Walther von der Vogelweide – u.a. „Vermächtnis“

Walther von der Vogelweide war einer der ganz Großen; seine Gedichte sollten auch heute nicht vergessen werden. Allerdings steht zwischen ihm und uns eine Sprachbarriere, die mittelhochdeutsche Sprache; doch gibt es viele Übertragungen ins Neuhochdeutsche. Ich stelle hier vier von ihnen anhand eines Beispiels vor; unten sind noch weitere Übertragungen genannt, die man kostenlos einsehen kann; dazu kann man heute weitere Übertragungen kaufen.

Karl Kinzels Übertragung habe ich als erste gelesen, „Vermächtnis“:

Nun will ich teilen, eh‘ ich scheide,

Mein Hab‘ und Gut, ist‘s auch nicht viel,

Daß niemand sich deswegen streite,

Als denen ich‘s vermachen will.

Mein Unglück möcht‘ ich denen geben,

Die nur von Haß und Neide leben,

Dazu auch mein‘ Unseligkeit;

Mein‘ schweren Lasten

Den Lügnern, den verhaßten.

Mein sinnlos Werben

Solln, die mit Untreu‘ lieben, erben;

Die Frau‘n: nach echter Lieb‘ sehnsüchtig Leid.

Bei Simrock ist das Gedicht mit „Letzter Wille“ überschrieben:

Nun teil ich, eh man mich begräbt,

mein fahrend Gut und liegend Land,

daß niemand Anspruch drauf erhebt,

als dem ich es hier zuerkannt.

All mein Unglück will ich denen hinterlassen,

die mit Haß und Neid am liebsten sich befassen,

dazu der Reue Bitterkeit;

all mein Grämen

mag der Lügner nehmen;

mein töricht Sinnen

sei denen, die mit Falschheit minnen;

den Fraun nach Herzensfreude sehnlich Leid.

Bei Eigenbrodt lautet die Überschrift „Vermächtnis“:

Mein fahrend Gut und Eigentum

Verschreib ich nun, bevor ich zieh.

So streitet niemand sich darum,

Als die es sollen erben hie.

   Die in Haß und Neide gern ihr Wesen treiben,

   Ihnen will ich all mein Mißgeschick verschreiben

   Und mein Unglück obendrein.

   Mein Kummer alle,

   Ihr Lügner, euch zufalle!

   Meine Thorheit erben

   Die ungetreu um Minne werben. –

   Die Fraun der Liebessehnsucht süße Pein.

Auch bei Zoozmann heißt das Gedicht „Vermächtnis“:

  Ich teile, eh ich scheide, nun

Mein fahrend Gut und liegend Land,

Damit deshalb der Streit mag ruhn,

Was dem und dem sei zuerkannt.

  All mein Unglück will ich denen lassen,

Die da immer neidisch sind und hassen,

Und der Reue Bitterkeit,

     All mein Grämen

     Soll der Lügner nehmen,

     All mein töricht Sinnen

Kriegen jene, die so treulos minnen –

Und den Frauen geb ich Sehnsuchtsleid.

Zoozmann führt als einziger eine zweite Strophe an; Zoozmanns Übertragung hat sicher den stärksten Rhythmus.

Walther von der Vogelweide und Des Minnesangs Frühling. Ausgewählt, übersetzt und erläutert von Karl Kinzel. Halle a. S., 3. Aufl. 1893 https://archive.org/details/walthervondervog00kinz/page/n3/mode/2up (Mhd. und nhd. Text, mit Arbeitshinweisen für Schüler; diese Ausgabe habe ich zuerst gelesen. Der eigenwillige Titel erklärt sich durch den Bezug auf „Des Minnesangs Frühling“. Hrsg. von Karl Lachmann und Moritz Haupt. Leipzig, 3. Aufl. 1882 https://archive.org/details/bub_gb_ZpglAeKduW0C/page/n3/mode/2up Vgl. dessen spätere von Friedrich Vogt korrigierte Ausgabe https://archive.org/details/desminnesangsfr00unkngoog/page/n7/mode/2up!

Constanze Heisterbergk: Walther von der Vogelweide. Eine Gabe für das deutsche Haus. Dresden-Leipzig 1910 (mhd.-nhd.) https://archive.org/details/walthervondervo00heisgoog/page/n11/mode/2up

Die Gedichte Walthers von der Vogelweide. Urtext mit Prosaübersetzung von Hans Böhm, Berlin 1944 https://www.projekt-gutenberg.org/waltherv/walthers/walthers.html

Walther von der Vogelweide. Hrsg., geordnet und erläutert von Karl Simrock. Bonn 1870 https://archive.org/details/walthervondervo00simrgoog/page/n5/mode/2up (mhd. Text)

Walther von der Vogelweide. Herausgegeben und erklärt von W. Wilmanns. Halle, 3. Aufl. 1912 https://archive.org/details/walthervondervog0000walt/page/n7/mode/2up

Walther von der Vogelweide. Herausgegeben und erklärt von Karl Bartsch. Leipzig 1880 https://archive.org/details/walthervondervo02bartgoog/page/n7/mode/2up (mhd. Text)

Die Gedichte Walthers von der Vogelweide. Hrsg. von Hermann Paul, Halle 1921 https://archive.org/details/diegedichtewalth00waltuoft/page/n3/mode/2up (mhd.)

Auswahl aus den Gedichten Walthers von der Vogelweide. Hrsg. und mit Anmerkungen und einem Glossar versehen von Bernhard Schulz. Leipzig 1880 https://archive.org/details/auswahlausdenged00waltuoft/page/n3/mode/2up (mhd.)

Walther von der Vogelweide, mit einer Auswahl Minnesang und Spruchdichtung. Mit Anmerkungen und einem Wörtbuch von Otto Güntter. Leipzig 1904 https://archive.org/details/walthervondervo10waltgoog/page/n7/mode/2up

Lieder von Walther von der Vogelweide. Ins Neudeutsche übersetzt von Wolrad Eigenbrodt. Halle 1898 https://archive.org/details/liedervonwalthe00vogegoog/page/n4/mode/2up

Walther von der Vogelweide. Schulausgabe. Halle 1887 (nhd.) https://archive.org/details/gedichtevonwalt00vogegoog/page/n10/mode/2upm

Walther von der Vogelweide: Sämmtliche Gedichte. Übersetzt von Eduard Kleber. Straßburg 1894 https://archive.org/details/bub_gb_q-0PAAAAYAAJ/page/n3/mode/2up

Die Gedichte Walther‘s von der Vogelweide.. Übersetzt von Bodo Menzel. Plauen 1889 https://archive.org/details/bub_gb_T_IPAAAAYAAJ/page/n3/mode/2up

Walther von der Vogelweide, aus dem Mittelhochdeutschen übertragen von Richard Zoozmann. Stuttgart 1900 (thematisch geordnet ) https://archive.org/details/walthervondervo00walt/page/n5/mode/2up (Das Inhaltsverzeichnis ist unvollständig.)

