Stadler: Worte – Gedanken zu einem Gedicht

Worte

Man hatte uns Worte vorgesprochen,

die von nackter Schönheit und Ahnung

und zitterndem Verlangen übergiengen.

Wir nahmen sie, behutsam wie fremdländische Blumen,

die wir in unsrer Knabenheimlichkeit aufhiengen.

Sie versprachen Sturm und Abenteuer,

Überschwang und Gefahren und todgeweihte Schwüre –

Tag um Tag standen wir und warteten,

daß ihr Abenteuer uns entführe.

Aber Wochen liefen kahl und spurlos,

und nichts wollte sich melden, unsre Leere fortzutragen.

Und langsam begannen die bunten Worte zu entblättern.

Wir lernten sie ohne Herzklopfen sagen.

Und die noch farbig waren, hatten sich von Alltag

und allem Erdwohnen geschieden:

Sie lebten irgendwo verzaubert auf paradiesischen Inseln

in einem märchenblauen Frieden.

Wir wußten:

sie waren unerreichbar wie die weißen Wolken,

die sich über unserm Knabenhimmel vereinten,

Aber an manchen Abenden geschah es,

daß wir heimlich und sehnsüchtig

ihrer verhallenden Musik nachweinten.

[Dies ist die Textgestalt nach zeno.org; es gibt eine andere Textgestalt in „Die Aktion“: https://www.uni-due.de/lyriktheorie/texte/1913_stadler.html]

Dieses Gedicht Stadlers, erstmals gedruckt in „Die Aktion“ am 23. August 1913 (Nr. 34/1913), ist das Gedicht eines noch jungen Mannes, der über seine Pubertät hinaus gereift ist. Er berichtet von der Verführung der Jugendlichen durch die großen Worte – von einer Verführung, der der Sprecher auch erlegen ist („Wir“, V. 4; „uns“, V. 1, usw.):

„Sie versprachen Sturm und Abenteuer,

Überschwang und Gefahren und todgeweihte Schwüre“ (V. 6 f.) –

ich erinnere mich, dass man auch uns ähnliche Worte vorgesprochen hat:

„Lass mich stehen, mein Gott, wo die Stürme wehen,

und schone mich nicht!

Das Kind wird vergehen, der Mann wird bestehen,

behüte mich nicht!“

Der Jesuit Erich Romerskirch hat dieses Gedicht (Der goldene Wagen – Lieder der Jugend, Ravensburg 1957) verbrochen, Alfonso Pereira S.J. hat (neben anderen) es in seinem Gebetbuch „Jugend vor Gott“ (1957) verbreitet.

„Tag um Tag standen wir…“ (V. 8),

„Aber Wochen liefen kahl und spurlos,

und nichts wollte sich melden…“ (V. 10 f.).

Der Sprecher in Stadlers Gedicht hat noch Glück gehabt:

„Und langsam begannen die bunten Worte zu entblättern.

Wir lernten sie ohne Herzklopfen sagen.“ (V. 12 f.)

Bei mir hat es Jahre gedauert, bis ich mich traute, den Verdacht, dass die großen Worte hohl waren, in meinem Leben zu ratifizieren: die Worte von der Erlösung, von der großen Bruderschaft, von selbstlosem Dienen und dem freimütigen Sprechen – selber farbig, aber nichts bezeichnend, jedenfalls von allem Erdwohnen geschieden. Sie lebten nicht einmal „auf paradiesischen Inseln“, sondern nur in den Sprachhülsen heiliger Bücher und verführerischer Priester.

Auch als wir längst ahnten und beinahe wussten, dass sie nur Schall und Rauch waren, geschah es,

„daß wir heimlich und sehnsüchtig

ihrer verhallenden Musik nachweinten.“

Erwachsen werden hieß und heißt: in intellektueller Redlichkeit dieser Sehnsucht entsagen, sich vom verführerischen Zauber jener „Berufung“ loszusagen, die dem Leben den großen Sinn gibt und den Berufenen über die Masse der Trottel hinaushebt.

