Thomas Mann: Lotte in Weimar – Eindrücke

Wenn ich meiner ruhigen Lektüre des Romans noch einmal nachdenke, sehe ich Folgendes: Charlotte Kestner, geb. Buff, geboren im Januar 1753, reist 44 Jahre nach ihrer Begegnung mit Goethe nach Weimar, um Goethe noch einmal zu treffen – angeblich will sie ihre Schwester, die Kammerrätin Ridel, besuchen. Sie war vor 44 Jahren mit Goethes Freund Kestner verlobt, aber auch Goethe war von Charlotte Buff sehr angetan. Dieses komplexe Verhältnis ist in den weltberühmten Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ eingegangen, so dass es zu einer eigentümlichen Identität der Figuren kommt: Charlotte Buff – Werthers Lotte – Charlotte Kestner vs. der junge Goethe – Werther – der alte Goethe, der in Weimar residiert und auf dem Niveau Napoleons steht. Im Roman geht es auch um die Begegnung der schillernden Figuren Charlotte Kestner / Johann Wolfang von Goethe, aber vor allem um die Figur des großen Dichters aus der Sicht verschiedener Menschen, die er in sein Leben einbezieht. Und es geht um Thomas Mann und sein Verhältnis zu Goethe, es geht um die Kunst in ihrem Verhältnis zum Leben, und es geht auch um Deutschland in der kritischen Sicht eines Exilanten – das Buch ist 1936/39 entstanden.

In den ersten sechs Kapiteln wird chronologisch von den Ereignissen im Hotel „Zum Elephanten“ in Weimar erzählt: Charlotte Kestner kommt am 22. September 1816 mit Tochter und Mädchen kurz nach 8.00 Uhr an, trägt sich ins Gästebuch ein, wird als „Lotte“ erkannt und entsprechend verehrt: vom Kellner Mager und von der englischen Zeichnerin Miss Cruzzle, auch von einem Publikum, das sich draußen versammelt und die „Lotte“ sehen will. Es folgt die Begegnung mit drei Figuren aus dem Umfeld Goethes: Dr. Riemer, Adele Schopenhauer und August von Goethe; der überbringt mündlich die Einladung zu einem Essen am 25. Spetember – Goethes Antwort auf ein Billett, das Frau Kestner ihm geschickt hatte.

Im siebenten Kapitel wird ein neuer Erzählstrang begonnen: wie Goethe am gleichen Tag erwacht, nachdenkt, frühstückt und zwei Sekretären diktiert.

Im achten Kapitel geht es um den Aufenthalt Charlottes bei Ridel und um ein großes Mittagessen am 25. September, zu dem neben den beiden Kestner-Frauen weitere Personen eingeladen sind und das völlig von Goethe beherrscht wird. Im neunten und letzten Kapitel wird von einem Theaterbesuch Charlottes erzählt: Auf Einladung Goethes kann sie seine Loge nutzen, sie sieht ein Stück von Theodor Körner; auf der Heimfahrt in Goethes Kutsche sitzt Goethe neben ihr und spricht mit ihr über ihr altes Verhältnis und die Beziehung von Leben und Literatur – dieses Gespräch (und die Anwesenheit Goethes) spielt sich aber wohl nur in Frau Kestners Fantasie ab, was jedoch im Text nicht eindeutig markiert ist.

In den Roman sind viele Zitate aus Goethes Werken hineingewoben; Thomas Mann kennt natürlich auch Werke, die 1816 noch nicht gedruckt, noch nicht entstanden waren und über die er „Goethe“ nachdenken lassen kann; exemplarisch sei das Gedicht „Paria“ (7. Kapitel) genannt. Die Sprache der Figuren ist teilweise abgehoben; ich habe eine Reihe Wörter nachschlagen müssen, die selbst im Rechtschreibduden nicht zu finden waren (teilweise aber auf Duden-online). Für „Umbratilität“ habe ich selbst im Internet keine Erklärung gefunden; ich habe mir zusammengereimt, dass es wohl ein bräunlicher Teint sein muss.

Symbol der problematischen Begegnung Charlotte Kestners mit Goethe ist das Kleid, das sie für die Begegnung mitgebracht hat: das weiße Kleid der jungen Charlotte und Lottes mit den rosa Schleifen, von denen eine fehlt, die sie einst Goethe/Werther gegeben hat – sie hält das für einen „kleinen sinnigen Scherz“, während ihre Tochter ihr von diesem Kleid entschieden abrät. Was zeigt die Wahl dieses Kleides? Es zeigt, dass sie die Vergangenheit nicht vergangen sein lässt – und doch wehrt sie es ab, vom Kellner Mager einfach als Werthers Lotte angesehen zu werden. Über diese Ambivalenz kommt sie nicht hinaus (erst Goethe schafft im „Gespräch“ in der Kutsche Klarheit).

Dr. Riemer, lange Jahre Goethes Sekretär, erkennt eine Parallele zwischen sich und Charlotte, weil sie beide von Goethe in Dienst genommen worden sind; das Glück solcher Wesen bestehe „in der Selbstentäußerung, im Dienste an einer Sache“. „Große Männer haben an anderes zu denken als an das Eigenleben und –glück der Handlanger…“ Charlotte fühlt sich und ihr Verhältnis zu Kestner von Goethe ausgebeutet, damals von dem Mann Goethe und erst recht vom Autor des „Werther“; sie war verletzt „über die Ausstellung unserer Personen, über soviel Wahrheit, an die soviel Unwahrheit geklebt war“. Sie wirft dem Dichter vor, er habe sich mit dem halben Leben begnügt; „er war verliebt in unsere Verlobtheit und in unser wartendes Glück, und mein Guter war sein Bruderherz um dieser Verliebtheit willen“, was dann in eine Verliebtheit in sie umgeschlagen sei – aber er habe sich für die realen Menschen nicht interessiert, und als die Kestnerkinder kamen, habe er sich mit einem Scherenschnitt von ihnen begnügt. Er habe „in ein gemachtes Nest das Kuckucksei seines Gefühls“ gelegt. Dr. Riemer verteidigt Goethe [und Thomas Mann sich selbst?]: „Es gibt ein göttliches Schmarutzertum, ein Sich-Niederlassen der Gottheit auf menschlicher Lebensgründung…“ Charlotte beklagt sich dennoch, er habe ihr übel zugesetzt „mit seiner ziellosen Werbung auf dem Fond meines Verlöbnisses“.

Das Problem wird also von verschiedenen Seiten umschrieben, bleibt aber offen; Adele Schopenhauers Bericht zeigt, wie rücksichtslos Goethe auf eine Ehe seines Sohnes August mit Ottilie von Pogwisch drängt, weil sie ihm gefällt und weil er so nach dem Tod Christianes eine neue passende Hausfrau ins Haus kriegt.

Im Gespräch mit August von Goethe bekennt Charlotte gegen ihre Klagen bei Dr. Riemer, sie sei „dafür, daß man sich rüstig ans Wirkliche halte, das Mögliche aber auf sich beruhen lasse“.

