Thomas Mann: Lotte in Weimar – Eindrücke

Wenn ich meiner ruhigen Lektüre des Romans noch einmal nachdenke, sehe ich Folgendes: Charlotte Kestner, geb. Buff, geboren im Januar 1753, reist 44 Jahre nach ihrer Begegnung mit Goethe nach Weimar, um Goethe noch einmal zu treffen – angeblich will sie ihre Schwester, die Kammerrätin Ridel, besuchen. Sie war vor 44 Jahren mit Goethes Freund Kestner verlobt, aber auch Goethe war von Charlotte Buff sehr angetan. Dieses komplexe Verhältnis ist in den weltberühmten Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ eingegangen, so dass es zu einer eigentümlichen Identität der Figuren kommt: Charlotte Buff – Werthers Lotte – Charlotte Kestner vs. der junge Goethe – Werther – der alte Goethe, der in Weimar residiert und auf dem Niveau Napoleons steht. Im Roman geht es auch um die Begegnung der schillernden Figuren Charlotte Kestner / Johann Wolfang von Goethe, aber vor allem um die Figur des großen Dichters aus der Sicht verschiedener Menschen, die er in sein Leben einbezieht. Und es geht um Thomas Mann und sein Verhältnis zu Goethe, es geht um die Kunst in ihrem Verhältnis zum Leben, und es geht auch um Deutschland in der kritischen Sicht eines Exilanten – das Buch ist 1936/39 entstanden.

In den ersten sechs Kapiteln wird chronologisch von den Ereignissen im Hotel „Zum Elephanten“ in Weimar erzählt: Charlotte Kestner kommt am 22. September 1816 mit Tochter und Mädchen kurz nach 8.00 Uhr an, trägt sich ins Gästebuch ein, wird als „Lotte“ erkannt und entsprechend verehrt: vom Kellner Mager und von der englischen Zeichnerin Miss Cruzzle, auch von einem Publikum, das sich draußen versammelt und die „Lotte“ sehen will. Es folgt die Begegnung mit drei Figuren aus dem Umfeld Goethes: Dr. Riemer, Adele Schopenhauer und August von Goethe; der überbringt mündlich die Einladung zu einem Essen am 25. Spetember – Goethes Antwort auf ein Billett, das Frau Kestner ihm geschickt hatte.

Im siebenten Kapitel wird ein neuer Erzählstrang begonnen: wie Goethe am gleichen Tag erwacht, nachdenkt, frühstückt und zwei Sekretären diktiert.

Im achten Kapitel geht es um den Aufenthalt Charlottes bei Ridel und um ein großes Mittagessen am 25. September, zu dem neben den beiden Kestner-Frauen weitere Personen eingeladen sind und das völlig von Goethe beherrscht wird. Im neunten und letzten Kapitel wird von einem Theaterbesuch Charlottes erzählt: Auf Einladung Goethes kann sie seine Loge nutzen, sie sieht ein Stück von Theodor Körner; auf der Heimfahrt in Goethes Kutsche sitzt Goethe neben ihr und spricht mit ihr über ihr altes Verhältnis und die Beziehung von Leben und Literatur – dieses Gespräch (und die Anwesenheit Goethes) spielt sich aber wohl nur in Frau Kestners Fantasie ab, was jedoch im Text nicht eindeutig markiert ist.

In den Roman sind viele Zitate aus Goethes Werken hineingewoben; Thomas Mann kennt natürlich auch Werke, die 1816 noch nicht gedruckt, noch nicht entstanden waren und über die er „Goethe“ nachdenken lassen kann; exemplarisch sei das Gedicht „Paria“ (7. Kapitel) genannt. Die Sprache der Figuren ist teilweise abgehoben; ich habe eine Reihe Wörter nachschlagen müssen, die selbst im Rechtschreibduden nicht zu finden waren (teilweise aber auf Duden-online). Für „Umbratilität“ habe ich selbst im Internet keine Erklärung gefunden; ich habe mir zusammengereimt, dass es wohl ein bräunlicher Teint sein muss.

Symbol der problematischen Begegnung Charlotte Kestners mit Goethe ist das Kleid, das sie für die Begegnung mitgebracht hat: das weiße Kleid der jungen Charlotte und Lottes mit den rosa Schleifen, von denen eine fehlt, die sie einst Goethe/Werther gegeben hat – sie hält das für einen „kleinen sinnigen Scherz“, während ihre Tochter ihr von diesem Kleid entschieden abrät. Was zeigt die Wahl dieses Kleides? Es zeigt, dass sie die Vergangenheit nicht vergangen sein lässt – und doch wehrt sie es ab, vom Kellner Mager einfach als Werthers Lotte angesehen zu werden. Über diese Ambivalenz kommt sie nicht hinaus (erst Goethe schafft im „Gespräch“ in der Kutsche Klarheit).

Dr. Riemer, lange Jahre Goethes Sekretär, erkennt eine Parallele zwischen sich und Charlotte, weil sie beide von Goethe in Dienst genommen worden sind; das Glück solcher Wesen bestehe „in der Selbstentäußerung, im Dienste an einer Sache“. „Große Männer haben an anderes zu denken als an das Eigenleben und –glück der Handlanger…“ Charlotte fühlt sich und ihr Verhältnis zu Kestner von Goethe ausgebeutet, damals von dem Mann Goethe und erst recht vom Autor des „Werther“; sie war verletzt „über die Ausstellung unserer Personen, über soviel Wahrheit, an die soviel Unwahrheit geklebt war“. Sie wirft dem Dichter vor, er habe sich mit dem halben Leben begnügt; „er war verliebt in unsere Verlobtheit und in unser wartendes Glück, und mein Guter war sein Bruderherz um dieser Verliebtheit willen“, was dann in eine Verliebtheit in sie umgeschlagen sei – aber er habe sich für die realen Menschen nicht interessiert, und als die Kestnerkinder kamen, habe er sich mit einem Scherenschnitt von ihnen begnügt. Er habe „in ein gemachtes Nest das Kuckucksei seines Gefühls“ gelegt. Dr. Riemer verteidigt Goethe [und Thomas Mann sich selbst?]: „Es gibt ein göttliches Schmarutzertum, ein Sich-Niederlassen der Gottheit auf menschlicher Lebensgründung…“ Charlotte beklagt sich dennoch, er habe ihr übel zugesetzt „mit seiner ziellosen Werbung auf dem Fond meines Verlöbnisses“.

Das Problem wird also von verschiedenen Seiten umschrieben, bleibt aber offen; Adele Schopenhauers Bericht zeigt, wie rücksichtslos Goethe auf eine Ehe seines Sohnes August mit Ottilie von Pogwisch drängt, weil sie ihm gefällt und weil er so nach dem Tod Christianes eine neue passende Hausfrau ins Haus kriegt.

Im Gespräch mit August von Goethe bekennt Charlotte gegen ihre Klagen bei Dr. Riemer, sie sei „dafür, daß man sich rüstig ans Wirkliche halte, das Mögliche aber auf sich beruhen lasse“.

Indirekt antwortet Goethe in seinem einsamen Reflexionen am Vormittag auf Charlottes Vorwürfe (Genügsamkeit mit Schattenbildern, Genügsamkeit des Kusses, 3. Kapitel): „Ist die Liebe das Beste im Leben, so in der Lieb das Beste der Kuß, – Poesie der Liebe, Siegel der Inbrunst, sinnlich platonisch […]. Kuß ist Glück, Zeugung Wollust, Gott gab sie dem Wurme.“ (7. Kapitel)

Im Gespräch in der Kutsche dringt Goethe auf die Zeitunterworfenheit der Menschen; Charlotte will einen Abschluss der alten fragmentarischen (Liebes)Geschichte finden. Goethe bekennt sich ihr gegenüber schuldig und bittet um Vergebung. Charlotte grenzt sich von Friederike Brion ab, der es nach der Trennung von Goethe nicht gelungen sei, „einen resoluten Selbstzweck aus sich zu machen, auch wenn man ein Mittel [für den Dichter, N.T.] ist“. Goethes Schlusswort ist am Gedicht „Selige Sehnsucht“ orientiert: „Einst verbrannte ich dir allezeit zu Geist und Licht. Wisse, Metamorphose ist deines Freundes Liebstes und Innerstes, seine große Hoffnung und tiefste Begierde“; er schließt mit einer Anspielung auf den Schluss des „Werther“ – er hoffe, mit seinen Bildern der Welt „dereinst wieder zusammen [zu] erwachen“.

Mein Interesse galt vor allem diesem einen Aspekt: Begegnung der einst Liebenden nach 44 Jahren, wobei die Brechung in den literarischen Figuren Lotte und Werther hinzukommt – ist sie möglich, ist sie versöhnlich? Es gibt viele andere, Thomas Mann und dem Roman wichtigere Aspekte, vor allem den Mann und Dichter Goethe, seine Lebensart und sein Werk, und die Frage nach dem, woraus Kunst entsteht und worauf sie hinausläuft. Ich möchte zum Schluss auf den Zeitbezug des Romans hinweisen, seine kritische Stellungnahme zum damaligen Deutschland und Deutschtum (1939). Adele Schopenhauer berichtet von einer Auseinandersetzung Goethes mit dem Lehrer Dr. Passow, welcher aus dem Griechentum Begeisterung für Freiheit und Vaterland abzuleiten gedachte; das sei eine Vorform „von etwas Schrecklichem, das sich eines Tages unter den Deutschen zu den grassesten Narrheiten manifestieren wird“. In seinen Reflexionen am Vormittag des 22. September beklagt Goethe von den Deutschen, „daß sie sich jedem verzückten Schurken gläubig hingeben, der ihr Niedrigstes aufruft, sie in ihren Lastern bestärkt und sie lehrt, Nationalität als Isolierung und Roheit zu begreifen“; er denkt an seine Familiengeschichte und empfiehlt den Deutschen, sich an sein Vorbild zu halten: „Welt-empfangend und welt-beschenkend, die Herzen weit offen jeder fruchtbaren Bewunderung, groß durch Verstand und Liebe, durch Mittlertum, durch Geist […], nicht aber als Originalnation sich zu verstocken, in abgeschmackter Selbstbetrachtung und Selbstverherrlichung sich zu verdummen…“ Im Tischgespräch am 25. September kommt er auf die Juden und den Antisemitismus zu sprechen; er sieht die Juden in ihrer Stellung unter den Völkern mit den Deutschen verwandt und befürchtet, es möchte eines Tages der Hass der Welt gegen das Deutschtum frei werden – Thomas Mann Roman wurde am 25. Oktober 1939 fertig, da hatten die Deutschen den 2. Weltkrieg bereits begonnen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Lotte_in_Weimar

https://de.wikibooks.org/wiki/Zweideutigkeit_als_System_-_Thomas_Manns_Forderung_an_die_Kunst:_Lotte_im_Weimar (v.a. zu Riemer)

http://www.zeit.de/1946/12/lotte-in-weimar (Egon Vietta, eindringlich)

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=7874 (Kommentar anlässlich einer Neuausgabe)

http://www.deutschlandfunk.de/kritik-der-groesse.700.de.html?dram:article_id=81876 (Würdigung der Neuausgabe)

http://www.mdr.de/mdr-figaro/hoerspiel/feature/lotte-in-weimar104.html (75 Jahre nach 1939)

https://literaturklubsindelfingen.files.wordpress.com/2013/10/lotte_in_weimar.pdf (intensive Besprechung durch einen Literaturclub, viel Inhalt)

https://radiergummi.wordpress.com/2014/06/25/thomas-mann-lotte-in-weimar/ (Bericht von einer Lektüre, die nicht glücklich war)

http://www.meinebuecher.net/2011/06/thomas-mann-lotte-in-weimar/ (dito)

http://denkzeiten.com/2013/06/11/thomas-mann-lotte-in-weimar/ (Bericht von einer glücklichen Lektüre)

http://www.die-leselust.de/buch/2640.html (dito)

http://www.studentshelp.de/p/referate/02/4498.htm (sogenanntes Referat)

https://opus4.kobv.de/opus4-fau/files/594/E_JeongHongDissertation.pdf (Dissertation, dort S. 159 ff.)

http://www.thomasmann.de/sixcms/media.php/471/GANZ%20NAH%20VERWANDT%20DEM%20D%C3%84MONISCHEN%20UND%20DEM%20GENIE2.pdf (Magisterarbeit, dort S. 56 ff.)

https://www.academia.edu/4651904/Zwischen_h%C3%B6llischem_Feuer_und_doppeltem_Segen._Geniekonzepte_in_Thomas_Manns_Romanen_Lotte_in_Weimar_Joseph_und_seine_Br%C3%BCder_und_Doktor_Faustus_2011_ (dort S. 75 ff.)

http://www.noz.de/deutschland-welt/kultur/artikel/8129/hans-pleschinskis-thomas-mann-roman-konigsallee (Parallel-Roman Hans Pleschinskis)

http://www.bildungsexplosion.de/Artikel/von-weimar-in-das-dritte-reich/thomas-mann (über Th. Mann: Leben und Werk)

http://www.br.de/telekolleg/faecher/deutsch/literatur/03-literatur-fakten-100.html (Erzähltechniken im modernen Roman, kurz)

Mann: Buddenbrooks – Tonys erste Heirat

von Dr. Peter V. Brinkemper [zu Thomas Mann: „Buddenbrooks. Verfall einer Familie.“ (Roman 1900/1)]

Textstellen: Thomas Mann: „Buddenbrooks“, Teil III, Kapitel 4; Teil III, Kapitel 7-8; Teil III, Kapitel 9-10 sowie Kap. 13.

Aufgabe: Analysieren und Interpretieren Sie die angegebenen Textstellen (komplett). Berücksichtigen Sie dabei auch Kontexte aus I, II und IV.

Checkliste: Werden folgende Aspekte 1. am Text der „Buddenbrooks“ (Grob- und Feinverständnis, Handlung und Psychologie der Figuren) belegt sowie 2. inhaltlich, sprachlich differenziert und logisch eigenständig dargestellt?

Themenstellung: Tony zwischen Tochter der Familie und eigenständiger junger Frau, versteckter Rebellion, Entdeckung des Neuen und Rückführung in die Tradition.

Vater Konsul Johann der Jüngere zwischen Traditionserhalt, Verfallsvermeidung und Verfallsbeschleunigung.

TEIL III, Kap. 4 Lübeck (1845), Teil 1. Trügerische Erwartungen bei Konsul Buddenbrook. (Dazu wichtig: Wissen über den beabsichtigten und vollzogenen Betrug Grünlichs, siehe „Buddenbrooks“, Teil IV.)

Textbefund: Der Konsul im eher monologischen Dialog, wörtliche Rede, zu seiner Gattin Bethsy (stumm) über Tonys Heirat:

– Die väterliche Erwartung, dass Tochter Tony dem Heiratsantrag von Bendix Grünlich, weil Kaufmann aus Hamburg (den Antrag hatte er vor allem an den Vater, weniger an sie gerichtet) nachgibt/entspricht/zustimmt.  Er verlangt die formelle, geschäftsförmige Einwilligung, aber keine Liebesheirat.

Eigener möglicher Gedanke: Charakterisierung Tonys aus früheren Teilen I und II: Tonys überhebliche, rebellische Haltung seit der Kindheit, ihr emotionaler Eigenwille und Widerwille. Sie findet auch Grünlich unsympathisch und sogar gruselig. Pro und Contra: Einerseits ist Tony arrogant; andererseits ist sie menschenklug und hat einen Riecher. Sie hat ihren Trotzkopf leider nicht in eine vernünftige Rolle ausgebildet / Problem der Erziehung von Frauen zur damaligen Zeit. – Tonys Position, ihr primär negativer emotionaler Eindruck wird vom Vater nicht ernst genommen, die männliche Welt glaubt sich überlegen (was sich später als Fehler herausstellt, da der Konsul selbst gierig ist, nur an das Geld und nicht an die Menschen und ihren wahren Charakter denkt). Der Konsul überschätzt Grünlichs finanzielle Möglichkeiten und verbiegt deshalb die Maßstäbe von Ökonomie, Moral, Ethik und Religion, denen sich Tony fügen soll.

