die top-ten-Bücher verkauft werden, muss man es schaffen, unter die top ten zu kommen, und zwar mit allen Mitteln – sonst ist man ein toter Mann oder eine tote Frau oder ein(e) tote(r) Nichtbinäre(r): Und dieses dreifache (e) vor dem Doppelpunkt, dass ist eine Auszeichnung, die nicht jeder bekommt und die für Aufmerksamkeit sorgt – Aufmerksamkeit, das kostbarste Gut in der verrückten tik-tok-Welt.

Untersuchungen zu Julia Francks Büchern

Im letzten SZ-Magazin (14. Oktober 2022) stand ein großes Interview mit Julia Franck, die ein wahrhaft bewegtes Leben geführt und mit „Die Mittagsfrau“ den Dt. Buchpreis gewonnen hat. Aus diesem Grund habe ich mich kurz im Netz nach Untersuchungen zu ihren Büchern umgeschaut:

https://www.uni-due.de/literarikon/franck_werkcharakteristika Werkcharakteristika (bis: Rücken an Rücken)

https://kssursee.lu.ch/-/media/KSSursee/Dokumente/sb/HallOfFame/AusgezeichneteArbeiten/MA08_BEM_Tanner_Sandra.pdf (Ihre fünf Bücher im Vergleich, bis 2008; eine Maturaarbeit) Erzählweise, Beziehungen der Protagonistinnen zu Männern, Muter-Kind-Beziehungen; historische Hintergründe und Biografie

G. Keller: Das Fähnlein der sieben Aufrechten – gelesen

Die folgenden Ausführungen stützen sich auf die Ausgabe „Gottfried Keller: Sämtliche Werke und ausgewählte Briefe“. Zweiter Band. Carl Hanser: München 1979 (4. Aufl.), S. 810-870 (61 Seiten Text).

In dieser Novelle sind patriotische Motive, die sich an die Geschichte der sieben Männer und ihren Zug zum Bundesschießen 1849 heften, und die Liebesgeschichte von Karl (20 Jahre) und Hermine (17 Jahre), den Kindern der zwei Wortführer des Fähnleins, miteinander verbunden.

Die sieben Festen oder Aufrechten stammen noch aus dem vergangenen Jahrhundert. Zunächst wird Schneidermeister Hediger als überzeugter Republikaner vorgestellt, der sich weigert, seinem Sohn Karl sein Gewehr auszuleihen, weil dieser nicht einmal das Schloss auseinandernehmen kann (810-812); hinterrücks besorgt die Mutter aber doch das Gewehr und bringt ihm bei, wie man das Schloss wieder zusammensetzt. Am Abend trifft Karl heimlich seine Freundin Hermine Frymann wie üblich auf dem See; sie hält ihn auf Distanz und berichtet vom Widerstand ihres Vaters gegen die Verbindung. Es gelingt Karl, sie zu küssen (817). Hermine verschiebt das nächste Treffen um vier Wochen.

Danach werden sie sieben Aufrechten charakterisiert; sie haben gegen Aristokraten und Pfaffen gekämpft, stehen für die republikanische Idee und helfen einander (818 ff.). Sie planen am Abend des gleichen Tages, zum eidgenössischen Freischießen 1849 zu ziehen und mit einer eigenen Fahne aufzutreten. Für die Ehrengabe machen fünf einen Vorschlag, wobei alle ein Ding unterbringen wollen, was sie zu Hause haben und nicht loswerden (821 f.). Hediger weist das zurück, der reiche Zimmermeister Frymann schlägt einen neuen Silberbecher vor (- 826). Frymann stellt sich dann gegen eine Verschwägerung mit Hediger, der stimmt ihm zu, worüber die anderen spotten (826-828). Hediger verkündet am nächsten Tag seine Abmachung mit Frymann zu Hause, seine Frau widerspricht ihm heftig – Streitgespräch (829-833). Karl fährt am Abend vergeblich auf den See, Hermine kommt nicht.

