Schlaffer: Die kurze Geschichte der deutschen Literatur – Besprechung

„Die kurze Geschichte der deutschen Literatur“ ist hier primär die Geschichte selber, sekundär erst ihre Darstellung: Große deutsche Literatur habe es nur 1750-1800 und 1900-1950 gegeben, ist Heinz Schlaffers These.

Schlaffer hat einen Essay geschrieben, kein Lehrbuch. Im ersten Teil erklärt er, warum es vor 1750 keine große deutsche Literatur gibt: vor allem deshalb weil die Gelehrten Latein geschrieben haben, weil es kein Publikum gab, weil Deutschland in der Modernität (damals auch: Rezeption der Antike) Europa hinterherhinkte. – Diesen Teil fand ich lehrreich.

Im zweiten Teil wird der große Aufbruch im 18. Jahrhundert analysiert: wie die aufgeklärten Pfarrersöhne aus dem Glauben in die Literatur flüchteten, wie die pietistische Innerlichkeit ins Poetische transformiert wurde, wie Studenten sich zusammenschlossen und in der Literatur – durch Professor Gottsched belehrt oder verärgert – die neue Religion suchten. – Der zweite Teil war erhellend und auch überzeugend. Ein Referat dieses Teils finden Sie hier.

Der nächste große Aufbruch sei von 1900 – 1950 nach dem gleichen Schema erfolgt, nur dass diesmal die Juden und Katholiken die Träger des neuen Aufbruchs waren. Dieser dritte Teil hat mich nicht überzeugt – abgesehen davon, dass Heine, Büchner, Keller und Fontane nicht recht ins Schema passen, aber doch große Literatur produziert haben.

Interessant waren für mich einige Bemerkungen zur Epochenabgrenzung: dass es keine wirklich barocke Literatur in Deutschland gibt, dass „Aufklärung“ seit 1960 auch aus ideologischen Gründen als Epoche propagiert wird, dass die Weimarer „Klassik“ überhaupt keine Klassik ist, sondern in Europa allgemein als Romantik gilt. – Was andere zum Buch sagen:

http://www.tour-literatur.de/rezensionen/schlaffer_kurzegeschichte.htm (Übersicht: die Presse; es folgen drei Besprechungen:)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-21543252.html

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=4968

http://www.kritische-ausgabe.de/hefte/industrie/geulen.pdf

http://www.deutscheakademie.de/druckversionen/2012Laudatio_Merck_Harms.pdf (Laudatio Schlaffers 2012)

Mörike: Die Geister am Mummelsee – Analyse

Vom Berge was kommt dort um Mitternacht spät …

Text

http://www.moerike-gesellschaft.de/2010.pdf (dort November: Text mit Kommentar von Reiner Wild)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=782 (1829)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=1642 (in „Maler Nolten“)

http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/bibliothek/liebrand_schattenbild/liebrand_schattenbild.html (Text mit Analyse Claudia Liebrands, aus RUB 17508)

http://de.wikisource.org/wiki/Die_Geister_am_Mummelsee

„Im Erstdruck 1829 in der Stuttgarter Damen-Zeitung trägt das Gedicht die Überschrift Der Mummelsee. Gesang zu Zweien; in einer Anmerkung heißt es: ‚Der Mummelsee ist ein merkwürdiger Weiher im Schwarzwald, worüber sich das Volk mit manchen Sagen trägt.‘ So erscheint die Ballade als lyrische Gestaltung einer Volkssage in romantischer Tradition. Jedoch auch im Schattenspiel Der letzte König von Orplid im Roman Maler Nolten, der 1832 erschien, gibt es einen Mummelsee; es war wohl die Lautgestalt des Namens, die Mörike faszinierte. An ihm nun beobachten ‚zwei Feenkinder‘ (und ebenso Ulmon, der tausendjährige König von Orplid) einen ‚Leichenzug von beweglichen Nebelgestalten‘; die Feenkinder erzählen, was sie sehen. Und ihnen wird das Gesehene mit Nebelstreifen, seltsamen Farben im See und mysteriösen Geräuschen zunehmend bedrohlicher; in den daktylischen Versen (im Walzertakt!), in denen sie davon sprechen, wird es zum Totentanz. Die Rede der beiden ist in das Geschehen des Dramas integriert. Der gespenstische Zug ist Vorausdeutung auf den erlösenden Tod Ulmons am Ende von Orplid; die ‚glänzende Frau‘ am Sarg ist seine Gattin Almissa. Ob die Verse zunächst in der nicht erhaltenen Urfassung des Orplid-Spiels von 1825 standen und dann herausgelöst wurden oder ob sie als selbständiges Gedicht geschrieben und erst später in das Stück eingefügt wurden, ist nicht bekannt. Auch das eigenständige Gedicht präsentiert eine dramatische Szene, mit Zwiegespräch und ‚Mauerschau’. Ihm fehlen allerdings die im Drama gegebenen Bezüge; das Geschehen erhält so eine bemerkenswerte Unbestimmtheit, die vielfältige Assoziationen zulässt. In den Vordergrund treten damit die Gestimmtheiten, die das Gesehene in den Sprechern, die nicht mehr näher benannt sind, hervorruft: Neugier, Faszination des Wunderbaren, schließlich Furcht und Schrecken. […]“ (Reiner Wild, s.o.)

