Kalila und Dimna (Fabeln) – gelesen

Ich habe nur eine Auswahl der Fabeln gelesen: Kalila und Dimna. Vom sinnreichen Umgang mit Freunden. Ausgewählte Fabeln des Bidpai. Nacherzählt von Ramsay Wood (übersetzt von Edgar Otten): Freiburg 1986. Die traditionellen Fabeln sind also durch eine übersetzte Nacherzählung gefärbt, so dass man die schillernden Farben des Originals oft nur erahnen kann.

Die Fabeln werden von Bidpai im Gespräch mit König Dabschelim vorgetragen, doch so, dass aus einer Erzählung die nächste Geschichte entspringt: Eine Figur der Erzählung erzählt einer anderen wiederum eine Geschichte, in der eine Figur einer anderen eine Geschichte erzählt… Gleichwohl verliert man den Rahmen, Bidpai vor dem König, und die Haupterzählung vom bösen Schakal Dimna, der die Freundschaft zwischen dem Löwen und dem Stier durch Lügen und Misstrauen untergräbt, nicht aus den Augen. Es ist ein wunderbares Buch, das zu lesen sich lohnt.

Zur Übersetzung möchte ich sagen, dass sie einige Macken aufweist, wie man an folgenden Beispielen sieht: Als der Wolf auf die Kadaver der Hirschkuh, des Bogenschützen und des Ebers trifft, „sprintet er von Kadaver zu Kadaver“ (S. 213) – das ist unwahrscheinlich, er wird sich langsam bewegen; die Ratte erfreut sich an „einem geilen Goldhaufen“ (S. 218); die Ratte bewertet etwas als „der absolute Nadir“ (S. 220) – der „Tiefpunkt“ trifft es eher, außerdem passen „Nadir“ und „geil“ nicht auf eine Sprachebene; das gilt auch für die Stelle, wo die Ratte die Kurve kratzt und ihr Loch in Agonie erreicht (S. 228) – wer die Kurve kratzt, kennt auch kein Habitat und Sanktuarium (S. 229). Und was eine Halbtierce bzw. ein Buch in der Gestalt einer Halbtierce ist, das konnte ich nicht herausfinden, während ich das Oxhoftfass in der Wikipedia gefunden habe.

https://www.wikizero.com/de/Kal%C4%ABla_wa_Dimna

https://www.evolution-mensch.de/Anthropologie/Kal%C4%ABla_wa_Dimna

https://en.wikipedia.org/wiki/Panchatantra (umfangreich)

https://en.wikipedia.org/wiki/Calila_e_Dimna (dito)

http://self.gutenberg.org/articles/Kalila_and_Dimna

https://de.wikipedia.org/wiki/Kal%C4%ABla_wa_Dimna

https://deacademic.com/dic.nsf/dewiki/734966

https://archive.org/details/bub_gb_fJAWAAAAYAAJ_2/page/n5 (Text, ungekürzt)

https://archive.org/details/kalilaunddimnasy00bdps/page/n249 (Text, syrisch und deutsch)

https://www.chbeck.de/kalila-dimna/product/20616 (Übersetzung der persischen Fassung, Rezension: http://www.sandammeer.at/rezensionen/monschi-kalila.htm)

http://www.inst.at/trans/16Nr/06_1/haschemi16.htm (Auswirkungen auf die Fabeln der dt. Aufklärung)

https://journals.ut.ac.ir/article_19136_e471c878eee832e37492328c47fe2ba0.pdf (Rezeption in Iran und Deutschland)

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Saša Stanišić: Herkunft (2019) – vorgestellt

Zumindest einmal will ich den Namen richtig schreiben, auch wenn meine Maschine nicht die jugoslawischen Sonderzeichen fabrizieren kann: Saša Stanišić, ich habe ihn aus dem Wikipedia-Artikel kopiert. Es geht um seinen Roman „Herkunft“ (2019), der eher eine Sammlung einzelner Geschichten denn ein Roman ist. Sie werden durch das erzählende Ich zusammengehalten, das sich als Saša Stanišić ausgibt und großenteils vermutlich auch ist. Es sind Geschichten eines Flüchtlings – Stanisic spricht politisch korrekt lieber von einem Geflüchteten – der nach Deutschland kommt und sich gegen viele Widerstände als anerkannter Flüchtling etabliert, während seine Eltern Deutschland wieder verlassen müssen und die alte Großmutter ohnehin in Visegrad zurückgeblieben ist.

Der zweite Themenkomplex ist eben die besagte Großmutter, die in ihrer Demenz verwunderlich ist und der mit geschätzten 150 Seiten ziemlich viel Platz eingeräumt wird – zu viel, würde ich sagen, da eine demente Großmutter nichts mit dem zu tun hat, was durch den Titel „Herkunft“ thematisiert wird: wie die Herkunft das Schicksal eines Menschen in Deutschland bestimmt, aber nicht bestimmen sollte. „Ich sagte, Herkunft ist Zufall, immer mal wieder, auch ungefragt.“ (S. 178)

Solche Sätze allerdings machen mich stutzig: Wozu diese verquaste Satzbildung, warum „faulten“ die Spieler beim Basketball (S. 194), wozu gibt es den glühend kalten Tag (S. 240 – lassen wir „den Radio hören“ als süddeutsch durchgehen, auch wenn es grausam klingt)? Ist das nicht alles gekünstelt? Und dann der verschwurbelte Tiefsinn: „Sie legten für ihre Toten eine gute Geschichte ein. Der Geschmack des Brunnenwassers ist aus Sprache gemacht. Die Sprache wird weiterfließen. Einer überleben, um zu erzählen. Um zu sagen: Mein Leben ist unbegreiflich.“ (S 286)

Insgesamt findet man in Stanisics Roman ein Buch, das sich leicht lesen lässt; aber man muss es nicht lesen, finde ich, man hat nicht viel verpasst, wenn man es nicht liest. Es gibt mehrere Kapitel, die völlig belanglos sind (z.B.„Diplomatie“, S. 203); „Geschichtenkitt“ (S. 212) ist ziemlich verworrenes Zeug. Der große Schluss („Der Drachenhort“, S. 289 ff.) ist so konzipiert, dass man sich als Leser nach gehöriger Warnung (S. 291) mit der verworrenen Großmutter konfrontiert sieht (S. 293) und je nach gewählter eigener Reaktion zu zehn verschiedenen Enden der Erzählung geführt wird. Das ist ein künstlich erbautes Labyrinth, auf dessen Axiom ich mich nicht eingelassen habe: „… du erschaffst dein eigenes Abenteuer. (…) Du bist ich.“ Nein, das bin ich nicht und will ich auch nicht sein. Mit dem Angebot „Du bist ich“ wird der stillschweigend geschlossene Pakt des Erzählers mit dem Hörer-Leser gebrochen: ‚Ich erzähle dir die Wahrheit und du glaubst mir.‘ Wenn es nämlich zehn mögliche Wahrheiten gibt – bzw. wenn der Autor bewusst macht, dass es beim Erzählen keine Wahrheit, sondern nur Fiktionen gibt – dann ist das einerseits ehrlich und sogar aufklärend; anderseits wird damit die Empathie, mit der man das Flüchtlings-Ich Sascha begleitet hat, als blauäugiger Naivität entsprungen entlarvt. „Bemitleidenswerter Flüchtling? April, April, ich könnte auch ganz anders erzählen, sprich: ‚anderes erlebt haben‘ – wir betreiben hier Unterhaltung!“ [Man vergleiche dagegen die abgründige Erzählung  Borges‘ „Der Garten der Pfade, die sich verzweigen“!]

