Märchen von den drei Wünschen – zwei Motive

Man meint, es sei ein Motiv, wenn jemand im Märchen drei Wünsche frei hat, die ihm erfüllt werden. In Wirklichkeit gibt es aber zwei verschiedene Motive.

Das Pointe des ersten Motivs besteht darin, dass jemand drei Wünsche frei hat, dass es ihm aber nicht gelingt, damit seinem Glück einen Schritt näher zu kommen. Am bekanntesten für uns Deutsche ist die Ausprägung dieses Motivs bei Johann Peter Hebel: Drei Wünsche, in: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes, 1811 (https://de.wikisource.org/wiki/Drei_W%C3%Bcnsche), wo ein dreifaches „Merke“ angehängt ist, das in dem Satz zusammengefasst wird: „Alle Gelegenheit, glücklich zu werden, hilft nichts, wer den Verstand nicht hat, sie zu benutzen.“ Das Motiv vom Scheitern der Wünsche ist uralt, es liegt schon in Perraults Märchen „Die drei törichten Wünsche“ vor (s. http://www.maerchenatlas.de/aus-aller-welt/franzosische-feenmarchen/charles-perrault/die-laecherlichen-wuensche/) und soll die Fortbildung eines antiken Motivs (s.u.) sein; es zeigt, dass die zahlreichen Wünsche, von denen Menschen geplagt werden, meistens töricht sind und dass Glück bzw. Zufriedenheit (s. Hebel!) nicht von der Erfüllung aller möglichen Wünsche abhängt.

Das zweite Motiv liegt vor, wenn einem guten, bescheidenen Menschen drei Wünsche erfüllt werden, was einen habgierigen (und geizigen) Menschen nicht ruhen lässt, bis auch ihm drei Wünsche zugestanden werden, deren Erfüllung jedoch zu seinem Unheil ausschlägt. Es geht also eher darum, dass ein Habgieriger bestraft wird, weil er neidisch (und geizig) ist und dem beschenkten Armen sein Glück nicht gönnt. Dieses Motiv kennen wir aus dem Märchen „Der Arme und der Reiche“ der Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen, 1815 [https://de.wikisource.org/wiki/Der_Arme_und_der_Reiche_(1815)]. Abgewandelt finden wir es unter dem Titel „Die drei Wünsche“ in „Deutsche Märchen erzählt von Karl Simrock“, 1864 (https://archive.org/details/bub_gb_fEMJAAAAQAAJ/page/n337), und kunstvoll ausgebaut in Ludwig Bechsteins „Neues deutsches Märchenbuch“, 1856: „Die drei Wünsche“ (http://www.zeno.org/Literatur/M/Bechstein,+Ludwig/M%C3%A4rchen/Neues+deutsches+M%C3%A4rchenbuch/Die+drei+W%C3%Bcnsche), worin verschiedene andere Erzählungen einarbeitet sind. – Vgl. Ernst Meier: „Deutsche Volksmärchen aus Schwaben“, Stuttgart 1852, Nr. 40 und Nr. 65! (https://de.wikisource.org/wiki/Deutsche_Volksm%C3%A4rchen_aus_Schwaben)! Eine Vorstufe des Märchens vom Wünschen könnte man in der antiken Sage von Philemon und Baucis finden. Das Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“ ist natürlich in diesem Zusammenhang nicht zu vergessen. Reizvoll ist auch Andersens Märchen „Die Galoschen des Glücks“, wo bereits die Erfüllung des Hauptwunsches reicht, einem das Wünschen zu verleiden! 

Etwas anderes sind Märchen wie „Der Trommler“, wo jemand durch Wünsche aus einer bestimmten Notlage befreit wird; das sind nicht die törichten Wünsche, von denen der Mensch sich frei machen soll. – Es gibt übrigens auch eine Sammlung „Märchen vom Wünschen“, hrsg. von Sigrid Früh und Hariolf Reitmaier, 2009. Christa Tuczay (Wien) hat für ihren Artikel „Das Märchen von den drei Wünschen“ überaus viel Material gesichtet und legt eine differenzierte Analyse der Verwendung des Märchenmotivs vor.

Fabel: Drei Lehren

Drei Lehren

Ein Vogelsteller nahm einst einen Vogel gefangen; das war aber ein Tier, das sich in allen siebenzig Sprache auskannte. Es sprach zu dem Menschen: „Gibst du mich frei, so will ich dir drei nützliche Lehren beibringen.“ Der Jäger antwortete: „Sage mir die Regeln; ich will dich dann fliegen lasen.“ Der Vogel aber sagte: „Schwöre mir erst, dass du mir in Wahrheit meine Freiheit wiedergeben wirst.“ Also schwor ihm das der Mensch. Der Vogel begann und sprach: „Die erste Lehre lautet: Ist eine Sache geschehen, so bereue sie nimmer. Mein zweiter Leitspruch ist: Erzählt man dir etwas, was unmöglich ist, so glaube dem nicht. Die dritte Lehre besteht darin, dass du Unerreichbares nicht zu erreichen versuchest.“ Nach diesen Worten bat der Vogel den Menschen wieder um seine Freiheit, und dieser öffnete seine Hand.

Hierauf flog der Vogel auf einen Baum, der höher war als die anderen, und rief spöttisch zu dem untenstehenden Menschen: „Du hast mich fliegen lassen und weißt nicht, dass in meinem Leibe eine kostbare Perle steckt, die bewirkt, dass ich weise bin.“ Da bedauerte der Jäger, dass er den Vogel freigelassen hatte, und lief bis zu dem dem Baum, auf dem der Spötter saß. Er versuchte, ihn zu erklettern, kam aber nur bis zur Mitte und stürzte ab. Nun blieb er mit gebrochenen Beinen und zerschmetterten Gliedern liegen. Der Vogel aber lachte und rief: „Du törichter Mann, auch nicht eine Stunde behieltest du die Lehren, die ich dir gegeben habe. Ich sagte dir, du solltest nimmer Reue empfinden über das, was bereits geschehen ist, und dir tat es gleich leid, dass du mich hattest fliegen lassen. Ich lehrte dich, dass du an unmögliche Dinge nicht glauben sollst, und du nahmst die Erzählung gläubig hin, dass ich eine wunderwirkende Perle bei mir trage; ich bin aber nichts als ein wilder Vogel, der sich seine Nahrung stündlich suchen muss. Zuletzt ermahnte ich dich, nicht vergeblich nach Unerreichbarem zu streben, und du unternahmst es, einen Vogel mit den Händen zu fangen. Also liegst du nun da, geschlagen und wund. Von dir gilt der Spruch: ‚Auf den Klugen wirkt ein tadelndes Wort mehr als hundert Hiebe auf den Toren.‘ Es sind aber viele Menschenkinder unverständig wie du.“ Und der Vogel flog fort, um nach Nahrung Ausschau zu halten.

[Der Spruch: Sprüche 17,10; Quelle: Der Born Judas. Vierter Band, Leipzig 1919, S. 29 ff.]

Vermutlich hat der Vogel recht; die Frage ist nur, was unmöglich und was unerreichbar ist – die Klugheit besteht darin, gerade das richtig zu beurteilen. Es nützt also nichts, wenn man den Menschen kluge Lehren erteilt; man müsste es ihnen ermöglichen, selber klug zu werden. Je länger man über die Geschichte nachdenkt, desto mehr Fragen tauchen auf: Vielleicht geht es gar nicht um den Vogelsteller, sondern um den Zuhörer – wird der aber am Beispiel des Vogelstellers zur Klugheit geführt? Und haben wir in Brechts Gedicht „Lob des Zweifels“ nicht gelernt, dass auch Unmögliches eines Tages geschieht? Zudem: Sollte ein Vogel, der 70 Sprachen beherrscht, nicht auch eine Wunderperle besitzen können? Auch könnte die erste Lehre präziser gefasst werden: Es kann nicht ums Bereuen (von Verfehlungen) gehen, sondern darum, dass man verpassten Chancen nicht nachtrauert.

J. M. bin Gurion: Der Born Judas

Ich möchte auf eine Sammlung jüdischer Geschichten hinweisen, die zu Beginn des 20. Jh. erschienen ist:

Der Born Judas. Legenden, Märchen und Erzählungen. Gesammelt von M. J. Bin Gurion = Micha Jozef Berdyczewski. Leipzig / im Insel-Verlag

https://archive.org/details/derbornjudaslege01berd Bd. 1 Von Liebe und Treue, 1916

https://archive.org/details/derbornjudaslege02berd Bd. 2 Vom rechten Weg, 1916

https://archive.org/details/derbornjudaslege03berd Bd. 3 Mären und Lehren, 1918

https://archive.org/details/derbornjudaslege04berd Bd. 4 Weisheit und Torheit, 1919

https://archive.org/details/derbornjudaslege05berd Bd. 5 Volkserzählungen, 1921

https://archive.org/details/derbornjudaslege06berd Bd. 6 Kabbalistische Geschichten (nach dem Tod bin Gurions 1921)

1959 gab es im Insel-Verlag eine neue Ausgabe, allerdings in anderer Anordnung der Geschichten (und vielleicht auch nicht vollständig, aber das zu prüfen scheint mir der Mühe nicht wert). Dieses Buch habe ich 1965 gekauft; damals kostete ein in Leinen gebundenes Buch von knapp 800 Seiten 12,80 DM; dieser Preis ist hinten im Buch vermerkt. – Die Geschichten sind insgesamt volkstümlich und kaum von literarischem Wert; die Hilfe Gottes wird den Frommen zuteil und denen, die von ihren Sünden ablassen. Das Studium der heiligen Schriften wird gepriesen, vor den Unkeuschheit wird gewarnt, die Frau sei dem Mann untertan und selbst Tote können ins Leben zurückkehren – da wundert es einen nicht, dass gelegentlich Elia auftaucht und dass die Zukunft in Träumen enthüllt wird.

