Brüder Grimm: Hans mein Igel

Hans mein Igel

Es war einmal ein reicher Bauer, der hatte keine Kinder. Da ward er traurig und sprach: „Ich will ein Kind haben, und sollt’s ein Igel sein.“ Da kriegte seine Frau ein Kind, das war oben ein Igel und unten ein Junge, und als sie das Kind sah, erschrak sie und sprach: „Siehst du, du hast uns verwünscht!“ Da sprach der Mann: „Was kann das alles helfen, getauft muss der Junge werden; wir nennen ihn Hans mein Igel.“ Dann wurde hinter dem Ofen ein wenig Stroh zurecht gemacht und Hans mein Igel darauf gelegt. So lebte er acht Jahre lang. Nun trug es sich zu, dass in der Stadt ein Markt war und der Bauer wollte dahin gehen, da fragte er alle, was er ihnen mitbringen sollte. Die Bäuerin wollte Fleisch und Brot bekommen. Hans aber sprach: „Väterchen, bringt mir doch einen Dudelsack mit.“ Der Bauer tat alles, was man ihm aufgetragen hatte.

Wie nun Hans mein Igel den Dudelsack hatte, sprach er: „Väterchen, geht doch zur Schmiede und lasst mir meinen Göckelhahn beschlagen, dann will ich fortreiten.“ Da war der Vater froh, dass er den missratenen Sohn loswerden sollte, und ließ ihm den Hahn beschlagen, und als er fertig war, setzte sich Hans mein Igel darauf und ritt fort; er nahm auch Schweine und Esel mit, die wollte er draußen im Walde hüten. Im Wald aber musste der Hahn mit ihm auf einen hohen Baum fliegen, da saß er und hütete die Esel und Schweine, bis die Herde ganz groß war. Wenn er aber auf dem Baum saß, blies er seinen Dudelsack und machte Musik, die war sehr schön.

Einmal kam ein König vorbeigefahren, der hatte sich verirrt und hörte die Musik; da wunderte er sich darüber und schickte seinen Diener hin, er sollte sich einmal umgucken, wo die Musik herkäme. Der guckte sich um, sah aber nichts als ein kleines Tier auf dem Baum oben sitzen, das sah aus wie ein Göckelhahn, auf dem ein Igel saß, und machte die Musik. Der Diener fragte ihn nach dem Weg zurück ins Königreich; Hans sprach, er wollte ihnen den Weg zeigen, wenn der König versprechen wollte, was ihm zuerst begegnete am königlichen Hofe, wenn er nach Haus käme. Da dachte der König, das kannst du leicht tun, Hans mein Igel versteht’s doch nicht und du kannst schreiben, was du willst. Da schrieb der König etwas auf und Hans mein Igel zeigte ihm den Weg und er kam glücklich nach Hause. Seine Tochter lief ihm entgegen und küsste ihn. Er dachte an Hans mein Igel und erzählte ihr, wie es ihm gegangen wäre und dass er einem wunderlichen Tier, das auf einem Hahn geritten und schöne Musik gemacht, hätte verschreiben müssen, was ihm daheim zuerst begegnen würde; er hätte aber geschrieben, es sollt’s nicht haben, denn Hans mein Igel könnt es doch nicht lesen. Darüber war die Prinzessin froh und sagte, das wäre gut, denn sie wäre doch nimmermehr hingegangen.

Hans mein Igel aber hütete die Esel und Schweine, war immer lustig, saß auf dem Baum und blies auf seinem Dudelsack. Nun geschah es, dass ein anderer König gefahren kam mit seinen Dienern und hatte sich verirrt und wusste nicht wieder nach Haus zu kommen, weil der Wald so groß war. Der hörte gleichfalls die schöne Musik von weitem und sprach zu einem Diener, er sollt’ einmal zusehen, woher es kommt. Da ging der Diener unter den Baum und sah den Göckelhahn sitzen und Hans mein Igel oben drauf. Der Diener sagte, sie hätten sich verirrt und könnten nicht wieder ins Königreich, ob er ihnen den Weg nicht zeigen wollte. Da stieg Hans mein Igel mit dem Hahn vom Baum herunter und sagte zu dem alten König, er wollt’ ihm den Weg zeigen, wenn er ihm zu eigen geben wollte, was ihm zu Haus vor seinem königlichen Schloss als erstes begegnen würde. Der König sagte ja und unterschrieb die Abmachung. Als das geschehen war, ritt Hans auf dem Göckelhahn ein Stück voraus und zeigte ihm den Weg und er gelangte er glücklich wieder in sein Königreich. Wie er auf den Hof kam, fiel ihm seine einzige Tochter um den Hals und freute sich, dass ihr alter Vater wieder da war. Da erzählte er ihr, er wär’ beinahe gar nicht wieder gekommen, aber einer halb wie ein Igel, halb wie ein Mensch, habe auf einem Hahn in einem hohen Baum gesessen und, schöne Musik gemacht, der hätte ihm fortgeholfen und den Weg gezeigt; dafür habe er ihm das versprochen, was ihm am königlichen Hofe zuerst begegnete, und das wäre sie. Da versprach sie ihm aber, sie wollte gern mit Hans gehen, wenn er käme, ihrem Vater zu Liebe.

Hans mein Igel aber hütete seine Schweine, und die Schweine bekamen wieder Schweine und diese wieder und wurden so viele, dass der ganze Wald voll war. Da ging Hans mein Igel mit seinen Herden ins Dorf uns schenkte den Bauern die Schweine. Zu seinem Vater aber sagt er: „Väterchen, lasst mir meinen Göckelhahn noch einmal in der Schmiede beschlagen, dann reit’ ich fort und komm’ mein Lebtag nicht wieder.“ Da ließ der Vater den Göckelhahn beschlagen und war froh, daß Hans mein Igel nicht wiederkommen wollte.

Hans mein Igel ritt fort in das erste Königreich; da hatte der König befohlen, wenn einer käme auf einem Hahn geritten und hätte einen Dudelsack bei sich, dann sollten alle auf ihn schießen, damit er nicht ins Schloß käme. Aber Hans flog auf dem Hahn an des Königs Fenster, setzte sich da und rief ihm zu, er wollte ihn töten, wenn er nicht die Tochter bekäme. Da gab der König der Prinzessin gute Worte, schenkte ihr eine Kutsche und sie fuhr mit Hans fort. Aber als sie ein Stück Wegs von der Stadt entfernt waren, da zog Hans mein Igel seine Braut aus und stach sie mit seiner Igelhaut, bis sie ganz blutig war; er sagte: „Das ist der Lohn für eure Falschheit, geh’ weg, ich will dich nicht,“ und jagte sie damit nach Hause.

Hans mein Igel aber ritt weiter zu dem anderen Königreich. Der König dort aber hatte befohlen, wenn einer käm’ wie Hans mein Igel, sollten sie das Gewehr vor ihm präsentieren und ihn ins königliche Schloss bringen. Da wurde Hans mein Igel von der Prinzessin begrüßt, musste mit an die königliche Tafel gehen und sie setzte sich zu seiner Seite. Als sie am Abend schlafen gehen wollte, da fürchtete sie sich jedoch vor seinen Stacheln; er aber sprach, es geschäh’ ihr kein Leid. Zum König sagte er, man sollte eine Wache vors Zimmer stellen; wenn er seine Igelhaut ausgezogen habe, sollte man sie ins Feuer werfen. Wie die Glocke nun elfe schlug, da ging er in die Kammer und streifte die Igelhaut ab, und ließ sie vor dem Bett liegen, da kamen die Männer und holten sie geschwind und warfen sie ins Feuer, da war er erlöst und lag da im Bett ganz als ein schöner junger Herr. Wie das die Prinzessin sah, war sie froh; am anderen Morgen standen sie auf und es ward die Hochzeit gehalten; Hans mein Igel bekam den Thron und das Königreich von dem alten König.

Als etliche Jahre herum waren, fuhr er mit seiner Gemahlin zu seinem Vater und sagte, er wäre sein Sohn; der Vater aber sprach, er hätte einmal einen gehabt, der wär’ wie ein Igel mit Stacheln geboren worden und weggegangen. Da gab er sich zu erkennen, und der alte Vater freute sich und ging mit ihm fort in sein Königreich.

(Nach der ersten Fassung der KHM, gekürzt und sprachlich leicht überarbeitet)

Alain de Botton: Religion für Atheisten – Ansatz einer Besprechung

Ein so seichtes Dahinplappern, wie Alain de Botton in seinem Buch „Religion für Atheisten“ (Fischer, 2013) von sich gibt, habe ich schon lange nicht mehr erlebt.

Keine Religion sei „wahr“ im wörtlichen Sinn, aber es sei auch Atheisten möglich, Religionen „gelegentlich ganz nützlich, interessant und tröstlich zu finden“ (S. 12). Er wolle religiöse Ideen und Praktiken auf die säkulare Welt übertragen. Denn Religionen seien dazu erfunden worden, ein harmonisches Leben in Gemeinschaft zu ermöglichen und mit dem Lebensschmerz fertig zu werden. Kurz, er wolle „einiges von dem retten, was [in den Religionen] schön, anrührend und weise ist“ (S. 19). Schließlich habe auch das Christentum sich nicht geschaut, Heidnisches zu adaptieren und in sein Eigenes zu verwandeln.

Was er dann zur Erklärung sozialer Entfremdung sagt, ist einfach naiv (S. 25 f.); in der Kirche gebe es jedoch Gemeinschaft unter Fremden, und so will er ein Agape-Restaurant eröffnen – ungeachtet der Tatsache, dass die Agape-Feiern im Christentum gescheitert sind und auf die sterile liturgische Messfeier reduziert wurden. Dann könnte man mit wildfremden Menschen ganz ehrlich über ihre Gefühle sprechen: „Was bereust du in deinem Leben“ oder Wovor fürchtest du dich?“ (S. 46) Dabei würde die Angst vor Fremden abgebaut, man komme sich nahe.

An der Stelle habe ich beschlossen, das Buch des Schwachmathicus de Botton nicht weiter zu lesen. Stattdessen empfehle ich, sich ernsthaft mit Säkularisierung zu befassen – ein großes Zeugnis der Säkularisierung ist Schillers „Don Carlos“.

Säkularisierung:

http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138614/saekularisierung-und-die-rueckkehr-der-religion

https://www.herder-korrespondenz.de/schlagwoerter/themen/s/saekularisierung (HK ist eine katholische Zeitschrift.)

http://universal_lexikon.deacademic.com/35152/S%C3%A4kularisierung

http://www.ezw-berlin.de/html/3_4128.php

https://docupedia.de/zg/Saekularisierungstheorie

http://www.zeit.de/thema/saekularisierung

http://www.schulz-hageleit.de/material/saekularisierung.html

Kritiken zum Buch:

http://www.zeit.de/2013/25/abraten-de-botton-religion-fuer-atheisten

http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/lesezeit/169147/index.html

http://www.zeit.de/zeit-wissen/2013/01/Religion-Atheisten

http://scilogs.spektrum.de/hinter-gruende/religionen-intelligent-bestehlen-alain-de-bottons-religion-f-r-atheisten/

http://religionsphilosophischer-salon.de/keys/religion-fuer-atheisten

http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Orgien-fuer-Unglaeubige/story/27109495

https://www.herder-korrespondenz.de/heftarchiv/68-jahrgang-2014/gottlos-von-zweiflern-und-religionskritikern/der-neue-atheismus-hat-verschiedene-facetten-vision-einer-religionsfreien-welt (Sammelbesprechung)

http://www.planet-interview.de/interviews/alain-de-botton/35782/ (Gespräch mit de Botton)

http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wz_reflexionen/zeitgenossen/580032_Man-braucht-etwas-Groesseres.html (dito)

http://hpd.de/artikel/atheisten-sind-12906

Kempowski: Tadellöser & Wolff – Inhalt, Links

Der Roman besteht aus kleinen Episoden; in ihnen tauchen viele Redensarten der Rostocker Bürger auf. So ist z.B. „Tadellöser und Wolff“ eine Umschreibung für „tadellos“, semantisch falsch gesteigert zu „tadellöser“ und dann mit der Bezeichnung der Zigarrenfabrik „Loeser & Wolff“ verbunden zu „Tadellöser & Wolff“. Man kann den „Inhalt“ des Romans nicht nacherzählen, man kann nur eine kurze Übersicht über die Kapitel geben, wobei aufgrund des episodischen Erzählens die Auswahl der genannten Aspekte auch gut anders ausfallen könnte.

1) Umzug der Familie in Rostock, in der Nähe einer katholischen Kirche; man kann St. Jacobi sehen. Familie Kempowski

2) Nachbar Woldemann, dessen Tochter Ute; Hausbesitzer Krause

3) Rostock als Stadt

4) Mit Robert und Schwester Ulla im Kino; die Sonntagnachmittage; Schulfreund Manfred

5) Zur Schule an ausgebrannter Synagoge vorbei; in die Oberschule, bei Lehrer „Hannes“; Schule, Schüler, Lehrer

6) Dicker Krahl als Freund – Spielen bei ihm

7) Mit den Pimpfen auf Fahrt; Erlebnisse und Verletzung

8) Robert, der große Bruder, und seine Freunde; Musik; Ausflug mit Mädchen nach Warnemünde

9) Urlaub im Harz, andere Familien und Gäste; Ausflug

10) Der Krieg kommt in den Alltag, Woldemann ziehen nach Berlin; Vater meldet sich und wird nicht genommen (Mitglied in der Loge)

11) Großvater väterlicherseits stirbt, Begräbnis, Erbangelegenheiten (Schulden)

12) Walter wird krank (Scharlach); Weihnachten und Winter

13) 1941 – Krieg u.a.; Vater wird eingezogen; eines seiner Schiffe läuft auf eine Mine; verschiedene Bekannte sind gefallen. (Das geht dann so weiter…)

14) Klavierunterricht, Musikschule, Konzert

15) In der Hitlerjugend-Spielschar; WHW-Sammlung; Feier zu Weihnachten

16) Roberts Freunde bei Kempowski

17) Woldemann im April 1942 aus Berlin zurück; Spiele mit Ute; häufig Fliegeralarm; Ende April erster Angriff auf Rostock, die Folgen; Mutter will weg aus der Stadt.