1. Strophe: Zwei Sprecher sehen einen Fackelzug um Mitternacht am Berghang.

2. Strophe: Der Zug wird als Leichenzug des Königs erkannt.

3. Strophe: Der Zug geht vom Berg hinunter auf den See.

4. Strophe: Der Zug geht über eine Treppe in den See hinein.

5. Strophe: Wasser und Nebel werden beschrieben.

6. Strophe: Die Gestalten kommen zurück, die Sprecher fliehen entsetzt.

Claudia Liebrand (s.o.) interpretiert die Ballade im Rahmen des Romans „Maler Nolten“ bzw. des Stücks „Der letzte König von Orplid“; sie analysiert auch die rhetorischen Feinheiten des Gedichts, sodass eine weitere Analyse hier überflüssig ist.

Vortrag

http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/mp3s/moerike_mummelsee.mp3 (Maria Hafner)

http://www.heilige-quellen.de/Orte_Baden-Wuerttemberg/Mummelsee/Mummelsee_Seite.html (mäßig)

http://www.youtube.com/watch?v=RR4_yz1Voqs (Hugo Wolf: Laila S. Fischer)

Sonstiges

http://www.literaturcafe.de/die-geister-am-mummelsee-literarische-video-wanderung-seensteig/ (der Mummelsee in der Literatur, dazu ein Film)

http://www.heilige-quellen.de/Orte_Baden-Wuerttemberg/Mummelsee/Mummelsee_Seite.html (der Mummelsee und sein Sagenkreis)

http://cingolani.com/40em.html (engl. Übersetzung)

Mörike: Im Frühling – Analyse

Hier lieg ich auf dem Frühlingshügel …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=766 (1828)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=768 (aus „Maler Nolten“, 1832)

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/Im+Fr%C3%BChling (1867)

http://www.moerike-gesellschaft.de/2007.pdf (dort im Mai: Text mit Kommentar von Reiner Wild)

„Am 13. Mai 1828 schickte Mörike das Gedicht an seinen Freund Johannes Mährlen; im Begleitbrief schreibt er dazu: ‚Hier hast Du einen Vers, der erst diesen Morgen ausgeschlupft ist.’ Noch im selben Jahr erscheint es im Morgenblatt für gebildete Stände; wie die meisten seiner frühen Gedichte hat Mörike es dann in den Maler Nolten aufgenommen, wobei er einige Änderungen vorgenommen hat. Bei der Aufnahme in die Gedichte gibt er dem Gedicht die Überschrift Im Frühling.“ (Reiner Wild, s.o.) An diese Fassung halten wir uns.

Ein Ich-Sprecher liegt im Frühling auf einem Hügel und gibt sich seinen Eindrücken und Gedanken hin. Die Situation wird aber nicht erlebt, sondern eher vorgestellt: Der Sonne intensiver goldener Kuss (V. 14) passt nicht recht zur Dämmerung golden grüner Zweige (V. 24); aber das finden wir auch bei Eichendorff, dass Naturrequisiten zu einem Bild zusammengestellt werden. Das Ich setzt sich in Beziehung zur Wolke und zu einem Vogel, die für ein leichtes Fliegen stehen (V. 2 f.); das Ich möchte aus dem Hier (V. 1) und Jetzt entschwinden. Drei Fragen zeigen, wohin die Reise gehen soll: An die Liebe gerichtet: Wo bleibst du? (1. Str.) An den Frühling gerichtet: Was bist du gewillt? (2. Str.) Ans eigene Herz gerichtet: Was für Erinnerungen webst du? (3. Str.)