Rheinische Sagen / Sagen des Rheinlands

Ich will zwar nicht sagen, ich hätte alle gfunden; aber einen schönen Fundus habe ich doch zusammengestellt:

Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates, darin: Sagen des Rheinlandes: http://www.zeno.org/Literatur/M/Gr%C3%A4sse,+Johann+Georg+Theodor/Sagen/Sagenbuch+des+Preu%C3%9Fischen+Staats/Zweiter+Band/Die+Rheinprovinz

Alfred Reumont: Rheinlands Sagen, Geschichten und Legenden https://archive.org/details/bub_gb_RnAAAAAAMAAJ/page/n7/mode/2up ; Heinrich Pröhle: Rheinlands schönste Sagen und Geschichten https://de.wikisource.org/wiki/Rheinlands_sch%C3%B6nste_Sagen_und_Geschichten; https://books.google.de/books?id=M_nATr5FhQ4C&pg=PT10&hl=de&source=gbs_toc_r&cad=3#v=onepage&q&f=false

Karl Geib: Die Sagen und Geschichten des Rheinlandes, 1836 https://archive.org/details/bub_gb_t16oL1xcoz4C/page/n5/mode/2up

Wilhelm Ruland: Rheinische Sagen (mit Bibliographie!) https://www.projekt-gutenberg.org/autoren/namen/ruland.html

Goswin Peter Gath: Rheinische Sagen. Von der Quelle bis zur Mündung https://archive.org/details/in.ernet.dli.2015.184612/page/n1/mode/2up ;

F. J. Kiefer: Die Sagen des Rheinlandes von Basel bis Rotterdam, 1871 https://archive.org/details/bub_gb_P3nYAAAAMAAJ_2/page/n5/mode/2up ;

Adelheid von Stolterfoth: Rheinische Lieder und Sagen, 1851 https://archive.org/details/bub_gb_UEU7AAAAcAAJ/page/n7/mode/2up (sie dichtet!)

Brüder Grimm u.a.: Deutsche Sagen, darin: Sagen aus dem Rheinland https://archive.org/details/deutschesagenritter/page/n17/mode/2up

Sagen und Märchen vom Rhein http://www.beluga-on-tour.de/html/Kinderecke-Caro/Rhein-Kohlen.htm

W. Ziehnert: Preußens Volkssagen https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d0/Widar_Ziehnert_-_Preussens_Volkssagen.pdf

Niklas Vogt: Rheinische Geschichten und Sagen, Bd. 1 https://archive.org/details/bub_gb_v8pRAAAAcAAJ;

Bd. 2 https://archive.org/details/bub_gb_5FtSAAAAcAAJ/page/n5/mode/2up

K. Simrock: Rheinsagen https://archive.org/details/rheinsagenausdem00simruoft

Clemens Brentano: Abendständchen – Text und Analyse

Clemens Brentano: Abendständchen

Hör es klagt die Flöte wieder

Und die kühlen Brunnen rauschen.

Golden wehn die Töne nieder,

Stille, stille, laß uns lauschen!

Holdes Bitten, mild Verlangen,

Wie es süß zum Herzen spricht!

Durch die Nacht, die mich umfangen,

Blickt zu mir der Töne Licht.

Es gibt eine umfangreiche Analyse von Karl Heinz Weiers, so dass eine weitere Analyse nicht erforderlich ist: http://www.niess.info/buch/pdf/02%20-%20Brentano/brentano_abendstaendchen.pdf

https://de.wikipedia.org/wiki/Clemens_Brentano (Cl. Brentano)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz60807.html (dito, 1955)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz60807.html#adbcontent (dito, 1876)

https://abi.unicum.de/abitur/abitur-lernen/romantik-epoche (Romantik)

https://www.schreiben.net/artikel/romantik-epoche-3771/ (Romantik)

Cl. Brentano: Singet leise, leise, leise – Text und Analyse

Clemens Brentano: Singet leise, leise, leise,

Singet leise, leise, leise,

Singt ein flüsternd Wiegenlied,

Von dem Monde lernt die Weise,

Der so still am Himmel zieht.

Denn es schlummern in dem Rheine

Jetzt die lieben Kindlein klein,

Ameleya wacht alleine

Weinend in dem Mondenschein.

Singt ein Lied so süß gelinde,

Wie die Quellen auf den Kieseln,

Wie die Bienen um die Linde

Summen, murmeln, flüstern, rieseln.

Der erzählte Hintergrund des Gedichts sind die beiden ersten Rheinmärchen vom Müller Radlauf, der die Königstochter Ameley aus dem Rhein rettet, sie aber gegen das Versprechen ihres Vaters nicht heiraten darf, sondern von jenem eingesperrt wird. Während Ameley und die Mainzer Kinder in den Rhein geführt werden und im Wasserschloss des Vaters Rhein ihrer Erlösung harren, zieht der befreite Radlauf in den Schwarzwald und erfährt – das ist das zweite Märchen – seine Familiengeschichte und trifft auf seine Vorfahren. Er ist der Sohn der Lureley; seinem Vater wurde das Gedächtnis wegen seiner Untreue geraubt und er wusste nicht mehr, dass er der Fürst von Starenberg war, sondern hielt sich für einen Müller, der jedoch Mühle und Sohn Radlauf wegen einer neuen Frau verließ. Weitere Einzelheiten kann man im Wikipedia-Artikel nachlesen.

Radlauf kehrt (gegen Ende des zweiten Rheinmärchens) aus dem Schwarzwald in den Rheingau zurück und sieht schon den Rochusberg und den ihm bisher unbekannten Mäuseturm, findet aber seine Mühle nicht mehr vor; er wendet sich vergeblich an den Vater Rhein. Da sieht er auf einmal an der Stelle, wo früher seine Mühle stand, seine Mutter Lureley mit ihren sieben Jungfrauen auf einem umgestürzten Mühlrad sitzen. Sie winkt ihn heran und „sang hierauf mit ungemein freundlicher Stimme zu ihren Jungfräulein – (Lureley): Singet leise, leise, leise…“, worauf die sieben Jungfrauen Herzeleid, Liebesleid, Liebeseid, Liebesneid, Reu und Leid, Mildigkeit und Liebesfreud (man beachte, dass die Namen sich reimen!) jeweils einzeln und im Chor antworteten. Anschließend erzählt ihm seine Mutter die Geschichte seines Vaters und seiner Mutter.

Das Gedicht bezieht auf zwei Episoden aus dem ersten Rheinmärchen („Das Märchen von dem Rhein und dem Müller Radlauf“): Einst hat Prinz Mausohr von Trier die Mainzer dadurch gestraft, dass er ihre Kinder samt Prinzessin Ameley mit seiner Flöte in den Rhein gelockt hat; ferner auf den Bericht des Goldfischleins von der Herrlichkeit, die es im Schloss des Vaters Rhein gesehen hat: „Rundherum ging eine breite Stufe nach der andern hinab, und auf allen standen im Kreis herum eine Wiege, ein Bettchen am andern, und wir sahen in einen offenen Himmel von tausend schlummernden Kindergesichtern; auf der einen Seite des Kreises schlummerten alle Mägdlein, auf der andern alle Knaben. Tief unten aber stand auf der einen Seite ein schönes Bett von lauter Korallen, darauf schlummerte die Prinzessin Ameley; auf der andern Seite stand ein Bett von Felsenstein mit Goldsand gefüllt, darauf schlief der alte Vater Rhein, ein gar ehrwürdiger, großer und starker Greis…“

Im Gedicht fordert Lureley ihre Jungfrauen auf, für die im Rhein schlummernden Kinder leise ein Wiegenlied zu singen – eine ungewöhnliche Aufforderung, weil man Wiegenlieder nur für wache Kinder singt, damit sie einschlafen. Das Lied ist im Volksliedton gehalten: Pro Strophe vier Verse im vierhebigen Trochäus, im Kreuzreim verbunden; jeder zweite Vers ist um eine Silbe verkürzt (weibliche Kadenz), was eine Pause im Sprechen erfordert. Es dominieren ie- und ei-Laute in einem freundlich-friedlich Ton. Man muss sich vorstellen, dass auch die Lureley so leise und „süß gelinde“ (V. 9) singt, wie sie es von den Jungfrauen einfordert (Wiederholung in V. 1; flüsternd, V. 2; süß gelinde, V. 9; der stille Mond, die flüsternden Quellen und die summenden Bienen gelten dabei als Vorbilder, V. 3 f. und V. 10 ff.).

Strophe 2 dient als Begründung dafür, dass die Jungfrauen leise singen sollen; denn die Kinder schlummern. Der Hinweis auf die wachende Ameleya (V. 7 f.) gehört eigentlich nicht in die Begründung; der Hinweis, dass sie wachend weint (w-Alliteration) und sich vermutlich nach ihm sehnt, ist eher für ihren Sohn Radlauf bestimmt, der ja ebenfalls das Lied hört; zu Ameleys Weinen passen die Namen der sieben Jungfrauen, die sich um das Liebesleid drehen. Eine eigenartige Kombination von zwei Subjekten und vier lautmalenden Prädikaten finden wir in V. 10-12: Den zuerst genannten Quellen sind die drei letzten Prädikate, den Bienen das zuerst genannte Prädikat „Summen“ zuzuordnen – allerdings wird durch den Kreuzreim das Prädikat „rieseln“ wieder mit den Quellen auf den Kieseln verbunden; dadurch dass die Prädikate quasi „durcheinander“ aufgezählt werden, wird das Quellen- und Bienengesumme als eine Einheit wahrgenommen, das als Vorbild für den Gesang des Wiegenliedes dient. Auch dass alle a- und b-Reime der einzelnen Strophen semantisch (zumindest holprig) zueinander passen, macht aus dem Gedicht das Hörbild eines friedlichen, behüteten Lebens im Rheinschlaf, unter der Obhut des milde lächelnden Mondes (V. 3 f., V. 8).

http://www.zeno.org/Literatur/M/Brentano,+Clemens/M%C3%A4rchen-Sammlung/Rheinm%C3%A4rchen (Brentano: Rheinmärchen)

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_M%C3%A4hrchen_vom_Rhein („Die Märchen vom Rhein“)

https://de.wikipedia.org/wiki/Clemens_Brentano (Cl. Brentano)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz60807.html (dito, 1955)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz60807.html#adbcontent (dito, 1876)

https://abi.unicum.de/abitur/abitur-lernen/romantik-epoche (Romantik)

https://www.schreiben.net/artikel/romantik-epoche-3771/ (Romantik)

Cl. Brentano: Weit bin ich einhergezogen – Text und Analyse

Clemens Brentano: Weit bin ich einhergezogen

Weit bin ich einhergezogen
Über Berg und über Tal,
Und der treue Himmelsbogen,
Er umgiebt mich überall.

