Klausur zu Roth: Hiob, Kap. IX

von Dr. Peter Brinkemper:

Deutsch Sek. II, Q-Phase

Joseph Roth: Hiob. Roman eines einfachen Mannes. 1930.

Textstelle: Kapitel IX, S. 84-88 (Ausgabe Schöningh Paderborn 2013/15) – Reise und Ankunft in Amerika

Aufgabenstellung mit Lösungserwartung:

  1. Analysieren und interpretieren Sie das angeführte Kapitel als typische Episode eines Romans oder epischen Textes. Beziehen Sie sich auf das Thema: regionale jüdische Tradition versus europäische Moderne im Epochenumbruch von 1900 (1. WK, Migration, 2. WK). Gliedern Sie den Text und beachten Sie die Perspektive der Hauptperson. Greifen Sie dabei auf wichtige Aussagen in den vorherigen Kapiteln zurück. (AFB I-II)

20 Punkte: Inhalt, Thema, Gliederung, Bezug zum vorherigen Text und Kontext.

Sinnvolle Einleitung in die Klausur. Roths „Hiob“ als mehrdeutiger Titel zwischen der Bibel-Figur und der realistischen Geschichte des europäischen Ostjuden, „Roman eines einfachen Mannes“: Mendel Singer und seiner Familie. Differenz zwischen Glauben und Alltag, Gott und Geschichte, Bibel und Roman. Mendel und Hiob Charaktere sind nicht deckungsgleich.

Die theologische Frage (Theodizee allgemein oder individuell): Gutsein und Frömmigkeit nur bei Wohlstand (Satans Argument) oder auch bei Armut/im Leiden? Gottgefälliges Verhalten nicht nur, wenn es einem gut geht, sondern auch, wenn eine Krise kommt? Frage der Bewährung oder Unterwerfung? Glauben und religiöse Sprache nicht absolut, sondern Ausdrucksmittel für die Perspektive der Hauptperson (Personale Perspektive, Er-Erzählung). Frage der Gestaltung und Bedeutung der Religion. Akzeptanz oder Kritik der Religion durch Erzähler? Später Rebellion der Hauptfigur, gegen sich selbst und Gott (nicht in Bibel; Roth, Kap. XIII). Traditioneller Rückfall oder Modernisierung des Hiob-Stoffs? Wird die religiöse Sprache in Auseinandersetzung mit Alltag und Migration „abgenutzt“ ? Gelingt die religiöse Betrachtungsweise noch, oder ist sie zum Scheitern verurteilt (am Ende des Romans)?

– Spannweite inhaltlich und formal: zwischen religiöser Tradition und europäisch-amerikanischer Moderne. Spannung zwischen Fixierung auf traditionelle Positionen und plötzlichen Wendepunkten durch moderne Entwicklungen. Wandel, mit oder gegen die Religion? (Migration; 1. WK; eventuell Vorwegnahme 2. WK und Holocaust). Bibl. Wertungen werden ent-/umgewertet.

– Hinweise zur Vorgeschichte: Armut der Familie, Unterdrückung der Ehefrau Deborah, Kinderreichtum, Beruf Mendels: Rabbi, traditioneller starker Glaube, Wohnung zwischen Leben und Arbeiten (Schule) auf engstem Raum. Angst vor Moderne, auch vor Medizin, vor Technik, Industrie, Transport (Auto), vor Wohlstand durch gewöhnlichen Beruf. Jüngster Sohn Menuchim behindert. Hinnahme als zu duldendes Schicksal statt medizinischer Behandlung, dabei Hoffnung auf spätere Heilung. Abweichung von der traditionellen Norm durch die älteren Kinder, sie wollen die Familie verlassen: Mirjam (wilde Liebe zu Kosaken). Jonas wird russ. Soldat. Schmerjah alias Sam geht auf Umwegen in die USA; – von Deborah finanziell unterstützt. Als Schlepper, für arme Leute, die mit gefälschten Papieren abwandern, auch als Wehrdienstdeserteure fliehen. Sam will Familie in die USA locken und dort wieder modern herstellen. Sam kündigt mit Brief, überbracht vom Boten Mac, in gewisser Weise eine Verführer- und Teufelsfigur, baldige Tickets für die Familie zur Reise in die USA an (Kap. VI). Mendel entschließt sich plötzlich, eher defensiv, für die Reise in die USA, ohne Menuchim, weil er durch Abwanderung der Söhne und Mirjams sexuelle Abenteuer mit den Kosaken die Gefahr für den Bestand der Familie erkennt. Er rennt der Modernisierungswunsch seiner Frau und seiner Kinder hinterher.

Das Kapitel IX schildert: Ankunft vor NY mit dem Schiff; Untersuchung durch die Behörden: sowie Eindrücke und Folgen der Stadtrundfahrt. Die Abfolge dieser Stationen ist abrupt; die Erzählung hält sich an die irrtumsanfällige Wahrnehmung von Mendels Familie. Dadurch wirken die Ereignisse assoziativ zwischen Realität, Traum und Albtraum. Die Familie ist auf dem Zwischendeck (nicht in der 1. oder 2. Klasse) untergebracht (siehe „Titanic“). – Im vorherigen Kapitel hat er mit seinem Glauben die Überfahrt über das endlose Meer gut überstanden. – Nun kündigt ein jüd. Mitpassagier, der sich auskennt, die Freiheitsstatue an. Die „elektrische Fackel“ sei kein Wunder, nur ein „Kunststück“ der Moderne. (Siehe Kerzenlicht in Zuchnow.) – Das Auftauchen der Freiheitsstatue erhält eine andere, weniger positive Bedeutung, wenn man weiß, dass damals Immigranten neben der Freiheits-Insel auf einer anderen Insel empfangen/aufgefangen werden. Daher das mehrdeutige Wort „ausgeladen“ (unauffällige Metapher der Neuen Sachlichkeit: von Bord, wie Gepäck, aber auch wie „nicht erwünscht, nicht eingeladen“) S. 84 – Abladen, Ausschiffen, Festhalten und Untersuchen aller Ankömmlinge der 3. Klasse. Nicht an Land, sondern auf Ellis Island, im Text nicht genannt, Immigrationszentrum 1892-1954, Insel nahe Liberty Statue. Dort kritische Untersuchung besonders der osteuropäischen Immigranten, die als wenig eingliederungsfähig galten. – Personal, Gendarmen, Ärzte, Krankenschwestern (berufstätige Frauen) wie „Engel“ oder „Kosaken“; Gepäck wird nicht „durchstochen“; Menuchim, so Deborah, hätte mitgenommen werden können. Bedrohliche Selektions-Metaphorik, noch vor späterem Holocaust, „Kosaken“ als Mendels Formel der Angst vor Mirjams neuen Affären S. 84 – Gespenstischer Auftritt von Schmerjah/ Sam (als Doppelerscheinung zwischen Alteuropa u. USA. Gespaltene Wahrnehmung, Innen u. Außen, Wunsch u. Wirklichkeit, Vertrautheit u. Fremde, Sams u. aus Mendels Perspektive, hat Sam Angst, auf Ellis Island die alte Sprache zu sprechen?). S. 84 f. – Erst Bevorzugung, angeblich kein Quarantäne-Aufenthalt im Lager, dann doch Befreiung durch den mutigen Mac. mit Behauptung von Heirat u. Verwandtschaft. S. 85f.- Besichtigungsfahrt durch „Amerika“ (jetzt wohl an Land, der Stadtname NY bleibt in Kap. IX ungenannt) auf Leiterwagen bei großer Hitze (S. 86ff.): Hochhäuser und Asphalt, körperliche Strapaze, „Wüste“ versus Zivilisation (realistische und religiöse Metaphern, aber sehr naiv, provinziell, hilflos gefärbt, durch jemand vom Lande, der keine Begriffe für die Strukturen der Großstadt hat): Langsamkeit u. Schnelligkeit, statt „Wind“ (natürliches Phänomen) Lärm u. Geschrei (künstlich, technisch, Massenwirkung). Vielfältige Großstadteindrücke erzeugen Ohnmacht Mendels.Erwachen im Restaurant. (S. 87f.): Entfremdung im Spiegel (kein Wiedererkennen, Bild Gottes: „weißer Bart“, dann Erkennen durch Familie) – Wiederholtes Motiv: Lächeln aus Zwang. Weinen wird unterdrückt – Die große Infragestellung, Zweifel: Was geht ihn die Familie an? Frage nach eigener Identität. Entfremdung gegenüber sich selbst. Trauriger Rückbezug auf Zuchnow (dort „sich selbst … zurückgelassen“) und den dort noch lebenden Menuchim (dieser als Teil von Mendel, Metapher der Tradition als Widerstand gegen Moderne). Tradition und Heimat brechen sich gegen erreichte Moderne mit aller Macht Bahn, allerdings negativ, im Verlust. Mendel erfährt Entfremdung („Herz“, „vereisen“, „kaltes Glas“), Modernisierung als Zwang. Mac gratuliert Mendel wie zum „Kunststück“ (s.o.) Mendels emotionale Kälte weicht ab von Bibelfigur Hiob. Mendel ist innerlich gespalten.

  1. Vertiefen Sie – durch formale u. inhaltliche Analyse rhetorischer Figuren sowie Stilmittel und Tonfall zwischen Neuer Sachlichkeit u. religiöser Sprache (aus welcher Perspektive?) – die Deutung des Texts. (Gezielte eigene Schwerpunktsetzung) (AFB II-III)

20 Punkte: Inhalt, Form, Rhetorik, Neue Sachlichkeit, Bibel (AT), Vertiefung der Deutung

Roth bereitet die Reise und Ankunft in den USA mehrschichtig auf, durch verschiedene erzählerische Mittel.

  1. Die bisherige Spannung zwischen Tradition und Moderne wird nun durch den Unterschied Osteuropa und USA maximal gesteigert, bis zum Zusammenbruch Mendels (Bedeutung für die Religion?).
  2. Kette der plötzlichen Wendungen, die u.a. mit Deborahs Vorsorge, Sams Brief u. Mendels Entschluss zu fahren beginnt.
  3. Die Technik der Doppelwahrnehmung oder filmischen Überblendung (schon bei dem Botschafter Sams, Mac) – nun bei der Ankunft und Begegnung mit Sam, zwischen der älteren osteuropäischen und der amerikanischen Erscheinung. Ähnlich die Großstadtimpressionen in großer Hitze mit Reminiszenzen/Anspielungen auf die biblische Wüste (in der Moses mit den Israeliten auf der Suche nach dem gelobten Land umherzog; vgl. Buch Daniel: 3 Männer im Feuerofen. Die Nichtanerkennung der schönen Reklame-Bilder durch die Frömmigkeit. Jüdisches Bilderverbot).
  4. Die eigene Freude der Ankunft nach der schnell beschlossenen und rasch vollzogenen Reise, die aber selbst zur kalten, herzlosen Maske des „Keep Smiling“ wird.
  5. Die Beschreibung des namenlosen NYs wird zerlegt in die Überfülle der Eindrücke, in das Tempo im neuen Land, welches das vorherige Tempo der Reise und das Schneckentempo des vormodernen Lebens in Galizien überbietet. Dazu das schlechte Gewissen, Menuchim und sich selbst, die Ruhe u. stille Frömmigkeit, dort zurückgelassen zu haben.
  6. Die Reaktion Mendels auf seine neuen Reiseeindrücke bei der Ankunft, die Einnahme einer Opferrolle mit der Erfahrung von Passivität, Betäubung und Ohnmacht und dem späteren Erkennen, sich selbst in seiner Identität durch den widerwilligen Entschluss und die Reise überholt und ausgestoßen zu haben.

Roth stellt die rein materiellen und elementaren Sensationen, die Eindrücke der noch jungen Wolkenkratzer-Großstadt bei heißem Wetter im Stil der Neuen Sachlichkeit als eine Fülle von konkreten, körperlich schmerzhaften Sinnenswahrnehmungen dar. Sie betäuben und fressen das alte Bewusstsein wie im Rausch geradezu auf.

Sie stehen im Gegensatz zu den spirituell und religiös eingefärbten einfachen Wahrnehmungen in der osteuropäischen Heimat. Diese erscheinen wie ausgelöscht oder gelähmt.

Es werden rhetorische Figuren verwendet wie Vergleiche, Metaphern, Personifikationen, Paradoxien und Widersprüche, eindringliche Wiederholungen, die die Intensität des pur Materiellen („wütende Wucht“) betonen sowie die Vernichtung des Subjekts und des Individuums, seiner früheren Wahrnehmung und seines früheren Bewusstseins (Personifikation, Anapher: „Amerika drang auf ihn ein, Amerika zerbrach ihn, Amerika zerschmetterte ihn. Nach einigen Minuten wurde er ohnmächtig.“ S.87). Amerika scheint eine leere Religion, eine Antireligion der Betäubung zu sein.

In vielem erinnern die Beschreibungsmittel an die film- und werbeförmigen Großstadt- und Traum-Schilderungen von Kästners „Fabian“ (Großstadt-Roman 1931) mit den Folgen der Unterdrückung, Fragmentierung, Auslöschung des Individuums und des Individuellen sowie der Moral und Solidarität. Hier stilistische Übereinstimmung beider Romane im Stil der Neuen Sachlichkeit.