Indirekt antwortet Goethe in seinem einsamen Reflexionen am Vormittag auf Charlottes Vorwürfe (Genügsamkeit mit Schattenbildern, Genügsamkeit des Kusses, 3. Kapitel): „Ist die Liebe das Beste im Leben, so in der Lieb das Beste der Kuß, – Poesie der Liebe, Siegel der Inbrunst, sinnlich platonisch […]. Kuß ist Glück, Zeugung Wollust, Gott gab sie dem Wurme.“ (7. Kapitel)

Im Gespräch in der Kutsche dringt Goethe auf die Zeitunterworfenheit der Menschen; Charlotte will einen Abschluss der alten fragmentarischen (Liebes)Geschichte finden. Goethe bekennt sich ihr gegenüber schuldig und bittet um Vergebung. Charlotte grenzt sich von Friederike Brion ab, der es nach der Trennung von Goethe nicht gelungen sei, „einen resoluten Selbstzweck aus sich zu machen, auch wenn man ein Mittel [für den Dichter, N.T.] ist“. Goethes Schlusswort ist am Gedicht „Selige Sehnsucht“ orientiert: „Einst verbrannte ich dir allezeit zu Geist und Licht. Wisse, Metamorphose ist deines Freundes Liebstes und Innerstes, seine große Hoffnung und tiefste Begierde“; er schließt mit einer Anspielung auf den Schluss des „Werther“ – er hoffe, mit seinen Bildern der Welt „dereinst wieder zusammen [zu] erwachen“.

Mein Interesse galt vor allem diesem einen Aspekt: Begegnung der einst Liebenden nach 44 Jahren, wobei die Brechung in den literarischen Figuren Lotte und Werther hinzukommt – ist sie möglich, ist sie versöhnlich? Es gibt viele andere, Thomas Mann und dem Roman wichtigere Aspekte, vor allem den Mann und Dichter Goethe, seine Lebensart und sein Werk, und die Frage nach dem, woraus Kunst entsteht und worauf sie hinausläuft. Ich möchte zum Schluss auf den Zeitbezug des Romans hinweisen, seine kritische Stellungnahme zum damaligen Deutschland und Deutschtum (1939). Adele Schopenhauer berichtet von einer Auseinandersetzung Goethes mit dem Lehrer Dr. Passow, welcher aus dem Griechentum Begeisterung für Freiheit und Vaterland abzuleiten gedachte; das sei eine Vorform „von etwas Schrecklichem, das sich eines Tages unter den Deutschen zu den grassesten Narrheiten manifestieren wird“. In seinen Reflexionen am Vormittag des 22. September beklagt Goethe von den Deutschen, „daß sie sich jedem verzückten Schurken gläubig hingeben, der ihr Niedrigstes aufruft, sie in ihren Lastern bestärkt und sie lehrt, Nationalität als Isolierung und Roheit zu begreifen“; er denkt an seine Familiengeschichte und empfiehlt den Deutschen, sich an sein Vorbild zu halten: „Welt-empfangend und welt-beschenkend, die Herzen weit offen jeder fruchtbaren Bewunderung, groß durch Verstand und Liebe, durch Mittlertum, durch Geist […], nicht aber als Originalnation sich zu verstocken, in abgeschmackter Selbstbetrachtung und Selbstverherrlichung sich zu verdummen…“ Im Tischgespräch am 25. September kommt er auf die Juden und den Antisemitismus zu sprechen; er sieht die Juden in ihrer Stellung unter den Völkern mit den Deutschen verwandt und befürchtet, es möchte eines Tages der Hass der Welt gegen das Deutschtum frei werden – Thomas Mann Roman wurde am 25. Oktober 1939 fertig, da hatten die Deutschen den 2. Weltkrieg bereits begonnen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Lotte_in_Weimar

https://de.wikibooks.org/wiki/Zweideutigkeit_als_System_-_Thomas_Manns_Forderung_an_die_Kunst:_Lotte_im_Weimar (v.a. zu Riemer)

http://www.zeit.de/1946/12/lotte-in-weimar (Egon Vietta, eindringlich)

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=7874 (Kommentar anlässlich einer Neuausgabe)

http://www.deutschlandfunk.de/kritik-der-groesse.700.de.html?dram:article_id=81876 (Würdigung der Neuausgabe)

http://www.mdr.de/mdr-figaro/hoerspiel/feature/lotte-in-weimar104.html (75 Jahre nach 1939)

https://literaturklubsindelfingen.files.wordpress.com/2013/10/lotte_in_weimar.pdf (intensive Besprechung durch einen Literaturclub, viel Inhalt)

https://radiergummi.wordpress.com/2014/06/25/thomas-mann-lotte-in-weimar/ (Bericht von einer Lektüre, die nicht glücklich war)

http://www.meinebuecher.net/2011/06/thomas-mann-lotte-in-weimar/ (dito)

http://denkzeiten.com/2013/06/11/thomas-mann-lotte-in-weimar/ (Bericht von einer glücklichen Lektüre)

http://www.die-leselust.de/buch/2640.html (dito)

http://www.studentshelp.de/p/referate/02/4498.htm (sogenanntes Referat)

https://opus4.kobv.de/opus4-fau/files/594/E_JeongHongDissertation.pdf (Dissertation, dort S. 159 ff.)

http://www.thomasmann.de/sixcms/media.php/471/GANZ%20NAH%20VERWANDT%20DEM%20D%C3%84MONISCHEN%20UND%20DEM%20GENIE2.pdf (Magisterarbeit, dort S. 56 ff.)

https://www.academia.edu/4651904/Zwischen_h%C3%B6llischem_Feuer_und_doppeltem_Segen._Geniekonzepte_in_Thomas_Manns_Romanen_Lotte_in_Weimar_Joseph_und_seine_Br%C3%BCder_und_Doktor_Faustus_2011_ (dort S. 75 ff.)

http://www.noz.de/deutschland-welt/kultur/artikel/8129/hans-pleschinskis-thomas-mann-roman-konigsallee (Parallel-Roman Hans Pleschinskis)

http://www.bildungsexplosion.de/Artikel/von-weimar-in-das-dritte-reich/thomas-mann (über Th. Mann: Leben und Werk)

http://www.br.de/telekolleg/faecher/deutsch/literatur/03-literatur-fakten-100.html (Erzähltechniken im modernen Roman, kurz)

Mann: Buddenbrooks – Tonys erste Heirat

von Dr. Peter V. Brinkemper [zu Thomas Mann: „Buddenbrooks. Verfall einer Familie.“ (Roman 1900/1)]

Textstellen: Thomas Mann: „Buddenbrooks“, Teil III, Kapitel 4; Teil III, Kapitel 7-8; Teil III, Kapitel 9-10 sowie Kap. 13.

