Märchen von den drei Wünschen – zwei Motive

Man meint, es sei ein Motiv, wenn jemand im Märchen drei Wünsche frei hat, die ihm erfüllt werden. In Wirklichkeit gibt es aber zwei verschiedene Motive.

Das Pointe des ersten Motivs besteht darin, dass jemand drei Wünsche frei hat, dass es ihm aber nicht gelingt, damit seinem Glück einen Schritt näher zu kommen. Am bekanntesten für uns Deutsche ist die Ausprägung dieses Motivs bei Johann Peter Hebel: Drei Wünsche, in: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes, 1811 (https://de.wikisource.org/wiki/Drei_W%C3%Bcnsche), wo ein dreifaches „Merke“ angehängt ist, das in dem Satz zusammengefasst wird: „Alle Gelegenheit, glücklich zu werden, hilft nichts, wer den Verstand nicht hat, sie zu benutzen.“ Das Motiv vom Scheitern der Wünsche ist uralt, es liegt schon in Perraults Märchen „Die drei törichten Wünsche“ vor (s. http://www.maerchenatlas.de/aus-aller-welt/franzosische-feenmarchen/charles-perrault/die-laecherlichen-wuensche/) und soll die Fortbildung eines antiken Motivs sein; es zeigt, dass die zahlreichen Wünsche, von denen Menschen geplagt werden, meistens töricht sind und dass Glück bzw. Zufriedenheit (s. Hebel!) nicht von der Erfüllung aller möglichen Wünsche abhängt.

Das zweite Motiv liegt vor, wenn einem guten, bescheidenen Menschen drei Wünsche erfüllt werden, was einen habgierigen (und geizigen) Menschen nicht ruhen lässt, bis auch ihm drei Wünsche zugestanden werden, deren Erfüllung jedoch zu seinem Unheil ausschlägt. Es geht also eher darum, dass ein Habgieriger bestraft wird, weil er neidisch (und geizig) ist und dem beschenkten Armen sein Glück nicht gönnt. Dieses Motiv kennen wir aus dem Märchen „Der Arme und der Reiche“ der Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen, 1815 [https://de.wikisource.org/wiki/Der_Arme_und_der_Reiche_(1815)]. Abgewandelt finden wir es unter dem Titel „Die drei Wünsche“ in „Deutsche Märchen erzählt von Karl Simrock“, 1864 (https://archive.org/details/bub_gb_fEMJAAAAQAAJ/page/n337), und kunstvoll ausgebaut in Ludwig Bechsteins „Neues deutsches Märchenbuch“, 1856: „Die drei Wünsche“ (http://www.zeno.org/Literatur/M/Bechstein,+Ludwig/M%C3%A4rchen/Neues+deutsches+M%C3%A4rchenbuch/Die+drei+W%C3%Bcnsche), worin verschiedene andere Erzählungen einarbeitet sind. – Vgl. Ernst Meier: „Deutsche Volksmärchen aus Schwaben“, Stuttgart 1852, Nr. 40 und Nr. 65! (https://de.wikisource.org/wiki/Deutsche_Volksm%C3%A4rchen_aus_Schwaben)

 

Eine Vorstufe des Märchens vom Wünschen könnte man in der antiken Sage von Philemon und Baucis finden.

Es gibt übrigens auch eine Sammlung „Märchen vom Wünschen“, hrsg. von Sigrid Früh und Hariolf Reitmaier, 2009. Das Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“ ist natürlich in diesem Zusammenhang nicht zu vergessen. Reizvoll ist auch Andersens Märchen „Die Galoschen des Glücks“, wo bereits die Erfüllung des Hauptwunsches reicht, einem das Wünschen zu verleiden!

Etwas anderes sind Märchen wie „Der Trommler“, wo jemand durch Wünsche aus einer bestimmten Notlage befreit wird; das sind nicht die törichten Wünsche, von denen der Mensch sich frei machen soll.

Geschichte von den zwei Träumern

Jorge Luis Borges: Geschichte von den zweien, die träumten (1935) (Adaption einer Erzählung aus 1001 Nacht)

Das Cuento handelt von einem Mann in Kairo namens Mohammed El Magrebí. Im Traum erscheint ihm ein Vermummter, der ihm sagt, sein Glück/Schicksal/Vermögen (span. „fortuna“) sei in Isfahan in Persien und er solle es suchen. Nach einer gefahrenreichen Reise wird er in Isfahan fälschlicherweise für einen Räuber gehalten und verprügelt. Der Hauptmann der Nachtwächter fragt ihn schließlich nach dem Grund seines Aufenthaltes. Als er vom Traum des Ägypters hört, lacht er ihn aus und erzählt einen eigenen Traum von einem Schatz unter einem Haus in Kairo. Der Mann kehrt zu seinem Haus zurück und findet den Schatz.

http://traumkulturen.uni-saarland.de/Lexikon-Traumkultur/index.php/%22Historia_de_los_dos_que_so%C3%B1aron%22_(Jorge_Luis_Borges) (Text: https://www.learninginstitute.ch/pdfs/aufnahmepruefung-langgymnasium-zuerich-2015-deutsch-textblatt.pdf)

Die gleiche Geschichte, auf England bezogen, gibt es unter der Überschrift „Der Traum des Hausierers“ in „Schwänke aus aller Welt. Für Jung und Alt“ herausgegeben von Oskar Dähnhardt. Berlin/Leipzig 1908, S. 61 f. – Als Quelle nennt Dähnhardt: Jacobs, More English Fairy Tales, S. 91 (https://archive.org/details/bub_gb_SUg9AAAAYAAJ/page/n71/mode/2up)

Der dumme Hans (aus Schwaben)

Ein Wirt hatte einen einzigen Sohn, der hieß Hans, der mochte nichts arbeiten und nichts lernen und blieb in allen Dingen dumm. Da sagte sein Vater zu ihm eines Tages: „Hör‘ mal, Hans, Du bist nun groß und stark, verstehst aber noch nichts; Du musst jetzt fort von hier und in der Welt Dich umsehen und wandern, damit Du auch gescheit wirst.“ „Ja, Vater“, sagte Hans, „das will ich tun; gib mir nur Geld, dass ich leben kann!“ Das versprach ihm der Vater; sagte aber, dass er vor der Abreise erst noch beichten müsse.

Nachdem Hans nun gebeichtet hatte, gab ihm der Pfarrer folgende vier Punkte als Buße mit auf den Weg: erstens, er solle sieben Jahre lang keinen Wein trinken; zweitens, sieben Jahre lang kein Fleisch essen; drittens, sieben Jahre lang in keinem Federbett liegen, und viertens, diese sieben Jahre hindurch bei keinem Mädchen schlafen. – Darauf füllte ihm sein Vater einen Beutel mit Geld und dann wanderte er wohlgemut in die Welt hinaus.

Es dauerte aber gar nicht lang, da war der Geldbeutel leer, und Hans konnte in kein Wirtshaus mehr einkehren und sah sich genötigt, die Klöster aufzusuchen. – So kam er eines Abends auch ganz ermüdet und hungrig in ein Kloster und bat um ein Unterkommen und um ein Nachtessen. Da holte ihm die Klosterfrau sogleich eine Flasche Wein her und sagte, er solle sich daran einstweilen erquicken. „Ach“, seufzte Hans, „der Pfarrer hat mir als Beichtbuße für sieben Jahre den Wein verboten!“ Sprach die Klosterfrau: „Hat er Dir auch Champagner verboten?“ „Nein“, sagte Hans, „den hat er mir nicht verboten.“ „Nun gut“, sagte die Frau, „so trink Du nur in Gottes Namen, denn das ist Champagner!“

Darauf holte sie einen Braten, zerschnitt ihn und nötigte Hansen zum Essen. „Ach“, sagte Hans wieder, „der Pfarrer hat mir als Beichtbuße auferlegt, sieben Jahre lang kein Fleisch zu essen!“ – Fragte die Frau: „Hat er Dir auch Braten verboten?“ „Nein“ ,sagte Hans, „bloß Fleisch hat er mir verboten.“ „Nun“, sagte die Klosterfrau, „so lass Dir in Gottes Namen den Braten schmecken!“

Als es endlich Zeit war, zu Bett zu gehen, führte ihn die Klosterfrau in eine Kammer an ein schönes Bett. Wie Hans das aber sah und anfühlte, seufzte er und sprach: „Ach, der Pfarrer hat mir als Beichtbuße auferlegt, sieben Jahr lang in keinem Federbett zu liegen!“ „Hat er Dir“, fragte die Klosterfrau, „auch verboten, auf Flaumen zu schlafen?“ „Nein“, sagte Hans, „das hat er mir nicht verboten.“ „Nun, so leg‘ Dich in Gottes Namen hinein! Denn dies ist ein Flaumenbett.“

Nachdem Hans sich ausgekleidet und in das weiche Bett gelegt hatte, kam die Klosterfrau noch einmal zu ihm in die Kammer und fragte, ob er schon schlafe. „Nein“, sagte Hans, „noch nicht; aber ich war eben daran einzuschlafen.“ „Nun“, sagte die Frau, „so rück‘ ein wenig an die Seite und lass‘ mich bei Dir schlafen! Das Bett hat Platz für uns beide; denn wenn zwei beieinander liegen, so wärmen sie sich; wie kann ein Einzelner warm werden? sagt der Prediger Salomo.“ (Kap. 4, 11.) „Ach“, seufzte Hans wieder, „der Pfarrer hat mir als Beichtbuße aufgelegt, sieben Jahre lang bei keinem Mädchen zu schlafen.“ „Hat er Dir auch verboten, bei einer Klosterfrau zu schlafen?“ fragte die Frau. „Nein“, sagte Hans, „das hat er mir nicht verboten“, und ließ die Klosterfrau getrost an seiner Seite schlafen.

