Matthias Claudius: Der Tod und das Mädchen – Analyse

Vorüber! Ach, vorüber! …

Text

http://gutenberg.spiegel.de/buch/5209/23

Das Gedicht ist erstmals 1774 veröffentlicht worden. Das Gedicht ist in der Vertonung durch Franz Schubert eines der bekanntesten deutschen Kunstlieder.

Zur Interpretation ist das Wesentliche im Wikipedia-Artikel gesagt (s. ersten Link). Ich erwähne es hier nur, um noch einmal die rhetorischen Möglichkeiten der Personifikation bewusst zu machen (s. dazu meine Analyse von „Ein Lied hinterm Ofen zu singen“, vgl. auch das Gedicht „Der Tod“). Im Gedicht vom Tod und dem Mädchen sprechen die beiden miteinander: Das Mädchen kann seine Angst artikulieren; vor allem aber kann der Tod als Person das Mädchen vor seinem Tod beruhigen (und so Trauernde anschließend trösten). Er stellt nämlich verbreitete, Angst erzeugende „Irrtümer“ über den Tod richtig: Ich bin nicht …, du sollst im Tod ruhig schlafen. Mit der Metapher vom Tod als Schlaf (gebunden an den Kontrast: wild/sanft: Kontrastierung als rhetorisches Programm des Todes, vgl. vorüber gehen/die Hand geben; Knochenmann/Freund; [Angst haben]/guten Mutes sein; nicht anrühren/in den Armen schlafen) wird ein Übriges getan, um den Schmerz des endgültigen Verlustes zu mildern: Im Schlaf ist man ja selber noch da, wenn auch in einem anderen Zustand. So bereitet der Mensch, hier Matthias Claudius, sich in seinen Symbolen eine neue Bilderwelt, in der er die Schrecken der Welt leichter ertragen kann.

http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Tod_und_das_M%C3%A4dchen_(Gedicht) (Interpretation, mit Text)

http://www.lyrik-und-lied.de/ll.pl?kat=typ.show.poem.histcomm&ds=2621&start=0

http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/5803/pdf/Claudius_Aufsatz_2002_2008.pdf (Bilder des Schlafes und des Todes bei Matthias Claudius und seinen Zeitgenossen)

http://www.wisskirchen-online.de/downloads/schubertdertodklausur1988.pdf (Klausur zu Gedicht und Lied)

Vortrag

http://media3.roadkast.com/sprechbude/tod_und_das_maedchen_claudius_grokow_maasch.mp3 (dramatisiert)

http://www.youtube.com/watch?v=XOrKRB_vczc (Schubert: W. Ruttkowski)

http://www.youtube.com/watch?v=5ioezoC8lEI (Schubert: Maria B.)

http://www.youtube.com/watch?v=vKh4JsWvsPw  (Schubert: Christa Ludwig)

http://www.youtube.com/watch?v=UjqkGZGLyCE (Schubert: Julia Berta Culp)

http://www.youtube.com/watch?v=N3HDjIUB9NI (Schubert: Jessye Norman)

http://www.youtube.com/watch?v=cSymzgqaA6s  (Schubert: Aafje Heynis)

http://www.youtube.com/watch?v=NJ1m72JxrQE (Schubert: Thomas Quasthoff) u. viele andere bei youtube!

Sonstiges

http://www.vorleser.net/hoerbuch.php?id=claudius_boysen (Claus Boysen liest M. Claudius)

http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Tod_und_das_M%C3%A4dchen_(Lied) (das Lied: Schubert)

http://peedaschul.ohost.de/K12,1/Musik%20GK/Der%20Tod%20u%20das%20M%E4dchen%20(aufgaben).PDF (Aufgaben zum Lied)

http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Tod_und_das_M%C3%A4dchen (bildende Kunst)

http://www.mutopiaproject.org/ftp/SchubertF/D531/SchubertF-D531_DerTodUndDasMaedchen/SchubertF-D531_DerTodUndDasMaedchen-a4.pdf (Noten: Schubert)

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Matthias Claudius: Die Liebe – Analyse

Die Liebe hemmet nichts …

Text

http://www.zeno.org/Literatur/M/Claudius,+Matthias/Gedichte+und+Prosa/Asmus+omnia+sua+secum+portans/Sechster+Teil/Die+Liebe

Das Gedicht, in Asmus VI hinter „Der Tod“, ist 1798 erschienen. Heute wird es gern als Hochzeitsspruch gebraucht oder als das schönste Liebesgedicht des Nordens von NDR-Hörern gekürt.

Ein ungenannter Sprecher belehrt über die Liebe, indem er sie preist. Zwei Aussagen macht er in den vier Versen: Die Liebe hemmet nichts (V. 1); sie ist ewig (V. 3 f.). Das ist höchst allgemein, ist ohne Begründung vorgetragen, ist an das Bild der Figur (Person) Liebe gebunden – diese besitzt Flügel, schlägt ihre Flügel: ihre Haupttätigkeit. Damit haben wir die Stichworte, die man weiter verfolgen kann: Personifikation der Liebe, geflügelter Eros, Lobpreis der Liebe.

Zur Personifikation ist einiges beim Gedicht „Ein Lied hinterm Ofen zu singen“ gesagt (mit Links). Die wesentlichen Aussagen über den Eros finden Sie auf der Seite http://www.zeno.org/Meta/Eros+(Mythologie). Der Lobpreis der Liebe ist ein altes europäisches Thema, mit zwei Hauptdokumenten in Platons Symposion und im 1. Korintherbrief des Paulus (1 Kor 13), s.u.

Form: vier Verse im Jambus, abwechselnd sechs Takte mit weiblich nachklingender Silbe plus drei Takte, Kreuzreim. „dringt sich durch …“ ist eine ungewöhnliche Wendung; „dringt durch …“ entspräche eher dem Sinn, „drängt sich durch …“ wäre eine Möglichkeit – das „sich“ verdankt sich vermutlich dem Takt und dem Reim. „ewig“ wird in „ewiglich“ wiederholt (V. 3 f.). Durch die Voranstellung des Objekts „Die Liebe“ (V. 1, Inversion) wird das bereits in der Überschrift vorgestellte Thema hervorgehoben.

Der hohe Lobpreis, verbunden mit großer Unbestimmtheit und einfachster Gedankenführung, ist vermutlich eine Bedingung für den großen Erfolg des kleinen Gedichts.

http://www.ph-heidelberg.de/wp/haerle/download/Haerle_LiebLyr_310306.pdf (G. Härle: Lyrik – Liebe – Leidenschaft, S. 9)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=7bcT1B2jNxw (Musik von S. Zabransky, ohne Text)

Eros, geflügelt

http://www.zeno.org/Meta/Eros+(Mythologie) Eros (mehrere Lexika)

http://www.greek-gods.info/deutsch/griechische-goetter/eros/

http://universal_lexikon.deacademic.com/76939/Eros

http://www.canstockphoto.de/eros-piccadilly-zirkus-8042511.html (Bild vom Piccadilly)

http://www.canstockphoto.de/eros-piccadilly-zirkus-8042497.html (dito)

http://www.skulpturhalle.ch/uploads/pics/eros_mahdia.jpg (Eros von Mahdia)

http://www.cahn.ch/exhibitions/catalogues/12-12/images_web/11028-1.jpg (Mosaik mit segelndem Eros, römisch, um 200)

http://www.buergerzeitung-duisburg.de/2012haje%20bilder/eros1.jpg (Eros auf Delphin, Sammlung Köhler-Osbahr, Duisburg))

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Fl%C3%BCgel (Symbol: Flügel)

http://daimon.myzel.net/Engel (Engel)

Sonstiges

http://www.deutsche-liebeslyrik.de/europaische_liebeslyrik/europaische_liebeslyrik.htm (Europäische Liebeslyrik)

http://www.gedichtepool.de/thema/liebe.htm (Liebesgedichte)

http://www.gedichte-fuer-alle-faelle.de/liebesgedichte/index.php?fnr=362 (dito)

http://www.gottwein.de/Grie/plat/sympos_komp01.php (Platon: Symposion, Aufbau)

http://www.zeno.org/Philosophie/M/Platon/Das+Gastmahl (Platon: Symposion, Text)

http://de.wikipedia.org/wiki/Hohelied_der_Liebe_(1._Korinther_13) (1 Kor 13)

http://www.die-bibel.de/online-bibeln/einheitsuebersetzung/bibeltext/bibel/text/lesen/stelle/56/130001/139999/ch/eccf82e8c3f95a185799c478af64f320/ (1 Kor 13)

http://gedichte.xbib.de/Claudius_gedicht_An+Frau+Rebekka,+bei+der+silbernen+Hochzeit,+den+15.+M%E4rz+1797.htm (Claudius: An Frau Rebekka)

http://www.scm-shop.de/fileadmin/mediafiles/scm_shopproduct/PDF/331107000_Leseprobe.pdf (Familiengeschichte der Claudius, garniert mit Gedichten)

Matthias Claudius: Der Tod – Analyse

Ach, es ist so dunkel in des Todes Kammer …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=46

http://www.zeno.org/Literatur/M/Claudius,+Matthias/Gedichte+und+Prosa/Asmus+omnia+sua+secum+portans/Sechster+Teil/Der+Tod

Das Gedicht ist 1798 erschienen.