Aufgabe: Analysieren und Interpretieren Sie die angegebenen Textstellen (komplett). Berücksichtigen Sie dabei auch Kontexte aus I, II und IV.

Checkliste: Werden folgende Aspekte 1. am Text der „Buddenbrooks“ (Grob- und Feinverständnis, Handlung und Psychologie der Figuren) belegt sowie 2. inhaltlich, sprachlich differenziert und logisch eigenständig dargestellt?

Themenstellung: Tony zwischen Tochter der Familie und eigenständiger junger Frau, versteckter Rebellion, Entdeckung des Neuen und Rückführung in die Tradition.

Vater Konsul Johann der Jüngere zwischen Traditionserhalt, Verfallsvermeidung und Verfallsbeschleunigung.

TEIL III, Kap. 4 Lübeck (1845), Teil 1. Trügerische Erwartungen bei Konsul Buddenbrook. (Dazu wichtig: Wissen über den beabsichtigten und vollzogenen Betrug Grünlichs, siehe „Buddenbrooks“, Teil IV.)

Textbefund: Der Konsul im eher monologischen Dialog, wörtliche Rede, zu seiner Gattin Bethsy (stumm) über Tonys Heirat:

– Die väterliche Erwartung, dass Tochter Tony dem Heiratsantrag von Bendix Grünlich, weil Kaufmann aus Hamburg (den Antrag hatte er vor allem an den Vater, weniger an sie gerichtet) nachgibt/entspricht/zustimmt.  Er verlangt die formelle, geschäftsförmige Einwilligung, aber keine Liebesheirat.

Eigener möglicher Gedanke: Charakterisierung Tonys aus früheren Teilen I und II: Tonys überhebliche, rebellische Haltung seit der Kindheit, ihr emotionaler Eigenwille und Widerwille. Sie findet auch Grünlich unsympathisch und sogar gruselig. Pro und Contra: Einerseits ist Tony arrogant; andererseits ist sie menschenklug und hat einen Riecher. Sie hat ihren Trotzkopf leider nicht in eine vernünftige Rolle ausgebildet / Problem der Erziehung von Frauen zur damaligen Zeit. – Tonys Position, ihr primär negativer emotionaler Eindruck wird vom Vater nicht ernst genommen, die männliche Welt glaubt sich überlegen (was sich später als Fehler herausstellt, da der Konsul selbst gierig ist, nur an das Geld und nicht an die Menschen und ihren wahren Charakter denkt). Der Konsul überschätzt Grünlichs finanzielle Möglichkeiten und verbiegt deshalb die Maßstäbe von Ökonomie, Moral, Ethik und Religion, denen sich Tony fügen soll.

– Dazu die Vorgeschichte, dass Vater und Großvater Buddenbrook sich (nach einer Liebesheirat) immer für die Geschäftsheirat (wie genau?) entschieden haben. Heirat einer reichen Frau, nur eine Geschäftsidee, oder auch Familienpolitik? Der ökonomische Hintergrund: Geschäfte der Firma im Weizenhandel stagnieren. Der Vater versucht den Reichtum, wie in der 1. und 2. Generation, durch Heiratspolitik zu vermehren, verschleiert das aber durch die Verfügung über die gehorsame Tochter, die über ihre Heirat nicht mitbestimmen darf.

Zusammenfassende Analyse am Text: Die Situation zwischen Vater und Tochter schwankt zwischen ausdrücklicher Bevormundung und starkem Druck durch Tradition, gesellschaftliche Erwartungen, äußerliches Standesbewusstsein (etwas höheres und besseres zu sein) und Glaube (Gott will es so), liebevolles, aber strategisches Abwarten (Vater: die Tochter wird schon zur Vernunft, zur Vernunft des Vaters kommen…); dagegen Widerstand, Trotz, Hinhalten und mögliches späteres Nachgeben Tonys mangels weitergehender familialer, ökonomischer, gesellschaftlicher und politischer Reflexion (siehe ihr abgebrochenes Aufsagen des Glaubensartikels der Lübecker Bürger ganz am Anfang des Romans).

– Die Position Tonys ist an sich stark: Tony gilt als attraktiv, impulsiv (weitaus willenstärker als Thomas und Christian), aber keineswegs als rational, vernünftig (hier ist der entscheidende Punkt der Überforderungen und Fehleinschätzung der Kinder an Anfang an), sie sei nicht ernst zu nehmen, sie soll erst durch und in der Heirat reifen (Modell der Unterordnung in der Ehe als unmündige Person unter den Mann), nicht vorher, um in bereits gereifter Freiheit ihre eigene souveräne Wahl zu treffen. Hier deutlich ein Mangel an Zubilligung von Herzens- und Verstandes-Bildung für Frauen, gerade auch wenn sie sozial privilegiert sind wie Tony. Ganz allgemein das Problem der höheren, von der Realität abgeschotteten Tochter, die eher ein wirtschaftliches und soziales Spekulationsobjekt, aber in ihrem Luxusbedarf auch ein Ansporn für aufstrebende und gewinnsüchtige, oder am besten bereits vermögende Männer sein soll.

Grünlich aus der Sicht Tonys: Er erscheint ihr äußerlich hässlich, unangenehm, antriebsschwach, unmännlich, autoritätsfixiert, lieblos, verlogen sentimental, unehrlich, berechnend. Daher reagiert sie selbst völlig normal und angemessen: kalt und reserviert. Textnähe: Dem Konsul erscheint Grünlich dagegen in diesem Kapitel anscheinend geschäftlich erfolgversprechend und sehr fromm und loyal. Vielleicht erinnert Grünlich ihn an sich selbst und sein eigenes Heiratsverhalten. Der Konsul erkennt nicht, dass es sich um Maske und Strategie eines Betrügers handelt. Unbekannt ist, dass Grünlich bereits pleite ist und mit dem Bankier Kesselmeyer seine Bilanzen gefälscht hat und es auf einen Teil des Vermögens der Buddenbrooks absieht, um seine eigenen Schulden bei Kesselmeyer zu tilgen und sich auf Kosten der Buddenbrooks zu „sanieren“.

– Hinter Tonys schroffer Fassade gibt es ein innerstes emotionales, noch schemenhaftes, kaum realistisches, eher romantisches, einsam-unerfüllbares Ideal (eher Selbstliebe als Fähigkeit zur Hingabe), für sie noch überhaupt nicht greifbar, uneingestanden, und erst später in der Begegnung mit Morten andeutungsweise, verheißungsvoll formuliert: Sie zöge eine spätere Heirat vor; so könnten (spontane, natürliche oder vielleicht tiefere) Liebeshoffnungen innerlich heranreifen und sich auch erfüllen, und mit den von Kindheit an verinnerlichten Familien- und Firmeninteressen wirklich ausbalanciert werden.