Die Burschen (und Mädchen), die nach Syrien aufbrechen, um mit dem IS in einen heiligen Krieg zu ziehen, erliegen heute dem Zauber der farbigen Worte, die versprechen, ins große Abenteuer des Lebens zu entführen. Wie und wann werden diese Burschen merken, dass sie bloß verführerischen Worten erlegen waren? Sie haben ja nicht gewartet; sie sind aufgebrochen wie ich, allerdings in ein Gelobtes Land, zu dem der Weg mit Blut gezeichnet ist. Sie wissen noch nicht (oder doch einige bereits?), dass die großen Worte „unerreichbar wie die weißen Wolken“ sind. Ihr Knabenhimmel wird von heiligen Schriften gestützt, an deren wissenschaftliche Entzifferung sie sich nicht trauen.

„Erwachsen ist eine Person, die materiell, emotional und mental ganz und gar auf eignen Beinen steht. Das bedeutet, diese Person hat Stabilität in sich selbst gefunden, ihren Platz in der Welt, kann für sich selbst in jeder Hinsicht sorgen, hat emotionale Abhängigkeitsmuster abgelegt, zu einem gesunden Selbstwert gefunden, kann Grenzen setzen und akzeptieren, ist in ihrer Kraft, kann entscheiden und mit den Konsequenzen umgehen, kann Kompromisse schließen, kann sich tief ausdrücken, kann nahe und intime Beziehungen führen.“ (sein)

Ernst Stadler hat ein Gedicht geschrieben, in dem auf die Jugendzeit und ihre Verführungen zurückgeblickt wird. Verstehen kann das nur, wer seinen Blick teilt. Ernst Stadler sagt nicht, wie die großen Worte heißen – das muss jede Jugend selbst für sich entdecken. Vgl. auch Stadlers Gedicht „Metamorphosen“ und das Gedicht vom Erwachsensein, „Ende“; wenn man es recht liest, ist auch das Gedicht „Puppen“ ein Gedicht über die Sehnsuchtswelt, die eben bloß eine Welt der Puppen ist.

Ernst Stadler, am 11. August 1883 in Colmar geboren, Literaturwissenschaftler, in seiner Jugend Dichter im neuromantisch-symbolistischen Stil, der sich dann in expressionistischer Sprache ausdrückte, fiel als Soldat am 30. Oktober 1914 vor Ypern, vor 100 Jahren. Den Dichter Stadler und die besten seiner Gedichte sollten wir nicht vergessen.

http://www.zeno.org/Literatur/M/Stadler,+Ernst/Biographie (E. Stadler)

http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Stadler (E. Stadler)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Stadler,+Ernst/Gedichte (Stadler: Gedichte)

http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/JUGENDALTER/Adoleszenz-Erwachsen.shtml (Von der Adoleszenz ins Erwachsenenalter)

http://www.psychology48.com/deu/d/adoleszenz/adoleszenz.htm (Adolszenz)

http://www.albertusmagnus-archiv.de/erwachs.htm (Erwachsensein)

https://www.youtube.com/watch?v=JFXT62QF-6s Peter Maffay: Ich wollte nie erwachsen sein

Ich stelle fest, dass man zu „Adoleszenz“ tausend Beiträge findet, aber kaum etwas zu „erwachsen sein“ – man muss zusätzlich das Stichwort „Entwicklungspsychologie“ eingeben, dann findet man v.a. wissenschaftliche Literatur:

https://www.psychologie.uni-freiburg.de/studium.lehre/bachelor.of.science/skripte/frueheresem.html/vorlesung-entwicklungspsychologie/vl_ep11_identitaet.pdf (Identitätsentwicklung)

http://www.i4.psychologie.uni-wuerzburg.de/fileadmin/06020400/user_upload/Nieding/Kindheit_und_Jugendalter/Jugendalter_und_Identitaet.pdf (Jugendalter und Identität)

https://www.uni-hildesheim.de/media/ub/Wissenschaft_im_Studium_Band_2_1_.pdf (Identitätsentwicklung im Jugendalter)

http://www.f01.fh-koeln.de/imperia/md/content/personen/k.misek_schneider/ewp_ii_ (Entwicklungspsychologie II)

http://www.psy.lmu.de/epp/studium_lehre/lehrmaterialien/lehrmaterial_ss10/wintersemester1011/lehrmat_sodian/einf_entwspsycho/bsc_nfws1011_11.pdf (Entwicklungspsychologie der Adoleszenz)

http://www.students.uni-marburg.de/~Nauj/downloads/02.%20Semester/ewp1/montada/Kapitel_08_fr%C3%BChes%20Erwachsenenalter.doc (Entwicklungspsychologie: frühes Erwachsenenalter)

http://www.hsu-hh.de/download-1.5.1.php?brick_id=gNWJ4esFgMikvmQA (Entwicklungspsychologie, kurz)

http://www.uni-bielefeld.de/stud/fpsycho/downloads/Skripte/vorlesung_entwicklung_ws0809.pdf (Entwicklungspsychologie, ausführlich)