Das Leben im Kloster gefiel dem Hans aber so gut, dass er gar nicht forteilte, und da die Klosterfrau ihn ebenfalls gern bei sich behielt, so blieb er da, aß Braten und trank Champagner und schlief bei der schönen Klosterfrau, bis die sieben Jahre herum waren. – Da gab er vor, er müsse seinen Vater einmal besuchen, worauf ihm die Klosterfrau ein schönes Reitpferd mitgab und ihm den Geldbeutel füllte, und so ritt er hin vor das Wirtshaus seines Vaters; der aber erkannte ihn nicht und sagte: „Wenn so doch auch einmal mein Hans aus der Fremde heimkehrte! Aber der wird alles verputzt und wenig verdient haben.“ – Wie aber die Mutter hereintrat, erkannte sie ihren Hans sogleich wieder, und nun waren alle vergnügt miteinander. Auch der Pfarrer wurde gerufen, und dem musste Hans viel von seiner Reise erzählen. Zuletzt erinnerte der Pfarrer ihn noch, dass er jetzt auch wieder beichten müsse.

Als Hans am nächsten Sonntag zum Pfarrer ging, um zu beichten, fragte ihn dieser: „Nun Hans, sag‘ mir einmal aufrichtig: Hast Du alles gehalten, was ich Dir auferlegt habe? Hast Du in diesen sieben Jahren keinen Wein getrunken?“ „Nein“, sagte Hans, „keinen Tropfen Wein, sondern immer nur Champagner.“ „Ei, um Gottes willen“, rief der Pfarrer, „das ist ja noch schlimmer! Das ist ja der vornehmste Wein! – Aber Fleisch wirst Du doch nicht gegessen haben?“ fragte er weiter. „Nein“, sagte Hans, „kein Bröckele Fleisch, sondern immer nur Braten.“ – „Ei, das ist ja das vornehmste Fleisch!“ sprach der Pfarrer. – „Aber in Federn hast Du doch nicht geschlafen?“ „Nein“, sagte Hans, „in keinen Federn, sondern immer nur in Flaumen.“ „Ei, das sind ja die vornehmsten Federn! – Aber bei keinem Mädchen wirst Du hoffentlich geschlafen haben?“ „Nein“, sagte Hans, „ich habe niemals bei einem Mädchen, sondern immer nur bei einer Klosterfrau geschlafen.“ „Um Gottes willen“, rief der Pfarrer, „das ist ja das Allerschlimmste! Die Klosterfrau ist ja unsers Heilands Schwester!“ „Ei, so ist der Heiland ja mein Schwager“, sagte Hans, „der wird mir schon weiterhelfen.“

Ernst Meier: Deutsche Volksmärchen aus Schwaben, Stuttgart 1852, S. 72 ff. (https://de.wikisource.org/wiki/Der_dumme_Hans_(Meier) bzw. https://archive.org/details/bub_gb_h-BHAAAAIAAJ/page/n87/mode/2up)

Brüder Grimm: Die Rübe

Es waren einmal zwei Brüder, die dienten beide als Soldaten; der eine war reich, der andere arm. Da wollte der Arme sich aus seiner Not helfen, zog den Soldatenrock aus und wurde Bauer. Also grub und hackte er sein Stückchen Acker und säte Rübsamen. Der Same ging auf, und es wuchs da eine Rübe, die groß und stark und zusehends dicker wurde und gar nicht zu wachsen aufhören wollte, so dass sie eine Fürstin aller Rüben heißen konnte; denn nimmer war so eine gesehen worden und wird auch nimmer wieder gesehen werden. Zuletzt war sie so groß, dass sie allein einen ganzen Wagen anfüllte und zwei Ochsen daran ziehen mussten; der Bauer wusste nicht, was er damit anfangen sollte und ob‘s sein Glück oder sein Unglück wäre. Endlich dachte er: „Verkaufst du sie, was wirst du groß dafür bekommen, und willst du sie selber essen, so tun die kleinen Rüben denselben Dienst; am besten ist, du bringst sie dem König und machst ihm ein Geschenk damit.“

Also lud er sie auf den Wagen, spannte zwei Ochsen vor, brachte sie an den Hof und schenkte sie dem König. „Was ist das für ein seltsam Ding?“, sagte der König, „mir ist viel Wunderliches vor die Augen gekommen, aber so ein Ungetüm noch nicht; aus was für Samen mag die gewachsen sein? oder dir gerät‘s allein, und du bist ein Glückskind.“ „Ach nein“, sagte der Bauer, „ein Glückskind bin ich nicht, ich bin ein armer Soldat, der, weil er sich nicht mehr nähren konnte, den Soldatenrock an den Nagel hängte und das Land bebaute; ich habe noch einen Bruder, der ist reich und Euch, Herr König, auch wohl bekannt, ich aber, weil ich nichts habe, bin von aller Welt vergessen.“ Da empfand der König Mitleid mit ihm und sprach: „Deiner Armut sollst du überhoben und so von mir beschenkt werden, dass du wohl deinem reichen Bruder gleichkommst.“ Dann schenkte er ihm eine Menge Gold, Äcker, Wiesen und Herden und machte ihn steinreich, so dass des anderen Bruders Reichtum gar nicht damit verglichen werden konnte.

Als dieser hörte, was sein Bruder mit einer einzigen Rübe erworben hatte, beneidete er ihn und sann hin und her, wie er sich auch ein solches Glück verschaffen könnte. Er wollt‘s aber noch viel gescheiter anfangen, nahm Gold und Pferde und brachte sie dem König, und er meinte nicht anders, der würde ihm ein viel größeres Gegengeschenk machen; denn hätte sein Bruder so viel für eine Rübe bekommen, was würde es ihm für so schöne Dinge nicht alles einbringen. Der König nahm das Geschenk und sagte, er wüsste ihm zum Dank nichts zu geben, das seltener und besser wäre als die große Rübe. Also musste der Reiche seines Bruders Rübe auf einen Wagen legen und nach Hause fahren lassen.

Daheim wusste er nicht, an wem er seinen Zorn und Ärger auslassen sollte, bis ihm böse Gedanken kamen, und er beschloss, seinen Bruder zu töten. Er bestellte Mörder, die mussten sich in einen Hinterhalt stellen; darauf ging er zu seinem Bruder und sprach: „Lieber Bruder, ich weiß einen heimlichen Schatz, den wollen wir miteinander heben und teilen.“ Der andere ließ sich‘s auch gefallen und ging ohne Arg mit; als sie aber hinauskamen, stürzten die Mörder über ihn her, banden ihn und wollten ihn an einen Baum hängen. Indem sie eben dabei waren, erscholl aus der Ferne lauter Gesang und Hufschlag, dass ihnen der Schrecken in den Leib fuhr und sie Hals über Kopf ihren Gefangenen in den Sack steckten, am Ast hinaufzogen und die Flucht ergriffen.

Er aber arbeitete oben, bis er ein Loch im Sack hatte, wodurch er den Kopf stecken konnte. Wer aber des Wegs kam, war nichts als ein fahrender Schüler, ein junger Geselle, der fröhlich sein Lied singend durch den Wald auf der Straße daherritt. Wie der oben nun merkte, dass einer unter ihm vorbeiging, rief er: „Sei mir gegrüßt, zu guter Stunde.“ Der Schüler guckte sich überall um, wußte aber nicht, wo die Stimme herkam; endlich sprach er: „Wer ruft nach mir?“ Da antwortete es aus dem Wipfel: „Erhebe deine Augen, ich sitze hier oben im Sack der Weisheit. In kurzer Zeit habe ich große Dinge gelernt, dagegen sind alle Schulen ein Wind; bald werde ich ausgelernt haben, herabsteigen und weiser sein als alle Menschen. Ich verstehe die Gestirne und Himmelszeichen, das Wehen aller Winde, den Sand im Meer, Heilung der Krankheit, die Kräfte der Kräuter, Vögel und Steine. Wärst du einmal darin, du würdest fühlen, was für Herrlichkeit aus dem Sack der Weisheit fließt.“ Der Schüler, wie er das alles hörte, erstaunte und sprach: „Gesegnet sei die Stunde, wo ich dich gefunden habe; könnt ich nicht auch ein wenig in den Sack kommen?“ Oben der antwortete, als täte er‘s nicht gerne: „Eine kleine Weile will ich dich wohl hinein lassen für Geld und gute Worte, aber du musst noch eine Stunde warten; es ist noch ein Stück übrig, das ich erst lernen muss.“

Als der Schüler ein wenig gewartet hatte, wurde ihm die Zeit zu lang und er bat, dass er doch hineingelassen werden möchte, sein Durst nach Weisheit wäre gar zu groß. Da stellte sich der oben, als gäbe er endlich nach, und sprach: „Damit ich aus dem Sack der Weisheit heraus kann, musst du den Sack am Strick herunterlassen, danach sollst du hineingehen.“ Also ließ der Schüler ihn herunter, band den Sack auf und befreite ihn; dann rief er: „Nun zieh mich recht geschwind hinauf“, und wollt aufrecht in den Sack hinein schreiten. „Halt!“, sagte der andere, „so geht‘s nicht an“, packte ihn beim Kopf, steckte ihn umgekehrt in den Sack, schnürte zu und zog den Jünger der Weisheit am Strick den Baum hoch; dann schwengelte er ihn in der Luft und sprach: „Wie steht‘s, mein lieber Geselle? Siehe, schon fühlst du, dass dir die Weisheit kommt, und machst gute Erfahrungen; sitze also fein ruhig, bis du klüger wirst.“ Damit stieg er auf des Schülers Pferd und ritt davon.