Im folgenden Zitat (S. 193) wird diese Position allerdings widerrufen, so dass man sagen muss: Das Angebot der zehn möglichen Enden ist nicht durchdacht, es ist bloß ein modischer Schlenker: „Ich brauche niemandem zu erklären, warum ich dort, wo ich herkomme, nicht mehr bin. Es kommt mir vor, als würde ich genau das aber immerfort tun. Fast entschuldigend auch. Auch mir selbst gegenüber. Es kommt mir vor, als stünde ich wegen der Geschichte dieser Stadt, Visegrad, und wegen des Glücks meiner Kindheit in einer Schuld, die ich mit Geschichten begleichen muss. Es kommt mir vor, als meinten meine Geschichten diese Stadt sogar dann, wenn ich nicht über sie schreiben will.“ (S. 193)

Die begeisterten Rezensionen des Buches lassen mich ratlos zurück, ich bin von anderen Büchern begeistert. Und ob jemand nach der Lektüre seine Einstellung gegenüber den „Fremden“ ändert, bezweifle ich: Die Autoren des Feuilletons leben in ihrer eigenen Welt.

(Version vom 24. Juni 2019)

https://www.spiegel.de/kultur/literatur/herkunft-von-sasa-stanisic-ein-superbuch-a-1258440.html

https://www.zeit.de/2019/12/herkunft-sasa-stanisic-roman-autobiografie

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article190665023/Herkunft-von-Sasa-Stanisic-Von-Bosnien-nach-Deutschland.html usw.

F. Schiller: Die Räuber – das Geschehen (Inhalt)

Friedrich Schiller: Die Räuber

1. Akt

I 1 Franz und der alte Moor in einem Saal des Moorischen Schlosses

Franz Moor bedrängt mittels eines Briefes aus Leipzig seinen alten Vater, seinen im Brief als Verbrecher denunzierten Bruder Karl zu verstoßen; er bringt seinen Vater dazu, selber einen diesbezüglichen Brief an Karl schreiben zu dürfen – alles angeblich aus Sorge um das Wohlergehen des alten Herrn.

In einem großen Monolog bekennt er, selber den anklagenden Brief aus Leipzig geschrieben zu haben. Er offenbart seinen Hass auf den älteren, schöneren und begabteren Bruder Karl. Er verspottet alles, was anderen Menschen heilig ist (ehrlicher Name, Gewissen, Verwandtschaft). „Ich will alles um mich her ausrotten, was mich einschränkt daß ich nicht Herr bin.“

I 2 Karl von Moor und Spiegelberg in einer Schenke an der Grenze von Sachsen

Karl Moor beklagt die Schlappheit des Jahrhunderts. Spiegelberg will ihn zu neuen Streichen ermuntern, indem er von den alten erzählt. Spiegelberg träumt von großen Verbrechen, Karl sehnt sich nach seiner Amalia und bekennt, den Vater umVergebung gebeten zu haben.

Schweizer, Grimm, Roller, Schufterle, Ratzmann treten auf.

Ein Brief Franz Moors zerstört alle Hoffnungen Karls. Spiegelberg schlägt den Genossen vor, in Böhmen eine Räuberbande zu gründen. Die Kameraden stimmen zu, Spiegelberg will Anführer werden.

Der wieder hinzukommende Karl Moor ist außer sich aus Enttäuschung über Franzens Brief: Der Vater verstoße ihn. Er will der Hauptmann der Räuber und Mörder sein: „Ich habe keinen Vater mehr, ich habe keine Liebe mehr, und Blut und Tod soll mich vergessen lehren, daß mir jemals etwas teuer war!“ Alle schwören ihm „Treu und Gehorsam bis in den Tod“; Spiegelberg steht enttäuscht abseits.

I 3 Franz und Amalia in Amalias Zimmer im Schloss

Franz gesteht Amalia seine Liebe, doch sie weist ihn zurück. Zweimal wird sie unsicher: als er verspricht, sich beim Vater für Karl einzusetzen, und als er ihr suggeriert, Karl habe Amalias Ring einer Dirne gegeben – doch sie fängt sich wieder. Als er ihr dann weismacht, Karl habe ihm beim Abschied Amalia anvertraut, entlarvt sie seine Lügen. Sie wirft ihn hinaus. Er droht ihr Schlimmes an; sie entsagt um Karls willen allen Reichtümern.

Ergebnis des 1. Aktes:

Die Hauptfiguren werden eingeführt: Franz Moor erweist sich als der böse Drahtzieher, der den Vater manipuliert, Karl zu verstoßen, und Karl dazu bringt, sich dem Räuberleben zuzuwenden. Bei Amalia scheitert er jedoch mit seiner Werbung und seinen Lügen.

Offen ist, ob es bei den Räubern wegen Spiegelbergs Enttäuschung Probleme geben wird, was die drei Figuren der Familie von Moor sowie Amalia tun werden und ob Karl den Weg nach Hause finden wird.

2. Akt

II 1 Franz von Moor nachdenkend in seinem Zimmer

Franz erwägt, wie er den Tod seines kranken Vaters herbeiführen kann; er will es über die Zerstörung seines Geistes durch Verzweiflung versuchen.

Hermann tritt auf.

Franz appelliert an Hermanns Kränkung durch den Vater und daran, dass Amalia seine Werbung zurückgewiesen und Karl gewählt hat. Er verspricht ihm Beförderung und Amalia und gewinnt ihn so dazu, verkleidet dem Vater die falsche Nachricht vom Tod Karls in Böhmen zu überbringen.

II 2 Moors Schlafzimmer, der Alte schlafend, Amalia

Der alte Moor träumt von Karl. Als er sich wegen dessen Verstoßung anklagt, beschwichtigt Amalia ihn. Sie singt das Lied vom Abschied Andromachas und Hektors.

Daniel kündigt einen Fremden an. Franz und der verkleidete Hermann kommen.