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Stadler: Judenviertel in London – Analyse

Judenviertel in London (1913)

 

Dicht an den Glanz der Plätze fressen sich und wühlen

Die Winkelgassen, wüst in sich verbissen,

Wie Narben klaffend in das nackte Fleisch

der Häuser eingerissen

Und angefüllt mit Kehricht,

den die schmutzigen Gossen überspülen.

 
Die vollgestopften Läden drängen sich ins Freie.

Auf langen Tischen staut sich Plunder wirr zusammen:

Kattun und Kleider,

Fische, Früchte, Fleisch, in ekler Reihe

Verstapelt und bespritzt

mit gelben Naphtaflammen.

 
Gestank von faulem Fleisch und Fischen klebt an Wänden.

Süßlicher Brodem tränkt die Luft, die leise nachtet.

Ein altes Weib

scharrt Abfall ein mit gierigen Händen,

Ein blinder Bettler

plärrt ein Lied, das keiner achtet.

 
Man sitzt vor Türen, drückt sich um die Karren.

Zerlumpte Kinder kreischen über dürftigem Spiele.

Ein Grammophon quäkt auf,

zerbrochne Weiberstimmen knarren,

Und fern erdröhnt die Stadt

im Donner der Automobile.

 

In Stadlers Gedicht wird das Judenviertel in London beschrieben, wie es vor 1914 zu erleben war: das Ghetto. „London“ weist das Gedicht der Großstadtlyrik zu, „Ghetto“ ist das Sujet – wobei wir heute Ghetto anders lesen als vor hundert Jahren, auch wenn in Stadlers Gedicht das Wort explizit nicht vorkommt.

Ghetto: ein besonderes Stadtviertel, das Juden als Lebensraum zugewiesen war; im Dritten Reich war es nicht Lebensraum, sondern Todeszone. Zur Zeit Stadlers war es noch ein wenn auch ärmlicher und erbärmlicher Lebensraum, der von der glänzenden Großstadt London abgegrenzt, also auch damals ausgegrenzt war. Es lag zwar nahe beim „Glanz der Paläste“ (V. 1), aber doch fern dem Leben der pulsierenden Metropole, dem „Donner der Automobile“ (V. 23 f.).

Das Ghetto in London ist so etwas wie ein Tier (V. 1-4): Winkelgassen sind so anders als die großen Plätze (Kontrast, V. 1 f.); sie fressen sich hinein, wühlen, sind in sich verbissen – „wie Narben in das nackte Fleisch der Häuser eingerissen“ (V. 3 f.). Im Lebenskampf gibt es kein Erbarmen, nur der Wille zum Überleben zählt. Statt Glanz (V. 1) also Kehricht (V. 5), jede Menge (angefüllt, V. 5; überspülen, schmutzig, V. 6).

Wenn man die erste Strophe laut gesprochen hat, merkt man den drängenden Rhythmus des Sprechers, der ganz dem hingegeben ist, was er wahrnimmt und kein Wort von sich selbst sagt: Es ist eine Art Jambus mit unterschiedlicher Anzahl der Versfüße (6, 5, 5, 3, 3, 5, der letzte bei „schmutzigen“ gestört), nur in V. 3 eine männliche Kadenz, zwei Enjambements (V 1, 3). Besonders originell ist der Reim, man muss in jeder Strophe zweimal zwei Verse zusammenfassen, um das Reimschema zu entdecken. In der 1. Strophe haben wir einen umfassenden Reim: V. 1 – V. (5 und 6); V. 2 – V. (3 und 4). In allen übrigen Strophen haben wir in der gleichen Zusammenfassung einen Kreuzreim: V. 1 – V. (3 und 4), V. 2 – V. (5 und 6). Die Semantik der Reime ist sinnvoll, trotz der Enjambements: Die Gassen wühlen – den Kehricht überspülen; die Gassen sind verbissen – ins Fleisch der Häuser eingerissen. – Was hier an der 1. Strophe gezeigt wurde, kann jeder für die folgenden Strophen selber durchexerzieren.