Die Gedichte Walthers von der Vogelweide. Übersetzt von Karl Simrock. Berlin 1906 https://archive.org/details/diegedichtewalt00morggoog/page/n14/mode/2up

https://de.wikipedia.org/wiki/Walther_von_der_Vogelweide Artikel in Wikipedia

Wernher der Gärtner: Meier Helmbrecht – gelesen

„Meier Helmbrecht“ ist ein großartiges Gedicht etwa aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, als die Ritter zu Raubrittern verkamen – eine Novelle von einem hübschen überheblichen Bauernsohn namens Helmbrecht, der von Mutter und Schwester verhätschelt wird und sich zu schade zum Arbeiten ist. Er beschließt, sich den Raubrittern anzuschließen. Das Streitgespräch mit dem Vater, der ihm abrät, ist großartig; auch vier böse Träume des Vaters schlägt er in den Wind, obwohl sie am Ende sich an ihm bewahrheiten. Er reitet fort und kehrt nach einem Jahr noch einmal heim, ohne dass man ihn erkännte. Er behandelt seine Eltern herablassend und lässt sich eine Woche lang verwöhnen. Der Vater stellt ihm vor, wie sich die gute Zeit früher von der heutigen unterscheidet. Helmbrecht, dessen Räubername Schlingdasland ist, berichtet von seinen Gefährten, die ähnlich heißen, und wirbt im Namen eines Genossen um seine Schwester Gotlind, die vom verheißenen Reichtum begeistert ist, sich ihm anschließt und mit einem Räuber getraut wird, doch schon sogleich diesen Schritt bereut – zu spät, der Richter mit seinen Schergen verhaftet am gleichen Tag die Bande und lässt neun der Burschen hängen, Helmbrecht aber blenden und verstümmeln. Der kehrt noch einmal ins Elternhaus zurück und wird dort verstoßen; dann fangen ihn einige von ihm ausgeraubte Bauern, verprügeln ihn und hängen ihn auf.

Die Dramatik der Gespräche und der Ereignisse, präzise und knapp erzählt, überzeugt auch heute noch, ebenso die Beschreibung des Schönlings Helmbrecht und seiner Kleidung, vor allem seiner Haube. Eigentlich ist das Gedicht viel zu schaden, um es Schülern in einer kurzen Nacherzählung zu präsentieren – man sollte es lesen, die 60 Seiten in einem Insel-Bändchen schafft man locker in ein bis zwei Stunden. – Das Geschehen spielt in der Nähe von Braunau am Inn; da fällt einem ein, dass Helmbrecht nicht der einzige Räuber war, der aus dieser Gegend stammt.

„Meier Helmbrecht“ von Wernher dem Gärtner. Übersetzt und erläutert (und um 119 Verse gekürzt) von Gotthold Bötticher. Halle 1891 https://archive.org/details/derarmeheinrich00btuoft/page/66/mode/2up (Diese Ausgabe habe ich gelesen.)

dito, übertragen von Fritz Bergemann (Insel – vollständig) https://archive.org/details/meierhelmbrecht00wernuoft/page/n1/mode/2up

Meier Helmbrecht. Hrsg. von Friedrich Panzer, Halle 1911 (mhd. Text mit Erläuterungen und mhd. Wörterbuch) https://archive.org/details/meierhelmbrechth00wernuoft/page/n3/mode/2up

Artikel in der Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Meier_Helmbrecht

Hartmann von Aue: Der arme Heinrich – gelesen

„Der arme Heinrich“, ein Höhepunkt der mittelhochdeutschen Literatur, ist eine erbauliche Geschichte: Ein Adeliger wird vom Aussatz befallen, er verliert Ansehen und Freunde und bekehrt sich, indem er seinen Besitz den Armen überträgt und sich zu einem seiner Bauern in Pflege begibt. Das einzige Mittel, das ihn heilen könnte, ist das Herzblut einer Jungfrau. Eine Tochter seines Bauern, die ihn mag und die er oft beschenkt, die er sogar seine kleine Gemahlin nennt, erfährt schließlich, was ihren adeligen Freund heilen könnte, und will ihr Leben für ihn hingeben. In großen Reden versuchen ihre Eltern, der Kranke und schließlich der Arzt sie davon zu überzeugen, dass ihr Vorhaben nicht gut sei – sie hält aber in ihren frommen Gegenreden daran fest, dass sie durch ihr Opfer sich den Himmel verdiene und dass ewiges Leben besser sei als das erbärmliche irdische Leben. Als sie schon zur Operation festgeschnallt ist, gebietet ihr adeliger Herr, das Unternehmen zu stoppen; zum Lohn lässt Gott bzw. Jesus Christus ihn gesunden, und schließlich heiratet er seine Erlöserin.

Ich erinnere mich, dass man uns im Gymnasium vom armen Heinrich etwas erzählt hat, was ich außer dem Titel längst vergessen habe; jetzt habe ich die Lektüre (ins Neuhochdeutsche übertragen) nachgeholt, um unsere mittelhochdeutsche Literatur ein bisschen besser kennenzulernen.

Der arme Heinrich von Hartmann von Aue. Übersetzt und erläutert von Gotthold Bötticher, Halle 1891 https://archive.org/details/derarmeheinrich00btuoft/page/n5/mode/2up (Text)

http://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/12Jh/Hartmann/har_hein.html (mhd. Text)

https://archive.org/details/derarmeheinrich00hartgoog/page/n55/mode/2up (mhd. Text mit Erläuterungen)

https://digi.ub.uni-heidelberg.de/de/ahd/index.html (Hss. des mhd. Textes)

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_arme_Heinrich (umfangreicher Artikel in der Wikipedia)

Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde – gelesen

„Tristan und Isolde“ ist ein großer Liebesroman (oder ein Gedicht) aus dem 13. Jahrhundert, über dessen Text man wissenschaftlich streiten kann, da es ihn in verschiedenen Handschriften gibt, und dessen Schluss fehlt, so dass er von verschiedenen Autoren unterschiedlich ergänzt wird. Ich habe die Übertragung von Wilhelm Hertz (1907) ins Neuhochdeutsche gelesen; der Autor bekennt sich zu einer freien Übertragung und zur Kürzung allzu weitschweifiger Passagen und hat ein wunderbar lesbares Werk abgeliefert.

Was ich an Gottfrieds Epos besonders gut fand, war, dass nicht nur die Sehnsucht, die Tricks und Winkelzüge, die Freuden und Leiden der Liebenden – Isolde und Tristan – getreulich beschrieben wurden, sondern auch die Leiden und Eifersucht des betrogenen Königs Marke, dem bereits in der Hochzeitsnacht eine Vertraute Isoldes unterschoben wurde, um Isoldes Verlust der Jungfräulichkeit zu verschleiern. Ein großes Epos – unbedingt lesenswert, auch wenn es inzwischen vielleicht bessere Textausgaben und Übertragungen gibt. – Zwei Erzählerkommentare sollen einen Eindruck vom Gedicht vermitteln:

Gleicht doch das Menschenherz gar sehr

Dem ankerlosen Schiff im Meer:

Ach, wie so selten vor den Winden

Die beiden ihre Straßen finden!

