Harry Graf Kessler: Gesichter und Zeiten. Erinnerungen (1935) – gelesen

Dieses wunderbare Buch besteht aus zwei Teilen, „Mémé“, den Erinnerungen an seine schöne Mutter, und „Lehrjahre“, der Erzählung von den Schul- und Studentenjahren des Grafen Kessler. Die Mutter war so schön, dass „die Leute auf der Kurpromenade in Ems auf Stühle und Tische stiegen, um sie vorbeigehen oder -fahren zu sehen“. Sogar der Kaiser selber bemühte sich, sie kennenzulernen, und deshalb wohl auch Bismarck, so dass sich familiäre Kontakte zu beiden ergaben und Kesslers 1878 geadelt wurden. Die Mutter stammte aus dem englischen Landadel, der Vater aus einer Hamburger Bankiersfamilie, so dass auch genügend Geld vorhanden war, um im Sommer in Bad Ems oder in Kissingen zu kuren, wo man dann eben höchsten Herrschaften über den Weg lief. Im ersten Teil greift Kessler weithin auf die Aufzeichnungen der Mutter zurück; er reflektiert aber auch, was ihren Kern ausgemacht hat: ein starker Schaffensdrang und eine urtümliche „Wildheit, die sich der Welt, wie sie ist, nicht anpaßte“, wofür er ihr Blut, ihr Herkunft aus verschiedenen Stämmen verantwortlich macht. Der Mutter sind 100 Seiten gewidmet, der Tod des Vaters wird in viereinhalb Zeilen abgetan.

Dieser erste Teil ist insofern auch heute noch interessant, als er zeigt, wie international die Verbindungen der Oberschicht im 19. Jahrhundert ausgerichtet waren und dass man sowohl in Frankreich wie in England oder Deutschland leben und den Sohn zur Schule schicken konnte. Noch interessanter ist der zweite Teil, weil man die eigenen Schul- und Studienerfahrungen mit denen des Grafen Kessler vergleichen kann. So analysiert er die Erziehung der Söhne der englichen upper class, die Gentlemen werden sollten: „So den sportlichen Geist, das Halten auf ‚fair play‘ (…). Der Gentleman mußte vor allen Dingen Haltung haben; seine Erziehung gipfelte darin, ihn zu lehren, in keiner Lage oder Gefahr, vor keiner Drohung die Haltung, die Spannkraft des Willens oder die Herrschaft über sich selbst zu verlieren.“ Diese Haltung und Zurückhaltung „bildeten die wirkliche Volksreligion, von der niemand dissidieren wollte.“ „Das geschah salbungsvoll, unter voller Wahrung der Würde christlicher Gesinnung und in den meisten Fällen aus langer Übung unbewußt. An ihre Stelle schob sich eine Klassenmoral, vor der die christliche zu einem ‚cant‘, einem ‚Cantus‘, einer unverbindlichen Begleitlitanei verblasste.“ Diese hart herangezogenen Gentlemen waren das Fundament der britischen Weltherrschaft, so Kessler.

Erwähnung verdient noch das, was Kessler zur deutschen Bildung (S. 145 ff.), zur deutschen Schule (S. 150) oder zu Bismarck (S. 175, 184, 250 ff.), der nur mit Untertanen, aber nicht mit freien Bürgern umgehen konnte, sagt. Den Epochenumbruch um 1900 analysiert er aus seinem Erleben (Wundt, Nietzsche; Bekanntschaft mit Arbeitern). Und auch die Liebe darf nicht fehlen: seine Zuneigung zu Lisette, die unerfüllt blieb und ihn lange begleitet hat (S. 165 ff.).

Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe bei Fischer 1962. Wenn man Kesslers Jugend mit der von Lena Christ (vorhergehende Besprechung) vergleicht, denkt man über die Un-Gleichheit der Startbedingungen nach und erkennt, dass entgegen Erich Fromms tiefsinnigem Gerede das Haben (Landgut in Familientraditon, genügend Kapital) sehr wohl das Sein bestimmt; die Adeligen blieben in ihren Studentenverbindungen weithin unter sich und wussten, dass sie später im Staatsdienst Karriere machen würden.

https://en.wikipedia.org/wiki/Harry_Graf_Kessler (Biografie)

https://www.deutschlandfunk.de/harry-graf-kessler-sein-persoenlichstes-tagebuch-100.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Wilhelm_Kessler (der Vater; von der Mutter gibt es keinen Artikel in der Wikipedia)

Lena Christ: Erinnerungen einer Überflüssigen (1912) – gelesen

Durch Zufall bin ich auf die „Erinnerungen einer Überflüssigen“ gestoßen, und zwar auf die Episode ihres Klosteraufenthalts; die hat mich so fasziniert, dass ich jetzt das ganze Buch antiquarisch gekauft und gelesen habe. Auf knapp 240 Seiten liest man in leichter Verfremdung und sicher auch zugespitzt die Geschichte von Lenas Leben: Wie das uneheliche Kind von den Großeltern liebevoll aufgezogen wurde, wie es dann zur verheirateten Mutter kam und dort bis aufs Blut ausgenutzt und gepeinigt wurde, wie sie kurz außerhalb des Hauses arbeitete und doch Heimweh bekam, wie sie mit 20 heiratete und nach einer glanzvollen Hochzeit in einer Ehehölle landete. Der Rest wird ganz knapp erzählt: Ihr Mann kommt in eine psychiatrische Anstalt, sie gibt ihre Kinder in eine Anstalt und landet im Krankenhaus – 1912 erschienen die „Erinnerungen“, 1920 beging Lena Christ Selbstmord.