Ein erlebendes Ich, das sich in seinen Wahrnehmungen und Wertungen bemerkbar macht, beschreibt, was es „in des Todes Kammer“ (V. 1) erlebt; der Tod wird personifiziert, das macht ihn als handelnde Figur wahrnehmbar. Das Sprecher-Ich beschreibt, was gerade („nun“, V. 3) geschieht: Der Tod schlägt mit seinem schweren Hammer die Stunde – die letzte Stunde, muss man angesichts des Todes sagen. Das Bild vom „Stunde Schlagen“ stammt aus der Zeit, wo die Zeit alle volle Stunde durch einen Glockenschlag im Kirchturm angezeigt wurde. Wenn die Stunde für etwas geschlagen wird, dann ist dessen Zeit um; als Kinder mussten wir beim Abendläuten um 19.00 Uhr („die Abendglocke“) zu Hause sein oder nach Hause kommen. Wenn jemandem die letzte Stunde schlägt (angeschlagen wird), dann kommt der Tod – eine geläufige Wendung.

Das Sprecher-Ich klagt: „Ach“; denn was es erlebt, ist bedrückend. Dunkel ist es in des Todes Kammer (V. 1); das ist metaphorisch die Wohnung des Todes, sachlich das Grab. Und wenn er selber die Stunde schlägt, dann tönt es „traurig“ – eine Bezugsgruppe wird nicht genannt, gemeint ist also derjenige, der diesen Glockenschlag als seinen letzten hört.

Form: Die vier Verse stehen im Trochäus, sind ernst und gemessen zu sprechen; sie sind im Kreuzreim verbunden. Der erste Vers weist sechs Takte auf, der 2. fünf (mit männlicher Kadenz, als um eine Silbe verkürzt: leichtes Innehalten der Stimme), der 3. fünf und der 4. drei, wiederum um eine Silbe verkürzt. Die Reduktion auf drei Takte lässt für den Leser/Hörer in der Erwartung der beiden fehlenden Takte eine Pause entstehen: eine Besinnungspause.

Das Gedicht ist eher ein Sinnspruch, konventionell in der Bildlichkeit und Personifikation des Todes; eine kleine Gelegenheitsarbeit. Vielleicht erleichtert die Personifikation des Todes in einem mythischen Weltbild das Sterben, macht es begreifbar?

http://www.zeit.de/1960/47/der-tod

https://norberto42.wordpress.com/2013/03/08/matthias-claudius-der-tod-und-das-madchen-analyse/ (M. Claudius: Der Tod und das Mädchen)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=cXFqPoUTpwo

Sonstiges

http://www.youtube.com/watch?v=F940rwC-A3k (interpretierende Verfilmung)

http://www.gedichte-fuer-alle-faelle.de/trauergedichte/index.php?fnr=385 (Gedichte an den Tod)

http://www.gedichte-fuer-alle-faelle.de/trauergedichte/index.php?fnr=375 (ähnlich)

http://www.gedichte-fuer-alle-faelle.de/trauergedichte/index.php?fnr=110 (ähnlich)

http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/5803/pdf/Claudius_Aufsatz_2002_2008.pdf (Bilder des Schlafes und des Todes bei Matthias Claudius und seinen Zeitgenossen)

Matthias Claudius: Urians Reise um die Welt, mit Anmerkungen – Analyse

Wenn jemand eine Reise tut …

Text

http://meister.igl.uni-freiburg.de/gedichte/cla_m03.html

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=413

Vertont wurde das Gedicht nicht nur von Ludwig Berger und Beethoven, erschienen ist es 1786.

Urian ist bzw. war der fiktive Eigenname eines jeden Mannes, „vor welchem man wenig Achtung an den Tag legen will, besonders, wenn man seiner in einem Falle gedenkt, wo man ihn nicht erwartete“ (Adelung).

Herr Urian erzählt von einer Weltreise, die er unternommen hat; ein Chor (Tutti) kommentiert seine Erzählung nach jeweils vier Versen mit dem Refrain: „Da hat Er gar nicht übel dran getan; / Verzähl er doch weiter Herr Urian!“ (Das sind die Anmerkungen, die im Titel erwähnt werden – dort müsste „mit Anmerkungen“ kursiv gesetzt sein, was mir in diesem Blog technisch nicht möglich ist.) Herr Urian erzählt von seiner Reise zum Nordpol, nach Grönland, nach Amerika, Mexiko, Asien, China und Bengalen, Java, Otaheiti (eine der Gesellschaftsinseln) und Afrika. Überall stellt er sich jedoch dumm an, alles misslingt ihm oder er findet nichts Gutes – trotzdem fordert die dumme Menge (Tutti!), er solle weitererzählen. Schließlich ist das Fazit seiner Reise, dass er es überall so gefunden hat „wie hier,

Fand überall ’n Sparren, 


Die Menschen gradeso wie wir, 


Und eben solche Narren.“

Darauf, obwohl das die wesentliche Erkenntnis seiner Reise ist, ändern Tutti den Refrain und sagen zum Schluss:

„Da hat Er übel übel dran getan; 


Verzähl Er nicht weiter Herr Urian!“

Die Form ist einfach: Volksliedstrophe für Urians Erzählung (Jambus, Kreuzreim, Wechsel vier- und dreihebiger Verse mit männlicher und weinlicher Kadenz). Der Refrain ist im ersten Vers ein fünfhebiger Jambus, der zweite ist vierhebig mit unsauberem Takt.

Das Gedicht kann nur als Satire auf die Reise- und Entdeckungslust der frühen Neuzeit oder als Parodie der Reiseliteratur verstanden werden; das zeigt sich vor allem in der Reaktion der Menge auf einen nichtssagenden Reisebericht, vielleicht auch in der Verbform Verzähl er doch (statt Erzähl er doch). Verzählen bedeutete auch um 1800  falsch zählen; doch setzt es die plattdeutsche Form vertelle ins Hochdeutsche, wodurch die Tutti entweder als dumme Menschen vom Land oder als solche, die an platten Verzellcher ihre Freude haben, ausgewiesen werden. Jedenfalls gehört die Reaktion der Tutti (neben dem Namen Urian) wesentlich zur Satire. Vielleicht ist der Titelzusatz „mit Anmerkungen“ bereits der erste Hinweis auf den satirischen Charakter des Gedichts; denn was die Tutti als „Anmerkungen“ von sich geben, sind ja beileibe keine Anmerkungen! Adelungs Wörterbuch verzeichnet als dritte Bedeutung von „Anmerkung“: „die Erläuterung einer dunkeln Stelle in dem Hauptsatze; Scholion. Ein Buch mit Anmerkungen heraus geben. Anmerkungen zu einer Schrift machen“. Aber selbst in der alltäglichen Bedeutung (Anmerkung = Bemerkung) wären die Anmerkungen reichlich deplatziert: Satire! – Der Eingangsvers ist eine Redewendung geworden („Wenn jemand eine Reise tut …“), die heute ohne jeden ironischen Beigeschmack gebraucht wird, oft als Kommentar zu unerwarteten Reiseerlebnissen.

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=4u-Yl62x1P0 (Beethoven)

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/Urian (Urian)

http://www.zeno.org/Wander-1867/A/Urian?hl=urian

http://library.musicaneo.com/de/data/sheetmusic/57092_1.pdf (Noten: Carl Friedrich Zelter)

Matthias Claudius: Ein Lied hinterm Ofen zu singen – Analyse

Der Winter ist ein rechter Mann …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=49

http://www.zeno.org/Literatur/M/Claudius,+Matthias/Gedichte+und+Prosa/Asmus+omnia+sua+secum+portans/Vierter+Teil/Ein+Lied

http://de.wikisource.org/wiki/Ein_Lied_hinterm_Ofen_zu_singen

http://www.claudius-matthias.de/claudiuseinlied/

http://www.medienwerkstatt-online.de/lws_wissen/vorlagen/showcard.php?id=3700

Das Gedicht wurde von Christoph Rheineck, Johann Friedrich Reichardt, Othmar Schoeck und Engelbert Humperdinck vertont; erschienen ist es erstmals 1783.