Die biblischen Metaphern (hier z.B. Wüste), die zuvor im osteuropäischen Umfeld dominant waren, werden hier leise, sie gehen förmlich unter. Bibel-Sprache, Sinnes-Eindrücke, Zeitungssprache/Reportage und Werbe-Jargon gehen im neusachlichen Tonfall Roths ineinander über. Metaphern und Werbebilder konvergieren. Man könnte aber auch noch Spuren der Allegorie der „Hure Babylon“ (prophetische Exil-Bücher und Offenbarung des Johannes) finden, um den neusachlichen Großstadteindrücken einen kritischen biblischen Unterton zuzuordnen, der weitere Katastrophen (sozial, individuell) ankündigt.

Am Ende, nach dem Wiederaufwachen, ist Mendel gegenüber sich selbst, dem Reiseziel und seiner eigenen Familie entfremdet. Es gibt keine Rückkehr in das alte religiöse Bewusstsein. Eine unglückliche, gebrochene Geisteshaltung kommt zum Ausdruck, sie wird später weiter verstärkt.

Ausblick: Bald wird er Teil der jüdischen Gemeinde von NY. Seine Familie erleidet aber viele weitere Schicksalsschläge, die seinen Glauben wiederum erschüttern.

  1. Achten Sie dabei auf die sprachliche und logische Präzision der Zitate, der sinngemäßen Wiedergabe und der eigenen Aussagen sowie der Verwendung von rhetorischen und epischen Fachbegriffen.

20 Punkte: Sprache, Logik, Zitat, Wiedergabe, eigene Aussage, Textbezug etc.

– Sprache, Logik, Gliederung (der eigenen Arbeit) werden (in hohem Maße) präzise aufeinander abgestimmt und ausformuliert.

– Die eigene Sprache erfüllt Kriterien der korrekten Schriftsprache und der Fachsprache (Fachbegriffe), Umgangssprache und mündliche Redeweisen (Chat) werden vermieden

– Mögliche Fehler: A, W, Satz, Z, Logik, RS, Gr etc. halten sich in Grenzen oder treten zu häufig auf (vgl. Schriftsprache, Fachsprache versus Umgangsspr.).

– Zitate, Textbezug (Seiten- und Zeilen-Angabe) sind hinreichend / in hohem Maße klar, nachvollziehbar sowie sinnvoll eingesetzt.

– Wörtliche und indirekte/sinngemäße Wiedergabe sind angemessen auf den Sinn des Originaltextes sowie auf die Intention der eigenen Darstellung (Ziel der Analyse und Interpretation) abgestimmt. Korrekter Textbezug bei gleichzeitiger eigenständiger Deutung, Ergänzung, Weiterführung der im Text enthaltenen Deutungsmöglichkeiten.

– Die Zitate werden inhaltlich und formal nicht bloß zitiert sondern exemplarisch ansatzweise, tiefer, erschöpfend analysiert/interpretiert. Möglich als Zitat sind ganze Sätze, Abschnitte sowie einzelne Wörter, Stichworte, Motive.

– Die eigene Darstellung wird insgesamt und/oder im Einzelargument den Bezugstexten gerecht.

– Die inhaltliche Darstellung vermeidet die Nacherzählung (kein ständiges Präteritum, keine reine Handlungswiedergabe am vorgegebenen Text entlang, keine Nicht-Kennzeichnung von übernommenen Formulierungen aus dem Text). Sie erweist die Formulierungsfähigkeit (alternative Wortwahl, Satzumstellung, sinnvolle Modifikation, Veränderung, Abwandlung, um eigenes Verstehen zu beweisen). Sie vermeidet die Missachtung der Kriterien (Aufgabenstellung bzw. Unterricht) für konkrete Interpretation

– Die inhaltliche Darstellung oder die formale Analyse des Textes oder einzelner Zitate verlieren sich in Details. Es fehlen wichtige Schritte der Abstraktion, (Quer-)Verbindung, Begründung, Einordnung, Beurteilung.

– Es besteht hinreichend Kenntnis über Handlung, Kontext und frühere Romanstellen (inhaltliche, log. Ergiebigkeit).

– Die eigene Darstellung formuliert selbstständige, eigene Gedanken, Ideen, Thesen und Ausführungen. Die Darstellung ist nicht nur reproduktiv, keine Nacherzählung, sondern differenziert, oder sogar anspruchsvoll, originell. Gedanken werden am Text (linear oder im Querbezug) belegt. Der „tiefere Sinn“ des Textes wird weiter „ausgeschöpft“. Der Text wird dabei als konkrete, anschauliche Partitur mit deutbaren Zeichen und Hinweisen genutzt.

– Die eigene Darstellung wird methodisch durch eine plausible u. fruchtbare Hypothese/Perspektive geleitet. Diese berücksichtigt u. entwickelt wenige oder viele Aspekte, Leerstellen, Andeutungen des konkreten Textes bzw. des gesamten Werkes (oder des intertextuellen Zusammenhangs). Die Interpretationshypothese nutzt Hinweise aus der Aufgabenstellung u. dem Unterricht. Das erforderliche Abstraktionsniveau wird erreicht.

– Die Klausurzeit wird ausreichend genutzt: „Denken-Lesen-Schreiben“ vernetzen (DLS).

– erste Stunde: durch mehrmaliges Lesen, Unterstreichen, Gliedern des Textes; Markieren von wichtigen Zitaten, Stichwörtern, Strukturen; Randbemerkungen für mögliche Analyse u. Interpretation;

– Notizen auf Vorschreibeblatt. Sammlung von Material (aus der konkreten Textstelle, aus der gesamten Lektüre, aus dem vorhandenen Vorwissen). Sortieren u. Gliederung von Punkten für die Lösung der Aufgabe. Anlage der eigenen Arbeit.

– Zweite und dritte Stunde: Formulierung und Niederschrift der eigenen Arbeit (siehe inhaltliche und formale Aspekte oben).

Notenskala, Punkte: 1 (51-60), 2 (41-50), 3 (30-40), 4 (20-29), 5 (10-19), 6 (1-9).

Vgl. https://norberto42.wordpress.com/2011/11/30/roth-hiob-inhalt-zeitstruktur-und-aufbau/ (Analysen zum Roman)

Roth: Radetzkymarsch – Analysen

A) Erster Teil
Um diese Arbeit einigermaßen nutzbar zu halten, gebe ich die Seitenzählung der von mir benutzten Ausgabe dtv 1715 (1981) an: Kap. I (S. 5), II (S. 21 u.), III (S. 34 o.), IV (S. 48 u.), V (S. 57 u.), VI (S. 75 o.), VII (S. 87 o.), VIII (107), wobei u. „unten“, o. „oben“ bedeutet.

1. Der Radetzkymarsch
Der Marsch, der dem 1932 veröffentlichten Buch den Titel gibt, ist in Österreich einfach präsent. So ertönt er im Bordell der Tante Resi, als die Offiziere kommen (S. 73), wie er noch spät in der Nacht aus einem Musikapparat geschmettert wird, als Demant und Trotta zum letzten Mal miteinander sprechen (S. 98).
Seine Bedeutung zeigt sich darin, dass in W. in Mähren, wo Franz von Trotta Bezirkshauptmann ist, jedes Platzkonzert am Sonntag mit dem Radetzkymarsch beginnt (S. 22); er ist dem Orchester so geläufig, dass man ihn auch „mitten in der Nacht und im Schlaf hätte spielen können“. Der Erzähler beschreibt, wie die Zuhörer den Marsch aufnehmen; sie lächeln, in ihren Beinen prickelt es. „Während sie noch standen, glaubten sie schon zu marschieren.“ (S. 22) Auch die jüngeren Mädchen und die Älteren insgesamt sind von der Musik bewegt.
Dann folgt eine Zeitangabe, unmotiviert: „Und es war Sommer.“ Diese Angabe wird wiederholt und dabei erklärt: „Sommer, Freiheit, Heimat“ (S. 26) für Carl Joesph von Trotta, der zu Hause in Ferien ist. Er hört nach der Examinierung durch seinen Vater die Militärkapelle anrücken. „Er fühlte sich ein wenig den Habsburgern verwandt, deren Macht sein Vater hier repräsentierte und verteidigte und für die er einmal selbst ausziehen sollte, in den Krieg und in den Tod.“ (S. 25 f.) Er liebt vor allem den Kaiser. „Am besten starb man für ihn bei Militärmusik, am leichtesten beim Radetzkymarsch.“ Diesem Gedanken Carl Josephs folgt die Vorstellung, wie er stirbt und wie sein Blut auf die Instrumente sickert, die den Marsch spielen. (S. 26)
An die Sonntage, wo er auf dem väterlichen Balkon die Konzerte gehört hat, vor allem den Radetzkymarsch, erinnert er sich, als Demants Duell bevorsteht und er seinem Vater in einem Brief davon berichtet (S. 94). Doch jetzt ist Winter (S. 87). Carl J. erinnert sich an das Gesicht seines Großvaters und stellt sich Demants Großvater vor. „Und er fühlte, daß die Toten die Lebenden riefen…“ (S. 94) Er denkt, dass es eine Kleinigkeit gewesen wäre, an jenen Sonntagen beim Radetzkymarsch zu sterben. „Dem Zögling der kaiser- und königlichen Kavalleriekadettenanstalt war der Tod vertraut gewesen, aber es war ein sehr ferner Tod gewesen!“ Jetzt dagegen steht der Tod seines Freunde Demant bevor, vielleicht  auch sein eigener, und er erschrickt. (S. 94) Das „Niemals!“, was Tod bedeutet (vgl. „Nie mehr!“, S. 115), erschüttert ihn.
So verbindet der Radetzkymarsch den Alltag mit der militärischen Feierstunde am Sonntag samt ihren Heldenvorstellungen und mit der echten Todesangst. – Ob es von Bedeutung ist, dass der Vater des Helden von Solferino noch Radetzky selber gekannt hat („Zu meiner Zeit hat uns noch der Radetzky gezwiebelt.“, S. 9), kann  ich nicht beurteilen.

2. Zwischenbilanz
Was fällt mir auf, wenn ich nach Lektüre des ersten Teils des Romans innehalte, ohne in die Sekundärliteratur (außer rm 301) zu schauen? Es ist die Einsamkeit der Trottas, die sich einem Regelwerk unterwerfen (zumindest Franz und Carl Joseph, während „der Held von Solferino“ dagegen rebelliert) und in einer geordneten Welt leben, aber keine Freunde und wenig Interesse an Frauen haben; in ihren Familien fehlt die Mutter – sie ist schwach oder früh gestorben, Carl Joseph ist ledig. Sie sind keine Reiter, sondern eher Bauern. Die Tat des „Helden“ hat ihr Leben in eine andere Richtung gelenkt, und die kaiserliche Gnade verlässt daraufhin die Trottas nicht mehr (S. 14 u.ö.). Doch der einfach Slowene aus Sipolje, der unerwartet zum Ahnherrn eines neuen Geschlechtes wird, sorgt selbst dafür, wie der Erzähler im einleitenden Kommentar sagt, „daß ihn die späteren Zeiten aus dem Gedächtnis verloren“ (S. 5).
So bietet sich an, als zentrales Thema zu untersuchen, welche Rolle der Ahnherr im Leben seines Sohnes und seines Enkels spielt. Das andere, den ersten Teil beherrschende Motiv ist die von Carl Joseph erlebte Nähe des Todes, wie oben bereits angedeutet wurde; das Motiv taucht auf, als dieser über den Tod der Frau Slama informiert wird: „Es war die erste Begegnung Carl Josephs mit dem Tode.“ (S. 39) Es beherrscht von da an die Erzählung, vor allem das ganze Kap. VII.