[Der Text wurde sprachlich von mir leicht überarbeitet.]

Dieses Märchen ist schön, aber nicht großartig; ihm fehlt die innere Einheit. Der erste Teil endet mit dem dritten Absatz; in ihm wird erzählt, wie eine großherzige Gabe belohnt und ein habgieriger Neider bestraft wird. Das ist ein echtes Märchen, so ähnlich wie das Märchen „Der Arme und der Reiche“.

Im zweiten Teil – durch die Bosheit des ehemals reicheren Bruders veranlasst – wird dagegen erzählt, wie ein Mann sich durch Witz aus seiner Not befreit; darin verwoben wird erzählt, wie ein Dummkopf übertölpelt wird. Im zweiten Teil vermischen sich also zwei Motive, die eher für Schwänke typisch sind. Für das Motiv 2a steht das tapfere Schneiderlein, für das Motiv 2b etwa der Schwank von dem armen Studenten, der aus dem Paradies kam.

Freiligrath: Leipzigs Toten (1845) – Erläuterungen

Freiligrath: Leipzigs Todten (Sie kam heran…) – Text:

https://gedichte.xbib.de/Freiligrath_gedicht_Leipzigs+Toten%21.htm

https://www.gedichte.com/gedichte/Ferdinand_Freiligrath/Leipzigs_Toten!

https://de.wikisource.org/wiki/Neuere_politische_und_sociale_Gedichte

https://deutsche-poesie.com/freiligrath/leipzigs-toten/

https://archive.org/details/neuerepolitisch00freigoog/page/n12/mode/2up (Original)

Erläuterungen:

Leipzigs Toten

Die Überschrift widmet das am 24. August 1845 geschriebene Gedicht „Leipzigs Toten“. Durch die Datierung in den Worten der Bartholomäusnacht (V. 9-12) werden die Toten als die Toten des „Leipziger Gemetzels“ identifiziert. Erschienen ist das Gedicht in „Neuere politische und sociale Gedichte“, 1849; ob es schon vorher als Einzeldruck erschienen ist, kann ich nicht beurteilen.

Das Leipziger Gemetzel

„Am 12. August 1845 traf Prinz Johann mit der Eisenbahn aus Dresden in Leipzig ein. Am Nachmittag nahm er an den Übungen der Bürgerwehr teil, die eine Zuschauermenge mit Pfiffen kommentierte. Am Abend speiste Johann im Hotel de Prusse am Roßplatz mit den vornehmen Bürgern der Stadt. Außerhalb sang eine Menge deutsch-nationale und patriotische Lieder. Es wurden Tiraden gegen die Jesuiten ausgestoßen und Steine gegen die Fenster des Hotels geworfen, woraufhin der Kommandant der Kommunalgarde nach der Hauptwache der Kommunalgarde schickte, damit diese einschritt. Ein Vertreter der Kreisdirektion verlangte jedoch nach königlichem Militär, welches für einen solchen Fall, im Gegensatz zur Kommunalgarde, nicht zuständig war.

Mit geringem zeitlichem Unterschied gelangten die beiden Truppenteile zum Ort des Geschehens, doch wurde die Kommunalgarde von der königlichen Armee fortgeschickt. Der Oberstleutnant des sächsisch-königlichen Militärs soll die Bürgerwehr mit dem Ruf: „Sie sind nicht mehr nötig, gehen Sie zurück.“ zurechtgewiesen haben. Prinz Johann verließ zu diesem Zeitpunkt das Hotel und ordnete die Räumung des Platzes an.

Das königliche Militär bewirkte nun den Rückzug der Protestierenden in die Lerchenallee (Parkweg auf der Nordseite des Roßplatzes) und errichtete zwischen sich und ihnen eine Barriere, die jedoch von Jugendlichen überquert wurde. Daraufhin wendete sich das Militär wieder der Lerchenallee zu, ließ mehrere Töne aus Jagdhörnern erklingen und auf die Versammelten schießen, wobei wohl die Angst einiger Offiziere, die das gesamte Geschehen nicht überblicken konnten, ausschlaggebend war. Die Menge war nämlich zu weit entfernt vom Hotel de Prusse, um die in diesem sich befindenden Personen zu gefährden.

Die Schüsse töteten acht Personen und verletzten vier. Hierdurch wurde die Menschenmasse erregt und bis in die ersten Stunden des 13. August tobte sie in den Straßen. Einige Studenten wollten sogar die Kaserne des königlichen Militärs stürmen. Schließlich übernahm die Kommunalgarde die Gewalt über die Stadt und beruhigte die Situation.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Leipziger_Gemetzel)

Karl IX.

Karl IX., 1550 geboren, war seit 1560 König von Frankreich unter der Vormundschaft seiner Mutter; 1570 heiratete er Elisabeth von Österreich. „Der protestantische Heerführer Gaspard II. de Coligny, seigneur de Châtillon, Graf von Coligny und Admiral von Frankreich, propagierte eine Politik, die die Vereinigten Niederlande von der spanischen Herrschaft befreien, den Glaubensgenossen in den Niederlanden die Religionsfreiheit gewinnen und das spanisch-portugiesische Monopol auf Kolonien in Amerika brechen sollte. Er gewann für dieses Programm die Unterstützung des jungen Königs, der sich – charakterlich instabil und von schwächlicher Gesundheit – endlich von der Dominanz der Mutter lösen wollte. (…) Die nationale Versöhnung sollte endgültig durch die Heirat zwischen Margarete von Valois (Margot), der Schwester des Königs, und dem 18-jährigen Heinrich von Navarra aus dem protestantischen Haus Bourbon, dem späteren Heinrich IV. von Frankreich, besiegelt werden.

Admiral de Coligny verkehrte mit dem König sehr intim, die Leitung der französischen Politik schien ihm zuzufallen. Dies alarmierte die Königinmutter, die ihren Einfluss auf den Sohn gefährdet sah. Während der Hochzeitsfeiern im August 1572 misslang ein Mordanschlag auf Coligny, den Katharina oder die Guisen in Auftrag gegeben hatten. Ihr Sohn besuchte de Coligny und versprach volle Aufklärung. Seine Mutter redete ihm jedoch ein, die Hugenotten planten einen Racheanschlag auf ihn, den König. Daraufhin ließ er in der Bartholomäusnacht die Führer der zur Hochzeit nach Paris geströmten Hugenotten – seinen Freund Coligny eingeschlossen – niedermetzeln. Die Massaker weiteten sich auch auf andere Städte aus, tausende Hugenotten verloren ihr Leben.“ (Art. Karl IX., Wikipedia) https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_IX._(Frankreich)

Tavannes

Gaspard Tavannes (1509-1573) „nahm auf Seiten der Liga an den ital. Kriegen und an den Religionskriegen teil und hatte 1572 Mitverantwortung für die Morde der Bartholomäusnacht. 1570 wurde er Marschall von Frankreich.“ (https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/020028/2012-05-30/)

Aderlass

„ein seit der Antike bekanntes und bis ins 19. Jahrhundert häufig bei Menschen und Tieren angewandtes Heilverfahren sowie Bezeichnung für die Methode der Blutgewinnung aus dem Blutkreislauf von Wirbeltieren. Beim Aderlass zu therapeutischen Zwecken werden dem (erwachsenen) Menschen etwa zwischen 50 und 1000 ml, heute meist maximal 500 ml Blut entnommen. Nur bei sehr wenigen Krankheitsbildern konnte ein Heilungseffekt des Aderlasses nachgewiesen werden.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Aderlass)

Aderlassen im August: zynische Umschreibung des Gemetzels in der Bartholomäusnacht

V. 1: Es spricht ein anonymer Erzähler, der nahe beim Autor Freiligrath steht (vgl. V. 2).

V. 2: Laut Datierung ist das Gedicht am 24.08.1845 in Meyenberg am Zürcher See geschrieben worden.

V. 9: Die personifizierte Bartholomäusnacht tritt auf und bekennt, dass sie in diesem Jahr durch Fürstenmacht 12 Tage zu früh gefeiert worden ist; damit wird das Leipziger Gemetzel als deutsche Bartholomäusnacht bewertet (vgl. V. 25 ff.), die von den Mördern sogar gefeiert wird. – Die Bartholomäusnacht tritt als Autorität in Fragen des Mordens auf, die es wissen muss.

V. 13 ff.: Sie berichtet von der Bartholomäusnacht. – Laut der Textversion bei wikisource und dem Original spricht ab V. 9 durchgängig die Bartholomäusnacht; zur Begründung dieses Verständnisses verweise ich auch auf V. 73 f. – Bei wikisource finden sich jedoch (Stand 20.09.2020) einige Fehler (Name Tavannes, Datierung 1847).