Pfadlos hin und her gerissen

Irren sie im Ungewissen

Schwankend vor der Wellen Stoß:

So treibt Begierde führerlos,

Treibt Liebessehnsucht ohne Ziel

Recht wie ein ankerloser Kiel.

(Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde – Kommentar zur Attraktivität der Isot/Isolde, die „viel Herzen“ anzog)

Isolde stellt sich einem Gottesurteil, um ihre Unschuld zu beweisen, wobei sie wie öfter sich einer List bedient: Sie lässt sich von dem als Bettler verkleideten Tristan an Land tragen und schwört dann, dass sie noch bei keinem Mann außer König Marke, ihrem Ehemann, und dem Bettler im Arm gelegen habe. Sie besteht das Gottesurteil, was dann der Erzähler so kommentiert:

Sie griff es an auf Gottes Gnaden –

Und trug das Eisen ohne Schaden.

Da wurde deutlich wohl und klar

Vor aller Augen offenbar,

Daß unsern lieben Herrgott man

Wie einen Ärmel wenden kann:

Er schmiegt sich an und fügt sich glatt,

Wie man es nur im Sinne hat,

So weich, so handsam und bequem,

Wie‘s artig ist und angenehm,

Ist allen Herzen gleich bereit

Zum Trug wie zur Wahrhaftigkeit,

Zum Ernste wie zur Spielerei,

Wie man‘s begehrt, er ist dabei.

Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde. Neu bearbeitet von Wilhelm Hertz. 5. Auflage, Stuttgart/Berlin 1907 https://archive.org/details/tristanundisold02gottgoog/page/n8/mode/2up

Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde. Übertragen und beschlossen von Hermann Kurtz. Stuttgart 1847 (mit vielen Erläuterungen) https://archive.org/details/tristanundisold00kurtgoog/page/n7/mode/2up

Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde. Übersetzt von Karl Simrock, Leipzig 1855 https://www.projekt-gutenberg.org/gvstrass/tristsim/tristsim.html

Tristan und Isolde, übertragen von Hermann Kurz, Stuttgart 1877 (anderer Schluss, dazu in lateinischen Lettern, alle anderen in Fraktur) http://www.zeno.org/Literatur/M/Gottfried+von+Stra%C3%9Fburg/Epos/Tristan+und+Isolde

Gottfried von Straßburg: Tristan. Hrsg. von R. Bechstein. 2. Teil 1873 (mhd.) https://archive.org/details/TristanBechstein2ed2/page/n13/mode/2up

dito, 1. Teil 1873 (mhd.) https://archive.org/details/TristanBechstein2ed1

Tristan und Isolde, Teil 1 (mhd.), hrsg. von Wolfgang Golther https://archive.org/details/tristanundisolde01goltuoft/page/n5/mode/2up

dito, Teil 2 (mhd.) https://archive.org/details/tristanundisolde02golt

https://de.wikipedia.org/wiki/Tristan_(Gottfried_von_Stra%C3%9Fburg) Artikel in der Wikipedia

http://www.minnesang.com/Saenger/gottfried-von-strassburg.html (Gottfried von Straßburg)

Märchen von den drei Wünschen – die Motive

Man meint, es sei ein Motiv, wenn jemand im Märchen drei Wünsche frei hat, die ihm erfüllt werden. In Wirklichkeit gibt es dabei aber zwei verschiedene Motive.

Die Pointe des ersten Motivs besteht darin, dass jemand drei Wünsche frei hat, dass es ihm aber nicht gelingt, damit seinem Glück einen Schritt näher zu kommen. Am bekanntesten für uns Deutsche ist die Ausprägung dieses Motivs bei Johann Peter Hebel: Drei Wünsche, in: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes, 1811 (https://de.wikisource.org/wiki/Drei_W%C3%Bcnsche), wo ein dreifaches „Merke“ angehängt ist, das in dem Satz zusammengefasst wird: „Alle Gelegenheit, glücklich zu werden, hilft nichts, wer den Verstand nicht hat, sie zu benutzen.“ Das Motiv vom Scheitern der Wünsche ist uralt, es liegt schon in Perraults Märchen „Die drei törichten Wünsche“ vor (s. http://www.maerchenatlas.de/aus-aller-welt/franzosische-feenmarchen/charles-perrault/die-laecherlichen-wuensche/) und soll die Fortbildung eines antiken Motivs (s.u.) sein; es zeigt, dass die zahlreichen Wünsche, von denen Menschen geplagt werden, meistens töricht sind und dass Glück bzw. Zufriedenheit (s. Hebel!) nicht von der Erfüllung aller möglichen Wünsche abhängt.

Das zweite Motiv liegt vor, wenn einem guten, bescheidenen Menschen drei Wünsche erfüllt werden, was einen habgierigen (und geizigen) Menschen nicht ruhen lässt, bis auch ihm drei Wünsche zugestanden werden, deren Erfüllung jedoch zu seinem Unheil ausschlägt. Es geht also eher darum, dass ein Habgieriger bestraft wird, weil er neidisch (und geizig) ist und dem beschenkten Armen sein Glück nicht gönnt. Dieses Motiv kennen wir aus dem Märchen „Der Arme und der Reiche“ der Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen, 1815 [https://de.wikisource.org/wiki/Der_Arme_und_der_Reiche_(1815)]. Abgewandelt finden wir es unter dem Titel „Die drei Wünsche“ in „Deutsche Märchen erzählt von Karl Simrock“, 1864 (https://archive.org/details/bub_gb_fEMJAAAAQAAJ/page/n337), und kunstvoll ausgebaut in Ludwig Bechsteins „Neues deutsches Märchenbuch“, 1856: „Die drei Wünsche“ (http://www.zeno.org/Literatur/M/Bechstein,+Ludwig/M%C3%A4rchen/Neues+deutsches+M%C3%A4rchenbuch/Die+drei+W%C3%Bcnsche), worin verschiedene andere Erzählungen einarbeitet sind. – Vgl. Ernst Meier: „Deutsche Volksmärchen aus Schwaben“, Stuttgart 1852, Nr. 40 und Nr. 65! (https://de.wikisource.org/wiki/Deutsche_Volksm%C3%A4rchen_aus_Schwaben)! Eine Vorstufe des Märchens vom Wünschen könnte man in der antiken Sage von Philemon und Baucis finden. Das Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“ ist natürlich in diesem Zusammenhang nicht zu vergessen. Reizvoll ist auch Andersens Märchen „Die Galoschen des Glücks“, wo bereits die Erfüllung des Hauptwunsches reicht, einem das Wünschen zu verleiden! 