– Dazu die Vorgeschichte, dass Vater und Großvater Buddenbrook sich (nach einer Liebesheirat) immer für die Geschäftsheirat (wie genau?) entschieden haben. Heirat einer reichen Frau, nur eine Geschäftsidee, oder auch Familienpolitik? Der ökonomische Hintergrund: Geschäfte der Firma im Weizenhandel stagnieren. Der Vater versucht den Reichtum, wie in der 1. und 2. Generation, durch Heiratspolitik zu vermehren, verschleiert das aber durch die Verfügung über die gehorsame Tochter, die über ihre Heirat nicht mitbestimmen darf.

Zusammenfassende Analyse am Text: Die Situation zwischen Vater und Tochter schwankt zwischen ausdrücklicher Bevormundung und starkem Druck durch Tradition, gesellschaftliche Erwartungen, äußerliches Standesbewusstsein (etwas höheres und besseres zu sein) und Glaube (Gott will es so), liebevolles, aber strategisches Abwarten (Vater: die Tochter wird schon zur Vernunft, zur Vernunft des Vaters kommen…); dagegen Widerstand, Trotz, Hinhalten und mögliches späteres Nachgeben Tonys mangels weitergehender familialer, ökonomischer, gesellschaftlicher und politischer Reflexion (siehe ihr abgebrochenes Aufsagen des Glaubensartikels der Lübecker Bürger ganz am Anfang des Romans).

– Die Position Tonys ist an sich stark: Tony gilt als attraktiv, impulsiv (weitaus willenstärker als Thomas und Christian), aber keineswegs als rational, vernünftig (hier ist der entscheidende Punkt der Überforderungen und Fehleinschätzung der Kinder an Anfang an), sie sei nicht ernst zu nehmen, sie soll erst durch und in der Heirat reifen (Modell der Unterordnung in der Ehe als unmündige Person unter den Mann), nicht vorher, um in bereits gereifter Freiheit ihre eigene souveräne Wahl zu treffen. Hier deutlich ein Mangel an Zubilligung von Herzens- und Verstandes-Bildung für Frauen, gerade auch wenn sie sozial privilegiert sind wie Tony. Ganz allgemein das Problem der höheren, von der Realität abgeschotteten Tochter, die eher ein wirtschaftliches und soziales Spekulationsobjekt, aber in ihrem Luxusbedarf auch ein Ansporn für aufstrebende und gewinnsüchtige, oder am besten bereits vermögende Männer sein soll.

Grünlich aus der Sicht Tonys: Er erscheint ihr äußerlich hässlich, unangenehm, antriebsschwach, unmännlich, autoritätsfixiert, lieblos, verlogen sentimental, unehrlich, berechnend. Daher reagiert sie selbst völlig normal und angemessen: kalt und reserviert. Textnähe: Dem Konsul erscheint Grünlich dagegen in diesem Kapitel anscheinend geschäftlich erfolgversprechend und sehr fromm und loyal. Vielleicht erinnert Grünlich ihn an sich selbst und sein eigenes Heiratsverhalten. Der Konsul erkennt nicht, dass es sich um Maske und Strategie eines Betrügers handelt. Unbekannt ist, dass Grünlich bereits pleite ist und mit dem Bankier Kesselmeyer seine Bilanzen gefälscht hat und es auf einen Teil des Vermögens der Buddenbrooks absieht, um seine eigenen Schulden bei Kesselmeyer zu tilgen und sich auf Kosten der Buddenbrooks zu „sanieren“.

– Hinter Tonys schroffer Fassade gibt es ein innerstes emotionales, noch schemenhaftes, kaum realistisches, eher romantisches, einsam-unerfüllbares Ideal (eher Selbstliebe als Fähigkeit zur Hingabe), für sie noch überhaupt nicht greifbar, uneingestanden, und erst später in der Begegnung mit Morten andeutungsweise, verheißungsvoll formuliert: Sie zöge eine spätere Heirat vor; so könnten (spontane, natürliche oder vielleicht tiefere) Liebeshoffnungen innerlich heranreifen und sich auch erfüllen, und mit den von Kindheit an verinnerlichten Familien- und Firmeninteressen wirklich ausbalanciert werden.

Es zeichnen sich hier ein Generationswandel und Motivationswandel ab, aber unterbunden durch die negativen Erfahrungen der Buddenbrooks in Sachen Liebesheirat (siehe Johann B. der Ältere) und das bewährte Modell der Zweckheirat mit allen dazu erforderlichen Ritualen (getrennte Verhandlungen unter Männern, Urlaub für das rebellische weibliche Objekt, Rückkehr in das Elternhaus, erwartete Unterwerfung). Ist Liebe als Kern einer vielleicht auch besseren realen Beziehung nicht selbst heute noch das Ideal des Lesers oder vieler LeserInnen?

Tonys Rolle für den Vater im Text:  Tony gilt immer noch als unreifes Kind („Aber sie ist ein Kind“, als Tochter und als ökonomische Ware (Spatz, Springinsfeld, „Glied in einer Kette“) durch Unterordnung unter den simplen Familien- und Firmenwillen,

Bewertung: Unterschätzung des möglichen Freiheitswillens und Selbstbewusstseins Tonys (siehe Tonys wildes Gebaren in Teil I, aber auch das spätere Gespräch zwischen Tony und Thomas nach Tonys 2. Ehe anlässlich ihrer zweiten Scheidung in Teil VI, Kap. 10),

– Der Vater betont, weiteres Warten auf eine andere gute Partie im Sinne der Balance von Liebe und Wohlstand wäre noch möglich, aber nur unter Vorbehalt (trotz der >Attraktivität< Tonys – möglicherweise versteht der Vater darunter nur den ökonomischen Wert von Tonys Aussteuer und seine Angst vor dem ökonomischen Verfall, womit der Titel des Buches eine wirklich kritische, gesellschafts- und ökonomiekritische Bedeutung bekäme: Tony als Zahlungsware, deren Wertverfall durch schnellen Einsatz scheinbar aufgehalten werden soll),

– die Rolle des angeblichen Vermögens und der zukünftigen Einnahmen Grünlichs für den Vater, die Rolle der Vertrauensleute in Hamburg wie Bankier Kesselmeyer (später wird die Intrige und der Betrug gegen das Haus Buddenbrook durch das Komplott von Schuldner Grünlich und Gläubiger Kesselmeyer offengelegt),

– die Heirat als Ersatz für gute Geschäfte angesichts der allzu ruhigen Wirtschaftslage, – noch einmal im Vergleich zur eigenen Heiratspolitik als Strategie der Vermögensbildung der früheren Generationen.

Teil 2. – Tonys Perspektive im Zentrum einer stark zusammenfassenden Erzählung von verschiedenen Situationen: Sie fühlt sich vom Vater bedrängt, liebt ihn als Autorität, daher äußert sie aber, erziehungsgemäß, kein offenes „Nein“, aber auch noch kein „Ja“. Ihr starker Wille und ihr deutlicher Widerstand sind somit weitgehend nur ein stummes Spiel auf Zeit. Es gibt keine längere kontroverse Rede. Man kommuniziert in bestimmten Phasen, in anderen Phasen schweigt man gezielt, und ansonsten wartet man ab, dass Tony „umfällt“. Der Druck wird im Familien- und Freundeskreis ausgeübt, bis hin zu Pastor Köllings peinlich-anzüglicher Rede in der öffentlichen Situation einer Messe und einer Predigt auf der Kanzel. Hier wird die Kirche im Dienste der Familien- und Geschäftspolitik instrumentalisiert.

– Text: Tonys Zustand verschlechtert sich, physisch und psychisch. Das wird aber nur angedeutet. Scheinbares Mitgefühl und berechnende Strategie (Wert-Erhalt der Braut) durch den Vater: Tony soll sich von Lübeck und dem Druck erholen (wohl doch: damit sie attraktiv für die Verheiratung bleibt), Sommerurlaub beim alten Schwarzkopf in Travemünde an der Ostsee (siehe Thomas Manns Widmung  von Teil III des Romans an Schwester Julia in Erinnerung an die Ostseebucht). Währenddessen wird mit Grünlich schamlos weiter verhandelt. Das erklärt auch seine absurd selbstbewussten und ironisch unterwürfigen Auftritte. Die Auszeit an der See ist eine von A bis Z durchgeplante Bedenkzeit und Zeit zur Umkehr und des Übergangs vom Mädchen zur ehefähigen, zu Verheiratung geeigneten, ja gebrochenen (?) Frau. Eine sanfte Methode, Tony zu „zähmen“, willensschwach zu machen (Zuckerbrot und Peitsche: siehe auch die Pensionatszeit).

Unabsichtliche Folge: Tony lernt in dem Schutzraum an der Ostsee einen natürlichen, bescheidenen, offenen jungen Mann, Morten Schwarzkopf kennen, der nicht dem Kaufmannsstand und der teilweise verdorbenen Klasse der Buddenbrooks und der Lübecker Patrizier angehört. Analyse und Interpretation: Sie erhält so einen Maßstab des humanen Vergleichs, der ihre Emanzipation, ihr Selbstbewusstsein und ihre Selbstverwirklichung mit einer rational artikulierten Meinung und Position jenseits von Nützlichkeit und Tauschobjekt als reiche Braut fördern könnte (ähnlich dazu auch  Gottholds Sichtweise vom Individuum und von der Liebesheirat in seinem Beschwerdebrief in Teil I).

Teil III, Kap. 7-8. – Kap. 7. Travemünde, Ostsee, Sommerwochen, Abspaltung Tonys von der Buddenbrook-Welt, Morton als seelischer Rettungsanker, Eröffnung neuer Sichtweisen.

Erzählung und Beschreibung mit entspanntem Dialog zwischen Tony und Morten, Schwarzkopf Junior.

Text: Tony und Morton gehen morgens, während die andere Gäste am Strand sind (Motive der Vermeidung, der Gegenwelt!), miteinander, ohne weitere Begleitung durch den Kurpark, dann zum Strand, Dialog; Kennenlernen: Bekanntwerden der recht verschiedenen Innenwelten und dazu einladenden, verbindenden Außenwelt (Naturerlebnis) – beides gleichwertig.

Gespräch über Lektüre: Mortens Fachbuch zum Arztstudium (Analyse: Physikum, Krankheitsmerkmale der Lungenkrankheit; Wirklichkeitsbezug: Realismus, Naturalismus), Tony liest dagegen Literatur: E.T.A. Hoffmanns „Kapellmeister (Kreisler)“ („Kreisleriana“) und „Der goldne Topf“, Erzählungen/Roman der Romantik (Analyse: Gegenwelt: Romantik bedeutet: Aufspaltung der Welt in die gesellschaftliche Realität mit ihrem tristen bürgerlichen Alltag und die Gegenwelt der Sehnsüchte und der unerfüllten Gefühle – Hoffmann schaffte es, in beiden Welten zurechtzukommen, er war gleichzeitig erfolgreicher Jurist, Komponist und Literat),

– Annäherung der beiden im Gespräch, sie will ihn standesgemäß als Hausarzt anstellen, Mortens Vorname wird Tony bekannt,

– Versuch, eine Begegnung mit Lübecker Familien als Stammkurgäste (Möllendorpf etc.) zu vermeiden, deutliche Standesunterschiede zwischen gehobenem, fast adligen und dem nur einfachen Bürger,

– Morten setzt sich lieber „dahinten auf die Steine“, Analyse und Interpretation der Symbolik: Tony ist angetan von Morten, fühlt sich aber sofort wieder unter Druck, wenn die Lübecker Gesellschaft erscheint, Morten setzt sich instinktiv ab, die spätere Trennung der beiden wird so bereits symbolisch vorweggenommen, ihre Begegnung deutet sich bereits hier als ein bloßes Zwischenspiel, ein als ein, wenn auch berührendes, Intermezzo an.

Text: Tonys Begegnung mit Lübecker Familie/Repräsentanten, Reaktionen zwischen Kälte und Herzlichkeit, insgesamt aber gesellschaftliches Getuschel/Geschwätz/Oberflächlichkeit, kritisch überlegene Perspektive Tonys in der Einschätzung der Lübecker und anderer möglicher Heiratskandidaten.

– Scharfe Musterung Mortens durch Julchen Hagenström (ihre kindliche Rivalin um den Bruder Hermann Hagenström aus Teil II).

Kap. 8. Die wohltuende Wirkung des Urlaubs, Tony im Gespräch mit Morten über das Thema Freiheit.

– Zusammenfassende Erzählung: Tony blüht in Travemünde auf, die Unbeschwertheit kehrt zurück.

Der Konsul hofft, die Erholung Tonys beruhe nur auf dem Aufenthalt und ermögliche die Heiratsbereitschaft gegenüber Grünlich. Interpretation: Ist Tonys Widerstand nur als eine Art der weiblichen Hysterie und Krankheit aufzufassen, die an der See abklingen?

Textsorte: Dialog – zwischen Tony und Morten als neugierige und spielerische Annäherung.

–       Sanfter Streit zwischen Tony und Morten, Tonys bürgerliches Gefühl gegen Mortens politische Leidenschaft: Als einfacher Bürgerssohn ist er gegen Adelige und ähnlich Privilegierte (also auch Lübecker reiche und einflussreiche Bürger/Patrizier), er ist ein revolutionärer Vormärz-Anhänger der Bourgeoise/Bürger, für Verdienst und Leistung statt Privilegien/Vorrechte. Er erläutert ihr die aktuelle politische Situation (1845), Kritik am Preußischen König als Romantiker auf dem Thron, Morten klagt die versprochenen politischen Reformen ein, die nicht verwirklichte demokratische Verfassung in Preußen und überall im deutschsprachigen Gebiet, er vertritt die politische Mitbestimmung der Bürger im Staat und die Vereinigung Deutschlands, er erweist sich als Anhänger der studentischen Burschenschaften, die für Einheit und Freiheit Deutschlands eintreten (statt Flickenteppich von nachfeudalistischen Einzelstaaten).

–       Freiheit als wichtiges, mehrsinniges Wort. Analyse und Interpretation: Freiheit als wichtiges Leitmotiv und als mehrsinnige Botschaft für den gesamten Roman (wichtiger als angeblicher Verfall und festgefügte Tradition etc.): Mindestens fünffache Bedeutung des Wortes Freiheit: 1. Motiv der Freiheit in der und durch die Natur: von der Bucht zum Meer und zum Horizont. 2. Freiheit aber auch als persönliche, biographische und erotische Sehnsucht, als individuelle Hoffnung zur Selbstverwirklichung. 3. Freiheit als bürgerliche Kategorie von Arbeit, Selbstständigkeit und politischer Selbstbestimmung. 4. Freiheit als Mitbestimmung und Gleichberechtigung bisher  unterschiedlicher Klassen und Stände. 5. Freiheit „außenpolitisch“ als Selbstständigkeit von Städten, Regionen und ganz Deutschland. (Interpretation, Erörterung: Inwiefern wird Freiheit durch Tradition oder durch Modernisierung gefährdet oder gefördert?)

Kap. 9-10. Zwischenspiel erster echter Liebe und der Rückschlag der Buddenbrook-Welt. 

Kap.9. Das Zwischenspiel erster echter Liebe, allerdings in einer sehr flüchtigen jungen Form.