V. 17: Allerchristlichster König war seit dem 15. Jahrhundert ein Ehrentitel der französischen Könige; hier mit ironischem Unterton.

V. 25 ff.: Rechtfertigung des Vergleichs des Leipziger Gemetzels mit der Bartholomäusnacht.

V. 31: Livreebedienter: Die grammatische Einbindung in den Kontext ist unklar. Am einfachsten ist es, den personifizierten Mord als Livreebedienten des Prinzen (beide im Nominativ!) zu sehen.

V. 39 ff.: siehe oben die Erklärung des Leipziger Gemetzels

In der vierten und fünften Strophe setzt der Sprecher sich mit Rechtfertigungen des Leipziger Gemetzels auseinander.

V. 55 f.: Der Sprecher (die Nacht) wendet sich an den Dichter.

V. 61: Die Erzählung geht in die Ich-Form über.

V. 68: Sachsens Raute im Wappen: „Der Rautenkranz ist in der Heraldik ein Stilelement, das in Wappen über die Heroldsbilder und gemeinen Figuren gelegt wird und so eine Besonderheit darstellt. Er ist eine Zierleiste, die mit grünen Blättern besetzt und dem Kronensegment ähnlich ist. (…) Der Ursprung ist nicht eindeutig geklärt. Es wird ein zufälliger Blattschmuck als Anfang vermutet, wobei ein Zusammenhang mit der früher als unheilabwehrend angesehenen Pflanze Raute nicht ausgeschlossen ist.“ [Art. „Rautenkranz (Heraldik)“ in Wikipedia] https://de.wikipedia.org/wiki/Rautenkranz_(Heraldik);

https://de.wikipedia.org/wiki/Landeswappen_Sachsens#/media/Datei:Coat_of_arms_of_Wettin_House_Albert_Line.png (das Königswappen Sachsens)

V. 75 f.: Die Nacht deutet die Leipziger Ereignisse religionspolitisch: Der stockkatholische Prinz Johann habe seine Bartholomäusnacht gefeiert.

V. 77 ff.: Mit der Anrede „O deutsches Land“ wendet die Nacht sich mit ihren Forderungen (eingeleitet durch eine rhetorische Frage V. 77 f. und den Spott in V. 79 f.) an Deutschland; sie fordert das Land auf, Konsequenzen aus dem Leipziger Gemetzel zu ziehen (V. 85 ff.): zu erwachen, ohne Fürsten seinen Weg zu gehen.

V. 80: Die Kette ist vielleicht doppeldeutig: Ketten eines Kindes zum Spielen (?), Ketten der Fesselung durch die Fürsten; Kind und Kette sind durch den Status der Unmündigkeit/Unfreiheit miteinander verbunden.

V. 85: Hier beginnen die Aufrufe an Deutschland, dem ein Wahrheitsdürsten als wesentlicher Charakterzug zugeschrieben wird, was die Fürstenherrschaft überflüssig macht (V. 88, rhetorische Frage). – Deutschland soll die Konsequenzen aus dem Leipziger Gemetzel ziehen: die Pointe des Gedichts.

V. 91 f.: Die Nacht wendet sich an den Dichter und verabschiedet sich von ihm.

V. 92: Hier werden die Jesuiten als die Väter der Bartholomäusnacht angeklagt; die Jesuiten waren in ihrer absoluten Papsttreue Kämpfer gegen die Kirchen der Reformation und das moderne Denken. Sie waren als Strippenzieher im 19. Jahrhundert auch innerhalb der katholischen Kirche umstritten.

Form: Kreuzreim, fünfhebiger Jambus als typischer Erzählvers.

Leipziger Gemetzel

https://de.wikipedia.org/wiki/Leipziger_Gemetzel

Bartholomäusnacht 1572

https://de.wikipedia.org/wiki/Bartholom%C3%A4usnacht

Hugenottenkriege

https://de.wikipedia.org/wiki/Hugenottenkriege

Freiligrath

https://de.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_Freiligrath

http://www.jhelbach.de/freiligr/freiligr.htm (Werke > Leben)

Vormärz

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch/artikel/vormaerz-und-junges-deutschland

https://www.inhaltsangabe.de/wissen/literaturepochen/vormaerz/

Rudolf Eucken: Lebenserinnerungen – gelesen

Rudolf Euckens „Lebenserinnerungen. Ein Stück deutschen Lebens“ sind 1920 erschienen, 1922 geringfügig erweitert in zweiter Auflage. Man kann dieses Buch wie viele andere seiner Bücher auf archive.org einsehen und lesen. Es ist ein charmantes Buch. Der Verfasser, 1846 geboren, stammte noch aus der Zeit vor der Industrialisierung; er hat versucht, den großen Umbruch, der durch (die Neuzeit, speziell durch) die deutsche Einheit, die Industrialisierung und die soziale Frage des 19. Jahrhunderts bewirkt wurde, philosophisch zu bewältigen. Seine Stellung zum Ersten Weltkrieg zeigt ihn als einen Deutschen, der das Recht der Deutschen auf „Verteidigung“ betont – für mein Empfinden eine einseitige Sicht. Mit einer gewissen Skepsis sehe ich auch, dass er den „Internationalismus“ ablehnt und meint, die einzelnen Völker müssten ihre Eigenart bewahren: Bei den Deutschen sei das Innerlichkeit und die geistige Spekulation, bei den Engländern ihr Pragmatismus.

Wie anders die Welt früher war, erkennt man an seiner Darstellung des Auricher Gymnasiums, das er besucht hat (S. 16 ff.). Den stärksten Eindruck hat der philosophisch gebildete Rektor Wilhelm Reuter auf den jungen Eucken gemacht: „Der Kern seines Lebens aber lag in deinem tief religiösen und moralischen Wirken auf die Gemüter, er setzte seine ganze Persönlichkeit dafür ein und gab sich eine unsägliche Mühe mit jeden einzelnen, um ihn nicht bloß intellektuell, sondern geistig und namentlich moralisch zu bilden. Er war jeden Augenblick bereit, auf die Interessen jedes Schülers einzugehen und auch ein sprödes Material unverdrossen zu bilden. Namentlich in der Behandlung der Aufsätze hat er unermüdlich gewirkt. Er hat nicht selten verschiedene Aufsatzthemen je nach Art und Fassungskraft der Schüler gestellt. Oft hat er mir allein ein besonderes Thema aufgegeben, um meinen philosophischen Interessen entgegenzukommen. Dabei stand ich bei höchster Hochachtung für Reuter in einem gewissen Gegensatz zu ihm. Er war, wenn auch in keiner Weise fanatisch, so doch ein strenggläubiger Lutheraner. Ich aber war sowohl durch die Zusammenhänge meiner Familie als durch meine eigenen Eindrücke freigesinnt. (…) Natürlich blieb ich Reuter dauernd verbunden, wir haben regelmäßig miteinander korrespondiert.“

Was das von Altersmilde geprägte Buch Euckens auszeichnet, ist die Großzügigkeit, mit der er auch Leistungen von Menschen anerkennt, mit denen er philosophisch im Clinch lag. Da er durch seine Religionsphilosophie in Schweden bekannt war, ist es verständlich, dass er 1908 den Nobelpreis für Literatur erhielt.

Wer sich für Lebenserinnerungen anderer Menschen interessiert, findet hier das schöne Buch eines heute beinahe vergessenen Philosophen.

https://archive.org/stream/lebenserinnerun00euckgoog#page/n11/mode/2up (Lebenserinnerungen)

https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Eucken (Rudolf Eucken)

Schummel: Spitzbart (1779) – gelesen

„Spitzbart: eine komi-tragische Geschichte für unser pädagogisches Jahrhundert“ (1779) ist der vollständige Titel vom Johann Gottlieb Schummels Satire. Ihr Held ist der evangelische Pfarrer und Schulinspektor Spitzbart in Rübenhausen, der in zweiter Ehe mit einer dummen Frau verheiratet ist, unter deren Pantoffel er steht und mit der er einen absolut ungezogenen Sohn von acht Jahren hat, Israelchen. Aus erster Ehe hat er eine sechzehnjährige liebeshungrige Tochter Fiekchen, die es bei ihrer Stiefmutter nicht leicht hat. Dieser kaum mittelmäßige Pfarrer hat, von den Ideen Johann Bernhard Basedows (1724-1790) und Johann Friedrich Bahrdts (1741-1792) befeuert, ein Buch über die ideale Schule geschrieben. Sie soll finanziert werden, indem man alle Militärbudgets auf ein Viertel ihres Umfangs reduziert und zwei Viertel des Geldes den Bürgern schenkt, das dritte Viertel für die Finanzierung seiner Reformideen verwendet; er glaubt, dass in sechzig Jahren die Menschheit dann so gut erzogen sei, dass es künftig keine Kriege mehr geben werde usw.

Dieses Buch wird allgemein belächelt und verrissen, fällt aber dem Stadtdirektor von Arlesheim, Heineccius, in die Hände und begeistert ihn derart, dass er den völlig unfähigen Spitzbart als Direktor des Gymnasiums wählen lässt. Dessen flegelhafte Sohn wird zur Erziehung fortgegeben, Frau Spitzbart plustert sich auf und hält sich für etwas Besseres; Spitzbart mischt sich in den Unterricht der Lehrer ein und blamiert sich tödlich – das Ganze endet so, dass Spitzbart als unfähiger Schätzer entlarvt wird und schlicht und ergreifend an all seinem Ärger stirbt, sein Fiekchen schwanger wird und mit ihrem heimlich angetrauten russischen Grafen flieht, Israelchen aber einem ausgedienten Soldaten zur Erziehung übergeben wird, der ihm Zucht und Ordnung beibringt.