Hermann erzählt von Karl und seinem heldenhaften Tod im Krieg nebst demVorwurf, der Fluch des Vaters habe ihn zu den Soldaten getrieben. Der Alte verzweifelt. Auf einem Schwert steht, mit Blut geschrieben, eine Botschaft an Franz und Amalia. Der Alte wütet gegen Franz; Amalia muss ihm die biblische Geschichte von Jakobs Trauer um Joseph vorlesen. Der Alte stirbt, Franz frohlockt: „Weg dann mit dieser lästigen Maske von Sanftmut und Tugend! Nun sollt ihr den nackten Franz sehen, und euch entsetzen!“

II 3 Spiegelberg, Ratzmann, Räuberhaufen, in den böhmischen Wäldern

Spiegelberg prahlt mit seinem Trupp von 78 Räubern; er erzählt, wie er Leute anwirbt und was für Dinger sie zusammen drehen. Ratzmann berichtet von den Taten des Hauptmanns Moor, der eher wie Robin Hood agiert.

Schwarz kommt und berichtet, Roller und vier andere seien gehängt worden.

Räuber Moor zu Pferd; Schweizer, Roller, Grimm, Schufterle; Räubertrupp

Roller ist glücklich; es wird erzählt, wie Karl ihn gerettet hat – dafür wurde die Stadt angezündet, 83 Menschen kamen um, es wurde geplündert und gemordet – Karl Moor verdammt unnötige Verbrechen und wirft Schufterle raus. Er will fliehen, kommt aber zurück: Die Räuber sind von Soldaten eingekesselt. Moor macht einen Schlachtplan.

Ein Pater tritt auf, beschimpft Moor und bietet ihm an, gerädert zu werden. Moor bekennt sich schuldig und berichtet auch von der Bestrafung verbrecherischer Würdenträger. Er wirft der Kirche ihre Verbrechen vor, will sich nur vor Gott verantworten: „Sag ihnen, mein Handwerk ist Wiedervergeltung…“ Der Pater verspricht den Räubern Amnestie und Belohnung, wenn sie Moor fesseln. Der ermuntert seine Leute, dies zu tun. Roller, Schweizer, alle wollen ihn retten. „Itzt sind wir frei – Kameraden! (…) Tod oder Freiheit! Wenigstens sollen sie keinen lebendig haben.“ Der Kampf beginnt.

Ergebnis des 2. Aktes:

Franz Moors Plan ist zu einem Teil mit dem Tod seines Vaters geglückt, er zeigt sein wahres bereits bekanntes Gesicht. Karl Moor wird als Räuberhauptmann vorgestellt, der einerseits alles für einen gefangenen Kameraden tut, dem die Räuber unbedingt treu folgen, der anderseits die verbrecherischen Reichen bestraft – sein Handeln ist zwiespältig.

Offen sind die Fragen, ob Franz Moor weiterhin Erfolg haben wird (Amalia gewinnen), wie der Kampf der Räuber ausgehen wird und wie Karl Moor aus der Räuberei herauskommen kann.

3. Akt

III 1 Amalia im Garten, spielt auf der Laute.

Sie beklagt im Lied den Tod des Geliebten.

Franz tritt auf, bietet ihr Herz, Hand und Reichtum an. Sie weist ihn zurück. Er droht ihr mit dem Kloster, was sie begrüßt. Da droht er ihr mit Vergewaltigung – sie verjagt ihn mit seinem Degen.

Hermann kommt und gesteht, dass Karl und ihr Oheim noch leben. Amalia ist neu beseelt.

III 2 Die Räuber lagern an der Donau.

Alle sind erschöpft, Moor ist ob seines Räuberlebens deprimiert; 300 Feinde sind gefallen, bei den Räubern nur Roller.

Kosinsky kommt, will zu den Räubern gehören; Moor warnt ihn, weist ihn zurück. Kosinsky erzählt, wie man ihm seine Braut Amalia entrissen hat. Das Stichwort „Amalia“ elektrisiert Moor, alle brechen auf nach Franken.

Ergebnis des 3. Aktes:

Es deutet sich eine Wende zum Guten an: Sowohl Amalia als auch Moor haben sich dem anderen zugewandt, der alte Graf scheint noch zu leben.

4. Akt

IV 1 Gegend beim Moorischen Schloss: Räuber Moor, Kosinsky

Kosinsky soll den „Graf von Brand“ melden. Moor im Monolog: Er ist hin und her gerissen zwischen Glück und Verzweiflung.

IV 2 Galerie im Schloss, Räuber Moor und Amalia

Amalia führt Karl Moor unerkannt durch das Schloss; er ist bei einem Bild seines Vaters gerührt, sie bei seinem Bild. Er fühlt sich als Mörder des Vaters.

Franz Moor allein, erkennt im Fremden plötzlich seinen Bruder wieder.

Daniel kommt, Franz Moor wittert in ihm einen Feind und bekniet ihn, seinen Bruder am nächsten Tag zu töten. Im Monolog offenbart er seine ganze Bosheit.

IV 3 Zimmer im Schloss, Räuber Moor und Daniel

Daniel erkennt den Grafen Moor und erzählt aus dessen Kindheit.

Kosinsky kommt, Moor will mit ihm fliehen und geht dann in den Hof.

IV 4 Im Garten, Amalia

Sie ist von dem fremden Grafen fasziniert, lebt in Erinnerung an Moor.

Moor kommt, sie erkennt ihn nicht, er spricht in Bildern von der Liebe zu seiner Amalia, die allerdings von einem Mörder geliebt werde. Sie singen abwechselnd das Hektor-Andomacha-Lied, er flieht.

IV 5 Wald, Nacht, die Räuberbande

Sie singen ein Räuberlied. Spiegelberg will Razmann zum Mord an Moor überreden, um selber Chef zu werden; Schweizer ersticht ihn.

Moor und Kosinsky kommen, Moor ist vom Besuch im Schloss bewegt. Die Räuber gehen schlafen, Moor sinnt über sein Geschick und das Schicksal des Menschen. „Sei wie du willt namenloses Jenseits – bleibt mir nur dieses mein Selbst getreu – Sei wie du willt, wenn ich nur mich selbst mit hinübernehme – …“ Er erwägt und verwirft den Selbstmord.

Hermann kommt und bringt dem eingesperrten alten Grafen Brot und Wasser. Karl befreit den Vater, der erzählt, wie Franz den Scheintoten vor drei Monaten entsorgt und Hermann ihn vor dem Tod bewahrt hat; er trauert um Karl, ohne ihn zu erkennen. Moor ruft die Räuber herbei und beauftragt Schweizer, Rache zu üben und Franz lebendig herzubringen.

Ergebnis des 4. Aktes:

Die beiden Handlungsstränge werden im Schloss zusammengeführt. Karl Moor wird von einigen, aber nicht von Braut und Vater wiedererkannt. Mit Franzens Mordplan, der Befreiung des Vaters und dem Auftrag zur Rache drängen die Ereignisse zu einem Ende; offen ist Karls Abrechnung mit Franz Moor und die Frage, was die offene Begegnung von Karl und Amalia bringen wird.