Erzählung, stark konzentriert auf den intensiven Dialog der Figuren Tony und Morten, die Außenwelt und Inneres stark miteinander verbinden, so dass nun Intimität entstanden ist und weiter ausgebaut werden kann.

Text, Charakterisierung der Beziehung: Tony und Morten sind jetzt aufgrund ihrer einsamen Strandspaziergänge vertraut und still ineinander verliebt.

– Mortens Frage nach Bendix Grünlich. Tonys deutlicher Widerwillen gegen diese Person als Heiratskandidat, sie erzählt davon offen. Sie habe Grünlich mit „Ironie“ behandelt, er habe beinahe geweint.

–  Mortens herausfordernde Frage nach Tonys Distanz von oben herab, ob sie ein adliges kaltes Herz habe? Analyse und Interpretation: Das kalte Herz ist eine wichtige paradoxe Metapher (auch in der Romantik; eine Vorform von dem, was man heute als >cool< bezeichnen würde: Hier fragt Morten kritisch danach, ob sich Tony hinter der Fassade/Oberfläche eines höheren, verwöhnten, quasi adligen reichen Bürgertums verberge und nichts und niemanden an sich näher herankommen lasse (also die totale Empfindungslosigkeit, Langeweile pflegt) – oder noch fähig sei zu etwas ganz anderem: zu Empfindsamkeit, Leidenschaft, Liebe und einem lebendigen Leben – auch mit jemand wirklich gemochtem anderen.

– Tonys von Tränen untermalte Antwort als Erkenntnis über sich selbst und als Beziehungsbotschaft an ihn: Sie habe Morten lieber als alle, die sie kenne (S. 143). Eine Schlüsselszene, eine Preisgabe, eine Offenbarung: Die erste freiwillige gefühlsmäßige Öffnung von Tony gegenüber einem Mann, sie verlässt ihre bisherige Position der reinen Selbstliebe, der kühlen Arroganz, der Selbstgenügsamkeit: Sie ist bereit zuzugeben und anzunehmen, sie fühlt sich in einem ersten Schritt emotional ernst genommen und ernsthaft verstanden.

– Angedeutete starke Sympathie- und Liebeserklärungen zwischen Tony und Morten.

– Mortens Bitte, Tony solle auf Morten warten, der nach dem Abschluss der Arzt- und Doktorprüfung, um ihre Hand anhalten wolle (deutliche Verbindung von ehrlicher Liebe/Zuneigung und seriösem Willen zur Leistung, eine Art natürlicher Verlobung in Abwesenheit von Familie),

– Interpretation: Der Kuss als Zeichen der Öffnung, Zuneigung und Anerkennung. Behutsame erste ernsthafte, freiwillige Liebe mit fortschrittlichem Eigen- und Fremd-Verstehen, Vertrauen auf zukünftige Entwicklung statt bloßem kapitalistischem Handel aufgrund von Besitz.

Wortloses Symbol der Öffnung Tonys, sie überschreitet die enge Buddenbrooks-Welt und weicht ab von den vorgegebenen Normen. Ein Stück Emanzipation, das wenig später wieder zurückgenommen wird.

Teil 2 (Kap.10). Der Rückschlag der Buddenbrook-Welt.

Hier wird deutlich, dass hinter Tonys Rücken weiter verhandelt wurde und man nur auf ihr Nachgeben abwartet. Insofern stellen die drei Briefe eine Kommunikationsfalle dar.

Text: Briefsequenz im vollen schriftlichen Wortlaut/Problem der Fernkommunikation, kein direkter emotionaler Austausch/Autorität der Schrift und der konservativen Argumente

–       Grünlichs Mahnbrief: unangenehm, im Ton falsch (wer hat ihm die Floskeln hingeschrieben? Er selber oder Helfershelfer?), macht Druck und nützt weiter die Erwartungen von Tonys Eltern (des Vaters) aus.

–       Tonys Beschwerde- und Ablehnungs-Brief an den Vater, ein klares Nein zu Grünlich (bezeichnenderweise mit „Gr.“ abgekürzt, gerade auch nach dem Sommeraufenthalt, im Vergleich zu Morten, den sie nun liebe, „dass es sich gar nicht sagen lässt“. Sie deutet hier einen ausführlichen Brief voller Leidenschaft an, den sie aber nicht schreibt (Motiv der Fremd- und Selbstunterdrückung bleibt also bestehen). Traditionsbruch: Sie will einen zukünftigen Arzt statt Kaufmann heiraten. Treffende Kritik am verdächtig billigen Goldring von Grünlich.

–       Antwort-Brief von Vater an Tony. Er habe Grünlich (wieder mit „Gr.“ abgekürzt) von Tonys Nein informiert, dieser drohe mit Selbstmord. Analyse: Wieso schreibt oder sagt Grünlich das, seine angeblichen Todesqualen, nicht Tony persönlich? Hier deutliches Spiel einer vom Vater gesteuerten Inszenierung/Schau. Drohung mit äußerstem Skandal. Tochter als männermordende Femme Fatale (der >arme Bewerber<). Des Vaters >christliche< Ermahnung von Tony mit Argumenten: Religion, Familie und Firma (Familienmitglieder keine „Einzelwesen“, sondern „Glieder in einer Kette“). Ignorierung der Verbindung Tonys mit Morten. Dagegen Betonung, den vorgegebenen Willen der Familie umzusetzen (hier wieder bei allem Wohlwollen die massive Unterschätzung von Tonys Gespür – siehe Worte wie „Trotz“ und „Flattersinn“).

Analyse und Interpretation der Haltung des Vaters:  Völlig abstrakte Anschauung, der Mensch, so auch Tony, nur als ein Glied, also ein leeres Subjekt eines höheren Familien- und Firmenwillens, ein Rädchen in einer Finanz-, Geschäfts- und Heiratsmaschine (oder Höllenmaschine?), angeblich von Gott gewollt. Hier kapitalistische Manipulation und Verzerrung von Moral und Glauben.

Kap. 13 Rückkehr nach Lübeck – Die Resignation, Einwilligung in das Aufgeben des eigenen jungen Selbst.

1. Tonys Abholung durch Thomas, bei Regen zurück nach Lübeck. Subjektiv gefärbte Schilderung.

– Regen als Ausdruck der Depression und Trauer.

– Die engen Straßen Lübecks als Symbol des „Alten, Gewohnten und Überlieferten“.

– Ankunft im Zuhause (Eindruck der Entfremdung).

Analyse: Rückfall in den vorherigen Zustand der emotionalen und geistigen Abhängigkeit.

– Tony wird durch die familienüblichen Rituale gezwungen, die Liebesepisode und den Gedankenaustausch (Kommunikation auf den Ebenen von Gefühl und von Vernunft) mit Morten als ein Zwischenspiel wortlos zu verdrängen.

Dabei enthält die Episode zwischen Morten und Tony eine wertvolle Chance: einen Gegenentwurf zur engen konservativen Lübecker Bürgerlichkeit und ihrer ständigen Angst vor Wandel und Verfall. Durch Morten wird Tony zum ersten Mal in die Lage gesetzt, die eigenen Ansprüche im vollen modernen Sinne emotional und rational, privat und politisch auszuformulieren und als zukünftig realisierbar/umsetzbar zu verstehen. Im Dialog mit dem jungen Studenten Morten konnte sich Tony – vielleicht – als im vollen Sinne anerkannte und zukunftsfähige Frau verstehen.

2. Text: Tony liest in der alten Familienchronik und willigt als „Glied in der Kette“ (unter der Eintragung von Thomas’ Eintritt in die Firma 1842) schriftlich ein, indem sie die Verlobung mit Grünlich 1845 als Tatsache in das Buch einträgt.

Analyse und Interpretation: Eine Einwilligung – nicht aus lebendiger Einsicht und Liebe, sondern aus anhaltender Zermürbung und eigener, verzweifelter Impulsivität.

Schreiben, hier nicht als Stiftung von Identität, Schreiben auch nicht als Protokoll der Realität und des Lebens, sondern als hilflose Unterwerfung unter die nur halb durchschaute Maschinerie vorgegebener Normen. Siehe die Beschreibung: „plötzlich, mit einem Ruck, mit einem nervösen und eifrigen Mienenspiel – sie schluckte hinunter…“ Dieser Akt ist wie ein symbolischer Selbstmord an der eigenen Identität/Selbstständigkeit/Freiheit/Vernunft, exekutiert mit voller eigener, aber blinder Willensstärke.

Thomas Mann: Buddenbrooks / Mario und der Zauberer – Literatur und Links

Für das im Verlag Krapp & Gutknecht gerade erschienene Thomas-Mann-Lehrerheft (Material für zwei Unterrichtseinheiten) hatte ich folgende Hilfsmittel-Liste zusammengestellt, die im Heft jetzt in einer gekürzten Fassung steht:

Linksammlungen:

http://www.ub.fu-berlin.de/service_neu/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/autorm/thmann.html

http://www.schulweb.de/de/seiten/zeigen.html?seite=3521&anzeige=m

Thomas Mann: sein Leben

http://www.thomasmann.de/thomasmann/leben/lebenslauf/231201, dazu sind dann fünf „Stationen aus Manns Leben“ breiter dargestellt.

http://users.unimi.it/dililefi/Haas/Corso%202005-06,%20I%20fratelli%20Mann/Thomas%20Mann,%20Killy-Literaurlexikon.doc [funktioniert derzeit nicht]

http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/MannThomas/ (tabellarisch)

http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Mann (ausführlich)

Thomas Mann. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, dargestellt von Klaus Schröter (1964, Neubearbeitung 2005)

http://www.rowohlt.de/fm/131/Mann_LP.pdf (Schröters Biografie, bis S. 27)

Thomas Mann. Ein Leben in Bildern. Hrsg. von Hans Wysling und Yvonne Schmidlin, 2. Auflage 1994

Kurzke, Hermann: Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk, München 1999.

Thomas Mann: Werke

Interpretationen. Thomas Mann: Romane und Erzählungen. Hrsg. von Volkmar Hansen,Stuttgart 1993

Thomas-Mann-Handbuch. Hrsg. von Helmut Koopmann, Stuttgart 1990 (3. Aufl. 2001)

Kurzke, Hermann: Thomas Mann. Epoche – Werk – Wirkung. München 1985 (3. Aufl. 1997, mit neueren Literaturangaben)

Kurzke, Hermann: Thomas Mann. Ein Porträt für seine Leser, München 2009

Mayer, Hans: Thomas Mann, Frankfurt/Main 1980 (1984 als Taschenbuch; das Buch ist eine Neuausgabe von „Thomas Mann. Werk und Entwicklung“, Berlin 1950)

http://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za874/homepage/mannth.htm (Leben und Werke, tabellarisch)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-28958114.html

http://www.thomasmann.de/thomasmann/home/

http://www.thomasmann.de/thomasmann/werk/wortschatz/230924 (der Wortschatz!)

http://lbs.hh.schule.de/welcome.phtml?unten=/faecher/deutsch/autoren/mann_th/buddenbrooks.html (HBS: Links zu Themen)

Analyse von Erzähltexten

Vogt, Jochen: Aspekte erzählender Prosa. Eine Einführung in die Erzähltechnik und Romantheorie (ab 7. Auflage, 1990)

http://norberto42.kulando.de/post/2005/12/22/erzahltexte_analysieren (mit Links)

http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/e-learning/erzaehlsituationen.asp

http://www.fernuni-hagen.de/EUROL/termini/welcome.html (dort 9: zur erzählenden Literatur)

http://www.li-go.de/definitionsansicht/prosa/erzaehltextanalyse.html

Thomas Mann: Buddenbrooks

Buddenbrooks-Handbuch. Hrsg. von Ken Moulden und Gero von Wilpert. Stuttgart 1988

Koopmann, Helmut: Thomas Mann: Buddenbrooks. Frankfurt/M. 1995

Thomas Mann. Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Hrsg. von Heinrich Detering u.a., Band 1.1 (Text) und 1.2 (Kommentar). Hrsg. von Eckhard Heftrich u.a., Frankfurt/M. 2002

http://lpmfs.lpm.uni-sb.de/deutsch/Materialien/1-Entstehung.pdf (Entstehung des Romans)

http://www.thomasmann.de/sixcms/media.php/471/Karen-Henrike%20Berg%20Buddenbrooks.pdf (Schwerpunkt: Erster Teil des Romans)

http://www.dhm.de/lemo/html/kaiserreich/kunst/buddenbrooks/ (KLL)

http://www.ph-heidelberg.de/wp/haerle/WiSe02/TM/tm_vorl-03.pdf (Vorlesung)

http://www.ph-heidelberg.de/wp/HAERLE/WiSe02/TM/tm_vorl-13.pdf (Erzähltechnik)

http://www.ndl2.germanistik.uni-wuerzburg.de/fileadmin/05010200/user_upload/Mitarbeiter/Scheitler/Buddenbrooks.ppt (Vorlesung, nur Stichworte, mit Bildern)

http://de.wikipedia.org/wiki/Buddenbrooks

http://www.idf.uni-heidelberg.de/mitarbeiter/roesch/04_Lehre/WS_05_06/Rhd02buddentxt1.pdf (aus: Roman im 20. Jh.)

http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_aut/mann_th/bud/mann_th_bud0.htm (u.a. mit Familiengeschichte, teilweise Figuren vorgestellt)

http://www.literaturlexikon-online.de/02_TM-Figurenlexikon/index.html (dort -> Titel, dort -> Buddenbrooks: alle Figuren!)

http://www.thomasmann.de/thomasmann/werk/figuren/ (Hauptfiguren)

http://digitale-schule-bayern.de/dsdaten/17/818.doc (Folie: Roman und Philosophie)

http://corpus.en.kyushu-u.ac.jp/ -> Database -> Werke -> Thomas Mann -> Begriff (Volltextsuche nach Begriffen, Zitaten, Figuren – ohne Seitenangaben; stimmt nicht ganz, aber für Namen interessant)

Verfilmungen

http://www.filmrezension.de/dossier/horn_buddenbrooks/Buddenbrooks-Verfilmungen.pdf (Verfilmung 1959, 1979)

http://www.moviepilot.de/movies/buddenbrooks-ein-geschaeft-von-einiger-groee-2/comments (viele Stellungnahmen zum Film 2008)

http://www.moviemaze.de/filme/2580/buddenbrooks.html (Film 2008, vorsichtig kritisch)

http://www.thomasmann.de/thomasmann/buddenbrooks-film/ (mit U-Material)

http://www.uni-due.de/imperia/md/content/germanistik/mauerschau/mauerschau_3_guersoy.pdf (zum Buddenbrook-Haus im Film: Verfall des ganzen Hauses)

(Ich verweise noch auf John von Düffels Theater-Bearbeitung des Romans.)