Unter Eichen, unter Buchen,
An dem wilden Wasserfall
Muß ich nun die Herberg suchen
Bei der lieb Frau Nachtigall,

Die im brünstgen Abendliede
Ihre Gäste wohl bedenkt,
Bis sich Schlaf und Traum und Friede
Auf die müde Seele senkt.

Und ich hör dieselben Klagen,
Und ich hör dieselbe Lust,
Und ich fühl das Herz mir schlagen
Hier wie dort in meiner Brust.

Aus dem Fluß, der mir zu Füßen
Spielt mit freudigem Gebraus,
Mich dieselben Sterne grüßen,
Und so bin ich hier zu Haus.

Echo nimm dir recht zu Herzen
Und erlern die Melodei
Meiner Freuden, meiner Schmerzen:
Ameleya! Ameley!
Blühet stolz ihr Königskerzen,
Ameleya! Ameley!

Der erzählte Hintergrund des Gedichts sind die beiden ersten Rheinmärchen vom Müller Radlauf, der die Königstochter Ameley aus dem Rhein rettet, sie aber gegen das Versprechen ihres Vaters nicht heiraten darf, sondern von jenem eingesperrt wird. Während Ameley und die Mainzer Kinder in den Rhein geführt werden und im Wasserschloss des Vaters Rhein ihrer Erlösung harren, zieht der befreite Radlauf in den Schwarzwald und erfährt – das ist das zweite Märchen – seine Familiengeschichte und trifft auf seine Vorfahren. Er ist der Sohn der Lureley; seinem Vater wurde das Gedächtnis wegen seiner Untreue geraubt und er wusste nicht mehr, dass er der Fürst von Starenberg war, sondern hielt sich für einen Müller, der jedoch Mühle und Sohn Radlauf wegen einer neuen Frau verließ. Weitere Einzelheiten kann man im Wikipedia-Artikel nachlesen.

Auf dem Weg zum Grubenhansel stieß Radlauf – so erzählt er selbst zu Beginn des zweiten Rheinmärchens – im Schwarzwald auf einen kleinen reißenden Fluss, der ihm den Weg versperrte; da es schon ziemlich dunkel war, beschloss er, hier zu übernachten. „Das Rauschen des wilden Flusses zu meinen Füßen, die Ruhe und Einsamkeit erinnerten mich an den Rhein und an Ameley und ich sang mir ein Abendlied: Weit bin ich einhergezogen…“

Das Gedicht ist im Volksliedton abgefasst. Die Strophen bestehen aus vier Versen mit vierhebigem Trochäus, die im Kreuzreim miteinander verbunden sind; in jedem zweiten Vers fehlt eine Silbe (weibliche Kadenz), wodurch eine kleine Pause entsteht. Zusammen mit dem Kreuzreim läuft das darauf hinaus, dass die Strophe quasi aus zwei Langversen besteht, die in je zwei Zeilen geschrieben stehen; sie bilden auch semantische Einheiten, nur in der fünften und sechsten Strophe geht der Satz über das Versende von Vers 2 hinaus. Die (Lang)Verse mit den b-Reimen fügen sich auch im Reim sinnvoll zusammen; nur in der zweiten Strophe kann man auch in den a-Reimen einen Sinnzusammenhang erkennen. Die sechste Strophe besteht als einzige aus sechs Versen, ansonsten ist sie wie die übrigen aufgebaut.

Zu Beginn des Abendliedes besinnt sich das singende Ich auf seine Situation: Es kommt von weit her, vom Rheingau, ist aber „überall“ (V. 4) vom treuen Himmelsbogen, dem Firmament, umgeben und also geborgen. „Über Berg und über Tal“ (V. 2) stehen, ihrerseits schon Verallgemeinerungen, als Beispiele für „überall“ (V. 4). Der bergende Himmelsbogen steht für das, was in der Religion Gott heißt, wozu auch das Bestimmungswort „Himmel“ des Himmelsbogens beiträgt – es ist aber nur der Himmel der Natur, wie sich aus den folgenden Strophen ergibt.

In den vier folgenden Strophen wird das Gefühl, hier wie überall unter dem Himmelsbogen geborgen zu sein, entfaltet. In Strophe 2 und 3 wird das Hier/Jetzt beschrieben; die Strophen 4 und 5 stehen unter dem Gedanken, dass es hier genauso wie in der Heimat ist. Zunächst wird also die Landschaft schematisch skizziert (V. 5 f. und V. 8), sodann wird die Herbergssuche und ihr Erfolg beschrieben (V. 7 und V. 12; Erfolg: Gäste begrüßt, Schlaf und Friede gefunden, V. 10-12). Formal fallen die w-Alliteration (V. 6), die Personifikation der Nachtigall (V. 8-10), die Häufung des Segens (V. 11) und vielen sinnvollen Reime (alle a- Reime und b-Reime von Strophe 2) auf.

Mit dem dreifachen „Und“ am Versanfang(V. 13 ff.) wird zum Gefühl übergeleitet, dass es hier genauso wie zu Hause ist; dafür steht dreimal das Pronomen „dieselbe“ (V. 14 ff.), einmal sinngleich „Hier wie dort“ (V. 16), so dass das Fazit nicht überrascht: „Und so bin ich hier zu Haus“ (V. 20). Hier und das Zuhause sind eines, wozu auch die Personifikation des Flusses und der Sterne beitragen: Alle heißen den Wanderer willkommen, Nachtigall, Fluss und (die im Fluss sich spiegelnden) Sterne. In den Strophen 4 und 5 stiften jeweils nur die b-Reime sinnvolle Beziehungen.

Überraschend wird in Strophe 6 das Echo angesprochen – Frau Echo heißt es an anderer Stelle im Märchen: „Ich baute mir damals ein Schloß und wohnte zugleich mit der Frau Echo darin, es ist der Lureleyfelsen bei St. Goar.“ Frau Echo wird angerufen und aufgefordert, dies sich zu Herzen zu nehmen; „dies“ wird aber nicht genannt (Ellipse des Objekts), doch es verweist auf die Freundlichkeit des Flusses und der Sterne (Str. 5). Freundlich ist das Echo, wenn es die Melodie des Herzens von Radlauf erlernt und wiederholt (V. 22 f.); diese Melodie kennt nur den Namen der (vorerst) verlorenen Geliebten, „Ameleya! Ameley!“. Mit dieser der Sehnsucht entsprungenen Bitte wird die gegenwärtige Situation transzendiert und dem Zuhause (V. 20) eine neue Dimension gegeben, die Gemeinschaft mit der geliebten Ameley. Die beiden letzten Verse, die zusätzlich zu den vier obligatorischen die Strophe abschließen (V. 25 f.), stellen schon eine Art Echo der Sehnsucht (von V. 23 f.) dar. Die Aufforderung an die Königskerzen, stolz zu blühen (V. 25), versteht man aus der Erzählung des ersten Rheinmärchens: Als die Königstochter Ameley, von Radlauf aus dem Rhein gerettet, das Ufer betrat, verwandelten sich die unscheinbaren Blumen unter ihren Füßen in besondere („lauter Ehrenpreis und Königskerzen und Rittersporn und andere adelige Blumen“) und huldigten so der Person, die da auf ihnen schritt.

Auch von Ameley singt der Wanderer Radlauf seine „Melodei“ (V. 22); und wer so von Musik, von Abendlied und Melodei erfüllt ist, dem kann das Leben nur gelingen – Romantik, ein Märchen.

http://www.zeno.org/Literatur/M/Brentano,+Clemens/M%C3%A4rchen-Sammlung/Rheinm%C3%A4rchen (Brentano: Rheinmärchen)

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_M%C3%A4hrchen_vom_Rhein („Die Märchen vom Rhein“)

https://de.wikipedia.org/wiki/Clemens_Brentano (Cl. Brentano)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz60807.html (dito, 1955)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz60807.html#adbcontent (dito, 1876)

https://abi.unicum.de/abitur/abitur-lernen/romantik-epoche (Romantik)

https://www.schreiben.net/artikel/romantik-epoche-3771/ (Romantik)

Cl. Brentano: Was reif in diesen Zeilen steht – Text und Analyse

Clemens Brentano: Was reif in diesen Zeilen steht

Was reif in diesen Zeilen steht,

Was lächelnd winkt und sinnend fleht,

Das soll kein Kind betrüben,

Die Einfalt hat es ausgesät,

Die Schwermuth hat hindurchgeweht,

Die Sehnsucht hat‘s getrieben;

Und ist das Feld einst abgemäht,

Die Armuth durch die Stoppeln geht,

Sucht Aehren, die geblieben,

Sucht Lieb‘, die für sie untergeht,

Sucht Lieb‘, die mit ihr aufersteht,

Sucht Lieb‘, die sie kann lieben.

Und hat sie einsam und verschmäht

Die Nacht durch dankend in Gebet

Die Körner ausgerieben,

Liest sie, als früh der Hahn gekräht,

Was Lieb‘ erhielt, was Leid verweht,

Ans Feldkreuz angeschrieben:

O Stern und Blume, Geist und Kleid,

Lieb‘, Leid und Zeit und Ewigkeit!

„Blätter aus dem Tagebuch der Ahnfrau“ ist die Fortsetzung des Märchens „Gockel, Hinkel und Gackeleia“ und erzählt dessen entfernteste Vorgeschichte. Die Ahnfrau ist Amely, die Tagebuch geführt hat: „Vom Charfreitage bis Sonnenwende 1317“, wie in Klammern angegeben wird (S. 57) – was aber nicht stimmt, weil die letzten Ereignisse sechs Wochen später stattfinden. Im Tagebuch wird im Wesentlichen erzählt, wie Amely einen Orden zur Versorgung armer Kinder gründet (weshalb sie das arme Kind von Hennegau heißt) – wobei das Henne-Motiv vielfach variiert wird, u.a. in der Geschichte des Huhns Galina und der Namengebung des Hennegau; wie die frommen Frauen verschiedene Aktionen für arme Kinder starten und von Amely belohnt werden; wie drei Fräulein kommen und auf ihre Bitten das Kloster Lilienthal gestiftet wird. Dazwischen sind viele Sagen eingestreut, etwa vom Büblein, das Getreidekörner unterschlagen hatte und büßen musste, vom Ursprung der Achselbänder und der Lehnskleinodien von Vadutz. In einem Brief erzählt Amely von ihrer Entführung und Rettung durch den Ritter Gockel von Hanau auf Gockelsruhe, mit dem sie sich unwillkürlich verlobt und den sie dann auch heiratet, worauf das erlöste Büblein verschwindet.