5. Akt

V 1 Nacht, Aussicht von vielen Fenstern, Daniel mit einer Laterne

Daniel will fliehen,

Franz Moor kommt, ist aufgelöst wegen des Angriffs der Räuber; er schickt nach dem Pastor, wird kurz ohnmächtig, erzählt seinen Traum vom Weltgericht, schaudert vor dem Tod.

Pastor Moser tritt auf, streitet mit Franz über das Weltgericht; dass Vatermord die schlimmste Sünde sei, erschüttert diesen; er schickt Moser fort.

Ein Bedienter meldet, dass Amalia geflohen ist.

Daniel kommt, Franz beschwört ihn um Hilfe, das Schloss brennt.

Volksauflauf, die Räuber kommen, Franz erdrosselt sich, die Räuber finden die Leiche, Schweizer erschießt sich.

V 2 Schauplatz wie IV 5; der alte Moor, Karl, Räuber hin und her im Wald.

Der alte Moor trauert um Karl, segnet Karl auf dessen Bitte, ohne ihn zu erkennen.

Schweizers Gefährten vermelden den Tod Franzens und Schweizers.

Neue Räuber, Amalia kommen, Karl Moor rast wegen der begangenen Morde, will fliehen, wendet sich in Liebe Amalia zu. Die Räuber erinnern ihn an seinen Treueschwur in Böhmen. Er löst sich von Amalia, sie bittet um den Tod, er tötet sie: „Die Narben, die böhmischen Wälder! Ja ja! Dies mußte freilich bezahlt werden.“ Er erkennt, dass zwei Menschen wie er „den ganzen Bau der sittlichen Welt zu Grund richten würden“. Er legt sein Amt als Hauptmann nieder, um sich dem Gericht zu stellen. Er erinnert sich an einen Armen, der ihn anzeigen soll, damit er das Kopfgeld bekommt.

Ergebnis des 5. Aktes:

Den bösen Franz Moor trifft die Strafe. Karl hat sich so in Schuld verstrickt, dass er die endlich gefundene Amalia nicht als Braut haben kann. Er entsagt, tötet sie selber und will sich angesichts seiner Schuld dem Gericht stellen. Was aus dem alten Vater und den Räubern wird, bleibt offen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_R%C3%A4uber

https://www.friedrich-schiller-archiv.de/inhaltsangaben/zusammenfassung-die-raeuber/

http://www.rither.de/a/deutsch/schiller–friedrich/die-raeuber/

https://www.xlibris.de/Autoren/Schiller/Werke/Die%20R%C3%A4uber%20%E2%80%93%20Kabale%20und%20Liebe%20%E2%80%93%20Wilhelm%20Tell

Carola Sterns Biografie der Johanna Schopenhauer (2003) – erneut gelesen

Irgendwie kamen mir die Figuren bekannt vor, als ich gestern Carola Sterns Biografie der Joahnna Schopenhauer, „Alles, was ich in der Welt verlange“ (2003), zu lesen begann; ich dachte, es sei die Erinnerung an Thomas Manns „Lotte in Weimar“ – aber als ich heute zu der Stelle kam, wo erzählt wird, wie Adele und Ottilie für einen preußischen Leutnant schwärmten, wurde mir klar, dass ich das Buch bereits gelesen hatte: 2015, wie eine kurze Besprechung zeigt. Deshalb möchte ich jetzt nur noch einige Einzelheiten nachtragen.

Das Leben der Johanna Schopenhauer wird nicht streng chronologisch, sondern nach Themen geordnet partiell chronologisch erzählt, wodurch sich gelegentlich Passagen überschneiden. Vielleicht verdankt sich das der Methode der Autorin, umfangreich Literatur zu studieren und teilweise zu zitieren (was einfacher ist, wenn man Themen gesondert bearbeitet); so werden die geselligen Abende bei Johanna S. mit einer Beschreibung Garlieb Merkels in seinen „Briefen über Hamburg und Lübeck“ veranschaulicht. Eine zweite Methode besteht darin, Fragen zu stellen und Vermutungen zu äußern – und diese dabei als solche zu kennzeichnen. Und drittens wahrt Carola Stern die historische Distanz, indem sie immer wieder darauf verweist, dass Johanna Schopenhauer in einer anderen Welt als wir heute lebte. Während Johanna sich in Weimar in den besseren Kreisen zu bewegen suchte, verzichtet Carola Stern nicht darauf, auch das Weimar der kleinen Leute zu skizzieren. Den zwei Seiten einer Sache wird sie dadurch gerecht, dass sie einmal die eine und später die andere Seite darstellt: die Freuden und die Beschwernisse des Reisens (S. 93-97), Goethes Liebenswürdigkeit und Goethes Tyrannei (S. 124 f. / S. 137 ff.).

Was mich gestört hat, sind einige unzulässige Verallgemeinerungen: „Schwerhörigkeit macht den, der sie erleidet, und den, der sie ständig miterleben muss, ungeduldig und auch ungerecht, erzeugt in der Ehe Spannungen und Nervosität.“ (S. 89; das braucht man nicht zu diskutieren!) Oder wenn Stern von den Widersprüchen in Johannas Charakter spricht: „dem starken Bedürfnis, zu gefallen und sich also anzupassen, und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben – ein Widerspruch, mit dem bis heute viele Frauen leben“ (S. 129; der Wunsch nach Anerkennung muss durchaus nicht dazu führen, dass man sich ans Milieu anpasst!). Mit solch kurzbeinigen Weisheiten kommt man nicht zur Einsicht in die Probleme eines Lebens.

Carola Stern, deren eigene Biografie einige Überraschungen bietet (siehe den Wikipedia-Artikel!), schreibt flüssig und flott. Allerdings unterlaufen ihr gelegentlich grammatische Schnitzer: „Später, berichteten die Klatschbasen, sei sie die Geliebte des Zaren Paul geworden und wurde nach dessen Ermordung aus Russland ausgewiesen.“ (S. 77; auch S. 161: „die Miete sei allein für sie zu hoch“, richtig „für sie allein“).

Wenn man den Artikel „Schopenhauer, Johanna“ in der Allgemeinen Deutschen Biographie liest, ist man über Johanna Schopenhauer hinreichend informiert; sie war eine Frau mit großen Ambitionen im Banne Goethes. Carola Sterns Buch zeichnet darüber hinaus vor allem das Bild ihrer Zeit und Zeitgenossen.