Es zeichnen sich hier ein Generationswandel und Motivationswandel ab, aber unterbunden durch die negativen Erfahrungen der Buddenbrooks in Sachen Liebesheirat (siehe Johann B. der Ältere) und das bewährte Modell der Zweckheirat mit allen dazu erforderlichen Ritualen (getrennte Verhandlungen unter Männern, Urlaub für das rebellische weibliche Objekt, Rückkehr in das Elternhaus, erwartete Unterwerfung). Ist Liebe als Kern einer vielleicht auch besseren realen Beziehung nicht selbst heute noch das Ideal des Lesers oder vieler LeserInnen?

Tonys Rolle für den Vater im Text:  Tony gilt immer noch als unreifes Kind („Aber sie ist ein Kind“, als Tochter und als ökonomische Ware (Spatz, Springinsfeld, „Glied in einer Kette“) durch Unterordnung unter den simplen Familien- und Firmenwillen,

Bewertung: Unterschätzung des möglichen Freiheitswillens und Selbstbewusstseins Tonys (siehe Tonys wildes Gebaren in Teil I, aber auch das spätere Gespräch zwischen Tony und Thomas nach Tonys 2. Ehe anlässlich ihrer zweiten Scheidung in Teil VI, Kap. 10),

– Der Vater betont, weiteres Warten auf eine andere gute Partie im Sinne der Balance von Liebe und Wohlstand wäre noch möglich, aber nur unter Vorbehalt (trotz der >Attraktivität< Tonys – möglicherweise versteht der Vater darunter nur den ökonomischen Wert von Tonys Aussteuer und seine Angst vor dem ökonomischen Verfall, womit der Titel des Buches eine wirklich kritische, gesellschafts- und ökonomiekritische Bedeutung bekäme: Tony als Zahlungsware, deren Wertverfall durch schnellen Einsatz scheinbar aufgehalten werden soll),

– die Rolle des angeblichen Vermögens und der zukünftigen Einnahmen Grünlichs für den Vater, die Rolle der Vertrauensleute in Hamburg wie Bankier Kesselmeyer (später wird die Intrige und der Betrug gegen das Haus Buddenbrook durch das Komplott von Schuldner Grünlich und Gläubiger Kesselmeyer offengelegt),

– die Heirat als Ersatz für gute Geschäfte angesichts der allzu ruhigen Wirtschaftslage, – noch einmal im Vergleich zur eigenen Heiratspolitik als Strategie der Vermögensbildung der früheren Generationen.

Teil 2. – Tonys Perspektive im Zentrum einer stark zusammenfassenden Erzählung von verschiedenen Situationen: Sie fühlt sich vom Vater bedrängt, liebt ihn als Autorität, daher äußert sie aber, erziehungsgemäß, kein offenes „Nein“, aber auch noch kein „Ja“. Ihr starker Wille und ihr deutlicher Widerstand sind somit weitgehend nur ein stummes Spiel auf Zeit. Es gibt keine längere kontroverse Rede. Man kommuniziert in bestimmten Phasen, in anderen Phasen schweigt man gezielt, und ansonsten wartet man ab, dass Tony „umfällt“. Der Druck wird im Familien- und Freundeskreis ausgeübt, bis hin zu Pastor Köllings peinlich-anzüglicher Rede in der öffentlichen Situation einer Messe und einer Predigt auf der Kanzel. Hier wird die Kirche im Dienste der Familien- und Geschäftspolitik instrumentalisiert.

– Text: Tonys Zustand verschlechtert sich, physisch und psychisch. Das wird aber nur angedeutet. Scheinbares Mitgefühl und berechnende Strategie (Wert-Erhalt der Braut) durch den Vater: Tony soll sich von Lübeck und dem Druck erholen (wohl doch: damit sie attraktiv für die Verheiratung bleibt), Sommerurlaub beim alten Schwarzkopf in Travemünde an der Ostsee (siehe Thomas Manns Widmung  von Teil III des Romans an Schwester Julia in Erinnerung an die Ostseebucht). Währenddessen wird mit Grünlich schamlos weiter verhandelt. Das erklärt auch seine absurd selbstbewussten und ironisch unterwürfigen Auftritte. Die Auszeit an der See ist eine von A bis Z durchgeplante Bedenkzeit und Zeit zur Umkehr und des Übergangs vom Mädchen zur ehefähigen, zu Verheiratung geeigneten, ja gebrochenen (?) Frau. Eine sanfte Methode, Tony zu „zähmen“, willensschwach zu machen (Zuckerbrot und Peitsche: siehe auch die Pensionatszeit).

Unabsichtliche Folge: Tony lernt in dem Schutzraum an der Ostsee einen natürlichen, bescheidenen, offenen jungen Mann, Morten Schwarzkopf kennen, der nicht dem Kaufmannsstand und der teilweise verdorbenen Klasse der Buddenbrooks und der Lübecker Patrizier angehört. Analyse und Interpretation: Sie erhält so einen Maßstab des humanen Vergleichs, der ihre Emanzipation, ihr Selbstbewusstsein und ihre Selbstverwirklichung mit einer rational artikulierten Meinung und Position jenseits von Nützlichkeit und Tauschobjekt als reiche Braut fördern könnte (ähnlich dazu auch  Gottholds Sichtweise vom Individuum und von der Liebesheirat in seinem Beschwerdebrief in Teil I).

Teil III, Kap. 7-8. – Kap. 7. Travemünde, Ostsee, Sommerwochen, Abspaltung Tonys von der Buddenbrook-Welt, Morton als seelischer Rettungsanker, Eröffnung neuer Sichtweisen.

Erzählung und Beschreibung mit entspanntem Dialog zwischen Tony und Morten, Schwarzkopf Junior.

Text: Tony und Morton gehen morgens, während die andere Gäste am Strand sind (Motive der Vermeidung, der Gegenwelt!), miteinander, ohne weitere Begleitung durch den Kurpark, dann zum Strand, Dialog; Kennenlernen: Bekanntwerden der recht verschiedenen Innenwelten und dazu einladenden, verbindenden Außenwelt (Naturerlebnis) – beides gleichwertig.

Gespräch über Lektüre: Mortens Fachbuch zum Arztstudium (Analyse: Physikum, Krankheitsmerkmale der Lungenkrankheit; Wirklichkeitsbezug: Realismus, Naturalismus), Tony liest dagegen Literatur: E.T.A. Hoffmanns „Kapellmeister (Kreisler)“ („Kreisleriana“) und „Der goldne Topf“, Erzählungen/Roman der Romantik (Analyse: Gegenwelt: Romantik bedeutet: Aufspaltung der Welt in die gesellschaftliche Realität mit ihrem tristen bürgerlichen Alltag und die Gegenwelt der Sehnsüchte und der unerfüllten Gefühle – Hoffmann schaffte es, in beiden Welten zurechtzukommen, er war gleichzeitig erfolgreicher Jurist, Komponist und Literat),

– Annäherung der beiden im Gespräch, sie will ihn standesgemäß als Hausarzt anstellen, Mortens Vorname wird Tony bekannt,

– Versuch, eine Begegnung mit Lübecker Familien als Stammkurgäste (Möllendorpf etc.) zu vermeiden, deutliche Standesunterschiede zwischen gehobenem, fast adligen und dem nur einfachen Bürger,

– Morten setzt sich lieber „dahinten auf die Steine“, Analyse und Interpretation der Symbolik: Tony ist angetan von Morten, fühlt sich aber sofort wieder unter Druck, wenn die Lübecker Gesellschaft erscheint, Morten setzt sich instinktiv ab, die spätere Trennung der beiden wird so bereits symbolisch vorweggenommen, ihre Begegnung deutet sich bereits hier als ein bloßes Zwischenspiel, ein als ein, wenn auch berührendes, Intermezzo an.