Weitere mediale Verarbeitungen

http://www.omm.de/veranstaltungen/musiktheater20032004/S-mario-und-der-zauberer.html (Umformung in eine Kammeroper)

http://www.atelier-garderobe.de/index.php?pid=213&fid=1&assign=main&lang=de (Szenenfotos dazu)

Hörbuch im Argon Verlag, 2006

Zur Literatur um die Jahrhundertwende

http://www.xlibris.de/Epochen/Jahrhundertwende?page=0%2C0

http://www.literatur-hausarbeiten.com/deutsche-literatur/Gegenstroemungen-Naturalismus.php

http://www.uni-due.de/lyriktheorie/texte/1892_2bahr.html (Bahr über Symbolismus)

http://de.wikipedia.org/wiki/Fin_de_siècle

Zu Wagners Musik

http://de.wikipedia.org/wiki/Musik_der_Romantik

http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Wagner

Bürger und Bürgertum heute

http://www.frankfurter-hefte.de/Archiv/2010/Heft_04/10_4_artikel_meyer.html (Lifestyle- und Aktivbürger, von Thomas Meyer)

http://www.fischer-joachim.org/B%FCrgerliche%20Gesellschaft%202004.pdf (Joachim Fischer: Bürgerliche Gesellschaft, anspruchsvoll)

http://www.bundestag.de/dasparlament/2008/09-10/Beilage/001.html (Jürgen Kocka: Bürger und Bürgerlichkeit im Wandel)

http://kulturkritik.net/begriffe/begr_txt.php?lex=buerger (anspruchsvoll, linke Theorie)

http://www.reichtum-und-religion.de/sexualisierung/sexualisierung-node12.html (Ulrich Enderwitz: Die bürgerliche Familie als Produktionsfaktor)

http://www.skriptum-geschichte.de/?p=859 (v.a. die Bedeutung der Bildung fürs Bürgertum)

[P.S. Nachträglich sehe ich, dass meine Idee, „Buddenbrooks“ stelle uns vor die Frage, wie wir Bürger sein können und wollen, heute unter dem Stichwort „Neue Bürgerlichkeit“ diskutiert wird. 10/2012]

Thomas Mann: Mario und der Zauberer

Hamacher, Bernd: Thomas Mann: Mario und der Zauberer. Erläuterungen und Dokumente. RUB 16044

Kämper-van den Boogart, Michal: Thomas Mann für die Schule, Berlin 2001, S. 133 ff. (zu „Mario und der Zauberer“)

Interpretation. Thomas Mann: Mario und der Zauberer, von Helmut Koopmann. Reclam 2001 (eBook)

Thomas Mann. Mario und der Zauberer. Hrsg. von Holger Pils und Christina Ulrich, Lübeck 2010 (anlässlich der Ausstellung 2010 im Buddenbrookhaus, Lübeck)

Links: http://www.hamburger-bildungsserver.de/index.phtml?site=faecher.deutsch -> Deutsche Autoren -> Thomas Mann -> Mario und der Zauberer

http://de.wikipedia.org/wiki/Mario_und_der_Zauberer

http://www.pharynx.ch/wiki/images/8/87/Mario_und_der_Zauberer.doc

http://brecht.german.or.kr/jungbo.net/Hwizard/contents/jahrbuecher/19/3-6Weitz.pdf (moralistische Interpretation)

http://uwe.vg/2007/12/04/thomas-mann-mario-und-der-zauberer/ (Besprechung aus heutiger Sicht)

http://buddenbrookhaus.de/file/bibliografieschueler.pdf (Bibliografie)

Zum Unterricht

http://www.edidact.de/olzog/edidact/vorschau/3-04-07-38-7.3.14.pdf (Skizze einer U-Planung)

http://mitglied.multimania.de/mimi444/mario-und-der-zauberer-deutsch-arbeit.htm (Materialien zum Unterricht)

http://homepage.bnv-bamberg.de/gk_deutsch/mario_zauberer/ (Ergebnisse)

http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/mario.htm (produktive Arbeiten, eher aus Sek I)

http://homepage.univie.ac.at/marion.loeffler/denkfiguren/regierungsweisen.pdf (politische Deutung, Schülerarbeit)

http://home.arcor.de/robert.vater/Schule/deutsch2.htm (Schülerarbeit: Lesetagebuch)

Sonstiges

http://www.ruhr-uni-bochum.de/komparatistik/downloads/vorlesung_literatur%207.pdf (Vorlesung: Dichtung und Sprach-Zauberei)

http://www.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/18/759.pdf (Literaturgeschichte der 20er Jahre)

Themen im Zusammenhang mit „Mario und der Zauberer“:

Willensfreiheit

http://download.bildung.hessen.de/lakk/afl/weiterbildung/ethik/eo_2009_10/eo_beispiel/basistext_03_ausschnitt.pdf (Carlo Storch, Ethik online)

http://www.kuwi.euv-frankfurt-o.de/de/lehrstuhl/vs/philosophie/lehre/lehrveranstaltungen_arch/2006ss/skript_06_13.pdf (Einführung in die Philosophie)

http://de.wikipedia.org/wiki/Freier_Wille (umfangreicher Artikel)

http://www.philosophieverstaendlich.de/freiheit (A. Beckermann: Haben wir einen feien Willen? – dazu kann man die klassischen Positionen anklicken)

http://www.information-philosophie.de/?a=1&t=242&n=2&y=1&c=1 (Tugendhat: Willensfreiheit und Determinismus)

http://sciencev1.orf.at/science/news/143048 (zu Tugendhat, mit weiteren Links)

http://www.schmidt-salomon.de/jvgub/faq_jvgub.pdf (Interview mit M. Schmidt-Salomon)

http://www.giordano-bruno-stiftung.de/Archiv/realfreih.pdf (Schmidt-Salomon: Von der illusorischen zur realen Freiheit)

http://www.prof-dr-ewald.de/willensfreiheit/index.html (Prof. Ewald: Willensfreiheit)

http://www.jp.philo.at/texte/NicklP1.pdf (P. Nickl: Ereignis – Handlung – Freiheit)

Weitere Links zum Thema: http://atheisten.org/forum/viewtopic.php?p=22805

Sozialer Einfluss (Manipulation)

http://www.lehrbuch-psychologie.de/sozialpsychologie/bereich/sozialer_einfluss

http://www.lehrbuch-psychologie.de/sozialpsychologie/sozialer_einfluss/glossar

Selbstwert

http://www.palverlag.de/Selbstwertgefuehl_Test.php (Test, brauchbar)

http://www.psychology48.com/deu/d/selbstwert/selbstwert.htm (kurz)

http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_aktuelles/a_kindliche_entwicklung/s_675.html (Selbstkonzept und Selbstwert, pädagogisch)

Faschismus (in Italien)

http://www.mpg-saarlouis.de/projekte/unterricht/geschichte/Lernbilder_09/20_Faschismus_Merkmale.pdf

http://www.antifafestival.ch/ausstellung/ausstellungt/italien.html

http://www.pnf-eine-untersuchung.de/pnf_italienischer_faschismus.html (umfangreich!)

Scharlatan

www.saez.ch/pdf_d/2009/2009-03/2009-03-786.PDF

www.saez.ch/pdf_f/2009/2009-04/2009-04-1251.PDF

http://www.amuseum.de/medizin/CibaZeitung/sep36.htm (Scharlatan 18. Jh.)

Italiensehnsucht

http://www.kunstundkosmos.de/Bildende-Kunst/Italiensehnsucht.html

http://www.mein-italien.info/wissenswertes/italiensehnsucht.htm

http://www.kunstgeschichte.uni-muenchen.de/personen/prof_uni/kohle/lehrveranst_kohle/archiv_material/ws0809/1einfuehrung_1.pdf (Kunsthistorische Aspekte)

(Ich habe selber einen kleinen Beitrag zur Italiensehnsucht geschrieben: https://norberto42.wordpress.com/2010/09/13/italiensehnsucht-ein-verdrehtes-motiv-in-mario-und-der-zauberer/)

Die Italiensehnsucht ist vergleichbar der Sehnsucht nach Arkadien: http://www.leuschner.business.t-online.de/sehn-sucht/arkadien/s04arkadien.htm bzw.

http://www.leuschner.business.t-online.de/sehn-sucht/arkadien/index.htm.

Teilweise bezeugen auch Schlösser und Parks die deutsche Italiensehnsucht oder, allgemeiner, die Sehnsucht nach Arkadien, dem irdischen Paradies: http://www.reiseland-brandenburg.de/pdf/Schloesser_Park_Gaerten_1.pdf oder

http://de.wikipedia.org/wiki/Et_in_Arcadia_ego

Mann: Buddenbrooks – fürs Theater bearbeitet von John von Düffel

John von Düffel hat vor einiger Zeit den Roman Thomas Manns in eine Theaterfassung gebracht, die jetzt, wo der Roman fürs Zentralabitur Deutsch in NRW 2012/13 auf dem Programm steht, in NRW natürlich gespielt wird. Es gibt im Netz (mindestens) zwei Gespräche mit John von Düffel und einen Auszug aus seiner Interpretation, in der er die Bühnenfassung erklärt bzw. rechtfertigt:

http://www.abendblatt.de/kultur-live/article366630/Nichts-geaendert-nur-komprimiert.html (Gespräch mit John von Düffel, 2005)

http://www.theater.de/news/Personalien/john_von_dueffel_zu_seiner_buehnenfassung_der_buddenbrooks (ebenso, 2001)

http://www.schauburg.net/php/artikel.php?code=154 (Schauburg in München, 2007, mit Auszügen der Interpretation von Düffels aus dem Programmheft)

http://www.rp-online.de/niederrheinsued/moenchengladbach/nachrichten/Buddenbrooks-als-Comedystueck_aid_916800.html (zur Mönchengladbacher Inszenierung 2010)

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=1026:buddenbrooks-hermann-schein-inszeniert-john-von-dueffels-theaterfassung&catid=179 (Dresden 2008) usw.

Im dritten genannten Link findet man erklärt, dass Romane danach bearbeitet werden, was sie zu sagen haben, und für „Buddenbrooks“ findet von Düffel WERTE und ÖKONOMIE. Zur Ökonomie schreibt resp. sagt er:

Das zweite Stichwort lautet: ‚Ökonomie’. Das ökonomische Denken beherrscht nicht nur das Leben der Firmenchefs von Anfang bis Ende, alle Familienmitglieder sind Teil des großen Buddenbrookschen Rechenwerks. Die Interessen der Firma stehen über den Glücksvorstellungen, den Interessen und Träumen der Einzelnen. Sie alle müssen sich dem Diktat des Geldes nicht nur unterordnen, sondern das ökonomische Denken mit seinen Gesetzen und Grenzen zu ihrem eigenen machen, es verinnerlichen. Die Sorge um das Firmenkapital, der Ehrgeiz seiner Vermehrung und die Angst vor dem Verlust, dominieren das Reden und Handeln in der Familie. Es gibt kaum ein literarisches Werk von Rang, das die Verzahnung von Geld und Glück, von Biographie und Ökonomie so deutlich zeigt wie die ‚Buddenbrooks’, es gibt kaum eine unerbittlichere Geschichte vom Kaufen und Verkaufen in einer wirtschaftlich turbulenten, sich schnell verändernden Zeit, ‚wo sich jeder Krämerladen in wenigen Jahren zu einer angesehenen Großhandlung entwickeln kann’, wie es bei Thomas Mann heißt. Umgekehrt vollzieht sich aber auch der Abstieg des Traditionsunternehmens ebenso rasant. Wann war die Geschichte dieses ökonomischen Überlebenskampfes und seiner menschlichen Opfer aktueller als jetzt?“

Mir scheint der Autor hier einem Missverständnis zu erliegen: Die Buddenbrooks bilden (auch) die späten Ausläufer des Familienmodells „das ganze Haus“ im gehobenen Bürgertum. Das sieht man schon an der Einheit von Wohnen und Wirtschaften, am Zusammenleben dreier Generationen, an der Zugehörigkeit des Personals zum Haus. Familie und Firma bilden eine Einheit – aber es gibt kein Diktat des Geldes: Sonst bekäme Tony nicht die zweite Aussteuer, sonst würden die Kinder nicht einigermaßen gleich entschädigt, würden sie nicht alle erben – schließlich gab es schon Familienmodelle, wo nur ein Kind erbte, damit der Hof erhalten blieb. Die von Herrn von Düffel erwähnten Kategorien Glück und Biografie sind Errungenschaften der Neuzeit, wo sich das Individuum aus dem Familienverband löst und sich selbst zu bestimmen sucht – wobei es jedoch auch der Notwendigkeit unterliegt, irgendwie Geld zu verdienen. Es geht in „Buddenbrooks“ also nicht um das Diktat des Geldes, wie man es heute in vielen Firmen viel intensiver erleben kann, sondern um den Verfall einer Familie – sagte schon Thomas Mann, muss man gegen Herrn von Düffel vielleicht noch einmal betonen. Die Individuen des Romans scheitern freilich (Christian, Hanno), und Gerda reist nach Holland zurück; die Individuen der Familie Mann hingegen geben sich ans Schreiben. – Im neuen Lehrerheft zu „Buddenbrooks“ und „Mario und der Zauberer“ (Krapp & Gutknecht) habe ich das so formuliert:

Familie Buddenbrook ist eine Kaufmannsfamilie im 19. Jahrhundert; die Familie ist an den Bestand und den Erfolg der Firma gebunden. Es handelt sich also um eine großbürgerliche Familie, in der persönliche Belange hinter dem Interesse der Firma zurückstehen bzw. mit diesem ausgeglichen werden müssen. Soll die Firma Bestand haben, müssen gute Geschäfte gemacht werden. Die Mitglieder der Familie müssen also gute Kaufleute sein (bzw. tüchtige Bürger werden), müssen entsprechend heiraten (eine gute Partie machen) sowie entsprechende Nachkommen bekommen und erziehen. Der Erfolg zeigt sich dann im Haus, das man bewohnt, in seiner Einrichtung, im Lebensstil der Familie, in der Stellung des Chefs in der Öffentlichkeit. Die Firma verfällt, wenn die Geschäfte nicht gut gehen; die Familie verfällt, wenn die Kaufleute nicht tüchtig arbeiten, nicht richtig heiraten, keine Nachkommen haben oder diese nicht richtig erziehen (Müßiggänger, Faulpelze, Beinahe-Künstler) oder verheiraten.

Großes P.S. am 27. Februar 2011

Heute habe ich in Mönchengladbach (TiN) die Aufführung des Stücks Herrn von Düffels gesehen: Das war eine grausame Verstümmelung des Romans, nicht mehr und nicht weniger: Es wurden Episoden aneinander gereiht, aber so etwas wie eine Idee oder ein Thema war nicht erkennbar; ich befürchte, dass man nicht einmal die Episoden versteht, wenn man den Roman nicht kennt. Es wurde zwar einmal gesagt, dass da ein Niedergang stattfinde, aber er wurde nicht gezeigt; die Figuren veränderten sich nicht, sie erlebten allenfalls gerade eine Krise. Hanno, der Möchtegern-Musiker des Romans, bekam sogar einen Werkzeugkasten geschenkt, wonach er lossägte und -hämmerte; dafür hatte er von Musik kaum Ahnung. Wie in schlechten alten Gladbacher Tagen war Jean gegenüber Betsy und Thomas gegenüber Tony nicht frei von sexuellen Gelüsten; aber da die Aufführung ohnehin kaum etwas mit dem Roman zu tun hatte (außer dass einige gleichnamige Personen auftraten), störte mich das auch nicht weiter. Thomas lebte zum Schluss noch und schrie, nun sei alles zu Ende, und dann war das Stück zu meiner Überraschung aus; Thomas wusste das offenbar besser als ich – aber ob er verstanden hat, was er sagte, steht auf einem anderen Blatt. Und nichts gegen Esther Keil, die ich in anderen Rollen geschätzt habe; aber eine attraktive Tony ist sie als Typus nun wirklich nicht.

Italiensehnsucht – ein verdrehtes Motiv in „Mario und der Zauberer“

Italiensehnsucht ist etwas, das es über Jahrhunderte gegeben hat und das in Thomas Manns Novelle „Mario und der Zauberer“ negativ gespiegelt wird. Der Zauberer Cipolla ist dem Erzähler der Inbegriff des Unangenehmen, was ihm im faschistischen Heute in Italien, im überlaufenen Badeort Torre di Venere, begegnet – Italien hat den Zauber seiner Vergangenheit und seiner Landschaft verloren. Was also war die Italiensehnsucht (die sich mit der Sehnsucht nach Arkadien berührte), dass sie sich als literarisches Motiv in verschiedenen Facetten findet?