3. Carl Joseph und sein Großvater
Der Held von Solferino war durch seine Beförderung verändert und verunsichert worden (S. 7 ff.); im Protest gegen die falsche Darstellung seiner „Heldentat“ erweist er sich, wie der Erzähler mit leichter Ironie anmerkt, als „Ritter der Wahrheit“ (S. 13, 21), wird jedoch „aus dem Paradies der einfachen Gläubigkeit an Kaiser und Tugend, Wahrheit und Recht“ (S. 15) vertrieben. „Er wurde ein kleiner slowenischer Bauer.“ (S. 15) Als dann der Freund seines Sohnes das Proträt malt (S. 19), freut er sich erstmals seit Jahren. „Er lernte erst jetzt sein Angesicht kennen“ (S. 19) und wird milde (S. 20). Von ihm bleibt nach seinem Tod der Grabstein, „ein verschollener Ruhm und das Porträt“ (S. 21; man beachte den Saat-Vergleich).
Der Erzähler beginnt Kap. III damit, die intensive Beziehung des Enkels Carl Joseph als Kind zum Porträt beschreiben (S. 34 f.); aber der Tote verrät nichts (S. 34), und auch Jacques weiß nicht viel zu erzählen (S. 35). Franz legt seinen Sohn auf die Identität „Enkel des Helden von Solferino“ fest, als das Schlussexamen ansteht (S. 35), und dementsprechend gehen die Prüfungen glatt, weil auch der Oberst und alle Lehrer diese Identität kennen.
Als Carl Joseph in seine Kaserne einrückt (S. 57 ff.), fühlt er sich unwohl als Offizier; die Tiere sind ihm gleichgültig. Er besinnt sich auf seine bäuerlichen Vorfahren und denkt auch an das Porträt des Großvaters (S. 58 f.); ausdrücklich wird „der Herbst“ zweimal vom Erzähler genannt (S. 59, 60), abgesetzt gegen den Sommer (S. 22) und den Winter (S. 87), eine Station auf dem Weg zum Tod. Und dann wird ausdrücklich erwähnt, dass Carl Joseph sich an das Porträt als Unterpfand seiner Vorfahren klammert und sich als Enkel seines Großvaters, ja als „der Sohn seines merkwürdigen Großvaters“ (S. 60) fühlt. „Man lebte im Schatten des Großvaters!“ (S. 63) So erklärt er sich seine merkwürdige Stellung im Regiment. – Damit ist ein Motiv gezeichnet, das im Folgenden immer wieder auftaucht.
Als er Demant kennen lernt (S. 69 ff.), dessen Großvater „ein alter König unter den Schankwirten“ (S. 75, vgl. S. 104) gewesen war, erkennt Carl Joseph die Gemeinsamkeit: „Sie waren Enkel, sie waren beide Enkel.“ (S. 86) Daraus ergibt sich ihre Schwäche, wie Demant vor dem Duell erkennt: „Unsere Großväter haben uns nicht viel Kraft hinterlassen, wenig Kraft zum Leben, es reicht gerade noch, um unsinnig zu sterben.“ (S. 99; vgl. „wie man von den Toten lebt“, S. 85, und „daß die Toten die Lebenden riefen“, S. 94).
In einer Episode wird das Gefälle vom Großvater zum Enkel deutlich, und zwar in einer Ironie des Geschehens, welches der Erzähler scheinbar neutral berichtet: Im Casino hängt „das Bildnis des Kaisers“ (S. 67), das ausführlich beschrieben wird; dann denkt Carl Joseph an seinen Großvater als Retter und an seine Bereitschaft, beim Radetzkymarsch für den Kaiser zu sterben. „Lebendig war das Vermächtnis des Großvaters gewesen, dem Kaiser das Leben zu retten. Und ohne Unterbrechung rettete man, wenn man ein Trotta war, dem Kaiser das Leben.“ (S. 68) Das tut er dann im Bordell, bei Resi, wo er ein Kaiserbild (!) aus solch unpassender Umgebung „rettet“; Demant bemerkt das und spielt auf den Großvater an, worauf Carl Joseph erwidert: „Ich hab‘ keine Gelegenheit, ihm das Leben zu retten; leider!“ (S. 74) Für mehr als die Rettung eines Bildes langt es bei ihm nicht.
Demant stirbt in einem unsinnigen Duell, das Carl Joseph mitverursacht hat, dieser erlebt beim Abschied von Eva wieder das „Nie mehr!“ (S. 115) und verlässt auch sein Regiment. Die Begegnung mit Frau Slama und mit seinem Vater als einem Menschen (S. 37 ff.) haben ihn nicht reif oder selbständig werden lassen.

4. Carl Joseph lebt „entfremdet“.
Wir lesen Roths Roman unter dem Aspekt, wie es um die im „Sturm und Drang“ stürmisch erstrebte Selbstverwirklichung 150 Jahre später steht. Meine These ist, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts von den frühen Hoffnungen nicht mehr viel übrig geblieben ist. Das soll an Roths Roman gezeigt werden, hier allerdings nur am ersten Teil (Kap. I – VIII).
Bereits Joseph und Franz Trotta, also Großvater und Vater Carl Josephs, haben ein entfremdetes Leben geführt bzw. führen müssen. Als der „Held von Solferino“ geadelt wird, ist er sich und seinem bäuerlichen Leben fremd geworden: „Als hätte man ihm sein eigenes Leben gegen ein fremdes, neues, in einer Werkstatt angefertigtes vertauscht…“ (7/5 ff.). Der neue Stand stellt auch einen Abstand zu seinem Vater her (9/9 ff.), ja, er ist losgelöst „von dem langen Zug seiner bäuerlichen slawischen Vorfahren“ (10/11 f.) und in einen neuen Stand eingetreten (10/14).
Zu dieser Fremdheit treibt ihn nicht nur der neue Stand, sondern ebenso seine grundlegende Ehrlichkeit (11/31 ff.), die ihn von anderen Menschen und ihrem Verständnis der heldenhaft beschönigenden Darstellung trennt; der Erzähler nennt ihn nicht ohne Ironie den Ritter der Wahrheit (13/14 f.), was für mich beinahe eine Gegenfigur zu Don Quichotte ist; er ist vertrieben „aus dem Paradies der einfachen Gläubigkeit an Kaiser und Tugend, Wahrheit und Recht“ (15/5 f.) und wird wieder ein kleiner slowenischer Bauer (15/17 ff.). Das Porträt macht ihn schließlich menschlicher und versöhnt ihn wieder mit sich selbst (S. 19 f.).
Sein Sohn Franz, stets gehorsam (18/10 f.; 18/34 f.), wird gemäß väterlicher Bestimmung Jurist (18/31 f.) und dank kaiserlicher Protektion Bezirkshauptmann (20/16 ff.). Die ihm eigentümliche Form der Entfremdung zu untersuchen wäre ein eigenes Thema. Dessen Sohn Carl Joseph, der ohne Mutter aufgewachsen ist, wird vom Erzähler als eigenständige Figur erst als Fünfzehnjähriger eingeführt (23/23 ff.), der in der Kadettenschule lebt; wenn er einmal nach Hause kommt, läuft das Leben nach strengen Regeln ab (S. 23 f.). Bezeichnend ist, dass der Vater ihn examiniert, was „Subordination“ bedeutet (25/24 ff.).
Bereits sein Vater Franz ist von dessen Vater nach dem Begräbnis des Großvaters symbolisch auf diesen festgelegt worden: „Vergiß ihn nicht, den Großvater!“ (17/33 f.) – Das Bild des eigenen Großvaters beschäftigt auch Carl Josephs Phantasie (19/18 f.). Dementsprechend wird er vom Vater definiert: „Du bist der Enkel des Helden von Solferino. Denk daran, dann kann dir nichts passieren.“ (35/19-22; vgl. 109/38 f.) Ebenso wird er vom Maler als solcher erkannt (42/11-14).
Carl Joseph fühlt sich auch selber als Enkel (60/8 ff.), den der dunkle, rätselhafte Großvater beständig anschaut (63/22 ff.). Carl misst sich an dem, was der Großvater wohl getan hätte (63/5 f.; 93/30 ff.). Seinem Freund Demant, der genauso Enkel eines übermächtigen Großvaters ist wie er selbst, bekannt er: „Ich lebe vom Großvater.“ (85/37 ff.); bei diesem kann er „einkehren“, um sich etwas zu stärken (112/3-5). Doch Demant belehrt ihn, dass Enkel zu sein heißt: Angst haben (102/24-27); sie sind beide Enkel mächtiger Großväter (86/5 f.). – Vor Demants Duell fragt Carl Joseph sich ausdrücklich: „Was hätte der Held von Solferino in dieser Lage getan?“ (93/30 f.). Jedoch: „Man war nur der Enkel!“ (94/5)
Die Entfremdung Carl Josephs von seinem eigenen Leben zeigt sich auch sonst, zunächst in seinem äußeren Leben: Er ist dem Vater untertan (25/24 f.) und holt als Soldat das nach, was dem Vater von dessen Vater verwehrt war (37/12-15); er fühlt sich den Habsburgern verwandt (26/1 ff.); er kann kaum spazieren gehen, nur marschieren (31/7 f.) und wird wie ein Kind von Frau Slama entkleidet, als sie ihn verführt (32/5 f.).  Zweimal ist er der Frau eines anderen begegnet, zweimal trennt ihn der Tod davon; einmal der Tod der Frau Slama, einmal der Tod seines Freundes Demant. Wie weit die Begegnung mit den beiden „fremden“ Frauen als Zeichen der Entfremdung gelten darf, wäre einer gesonderten Prüfung wert; jedenfalls findet Carl Joseph nie seine „eigene“ Frau.
Allgemein kann man sagen, dass Carl Joseph sich in seiner Haut nicht wohl fühlt, dass er also die Entfremdung im Inneren erlebt: Nach dem Tod der geliebten Frau Slama scheint ein Leben voll Trauer vor ihm zu liegen (39/21 f.); er möchte nicht Offizier sein (64/18 ff.; 69/30 ff.; vgl. auch 58/34 ff.), möchte zu den einfachen Kameraden gehören (59/32 f.). In einem der seltenen Momente, wo Carl Joseph sich dem Vater annähert (oder umgekehrt), fühlt er sich als ein Trotta wie dieser, „Abkömmling eines slowenischen Invaliden und des merkwürdigen Helden von Solferino“ (40/12 f.).
Wodurch kommt die Entfremdung zustande? Carl Joseph lebt nicht sein eigenes Leben, sondern das eines Enkels, des Enkels eines „Helden“. Die Pferde (Tiere) sind ihm gleichgültig, darin erkennt er sich als Nachfolger seiner bäuerlichen Ahnen (58/34 ff.); aber „man war kein Bauer, man war Baron und Leutnant bei den Ulanen“ (59/14 f.): Diese Stelle zeigt deutlich, dass Carl Joseph zwischen allen Stühlen sitzt; in ihm wiederholt sich die Entfremdung des überraschend geadelten Großvaters. Mit dem Enkel Demant zusammen sieht er sich von den anderen Offizieren geschieden (72/34 ff.); er sieht sein Leben als unsinnig an (98/37 f.) und fühlt sich als Werkzeug in der Hand des Unglücks (109/17 f.), weil er am Tod Demants mit schuld ist.
Bei der weiteren Lektüre des Romans wird man (mit einem Auge) darauf achten können, ob Vater und Sohn von Trotta doch noch zu sich selbst finden; Enkel zu sein ist jedenfalls Ausdruck eklatanter Schwäche, die nichts Gutes erwarten lässt.