Das Ich spricht gebunden, aber doch locker; gebunden insofern, als die Verse sich in verschiedenen Formen reimen (Paarreim, umarmender Reim, Kreuzreim), locker insofern, als es kein festes Metrum gibt und auch keine gleichmäßige Anzahl von Hebungen oder Silben pro Vers. Die Sätze beschränken sich oft auf einen Vers, können aber auch bis zu drei Versen umfassen (V. 22-24). Diese Art freien Sprechens kommt dem Assoziieren des Ich zugute; es springt von Eindruck zu Eindruck und drückt so sein unbestimmtes Sehnen aus.

Als erste „Figur“ wird die Liebe angesprochen. Die personifizierte Liebe wird die „all-einzige“ genannt (V. 4); wenn man dieses seltsame Attribut entschlüsselt, bleibt als Kern „einzig“, sodass ich die all-einzige Liebe als die eine große Liebe verstehe. Sie soll sagen, „Wo du bleibst, daß ich bei dir bliebe!“ (V. 5) Der indirekte Fragesatz bedeutet zunächst „wann du kommst“; durch den folgenden dass-Satz erhält das „Bleiben“ eine andere Bedeutung, etwa „wo du wohnst“. Ist die große Liebe gefunden, möchte das Ich bei ihr bleiben, sie nicht mehr verlieren – die romantische Liebesvorstellung wird überstrapaziert, man kann schließlich nur bei Menschen bleiben. Es folgt deshalb die resignierte Feststellung: „Doch du und die Lüfte, ihr habt kein Haus.“ (V. 6) Die Lüfte sind der Bereich, wo man fliegt: der eingangs geäußerte Wunsch. Fliegen und Bleiben passen nicht zusammen, weiß das Ich, Lüfte und Liebe haben kein Haus.

Das Ich wendet sich nun dem eigenen Fühlen zu. Dem Frühling entsprechend wird die geöffnete Sonnenblume zum Vergleich bemüht: Ähnlich dieser ist „mein Gemüte offen“ (V. 7). Die Bedeutung von „Gemüt“ ist einmal sehr weit, anderseits hat sie sich im Lauf der Zeit geändert; „so ist das wesentliche des begriffes die einheit unsers inneren, in der auch der geist in dem heutigen engeren sinne mit aufgeht als in seinem ganzen, und zwar von der ältesten zeit her bis nahe an unsere zeit heran. es kommt darin mit sinn ganz oder nahe überein, worin auch jener ursprünglichen einheit ein glücklicher ausdruck aus alter zeit her bewahrt geblieben ist bis heute.“ (DWB) „Gemüt ist im allgemeinen die innere (seelisch-geistige) Seite unsers Wesens überhaupt, im besondern die Fähigkeit zum Fühlen, im Gegensatz zum Geiste, der Fähigkeit zum Denken, und zum Charakter, der Grundlage des Wollens.“ (Meyers Großes Konversations-Lexikon, 1907) Dieses Gemüt, an den Leib gebunden, der „hier“ (V. 1) liegt, ist offen, und, da zum Fliegen bereit, „Sehnend, / Sich dehnend“ (V. 8 f.), die Grenzen des Ich überschreitend „in Lieben und Hoffen“: hoffend auf die große Liebe, die der Frühling mit seinem Aufbruch verspricht. Und so fragt das Ich: „Frühling, was bist du gewillt?“ (V. 11) Was bist du gewillt, mir zu bringen, wie sich aus der Fortsetzung (V. 12) ergibt – die etwas eigenwillige Formulierung zielt darauf, dass Sehnsucht und Liebeshoffnung gestillt werden; vgl. das Gedicht Nimmersatte Liebe. Im Gedicht „An die Geliebte“ ist der Ich-Sprecher „von deinem Anschaun tief gestillt“ (V. 1). – Auch der Frühling ist personifiziert und daher ansprechbar.