18) Reisevorbereitung, Mutter fährt mit Walter ab; in Gartz empfängt der Vater sie, sie kommen im Gasthof unter; Fahrt zum Förster Schulz; von KH-Häftlingen darf man nicht sprechen; bei Pastor Vorndran; Heimfahrt nach Rostock, Unordnung und Verluste

19) Sörensen, ihr dänischer Praktikant, wird als Spion verhaftet und wieder freigelassen; seine Erfahrungen mit den Deutschen; er zieht bei Kempowski ein; die Fächer in der Schule; Sörensen kehrt aus Dänemark zurück: ein anderes Land, andere Leute

20) Erkundung der nicht zerstörten Marienkirche

21) Sörensen geht mit Ulla ins Kino, Vater auf Urlaub lamentiert; dann wird doch mit Sörensen geplaudert und gefeiert.

22) Nachhilfe bei „Tante Anna“ (= Frau Kröger); Hordenführer in der HJ (bei „Dienst“ fällt die Nachhilfe aus!); Frauenkränzchen zu Besuch bei Kempowski.

23) Konfirmandenunterricht, der Pfarrer, verschiedene Kirchen

24) Ulla studiert; Sörensens Sicht auf Deutschland; Walter bei Krahl; auf der Suche nach „Aufklärung“; Sörensen wirbt um Ulla, die lernt Dänisch; Weihnachten: Vorbereitungen, Predigt, Feier zu Hause ohne den Vater.

25) Hochzeit im Mai (1943): Vorbereitungen, Verwandte, Trauung – Onkel Richard ist ein strammer Nazi; Festessen, Abfahrt des Paars nach Kopenhagen.

26) Mit Uli Prütter in der Nachhilfe; Mutter hat Magengeschwür, Walter kommt bei Prütter unter, wo der Haushalt viel lockerer als bei Kempowski läuft; Ende der Nachhilfe.

27) Operation der Mutter gelungen, Walter fährt zu Opa de Bonsac nach Hamburg in die Ferien; allein mit dem Opa, Museumsbesuche, Verwandte in Hamburg; Einrichtung des Großvaters, Erinnerungen; Schura, das ukrainische Dienstmädchen; Nachangriff auf Hamburg, Abreise.

28) Walter drückt sich möglichst bei der HJ; ist mit Ulli zusammen, tut „männliche“ Sprüche; tritt lässig auf; Vater wird versetzt, ins Partisanengebiet.

29) Dreharbeiten für einen Film; dandyhaftes Auftreten, Walter ist 14 Jahre alt; die Jungen bauen viel Mist.

30) Sommer 1944: zu von Germitz aufs Land; Ferdinand und seine Familie; frühmorgens raus zum Rauchen; Walter erklärt die Sprüche der Stadt; Ferdinand fährt weg, Walter mit Greta unterwegs; Abend am Kamin; Heimfahrt.

31) Oktober: Urlaub des Vaters, der immer noch auf Beförderung wartet; sein Blick als Militär; Krasemann verhaftet, Robert eingezogen; Vater bietet Walter (15) eine Zigarette an; Pläne für die Zukunft; Erinnerungen; Rostock ist zerbombt; Nazi-Propaganda; Abfahrt des Vaters. – Ein Spruch aus Kap. 31: „Und wie kann man bloß ‚Merkel’ heißen.“

32) Walter zum Pflichtdienst im Herbst 1944: Altpapier usw. sammeln, Kartoffeln aufheben, Bucheckern sammeln; wegen seiner Eigenheiten wird Walter zur Linien-HJ versetzt; der neue Führer redet ihm gut zu; Walter schwärmt für Antje; Jungen überfallen ihn und wollen ihm seine langen Haare stutzen; Vorladung zum Bann; er soll sich die Haare schneiden lassen, statt herumzulungern; Mutter zahlt 50 Mark Strafe, er wird in der HJ degradiert.

33) Walter hat „Magengeschwüre“ – ist kerngesund; Greta von Germitz zu Besuch; im November wird er in die Pflichtgefolgschaft überwiesen (Strafe); an einem Sonntag Übungen, Schleifen, Schikanen; zum Sportpalast kommandiert, unter einem Vorwand entlassen; am Abend im Konzert: eine Labsal!

34) Leben im Krieg, Knappheit; Vorräte anlegen; Januar 1945 russische Offensive; Flüchtlingstrecks, Schule geschlossen; einzelne Flüchtlinge kommen ins Haus.

35) Am 17. Februar wird Walter eingezogen, Kurierdienste für Heinckel; Vorbereitungen für den Endkampf; Anfang März geht das Reisen für Heinckel los; Soldaten setzen sich nach Westen ab; eine fremde Frau im Haus; Großvater de Bonsac ist ausgebombt und kommt, er ist nicht mehr für Hitler; am 22. März ist Musterung [Problem mit der Chronologie: für die vielen Reisen war nicht genug Zeit!], er wird als Sohn von „Körling“ (Spitzname des Vaters) zurückgestellt.

36) Mitte April soll er Medikamente in Berlin holen, dort geht er ins Kino; russische Artillerie beschießt die Stadt, es fährt kein Zug mehr; Walter schlägt sich nach Rostock durch, ist am 25. April zurück.

37) Drei Tage zu Hause; seine Kuriereinheit ist aufgelöst; am 29. April kommen andere Jungen zum Volkssturm; Mutter schlägt die Möglichkeit einer Flucht per Schiff aus; Krause geht weg, auch die dienstverpflichteten Franzosen; flüchtende Soldaten am 30. April; am 1. Mai gibt es bei Kempowski Sekt, auf den gewonnenen Krieg; man spricht von Übergabeverhandlungen; die ersten Russen kommen.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Tadell%C3%B6ser_%26_Wolff_(Roman)

http://literaturlexikon.uni-saarland.de/index.php?id=4221 (die Figuren des Romans)

https://books.google.de/books?id=DdVLCgAAQBAJ&pg=PT8&dq=%22morgens+hatten+wir+noch+in+der+alten+Wohnung+auf+grauen%22&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjRjczT1NLOAhUHAsAKHacRDqsQ6AEIKDAC#v=onepage&q=%22morgens%20hatten%20wir%20noch%20in%20der%20alten%20Wohnung%20auf%20grauen%22&f=false (Text des Romans)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43257845.html (Besprechung, 1971)

http://zettelsraum.blogspot.de/2007/06/walter-kempowski.html (Würdigung, 2007)

http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=ku&dig=2008%2F12%2F04%2Fa0037&cHash=b04c502d821a656fb0c5838a9960f861 (Besprechung 2008)

http://starke-meinungen.de/blog/2010/02/16/%E2%80%9Etadelloser-wolff%E2%80%9C-eine-kritik-des-deutschen-burgertums/ (Besprechung)

http://www.versalia.de/Rezension.Kempowski_Walter.970.html (dito)

http://www.syz.net/docs/kempowski.pdf (kurze Analyse)

https://uu.diva-portal.org/smash/get/diva2:211431/FULLTEXT02.pdf (große narratologische Analyse)

https://www.uni-leipzig.de/~germ/upload/user/stockinger/SS2010/Handout_Tadelloeser2.doc (Analyse)

https://de.wikipedia.org/wiki/Tadell%C3%B6ser_%26_Wolff_(Film)

https://www.youtube.com/watch?v=evBSfog5djA (Film) Inzwischen gibt es auch ein Theaterstück dazu.

https://www.youtube.com/watch?v=1LoWk3UPd20&list=PLXMZnuW27mdC6k1Ct6bNJqXl11zZT0GWI (Film: Ein Kapitel für sich, 1. Teil)

https://www.youtube.com/watch?v=pKUOPnP9Cho&list=PLCQ8wDEjXgxlIMiWLv6wqN9MpoR3QJ6Yy (Film: Ein Kapitel für sich, 2. Teil)

https://www.youtube.com/watch?v=aPw3fP4wxIQ&list=PLNvxXUG7IY-_OqvA5A_YgCPVy5RdyLi4Q (Gespräch mit Kempowski)

http://www.graal-mueritz.de/schriftsteller/kempowski-biografie-und-werk.php (Biografie und Werk Kempowskis)

http://www.zeit.de/online/2007/41/kempowski (Würdigung, zu seinem Tod)

http://www.sueddeutsche.de/kultur/walter-kempowski-gestorben-dank-ihm-ging-es-uns-gold-1.797177 (Nachruf)

http://www.lyrikwelt.de/hintergrund/kempowski-bericht-h.htm (dito)

http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/kempowski-biografie-r.htm (dito)

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article127597804/Besessen-vom-eiskalten-Daemon-der-Befragung.html (Plankton, sein letztes Buch)

http://www.kempowski.info/kempowski04.htm (Übersicht: Die deutsche Chronik)

https://www.rostock-heute.de/walter-kempowski-stadtrundgang-rostock/14464 (Kempowski in Rostock)

Borchert: Nachts schlafen die Ratten doch – kurze Interpretation

Ich beziehe mich auf eine Textausgabe, die 87 Zeilen umfasst – danach kann man schätzen oder berechnen, wo die Belege in der eigenen Ausgabe stehen müssten.

Thema:

Es wird erzählt, wie es einem älteren Mann während des Krieges im Gespräch gelingt, aus einem neunjährigen Jungen in der Haltung eines wachsamen Kriegers wieder ein Kind zu machen, das sich über ein Kaninchen freut und bereit ist, am Abend nach Hause zu gehen.

Gang des Gesprächs:

Das Geschehen spielt in einer Trümmerlandschaft während des Krieges (Z. 1 ff.). Jürgen, ein Junge, tritt anfangs wie ein Soldat auf: Er bewacht etwas (aufpassen, Z. 13; mit Stock, Z. 14 f.; er raucht, Z. 42 f.). Der ältere Mann (Z. 9), der Kaninchenfutter gesammelt hat (Z. 9 f., 25 f.), bestimmt das Gespräch. Er eröffnet es mit Fragen an den neunjährigen Jürgen (Z. 12, Z. 28), die dieser zurückhaltend beantwortet (Z. 11 ff.); der will nicht preisgeben, worauf er aufpasst (Z. 16 ff.).

Über eine Anspielung auf das von ihm gesammelte Kaninchenfutter (Z. 22 ff.) und eine Kopfrechenaufgabe (Z. 27 ff., mit Lob verbunden, Z. 26) leitet er zu seinem Angebot über, Jürgen könne seine Kaninchen sehen (Z. 35 – das Angebot zielt auf das Kind in Jürgen). Als der Junge erneut auf seine Verpflichtung aufzupassen verweist (Z. 36), geht der Mann einen Schritt weiter und stellt die „irreale“ Möglichkeit dar, Jürgen hätte sich ein Kaninchen aussuchen können (Z. 45 f.).

Dieses Angebot stimmt Jürgen traurig, weil er es nicht annehmen kann, und bringt ihn dazu, sein erstes Geheimnis preiszugeben: „[E]s ist wegen den Ratten“ (Z. 50). Auf weitere Fragen erzählt er dann, dass er seinen verschütteten kleinen Bruder bewacht, damit die Ratten ihn nachts nicht auffressen (Z. 56 ff.). An dieser Stelle bekommt der Mann „plötzlich“ (Z. 61) die Idee, wie er Jürgen vollends erreichen kann: „Nachts schlafen die Ratten doch.“ (Z. 64 f. – eine Lüge: Ratten sind nachtaktiv!) Er stellt Jürgens Lehrer, der von den menschenfressenden Ratten gesprochen hat, als unwissend dar (Wiederholung, dass die Ratten nachts schlafen, Z. 62 ff.); damit stimmt er Jürgen um, der auf einmal „müde“ aussieht (Z. 63) und bei den von ihm gemachten Kuhlen an Betten denkt (Z. 68 – Wortfeld: nachts, müde, Betten, dunkel, Z. 63 ff.).

Der Mann macht dann seinen letzten Schritt auf Jürgen zu: Er schlägt ihm vor, ihn abzuholen, wenn es dunkel wird, und ihm ein Kaninchen mitzubringen (Z. 70 ff.). Jürgen denkt an kleine Kaninchen (Z. 72 f.) und geht auf das Angebot ein: „Da stand Jürgen auf“ (Z. 76 – Signal der Wandlung) und bittet von sich aus um ein weißes Kaninchen (weiß: Kontrast zum Dunkel der Trümmerlandschaft, Z. 1 ff.); der Mann besiegelt den Pakt, indem er vorschlägt, Jürgen am Abend nach Hause zu bringen – angeblich um dessen Vater zu erklären, wie man einen Kaninchenstall baut (Z. 79 f.). Damit ist die Wandlung Jürgens vollendet: „Ja, rief Jürgen, ich warte.“ (Z. 81)

Zum Schluss erwähnt der Erzähler noch einmal das grüne Kaninchenfutter (grün: Farbe des Lebens), das allerdings ein wenig (!) grau von Schutt ist.

Sprache:

Beachtung verdienen die Kürze der Sätze, ihre einfache Aufreihung, die Personifikationen zu Beginn (Z. 1-3), die Farbsymbolik.

Das Gespräch in Alltagssprache wird durchweg zeitdeckend erzählt; der allwissende Erzähler kennt auch die Gedanken Jürgens (z.B. „dachte er“, Z. 6). An einer Stelle werden die Gedanken Jürgens personal, also ohne ein einführendes Verb des Denkens vorgetragen (Z. 72 f.)