Homer: Die Odyssee – gelesen

In den letzten Tagen habe ich, angeregt durch Albert von Schirndings Lobeshymnen auf das Nausikaa-Bild in der Odyssee, dieses Epos in der Übersetzung Roland Hampes gelesen. Die 400 Seiten lesen sich flüssig, aber die große Erleuchtung oder Erschütterung hat sich bei mir nicht eingestellt, und Nausikaa konnte bei mir auch nicht das Bild aller Mädchen und Frauen verdrängen. Man kennt die Irrfahrten und das große Aufräumen am Ende bereits aus vielen Nacherzählungen; so blieb das (übersetzte) Original ohne die große Wirkung, die ihm Gräzisten bescheinigen.

Ein größeres Diktum des Odysseus ist mir allerdings aufgefallen, das mich von fern an der Chorlied der Antigone erinnert:

Siehe, kein Wesen ist so eitel und unbeständig

Als der Mensch, von allem, was lebt und webet auf Erden.

Denn solange die Götter ihm Heil und blühende Jugend

Schenken, trotzt er und wähnt, ihn treffe nimmer ein Unglück.

Aber züchtigen ihn die seligen Götter mit Trübsal,

Dann erträgt er sein Leiden mit Ungeduld und Verzweiflung.

Denn wie die Tage sich ändern, die Gott vom Himmel uns sendet,

Ändert sich auch das Herz des erdebewohnenden Menschen.

Siehe, ich selber war einst ein glücklicher Mann und verübte

Viel Unarten, vom Trotz und Übermute verleitet,

Weil mein Vater mich schützte und meine mächtigen Brüder.

Drum erhebe sich nimmer ein Mann und frevele nimmer,

Sondern genieße, was ihm die Götter bescheren, in Demut!“

(Odysseus zu Amphinomos in der Odyssee XVIII 130 ff.)

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Odyssee

https://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/Odyssee

https://archive.org/details/homersodysseeei01goog/page/n5 (Hennings: Ein kritischer Kommentar)

https://archive.org/details/einsthetischerk01sitzgoog/page/n5 (Sitzler: Ein ästhetischer Kommentar)

https://en.wikipedia.org/wiki/Odyssey (darin wichtig die Abschnitte Themes und Scenes)

https://www.penguin.com/static/pdf/teachersguides/HomerOdysseyTG.pdf

https://www.litcharts.com/lit/the-odyssey/book-1

https://www.owleyes.org/text/odyssey  (darin wichtig: Analysis)

https://www.academia.edu/4474894/Analysis_on_The_Odyssey_of_Homer

https://odyssee267.wordpress.com/2017/12/09/mythos-und-aufklaerung-1/

Text:

https://archive.org/details/homersiliasvonjo00home/page/n1

http://www.zeno.org/Literatur/M/Homer/Epen/Odyssee

https://archive.org/details/odysseus_1404_librivox

A. Holl: Wo Gott wohnt (1976) – gelesen

Von Adolf Holl kenne ich zwei Bücher, „Jesus in schlechter Gesellschaft“ (1971) und „Tod und Teufel“ (1973); das erste trifft weithin den Ton Tralala, das zweite hat mir gut gefallen, da es auch die Geschichte seiner Entfremdung vom Priesterberuf erzählt – was aber genau darin steht, weiß ich nicht mehr, ich muss es mal wieder lesen. Jetzt habe ich mir antiquarisch „Wo Gott wohnt“ (1976) gekauft, aufgrund einer uralten Empfehlung einer guten Bekannten: Hier wird die Geschichte des biblischen Gottes erzählt, dessen Zeit inzwischen um ist, damit ihm der kleine Gott Jesus nachfolgen kann, der alle 155 Jahre ein Jahr älter wird und deshalb jetzt gerade erwachsen ist, so dass von ihm noch etwas zu erwarten ist.

Im Hintergrund des Buches steht die Erkenntnis, dass die Israeliten nicht immer den gleichen GOTT verehrt haben, dass es verschiedene Namen und Vorstellungen des GOTTes gibt, dass er zuerst neben anderen Göttern stand, ehe er als EINZIGER verehrt wurde… was natürlich im Religionsunterricht so nicht gesagt wurde und was die meisten katholischen Bischöfe vermutlich heute noch nicht wissen, da sie stramm eine ahistorische Dogmatik gelernt haben. Die letzte seriöse Darstellung des Problems, die ich kenne, stammt von Werner H. Schmidt: Alttestamentlicher Glaube in seiner Geschichte (3. Auflage 1979; es gibt eine 7., verbesserte Auflage); vermutlich gibt es neuere Darstellungen, ich habe das nicht mehr verfolgt. Aus dieser Geschichte der Gottesvorstellungen macht Adolf Holl nun eine Geschichte GOTTes, der sich selber entwickelt – für die in griechischer Philosophie Denkenden (wie die Kirchenväter und die Konzilien) ein grauenhafter und lästerlicher Gedanke.

Wenn ich es recht sehe, hatte Heinrich Heine als erster die Idee, eine Biografie Gottes zu schreiben; diese Idee ist in sich kritisch, weil sie ein Ende GOTTes impliziert, Schwäche und Tod – das Gegenteil GOTTes. Bei Adolf Holl wird dieses Ende zugunsten des kleinen Gottes Jesus begrüßt: Holl greift dafür auf Christus-Darstellungen in den Katakomben zurück, „Darstellungen einer knabenhaften Gestalt: eine Art Hirtenjunge, ohne Bart [ganz wichtig, El war nämlich ein alter Mann mit Bart, S. 37, N.T.], ähnlich dem griechischen Gott Orpheus“ – „Jesus, der den Tod überlistet, unangestrengt und bei bester Gesundheit“ (S. 118). Dieser kleine Gott wendet sich vom Himmel ab und den Menschen zu, zum Schluss fährt er mit Luzifer und der Geist-Taube per Bus bis zur Endstation. Was sie da tun, wird nicht mehr erzählt.

Auf der Basis einiger historischer Fakten, in freier Variation biblischer Erzählungen und mit viel Fiktion und Fantasie erzählt Holl auszugsweise biblische und kirchliche Geschichte(n) nach – insgesamt wieder in der Methode Tralala. Das ist ganz nett, mehr aber auch nicht; eine marxistisch-kritische Darstellung der ganzen Geschichte hat Walter Beltz geschrieben: „Gott und die Götter. Biblische Mythologie“ (1975). Lesenswert sind Leszek Kolakowskis geistreiche Kommentare zu einzelnen biblischen Geschichten, „Der Himmelsschlüssel. Erbauliche Geschichten“ (1964). Was Jack Miles‘ „Gott. Eine Biographie“ (1996) taugt, weiß ich nicht; ich hänge zwei Rezensionen an, die ich im Netz gefunden habe.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezension-sachbuch-am-achten-tag-schuf-gott-sich-selbst-11306703.html

https://hansarandt.wordpress.com/2015/01/03/das-selbstbewusstsein-gottes/

A. von Schirnding: Alphabet meines Lebens (2000) – gelesen

Juri Rytheu hat 2010 eine autobiografische Erzählung mit dem Titel „Alphabet meines Lebens“ veröffentlicht, zehn Jahre zuvor hat Albert von Schirnding den gleichen Titel und die gleiche Methode benutzt, um von seinem Leben zu erzählen (dtv, 2000) – überhaupt eine beliebte Methode, um ein Thema unsystematisch zu bearbeiten. Die normale Biografie ist chronologisch organisiert, jedenfalls im Prinzip; die Orientierung an alphabetisch geordneten Stichworten schafft die Möglichkeit, wichtige Aspekte des eigenen Lebens zu schildern – oder zu verschweigen, indem man das Stichwort einfach nicht behandelt.