In der 2. Strophe wird die Fülle dessen beschrieben, was sich im Ghetto stapelt und nach außen „ins Freie“ (V. 7) drängt, als Plunder wirr gestapelt: Es folgen die Aufzählungen mit K- und F-Alliteration (V. 8 f.), Klamotten und Esswaren, „wirr zusammen“ (V. 8), „in ekler Reihe verstapelt“ (V. 10 f. – Neologismus verstapelt, nicht gestapelt!). Was „mit gelben Naphtaflammen“ bespritzt ist, ist nicht recht klar: ob es sich um den Widerschein realer Flammen eines Erdöls in Öfen handelt oder bloß um Aufdrucke auf den Kleidern? Grammatisch wird man für die erste Möglichkeit plädieren, dass also Fische, Früchte, Fleisch im Schein irgendwelcher Flammen leuchten. Eine Überfülle von Waren und Plunder wird zum Kauf angeboten – von irgendetwas müssen die Juden schließlich leben.

In den beiden letzten Strophen werden Eindrücke von den Leuten im Ghetto dargestellt – zunächst wird jedoch noch (und im Reim mit den Menschen verbunden) beschrieben, wie schlimm der ganze Krimskram des Ghettos riecht (Gestank, süßlicher Brodem, V. 13 f.), wie penetrant dieser Gestank ist (klebt an Wänden, tränkt die Luft, 13 f.). Reime: Gestank an Wänden – ein Weib mit gierigen Händen; Luft, die leise nachtet – Lied, das keiner achtet (3. Strophe). Hier sind die Leute Einzelne, ein altes Weib und ein blinder Bettler: Prototypen des Elends. In der 4. Strophe werden die Menschen in ihrer Fülle wahrgenommen (gehört): „man“ (V. 19), zerlumpte Kinder (V. 20), Weiber (V. 22). Was man hört, ist „kreischen“ und „quäken“ und „knarren“ (negativ, unangenehm); die Menschen werden als verstörte oder zerstörte erwähnt (Vorsilbe „zer-“: zerlumpt, zerbrochen, V. 20 und 22), bereits die Spiele der Kinder sind nur dürftig (V. 20). Diese Welt wird in den Kontrast zur großen Metropole gesetzt: „fern erdröhnt die Stadt / im Donner der Automobile“ (V. 23 f.): Karren vs. Atomobile, Winkelgassen vs. Stadt, kreischen vs. donnern.

Zweimal wird die große Stadt erwähnt (V. 1, V. 23 f. – ein Rahmen), gegen die sich das ärmliche Judenviertel abhebt. – Ein Großstadtgedicht, was nicht von der Befindlichkeit des normalen Städters (Tucholsky, Lichtenstein u.a.), sondern von der Armseligkeit der Juden in ihrem Ghetto handelt. Ich empfehle, es in die Lektüreliste „Großstadtlyrik“ aufzunehmen.

Aus dem gleichen Gedichtband „Der Aufbruch“ (1913) stammt das Gedicht „Form ist Wollust“, in dem Ernst Stadler sein damaliges Programm – paradoxerweise in schöner Form – formuliert hat:

„[…] Form will mich verschnüren und verengen,

Doch ich will mein Sein in alle Weiten drängen –

Form ist klare Härte ohn’ Erbarmen,

Doch mich treibt es zu den Dumpfen, zu den Armen,

Und in grenzenlosem Michverschenken

Will mich Leben mit Erfüllung tränken.“

Das Gedicht „Judenviertel in London“ handelt vom Leben der Dumpfen und Armen in London.

Ernst Stadler, Professor der Literaturwissenschaft, geboren 1883 im Elsass, ist am 30. Oktober 1914 bei Ypern als Soldat gefallen. Mit Betroffenheit gedenken wir eines Dichters, eines Menschen, der genau vor 100 Jahren wie Millionen andere in einem sinnlosen Krieg sein Leben verloren hat.

http://www.zeno.org/Literatur/M/Stadler,+Ernst/Biographie (E. Stadler)

http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Stadler (E. Stadler)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Stadler,+Ernst/Gedichte (Stadler: Gedichte)

http://www.univie.ac.at/iggerm/files/mitschriften/ws12/Literatur_und_Erster_Weltkrieg-WS12-Neubauer.pdf, dort ab S. 8: Krieg und Literatur

Ghetto:

https://de.wikipedia.org/wiki/Ghetto (allgemein)

https://de.wikipedia.org/wiki/Ghetto_(Venedig) (Venedig)

https://de.wikipedia.org/wiki/Slum (Slum)

Aus dem Ghetto. Geschichten von Leopold Kompert, 1850 (2. Aufl.); auch Isaak Babels „Geschichten aus Odessa“ verdienen Beachtung.