5. Zeitstruktur und Erzählweise in Kap. I
Im ersten Kapitel berichtet der Erzähler vom Leben des Hauptmanns Joseph Trotta; dieser ist der Vater von Franz und der Großvater von Carl Joseph Trotta, den beiden Helden des Romans. Das Leben Joseph Trottas wird von seiner Tat in der Schlacht bei Solferino (24. Juni 1859) bis zu seinem Tod (etwa 1890) erzählt; die Datierung des Todes ergibt sich aus den Annahmen, dass Joseph Trotta bald nach der Schlacht heiratete und einen Sohn zeugte (10/14 ff.), der zwei Jahre nach dem Tod seines Vaters zum Bezirkshauptmann befördert wurde (vermutlich frühzeitig, aufgrund wohlwollender Förderung, vgl. 20/16 ff.); dessen Sohn wiederum fiel nach einigen Dienstjahren in den ersten Kämpfen des Ersten Weltkriegs (306/18 ff.). Es werden also Ereignisse aus rund dreißig Jahren auf knapp 17 Seiten erzählt; d.h. dass im Durchschnitt pro Jahr etwas mehr als eine halbe Seite zur Verfügung steht. An diesem Maß kann man messen, was dem Erzähler so wichtig ist, dass er ihm mehr Erzähldauer (drucktechnisch: mehr Platz im Buch) widmet, und wo er kürzen muss, um eben diese Zeit zu gewinnen.
Als größere Episoden, also als dem Erzähler wichtige Ereignisse werden die Heldentat in der Schlacht von Solferino (S. 5 f.), Trottas Probleme beim Briefschreiben und sein Besuch beim Vater (S. 9 f.), der Kampf gegen das Lesestück (11/6 ff.), die zweite Audienz beim Kaiser (14/16 ff.), die Fahrt zum Begräbnis und das Begräbnis des Vaters (S. 16 f.), die Entstehung des Porträts (S. 19) und das Begräbnis des Hauptmanns Trotta (S. 21) erzählt; viel Platz nehmen auch das Zitat des Briefes (S. 13 f.) und der Bericht vom Testament (S. 20 f.) ein. Daneben darf man die Bedeutung der oft langen Charakterisierungen des Hauptmanns sowie der ureigenen Kommentare des Erzählers nicht unterschätzen!
Grob gesprochen könnte man vertreten, dass Trottas Leben vom Erzähler in drei große Phasen eingeteilt wird. Diese werden durch wichtige Ereignisse eingeleitet, welche nach einem Erzählerkommentar oder einer Charakterisierung des „Helden“ szenisch erzählt werden: die Heldentat in der Schlacht von Solferino (S. 5 f., nach dem Kommentar 5/7-11); der Kampf gegen das verlogene Lesestück (11/6 ff., nach dem Kommentar 10/8 ff. und der großen Charakterisierung 10/14 ff.); die Episode, wie er vom Freund seines Sohnes gemalt wird (18/38 ff., im Anschluss an die Charakterisierung und den summarischen Bericht von der Erziehung des Sohnes 17/35 ff.). Diese drei großen Abschnitte werden durch das Bild von den Jahren, die wie Räder dahinrollen, voneinander getrennt (10/13 f.; 17/35 f.).
Das Leben nach der Heldentat, welche durch Adelung und Beförderung belohnt wird (7/1-4), ist ein entfremdetes Leben: Trotta ist sowohl seinen Kameraden wie seinem Vater fremd geworden; Letzteres zeigt sich beim Briefschreiben wie bei einem Besuch (8/15 ff.; 9/1 ff.). Trotta kämpft dann um seine eigene Wahrheit im Kampf gegen das verlogene Lesestück; er erringt dabei einen Teilerfolg, indem er bis zum Kaiser vordringt (14/14 ff.), für seinen Sohn 5000 Gulden erhält und in den Freiherrenstand erhoben wird (S. 14); aber der einfachen Wahrheit kann er nicht zum Sieg verhelfen. Er lässt sich aus der Armee entlassen; denn er muss erkennen, „daß die Schlauheit den Bestand der Welt sicherte, die Kraft der Gesetze und den Glanz der Majestäten“ (15/7 f.). Er wird wieder ein kleiner slowenischer Bauer (15/27 f.); damit kommt er seinem Vater wieder näher (16/10 ff.; vgl. 7/17 ff.). So hebt Trotta in seinem zweiten Lebensabschnitt die Entfremdung ein bisschen auf; eine große Charakterisierung (14/37 – 16/16) markiert den Einschnitt in diesem Lebensabschnitt. Im dritten Abschnitt seines Lebens begegnet er in seinem Gemälde sich selbst: „Er lernte jetzt sein Angesicht kennen, er hielt manchmal stumme Zwiesprache mit diesem Angesicht.“ (19/26 f.) Er wird milde (20/3), stirbt schließlich und wird begraben (S. 20 f.).
Mit einem kurzen Bericht davon, dass niemand um ihn weinte und dass man ihm einen Stein setzte (21/14 ff.), sowie mit einem Kommentar, dass wenig von diesem Toten überblieb (21/21 ff.), und dem Bericht vom kaiserlichen Beileidsschreiben an den Sohn (21/24-28) wird das Kap. I beendet und der Blick auf das Leben des Sohnes und des Enkels freigegeben.
Neben den bisher genannten Formen des Kommentars (z.B. 5/7-11), der szenisch erzählten Episode (z.B. 5/12 ff.), der Charakterisierung des Helden (z.B. 7/5 ff.) und dem kurzen Bericht (z.B. 7/1-4), der nur schwer vom summarischen Erzählen (etwa 8,34-38) zu unterscheiden ist, gibt es noch das Zitat des Antwortbriefs des Kultusministeriums (13/17 ff.). Überhaupt ist die Abgrenzung einzelner Formen oft problematisch: Was will man zum Beispiel noch eine szenisch erzählte Episode nennen? Die zweite Audienz beim Kaiser gehört noch dazu (14/16-27), die erste eher nicht (8/34-38). Wichtig scheint mir, dass man erkennt, wie der Erzähler verschiedene Formen des Berichtens und Bewertens benutzt, um Trottas Leben in einen Rahmen zu stellen und seinen Verlauf zu gliedern.
Mit dem Bild von den rollenden Rädern werden die großen Einschnitte markiert; Ereignisse werden entweder chronologisch angeschlossen (nach vier Wochen 7/1; eine Woche später 8/34), unbestimmt datiert (eines Tages 11/6), gar nicht datiert („Der Freund kam mit wenig Gepäck…“ 18/38 f.) oder in den Verlauf der Zeit gestellt („Schon wurden seine Schläfen silbrig, sein Auge matt…“ 15/1 f.). Zweimal wird die Vorgeschichte (die Vorfahren 7/17 ff.; die Gewohnheit des Briefeschreibens 7/32 ff.) des Geschehens kurz in eine Charakterisierung eingeschoben, ansonsten wird chronologisch erzählt; abgesehen vom Bericht von der Karriere des Sohnes (20/11 ff.) gibt es keinen zweiten Erzählstrang, was sich später ändern wird, wenn von Vater und Sohn zugleich erzählt wird.
Das Leben eines einfachen Mannes, der durch eine „Heldentat“ aus seiner Bahn gerissen wurde, wird in seinem Verlauf bis zum Tod erzählt, mit einem Ausblick auf die Auswirkungen seiner „unvergessenen“ Verdienste im Leben seiner Nachkommen – ist Joseph Trotta doch der Ahnherr eines neuen Geschlechts (5/7; 10/12 f.).

B) ZWEITER TEIL
(Kap. IX S. 120,  X S. 131, XI S. 146, XII S. 165, XIII S. 179, XIV S. 192, XV S. 206)

1. Übersicht
In diesem Teil geht es weiter abwärts, zunächst mit Carl Joseph und der Familie Trotta, dann auch mit dem Kaiserreich Österreich. Dadurch, dass durch die Versetzung Carl Josephs ein neuer Schauplatz auftaucht, können neue Figuren erscheinen (Graf Chojnicki, Wagner, Kaptura und Frau von Traußig neben anderen); die Grenzregion entfaltet aber auch als Sumpfgebiet ihre eigene negative Dynamik (Kap. IX); außerdem treten durch das Sokolfest in W. und den Streik der Arbeiter an der Grenze die nationalen und die sozialen Fragen auf den Plan. Auch meldet der Erzähler sich deutlicher als im Ersten Teil zu Wort.
Wenn man die wesentlichen Anzeichen für Carl Josephs Niedergang kurz nennen will, muss man darauf hinweisen, dass er zu trinken und zu spielen beginnt (Kap. XI und XII), dass er leichtfertig für Wagner haftet und erkennt, dass er in der Armee fehl am Platz ist; ihn stützt eigentlich nur noch sein neuer Freund Chojnicki und die kaiserliche Gnade. Der Vater bleibt ihm fremd und kann das erlösende Wort, dass er seinen Sohn liebt, nicht sprechen (S. 149 und 164); für Frau von Traußig bleibt er ein Bub (S. 183), die Fahrt nach Wien ein Kurzurlaub.
Der Niedergang der Familie Trotta zeigt sich vor allem darin, dass Jacques stirbt (Kap. X) und dass Franz von Trotta sich danach ändert und sogar eine Reise macht, seines Amtes jedoch müde ist.
Neu und bedeutsam ist das große Thema, dass Österreich sich in Auflösung befindet. Deshalb soll dieses Thema hier untersucht werden.

2. Österreich löst sich auf

Bereits zu Beginn von Kap. VIII, also dem letzten Kapitel des ersten Teils, hat der Erzähler deutlich gemacht, dass er auf eine vergangene Zeit zurückblickt: „Damals, vor dem großen Krieg, da sich die Begebenheiten zutrugen, von denen auf diesen Blättern berichtet wird…“ (S. 107) Er charakterisiert die Vergangenheit als Zeit des langsamen Wachsens und des getreulichen Erinnerns. – An diese Stelle knüpft er an, als er von der Eisenbahnfahrt Franz‘ von Trotta berichtet und die Art des Reisens in jener Zeit beschreibt (S. 147 f.). Unmittelbar zuvor, im letzten Satz von Kap. X, hat er sich als planenden Erzähler ins Spiel gebracht (S. 146). Insgesamt betont der Erzähler also seinen Abstand, zeitlich und sachlich, von jener Zeit Österreichs.
Er berichtet von den Menschen an der Grenze, dass sie „jeden Tag die Vorzeichen des Untergangs mit eigenen Augen sehen konnten“ (S. 124), womit er unter anderem auf die Spionage und Gegenspionage anspielt. Aber dieses Wissen muss doch undeutlich sein; denn die österreichischen und russischen Offiziere wissen nicht, „daß über den gläsernen Kelchen, aus denen sie tranken, der Tod schon seine hageren, unsichtbaren Hände kreuzte“ (S. 126 f.). Hier zeigt der Erzähler sein überlegenes Wissen, genau wie bei der Charakterisierung Kapturaks und seiner Genossen, die er in einem Vergleich als Geier des alten Reichs beschreibt (S. 165). Das gleiche Bild gebraucht er, als er von Carl Joseph erzählt, der die Fronleichnamsprozession beobachtet und nur deren Glanz wahrnimmt (S. 186). Brodnitzer führt das Glücksspiel in seinem Café ein, und der Erzähler kennt das Ergebnis: „Die ganze Welt war verändert.“ (S. 167)
Von den Figuren ist es Chojnicki, der als erster klar den Untergang der alten Welt diagnostiziert, wozu er offensichtlich aufgrund seiner Welterfahrung imstande ist: „Dieses Reich muss untergehen…“ (S. 130) Demokratie, Nationalismus, Verfall, Sozialismus, Verfall der alten Ordnung, das sind seine Stichworte (S. 130 f.). So erklärt er dann seinem Besucher Franz von Trotta, dass das Vaterland nicht mehr da ist und der alte Kaiser den Thron nur dadurch noch erhält, „daß er auf ihm noch sitzen kann“ (S. 155). Diese Einsicht bestimmt auch seine eigene Lebensführung (S. 180).
Dass dann auch Franz (S. 163) und Carl Joseph den „Untergang der Welt“ (S. 200) kommen sehen, sei nur am Rand erwähnt. Beachtung verdient jedoch die Beschreibung des Kaisers. Bereits bei der Fronleichnamsprozession (S. 184 ff.) wird er auffallend häufig „der alte Kaiser“ genannt, auch da, wo es nicht angebracht wäre; so rufen etwa die Fanfaren: „Habt acht, habt acht, der alte Kaiser naht!“ (S. 185) Der Glanz der Prozession, das letzte Aufleuchten des alten Reichs, wird so getrübt; Reflektor dessen ist Carl Joseph, der den Glanz sieht, aber nicht den Flügelschlag der Geier hört (S. 186, s.o.).
Eine große Analyse verdiente das Kaiser-Kapitel (XV); hier kann ich nur wenige Hinweise geben. Der Kaiser ist vor allem ein alter Mann. „Rings um ihn wandelte der Tod im Kreis, im Kreis und mähte und mähte. Schon war das ganze Feld leer, und nur der Kaiser, wie ein vergessener silberner Halm, stand noch da und wartete.“ (S. 206) In Anspielung auf das Wort Kaiser Karls V., dass in seinem Reich die Sonne nicht untergehe, berichtet der Erzähler, dass der Kaiser die Sonne in seinem Reich untergehen sieht, „aber er sagte nichts“ (S. 206, vgl. S. 215 f.). Der Erzähler zeichnet das Bild des Kaisers als eines Mannes, der viel mehr weiß, als die Leute und seine Obersten ihm zubilligen, der aber ihren Erwartungen entsprechend mitspielt. „Denn er war halt ein Österreicher…“ (S. 216) Die gutmütig-ironische Distanz ist ebenso die des Kaisers wie die des Erzählers (vgl. den Tropfen an der Nase des Kaisers, S. 217).
„Und die Defilierung konnte beginnen.“ (S. 217) Mit diesem Satz endet der zweite Teil, ohne dass die Parade der Truppen vor ihrem Kaiser geschildert würde. Diese Parade erinnert mich an die Fronleichnamsprozession (S. 184 ff.), wo sich eben auch der Glanz des Reiches zeigt, verblassend. Als die Truppen sich aufstellen, „leider in Feldgrau“ (S. 215, eine Wertung des Kaisers), sieht er sie nicht ohne Stolz in ihrer zum Teil noch erhaltenen Farbenpracht; aber er bedauert auch schon ihren Verlust. „Denn er sah sie schon zerschlagen und verstreut…“ (S. 215) Als der Kaiser seinem Leutnant Trotta begegnet und merkt, dass nicht dessen Vater, sondern der Großvater ihm das Leben gerettet hat, erschrickt er vor seinem eigenen Alter und verliert die Lust, die Truppen weiter zu inspizieren. Er blickt in die Ferne, „wo die Ränder der Ewigkeit schon auftauchten“ (S. 217), aber den Tropfen an seiner Nase sieht er nicht. – Der Erzähler kann getrost darauf verzichten, die Parade zu beschreiben. Es wäre die Parade eines Heeres, das schon vor dem Krieg besiegt ist.
** Ein Postskript ist nachzutragen: Was war Österreich, was war das Kaiserreich, das nach 1914 unterging? Für die nach 1945 Aufgewachsenen ist die BRD der Westen und der Rhein die Achse Europas; die DDR, die CSSR, Polen, Rumänien, Bulgarien und die Sowjetunion waren der Osten. Das gilt so nicht für den Roman „Radetzkymarsch“ und das in ihm noch lebendige Zeitalter. Die Menschen im Osten des Reiches, also hinter Lemberg, hinter dem 25. Grad östlicher Länge lebten „zwischen dem Osten und dem Westen“ (S. 122); der Osten, das war Russland; Böhmen, Mähren, Slowenien, Ungarn, das war der Westen!
Und Österreich war nicht das kleine Alpenland, Österreich war etwas anderes. In Joseph Roths Erzählung „Die Büste des Kaisers“ wird Graf Morstin als ein echter Österreicher eingeführt: ein Mann, der viele Sprachen spricht, Verwandte in der ganzen zivilisierten Welt hat, der sich ihrer Kultur erfreut und der sich keiner Nation zugehörig fühlt. „Wie jeder Österreicher jener Zeit liebte Morstin das Bleibende im unaufhörlich Wandelbaren, das Gewohnte im Wechsel und das Vertraute inmitten des Ungewohnten. So wurde ihm das Fremde heimisch, und so hatte die Heimat den ewigen Zauber des Fremden.“ (Werke Bd. 3, 1976, S. 174) – Man könnte auch auf Roths Arbeiten „Die k. und k. Veteranen“ (Bd. 4, S. 709 ff.), „Rede über den alten Kaiser“ (Bd. 4, S. 771 ff.) und „Abschied von Karl Tschuppik“ (Bd. 4, S. 293 ff.) zurückgreifen, um „Österreich“ besser zu verstehen. – Bei Roths Arbeiten muss man beachten, dass sie schon vor 1933 und noch stärker ab März 1938 eine antinazistische Stoßrichtung besitzen: Wenn Österreich das übernationale und überkonfessionelle Reich aller Menschen ist, dann passt dazu kein arisch-deutsches Übermenschentum!
Roman Frister erwähnt seine Mutter, die im Ersten Weltkrieg nach Wien ging, „kurze Zeit, bevor der Kaiser starb und Leute wie meine Großmutter noch glaubten, daß das österreichisch-ungarische Kaiserreich für immer und ewig das Zentrum der Welt bleiben würde. Wien galt als ewige Hauptstadt der Kultur, Kunst und der guten Manieren; die Städtische Oper und die Sachertorte sollten ihrem Namen in dem Teil der Welt Würde verleihen, in dem die Zivilisation  für die wichtigste Errungenschaft der menschheit gehalten wurde.“ (Roman Frister: Die Mütze oder Der Preis des Lebens, Berlin 1997, S. 158)
Es gibt im www als pdf-Datei einen Aufsatz von Peter Stachel: „Übernationales Gesamtstaatsbewusstsein in der Habsburgermonarchie“, wo das Thema umfassend dargestellt wird.