In vielen Ausgaben werden die restlichen 13 Verse auf zwei Strophen verteilt; die Historisch-kritische Gesamtausgabe hat aber nur eine einzige Strophe: Nach seiner Frage an den Frühling wendet sich das Ich seinem eigenen Empfinden zu – was es sieht, wie es den warmen Sonnenschein (bezeichnend: als „goldener Kuß“ empfunden, V. 14) erlebt, körperlich erregend erlebt – „bis ins Geblüt [‚die ganze Masse des in einem Körper befindlichen Blutes’, Adelung – lautlich und sachlich entspricht das Geblüt dem Gemüt, V. 7] hinein“ (V. 15). Wie beim Küssen sind die Augen geschlossen, nur der Nahsinn des Hörens ist noch tätig. Aber das Ich verfolgt keine Ziele mehr, obwohl es sich auszudehnen angetrieben ist, was zur Unruhe führt: dies und das denkend, sich unklar sehnend, gesteigert empfindend (V. 19-21) – ambivalent in seiner Ziellosigkeit (halb Lust, halb Klage, V. 21). So fragt es sein Herz: „Was webst du für Erinnerung (…)?“ In diese unbestimmte Frage muss man vorsichtig hineinhören: Da ziellos, also nicht direkt auf Künftiges gerichtet, greift das Herz auf Vergangenes zurück, um seinem Sehnen Gestalt geben zu können – so unbestimmt wie der grünen Zweige „Dämmerung“, in der das Ich liegt. Das Herz webt Erinnerung, verknüpft verschiedene Momente zu einem Text, in dem das Wort „Liebe“ eingewebt ist. In der Erinnerung (V. 23) tauchen „Alte unnennbare Tage“ (V. 25) auf: Was von ihnen empfunden wird, ist nicht aussagbar, unnennbar, da es wesentlich in Gemüt und Geblüt lebt (und damit dem im Aufbruch der deutschen Literatur herrschenden Gesetz vom Vorrang des innersten Erlebens entspricht – vgl. H. Schlaffer: Die kurze Geschichte der deutschen Literatur): Im Frühling.

P.S. Die Frage „Wann werd’ ich gestillt?“ in Vers 12 klingt nicht nur eigenwillig (für: Wann wird mein Sehnen gestillt?), sondern deutet vielleicht ungewollt etwas von der Schwäche Mörikes an. In einem unglaublich guten Artikel anlässlich des 200. Geburtstags Mörikes stand 2004 in der ZEIT (u.a.):

Es war eine schöne Täuschung, der sich Mörike und sein Tübinger Kreis hingaben: dass Dichtung ein freier Akt der Fantasie sei. Denn diese poetische Unbedingtheit wollte die sozialen Bedingtheiten vergessen, denen sie, Theologiestudenten am Stift, unterlagen. Für sie war die Aussicht, Pfarrer zu werden, eine ökonomisch begründete Pflicht, der sie mit innerer Reserve, ja Abneigung gegenüberstanden und der sie sich, sobald es ging, entzogen. […]

Während seinen Freunden bald der Ausweg in einen weltlichen Beruf, als Professor oder Schriftsteller zumeist, gelang, verbrachte Mörike, ängstlicher, rücksichtsvoller und abhängiger als sie, trotz ständiger Vorsätze und kurzer Ausbrüche seine beste Zeit in dieser unglücklichen Stellung. Als er nach zwanzigjähriger Vorbereitung und Tätigkeit – die oft nur eine besoldete Untätigkeit war – dieses Dienstes ledig war, konnte er nicht mehr zum verlorenen Anfang einer poetischen Existenz zurückfinden.

Vielleicht aber sind es gerade die beklagten und dennoch akzeptierten Einschränkungen eines unbedeutenden Lebens, denen er den besonderen Ton seiner Lyrik verdankt. Da er seiner Umgebung keine Extravaganzen zumuten wollte, auch von sich selbst keinen Heroismus fordern mochte, musste er – zum Vorteil seines Werkes – auf den großen Stil verzichten, den ihm Wilhelm Waiblinger etwa mit seinem abenteuerlichen Leben und in einer hochgestimmten Dichtung vorführte. Bereits als Zwanzigjähriger diagnostizierte Mörike, nicht zufällig in einem Brief an Waiblinger, seine eigene Lebensschwäche: „Es ist überhaupt in meinem wirklichen Zustand ein besonders peinlicher Zug, dass alles, auch das Kleinste, Unbedeutendste, was von außen an mich kommt – irgendeine mir nur einigermaßen fremde Person, wenn sie sich auch nur flüchtig nähert, mich in das entsetzlichste bangste Unbehagen versetzt und ängstigt, weswegen ich entweder allein oder unter den Meinigen bleibe, wo mich nichts verletzt, mich nichts aus dem unglaublich verzärtelten Gang meines innern Wesens heraus stört und zwingt.“

„Der unglaublich verzärtelte Gang meines innern Wesens“: Das ist die lyrische Situation, die Mörike zur Sprache gebracht hat. (Heinz Schlaffers Artikel „Zauberfaden, luftgesponnen“ zum 200. Geburtstag Mörikes in der ZEIT, hier http://www.zeit.de/2004/21/L-M_9arike/seite-3 bis http://www.zeit.de/2004/21/L-M_9arike/seite-4)

http://www.gesamtschule-eiserfeld.de/AAblage/Lernpfade/D/LYRIK/Liebeslyrik/Moerike_Im%20Fruehling.pdf (unbeholfen-schülerhaft)

Friedrich Strack: Wehmütige Liebeserwartung in Mörikes früher Lyrik. Eine Analyse des Gedichts Im Frühling. In: Gedichte und Interpretationen 4. Hrsg. von Günter Häntzschel. Reclam 1983, S. 83 ff.