Die Geschichte wird lebendig erzählt, viele Gespräche lassen den Leser unmittelbar am Geschehen teilnehmen, obwohl sie natürlich nur fiktiv „erinnert“ sein können. Das Buch zeigt eine erschreckende Variante des Frauenlebens im katholischen Bayern vor gut hundert Jahren, wobei die Tatsache der unehelichen Geburt das ganze Leben Lenas negativ bestimmt hat; aus heutiger Sicht versteht man kaum, warum sie nicht von Hause oder später aus ihrer Ehe weggelaufen ist – wahrscheinlich hat dies ihr religiös verfestigtes Frauenbild verhindert. – Es lohnt sich, das Buch zu lesen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Lena_Christ (Biografie)

https://www.sueddeutsche.de/bayern/bayern-literatur-schriftstellerin-lena-christ-1.4955800 (Würdigung zum 100. Todestag)

https://www.br.de/mediathek/podcast/hoerspiel-pool/erinnerungen-einer-ueberfluessigen-1-2-von-lena-christ/1798176

https://www.br.de/mediathek/podcast/hoerspiel-pool/erinnerungen-einer-ueberfluessigen-2-2-von-lena-christ/1798179

https://www.projekt-gutenberg.org/christ/uebrflsg/uebrflsg.html (Text des Romans)

Dr. Peter Brinkemper ist tot.

Ich habe Dr. Peter Brinkemper als Deutsch-Kollegen kennengelernt. Aus dieser Bekanntschaft hat sich ergeben, dass er einige Beiträge in diesem Blog veröffentlicht hat:

https://norberto42.wordpress.com/2011/05/17/die-rolle-der-masken-in-schnitzlers-traumnovelle/

https://norberto42.wordpress.com/2011/07/10/koeppen-tauben-im-gras-analyse/

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/25/goethe-iphigenie-auf-tauris-analyse/

https://norberto42.wordpress.com/2012/05/27/mann-buddenbrooks-tonys-erste-heirat/

https://norberto42.wordpress.com/2015/11/13/klausur-zu-roth-hiob-kap-ix/

https://norberto42.wordpress.com/2015/11/13/klausur-zu-faust-i-v-1530-1785/

Zufällig habe ich heute herausgefunden, dass Peter Brinkemper vor anderthalb Jahren verstorben ist: https://trauer.lokalkompass.de/traueranzeige/peter-und-gertrud-brinkemper

S. auch https://sites.google.com/site/aktionskuenstler/art-blog/dr-peter-brinkemper

Ich danke ihm für seine Beiträge.

r.i.p.

Die unbequemen Jahre (1977) – gelesen

Nachdem sie 1974 Berichte über „Kindheiten“ gesammelt und herausgegeben hatte, setzte Ursula Voß diese Sammlung 1977 mit „Die unbequemen Jahre. Jugend im Selbstportrait“ fort, wieder im Gertraud Middelhauve Verlag, wieder mit einem Vorwort von Gabriel Laub. Dieser versucht, den unscharfen Begriff Jugend zu umreißen, „als Übergang von der abhängigen Kindheit, in der man belehrt, geleitet, geführt, aber auch beschützt wird, zum selbständigen Leben, in dem man die Verantwortung für sich selbst übernimmt“ – aber dann wäre Jugend bloß ein reiner Zwischenraum zwischen zwei unterschiedlich bestimmten Sphären. So setzt Laub nach und spricht davon, es gebe die Aufgabe, „ein bestimmter Mensch mit eigenem Beruf und eigener Berufung im Leben“ zu werden. „In der Jugend wird man definitiv zum Einzelfall.“ Zuvor hat er schon darauf hingewiesen, dass „das biologische Alter nicht mit dem sozialen Alter eines Menschen identisch ist“, womit vielleicht einige Ausreißer zu entschuldigen wären; aber dass es in der Jugend darum geht, ein bestimmter Mensch zu werden, muss als Kriterium festgehalten werden.

Nach diesem Kriterium fallen einige Texte aus der Sammlung als unpassend heraus: Klaus Mann erzählt von Kinderstreichen, Salvador Dali spricht über sein Leben bis ins Alter von 12 Jahren, Rafael Alberti bis zum Alter von 13, Schlowskij beschreibt die Universität in Petersburg (Thema verfehlt!), Pascals Leben als frühes Genie wird von seiner Schwester verherrlicht, Saint-Simon hat mit seinen Heiratsplänen die Jugend bereits hinter sich, von der 14jährigen Chow Ching Lie gibt es den Bericht von einer traditionellen chinesischen Hochzeit – solche Beobachtungen legen den Verdacht nahe, dass Ursula Voß das anscheinend erfolgreiche Buch „Kindheiten“ fortsetzen sollte und dazu ihre vorliegende Materialsammlung noch einmal durchforstet hat: Nur Klaus Mann ist in beiden Büchern vertreten, im zweiten jedoch zu Unrecht. Auch erzählen mehrere Autoren nur eine große Episode aus ihrer Jugendzeit, so Tolstoi die Aufnahmeprüfung an der Uni oder J. Conrad, wie er mit 17 nach Frankreich und zu den Lotsen auf See kam; Nadescha Mandelstam spricht vom revolutionären Treiben der jungen Leute und vor allem von ihrem späteren Mann O. Mandelstam, also auch nicht von sich selbst.