3. Gliederung des Themas: „Carl Josephs Niedergang im zweiten Teil“ 
1      Wo liegen die Grenzen dieser Untersuchung (in Systematisierung
dessen, was vielleicht eine Entwicklung darstellt)?
2      Woran erkennt man im zweiten Teil des Romans Carl Josephs Niedergang?
2.1   Er sieht schlecht aus (S. 148; 216/35).
2.2   Er steht seinem Leben fremd gegenüber:
2.2.1 sich selbst (202/1),
2.2.2 seinen Aufgaben (198/8 f.; 201/30 ff.; 203/11 ff.),
2.2.3 seinen Bezugspersonen (131/23 ff.; 149/14 ff.; 161; 163/16 f.;
164/9-11; 203/11 ff.; 216/16 ff.).
2.3   Vorübergehend scheint er die Möglichkeit eines neuen Lebens zu sehen
(S. 186 ff.; 192/8 ff.; S. 192 f.).
2.4   Er hat einen Drang zu Untergang und Tod, er ahnt das Ende
(131/17 f.; 150; 190/30 ff.; 196/9 ff.; 200; 201/36 f.;  204/4 ff.).
2.5   Carl Joseph lässt sich gehen:
2.5.1 er trinkt (S. 158 ff.; 173; 193/18),
2.5.2 er spielt (S. 171 ff.; 189),
2.5.3 er übernimmt (und macht damit) Schulden (170/3; 174/16; 176; 203 f.),
2.5.4 er verliert Haltung und Form (S. 159 ff.; 173).
2.6   Er ist unsicher, schwankt, ist schwach:
2.6.1 von ihm selbst erlebt (161/16 f.; 179/13; 186 ff.; 193 f.; 196/30 ff.),
2.6.2 von anderen erlebt (175/29; 181/35 ff.; 184/11).
3      Er ist ein Trotta und wird als solcher vorübergehend gerettet (202/20 ff.; 206/1 f.)

C) DRITTER TEIL
(Kap. XVI S. 218, XVII  S. 235,  XVIII S.  254,  XIX S. 270, XX S. 292, XXI S. 302, Epilog S. 310)

1. Übersicht
Im dritten Teil vollendet sich das, was sich hinreichend angekündigt hat: Der Krieg beginnt, Carl Joseph erlebt ebenso wie das Reich den Tod; schließlich sterben auch der Kaiser und Franz von Trotta; „sie konnten beide Österreich nicht überleben“, sagt Dr. Skowronnek (S. 317). Allerdings hat Carl Joseph nach seinem Abschied von der Armee für kurze Zeit sein Glück gefunden.
Der Arzt Skowronnek ist die wichtigste neue Figur im dritten Teil; er wird der Altersfreund des Bezirkshauptmanns, mit dem dieser offen sprechen und Schach spielen kann. Er bietet ihm sein Geld an (S. 257), als Carl Joseph seine Schulden bezahlen muss, genau wie dieser das entsprechende Angebot Onufrijs bekommt (S. 251 ff.). Von solchen Helfern hebt sich Kapturak ab (241 ff.), der die Krise Carl Josephs verschärft und auf Anordnung der Behörden später ausgewiesen wird; Hauptmann Jedlicek wird als Spion enttarnt.
Der Erzählstrang, der Carl Josephs Geschick verfolgt, ist von dessen Wunsch bestimmt, die Armee zu verlassen (S. 225); zwar rettet er noch die Ehre des Thronfolgers (S. 286), eine Parallele zur Rettung des Kaiserbildes (S. 74) und der Tat seines Großvaters, aber als er die Arbeit auf dem Land beginnt, ist er zufrieden (S. 295), endlich wie sein bäuerlicher Großvater leben zu können (S. 297, vgl. S. 15). Sein Vater hat ihn freigegeben (S. 231). Als er eingezogen wird, geht er sinnlos in den Tod, wobei er im Geist die Takte des Radetzkymarsches hört (S. 306). – Hier sieht man, wie die alten Linien der Erzählung weitergezogen werden.
Der Erzähler meldet sich mehrmals am Kapitelende kommentierend zu Wort (S. 235, 254). Für mich sind die Schilderungen des Kaisers bei seiner Begegnung mit Franz von Trotta (S. 267 ff.) und mit dem Tod (S. 314 f.) erzählerisch reizvoll, ebenso die der Art, wie Frau von Traußig mit ihrem Alter umgeht (S. 237 ff.); die Ironie des Erzählers ist nie böse, zum Schlusss macht Frau von Traußig als Schwester einen „guten“ Eindruck (S. 311 f.).
Dass die Nachricht vom Attentat in Sarajevo während des gerade aufziehenden Gewitters ankommt (S. 278 ff.), wirkt ein bisschen trivial; neu ist die Einsicht des Erzählers, dass die Schlacht von Solferino „zum erstenmal den Untergang der kaiser- und königlichen Monarchie angekündigt hatte“ (S. 264). Wie es dem alt gewordenen Bezirkshauptmann ergeht, wie er seinen Sohn beim Kaiser rettet und doch erleben muss, wie das Reich und seine Familie untergehen, das wird im dritten Teil des Romans und im Epilog erzählt.

2. Die Zeitstruktur in Kap. XVI
An diesem Kapitel soll exemplarisch gezeigt werden, wie der Erzähler das erzählte Geschehen zeitlich gestaltet und was eine Analyse der Zeitstruktur leisten kann.
In Kap. XVI wird der Erzählstrang aufgenommen, in dem Franz von Trotta die Hauptfigur ist. Dieses Kap. schließt an Kap. X und XI an; die Veränderungen nach dem Tod von Jacques sind am Ende von Kap. X berichtet worden (S. 146), und das Stichwort „Veränderungen“ leitet auch Kap. XVI mit der Suche nach einem neuen Diener ein. In Kap. XI hat Franz von Trotta Gelegenheit gehabt, den Niedergang und die Fremdheit seines Sohnes zu erleben (S. 148 ff.) und Chojnickis Theorie vom Untergang des Reiches nicht nur zu hören (S. 154 f.), sondern ihn auch kommen zu sehen (S. 163).
Die Veränderungen, die der Erzähler vorgreifend zu Beginn von Kap. XVI ankündigt und zu denen die Tatsache gehört, dass Trotta vor dem Frühstück nicht mehr spazieren geht (S. 219), finden in einem undefinierten großen Bereich des Jetzt (zweimal auf S. 220) statt; in diesem Zeitraum des Jetzt findet er keinen neuen Jacques, verzweifelt er an der Verlässlichkeit des Militärs und an den „revolutionären“ Bestrebungen der neuen Zeit (S. 219).
Mit „hie und da“ (S. 220) wird als eine der Veränderungen erwähnt, dass Trotta sich gelegentlich in der Reihenfolge der Wochentage vertut, wobei unmerklich zu einem einzelnen Sonntag übergeleitet wird („Es gab Tafelspitz…“), an dem Nechwal zu Besuch ist (S. 220 f.). Wenn wir dieses Ereignis Episode 1 nennen, folgt darauf (ohne genaue Datierung) Episode 2 („Eines Tages kam der junge Nechwal.“); der junge Nechwals kündigt ihm ebenfalls das nahe Ende des Reiches an, der Besuch enttäuscht Trotta (S. 221-223).
Die Episode 2 wird relativ mit der neuen Gewohnheit (Veränderung, S. 223) synchronisiert, mit Skowronnek Schach zu spielen. Dieser Zeitraum der Bekanntschaft mit Skowronnek wird zusammenfassend berichtet, worin allerdings als Episode 3 („Eines Nachmittags…“, S. 223 f.) der Bericht eingeschoben ist, wie sie sich kennen lernen; vermutlich muss man das Gespräch der beiden, das unvermittelt nachgetragen wird (S. 225), auch der Episode 3 zuordnen.
Dem Komplex Skowronnek wird dann das Problem Carl Joseph zugeordnet (ab S. 225: „schon lange“, „seit mehreren Wochen“). In diesen Bericht über einen Zeitraum von Wochen ist die Episode 4 eingebettet, der Tag, als Trotta den Brief Carl Josephs erhalten hat (S. 226), der das Problem ausgelöst hat.
Wir haben also einen großen Zeitraum vor uns, in dem Franz von Trotta nach dem Tod seines Dieners viele Veränderungen erlebt, die ihm zeigen, dass die Welt sich ändert (S. 218), während die Leute wahrnehmen, dass er alt wird (S. 219). Positiv ist die Tatsache, dass er Dr. Skowronnek kennen lernt und sich angewöhnt, mit diesem Schach zu spielen; zeitlich später begegnet Trotta dem jungen Nechwal und erhält den Brief seines Sohnes, der ihm mitteilt, er wolle die Armee verlassen. – Die einzelnen Episoden sind in zusammenfassende Berichte eingebettet, werden aber nicht in chronologischer Reihenfolge erzählt.
Es folgt dann ein Bericht von den Ereignissen zweier aufeinander folgender Tage („Eines Tages…“, S. 227); Moser kommt, bittet um Geld und wird entlassen; Trotta spricht mit Skowronnek über den Wunsch Carl Josephs, jener äußert zu seinem Entsetzen Verständnis für den Sohn, worauf er am Abend den Brief mit seinem Einverständnis schreibt. Am nächsten Tag schickt er den Brief ab, trifft kurz Slama und bespricht sich beim Schachspiel noch einmal mit Skowronnek (S. 232 ff.). Der Erzähler berichtet noch, wie Trotta einschläft, um dann in einem Kommentar anzukündigen, dass jenem noch Schlimmeres bevorstehe. Damit spielt er auf den Tod Carl Josephs an, wie man später erfährt (S. 309).
Das Geschehen dauert insgesamt mehrere Monate, wovon auf ca. 17 Seiten erzählt wird; allein die Gespräche Trottas mit Skowronnek, die nicht mehr als ein, zwei Stunden dauern, sind dem Erzähler so wichtig, dass er davon auf etwa vier Seiten berichtet (weithin wörtliche Rede, also zeitdeckend erzählt); diese beiden Gespräche, in denen Trotta umgestimmt wird, machen also gegen den Hintergrund des nahenden Untergangs den Kern des Kapitels aus.
In den Gesprächen gewinnt Skowronnek seinen Freund dazu, dem Wunsch Carl Josephs nachzugeben. Trotta hat den Brief seines Sohnes so gelesen, „als kündigte der Sohn (…) dem Alten den Gehorsam“ (S. 226); durch seine Zustimmung zu den Entscheidungen seines Sohnes legt er in seinen Augen die Befehlsgewalt über diesen nieder (S. 231), und indem er sich für ihn beim Kaiser verwendet (Kap. XVIII), öffnet er ihm den Weg zu einem Leben auf dem Land, das ihn glücklich macht, zumindest für eine kurze Zeit (S. 295, 297).

http://www.krref.krefeld.schulen.net/referate/deutsch/r0263t00.htm
http://www.members.blackbox.net/Georg.Furtner/JRoth.htm
http://www.lesekost.de/deutsch/Roth/HHLROTH1.htm

Roth: Hiob – Inhalt, Zeitstruktur und thematischer Aufbau

Zuerst werden hier die äußeren Ereignisse und ihre Datierung vorgestellt. Ich beziehe mich auf die uralte Ausgabe in der Fischer Bücherei (1969, kostete damals DM 2,80), Text dort S. 5 – 123. Ich gebe den Umfang der einzelnen Kapitel genau an, damit man meine Nachweise auch (ungefähr) auf andere Ausgaben übertragen kann.