An diesem Gedicht kann man sehr schön zeigen, was Personifikation ist: die Vermenschlichung nichtmenschlicher Erscheinungen (Meyers 1908). „Die beseelende Apperzeption [= Personifikation] besteht darin, daß der Auffassende dem Gegenstand seiner Wahrnehmung menschliches oder menschenähnliches Denken und Fühlen verleiht, insbes. nicht beseelten Gegenständen Seele schenkt. Vor allem tritt die beseelende Apperzeption in dem Naturgefühl zu Tage: in dem mythologischen Naturgefühl primitiver Zeiten, wonach etwa Berg und Wald, Fluß und Hain, Baum und Strauch durch menschenähnliche göttliche Wesen beseelt gedacht werden; in dem sentimentalen Naturgefühl der modernen Zeit, das am mächtigsten durch Rousseau entwickelt worden ist, wird die unbeseelte Natur gleichfalls als mit Menschenleben ausgestattet, mitfühlend und teilnehmend gedacht. Die Beseelung kann sich aber auch auf Abstrakta, auf künstliche Gebilde der Menschenhand und andres beziehen.“ (Meyers 1905) Das sieht dann in diesem Gedicht so aus, dass der Winter ein kerniger Mann ist (1. Str.); dass er gesund ist (2., 3. Str.); dass er sich aus der lebendigen Natur nichts macht, aber die Kälte liebt (4.-6. Str.); dass er am Nordpol, aber im Sommer auch in der Schweiz (wo die Alpen sind) wohnt (7. Str.) und deshalb auf der Durchreise gelegentlich zu uns kommt (8. Str.). Damit haben wir in einem den Aufbau des Gedichtes beschrieben.

Wenn das Gedicht ein Lied ist, das hinterm Ofen zu singen ist (Überschrift), dann heißt das, dass wir auch bei grimmiger Kälte fröhlich sein sollen. Das Gedicht wird heute meistens als Kindergedicht gelesen; daher sollen für Kinder folgende Erklärungen gegeben werden:

V. 1 recht: richtig, gut

V. 2 kernfest: hat einen festen Kern

V. 4 weder Süß noch Sauer scheuen: er isst alles, stellt sich beim Essen nicht zimperlich an

V. 6 kranken: richtig krank werden (ein neues Wort, hier von „kränkeln“ abgeleitet)

V. 6 kränkeln: leicht (ein wenig) krank werden

V. 7 Nachtschweiß: bei Fieber

V. 7 Vapeurs: Dämpfe, die im Körper aufsteigen und Schwindel erzeugen (dachte man früher); eingebildete Krankheiten

V. 11 Fluß im Zahn: Zahnschmerzen

V. 12 Kolik: starke Schmerzen in einem Organ

V. 17 die Füchse bellen: vor Hunger, wegen der Kälte

V. 18 knittert: knistert

V. 19 Knecht und Herr: alle (selbst die Knechte müssen wegen der Kälte nicht arbeiten)

V. 20 zittert: des Reimes wegen im Singular (richtig: zittern)

V. 21 Stein und Bein: alles (Harte), selbst Steine und Knochen

V. 22 krachen: wenn das Eis darauf bricht

V. 24 Denn: Dann

V. 28 Schweizerland: Schweiz als Land der Alpen

V. 30 Regiment führen: (regieren,) nach dem Rechten sehen

V. 31 er zieht durch: auf der Reise vom Nordpol in die Schweiz zieht er bei uns in Deutschland durch.

Die Form der acht Strophen ist die Volksliedstrophe: vier Verse, im Jambus, abwechselnd vier und drei Hebungen, wobei im jeweils zweiten Vers nur eine Silbe fehlt (weibliche Kadenz), was eine kleine Pause mit sich bringt. Die Verse sind im Kreuzreim verbunden, jeweils zwei Verse bilden also ein Paar, meistens auch nach Satzbau und Sinn – nur in der 5. Strophe geht der Nebensatz über das Ende des zweiten Verses hinaus. Gelegentlich sind die ersten Silben eines Verses gegen den Takt betont (Kern-, Weiß, Haßt, Doch, Das, Da, Gut) was – zusammen mit dem Wechsel starke und schwacher Akzente (schwach sind z.B. „ist“, V. 1, und „auf“, V. 2, betont, usw.) im Takt – den eigentümlichen Rhythmus des Gedichts ausmacht.

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=cmbicNgFwKc (solide)

http://www.podcast.at/episoden/ein-lied-hinterm-ofen-zu-singen-mathias-claudius-9366888.html = http://www.sprechbude.de/ein-lied-hinterm-ofen-zu-singen-mathias-claudius/ = http://www.podcasters.de/episoden/ein-lied-hinterm-ofen-zu-singen-mathias-claudius-9366888.html

Sonstiges

http://www.uni-heidelberg.de/transculturality/personfikation_start.html (Personifikation)

http://www.li-go.de/prosa/rhetorik/personifikation.html (Personifikation)

http://www.hellenica.de/Griechenland/Mythos/Personifikation.html (Personifikation)

http://universal_lexikon.deacademic.com/41907/Personifikation (Personifikation)

http://m.schuelerlexikon.de/deu_abi2011/Personifikation.htm (Personifikation: Schülerlexikon)

http://www.zeno.org/Meyers-1905/A/Ästhetische+Apperzeptionsformen (Personifikation: eine der ästhetischen Apperzeptionsformen, wie man 1905 sagte)

http://www.bibelwissenschaft.de/nc/wibilex/das-bibellexikon/details/quelle/WIBI/referenz/34659/cache/26f02aedcc1feed4e0c105e69a995c78/ (Weisheit: Personifikation)

http://lists.gnu.org/archive/html/lilypond-user/2005-03/pdfULGkCBbyxr.pdf (Noten J. F. Reichardt)

Matthias Claudius: Der Mensch – Analyse

Empfangen und genähret …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=45

http://de.wikisource.org/wiki/Der_Mensch_(Claudius)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Claudius,+Matthias/Gedichte+und+Prosa/Asmus+omnia+sua+secum+portans/Vierter+Teil/Der+Mensch

http://www.kalliope.org/en/digt.pl?longdid=claudius2001102220

Das Gedicht ist 1783 im Asmus IV erschienen. Es ist ein besinnliches, lehrhaftes Gedicht; ein des Menschen (Überschrift!) kundiger Sprecher legt dar, was „Der Mensch“ für ein Wesen ist: ein Wesen voller Widersprüche.

Aufbau: Der (all)wissende Sprecher beschreibt die widersprüchliche Existenz des Menschen und blickt zugleich auf dessen Anfang und Ende. Am Beginn steht die Existenz in der Mutter, „wunderbar“ empfangen „und genähret“ (V. 1 f.); dann wird er geboren („Kömmt er“, V. 3). Darauf folgt die Beschreibung unserer so widersprüchlichen Existenz (V. 3-14). Die Widersprüche bzw. die Kontraste, die so Gegensätzliches in einer Existenz vereinen, sieht man leicht: sehen und hören und doch quasi blind den Betrug nicht wahrnehmen; begehren und doch verzichten müssen (Tränlein darbringen, V. 6), usw.; sich dabei immerzu quälen (V. 12) und darüber alt werden (V. 14). Zum Schluss blickt der Sprecher auf die Dauer dieses Lebens: höchstens 80 Jahre (V. 16) Das „etc.“ (et cetera = und so weiter) in V. 16 kann sich auf die Altersbeschwerden beziehen, die den Träger grauer Haare plagen und die aufzuzählen überflüssig ist: Jeder kennt sie. Es folgt der ernüchternde Abschluss: der Tod (V. 17; denn = dann); „Und er kömmt nimmer wieder.“ (V. 18)

Form: Diese illusionslose Beschreibung des menschlichen Lebens erfolgt in einer einzigen Strophe, im Jambus, dreihebig. Jeweils zwei Verse gehören auf besondere Weise zusammen, oft sinngemäß (V. 1 f.; 3 f.; 5 f.; 9 f.; 15 f.; 17 f.), manchmal auch nur im Rhythmus der Reime. Das Gedicht ist nämlich im Kreuzreim geschrieben, wobei das Reimpaar „genähret/wunderbar“ (V. 1/2) als unreiner Reim die ersten 16 Verse beherrscht; die beiden letzten Verse sind im Paarreim verbunden und markieren so den Abschluss. Der erste der jeweils zwei Verse enthält eine zusätzliche Silbe (weibliche Kadenz), wodurch am Ende dieses Verses eine kleine Pause nötig wird; am Ende des zweiten Verses ist die Pause länger, auch weil dort ein Semikolon oder Punkt den Satz schließen (mit einer Ausnahme: V. 2). – Eine Reihe erster Silben ist gegen den Takt betont (V. 3, V. 9 u.ö.), was dem Rhythmus ein eigenes Gesicht gibt.