Text: Tonys Begegnung mit Lübecker Familie/Repräsentanten, Reaktionen zwischen Kälte und Herzlichkeit, insgesamt aber gesellschaftliches Getuschel/Geschwätz/Oberflächlichkeit, kritisch überlegene Perspektive Tonys in der Einschätzung der Lübecker und anderer möglicher Heiratskandidaten.

– Scharfe Musterung Mortens durch Julchen Hagenström (ihre kindliche Rivalin um den Bruder Hermann Hagenström aus Teil II).

Kap. 8. Die wohltuende Wirkung des Urlaubs, Tony im Gespräch mit Morten über das Thema Freiheit.

– Zusammenfassende Erzählung: Tony blüht in Travemünde auf, die Unbeschwertheit kehrt zurück.

Der Konsul hofft, die Erholung Tonys beruhe nur auf dem Aufenthalt und ermögliche die Heiratsbereitschaft gegenüber Grünlich. Interpretation: Ist Tonys Widerstand nur als eine Art der weiblichen Hysterie und Krankheit aufzufassen, die an der See abklingen?

Textsorte: Dialog – zwischen Tony und Morten als neugierige und spielerische Annäherung.

–       Sanfter Streit zwischen Tony und Morten, Tonys bürgerliches Gefühl gegen Mortens politische Leidenschaft: Als einfacher Bürgerssohn ist er gegen Adelige und ähnlich Privilegierte (also auch Lübecker reiche und einflussreiche Bürger/Patrizier), er ist ein revolutionärer Vormärz-Anhänger der Bourgeoise/Bürger, für Verdienst und Leistung statt Privilegien/Vorrechte. Er erläutert ihr die aktuelle politische Situation (1845), Kritik am Preußischen König als Romantiker auf dem Thron, Morten klagt die versprochenen politischen Reformen ein, die nicht verwirklichte demokratische Verfassung in Preußen und überall im deutschsprachigen Gebiet, er vertritt die politische Mitbestimmung der Bürger im Staat und die Vereinigung Deutschlands, er erweist sich als Anhänger der studentischen Burschenschaften, die für Einheit und Freiheit Deutschlands eintreten (statt Flickenteppich von nachfeudalistischen Einzelstaaten).

–       Freiheit als wichtiges, mehrsinniges Wort. Analyse und Interpretation: Freiheit als wichtiges Leitmotiv und als mehrsinnige Botschaft für den gesamten Roman (wichtiger als angeblicher Verfall und festgefügte Tradition etc.): Mindestens fünffache Bedeutung des Wortes Freiheit: 1. Motiv der Freiheit in der und durch die Natur: von der Bucht zum Meer und zum Horizont. 2. Freiheit aber auch als persönliche, biographische und erotische Sehnsucht, als individuelle Hoffnung zur Selbstverwirklichung. 3. Freiheit als bürgerliche Kategorie von Arbeit, Selbstständigkeit und politischer Selbstbestimmung. 4. Freiheit als Mitbestimmung und Gleichberechtigung bisher  unterschiedlicher Klassen und Stände. 5. Freiheit „außenpolitisch“ als Selbstständigkeit von Städten, Regionen und ganz Deutschland. (Interpretation, Erörterung: Inwiefern wird Freiheit durch Tradition oder durch Modernisierung gefährdet oder gefördert?)

Kap. 9-10. Zwischenspiel erster echter Liebe und der Rückschlag der Buddenbrook-Welt. 

Kap.9. Das Zwischenspiel erster echter Liebe, allerdings in einer sehr flüchtigen jungen Form.

Erzählung, stark konzentriert auf den intensiven Dialog der Figuren Tony und Morten, die Außenwelt und Inneres stark miteinander verbinden, so dass nun Intimität entstanden ist und weiter ausgebaut werden kann.

Text, Charakterisierung der Beziehung: Tony und Morten sind jetzt aufgrund ihrer einsamen Strandspaziergänge vertraut und still ineinander verliebt.

– Mortens Frage nach Bendix Grünlich. Tonys deutlicher Widerwillen gegen diese Person als Heiratskandidat, sie erzählt davon offen. Sie habe Grünlich mit „Ironie“ behandelt, er habe beinahe geweint.

–  Mortens herausfordernde Frage nach Tonys Distanz von oben herab, ob sie ein adliges kaltes Herz habe? Analyse und Interpretation: Das kalte Herz ist eine wichtige paradoxe Metapher (auch in der Romantik; eine Vorform von dem, was man heute als >cool< bezeichnen würde: Hier fragt Morten kritisch danach, ob sich Tony hinter der Fassade/Oberfläche eines höheren, verwöhnten, quasi adligen reichen Bürgertums verberge und nichts und niemanden an sich näher herankommen lasse (also die totale Empfindungslosigkeit, Langeweile pflegt) – oder noch fähig sei zu etwas ganz anderem: zu Empfindsamkeit, Leidenschaft, Liebe und einem lebendigen Leben – auch mit jemand wirklich gemochtem anderen.

– Tonys von Tränen untermalte Antwort als Erkenntnis über sich selbst und als Beziehungsbotschaft an ihn: Sie habe Morten lieber als alle, die sie kenne (S. 143). Eine Schlüsselszene, eine Preisgabe, eine Offenbarung: Die erste freiwillige gefühlsmäßige Öffnung von Tony gegenüber einem Mann, sie verlässt ihre bisherige Position der reinen Selbstliebe, der kühlen Arroganz, der Selbstgenügsamkeit: Sie ist bereit zuzugeben und anzunehmen, sie fühlt sich in einem ersten Schritt emotional ernst genommen und ernsthaft verstanden.

– Angedeutete starke Sympathie- und Liebeserklärungen zwischen Tony und Morten.

– Mortens Bitte, Tony solle auf Morten warten, der nach dem Abschluss der Arzt- und Doktorprüfung, um ihre Hand anhalten wolle (deutliche Verbindung von ehrlicher Liebe/Zuneigung und seriösem Willen zur Leistung, eine Art natürlicher Verlobung in Abwesenheit von Familie),

– Interpretation: Der Kuss als Zeichen der Öffnung, Zuneigung und Anerkennung. Behutsame erste ernsthafte, freiwillige Liebe mit fortschrittlichem Eigen- und Fremd-Verstehen, Vertrauen auf zukünftige Entwicklung statt bloßem kapitalistischem Handel aufgrund von Besitz.