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=VcHTkTjA1u8 (Hugo Wolf: vertont)

http://www.youtube.com/watch?v=C3jcVdZsP54 (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=FRox_cBwmh4 (Hugo Wolf: Fischer-Dieskau)

http://www.youtube.com/watch?v=w_uCfv-RdSo (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=5q2RO0PPvWU (Hugo Wolf: Viviane Rocha)

Sonstiges:

http://www.gedichte-fuer-alle-faelle.de/jahreszeitengedichte/index.php?fnr=300&szaehler=3d (Frühlingsgedichte)

http://www.gedichte.levrai.de/gedichte/fruehlingsgedichte/a_fruehling_gedichte_ueber_den_fruehling.htm (dito)

Eduard Mörike – Kanon seiner Gedichte, Hilfsmittel

Aus dem Kanon Reich-Ranickis, dem Bestand der Freiburger Anthologie (die allerdings erhebliche Probleme mit dem Alphabet der Autoren hat) und „Der Neue Conrady“ habe ich die Schnittmenge gesucht: Was in mindestens zwei dieser drei Sammlungen steht, habe ich in meinen Kanon aufgenommen; was nur in einer steht, gilt als private Vorliebe. Dies ist das pragmatisch ermittelte Ergebnis:

Der Feuerreiter (Sehet ihr am Fensterlein) 1824

Peregrina III: Ein Irrsal kam in die Mondscheingärten 1824

Gesang zu zweien in der Nacht (Wie süß der Nachtwind nun die Wiese streift) 1825

An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang (O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe!) 1825

Um Mitternacht (Gelassen stieg die Nacht ans Land) 1827

Septembermorgen (Im Nebel ruhet noch die Welt) 1827

Besuch in Urach (Nur fast so wie im Traum ist mir’s geschehen) 1827

Peregrina V: Die Liebe, sagt man, steht am Pfahl gebunden 1828

Im Frühling (Hier lieg ich auf dem Frühlingshügel) 1828

Die Geister am Mummelsee (Vom Berge was kommt dort um Mitternacht spät) 1828

In der Frühe (Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir) 1828

Frage und Antwort (Fragst du mich, woher die bange) 1828

Nimmersatte Liebe (So ist die Lieb’!) 1828

Er ist’s (Frühling läßt sein blaues Band) 1829

Das verlassene Mägdlein (Früh, wann die Hähne krähn) 1829

An die Geliebte (Wenn ich, von deinem Anschaun tief gestillt) 1830

Verborgenheit (Laß, o Welt, o laß mich sein!) 1832

Gebet (Herr! schicke, was du willt) 1832/46

Gesang Weylas (Du bist Orplid, mein Land!) 1832

An eine Äolsharfe (Angelehnt an die Efeuwand) 1837

Ein Stündlein wohl vor Tag (Derweil ich schlafend lag) 1837

Jägerlied (Zierlich ist des Vogels Tritt im Schnee) 1837

Schön-Rohtraut (Wie heißt König Ringangs Töchterlein?) 1838

Die schöne Buche (Ganz verborgen im Wald kenn‘ ich ein Plätzchen) 1842

Früh im Wagen (Es graut vom Morgenreif) 1843/46

Auf eine Lampe (Noch unverrückt, o schöne Lampe) 1846

Denk’ es, o Seele! (Ein Tännlein grünet wo) 1852

Vgl. auch

http://www.deutsche-biographie.de/sfz64060.html Biografie

Artikel „Zauberfaden, luftgesponnen“ zum 200. Geburtstag Mörikes von Heinz Schlaffer in der ZEIT, http://www.zeit.de/2004/21/L-M_9arike/seite-1 bis http://www.zeit.de/2004/21/L-M_9arike/seite-4 – unbedingt lesenswert!