Karl übt sich nun im Schießen und bereitet sich auf seine Militärzeit bei den Schützen vor (834 f.). Er kommt in die Kaserne und schießt gut; dort lernt er den Miethai Ruckstuhl als Kameraden kennen, der sich mit Geld alles erkaufen will und auch ein Auge auf Hermine geworfen hat (836 f.). Hermine richtet Frau Hedinger einen Gruß an Karl aus und besucht sie (zu Hause 837-839). Am Abend trifft Karl Hermine wieder auf dem See; sie planen, den vereinbarten Besuch Ruckstuhls bei Frymann zu verhindern, und streiten über das Küssen (840-843). Karl stiftet Ruckstuhl zu einem Besäufnis in der Kaserne an, der kommt dann mit seinem Gefolgsmann in den Arrest (843-846). Am nächsten Tag erscheint Ruckstuhl nicht zum festlichen Mittagessen bei Frymann, dafür kommt Frau Hedinger zu Hermine zum Kaffee und informiert deren Vater über das Vergehen Ruckstuhls, der somit erledigt ist.

Zeitsprung: Juni 1849 (849): Die Sieben brauchen einen Sprecher für das Fest, durch Los wird der widerstrebende Frymann ermittelt. Er entwirft eine Rede, die aber von Hermine verworfen wird (851 f.). Man fährt im Juli zum Fest, wo Frymann sich weigert zu sprechen (854). Karl bietet sich als Redner an, er nimmt die Fahne und geht voran (854 f.). Er hält aus dem Stegreif eine Rede:

»Liebe Eidgenossen!

Wir sind da unser acht Mannli mit einem Fahnli gekommen, sieben Grauköpfe mit einem jungen Fähndrich! Wie ihr seht, trägt jeder seine Büchse, ohne daß wir den Anspruch erheben, absonderliche Schützen zu sein (…). Und dennoch, wenn wir auch keine ausbündigen Schützen sind, hat es uns nicht hinter dem Ofen gelitten; wir sind gekommen, nicht Gaben zu holen, sondern zu bringen ein bescheidenes Becherlein, ein fast unbescheiden fröhliches Herz und ein neues Fahnli, das mir in der Hand zittert vor Begierde, auf eurer Fahnenburg zu wehen. Das Fahnli nehmen wir aber wieder mit, es soll nur seine Weihe bei euch holen! Seht, was mit goldener Schrift darauf geschrieben steht: Freundschaft in der Freiheit! (…) Schaut sie an, diese alten Sünder! Sämtlich stehen sie nicht im Geruche besonderer Heiligkeit! Spärlich sieht man einen von ihnen in der Kirche! Auf geistliche Dinge sind sie nicht wohl zu sprechen! Aber ich kann euch, liebe Eidgenossen! hier unter freiem Himmel etwas Seltsames anvertrauen sooft das Vaterland in Gefahr ist, fangen sie ganz sachte an, an Gott zu glauben; erst jeder leis für sich, dann immer lauter, bis sich einer dem andern verrät und sie dann zusammen eine wunderliche Theologie treiben, deren erster und einziger Hauptsatz lautet: Hilf dir selbst, so hilft dir Gott! Auch an Freudentagen, wie der heutige, wo viel Volk beisammen ist und es lacht ein recht blauer Himmel darüber, verfallen sie wiederum in diese theologischen Gedanken, und sie bilden sich dann ein, der liebe Gott habe das Schweizerpanier herausgehängt am hohen Himmel und das schöne Wetter extra für uns gemacht! In beiden Fällen, in der Stunde der Gefahr und in der Stunde der Freude, sind sie dann plötzlich zufrieden mit den Anfangsworten unserer Bundesverfassung Im Namen Gottes des Allmächtigen! und eine so sanftmütige Duldsamkeit beseelt sie dann, so widerhaarig sie sonst sind, daß sie nicht einmal fragen, ob der katholische oder der reformierte Herr der Heerscharen gemeint sei! (…) Diese Alten hier haben ihre Jahre in Arbeit und Mühe hingebracht; sie fangen an, die Hinfälligkeit des Fleisches zu empfinden, den einen zwickt es hier, den andern dort. Aber sie reisen, wenn der Sommer gekommen ist, nicht ins Bad, sie reisen zum Feste. Der eidgenössische Festwein ist der Gesundbrunnen, der ihr Herz erfrischt; das sommerliche Bundesleben ist die Luft, die ihre alten Nerven stärkt, der Wellenschlag eines frohen Volkes ist das Seebad, welches ihre steifen Glieder wieder lebendig macht. Ihr werdet ihre weißen Köpfe alsobald untertauchen sehen in dieses Bad! So gebt uns nun, liebe Eidgenossen, den Ehrentrunk! Es lebe die Freundschaft im Vaterlande! Es lebe die Freundschaft in der Freiheit!« (855-858)