Leopold Kompert: Neue Geschichten aus dem Ghetto

http://www.yadvashem.org/yv/de/holocaust/about/03/daily_life.asp (Drittes Reich)

https://de.wikipedia.org/wiki/Ghetto_Minsk

https://de.wikipedia.org/wiki/Warschauer_Ghetto

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/zweiter-weltkrieg/holocaust/warschau/

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/zweiter-weltkrieg/holocaust/lodz/

http://www.ghetto-theresienstadt.info/terezinghetto.htm

Stadler: Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei Nacht – Analysen

Der Schnellzug tastet sich und stößt die Dunkelheit entlang…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1541 (die klarste Textgestalt)

http://www.literatur-archiv-nrw.de/kritische_anthologie/Ernst_Stadler__Fahrt_ueber_die_K_lner_Rheinbruecke_bei_Nacht/seite_1.html (mit Analyse: Michael Braun)

http://www.gedichte.eu/ex/stadler/der-aufbruch/fahrt-ueber-die-koelner.php (mit http://www.gedichte.eu/ex/stadler/der-aufbruch.php: der ganze Zyklus)

Das Gedicht „Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei Nacht“ (1913) hat Epoche gemacht, hat 1920 auch seinen Platz in der Anthologie „Menschheitsdämmerung“ gefunden und wird heute als ein wesentliches Gedicht des Expressionismus gewürdigt. Da es zwei große Analysen im Netz gibt (Braun, Schindelbeck), brauche ich keine dritte zu schreiben, sondern nur auf diese beiden hinzuweisen.

Die klarste Textgestalt bietet die Freiburger Anthologie; wegen der Verslänge sind andere Textausgaben oft etwas unübersichtlich.

http://dirk-schindelbeck.de/archives/3556 (Dirk Schindelbeck setzt – unten auf der Seite – das Gedicht als „Sonett“ und gibt anschließend eine Interpretation)

Vortrag

http://media3.roadkast.com/sprechbude/rheinbruecke_koeln_stadler_maasch.mp3 (Christoph Maasch)

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Kondor (Anthologie „Der Kondor“, 1912 – Übersicht)

https://www.uni-due.de/lyriktheorie/texte/1912_hiller.html („Der Kondor“, Vorwort)

https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/n5/mode/2up (Anthologie „Menschheitsdämmerung“, 1920)

http://d-nb.info/575379588/04 (Inhaltsverzeichnis „Menschheitsdämmerung“)

http://www.ngiyaw-ebooks.org/ (dort unter „Stadler“: Präludien, 1905; „Der Aufbruch“, 1914; drei weitere Gedichte)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Stadler,+Ernst/Gedichte/Der+Aufbruch („Der Aufbruch“ und weitere Gedichte 1910/14)

http://m.schuelerlexikon.de/mobile_deutsch/Expressionismus.htm („Expressionismus“ im Schülerlexikon)

http://universal_lexikon.deacademic.com/236275/Expressionismus_in_der_Literatur%3A_Aufschrei_und_Zeitdiagnose (Expressionismus)

http://www.kas.de/db_files/dokumente/7_dokument_dok_pdf_4018_1.pdf (Sandra Kluwe: Großstadtlyrik im Expressionismus)

Stadler: Der Aufbruch – Analyse

Einmal haben schon Fanfaren mein ungeduldiges Herz blutig gerissen…

Text

http://www.ngiyaw-ebooks.org/ngiyawE/stadler/aufbruch/aufbruch.htm (dort das letzte Gedicht des ersten Teils: „Die Flucht“)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Stadler,+Ernst/Gedichte/Der+Aufbruch (dito)

http://www.gedichte.eu/ex/stadler/der-aufbruch/der-aufbruch.php (mit http://www.gedichte.eu/ex/stadler/der-aufbruch.php: der ganze Zyklus)