Dieser Kern des Personalbestandes ist von weiteren Figuren und vielen Verwicklungen umgeben. Das witzige und auch spannende Buch lebt von der überspitzen Darstellung der Ereignisse um den Inspektor, dann Direktor Spitzbart; Ähnlichkeiten mit späteren Ereignissen sind reiner Zufall, nur dass Spitzbart wenigstens wusste, dass die ideale Schule sehr viel Geld kostet. Eine Passage sei zitiert, in der erklärt wird, wieso Lehrer (damals) oft Macken haben: „Nur die wenigsten Schulleute haben Gelegenheit, sich, ich will nicht einmal sagen in der grossen, sondern nur in der gesitteten Welt zu bilden: Verachtung oder Fleiß oder Armuth schliessen sie davon fast gänzlich aus. Das originale Gepräge also, was bey uns andern in der menschlichen Gesellschaft gar bald abgeschliffen wird, bleibt bey ihnen unverändert. Sie sind von keinem kritischen Beobachtern oder Beobachterinnen ihrer kleinen Thorheiten und Leidenschaften umgeben, sondern nur von Kindern oder Jünglingen, vor denen sie thun zu können glauben, was ihnen beliebt. Ueberdem hindert die Aufmerksamkeit, die sie auf den Unterricht wenden müssen, die Beobachtung ihrer selbst; Daher z. E. gewöhnen sich so viele Schulleute zu den seltsamsten und lächerlichsten Verzerrungen des Gesichts, zu sonderlichen und wunderlichen Attitüden des Körpers und noch öfter zu so abscheulichen Mistönen der Stimme und Aussprache, für die noch gar keine Namen erfunden sind.“

Es gibt mehrere Ausgaben des Buchs als google book, natürlich alle in Fraktur gesetzt; wenn einmal zwei Seiten fehlen, kann man auf einen anderen Druck zurückgreifen.

https://books.google.de/books?id=ObQ4AQAAMAAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false (Schummel: Spitzbart, 1779)

A. von Knigge: Geschichte Peter Clausens – gelesen

Knigges dreiteiliger Roman „Geschichte Peter Clausens“ (1783/85) beginnt als Schelmenroman und endet als Bildungsroman: Zu Beginn sind die einzelnen Episoden rasant geschnitten. Peter Claus, ein Schustersohn, wird Bedienter, Soldat, Deserteur, Quacksalberarzt und Schriftsteller; er betätigt sich als berühmter Geiger und wird gewaltsam mit einer hochschwangeren, ihm unbekannten Frau verheiratet (eine Verwechslung). Er wird geadelt und arbeitet segensreich als Finanzminister eines Fürsten, bis er in Ungnade fällt. Mit den Schwiegereltern und seiner Frau hat er sich längst versöhnt. Er zieht auf ein Rittergut und will sich fortan einer vernünftigen Arbeit und der Erziehung des Stiefsohns widmen.

Die Personen des Romans tauchen immer wieder auf und können dann auch von dem, was sie in der Zwischenzeit erlebt haben, berichten; ein Jugendfreund ist der einzige, der auch am Ende mit ihm das ruhige Landleben wählt. – Die Adelskritik wiederholt sich, doch insgesamt bereitet der Roman dem Leser viel Freude.

Online: https://www.projekt-gutenberg.org/knigge/claus/claus.html

Lessing: Anakreontik

Lessing: Antwort eines trunknen Dichters

Ein trunkner Dichter leerte
Sein Glas auf jeden Zug;
Ihn warnte sein Gefährte:
Hör‘ auf! du hast genug.

Bereit vom Stuhl zu sinken,
Sprach der: Du bist nicht klug;
Zu viel kann man wohl trinken,
Doch nie trinkt man genug.

Das ist ein schönes Preislied auf das Trinken und damit ein Beispiel für eines der großen Themen der Anakreontik: das Lob des Weines; die erste Fassung des Gedichts stand unter der Überschrift „Die Antwort des trunkenen Dichters“. Eine andere witzige Gestaltung des gleichen Themas ist „Das Erdbeben“:

Das Erdbeben

Bruder, Bruder, halte mich!
Warum kann ich denn nicht stehen?
Warum kannst du denn nicht gehen?
Bruder geh, ich führe dich.

Sachte Bruder, stolperst du?
Was? Du fällst mir gar zur Erden?
Halt! ich muß dein Retter werden.
Nu? Ich falle selbst dazu?

Sieh doch Bruder! Siehst du nicht,
Wie die lockern Wände schwanken?
Sieh, wie Tisch und Flasche wanken!
Greif doch zu! das Glas zerbricht!

Himmel, bald, bald werden wir
Nicht mehr trinken, nicht mehr leben!
Fühlst du nicht? des Grunds Erbeben
Droht es Bruder mir und dir.

Limas Schicksal bricht herein!
Bruder, Bruder, wenn wir sterben,
Soll der Wein auch mit verderben?
Der auf heut bestimmte Wein?

Nein, die Sünde wag ich nicht.
Bruder, wolltest du sie wagen?
Nein, in letzten Lebenstagen
Tut man gerne seine Pflicht.

Sieh, dort sinket schon ein Haus!
Und hier auch! Nun muß man eilen!
Laß uns noch die Flasche teilen!
Hurtig! Hurtig! trink doch aus!

Limas Schicksal war ein Erdbeben, das 1746 die Stadt zerstörte.

Das andere große Thema in Lessings anakreontischer Frühzeit ist das Küssen; dieses Thema behandelt Lessing eher in den traditionellen Formen. Es gibt mindestens zwei Gedichte unter der Überschrift „Die Küsse“. Eines davon ist:

Die Küsse

Der Neid, o Kind,
Zählt unsre Küsse:
Drum küß‘ geschwind
Ein Tausend Küsse;
Geschwind du mich,
Geschwind ich dich!
Geschwind, geschwind,
O Laura, küsse
Manch Tausend Küsse:
Damit er sich
Verzählen müsse.

http://www.zeno.org/Literatur/M/Lessing,%20Gotthold%20Ephraim/Gedichte/Lieder%20(Ausgabe%201771) (Lessing: Lieder)

https://de.wikipedia.org/wiki/Anakreontik (Anakreontik)

https://wiki.zum.de/wiki/Anakreontik (dito)

http://www.wmelchior.com/archive/own/literatur/thesenpapiere/anakreontik.pdf (dito, von W. Melchior)

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/anakreon (Anakreon – Anakreontik)

Lessing: Ich – Text und Analyse

G. E. Lessing: Ich

Die Ehre hat mich nie gesucht;
Sie hätte mich auch nie gefunden.
Wählt man, in zugezählten Stunden,
Ein prächtig Feierkleid zur Flucht?

Auch Schätze hab ich nie begehrt.
Was hilft es sie auf kurzen Wegen
Für Diebe mehr als sich zu hegen,
Wo man das wenigste verzehrt?

Wie lange währts, so bin ich hin,
Und einer Nachwelt untern Füßen?
Was braucht sie wen sie tritt zu wissen?
Weiß ich nur, wer ich bin.

Lessing hat dieses Sinngedicht am 11. Oktober 1752 in das Stammbuch eines seiner Wittenberger Universitätsbekannten geschrieben. Es wurde 1804 in den Obersächsischen Provinzialblättern veröffentlicht; heute steht es im Anhang der Lieder. Man kann es kaum unter „Anakreontik“ einordnen – es spielt zwischen altkluger Lebensweisheit und ruhiger Selbstbesinnung: ein eindrucksvolles Gedicht. Es greift in Kurzform die drei Aspekte auf, die Schopenhauer 1851 in seinen „Aphorismen zur Lebensweisheit“ reflektiert hat und für deren Formulierung er (offensichtlich zu Unrecht) den Primat beanspruchte: Was einer ist – Was einer hat – Was einer darstellt; bei Lessing werden sie in umgekehrter Reihenfolge bedacht.

Die drei Strophen stehen jede für sich und werden doch durch einen Grundgedanken zusammengehalten, eine Variation des barocken Vanitas-Motivs. Da steht also, dass wir nur zugezählte Stunden haben (V. 3), die uns zur Flucht bleiben, also eine kurze Zeit, um zu leben; da steht, dass uns nur kurze Wege zur Verfügung stehen (V. 6), um etwas zu genießen; da steht drittens, dass es nicht lange währt (dauert), bis wir begraben sind (V. 9 f.). Das ist also die Grundtatsache unseres Lebens: dass unsere Zeit sehr knapp bemessen ist. Von dieser Tatsache aus bedenkt das reflektierende Ich die drei Fragen, die verschiedene Wege zum Glück bezeichnen. Lessing war damals 23 Jahre alt – wie weit er sich mit dem sprechenden Ich identifiziert, muss offen bleiben.