Diese Rede begeistert die Zuhörer und erst recht die sieben Aufrechten. Der Vater und Frymann geben ihm noch gute Ratschläge (858-860), ehe sie ihn ins Fähnlein aufnehmen. Beim Mittagessen werden die Sieben in der Festrede erwähnt (860-862), und sie beschließen, dass Karl Hermine bekommen soll. Karl geht mit Hermine zum Schießen, sie ermuntert ihn und er trifft mit allen 25 Kugeln (863 f.). Hermine informiert die Alten, sie holen Karl ab; der stiftet seinen Siegespokal dem Fähnlein (865).

Hermine fällt als schönstes Mädchen des Festes auf. Da kommt ein kräftiger Streithansel mit seinem alten Vater und setzt sich zu den Sieben (866 f.). Karl lässt sich auf ein Fingerhakeln mit ihm ein und siegt (867 f.). Die Väter geben den Kindern die Ehe frei, die Verlobung findet statt (868 f.). Die beiden küssen sich abseits und regeln ihr künftiges Verhältnis: Hermine will Karl unter den Pantoffel kriegen: „Es wird sich indessen schon ein Recht und eine Verfassung zwischen uns ausbilden, und sie wird gut sein, wie sie ist!“ (869) Ein Kamerad Karls, der hinzutritt, will die Verfassung garantieren und bittet sich die Patenschaft beim ersten Kind aus. Die Verlobten kehren dann zur Gesellschaft zurück.

Persönlich darf ich noch anmerken, dass der Anfang der Novelle mich an meine frühe Zeit als Lehrer am NGM erinnert: Die Charakterisierung Hedingers stand in Band 9 oder 10 unseres Lesebuchs LDB als Beispiel für eine Charakterisierung:

Der Schneidermeister Hediger in Zürich war in dem Alter, wo der fleißige Handwerksmann schon anfängt, sich nach Tisch ein Stündchen Ruhe zu gönnen. So saß er denn an einem schönen Märztage nicht in seiner leiblichen Werkstatt, sondern in seiner geistigen, einem kleinen Sonderstübchen, welches er sich seit Jahren zugeteilt hatte. Er freute sich, dasselbe ungeheizt wieder behaupten zu können; denn weder seine alten Handwerkssitten noch seine Einkünfte erlaubten ihm, während des Winters sich ein besonderes Zimmer erwärmen zu lassen, nur um darin zu lesen. Und das zu einer Zeit, wo es schon Schneider gab, welche auf die Jagd gehen und täglich zu Pferde sitzen, so eng verzahnen sich die Übergänge der Kultur ineinander.

Meister Hediger durfte sich aber sehen lassen in seinem wohlaufgeräumten Hinterstübchen. Er sah fast eher einem amerikanischen Squatter als einem Schneider ähnlich; ein kräftiges und verständiges Gesicht mit starkem Backenbart, von einem mächtigen kahlen Schädel überwölbt, neigte sich über die Zeitung »Der schweizerische Republikaner« und las mit kritischem Ausdrucke den Hauptartikel. Von diesem »Republikaner« standen wenigstens fünfundzwanzig Foliobände, wohl gebunden, in einem kleinen Glasschranke von Nußbaum, und sie enthielten fast nichts, das Hediger seit fünfundzwanzig Jahren nicht mit erlebt und durchgekämpft hatte. (…)“ (810)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Keller,+Gottfried/Erz%C3%A4hlungen/Z%C3%BCricher+Novellen/Zweiter+Band/Das+F%C3%A4hnlein+der+sieben+Aufrechten (Text, daraus ist hier zitiert)

https://www.projekt-gutenberg.org/keller/zuercher/aufrecht.html (Text)

https://de.wikipedia.org/wiki/Das_F%C3%A4hnlein_der_sieben_Aufrechten

https://www.gottfriedkeller.ch/schule/faehnlein.php (zur Novelle)

https://literarischermonat.ch/eine-expedition-durch-gottfried-kellers-zuericher-novellen/ (Eva Seck über die Züricher Novellen)

https://www.tagblatt.ch/kultur/buch-buehne-kunst/gottfried-kellers-romane-lehren-uns-scheitern-mit-erfolg-ld.1135303 (über das Scheitern bei Keller)

https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=smh-002:1959:39::1626 (Gottfried Kellers Namensgebung)

https://dewiki.de/Lexikon/Gottfried_Keller (Gottfried Keller)

https://literaturkritik.de/gottfried-keller-geburtstag-200-jubilaeum,25834.html (dito)

https://www.ds.uzh.ch/_files/uploads/presse/319.pdf (dito, mit Bild: Schreibunterlage)

https://literarischermonat.ch/vom-freischaerler-zum-nationaldichter/ (der politische Keller)