Trotz dieser Einschränkungen gibt es einige Perlen: Goethe mit einem langen Auszug aus „Dichtung und Wahrheit“; Gustave Flaubert mit dem Bericht von seiner großen Liebe, in die er als 15jähriger zu einer verheirateten jungen Frau verfiel; und vor allem Lena Christ, die erzählt, wie sie ins Kloster kam und wie sie das Klosterleben unter kasernierten Christinnen erlebte und erlitt. Lena Christ mit ihrem Bericht „Erinnerungen einer Überflüssigen“ war für mich die große Entdeckung in diesem Sammelband. Eindrucksvoll war auch, wie Golda Meir mit 15 Jahren einfach in Milwaukee von zu Hause abgehauen und zu ihrer Schwester nach Denver gefahren ist, um dort gegen der Willen der Eltern zu studieren. Lesenswert ist Stanislaw Lems Erzählung von seinem Leben in der Gymnasialsubkultur – aber das war eben doch späte Kindheit, nicht Jugend. Und Henry Millers Leben auf der Straße im 14. Bezirk von Brooklyn entzieht sich jeder Unterscheidung in Kindheit und Jugend; das war ein Leben, das es so nur in den Slums großer Städte geben kann.

Geben wir zum Schluss Lena Christ das Wort. Ehe sie von den Verrenkungen der vermeintlichen Keuschheit berichtet, spricht sie von der freundlichen Aufnahme bei der Vesper im Speisesaal: „Liebenswürdig nahmen sich sofort einige von ihnen [den anderen Kandidatinnen] meiner an und erklärten mir alles, was ich wissen mußte oder wollte. Ich war ihnen dankbar dafür; denn ich hielt es für natürliche, herzliche Kameradschaft. Später freilich erkannte ich meinen Irrtum: Es war alles nur Drill und von wahrer Güte wenig zu finden: Bigotterie paarte sich mit Stolz, Selbstsucht mit dem Ehrgeiz, vor den Oberen schön dazustehen und als angehende Heilige bewundert zu werden.“

Das führt mich zu der Frage, wie stark dauernde Beobachtung und Beurteilung, sei es in kirchlichen Konvikten oder auch in der Schule, den Charakter deformieren kann und wie man sich vor solcher Beobachtung schützen muss – hierzu gibt Stanislaw Lems Bericht wertvolle Hinweise. Aber das ist ein ganz anderes Thema – oder doch nicht? Ist es nicht ein genuines Thema der Jugend, sich der Kontrolle zu entziehen?

Kindheiten (1974) – gelesen

Das Buch besteht aus Auszügen von 27 Autobiografien; herausgegeben hat es Ursula Voß 1974 (Gertraud Middelhauve Verlag), über die ich keine Information finden konnte. Solche Lebensberichte schreiben Menschen, die entweder von ihrer eigenen Bedeutung überzeugt sind, die gern aus ihrem Leben erzählen oder die reflektieren, wie sie die geworden sind, die sie sind. Als Herausgeber sollte man sich fragen, ob die Erzählungen für Leser interessant oder bedeutsam sind.

Nun macht es einen Unterschied, ob man sich das 1974 oder 2022 fragt; in den 48 Jahren haben manche Sterne von 1974 ihren Glanz verloren oder sind erloschen. In dem Sinn kann ich die Erinnerungen der Valeska Gert oder der Lady Diana Cooper überschlagen, ohne etwas zu verpassen. Wegen ihres Stils haben mich Clemens Brentano und vor allem der eitle Egozentriker Rousseau abgestoßen.

Montaigne, den ich sehr schätze, hatte mit seiner totalen Unterweisung in Latein eine so ungewöhnliche Kindheit, dass sie völlig aus dem Rahmen fällt, auch zeitlich; denn auf ihn folgt die Prinzessin Wilhelmine von Preußen aus dem 18. Jahrhundert. Deren Erinnerungen sind von Namen bestimmt, die heute keiner kennt, und sie sind durch die Herausgeberin derart zerstückelt, dass man kaum einen Überblick gewinnen kann. – Damit ist eine Schwäche des Buches benannt: Viele der Texte bräuchten Erläuterungen, damit sie verständlicher würden; wenn man Texte aus einen großen Zusammenhang herausschneidet, sollte man auch den Kontext kurz beschreiben.

Es gibt jedoch eine Reihe begnadeter Erzähler, deren Erinnerungen man förmlich verschlingt; zu ihnen gehören Casanova, Chateaubriand, Friedrich Hebbel, Theodor Fontane, Harry Graf Kessler und Klaus Mann. Außerordentlich reflektiert erzählen Sartre, Simone de Beauvoir und wieder Graf Kessler, dessen Erinnerungen ich bald in Gänze lesen werde. Der jüngste der ausgewählten Autoren ist Peter Jakir (1923-1982), dessen „Kindheit in Gefangenschaft“ einen beeindrucken kann.

Insgesamt kommen Menschen aus der Oberschicht zu Wort. Andere Kindheiten findet man in Büchern wie in dem von Friedrich G. Kürbisch herausgegebenen Lesebuch „Wir lebten nie wie Kinder“ (Berlin/Bonn 1979).

Träume brauchen nicht viel Platz (1984) – gelesen

Gestern und heute habe ich noch einmal „Träume brauchen nicht viel Platz. Wunschträume 1918-1948“, herausgegeben von Angelika Kutsch (1984), gelesen. 16 Autorinnen kommen zu Wort, oft mit Träumen aus ihrer eigenen Vergangenheit, einige sicher auch mit literarischen Fiktionen. Einerseits spiegelt sich darin die Vergangenheit, die teilweise bis an die Gegenwart meiner Kindheit reicht, da ich 1948 in die Schule gekommen bin; anderseits sind es Träume, wie wir alle sie haben, zumeist von Kindern, auch von Jugendlichen und von einer älteren Frau, die eigentlich immer Träume vom Glück sind – vom Glück in den verschiedensten Gestalten.