Erläuterung: Früher hat man Kaninchenfutter nicht im Laden gekauft, sondern Grünzeug am Feldrand oder auf Wiesen selber geschnitten (vor allem Löwenzahl, wenn ich mich recht entsinne). Viele Leute hatten Kaninchen, damit sie nicht immer das Fleisch für den Sonntagsbraten kaufen mussten; unter der Woche erinnerte nur noch die Soße an den Sonntagsbraten.

Döblin: Berlin Alexanderplatz – Inhaltsangabe

Dies ist die Wikipedia-Inhaltsangabe vom 23. Juli 2016, und zwar in der Fassung, wie ich sie vom 4.- 9. August überarbeitet habe. Was Wikipedia aus meiner Überarbeitung macht, wird man sehen. Ich habe einiges Fehlende ergänzt, Fehler korrigiert und ganz selten Text gestrichen; ich habe mich bemüht, in die Vorlage nicht allzu stark einzugreifen. So stellt die folgende Inhaltsangabe einen Kompromiss dar.

Der Roman „berichtet von einem ehemaligen Zement- und Transportarbeiter Franz Biberkopf in Berlin. Er ist aus dem Gefängnis, wo er wegen älterer Vorfälle saß, entlassen und steht nun wieder in Berlin und will anständig sein.“ (aus dem Vorspruch zum ganzen Roman)

Erstes Buch

Franz Biberkopf wird aus der Strafanstalt Tegel entlassen. Nachdem er aus Eifersucht seine Freundin Ida erschlagen hatte, musste er dort eine vierjährige Haftstrafe wegen Totschlags verbüßen. Vom großstädtischen Alltag überfordert, reagiert Biberkopf auf seine neue Umgebung mit einer verzerrten Wahrnehmung; so verschmelzen die leblos gewordenen Passanten mit den Gebäuden, am Rosenthaler Platz erschrickt er vor einem speisenden Paar und wechselt wegen der angenehmen Dunkelheit, die ihn an den Gefängnisaufenthalt erinnert, die Straßenseite. Dort fürchtet sich Biberkopf bald vor herunterrutschenden Dächern. In einem Hausflur sucht er nach Schutz; dem erschöpften wie sichtlich angeschlagenen Biberkopf eilt ein rotbärtiger Ostjude zu Hilfe und nimmt ihn in der Stube eines Rabbiners mit. Im Zimmer angekommen streitet sich Nachum mit einem Alten über Biberkopfs Anwesenheit. Um Biberkopf zu beruhigen, erzählt Nachum die Geschichte des Stefan Zannowich, Sohn eines Betrügers und Falschspielers. In Padua soll jener Stefan sich das vornehme Verhalten von den Adeligen abgeschaut haben. Später gab er sich als Baron Warta aus und nannte sich selbst Skanderbeg, oder, nachdem der Tod des Herrschers bekannt war, einen Nachfahren des albanischen Nationalhelden, Prinz Castriot von Albanien. Er sei nach Deutschland und Montenegro gereist und habe sich mit dem sächsischen Kurfürsten, dem Kronprinzen von Preußen und Kaiserin Therese angefreundet. Deren Zuneigung sei sogar so weit gegangen, dass die Kaiserin den Hochstapler vor möglicher Verfolgung bewahrte. Als Biberkopf sich endlich vom Boden erhebt und auf dem Sofa Platz nimmt, betritt ein weiterer Mann das Zimmer. Eliser, ein junger, braunhaariger Jude erzählt die Geschichte zu Ende; demnach war Stefan Zannochwich hochverschuldet und wurde in Brüssel angezeigt. Mit dreißig Jahren sei er schließlich im Gefängnis durch Selbstmord verstorben. Sie verabschieden Biberkopf, der erst einmal einen Cognac trinken möchte. Nach einem nicht jugendfreien Film im Kino verlangt es ihn nach Beischlaf, sodass er sich für drei Mark anschließend mit einer dicken kleinen Frau amüsiert: „Sie knöpfte sich von oben die Bluse auf. Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb. Wenn der Hund mit der Wurst übern Rinnstein springt. Sie griff ihn, drückte ihn an sich. Putt, putt, putt, mein Hühnchen, putt, putt putt, mein Hahn.“ Der Geschlechtsverkehr verläuft enttäuschend. In den nächsten Tagen säuft und isst er reichlich. Biberkopf besucht Idas Schwester Minna und vergnügt sich mit ihr; die zerrissene Schürze ersetzt er ihr. Er sucht erneut die beiden Juden auf. Er schwört sich und aller Welt, anständig zu bleiben. „Dann aber ging ihm das Geld aus…“

Zweites Buch

Zu Beginn des Kapitels wird aus vielen kleinen Teilen ein Bild Berlins gezeichnet. Biberkopf treibt sich auf dem Rosenthaler Platz herum („Der Rosenthaler Platz unterhält sich“). In einer Versammlung werden ihm von einem aufgebrachten Redner Papiere angedreht, die ihn als ambulanten Gewerbetreibender für Textilwaren ausweisen. Er beginnt mit dem Verkauf von Schlipshaltern. Später entscheidet er sich für den Verkauf von Zeitungen (zuerst Zeitschriften für sexuelle Aufklärung), worin er auch durch seine neue Freundin, die Polin Lina Przyballa, unterstützt wird. In einer Kneipe trifft er auf einen betrunkenen Invaliden und beginnt dessen Einstellung zu teilen. Biberkopf, der eigentlich nichts gegen Juden hat und lediglich für Ordnung ist, beginnt völkische Zeitungen zu vertreiben. Als er eines Mittags in seine Stammkneipe eintreten will, wird er von einigen Linken beobachtet. Im Lokal ziehen sie seine Hakenkreuz-Armbinde hervor und machen sich über Franz lustig. Der ehemalige Häftling, offenbar von der gescheiterten Novemberrevolution in den Jahren 1918/1919 enttäuscht und jetzt anscheinend zum feindlichen Lager übergewechselt, erinnert die aufgebrachten Gäste vergeblich an Arras. Am Abend sitzt Biberkopf wieder in seiner Kneipe und wird diesmal von einigen Linken angegriffen. Wegen der drohenden Schlägerei fordert der Wirt Henschke Biberkopf zum Verlassen seines Lokals auf. Biberkopf tobt und brüllt seine Gegner nieder. Er geht mit Lina weg, die auf eine richtige Verlobung hofft. Zum Schluss wird Franz Biberkopf als Mann vorgestellt; seine Vorgeschichte wird nachgetragen: wie er im Streit seine Braut Ida so geschlagen hat, dass sie fünf Wochen später starb. Dieser Totschlag wird in Parallele zur Ermordung Agamemnons und Klytemnestras gesetzt – Franz wurde nicht von den Erinnyen gehetzt.

Drittes Buch

Pünktlich zu Weihnachten verlagert Franz seinen Verkauf auf Schnürsenkel. Er hat Erfolg („Zwanzich Märker“): Er hat das Herz einer Witwe gewonnen, die ihm nach einer Schmuserei allerhand abkauft. Bei dieser lässt er dann einige seiner Waren, um sie später abzuholen. In einer Kneipe prahlt Franz vor Lüders, Linas Onkel, mit dieser Geschichte; der besucht am nächsten Vormittag die Witwe und gibt vor, im Auftrag Biberkopfs die Ware abzuholen. Auch raubt er ihr Geld und wühlt noch in den Tischkästen. Die Frau verliert das Bewusstsein und Lüders verschwindet. Der ahnungslose Franz besucht an einem anderen Tag die Witwe, doch sie schlägt die Tür zu und schiebt den Riegel vor. Aus einem Brief erfährt Franz von Otto Lüders‘ Betrug und kündigt am gleichen Tag sein Zimmer; er verschwindet spurlos. Nach vierundzwanzig Stunden wendet sich die besorgte Lina an Meck, der Lüders niederschlägt und ihn so zwingt, Biberkopf aufzusuchen. Der gibt Franz Geld, vermutlich das der Witwe geraubte Geld. Franz bespritzt ihn mit Wasser und muss auch die neue Wohnung aufgeben. Danach bleibt er verschwunden. – Im Vorspruch des dritten Buchs ist das erzählte Geschehen als der erste Schlag angekündigt, den das Schicksal Franz verpasst.

Viertes Buch

Franz verkriecht sich in seiner neuen Bude in der Linienstraße und verbringt seine Zeit mit Trinken und Schlafen, während das wieder breit geschilderte großstädtische Leben seinen Lauf nimmt. Er denkt über sein Leben nach, doch die Fragerei führt ihn nicht aus der Auswegslosigkeit heraus. Also sucht er einen Pastor auf, der ihm jedoch nicht weiter helfen kann. Anschließend besucht Biberkopf die Juden in der Münzstraße, ohne sich an ihren Gesprächen zu beteiligen. Es folgt die Schlachthofszene, die mit der Beschreibung des Berliner Schlachthofes im Nordosten der Stadt beginnt und über die Darstellung verschiedener Schlachtungen (Schweine, ein Stier, ein Lämmchen) bis zur Auslegung der Fleischware im Metzgerladen geht. Zahlreiche Informationen, wie die Zahl des Viehs, Größe und Lage des Hofes werden dem Leser unterbreitet. Die Allegorie wird durch ein Gespräch Hiobs unterbrochen, worin eine unbekannte „Stimme“ (Gott, Satan, Engel?) dem schwer gepeinigten Hiob offenbart, dass er nur sich selbst helfen könne; nachdem Hiob die ganze Nacht geschrien hat, wird er von seinen ersten Geschwüren geheilt.

Als dann ein Kalb geschlachtet worden ist, endet die Schlachthofzsene: „Der Körper auf der Bank wirft sich. Die Beine zucken, stoßen, kindlich dünne, knotige Beine. Aber die Augen sind ganz starr, blind. Es sind tote Augen. Das ist ein gestorbenes Tier.“ Eine Zwischenüberschrift („Und haben alle einerlei Odem, und der Mensch hat nichts mehr denn das Vieh“ – ein Satz der biblischen Weisheitsliteratur) deutet den Sinn der Schlachthofszene an. – In einer Nacht im Februar 1928 wird der als Hausverwalter angestellte Zimmerer Gerner Zeuge eines Diebstahls; er beschließt mit seiner Frau, sich als Dieb selbständig zu machen, aber zweimal kommen die Ganoven hinzu, als er im Lager klauen will. Die Diebesware wird in seiner Wohnung gelagert; er betrinkt sich vor Glück mit seiner Frau und wird am nächsten Tag von der Polizei überrascht und abgeführt. Franz sieht die Verhaftung und die gaffenden Spießer. Er kommt aus seinem Trott heraus, geht etwas essen und widersteht der Versuchung, wieder mit dem Saufen zu beginnen. Er geht zu Minna und trifft dort nur Karl, Minnas Mann (und Idas Schwager). Eine Versöhnung scheitert, Karl weist ihn ab; Franz beschimpft Karl und verlässt unzufrieden das Gebäude. – Zum Schluss spricht Franz mit einer ihm unbekannten Stimme; er ist sich wieder seiner selbst und seiner Kraft bewusst.

Fünftes Buch

Zunächst wird wieder das Leben und Treiben am Alexanderplatz geschildert. – Franz Biberkopf bleibt anständig. Am Alexanderplatz verkauft er Zeitungen, wenn auch die Zahl seiner Abnehmer klein bleibt. Am Abend des 9. Februar trifft er den kleinen Meck, der ihn in eine Kneipe lockt. Dort fragt ihn ein gewisser Pums, ob er nicht einmal mit „Obst“ handeln möchte. Biberkopf verneint, wird aber von Meck auf einen „Gelben“ aufmerksam gemacht. Es ist Reinhold, der aufgrund seines Aussehens und des Gebarens eines Kranken Mitleid in Biberkopf erregt. Franz findet Gefallen an Reinhold, distanziert sich aber weiterhin von Pums Bande. Eines Abends kommt Reinhold zu Biberkopf und erzählt ihm von einer Kutscherfrau, die er gerne loshaben möchte. Statt dass er sie einfach selbst fortzuschickt, übernimmt Biberkopf seine Freundin Fränze. Biberkopf erfährt von Reinholds Hypersexualität, so muss dieser alle vier Wochen eine neue Freundin haben; Franz übernimmt bald dessen Freundin Cilly. Als Reinhold wieder eine Freundin an Franz abgeben will, weigert der sich, denn er liebt Cilly tatsächlich. Mit Reinhold bespricht er dessen Sucht nach neuen Frauen, ohne dass sie zu einem Ergebnis kommen. Franz trifft an einem anderen Tag Meck in einer Kneipe, auch Pums und seine Leute sind da; Pums, der offenbar unsaubere Geschäfte macht, will Franz in seine Geschäfte einbeziehen – Franz zögert. Durch ein Jeremiazitat („Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verläßt…“), das später wiederholt wird, deutet der Erzähler an, dass bald der im Vorspruch angekündigte erste schwere Streich Franz trifft: Am 8. April, einem Sonntag, beobachtet Franz eine Prügelei zwischen zwei Pums-Leuten; Franz lässt sich überreden, für einen von ihnen eine Bestellung bei Pums abzugeben. Pums engagiert ihn zu einem guten Stundenlohn, beim Obsthandel mitzumachen (fünf Mark pro Stunde). Auch Reinhold ist da, aber ganz verändert: stark und dominierend. Franz merkt nicht, wie er zu einem Raubzug mitgenommen wird; er soll Schmiere stehen. Als er zu fliehen versucht, wird er von Reinhold aufgehalten. „Die Welt ist von Eisen, man kann nichts machen, da kommt sie, da läuft sie, da sitzen sie drin…“ Als sie mit dem Diebesgut losfahren, werden sie von einem Auto verfolgt. Reinhold wird zornig, weil er Franz seine Probleme offenbart hat; Franz wird von Reinhold und dessen Komplizen brutal aus dem fahrenden Fluchtauto gestoßen. Das Verfolgungsauto überfährt ihn. – Das fünfte Buch schließt mit Überlegungen des Erzählers zum Sonnenaufgang am nächsten Morgen.