Wozu erzählt man Fremden von seinem Leben? Entweder muss das eigene Leben bedeutsam sein, die erzählten Ereignisse müssen wichtig oder der Erinnerung wert sein, oder sie müssen in irgendeiner Hinsicht typisch oder beispielhaft sein. Albert von Schirnding, 1935 geboren, hat die Artikel seines Buches noch im 20. Jahrhundert verfasst; er berücksichtigt 29 Stichworte, von Abstammung über Christentum, Heimat, Poeten, Unsterblichkeit bis Zuletzt. „Skizzenweise“ schreibe er, sagt er mit Berufung auf ein Goethe-Zitat. Ich kannte Herrn von Schirnding als Autor der SZ, heute werden ihn sicher außerhalb Bayerns nicht mehr viele Zeitgenossen kennen. Weil mich die Methode des Erzählens reizte, habe ich vor Jahren das Buch gekauft. Die 29 Aufsätze sind von unterschiedlicher Länge und Qualität.

Abstammung“ ist einer der längsten; die Familiengeschichte derer von Schirnding lässt sich bis ins Mittelalter verfolgen, aber sie interessiert mich nicht und ist in ihren Einzelheiten auch für den Autor nicht von Belang; im ganzen Buch jedoch merkt man (und gibt der Autor auch zu), dass die Herkunft aus einer adligen Familie beim Start ins Leben einen großen Vorsprung sichert. Über sein Kindermädchen „Deta“ berichtet er von ihrem Lebensende, aber nichts für ihn Wesentliches; der Artikel könnte ruhig fehlen. Von den „Eltern“ als solchen erzählt er nicht; er spricht von ihnen, um sich mit dem Tod und den Toten auseinanderzusetzen; dabei zeigt er im Rückgriff auf griechische Mythen und psychoanalytisches Vokabular, wie gebildet er ist. Unter „Freunde“ lesen wir von vier Jugendfreunden, die ich nicht kenne und die man nicht zu kennen braucht – und die von Schirnding selbst als Erwachsener auch aus den Augen verloren hat. In „Christentum“ finden wir die üblichen Bekannten; am Ende bleiben mit Karl Rahner und Reinhold Schneider zwei dunkle Stimmen, die irgendwie „dennoch“ am Glauben festhalten. „Griechisch“ ist ein bedeutsamer Artikel: Schirnding als Schüler, als Student und als Griechischlehrer, als ein Begeisterter, der zur Rettung aus den Wirren der Gegenwart sogar die Rückkehr zu den Griechen um das Jahr 400 vor Christus empfiehlt (S. 117), ohne jedoch zu sagen, was man dort für unsere Rettung finden kann; ich habe mir jedoch vorgenommen, demnächst die „Odyssee“ ganz zu lesen. Schirnding liebt dunkle Andeutungen, wie man auch am Ende des Abschnitts „Abstammung“ sieht: Die Toten „können von unserer Erinnerung nicht leben [richtig, N.T.], sie müssen sich schon selber genug sein lassen an dem, was sie gewesen sind [wie das? Die Toten gibt es nicht, sie können deshalb nichts tun.]. Unser Gedenken kann nur den Sinn haben, das spezifische Gewicht des eigenen Daseins schwerer zu machen [ein Bild – was denkt man sich dazu?].“ (S. 31 f.)

Das „Selbstporträt“ fällt dürftig aus; über den Autor erfährt man am meisten in den Artikeln „Griechisch, Lesen, Orte“. Er ist ein bayerischer Adeliger aus dem böhmischen Grenzland, Jahrgang 1935, er hat Griechisch unterrichtet, er hat gedichtet und Bücher veröffentlicht, er war in den literarischen Kreisen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vernetzt und ist irgendwie katholisch geblieben – wer ihn kennt, den könnte das Buch interessieren; wer ihn nicht kennt, den braucht es nicht zu interessieren. Das möchte ich mit einem Hinweis auf den Aufsatz „Märchen“ belegen: Wer denkt, er erfahre etwas von dem, was ihm Märchen bedeutet haben, der wird enttäuscht; stattdessen liest man ziemlich „schlaue“ Gedanken über eine Reihe von Märchen, wobei er nicht ohne Seitenhieb auf die „Psycho-Theologen“ auskommt, zu denen er doch selber hier gehört. Denn dass „[i]n einer etwas tieferen Schicht“ (S. 161 f.) die kluge Else die Sympathie des Erzählers und damit auch des Zuhörers erfahre, halte ich für Spinnerei; und die Reichweite ihrer Phantasie ist mitnichten ein Zeichen ihrer Klugheit (S. 161) , sondern ihrer Dummheit, ihr Attribut „klug“ ist und bleibt ironisch.

Die Artikel „Unsterblichkeit“ und „Zuletzt“ zeigen, dass er nicht den Mut hat, (seine) philosophie- und christentumskritischen Gedanken zu Ende zu denken. Er hält sich an Karl Rahner, der vom Tod Jesu sagt, das sei „ein solcher, der von seinem eigensten Wesen aus in die Auferstehung sich aufhebt, in diese hineinstirbt“ (S. 67). Wer solche Sätze versteht und dann auch glaubt, der kann sich an Albert von Schirnding halten.

Das Beste am Buch ist die Idee des Alphabets, um sein Leben in Stichworten zu erfassen. Vielleicht sollte man das selber einmal probieren?

http://www.berlinerliteraturkritik.de/detailseite/artikel/alphabet-meines-lebens.html

Albert von Schirnding:

https://www.literaturportal-bayern.de/autorinnen-autoren?task=lpbauthor.default&pnd=117276413

https://www.mittelbayerische.de/kultur/ein-leben-als-gesamtkunstwerk-21852-art1196213.html (Schirnding zum 80.)

https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_von_Schirnding

F. Schottlaender: Die Mutter als Schicksal – erneut gelesen

Außer einigen Fachleuten kennt heute kaum noch jemand Felix Schottlaender (1892-1958), einen bedeutenden Psychoanalytiker jüdischer Herkunft. Sein Buch „Die Mutter als Schicksal“, 1967 erneut als Taschenbuch erschienen (Stundenbücher 72, damals 3,80 DM), habe ich 1972 gekauft und gelesen; es hat mein Leben verändert. Es hat mich gelehrt, 1. hinter dem Bild von mütterlicher Angst, Sorge, Herrschsucht, Opferbereitschaft – „Liebe“ oder „Mutterliebe“ genannt – die neurotische Frau zu sehen, 2. die Mechanismen gegenseitiger Bindung und Verstrickung als fallhafte Vorgänge zu begreifen, 3. dadurch Distanz zu den moralischen Kategorien von Dankbarkeit, Mitleid und Gehorsam zu gewinnen: Was mich selbst bisher im Innersten betroffen hatte, war ein neurotischer Prozess, der letztlich nicht mich selber meinte; es war ein Fall. Diese Einsicht hat zu meiner Befreiung beigetragen – nicht sie allein, aber sie auch. Ich habe das Buch im August 1972 als eine Offenbarung verschlungen; heute lese ich es gelassen, die Gedanken sind mir vertraut.