Das Gedicht stimmt mich beim Lesen ein wenig nachdenklich – es sagt nichts Neues, macht aber die Zerrissenheit unserer Existenz bewusst; es ist nicht Matthias Claudius’ letztes Wort – das ist ein gläubiges Bekenntnis zum christlichen Gott. Man kann den Brief an seinen Sohn Johannes (s. unten) als gültigen Kommentar des Dichters zu seinem Gedicht lesen. Die Interpretation von Gerhard Kaiser (s. unten) stellt das Gedicht in seine Zeitgeschichte: „Auf biblische Reden von der Lebensmühsal und Hinfälligkeit zurückgreifend, macht Claudius eine generalisierende Aussage über den Menschen, die im schneidenden Gegensatz zur hochgemuten Anthropologie der klassischen Epoche steht. Dass der Mensch gut sei, durchklingt das Zeitalter, aber der Wandsbecker Bote scheint es nicht vernommen zu haben.“ 

http://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/347466_0027.pdf (G. Kaiser; die vollständige Interpretation in Gerhard Kaiser: Augenblicke deutscher Lyrik, it 978, 1987, S. 163 ff.)

http://litteratour.wordpress.com/2012/11/08/matthias-claudius-der-mensch/ (persönliche Rezeption einer „bibliophilen Philosophin“)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=8xhMWLhaW7w (laienhaft)

http://ia700402.us.archive.org/16/items/sammlung_gedichte_006_0903_librivox/sammlung_gedichte_006_06dermensch_rk.mp3 (gut) = http://www.nuttymp3.com/mp3/453043

http://www.deutschelyrik.de/index.php/der-mensch.html (Fritz Stavenhagen)

http://www.rezitator.de/gdt/823/ (Lutz Görner, mäßig)

Sonstiges

http://www.christoph-moder.de/texte/lebensregeln-claudius.html (Claudius’ Brief an seinen Sohn Johannes, 1799, quasi ein Kommentar zum Gedicht)

http://primanota.net/huub-de-lange/drei-claudius-lieder-der-mensch-sheets.htm (Noten Huub de Lange)

Matthias Claudius: Kriegslied – Analyse

‘s ist Krieg! ‘s ist Krieg! …

Text

http://de.wikisource.org/wiki/Kriegslied_(Matthias_Claudius)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Claudius,+Matthias/Gedichte+und+Prosa/Asmus+omnia+sua+secum+portans/Vierter+Teil/Kriegslied

Entstanden 1778, vertont von Wilhelm Ferdinand Halter, Othmar Schoeck, Salvador Ley und Huub de Lange.

Aufbau: In der 1. Strophe ruft das lyrische Ich entsetzt (zweimal) aus, dass Krieg ist; wendet sich hilfesuchend an Gottes Engel und bekennt, am Krieg „nicht schuld“ sein wollen (V. 3 f.). Dieser letzte Hauptsatz („und ich begehre / Nicht schuld daran zu sein!“ – die Negation „nicht“ muss zu „begehre“ gezogen werden, hinter „nicht“ müsste also ein Komma stehen) zieht die vier folgenden Strophen nach sich: Da wird fiktiv (Konjunktiv II) aus der Sicht eines am Krieg Schuldigen gefragt, was „ich“ (das lyrische Ich, als fiktiv Schuldiger) tun wollte, wenn die vom Krieg Betroffenen sich bei ihm im Schlaf beschweren kämen und wenn Hunger und Seuchen „mir zu Ehren krähten / Von einer Leich herab“ (V. 20). Die erste Hälfte der letzten Strophe schließt die vier voraufgehenden Strophen ab: Immer noch in der Rolle eines schuldigen Königs („Kron“, V. 21), dem als Kriegsgründe „Land und Gold und Ehre“ offenbar genügen, bekennt das Ich: „Die könnten mich [wenn ich König wäre] nicht freun!“ (V. 22) In den beiden letzten Versen wiederholt das Ich seine bereits geäußerte Abneigung, die Schuld für diesen Krieg tragen zu wollen (V. 23 f. = V. 3 f.); die beiden Verse bilden sozusagen den Rahmen des Gedichts.

Es gibt eine gute Interpretation des Gedichts im Netz, die ich im ersten Link nenne, die von Wolfgang Promies. Ich beschreibe deshalb nur kurz deren Inhalt, die Einzelheiten kann jeder nachlesen: Promies beschreibt einige fehlerhafte Auslegungen des Liedes (S. 103 f.), die Form (S. 104 ff.), die vom Ich beschriebenen Visionen (S. 106 f.), die Position des lyrischen Ichs (S. 107 f.); er zitiert die ursprünglich 7. Strophe, die Claudius erst 1783 für seine Sammlung „Asmus omnia sua secum portans, Vierter Teil“ gestrichen hat:

Doch Friede schaffen, Fried’ im Land’ und Meere:

Das wäre Freude nun!

Ihr Fürsten, ach! Wenn’s irgend möglich wäre!!

Was könnt Ihr Größers thun? (S. 107)

Promies reflektiert diesen Vorgang (S. 108) und seine Stellung im Werk des Matthias Claudius (S. 109 ff.); er stellt das Gedicht in den Kontext zeitgenössischer Äußerungen (S. 111 ff.) und nennt die relevante Literatur (S. 113 f.).

Zum Schluss zitierte ich zum Vergleich einige Gedichte von Claudius’ Freund Gleim, der als preußischer Parteigänger 1778 den gleichen Krieg dichterisch begleitete:

Gleim: Preußische Kriegslieder

Vom März 1778 bis Aprill 1779

(4. Lied)

„Zu Krieg, zu Krieg, ihr Brüder, auf,

Der Kaiser fordert Krieg!

Zu Gott dem Herrn sehn wir hinauf,

Und unser ist der Sieg!

 

Von unserm Vater hat er kühn

Den Bruder weggewandt,

Und sieht mit Feindes-Augen Ihn!

Den Säbel in der Hand!

 

Und seine Krieger all’ zu Hauf

Stehn fertig, drohen Sieg!

Zu Krieg, zu Krieg, ihr Brüder, auf!

Der Kaiser drohet Krieg!

(letzte Strophe im 6. Lied)

Der Tapf’re siegt, der Tapf’re! der

Trinkt seines Feindes Wein;

Den Blöden frisst der Wolf; wer will

Von ihm gefressen seyn?

(7. Lied)

Gottlob, daß ich nicht Kaiser bin,

Und nicht des Kaisers Rath,

Der so mit Lust und leichtem Sinn

Zu Krieg gerathen hat.

 

Es war ihm Spiel und Scherz und Spott

Des Menschenblutes Fluth;

An jenem Tage wiegt ihm Gott

Jedweden Tropfen Blut.

 

Ach, aber, armer Kaiser, ach!

Du siehst der Wage zu;

Du gabst dem Friedenstörer nach,

O warum folgtest du!

 

Hast keine Tochter, keinen Sohn;

Die Kronen sind so schwer!

Hast ja so viel der Kronen schon,

Und willst der Kronen mehr?

(J. W. L. Gleim’s sämmtliche Werke. Erste Originalausgabe aus des Dichters Handschriften durch Wilhelm Körte. Vierter Band, Halberstadt im Büreau für Literatur und Kunst. 1811.)

Claudius’ „Kriegslied“ wird heute oft als Anti-Kriegslied zitiert.

http://tuprints.ulb.tu-darmstadt.de/2816/25/08-promies.pdf (W. Promies: Bürgerliche Bedenken gegen den Vater aller Dinge – die gleiche Interpretation wie in „Gedichte und Interpretationen“ 2, RUB 7891, S. 356 ff., mit Text)

http://hadavar.org/drupal/de/content/der-engel-des-herrn („Der Engel des Herrn“ – dieser Artikel stellt die heutige wissenschaftliche Sicht korrekt dar; die Frage ist allerdings, was Claudius sich unter „Gottes Engel“, V. 1, vorgestellt hat; er war als Kind aus einem evangelischen Pfarrhaus bibelfest und gläubig, hat also „Gottes Engel“ eher in dem hier umschriebenen Sinn denn als ganz allgemeinen „Engel“, sicher aber nicht als esoterischen Wolkendampf verstanden.)

http://www.bildungsserver-mv.de/download/abitur/abi-03-dt-lk-lehrer.pdf (Gedichtvergleich mit Trakl: Menschheit, dort S. 5)

http://www.zeit.de/1960/45/kriegslied/seite-1

http://edoc.vifapol.de/opus/volltexte/2008/368/pdf/sp0297.pdf

http://de.wikipedia.org/wiki/Kriegslied_(Matthias_Claudius)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=qVn4xVmOwSA (Christian Brückner, gut)

http://www.youtube.com/watch?v=9f-K5YucZa8 (vertont)

http://www.sprechbude.de/kriegslied-matthias-claudius/ (Christoph Maasch)

Sonstiges

http://de.academic.ru/dic.nsf/pierer/197730/Kriegslied (Kriegslied, normalerweise)

http://www.jakupka.de/nische.html (in der evangel. Kirche in Schönborn)

http://www.bleikloetzle.de/html/kriegslied.html (als Druck)

http://www.stormarnschule.de/assets/Uploads/Publikationen/SchriftstellerHamburg2006.pdf (in einem Projekt: Dichter in Hamburg)

http://www.nibis.de/nibis.php?menid=4188 (Krieg in Gedichten: Titel)

http://www.youtube.com/watch?v=Cd_-5ow57IM (Titel eines Videos)

http://www.zgedichte.de/gedicht_2609.html bzw. http://gedichte.xbib.de/Ramler_gedicht_Schlachtgesang.htm (Karl Wilhelm Ramler: Schlachtgesang, 1778)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Claudius,+Matthias/Gedichte+und+Prosa/Asmus+omnia+sua+secum+portans/Vierter+Teil/Ein+Lied+nach+dem+Frieden (Matthias Claudius: Ein Lied nach dem Frieden, 1779)

Matthias Claudius: Täglich zu singen – Analyse

Ich danke Gott, und freue mich …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=55

http://www.claudius-gesellschaft.de/Kostprobe.html

http://www.zeno.org/Literatur/M/Claudius,+Matthias/Gedichte+und+Prosa/Asmus+omnia+sua+secum+portans/Dritter+Teil/T%C3%A4glich+zu+singen

Erstdruck in den Hamburgischen Adreß-Comtoir-Nachrichten, 1777; vertont von Johann Friedrich Reichardt, Franz Schubert, Johann Gottfried Schicht, Johann Abraham Peter Schulz und anderen.