G. Keller: Der Landvogt von Greifensee – gelesen und bedacht

unter dem Aspekt: Wie kann man eine (diese) Novelle angemessen beschreiben?

Die folgenden Ausführungen stützen sich auf die Ausgabe „Gottfried Keller: Sämtliche Werke und ausgewählte Briefe“. Zweiter Band. Carl Hanser: München 1979 (4. Aufl.), S. 719-801 (83 Seiten Text). Ich überlege, wie man eine Novelle angemessen beschreiben kann – hier im Blick auf den Wikipediaartikel in der Fassung vom 9. Oktober 2022, den ich ein wenig korrigiert und erweitert habe (mal sehen, was der Administrator daraus macht).

Die erste Frage ist, ob man auf den Schluss der vorhergehenden Novelle „Der Narr von Manegg“ eingehen muss; dort wird am Ende der Rahmenerzählung erklärt, woher der Text unserer Novelle angeblich stammt (716 ff.). Vorher noch die Frage: Muss man auf die Züricher Novellen Bezug nehmen?

In der Wikipedia wird das Manöver der Scharfschützen, das Salomon Landolt leitet, nicht erwähnt – das ist ein grober Fehler, weil hier der Mann in seinem besten Alter (41 Jahre) vorgestellt wird; das Datum des Manövers sollte man nennen, wobei sich der Heumonat wegen der späteren Datierung des Festes als Mai, nicht wie üblich als Juli erweist. Wohlgefällig hingen aller Augen an dem Landvogt, als er nun zu seinen Herren und Mitbürgern trat und allen Freunden kordial die Hand schüttelte. Er trug ein dunkelgrünes Kleid ohne alles Tressenwerk…“ (720) Muss man die Art, wie er auftritt, nicht beschreiben, um sein Handeln später zu verstehen?

Zum Haushalt des Junggesellen Landolt gehört die Haushälterin Marianne: Die Frau Marianne war aber die seltsamste Käuzin von der Welt, wie man um ein Königreich keine zweite aufgetrieben hätte. Sie war die Tochter des Stadtzimmermeisters Kleißner von Hall in Tirol und mit einer Schar Geschwister unter der Botmäßigkeit einer bösen Stiefmutter gewesen. Diese steckte sie als Novize in ein Kloster…“ (723) Charakterisiert sie nicht auch Landolt als ihren Chef indirekt? Muss man ihre Geschichte berücksichtigen?

Den „Distelfink“, seine erste Liebe, will er auf die Probe zu stellen durch „eine mysteriös bedenkliche Schilderung seiner Abkunft und Aussichten“: Seine Mutter, Anna Margaretha, war eine Tochter des holländischen Generals der Infanterie Salomon Hirzel, Herrn zu Wülflingen, der mit seinen drei Söhnen große niederländische Pensionsgelder bezog und damit die bekannte wunderliche Wirtschaft auf der genannten Gerichtsherrschaft in der Nähe von Winterthur führte. Ein am Hoftor statt eines Kettenhundes angebundener Wolf, der wachsam heulte und boll, konnte gleich als Wahrzeichen des absonderlichen Wesens gelten. Nach frühem Tode der Hausfrau und bei der häufigen Abwesenheit des Vaters tat jeder, was er wollte, und die Söhne sowie drei Töchter erzogen sich selbst, und zwar so wild als möglich…“ (731 f.) Gehört die Geschichte seiner Mutter nicht auch zu den Faktoren, die den Landvogt geprägt haben? Müsste man sie nicht zumindest erwähnen?