Das Gedicht folgt im Zyklus „Der Aufbruch“ (1914, erschienen Ende 1913) auf „Form ist Wollust“ und beschließt den ersten Teil „Die Flucht“. Ein lyrisches Ich berichtet von einem ersten Aufbruch in den Krieg (V. 1-4), von einem genussvollen Leben in plötzlich eingetretener Stille (V. 5-8) und von einem erneuten Aufbruch (V. 9-14); die letzten vier Verse (V. 15-18) werden personal die Gedanken der beim zweiten Aufbruch vorwärts stürmenden Soldaten wiedergegeben (im Konjunktiv II: „Vielleicht würden…“). – Es gibt eine große Untersuchung des ganzen Zyklus „Der Aufbruch“, die Dissertation von Verena Halbe, sowie eine Schüleranalyse, die man mit großer Vorsicht lesen wird: Da das Gedicht bereits 1913 erschienen ist, kann es nicht Stadlers Erfahrungen als Soldat des Weltkriegs enthalten. Ich zitiere aus der Arbeit Verena Halbes:

„Drei Sinnabschnitte sind innerhalb des Gedichts festzustellen, die man kurz beschreiben kann als Aufbruchversuch, einen darauf folgenden Rückzug in die Traumsphäre und zuletzt als erneuten Aufbruch. Die drei verschiedenen Phasen werden häufig als Auseinandersetzung Stadlers mit seiner eigenen dichterischen Entwicklung gedeutet. So gesehen beschreiben die ersten vier kriegerischen Zeilen die ,Stürmer-Zeit‘ Stadlers, die nächsten vier Zeilen der Ruhe und Träumerei umfassen seine Hinwendung zum Symbolismus, und die letzten zehn, abermals kämpferisch bestimmten Zeilen umschreiben die neue, expressionistische Stilphase Stadlers. Aufgrund der Entsprechung von Stadlers poetischem Werdegang und der Darstellung im Gedicht ist diese Interpretation einleuchtend. Darüber hinaus stellt sich hier nun die Frage, wie das Aufbruchsmotiv, das sowohl den ersten wie den letzten Abschnitt bestimmt, im einzelnen beschaffen ist.“ (Verena Halbe, a.a.O., S. 253) Die Kriegsmetaphorik wird also biografisch auf die Entwicklung des Dichters bezogen; um diese zu verstehen, muss man andere Gedichte Stadlers und Darstellungen seiner Biografie heranziehen.

Verena Halbe setzt sich mit dem Vorwurf des Eskapismus gegen das Gedicht auseinander und weist ihn zurück. Sie fasst die Untersuchung des Motivs „Aufbruch“ im ganzen Zyklus so zusammen: „Die Beispiele verdeutlichen, daß das Aufbruchsmotiv ähnlich dem Vorfrühlingsmotiv keinen eindimensionalen Inhalt besitzt. Anhand der verschiedenen Motivverknüpfungen und insbesondere anhand der variierenden Verbindungen mit dem Einkehrmotiv entfalten sich die unterschiedlichen Bedeutungsaspekte dieses Motivs. Ist der Aufbruch ziellos und rastlos bzw. auf die Erlangung des Traums ausgerichtet, so führt er das Ich nicht weiter; wird hingegen eine Erneuerung des Ich im Sinne des ,Wesentlich-Werdens‘ angestrebt oder verbindet sich die Dynamik des Aufbruchs mit der Ruhe der Einkehr, ist der Aufbruch sehr beglückend. Auch ein und dieselbe Bedeutungskomponente kann – wie das Beispiel des Abenteuers belegt – ambivalent sein. Ein Blick auf den gesamten Gedichtband zeigt, daß das Aufbruchsmotiv sehr häufig und im ganzen Zyklus vorkommt. Eine etwaige geradlinige Entwicklung der verschiedenen Aufbruchsmomente auf einen Höhepunkt zu ist nicht festzustellen.“ (a.a.O., S. 257)

http://webdoc.sub.gwdg.de/ebook/dissts/Siegen/Halbe1999.pdf (Verena Halbe, Dissertation 1999, dort S. 241 ff.: Analyse des ganzen Zyklus „Der Aufbruch“, S. 253 ff. Analyse des Gedichts „Der Aufbruch“)

http://lyrik.antikoerperchen.de/ernst-stadler-der-aufbruch,textbearbeitung,80.html (Schüleranalyse, problematisch)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=NYgz5sNQzBs (Vertonung von Leon Tscholl)