Die älteste deutsche Gestaltung des Motivs, die ich kenne, hat der Stricker (13. Jh.) geliefert (Altdeutsches Decamerone, hrsg. von Wolfgang Spiewok. Berlin 1984, 2. Aufl., S. 269 ff.): Hier liegt die gleiche Abfolge der Wünsche wie bei Hebel vor, nur dass die Frau ihren Wunsch nach prächtigen Kleidern sofort äußert, was dem Mann missfällt… Insofern drückt das Märchen auch aus, wie unvereinbar die Wünsche verschiedener Menschen sind bzw. wie strittig der Primat ihrer Erfüllung ist – dieses Problem wird in der Politik so gelöst, dass über den Primat abgestimmt wird und die Wünsche der Reihe nach erfüllt werden, so gut es eben geht.

Etwas anderes sind Märchen wie „Der Trommler“, wo jemand durch Wünsche aus einer bestimmten Notlage befreit wird; das sind nicht die törichten Wünsche, von denen der Mensch sich frei machen soll. – Es gibt übrigens auch eine Sammlung „Märchen vom Wünschen“, hrsg. von Sigrid Früh und Hariolf Reitmaier, 2009. Christa Tuczay (Wien) hat für ihren Artikel „Das Märchen von den drei Wünschen“ überaus viel Material gesichtet und legt eine differenzierte Analyse der Verwendung des Märchenmotivs vor.

Stricker: Der Pfaffe Amis – gelesen

Beim Stöbern in der mittelalterlichen Literaturgeschichte bin ich auf den mir bisher unbekannten Schelmenroman „Der Pfaffe Amis“ des Strickers gestoßen; es ist nicht leicht, den neuhochdeutschen Text im Internet zu finden, da die einzige im Netz vorliegende Übertragung ins Neuhochdeutsche „Die Streiche des Pfaffen Ameis“ überschrieben ist – der Name Amis/Ameis/Amys changiert.

„Der Pfaffe Amis“ ist der erste mittelhochdeutsche Schwankroman; im Wikipedia-Artikel wird er ausführlich vorgestellt, so dass ich hier nur auf diesen Artikel zu verweisen brauche: https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Pfaffe_Amis. Wer Schelmengeschichten liebte, sollte sich den Spaß der Lekütre nicht entgehen lassen; die 70 Seiten hat man in zwei Stunden gelesen, wenn man Frakturschrift lesen kann.

https://archive.org/details/diestreichedespf00striuoft/page/2/mode/2up (Text)

http://www.mhdwb-online.de/Etexte/PDF/StrAmis.pdf (mittelhochdeutsch)

http://www.fabelnundanderes.at/der_stricker.htm (Auswahl von Fabeln des Strickers)

https://austria-forum.org/af/AEIOU/Stricker%2C_der (Der Stricker)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz81720.html#ndbcontent (dito)

https://www.mittelalter-lexikon.de/wiki/Stricker (dito)

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Stricker (dito)

Reineke Fuchs, ein Volksbuch – gelesen

„Reineke Fuchs“ ist eigentlich eine Sammlung von Fabeln, die nur lose durch einen Erzählfaden zusammengehalten werden: Reineke ist angeklagt und erscheint vor Gericht, redet und redet und entschuldigt sich, legt den König herein und schändet seine Boten, besiegt in einem Zweikampf den Wolf, wäscht sich von aller Schuld rein und wird schließlich der Kanzler des Reiches.

Ich habe die Geschichte in der Fassung Karl Simrocks gelesen. Nur selten lässt sich der Erzähler zu einer Belehrung verführen. Der Fuchs sagt: „Die Wahrheit zu sprechen, müßt ihr sparen, / Wollt ihr, man soll euch da willfahren. / Wer stäts die Wahrheit sprechen will, / Der muß Verfolgung leiden viel, / Muß manchmal vor der Thüre stehn, / Wenn die Andern in die Herberge gehn.“ Dazu kann man als Leser nun denken, was man will – obwohl die Ereignisse Reineke Recht geben. Der Erzähler nimmt Reinekes Geschicke zum Schluss als Beispiel für die von ihm kritisierten Erfolge der Reinekes: „Wer sich versteht auf Reinekes Kunst, / Der ist noch an allen Höfen werth, / Bei allen Fürsten hochgeehrt, / Ob sie geistlich oder weltlich sein: Sie stimmen mit Reineken meist überein.“ Der Abschluss des langen Gedichts ist jedoch zweideutig: „Fabeln und andere Gleichnißreden, / Dienen zur Lehre für All und Jeden, / Daß sie von Thorheit sich entfernen, / Zu allen Zeiten Weiheit lernen. / Dies Buch verschmäht zu kaufen nicht: / Es giebt vom Lauf der Welt Bericht.“ Tja, welcher Weisheit hängt man an, wenn man den Lauf der Welt kennt?

Reineke Vos. Nach der Lübecker Ausgabe vom Jahre 1498. Mit Einleitung, Anmerkungen und Wörterbuch von Hoffmann von Fallersleben. Breslau 1852 https://archive.org/details/reinekevosnachde00hoffuoft/page/n5/mode/2up = https://archive.org/details/reinekevosnachd01unkngoog/page/n35/mode/2up

Der listige Reineke Fuchs. Das ist Ein sehr nützliches / Lust- und Sinnreiches Büchlein / Darinn auf verblümte, jedoch löbliche Schreib-Art… Zuvor niemals also gedruckt. 1750 https://archive.org/details/bub_gb_g-o6AAAAcAAJ/page/n5/mode/2up

Reineke Fuchs am Ende des philosophischen Jahrhunderts. Itzehoe und Crempe 1797 https://archive.org/details/bub_gb_CLo7AAAAcAAJ/page/n3/mode/2up

Reineke Fuchs. Von D. W. Soltau, Berlin 1803 (mit detailliertem Inhaltsverzeichnis) https://archive.org/details/bub_gb_PElSAAAAcAAJ/page/n5/mode/2up

Reineke Fuchs von Johann Wolfgang von Goethe. Hrsg und eingeleitet von Dr. Johannes Hofmann. Leipzig 1921 https://archive.org/details/reinekefuchs00hofmuoft/page/n5/mode/2up

Die deutschen Volksbücher. Gesammelt und in ihrer ursprünglichen Echtheit wiederhergestellt von Karl Simrock. Erster Band, Frankfurt a.M. 1845. Darin „Reineke Fuchs“, S. 125-380 https://archive.org/details/diedeutschenvolk01simruoft/page/n7/mode/2up

Reineke der Fuchs. Hrsg. von G. O. Marbach. Leipzig o.J. https://archive.org/details/bub_gb_XX4UAAAAQAAJ/page/n3/mode/2up

Reineke Fuchs, erzählt von Ferdinand Schmidt. Leipig o.J. https://archive.org/details/bub_gb_YmUuAAAAYAAJ/page/n3/mode/2up

Reineke Fuchs. Dem Originale frei nachgedichtet von Julius Eduard Hartmann. Leipzig/Dresden/Wien/Berlin o.J. https://archive.org/details/reinekefuchs00hart/page/n11/mode/2up

https://de.wikipedia.org/wiki/Reineke_Fuchs (Wikipedia, sehr ausführlich)

https://de.wikipedia.org/wiki/Fabel (Wikipedia: Fabel)

http://www.symbolforschung.ch/516.html (Symbolforschung: Tierfabel)

https://www.vetmeduni.ac.at/fileadmin/v/z/veranstaltungen/2007/a-Bamberg-Dez-07.pdf (Tierfabeln – Fabeltiere)