Gerhart von Graevenitz: Eduard Mörike: Die Kunst der Sünde. Zur Geschichte des literarischen Individuums, 1978 = http://kops.ub.uni-konstanz.de/bitstream/handle/urn:nbn:de:bsz:352-opus-52333/Die_Kunst_der_Suende.pdf?sequence=1

http://www.zeno.org/Literatur/M/Mörike,+Eduard Werke

http://www.liberley.it/m/moerike.htm Werke im Internet: Links

http://gutenberg.spiegel.de/autor/418 dito

http://www.amigoo.de/gedichte/Eduard%20-%20M%C3%B6rike/index.html die Gedichte

http://www.moerike-gesellschaft.de/ Mörike-Gesellschaft

http://www.moerike-gesellschaft.de/index_moerike_gedichte.pdf Mörike-Gedichte, kommentiert: Verzeichnis

http://www.mediaculture-online.de/Eduard-Moerike.429.0.html#c1509 Mörike bei mediaculture (LMZ)

http://www.ub.fu-berlin.de/service_neu/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/autorm/moerike.html Links

http://de.wikipedia.org/wiki/Eduard_M%C3%B6rike Links

http://www2.uni-wuppertal.de/fba/musikpaed/erwe/moerike/Moerike-Verzeichnis-Text.pdf Musik nach Eduard Mörike

„Sie wurden die Begründer der romantischen Literatur, Literaturkritik und Literaturgeschichtsschreibung. Der Abfall vom Christentum durch das genaue Studium seines Grundtextes führte die Abtrünnigen nicht aus dem Bezirk der Texte hinaus; sie blieben bei der Literatur, zu deren Kanon sie nun auch die Bibel als poetisches Werk hinzuzählten. Der deutsche Weg von der Aufklärung zur Romantik ist nicht weit, zumal diese nach nach ihrer kurzen radikalen Phase bald von der Erinnerung an die verlassene Religion überwältigt wurde.“ (Heinz Schlaffer: Die kurze Geschichte der deutschen Literatur. dtv 34022, S. 61)

Epochenumbruch um 1800, Übersicht – Epochen der deutschen Literatur (Links)

A) In allgemeiner Betrachtung kann man sagen, dass der Epochenumbruch um 1800 der Übergang von der Aufklärung zur Romantik war. Matuschek unterscheidet im Art. „Romantik“ in Metzler Lexikon Literatur (2007) auf europäischer Ebene für das 18./19. Jahrhundert drei Großepochen: Aufklärung / Romantik / Realismus.

Innerhalb der Aufklärung findet man auch die Strömungen des Pietismus und der Empfindsamkeit (etwa seit 1700) sowie in Deutschland den „Sturm und Drang“ (ca. 1770 – 1785). [Man könnte den „Sturm und Drang“ aber auch (mit Korff) als Beginn der „Goethezeit“ und damit als Beginn der Romantik sehen – in der Romantik werden viele Elemente des „Sturm und Drang“ aufgegriffen oder fortgeführt.]

Eine ältere Einteilung sieht die Strömungen (Epochen) Aufklärung / Sturm und Drang / Klassik / Romantik in Deutschland einander folgen. Die Weimarer Klassik umfasste nur wenige Autoren und dauerte von 1786 (Goethes Italienreise) bis 1805 (Schillers Tod) – es gibt auch andere Datierungen. Mme. de Stael (De l’ Allemagne, 1813) zählte übrigens Goethe und Schiller zur deutschen Romantik; darin stimmen ihr heute die meisten Forscher zu.

Fazit: Die Einteilung in Epochen ist umstritten, die Abgrenzung der Epochen ist unscharf; man muss sehen, dass sich verschiedene Strömungen überlagern und dass nicht die eine endet, wenn anderswo und bei anderen Leuten eine (relativ) neue Strömung beginnt. Epochen-Strömungen machen sich auch an Menschen fest. Oft fangen die Jungen etwas Neues an, während die Alten am Bekannten festhalten. Es kann aber auch geschehen, dass einzelne Personen (z.B. Goethe und Schiller nach 1785) ihre literarische Produktion verändern, was wir dann „sich entwickeln“ nennen.

 

B) Eine differenzierte Darstellung in kleinen Einheiten bietet der dtv-Atlas „deutsche Literatur“ (ich besitze die 8. Auflage, 1999). Die schnelle Information findet man im Schülerduden Literatur. Für Lehrer unbedingt lesenswert ist H. A. Korffs vierbändiges ideengeschichtliches Werk „Geist der Goethezeit“, was es antiquarisch noch bei ebay und bei booklooker.de (dort meistens teurer) gibt; vgl. dazu auch diesen Artikel! In der Einleitung skizziert Korff: Geist der Goethezeit (Bd. 1, S. 29 ff. – 2. Kapitel) die „Entwicklung der Goethezeit“ (also den gesamten „Epochenumbruch“) so:

1. Die humanistische Generation

Neu war im „Sturm und Drang“ die optimistische Idee einer natürlichen Humanität, dass der Mensch von sich aus das Menschliche verwirklichen könne: ein Ausweg aus der Krise der auf Arbeitsteilung beruhenden bürgerlichen Kultur. Es geht um die Freiheit zur Selbstentfaltung des Subjekts, woran der dramatische Held jedoch scheitert.