Ernestine Koch, die man leider nicht im Internet findet, berichtet von ihrem Wunsch, „lesen zu lernen und alle Herrlichkeiten, die ich in den Büchern verborgen wußte, selber herauszuholen“. Und sie berichtet von einem Wunschtraum, der sich erfüllte: dass ihr Vater an Fronleichnam den „Himmel“ tragen durfte, weil die Honoratioren es nach 1933 vorzogen, auf dieses alte Vorrecht zu verzichten, bis sie nach 1945 mit anderen Parteibüchern wieder auftauchten. „Seither habe ich keine Wunschträume mehr. Aber immer, wenn ich, wie ehedem, den Kopf in die Hand stütze, um zu lesen, entsteht eine bunte Welt aus tausend Gedanken, die sich freilich an der Wirklichkeit messen lassen muß.“ Aus ihrem Text stammt auch der Titel: In einer ärmlichen Welt „scheint wenig Platz zu sein für Kinderträume. Aber Träume brauchen nicht viel Platz. Sie sind luftige Gebilde, die auf den Wolken von Zeit und Ruhe schweben.“

Christine Brückner berichtet, wie sie Missionarsfrau werden wollte; später fingen alle Träume mit dem Satz an: „Wenn der Krieg vorbei ist.“ „Und was ich heute träume? Ach, man wird mich auslachen, wenn man es liest. Ich träume davon, dass ich einmal einen Satz schreiben werde, der alle Menschen klüger macht!“

Kerstin Thorvall, eine von drei schwedischen Autorinnen, erzählt, wie sie sich zuerst eine kleine Schwester wünschte; wie sie später Modezeichnerin werden wollte; wie sie auf den Prinzen hoffte, der sie erwählte, obwohl sie nicht hübsch war. Auf der Schule für Werbe- und Modezeichnen lernte sie dann einen Jungen kennen, der ihr Prinz wurde und mit dem sie viele Kinder bekam. „Aber einiges kam ja auch, wie ich es mir nicht vorgestellt hatte. Der Prinz und ich lebten nicht glücklich bis ans Ende unserer Tage, und nachdem ich zehn Jahre lang Modezeichnerin gewesen war, fing ich an, Bücher zu schreiben. Aber immerhin…“

Einige der Erzählungen sind ein wenig konstruiert oder bemüht pädagogisch (etwa vom Kontakt mit einem Kommunisten und einem jüdischen Jungen im Dritten Reich); Mirjam Pressler erzählt, wie Sophies Schwester einen Hahn klaute, damit sie endlich einmal sich satt essen konnten. Hervorgehoben seien noch die Erzählungen von Renate Welsh, die Pfarrer werden wollte, weil man dann vermeintlich fliegen kann; von Ilse Kleberger, die mit ihrer 17jährigen Freundin im Krieg von einer Fahrt auf eine Insel im Süden träumte, die sie später allein erreichte, während ihre Freundin sich 1945 im Taumel der Freiheit von einem Trupp russischer Soldaten mitnehmen ließ; von Otti Pfeiffer, die nach dem Krieg irgendwie an eine Stelle als Volontärin bei einer Zeitung gekommen war und dann rausgeschmissen wurde, weil ihre Anstellung nicht ordnungsgemäß verlaufen war. An diesen beiden Beispielen sieht man, dass auch erfüllte Träume Wunden und Narben zurücklassen können.

Cornelia Krutz-Arnold ist als einzige Autorin nach dem Krieg geboren, 1950; so kann sie eigentlich nicht von Wunschträumen 1918-1948 berichten, und ihre Erzählung von der Gerti geschenkten und von ihr versteckten Schreibmaschine passt zwar mit der Härte der Eltern, aber nicht mit einer unbemerkt versteckten Schreibmaschine in die Zeit vor 1948. Und Jutta Radels Nina, die verschiedene Seiten an ihrer Mutter Verhalten unterscheiden kann, halte ich für ein unrealistisch altkluges Konstrukt.

Insgesamt: ein Buch, das sich auch heute noch zu lesen lohnt; dagegen sind ältere empirische Studien wie etwa Horst Speicherts „In tausend Spiegeln. Jugendliche und Erwachsene 1985“, herausgegeben vom Jugendwerk der Deutschen Shell, heute einfach überholt.

Wer ist Herr K.? Kritische Fragen zu Geschichten vom Herrn Keuner

In den Geschichten vom Herrn Keuner ist die Hauptperson Herr Keuner, der Fragen von Mitmenschen gestellt bekommt oder Erklärungen abgibt. Er antwortet stets mit Weisheiten, die auch von Brecht stammen könnten (Wikipedia, 6/2022, unter „Inhalt“)

Da die Geschichten vom Herrn Keuner aus einzelnen, voneinander unabhängigen Geschichten bestehen, ist es schwierig, eine allgemeine Interpretation zu erstellen. (…) Die Geschichten vom Herrn K. spiegeln aber Brechts persönliche Meinungen und politische Ansichten wider. Darum wird Herr K. gerne auch als Spiegelbild Brechts gedeutet. (Wikipedia, unter „Deutung/Interpretation“)

Die Figur war zunächst als handelnde Person in das Stück [„Fatzer“, 1926] einbezogen und nahm im Verlauf der Bearbeitungen Brechts immer mehr die Rolle des kritischen Kommentators (im Sinne des epischen Theaters) ein. Herr Keuner wird als Denkender dargestellt, der nur wenig Empathie mit anderen Personen zeigt und darum eher unsympathisch wirkt. Er ist hilfsbereit, solange keine speziellen Opfer von ihm verlangt werden. Er beurteilt die Tugenden, die Menschen schätzen, als gut, weil sie nützlich sind, und nicht wegen irgendwelcher Gefühle. (Wikipedia, unter „Herr Keuner“)