Den Rest schreibt dann der Ring Salomonis: von einem Traum in der Nacht vor der Hochzeit, vom Lied „Es ist ein Schnitter, der heißt Tod“ mit 16 Strophen, von der Rettung des Bübleins und vom Brautzug, schließlich vom Verschwinden des Bübleins und den letzten Worten, die es ins Tagebuch geschrieben hatte: „Was reif in diesen Zeilen steht…“ (S. 167). Damit endet das Tagebuch.

Nun muss ich noch etwas zu den beiden letzten Versen des Gedichts sagen, die schon in „Gockel, Hinkel und Gackeleia“ vorkommen, wiederholt auch im Tagebuch der Ahnfrau in verschiedenen Zusammenhängen und zu denen Amely Folgendes schreibt, als sie sie zum ersten Mal erwähnt (S. 79): Sie hat sie von einer Menschenstimme gehört, „fern und doch nah, mit wehmüthigem Tone“. Auch in ihrem Schlafgemach hört sie „jene Worte noch um mich tönen. Ich verstand sie durch und durch, und konnte sie doch nicht erklären. Ich verstand ihr Wesen, und hatte keine Worte für sie, als sie selbst.“ (S. 80) Die Worte begleiten sie noch, und sie „fühlte: diese Worte sollen mein Wahlspruch sein.“ (S. 80)

Nach dieser Einführung möchte ich kurz etwas zum Gedicht sagen – viel ist es nicht, weil es ja auf Amelys Wahlspruch hinausläuft und weil man diesen ohnehin nicht recht erklären kann. Das Gedicht besteht aus 20 Versen; davon sind die ersten 18 jeweils Dreizeiler in dem Reimschema a – a – b, das sich durchhält: Das Gedicht ist dem Gleichklang verpflichtet, der Harmonie. Die Verse bestehen aus vier Jamben, von denen jeweils der dritte unvollständig ist (weibliche Kadenz), was einmal weich klingt, sodann auch eine kleine Pause im Sprechen bedingt, was zu den b-Reimen passt. Das Gedichts würdigt das, was „reif in diesen Zeilen steht“, also im Tagebuch der Ahnfrau; das soll nur Gutes wirken (V. 3); es ist im Durchgang durch die menschlichen Gefühle gereift (V. 4-6); es war auf der Suche nach den Früchten, die bleiben (für die Ewigkeit, V. 7-9): Liebe, die bei der Armut bleibt (V. 10-12, wie Amely mit ihrem Orden); doch selbst die verschmähte Armut findet Körner (V. 13-15, wie das Büblein) und liest vor allem den tröstenden Spruch am Kreuz: „O Stern und Blume…“ (V. 19 f.). Von diesem Spruch wird gesagt, dass er „Lieb erhielt“ und „Leid verweht“ (V. 17); ich lese diesen Vers so, dass der Spruch die Liebe erhalten, am Leben gehalten und das Leid überwunden hat, und darum ist er auch ans Feldkreuz angeschrieben (V. 18), an das Kreuz der Erlösung. Liebe und Leid stehen im Spruch alliterierend beieinander und sind umgeben von drei Begriffspaaren, welche jeweils Himmlisches und Irdisches verbinden: Stern und Blume, Geist und Kleid, Zeit und Ewigkeit, vier davon in der ei-Assonanz verbunden – und diese Verbindung von Himmel und Erde ist die Erlösung, die vom Kreuz kommt, die die Liebe rettet und das Leid überwindet.

https://archive.org/details/gesammelteschrif04brenuoft/page/166/mode/2up (Text, als Ende der „Blätter aus dem Tagebuch der Ahnfrau“ – auf diesen Text beziehe ich mich, in: Clemens Brentanos Gesammelte Schriften. Vierter Band, Frankfurt 1852)

https://www.projekt-gutenberg.org/brentano/gockel/gockl301.html (Blätter aus dem Tagebuch der Ahnfrau, in lateinischer Schrift, aber wegen des geringen Zeilenabstandes schwer zu lesen; Text von 1838, kleine Varianten)

https://de.wikipedia.org/wiki/Was_reif_in_diesen_Zeilen_steht

https://www.projekt-gutenberg.org/brentano/gockel/gockl101.html (Gockel, Hinkel und Gackeleia)

https://www.deutschestextarchiv.de/book/show/brentano_gockel_1838 (dito)

https://archive.org/details/bub_gb_dnMHAAAAQAAJ/page/n5/mode/2up (das Märchen u.a.)

https://archive.org/details/3886794/page/n7/mode/2up (Diss. Untersuchungen des Märchens und des Tagebuchs der Ahnfrau, 1903; dort S. 69 f.)

https://www.alexandria.unisg.ch/42713/1/Von-Huehnerstaellen52.pdf (Ulrike Landfester, Untersuchung, dort S. 258 f.)

https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/kultur/im-reich-der-phantasie-16789374.html (Brentano und das Märchen u. Marianne Willemer)

https://de.wikipedia.org/wiki/Clemens_Brentano (Cl. Brentano)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz60807.html (dito)

https://abi.unicum.de/abitur/abitur-lernen/romantik-epoche (Romantik)

https://www.schreiben.net/artikel/romantik-epoche-3771/ (Romantik)

Erika Tunner hat eine gelehrte Interpretation des Gedichts geschrieben: Die geheime heilige Geschichte des Herzens, in: Gedichte und Interpretationen 3. Klassik und Romantik. Hrsg von Wulf Segebrecht, Reclam 1984 = 1998, S. 422 ff.

Cl. Brentano: Gockel, Hinkel und Gackeleia – lesenswert

Gockel, Hinkel und Gackeleia. Ein Märchen (1838)

Dieses umfangreiche Kunstmärchen Clemens Brentanos ist das Witzigste, was ich seit langem gelesen habe. Da gibt es die Familie Gockel, ein altes Adelsgeschlecht mit Haushahn und Haushuhn; sie lebt in einem verfallenen Schloss zwischen Gelnhausen und Hanau, und weil das Orte im Hessischen sind, denkt man sich nichts dabei, bis einem aufgeht, dass Gockel gut zu Hanau passt und Frau Hinkel natürlich aus dem Hennegau stammt. Und so lebt das Märchen von Anspielungen und Wortspielen und vielen wunderbaren Ereignissen, wobei das nebenbei erzählte Geschehen nicht ganz so wichtig ist: Gockel will mit Hinkel eine Hühnerzucht anlegen und hat auch richtig 30 Küken ausbrüten lassen; aber die werden von der Katze und ihren Jungen dank der Verspieltheit von Tochter Gackeleia gefressen. Gockel findet dann auf Umwegen heraus, dass im Kropf seines Hahns ein Zauberring steckt, der Ring Salomons; er muss widerwillig seinen Hahn schlachten und kann mit Hilfe des Zauberrings sein altes Schloss blitzartig wieder in Schuss bringen, so dass er mit dem König von Gelnhausen Beziehungen aufnimmt. Ein Gauner luchst aber der Tochter Gackeleia im Tausch gegen eine mechanische Puppe den Zauberring ab; die Gauner verwandeln Familie Gockel wieder in arme alte Leute und ihr Schloss in eine Ruine.

Hilfe kommt von einem Mäusepaar, dem Gockel einmal geholfen hat und welches sich nun als dankbar erweist: Sie retten die entlaufene Gackeleia und auch den Ring Salomons. Die räuberische Katze wird bestraft, die Gebeine der toten Henne und ihrer Küken wie auch der geschlachtete Hahn werden wieder ins Leben gerufen, Familie Gockel wird wieder jung und reich, ihre Tochter Gackeleia groß und vernünftig: Gackeleia bekommt den Ring und heiratet den Königssohn von Gelnhausen, und die alte Ahnfrau erlegt ihr die Pflicht auf, als eine richtige Frau sich um die Armen zu sorgen, statt sich unnützen Studien und Spekulationen hinzugeben.

Es gibt eine Reihe von Versen und Motiven, die immer wiederkehren. Einer ist der dunkle Spruch: „O Stern und Blume, Geist und Kleid, / Lieb‘, Leid und Zeit und Ewigkeit!“ Damit ist gewissermaßen „alles“ bezeichnet; aber noch wichtiger ist, dass es die Alliteration „Lieb‘, Leid“ gibt und dass fünf Wörter mit der ei-Assonanz verbunden sind. Es gibt Brentano-Fachleute, die sicher ganz viel Tiefsinniges zu diesem Spruch sagen können (s. im nächsten Beitrag meine Interpretation des Gedichts „Was reif in diesen Zeilen steht“), und viele Anspielungen sehe ich vermutlich nicht einmal, geschweige dass ich sie verstände. Aber wie sagte der Hahn Alektryo zu seinem Herrn Gockel, als dieser mit geheimnisvollen Zeichen auf einer Grabplatte nichts anfangen konnte? Er sagte:

„(…) Ein Jeder liest sich erst hinein

Was er sich gern heraus möcht‘ lesen,

Oft gibt ein Strich, ein Pünktlein klein,

Dem ganzen Sinn ein andres Wesen.“

Und wo Alektryo recht hat, da hat er recht. Und könnte er zu uns sprechen, würde er krähen: „Leute, dieses Märchen müsst ihr lesen!“

https://www.projekt-gutenberg.org/brentano/gockel/gockl101.html (Gockel, Hinkel und Gackeleia)

https://www.deutschestextarchiv.de/book/show/brentano_gockel_1838 (dito)

https://archive.org/details/bub_gb_dnMHAAAAQAAJ/page/n5/mode/2up (das Märchen u.a.)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Brentano,+Clemens/M%C3%A4rchen-Sammlung/Italienische+M%C3%A4rchen/Das+M%C3%A4rchen+von+Gockel+und+Hinkel (Das Märchen von Gockel und Hinkel)

https://archive.org/details/3886794/page/n7/mode/2up (Diss. Untersuchungen des Märchens und des Tagebuchs der Ahnfrau, 1903)

https://www.alexandria.unisg.ch/42713/1/Von-Huehnerstaellen52.pdf (Ulrike Landfester, Untersuchung)

Ludwig Tieck: Abschied – Text und Analyse

Ludwig Tieck: Abschied

Was ist das Leben? Kommen nur und Schwinden,

Ein Wechsel nur von Nacht und Tageshelle,

Verlust und Schmerz, Sehnsucht und Wiederfinden,

So schwebt durch Traum und Wachen hin die Welle, –

Drum lächelt hoffend in der Trennung Wehen

Durch Abschiedstränen schon das Wiedersehen.