Aufbau: Ein Ich-Sprecher trägt jubelnd ein Danklied vor; er bedenkt sein Leben, seine Lebensumstände und ist nicht nur zufrieden, sondern glücklich – das ruft er in diesem Lied aus und heraus. Zuerst dankt er Gott für seine Existenz (1.-3. Str.); dann dankt er wider Erwarten dafür, dass er kein großer Mann und nicht reich ist (4.-8. Str.). Zum Schluss bittet er voll Zuversicht um das tägliche Brot (9. Str.).

Form: Das Gedicht besteht aus neun Strophen in der Form der Volksliedstrophe: vier Verse, Jambus, abwechselnd vier- und dreihebig mit jeweils männlicher bzw. weiblicher Kadenz, Kreuzreim; jeweils zwei Verse bilden eine Sprech- und meistens Sinneinheit (allerdings geht der Satz in Str. 1,  3 und 5 über den jeweils zweiten Vers hinaus) – alles in allem ein lebhaft zu sprechendes Gedicht, wie es sich für ein jubelndes Danklied gehört. Die Sprache des Gedichts ist die der kleinen Leute, genauso wie die Perspektive – allerdings nicht die kritische oder aufrührerische Perspektive, sondern eine konservativ-zufriedene, verbunden mit viel Gottvertrauen; das mag den Gang der Rezeption bis heute beeinflusst haben (s.u.). [Kritische Gedichte gab es durchaus, etwa Bürgers „Der Bauer an seinen Fürsten“ (1776) oder Schubarts „Freiheitslied eines Kolonisten“ (1775), „Der gnädige Löwe“ (1775) und „Die Fürstengruft“ (1780); aber sie waren die Ausnahme, die Kritik drängte zum Drama!] Die Überschrift leitet – wen? den Sprecher, den Autor oder den Leser? – dazu an, dieses Danklied täglich zu singen.

In der 1. Strophe fällt die Verdoppelung „bin“ in V. 3 auf; das erste „bin“ bekommt gegen den Takt einen starken Akzent. In der 2. und 3. Strophe wird der daß-Satz (Aussage, worüber das Ich sich freut) fortgesetzt. Es freut sich über sein Dasein, über seine normalen Fähigkeiten des Sehens und Gehens in der Natur, über das dabei empfundene Glück. Das Schlusswort „amen“ (V. 12) macht aus diesem Danklied fast ein Gebet; es mag noch von der religiösen Einleitung der Weihnachtsbescherung herrühren, im Zusammenhang mit „bescheren“ ist es heute die Schlussformel eines geläufigen Tischgebets („Komm, Herr Jesus …“). Zweimal vergleicht er seine Freude mit der Freude von Kindern an Weihnachten (V. 1 f., V. 10 ff.); damit drückt er seine unbedingte, uneingeschränkte Freude aus, bekennt sich zugleich als beschenktes Kind des himmlischen Gott-Vaters. So rückt das Danklied doch in die Nähe eines Gebetes.

Ähnlichen Charakter hat in der nächsten Strophe die Wendung „mit Saitenspiel“ (V. 13), worin Psalm 150 anklingt: „Lobt ihn mit Posaunen, lobt ihn mit Harfe und Zither! Lobt ihn mit Tamburin und Tanz, lobt ihn mit Saitenspiel und Flötenklang!“ (Ps 150, 3 f.) So überschwänglicher Dank gilt Gott dafür, „Daß ich kein König [ge]worden [bin]“ (V. 14); parallel dazu steht der Dank,, dass er kein großer und reicher Mann ist (V. 18-20). Beide Danksagungen sind ungewöhnlich, weil normalerweise jeder einer höhere Position und Reichtum schätzt. Für beide Danksagungen weiß das singende Ich jedoch eine Begründung: Macht und Reichtum bergen die Gefahr in sich, dass man durch sie den guten Charakter verliert (V. 15 f.; V. 21 ff.). Dass der Besitz von Ehre und Reichtum „treibt und bläht“ (V. 21), ist eine Art Wortspiel und Witz: Die Wendung stammt wahrscheinlich von der Metapher „sich aufblähen“, ist aber wieder ins Wörtliche gewendet (und um „bläht“ erweitert) und besagt, dass Ehre und Reichtum zum (moralischen) Scheißen und Furzen führen, also nicht erstrebenswert sind. Anschließend reflektiert das Ich, was Geld und Gut (Alliteration) zu haben bedeutet: Sie können zwar „viele Sachen“ (V. 26) ermöglichen, aber nicht das Wesentliche (V. 29 f.!): „Gesundheit, Schlaf und guten Mut“ (V. 27). Die Folgerung aus diesen Abwägungen kann nur lauten: Ich mache mir nicht das Leben schwer, um reich zu werden (V. 31 f.; „kasteien“ = freiwillig Leiden und Entbehrungen auf sich nehmen). Worauf hier angespielt wird, ist die falsche Logik im Leben mancher Leute: sich einschränken, um über mehr Möglichkeiten (durch Geld) zu verfügen – ein innerer Widerspruch.

In der letzten Strophe bittet der Sprecher nur um den täglichen Lebensunterhalt („darf“, V. 34, = bedarf); er ist zuversichtlich, wieder mit einer Anspielung auf die Bibel (Mt 6,26 mit 10,29), dass er den auch bekommt, genauso wie der Sperling auf dem Dach (V. 35).

Heute wird dieses Gedicht sowohl im Gottesdienst gesungen als auch im Unterrichtsmaterial für die Grundschule bzw. für den Religionsunterricht geführt, steht auch wohl in einer Sammlung „Gebete großer Persönlichkeiten“ (http://www.christian-von-kamp.de/Gebete.pdf) und wird gelegentlich bei Konzerten vorgetragen.

Vortrag

http://www.lutzgoerner.de/gdt/853/ (Lutz Görner)

Sonstiges

http://www.musicalion.com/de/scores/noten/9998/johann-gottfried-schicht/11402/t%C3%A4glich-zu-singen-2-ich-danke-gott-und-freue-mich (Vertonung)

http://www.musicalion.com/de/scores/noten/9998/johann-gottfried-schicht/20183/t%C3%A4glich-zu-singen-1-ich-danke-gott-und-freue-mich (Noten: Schicht)

http://www.bachlund.org/PDF_Files_2012/Taeglich_zu_singen.pdf (Noten: Bachlund)

(Zu Matthias Claudius siehe die benachbarten Analysen!)

Matthias Claudius: Rheinweinlied – Analyse

Bekränzt mit Laub den lieben vollen Becher …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=54

http://de.wikisource.org/wiki/Rheinweinlied

Das Rheinweinlied entstand 1775 und wurde u.a. 1775 von Johann André sowie 1785 von J. A. P. Schulz vertont. Es ist unter den Claudius-Liedern das im 18. und das ganze 19. Jahrhundert hindurch am stärksten verbreitete. Es war als Trink- wie als Vaterlandslied beliebt; man „singt“ es volksliedhaft geläufig in Romanen und Erzählungen des 19. Jahrhunderts (Miriam Noa: Volkstümlichkeit und Nationbuilding). Das „Trinklied der Freien Mainzer“ griff (Man liest allenthalben, das Trinklied der Mainzer parodiere Claudius‘ Lied; ich bestreite das jedoch, da nicht Claudius‘ Lied attackiert wird, sondern das Despotentum!) 1793 auf das offensichtlich bekannte Rheinweinlied von Matthias Claudius wie auf einen Schlager zurück:

„Nun kränzt mit Laub den liebevollen Becher,

Und trinkt ihn fröhlich leer,

Denn unser Vaterland, ihr lieben Zecher,

Drückt kein Despote mehr!“

Als Emanuel Geibel 1835 auf einer Rheinfahrt das Rheinweinlied hörte, rief er begeistert: „Nun sage mir niemand mehr, dass die Deutschen kein Nationallied hätten!“ Heute liegt es bei den Aufrufen der Freiburger Anthologie weit abgeschlagen im unteren Drittel (http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=hilfe&sub=info&add=topall) auf Platz 839; im Allgemeinen Deutschen Kommersbuch hat es jedoch seinen Platz.

Um Claudius‘ „Rheinweinlied“ zu würdigen, muss man mindestens drei Dinge wissen: 1. Es gibt mit Klopstocks Gedicht „Der Rheinwein“ von 1771 eine thematische Vorlage, die Claudius vermutlich kannte, da er Klopstock gut kannte. 2. Ab etwa 1770 lässt sich literarisch eine Erhebung des Deutschen, des Deutschseins feststellen. 3. Es war damals offensichtlich modern, Trinklieder zu schreiben. Beginnen wir mit Klopstocks Gedicht „Der Rheinwein“:

O du, der Traube Sohn, der im Golde blinkt,

Den Freund, sonst Niemand, lad´ in die Kühlung ein.