Zunächst lehnt das Ich es ab, nach Ehre und Ansehen zu streben – hier in der originellen Formulierung, dass die (personifizierte) Ehre „mich nie gesucht“ hat (V. 1 – statt: Ich habe sie nicht gesucht), mit der noch originelleren Fortsetzung des Bildes: Sie hätte mich nicht gefunden (V. 2). Es folgt in einem Vergleich mittels einer rhetorischen Frage (V. 3 f.) die Begründung dafür, dass der Ich-Sprecher keine Ehre gesucht hat: Die Ehre gleicht einem prächtigen Feierkleid, das man angesichts der kurzen Zeit bis zur Flucht (übertragen: bis zum Tod) nicht anzieht, weil es bei der Flucht hinderlich ist und weil es einfach nicht lohnt, sich für die kurze Zeit besonders schön zu machen.

Der Sprecher spricht in gebundener Form: Vier Verse im Jambus mit vier Hebungen, die Verse im umfassenden Reim miteinander verbunden; die beiden Mittelverse haben eine Silbe zusätzlich (weibliche Kadenz) – man erwartet eine Fortsetzung, während die männliche Kadenz den Vers ziemlich hart abschließt. Durch den Aufbau der Strophe (zwei Verse Bericht, zwei Verse Begründung) kommen keine sinnvollen Reime zustanden; trotzdem klingt die Strophe auch aufgrund der Reime melodisch. In der Spitzenstellung ist „Wählt“ (V. 3) gegen den Takt betont; in allen anderen Versen ist solches nicht der Fall, nur die Fragewörter „Wie“ (V. 9) und „Was“ (V. 11) bekommen einen (unterschiedlich) kleinen Akzent, „Was“ stärker als „Wie“, welches eigentlich „Wie lange“ ist, mit dem Akzent auf a.

Ganz anders geht es in der zweiten Strophe zu: Der Bericht, dass das Ich keine Schätze begehrt hat, macht nur einen Vers aus (V. 5). Die Begründung umfasst dann drei Verse, wieder in einer rhetorischen Frage: dass man von den aufgehäuften Schätzen „das wenigste“ selbst verzehren könnte (V. 8), da die Wege kurz sind (V. 6), dass man also im Prinzip nur für potenzielle Diebe Schätze gesammelt hätte (V. 7). Hier sind die Reime sinnvoll: nicht begehrt / das wenigste selbst verzehrt (V. 5/8); auf kurzen Wegen / Schätze hegen (V. 6/7).

In der dritten Strophe geht es um die entscheidende Frage, wer ich bin. Das Ich beginnt mit zwei rhetorischen Fragen (V. 9-11), um kraftvoll mit der These zu schließen: [Es genügt,] wenn ich weiß, wer ich bin (V. 12). Die erste Frage greift noch einmal das Vanitas-Motiv auf und kann so primär zur Begründung zum Verzicht auf Ehre und Schätze dienen (V. 9 f.). Mit dem Stichwort „Nachwelt“ wird dann aber doch zur These in V. 12 übergeleitet, indem das Desinteresse der Nachwelt, die auf dem später Toten bloß herumtrampelt (V. 10 f.), in einen Kontrast zu meinem Interesse an mir selber gestellt wird (V. 12). Der Gedankenzusammenhang ist weithin nicht ausgesprochen, er stellt sich mir etwa so dar: Die Mitwelt hätte nur auf das geschaut, was ich habe (Schätze) und was ich darstelle (Ehre); die Nachwelt interessiert sich dafür nicht mehr, wenn ich begraben bin (V. 10) – aber ich selber, ich muss im Gegensatz zur Mitwelt jetzt wissen, wer ich bin, weil nur dieses für mich zählt – die kurze Zeit, die ich da bin; und wegen der Kürze der Zeit zählt nichts anderes.

Der unsaubere Reim „untern Füßen / … zu wissen“ (V. 10/11) verbindet die Verse durch das Todesmotiv; die Verse 9/12 stehen im Verhältnis These (V. 12) – Begründung (V. 9) zueinander. Die zentrale These steht, wie gesagt, kraftvoll im letzten Vers und klingt so nach, wenn man das Gedicht gelesen hat.

Entfernt verwandt mit dem Gedicht „Ich“ ist „Der Sonderling“ aus den Liedern. Da bekennt der Ich-Sprecher, dass ihm im Gegensatz zu den anderen egal ist, ob ihm von den Mitmenschen attestiert wird, er sei kein Narr oder sei weise. In der letzten Strophe bekennt er:

Ein jeder, der mich kennt,
Spricht: Welcher Sonderling!
Nur diesem ists ein Ding,
Wie ihn die Welt auch nennt.

Dahinter steht unausgesprochen: Mir genügt es, wenn ich selber weiß, wer oder was ich bin.

https://gedichte.xbib.de/Lessing_gedicht_Der+Sonderling.htm (Lessing: Der Sonderling)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Lessing,%20Gotthold%20Ephraim/Gedichte/Lieder%20(Ausgabe%201771) (Lessing: Lieder)

https://de.wikipedia.org/wiki/Anakreontik (Anakreontik)

https://wiki.zum.de/wiki/Anakreontik (dito)

http://www.wmelchior.com/archive/own/literatur/thesenpapiere/anakreontik.pdf (dito, von W. Melchior)

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/anakreon (Anakreon – Anakreontik)

Lessing: Lob der Faulheit

G. E. Lessing: Lob der Faulheit

Faulheit, jetzo will ich dir
Auch ein kleines Loblied bringen. –
O – – wie – – sau – – er – – wird es mir, – –
Dich – – nach Würden – – zu besingen!
Doch, ich will mein Bestes tun,
Nach der Arbeit ist gut ruhn.

Höchstes Gut! wer dich nur hat,
Dessen ungestörtes Leben – –
Ach! – – ich – – gähn‘ – – ich – – werde matt – –
Nun – – so – – magst du – – mirs vergeben,
Daß ich dich nicht singen kann;
Du verhinderst mich ja dran.

Das ist einfach ein schönes Gedicht, an dem man sich erfreuen kann; deshalb will ich auch auf eine Analyse verzichten. Nur so viel sei gesagt: Im Lob der Faulheit wird die Faulheit selber vor- und durchgeführt. Auch das ist Anakreontik: Lust und Liebe zum Leben.

Das Lob der Faulheit ist natürlich nicht an die gerichtet, die ohnehin schon faul sind. Viel eher sollten es die Anhänger Calvins und seiner Arbeitsethik hören, deren Leben nur den Sinn hat, Karriere zu machen: immer mehr zu erwerben („haben“) und dadurch Ansehen zu gewinnen („gelten“), und die darüber vergessen, was sie an sich selber haben („sein“) – so finden wir es nicht nur in Schopenhauers „Aphorismen zur Lebensweisheit“ reflektiert, sondern auch schon in Lessings Gedicht „Ich“.

Als Parallele zum Lob der Faulheit sei Lessings Lied „Der Faule“ genannt:

Der Faule

Rennt dem scheuen Glücke nach!
Freunde, rennt euch alt und schwach!
Ich nehm‘ teil an eurer Müh:
Die Natur gebietet sie.
Ich, damit ich auch was tu, –
Seh‘ euch in dem Lehnstuhl zu.

https://herrlarbig.de/2011/04/04/gedichtinterpretation-lessings-lob-der-faulheit/ (Herr Larbig hat sich die Arbeit gemacht, das Lob der Faulheit zu interpretieren)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Lessing,%20Gotthold%20Ephraim/Gedichte/Lieder%20(Ausgabe%201771) (Lessing: Lieder)

https://de.wikipedia.org/wiki/Anakreontik (Anakreontik)

https://wiki.zum.de/wiki/Anakreontik (dito)

http://www.wmelchior.com/archive/own/literatur/thesenpapiere/anakreontik.pdf (dito, von W. Melchior)

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/anakreon (Anakreon – Anakreontik)

Zur Deutung der Anakreontik

Der Mensch erscheint als ein hedonistisches Individuum; ging im Barock der Blick noch in eine jenseitige Welt, so geht es jetzt nur um die Freude im Diesseits. Wein und Liebe spenden Glück, ihnen widme man sein Leben!

Das ist indirekt eine Kritik am tradierten Christentum, in dem der weltliche Genuss offiziell verachtet wurde; es ist eine Kritik an den Schuldgefühlen, die mit dem Genuss des Lebens verbunden waren und die mit der Drohung von Höllenstrafen eingepflanzt wurden: Das Leben erfüllt sich im Hier und Heute, jetzt kann und soll man glücklich sein.

(Nach Wolfgang Melchior, s.o.)

Lessing: An die Leier – Text und Analyse

G. E. Lessing: An die Leier (1753)

Töne, frohe Leier,
Töne Lust und Wein!
Töne, sanfte Leier,
Töne Liebe drein!

Wilde Krieger singen,
Haß und Rach und Blut
In die Laute singen,
Ist nicht Lust, ist Wut.

Zwar der Heldensänger
Sammelt Lorbeern ein;
Ihn verehrt man länger.
Lebt er länger? Nein.

Er vergräbt im Leben
Sich in Tiefsinn ein:
Um erst dann zu leben,
Wann er Staub wird sein.

Lobt sein göttlich Feuer,
Zeit und Afterzeit!
Und an meiner Leier
Lobt die Fröhlichkeit.

Dieses Gedicht Lessings eröffnet heute die Sammlung der „Lieder“, welche meistens älter als „An die Leier“ sind und deren erste Sammlung 1751 erschienen ist. Die Lieder sind Fingerübungen des jungen Lessing (Jahrgang 1729), der in seiner anakreontischen Jugendphase Liebe und Wein besingt – ganz dem neuen Ton der deutschen Dichtung entsprechend.