Die Wikipedia lässt uns mit ihrem Artikel „Geschichten vom Herrn Keuner“ eher fragend als belehrt zurück. Ich wende mich den Keunergeschichten zu, die in den „Kalendergeschichten“ stehen und mir unangenehm aufgefallen sind, um meinerseits als kritischer Kommentator Herrn K.s Auftreten zu würdigen, der nach Walter Benjamin nur als denkender Vermittler (im Dialekt von Brechts Heimatstadt Augsburg spricht man „keiner“ als „koiner“) in Erscheinung tritt. (Wikipedia, unter „Literaturkritik“)

Freundschaftsdienste

In dieser Geschichte nennt Herr K. den „Freundschaftsdienst“ des alten Arabers „richtig, weil er keine besonderen Opfer verlangte“.

Die erste Frage an Herrn K. lautet: Wieso hat der Araber den drei jungen Leuten überhaupt einen Freundschaftsdienst geleistet? Richtig ist, dass dieser Dienst nur einfache mathematische Kenntnisse verlangte (½ + 1/6 + 1/9 = 17/18), so dass das Kamel, das er ihnen „zur Verfügung“ stellt, ihnen nicht (bzw. nur zum Rechnen) zur Verfügung gestellt wird.

Zweite Frage an Herrn K.: Was unterscheidet Freunde von Fremden? Das Kamel konnte er genauso gut Fremden „zur Verfügung stellen“, und die drei jungen Leute waren ja auch nicht seine Freunde, sondern Fremde.

Brecht  selber hat von seinen Freundinnen Margarete Steffin und Ruth Berlau ganz andere Dienste eingefordert, als Herr K. den drei drei jungen Leuten geleistet hat. Brecht kann also Herrn K.s Bewertung der Freundschaftsdienste nicht gutheißen. Und ich heiße sie auch nicht gut. Wer ist also Her K., ist er wirklich Spiegelbild oder Sprachrohr Brechts?

Gastfreundschaft

Wenn Herr K. Gastfreundschaft in Anspruch nahm, „bemühte er sich, sein Wesen so zu ändern, daß es zu der Behausung paßte“ (allerdings mit dem Vorbehalt, dass seine Vorhaben dadurch nicht gestört würden). Wenn er Gastfreundschaft gewährte, rückte er ein Möbel zum Gast passend zurecht. „Und es ist besser, ich entscheide, was zu ihm paßt!“ sagte er.

Wir haben hier Herrn K. als einen im Prinzip charakterlosen Menschen vor uns, der sich der Umgebung bedenkenlos anpasst (allerdings mit dem Vorbehalt…), der seinerseits dann auch nicht zögert, seine Gäste nicht als Subjekte, sondern als Verfügungsmasse zu behandeln. Aus der Gastfreundschaft ist die Freundschaft eliminiert, die „Gäste“ sind nur noch Gebrauchsgegenstände. Wer ist dieser Herr K.? (Einen Anklang an „Gastfreundschaft“ höre ich auch in „Über die Störung des ‚Jetzt für das Jetzt‘“.)

Wenn Herr K. einen Menschen liebte

Genauso wie seine Gäste behandelt Herr K. einen Menschen, den er liebt: Er macht sich einen Entwurf von ihm und will den Menschen seinem Entwurf anpassen: Imperialismus der „Liebe“.

Ich denke an Max Frischs Gegenentwurf: „Du sollst dir kein Bildnis machen“: „Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei.“ Wichtig ist auch, was Felix Schottlaender in seinem Buch „Des Lebens schöne Mitte“ über die Liebe schreibt – ich kann es nur aus dem Gedächtnis rekonstruieren: Im Stadium der Verliebtheit entwerfen wir ein Zauberbild der Geliebten und müssen dann mit der Zeit uns damit abfinden, dass sie dieses Zauberbild nicht ist, sondern ein Mensch mit Schwächen – wie ich selber. – Sowohl Frisch wie Schottlaender widersprechen dem Egomamen Herrn K.

Herrn K.s Lieblingstier

Nachdem Herr K. alle möglichen Gründe dafür aufgezählt hat, dass der Elefant sein Lieblingstier ist, folgt als letzter: „Er tut etwas für die Kunst: Er liefert Elfenbein.“

Das läuft darauf hinaus, dass der Elefant liebenswert ist, weil er verwertbar ist oder verwertbares Material liefert. Gegenüber einem Tier ist das eine verbreitete Einstellung. Sie zeigt, wer dieser Herr K. ist: Jedermann.

Das Altertum

Hier kritisiert Herr K. gerade, dass Menschen „als Gebrauchsgegenstände betrachtet wurden“ – das sei ein Merkmal des Altertums, und zwar des gegenwärtigen (kapitalistischen) „Altertums“, womit auf eine revolutionäre Hoffnung angespielt wird.

Hier stört mich nicht die Meinung Herrn K.s, sondern sein Gedankengang. Er betrachtet offensichtlich ein abstraktes Bild von Kannen und erkennt darin, dass die Maler die formlos gewordenen Dinge „wieder zurechtrücken“ mussten und die Kunden „ausgehungert nach Unbestechlichkeit“ waren. Darüber kann man diskutieren – aber jetzt erfolgt ein ideologischer Bruch: „Die Arbeit war unter viele verteilt, das sieht man an diesem Bild.“ Das halte ich für fragwürdig; und weil man aus der vorhin gelobten abstrakten Kanne kein Wasser ausgießen könnte, muss es „viele Menschen gegeben haben, welche ausschließlich als Gebrauchsgegenstände betrachtet wurden“. Diese Logik ist einfach absurd – hier verwirren kommunistische Träume (Brechts) den Gedankengang des Herrn K. (Auch in „Form und Stoff“ setzt Herr K. sich mit abstrakter Malerei auseinander.)