Zu den liebenswerten Feinheiten der Novelle, die eigentlich jenseits der Handlung ihren Reiz ausmachen, gehört zum Beispiel die Charakterisierung der Gesellschaft für vaterländische Geschichte, der Figuras Bruder angehört und in die Landolt eintritt, um eben diesen Bruder und über ihn Figura („Hanswurstel“) kennenzulernen: Es waren die Strebsamen und Feuerköpfe aus der Jugend der herrschenden Klassen, die unter diesem Titel eine bessere Zukunft und aus dem dunkeln Kerkerhause der sogenannten beiden Stände, d.h. des geistlichen und weltlichen Regiments, zu entrinnen suchten.“ (738) Diese Gesellschaft und ihr Treiben sowie die Erlebnisse Landolts in diesem Zusammenhang werden beschrieben bzw. erzählt – eine reizende Einlage jenseits der Liebesthematik, die das Lesen zum Genuss macht. Ist das unwesentlich? Hierhin gehört auch das Auftreten Salomon Geßners, des Dichters (746 ff.).

Das Fest mit den fünf Frauen gehört unbedingt – wenn man schon die Begrüßung der Damen auf Greifensee (790 ff.) nicht beachtet – zu den Ereignissen, die man berücksichtigen muss; es ist im Wikipediaartikel geschlabbert, ich habe es nachgetragen (793 ff.).

Die von Salon erzählte Geschichte der Burg Greifensee (793 f.) ist wohl nicht wesentlich – aber gilt das auch für seine Rede, in der er die fünf Damen preist (794 ff.), und seinen Scherz, dass er angeblich heiraten soll und vor der Wahl steht, eine ganz Alte oder ganz Junge zu heiraten: eine Frage, welche nun die fünf Damen entscheiden sollen (794 ff.)? Ich meine, diese Rede müsste erwähnt werden, da sie wesentlich den Landvogt charakterisiert.

Man sieht, dass es gar nicht so einfach ist, zu entscheiden, was in die angemessene Beschreibung einer Novelle gehört, dass aber die simple Reduktion (und auch die am Ende noch zu knapp!) auf eine sogenannte Handlung das Wesen einer Novelle verfehlt, die dazu dient, den Landvogt von Greifensee als einen originalen Charakter vorzustellen (s. den Kontext und das Verhältnis Jacques‘ zu seinem Paten).

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Landvogt_von_Greifensee (Wikipedia)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Keller,+Gottfried/Erz%C3%A4hlungen/Z%C3%BCricher+Novellen/Erster+Band/Der+Landvogt+von+Greifensee (Text)

https://www.zora.uzh.ch/id/eprint/17286/1/9783110209327.2.63.pdf (Todesfiguren: zur Begründung des Realismus bei Gottfried Keller)

https://eprints.lib.hokudai.ac.jp/dspace/bitstream/2115/33323/1/16(2)_PL31-85.pdf (zu Landvogt: Ein Versuch über Sein, Schein und Entsagung)

https://literarischermonat.ch/eine-expedition-durch-gottfried-kellers-zuericher-novellen/ (Eva Seck über die Züricher Novellen)

https://www.tagblatt.ch/kultur/buch-buehne-kunst/gottfried-kellers-romane-lehren-uns-scheitern-mit-erfolg-ld.1135303 (über das Scheitern bei Keller)

https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=smh-002:1959:39::1626 (Gottfried Kellers Namensgebung)

https://dewiki.de/Lexikon/Gottfried_Keller (Gottfried Keller)

https://literaturkritik.de/gottfried-keller-geburtstag-200-jubilaeum,25834.html (dito)

https://www.ds.uzh.ch/_files/uploads/presse/319.pdf (dito, mit Bild: Schreibunterlage)

G. Keller: Der Narr auf Manegg – gelesen

Die folgenden Ausführungen stützen sich auf die Ausgabe „Gottfried Keller: Sämtliche Werke und ausgewählte Briefe“. Zweiter Band. Carl Hanser: München 1979 (4. Aufl.), S. 698-718 (knapp 21 Seiten Text). Ich versuche, die Novelle kurz zu analysieren.

Die Erzählung vom Narren auf Manegg wird durch die Fortsetzung der Rahmenerzählung von Herrn Jacques eingeleitet (698-701) und abgeschlossen (716-718). Mit dem Narren, der zum Schluss auf Schloss Manegg aus, endet das Geschlecht Manesse und auch die Burg Manegg, der Codex Manesse kommt in den Besitz einer anderen Familie. Es wird also von einem unbedeutenden Mann erzählt, der mehr scheinen wollte, als er war; damit wird „Hadlaub“ abgerundet.