Tierfabeln des klassischen Altertums, 1919 https://archive.org/details/bub_gb_LbQyAQAAMAAJ/page/n11/mode/2up

G. Silcher: Tierfabel, Tiermärchen und Tierepos, 1905 https://archive.org/details/bub_gb_OJkpAAAAYAAJ

Deutsche Götter- und Heldensagen

Adolf Lange: Deutsche Götter- und Heldensagen. Für Haus und Schule nach den besten Quellen dargestellt. Leipzig 1903 (2. Aufl.) https://archive.org/details/deutschegtterun00langgoog_201908/page/n7/mode/2up (gut lesbare Nacherzählung der alten Sagen)

Felix und Therese Dahn: Walhall. Germanische Götter- und Heldensagen. Kreuznach 1888 (8. Aufl.) https://archive.org/details/walhallgermanisc00dahn

Wilhelm Wägner: Nordisch-germanische Götter und Helden. Leipzig/Berlin 1887 https://archive.org/details/bub_gb_-dlCAAAAIAAJ/page/n11/mode/2up

Elard Hugo Meyer: Mythologie der Germanen. Straszburg 1903 https://archive.org/details/mythologiederge00meyegoog/page/n11/mode/2up

Otto Luitpold Jiriczek: Deutsche Heldensagen. Bd. I Strassburg 1898 (Dietrich von Bern) https://archive.org/details/bub_gb_uZfRAAAAMAAJ/page/n5/mode/2up

Stichwort Germanische Mythologie

Elard Hugo Meyer, 1891 https://archive.org/details/germanischemyth00meyegoog

Eugen Mogk, 1907 https://archive.org/details/bub_gb_f1YcAAAAMAAJ/page/n5/mode/2up

Julius von Negelein, 1906 https://archive.org/details/bub_gb_amNbAAAAMAAJ/page/n3/mode/2up

Ida Hedwig Schlender, 1904 https://archive.org/details/germanischemyth00schlgoog/page/n7/mode/2up

Karl Joseph Simrock, 1878 https://archive.org/details/bub_gb_BaxbAAAAMAAJ/page/n5/mode/2up

Gustav Neckel: Germanisches Heldentum. Quellensammlung altgermanischer Lebenszeugnisse, 1915 https://archive.org/details/germanischesheldentumquellensammlungaltergermanischerlebenszeugnisse

Arbeitskreis Deutsche Mythologie: Das Erbe der Ahnen. Germanische Feste und Bräuche im Jahresring, 1941 https://archive.org/details/arbeitskreis-deutsche-mythologie-das-erbe-der-ahnen-germanische-feste-und-brauch/mode/2up

Wieder ein anderer Aspekt: Deutsche Literaturgeschichte

Wilhelm Scherer: Geschichte der deutschen Literatur, 1905 https://archive.org/details/geschichtederde07schegoog/page/n8/mode/2up

Robert Koenig: Deutsche Litteraturgeschichte, 1885 https://archive.org/details/deutscheliterat00koengoog/page/n11/mode/2up

dito, Erster Band 1903 https://archive.org/details/deutschelitera01koen1903/page/n9/mode/2up

Alfred Biese: Deutsche Literaturgeschichte. Erster Band 1922 https://archive.org/details/deutscheliteratu01biesuoft/page/n9/mode/2up (Hier wird der Stoff literaturgeschichtlich eingeordnet, mit Hinweisen auf Ausgaben, die zumeist auf archive.org greifbar sind; der Ton ist allerdings etwas stark germanisch-deutschtümelnd.)

Johannes Meyer: Einführung in die deutsche Literatur. Erster Band, 1905 https://archive.org/details/EinfuhrungInDieDeutscheLiteratur/page/n7/mode/2up

Paul Fleming: An Elsabe – Text und Analyse

Paul Fleming: An Elsabe

Es ist umsonst das Klagen,

     das du um mich

     und ich um dich,

wir umeinander tragen!

Sie ist umsonst, die harte Pein,

mit der wir itzt umfangen sein!

  Laß das Verhängnüß walten.

     Was dich dort ziert

     und mich hier führt,

das wird uns doch erhalten.

Diß, was uns itzt so sehr betrübt,

ists dennoch, das uns Freude giebt.

  Sei unterdessen meine,

     mein mehr als ich

     und schau‘ auf mich,

daß ich bin ewig deine.

Vertraute Liebe weichet nicht,

hält allzeit, was sie einmal spricht.

  Auf alle meine Treue

     sag‘ ich dirs zu,

     du bist es, du,

der ich mich einig freue.

Mein Herze, das sich itzt so quält,

hat dich und keine sonst erwält.

  Bleib, wie ich dich verlassen,

     daß ich dich einst,

     die du itzt weinst,

mit Lachen mag umfassen.

Diß soll für diese kurze Pein

uns ewig unsre Freude sein.

  Eilt, lauft, ihr trüben Tage,

     eilt, lauft, vorbei.

     Eilt, macht mich frei

von aller meiner Plage.

Eilt, kommt ihr hellen Stunden ihr,

die mich gewären aller Zier.

(Paul Fleming: Deutsche Gedichte. Hrsg. von J. M. Lappenberg. Band 1, Stuttgart 1865, S. 427)

Erläuterungen:

V. 6 itzt: jetzt

V. 7 Verhängnüß: Verhängnis, Schicksal

V. 22 einig: einzig

V. 29 (ergänze: als Lohn) für diese kurze Pein

V. 36 mich gewären = mir gewähren

V. 36 Zier: Zierde, Schmuck; früher auch: Herrlichkeit, Pracht

„Beim Aufenthalt in Reval (10.1.1635-2.3.36) verkehrte F. viel in der regen, humanistisch gebildeten Gesellschaft. Neben lateinischen Carmina entstanden deutsche Gedichte, in denen heitere Galanterie ohne die Sentimentalität des Petrarkismus frei mit den überlieferten Motiven schaltet. Der Liebe zu Elsabe, der mittleren der 3 Töchter des Kaufmanns Heinrich Niehus(en) aus Hamburg, gelten werbende Oden und Sonette, in denen er um innere Klärung ringt. Obwohl Elsabe ihre anfängliche Zurückhaltung aufgab, blieb F. nicht in Reval zurück. Auf der Weiterreise bildet die Versicherung seiner Treue zur Geliebten das Motiv zu vielen Gedichten (…).“ (Willi Flemming über Paul Fleming, NDB, 1961) Eines dieser Gedichte finden wir her vor uns.

Der Ich-Sprecher wendet sich an das geliebte Du, eine Frau bzw. ein Mädchen („Sei unterdessen meine“, V. 13). Er möchte sie über ihre derzeitige Trennung trösten und ihren Schmerz lindern:

  • Sie ist umsonst, die harte Pein (V. 5 f.).
  • Was uns betrübt, gibt uns auch Freude (V. 11 f.).
  • Ich bin dir treu (V. 17 f.).
  • Ich habe nur dich erwählt (V. 23 f.).
  • Unser Trennungsleid wird später reicht belohnt (V. 29 f.).