Rom hat zwei Qualitäten, die es für die europäische Geschichte bedeutsam machen: Rom war die Hauptstadt des Römischen Reiches, das in seinem Westteil im 5. Jahrhundert unterging; und es ist die Stadt des Papstes und damit mindestens bis 1517 das Zentrum des westeuropäischen Christenheit, danach noch des Katholizismus. Unter Pippin und Karl dem Großen wurde die Beziehung der Franken zum Papst gepflegt, sodass daraus schließlich das Heilige Römische Reich Deutscher Nation entstand. Der Papst hatte im Jahr 800 Karl den Großen zum Römischen Kaiser gesalbt – das war ein Meilenstein in der Bindung der Deutschen an Rom.

Für die Christen wurde Rom ab 1300 aus einem anderen Grund anziehend: Das „Jubeljahr“ (ein Schuldenerlass im alten Israel alle 50 Jahre) wurde erstmals im Jahr 1300 als Heiliges Jahr ausgerufen, in dem ein besonderer Ablass (Erlass der zeitlichen Sündenstrafen) gewonnen werden konnte. Seit 1475 findet das Heilige Jahr alle 25 Jahre statt: ein Grund, nach Rom zu pilgern und einmal die Enge des heimatlichen Dorfes oder Städtchens zu verlassen.

Einen neuen Reiz bot Italien seit der Renaissance, der Wiederentdeckung der klassischen Antike (Griechen, Römer) als Maßstab gelingenden Lebens. Das ging bis in die Architektur hinein: Palladio und andere Architekten bauten im 16. Jahrhundert im Stil der Antike. Es kam dann noch die Kavaliersreise oder „Grand Tour“ auf; die Adeligen besuchten insbesondere bedeutende europäische Kunststädte und besichtigten dort Baudenkmäler aus Antike, Mittelalter und Renaissance, reisten durch malerische Landschaften, sprachen aber auch an europäischen Fürstenhöfen vor. Als Erfinder der Grand Tour gilt Thomas Coryat, der sich 1608 zu Fuß auf den Weg nach Italien machte und darüber ein Buch schrieb. „Zunächst waren es vor allem junge britische Adelige wie Boswell, der angehende 9. Lord Auchinleck, die sich auf der obligatorischen Grand Tour ihren letzten Schliff zum Gentleman holten und ihre gap years füllten: Den formalen Teil ihrer Ausbildung, Eton und Oxford hatten sie hinter sich gebracht, aber ihre Väter zu beerben, dazu war es noch zu früh. Auf der Kavalierstour konnten sie ihren Horizont erweitern, Fremdsprachen, gute Manieren, überhaupt: leben lernen. Sex galt als Teil des Bildungsreiseprogramms; die jungen Männer sollten Erfahrungen sammeln.“ (Susanne Kippenberger: Adel auf Achse, ZEIT-ONLINE vom 2. 8. 2010)

Auch für Maler wurde Italien das Land, in dem man seine Ausbildung abrundete: Ein Land, dessen Vielfalt die Künstler inspirierte und die Kunstwelt bereicherte, vor allem die Landschaftsmalerei. Die Werke stellten manchmal die ideale Landschaft dar, manchmal gaben sie eine genaue Beobachtung der Natur wieder, oder sie folgten nur der freien Intuition des Künstlers.

Für Deutschland wurde Goethes Reise nach Italien (1786-1788) prägend, weil er selber sich dadurch zum „Klassiker“ wandelte. Nicht nur seine „Römische Elegien“ geben Zeugnis dieser Veränderung:

„Froh empfind ich mich nun auf klassischem Boden begeistert,

Vor- und Mitwelt spricht lauter und reizender mir.

Hier befolg ich den Rat, durchblättre die Werke der Alten

Mit geschäftiger Hand, täglich mit neuem Genuß.

Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders beschäftigt;

Werd ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt beglückt.“ (5. Elegie, Anfang)

Die verschiedenen Stücke des „Faust“ konnten zu „Faust. Ein Fragment“ (1790) verbunden werden, Goethe fand sich neu ins Leben als Fürstenberater ein.

Im Gefolge Goethes blühte die deutsche Italiensehnsucht auf; in der Romantik kam eine neue Begeisterung für die Vergangenheit, für Ruinen, für den katholischen Geist hinzu, aber auch ein Gefühl für die Ambivalenz des „heidnischen“ Roms (Eichendorffs Taugenichts!). Zwischen 1800 und 1830 lebten allein in Rom mehr als fünfhundert deutsche Maler, Bildhauer und Architekten. Im 20. Jahrhundert kam dann der moderne Tourismus auf, wo man auflebte, „wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt…“

„Italiensehnsucht“ sucht man als Stichwort in den Lexika um 1900 noch vergebens: Sie lebte noch; sie lebte in den Artikeln über Italien – man schaue ins Damen Conversations Lexikon von 1834, Art. „Italien (Kunst)“. Heute ist die Italiensehnsucht ein ergiebiges Suchwort im Internet und Gegenstand zahlreicher Ausstellungen: Sie ist nach ihrem Tod ins Museum gewandert.

(Dieser kleine Aufsatz ist ein Teil des Lehrerheftes zu Thomas Mann, das bei Krapp & Gutknecht erscheinen soll: Buddenbrooks; Mario und der Zauberer.)

P.S. In der SZ vom 20.09.2010 hat Kristina Maidt-Zinke von einer Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe berichtet: „Viaggio in Italia. Künstler auf Reisen 1770-1780“. In dem Bericht erwähnt sie unter anderem, dass Claude Lorrain 1641 die große Kaskade des Anio in Tivoli gezeichnet und mit seinem Hell-Dunkel-Spiel die Landschaftsmalerei bis ins 19. Jahrhundert beeinflusst hat; ferner dass um 1800 noch vorrangig Ansichten von historisch oder literarisch bedeutenden Gegenden gefragt waren, dass aber im 19. Jahrhundert Darstellungen des italienischen Volkes beliebter wurden. – Die Ausstellung ist bis 28. November 2010 geöffnet.

Thomas Mann. Ein Porträt für seine Leser – Kurzbesprechung

Hermann Kurzke, ein profunder Kenner Thomas Manns, hat im Verlag Beck 2009 ein Büchlein von rund 210 Seiten Text vorgelegt: „Thomas Mann. Ein Porträt für seine Leser“ (16,90 €). Dieses Porträt will ich kurz porträtieren.
Bei diesem Buch muss man den Untertitel ganz wörtlich nehmen: Es ist ein Porträt des Schriftstellers, das nur Leser genießen werden, die viel von Thomas Mann gelesen und einigermaßen präsent haben. Wer wirklich eine Biografie Thomas Manns lesen will, sollte zu Hermann Kurzkes Buch „Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk“ greifen, das es in einer Sonderausgabe bei Beck (2009) für 22,90 € gibt. Hier wird im Grund mit der gleichen Technik auf knapp 600 Seiten das anschaulich dargestellt, was im „Porträt“ allzu stark verknappt ist. Hier sind nämlich nicht Thomas Manns Werke leitend, sondern sein Leben – das macht den Unterschied.
Das „Porträt für Leser“ ist eine Art Biografie Thomas Manns, die sich im Wesentlichen an seinen Hauptwerken orientiert, von „Tonio Kröger“ bis zu „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. Auf dieser literarischen Schiene wird einmal Thomas Manns Leben, gespiegelt in seinen Figuren, dargestellt, dann auch die Wiederkehr der Figuren(konstellationen) in anderen Figuren, auch Themen, die immer wieder auftauchen und abgewandelt werden; dazu philosophiert Hermann Kurzke ein bisschen, wozu er nach seiner Emeritierung genügend Zeit hat… Alles in allem ein Buch für ausgewiesene Thomas-Mann-Kenner, in dem in genau 100 Kapiteln Gymnasium und Hochschule, Ehepflichten und Schwiegereltern, Apollinisch und dionysisch, Nobelpreis und Hunde, Buchenwald und Slums, Sünde und Gnade und manches andere auftauchen. Am Ende steht „Süßer Tod“. Es folgen rund 17 Seiten „richtige“ Biografie, viele Anmerkungen, ein Personenregister und ein Hinweis auf Titel aus dem Verlagsprogramm.

Das Okkulte in „Mario und der Zauberer“

In der Erzählung Thomas Manns (Mario und der Zauberer) ist „merkwürdig“ das Schlüsselwort, mit dem der Erzähler seine Faszination durch Italien bzw. durch Cipolla umschreibt. Zu diesem Interesse am Merkwürdigen gibt es ein biografischen Hintergrund bei Thomas Mann, den ich hier kurz darstelle:
1924 hat Thomas Mann den Aufsatz „Okkulte Erlebnisse“ in „Die Neue Rundschau“ (Jg. 35, Heft 3) veröffentlicht, der heute in Gesammelte Werke in dreizehn Bänden, Bd. X, S. 135 ff. steht. Darin berichtet er von einer okkulten Sitzung bei Herrn von Schrenk-Notzing, in deren Verlauf verschiedene Gegenstände bewegt und von unsichtbarer Hand auf einer Schreibmaschine eine sinnlose Buchstabenfolge gehämmert wurde.
Seine Erklärung lautet: „Bei dem, was ich sah, handelt es sich um eine okkulte Gaukelei des organischen Lebens, um untermenschlich-tiefverworrene Komplexe, die, zugleich primitiv und kompliziert, wie sie sein mögen, mit ihrem wenig würdevollen Charakter, ihrem trivialen Drum und Dran, wohl danach angetan sind, den ästhetisch-stolzen Sinn zu verletzen, aber deren anormale Realität zu leugnen nichts als unvernünftige Renitenz bedeuten würde.“ (Bd. X, S. 167)
Den Schluss bildet die Offenbarung der paradoxen Wünsche Thomas Manns: „Nein, ich werde nicht mehr zu Herrn von Schrenk-Notzing gehen. Es führt zu nichts, oder doch zu nichts Gutem. Ich liebe das, was ich die sittliche Oberwelt nannte, ich liebe das menschliche Gedicht, den klaren und humanen Gedanken. (…) Ich möchte freilich einmal, wie das anderen geschehen, eine solche Hand, ein solches metaphysisches Gaukelbild aus Fleisch und Bein in meiner halten. (…) Ich will nichts weiter, als einmal noch das Taschentuch vor meinen Augen ins Rotlicht aufsteigen sehen. Das ist mir ins Blut gegangen, ich kann’s nicht vergessen. Noch einmal möchte ich, gereckten Halses, die Magennerven angerührt von Absurdität, das Unmögliche sehen, das dennoch – geschieht.“ (Bd. X, S. 171)

Thomas Mann: Buddenbrooks – Übersicht: Inhalt, Geschehen, Stil

 

Während die Figuren zu Beginn mit ihrem Geschick übereinstimmen, nehmen im Fortgang des Geschehens die Brechungen zu. Diese zeigen sich nach Prof. Härle vornehmlich in fünf Bereichen:

– in der stärkeren Hinwendung zur Religion (Jean, seine Frau und Clara),

– im Hang zu grüblerischen Selbstzweifeln (der Kaufmann Thomas Buddenbrook liest Schopenhauer),

– in der Zunahme künstlerischer Neigungen (Hanno bringt nur ein bisschen Klavierspiel zustande, sein Onkel Christian ist ein verunglückter Schauspieler),

– in den zerbrechenden Liebesbeziehungen (die Option der Liebesehe tritt in Konkurrenz zur Vernunftehe, beide können aber nicht halten, was sie versprechen),

– in der Abnahme des wirtschaftlichen Erfolges (wirtschaftliche Entwicklung und Ungeschick tragen dazu bei, dass sich Misserfolge einstellen).

Vor diesem Hintergrund kann man die elf Teile des Romans kurz vorstellen:

Das große Haus und die erfolgreiche Familie Buddenbrook werden vorgestellt: Großeltern Johann und Antoinette, Eltern Jean und Elisabeth, die Kinder Thomas, Antonie und Christian; Verwandte und Freunde kommen zum Fest der Einweihung des neuen Hauses. Folie ist der Niedergang der Familie Ratenkamp, der Vorbesitzer des Hauses. Spannungen in der Familie hat Gotthold, der Sohn aus Johanns erster Ehe, mit einer unstandesgemäßen Heirat erzeugt.

II  Das Leben geht weiter: Clara, eine weitere Tochter, wird geboren; die Großeltern sterben. Gotthold versöhnt sich mit seinem Bruder Jean. Familie Hagenström taucht als geschäftlich erfolgreiche Konkurrenz auf, die bis ins Persönliche reicht. Die Entwicklung der Kinder liefert vor allem Anknüpfungspunkte für späteres Geschehen (Thomas als Kaufmann, Christian als Leichtfuß; Antonie lernt im Pensionat vornehme Mädchen kennen).

III  Die Heiratspolitik der Familie wird vorgeführt: Tony wird von den Eltern zur Heirat des ihr widerlichen, jedoch scheinbar soliden Kaufmanns Grünlich gedrängt. Dazu muss sie dem von ihr bewunderten und geliebten Medizinstudenten Morten Schwarzkopf, einer Urlausbekanntschaft, entsagen. Sie tut das schließlich wegen ihres unglaublich ausgeprägten Familiensinns und Stolzes. Thomas trennt sich freiwillig von seiner Geliebten Anna, einem Blumenmädchen.

IV  Dies ist das Grünlich/Jean-Kapitel: In Fortsetzung von III wird die Familie Grünlich darstellt. Dort ist eine Tochter geboren worden, aber Tony leidet unter der vermeintlichen Sparsamkeit ihres Mannes. Der hat in Wahrheit Bankrott gemacht. Der Schwiegervater Jean Buddenbrook weigert sich, für die Verluste Grünlichs aufzukommen, und holt Tony heim. Diese lässt sich scheiden und blüht dabei ob ihrer Bedeutung auf. Jean stirbt unerwartet.

In der Familie Buddenbrook gibt es Veränderungen: Thomas übernimmt die Firma; Christian kommt aus Chile zurück und ist psychisch im Niedergang. Die Mutter wird vollends religiös; Clara heiratet einen Pastor, Thomas dagegen die reiche Gerda Arnoldsen. Diese ist allerdings eine Künstlernatur, eine hervorragende Geigenspielerin.

VI  Die drei Geschwister gehen ihren Weg weiter: Tony heiratet, allerdings unter ihrem Buddenbrook-Niveau, Herrn Permaneder; ihr Kind stirbt gleich nach der Geburt, die Ehe scheitert. Christian wird mit seinem „Kranksein“ immer problematischer; es kommt zu einem heftigen Streit mit Thomas, worauf Christian nach Hamburg geht. Thomas ist auf dem Höhepunkt seines Schaffens angelangt (VI 7.).

VII Zeichen des Erfolgs bezeugen, dass es in Wahrheit bergab geht. Nach langem Warten wird Thomas’ Sohn Hanno geboren, ein schwächliches Kind. Christian verfällt weiter, wird Vater des Kindes einer Schauspielerin und geht nach London. Thomas wird zwar Senator der Stadt, aber seine Kraft lässt nach. Er plant zur Ablenkung davon ein neues Haus. Clara stirbt, ihr Mann erschleicht deren Erbteil. Hanno ist noch ein glücklich spielendes Kind – ein Ausblick auf seine künftige Überforderung durch „das Leben“.