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Kondor (Anthologie „Der Kondor“, 1912 – Übersicht)

https://www.uni-due.de/lyriktheorie/texte/1912_hiller.html („Der Kondor“, Vorwort)

https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/n5/mode/2up (Anthologie „Menschheitsdämmerung“, 1920)

http://d-nb.info/575379588/04 (Inhaltsverzeichnis „Menschheitsdämmerung“)

http://www.ngiyaw-ebooks.org/ (dort unter „Stadler“: Präludien, 1905; „Der Aufbruch“, 1914; drei weitere Gedichte)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Stadler,+Ernst/Gedichte/Der+Aufbruch („Der Aufbruch“ und weitere Gedichte 1910/14)

http://m.schuelerlexikon.de/mobile_deutsch/Expressionismus.htm („Expressionismus“ im Schülerlexikon)

Stadler: Form ist Wollust – Analyse

Form und Riegel mußten erst zerspringen…

Text

http://www.literaturwelt.com/werke/stadler/formistwollust.html

https://www.uni-due.de/lyriktheorie/texte/1914_stadler.html

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1543

http://colecizj.easyvserver.com/pgstafor.htm (mit engl. Übersetzung)

http://thule-italia.com/wordpress/maria-richard-ernst-stadler/?lang=de (mit italien. Übersetzung)

„Form ist Wollust“ gehört als poetologisches Gedicht in den programmatischen Teil von Stadlers Gedichtsammlung „Der Aufbruch“, die auf 1914 datiert, aber Ende 1913 erschienen ist. Stadlers Aufbruch ist ein Aufbruch zu neuen Formen des dichterischen Sprechens und gehört in den Umkreis dessen, was man seit 1911 „Expressionismus“ nennt: „das Lebensgefühl einer jungen Generation. Die Anfänge gehen auf Vincent van Gogh und Edvard Munch zurück.“ (wikipedia) Die Form, von der das lyrische Ich, Stellvertreter Ernst Stadlers, sich distanziert, ist der Ästhetizismus des George-Kreises und im weiteren Sinn die formale Gebundenheit traditionellen Dichtens. – Das Gedicht ist auch in die große Anthologie „Menschheitsdämmerung“ (1920) übernommen worden, wo es neben sieben anderen Gedichten Stadlers steht. In der Anthologie „Der Kondor“ (1912) fehlt der Name Stadler noch.

Als Vorwort meiner Analyse zitiere ich einen Kommentar zum Gedicht, der Franz Marcs Bild „Kämpfende Formen“ in seine Deutung einbezieht:

Ernst Stadler: Form ist Wollust (1914), Franz Marc: Kämpfende Formen (1914)

„Dass Form selbst zum Inhalt von Lyrik und Malerei wird, ist eine der revolutionären Neuerungen in Kunst und Literatur der Jahrhundertwende. Erst die Expressionisten (und die weitaus extremeren Dadaisten) fanden radikal neue Ausdrucksformen. In Stadlers Gedicht stehen Form und Inhalt noch in Widerspruch zueinander. Die Entgrenzungsdynamik scheint mühsam in einer traditionellen Form gebändigt. Die „Lust“ an der Form thematisiert Franz Marc in seinem Bild, das ähnlich wie Stadlers Text noch im traditionellen Rahmen bleibt. Inhalt des Gedichts und Motiv des Bildes drängen aus ihren begrenzenden Formen hinaus.“ (http://www.stiftikus.de/umbruh19/TTS_LB.pdf)

Stadlers Gedicht ist nicht in Strophen gegliedert, aber metrisch klar strukturiert: Fünfhebige Trochäen (nicht Jamben, wie die Schüler in ihren Analysen schreiben) markieren ein festes Sprechen; in den Doch-Versen sind es jedoch sechs Trochäen – ich komme noch darauf zurück. Es sprich ein lyrisches Ich, das sich mit der traditionell eher festen Form des Dichtens auseinandersetzt.