Wir drey sind unser werth, und jener

Deutscheren Zeit, da du, edler Alter,

 

Noch ungekeltert, aber schon feuriger

Dem Rheine zuhingst, der dich mit auferzog,

Und deiner heissen Berge Füsse

Sorgsam mit grünlicher Woge kühlte.

Rheinwein, von ihnen hast du die edelste,

Und bist es würdig, dass du des Deutschen Geist

Nachahmst! bist glühend, nicht aufflammend,

Taumellos, stark, und von leichtem Schaum leer.

(Vgl. dazu: Herder über Klopstocks Oden!)

Auch von Hölty gibt es ein „Trinklied“, das dem Rheinwein gewidmet ist (1775) – es zeichnet sich die beginnende Rheinromantik ab:

Ein Leben wie im Paradies

Gewährt uns Vater Rhein;

Ich geb es zu, ein Kuß ist süß,

Doch süßer ist der Wein.

Ich bin so fröhlich wie ein Reh,

Das um die Quelle tanzt,

Wenn ich den lieben Schenktisch seh,

Und Gläser drauf gepflanzt. (…)

Für die Erhebung des Deutschen ab 1770 nenne ich einige Beispiele, wie ich sie in den „Epochen der deutschen Lyrik 1770-1800“ finde:

Klopstock: Lied von Klopstock. (1770)

Ich bin ein deutsches Mädchen!

Mein Aug ist blau, und sanft mein Blick.

Ich hab ein Herz

Das edel ist und stolz und gut. …

Klopstock: Unsere Sprache (1771)

Daß keine, welche lebt, mit Deutschlands Sprache sich

In den zu kühnen Wettstreit wage! …

Johann Friedrich Hahn: Teuthard an Minnehold. (1773)

Johann Martin Miller: Minnehold an Teuthard. (1773)

Johann Heinrich Voss: Deutschland. (1774)

Friedrich Leopold Graf zu Stolberg: Mein Vaterland. An Klopstock (1775)

Christian Friedrich Daniel Schubart: Das gnädige Fräulein. (1776)

Johann Heinrich Voss: Trinklied für Freye. (1776)

Mit Eichenlaub den Hut bekränzt.

Wohlauf! Und trinkt den Wein,

Der duftend uns entgegenglänzt!

Ihn sandte Vater Rhein!

 

Ist einem noch die Knechtschaft werth,

Und zittert ihm die Hand,

Zu heben Kolbe, Lanz’ und Schwert,

Wenns gilt für’s Vaterland:

 

Weg mit dem Schurken! weg von hier!

Er kriech um Schranzenbrod …

Von den Trinkliedern seien nur noch Höltys „Trinklied im Mai“ und „Trinklied im Winter“ genannt – der literarische Aufbruch 1770 wurde von jungen Männern mit Freundschaftsidealen getragen, da wurde eben auch getrunken, zumindest wurden Trinklieder gedichtet. Zu Hölty und dem Göttinger Hainbund stand Claudius in Beziehungen, die sich etwa in der Mitarbeit der Göttinger beim Wandsbecker Boten zeigten. „Der Göttinger Hain gilt als der ‚geschlossenste Dichterkreis des Sturm und Drang’. Im umfangreichen Textcorpus, das die insgesamt 16 Mitglieder des Hainbundes, darunter mehr oder minder bekannte Köpfe wie Ludwig Christoph Heinrich Hölty, Johann Martin Miller und Johann Heinrich Voß, hinterlassen haben, finden sich zahlreiche Motive, Themen und Einflüsse wieder, die die deutschsprachige Lyrik ab ca. 1740 in ihrer ganzen Vielfalt abbildet. Als glühende Anhängerschaft Friedrich Gottlieb Klopstocks (durch dessen Gedicht »Der Hügel und der Hain« sie ihren Namen erhielten) ist ein Schwerpunkt der Gruppe ein ins Bardenkostüm gekleideter flammender Vaterlandsdiskurs, gleichzeitig ist die antikisierende Anakreontik Grundlage zahlreicher Liebes- und Geselligkeitsgedichte, und auch der mittelhochdeutsche Minnesang übt einen wesentlich Einfluß auf die Hainbündler aus.“ (Patrick Peters, http://www.goethezeitportal.de/wissen/projektepool/goettinger-hain.html)

Aufbau: Im „Rheinweinlied“ spricht ein Zecher die anderen „Herren Zecher“ an und preist den deutschen Wein als einen besonderen: „Ihn bringt das Vaterland aus seiner Fülle“ (V. 9). In den Strophen 4-8 werden die deutschen Landschaften durchdekliniert, wobei sich zeigt, dass der gute deutsche Wein eben nur am Rhein wächst: „Gesegnet sei der Rhein!“ (V. 30). Der Sprecher schließt mit einem Aufruf, zu trinken und fröhlich zu sein (9. Str.).

Die poetische Form erzeugt ein gefälliges Lied: Jede Strophe besteht aus zwei Verspaaren im Jambus, die aus einem Fünfheber mit weiblicher Kadenz (zusätzliche Silbe – kleine Pause) und einem Dreiheber bestehen; diese beiden Verse bilden dann eine Sinneinheit oder einen Satz. Das bringt es mit sich, dass die im Kreuzreim gereimten Verse innerhalb der Strophe manchmal einen Sinnzusammenhang bilden (Ihn bringt das Vaterland aus seiner Fülle / Wie wär er sonst so edel, wäre stille, V. 9/11), manchmal jedoch nur den Gleichklang einzelner Wörter (im deutschen Reiche / faule Bäuche, V. 13/15).

Weniger die poetische Qualität des Gedichts als seine Vertonung durch Johann André mitsamt der vaterländischen Gesinnung dürften zur Verbreitung des Liedes beigetragen haben.

Sonstiges

http://www.lieder-archiv.de/rheinweinlied-midi_mp3_600518.html (einstimmige Melodie)

http://www.huegelland.net/keindespotmehr.htm (zum politischen Kontext der Parodie)

http://www.deutsche-biographie.de/sfz32849.html Hölty: Biografie (beachte: ADB und NDB, siehe die Reiter oben lins); dort auch weiter Biografien (siehe: Namen A-Z) von Claudius, Klopstock usw.

Rheinromantik

http://de.wikipedia.org/wiki/Rheinromantik

http://www.faszination-mittelalter.info/rheinromantik.html

http://www.romantischer-rhein.de/themen/rheinromantik.html

http://www.spiegel.de/reise/europa/200-jahre-rheinromantik-auf-den-spuren-von-dichtern-und-denkern-a-182184.html

http://www.youtube.com/watch?v=QfHtfZ8OGzc

Rheinwein

http://www.discogs.com/Hans-Roseneckh-Und-J%C3%B6rn-Harder-Rhein–Wein-Und-Trinklieder/release/1348293 (Lieder, heute)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Klopstock,+Friedrich+Gottlieb/Gedichte/Oden.+Erster+Band/Der+Rheinwein (Klopstock: Der Rheinwein)

http://www.dein-rhein-main.de/rhein-main-blog/news/archive/uber-den-legendaren-rheinwein-315853.html

Göttinger Hain

http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6ttinger_Hainbund

http://www.goethezeitportal.de/wissen/projektepool/goettinger-hain.html

http://m.schuelerlexikon.de/mobile_deutsch/Der_Goettinger_Hain.htm

http://de.academic.ru/dic.nsf/meyers/46945/G%C3%B6ttinger (-> früher „Göttinger Dichterbund“)

http://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/18Jh/Hoelty/hoe_intr.html

Matthias Claudius: Ein Wiegenlied bei Mondschein zu singen – Analyse

So schlafe nun du Kleine! …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=50

Erstdruck in den Hamburger Adreß-Comtoir-Nachrichten, 1770, mehrfach vertont. Vor Claudius waren Wiegenlieder Gebrauchsliteratur für Mägde, um Kleinkinder zu beruhigen; bei Claudius wird die Mutter die Sängerin des Liedes, was mit einer neuen Konzeption der Familie als Raum der Intimität und Harmonie einhergeht (Gerhard Kaiser). Dieses Wiegenlied, sollte es von einer Mutter gesprochen werden, dient mehr ihrer Erbauung als der Beruhigung des Kindes – nicht umsonst endet das Gedicht mit dem Erzählerbericht, dass der Mond der Mutter selber Glück gebracht hat, wobei ihre Hochzeit den Höhepunkt ihres Lebens ausmacht (letzte Strophe).

Im Volksliederarchiv finden wir folgende Wiegenlieder aus der Zeit vor dem 18. Jahrhundert:

Nun schlaf mein liebes Kindelein


und tu dein Äuglein zu


denn Gott der will dein Vater sein


drum schlaf in guter Ruh

oder

Suse, liebe Suse 


was raschelt im Stroh?