Kap. I (5 ff.) Vor vielen Jahren (S. 5) lebte in Zuchnow Mendel Singer, 30 Jahre alt (S. 6 – man wird die Zahl 30 aber nicht wörtlich nehmen dürfen, sonst bekommt man Schwierigkeit mit dem Alter der Söhne bei der Musterung; dreißig ist in der Bibel oft Einheitswert für größere Zahlen (z.B. Ri 10,4), auch bei Zeitangaben (z.B. Num 20,29). Jesus wurde ungefähr 30 Jahre alt (Luk 3,23). [K.-H. Bernhardt in BHH] Vgl. auch http://zahlwort.blogger.de/stories/1069564/ und als Belege etwa Gen 11,14 Und Schelach lebte dreißig Jahre und zeugte Heber. Gen 41,46 Und Joseph war dreißig Jahre alt, als er vor dem Pharao, dem Könige von Ägypten, stand. Num 4,3 von dreißig Jahren und darüber bis zu fünfzig Jahren, alle, welche in die Arbeit treten, um das Werk am Zelte der Zusammenkunft zu verrichten. 2. Sam 5,4 Dreißig Jahre war David alt, als er König wurde; er regierte vierzig Jahre.), dem „an einem heißen Tag im Hochsommer“ (7) das vierte Kind geboren wird, der Sohn Menuchim. In seinem 13. Monat stellt sich heraus, dass er schwer behindert ist (7 f.). Eines Tages: die Pocken (8). Eines Tages, im Herbst (9) fährt Deborah mit Menuchim zum Rabbi nach Kluczysk und bekommt dessen Segensverheißung (12).

Kap. II (12 ff.) Einige Tage danach (13) müssen die Geschwister sich um Menuchim kümmern (14), eines Tages im Sommer unternehmen sie einen Mordversuch (14). Menuchim wächst (16). Plötzlich, eines Morgens, stößt er einen Schrei aus und sagt eine Woche später „Mama“ (16).

Kap. III (17 ff.) Auch zehn Jahre später kann er nur „Mama“ sagen (17). – Erinnerung Deborahs an eine Episode aus der Zeit ihrer letzten Schwangerschaft (17 f.) – die einzige Stelle, an der der Erzähler das Prinzip der chronologischen Abfolge durchbricht (indirekt: Es handelt sich ja nur um eine Erinnerung!); in Deborahs Augen ist mit dieser Episode ihr Unglück erklärt oder begründet. [Russisch-japanischer Krieg 1904/05 ist schon beendet (19).] Jonas und Schemarjah werden an einem Mittwoch gemustert (20, Abreise am 26. März), auf der Heimreise zeigen sich die Differenzen zwischen ihnen (20-23), Ankunft daheim am Sonntag (20).

Kap IV (25 ff.) Mendel versucht vergeblich, Menuchim das Sprechen und Singen beizubringen (27 f.). Deborah reist zu Kapturak, der ihre Söhne vor dem Militärdienst retten soll. Jonas wird Pferdeknecht bei Sameschkin (30 f., bis Herbst, 20).

Kap. V (31 ff.) Am 20. August wird Schemarjuk abgeholt und über die Grenze gebracht. „Also verrannen die Jahre.“ (35)

Kap. VI (35 ff.) An einem Nachmittag im Spätsommer (35) bringt ein Fremder einen Brief Schemarjahs, der jetzt Sam heißt und die Eltern nach Amerika einlädt (36 f.). Mirjam geht mit einem Kosaken (42-44). Beschluss, nach Amerika zu fahren (44).

Kap. VII (45 ff.) Bemühen, Papiere für die Reise zu bekommen; Kapturak wird wieder eingeschaltet; Dauer: einige Wochen.

Kap. VIII (54 ff.) Das Haus bekommen Billes, die sich um Menuchim kümmern sollen (59 f.). Kapturak bringt die Karten (60), man reist nach Bremen (63-65), drei Tage lang (64); Abfahrt am nächsten Tag (64 f.).

Kap. IX (66 ff.) Ankunft in NY nach 14 Tagen, einige Tage Quarantäne. Sam und Mac holen Singers ab.

Zweiter Teil

Kap. X (69 ff.) Mendel lebt sich in NY ein (69 f.), seiner Frau fehlt Menuchim (71 f.). – Brief Billes: Menuchim kann sprechen (75 f.), Brief des Sohnes Jonas [mit Andeutung eines kommenden Krieges, 76, also etwa 1913/14].

Kap. XI (77 ff.) Mendel wird bald 59 Jahre alt (77), er will Menuchim holen (78-80); der Kriegsausbruch [August 1914] verhindert seine Reise.

Kap. XII (82 ff.) Herbst [1917, da Kriegseintritt Amerikas, am 6. April 1917]: Jonas ist verschollen (82), Sam amerikanischer Soldat (82 f.). Eines Tages ist Sam als Soldat gefallen (84 f.), seine Mutter fällt darauf tot um (86).

Kap. XIII (86 ff.) Am achten Tag danach wird Mirjam irre (87 f.); Mendels Hiob-Aufstand beginnt (90 ff.).

Kap. XIV (96 ff.) Mendel zieht zu Skowronnek (96). [In Russland regiert kein Zar mehr, 100.] Mac heiratet Vega, die verwitwete Schwiegertochter (100). [Es ist Herbst 1918, der Krieg ist aus, 101.] Mendel hört „Menuchims Lied“, das ihn ergreift (101 f.).

Kap. XV (102 ff.) Im Frühling [1919] (102) will Mendel zurück nach Russland (104 f.); der Dirigent Kossak sucht ihn (106 ff.) und kommt als Fremder Ostern zu Besuch zu Skowronnek (111 f.). Er offenbart sich als Menuchim (117), auch Jonas lebt (113 ff.).

Kap. XVI (119 ff.) Im Astor-Hotel erzählt Menuchim dem Vater seine Lebensgeschichte (120). Am nächsten Tag fahren sie los, in die Sonne hinein (121 f.). Menuchim zeigt im Hotel ein Bild seiner Familie (122), Mendel ruht aus (123).

Auswertung: Erzählblöcke: Kap. I f. Menuchims Anfänge; Kap. III-V die Bedrohung der anderen Söhne durch das Militär; Kap. VI-IX Mirjams Bedrohung: Aufbruch und Reise nach Amerika; Kap. X f. der Anfang in Amerika; Kap. XII f. Unglück in der Familie Singer; Kap. XIV-XVI Ankunft Menuchims und glückliches Ende. Die eigentlich rasante Abfolge der Ereignisse wird nicht als solche erlebt, weil der Erzähler auch Personen charakterisiert, von Gesprächen berichtet und uns am inneren Erleben der Hauptpersonen teilnehmen lässt. – Erzählt wird die Geschichte der Familie Singer; die Hauptfiguren sind Mendel Singer und sein Sohn Menuchim, mit dessen Geburt das Geschehen beginnt. Es endet mit dem glücklichen Wiedersehen von Vater und Sohn. Deborah, die Mutter, ist eine treibende Kraft und Mendels Helferin; die lebenslustigen oder erfolgreichen Geschwister sind als später bedrohte oder zerstörte Menschen die Kontrastfiguren zu Menuchim, an dem sich die Verheißung erfüllt hat.

Der fiktive Ort Zuchnow wird nicht nur indirekt (Zar, Rubel, Kosaken), sondern auch direkt nach Russland verlegt (38), und zwar nach Wolhynien (69), also an die Westgrenze, die man in drei Tagen zu Pferd erreichen kann (31 ff.).

Der innere Zielpunkt des Erzählens wird in Kap. I durch die Segensverheißung des Rabbi gesetzt: „Menuchim, Mendels Sohn, wird gesund werden. Seinesgleichen wird es nicht viele geben in Israel. Der Schmerz wird ihn weise machen, die Häßlichkeit gütig, die Bitternis milde und die Krankheit stark. Seine Augen werden weit sein und tief, seine Ohren hell und voll Widerhall…“ (12) Unter dieser Verheißung steht das ganze erzählte Geschehen, bis sie sich am Ende als erfüllt erweist: Gesund ist Menuchim, ein großer Komponist und Kapellmeister (Ohren!), mit bemerkenswerten Augen.

Zweimal treibt ein Fremder, der plötzlich auftaucht, das Geschehen voran. Ein Fremder bringt den Brief des erfolgreichen Sohnes aus Amerika mit der Einladung zu kommen (35); ein Fremder erscheint bei Skowronnek (111) und erweist sich als der gerettete Sohn Menuchim – „ein Fremder“ ist ein literarisches Motiv, das auf viele Arten entfaltet werden kann, bis hin zur religiösen Deutung, dass wir alle auf Erden Fremde sind, allenfalls Gäste, und dass unsere Heimat im Himmel liegt.

Bereits als Menuchim nach Jahren auf einmal „Mama“ sagen kann, erlebt Deborah diesen Durchbruch als Bestätigung der Verheißung („und dieses Wort der Mißgeburt war erhaben wie eine Offenbarung…“, 17). In der Nacht vor der Abreise nach Amerika, als sie Menuchim zurücklässt, denkt sie dagegen: „Nichts wird aus ihm.“ (62); sie zweifelt an der Verheißung und lässt den Sohn im Stich, um Mirjam davor zu bewahren, ein Kosakenflittchen zu werden. In NY stellt Mendel sich vor, dass ein erlösender Brief ihm mitteile, Menuchim sei ganz gesund geworden (74). Bald darauf kommt Billes Brief (75) mit der Nachricht, dass Menuchim zu reden begonnen hat (75 f.). Deborah kommentiert: „Der Rabbi hat recht“, und zitiert dann einen Teil der Verheißung: „Der Schmerz wird ihn weise machen…“ (77). Da erst erfährt Mendel von dieser Verheißung (Deborahs Ausrede „Ich hatte es vergessen.“ klingt wenig glaubhaft). Von diesem Zeitpunkt an wartet Mendel auf Menuchim (78 ff.); vorher hatte nur Deborah sich nach dem Sohn gesehnt (71 f.). Beim Unglück der anderen Kinder erlebt Mendel in einem den Tod Menuchims mit (86, 89), also das Scheitern der Verheißung. Hier haben wir auch einen Anknüpfungspunkt der Hiob-Thematik: Freund Rottenberg wirft ihm vor, dass er Menuchim im Stich gelassen hat und so Gottes Pläne gestört haben könnte (94). Dass Mendel von „Menuchims Lied“ ergriffen wird (101 f.), bringt die Wende zum Guten; dieses Lied ist auch mit „Kossaks“ Ankunft verbunden (107), der auf der Suche nach Mendel ist. Bereits als Mendel die Augen Kossaks auf dem Bild betrachtet, beginnt die Verheißung sich zu erfüllen (109); in ihnen ist Licht. Als der Fremde zu Skowronnek zum Osterfest kommt (111), sucht Mendel seine Augen zu erblicken (112); der Fremde offenbart sich als Menuchim (116 f.) – die Szene erinnert mich an die entsprechende Episode aus der Josefsgeschichte (Gen 45). Dankbar zitiert Mendel die Verheißung, die er von Deborah gehört hat: „Der Schmerz wird ihn weise machen…“ (117).

Zum Schluss liegt noch einmal in indirekter Bezug auf die Segensverheißung vor. Als Mendel von Menuchim getröstet worden ist, denkt er: „Der Mensch ist unzufrieden (…). Sieh nur, was aus Menuchim, dem Krüppel, geworden ist. Schmal sind sein Hände, klug sind seine Augen, zart sind seine Wangen.“ (121)

An dieser Stelle wird auch das Thema genannt, unter dem die Erfüllung der Verheißungen steht: ein Wunder. „Eben hat er ein Wunder erlebt, schon will er das nächste sehn.“ (121) Man muss also „das Wunder“ oder „die Wunder“ mit der Erfüllung des Segens zusammen sehen, auch wenn hier aus Gründen der Darstellungstechnik das Wunder-Thema von mir gesondert behandelt wird.

Ehe Deborah zum Rabbi zu gehen sich entschließt, ist sie wegen Menuchims Behinderung ganz unten angelangt: „Sie wagte nicht mehr, Gott anzurufen“ (11), sie hält sich an niedrigere Vermittler. Dann erhält sie vom Rabbi die Segensverheißung, die sie wieder aufrichtet (12). Mendel Singer jedoch lehnt solche Mittler wie den Rabbi ab: „Sein gerader Sinn (…) vertrug kein Wunder im Bereich der Augen. Er lächelte über den Glauben seiner Frau an den Rabbi.“ (12)

Ein erstes kleines, wenn auch nicht so benanntes Wunder erleben Menuchims Geschwister; sie haben versucht, den ihnen lästigen Menuchim zu töten, aber der hat alles überlebt. „Eine große Furcht vor Gottes kleinem Finger, der eben ganz leise gewinkt hatte, ergriff die zwei Knaben und das Mädchen.“ (14) – Die Eheleute Singer streiten sich, ob Gott Wunder tut, als sie Menuchim bei ihrer Reise nach Amerika nicht mitnehmen wollen (55). Von Deborah wird dann berichtet, wie sie lange vergeblich auf das Wunder gewartet hat (55) und nun glaubt, Wunder seien nur vor alten Zeiten geschehen (56) – anscheinend hätten heute nur andere Leute das Glück, Wunder an eigenen Leib zu erfahren. Sie intoniert dann gegenüber Mendel das Hiob-Thema: „Wofür straft er uns jetzt? Haben wir Unrecht getan? Warum ist er grausam?“ (56) [Hier sieht man m.E., dass das Hiob-Thema dem Thema „Wunder“ zugeordnet bzw. untergeordnet ist.] Bei der Abreise stellt sie ausdrücklich fest, dass kein Wunder geschehen ist (63).