Sechstes Buch

Reinhold ist glücklich; er verprügelt seine Freundin Trude, womit es ihm gelingt, sie loszuwerden. Franz Biberkopf wird in der Nacht zum 9. April nach Magdeburg gefahren, der rechte Arm wird ihm abgesägt. Der Zuhälter Herbert und dessen Freundin Eva besuchen Biberkopf im Krankenhaus, doch auf Fragen nach dem Unglück reagiert er nicht, er schweigt. Nach Berlin zurückgekommen, offenbaren ihm die Freunde Herbert, Eva und Emil, dass es sich bei Pums um einen ausgekochten Betrüger handelt; doch Franz verzichtet darauf, die Pums-Bande zu bestrafen oder Schadenersatz für den Arm zu verlangen. Nachdem der Pums-Bande klar wurde, dass Franz überlebt hat, verlangt Reinhold als einziger seine Tötung; die anderen sammeln Geld für Franz, das aber von Schreiber unterschlagen wird.

Der Erzähler berichtet Berliner Ereignisse aus dem Juni 1928. Franz konsumiert nun apolitische Zeitungen, Herbert und Eva übernehmen seinen Unterhalt. Allerdings begibt er sich wieder in Berliner Kneipen, lernt Emmi kennen und plant gar, auf eigene Beinen stehen zu wollen. Dem neugierigen Meck erzählt er von einer Schießerei mit Polizisten. Über Willi kommt er zur Hehlerei. Biberkopf kleidet sich neu und legzt sich einen neuen Namen zu; er trägt einen Sommeranzug, das gekaufte Eiserne Kreuz an seiner Brust erklärt die Verletzung. Als Franz Räcker gelingt ihm das große Geschäft. Nachdem Eva Biberkopf ein Mädchen, Emilie Parsunke, die lieber Sonja heißt, besorgt, obwohl sie selbst noch in ihn verliebt ist, scheint seine Welt in Ordnung zu sein. Sonja geht für ihn anschaffen. Kurzfristig politisiert er wieder und plädiert auf einer Veranstaltung gegen die anständige Arbeit. Eva und Herbert machen sich Sorgen um den Umgang Franzens; Eva will ein Kind von Franz, was Sonja überschwänglich gutheißt. Es drängt Franz noch einmal nach Tegel, er bleibt betrunken über Nacht weg. Er versöhnt sich wieder mit Sonja und schläft einmal mit Eva, seiner Ex-Freundin, weil Sonja nichts dagegen hat. Den Verlust seines Armes hat Franz jedoch nicht verwunden; er wendet sich dem Alkohol zu und lehnt jede Hilfe ab. Er sucht Reinhold auf und erfährt aus dessen Munde, dass Cilly mit ihm zusammen ist. Reinhold gibt vor, die Wunde sehen zu wollen, und als Biberkopf ihm den Stumpf zeigt, ekelt er sich davor. Dann verhöhnt er ihn mit banalen Fragen und schlägt Biberkopf einen falschen Arm vor. Als Biberkopf ablehnt, greift Reinhold nach Taschentüchern und Strümpfen, die er in den leeren Ärmel stopft. Der Gedemütigte muss sich von Reinhold noch anhören, dass dieser Krüppel nicht leiden könne – Franz zittert die ganze Zeit und ist fertig. Er schämt sich wegen dieser Demütigung; bald darauf fährt er erneut zu Reinhold, diesmal ist er stark und selbstbewusst und erzählt von Sonja. Reinhold ist bereit, mit ihm über eine Entschädigung zu verhandeln, will ihm aber heimlich Sonja wegnehmen.

Zum Schluss des sechsten Buches zieht der Erzähler ein Fazit: Es ist bei Franz eine Wendung nach rückwärts eingetreten. Er ist jetzt Lude (Zuhälter) und wird wieder ein Verbrecher sein. Er wollte anständig sein, aber diesen Eid hat er nicht halten können; denn Lüders hat ihn betrogen und Reinhold hat ihn aus dem Auto geschmissen. Er will fragen, warum er seinen Arm verloren hat. Nach einem zweimaligen „vielleicht“ ahnt der Leser, dass es mit Franz böse enden wird.

Siebentes Buch

Es beginnt mit Stadtszenen, einem Bericht über die kriminelle Karriere eines Fliegers, Tagebucheinträgen eines Mädchens und Szenen aus dem Arbeitsgericht. Franz besucht Reinhold, er schließt sich der Pums-Bande an, die ihn trotz anfänglichen Widerwillens aufnimmt. Da Pums stiller Teilhaber von fünf Pelzwarengeschäften ist, stehlen sie in einer Samstagnacht im September Tuchballen. Biberkopf wird mit 200 Mark bezahlt, die er seiner Freundin Mieze geben will. Sie vermutet, dass ihr Franz sie verlassen will, und bricht plötzlich in Tränen aus. Sie erinnert sich an Evas Bitte, auf Franz zu achten, und informiert daraufhin Eva, die wiederum ihren Freund Herbert; Eva ist besorgt. Als Franz gerade mit einem Kollegen die Gegend nach der Möglichkeit für den nächsten Einbruch absucht, besucht Reinhold Mieze, quatscht allerlei und erzählt ihr von seinem Frauentausch mit Franz. Auf Reinholds Drängen stellt Franz ihm seine Mieze vor; dafür versteckt er Reinhold in seinem Bett. An der Haustür lässt er Mieze schwören, dass sie sich nicht in das Bett legen wird, weil er dort eine Überraschung für sie versteckt habe. Mieze hält ihr Versprechen und erzählt Franz von einem jungen Schlosser, der sie liebt und verfolgt hat – sie will von Franz getröstet werden. Voller Eifersucht verprügelt der seine Freundin schwer, so dass Reinhold eingreifen muss. Am Abend vertragen sich Franz und seine verletzte Mieze wieder. Am 29. August geht Mieze, mit einer Maske verkleidet, auf den Ball in Rahnsdorf, den die Pumsbande regelmäßig besucht, und gibt sich mit dem Klempner Matter ab. Reinhold fasst nun den Entschluss, Biberkopf Mieze wegzunehmen. Es gelingt ihm, sie mit Hilfe seines Verbrecherkollegen Karl Matter, des Schlossers der Pumsbande, nach Bad Freienwalde (Oder) zu locken; aber im Hotel geht Mieze einfach auf ihr Zimmer und entzieht sich Reinhold. Am Samstag, dem 1. September, wiederholt sich das Spiel; Karl zieht sich zurück, Reinhold geht mit Mieze im Wald spazieren. Für einen Kuss soll er sagen, was Pums eigentlich macht. Nach einem wilden Schmusen flieht Mieze, doch Reinhold holt sie ein. Er erzählt ihr, wie Franz seinen Arm verloren hat; er will Mieze unbedingt für sich haben und versucht, sie zu vergewaltigen, aber sie wehrt sich. Da erwürgt er die Zwanzigjährige und verscharrt ihre Leiche mit Karls Hilfe im Wald. „Die Bäume schaukeln, schwanken. Jegliches, jegliches. (…) Wumm wumm.“ – Im Vorspruch des achten Buchs wird die Bedeutung des Mordes so umschrieben: „Franz Biberkopf hat den Hammerschlag erhalten (…).“

[Hier ist im Roman ein Fehler in der Chronologie: Das Morddatum passt nicht zum Datum des Einbruchs.]

Achtes Buch

Biberkopf ist über Miezes Ausbleiben zunächst (am 2. und 3. September) nicht besonders besorgt, da er annimmt, sie sei mit einem vornehmen Kavalier verreist. Eva ist schwanger; sie vermutet, dass Mieze tot ist. Herbert weiß keine Hilfe – Ende September kommt Matter wieder nach Berlin. Der Erzähler schildert Eindrücke von Berlin und zitiert zur tristen Lage des Menschen Verse aus dem Buch Kohelet.

Die Mitglieder der Pumsbande beginnen sich zu streiten; denn sie fühlen sich von ihrem Hehler Pums überlistet. Nachdem auch der Einbruch in einer Verbandsstofffabrik scheitert, machen sie Klempnerkarl dafür verantwortlich, der über Reinhold in Wut gerät. Karl, von seinen ehemaligen Partnern enttäuscht, gründet seine eigene Bande; nach einem erfolgreichen ersten Einbruch wird er beim zweiten erwischt – vermutlich ist er von Reinhold verraten worden. Er entschließt sich, Reinhold zu bestrafen, und erzählt einem Richter von der Ermordung Miezes. Nach längerem Suchen – die Leiche war an anderer Stelle verscharrt worden – wird sie ausgegraben; die Polizei beginnt gegen Reinhold, der auch noch Franz Biberkopf in die Sache hineinzieht, zu ermitteln. Der Erzähler stellt Franz in Parallele zu Hiob, er werde von der großen Hure Babylon bedroht. Franz findet bei Bekannten Unterschlupf.

Aus der Zeitung erfährt Eva von Miezes Ermordung und teilt dies aufgelöst Franz mit; Franz und Reinhold werden als Tatverdächtige gesucht. Franz versteht Miezes Ermordung als Reinholds Rache; er will Reinhold bestrafen. Auch Herbert macht Jagd auf Reinhold; Franz ist am Ende. Im November sucht er Reinhold überall vergebens; er zündet dessen Haus zur Warnung an. Zwei Engel gehen neben Franz und beschützen ihn vorläufig, damit die Polizei ihn nicht erkennt. Erneut besucht Biberkopf die Kneipen am Alexanderplatz und gerät dort in eine Razzia; er wird von einem Polizisten angesprochen, zieht eine Waffe und schießt. Franz, der sich schon länger der Meldepflicht entzogen hatte und als Tatverdächtiger im Fall Emilie Parsunke gilt, wird festgenommen. Im Polizeipräsidium wird er als der wegen Mordes Gesuchte identifiziert.

Neuntes Buch

Reinhold ist bereits verhaftet: Er hat sich auf Fahndungsplakaten gesehen und, um sich zu tarnen, mit den Papieren des polnischen Taschendiebs Moroskiewicz eine Dame überfallen; so hoffte er der Fahndung zu entgehen. Reinhold kommt im Zuchthaus mit dem Polen Dluga in der Mattenweberei zusammen. Durch die Bekanntschaft Dlugas mit dem wahren Moroskiewicz droht Reinholds Tarnung aufzufallen. Tatsächlich beginnt der Pole, den falschen Moroskiewicz zu erpressen. Reinhold verprügelt Dluga, woraufhin er seine Haft in einer Einzelzelle verbringen muss. Nachdem er einige Wochen alleine zugebracht hatte, begeht Miezes Mörder den entscheidenden Fehler. Er schläft mit einem jungen Mithäftling, der nach seiner Entlassung vor einem Arbeitslosen mit seinem Wissen über Reinholds Mord prahlt. Der Arbeitslose, Konrad, verpfeift Reinhold, um die 1000 Mark Belohnung zu bekommen; Reinhold wird nach Berlin verlegt. Franz Biberkopf dreht durch und wird halb verhungert in die Irrenanstalt Buch überführt; er wird zwangsweise künstlich ernährt. Er wehrt sich dagegen; die jungen Ärzte analysieren ihn und behandeln ihn mit Elektroschocks. Er hört die Sturmgeister; die alten Ärzte resignieren, seine Seelenteile schleichen sich davon.

Der Tod hat sein Lied begonnen; Franz hört ihn singen, der Tod schwingt sein blitzendes Beil. Er wirft Franz Biberkopf vor, die Augen im Leben nicht aufgemacht und nicht auf den Tod gehört zu haben. Die wichtigen Gestalten seines Lebens tauchen vor Franz auf; Reinhold erscheint ihm als Teufel, mit dem hätte er nicht kämpfen dürfen. Auch Ida erscheint ihm. Franz weint über sich, was er getan hat und wie er gewesen ist. Mieze erscheint auch noch. Franz hat seine Fehler bereut und stirbt.

Nun wird von den ersten Tagen des neuen Menschen Franz Biberkopf erzählt. Die Hure Babylon hat den Kampf mit dem Tod verloren. Den Kranken, der Franz war, haben Schupos und Ärzte befragt; er war unschuldig bzw. nicht zurechnungsfähig, er wird aus Buch entlassen. Der Erzähler gibt ihm zur Unterscheidung vom alten Franz Biberkopf den Namen Karl. Er geht zu Eva, die von Herbert getrennt ist und ihr Kind verloren hat; gemeinsam gehen sie zu Miezes Grab. Sie nehmen auch an der Verhandlung gegen Reinhold und Matter teil: Reinhold wird zu zehn Jahren Zuchthaus wegen Totschlags im Affekt verurteilt. Nach dem Prozess nimmt Biberkopf eine Stelle als Hilfsportier in einer Fabrik an. – Zum Schluss reflektiert der Erzähler den Lebensweg Franzens: „Wach sein, wach sein, man ist nicht allein.“

„Es geht in die Freiheit, die Freiheit hinein, die alte Welt muß stürzen, wach auf, die Morgenluft.

Und Schritt gefaßt und rechts und links und rechts und links, marschieren, marschieren, wir ziehen in den Krieg, es ziehen mit uns hundert Spielleute mit, sie trommeln und pfeifen, widebumm widebumm, dem einen gehts gerade, dem einen gehts krumm, der eine bleibt stehen, der andere fällt um, der eine rennt weiter, der andere liegt stumm, widebumm widebumm.“

 

Abschließend ist zu zwei Aspekten etwas zu sagen:

  • Eine „Inhaltsangabe“ ist nach meiner Einsicht ein missliches Ding; sie lebt von der falschen Vorstellung, ein Roman werde durch seinen Inhalt erfasst. In Wahrheit konstituiert der Blick und das Gebaren des Erzählers den Roman; daher habe ich an verschiedenen Stellen den Erzähler in die Inhaltsangabe eingeführt.
  • Erst recht Döblins Roman „Alexanderplatz“ kann nicht vom Inhalt, wie er in der Wikipedia am 3. August 2016 vorgestellt wurde, erfasst werden: Viele Anspielungen oder Zitate aus der Literatur, aus Liedern oder der Bibel gehören wesentlich zum Text und geben dem „Inhalt“ seine Bestimmung. Ich habe zaghaft versucht, diese Elemente andeutungsweise in die Inhaltsangabe hineinzunehmen.