Als Kennzeichen der Neurose nennt Schottlaender

  • ein erhöhtes Leiden am Leben,
  • ein Minderwertigkeitsgefühl,
  • die Ichhaftigkeit,
  • den Anspruch auf Liebe (aus dem Wunsch, selber lieben zu können),
  • Schwierigkeiten im Liebesleben.

Diese Wesenszüge seien auf Störungen in den Liebesbeziehungen des ehemaligen Kindes zu seiner Mutter zurückzuführen.

In den nächsten Kapiteln erklärt Schottlaender anschaulich und verständlich anhand von Beispielen, was Mütter im Verhältnis zum Kind falsch machen können und dass die Bindung das Gegenteil von Liebe ist. In den folgenden Fallgeschichten beschreibt er, wie er Neurotikern zu helfen versucht hat, was ihm nicht immer gelungen ist. Besonders aufschlussreich für mich war das Kap. VII, in dem die Bindung zweier tüchtiger erwachsener Söhne an ihre Mutter unter dem Stichwort „Kleinbürgerliches Inferno“ beschrieben wird: Einer der beiden bricht aus und heiratet, der andere bleibt bei der Mutter. – Dieses Beispiel zeigt, dass die kritische Einsicht in die Ambivalenz der „Mutterliebe“ nur dann die in der Bindung Gefangenen befreien kann, wenn beide Parteien diese Einsicht gewinnen, so dass man sich distanziert arrangieren kann; wenn die Mutter ihre ambivalente Bindung nicht erkennt oder nicht anerkennen will/kann, kann und sollte man als Sohn diese Bindung abbrechen, egal wie viel Herzschmerzen die Mutter bekommt und womit sie droht.

Schottlaender war offenbar ein gütiger, verständnisvoller Mensch. Seine zum Schluss (anscheinend kurz nach Krieg) geäußerte Hoffnung, das Christentum werde die Greuel des Dritten Reiches überwinden helfen, hat sich nach meiner Einschätzung nicht erfüllt. – Ein kleines großes Buch, das es noch antiquarisch zu kaufen gibt, wenn es heute insgesamt auch nicht mehr so „aufklärerisch“ sein kann wie für mich 1972. Auch Schottlaenders Buch „Des Lebens schöne Mitte. Gedanken über Liebe und Ehe“ ist heute noch lesenswert, wenn es in den Stadtbibliotheken auch längst ausgeschieden worden ist.

Felix Schottlaender:

https://www.fachzeitungen.de/ebook-felix-schottlaender-0

http://www.ciando.com/ebook/bid-477755-felix-schottlaender-leben-und-werk/leseprobe/

https://download.e-bookshelf.de/download/0000/7541/97/L-G-0000754197-0002328550.pdf

https://www.psychoanalytikerinnen.de/deutschland_geschichte.html

https://www.akademie-stuttgart.de/geschichte/

https://psychoanalysestgt.de/dateien/stuttgarter.html

https://also42.wordpress.com/2016/01/11/blinde-flecken-meditation/

Ph. Ariès: Bilder zur Geschichte des Todes (1984) – vorgestellt

Philippe Ariès‘ „Bilder zur Geschichte des Todes“ (1983, deutsch 1984) bietet rund 400 Bilder, mit denen er seine Theorie von der „Geschichte des Todes“ (1976) im Abendland seit dem Mittelalter illustriert. Da ich den Theorieband nicht kenne, kann ich nur mit Einschränkungen über den Bildband urteilen, den ich dieser Tage gelesen habe und in dem viele Nachweise fehlen, die im Theorieband zu finden sein müssten. Ariès geht also der Frage nach, wie wir seit dem 9. Jahrhundert in Europa die Toten begraben und wie wir sie bzw. „den Tod“ dargestellt haben.

Was mich an meine Beobachtungen in Brügge erinnerte, waren die Hinweise auf das Aufkommen des Porträts, das hier mit der Figur des priant in Verbindung gebracht wird: In Brügge kann man schön sehen, wie sich das Porträt nach 1300 aus den Stifterfiguren entwickelt hat, wobei die gefalteten Hände der anbetenden Stifter anfänglich auch noch (inzwischen funktionslos) auf den Porträts auftauchen.

Das Buch leidet daran, dass sich historische Verläufe und systematische Aspekte vermengen. Thematisiert werden der Friedhof und die Kirche; die Gräber; vom Totenbett zum Grabe; das Jenseits; omnia vanitas; die Wiederkehr des Friedhofs; der Tod des anderen; „Und heute?“. Um nicht den Überblick über die Fülle der Bilder und Behauptungen zu verlieren, müsste man sich bei der Lektüre Notizen machen. Auf jeden Fall wird der Blick des Lesers auf Details geschärft, die man sonst nicht wahrnimmt.

Manche Äußerungen des Autors sind problematisch, etwa dass es „die Hölle“ erst seit dem 13. Jahrhundert gebe (S. 154). Unklar ist, wie viele der kleinen Schnitzer auf das Konto des Übersetzers Hans-Horst Henschen gehen (sicher „Photomontage“ S. 184, „Soziabilität“ ist einfach nicht übersetzt, S. 188; das Alter der Frau auf Bild Nr. 293 war 35, nicht 36 – vielleicht ein Fehler des Autors), manche Aussagen bleiben schleierhaft. Der Druck der Fotos ist etwas grobkörnig, so dass manche Einzelheiten kaum zu erkennen sind.

30 Jahre stand das Buch unbeachtet im Bücherschrank, jetzt habe ich es mit Gewinn, teilweise auch mit Verwirrung gelesen und die Bilder betrachtet.