Dieses Gedicht steht im dritten Teil seiner „Gedichte“ (1823). Ein Sprecher, der nicht als Person in Erscheinung tritt, reflektiert wie ein Philosoph die große Frage: „Was ist das [menschliche] Leben?“ (V. 1) Das heißt etwa: Worauf läuft es hinaus, was ist sein Grundgesetz? Die Antwort wird dreifach gegeben, wobei jeweils Gegensätze dadurch miteinander verbunden werden, dass ihr Zusammenhang als eine wiederkehrende Abfolge, ein „Wechsel“ (V. 2) beschrieben oder erklärt wird. „Kommen und Schwinden“ (V. 1, Schwinden = Verschwinden, verkürzt um des Taktes willen) gilt von allen Wesen der Fauna, vielleicht sogar von Phänomenen der Atmosphäre. Explizit dahin gehört „Nacht und Tageshelle“ (V. 2), das elementarste Ereignis beständigen Wechsels. Es folgen Beispiele aus dem Gefühlsleben der Menschen, die zusammen ein Beispiel bilden: „Verlust und Schmerz“ bilden eine Einheit, zu der oft auch noch die Sehnsucht gehört (V. 3); das Wiederfinden (V. 3) gehört einmal als Antonym zum Verlust, aber auch zur Sehnsucht als deren Erfüllung. Es geht dem Sprecher hauptsächlich um diese in V. 3 beschriebenen Gefühle (s. auch V. 5 f.!), die in den Zusammenhang kosmischer Gesetze (V. 1 f.) gestellt werden.

Mit dem folgenden „So“ (V. 4) wird das Fazit eingeleitet: Das Grundgesetz des Lebens, der Welt kann nun formuliert werden; es ist das Gesetz der Welle, die „durch Traum und Wachen“ schwebt. Damit hat der Sprecher ein neues Gegensatzpaar eingeführt, das dem Wechsel von Nacht und Tag (V. 2) entspricht, aber vom Traum er die Konnotation des Schwebens ermöglicht, womit dem Wechsel alles Schmerzliche genommen wird – sofern man ihn nur richtig begreift, eben als schwebende Welle.

Diese Folgerung zieht der Sprecher („Drum“, V. 5) dann in den beiden letzten Versen: Die „Wehen“ (Schmerzen) der Trennung, die Tränen beim Abschied von Freunden werden, wenn man das Grundgesetz des Ganzen anerkennt und nicht im Augenblick verharrt, schon von Hoffnung und Lächeln überstrahlt.

Die sechs Verse bestehen aus fünf Jamben mit ausklingender weiblicher Kadenz, die eine kleine Pause im sonst getragenen Sprechen bewirkt. Wir haben zunächst einen Kreuzreim und dann einen Paarreim vor uns, wodurch zweimal passende Gegensatzpaare und einmal Gegensätze (V. 5 f.) im Klang aneinander gebunden werden.

Es drängt sich förmlich ein Vergleich dieses Gedichts mit Goethes „Dauer im Wechsel“ (1804) auf, wo auch das Bild der Welle auftaucht, die aber im Meer aufgeht, also verschwindet und Dauer nur im Geist gewonnen wird; in Tiecks Gedicht ist dagegen die Welle selbst das Dauernde.

https://www.deutsche-biographie.de/sfz6847.html (Ludwig Tieck)

https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Tieck (dito)

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/lebensgeschichte-und-literarisches-schaffen-3 (dito)

https://abi.unicum.de/abitur/abitur-lernen/romantik-epoche (Romantik)

https://www.schreiben.net/artikel/romantik-epoche-3771/ (Romantik)

Ludwig Tieck: Glosse – ein Beispiel für Intertextualität, Analyse

Ludwig Tieck: Glosse

Liebe denkt in süßen Tönen,
Denn Gedanken stehn zu fern,
Nur in Tönen mag sie gern
Alles, was sie will, verschönen.

Wenn im tiefen Schmerz verloren
Alle Geister in mir klagen,
Und gerührt die Freunde fragen:
»Welch ein Leid ist Dir geboren?«
Kann ich keine Antwort sagen,
Ob sich Freuden wollen finden,
Leiden in mein Herz gewöhnen,
Geister, die sich liebend binden
Kann kein Wort niemals verkünden,
Liebe denkt in süßen Tönen.

Warum hat Gesangessüße
Immer sich von mir geschieden?
Zornig hat sie mich vermieden,
Wie ich auch die Holde grüße.
So geschieht es, daß ich büße,
Schweigen ist mir vorgeschrieben,
Und ich sagte doch so gern
Was dem Herzen sei sein Lieben,
Aber stumm bin ich geblieben,
Denn Gedanken stehn zu fern.

Ach, wo kann ich doch ein Zeichen,
Meiner Liebe ew‘ges Leben
Mir nur selber kund zu geben,
Wie ein Lebenswort erreichen?
Wenn dann alles will entweichen
Muß ich oft in Trauer wähnen
Liebe sei dem Herzen fern.
Dann weckt sie das tiefste Sehnen,
Sprechen mag sie nur in Thränen,
Nur in Tönen mag sie gern.

Will die Liebe in mir weinen,
Bringt sie Jammer, bringt sie Wonne,
Will sie Nacht seyn, oder Sonne,
Sollen Glückessterne scheinen?
Tausend Wunder sich vereinen,
Ihr Gedanken schweiget stille,
Denn die Liebe will mich krönen,
Und was sich an mir erfülle,
Weiß ich das, es wird ihr Wille
Alles, was sie will, verschönen.

Zur Form: Laut den „Epochen der deutschen Lyrik“, hrsg. von Walter Killy. Bd. 7 (dtv 1970) stammt das Gedicht aus Tiecks „Phantasus“ (1816) und hat dort die ersten vier Verse (das Motto) nicht gesondert, sondern nur in den vier Dezimen die Schlussverse kursiv gesetzt. Ich habe also einen Kompromiss gewählt, da es zur Form der Glosse gehört, dass die vier Schlussverse als kleines Gedicht den vier Strophen vorangestellt werden. In dieser Form steht es in Tiecks „Gedichte“, 1821/23, wie Paul Gerhard Klussmann es auch wiedergibt (Bewegliche Imagination oder Die Kunst der Töne. In: Gedichte und Interpretationen, Band 3: Klassik und Romantik. Hrsg. von Wulf Segebrecht. Reclam 1984 = 1998, S. 342 ff.).

Die „Glosse“ steht in einem Geflecht von Texten, das man ohne fremde Hilfe nicht durchschaut; ich verlasse mich auf die Hinweise Klussmanns. Ausgangspunkt ist folgendes Gedicht Tiecks (1799), das in seinem Essay „Die Töne“ steht (s. den Link unten!):

Weht ein Ton vom Feld herüber
Grüßt mich immerdar ein Freund,
Spricht zu mir: was weinst du Lieber?
Sieh, wie Sonne Liebe scheint:
Herz am Herzen stets vereint
Gehn die bösen Stunden über.

Liebe denkt in süßen Tönen,
Denn Gedanken stehn zu fern,
Nur in Tönen mag sie gern
Alles, was sie will, verschönen.
Drum ist ewig uns zugegen,
Wenn Musik mit Klängen spricht,
Ihr die Sprache nicht gebricht
Holde Lieb‘ auf allen Wegen,
Liebe kann sich nicht bewegen
Leihet sie [die Musik, N.T.] den Othem [Odem, N.T.] nicht.

Die ersten vier Verse der zweiten Strophe haben Friedrich Schlegel und Tiecks Schwester Sophie Bernhardi-Tieck jeweils zum Thema einer Glosse gemacht, die 1803 unter der Überschrift "Variationen“ in der Zeitschrift "Europa“ erschienen sind (s. Link unten!). Schlegel sei es gewesen, der die programmatische Bedeutung der vier Verse erkannt habe. Es folgen dort zwei weitere Glossen, von denen zumindest eine August Wilhelm Schlegel geschrieben hat. Tieck hat seine Glosse "Töne“ vermutlich bald nach den "Variationen“ geschrieben, dann im "Phantasus“ 1816 mit vier kursiv markierten Schlussversen veröffentlicht; in der Ausgabe seiner Gedichte 1821/23 hat er die vier Verse als Motto vorangestellt, wie bereits Schlegel in den "Variationen“. Ludwig Uhland hat, wobei er den ersten Vers des Mottos leicht verändert hat, die gefühlvolle Dichtung der Variationen“ 1815 in der Parodie "Der Rezensent“ auf die Schippe genommen:

Liebtet ihr nicht, stolze Schönen!
Selbst die Logik zu verhöhnen,
Würd ich zu beweisen wagen,
Daß es Unsinn ist zu sagen:
Süße Liebe denkt in Tönen.