VIII Schwächen und Misserfolge zeigen sich: Erika, Tonys Tochter, heiratet unter Niveau Herrn Weinschenk; wegen eines Betrugs wird Weinschenk verurteilt. Die wenig glückliche Ehe, ein Projekt Tonys, ist damit gescheitert. Thomas ist mit sich nicht im Reinen; er kauft gegen seine Überzeugung die Ernte von Pöppenrade „auf dem Halm“ und verliert sie durch ein Gewitter, ausgerechnet am Tag des 100jährigen Firmenjubiläums. Hanno kann mit Anforderungen an ihn nicht umgehen, zeigt nur musikalische Neigungen und wird darin von der Mutter gefördert; er freundet sich mit Kai Graf Mölln, einem Außenseiter, an.

IX  Der Verfall setzt sich fort: Elisabeth stirbt schwer; ihr Haushalt wird aufgelöst, das Haus wird an den Konkurrenten Hagenström verkauft (eine Parallele zu I). Christian und Thomas streiten sich wegen Christians Heiratspläne.

Thomas verfällt und stirbt: Thomas spielt nur noch den eifrigen Geschäftsmann. Er scheitert mit der Erziehung Hannos zu seinem Nachfolger. Leutnant von Throta bedroht als Musiker mit seinen häufigen Besuchen bei Gerda deren Ehe mit Thomas (in dessen Sicht). Thomas findet weder bei Schopenhauer noch im Christentum seiner Kindheit eine Antwort auf seine Frage nach dem Tod. Er wird an einem kranken Zahn behandelt und bricht auf der Straße zusammen; er stirbt.

XI  Am Ende steht die Auflösung der Familie: Christian hat die Lebedame Aline Puvogel geheiratet und landet als geistig krank in einer Anstalt. Ida Jungmann, Haushaltshilfe und Kindermädchen zweier Generationen, ist entlassen worden. Die Firma wird aufgelöst und das Haus verkauft, beides mit Verlusten. Hanno leidet in der Schule und findet nur in der Musik Trost. Er stirbt an Typhus, weil er nicht leben will und kann. Gerda reist nach Holland zurück; es bleiben nur ein paar alte Damen in der Stadt übrig.

(Auf dieser Basis arbeite ich an einem Lehrerheft, das außerdem eine U-Reihe über „Mario und der Zauberer“ enthält.)

P.S. Das Lehrerheft ist im November 2010 im Verlag Krapp & Gutknecht erschienen. Ich weise noch auf die Liste der Hilfsmittel in diesem Blog hin. Eine sehr ausführliche Inhaltsangabe (-wiedergabe) gibt es hier.

Zweites P.S. Bei der Lektüre von Korff: Geist der Goethezeit, II. Teil bzw. Bd. 2, 1954, S. 322-341, ist mir klar geworden, dass man Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“ erst vor dem Hintergrund von Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ vertieft versteht. Meine Empfehlung für Lehrer also: Korff lesen! Für den Fall, dass Korff nicht greifbar ist, nenne ich ein paar Links, in denen man einigermaßen solide etwas über Goethes Roman erfährt:

http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/washeisst/wilhmeister.htm (sehr knapp)

http://www.xlibris.de/Autoren/Goethe/Werke/Wilhelm+Meisters+Lehrjahre?page=0%2C0 (die gute mittlere Version)

http://www.glanzundelend.de/Artikel/artikelneu/johann_wolfgang_goethe.htm (große Besprechung, Wertungen aus heutiger Sicht)

Drittes P.S. Bei der weiteren Lektüre Korffs stoße ich in Bd. III (1940, 3. Aufl. 1956, S. 55 ff.) auf das Kapitel „Künstlerleben“. Dort stellt Korff den romantischen Künstler im Unterschied zum klassischen dar: „Der humanistische Künstler, für den Goethe exemplarisch ist, lebt mit der Natur, der er selbst als höchste Blüte entstiegen ist, naturgemäß in innerer Harmonie. […] Der romantische Künstler dagegen leidet gerade an einem solchen Bruch“ mit dem Ganzen des natürlichen Lebens; er ist als Mensch eine Zwienatur, er wird zwischen Menschen- und Künstlertum zerrissen. Im irdischen Bereich leidet er, in der Kunst erlebt er überirdische Seligkeit. – Der höchste romantische Künstlertyp ist der Musiker; dargestellt hat ihn als erster Wackenroder in den „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ (1796). „Ein Brief Joseph Berglingers“ in Wackenroders „Phantasien über die Kunst für Freunde der Kunst“ wäre wunderbar für einen Vergleich mit Christians oder Hannos Erleben geeignet. – Fazit: Thomas Mann setzt die romantische Künstlerproblematik unmittelbar fort. Auch in Bd. IV (1953, 2. Aufl. 1955) taucht die Künstlerproblematik bei der Vorstellung E. T. A. Hoffmanns auf: der romantische Künstler (S. 546 f.), die Problematik der Musik (S. 548 ff.), Kapellmeister Kreisler (S. 559 ff.).

______________________________________________________________________

Da ich Härle zitiert habe, da seine Vorlesung aber nicht mehr direkt greifbar ist, will ich seine beiden Vorlesungen über „Buddenbrooks“ hier wiedergeben:

http://www.ph-heidelberg.de/wp/haerle/WiSe02/TM/tm_vl_01.htm (Übersicht über die gesamte Vorlesung des WS 02/03)

= https://web-beta.archive.org/web/20070627023131/http://www.ph-heidelberg.de/wp/haerle/WiSe02/TM/tm_vl_01.htm (Über die Suchmaschine https://web-beta.archive.org/ findet man auch Texte, die nicht mehr greifbar sind.)

Buddenbrooks, meine Damen und Herren, ist einer der bedeutendsten und zugleich erfolgreichsten Romane der deutschen Literatur, und sein Titel lautet – ich bitte Sie, das sich einzuprägen – Buddenbrooks, und nicht etwa hemdsärmelig-süddeutsch ‚Die Buddenbrooks’. Das betone ich nicht nur, weil ich in dieser Hinsicht pingelig bin, sondern weil es zum Charakter dieses Familienromans gehört, daß er in norddeutscher Landschaft und Geisteshaltung spielt und daß die in ihm dargestellte Familien-Geschichte die Geschichte einer Familie von höherem Stande und Ansehen ist. Denn es handelt sich, wie der Untertitel des Romans sagt, um den Verfall einer Familie, und die „Fallhöhe“ – um einen Terminus aus der Dramentheorie zu verwenden – wird natürlich in erster Linie von der Höhe des Ausgangspunktes bestimmt. Buddenbrooks sind jedenfalls alles andere als irgendwer: sie sind eine der traditionsreichsten und wohlhabendsten Kaufmannsfamilien in der Hansestadt Lübeck (deren Name im übrigen im Roman niemals vorkommt). Und ihr „Verfall“ ist ein Fall aus großer Höhe ins Nichts.

Die Geschicke von vier Generationen der Kaufmanns-Familie Buddenbrook nimmt Thomas Mann als Handlungsgerüst, um exemplarisch die Geschichte des Bürgertums des 19. Jahrhunderts zu erzählen – wie er sie sieht: als die Geschichte eines Identitätsverlustes. Die erste im Roman auftretende Generation des alten Monsieur Johann Buddenbrook (1765 – 1842) wurzelt noch tief im Geist der Aufklärung und ist sich ihrer neu eroberten Stellung sehr bewußt. Sie repräsentiert das Bürgertum, insbesondere den wohlhabenden Kaufmannsstand, der die tragende Säule der Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts ist und sich dessen noch ungebrochen erfreuen kann: „Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können“ – so lautet das Familienmotto, in dem sich geschäftlicher Ehrgeiz und Gewissensfrömmigkeit widerspruchsfrei verschränken können. Der alte Monsieur Johann Buddenbrook ist alles andere als ein Grübler, er sieht sich in heiterer Übereinstimmung mit der Welt und geht Probleme im Geiste des Rationalismus an.

Bereits in der ersten Szene des Romans, in der sofort die ersten drei Generationen der Familie auftreten, wird diese Einstellung des Großvaters mit den sich allmählich verändernden Haltungen der mittleren und der jüngeren Generation konfrontiert und kontrastiert. Thema ist der protestantische Katechismus, aus dem der Großvater sein Enkelkind Antonie, genannt Tony, abhört, wobei er sich als rationalistischer Aufklärer über deren naives Nicht-Verstehen der komplizierten religiösen Aussagen der Glaubensbekenntnisses lustig macht. Sein Sohn, der Vater der kleinen Tony, der im ersten Handlungsjahr des Romans 1835 ca. 37 Jahre alt ist, stimmt zwar „aus Respekt“ in das Lachen seines Vaters über den Katechismus ein, erwidert aber doch „mit einem Gemisch von entgegenkommendem Lächeln und Vorwurf in der Stimme“ ‚Aber Vater, Sie belustigen sich wieder einmal über das Heiligste!’“

In dieser Eröffnungsszene des Romans spannt Thomas Mann bereits leitmotivisch das Prinzip des Verfalls aus. Während zu Beginn des Romans und in der nach und nach erzählten Vorgeschichte plastisch hervortritt, daß die handlungstragenden Figuren ohne Probleme und Brüche mit ihrem Geschick übereinstimmen, nehmen die Brechungen fortwährend zu. Sie zeigen sich vornehmlich in fünf Bereichen:

  1. in der zunehmenden Hinwendung zur Religion (am Schluß des Romans wird noch eine Art melancholischer Jenseitshoffnung beschworen),
  2. im wachsenden Hang zu grüblerischen Selbstzweifeln (der Kaufmann Thomas Buddenbrook liest Schopenhauer und verliert sich darin),
  3. in der Zunahme an künstlerischen Neigungen (der Stammhalter Hanno Buddenbrook bringt auf der Welt nichts mehr zuwege als ein bißchen Klavierspiel, sein verrückter Onkel Christian verplempert sein Erbe mit zwielichtigen Schauspielerinnen),
  4. in den schwieriger werdenden und zerbrechenden Liebes-Beziehungen (die Option der Liebes-Ehe tritt in Konkurrenz zur alten Form der Vernunftehe, beide können aber nicht halten, was sie versprechen, nämlich Erfüllung und Dauer [Thomas – Gerda, Tonys Ehen, Erika – Weinschenk]),
  5. in der Abnahme des wirtschaftlichen Erfolges (allgemeine Wirtschaftsentwicklung und persönliches Ungeschick tragen dazu bei, daß immer weniger Geschäftsvorgänge erfolgreich sind; ein aggressiv-kapitalistisches Geldbürgertum verdrängt den eingesessenen „Geld-Adel“)

Auf diese Interpretationslinien werde ich nächste und übernächste Woche eingehen; Sie sollten sie jedoch im Hinterkopf behalten, damit Sie sich immer bewußt sind, daß hier nicht eine private Familiengeschichte, sondern eine exemplarische Geschichte des Bürgertums erzählt wird – ganz in dem Sinn, den ich letzte Woche erläutert habe: als Modell einer symbolischen Weltdeutung, in der die erlebte chaotische und zufällige Wirklichkeit mit Sinnmöglichkeiten unterlegt wird.

Der eigentliche „Held“ des Romans ist die ganze Familie; Buddenbrooks ist wie gesagt ein Familienroman, nicht der Roman eines Einzelhelden. Dabei erzählt Thomas Mann den „Verfall“ dieser Familie in minutiösen und detailreichen Einzelporträts einiger Familienmitglieder, in deren äußerem Lebenslauf und vor allem deren Seelengeschichte sich immer der Verfall symbolisch abzeichnet.

Es ist weidlich bekannt, daß Thomas Mann für die Konzeption und Ausführung dieses Romans auf seine eigene Familiengeschichte zurückgegriffen hat. Mehrere Jahre lang hat er in alten Familiendokumenten recherchiert, hat sich bei Verwandten über Einzelheiten kundig gemacht und hat schließlich die Geschichte des Handelshauses Johann Siegmund Mann in Lübeck umgestaltet zur Geschichte der Kaufmannsfamilie Buddenbrook. Ich will diese Umformungen, die ein bedeutendes Strukturmerkmal des Romans darstellen, mit einer Gegenüberstellung der beiden Stammbäume verdeutlichen und dabei die im Roman entwickelten Verfallslinien, die ich Ihnen das letzte Mal genannt habe [Folie!], anhand der wichtigsten Figuren – ihrem Leben und Sterben – nachzeichnen.

Schon der erste Blick auf die beiden Genealogien macht sichtbar, daß der Stammbaum der Familie Buddenbrook im Vergleich zu dem der Familie Mann wesentlich vereinfacht worden ist. Er ist weniger verzweigt und läuft bereits nach der 3. Generation wieder auf eine Ausdünnung zu: in der 4. Generation existieren nur noch zwei, in der 5. Generation schließlich nur eine Vertreterin der Buddenbrooks, womit bereits rein quantitativ der „Verfall“ der Familie versinnbildlicht wird.

Die größten Übereinstimmungen zwischen Romanfamilie und realer Familie bestehen zwischen den jeweils 3. Generationen; im Roman ist dies die handlungstragende Generation, deren Angehörige – insbesondere Tony Buddenbrook – von Beginn bis Ende der Romanhandlung präsent sind. Die Porträt- und Charaktervorlagen für diese Figuren hat Thomas Mann aus der Generation seines Vaters gewonnen: hier handelt es sich um die Geschwister Elisabeth, [Thomas Johann] Heinrich, Olga und Friedrich Mann, wobei Thomas Mann die Geburtenfolge zugunsten des Stammhalters und gemäß der Wichtigkeit der Figuren verändert. In dieser Vertauschung liegt nicht nur der Hinweis auf die historische und soziale Tatsache, daß im 19. Jahrhundert eine Frau nicht die Rolle des Stammhalters und Firmenerbes antreten konnte. Thomas Mann zeit damit auch, daß er im Roman die historische Genauigkeit um einer bestimmten erzählerischen Tendenz und Absicht willen verändert, hier z.B. um der Absicht willen, den Mythos des erstgeborenen Sohnes in dieser Familiengeschichte neu zu erzählen.

Das Motiv der doppelten Eheschließung, das in der Realität ebenfalls vorgebildet ist, behandelt Thomas Mann im Roman mit unterschiedlichen Intentionen: im Fall des alten Monsieur Buddenbrook rückt er es zum einen aus der 2. Generation in die erste, um damit zum einen das Handlungszentrum überschaubarer zu gestalten und zum anderen das alte biblisch-mythologische Motiv der zwei Ehen in die „Urgeschichte“ der Familie zu verlegen – das Motiv wird uns insbesondere im Josephs-Roman wieder begegnen. Im Fall der Antonie Buddenbrook nutzt er das Motiv zur dramatischen Raffung der Verfallslinie: während aus den beiden scheiternden Ehen seiner Tante Elisabeth insgesamt 4 Kinder und einige Enkelkinder hervorgegangen sind, reduziert Thomas Mann die Bemühungen Tony Buddenbrooks um Erhalt des Familienbestandes auf ein Kind aus erster und eine Totgeburt in zweiter Ehe; Tonys Enkeltochter Elisabeth ist geistig behindert und außerstande, anderes als „knarrende Laute“ hervorzubringen.

Die gewiß folgenreichste Straffung der genealogischen Vorlage nimmt Thomas Mann in der 4. Generation vor, seiner eigenen. In dieser Konzeption kann man einen Überrest der ursprünglichen Erzählkonzeption erkennen, die eigentlich auf eine „Knabennovelle“ ausgerichtet war, in der Thomas Mann vermutlich in identifikatorischer Nähe zu seinem Helden die Geschichte des lebensuntüchtigen Helden oder Anti-Helden erzählen wollte. In die Figur des Hanno, einziges Kind des zentralen Ehepaares Thomas und Gerda Buddenbrook, hat Thomas Mann viel von seiner eigenen Kindheitserfahrung gelegt; insbesondere seine träumerische Leidenschaft für die Musik, seine homoerotischen Sehnsüchte und sein Schulversagen haben hier ihren bleiben Ausdruck gefunden.