Der Gesandte

Diese Erzählung macht erzähltechnisch Schwierigkeiten. Zunächst wird erzählt, dass Herr K. das subversive Verhalten des fremden Gesandten richtig findet, weil dieser nur so Erfolg haben konnte. Dann wird berichtet, dass der Gesandte gemaßregelt wurde, „als er zurückkam“, was Herr K. ebenfalls billigt und mit der Vermutung begründet, jener habe sich an das gute Essen gewöhnt und den Verkehr mit Verbrechern fortgesetzt… Davon war jedoch nicht die Rede – er wurde gemaßregelt, „als er zurückkam“, nicht Monate später. Hier lässt der Erzähler Herrn K. unsauber argumentieren.

Herr K. rechtfertigt die Maßregelung dann in einer Metaphernreihe: eine tödliche Aufgabe übernehmen (und ausführen) – er starb – er wurde begraben (= streng gemaßregelt). Mit dieser Reihe liegt die Logik des Versagens im erfolgreichen Handeln selbst: Um die Aufträge seiner Regierung erfolgreich auszuführen (= tödliche Aufgabe), musste der Gesandte sich bei den Feinden anbiedern (= er starb), wofür er „da“ (= damals) zu loben, aber später zu tadeln (= begraben) war. Das ist eine echt dialektische (kommunistische) Betrachtung, nach der man gerade den erfolgreichen Gesandten maßregeln oder sogar liquidieren darf: Der Zweck heiligt die Mittel und verdirbt den Täter, so dass er auch ohne (vermutete) spätere Verfehlungen verurteilt werden kann. – Herr K. hat die Logik seiner Metaphern noch nicht zur Hand oder nicht verstanden, als er zunächst die Vermutung späteren Versagens des Gesandten äußerte.

Hungern

Zunächst sagt Herr K.: „Ich kann überall hungern.“ Damit weist er die Frage nach seinem Vaterland zurück. Dann korrigiert er seine Antwort: „(I)ch kann überall leben, wenn ich leben will, wo Hunger herrscht.“ Das heißt: Ich kann überall leben; ich habe kein Vaterland. Damit ist die Ausgangsfrage beantwortet.

Die folgende Unterscheidung: selber Hunger haben / dagegen sein, dass Hunger herrscht, trägt nichts mehr zur Beantwortung der Frage nach dem Vaterland bei, sondern klärt nur über das Wohlbefinden Herrn K.s auf. Die Logik, wie die beiden Teile der Erzählung zusammenhängen, bleibt mir verborgen.

Überzeugende Fragen

Hier spricht Herr K. als kommunistischer Funktionär, der von „unserer Lehre“ annimmt, „daß wir auf alles eine Antwort wissen“, was viele abschrecke. Er will „im Interesse der Propaganda“ (und nicht im Interesse der Wahrheit!) „eine Liste der Fragen aufstellen, die uns ganz ungelöst erscheinen“ (statt: sind).

Hier entlarvt Herr K. sich selbst – er ist meilenweit von Brechts „Lob des Zweifels“ oder dem Gedicht „Der Zweifler“ entfernt, ein zynischer Funktionär!

Fazit

Wer ist Herr K.? Das ist von Geschichte zu Geschichte verschieden; sicher ist er nicht einfach das Sprachrohr Brechts – das kann er sein („Wenn die Haifische Menschen wären“), aber er ist es nicht immer. Er ist einfach eine Figur, richtiger: ein bloßer Name ohne festen Charakter, dem man verschiedenste Einfälle und Geschichten anhängen kann. In „Der hilflose Knabe“ demonstriert er (dem Knaben und dem Leser), dass es sinnlos ist, bloß um Hilfe zu schreien, statt sich mit anderen Beraubten zu solidarisieren und gemeinsam vorzugehen; dadurch wird sein anscheinend zynisches Handeln zutiefst sinnvoll. Auch das gehört zu Herrn K.

https://nosologoethevlc.files.wordpress.com/2013/03/brecht-geschichten-keuner.pdf (Text)

https://monoskop.org/images/e/e0/Brecht_Bertolt_Geschichten_vom_Herrn_Keuner_1949.pdf (Herr K. in den „Kalendergeschichten“, Text)

http://www.g.eversberg.eu/DUpdf/BrechtKeuner.pdf (Textgeschichte einiger Geschichten)

https://literaturkritik.de/id/10199 (allgemeine Leseanweisung)

https://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/316016_soi_05_01.pdf (eine Interpretation bei Klett)

https://st-ursula-gk.de/export/sites/einrichtungen/gymnasium-st-ursula-geilenkirchen/der-unterricht/fach/Deutsch/.galleries/downloads/Brecht-Bertolt_Der-hilflose-Knabe.pdf (Interpretation „Der hilflose Knabe“)

https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichten_vom_Herrn_Keuner (Info)

Charles Dickens: Zwei Städte (1859) – gelesen

Boz (Ch. Dickens): Zwei Städte. Eine Erzählung in drei Büchern. Aus dem Englischen von Julius Heybt. Leipzig 1859