Damit kommen wir zum Aufbau und zur Form des Gedichts, zunächst zum Aufbau: In den ersten fünf Strophen wendet sich das sprechende Ich an die zurückgebliebene Geliebte und spricht ihr Trost zu, und zwar mit vier Bitten und einem Versprechen (4. Str.). Die Bitten stehen in der Form des Indikativs („Es ist umsonst das Klagen“ = Klage doch nicht, 1. Str.) oder des Imperativs (Laß, Sei, Bleib, Str. 2, 3, 5): Der Kummer sei/ist nicht endlos (Str. 1, 2); ich bin der deine (Str. 3, 4); wir werden uns in Freude wiedersehen (Str. 5). In der letzten Strophe spricht der Mann von sich und seinem eigenen Kummer; er fordert die trüben Tage auf („Eilt“, viermal) zu verschwinden, die hellen Stunden der Freude sollen dagegen schnell kommen.

Die Form der Strophen ist eigenwillig: Die ersten vier Verse bestehen aus einem Satz, ebenso die beiden letzten Verse. Dabei bestehen die Verse 5 und 6 jeweils aus vier Jamben im Paarreim, während die ersten vier Verse durch einen umfassenden Reim miteinander verbunden sind; V. 1 und V. 4 werden aus drei Jamben mit weiblicher Kadenz gebildet, die beiden Mittelverse aus zweifüßigen Jamben. Das alles ergibt ein lebhaftes Sprechen mit eigenwilligem Rhythmus. V. 1 und 4 entsprechen teilweise einander semantisch, V. 2 und 3 bekommen wegen der Kürze (sie werden „länger“ erwartet) ein stärkeres Gewicht. V. 5 f. bildet den Abschluss eines Gedankens und wiederholt, vertieft oder verallgemeinert das in V. 1-4 Gesagte. Das wäre bei jeder einzelnen Strophe genau zu prüfen – hier genügt der Hinweis auf den Bauplan der Strophen; der macht eher als der Inhalt das Originelle am Gedicht aus.

Die große Zuversicht Flemings, die er in diesem Gedicht ausspricht, wurde bitter enttäuscht: Elsabe hat sich während seiner langen Reise einem anderen Mann zugewandt; so verlobte er sich nach seiner Rückkehr mit deren jüngerer Schwester Anna. Aber auch die konnte er nicht heiraten, er starb nach seiner Promotion bei der Rückkehr aus Holland in Hamburg.

Paul Fleming: Zur Zeit seiner Verstoßung – Text und Anmerkungen

Paul Fleming: Zur Zeit seiner Verstoßung

Ein Kaufman, der sein Gut nur einem Schiffe traut,

ist hochgefärlich dran, in dem es bald kan kommen,

daß ihm auf einen Stoß sein Ganzes wird genommen.

Der fehlt, der allzuviel auf ein Gelücke traut.

     Gedenk‘ ich nun an mich, so schauret mir die Haut.

Mein Schiff, das ist entzwei, mein Gut ist weggeschwommen.

Nichts mehr, das ist mein Rest, das machet kurze Summen.

Ich habe Müh‘ und Angst, ein ander meine Braut.

     Ich Unglückseliger! Mein Herze wird zerrißen,

mein Sinn ist ohne sich. Mein Geist zeucht von mir aus,

mein Alles wird nun Nichts. Was wird doch endlich drauß?

     Wär‘ eins doch übrig noch, so wolt‘ ich Alles mißen.

Mein teuerster Verlust, der bin selbselbsten ich.

Nun bin ich ohne sie, nun bin ich ohne mich.

(Paul Fleming: Deutsche Gedichte. Hrsg. von J. M. Lappenberg. Band 1, Stuttgart 1865, S. 516)

Beim Aufenthalt in Reval (10.1.1635-2.3.36) verkehrte F. viel in der regen, humanistisch gebildeten Gesellschaft. Neben lateinischen Carmina entstanden deutsche Gedichte, in denen heitere Galanterie ohne die Sentimentalität des Petrarkismus frei mit den überlieferten Motiven schaltet. Der Liebe zu Elsabe, der mittleren der 3 Töchter des Kaufmanns Heinrich Niehus(en) aus Hamburg, gelten werbende Oden und Sonette, in denen er um innere Klärung ringt. Obwohl Elsabe ihre anfängliche Zurückhaltung aufgab, blieb F. nicht in Reval zurück. Auf der Weiterreise bildet die Versicherung seiner Treue zur Geliebten das Motiv zu vielen Gedichten; ein Schiffbruch wird in einem Sonett als religiöses Erlebnis auf Grund eines christlich vertieften Stoizismus gedeutet. Die Strapazen und Gefährdungen der schließlich vergeblichen Gesandtschaft wurden F. durch Elsabes Absage weiter verbittert. (Willi Flemming über Paul Fleming, NDB, 1961) Damit ist die Situation skizziert, in der Fleming das Gedicht „Zur Zeit seiner Verstoßung“ verfasst hat: Elsabe hat ihn zugunsten eines anderen Mannes aufgegeben.

In der ersten Strophe wird das später zum Vergleich herangezogene Bild eines unklugen Kaufmanns entworfen, der seine ganze Habe einem einzigen Schiff anvertraut. In der zweiten Strophe überträgt der Sprecher dieses Bild auf sich („Gedenk‘ ich nun an mich“, V. 5) und stellt mit Schaudern fest, dass das drohende Unglück – der Totalverlust – ihn getroffen hat: „Mein Schiff, das ist entzwei“ (V. 6), alles ist futsch (V. 6 f., Aufzählung), und dann wird er konkret: „Ich habe Müh‘ und Angst, ein andrer meine Braut.“ (V. 8, Parallelismus, Kontrast)

In den Terzetten folgen die Klagen über den Verlust (V. 9-11, Aufzählung) und die Frage. „Was wird doch endlich drauß?“ Nach einer Konzession (V. 12) wird der Verlust der Braut als Verlust seiner selbst beklagt, „nun bin ich ohne mich“ (V. 14).

Dieser Schluss erinnert mich an das Ende des Gedichts „Über seinen Traum“: Da hat der Sprecher einen süßen Liebestraum gehabt und stellt zu seinem Schrecken fest, dass es nur ein Traum war.

„Was tu‘ ich Armer nun? Die Seele, die ist fort,

Mein Leib lebt auf den Schein. Wie wird mir‘s doch noch gehen?

Sag‘ ich‘s ihr oder nicht? Sie wird‘s doch nicht gestehen.

Wer! O! Wer wird mich denn entnehmen dieser Last.

Ach, Schwester, fühlst du nicht, dass du zwo Seelen hast?“

Weil die Geliebte seine Seele in sich aufgenommen hat, kann ein verlassener Liebender klagen, das er „nun ohne mich“ ist.