Wortloses Symbol der Öffnung Tonys, sie überschreitet die enge Buddenbrooks-Welt und weicht ab von den vorgegebenen Normen. Ein Stück Emanzipation, das wenig später wieder zurückgenommen wird.

Teil 2 (Kap.10). Der Rückschlag der Buddenbrook-Welt.

Hier wird deutlich, dass hinter Tonys Rücken weiter verhandelt wurde und man nur auf ihr Nachgeben abwartet. Insofern stellen die drei Briefe eine Kommunikationsfalle dar.

Text: Briefsequenz im vollen schriftlichen Wortlaut/Problem der Fernkommunikation, kein direkter emotionaler Austausch/Autorität der Schrift und der konservativen Argumente

–       Grünlichs Mahnbrief: unangenehm, im Ton falsch (wer hat ihm die Floskeln hingeschrieben? Er selber oder Helfershelfer?), macht Druck und nützt weiter die Erwartungen von Tonys Eltern (des Vaters) aus.

–       Tonys Beschwerde- und Ablehnungs-Brief an den Vater, ein klares Nein zu Grünlich (bezeichnenderweise mit „Gr.“ abgekürzt, gerade auch nach dem Sommeraufenthalt, im Vergleich zu Morten, den sie nun liebe, „dass es sich gar nicht sagen lässt“. Sie deutet hier einen ausführlichen Brief voller Leidenschaft an, den sie aber nicht schreibt (Motiv der Fremd- und Selbstunterdrückung bleibt also bestehen). Traditionsbruch: Sie will einen zukünftigen Arzt statt Kaufmann heiraten. Treffende Kritik am verdächtig billigen Goldring von Grünlich.

–       Antwort-Brief von Vater an Tony. Er habe Grünlich (wieder mit „Gr.“ abgekürzt) von Tonys Nein informiert, dieser drohe mit Selbstmord. Analyse: Wieso schreibt oder sagt Grünlich das, seine angeblichen Todesqualen, nicht Tony persönlich? Hier deutliches Spiel einer vom Vater gesteuerten Inszenierung/Schau. Drohung mit äußerstem Skandal. Tochter als männermordende Femme Fatale (der >arme Bewerber<). Des Vaters >christliche< Ermahnung von Tony mit Argumenten: Religion, Familie und Firma (Familienmitglieder keine „Einzelwesen“, sondern „Glieder in einer Kette“). Ignorierung der Verbindung Tonys mit Morten. Dagegen Betonung, den vorgegebenen Willen der Familie umzusetzen (hier wieder bei allem Wohlwollen die massive Unterschätzung von Tonys Gespür – siehe Worte wie „Trotz“ und „Flattersinn“).

Analyse und Interpretation der Haltung des Vaters:  Völlig abstrakte Anschauung, der Mensch, so auch Tony, nur als ein Glied, also ein leeres Subjekt eines höheren Familien- und Firmenwillens, ein Rädchen in einer Finanz-, Geschäfts- und Heiratsmaschine (oder Höllenmaschine?), angeblich von Gott gewollt. Hier kapitalistische Manipulation und Verzerrung von Moral und Glauben.

Kap. 13 Rückkehr nach Lübeck – Die Resignation, Einwilligung in das Aufgeben des eigenen jungen Selbst.

1. Tonys Abholung durch Thomas, bei Regen zurück nach Lübeck. Subjektiv gefärbte Schilderung.

– Regen als Ausdruck der Depression und Trauer.

– Die engen Straßen Lübecks als Symbol des „Alten, Gewohnten und Überlieferten“.

– Ankunft im Zuhause (Eindruck der Entfremdung).

Analyse: Rückfall in den vorherigen Zustand der emotionalen und geistigen Abhängigkeit.

– Tony wird durch die familienüblichen Rituale gezwungen, die Liebesepisode und den Gedankenaustausch (Kommunikation auf den Ebenen von Gefühl und von Vernunft) mit Morten als ein Zwischenspiel wortlos zu verdrängen.

Dabei enthält die Episode zwischen Morten und Tony eine wertvolle Chance: einen Gegenentwurf zur engen konservativen Lübecker Bürgerlichkeit und ihrer ständigen Angst vor Wandel und Verfall. Durch Morten wird Tony zum ersten Mal in die Lage gesetzt, die eigenen Ansprüche im vollen modernen Sinne emotional und rational, privat und politisch auszuformulieren und als zukünftig realisierbar/umsetzbar zu verstehen. Im Dialog mit dem jungen Studenten Morten konnte sich Tony – vielleicht – als im vollen Sinne anerkannte und zukunftsfähige Frau verstehen.

2. Text: Tony liest in der alten Familienchronik und willigt als „Glied in der Kette“ (unter der Eintragung von Thomas’ Eintritt in die Firma 1842) schriftlich ein, indem sie die Verlobung mit Grünlich 1845 als Tatsache in das Buch einträgt.

Analyse und Interpretation: Eine Einwilligung – nicht aus lebendiger Einsicht und Liebe, sondern aus anhaltender Zermürbung und eigener, verzweifelter Impulsivität.

Schreiben, hier nicht als Stiftung von Identität, Schreiben auch nicht als Protokoll der Realität und des Lebens, sondern als hilflose Unterwerfung unter die nur halb durchschaute Maschinerie vorgegebener Normen. Siehe die Beschreibung: „plötzlich, mit einem Ruck, mit einem nervösen und eifrigen Mienenspiel – sie schluckte hinunter…“ Dieser Akt ist wie ein symbolischer Selbstmord an der eigenen Identität/Selbstständigkeit/Freiheit/Vernunft, exekutiert mit voller eigener, aber blinder Willensstärke.

Thomas Mann: Buddenbrooks / Mario und der Zauberer – Literatur und Links

Für das im Verlag Krapp & Gutknecht gerade erschienene Thomas-Mann-Lehrerheft (Material für zwei Unterrichtseinheiten) hatte ich eine Hilfsmittel-Liste zusammengestellt, die im Heft jetzt in einer gekürzten Fassung steht:

Die Liste finden Sie in meinem Buch „Thomas Mann: Buddenbrooks. Mario und der Zauberer“, das bei Krapp & Gutknecht erschienen ist.