„Sturm und Drang“ ist ein Jugendzustand – die „Klassik“ ist die Zeit des Reifens; dabei wandelt sich die Humanität zu einer sittlichen.  Die Vernunft tritt wieder in ihr Recht, aber sie ist auf ideelle Selbsterhaltung bedacht (und nicht nur an praktischen Ergebnissen orientiert wie in der Aufklärung). Der Subjektivismus ist geläutert, er strebt nicht mehr in die Weite und Fülle des Lebens (Sturm und Drang), sondern in die Höhe (Iphigenie auf Tauris). Unter dem Einfluss Kants zeigt sich bei Schiller ein neuer Dualismus: Vorrang der Pflicht vor der Lust. Der scheiternde Held (Max Piccolomini) repräsentiert die Erhabenheit des Menschlichen.

Die Synthese der natürlichen und der sittlichen Humanität macht dann das eigentlich Klassische aus: die Idee der Schönheit (Schiller: „Das Glück“; Goethe: Hermann und Dorothea). Im Ideal der schönen Humanität stimmen Pflicht und Neigung überein. Das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft ist nicht gestört, das Ideal ist eine überbürgerliche Gesellschaft. Dies ist die deutsche Antwort auf die Französische Revolution. Nicht Revolution tut not, sondern ästhetische Erziehung.

2. Die romantische Generation

sind die um 1770 Geborenen. Sie wiederholen die Sturm-und-Drang-Problematik und erleben zugleich die Problematik des klassischen Lebensentwurfs. In der Romanen der Romantik ringt der Held um seine seelische Gesundung.

Der Romantiker ist der Typus des Entwurzelten (dem entspricht die Ironie als dominierende Haltung). Er sucht, in etwas Objektivem wieder Wurzeln zu schlagen. Dafür stehen ihm eine romantische Weltanschauung (Transzendentalphilosophie oder Religion) oder das Nationalgefühl zur Verfügung.

Unter dem Einfluss von Kants Erkenntnistheorie kann die Welt als subjektiv und wunderbar erlebt werden. Kants Philosophie verbindet sich mit dem vorhandenen Pantheismus zu dem neuen Gott: Fichtes ICH, das sich im dialektischen Weltprozess entfaltet. Psychologisch wirkt sich solche Philosophie als Allmachtsgefühl aus (Schlegel, Novalis), das notwendig zu einem Zusammenbruch der Menschen und der literarischen Figuren (und damit des Subjektivismus) führt.

Darauf kann man mit einer Rückkehr zur „Religion“ antworten, die in verschiedenen Formen erfolgt; es ist die Wendung zu der durch Religion gebildeten Gemeinschaft, dem geordneten (christlichen) Leben und dem Traum von der guten alten Zeit. Als Alternative kann man sich der nationalen Romantik ergeben: Besinnung auf die deutsche Vergangenheit – einmal als Literaturprogramm (Abwendung von französischen Dramen, Hinwendung zum germanischen Shakespeare), einmal als Neuverwurzelung in deutscher Art und Kunst (Modernisierung alter Literatur, Sammlung alter Volkslieder und –dichtungen) – und später in Wagners Musikdramen.

Ein weiteres Ergebnis dieser Rückwendung zu Mittelalter und früher Neuzeit ist die Entstehung des geschichtlichen Bewusstseins. Den historischen Roman können aber nicht „Heinrich von Ofterdingen“ oder „Franz Sternbalds Wanderungen“ begründen, dafür muss Walter Scott auftreten.

Zur Romantik gehört Napoleon und damit auch die Romantik der Befreiungskriege, aus der ein politisches (statt wie bisher kulturelles) Nationalgefühl erwächst.

Die Romantiker und ihre literarischen Figuren sind für uns Phantasiegestalten geworden. [Das möchte ich bezweifeln – Romantik lebt z.B. in der Esoterik oder in der NPD fort, wenn auch in entstellter und historisch überholter Gestalt. Das Faszinierende an Korffs Buch ist die Stringenz, mit der er die Einheit der Zeit darstellt: die Romantik als die Erfüllung des „Sturm und Drang“. N.T.]