Die beiden Städte, die im Titel genannt werden, sind London und Paris. In London wird Charles Darnay von einem geschickten Anwalt und seinem Gehilfen Sydney Carton, der Darnay zum Verwechseln ähnlich sieht, davor bewahrt, in einem Hochverratsprozess aufgrund zweifelhafter Zeugenaussagen zum Tode verurteilt zu werden – in dem Zusammenhang hagelt es Kritik an der englischen Justiz und ihrer Neigung, fix Menschen vom Leben zum Tod zu befördern. Außerdem ist in London Tellsons Bank, bei der Lorry, ein älterer Herr, angestellt ist. Mit Lucie Manette fährt er nach Paris, um dort deren Vater, der sechzehn Jahre in der Bastille unschuldig gefangen war, in Empfang zu nehmen. Sie reisen mit ihm nach England; der geistig verwirrte Vater kommt nach und nach wieder zu sich und kann als Arzt arbeiten.

Darnay verliebt sich (neben anderen) in Lucie, heiratet sie und wird Vater zweier Kinder, von denen der Sohn stirbt. Darnay ist ein emigrierter französischer Adliger (Evrémonde), dessen Familie sich durch ihre Brutalität einen schlechten Namen gemacht hat. In diesem Zusammenhang wird das nutzlose luxuriöse Leben des französischen Königs und seines Adels gebrandmarkt. Darnay hat sich von seiner Familie losgesagt und auf sein Erbe verzichtet. Als ihn ein Hilferuf aus Frankreich erreicht, fährt er heimlich trotz mancher Bedenken in das von der Revolution erschütterte Paris; das Wüten der Revolutionäre und ihr unersättlicher Blutdurst wird ausführlich beschrieben.

Dort wird er verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Sein Schwiegervater kommt mit Lucie, Lorry und zwei Angestellten nach Paris. Als ehemaliger Bastillengefangener, der von seinem früheren Angestellten Defarge 1789 befreit und versteckt worden war, kann er seinen Schwiegersohn frei bekommen; doch aufgrund einer zweiten Anzeige der Frau Defarge, deren Familie von der Familie Evrémonde aufs schlimmste geschändet worden war, wird er erneut verhaftet. Am Tag seiner Hinrichtung kommt Carton in seine Zelle, tauscht mit ihm die Kleider und geht aus Liebe zu Lucie für deren Mann gefasst in den Tod. Manette, seine Familie und die Angestellten können entkommen.

Ich habe den spannenden Roman mit Freude gelesen, weil sich die Zustände in England und Frankreich im späten 18. Jahrhundert anschaulich im Schicksal der Figuren spiegeln. Eine gewisse Melodramatik und die Tatsache, dass das Selbstopfer Cartons frühzeitig angekündigt wird, legen sich wie ein leichter Schleier über das großartige Bild zweier Städte im 18. Jahrhundert.

https://archive.org/details/bub_gb_a7YOAAAAQAAJ/page/n9/mode/2up?view=theater (Text)

https://www.projekt-gutenberg.org/dickens/2staedte/chap001.html (Text)

https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/eine-geschichte-aus-zwei-staedten/16241 (große Übersicht)

https://at.inbel.org/1513-a-tale-of-two-cities.html (kürzer)

https://www.meineleselampe.de/eine-geschichte-aus-zwei-staedten/ (etwas breiter)

https://www.lostinfactsandfiction.de/a-tale-of-two-cities/ (kurze Besprechung)

 

Charles Dickens: Die Pickwickier (1837)

Ich habe das Buch in der Übersetzung von Carl Kolb (1841) gelesen; an manchen Stellen merkt man, dass wir heute anders sprechen. So habe ich länger über „steuerbare Sachen“ nachgedacht, die es nach einer Wahl billig gab. Schließlich habe ich das Rätsel dahin gelöst, dass es sich um zu versteuernde (oder zu verzollende) Gegenstände handelte, die schwarz verkauft wurden. Aber das nur am Rande.

Ich habe nur das erste Bändchen von dreien gelesen; aber schon in der Mitte und erst recht am Ende dieses Bandes ist klar, nach welchem Muster die Erzählung gestrickt ist: Der Erzähler greift angeblich auf die Aufzeichnungen Pickwicks zurück, die dieser auf seiner großen Reise im Auftrag des Clubs unternommen hat. So kommt man von einem Ort zum anderen, zu immer neuen Leuten und in neue Situationen, in denen oft die gleichen komischen Sachen passieren: Liebesgeschichten, Betrügereien, Verehrung des großen Denkers Pickwick, Unfälle und dergleichen mehr, dazu eingeschobene Erzählungen fremder Personen – was man eben zur harmlosen Unterhaltung erzählen kann.

Samuel Pickwick hatte 1817 den Pickwick-Club gegründet, nachdem er seine speculativen Untersuchungen über die Quelle der Fischteiche von Hampstead nebst einigen Bemerkungen über die Theorie des Froschsprungs“ vorgetragen hatte. 1827 brach er mit einigen Gefährten zu einer großen Forschungsreise (ohne erklärtes Ziel) auf, und am Ende des ersten Bandes ist das Jahr 1830 erreicht, ohne dass man es wirklich gemerkt hätte. Wäre die Erzählung ein Theaterstück, würde man sie eine Komödie nennen; von der Bedeutung Pickwicks wird nicht ohne leise Ironie gesprochen, und an manchen Stellen erscheint die Erzählung als reine Satire – so etwa der Bericht von der Wahl im offensichtlich fiktiven Ort Catansville (14. Kapitel), bei der es nicht ohne Lügen, Schlägereien und Stimmenkauf (nebst Schmuserei eines Pickwickers am Rande) zugeht.