„An die Leier“ war auch die erste Ode Anakreons gerichtet; dort berichtet der Sänger, dass er Heldenlieder singen wollte, doch die Leier spielte ein Liebeslied: „Drum, Heroen, freut euch künftig / Nur mit uns, denn meine Leier / Weiß zu singen nur von Liebe.“ Lessings Sänger wendet sich unmittelbar an seine Leier und bittet sie oder fordert sie viermal auf, von Lust und Wein und Liebe zu tönen (V. 1-4). Die Attribute seiner Leier sind „froh“ und „sanft“ (V. 1, V. 3); damit stehen die Töne der Leier im Gegensatz zu den wilden Liedern der Krieger (V. 5-8). Der Sänger benennt die gegensätzlichen Motive der Musizierenden: Lust – Wut (V. 8). Die beiden ersten Strophen sind also als Kontraste miteinander verbunden. In der zweiten Strophe sollte man V. 5 als abgeschlossenen Satz lesen; die Infinitivkonstruktion in V. 6 f. ist das Subjekt des Satzes in V. 8.

Die fünf Strophen bestehen aus jeweils vier Versen im Trochäus mit jeweils drei Versfüßen, wobei die Verspaare zuerst eine weibliche, dann ein männliche Kadenz aufweisen; nach jedem zweiten Vers tritt also eine kleine Pause ein, die auch (bis auf die zweite Strophe) dem Ende eines Satzes entspricht. Die vier Verse sind im Kreuzreim verbunden. Als bedeutsame Reime der Verspaare kommen jeweils die Verse 2/4 einer Strophe in Betracht; in den Versen 1/3 sind dreimal die Reimwörter gleich. In der ersten Strophe sind die Verspaare streng parallel aufgebaut: Imperativ, Anrede an die Leier, Aufforderung an die Leier; im Reim von „Lust und Wein / Liebe drein“ (V. 2/4) sind die wichtigsten Themen der Lieder benannt. Diese Lieder sind ein literarisches Spiel; sie drücken nicht unbedingt das Lebensgefühl oder die persönliche Einstellung des Dichters aus. Die Lieder der Krieger werden nach ihren Themen und dem Antrieb der Sänger charakterisiert: Hass, Rache, Blut / nicht Lust, sondern Wut (V. 6/8).

In den beiden nächsten Strophen beschreibt und bewertet der Sänger den „Heldensänger“ (als Typus, nicht als Individuum), welcher im Gegensatz zu ihm Heldenepen vorträgt: In der dritten Strophe wird zunächst beschrieben, dass er für seine Lieder Ruhm erntet (V. 9-11); als entscheidendes Kriterium der Bewertung folgt dann die Frage, ob er länger lebt: Nein (V. 12). Damit ist gesagt, dass seine Gesänge im Wesentlichen ihm nichts einbringen. Das führt zum Kontrast von den vielen Lorbeeren und dem gleichwohl begrenzten Leben (V. 10/12). In der vierten Strophe wird die Lebensweise des Heldensängers untersucht, wobei die beiden Verspaare in einem eigenartigen Kontrast stehen: Das Leben des Heldensängers sei mühselig (er gräbt sich in Tiefsinn ein, V. 13 f.), er lebe erst richtig in seinem Ruhm, wenn er tot ist (V. 15 f., ein Paradox) – wovon er eigentlich also nichts hat, da er ja Staub ist – woraus sich als Folgerung ergibt: Lieber so leben und so singen, dass man sich des wirklichen Lebens jetzt erfreut. Die Inversion in V. 9 f. (Prädikat „Sammelt“ hinter dem Subjekt) ist dem Metrum geschuldet; das „Aber“ zu „Zwar“ bildet V. 12.

In der letzten Strophe wendet der Dichter sich an alle Hörer (und Leser) der Gegenwart und der Zukunft (Afterzeit, V. 18): Sie sollen den Heldensänger mit seinem göttlichen Feuer und ihn mit seiner Fröhlichkeit loben (zwei Imperative). Was wie eine Parallele aussieht, weist zugleich einen untergründigen Kontrast auf: Dem Heldensänger wird „sein göttlich Feuer“, seine Begeisterung zugebilligt, auch wenn das in V. 13 f. anders klang. Diese Aufforderung, ihn zu loben, hat einen ironischen Unterton; denn der Heldensänger hat ja nichts mehr von diesem Lob, weil er Staub ist. Der Sänger selber aber singt in Fröhlichkeit (V. 20), und auch dafür verdient man ein Lob.

Durch die Imperative sind die erste und die letzte Strophe miteinander verbunden: Die Aufforderung an die Leier und an das Publikum bilden den Rahmen, in dem die beiden Arten des Singens einander gegenübergestellt werden.

Als Parallele sei Lessings Gedicht „Für wen ich singe“ genannt. In den ersten sechs Strophen wird erklärt, für der Sänger nicht singt. Dann folgt:

Ich singe nur für euch, ihr Brüder,
Die ihr den Wein erhebt, wie ich.
Für euch, für euch sind meine Lieder.
Singt ihr sie nach: o Glück für mich!

Ich singe nur für meine Schöne,
O muntre Phyllis, nur für dich.
Für dich, für dich sind meine Töne.
Stehn sie dir an, so küsse mich.

https://de.wikipedia.org/wiki/Leier_(Zupfinstrument) (Leier, mit Bildern)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Lessing,%20Gotthold%20Ephraim/Gedichte/Lieder%20(Ausgabe%201771) (Lessing: Lieder)

https://de.wikipedia.org/wiki/Anakreontik (Anakreontik)

https://wiki.zum.de/wiki/Anakreontik (dito)

http://www.wmelchior.com/archive/own/literatur/thesenpapiere/anakreontik.pdf (dito, von W. Melchior)

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/anakreon (Anakreon – Anakreontik)

Zur Deutung der Anakreontik

Die Monotonie anakreontischer Oden entwirft das Bild eines hedonistischen Individuums:

– als symbolische Absage an jede Transzendenz

– „Wein und Liebe“ begründen allein Sinn und Gluck des menschlichen Lebens

– dabei wird implizit alles, was dem Menschen zur Erreichung seines Glückideals im Wege steht, kritisiert (moralische Einwände).

Dies geschieht indirekt durch Aufforderungen zu unbeschwertem Genuss und unreflektiertem Vergnügen. Mit der Anakreontik – wie auch der gesamten aufklärerischen Dichtung – ist ein gesellschaftliches Programm verknüpft, das seine Hauptstoßrichtung in der religionsgeschichtlichen Tradition von Literatur und Gesellschaft findet. Kritisiert wird:

1. die Morallehre der Orthodoxie und des Pietismus, die die Handlungen des weltlichen Genusses ächten und verbieten

2. der Begriff des schuldhaften Handelns und des Schuldgewissens

3. die christliche Vergeltungslehre in Verbindung mit ihrer Transzendenzlehre. Stattdessen wird mit provokatorischem Impetus ein weltimmanenter Glücksbegriff entworfen und zu einem Prinzip neuen gesellschaftlichen Handelns erhoben. (Wolfgang Melchior, s.o.)

Aufklärung: Lessings Sinngedichte

„Lessings Sinngedichte entstanden hauptsächlich in den Jahren 1751 und 1752 in Berlin und Wittenberg. Einzelne Gedichte wurden erstmals in der Berlinischen privilegirten Zeitung abgedruckt oder ab 1751 in Sammelwerke aufgenommen. 1771 erschien der Band G. E. Lessings Sinngedichte als Sonderabdruck aus G. E. Lessings vermischte Schriften. Erster Theil (ebenfalls 1771).“ Das steht als Einleitung vor der Auswahl der Sinngedichte bei Wikisource (s.u.).

Die Sinngedichte stehen zwischen Witz und Belehrung, sind Unterhaltung in der Zeit der Aufklärung. Um das zu demonstrieren, stelle ich eine kleine Auswahl vor:

26. Auf Frau Trix

Frau Trix besucht sehr oft den jungen Doktor Klette.

Argwohnet nichts! Ihr Mann liegt wirklich krank zu Bette.

Das ist schlichte Unterhaltung, wie sie auch heute geboten wird.

37. Auf den Sanktulus

Dem Alter nah, und schwach an Kräften,

Entschlägt sich Sanktulus der Welt

Und allen weltlichen Geschäften,

Von denen keins ihm mehr gefällt.

Die kleine trübe Neige Leben

Ist er in seinem Gott gemeint,

Der geistlichen Beschauung zu ergeben;

Ist weder Vater mehr, noch Bürger mehr, noch Freund.

Zwar sagt man, daß ein trauter Knecht

Des Abends durch die Hintertüre

Manch hübsches Mädchen zu ihm führe.

Doch, böse Welt, wie ungerecht!

Ihm so was übel auszulegen!

Auch das geschieht bloß der Beschauung wegen.

Hier wird mit zwei Wortspielen gearbeitet: Sanctulus ist der, der ein klein wenig heilig (sanctus) ist. Und Beschauung oder Betrachtung bedeutet beim ersten Mal die geistige Vertiefung ist die Geheimnisse der Religion, beim zweiten Mal spielt die wörtliche Bedeutung ironisch in die religiöse Bedeutung hinein.