A. Döblin: November 1918, Bd. 4: Karl und Rosa – Eindrücke

Alfred Döblin hat 1937-1943 seinen Roman über die deutsche Revolution 1918/19 geschrieben: „November 1918“, der 1949/50 erstmals ganz veröffentlicht wurde. Der vierte Band heißt „Karl und Rosa“; ich beziehe mich auf die Ausgabe dtv 1389 (München 1978). Ein Teil der Ereignisse ist von „Bonaventura“ nacherzählt worden: http://www.vigilie.de/2009/alfred-doblin-november-1918-4/ Mit rund 650 Seiten ist der vierte Band der umfangreichste des ganzen Epos; ich kann nur grob eine Übersicht über das erzählte Geschehen geben (Fortsetzung von https://norberto42.wordpress.com/2016/07/11/a-doeblin-november-1918-bd-3-heimkehr-der-fronttruppen-eindruecke/).

Da ist einmal der politische Themenkreis:

  • Ebert als Mensch, negativ gezeichnet, und sein Verhältnis zu den Militärs, die ihn als Werkzeug sehen;
  • Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die zunächst im Gefängnis sitzen, dann freigelassen werden und im Moment der revolutionären Erhebung (6. Januar 1919) versagen;
  • Noske und das Militär – Noske wird einfach als „brauchbar“ charakterisiert, er nimmt es auf sich, Militär zu organisieren und die Revolution niederzuschlagen;
  • Der 6. Januar als der Tag, an dem die Revolution möglich ist und an dem Spartakus versagt, weil Liebknecht ein Zauderer ist und Rosa Luxemburg an den Primat der sozialen, nicht der politischen Revolution glaubt.

Mit dem Politischen vermischen sich private Schicksale:

  • Rosa Luxemburg hängt an ihrem toten Freund Hannes, der ihr als Geist erscheint, ihren Körper benutzt und sich schließlich verflüchtigt, weil er seine Fehler bereut – als schließlich auch noch Satan ihr erscheint, wird die Serie der Geistererscheinungen und -existenzen etwas unübersichtlich.
  • Die Hauptfigur ist Becker, der in der Schule seinen Dienst antritt und in der Besprechung der „Antigone“ die Absolutheit des Staates bestreitet, was ihm seine konservativen Schüler und deren Eltern übelnehmen. Als er sich dann noch für seinen homophilen Direktor und den von ihm geliebten Schüler einsetzt, wird seine Situation in der Schule unhaltbar. Über den Schüler Heinz wird er schließlich in die Kämpfe um das Polizeipräsidium am 12. Januar hineingezogen; aus menschlicher Solidarität kämpft er auf Seiten der Spartakisten mit, wird verwundet und gefangen genommen. Die von Maus erwirkte Freilassung lehnt er ab; Hildegard befreit ihn als „Krankenschwester“ in einem Coup. Nach drei Jahren im Gefängnis fasst er nirgendwo richtig Fuß. Auch als Erzieher sieht er keine Möglichkeiten: „Was will man denn, was wollen die Eltern, das Volk, der Staat? Aufbau, Wohlstand, friedliche Verhältnisse, wie vor dem Krieg, und die Kinder und die Schüler sollen wir darauf ausrichten, das heißt, wir sollen sie betrügen und bewußtlos machen. Mag sich dazu hergeben, wer will. Es läßt sich auch nicht durchführen. Der Krieg läßt sich nicht übersehen. Er ist noch da.“ (S. 629): Er ist noch da, weil die Revolution gescheitert ist und die alten Machthaber noch/wieder oben sitzen. Er verkommt schließlich, nachdem er über drei „Fallstricke“ gestolpert ist – dieser Schluss erscheint mir nicht recht gelungen, „das Weib“ als Fallstrick passt nicht zu ihm. Er ringt um seine geistlich-christliche Existenz; er zieht als Tramp durchs Land. Satan und auch Tauler erscheinen, der Engel Antoniel geleitet ihn vermutlich doch zum Himmel. Seine Leiche wird ca. 1929 in Hamburg in den Hafen geworfen.
  • Maus ist zunächst noch als Offizier aktiv, heiratet Hilde, bekommt ein Kind und beginnt ein Studium in Karlsruhe. Er begegnet mehrfach Becker in verschiedenen Situationen.

Rein privat wird das Verhältnis von Stauffer und Lucie geklärt: Sie werden menschlich, kommen aus dem siebten Himmel auf der Erde an, haben ihre Schwächen und Macken und arrangieren sich in Liebe; auch werden verschiedene „Gerüchte“ über sie erzählt, so dass am Ende nicht ganz klar ist, was nun wirklich aus ihnen geworden ist.

Aus Rosas Sicht wird erklärt, was ein Geist wie Hannes ist: „Ein Tier bleibt Tier, eine Pflanze Pflanze. Aber ein Geist wechselt Form und Gestalt, nach dem, was ihn treibt und beschäftigt, und da ist ja kein Unterschied zwischeninnen und außen.“ (S. 89)

Ironisch-bildhaft wird Friedrich Ebert als der große Verhinderer charakterisiert: „Wilhelm der Zweite konnte nach Holland fahren, die anderen Fürsten konnten sich im Land verstecken. Es blieben Generale und Behörden. Wie wucherten fröhlich weiter als Ableger des alten Baumes. Es bliebt auch der Boden, das arbeitsame Volk, das gern gehorchte. / Und dann war da Friedrich Ebert. / Friedrich Ebert ließ sein Antlitz über dem herrenlosen Land leuchten. Ihm lag daran, hier nicht zu stören. Ihm lag daran, zu verhindern, daß etwas geschah, und was geschehen war, ungeschehen zu machen.“ (S. 107) Ähnlich ironisch werden die blauäugigen revolutionären Matrosen beschrieben (im Kapitel „Massenverhör im Finanzministerium“), später noch einmal Ebert („Ebert brütet Rache“).

Eindrucksvoll kommentiert der Erzähler, wie einen die Zeit verändert, hier am Beispiel Becker: „Welche Hinterlist steckt in der Zeit! (…) Sie verschiebt, verändert und verwirrt die Menschenherzen, und nicht nur die Menschenherzen, sondern alles bis in die Eingeweide und Knochen hinein. Sie gibt dir keine Möglichkeit zu sagen: ‚Das bin ich, und nun bin ich es, und zwar bin ich Herr X oder Frau Y.’“ Sie folgt einem wie ein Kriminalbeamter, wie ein Schatten, dem man schließlich alles gesteht, „was er will – und er hat Sie.“ (S. 180/82)

Der Versuch, den Polizeipräsidenten Eichhorn zu entlassen, wird surreal erzählt („Die Affäre Eichhorn“): „Die Zentralräte hatten sich mit dicken Mappen bewaffnet, aus denen sie, wie aus einer Pandorabüchse, lauter Übel und Kränkungen für Eichhorn hervorholten, für den Gast, der dazu extra vom Alexanderplatz hergefahren war. Jeder griff in die Taschen, zauberte ein neues Übel hervor. Sie waren mehr als Zentralräte: Zentralmagier.“ (S. 266 – so geht es durch das ganze Kapitel!) Surreal und sehr schön wird im Kapitel „Mitternacht in der Siegesallee“ erzählt, wie die Hohenzollern von den Sockeln herabsteigen und die Toten des Krieges sich auf die Hohenzollern stürzen, bis um Punkt 1.00 Uhr die Victoria dem Spuk ein Ende macht.

Die Sympathie des Erzählers für die Revolution wird an vielen Stellen deutlich (z.B. in „Die Revolution marschiert“): Der Revolutionssauschuss war „die erste Regierung einer deutschen Republik, eine Regierung gegen Generale, Junker und Schlotbarone und gegen den kommenden Krieg“ (S. 326 – hier merkt man, dass Döblin aus der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs heraus seinen Roman vollendet hat). Sarkastisch wird im Kapitel „Die Regierung, von keinem Terror gehindert“ deutlich gemacht, wie das Volk über die Morde an Luxemburg und Liebknecht belogen wird. (S. 599 ff.)

Ich kann nicht beurteilen, ob die Charaktere der historischen Figuren des Buches richtig gezeichnet werden und wie weit die erzählten revolutionären Ereignisse einer historischen Überprüfung standhalten. Als Manko meinerseits empfinde ich, dass ich Berlin nicht gut kenne – man müsste bei der Lektüre des vierten Bandes die Erzählung fortlaufend mit dem Blick in einen Stadtplan verfolgen.

Neben den verschiedenen Geistern tauchen viele Bibelzitate auf, mit denen vor allem Becker sich auseinandersetzt. Der geistliche Weg Beckers ist so komplex, dass man ihn in einer zweiten Lektüre eigens überprüfen müsste; man müsste zu Beginn der Lektüre bereits wissen, dass er die Hauptperson ist, dann könnte man genauer auf ihn achten; denn in der Fülle der erwähnten Figuren gehen einzelne von ihnen leicht unter.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/das-leben-radikal-anders-denken-1731194.html (Rezension des Romans, 2008)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40607341.html (Rezension Hans Mayers, 1978)

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=8579:karl-und-rosa-bonn&catid=38:die-nachtkritik&Itemid=40 (der 4. Band als Theaterstück)

Über Alfred Döblin:

https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_D%C3%B6blin

https://www.deutsche-biographie.de/sfz11475.html („Bis zur Konversion zum Katholizismus und seinem letzten großen Roman „Hamlet oder die lange Nacht nimmt ein Ende“ (1957) spannt sich ein Bogen stilistischer und sprachlicher Experimente, mit dem Ziel, durch die Dichtung eine neue ethische und metaphysische Ordnung zu gewinnen.“)

http://www.ursulahomann.de/EinAutorIstNeuZuEntdeckenAlfredDoeblin/kap001.html

http://www.judentum-projekt.de/persoenlichkeiten/liter/doeblin/index.html

http://www.glanzundelend.de/Artikel/abc/d/alfred_doeblin.htm (Döblin-Biografie; vgl. zur Position des Sohnes Stephan http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/alfred-doeblins-sohn-stephan-der-traurige-nachzuegler-des-beruehmten-vaters-1908335-p2.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2)

http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16241 (dito, mit Antwort: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16280 und Interview: http://www.buchjournal.de/477332/)

http://www.alfred-doeblin.de/ (Alfred-Döblin-Gesellschaft)

G. Wohmann: Schönes goldenes Haar – Erläuterungen, Analyse

Diese Erzählung ist inzwischen rund 50 Jahre alt – sie stammt aus einer anderen Zeit, in ihr spiegeln sich inzwischen veraltete Denkweisen. Wenn man Gabriele Wohmanns Erzählung „Schönes goldenes Haar“, die in einem 1968 veröffentlichten Sammelband von Erzählungen stand, verstehen will, muss man den früheren Umgang mit Sexualität kennen. Stark vereinfacht gesagt galt damals,

  • dass sexueller Umgang nur in die Ehe gehörte,
  • dass nur Mann und Frau anständigen Sex haben könnten (Homosexualität unter Männern war nach § 175 StGB strafbar),
  • dass sexueller Verkehr primär dazu da war, Kinder zu zeugen (katholische Auffassung) – Empfängsnisverhütung galt als schwere Sünde,
  • dass sich der Kuppelei strafbar machte, wer sexuellen Verkehr zwischen Unverheirateten ermöglichte,
  • dass nur „der Mann“ sexuelle Bedürfnisse habe und die Frau diese eher erdulde und erleide, wogegen „Migräne“ als akzeptierte Ausrede half.

Da man aber auch wusste, dass dies alles nicht ganz richtig sei, entstand eine Doppelmoral: Einerseits sagte man…, anderseits wusste man (und praktizierte man) oft das Gegenteil. Aber man konnte nicht in normaler Sprache über Sexualität sprechen, höchstens in Latein (die Fachleute), in einer vulgären Sprache (die Männer) oder in dezenten Anspielungen (die Frauen), welche Kinder nicht verstehen sollten.

Die große Veränderung stellte die „sexuelle Revolution“ in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts dar, wobei heute umstritten ist, wodurch sie ausgelöst wurde: durch die Erfindung der Antibabypille, die Erfindung des Penicillins oder einen mental-gesellschaftlichen Aufbruch aus der dumpfen Nachkriegszeit (Restauration nach der Nazizeit, mit großem Einfluss der christlichen Kirchen).

In Gabriele Wohmanns Erzählung agiert die Mutter in dieser Doppelmoral: „Sorge“ um die Tochter und ihre Unschuld – Freude an ihrer Schönheit und Beliebtheit, Beförderung ihrer Attraktivität; auch die Einschätzung der Frauen als „Opferlämmer“ bezeugt die traditionelle Sicht auf die Männer, die „immer nur das Eine“ wollen, was die Frauen dann notgedrungen erdulden. Dass die Kommunikation zwischen Frau und Mann nach 20 Ehejahren nicht (mehr?) gelingt, ist ein anderes Problem, worauf heute im Zeitalter der Kommunikationsanalyse der Blick ruht, ohne dass nach den Ursachen dafür (oder nach der Berechtigung des Ideals „gelingende Kommunikation der Eheleute“) gefragt würde; man muss halt laut Lehrplan Kommunkationsmodelle durchspielen und unters Volk bringen.