Wir haben ein großes Beispiel für Intertextualität vor uns, die hier natürlich nicht in den Feinheiten entfaltet werden kann; dazu muss man mindestens Klussmanns Aufsatz lesen.
Das Motto, die ersten vier Verse, sind das romantische "Programm der Musikalisierung, das in Dichtung, Malerei und Musik den romantischen Weg nach Innen noch entschiedener vorantreiben sollte“ (Klussmann, S. 346); Schlegel hat mit seiner literarischen Partnerin die Form der Glosse in die deutsche Literatur eingeführt. Tieck hat, anders als Schlegel und seine Schwester, auf konkrete Bilder in seiner Glosse verzichtet und auf die Musikalität der Sprache gesetzt und durch das Spiel der Reime und die Elemente des Wortklangs die Verbindung zwischen den Sätzen hergestellt (Klussmann, S. 350).
Im Motto werden die süßen Töne der Musik den Gedanken gegenübergestellt: In Tönen denke die Musik, Gedanken als solche ständen ihr fern; mit Tönen verschöne sie "alles, was sie will“ (V. 4). Der etymologische Rückgriff auf „denken“ verbindet trotzdem die Gegensätze, die Laute "-önen“ beherrschen das Motto und seinen Kreuzreim.
Die vier Dezimen, die ich mit lateinischen Ziffern bezeichne, stehen unter dem Strukturprinzip von Frage und Antwort; dabei fällt auf, dass es keine Antwort auf die Fragen gibt: Kein Wort kann vom Inneren des Ichs künden (I 9), ihm ist Schweigen vorgeschrieben (II 6); ein Lebenswort hört das sprachlose Ich nur in Tränen und Tönen (III 9 f.). Die Gedanken haben zu schweigen, wenn die Liebe ihr Werk "krönen / verschönen“ vollbringt (IV 6 ff.). Gesangessüße und Lebenswort, zwei Neologismen, sind nach Klussmann die zentralen Begriffe, mit denen das Wirken des Liebesmusik umschrieben wird. 
Man sollte nicht versuchen, sachlich-logische Beziehungen zwischen den verschiedenen Aussagen herzustellen. Solche Versuche scheitern: Warum hat sich die Gesangessüße etwa vom Ich "geschieden“ (II 2), während gleichzeitig die Gedanken fernstehen (II 10)? Woher weiß das Ich, dass es von der Liebe gekrönt werden soll (IV 7)? Solche Fragen darf man an dieses Gedicht nicht stellen, man muss einfach dem Strom der Laute zuhören, die Abfolge der unanschaulichen Topoi hinnehmen – oder eben wie Uhland die Glossen über die Liebesmusik parodieren.
Die Dezimen bestehen aus vierfüßigen Trochäen. Das Reimschema ist a – b – b – a – b – c – d – c – c – d; in der Mitte der Dezime ist also bei der Lautung ein Einschnitt, während für die Fragen vier bzw. zwei Verse (so nur in II) vorgesehen sind. Die "Glosse“ ist eines der Programmgedichte der Romantik, vielleicht sogar das entscheidende.

https://www.deutsche-biographie.de/sfz6847.html (Ludwig Tieck)

https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Tieck (dito)

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/lebensgeschichte-und-literarisches-schaffen-3 (dito)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Wackenroder,+Wilhelm+Heinrich/Schriften+und+Dichtungen/Phantasien+%C3%BCber+die+Kunst+f%C3%BCr+Freunde+der+Kunst/Zweiter+Abschnitt/8.+Die+T%C3%B6ne (Tieck: Die Töne, in Wackenroder: Phantasien über die Kunst…, 1799)

http://homepage.univie.ac.at/konstanze.fliedl/VO_Gedichte_WS_2013/Gedichte-04.ppt (Präsentation zu Tiecks „Glosse“)

https://archive.org/details/bub_gb_pRJGAAAAcAAJ/page/n81/mode/2up („Variationen“, in: Europa. Eine Zeitschrift, 1803, S. 78 ff.)

https://www.babelmatrix.org/works/de/Schlegel%2C_Friedrich_von-1772/S%C3%BCsse_Liebe_denkt Schlegels Glosse

https://gedichte.xbib.de/Uhland_gedicht_1.+Der+Rezensent.htm (Uhland: Der Rezensent)

https://de.wikipedia.org/wiki/Glosa_(Kunst) (Gedichtform Glosse)

https://www.jewiki.net/wiki/Glosse_(Gedichtform) (dito)

https://wortwuchs.net/gedichtformen/ (Gedichtformen)

https://abi.unicum.de/abitur/abitur-lernen/romantik-epoche (Romantik)

https://www.schreiben.net/artikel/romantik-epoche-3771/ (Romantik)

Ludwig Tieck: Wunder der Liebe – Text und Analyse

Ludwig Tieck: Wunder der Liebe

Glosse.

Mondbeglänzte Zaubernacht,
Die den Sinn gefangen hält,
Wundervolle Märchenwelt,
Steig‘ auf in der alten Pracht!

Liebe läßt sich suchen, finden,
Niemals lernen, oder lehren,
Wer da will die Flamm‘ entzünden
Ohne selbst sich zu verzehren,
Muß sich reinigen der Sünden.
Alles schläft, weil er noch wacht,
Wenn der Stern der Liebe lacht,
Goldne Augen auf ihn blicken,
Schaut er trunken von Entzücken
Mondbeglänzte Zaubernacht.

Aber nie darf er erschrecken,
Wenn sich Wolken dunkel jagen,
Finsternis die Sterne decken,
Kaum der Mond es noch will wagen,
Einen Schimmer zu erwecken.
Ewig steht der Liebe Zelt,
Von dem eignen Licht erhellt,
Aber Mut nur kann zerbrechen,
Was die Furcht will ewig schwächen,
Die den Sinn gefangen hält.

Keiner Liebe hat gefunden,
Dem ein trüber Ernst beschieden,
Flüchtig sind die goldnen Stunden,
Welche immer den vermieden,
Den die bleiche Sorg‘ umwunden;
Wer die Schlange an sich hält,
Dem ist Schatten vorgestellt,
Alles, was die Dichter sangen,
Nennt der Arme, eingefangen,
Wundervolle Märchenwelt.

Herz, im Glauben auferblühend,
Fühlt alsbald die goldnen Scheine,
Die es lieblich in sich ziehend
Macht zu eigen sich und seine,
In der schönsten Flamme glühend.
Ist das Opfer angefacht,
Wird‘s dem Himmel dargebracht;
Hat dich Liebe angenommen,
Auf dem Altar hell entglommen
Steig‘ auf in der alten Pracht.

Zum Ort des Gedichts: „Ludwig Tieck (1773-1853) stellte ans Ende des »Der Aufzug der Romanze« betitelten Prologs zu seinem Lustspiel »Kaiser Octavianus« (1804) die Verse: »Mondbeglänzte Zaubernacht, / Die den Sinn gefangen hält, / Wundervolle Märchenwelt, / Steig auf in der alten Pracht!« Mit dem von ihm geprägten Wort »Waldeinsamkeit« (im Kunstmärchen »Der blonde Eckbert«, 1797) wurde die »mondbeglänzte Zaubernacht« zum zweiten charakteristischen Begriff für die Naturauffassung und die symbolische Poetik der Romantik.“ (Universal-Lexikon) Was steht hinter dieser Karriere der mondbeglänzten Zaubernacht?

Das Gedicht ist in der Form der Glosa oder Glosse (s. die Links!) verfasst, hat also einen spielerischen Hauch an sich: Die vier Verse der ersten Strophe bilden die letzten Zeilen der vier restlichen Strophen, die Form ist vorgegeben. In der ersten Strophe wird die „[m]ondbeglänzte Zaubernacht persönlich angesprochen und gebeten, „in der alten Pracht“ (V. 4) aufzusteigen. In diesen vier Versen zeigt sich schon die Eigenart des frühromantischen Gedichts von 1804. Die Zaubernacht ist eine märchenhafte Größe, die ja auch in der Apposition „[w]undervolle Märchenwelt genannt wird; mondbeglänzt kann eine Landschaft oder ein Gebäude sein, aber nicht die Nacht selbst – eine beglänzte, eigentlich finstere Nacht ist eine paradoxe Größe, etwas Überirdisches, weshalb sie auch den Sinn, den Verstand (?) gefangen hält (V. 2). Nach Adelung ist der Sinn eigentlich „die Fähigkeit zu empfinden“, übertragen dann u.a. die Fähigkeit, zu erkennen und zu beurteilen (der Verstand) oder auch die Fähigkeit „zu wollen, sich nach Vorstellungen zu bestimmen“. Die Zaubernacht überwältigt also den Menschen; sie wird jetzt gebeten (Imperativ), „in der alten Pracht“ aufzusteigen: Es hat sie also früher schon gegeben, zwischenzeitlich lag sie darnieder, jetzt soll sie wieder aufstehen, auferstehen – das nennen wir Romantik. Die vier Verse bestehen aus vier Trochäen, deren letzter unvollständig ist (männliche Kadenz), was eine kleine Pause im Sprechen einfordert. Betont sind „Mond-, Zauber-, Sinn, gefangen-, Wunder-, Märchen-, auf, alten, Pracht“. Die Verse sind im Kreuzreim verbunden, die „Zaubernacht“ kommt „in der alten Pracht“.

Detlef Kremer hat in seinem Buch „Romantik“ (2. Aufl. 2003) Tiecks Dichtung so charakterisiert: Die Sprache bewege sich in der Nähe der Musik, Worte könnten die wahre Natur nicht benennen. „Die musikalisch-klangliche Dimension des poetischen Gedichts bekommt nichts weniger zur Aufgabe, als den Zusammenhang aller Elemente zu beschwören und die in rationaler Perspektive getrennten Sphären der Welt, oben und unten, innen und außen, Subjekt und Objekt, zu vereinigen.“ (S. 290) Die mondbeglänzte Zaubernacht beschreibe genauso wie die Waldeinsamkeit oder die blaue Blume keine Gegenstände in der Natur, sondern sie seien „als allegorische Chiffren angelegt, die jedoch nicht mit einem feststehenden, sondern mit einem vagen, immer in der Schwebe bleibenden Bedeutungswert ausgezeichnet sind“ (S. 292).