Weil es so schön ist, will ich zum Schluss das Gedicht der kunstverständigen Frau Hunter vom sterbenden Fröschlein (Kap. 16) zitieren:

Kann ich ohne inn’res Leiden

Seh’n dich unter Grausamkeiten

Elend, jämmerlich verscheiden?

     Nein, ich wein’

     Sterbend Fröschlein!

Sprich, ob ruchlos wilde Knaben

Schreiend dich aus deinem Graben

Mit dem Hund vertrieben haben?

     Pein, o Pein,

     Sterbend Fröschlein!

Dass Pickwick als Stargast einer Matinee der Frau Hunter, bei der das Essen nur für die Hälfte der Gäste reicht, das Gedicht lobt, versteht sich von selbst, und dass die Lektüre eines Bandes der Pickwickier genügt (es sei denn, man wüsste überhaupt nicht seine Zeit herumzukriegen), kann man sicher auch verstehen.

„Außenseiter“ im Alphazet

AUSSENSEITER

A Wer außerhalb der Zäune läuft, der gewinnt kein Rennen, auch wenn er schneller läuft als die anderen. Der Grund: Es gilt nicht. Warum läuft er überhaupt, wenn es doch nichts zu holen gibt? Die Antwort ist einfach. Die Lust an der Bewegung hält ihn am Laufen. Warum nicht innerhalb der Umzäunung, also dort, wo es gilt? Vielleicht deshalb, weil er Zäune nicht mag. Vielleicht läuft er in einem anderen Rennen, dessen Regeln, auch wenn das Gros seiner Mitmenschen sie nicht kennt, ebenso streng oder strenger sind als die der professionellen Läufer. Nicht jeder, der die übliche Professionalität für sich ablehnt, ist deshalb ›unprofessionell‹. Der eine findet sich vor einem größeren Richter wieder, den anderen verschlingt die eigene Nichtigkeit. Die Figur des Richters ist unserem Denken so eigen, dass es sich verantworten muss – auch dort, wo es jede Verantwortung ablehnt. Man könnte diesen Gedanken anschärfen, indem man sagte: Erst wer jede Verantwortung von sich weist, steht in der Verantwortung, aus der einen niemand befreit.

Das ist ein Artikel aus dem Buch „Das Alphazet“, einer Sammlung von Betrachtungen Ulrich Schödlbauers oder Aphorismen oder Polemiken oder wie man es nennen will – auf das ich hier hinweisen, aufmerksam machen möchte, die nach alphabetischer Ordnung oder auch beliebig kreuz und quer gelesen werden können. Zum Alphazet siehe den Artikel http://www.actalitterarum.de/theorie/mse/enz/enza06.html!

H. Steffen: Mein langer Weg vom Paulus zum Saulus. Lebenserinnerungen (2022)

Bevor er den Kirchenkritiker Karlheinz Deschner unterstützte und die Giordano-Bruno-Stiftung gründete, war Herbert Steffen ein strenggläubiger Katholik. In seiner gerade erschienenen Autobiografie schildert er seinen langen Weg vom „frommen Paulus“ zum „freigeistigen Saulus“ – die Geschichte eines Mannes, der spät, aber nicht zu spät, „gottlos glücklich“ wurde und die Giordano-Bruno-Stiftung mitbegründete.

Eine ausführliche Inhaltsangabe findet man auf der Seite der Stiftung. https://www.giordano-bruno-stiftung.de/meldung/vom-paulus-zum-saulus; dort kann man auch das Buch herunterladen. In vielerlei Hinsicht ist der Weg des Herbert Steffen typisch: aus der Enge des katholischen Milieus heraus in die Weite freien, aufgeklärten, skeptischen und wissenschaftsfreundlichen Denkens und Handelns.

Chr. Reuter: Schelmuffsky – gelesen

Wenn man durch eine umfangreichere Geschichte der deutschen Literatur blättert, zum Beispiel die von Scherer, stößt man auf Christian Reuters „Schelmuffsky“. Darin wird von den Reisen des Helden in Ich-Form berichtet – lauter Lügen und angebliche Erlebnisse, beginnend mit seiner vorzeitigen Geburt, seiner unnütz und flegelhaft verbrachten Jugend, dann seinen großen Erfolgen bei schönen Frauen und seinen gefährlichen Abenteuern und Kämpfen mit dem Degen, und alles erkennbar Satire: wie er von Indien durch das Mittelmeer und die Ostsee nach England fährt, wie er in Rom einem alten Mann im Petersdom die stinkenden Füße küsst und alle Beschwerden durch einen Eimer Bomolie (minderwertiges Olivenöl) lindert…

Ein originelles Buch, das zu lesen sich lohnt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Schelmuffsky (dort auch Hinweise auf mehrere Textausgaben)

https://www.fr.de/kultur/wahres-schandmaul-11319337.html (Besprechung)

https://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Reuter_(Schriftsteller)#Werke (Christian Reuter, 1665 – nach 1712)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz76279.html#adbcontent (dito)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz76279.html#ndbcontent (dito)

https://www.projekt-gutenberg.org/reuterc/schelmuf/schelmuf.html (Text, daneben andere Ausgaben)

https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/46665/pdf/Mueller_Einfallslosigkeit.pdf?sequence=1&isAllowed=y (Untersuchung zum Erzählstil)

https://www.geistsoz.kit.edu/germanistik/downloads/Der%20Gro%C3%9Fe%20Mogol%20oder%20der%20Vater%20der%20L%C3%BCgen%20des%20Schelmuffsky_ZfdPh_2007.pdf (Untersuchung: Parodie des Reiseberichts)