Stichwort „Sexuelle Revolution“:

http://www.focus.de/wissen/videos/1961-die-pille-und-die-sexuelle-revolution_id_5312771.html

http://www.sueddeutsche.de/wissen/sexualitaet-sexuelle-revolution-bereits-in-den-er-jahren-1.1586833

http://www.taz.de/!5053471/

http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/68er-bewegung/51853/sexuelle-revolution?p=all

http://www.ezw-berlin.de/downloads/Information_20.pdf (Kurt Hutten: „Die sexuelle Revolution“ – Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen 1966)

Kardinal Joseph Höffner: Sexual-Moral im Licht des Glaubens. Zehn Leitsätze des Erzbischofs von Köln, 1972 (hier 3. Auflage 1973): „Zeichen und Unterpfand reifer und selbstloser Liebe ist vor allem die Ehrfurcht voreinander. Wer meint, das gegenseitige Kennen- und Schätzenlernen werde durch frühzeitige intime Beziehungen gefördert, irrt sich. Echte Liebe sieht im anderen in einzigartiger Weise den Sohn oder die Tochter Gottes. Sie wird den anderen nicht mit dem eigenen Begehren und Verlangen überfallen, sondern sich in einem wahren Sinn als verehrende Liebe erweisen. (…) Auch wenn die Brautleute den Verlobungsring am Finger tragen, dürfen sie nicht das vorwegnehmen, was der Herr ihnen im Sakrament der Ehe überträgt.“ (S. 25 f.)

Stichwort „Kuppelei“:

https://de.wikipedia.org/wiki/Kuppelei (dort: Rechtliche Lage bis 1967: „Das Zusammenleben von unverheirateten Paaren unter einem Dach (sog. Wilde Ehe) war bis zur Abschaffung dieses Strafrechts-Paragrafen faktisch unmöglich. Denn dies wurde in Deutschland als Verstoß gegen die guten Sitten angesehen. Mietverträge über die Vermietung einer Wohnung an ein unverheiratetes, nicht wenigstens verlobtes Paar wurden als Begünstigung zur Kuppelei angesehen und konnten daher unwirksam sein. Zudem konnte der Vermieter einer Wohnung wegen Kuppelei belangt werden, wenn er einem nicht wenigstens verlobten Paar eine Wohnung vermietete. Es war daher üblich, dass sich der Vermieter vor Abschluss eines Mietvertrags z. B. den Trauschein des Paares vorlegen ließ. Auch in Beherbergungsbetrieben wurde die Vorlage von Dokumenten verlangt, wenn Doppelzimmer gebucht wurden, da die Vermittlung von Prostitution unterstellt wurde.“

http://de.wikimannia.org/180_StGB (Geschichte des § 180 StGB: Kuppelei)

Analyse

(Text, Aufgabenstellung und Zeilenzählung nach https://www.standardsicherung.schulministerium.nrw.de/cms/upload/zentrale_klausuren/Beispielklausur_lit._Text_AufgabeL.pdf; die Zählung beginnt bei „Gabriele Wohmann“, der Text endet mit Z. 59)

Die Erzählung „Schönes goldenes Haar“ wurde 1968 in einem Band von Erzählungen Gabriele Wohmanns veröffentlicht; man kann sie als Kurzgeschichte ansehen, wofür nicht nur der unvermittelte Anfang und das offene Ende sprechen, sondern auch die Alltäglichkeit des erzählten Geschehens.

Ein neutraler Erzähler, der uns öfter personal erzählend an den Gedanken der Figuren teilhaben lässt, berichtet: Ein Ehepaar sitzt am Abend in der Küche (vermutlich nicht im Wohnzimmer, das war damals noch die gute Stube); der Mann liest die Zeitung (Z. 5 f.), die Frau stopft Socken (Z. 7). Sie spricht ihn vorwurfsvoll an (Z. 1 f.), weil ihre Tochter „oben“ (Z. 2), also in ihrem eigenen Zimmer allein mit einem jungen Mann ist und sie sich Sorgen macht, was die beiden „da oben vielleicht jetzt treiben“ (Z. 11), dass sie also ins Bett gehen könnten, was sich offensichtlich nicht gehört und sogar mit einer Schwangerschaft enden könnte. Der Gegenstand des Gesprächs ist sowohl das mögliche Tun der Tochter (Z. 11 f.) als auch die diesbezügliche Gleichgültigkeit des Mannes, die sie ihm wiederholt vorhält (Z. 1 f.; 20 f.; 23); er tut beides mit einer kurzen Bemerkung ab (Z. 28) – das ist sein einziger Beitrag zu diesem Thema, ansonsten verschanzt er sich hinter seiner Zeitung (Z. 7 f.; 35; 42) und schaltet sogar das Radio ein (Z. 40). Unvermittelt wechselt die Frau das Thema (Z. 45) und beginnt, von der Schönheit ihrer Tochter zu schwärmen, speziell von ihrem schönen Haar (in Gedanken ab Z. 48, verbal Z. 52); dem stimmt ihr Mann lakonisch zu (Z. 54) – ihr Gerede ist für ihn, personal erzählt, nur „quasseln und rumpoussieren“ (Z. 39 f. [poussieren: flirten, schmeichelnd umwerben, süß reden]).

Die Frau ist von Anfang an erregt (Aufregung, Z. 5 f.; unruhig, Z. 7; Erregung und Pusteln im Gesicht, Z. 25 f.; heiß, Z. 26 und 31; sie schwitzt, Z. 34); sie nimmt ihren Mann als bedrohlich wahr (fette Krallen, Z. 9, 14 f., 19), wie wiederholt personal erzählt wird. Überhaupt sind die Männer für sie Räuber, wie die Frauen allesamt „Opferlämmer“ sind (Z. 19) – ihr eigener Mann ist in ihrer Erinnerung auch nur ein frecher junger Mann mit dreisten Wünschen gewesen (Z. 13 f.), sie habe angeblich keinen Wunsch nach Intimität gehabt (Z. 14, vgl. die paar ausgeblichenen Bilder, Z. 31 f.). Im Widerspruch dazu nimmt sie den Verehrer ihrer Tochter als ausgesprochen netten und sympathischen Mann wahr (Z. 16 f.), freut sich über deren Attraktivität (Z. 45 f.) und plant sogar, durch Änderung des Kleides ihren Busen stärker hervorzuheben (Z. 46 f.). Das Verhältnis Mann-Frau erlebt sie also ausgesprochen ambivalent, wobei sie für sich Negatives sieht (vgl. auch ihre Arbeit: Stopfen; Kochen, Z. 29 f. mit der Folge Z. 36 f.; geätzte Haut, Z. 58), für ihre Tochter dagegen nur Positives (Schönheit, Verehrer, Z. 45 ff. und Z. 16 f. mit 31 f.). Das eine hat mit anderen vermeintlich nichts zu tun (Z. 31 f. und den Kontrast zwischen dem Bild ihres eigenen Mannes damals und dem Herrn Fetter heute, Z. 13 ff.).

In ihrer Erregung und dem Wunsch, mit ihm zu sprechen („redseliges Gesicht“, Z. 39 – seine Perspektive), setzt sie mehrfach zu ihren Vorwürfen an, ohne ihren Mann damit zu erreichen (s.o.); man kann also nicht sagen, dass sie dominant sei (gegen die NRW-Lösungserwartung). Sie schickt sich vielmehr in ihre Hilflosigkeit und Einsamkeit (ab Z. 42; vgl. die Metaphern „die Wand der Zeitung“, Z. 8, und „Abendversteck“, Z. 35); sie akzeptiert, dass von nun alles anders wird und sie Laurela als Gesprächspartnerin verliert (Z. 43-45 mit Z. 39 f.), auch wenn ihr das vielleicht auf den Magen schlägt (Z. 43). Der entscheidende Satz, aus ihrer Sicht, lautet: „Das war ihr Abend…“ (Z. 43 f.); das Pronomen „ihr“ bezieht sich sicher auf Laurela; Laurela ist oben, die Eltern sind unten (Z. 44 f.) – das gilt räumlich und symbolisch zugleich, die Eltern treten zurück, ordnen sich unter, müssen ab jetzt nur noch warten. Dafür wird die Mutter durch die Schönheit Laurelas und die Tatsache, dass diese Schönheit ihre Tochter ist („Seine und ihre Tochter“, Z. 57 f., wie sie wiederholt denkt), entschädigt. In der Tochter bleibt sie also ihrem Mann verbunden, auch wenn er mit seinen „Krallenpfoten“ schmatzt und schluckt und sie von der Hausarbeit eine geätzte Fingerkuppe hat (Z. 55 ff.). Der letzte Satz zeigt zugleich ihren Stolz und ihre Ambivalenz: Mitleid wohl mit sich selbst, Stolz auf ihre Tochter.

Man könnte sagen, dass mit ihrem Gedanken in Z. 45 eine Wende eintritt, sowohl thematisch als auch in ihrer Stimmung; aber diese Wende entfaltet nur die Ambivalenz der Frau oder ihre inneren Widersprüche, die sich bereits im Unterschied der Einschätzung ihres eigenen Mannes als jugendlicher Verehrer und des Herrn Fetter als Verehrer ihrer Tochter gezeigt haben.

Zur Aufgabenstellung NRW eine kritische Frage: Was sind erzählerische Mittel neben sprachlichen Mitteln? Sind erzählerische Mittel keine sprachlichen Mittel? Oder sind sprachliche Mittel Wortwahl, Satzbau, rhetorische Figuren und erzählerische Mittel die Formen der Redewiedergabe, die Zeitgestaltung und der erzählte „Inhalt“? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Mit dieser Einschränkung meine ich, dass hier von einem scheiternden Kommunikationsversuch erzählt wird: Ihrer Aufregung steht seine Gleichgültigkeit gegenüber. Er liest seine Zeitung, obwohl sie ihn mehrfach anspricht; er hört nur „werbendes Gejammer“ (Z. 23) und „ewiges Gegacker“ (Z. 38 – Metapher „Hühner“), er ist mit sich und der Welt zufrieden (Z. 35 ff.) und gibt nur kurze abweisende Antworten (Z. 28 und Z. 54). Die verschiedenen Tier-Metaphern (Raubtier, Opferlämmer, Hühner) zeigen, dass die personal erzählten Vorstellungen der Ehepartner vom anderen Geschlecht nicht dazu geeignet sind, ein Gespräch möglich zu machen. Ob sie ihn mit der „Sorge“ um die Tochter erreichen will oder ob die Sorge um Laurela ihre Hartnäckigkeit bei den Vorwürfen erzeugt, ist nicht zu entscheiden; er weist sie zurück, wofür die Zeitungswand das klarste Symbol ist (neben dem Anstellen des Radios); sie lehnt ihn ab (Wiederholung der Krallenmetapher; Adjektive „fett“, Z. 9; „fleischig“, Z. 14; „prall“, Z. 37, usw.) und flieht dann in eine Traumwelt, die von ihrer Tochter, der Schönheitskönigin Laurela, beherrscht wird.

Es ist schwer zu sagen, wie lange das erzählte Geschehen dauert; ich nehme an, dass es ungefähr so lange wie das Erzählen selbst dauert: ein paar Minuten; das zeigt, welche Bedeutung der Erzähler dem Geschehen beimisst. Ich lese die Erzählung als Kritik nicht nur am selbstzufriedenen Ehemann, sondern auch an der weinerlichen Frau, die keinen Ausweg aus ihrer Ambivalenz findet.

Die vier Seiten des Modells des Herrn Schulz von Thun kann man leicht im Internet nachschauen: http://www.schulz-von-thun.de/index.php?article_id=71&clang=0

https://de.wikipedia.org/wiki/Vier-Seiten-Modell (mit einem Beispiel)

http://www.germanistik-kommprojekt.uni-oldenburg.de/sites/1/1_06.html (am linken Rand andere Aspekte!)

http://wortwuchs.net/vier-ohren-modell/ (mehrere Beispiele)

Ich halte das Modell für nicht konsequent zu Ende gedacht: Der Aspekt „Beziehung“ umfasst bei Schulz von Thun sowohl die Einschätzung des Hörers als auch die Bewertung der Beziehung durch den Sprecher. Konsequent wäre es, wenn man nur „Selbstdarstellung des Sprechers / Einschätzung des Hörers“ unterschiede; darin ist nämlich die Einschätzung des Verhältnisses zwischen ihnen bereits eingeschlossen. – Zur Kritik an Schulz von Thuns Modell:

http://www.hyperkommunikation.ch/crashkurse/crashkurs_kommunikation/ck_kommunikation18.htm

http://www.btc-management.de/nachrich.htm

http://www.pflegewiki.de/wiki/Vier-Ohren-Modell

Die Selbstdarstellung der Frau ist oben hinreichend herausgearbeitet: Einmal ist sie besorgte Mutter, fleißige Hausfrau (stopfen, kochen) und Opferlamm des Mannes, dann ist sie auch noch die Mutter der schönen umschwärmten Laurela: das Frauenbild der Nachkriegszeit – dazu passte auch ein tüchtiger Sohn (wie Herr Fetter), der es weiter als seine Eltern bringt.