Immer wieder haben Dichter die Einheit der Zwei im Bild zu fassen versucht; ich weise jetzt nur auf Goethes „Warum gabst du uns die tiefen Blicke“ und „Gingo biloba“ hin.

Paul Fleming: Er redet sich selber an – Text und Analyse

Er redet sich selber an.

Was ist es denn nun mehr / daß du so hungrig bist

viel Länder durch zu sehn / bey Reegen / Frost und Hitze /

durch Wildnüß und durch See/ zu kommen an die Spitze,

wo Leute / die man ehrt? ernehrst du / was dich frisst,

      die Faulheit dieser Zeit? Vernimst du noch die List

deß leichten Wahnes nicht! wirst willig arm vom Witze /

an mangel reich zu seyn? bist keinem Stande nütze?

Bleibst allzeit ungeehrt / und ewig ungeküßss?

      War dieses nun dein Zweck / Sophien so zu hassen?

Olympen feind zu seyn? Hygeen zu verlassen?

Thu Rechnung von dir selbst / von dir und deiner That.

      Doch / du bist wider dich. Die Sehn-Sucht fremder Sachen /

was wird sie dermahl eins noch endlich aus dir machen /

weil auch dein eigner Rath bey dir selbst stat nicht hat.

(D. Paul Flemings Deutsch Poemata. Lübeck 1642, S. 614 f.)

Paul Fleming: Er redet sich selber an.

Was ist es denn nunmehr, dass du so hungrig bist,
Viel‘ Länder durchzusehn bei Regen, Frost und Hitze,
Durch Wildnis und durch See, zu kommen an die Spitze,
Wo Leute, die man ehrt? Ernährst du, was dich frisst,

Die Faulheit dieser Zeit? Vernimmst du noch die List
Des leichten Wahnes nicht, wirst willig arm am Witze,
An Mangel reich zu sein, bist keinem Stande nütze,
Bleibst allzeit ungeehrt und ewig ungeküsst?

War dieses nun dein Zweck, Sophien so zu hassen,
Olympen feind zu sein, Hygeen zu verlassen?
Mach‘ Rechnung von dir selbst, von dir und deiner Tat!

Doch, du bist wider dich. Die Sehnsucht fremder Sachen,
Was wird sie dermaleinst noch endlich aus dir machen,
Weil auch dein eigner Rat bei dir selbst statt nicht hat?

(Übertragung in heutiges Deutsch, N. Tholen)

Erläuterungen:

V. 2 durchsehen: bereisen, erforschen

V. 4: verkürzt, ergänze: Wo Leute sind

V. 5: Faulheit = Fäulnis, Verderbnis

V. 5: List = Tücke

V. 6 Witz: Verstand, Klugheit

V. 9 f.: drei Mädchennamen (Sophie, Olympia, Hyg[i]eia)

V. 11 Mach‘ Rechnung = Zieh‘ Bilanz

V. 12: Sehnsucht fremder Sachen = Sehnsucht nach fremden Sachen (genitivus objectivus)

V. 13 dermaleinst = dereinst

V. 14 nicht statthaben = nicht angewandt werden

(Vgl. die Version in: Gedichte von Paul Fleming. Ausgabe von Lappenberg, 1865: http://www.zeno.org/Literatur/M/Fleming,+Paul/Gedichte/Deutsche+Gedichte/Sonnette/4.+Liebesgedichte/15.+Er+redet+sich+selber+an)

Das ist ein ganz untypisches Gedicht Paul Flemings, der vermutlich wirklich „sich selber“ (Überschrift) anredet. Er stellt seine gesamte Lebensführung in Frage, die Vergangenheit (V. 1-5), die Gegenwart (V. 5-8), die Zukunft (V. 12-14). Der Tenor aller Fragen ist der: „Was ist es denn nunmehr“, was ist bloß los mit dir? Und die Antwort lautet: „Doch, du bist wider dich“ (V. 12), du bist mit dir nicht im Reinen, du bist dir selber kein Freund, du hast dich verrannt. Zu dieser Antwort kommt der Sprecher, nachdem er sich aufgefordert hat: „Mach‘ Rechnung von dir selbst, von dir und deiner Tat!“ Dieser Satz ist der Dreh- und Angelpunkt der Gewissenserforschung, welche unser Sonett darstellt.

Das erste Bild, mit dem der Sprecher sich zu begreifen sucht, ist der Hunger (V. 1) nach Erfolg, der ihn zu seinen vielen Reisen antreibt; er bleibt im Bild, wenn er mit dem paradoxen Kontrast fortfährt: Du ernährst, was dich auffrisst (V. 4); dabei ist das gefräßige Subjekt, die „Faulheit dieser Zeit“ (V. 5), undeutlich oder unbestimmt, es kann im 30jährigen Krieg vieles bedeuten. Die zweite Frage richtet der Sprecher an sich als einen, der den Überblick verloren hat, der „die List des leichten Wahnes“ nicht mehr bemerkt – der Wahn besteht darin, nicht zu sehen, dass der Erfolgshunger zu keinem wirklichen Erfolg führt: arm am Witze / reich an Mangel sein (V. 6 f., wieder ein Kontrast); unnütz, ungeehrt, ungeküsst leben (V. 7 f., Häufung). Hier wird radikal nach dem Sinn bzw. Unsinn der praktizierten Lebensweise gefragt. Die nächste Frage nimmt das Partizip „ungeküsst“ (V. 8) auf und konkretisiert es durch drei fiktive Mädchen(namen), die er „verlassen“ hat, denen er quasi mit Hass und Feindschaft begegnet ist (Steigerung, Übertreibung). Die Frage V. 9 f. ist eine rhetorische Frage – es kann nicht der Zweck (wenn auch der Erfolg) seiner Reisen gewesen sein, drei schöne Mädchen nicht zu beachten, sie damit indirekt „zu hassen“ (V. 9).

Die letzte Frage (V. 12-14), die sich auf ein drohendes künftiges Geschick des Sprechers bezieht und sich an die kritische Antwort „Doch, du bist wider dich“ (V. 12) anschließt, deutet ein mögliches endgültiges Scheitern an, das aus der „Sehnsucht fremder Sachen“ (wieder Kontrast: du selbst / fremde Sachen, V. 12) erwachsen kann oder wird, wenn er seine eigene Einsicht, dass er sich verrannt hat, nicht beherzigt. Diese Bedingung (V. 14) ist im Text zwar kausal formuliert („Weil“), muss aber konditional und damit als Drohung verstanden werden, weil es ja möglich ist, dass der Sprecher doch auf die Stimme seines besseren Ichs hört und Konsequenzen aus der „Rechnung von dir selbst“ (V. 11) zieht.