Das sind die lieben Gänschen


die haben keine Schuh


Der Schuster hat´s Leder


kein´ Leisten dazu


drum gehn die lieben Gänschen


und haben keine Schuh

Ich könnte auch an Liedchen erinnern, die ich selber meinen Kindern zur Beruhigung vorgesungen habe:

Mariechen saß auf einem Stein, einem Stein, einem Stein,

Mariechen saß auf einem Stein, da saß sie ganz allein.

Mariechen saß auf einem Stein, einem Stein, einem Stein,

Mariechen saß auf einem Stein, da saß sie ganz allein.

Mariechen stand auf einem Bein …. usw.

Im Vergleich mit solchen einfachen Versen, echten Gebrauchsliedern zum Einschläfern von Kindern, können wir das Neuartige an Matthias Claudius’ „Wiegenlied“ erkennen.

Aufbau: Eine Mutter spricht zu ihrem Kind, einem Mädchen, in der Nacht bei Mondenschein (Überschrift und V. 3 f.). Sie erklärt der Tochter (im Präsens), was der gute Mond für Kinder bedeutet, besonders für Mädchen (bis 4. Str.). Nach einer Überleitung (5. Str.) kommt sie auf eine Begegnung ihrer Mutter mit dem Mond zu sprechen und erzählt (im Präteritum), wie der Mond auch ihr eigenes Leben mit Wohlwollen begleitet und ihr Glück gebracht hat (bis Ende). Sie verbindet so die jetzige Mutter-Kind-Mond-Situation mit der gleichen Situation eine Generation zuvor, sodass sich ein Kreis schließt, in dem Mutter und Kind unter dem Mond geborgen sind.

Die poetische Form des Gedichts trägt wesentlich zum Ausdruck der Innigkeit bei. Jede der 12 Strophen besteht aus vier Versen. Diese stehen im Jambus, abwechselnd drei und zwei Takte, wobei V. 1 und 3 jeweils eine Silbe zusätzlich bekommen (weibliche Kadenz), was eine ganz kleine Pause im Sprechen bedingt; dabei umfasst ein Satz oder eine Sinneinheit in der Regel zwei Verse, gelegentlich geht der Satz aber auch über diese zwei Verse hinaus (V. 12; V 22; V. 24). Die einfachen Worte sind nicht nur im Kreuzreim der Verse, sondern auch durch Alliterationen miteinander verbunden (s-Alliteration in Str. 1; m-Alliteration in Str. 3; m- und s-Alliteration in Str. 6 usw.); wegen des Zusammenhangs von Vers und Satz binden in diesem Gedicht die Reime eher die Wörter als die Verse aneinander, erzeugen also Wohlklänge statt Zusammenhänge. Auch prägt die Personifikation des Mondes den lieblichen Ton des Gedichts: Man kann mit dem Mond sprechen (V. 23 f.; V. 33 ff.), er liebt die Kinder (V. 7 f.), besonders die Mädchen (V. 9 f.) und ist ihnen gut (V. 11 f. und 15 f.); auch ihr selber hat er Glück gebracht (V. 43 ff.) – kurz, er ist wie ein lieber alter Opa (vgl. V. 17 f.), dem man Kinder (doch „Mädchen mehr“, V. 10) anvertrauen oder anempfehlen kann.

http://www.youtube.com/watch?v=1c7Sdw4UC1w (einfache Wiegenlieder, -> youtube: Schlaflieder, Wiegenlieder, Gute-Nacht-Lieder)

http://www.volksliederarchiv.de/modules.php?name=Search_topcat&topic=37&file=1800 (Wiegenlieder aus dem 18. Jh.)

http://www.gedichte-fuer-alle-faelle.de/kindergedichte/index.php?fnr=325&szaehler=1n (Schlaf- und Wiegenlieder der Dichter, und

http://www.gedichte-fuer-alle-faelle.de/kindergedichte/index.php?fnr=325&szaehler=1b andere Schlaflieder)

Vortrag

http://player.qobuz.com/#!/track/1632536 (unvollständig)

Sonstiges

http://bitflow.dyndns.org/german/WernerHehl/Matthias_Claudius_Dichter_Der_Christlichen_Gemeinde_1987.pdf (Hehl: Dichter der christlichen Gemeinde – Biografie Matthias Claudius, Würdigung)

Matthias Claudius: An – als Ihm die – starb, Analyse

Der Säemann säet den Samen …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=41

http://www.lyrik123.de/matthias-claudius-an-als-ihm-die-starb-9916/

http://www.zeno.org/Literatur/M/Claudius,+Matthias/Gedichte+und+Prosa/Asmus+omnia+sua+secum+portans/Erster+und+zweiter+Teil/An+-+als+ihm+die+-+starb

Das Gedicht ist 1771 erschienen. Matthias Claudius’ einzige noch lebende Schwester Dorothea Christine, Ehefrau des Gleschendorfer Pfarrers Müller, Mutter von vier Kindern, verstarb 1766 im Alter von 22 Jahren. Peter Berglar stellt in seiner Claudius-Biografie (rm 192, 1972, S. 23) das Gedicht in einen Zusammenhang mit diesem Todesfall, der Claudius erschüttert habe. Das Gedicht ist ein Trostwort, an einen Ungenannten gerichtet, dem vermutlich die geliebte Frau gestorben ist („als Ihm die – starb“, Überschrift); es könnte vom Text her aber auch die Tochter des Ungenannten sein, der mit „du“ (2. und 3. Str.) angesprochen wird.

Die geliebte Person wird in der Metapher der Blume erfasst. In der 1. Strophe wird in dieser naturhaften Metaphorik die Entstehung der Blume beschrieben (im Präsens); sie ist mit dem bestimmten Personalpronomen bezeichnet, was einerseits für jede Blume steht, anderseits auch schon leise auf eine ganz bestimmte vorausdeutet. Mit Säen und Empfangen (V. 1 f.) wird ebenso auf das normale Säen wie auf die liebende Vereinigung von Menschen verwiesen; diese ist genauso in das Gesetz der Natur einbezogen wie das normale Säen des Bauern. Dreimal wird ein Wort vom Stamm „säen“ verwendet; nach der Empfängnis „Keimet die Blume herauf“ (V. 3). Mit einem Gedankenstrich wird Einhalt geboten, damit der Adressat seinen Gedanken an die Blume nachhängen kann.

In der 2. Strophe berichtet der Sprecher (Präteritum), indem er sich direkt an das Du wendet, vom Geschick der Blume, von der Verbundenheit des Du mit ihr. In zwei Versen spricht er schlicht von der großen Liebe zu ihr (V. 4 f.), um in V. 6 ebenso schlicht von ihrem Tod zu sprechen: „Und sie entschlummerte Dir!“ Durch den Kontrast zu V. 5 („Gewinn“) wird so ein Verlust umschrieben; das Verb „entschlummern“ mildert die Härte des Sterbens, indem der Tod in die Nähe des Schlafes gerückt wird – Schlaf aber ist ein vorübergehender Zustand.

In der 3. Strophe wendet er sich an das trauernde Du, einen Mann („Ihm“), und fragt ihn, warum er überhaupt trauert: warum er weint (V. 7), warum er klagt (V. 8 f.). „Die Hände emporheben“ habe ich mit „klagen“ umschrieben, der Wortlaut ist allerdings unbestimmter; denn es wird nicht festgehalten, was das weinende Du in dieser Haltung äußert. Selbst diese Haltung ist vielleicht nur ein Bild: die Hände zur Wolke des Todes emporheben (V. 8 f.). Es ist die „Wolke des Todes und der Verwesung“ (V. 8 f.) – was heißt das? Dunkle Wolken kündigen Gewitter an, bedeuten Unheil; aber hier fehlt das Attribut „dunkel“. Anderseits sind Wolken etwas Flüchtiges, schnell Vergehendes und Verwehtes. Im Kontext des Gedichtes halte ich die zweite Bedeutung eher für die treffende: Nach einer kleinen Weile keimt die Blume (V. 2 f.), „nur wenige Tage“ (V. 11) währt ein Menschenleben, nur kurz besucht der Adler die Erde (5. Str.) – all dies sind Belege für die kurze Dauer dessen, was das Irdische betrifft. Dann ist die Logik der Frage folgende: Was lässt du dich von Tod und Verwesung treffen, wo sie doch nur ein Wolke sind und selber schnell wieder vergangen? Hier werden der „Zustand“ Tod und der Vorgang Verwesung personifiziert und über die Metapher „Wolke“ ihres Schreckens beraubt.

Der Sprecher setzt seinen Trost mit einer Begründung fort; diese besteht aus zwei Teilen, die auf die beiden folgenden Strophen verteilt sind und in Kurzform lauten: Das Leben des Menschen ist wesentlich kurz (4. Str.), aber danach kehrt er in seine Heimat zurück (5. Str.). In der 4. Strophe greift der Sprecher zunächst auf biblische Bilder zurück:

„Des Menschen Tag sind wie Gras, er blüht wie die Blume des Feldes.