Zur Kurzgeschichte „Schönes goldenes Haar“:

http://www.zum.de/Faecher/Materialien/dittrich/Pruefung/schoenes_haar.htm (Text, Aufgabenstellung, Lösungserwartung)

https://www.inhaltsangabe.info/deutsch/interpretation-schoenes-goldenes-haar-von-gabriele-wohmann (schwache „Interpretation“)

http://www.freiereferate.de/deutsch/inhaltsangabe-schoenes-goldenes-haar-von-gabriele-wohmann (schwache Paraphrase)

http://marvins-zeug.de.tl/Textanalyse-Sch.oe.nes-Goldenes-Haar.htm (komplette Hilflosigkeit des Schülers vor dem Text)

https://teilenundkommentieren.wordpress.com/2013/05/27/analyse-stilmittel-und-erzahlerische-mittel-schones-goldenes-haar/comment-page-1/#comment-312 (dito)

http://www.babelboard.de/showthread.php/13255-Interpretation-Sch%C3%B6nes-goldenes-Haar-Gabriele-Wohmann (dito)

http://www.veritas.at/vproduct/download/download/sku/OM_26136_3 (hier scrollen -> „Zu Seite 216“, falsche Datierung: 1980 statt 1968; das Verhältnis der Eheleute ist richtig erkannt, die sexuelle Verklemmung der Frau und ihre Ambivalenz nicht)

http://www.fachdidaktik-einecke.de/1_Unterrichtsplanung/litsequenz_bsp_kommunik.htm (mögliche Texte zur Kommunikationsanalyse benannt, mit Analysemodell)

A. Döblin: November 1918, Bd. 3: Heimkehr der Fronttruppen -Eindrücke

Alfred Döblin hat 1937-1943 seinen Roman über die deutsche Revolution 1918/19 geschrieben: „November 1918“, der 1949 erstmals ganz veröffentlicht wurde. Der dritte Band heißt „Heimkehr der Fronttruppen“; ich beziehe mich auf die Ausgabe dtv 1389 (München 1978). Ein Teil der Ereignisse ist von „Bonaventura“ nacherzählt worden: http://www.vigilie.de/2009/alfred-dblin-november-1918-3/.

Da gibt es einmal die großen politischen Themen:

  1. Die unsichere Lage in Deutschland, wo die Regierung Ebert zwischen den linken (Radek, Liebknecht, einzelne Anhänger wie die Imkers) und den rechten Revolutionären (die schwankenden Generäle, die noch am Kaiser und den Vorrechten des Adels hängen) steht; erzählt wird, wie Liebknecht zögert, die Revolution zu beginnen, weswegen der drängende Russe Radek ihn verspottet, und wie Generäle in Münster und Berlin Freikorps bilden (wollen), während die heimkehrende Armee nicht weiß, was sie soll, und weithin zerfällt. – In diesem Zusammenhang zeigt sich nicht nur der Antisemitismus, sondern sehr deutlich auch das Aufkommen der Dolchstoßlegende (S. 381 u.ö.).
  2. Motz ist es, der Radek über die deutschen Revolutionäre aufklärt: „Bei uns gibt es keine Revolution, höchstens eine Gegenrevolution, und auch die nur als polizeiliche Maßnahme zur Wiederherstellung der Ordnung.“ (S. 270) Eine Revolution müsse in Deutschland „einen philosophischen, ja theologischen Kern haben“ (S. 271). „Stilleben ist die deutsche Daseinsform.“ (S. 272) Motz’ zynische Analyse hat etwas Wahres. Das zeigt auch der Bericht von einer Tagung der „Geistigen“ (S. 120 ff.), die wieder eine geistige Revolution durchführen wollen. Deren Spinnerei wird von einem jungen Reporter entlarvt: „Es gibt keine Geistigen. Denn es gibt keinen besonderen Geist. Es gibt Schriftsteller, Journalisten, Maler, Musiker, Bildhauer. Und diese Menschen haben Vorstellungen und Interessen wie jeder andere. Und ihre Vorstellungen und Interessen entstammen, wie bei jedem anderen Menschen, aus ihrer Schicht und Klasse.“ (S. 127)
  3. Eine zentrale Figur des 3. Buches ist der amerikanische Präsident Woodrow Wilson: seine Pläne (14 Punkte), sein Wirken in Europa: der Kampf um einen gerechten Friedensvertrag, gegen die starrsinnigen Politiker der Siegermächte, sein Scheitern und sein Tod (1924). Hier geht der Roman, der sich mit den Berliner Ereignissen bis zum 14. Dezember 1918 befasst, mit dem Erzählstrang Wilson – Versailler Vertrag – deutsche Nationalversammlung (kurz) – Gründung des Völkerbundes deutlich über den durch die Berliner Ereignisse gesteckten Zeitrahmen hinaus. Der Erzähler sympathisiert mit Wilson; das sieht man zum Beispiel daran, wie er Karikaturen Wilsons als amerikanischen Don Quijote beurteilt: „So sieht immer der Gottverlassene den Besseren, den er nicht erträgt.“ (S. 472)
  4. Eine Hauptfigur des 3. Bandes ist der verwundete Leutnant Becker, dem die Krankenschwester Hilde nach Berlin folgt. Becker ist exemplarisch der Deutsche, der sich seiner Verantwortung stellt, im Krieg gekämpft und getötet zu haben. Er macht eine Krise durch, in der es um das Selbst-Sein und die Selbsterkenntnis geht, wobei ihm die gläubige Schwester Hildegard zur Seite steht. Er findet zum christlichen Glauben (zurück): „Nun – kann ich mein Ich ansehen, ohne zu erschauern und zu verzweifeln.“ (S. 290) Die Selbsterkenntnis ist auch die Erfüllung der griechischen Philosophie (Sokrates), an der er verzweifelt ist, die jedoch im christlichen Glauben, d.h. im menschgewordenen Gott ihre Wahrheit findet. Eine Gegenfigur Beckers ist sein alter Freund Maus, der sich zuerst den Revolutionären und dann den Freikorps anschließen will und der Becker verachtet. Der Kampf Beckers um sein wahres Ich wird in Motiven des Faustdramas erzählt (Löwe, Ratte und Brasilianer als Gestalten des Gegenspielers), was mir teilweise etwas kitschig-gesucht vorkam. Auch hat Becker wieder Visionen, wo er mit Tauler spricht. Wieso Johannes Tauler? „Mit Eckhard teilte Tauler die Auffassung, dass es in der menschlichen Seele einen innersten Kern gibt, der eine besondere Nähe zu Gott hat, beinahe selbst schon göttlich ist; Tauler nannte ihn den Grund. Dieses tiefste Seelenzentrum strebt zu einer Vereinigung mit Gott, der Unio mystica, welche schon im diesseitigen Leben möglich ist. Der spirituelle Weg, den ein Mensch gehen muss, um diese Vereinigung zu erleben, ist das wichtigste Thema der Predigten Taulers. Der Gottsucher kann dieses Ziel erreichen auf dem Weg der inneren Abkehr von allem Weltlichen. So kann die menschliche Seele leer werden, so dass sie von Gottes Gegenwart ganz erfüllt wird.“ (https://www.heiligenlexikon.de/BiographienJ/Johannes_Tauler.htm) Außerdem stammte Tauler aus Straßburg, der wichtigsten Stadt des in Bd. 1 erzählten Geschehens; vor allem jedoch hatte die Taulerlektüre Döblins in den späten 30er Jahren den Autor tief beeindruckt. – Die Liebesgeschichte tritt hinter der Erzählung von Beckers Umkehr völlig zurück.

Thematisch mit Beckers Selbsterkenntnis ist die Geschichte des Dramatikers Stauffer verwandt, der ebenfalls durch eine Selbsterkenntnis im Spiegelbild zu sich kommt und den Mut findet, sich der neuen Liebe Lucie zu stellen (S. 159 f.). Diese rührende Geschichte von der alten Liebe Lucies, welche 20 Jahre auf Stauffer gewartet hat, und ihrer Begegnung mit Stauffer im Schloss ihrer Freundin im Tessin hat gar nichts mit dem Krieg zu tun; sie könnte in einem Roman über die Revolution 1918/19 fehlen, sie lockert als Geschichte einer gelingenden Annäherung und der Versöhnung mit Stauffers Tochter und Ex-Frau den politischen Stoff auf.

Es gibt natürlich weitere Figuren und Themen, die man nennen könnte (etwa den verbohrten Militärpfarrer mit seiner Theorie vom göttlichen Auftrag des Staates usw.), aber die genannten Figuren haben mich am meisten beeindruckt, was natürlich sowohl etwas über das Buch wie über mich besagt.

Fortsetzung: https://norberto42.wordpress.com/2016/07/24/a-doeblin-november-1918-bd-4-karl-und-rosa-eindruecke/

A. Döblin: November 1918, Bd. 2: Verratenes Volk – Eindrücke

Alfred Döblin hat 1937-1943 seinen Roman über die deutsche Revolution 1918/19 geschrieben: „November 1918“. Der zweite Band, „Verratenes Volk“, enthält die Ereignisse vom 22. November bis zum 7. Dezember 1918; der Blick des Erzählers richtet sich jetzt wesentlich auf die Situation in Berlin (Regierung Ebert; Not der Menschen; Liebknecht und der Spartakusbund; verschiedene Offiziers- und Soldatengruppen; einzelne Figuren, die wir teils aus Band 1 kennen, teils neu auftauchen: Soldaten, Schieber, Angehörige…), aber auch auf Kassel, wo die Heeresleitung sitzt (Hindenburg, Groener, von Schleicher), gelegentlich noch auf Straßburg und Paris, auch auf Köln und Münster: Es ist ein großes Potpourri von Aktionen und Gesprächen zwischen dem Sturm auf das Polizeipräsidium am 22.11. und einer Demonstration am 6.12., wobei Gardefüsiliere auf Demonstranten schießen. Ebert ist der einzige, der als Verhandlungspartner für die Siegermächte in Frage kommt; rechts von ihm planen Generäle und Offiziere einen Putsch, links von ihm zögert Liebknecht damit, die Revolution zu entfachen. – Ein Teil der Ereignisse ist von „Bonaventura“ nacherzählt worden: http://www.vigilie.de/2009/alfred-dblin-november-1918-2/.

Um einen Eindruck von Bd. 2 zu vermitteln, zitiere ich einige Kapitelüberschriften mit ihren Untertiteln:

STURM AUF DAS POLIZEIPRÄSIDIUM

Ein junger Mensch kehrt aus dem Krieg zurück, gewinnt dem Leben in Berlin keinen Reiz ab und trifft andere, denen es ebenso geht. Einige Aufgeregte Leute stürmen das Polizeipräsidium und können danach besser schlafen. Es ist der 22. November 1918.

DIE BEHÖRDEN

Die Behörden haben in dieser Zeit in Berlin nichts zu lachen. Aber sie ziehen sich mit Geschick aus der Affäre. Ein kleiner Mann hat sich an die Macht geschlichen und betrügt seine Umgebung. Es ist der 23. November 1918.

VON LIEBE MIT ODER OHNE GEGENLIEBE

Wir wechseln das Szenarium. Einige Personen, um nicht zu sagen: Helden unseres Berichts lassen uns an das Elsaß denken. Hier geht es ruhiger zu. Zahlreiche Hunde fühlen sich verlassen und möchten neu eingestellt sein. Ein Justizrat führt seinen Heldensohn herum, die Liebe redet ein ernstes Wort. Es dürfte um den 23. herum sein.

Von diesen Kapiteln gibt es 29 Stück in Band 2.

Erzähltechnisch sind folgende Stellen interessant:

  1. Im Kapitel „Übergang zu größerer Heiterkeit“ gibt es einen „Vorspruch“: „Der Schreiber dieser Zeilen ist betrübt, seine Leser trotz aller phantastischen Möglichkeiten dauernd zur Verfolgung der Ereignisse und der Schicksale der Personen durch trübes Wetter, Regen jagen zu müssen und sie nur gelegentlich in strengen Frost oder fröhliches Schneetreiben führen zu können. Es ist nicht seine Schuld. Ihm wäre es lieber, herüber in eine warme Adrialandschaft zu wechseln (…)“. (S. 132 in der alten Taschenbuchausgabe dtv 1389 von 1978) Auch im Kapitel „Ovationen für Friedrich Ebert“ gibt es einen ähnlichen Kommentar des Erzählers, in dem er sich rechtfertigt, dass plötzlich die Unteroffiziere agieren (S. 385); außerdem sind die Bedenken des Verfassers (S. 305 f.) zu nennen (im Kapitel „In der Apotheke und im Filmatelier“): „Eine große Zahl von Formen und Farben liegt schlafend in jedem Menschen, um im gegebenen Augenblick zu erwachen. / Manche Menschen lernen sich nur auf ein oder zwei Weisen, in ein zwei Formen kennen. Sie verfluchen sich in ihrer gnadenlosen Dummheit dazu, nur ein einziger Mensch zu sein. (…) Es ist gleich, ob wir, um uns zu vergewissern, den Menschenspiegel einer großen oder einer kleinen Stadt benutzen.“
  2. Die Rede Liebknechts im Kapitel „Die Stimme Liebknechts über Berlin“ (S. 180 ff.) wird nicht nur von Kommentaren der Zuhörer, sondern auch von einigen Kommentaren des Erzählers unterbrochen. Ich zitiere den ersten: „… Die welthistorische Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit hat begonnen. (Wie oft hat man das gehört, es war schon ein Leierkastenlied. Aber die Männer unten sahen einen aufgerissenen Mund, einen Kopf nach rückwärts gebogen, blitzende Brillengläser gegen den weißen Plafond gerichtet, eine kleine menschliche Figur in Schwarz gekleidet. Zusammengerissen schleuderte sie die Sätze heraus wie von einem Bogen. Sie schossen wie aus einem Rohr unter Überdruck. Und man begriff, als sie wie Teile von ihm durch die Luft spritzten: Es stand nicht nur zur Erörterung die Frage bürgerliche oder proletarische Revolution, sondern man sollte sich auch entscheiden, ob man mit ihm gehen, mit ihm sprühen wollte oder nicht. Nun ließ sich die Stimme wieder in den Saal herunter.)“
  3. Im gleichen Kapitel gibt es einen „Monolog der Spree“ (S. 205)
  4. Gelegentlich spricht der Erzähler im Plural majestatis, z.B. im Kapitel „Jeder Macht, was er will“: „Bei Tag ist alles nicht so geheimnisvoll, und wenn wir in der Nacht eine gewisse Scheu empfunden haben, in ihre Gespräche einzudringen, so sind wir jetzt davon frei.“ (S. 227 f.)
  5. Im Kapitel „Reise ohne Ergebnis“ gibt es eine große Reflexion des „Verfassers“ über sein Buch und die Revolution (S. 242-244): „Der Verfasser geht mit sich zu Rate Überblicken wir an diesem Punkt die Ereignisse, die verflossen sind und uns unabwendbar überströmen, und bedenken wir, von einer erklärlichen plötzlichen Müdigkeit überfallen unter dem unaufhaltsamen Ansturm der Begebenheiten (und es sind erst zwanzig Tage der Revolution vorbei), was nun kommen wird, so ist uns schon einiges klar: Mit der Revolution wird es auf diese Weise nicht vorwärtsgehen. Es wird mit ihr wahrscheinlich rückwärtsgehen. […]“
  6. Nicht nur dass Tauler wieder Becker erscheint (und spätere Erscheinungen erwarten lässt), ist zu vermelden; am Ende des Kapitels „Der 6. Dezember“ – das Datum, an dem die ersten bei einer Demonstration erschossen werden – tauchen am Schluss das Blut, die Seelen und die Schatten in Berlin handelnd auf (S. 402 f.)