Für die gesamte Roman-Konzeption zeigt der Vergleich, daß Thomas Mann die Ereignisse enger zusammenschiebt: die erste Generation des Romans kommt später zur Welt als die entsprechende „reale“ Generation und alle Figuren des Romans leben kürzer als ihre realen Vorbilder. Auf diese Weise erreicht der Autor eine dichtere Vernetzung der Ereignisse, er vermeidet allzu lange eintönige Zeitstrecken und er kann die Geschehnisse in der 4. Generation (also die erzählte Zeit) von der Erzählzeit und seinem eigenen Leben weit genug wegschieben, um die erzählerische Distanz zu bewahren: während Thomas Mann selbst 1875 geboren wird, stirbt Hanno Buddenbrook bereits 1877. Auch im Hinblick auf die Finanzverhältnisse der realen und der Romanfamilie verfährt Thomas Mann raffend und verdichtend: er recherchiert sehr genau, erhöht jedoch das Finanzvolumen der Buddenbrooks zu Beginn und kann damit auch die Mißerfolge höher drastischer erscheinen lassen als sie in er Firma Johann Siegmund Mann tatsächlich waren.

Der Handlungszeitraum des Romans im engeren Sinn erstreckt sich über die Jahre 1835 bis 1877; Aspekte der Vorgeschichte werden durch Figurenrede nachträglich einbezogen; der weitere Verlauf wird im letzten Kapitel knapp antizipiert. Zu Beginn befindet sich die Familie Buddenbrook auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs, sie wächst an Ansehen, Wohlstand, Macht und auch an Mitgliedern. Zum Ende hat sie ihr Vermögen verloren, die Stammlinie ist ausgestorben und noch lebenden Familienmitglieder versinken im Schatten der Bedeutungslosigkeit.

Bereits in der zweiten Generation, der des Konsuls Johann (oder auch Jean) Buddenbrook, ist es mit der Widerspruchsfreiheit zwischen Individuum und Gesellschaft, die die erste Generation noch ausgezeichnet hatte, nicht mehr zum besten bestellt: Während die Familie und identisch mit ihr die Firma noch an Vermögen und Ansehen gewinnen, deutet sich im Inneren schon ein erster Bruch an: dem auf Erwerb gerichteten Kaufmannssinn tritt ein deutlicher Zug zu Innerlichkeit, Sentimentalität und pietistischer Frömmigkeit gegenüber. In einer Szene verschränkt Thomas Mann diese beiden Haltungen: Clara, das jüngste der Buddenbrook-Kinder der 3. Generation, ist am Morgen des 14. April 1838 zur Welt gekommen. Während sein Großvater, der alte Monsieur Buddenbrook, an der Wiege sitzt und ein drolliges Liedchen trällert, beugt sich sein Sohn, Konsul Johann Buddenbrook, der Vater des Kindes, im Nebenzimmer über die Familienchronik und macht eine Eintragung, in der er voll ausschweifenden Glücks Gott preist für Segen, Wohlstand und Nachwuchs. [Buddenbrooks, 2. Teil, 1. Kap.]

Bei allem Widerstreit der Gefühle bleibt Konsul Johann Buddenbrook jedoch immer Geschäftsmann genug, um seine Religiosität nicht über seinen Erwerbssinn siegen zu lassen; im Zweifelsfall geht die Besitzmehrung vor, mit kühlem Kopf stellt er die Interessen der Firma in den Vordergrund: für ihn sind – ganz im Sine des calvinistischen Protestantismus – das Wohl der Familie und das Heil der Seele vollkommen identisch [sehr schön wird dies sichtbar, als Johann Buddenbrook anläßlich des Todes seines Vaters seinem enterbten Stiefbruder Gotthold begegnet: „’Heute Nacht ist er heimgegangen!’ sagte der Konsul bewegt und ergriff die Hand des Bruders […]. ‚Er, der beste Vater!’ Gotthold senkt die Brauen so tief, daß seine Lider sich schlossen. Nach einem Schweigen sagt er nachdrücklich: ‚Es ist nichts geändert worden, bis zum Schlusse, Johann?’ Und sofort ließ der Konsul seine Hand fahren, ja, er trat sogar eine Stufe zurück, und während seine runden, tiefliegenden Augen klar wurden, sagte er: ‚Nichts’“ (GW I, S. 74) – In dem Moment, in dem es ums Finanzielle geht, werden die gefühlvoll und warm verdunkelten Augen „klar“, die Nähe verwandelt sich in Distanz, der Ton wird knapp und kühl.

Während sich somit in der 2. Generation bereits der Bruch zwischen Individuum und Gesellschaft andeutet, der aber noch überbrückt werden kann, verwandelt sich in der 3. Generation, die die Haupthandlung des Romans trägt, die ursprüngliche Identität von individuellem Schicksal und Fortschritt der Firma in unlösbare Dilemmata. Antonie Buddenbrook beispielsweise, die älteste Tochter, ist zwar voller Selbstlosigkeit bereit, ihr persönliches Glück dem Firmenwohl zu opfern, aber ihr Opfer trägt keine Früchte, ja ist geradezu kontraproduktiv. Sie verzichtet auf die Realisierung ihrer jugendliche Liebe zu Morton Schwarzkopf und heiratet „standesgemäß“ den scheinbar wohlsituierten Bankier Bendix Grünlich; es stellt sich aber bald heraus, daß diese Ehe weder persönlich glücklich noch gesellschaftlich erfolgreich ist: Grünlich entpuppt sich als „Filou“, als Spitzbub, der sein eigenes Vermögen und die reiche Mitgift seiner Gattin verschleudert und als Bankrotteur endet. Gesellschaftlich gesehen ist die Scheidung der Ehe ein Schandfleck auf dem Familiennamen, finanziell stellt Grünlichs Bankrott auch einen schweren Schlag für die Firma Buddenbrook dar. Einige Jahre nach der Scheidung heiratet Tony Buddenbrook den scheinbar grundsoliden Münchener Kaufmann Alois Permaneder, doch auch dieser Versuch, das Ansehen wieder herzustellen, verfehlt sein Ziel, die tatsächliche oder vermeintliche „Schande“ aus der Familienchronik zu tilgen und Tony läßt sich zum zweiten Mal scheiden; das trostlose Scheitern wird zusätzlich symbolisiert durch die Tatsache, daß aus dieser Ehe ein Kind hervorgeht, das bereits tot zur Welt kommt. In einer weiteren Zuspitzung dieser „Verfalls-Linie“ muß sogar Tonys Tochter aus erster Ehe, Erika Grünlich, das Elend ihrer Mutter wiederholen: ihr Töchterchen Elisabeth ist nur eingeschränkt lebensfähig, und Erikas Gatte, der Versicherungskaufmann Hugo Weinschenk, wandert wegen Betrugs ins Gefängnis. Das vermeintliche Aufblühen, Wachsen und Gedeihen der Familien-Genealogie schlägt also um in ein Austrocknen und Versickern der Lebenslinien.

Christian Buddenbrook, der jüngere Sohn, entpuppt sich früh als Tunichtgut und leicht anrüchiger Bummelant, der seinen Kapitalanteil aus der Firma zieht und verschleudert. Nach einer völlig unstandesgemäßen Eheschließung mit der Tingeltangel-Künstlerin Aline Pufogel beendet er seine Laufbahn in einer Irrenanstalt. Clara, die jüngste Tochter, entzieht der Firma ebenfalls durch ihre Eheschließung mit dem Rigaer Pastor Tiburtius ihre Kapitalanteile und stirbt mit nur 27 Jahren an einem Gehirntumor.

Und selbst Thomas Buddenbrook, Stammhalter und zentrale Figur des Romans wie der Familie, in dessen Person der Familien- und Firmen-Erfolg zu seinem Höhepunkt gelangt, als er zum Senator der Hansestadt gewählt wird, selbst und gerade Thomas Buddenbrook, der Chef der traditionsreichen Firma, ist vom Zweifel seiner Existenz angeknackst. Nach Außen hin verkörpert er den Erfolg, er baut ein neues, prächtiges Palais, übernimmt politische Verantwortung im Stadtsaat und tritt mit großer Autorität auf. Doch dies alles muß er sich abringen, es fällt ihm nicht mehr als Selbstverständlichkeit zu, und auf dem Höhepunkt seines Ansehen stirbt er mit nur 49 Jahren – scheinbar an einer Nichtigkeit, an einem verfaulten „Zahne“, in Wahrheit aber an innerer Schwäche und Auflösung. Anläßlich seines Todes erweist sich, daß auch die Firma nicht mehr so recht auf der Höhe war: die allgemeine wirtschaftliche Rezession und kaufmännische Mißgriffe hatten das Vermögen bereits erheblich dezimiert; die „innere“ Wirklichkeit der „Firma“ ist ebenfalls „angefault“.

Johann Kaspar Buddenbrook – genannt Hanno – schließlich, der einzige männliche Sproß in 4. Generation, vereinigt in seinen beiden Vornamen sein zwiespältiges Schicksal: zum einen ist er der Träger der genealogischen Last, die im Traditionsnamen „Johann“ liegt, zum anderen ist er ein heimat- und sprachloser und verlorener Sohn, dessen zweiter Vorname „Kaspar“ an Kaspar Hauser gemahnt. Dieser letzte Buddenbrook, dem die besondere Empathie des Erzählers gilt, ist schon von früh an mit dem Signum des Scheiterns gebranntmarkt: er ist schlaff, kränklich, lebensuntüchtig, seine gesamte (geringe) Energie fließt in seine schwärmerische Liebe zu seinem Freund Kai und zur Musik. Enttäuscht muß sein Vater erkennen, daß durch diesen „schlaffen Träumer“ kein neuerliches Erblühen der Firma und der Familie zu erwarten ist. Bereits zwei Jahre nach dem frühen Tod des Vaters stirbt auch Hanno, erst 16 Jahre alt, an einer Typhus-Erkrankung, von der der Erzähler jedoch keinen Zweifel läßt, daß sie nur der körperliche Ausdruck einer seelisch tief verwurzelten Lebensunfähigkeit ist.

Abschließend will ich diese Linie noch einem wichtigen Motiv nachzeichnen, dem des Todes. Ich hatte Sie ja im Seminar gebeten, auf Entdeckungsreise zu gehen und herauszufinden, wie und woran die Figuren des Romans sterben. Ich stelle es Ihnen anhand der wichtigsten Todesfälle vor:

  1. Generation:

Madame Antoinette Buddenbrook, 71 Jahre, 2. Teil, 4. Kapitel (GW I, S. 72):

Der Tod wird in einem halben Satz erzählt: „Und als dann Madame Buddenbrook ihren letzten, ganz kurzen und kampflosen Seufzer getan hatte; […]“

Monsieur Johann Buddenbrook, 77 Jahre, 2. Teil, 4. Kapitel (GW I, S. 73):

Wenige Sätze zur Sterbeszene, die Familie erscheint am Sterbebett, zu jedem sagt der Sterbende einen Satz, dann: „– worauf er schwieg, alle anblickte und sich mit einem letzten ‚Kurios!’ nach der Wand kehrte …“

  1. Generation:

Konsul Johann Buddenbrook, 57 Jahre, 4. Teil, 11. Kapitel (GW I, S. 244-249)

Der Konsul stirbt alleine an seinem Schreibtisch, während die Familie in einem anderen Raum beisammen sitzt und ein schweres Gewitter sich über der Stadt entlädt; das Wetter wird zur symbolischen Spiegelung des Todeskampfes

Konsulin Elisabeth Buddenbrook, 67 Jahre, 9. Teil, 1. Kapitel (S. 555- 568)

Langer, qualvoller Todeskampf, detailliert erzählt; hier wird sichtbar, daß auch der religiös-pietistische Glaubenshintergrund keine Garantie für ein „seliges Ende“ bietet.

  1. Generation:

Senator Thomas Buddenbrook, 49 Jahre, 10. Teil, 7. – 9. Kapitel (GW I, S. 672-693)

Sturz auf der Straße nach einem Zahnarztbesuch, der Sterbende wird mit Straßenkot besudelt nach Hause getragen, dort mehrtägiger Todeskampf

  1. Generation:

Hanno Buddenbrook, 16 Jahre, 11. Teil, 3. + 4. Kapitel (GW I, S. 751-759)

Mehrwöchiges Sterben an Typhus, erzählt in Montage-Technik: Thomas Mann montiert einen Artikel über Typhus aus einem medizinischen Lexikon in den Roman ein; der letzte Teil der Sterbeszene (Kais Besuch beim sterbenden Hanno) wird aus der Rückschau kurz vor Ende des Romans erzählt.

Auch in der Gestaltung des Todes-Motivs läßt sich die Verfallslinie nachzeichnen:

  • die Figuren sterben immer jünger
  • die Selbstverständlichkeit des Sterbens weicht einem immer qualvolleren Todeskampf
  • Trost gewähren weder Erfolg noch Religion
  • die erzählerische Ausmalung wird drastischer und detaillierter
  • die Idee des „würdevollen Abgangs“ aus dem Leben wird ersetzt durch elendes und entlarvendes Siechtum, in dem sich nicht die Erfüllung des Lebens, sondern seine Leere offenbart.

http://www01.ph-heidelberg.de/wp/haerle/WiSe02/TM/tm_vorl-03.pdf

(Die Datei ist noch im Cache von goggle vorhanden.)

Die großen Romane Thomas Manns. Auseinandersetzung mit den epischen Hauptwerken (4. Vorlesung, 07.11.2002)

Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen,

Am vergangenen Donnerstag haben wir die allgemeinen Konstruktionsprinzipien von Thomas Manns Erzählkonzept von Buddenbrooks kennen gelernt: zum einen die seiner eigenen Familiengeschichte entlehnten Anleihen aus der Realität, die sowohl den Gesamtverlauf der Handlung als auch die Charakteristika einzelner Figuren bestimmen; zum anderen den Prozess der Fiktionalisierung und Symbolisierung dieser Familiengeschichte, durch den Thomas Manns Roman sich trotz aller autobiographischen Entlehnungen deutlich von einem autobiographischen Roman unterscheidet.

Buddenbrooks, so sahen wir, erzählt nicht die Geschichte der Familie Mann in verschlüsselter Form; der Roman erzählt vielmehr die Geschichte des deutschen Bürgertums im 19. Jahrhundert – so wie Thomas Mann diese Geschichte sieht: als die Geschichte des Verlustes von Sinn, Identität und Vitalität. Hierfür dienen ihm familiengeschichtliche, autobiographische und persönliche Reminiszenzen als Material, dem er die symbolische Bedeutung zuordnet.

Dies haben wir sowohl an der Gesamtstruktur des Romans – der Verdichtung der Zeit- und Generationenfolge – als auch exemplarisch an der Behandlung des Sterbens im Roman – als einer aussagekräftigen Fall-Linie – erarbeitet. Darin wurde deutlich, dass die individuell gestalteten Charaktere ungeachtet ihrer Tiefendimension zugleich auch Träger der Verfalls-Symptomatik sind, deren Merkmale sie in je typischer Weise an und in sich tragen. Thomas Mann Figuren, das lässt sich jetzt schon über den ersten Roman hinaus festhalten, sind gleichermaßen realitätsnahe, unverwechselbare Individuen und zugleich die „Symptomträger“ der Gesellschaft [bei der Behandlung des Zauberberg wird uns dieser Gedanke besonders beschäftigen]; in ihrer geistigen, seelischen und körperlichen Verfassung verkörpern sie mögliche Erscheinungsweisen des Menschseins in einer bestimmten Konstellation, Umgebung oder Epoche.