Die Überschrift „Wunder der Liebe“ mutet bisher befremdlich an und erschließt sich erst in den vier großen Strophen. Die erste beginnt mit einem Lehrsatz: „Liebe läßt sich suchen, finden, / Niemals lernen oder lehren“ (I 1 f.) Das ist eine Lebenserfahrung, vielleicht lässt sie sich sogar nicht einmal suchen; in den folgenden Versen wird eine Bedingung dafür genannt, dass der Liebeswillige „die Flamm‘ entzünden“ kann (I 3-5): von Sünden befreit, also rein sein. In den folgenden fünf Versen wird dann angedeutet, wie die Liebe erwacht. Drei Hauptsätze stehen unverbunden nebeneinander (I 6-10): 1. Alles schläft. 2. Goldne Augen blicken auf ihn. 3. Er schaut trunken… Ich schlage vor, den weil-Satz mit seinem temporalen Nebensatz „wann…“ als Begründung für den zweiten Hauptsatz zu lesen. Der Stern der Liebe wird also vom Wachenden erblickt, bzw. goldene Augen blicken auf ihn, so dass er „trunken vor Entzücken“ die mondbeglänzte Zaubernacht erblickt: das Wunder der Liebe. Man könnte hier poetisch umschrieben finden, wie ein liebevoller Blick die Liebe entzündet und Verliebtsein bewirkt: Der Angeschaute ist hin und weg, mondbeglänzte Zaubernacht. V. 4 der Eingangsstrophe passt gut in den Zusammenhang. Die Reimform ist a – b – a – b – a – c – c – d – d – c, eine wunderbare melodische Folge; die Verse bestehen (bis auf den abschließenden I 10) aus vier vollständigen Trochäen, die Reime bzw. die reimenden Verse passen semantisch zusammen (bis auf I 2 / 4).

Die nächste Strophe ist von zwei Kontrasten bestimmt: Dunkel / Licht und Mut / Furcht. Weil „der Liebe Zelt“ im eigenen Licht steht (II 6 f.), braucht Dunkelheit den Liebenden nicht zu erschrecken (II 1-5). Woher diese Dunkelheit stammt, selbst der glänzende Mond kaum Licht gibt (II 4 f.), wird nicht gesagt; es könnten äußere hinderliche Umstände sein, die jedoch dem Licht der Liebe nichts anhaben können. Der Schluss der Strophe ist dagegen rätselhaft (II 8-10): Das adversative „Aber“ leitet den Hauptsatz ein; das Objekt zu „zerbrechen“ steht im ersten Relativsatz (II 9), wobei das völlig unbestimmte „Was“ das Objekt bezeichnet, welches die Furcht schwächen will (oder ist „Was“ Subjekt und „die Furcht“ Objekt?): Das könnte vielleicht der zarte Faden der Liebe sein? Die Furcht wird dann in ihrer Wirkung in einem Relativsatz (II 10 = V. 2) bestimmt, der auch diesmal gut in den Kontext passt. Für die Form der zweiten großen Strophe gilt das Gleiche wie für die die erste, nur dass II 10 als Relativsatz von II 9 semantisch nicht zu II 6 f. passen kann.

Auch die dritte große Strophe ist von einem Kontrast bestimmt: Auf der einen stehen die, welche keine Liebe gefunden haben oder finden können (III 1-5), auf der anderen die, denen es gelingt (III 6-10). Die ersteren sind die Melancholischen (III 2) und die Besorgten (III 5); zu den anderen gehört der, „[w]er die Schlange an sich hält“ (III 6). Das ist einigermaßen rätselhaft gesprochen und bezieht sich wohl auf die märchenhafte Vorstellung von der Schlangenkönigin, wie sie in Novalis‘ Gedicht „Der Himmel war umzogen“ (s.u.) auftaucht: Das Ich sieht die Schlangenkönigin, nähert sich ihr und kann sie mit einer Zauberrute berühren: „So wunderbarerweise / Ward ich unsäglich reich.“ Dass dem, der die Schlange an sich hält, „Schatten vorgestellt“ ist (III 7), kann ich nicht schlüssig erklären (vielleicht ist steht er in der Sicht anderer im Schatten?), ebenso wenig, dass er ein Armer ist (III 9); „eingefangen“ (III 9) ist er, weil er im Bann der Schlange lebt, weshalb er auch die Dichtungen als wundervolle Märchenwelt versteht (III 8-10). Arm ist er vielleicht, weil er allein von der wundervollen Märchenwelt beschenkt werden kann. V. 3 passt wiederum gut in den Kontext der großen Strophe. Für die Form gilt das Gleiche wie für die zweite große Strophe.

In der letzten großen Strophe wird das Schicksal dessen beschrieben, der „im Glauben“ (IV 1) an die Märchenwelt (III 10) lebt: Er fühlt den von der Schlange ausgehenden goldenen Schein, macht ihn sich zu eigen und erglüht selber in der schönsten Flamme (IV 2-5). Ungewöhnlich ist der Plural „die Scheine“ (IV 2, reimbedingt), ebenso die Konstruktion um das Verb „sich zu eigen machen“, wo „seine“ im Sinn von „zu den seinen“ zu lesen ist. Mit dem Nomen „Glauben“ (IV 1) und dem Bild des Glühens (IV 5) ist die Deutung des Liebesgeschehens in religiösen Metaphern (IV 6-10) vorbereitet: Der in der Liebe Erglühende ist ein „Opfer“ (IV 6 f.), das auf dem Altar verbrennt, bis es „entglommen“ ist (IV 9, ein Neologismus, im Sinn von „verglimmen“). Die Liebe (IV 8) = der Himmel (IV 7) nimmt das Opfer an. Vers 4 passt nicht ganz in den Kontext: Richtig wäre das finite Präsens „Du steigst auf“ statt des Imperativs „Steig‘ auf“, weil das Opfer ja schon von der Liebe angenommen ist, also seinerseits nicht mehr zum Aufsteigen aufgefordert werden muss; der Zusammenhang IV 8 / 9 f. lässt sich am einfachsten konditional verstehen (wenn / dann). Die Reime in der ersten Hälfte passen außer IV 1 / 5 nicht recht zueinander, dafür passt jedoch IV 10 zu IV 6 f.

Meine analytischen Bemerkungen sollen entschleiern, was sprachlich unklar sein könnte; sie können aber natürlich nicht die Wunder der Liebe erklären oder dem sprachlichen Zauber des Gedichts gerecht werden.

https://www.deutsche-biographie.de/sfz6847.html (Ludwig Tieck)

https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Tieck (dito)

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/lebensgeschichte-und-literarisches-schaffen-3 (dito)

https://norberto42.wordpress.com/2021/01/31/novalis-der-himmel-war-umzogen-text-und-analyse/ (Novalis: Der Himmel war umzogen, zum Bild der Schlangenkönigin)

https://de.wikipedia.org/wiki/Glosa_(Kunst) (Gedichtform Glosse)

https://www.jewiki.net/wiki/Glosse_(Gedichtform) (dito)

https://wortwuchs.net/gedichtformen/ (Gedichtformen)

https://abi.unicum.de/abitur/abitur-lernen/romantik-epoche (Romantik)

https://www.schreiben.net/artikel/romantik-epoche-3771/ (Romantik)

Ludwig Tieck: Melancholie – Text und Analyse

Ludwig Tieck: Melankolie

Schwarz war die Nacht und dunkle Sterne brannten

Durch Wolkenschleier matt und bleich,

Die Flur durchstrich das Geisterreich,

Als feindlich sich die Parzen abwärts wandten,

Und zorn‘ge Götter mich in‘s Leben sandten.

Die Eule sang mir grause Wiegenlieder

Und schrie mir durch die stille Ruh

Ein gräßliches: Willkommen! zu.

Der bleiche Gram und Jammer sanken nieder

Und grüßten mich als längst gekannte Brüder.

Da sprach der Gram in banger Geisterstunde:

Du bist zu Quaalen eingeweiht,

Ein Ziel des Schicksals Grausamkeit,

Die Bogen sind gespannt und jede Stunde

Schlägt grausam dir stets neue blutge Wunde.

Dich werden alle Menschenfreuden fliehen,

Dich spricht kein Wesen freundlich an,

Du gehst die wüste Felsenbahn,

Wo Klippen drohn, wo keine Blumen blühen,

Der Sonne Strahlen heiß und heißer glühen.

Die Liebe, die der Schöpfung All durchklingt,

Der Schirm in Jammer und in Leiden,

Die Blüthe aller Menschenfreuden,

Die unser Herz zum höchsten Himmel schwingt,

Wo Durst aus seelgem Born Erquicken trinkt,

Die Liebe sei auf ewig dir versagt.

Das Thor ist hinter dir geschlossen,

Auf der Verzweiflung wilden Rossen

Wirst du durch‘s öde Leben hingejagt,

Wo keine Freude dir zu folgen wagt.

Dann sinkst du in die ewge Nacht zurück,

Sieh tausend Elend auf dich zielen,

Im Schmerz dein Dasein nur zu fühlen!

Ja erst im ausgelöschten Todesblick

Begrüßt voll Mitleid dich das erste Glück. –

Das Gedicht ist ein Bericht, der aber nur eine Phantasie sein kann; denn ein Ich berichtet davon, wie es in eine grauenvolle Welt kam und was „der Gram“ dabei zu ihm sagte (V. 11 ff.). Diese beiden ungleich langen Teile (2 bzw. 5 Strophen) machen das Gedicht aus, das 1795 entstanden ist und die dunkle Seite der Romantik repräsentiert.

In der ersten Strophe wird die Weltsituation bei der Geburt des Ichs – von Geburt ist eigentlich nicht die Rede, sondern davon, durch Götter ins Leben gesandt zu sein (V. 5) – beschrieben: schwarze Nacht, bleiche Wolkenschleier; die dunklen Sterne (V. 1) sind beinahe ein paradoxes Phänomen. Rätselhaft ist, dass die Flur (Subjekt, ohne nähere Bestimmung) das Geisterreich durchstrich, da die Flur sich ja nicht zu bewegen pflegt; „durchzog“ (zog sich durch … hin) wäre eine halbwegs sinnvolle Lösung. Die Parzen – das Wort fehlt in Adelungs Wörterbuch, gehört als latinisierte Form der griechischen Moiren der Bildungssprache an; es sind die Schicksalsgöttinnen, die jedem Menschen sein Geschick zuteilen. Die Szene ist wohl so vorgestellt, dass aus einem himmlischen Geisterreich (V. 3) feindlich gesinnte Parzen und zornige Götter das Ich auf die Erde schicken, „in‘s Leben“. Wieso die Parzen und Götter dem Ich nicht gewogen sind, wird nicht gesagt – von Anfang an und schon vorher stand sein Geschick unter keinem guten Stern, sondern nur unter dunklen Sternen.