In NY hört Mendel dagegen, Amerika sei God’s own country, „wie einmal Palästina“, und NY the wonder city, „die Stadt der Wunder, wie einmal Jerusalem“ (70). Damit wird der Leser (und auch Mendel?) auf die Erfüllung der Verheißung vorbereitet. In der Hiob-Situation Mendels, als Mirjam nach dem Tod Sams und Deborahs irre geworden ist (89 ff.), fragt er seine Freunde: „Habt ihr schon wirkliche Wunder gesehen, mit euren Augen?“ (94) Menkes als Verteidiger Gottes erklärt, warum dieser heute nur noch „mäßige Wunder“ vollbringe (95) – Mendel werde Menuchim nach dem Krieg sehen können, wie auch Jonas und Mirjam, die ja nicht tot seien.

Bei der Osterfeier werden liturgisch die Wunder erzählt bzw. besungen, die der Herr in der Geschichte Israels vollbracht hat. Die Melodie entfaltet ihren Zauber in der Runde. „Und selbst Mendel stimmte sie milde gegen den Himmel“ (110), er denkt ausdrücklich an Menuchim (110 f.) – hier wird die baldige (Er)Lösung massiv durch den Erzähler vorbereitet. Die ganze Liturgie hat alle Anwesenden „so nah an die Erwartung eines Wunders gebracht“ (111), dass sie beinahe mit der Ankunft des Elias rechnen, als der Fremde anklopft. Man fährt dann mit dem Essen und dem „Absingen der Wunder“ fort (113), „daß sogar Mendel am Ende jeder Strophe ‚Halleluja, Halleluja’ wiederholte“ (113). Als Menuchim sich zu erkennen gegeben hat, setzt Mendel sich auf dessen Schoß und zitiert flüsternd einen Satz der Verheißung (117). Skowronnek aber geht von Haus zu Haus und verkündet: „Ein Wunder ist geschehn! Kommt zu mir und seht es an!“ (117) Und Menkes korrigiert sich (s.o. 95!), als die anderen Juden erscheinen: „Groß sind die Wunder, die der Ewige vollbringt, heute noch wie vor einigen tausend Jahren. Gelobt sei sein Name!“ (118) Damit ist das Ziel der Erzählung erreicht; nicht nur Menkes‘ kleiner Glaube, sondern auch Mendels Gottesverständnis (12) und Deborahs Skepsis (56) sind widerlegt.

Vielleicht muss als eine humane Einfärbung des großen Wunders gelten, was Menuchim über seine Heilung berichtet (120): Mendel hat einmal mit seinem Löffel an ein Glas geklingelt (vgl. 27), Billes‘ Schwiegersohn hat auf seiner Geige gespielt (120) – das hat offensichtlich dazu beigetragen, aus Menuchim den großen Musiker zu machen, ohne dass dadurch das Wunder seiner Rettung kleiner würde.

Es folgt noch die bereits zitierte Einsicht in die Unzufriedenheit des Menschen bzw. Mendels: „Eben hat er ein Wunder erlebt, schon will er das nächste sehn.“ (121) Am Schluss ist auch diese Unzufriedenheit verflogen: „Und er ruhte aus von der Schwere des Glücks und der Größe der Wunder.“ (123) – ein prächtiges Finale, welches andeutet, dass der Weg Mendels ins Alter ein Ende gefunden hat; mit diesem zweiten Thema neben der Verheißung-Wunder-Thematik werden wir uns befassen, wenn wir den Stellenwert der Hiobthematik genauer bestimmt haben.

Der Stellenwert des Buches Hiob (oder Ijob, wie es heute heißt) im Spektrum des Tun-Ergehen-Zusammenhangs, der in der Neuzeit unter dem Stichwort „Theodizee“ diskutiert wird:

Auf der Seite http://www.bibelwissenschaft.de/bibelkunde/themenkapitel-at/theodizee/ wird die Vorstellung vom Tun-Ergehen-Zusammenhang so dargestellt: „Im Alten Testament ist in den älteren Schichten die Anschauung belegt, daß sich Tun und Ergehen eines Menschen entsprechen. Wer nicht gerecht/ gemeinschaftstreu handelt, sammelt um sich eine unsichtbare Unheilssphäre, die einst auf diesen Übeltäter negativ zurückwirken wird. Dementsprechend ist jemand, der Gutes tut, auch mit einer guten Heilssphäre ausgestattet (Tun-Ergehen-Zusammenhang). Damit wird Leiden als notwendige Folge eigener Verschuldungen verstanden, die sich sogar ohne besonderes Zutun Gottes negativ auswirken können. Dieses Verständnis erreichte seinen Höhepunkt mit der allgemein akzeptierten Deutung der Zerstörung Jerusalems und des Exils als „gerechte“ Strafe für Israels Abfall.

Bis in die exilische Zeit hinein gab es folglich wenig Zweifel daran, daß Gott gerecht handeln würde. Wenn es auch in Israel wie in anderen Kulturen das Thema des leidenden Gerechten gab, so konnte man das Problem doch anfänglich damit lösen, daß man generationenübergreifend dachte: das dem Gerechten fehlende Wohlergehen werde seinen Nachkommen eignen (vgl. Dtn 5,9f: Gott sucht Schuld bis in das dritte und vierte Geschlecht heim, übt aber Gnade bis in das 1000. Geschlecht).

Doch immer mehr brach sich die Erkenntnis Bahn, daß einerseits sich Tun und Ergehen nicht immer wirklich entsprechen und andererseits das Verschieben auf spätere Generationen keine Lösung sein konnte.“

An dieser Stelle setzt das biblische Buch Hiob ein: „Der wichtigste Versuch zur Bewältigung dieser Problematik findet sich in den Dichtungen des Ijobbuches, in denen die Anklagen gegen Gott in bis dahin nicht gehörter Schärfe formuliert werden. Doch zu einer Lösung kommt es auch hier nicht. Gott redet zweimal mit Ijob, er verweist auf seine Majestät und die Schönheit der Schöpfung; er, Gott, dämmt allein das Chaos ein. Doch auf Ijobs Anklagen und die Herausforderungen geht er nicht ein. Dennoch unterwirft Ijob sich Gott und bekennt, ohnmächtig und unwissend zu sein. Die Lösung des Ijobbuches wird man so verstehen müssen, daß Gott dem Bösen einen Raum in der Schöpfung zugestanden hat, auch wenn er letztlich der allen Überlegene ist. Warum das so ist, weshalb Gott das Leiden der Menschen in Kauf nimmt, darauf wird offenbar keine Antwort gegeben oder es liegt außerhalb des Horizontes der Dichtung.“ (Differenzierter ist die Darstellung im WiBiLex, Stichwort „Tun-Ergehen-Zusammenhang“; ganz knapp ist http://de.wikipedia.org/wiki/Tun-Ergehen-Zusammenhang, vgl. auch http://de.wikipedia.org/wiki/Ijob sowie die Suchwörter „Tun-Ergehen-Zusammenhang“, „Hiob“ und „Theodizee“ in den Suchmaschinen).

Die Hiob-Thematik im Roman ist vom Umfang begrenzt und in der Sache dem Thema „Wunder“ untergeordnet. Bereits im zweiten Satz („Er war fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich…“, 5) wird ein Parallele zum biblischen Hiob gezeichnet: „Dieser Mann war untadelig und rechtschaffen; er fürchtete Gott und mied das Böse.“ (Ijob 1,1) Eine zarte, noch ironische Andeutung der Hiob-Situation findet man, als erzählt wird, wie den älteren Söhnen der Familie Singer die Einberufung zum Militär droht: „Anderen Jünglingen hatte eine gnädiger und vorsorglicher Gott ein körperliches Gebrechen mitgegeben…“ (19). Diese Andeutung wird bald ausgebaut: Man sieht sich sowohl mit dem kranken Menuchim wie mit den gesunden Söhnen gestraft (26, vgl. 24 und 28). Deborah wirft Mendel vor, ein hilfloser dummer Lehrer zu sein, „und in seinem Herzen züngelten bereits die weißen Stichflämmchen der Empörung“ (26).

Die Debatte um den Zusammenhang vom eigenen Tun und der Strafe Gottes kommt gelegentlich auf (56 – diese Stelle ist bereits im Wunder-Zusammenhang besprochen). Ganz verschwunden sind alle Zweifel Mendels, als er Jonas’ Brief erhalten hat: „Auch über ihm wölbte sich Gottes breite, weite, gütige Hand.“ (77, mit Bezug auf Billes Wohlergehen, 59) Mendel ist seinem Gott treu, er singt seine Psalmen in guten wie in bösen Stunden (81).

Das ändert sich, als Sam und Deborah sterben (85 f.) und Mirjam irre wird (87 f.). Mendel merkt, wie er einsam geworden ist (91). „Es galt, nur noch eine Beziehung zu kündigen.“ (91) – die Beziehung zu Gott. Er schickt sich an, alle Gebetsutensilien zu verbrennen (91 f.), aber seine Hände versagen ihm den Dienst (92). Seine Freund kommen, ermahnen ihn zur Treue und erinnern ihn an Hiob (92 f.). Gegen ihren Trost fragt er: „Habt ihr schon wirkliche Wunder gesehen, mit euren Augen?“ (94 – siehe oben zum Thema „Wunder“). Von diesem Tag an betet er nicht mehr (96). „Als erbarmungswürdiger Zeuge für die grausame Gewalt Jehovahs lebte er in der Mitte der andern, deren mühseligen Wochentag kein Schrecken störte.“ (97) Aber es tut Mendel weh, dass er nicht mehr betet (97). Er denkt sich auch schreckliche Lästerungen aus (99).

Als er nach Kriegsende Menuchims Lied hört, setzt seine Verwandlung ein (101 f.). Es wird Frühling, die Feier des Osterfestes wird vorbereitet (102) – Mendel wartet zwar ausdrücklich nicht auf den Messias, aber er erscheint den Nachbarn doch verändert (103). Die Begegnung mit dem Bild von „Kossaks“ Augen (108 f.), mit der Osterliturgie (110) und dann mit dem noch unerkannten Menuchim (111 f.) bringen ihn bereits dazu, das „Halleluja“ mitzusingen. Am Ende ist die Verwandlung abgeschlossen, siehe oben „Verheißung-Erfüllung“ und das Thema „Wunder“.

Der Hiob-Aufstand Mendels ist in dem Augenblick erfolgt, als er beinahe seine ganze Familie verloren hat (85 ff.). Doch hat Mendel es nicht fertiggebracht, sich ganz von Gott loszusagen (97), und die Lästerungen denkt er sich auch nur aus, ohne sie auszusprechen (99, vgl. 90: „Bin ich verrückt geworden…“). Das Wunder, das er erlebt (117 ff.), bringt ihn vollends auf den rechten Weg zurück. Er erwartet schließlich, dass er auch Jonas und Mirjam wiedersehen wird, um „nach späten Jahren in den guten Tod ein[zu]gehen, umringt von vielen Enkeln und ‚satt am Leben’, wie es im ‚Hiob’ geschrieben stand“ (121). Zum Schluss ist „Hiob“ also das Stichwort des gelungenen Lebens und Sterbens.

Die zuletzt zitierte Stelle von der Hoffnung Mendels (121), alt und lebenssatt zu sterben, wie es Buch Hiob geschrieben steht, verweist auf einen anderen Aspekt des Romans „Hiob“: Joseph Roths Roman „Hiob“ handelt auch vom Altern Mendels, dem er zuerst erliegt und das er schließlich meistert – der Roman ist ein Krisenroman, in dem der glaubende und der alternde Mendel Singer gefährdet ist und gerettet wird.

Die Glaubenskrise ist bereits unter dem Stichwort „Hiob“ besprochen, sodass jetzt nur noch die Krise des Alterns darzustellen ist: Den Ausgangspunkt des erzählten Geschehens markiert die Beschreibung Mendel Singers gleich am Anfang (5 f.): Er ist 30 Jahre alt, ein Lehrer mit Frau und drei Kindern, sein Leben rinnt stetig dahin, er hat nichts zu bereuen und begehrt nichts, er liebt sein Weib und ergötzt sich an ihrem Fleisch. Furcht und Kummer brechen in das Leben der Familie, als ihrem Sohn Menuchim die Impfung droht (9) – anscheinend eine antijüdische Aktion. Eines Tages bemerkt Deborah die ersten weißen Haare in Mendels schwarzem Bart und sieht, wie sie auch selbst alt wird (15). „Seit diesem Tage hörte die Lust auf zwischen Mendel Singer und seiner Frau.“ (16) Sie leben nebeneinander her, im gleichen Rhythmus altern ihre Gesichter und ihre Leiber (16).