 

Mann: Buddenbrooks – fürs Theater bearbeitet von John von Düffel

John von Düffel hat vor einiger Zeit den Roman Thomas Manns in eine Theaterfassung gebracht, die jetzt, wo der Roman fürs Zentralabitur Deutsch in NRW 2012/13 auf dem Programm steht, in NRW natürlich gespielt wird. Es gibt im Netz (mindestens) zwei Gespräche mit John von Düffel und einen Auszug aus seiner Interpretation, in der er die Bühnenfassung erklärt bzw. rechtfertigt:

http://www.abendblatt.de/kultur-live/article366630/Nichts-geaendert-nur-komprimiert.html (Gespräch mit John von Düffel, 2005)

http://www.theater.de/news/Personalien/john_von_dueffel_zu_seiner_buehnenfassung_der_buddenbrooks (ebenso, 2001)

Großes P.S. am 27. Februar 2011

Heute habe ich in Mönchengladbach (TiN) die Aufführung des Stücks Herrn von Düffels gesehen: Das war eine grausame Verstümmelung des Romans, nicht mehr und nicht weniger: Es wurden Episoden aneinandergereiht, aber so etwas wie eine Idee oder ein Thema war nicht erkennbar; ich befürchte, dass man nicht einmal die Episoden versteht, wenn man den Roman nicht kennt. Es wurde zwar einmal gesagt, dass da ein Niedergang stattfinde, aber er wurde nicht gezeigt; die Figuren veränderten sich nicht, sie erlebten allenfalls gerade eine Krise. Hanno, der Möchtegern-Musiker des Romans, bekam sogar einen Werkzeugkasten geschenkt, wonach er lossägte und -hämmerte; dafür hatte er von Musik kaum Ahnung. Wie in schlechten alten Gladbacher Tagen war Jean gegenüber Betsy und Thomas gegenüber Tony nicht frei von sexuellen Gelüsten; aber da die Aufführung ohnehin kaum etwas mit dem Roman zu tun hatte (außer dass einige gleichnamige Personen auftraten), störte mich das auch nicht weiter. Thomas lebte zum Schluss noch und schrie, nun sei alles zu Ende, und dann war das Stück zu meiner Überraschung aus; Thomas wusste das offenbar besser als ich – aber ob er verstanden hat, was er sagte, steht auf einem anderen Blatt. Und nichts gegen Esther Keil, die ich in anderen Rollen geschätzt habe; aber eine attraktive Tony ist sie als Typus nun wirklich nicht.

Italiensehnsucht – ein verdrehtes Motiv in „Mario und der Zauberer“

Italiensehnsucht ist etwas, das es über Jahrhunderte gegeben hat und das in Thomas Manns Novelle „Mario und der Zauberer“ negativ gespiegelt wird. Der Zauberer Cipolla ist dem Erzähler der Inbegriff des Unangenehmen, was ihm im faschistischen Heute in Italien, im überlaufenen Badeort Torre di Venere, begegnet – Italien hat den Zauber seiner Vergangenheit und seiner Landschaft verloren. Was also war die Italiensehnsucht (die sich mit der Sehnsucht nach Arkadien berührte), dass sie sich als literarisches Motiv in verschiedenen Facetten findet?

Rom hat zwei Qualitäten, die es für die europäische Geschichte bedeutsam machen: Rom war die Hauptstadt des Römischen Reiches, das in seinem Westteil im 5. Jahrhundert unterging; und es ist die Stadt des Papstes und damit mindestens bis 1517 das Zentrum des westeuropäischen Christenheit, danach noch des Katholizismus. Unter Pippin und Karl dem Großen wurde die Beziehung der Franken zum Papst gepflegt, sodass daraus schließlich das Heilige Römische Reich Deutscher Nation entstand. Der Papst hatte im Jahr 800 Karl den Großen zum Römischen Kaiser gesalbt – das war ein Meilenstein in der Bindung der Deutschen an Rom.

Für die Christen wurde Rom ab 1300 aus einem anderen Grund anziehend: Das „Jubeljahr“ (ein Schuldenerlass im alten Israel alle 50 Jahre) wurde erstmals im Jahr 1300 als Heiliges Jahr ausgerufen, in dem ein besonderer Ablass (Erlass der zeitlichen Sündenstrafen) gewonnen werden konnte. Seit 1475 findet das Heilige Jahr alle 25 Jahre statt: ein Grund, nach Rom zu pilgern und einmal die Enge des heimatlichen Dorfes oder Städtchens zu verlassen.

Einen neuen Reiz bot Italien seit der Renaissance, der Wiederentdeckung der klassischen Antike (Griechen, Römer) als Maßstab gelingenden Lebens. Das ging bis in die Architektur hinein: Palladio und andere Architekten bauten im 16. Jahrhundert im Stil der Antike. Es kam dann noch die Kavaliersreise oder „Grand Tour“ auf; die Adeligen besuchten insbesondere bedeutende europäische Kunststädte und besichtigten dort Baudenkmäler aus Antike, Mittelalter und Renaissance, reisten durch malerische Landschaften, sprachen aber auch an europäischen Fürstenhöfen vor. Als Erfinder der Grand Tour gilt Thomas Coryat, der sich 1608 zu Fuß auf den Weg nach Italien machte und darüber ein Buch schrieb. „Zunächst waren es vor allem junge britische Adelige wie Boswell, der angehende 9. Lord Auchinleck, die sich auf der obligatorischen Grand Tour ihren letzten Schliff zum Gentleman holten und ihre gap years füllten: Den formalen Teil ihrer Ausbildung, Eton und Oxford hatten sie hinter sich gebracht, aber ihre Väter zu beerben, dazu war es noch zu früh. Auf der Kavalierstour konnten sie ihren Horizont erweitern, Fremdsprachen, gute Manieren, überhaupt: leben lernen. Sex galt als Teil des Bildungsreiseprogramms; die jungen Männer sollten Erfahrungen sammeln.“ (Susanne Kippenberger: Adel auf Achse, ZEIT-ONLINE vom 2. 8. 2010)

Auch für Maler wurde Italien das Land, in dem man seine Ausbildung abrundete: Ein Land, dessen Vielfalt die Künstler inspirierte und die Kunstwelt bereicherte, vor allem die Landschaftsmalerei. Die Werke stellten manchmal die ideale Landschaft dar, manchmal gaben sie eine genaue Beobachtung der Natur wieder, oder sie folgten nur der freien Intuition des Künstlers.

Für Deutschland wurde Goethes Reise nach Italien (1786-1788) prägend, weil er selber sich dadurch zum „Klassiker“ wandelte. Nicht nur seine „Römische Elegien“ geben Zeugnis dieser Veränderung:

„Froh empfind ich mich nun auf klassischem Boden begeistert,

Vor- und Mitwelt spricht lauter und reizender mir.

Hier befolg ich den Rat, durchblättre die Werke der Alten

Mit geschäftiger Hand, täglich mit neuem Genuß.

Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders beschäftigt;

Werd ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt beglückt.“ (5. Elegie, Anfang)

Die verschiedenen Stücke des „Faust“ konnten zu „Faust. Ein Fragment“ (1790) verbunden werden, Goethe fand sich neu ins Leben als Fürstenberater ein.