Damit haben wir bereits zentrale erzählerische Mittel Thomas Manns benannt, um die es im Weiteren vertieft gehen soll. Dabei werden wir so vorgehen: wir lesen einige Textpassagen aus Buddenbrooks vor, damit auch einmal der Roman selbst zu Wort kommt, und danach stellen wir an den zitierten Textstellen jeweils einige charakteristische Erzählmerkmale dar:

Ironie

Ein wichtiges Stilmittel Thomas Manns ist und bleibt in allen seinen Werken seine Fähigkeit zum ironischen, bisweilen zum grotesk-komischen Erzählen. Die einfachste Erscheinungsweise dieses Stilmittels finden wir zunächst in den „sprechenden Namen“, mit denen er viele seiner Figuren ausstattet. Und so heißen beispielsweise ein vornamenloser Hilfsarbeiter „Grobleben“, eine nicht gerade tugendhafte Frau „Aline Pufogel“ und der absolute Klassenstreber „Adolf Todtenhaupt“ – eine Manier, die Thomas Mann oft den Vorwurf allzu billiger Effekthascherei eingetragen hat.

Ironie wird auch bei der tieferen Charakterisierung einiger Figuren angewendet, u.a. durch die leitmotivische Wiederholung einer Redewendung oder Eigenheit bzw. eines „Ticks“. Gut lässt sich das an der Figur Christian Buddenbrook aufweisen, den sein beständiges Kommentieren seiner Schluckbeschwerden beim Essen und die indezenten Hinweise auf seine „Qual“, die darin bestehe, dass an seiner „!linken Seite alle Nerven zu kurz“ seien, unmissverständlich als Hypochonder abstempeln, dessen Leiden nicht ernst zu nehmen sind. Auch Tony Buddenbrooks Marotte, ihren Kopf in den Nacken zu legen und dabei doch das Kinn auf die Brust zu drücken – probieren Sie diese Haltung einmal aus! – ist als ein ironischer Verweis zu lesen:

Zitat:

Tony Buddenbrook am Sterbebett ihres Bruders (10. Teil, Kap. 8, GW I, S. 684-685): „Um fünf Uhr ließ Frau Permaneder sich …. nichts als das agonierende Gurgeln Thomas Buddenbrooks zu vernehmen.“

Hier wird mittels dieser oft zitierten Geste Tonys auch die Nutzlosigkeit ihres Versuchs, sich in die Religion zu flüchten und in ihr Trost zu suchen, ironisch gebrochen: Tony bleibt schon in der 1. Strophe des Kirchenliedes stecken, weil es ihr doch nicht mehr vertraut ist, wie sie erwartet hatte; deswegen kann sie sich nur in ihre überlegene Haltung flüchten, die damit zugleich auch als hilflose und sinnentleerte Geste, als leere Hülse, demaskiert wird: denn Tony ist ja alles andere als überlegen in diesem Moment, Körperausdruck und innere Verfasstheit stehen in diametralem Gegensatz zueinander.

Nicht nur zur Charakterisierung einzelner Figuren und ihrer symbolischen Gebrochenheit nutzt Thomas Mann das Mittel der Ironie, sondern auch zur karikierenden Darstellung politischer Verhältnisse. Im folgenden Zitat markiert zum einen der Dialekt des Hafenarbeiters Carl Smolt den sozialen Abstand zwischen den Arbeitenden und den Besitzenden, wobei Konsul Buddenbrook sich vorübergehend – und mit deutlich manipulativer Absicht! – auf die Ebene des Plattdeutschen einlässt. Wir befinden uns in der Zeit der großen Revolutionen in Europa, die schließlich in der lahmen deutschen Revolution von 1848 enden wird. Auch die Speicher- und Hafenarbeiter in Lübeck haben aufrührerische Ideen, sie rotten sich zusammen. um ihre Forderungen zu stellen; Konsul Buddenbrook tritt ihnen entgegen:

Zitat:

  1. Teil, 3. Kap., GW I, S. 192 f.: „’Corl Smolt!’ fing der Konsul wieder an, ….. bis die ganze Menge der Republikaner in breitem und gutmütigem Gelächter stand.“

Genüsslich wird die begriffliche Unbeholfenheit Smolts ausgemalt: er identifiziert die revolutionären Ideen mit dem Begriff der „Republik“ und macht sich dabei nicht bewusst, dass der Stadtstaat Lübeck verfassungsrechtlich auch eine „Republik“ (wenn auch eine oligarchisch regierte Patrizier-Republik) ist. Sein gedanklicher Lapsus, der in der Forderung „Tja, Herr Konsul, dann wollen wir eben nocheine [Republik]“ gipfelt, wird zum Katalysator einer grundsätzlichen ironischen Kritik des Erzählers an allem „Aufständischem“ und „Revolutionärem“, insofern in der Figur Carl Smolt die politisch aktiven Angehörigen der Unterschicht als Dummköpfe bloßgestellt werden, die noch nicht mal wissen, wofür oder wogegen sie in den Kampf ziehen.

Tempuswechsel

In der ersten Vorlesung dieser Reihe wurde kurz skizziert, dass die Romanform sich als Mischform entwickelt hat, die in ein und demselben Textzusammenhang die Merkmale unterschiedlicher Textsorten und Intentionen in sich vereinen kann. So enthält auch Buddenbrooks Passagen mit lyrischen Texten, andere Passagen mit Montagen aus Sachtexten (Hanns Tod z.B.) und wieder andere, in denen dramatische Textformen vorkommen. Auch der Umgang mit dem Erzähltempus ist relativ frei; Thomas Mann macht an einigen Stellen von der Möglichkeit Gebrauch, das epische Präteritum zugunsten eines aktualisierenden und zuspitzenden Präsens zu verlassen:

Zitat:

Christians schockierende Anfälle (2. Teil, 3. Kap., GW I, S. 69 f.): „Augenscheinlich waren auf Thomas Buddenbrook größere Hoffnungen zu setzen …. Allein Christian ißt wirklich längere Zeit keinen Pfirsich mehr. –“

Mit diesem plötzlich einsetzenden Präsens nimmtder Erzähler den Rezipienten mitten ins Geschehen hinein, er unterbricht das genüsslich sich entfaltende epische Erzählen im Präteritum (es „waren auf Thomas Buddenbrook größere Hoffungen zu setzen“, „Christian neigte zur Komik“ …) zugunsten der dramatischen Gegenwartsform, die uns gewissermaßen vor die Bühne des Familiendramas stellt, in dem denn auch folgerichtig die Dialoge dominieren („Man sitzt bei Tische …“)

Erzählte Zeit – Erzählzeit l

Überhaupt gestaltet Thomas Mann den Umgang mit dem Phänomen „Zeit“, das ihn sein ganzes Schriftstellerleben lang fasziniert hat, in besonders vielfältiger und differenzierter Weise. Zur Erinnerung: mit dem erzähltext-analytischen Terminus der „Erzählten Zeit“ wird der Zeitablauf bezeichnet, mit dem die Handlung fortschreitet; „Erzählzeit“ ist der Terminus für den Zeitraum, der beim Erzählen selbst (also in der Regel beim Lesen des Textes) verstreicht. Das Verhältnis von Erzählter Zeit zu Erzählzeit ist für die Textanalyse von besonderer Bedeutung.

Exkurs: Zum Beispiel setzt der in Märchen häufig vorkommende Satz „Und übers Jahr gebar die Königin ein Kind“ eine relativ lange „Erzählte Zeit“ (1 Jahr) ins Verhältnis zu einer ziemlich kurzen Erzählzeit (1 Satz): dies nennt man zeitraffendes Erzählen oder in diesem Fall auch „Zeitsprung“. Der umgekehrte Fall ist das „zeitdehnende Erzählen“, bei dem für das Erzählen selbst erheblich mehr Zeit verstreicht als der Handlungsverlauf in Anspruch nimmt. Als „zeitdeckend“ bezeichnet man das ausgewogene Erzählzeit-Verhältnis; es tritt vor allem in Dialogen in Erscheinung.

Im folgenden gekürzten Textauszug nutzt Thomas Mann vor allem die Möglichkeiten des zeitdehnenden Erzählens, um die dem Anlass entsprechende Spannung aufzubauen; es handelt sich um das berühmte Weihnachtskapitel im 8. Teil des Romans:

Zitat:

  1. Teil, 8. Kap., GW I, S. 529-537 [Auszüge]: „Dann endlich kam der Abend des 23. Dezembers heran …… ein Stückchen daraus, das er behalten, zum Erklingen zu bringen.“

In den meisten Passagen herrscht das zeitdehnende Erzählen vor; es unterstreicht die Spannung vor der großen Weihnachtsbescherung: So heißt es bald zu Beginn des Textausschnitts „Ein Blick hätte genügt, zu bemerken …“, und dann wird sehr ausführlich erzählt, was in diesem einen „Augen-Blick“ alles an Menschen, Gedanken, Gefühlen und Ängsten im Raum versammelt ist – ohne dass eigentlich Handlungszeit verfließt (GW I, 530 f.). Ähnlich funktioniert das zeitdehnende Erzählen in dem Moment, in dem sich die Flügeltür zum Bescherungszimmer öffnet und sich der geschmückte Saal auftut: auch hier ist es auf der Ebene der Erzählten Zeit eineinziger Augen-Blick, auf der Ebene der Erzählzeit sind es mehrere Abschnitte, in denen der Erzähler sowohl das Interieur des Raums als auch die inneren Wahrnehmungen der Figuren in diesem Moment schildert. Einbrüche in diese, von der Konsulin mit großer Energie aufrecht erhaltene christlich-sentimentale heile Welt ereignen sich in einem anderem Erzähltempo, nämlich in der dramatischen und zeitdeckenden Erzählweise des Dialogs: „Gleich darauf erschien Christian“ … (GW I, 532)

Auktoriales Erzählen und Erlebte Rede

In weiten Teilen des Romans herrscht die auktoriale Erzählperspektive vor, also die Sicht- und Erzählweise des allwissenden Erzählers. Ein sehr anschauliches Beispiel, in dem auch andere Erzählformen integriert sind, stellt das 7. Kapitel des 1. Teils dar. Es erzählt vom Einweihungsmenu nach dem Einzug der Familie in das neue Haus; Freunde und Familie sitzen beisammen und haben sich in geradezu bewundernswerter Weise überfressen:

Zitat:

  1. Teil, 7. Kap. ganz (GW I, S. 36-38)

Zunächst erzählt der auktoriale Erzähler in der „Draufsicht“ auf die Szene – und was er da erzählt, bedeutet nicht viel anderes, als dass sich hier eine ganze Gesellschaft geradezu zu Tode frisst. Dies wird erzählerisch dadurch ausdifferenziert, dass die Erzählung aus der Außensicht in die Innensicht des Arztes wechselt: Dr. Friedrich Grabow durchschaut als illusionsloser Fachmann, was sich hinter der Fassade des wohlgenährten Körpers wirklich abspielt – nämlich die langsam aber sicher voranschreitende Vergiftung und Verfettung. Erzählt wird dies nicht in beschreibender und nicht in monologisch-dozierender Erzählweise, sondern in der Form der „Erlebten Rede“, einer Variante des Inneren Monologs, die vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufkommt und sich wegen ihrer größeren Dynamik und Beweglichkeit durchsetzt: „Doktor Grabow lächelte vor sich hin [..]. Oh, er würde schon wieder essen, der junge Mann! Er würde leben wie alle Welt. …“ (GW I, 37)

Personales Erzählen und Perspektivenwechsel

Die personale Erzählperspektive wird insbesondere für die Figuren Thomas und Hanno Buddenbrook verwendet. Passagen, in denen eine dieser Personen im Zentrum steht, sind oft aus ihrer Sichtweise und unter Einbeziehung ihrer Innensicht erzählt. Interessant ist sowohl für die Psychologie dieser Vater-Sohn-Konstellation als auch für die spezifische Erzählweise der bekannte Abschnitt im 8. Teil, in dem Hanno anlässlich des großen Firmenjubiläums seinem Vater ein Gedicht von Ludwig Uhland aufsagen soll – und dabei kläglich versagt.

Zunächst wird die Szene auktorial und in der Außenperspektive geschildert, wir sehen das Familienzimmer vor uns und blicken von Außen auf Hanno. Dann aber wechselt die Perspektive und wir nehmen an Hannos Innenleben teil, erleben den Handlungsverlauf aus seiner Perspektive: „Er wußte wohl, was geschehen würde. Er würde weinen müssen …“ Aber der Erzähler nimmt nicht nur Partei für Hanno; zwar stellt er den Vater noch deutlich als grausamen Pädagogen bloß, der sadistisch am Sohn herummäkelt und diesen schließlich ins bereits antizipierte Versagen treibt, aber der Erzähler bietet schließlich auch den Perspektivenwechsel zum Vater hin an, er lässt uns auch am Innenleben Thomas Buddenbrooks teilhaben, an seinen Intentionen, an seiner Verachtung, an seiner enttäuschten Hoffnung – dem impliziten Leser werden unterschiedliche Angebote zur Einfühlung und Identifikation gemacht, der Perspektivenwechsel stellt zugleich eine Perspektivenvielfalt bereit, die uns vor einer eindimensionalen Lesart bewahrt:

Zitat:

  1. Teil, 5. Kap. (GW I, S. 483-486 [mit Auslassungen]): „’Einen Augenblick, Thomas … Du weißt, ……….. halb zärtlich tröstend auf ihn einsprach, ging er ins Eßzimmer hinüber.“

https://web-beta.archive.org/web/20070627051722/http://www.ph-heidelberg.de/wp/haerle/WiSe02/TM/tm_vorl-04.pdf (Auch diese Datei ist im Cache bei google vorhanden; aber man muss sie mit einem Stück Text aufrufen – und woher soll man diesen kennen?)

Und hier die Vorlesungen zum Zauberberg:

https://web-beta.archive.org/web/20070627051756/http://www.ph-heidelberg.de/wp/haerle/WiSe02/TM/tm_vorl-05.pdf (Der Zauberberg)

https://web-beta.archive.org/web/20070627051819/http://www.ph-heidelberg.de/wp/haerle/WiSe02/TM/tm_vorl-06.pdf (dito)

https://web-beta.archive.org/web/20070627051731/http://www.ph-heidelberg.de/wp/haerle/WiSe02/TM/tm_vorl-07.pdf (dito)

Mann: Mario und der Zauberer – Aufbau der Erzählung

(Ich beziehe mich in Seiten- und Zeilenzählung auf die Ausgabe Fischer-TB 9320, 21.  Aufl. 2008.)

Die Erzählung ist im Wesentlichen chronologisch aufgebaut:

Übersicht über das Geschehen aus dem Rückblick (9/5-24)

Bericht über Urlaub in Torre di Venere (9/25 – 29/10)

Überleitung zu Cipollas Auftreten (29/11 – 32/7)

Bericht: Cipolla kündigt sich an (32/8 – 38/16)

Bericht: Cipolla tritt auf – erste Machtprobe (38/17 – 51/11)

Bericht von Cipollas Programm, 1. Teil: Vorschein des Faschismus (52/12 – 75/26)

Bericht von der Pause (76/1 – 79/23)

Bericht von Cipollas Programm, 2. Teil: Demonstration der Macht (79/24 – 107/14)

Bericht vom Abgang mit den Kindern, abschließende Bewertung (105/15-25)

— Auf der Basis dieser Strukturanalyse arbeite ich an einem Lehrerheft, das im Herbst 2010 im Verlag Krapp & Gutknecht erscheinen soll und eine weitere Unterrichtsreihe zu „Buddenbrooks“ bietet.

P.S. Das Lehrerheft ist im November 2010 erschienen. Ich weise noch auf eine Liste der Hilfsmittel und auf meinen Aufsatz über Italiensehnsucht zum Verständnis der Erzählung hin.