65. Hänschen Schlau

»Es ist doch sonderbar bestellt«,

Sprach Hänschen Schlau zu Vetter Fritzen,

»Daß nur die Reichen in der Welt

Das meiste Geld besitzen.«

Hier wird die Definition des Reichen (analytisches Urteil) wie ein synthetisches Urteil bzw. wie eine erstaunliche Erfahrungstatsache eingeführt – ein kleiner Witz um eine schon bemerkenswerte Tatsache: dass nämlich nur wenige viel mehr als andere besitzen.

91. Auf einen gewissen Dichter

Ihn singen so viel mäß‘ge Dichter,

Ihn preisen so viel dunkle Richter,

Ihn ahmt so mancher Stümper nach,

Ihm nicht zum Ruhm, und sich zur Schmach.

Freund, dir die Wahrheit zu gestehen,

Ich bin zu dumm es einzusehen,

Wie sich für wahr Verdienst ein solcher Beifall schicket.

Doch so viel seh‘ ich ein,

Das Singen, das den Frosch im tiefen Schlamm entzücket,

Das Singen muß ein Quaken sein.

Lessing als Kunstrichter oder Kollege – sein Urteil geht wie eine Fabel in den Bildbereich der Tiere, um aus der Analogie zu verstehen, wie schwache Produkte große Anerkennung finden können; das Gedicht gilt auch heute noch.

102. Auf Dorinden

Sagt nicht, die ihr Dorinden kennt,

Daß sie aus Eitelkeit nur in die Kirchen rennt;

Daß sie nicht betet, und nicht höret,

Und andre nur im Beten störet.

Sie bat, (mein eignes Ohr ist Zeuge;

Denn ihre Schönheit geht allmählig auf die Neige)

Sie bat mit ernstlichen Gebärden:

»Laß unser Angesicht, Herr, nicht zu Schanden werden!«

Hier liegt wieder ein Wortspiel vor: Das Gebet Dorindens erinnert an Psalm 31: „HERR, bei dir habe ich mich geborgen. / Lass mich nicht zuschanden werden in Ewigkeit; rette mich in deiner Gerechtigkeit!“ (Ps. 31,2) Was im Psalm für die gefährdete Person erbeten wird, gilt bei Dorinden nur für die Schönheit des alternden Gesichts.

105. Auf einen gewissen Leichenredner

O Redner! dein Gesicht zieht jämmerliche Falten,

Indem dein Maul erbärmlich spricht.

Eh du mir sollst die Leichenrede halten,

Wahrhaftig, lieber sterb‘ ich nicht!

Der Witz liegt auf der Hand: als ob zu sterben im Belieben eines Menschen stände!

108. Auf Lorchen

Lorchen heißt noch eine Jungfer. Wisset, die ihrs noch nicht wißt:

So heißt Lucifer ein Engel, ob er gleich gefallen ist.

Wieder ein Wortspiel mit dem Partizip „gefallen“ in einem Vergleich („So“); den Jüngeren heute muss man wohl erklären, dass ein „gefallenes“ Mädchen seine sexuelle Unschuld verloren hatte, also nicht mehr Jungfrau war, was früher als Schande galt, wie man an Gretchen im „Faust“ sehen kann. Vermutlich muss man ihnen ebenfalls erklären, dass im biblischen Mythos der Engel Lucifer („Lichtträger“) sich gegen Gott empörte (also gefallen oder abgefallen war), von Michael im Kampf besiegt besiegt und aus dem Himmel in die Hölle gestürzt wurde, wo er dann als Teufel Dienst tat.

141. An einen Autor

Mit so bescheiden stolzem Wesen

Trägst du dein neustes Buch – welch ein Geschenk! – mir an.

Doch, wenn ichs nehme, grundgelehrter Mann,

Mit Gunst: muß ich es dann auch lesen?

Mit Gunst“ heißt so viel wie „mit Verlaub“. Hier spielt Lessing mit einer Differenz: dem Stolz eines Autors auf sein Werk und der Einschätzung dieses Werks durch einen damit Beschenkten. Um das kleine Gedicht würdigen zu können, muss man vielleicht schon einmal derart beschenkt worden sein.

144. Abschied an den Leser

Wenn du von allem dem, was diese Blätter füllt,

Mein Leser, nichts des Dankes wert gefunden:

So sei mir wenigstens für das verbunden,

Was ich zurück behielt.

Das ist ein würdiger Abschluss der Sinngedichte und ein ironisches Spiel mit der Drohung, noch viel schlechtere Gedichte dem undankbaren Leser präsentieren zu können.

Im Anhang der Sinngedichte finden sich noch ein paar schöne Exemplare:

Auf den Herrn M den Erfinder der Quadratur des Zirkels

Der mathematsche Theolog,
Der sich und andre nie betrog,
Saß zwischen zweimal zweien Wänden,
Mit archimedscher Düsternheit,
Und hatte – – welche Kleinigkeit!
Des Zirkels Vierung unter Händen.
Kühn schmäht er auf das x + z
(Denn was ist leichter als geschmäht?)
Als ihn der Hochmut sacht und sachte
Bei seinen Zahlen drehend machte.
So wie auf einem Fuß der Bube
Sich dreht, und dreht sich endlich dumm,
So ging die tetragonsche Stube,
Und Stuhl und Tisch mit ihm herum.
O Wunder, schrie er, o Natur!
Da hab ich sie, des Zirkels Quadratur.

Die Quadratur des Kreises mit Zirkel und Lineal ist ein unlösbares mathematisches Problem, dessen „Lösung“ der Mathematiker hier am eigenen Leib erfährt, indem das quadratische Zimmer um ihn zu kreisen beginnt.

In ein Stammbuch, dessen Besitzer versicherte, daß sein Freund ohne Mängel und sein Mädchen ein Engel sei

Trau keinem Freunde sonder Mängel

Und lieb ein Mädchen, keinen Engel.

sonder“ heißt „ohne“.

In den Sinngedichten finden sich auch solche, die in der Tradition der Frauenschelte bzw. der Misogamie fallen – in einer von Männern dominierten literarischen Kultur muss man derartige Produkte insgesamt eher zu den Scherzen zählen, die es in ähnlicher Weise (als Spiel mit Klischees) auch heute als (vermeintlich) witzig vielfach gibt:

[Doppelter Nutzen einer Frau]

Zweimal taugt eine Frau – für die mich Gott bewahre! –

Einmal im Hochzeitsbett, und einmal auf der Bahre.

Diese Tendenz gab es auch schon in den Sinngedichten:

82. Das Mädchen

Zum Mädchen wünscht‘ ich mir – und wollt‘ es, ha! recht lieben –

Ein junges, nettes, tolles Ding,

Leicht zu erfreun, schwer zu betrüben,

Am Wuchse schlank, im Gange flink,

Von Aug‘ ein Falk,

Von Mien‘ ein Schalk;

Das fleißig, fleißig liest:

Weil alles, was es liest,

Sein einzig Buch – der Spiegel ist;

Das immer gaukelt, immer spricht,

Und spricht und spricht von tausend Sachen,

Versteht es gleich das Zehnte nicht

Von allen diesen tausend Sachen:

Genug, es spricht mit Lachen,

Und kann sehr reizend lachen.

Solch Mädchen wünscht‘ ich mir! – Du, Freund, magst deine Zeit

Nur immerhin bei schöner Sittsamkeit,

Nicht ohne seraphin‘sche Tränen,

Bei Tugend und Verstand vergähnen.

Solch einen Engel

Ohn‘ alle Mängel

Zum Mädchen haben:

Das hieß‘ ein Mädchen haben? –

Heißt eingesegnet sein, und Weib und Hausstand haben.

Die seraphin‘schen Tränen sind die Tränen der Engelsorte Seraphim, die zur Langeweile des tugendhaften Lebens passen. Die zweite Strophe muss man ab „Du“ als Antwort des Freundes auf den törichten Wunsch lesen. Nicht so eindeutig ist die Nr. 110:

110. Der spielsüchtige Deutsche

So äußerst war, nach Tacitus Bericht,

Der alte Deutsch‘ aufs Spiel erpicht,

Daß, wenn er ins Verlieren kam,

Er endlich keinen Anstand nahm,

Den letzten Schatz von allen Schätzen,

Sich selber, auf das Spiel zu setzen.

Wie unbegreiflich rasch! wie wild!

Ob dieses noch vom Deutschen gilt?

Vom deutschen Manne schwerlich. – Doch,

Vom deutschen Weibe gilt es noch.

Was genau ist damit gemeint, dass die deutsche Frau sich selber aufs Spiel setzt, wenn‘s ans Verlieren geht? Heißt es, dass sie wild entschlossen blind heiratet, ehe sie als alte Jungfer endet? Die Frauenschelte ist ein weites Feld, auf dem auch Legenden wie die von Aristoteles und Phyllis wachsen und das gesondert zu erforschen wäre.

http://www.zeno.org/Literatur/M/Lessing,+Gotthold+Ephraim/Gedichte/Sinngedichte+(Ausgabe+1771)

https://www.projekt-gutenberg.org/lessing/sinnged/sinnged.html

https://de.wikisource.org/wiki/Sinngedichte (eine Auswahl)

https://literaturkritik.de/id/19300 (Frauenbild)

https://deacademic.com/dic.nsf/dewiki/963774 (Misogynie = Frauenschelte)