Im Gefolge Goethes blühte die deutsche Italiensehnsucht auf; in der Romantik kam eine neue Begeisterung für die Vergangenheit, für Ruinen, für den katholischen Geist hinzu, aber auch ein Gefühl für die Ambivalenz des „heidnischen“ Roms (Eichendorffs Taugenichts!). Zwischen 1800 und 1830 lebten allein in Rom mehr als fünfhundert deutsche Maler, Bildhauer und Architekten. Im 20. Jahrhundert kam dann der moderne Tourismus auf, wo man auflebte, „wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt…“

„Italiensehnsucht“ sucht man als Stichwort in den Lexika um 1900 noch vergebens: Sie lebte noch; sie lebte in den Artikeln über Italien – man schaue ins Damen Conversations Lexikon von 1834, Art. „Italien (Kunst)“. Heute ist die Italiensehnsucht ein ergiebiges Suchwort im Internet und Gegenstand zahlreicher Ausstellungen: Sie ist nach ihrem Tod ins Museum gewandert.

(Dieser kleine Aufsatz ist ein Teil des Lehrerheftes zu Thomas Mann, das bei Krapp & Gutknecht erscheinen soll: Buddenbrooks; Mario und der Zauberer.)

P.S. In der SZ vom 20.09.2010 hat Kristina Maidt-Zinke von einer Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe berichtet: „Viaggio in Italia. Künstler auf Reisen 1770-1780“. In dem Bericht erwähnt sie unter anderem, dass Claude Lorrain 1641 die große Kaskade des Anio in Tivoli gezeichnet und mit seinem Hell-Dunkel-Spiel die Landschaftsmalerei bis ins 19. Jahrhundert beeinflusst hat; ferner dass um 1800 noch vorrangig Ansichten von historisch oder literarisch bedeutenden Gegenden gefragt waren, dass aber im 19. Jahrhundert Darstellungen des italienischen Volkes beliebter wurden. – Die Ausstellung ist bis 28. November 2010 geöffnet.

Thomas Mann. Ein Porträt für seine Leser – Kurzbesprechung

Hermann Kurzke, ein profunder Kenner Thomas Manns, hat im Verlag Beck 2009 ein Büchlein von rund 210 Seiten Text vorgelegt: „Thomas Mann. Ein Porträt für seine Leser“ (16,90 €). Dieses Porträt will ich kurz porträtieren.
Bei diesem Buch muss man den Untertitel ganz wörtlich nehmen: Es ist ein Porträt des Schriftstellers, das nur Leser genießen werden, die viel von Thomas Mann gelesen und einigermaßen präsent haben. Wer wirklich eine Biografie Thomas Manns lesen will, sollte zu Hermann Kurzkes Buch „Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk“ greifen, das es in einer Sonderausgabe bei Beck (2009) für 22,90 € gibt. Hier wird im Grund mit der gleichen Technik auf knapp 600 Seiten das anschaulich dargestellt, was im „Porträt“ allzu stark verknappt ist. Hier sind nämlich nicht Thomas Manns Werke leitend, sondern sein Leben – das macht den Unterschied.
Das „Porträt für Leser“ ist eine Art Biografie Thomas Manns, die sich im Wesentlichen an seinen Hauptwerken orientiert, von „Tonio Kröger“ bis zu „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. Auf dieser literarischen Schiene wird einmal Thomas Manns Leben, gespiegelt in seinen Figuren, dargestellt, dann auch die Wiederkehr der Figuren(konstellationen) in anderen Figuren, auch Themen, die immer wieder auftauchen und abgewandelt werden; dazu philosophiert Hermann Kurzke ein bisschen, wozu er nach seiner Emeritierung genügend Zeit hat… Alles in allem ein Buch für ausgewiesene Thomas-Mann-Kenner, in dem in genau 100 Kapiteln Gymnasium und Hochschule, Ehepflichten und Schwiegereltern, Apollinisch und dionysisch, Nobelpreis und Hunde, Buchenwald und Slums, Sünde und Gnade und manches andere auftauchen. Am Ende steht „Süßer Tod“. Es folgen rund 17 Seiten „richtige“ Biografie, viele Anmerkungen, ein Personenregister und ein Hinweis auf Titel aus dem Verlagsprogramm.

Das Okkulte in „Mario und der Zauberer“

In der Erzählung Thomas Manns (Mario und der Zauberer) ist „merkwürdig“ das Schlüsselwort, mit dem der Erzähler seine Faszination durch Italien bzw. durch Cipolla umschreibt. Zu diesem Interesse am Merkwürdigen gibt es ein biografischen Hintergrund bei Thomas Mann, den ich hier kurz darstelle:
1924 hat Thomas Mann den Aufsatz „Okkulte Erlebnisse“ in „Die Neue Rundschau“ (Jg. 35, Heft 3) veröffentlicht, der heute in Gesammelte Werke in dreizehn Bänden, Bd. X, S. 135 ff. steht. Darin berichtet er von einer okkulten Sitzung bei Herrn von Schrenk-Notzing, in deren Verlauf verschiedene Gegenstände bewegt und von unsichtbarer Hand auf einer Schreibmaschine eine sinnlose Buchstabenfolge gehämmert wurde.
Seine Erklärung lautet: „Bei dem, was ich sah, handelt es sich um eine okkulte Gaukelei des organischen Lebens, um untermenschlich-tiefverworrene Komplexe, die, zugleich primitiv und kompliziert, wie sie sein mögen, mit ihrem wenig würdevollen Charakter, ihrem trivialen Drum und Dran, wohl danach angetan sind, den ästhetisch-stolzen Sinn zu verletzen, aber deren anormale Realität zu leugnen nichts als unvernünftige Renitenz bedeuten würde.“ (Bd. X, S. 167)
Den Schluss bildet die Offenbarung der paradoxen Wünsche Thomas Manns: „Nein, ich werde nicht mehr zu Herrn von Schrenk-Notzing gehen. Es führt zu nichts, oder doch zu nichts Gutem. Ich liebe das, was ich die sittliche Oberwelt nannte, ich liebe das menschliche Gedicht, den klaren und humanen Gedanken. (…) Ich möchte freilich einmal, wie das anderen geschehen, eine solche Hand, ein solches metaphysisches Gaukelbild aus Fleisch und Bein in meiner halten. (…) Ich will nichts weiter, als einmal noch das Taschentuch vor meinen Augen ins Rotlicht aufsteigen sehen. Das ist mir ins Blut gegangen, ich kann’s nicht vergessen. Noch einmal möchte ich, gereckten Halses, die Magennerven angerührt von Absurdität, das Unmögliche sehen, das dennoch – geschieht.“ (Bd. X, S. 171)

Thomas Mann: Buddenbrooks – Übersicht: Inhalt, Geschehen, Stil

 

Während die Figuren zu Beginn mit ihrem Geschick übereinstimmen, nehmen im Fortgang des Geschehens die Brechungen zu. Diese zeigen sich nach Prof. Härle vornehmlich in fünf Bereichen:…

Die Übersicht finden Sie in meinem Buch „Thomas Mann: Buddenbrooks. Mario und der Zauberer“, das bei Krapp & Gutknecht erschienen ist.