Die Form des Gedichtes ist eigenwillig: Fünf Verse reimen sich im Schema a – b – b – a – a; dabei bestehen die a-Verse aus fünf Jamben mit weiblicher Kadenz, die eine kleine Sprechpause einfordert, die b-Verse aus vier Jamben. Das ergibt ein insgesamt bewegtes Sprechen. Die Reime sind semantisch sinnvoll, die Verse stellen insgesamt eine schlimme Situation dar. „Schwarz“ (V. 1) ist gegen den Takt betont und macht als erstes Wort sogleich klar, dass einen nichts Gutes erwartet. Ab Strophe 4 haben auch die b-Verse eine weibliche Kadenz, was das Sprechen noch etwas weicher macht.

In der zweiten Strophe wird die Ankunft auf der Erde beschrieben: Begrüßung durch einen grässlichen Eulenschrei: Die Eule begrüßt als Todesvogel den neuen Erdenbürger mit „Willkommen“ (V. 6-8); Gram und Jammer treten personifiziert auf (V. 9 f.). Dass sie niedersanken, kann nur bedeuten, dass sie zuvor auch im Geisterreich waren und mit dem neuen Menschen kamen; sie sind ihm als „Brüder“ verwandt, die Partikel „als“ (V. 10) liest man am besten im Sinn von „wie“ im Sinn eines irrealen Vergleichs. Für die Reime gilt das gleiche wie in Strophe 1, nur dass die b-Verse hier einen Kontrast abbilden.

Von der dritten Strophe an wird in wörtlicher Rede berichtet, was der Gram zur Begrüßung dem neuen Erdenbürger sagt. Was ist der Gram? „Ein höherer Grad der anhaltenden Betrübniß über ein Übel. Ihr Auge verräth seit einiger Zeit einen heimlichen Gram. Seinem Grame nachhängen. Von dem Grame verzehret werden. Sieh wie der Gram um dich ihn zerfoltert, Weiße.“ (Adelung) Dass der Gram personifiziert wird, ist also auch sonst üblich. Die Zeitangabe „in banger Geisterstunde“ (V. 11), also zur Mitternacht, passt zur schrecklichen Botschaft des Grams. Sie besagt, kurz gefasst, dass dem Ich eine „wüste Felsenbahn“ (V. 18) als Lebensweg bestimmt ist (Str. 3 und 4) und dass ihm die Liebe auf ewig versagt bleibt (Str. 5 und 6), so dass der Tod ihm schließlich eine Erlösung sein wird (Str. 7). Gegen den Takt betont sind die Personalpronomen der 2. Person am Versanfang (V. 12, V. 16 ff.) und das drohende „Dann“ (V. 31).

In der dritten Strophe ist die Wendung „zu Quaalen eingeweiht“ (V. 12) eher rätselhaft, verdankt sich wohl dem Reimwort „Grausamkeit“ (V. 13); „einweihen“ heißt: zu einem gewissen Gebrauch bestimmen (Adelung) – am einfachsten liest man „eingeweiht“ im allgemeineren Sinn von „bestimmt“. In V. 13 fehlt aus metrischen Gründen ein „von“, welches „Grausamkeit“ als Attribut zu „Ziel“ ausweist. „Die Bogen“ (V. 14) sind völlig unbestimmt, wer sie und seine Pfeile gegen das Ich richtet, wird nicht gesagt: Die Botschaft des Grams ist eine einzige Sammlung bedrohlicher Aspekte.

Im Folgenden wird zunächst die Liebe gepriesen (Str. 5), ehe sie dem Ich versagt wird (Str. 6); vielleicht ist hier die Wurzel seiner Melancholie zu finden, dass es sich als einziges Geschöpf („der Schöpfung All durchklingt“, V. 21) ungeliebt und freudlos (V. 30) weiß – aber das ist nur eine Spekulation. Auch das „hinter dir“ geschlossene Tor (V. 27), ohne Attribut vorgestellt, ist auf den ersten Blick rätselhaft; man könnte an das Tor des Paradieses denken, des Paradieses der Liebe – aber dafür müsste das Ich zuvor im Paradies gewesen sein. So bleibt nur ein allgemeines Bild dafür, dass es für das Ich keinen Zugang in jenes gelobte Land gibt.

Das drohende „Dann“ (V. 31) weist auf einen nicht greifbaren Zeitpunkt hin, obwohl bisher nur künftiges Unheil verkündet, aber kein Ereignis berichtet worden ist (Präsens neben einer futurischen Wendung, V. 16, und einem imperativischen Konjunktiv mit futurischer Bedeutung, V. 26); offenbar wird unterstellt, alle diese Unheilsdrohungen würden irgendwann Wirklichkeit werden – „Dann sinkst du in die ewge Nacht zurück“ (V. 31; das Präsens „sinkst zurück“ muss dann als Teil der Unheilsbotschaft futurische Bedeutung haben). Hier kommt der Sprecher mit seinen Zeitvorstellungen durcheinander: „Dann“ kann ja wohl nur den Tod bezeichnen, von dem erneut V. 34 f. die Rede ist; vorher jedoch, zwischen „Dann“ und dem Todesblick, liegen noch der Blick auf das Elend (richtig „Elende“, da tausend, ein nicht üblicher Plural, hier des Metrums wegen verkürzt) und das schmerzhafte Gefühl des Daseins (V. 32 f.) – es sei denn, man denke sich das Ich so, dass es im Prozess des Sterbens (V. 31, aber das war doch schon vorher der Fall!?) das Elend sähe und das Dasein fühle, um dann gleich nach dem Sterben vom personifizierten Glück (des Nicht mehr Seins) begrüßt zu werden, „voll Mitleid“ (V. 35).

Im Brockhaus von 1809 gibt es keinen Melancholie-Artikel: Im Damen Conversations Lexikon von 1836 finden wir: „Melancholie, die Schwermuth oder der Trübsinn, ein einseitig, fieberloses, anhaltendes Delirium, welches durch Schwäche, Trauer, Betrübniß und niederdrückende Affecte unterhalten wird. Der Melancholische verbindet seine irrigen Ideen ganz gut, hält sie für wahr und schließt nach ihnen ganz richtig auf andere Dinge. (…)“ Im Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon steht 1839 ein größerer Artikel: „Melancholie, Trübsinn, Schwermuth wird die Art von Seelenstörung genannt, welche auf anhaltender und ausschließlicher Beschäftigung des Gemüths mit wirklich begründeten oder nur eingebildeten, Schmerz und Trauer erregenden Gegenständen beruht, sodaß für andere Eindrücke und Vorstellungen wenig oder gar keine Empfänglichkeit mehr sich zeigt, das Bewußtsein mehr oder weniger getrübt und Vernunft und Wille befangen und in ihren Äußerungen beeinträchtigt erscheinen. Abgesehen von dem Leiden der Seele verräth sich die Melancholie auch durch körperliche Merkmale und Zufälle, namentlich durch eine bleiche, gelbliche oder erdfahle Gesichtsfarbe, einen matten, trüben, unstäten oder auch stieren Blick, ungewöhnliche Trockenheit und Kühle der Haut, Magerkeit, Trägheit des Pulses, Mangel an Appetit, schlechte Verdauung, Mattigkeit, Beängstigungen und Krämpfe. (…)“

Tieck hat ein sprachlich ambitioniertes Gedicht geschrieben, das mehr vom Pathos des Leidens als von formaler Meisterschaft geprägt ist und die Nachtseite menschlicher Existenz durchmisst.

https://www.deutsche-biographie.de/sfz6847.html (Ludwig Tieck)

https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Tieck (dito)

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/lebensgeschichte-und-literarisches-schaffen-3 (dito)

https://de.wikipedia.org/wiki/Melancholie (Melancholie, dort auch Bilder)

https://www.deutschlandfunk.de/melancholie-als-unvermittelbares-leid-ich-weiss-nicht-was.1184.de.html?dram:article_id=432500 (Melancholie)

https://www.deutschlandfunkkultur.de/von-melancholie-und-anderen-duesteren-gefuehlen.976.de.html?dram:article_id=401360 (dito)

https://www.textlog.de/1792.html (Wb Kirchner; Melancholie, 1907)

https://www.aerzteblatt.de/archiv/14579/Melancholie-und-Eros-Die-Sehnsucht-nach-Liebe (Melancholie und Eros)

https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/79500/Daria%20Norma%20Jansen%2C%20Melancholie%20im%20Mittelalter%20.pdf?sequence=1&isAllowed=y (Melancholie im Mittelalter)

https://gedichte.xbib.de/_Melancholie_gedicht.htm Melancholie-Gedichte

https://gedichte.xbib.de/Melancholie_gedichte_recherche.htm (dito)

https://abi.unicum.de/abitur/abitur-lernen/romantik-epoche (Romantik)

https://www.schreiben.net/artikel/romantik-epoche-3771/ (Romantik)

Nachträglich stelle ich fest, dass Franz Loquai eine gelehrte Analyse des Gedichts geschrieben hat (Lovells Leiden und die Poesie der Melancholie, in: Gedichte und Interpretationen, Band 3: Klassik und Romantik. Hrsg. von Wulf Segebrecht. Reclam 1984 = 1998, S. 100 ff.): „Lovell interpretiert in diesem Gedicht seine Geburt im Gestus der Rückschau so, daß sie als sein ganzes Leben prägend erscheint, um seine Empfindungslage in der Gegenwart als schicksalhaft determiniert erklären zu können.“ (S. 101) Die Strophen 5 und 6 seien kontrapunktisch auf die Strophen 3 und 4 bezogen (S. 103). „Dem Gedicht liegt eine zyklische, kontrapunktisch verfahrende Strukturierung zugrunde (Eröffnung, Variation und Abschluß des Themas). Die Grobstruktur wird im kleinen wiederholt, in Varianten, Spiegelungen und Rückbezügen. Viele Begriffe und Bilder kommen unverändert oder variiert zweimal vor (z.B. ‚grausam‘. ‚bleich‘ usw.; ‚wüst‘/‚öde‘, ‚schwarz/‚dunkel‘ usw.).“ (S. 104). Ab S. 104 wird die Stellung des Gedichts im Roman ausführlich gewürdigt, ab S. 108 in der Dichtung Tiecks. – Loquai weist auch noch auf Schillers „Melancholie an Laura“ und Karl Philipp Moritz „Die Melancholie“ (im „Anton Reiser“) hin und nennt zum Schluss viele Werke der Sekundärliteratur.