Der Pate besucht Jacques, um zu sehen, wie weit dieser mit seiner Sucht nach Originalität gekommen ist. Der Neffe malt gerade und will einen neuen Codex schaffen (700); er schwärmt von der Größe Zürichs, was den Patenonkel zum Widerspruch reizt: „Da wird allerdings eine gewisse naßkalte, frostige Bescheidenheit getrieben; jeder sieht dem andern auf die Finger, ob er sich nicht zuviel einbilde; dafür wird aber in der Gesamteinbildung geschwelgt, daß die Mäuler triefen, und kein Gleichnis ist zu stark, um die Vortrefflichkeit aller zu bestätigen! Darum sieht man auch so manche schwächliche Gesellen herumlaufen, die am Gesamtdünkel fast zugrunde gehen, eben weil die Persönlichkeit unzulänglich ist, ein so Ungeheures mitzutragen!“ (701) Man bricht zur Burg auf, Jacques fragt nach dem weiteren Geschick des Geschlechts Manesse. Der Onkel erzählt:

Der letzte bedeutende Manesse war Rüdigers Urenkel Rüdiger, ein Held in der Schlacht, der bis 1380 lebte. Sein Sohn Ital, ein Versager, verscherzte die Gunst einer reichen Frau, die an ihm interessiert war; die Burg kam in den Besitz von Nonnen und brannte schließlich 1409 ab durch Schuld des Buz Falötscher, eines komischen Großmauls, ein illegitimer Manessespross. Der heiratete übereilt einfach eine recht praktische Frau, die er würgte, als sie ihm seine großen Reden nicht mehr abnahm. Sie ging weg, Buz lebte vom Wild und zog in die verlassene Burg; bei einer Feier stahl er den Codex und wollte selber Minnesänger sein. Eine Reihe Burschen wollte den Codex dem Buz wieder abjagen; dabei wurde die Burg versehentlich angezündet, als das Tor verriegelt war. Buz und das Buch wurden gerettet, Buz überlebte den Tag nicht. Ital schenkte das Buch dem tüchtigen Bürger Sax, in dessen Familie der Codex 200 Jahre blieb (716).

Die beiden gehen am Abend heim. „Die nachdrückliche Art, wie der Alte die Krankheit, sein zu wollen, was man nicht ist, betont hatte, war ihm [J.] aufgefallen, so wie er auch noch ein Haar wegen des schweizerischen Athens [Zürich] auf der Zunge fühlte.“ (717) Zu Hause trennt er sich von einigen großspurigen Projekten. Der Patenonkel rühmt die wenigen tüchtigen normalen Menschen, die keine Genies sind, aber auf ihre Umgebung „eine erhellende und wohltätige Wirkung“ (718) ausüben, und nennt als Beispiel Salomon Landolt, dessen Autobiografie er selber ergänzt hat, was Jacqes nun abschreiben soll. → Der Landvogt von Greifensee

http://www.zeno.org/Literatur/M/Keller,+Gottfried/Erz%C3%A4hlungen/Z%C3%BCricher+Novellen/Erster+Band/Der+Narr+auf+Manegg (Text)

https://www.projekt-gutenberg.org/keller/zuercher/manegg.html (Text)

https://literarischermonat.ch/eine-expedition-durch-gottfried-kellers-zuericher-novellen/ (Eva Seck über die Züricher Novellen)

https://www.eckhard-ullrich.de/meine-schweiz/3369-gottfried-keller-der-narr-auf-manegg (Eckhard Ullrich zu „Der Narr auf Manegg“)

https://www.journal21.ch/artikel/manegg-ueber-ritter-narren-und-liebende (über die Burg heute)

https://www.tagblatt.ch/kultur/buch-buehne-kunst/gottfried-kellers-romane-lehren-uns-scheitern-mit-erfolg-ld.1135303 (über das Scheitern bei Keller)

https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=smh-002:1959:39::1626 (Gottfried Kellers Namensgebung)

https://dewiki.de/Lexikon/Gottfried_Keller (Gottfried Keller)

https://literaturkritik.de/gottfried-keller-geburtstag-200-jubilaeum,25834.html (dito)

https://www.ds.uzh.ch/_files/uploads/presse/319.pdf (dito, mit Bild: Schreibunterlage)