Zehn Jahre später ist sein Bart ergraut. „Früh verwelkt waren auch Angesicht, Körper und Hände Deborahs“ (18) – aber die beachten wir ab jetzt nicht mehr, weil der Roman wesentlich vom Altern Mendels handelt. Mit den Sorgen um die Einberufung der Söhne kommt die Einsicht auf, dass „Gott uns gestraft hat“ (24) – solche Querbeziehung zu anderen Themen sollte man immer beachten: dies nur als methodischer Hinweis. In einer bald folgenden Charakterisierung Mendels ist die Entfremdung von seiner Frau noch größer geworden: Er mag ihr Gesicht nicht mehr sehen, er ist mit der Hässlichkeit verheiratet; er erlebt sie wie eine Krankheit, „mit der man Tag und Nacht verbunden ist“ (26). Auch Schemarjahs Abschied enthält ein Todesignal, er soll „ein Abschied für immer“ sein (32). „Also verrannen die Jahre.“ (35)

Eines Tages glaubt er, „zum ersten Mal in seinem Leben deutlich das lautlose und tückische Schleichen der Tage zu fühlen“ (40); die Söhne sind verschwunden, Mirjam schaut einem Amerikaner nach, nur er selber bleibt Lehrer und Menuchim bleibt krank. Als die Reise nach Amerika vorbereitet wird, bleiben alsbald die meisten Schüler weg – das Haus Mendel Singer beginnt offensichtlich zu zerfallen (59); er hört auf, Lehrer zu sein.

In Amerika ist er zuerst einsam, aber dann in NY doch zu Hause (69). Er wandert dem Greisenalter entgegen; statt dass um 15 Uhr die Schüler kommen, legt er sich zum Mittagsschlaf aufs Sofa und lebt ansonsten gleichförmig von Tag zu Tag (73). Als Jonas‘ Brief kommt, fühlt er sich zwar in Gottes Hand geborgen; aber trotzdem nähert sich ihm der Tod – bald 59 Jahre ist er alt. „Der Rücken krümmte sich und die Hände zitterten. Der Schlaf war leicht und die Nacht war lang.“ (77) Als seine Hiob-Krise ausbricht (91), fällt ihm ein, dass er seit Jahren einsam ist – seit dem Tag, „an dem die Lust zwischen seinem Weib und ihm aufgehört hatte“ (91). Mendels Hiob-Krise ist bereits oben besprochen worden. Seine Gestalt wird kleiner und kleiner (100); doch Menuchims Lied leitet den Wandel ein (s. oben).

Das große Wunder, Menuchims Heilung und Aufstieg, seine Ankunft beim Vater, bringt dann die große Wandlung Mendels mit sich: Er erwartet, dass er auch Jonas und Mirjam wiedersehen wird, um „nach späten Jahren in den guten Tod ein[zu]gehen, umringt von vielen Enkeln und ‚satt am Leben’, wie es im ‚Hiob’ geschrieben stand“ (121). Zum Schluss ist „Hiob“ also das Stichwort eines gelungenen Lebens und Sterbens. Wie Mendel Singer sich verändert hat, zeigt sich dann, als er ein Foto von Menuchims Kindern betrachtet. In dem Mädchen glaubt er ein Kinderbild Deborahs zu sehen. „Dankbar erinnerte sich Mendel an ihre junge Wärme, die er einst gekost hatte, ihre roten Wangen, ihre halboffenen Augen, die im Dunkel der Liebesnächte geleuchtet hatten…“ (122 f.) – auch die Bitterkeit gegenüber seiner Frau (vgl. 16 und 26, s. oben!) ist verschwunden in der großen Erinnerung an das, was in seinem Leben gut und schön war. „Und er ruhte aus von der Schwere des Glücks und der Größe der Wunder.“ (123, der letzte Satz des Romans) Die Ruhe Gottes, das ist eine große Hoffnung, von der im Hebräerbrief (4,9-11) Folgendes zu lesen ist: „Folglich steht die versprochene Ruhe, der große Sabbat, dem Volk Gottes erst noch bevor. Denn wer in die Ruhe Gottes gelangt ist, ruht auch selbst aus von seiner Arbeit, so wie Gott ausruht von der seinen. Wir wollen also alles daransetzen, zu dieser Ruhe zu gelangen!“ Zumindest an diesem Tag ist Mendel Singer zu Gottes Ruhe gelangt. (Vgl. zu RUHE GOTTES auch Ausführungen über den Sabbat: http://de.wikipedia.org/wiki/Sabbat oder http://www.erwin-schmidt.de/Texte/SABBAT.pdf, http://www.bibelkommentare.de/index.php?page=dict&article_id=130 oder http://www.bibelwissenschaft.de/nc/wibilex/das-bibellexikon/details/quelle/WIBI/zeichen/s/referenz/25732/cache/5ab3246d1bcdcb990d75179a75b0c1f1/ u.ä. )

Figurenlexikon zum Roman: http://literaturlexikon.uni-saarland.de/index.php?id=4689

Kommentierte Links zum Roman: https://norberto42.wordpress.com/2011/11/27/joseph-roth-hiob-kommentierte-links/

Klausur: https://norberto42.wordpress.com/2015/11/13/klausur-zu-roth-hiob-kap-ix/

http://lib.ugent.be/fulltxt/RUG01/002/060/253/RUG01-002060253_2013_0001_AC.pdf (Analyse des Verhältnisses zwischen dem Heimatbegriff und dem Motiv des Gasthauses bei Joseph Roth: Diplomarbeit, u.a. zu „Hiob“)

P.S. Zum Rahmen der Lektüre des Romans: Dieter Liewerscheidts Aufsatz „Joseph Roths Roman Hiob zwischen Wunschdenken und Ironie“, in: literatur für leser (36. Jg., S. 141 ff.). Ich referiere verkürzend:

Thematisch geht es um den bedrohten Zusammenhang einer ostjüdischen Familie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Verschiedene Möglichkeiten der Auslegung werden in der Literatur vorgeschlagen:

1) Es geht um die Fortexistenz der ostjüdischen Lebensform zur Zeit der Romanentstehung, heute muss der Holocaust als Hintergrund beachtet werden.

2) Zugang zum Roman gewährt der biblische Prätext. Neben den Gemeinsamkeiten der Figuren Mendel und Hiob steht als Unterschied die Frage der Assimilation in Russland und dann in Amerika; auch ist die Figur Mendel von moralischen Selbstzweifeln frei und wird psychologisch nicht problematisiert.

3) Der Roman soll die Welt des Ostjudentums den Lesern näher bringen; diese Lesart gilt aber als fragwürdig.

4) Es geht um das Assimilationsproblem, v.a. im 2. Teil des Romans. Die Auswanderung dient der Assimilationsverweigerung, die amerikanische Assimilation der Kinder scheitert letztlich, Mendel wird von der Stadt NY überwältigt. Nur Menuchim gelingt die Assimilation mit seinem Lied.

Liewerscheidt macht die Auslegung des Schlusses zum Schlüssel des Romans:

a) Man kann den Schluss als Belohnung und Bestätigung jüdischer Orthodoxie lesen, sozusagen märchenhaft.

b) Man ihn als Dokument eines solchen Wunschdenkens lesen; Mendel gibt am Ende den Widerstand gegen die Assimilation auf.

c) Liewerscheidt plädiert dafür, dass der Erzähler gegenüber diesen beiden Lesarten einen ironischen Vorbehalt äußert. „Es ist allerding eine sanfte Form der Ironie, welche die Empathie mit seinem Protagonisten und dem ostjüdischen Dilemma, das er repräsentiert, nicht preisgibt.“ (S. 152)

Joseph Roth: Hiob – kommentierte Links

Joseph Roth: Hiob. Roman eines einfachen Mannes – die wichtigsten Links der langen Liste sind die ersten; später werden einige speziellere Arbeiten genannt, am Schluss Inszenierungen und deren Besprechungen.

http://www.lgd.de/projekt/roth/index.html (der Roman in Sek II, mit Exkursen zum Judentum)

http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/roth/index.html (ausführlich: Interpretation, Hintergrund)

https://norberto42.wordpress.com/2011/11/30/roth-hiob-inhalt-zeitstruktur-und-aufbau/ (meine Untersuchungen zu Inhalt, Zeitstruktur, Thematik und Aufbau)

http://fbeit.htwk-leipzig.de/kontakte/fechner/projekte/hiob/ (Analysen, ausführlich)

http://www.ursulahomann.de/RomanEinesEinfachenMannesDieHiobDeutungJosephRoths/ (ausführlich: Inhalt, Interpretation)

http://dadnuhw.files.wordpress.com/2012/05/kappe-2012.pdf (die Auswanderung nach Amerika)

http://pyrdacor.com/pyr03/school/docs/deutsch_roth2.pdf (Inhalt, Interpretation: ein Schüler)

http://www.dieterwunderlich.de/Roth_Hiob.htm (Inhalt, kurze Besprechung)

http://www.lgd.de/projekt/roth/inhalthiob/index.html (Inhalt, vgl.

http://www.iphpbb.com/foren-archiv/11/660800/659880/joseph-roth-roman-quothiobquot-33655528-5855-814.html Inhalt, Biografie Roths)

http://schulzeug.at/deutsch/werkanalysen/160-joseph-roth-hiob (ebenso)

http://www.hagalil.com/deutschland/ost/judentum/literatur-roth.htm (ebenso)

http://www.mathesius.de/privat/bganz/Nadine’s%20Zeug/inhaltsangabe.htm (ebenso, sehr knapp)

Figurenlexikon zum Roman: http://literaturlexikon.uni-saarland.de/index.php?id=4689

http://www.ciao.de/Hiob_Roman_eines_einfachen_Mannes_Roth_Joseph__Test_2642762 (Inhalt, Biografie, Wertung)

http://de.wikipedia.org/wiki/Hiob_(Joseph_Roth) (Inhalt knapp, Sekundärliteratur)

http://www.rhetoriksturm.de/hiob-roth.php#inhalt (Inhalt sehr knapp)

http://www.ekiba.de/9104_9379.php (Inhalt, religiöse Deutung)

http://www.pausenhof.de/referat/deutsch/charakteristik-zu-hiob/13762 (Personen)

https://norberto42.wordpress.com/2015/11/13/klausur-zu-roth-hiob-kap-ix/ (Klausur)

http://www.kthf.uni-augsburg.de/prof_doz/prakt_theol/langenhorst/mitarbeiter/prof_dr_langenhorst/Texte_zum_Download/Tr__sten_Wolfsburg.pdf (Trösten in der Bibel und im Roman „Hiob“)

http://www.ursulahomann.de/RomanEinesEinfachenMannesDieHiobDeutungJosephRoths/kap008.html (Anspielungen auf die Bibel)

http://www.felizitas-von-schoenborn.de/pred2.htm (von Hiob zu Hiob – Predigt)

http://www.apostelkirchengemeinde-muenster.de/gottesdienste/apostel/theater/2010_Hiob.pdf (Predigt über den Roman)

http://www.joseph-roth.net/?page_id=36 (Roth-Seite, dementsprechend)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/4263/1 (Text des Romans)

http://www.lyrikwelt.de/gedichte/rothjosephg1.htm (Beginn des Romans: Text)

http://www.moviepilot.de/movies/hiob (Verfilmung 1978)

http://www.landestheater-tuebingen.de/spielplan/hiob-3190 (szenische Lesung)

http://www.muenchner-kammerspiele.de/programm/hiob/ (Inszenierung München 2008, mit Besprechungen:

http://www.focus.de/kultur/medien/theater-hiobs-wahre-botschaft_aid_294740.html und

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/fazit/773005/ und

http://www.nachtkritik.de/index.php?id=1272&option=com_content&task=view und

http://theaterkritiken.com/index.php?option=com_content&view=article&id=139&catid=40 und

http://www.theaterkritiken.com/index.php?option=com_content&view=article&id=139&catid=40

http://theater-aachen.de/index.php?page=detail_event&id_event_date=7481302 (Inszenierung Aachen, 2011)

http://www.hamburg-buehnen.de/-/get_cbtm_thread.php?height=450&width=675&id_thread=17476 (Inszenierung Hamburg 2011)

http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article13729040/Lauter-laute-Hiobsbotschaften.html (zu Hamburg 2011)

http://www.welt.de/print/welt_kompakt/kultur/article13728872/Eine-biedere-Hiobsbotschaft.html (ebenso)

Es gibt ein Bändchen in Königs Erläuterungen und bei Reclam (Christine Schmidjell: Joseph Roth. Hiob. Erläuterungen und Dokumente. Reclam, Stuttgart 2004) zum Roman, ein Büchlein von Hans-Jürgen Blanke (Oldenbourg Interpretationen) sowie Materialien bei den Abi-Boxen des Verlags Brinkmann-Meyhöfer. – Roths Roman gehörte übrigens 1933 zu den verbrannten Büchern.

Stand: 27.11.2011/26.08.2012