Fährt der Wind darüber, ist sie dahin; der Ort, wo sie stand, weiß von ihr nichts mehr.

Doch die Huld des Herrn währt immer und ewig …“ (Psalm 103,15-17)

Alles Sterbliche ist wie das Gras, und all seine Schönheit ist wie die Blume auf dem Feld.

Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, wenn der Atem des Herrn darüberweht.

(…) doch das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit.“ (Jes 40,6-8)

Hier im Gedicht ist die Blume durch „Blätter“ ersetzt (V. 11); vielleicht ist aber bereits die Blume der beiden ersten Strophen aus diesen Bibelworten mit herausgesponnen, auch wenn „die Blume“ überhaupt eine beliebte Metapher für eine junge Frau ist.  Die zweite Aussage in der 4. Strophe greift das barocke Bild vom Welttheater auf: Wir gehen hier auf der Bühne verkleidet einher, aber „nur wenige Tage“ (V. 11 – wie oben „ein kleines [Weilchen]“, V. 2; „Wie Gras“, V. 10; „säumt nicht“, V. 14). Die Theater-Metapher war seit dem 16. Jahrhundert weit in ganz Europa verbreitet: „Theatrum mundi (lat. „Welttheater“) ist eine Metapher für die Eitelkeit und Nichtigkeit der Welt, die in Renaissance und Barock häufig gebraucht wird. Mit dem Vorwand der Warnung (siehe Vanitas) wurden solche Welttheater mit den verschiedensten Mitteln inszeniert“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Theatrum_mundi). „Es ist besonders hervorzuheben, dass die Theatrum-Metapher von nahezu sämtlichen Wissenschaften und Künsten gebraucht wird. Die Metapher von der Welt als Theater entstammt dem literarischen Bereich, wird aber als Theater der Welt auf andere Künste und Wissenschaften ausgeweitet.“ (Christian Weber: Theatrum Mundi) – Das Leben ist wesentlich kurz und vergänglich, ist der Kern beider Aussagen der 4. Strophe.

In der 5. Strophe wird der gleiche Gedanke des kurzen Verweilens mit einem anderen verbunden: mit dem Gedanken der Heimkehr danach ins Lichtreich, in die Heimat („Kehret … zurück!“, V. 15). Diese Erweiterung ist an die Gestalt des Adlers gebunden, der zur Sonne fliegt. „Der Adler symbolisiert Unsterblichkeit, Mut, Weitblick und Kraft, gilt aber auch als König der Lüfte und Bote der höchsten Götter. Nach altem Glauben blickt er beim Auffliegen direkt in die Sonne, weshalb er auch ein Sinnbild für den Aufstieg in den Himmel und die Erlösung der Seele ist.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Adler_%28Wappentier%29) Der Adler ist ein symbolbeladenes Tier, das sich auch im Chorgestühl des Kölner Doms findet: „Der mit seinen Jungen zur Sonne fliegende Adler diente häufig als Symbol der Himmelfahrt Christi.“ Im Gedicht dient er als Symbol der Himmelfahrt der Seele der Verstorbenen. Die Sonne ist seine Heimat; daher bleibt er nur kurz (!) auf der Erde, wo er zu Besuch ist; doch er „schüttelt vom Flügel den Staub“ (V. 14) und kehrt dann dahin zurück, wohin er gehört. Das sei dem Trauernden zum Trost gesagt.

Das Gedicht ist in freien Rhythmen verfasst; es erinnert an Klopstocks Dichtung, den Claudius seit seiner Kopenhagener Zeit (1764/65) persönlich kannte. Die erste und dritte Zeile jeder Strophe weisen drei Hebungen auf (allerdings mit Problemen in V. 4), der jeweils zweite Vers vier Hebungen. Oft geht der Satz über das Versende hinaus, was ein freies, flüssiges Sprechen möglich macht. Bei den beiden letzten Strophen ist in der Mitte des zweiten Verses eine Zäsur; das ergibt eine dem biblischen Doppelvers (parallelismus membrorum, siehe oben die Beispiele aus Psalm 103 und Jes 40!) ähnliche Struktur ergibt, passend zur Anlehnung an die Bibel in der 4. Strophe. Um des Wohlklangs willen werden gelegentlich poetische Verbformen verwendet (weinest, V. 4; besuchet, V. 13). – Das Gedicht ist als Choral vertont worden.

Ich und Du sind noch in die großen Ordnungen der Welt eingebunden, in die Ordnung von Gras und Vergehen, von Adler und Sonnenflug; die Menschen spielen ihr Spiel unter den Augen Gottes, die Erde ist nur Bühne eines kurzen Zwischenspiels. Was haben wir dadurch gewonnen und verloren, dass uns der Glaube an dieses Welttheater abhanden gekommen ist?

Sonstiges

http://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/fachbereich_physik/didaktik_physik/publikationen/wolken___gedanken_des_himmels.pdf (Belege für die Metapher „Wolke“)

http://www.igw-resch-verlag.at/lexikon/index.html?http://www.igw-resch-verlag.at/lexikon/a/ad/adler.html (Symbolik des Adlers)

http://www.notendownload.com/8/dpshop/__Der%20S%E4emann%20s%E4et%20den%20Samen%20%20Gemischter%20Chor%20%20Joh.%20Fr.%20Reichard%20%20%20M.%20Claudius__NSF48FG.sco__8_10.04.11.html (Noten J. F. Reichard)

http://www.liberley.it/c/claudius_m.htm (Werke Claudius’ im Internet)

http://www.lyrik-und-lied.de/files/Liste_aller_Gedichte.pdf (Liste der Gedichte in der Freiburger Anthologie, Häufigkeit)

Goethe: Der Adler und die Taube – zur Analyse

http://www.wetzlar.de/barriere_frei.phtml?NavID=370.175&La=1 (Text)
http://www.textlog.de/18834.html (Text), ebenso im Projekt Gutenberg usw.
Korff: Goethe im Bildwandel seiner Lyrik, Bd. I, 1958, stellt das Gedicht zusammen mit neun weiteren unter die Überschrift „Genius“; Trunz unterscheidet in der Hamburger Ausgabe dagegen die großen Hymnen von den Künstlergedichten (Kommentar dazu in Bd. 1 der HA, S. 493 ff.). Trunz will Goethes Künstlergedichte als eine Einheit verstehen, in der sich die Gedichte gegenseitig erläutern.
Wolfgang Bunzel: Das gelähmte Genie (Wirkendes Wort, 1991) in „Goethezeitportal“ (http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/goethe/adler_bunzel.pdf, 16. August 007) findet schließlich eine Auseinandersetzung Goethes mit dem Selbstverständnis des Göttinger Hains in dem Gedicht, mit vielen Bezügen zu zeitgenössischen Gedichten: ob die im Typus Adler erfasste Lyrik Pindars oder die im Typus Taube erfasste leichte Liebeslyrik an der Zeit sei.

Rein auf der Ebene der Fabel geht es um die Streitfrage, ob das Leben des verwundeten, aber wieder genesenen, wenn auch nun kraftlosen Adlers lebenswert ist. Der Täuberich tröstet den Adler:
„Sei gutes Mutes, Freund!
Hast du zur ruhigen Glückseligkeit
Nicht alles hier?“ (V. 34 ff.)
Dagegen steht die Antwort des Adlers am Schluss der Erzählung, womit sie die Position der Wahrheit einnimmt:
„O Weisheit! du redst wie eine Taube.“ (V. 50)
Der Trost der Taube ist als ungenügend entlarvt – für einen Adler, der zum Schluss auch betrübt ist und resignierend in sich selber versinkt (V. 48 f.). – Weil für die Konstruktion der Gegenposition nur der sprechende Täuberich von Bedeutung ist, wird im Titel auch nur „die Taube“ genannt, obwohl ein Pärchen kommt (V. 24); über die Beschreibung seiner Bewegungen mag sich Korff freuen, für Bunzels Verständnis der Figur „Taube“ ist die Tatsache wichtiger, dass es sich um ein Pärchen handelt.

Nach Korff, der die Sprache des Gedichtes preist, beruht dieses nicht nur auf genauer Tierbeobachtung, sondern weise auch Einfühlung in die Natur auf; Goethe versuche „die Natur von innen her zu verstehen, ihren Schöpfungsprozeß innerlich nachzuvollziehen und dadurch ihre Geschöpfe erst lebendig zu begreifen“, ja, ihnen in der Dichtung Leben einzuhauchen (S. 125). Das klingt sehr poetisch, aber die poetologische Deutung: dass es um die Probleme des Künstlers geht, da doch des Adlers rechte Schwinge (Schreibhand des Dichters) verletzt ist (Bunzel), leuchtet mir mehr ein; Bunzel referiert auch kurz die Geschichte dieses Verständnisses.

Das Gedicht fehlt bei Conrady sowohl in der dicken wie in der Schulausgabe; vielleicht ist es allgemein doch nicht so bedeutsam, wie uns seine Verehrer glauben machen wollen, sondern erhellt eher die poetologischen Streigkeiten der Zeitgenossen?