Geschichte des Todes (deutsch 1976):

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41069411.html

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14320141.html

https://doc1.bibliothek.li/aaa/000A092296.pdf (Inhaltsverzeichnis)

http://www.transhistory.de/tod_jenseits/index.html (kleine Parallele)

http://www.rowane.de/html/inhalt.htm (dito)

Gabriele Tergit: Effingers (1951 / 2019) – gelesen

70 Jahre deutscher Geschichte, 1878 – 1948, spiegeln sich in den Schicksalen der jüdischen Familien Goldschmidt und Effinger, eines Bankiers und eines Uhrmachers. Am 4. April 2019 erschien die begeistere Rezension Jens Biskys in der SZ, wenige Tage später war der Roman vergriffen, zehn Tage später lag er wieder vor, so dass ich ihn kaufen und lesen konnte: Es ist ein großer Roman, der das Leben von vier Generationen umfasst, von rund 30 Personen, die allesamt ihre Eigenheiten haben und sich im Lauf der Jahre ändern oder auch nicht ändern. Wir begegnen den national gesinnten Menschen im Kaiserreich und der dumpfen Vormacht der Militärs; wir erleben die Krisen der neu gegründeten Fabrik der Effingers, den Ersten Weltkrieg und die schrecklich-schönen Jahre der Weimarer Republik, den Aufstieg der Nazis, geschäftliche und künstlerische Karrieren und persönliche Pleiten, die sozialen Zwänge in den besseren Familien, die Unterschiede zwischen der Großstadt Berlin und dem Leben auf dem Land in Süddeutschland, zahlreiche Hochzeiten, Geburten und Todesfälle, und in den ganzen Jahren immer wieder den Antisemitismus, der bei den Nazis in Enteignung, Brandstiftung und Mord endete.

Die Figuren sind mit klarem Blick gezeichnet: „Sie brauchte zur Wahl jedes Nachthemds länger als zur Wahl ihres Bräutigams.“ (Sofie, vor ihrer missglückten Hochzeit, erinnert wie vieles im Buch an „Buddenbrooks“)

Lotte merkte: Wer gewissenlos war und eine modulationsfähige Stimme hatte, konnte die Menschen führen, wohin er wollte.“

Sie bauen keine Häuser mehr“, sagte Annette [1925]. „Sie wollen Zwei- und Dreizimmerwohnungen, Autos und Reisen. Es liegt ihnen nichts mehr an einem schönen Heim.“

Die Juden haben das Geld und sind Kommunisten. Die Juden morden kleine Kinder und zerstören den Ladenbesitz. Die Juden sind vor allem machtlos, und infolgedessen kann man sie ungestraft angreifen, und angreifen ist die Hauptsache.“

Eine wichtige Situation ist die, als Paul im Gefängnis in der Bibel Jesaja 10,13 ff. liest: „Und so sprach er: Durch die Kraft meiner Hand habe ich solches getan, weil ich so klug bin; darum habe ich die Grenzen der Völker verrückt, ihre Schätze geplündert und mich als Helden erwiesen…“ Und Paul weiß, dass es so war und so sein wird.

https://www.sueddeutsche.de/kultur/effingers-gabriele-tergit-rezension-1.4388556 (Jens Bisky)

https://www.zeit.de/kultur/literatur/2016-03/verlage-romane-wiederentdeckungen-tergit

https://saetzeundschaetze.com/2019/04/07/gabriele-tergit-effingers/

https://www.diebuchbloggerin.de/das-literarische-quartett-die-buecher-der-sendung-am-1-maerz-2019/

Maya Angelou: Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt (1969) – vorgestellt

Warum fesseln uns die Geschichten der Unterdrückten? Sind es die Gefahren, die sie zu bestehen haben, oder ist es ihr Kämpferherz, das uns beeindruckt? Maya Angelou, eigentlich Marguerite A. Johnson (1928-2014), war eine bedeutende Figur der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. In ihrem 1969 veröffentlichten Buch „Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“ (deutsch 1980), erzählt sie ihre Lebensgeschichte im Alter von drei bis 17 Jahren: wie sie von ihren geschiedenen Eltern zusammen mit ihrem Bruder zur Oma geschickt wurde, wie sie die Demütigungen der Schwarzen in den USA am eigenen Leibe erlebte, wie sie durch den Zusammenhalt der Familie und die Religion ihrer lebenstüchtigen Großmutter geprägt wurde, wie sie langsam (und manchmal zu heftig und schnell) in die Sexualität eingeführt wurde, wie sie um ihre Selbständigkeit kämpfte und noch als gute Schülerin Mutter wurde…

Es ist ein bewegendes Buch. „In ihren zarten Jahren wird die schwarze Frau von allen Kräften der Natur heimgesucht. Sie gerät in ein dreifaches Kreuzfeuer von Vorurteilen: des unlogischen weißen Hasses, der schwarzen Ohnmacht und des männlichen Chauvinismus.“ Maya Angelou hat dieses Kreuzfeuer bestanden.

Rezensionen:

https://wortgelueste.de/angelou-ich-weiss-warum-der-gefangene-vogel-singt/

https://www.deutschlandfunk.de/maya-angelou-ich-weiss-warum-der-gefangene-vogel-singt-von.700.de.html?dram:article_id=440735

https://www.54books.de/angelou-ich-weiss-warum-der-gefangene-vogel-singt/

https://motivationsgeschichten.com/2012/04/09/maya-angelou-weiss-gefangene-vogel-singt-13420993/

https://www.54books.de/54readsma-maya-angelou-ich-weiss-warum-der-gefangene-vogel-singt/

die Autorin:

https://de.wikipedia.org/wiki/Maya_Angelou

A. Uzarski: Möppi. Die Memoiren eines Hundes (1921) – kurz vorgestellt

Adolf Uzarski, 1885 in Duisburg geboren, war in der Weimarer Republik als Maler und Schriftsteller eine feste Größe in der Düsseldorfer Kunstszene. Sein Roman „Möppi“ (1921) stellt die Memoiren eines Düsseldorfer Hundes dar, in denen aus der Hundeperspektive das Leben der Menschen im und nach dem Weltkrieg betrachtet wird. Das Buch lebt vom gleichen Humor, den es auch bei Herbert Knebel, dem Ohnesorg-Theater oder bei Millowitsch gibt, also von der Komik der Stereotypen. Dabei fallen einige besonders Eingebildete wie etwa Oberlehrer Dr. Kuhbach besonders heftig auf die Nase.

Fazit: Speziell in der Umgebung Düsseldorfs kann man Möppis Memoiren (350 Seiten) auch heute noch lesen, wenn man diese Art von Humor mag; die Heute-Show ist schließlich auch kaum besser.

https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Uzarski

http://www.artnet.de/k%C3%BCnstler/adolf-uzarski/

https://www.google.de/search?hl=de&tbm=isch&source=hp&biw=1865&bih=974&ei=XPCxXJvgLY6imwXBz764DA&q=adolf+uzarski&oq=Uzarski&gs_l=img.1.1.0j0i5i30l3j0i24.1485.4026..6525…0.0..1.205.761.4j2j1……2….1..gws-wiz-img…..0..0i30j0i10i24.93K5SX31FG0