Die Quartette bestehen aus sechsfüßigen Jamben, die in einem umarmenden Reim verbunden sind; die beiden mittleren Verse haben eine Silbe zusätzlich (weibliche Kadenz). Die Quartette bestehen aus insgesamt drei Sätzen, so dass die Reime kaum semantische Bezüge aufweisen (V. 1 / 4 das Bild des Hungers, V. 6 / 7 zwei Defizite). Die Terzette reimen sich in der Form a – a – c – b – b – c; wieder bestehen sie aus sechs Jamben, wobei die a- und b-Reine eine Silbe mehr besitzen. V. 9 f. sind sinngleich, V. 12 f. ist ein einziger Satz, wobei das Subjekt sich aufs Prädikat reimt; V. 11/14 sind als Rat und Drohung bei Nichtbefolgung miteinander verbunden.

Der Aufbau des Sonetts ist oben beschrieben: Der zentrale Satz und die Wende nach den kritischen Fragen ist V. 11, dem das Urteil in V. 12 folgt; der Schluss nimmt noch einmal die Technik des kritischen Fragens, jetzt in die Zukunft gewendet, auf.

Als Beleg für eine Gewissenserforschung steht das Gedicht in einer langen Tradition – die Instanz, vor der das Ich sich verantworten muss, ist aber kein Gott im Himmel, sondern das Ich selbst. Damit stellt das Sonett einen Beleg für das dar, was der Freiherr von Knigge 150 Jahre später „Umgang mit sich selbst“ genannt hat.



Die Bedeutung des Schicksals in der Tragödie (A. Görland)

Die Einheit der Kunst ist ein Problem der Philosophie, „indem sie eine Ästhetik des Gefühls entwirft“ (S. 3). Er biete nur ein Kapitel dieses Programms.

Görland geht es um eine Geschichte der Tragödie hinsichtlich der „Idee, kraft derer der Künstler seine Tragödie auferbaut“ (S. 5). Es geht um die Fabel, die Einheit der Handlung; das bedeutet beim Drama „die Einheit in der Gegensätzlichkeit der Handlungen“ (S. 6) Das Widerspiel dieser Einheit ist der Zufall, „wodurch das Spiel in eine vernunftloses interesseloses Chaos von bloßen Aktionen und Vorgängen zerfällt“ (S. 7).

Menschen handeln „unter der Idee der Selbstbestimmung [Freiheit] des Willens“ als vernünftige Wesen, als verantwortliche Personen (S. 7); eine Tat ist aber bloß ein Vorgang, der durch ein vernunftfähiges Lebewesen geschieht. Gegen die Handlung steht eine Tat im Sinn einer Nötigung, die in ihrer strengsten Form Schicksal ist. Deshalb ist Handeln „notwendig Ringen, notwendig Leiden“ (S. 9) → Geschichte der Tragödie ist die Reihe der Verwandlungen der einen Idee des Schicksals. Einheit der dramatischen Handlung: „in gewaltiger Straffheit diese Gegensätzlichkeiten von Wille und Schicksal aufeinander bezogen“ (S. 10) → Die Handlung wird Tat auf dem Boden der Tatsachen. „In der Tat ist der Wille auf den Boden der Gewalt gestellt, hier müssen Nötigung und Freiheit, Schicksal und Wille Zwillingsbegriffe eines Kampfes werden.“ (S. 11) „Versagt sich dem Willen die Erfüllung seiner Aufgabe, die er sich vorgesetzt, so opfert er diesen Versuch der Erfüllung durch das Opfer seiner Kreatur; aber er bewahrt sich die Reinheit seines Vorsatzes und also seine Aufgabe.“ (S. 12) Solche Sersuche machen die Größe des Menschen aus; der Held ist ein Held des Opfers. „Somit liegt der Sinn des Tragischen in der Demut, die uns daran mahnt, daß trotz aller Vergeblichkeit unserer Taten die Aufgabe (…) nach wie vor unangetastet bestehen bleibe.“ (S. 13)

Nach der Antike (S. 13 ff.) bespricht Görland Shakespeare als Tragiker (S. 37 ff.). Dieser gehört der Renaissance an, die durch die Methode des wissenschaftlichen Fragens (von Platon) bestimmt wurde, worauf das Denken die Antwort sucht. So wurde das Recht des Individuums konstituiert: „Freiheit nach Maß der eigenen Kraft!“ → Shakespeare: „Schicksal kann ihm nur bedeuten den individuellen Widerpart gewaltiger Individualität.“ Der Gegensatz muss „letzten Endes der innere Gegensatz widerstreitender Kräfte innerhalb jedes einzelnen Menschen gewöhnlichen Schlages sein“. Ein weitsichtiger Wille und ein starkes Temperament müssen in Kampf geraten; sind beide schwach ausgeprägt, haben wir einen Narren vor uns.

Der nächste große Tragiker ist Schiller (S. 64 ff.): Im 18. Jahrhundert stand dem Einzelnen der Staat als Übermacht gegenüber. Schillers Interesse gilt in den „Räubern“ nicht der Entwicklung des Willens am Schicksal, sondern der Zergliederung zweier gegensätzlicher Seelen. Ähnliches gilt für den „Fiesco“. In „Kabale und Liebe“ suchen sich Weltanschauungsgegensätze in Vater und Sohn ihre Träger; das gilt erst recht für „Don Carlos“, die Gegensätze der Menschen sind nur äußeres Spiel. Hier „steht der Zukunftswille eines Reiches freier Menschenrechte (…) vor der Schicksalsschranke einer Institution, die der Gang der Geschichte erzeugt hat“. In den „Räubern“ sieht man die neue Idee des Schicksals: „Das Schicksal des Willens, der sich allein vor dem reinen Gesetz der Menschlichkeit verantwortet, das Schicksal heißt für Schiller Despotismus.“ Moor wird zu einem tragischen Willen, weil er im Kampf gegen den Despotismus nur einzelne Menschen treffen kann. Im „Fiesco“ haben beide Größen, das Recht und die Macht, „das Recht der Staatsänderung“ – ein Fortschritt gegenüber den „Räubern“. In „Kabale und Liebe“ erscheinen Wille und Schicksal „verengt auf privilegierten Adelsstand und Bürgertum“, im Staat der Ständeunterschiede. Das Drama ist „durch die Fesselung des Willens gegen sein Schicksal trostlos, alles Zukunftsblickes bar“.

Die Größe seiner Schicksalsidee erringt Schiller erst wieder im „Don Carlos“. In Vater und Sohn werden zufällige individuelle Gegensätze beseitigt: Der König repräsentiert den Despotismus, Carlos steht mit Posa auf der Seite der Freiheit, seine Liebe zur Königin erhebt sich „in die unpersönliche Liebe zweier Menschen zum Freiheitsvermächtnis eines Geopferten“. In der neuen Welt ist „der Mensch nur Diener eines unpersönlichen Amtes und Berufes“. Schiller schreibt am Vorabend der Revolution von 1789.

Es folgen Hebbel (S. 93 ff.) und Ibsen (S. 113 ff.).

Albert Görland: Die Idee des Schicksals in der Geschichte der Tragödie. Tübingen 1913. Görland behandelt die Antike (v.a. Äschylos), Shakespeare, Schiller, Hebbel und Ibsen.