Der alte Wylinski, Typus eines Kriegsgewinnlers (im Kapitel „Von Wanzen und ihrer Lebensweise“), trägt einige bemerkenswerte Einsichten vor: „Wir sind überall, in der Ehe und außer der Ehe, mit Geld beteiligt. Geld spielt bei allen Liebesbeziehungen irgendeine Rolle, mit Ausnahme bei der Backfischliebe – (…) Man steht sich, auch im unbekleideten Zustand, gesellschaftlich gegenüber. (…) Sparsamkeit ist der Todfeind der Liebe. Die Frauen hassen mit Recht sparsame Leute. Sparsamkeit ist der Tod jedes echten menschlichen Zusammenlebens.“ (S. 279 f.)

Bemerkenswert sind ebenfalls Beckers Reflexionen über die Juden (S. 364 ff., im Kapitel „Blick in einen dunklen Spiegel“), auf die ich hier nur hinweisen möchte; man müsste sie ganz im Zusammenhang lesen.

Interessant – und vielleicht aus Döblins historischem Abstand erklärbar – ist der Hinweis Barrès’ auf einen Artikel des Engländers Sir Maurice (im Kapitel „Paris, Ängste und Sünden“), die deutsche Armee sei nicht besiegt, sondern zusammengebrochen und könne wieder auferstehen – und die Deutschen glaubten fest, dass sie unbesiegt seien (S. 376 f.). Beachtung verdient auch der kurze Abriss: Hindenburgs Geschichte wird zum Mythos („Träger der Ordnung“, S. 342/44).

Ursprünglich waren Bd. 2 und Bd. 3 ein einziger Band. Döblin selber hat in ihm vier Schichten unterschieden: 1. die politische und revolutionäre Bewegung nach dem Kollaps, Ebert-Scheidemann gegen Liebknecht-Luxemburg; 2. die persönliche Schicht Rosas – imaginär, eine Geistergeschichte; 3. der Roman Friedrich Beckers, seines Freundes Maus und Hildas, der ebenfalls das Geisterreich berührt und sich zu einem religiösen Streit entwickelt; 4. die burlesken Affären des Autors Stauffer – Link und Idealismus – stehen in Gegenbewegung zu den Themen von Becker.

A. Döblin: November 1918, Band 1: Bürger und Soldaten – Eindrücke

Alfred Döblin hat 1937-1943 seinen Roman über die deutsche Revolution 1918/19 geschrieben: „November 1918“. Der erste Band , „Bürger und Soldaten 1918“, ist 1939 erschienen. In ihm wird im Wesentlichen in vielen Episoden erzählt, wie der Erste Weltkrieg in Straßburg endet (vom 10. – 24. November); diesen ersten Band habe ich bisher gelesen; man kann den Inhalt nur grob umschreiben: wie die Elsässer sich auf die neue Situation einstellen; wie Verwundete und Ärzte das Kriegsende erleben; wie revolutionäre Matrosen aus Wilhelmshaven die Revolution ins Elsass bringen wollen; wie die deutschen Truppen sich zurückziehen und nach Deutschland durchreisen; wie Bauern und Schieber an der Not der Menschen verdienen; wie Frauen von ihren Männern getrennt werden; wie die französischen Truppen als Befreier begrüßt werden…

Ich möchte auf einige bemerkenswerte Stellen im Band 1 („Bürger und Soldaten“) hinweisen, damit man davon einen ersten Eindruck gewinnt:

  1. Im Kapitel „Mittwoch, der dreizehnte“ sprechen die verwundeten deutschen Soldaten Becker und Maus über Schwester Hildegard miteinander: „Sie hat auch ihren Knacks.“ – „Wie wir alle.“ – „Wegen Richard. Und, nun ja, wegen Deutschland. Alles umsonst. Alles hin. Der ist tot, ich hab’ meine Schulter, du dein Kreuz, und was hier herumliegt und herumkriecht.“ – „Und was in der Erde liegt.“ – „Ja, Becker, alles umsonst. Es ist schon wahr. Ist das zu denken?“ (S. 107)

Hier wird für mich eine Enttäuschung sichtbar, in der sich die Menschen (die Deutschen) nicht mit der Sinnlosigkeit des Umsonst, der ganzen Opfer abfinden können.

  1. Im gleichen Kapitel finden wir eine erzähltechnische Besonderheit: Der Erzähler wendet sich als „der Dichter“ in Ich-Form an eine Frau namens Hanna: „Warum so nervös, liebes Kind? Warum sich das Leben so schwer machen. Sie haben zuviel Phantasie. Und andererseits haben Sie zuwenig Phantasie, sonst wüßten Sie zum Beispiel: Sie werden bald aufstehen, sich verzweifelt in der Wohnung umsehen, ob nicht jemand da ist, der Ihnen helfen kann, mit dem Sie sprechen könennen, vor dem Sie etwa weinen können. (…) Aber da ist noch etwas, woran Sie nicht zu rühren wagen. Soll ich es verraten? Sie haben es in Ihrem letzten Brief, der nach auf dem Tisch liegt, erwähnt, aber nicht klar gesagt. Die beiden Särge mit den erschossenen Soldaten sind an Ihrem Haus vorbeigefahren! Wer hat sie erschossen, wer war der Mörder? ‚Mörder’, sprechen wir es aus. Eine Weile tun Sie so, als ob es Sie nichts angeht, dann faßt es Sie an. Sie wissen nicht warum und was es ist. Zwei Menschen gemordet von ihm, von Hans. (…)“ (S. 114-116)

Das ist die einzige Stelle im ganzen Band „Bürger und Soldaten“, wo der Erzähler als Figur auftritt; dabei ist nicht klar, ob Hanna ihn hören kann – vermutlich kann sie ihn nicht hören, er spricht sie sozusagen kommentierend an und erzählt ihr auch von anderen, „nur durch meinen Hauch mit Ihnen zusammengebrachten, matten und wieder aufgeweckten“ Frau, der Operationsschwester Hilde (S. 116, bis S. 117). Eine bemerkenswerte Passage.

  1. Im Kapitel „Zu Boden“ wird u.a. erzählt, dass das englische Unterhaus in die Parlamentskirche zieht, um Gott für die Befreiung aus großer Gefahr zu danken. Im Gesang hören sie dann Gott sprechen: „Ich habe mich nicht gezeigt, so lange ihr Krieg führtet. Ich habe mit Tobsüchtigen und Verbissenen nichts zu tun. Daß die Menschen von mir abgefallen sind, weiß ich schon lange. (…) Euer Geschrei und Glockenläuten macht auf mich nicht den mindesten Eindruck. Aber weil ihr Dankbarkeit fühlt, höre ich euch an. Ihr fühlt, wie wohl dies tut. Ich traue euch nicht. Ich traue euch nicht.“ (S. 208)

Hier hat der auktoriale Erzähler den Mut, Gott selbst sprechen und zum Krieg Stellung nehmen zu lassen.

  1. Im Kapitel „Teure Heimat, sei gegrüßt“ trifft der verwundete Becker in Berlin bei seiner Mutter ein. Im Gespräch kommt seine Enttäuschung über die Flucht des Kaisers und das Verschwinden der Fürsten zum Ausdruck: „Wie konnte das vernichtet werden und verschwinden, Mutter, wie ein Staub, den man wegbläst, das, was Millionen von uns in den Krieg geschickt hat und opferte und tötete jung und alt, und das verschwindet wie ein Gespenst beim Hahnenkrähn, das Reich, das deutsche Reich, der Rahmen unseres Daseins. (…) Welche Entlarvung, Mutter. (…) Welche Schamlosigkeit, und sie waren unser Halt, der Rahmen unsres Daseins.“ (S. 242 f.)

Diese Stelle drückt die gleiche Enttäuschung wie die oben als erste genannte aus.

  1. Eindrucksvoll ist die Beschreibung der Großstadt Berlin im Kapitel „Schmeißfliegen und Leichenfledderer“: Es ist eine gewaltige Stadt. „Fabriken und Werkstätten, Kaufläden, Magazine, Schlachthöfe, Molkereien hatten sich hier entwickelt. Gasleitungen, Lichtdrähte waren gezogen, Wasserleitungen, Kanalisation verbanden die Häuser. Unaufhörlich fuhren Untergrundbahn, Elektrische, Autobusse in der Stadt hin und her, Telefonleitungen spannten sich zwischen Menschen entfernter Stadtteile, sie konnten sich von ihren Zimmern aus unterhalten.“ (S. 258) Im Fortgang dieser Analyse wird die Bedeutung der Arbeit für die Menschen herausgestellt, ihre Gier nach Arbeit. „Sie wühlten sich, um sich aufzupeitschen und weil sie nicht wußten, was mit ihnen war, in Zeitungsgeschrei ein, das gab ihnen Ärger, Haß und Groll, manchmal Spaß, Schadenfreude. Sie betraten Kinos und ließen sich Liebe, Schönheit und Abenteuer vormachen. Auf der Straße begegnete ihnen die Prostitution. Man setzte sich in einen Zirkus, wo sich Boxer niederschlugen.“

Insgesamt ist das eine brillante Analyse der Großstadt – und des modernen Menschen, finde ich.

  1. Im Kapitel „Die letzten Tage von Straßburg“ gibt es einen Erzählerkommentar zur Lage: „Geschlagenes Deutschland. Es wird keinem Volk ein größeres Glück zuteil, als wenn es seinem Hang nach Erhöhung nachgehen kann. Nur zu kauen und zu verdauen gefällt schon dem einzelnen nicht. Ein Volk gedeiht nicht sicher in seinen Gliedern, wenn es nicht aus sich heraus die hoheitsvollen Gestalten und Gebilde schaffen kann, an denen es wächst. / Zu einer äußersten Probe, übermütig und gedankenlos, hatte sich das deutsche Reich gestellt. Seine Menschen und Reichtümer, Jugend und Alter, Erzeugnisse der Felder und Bergwerke, Erfindungen der Laboratorien hatte es in den Kampf geworfen. Es war sicher, den Strauß zu gewinnen. Es war besiegt worden. Nun war das Land nicht gestorben, seine Mittel nicht erschöpft. Aber seine Seele hatte es, ohne es zu merken, in den Entscheidungskampf geworfen. / Dem alten Riesen, dem noch Rumpf und Glieder zuckten, war, so schien es, der Schädel eingeschlagen.“ (S. 283)
  2. im Kapitel „Kleine Tagesnachrichten, Berlin“ spottet der Erzähler über den „Rat der geistigen Arbeiter“. Ein Mitglied des Rats verliest am 20. November ein Manifest, das vom Erzähler kommentiert wird: „Es ist an der Menschheit in einer ungeheuren Weise gesündigt worden. (Unzweifelhaft!) (…) Die Gefallenen, brüderlich vereint, sind friedlich und still. (Kitsch) Auch für uns hat der Waffenkampf aufgehört, nicht aber der Kampf um Sein oder Nichtsein unseres Volkes, dieses Volkes, das einer künftigen gerechten Zeit in einer Glorie erscheinen wird. (Heil dir im Siegerkranz.) (…)“ (S. 299) Und so geht das Gelaber weiter, noch eine ganze Seite lang.
  3. Im Kapitel „Vom tiefen und gefährlichen Deutschland“ wird von Barrès und einigen Elsässern das Verhalten der deutschen Führung analysiert: Weder die Oberste Heeresleitung noch die Hohenzollern sind zu den Waffenstillstandsverhandlungen erschienen, sie schicken andere vor: „die Verantwortung abwälzen, sich den Konsequenzen entziehen. Den braven Herrn Erzberger hat man dann für später als Prügelknaben.“ (S. 349) Aus dem gleichen Grund unternehme die Armee nichts gegen die Revolutionäre (S. 350) – hier spricht der politische Beobachter Döblin mit seiner Kenntnis der 20er Jahre aus seinen Figuren.

http://www.alfreddoeblin.de/sixcms/media.php/690/Werkbeitrag_November%201918.pdf (Besprechung)

http://www.berlinerliteraturkritik.de/detailseite/artikel/november-1918-zwischen-geschichte-und-fiktion.html (zur Neuausgabe des Romans, 2008)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/das-leben-radikal-anders-denken-1731194.html (dito)

http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12507 (dito)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40607341.html (zum vollständigen Erscheinen 1978)

https://www1.wdr.de/kultur/buecher/november-karl-und-rosa-104.html (Hörspiel des WDR)

http://www.vigilie.de/2009/alfred-dblin-november-1918-1/ (zu Bd. 1)

http://www.vigilie.de/2009/alfred-doblin-november-1918-4/ (zu Band 4)

P.S. Wer den Roman lesen möchte, dem empfehle ich, auf die Figur Becker und seine Umgebung zu achten; Becker ist die Hauptfigur des ganzen Romans.