In den ersten beiden Versen bilanziert das lyrische Ich seinen Aufbruch in eine neue Welt des Dichtens; „Form und Riegel“ (V. 1) wandelt die Redensart „hinter Schloss und Riegel“ ab – die alte Form des Dichtens hat den Dichter eingesperrt. Form und Riegel mussten zerstört werden: dass sie hier „zerspringen“, deutet die Kraft eines sprengenden Wesens an. Im zweiten Vers ist analog zum ersten „mußte“ zu ergänzen, die Inkongruenz Singular-Plural („mußten“) wird als Formstörung in Kauf genommen. Dass „Welt“ (V. 2) sich in der neuen Dichtung zur Geltung bringt, ist ein Affront gegen die blutlose ästhetisch-formale Dichterei der Epigonen Georges.

Es folgen drei Verspaare mit dem gleichen antithetischen Aufbau: Was Form ist und tut / Was ich will, was mich treibt (pointiert durch „Doch“ eingeleitet, jeweils in sechs statt in fünf Takten gesagt: ein Mehr gegenüber dem formal korrekten Fünfertakt). Im ersten Verspaar steht die Selbstgenügsamkeit des Elfenbeintumbewohners dem kräftig Zupackenden entgegen, im zweiten das Einengende dem Drang ins Weite (eine Erinnerung an Fausts Monolog im Studierzimmer, was auf eine untergründige Verwandtschaft des Expressionismus mit dem „Sturm und Drang“ hinweist), im dritten der elitäre Anspruch der hohen Literatur dem Impuls, gerade die unteren Schichten zu erreichen. Die Tatsache, dass immer Paarreime verwendet werden, bezeugt den Übergangscharakter dieses Gedichts, von dem im Vorwort oben die Rede war.

Den dritten Teil des Gedichts bildet das letzte Verspaar, das mit der Konjunktion „Und“ an das vorletzte angeschlossen ist: Hier tritt das Leben als Subjekt auf (V. 10), es ist der Gegenspieler der toten Form, es setzt sich durch und erfüllt „mich“ mit der Erfüllung, die früher die Form den Dichtern geboten hat (V. 3). Hier liegt auch (im grenzenlosen Michverschenken) ein Anklang an die Lebensphilosophie vor.

Achim Aurnhammer weist in seiner Analyse (in: Poetologische Lyrik von Klopstock bis Grünbein, hrsg. von Olaf Hildebrand, 2003, S. 187 ff.) darauf hin, dass Stadler im 2. Vers vermutlich Verse Hölderlins, des großen Dichters freier Rhythmen, aufgreift:

„Und es drängt sich und rinnt aus deiner ewigen Fülle

Die beseelende Luft durch alle Röhren des Lebens.“ (An den Äther, 1797)

„In ein poetisches Programm übersetzt, bedeutet die prägnante Konfrontation von ‚Form’ und lyrischem Ich nichts weniger als die Selbstfindung des Dichters im Affront gegen die Tradition.“ (Aurnhammer, a.a.O. S. 192) Aurnhammer erkennt in diesem Gedicht die Paraphrase des Aufbruchs, wie der Titel der ganzen Gedichtsammlung lautet: Aufbruch als gewaltsames Öffnen, als Aufbrechens neuen Lebens, als Aufbruch zu neuen Zielen. Aurnhammer stellt auch noch die poetischen Entwicklung Stadlers dar (S. 193 ff.); aber die braucht uns hier nicht zu interessieren. Wer möchte, kann noch die Gedichtsammlung „Präludien“ von 1905 lesen.

http://www.e-hausaufgaben.de/Hausaufgaben/D5011-Hausaufgabe-Deutsch-Interpretation-Stadler-Ernst-Form-ist-Wollust.php (simpel)

http://www.klausuren.de/inhalt/kategorie/deutsch-1/interpretation-form-ist-wollust-ernst-stadler.html (nicht ganz so simpel)

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Kondor (Anthologie „Der Kondor“, 1912 – Übersicht)

https://www.uni-due.de/lyriktheorie/texte/1912_hiller.html („Der Kondor“, Vorwort)

https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/n5/mode/2up (Anthologie „Menschheitsdämmerung“, 1920)

http://d-nb.info/575379588/04 (Inhaltsverzeichnis „Menschheitsdämmerung“)

http://www.ngiyaw-ebooks.org/ (dort unter „Stadler“: Präludien, 1905; „Der Aufbruch“, 1914; drei weitere Gedichte)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Stadler,+Ernst/Gedichte/Der+Aufbruch („Der Aufbruch“ und weitere Gedichte 1910/14)

http://m.schuelerlexikon.de/mobile_deutsch/Expressionismus.htm („Expressionismus“ im Schülerlexikon)