 

C) Die erste Epoche großer deutscher Literatur, welche von einigen Literaturdidaktikern „Epochenumbruch um 1800“ genannt wird – eine kurze Übersicht

  • Eine (große) deutsche Literatur beginnt erst Mitte des 18. Jahrhunderts. Die deutschen Dichter von 1730 bis 1800 waren Söhne evangelischer Pfarrer, stammten zumindest aus einem evangelischen Elternhaus. Dort wurde die Bibel gelesen; aber ernsthaft war zunächst nur die Sphäre der Religion.
  • Die deutsche Literatur konnte erst im 18. Jahrhundert bedeutsam werden: Einmal hatte der protestantische Pietismus alle weltlichen Bereiche mit einer religiösen Haltung und Interpretation zu durchdringen versucht; zum anderen kritisierte die Aufklärung den christlichen Wahrheitsanspruch. Daraus resultierte der Enthusiasmus, eine aufgeklärte Welt mit aller religiösen Energie, aber ohne religiöse Pflichten zu begreifen.
  • Paradigmen: Goethes Gedicht „Um Mitternacht“, Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“. Der „Werther“ ist quasi die moderne „Imitatio Christi“. Die Leser des „Werther“ waren wie pietistisch Erweckte. Werther zeigt das Prinzip eines künstlerischen Lebenswandels: frei von gesellschaftlichen Bindungen, vom Genius getrieben, für die anderen unbegreiflich; er entscheidet autonom über sein Leben und Sterben.
  • Die Aufklärung hatte auch die Bibel erfasst, sie wurde als geschichtliches Dokument gelesen, kritisiert und geschätzt. Der Abfall vom Christentum durch das genaue Studium seines Grundtextes führte die Abtrünnigen in den Bereich der Literatur, zu deren Kanon sie dann auch die Bibel als poetisches Buch zählten.
  • Die evangelischen Pfarrer waren arm und mussten ihr Leben auf dem Unterschied zwischen dem unwesentlichen Schein der Dinge und dem wahren Sein des Geistes begründen; diese Haltung übernahmen die Schriftsteller, was ihre Unabhängigkeit vom Publikumserfolg begründete. In der einsamen Lektüre konnte man sich mit gleichgesinnten Lesern zu einer Gemeinde zusammenschließen.
  • Der einzige Ort realer Geselligkeit der Geistigen war die Universität. So wurden universitäre Formen und Themen Formen und Themen der Literatur („Faust“!), Professor Gottsched der (akzeptierte oder verschmähte) Mentor der deutschen Schriftsteller. Alle Neuerungen der Literatur gingen von studentischen Freundschaftsgruppen aus (Halle, Göttingen, Straßburg, Jena, Heidelberg, Berlin, Tübingen). Jünglinghafter Zug der deutschen Schriftsteller und ihrer Helden ist ein Resultat dieses Ursprungs.
  • Um 1770 wurde das Wandern als ästhetisches Vergnügen entdeckt: Die Eliten ahmen die früheren Handwerker nach. Das Volk wird als Quelle poetischer Werke (Volkslieder!), bis hin zu Märchen und Kalendergeschichten, geschätzt.
  • Die seit 1960 pointiert propagierte „Aufklärung“ als Epoche hat partiell eher im Inneren der Menschen stattgefunden; Brief, Tagebuch, Abhandlung wurden nun literarische Formen. Aufklärung hatte in Deutschland weithin die Form der Empfindsamkeit: Mündigkeit des Einzelnen, der unbeeindruckt von Autoritäten sich des eigenen Verstandes bedient und des eigenen Gefühls versichert.
  • Es entwickelte sich ein affektives Verhältnis zur Sprache. Als Leitbilder fungierten Homer und Shakespeare. Die neue eigene Sprache wurde die der pietistischen Frömmigkeit. So begegnet in der deutschen Lyrik des 18. und 19. Jh. Immer wieder das Gebet; es besteht so die Möglichkeit lyrischer Kommunikation mit nichtmenschlichen Mächten. Die verbreitete Metapher „Wasser“ stellt das Eindringen Gottes in die Seele dar.
  • Am Anfang einer deutschen Dichtung großen Stils stehen Klopstocks Oden; Klopstock spricht wie ein Prophet im Ton der Ergriffenheit von Dingen, für die eigentlich der Pfarrer zuständig war: Gott, Seele, Erlösung, Unsterblichkeit. Aus der Religion übernimmt die erdichtete Lyrik den Anspruch der „Wahrheit“, des eigenen Erlebens. Die Kommunikation von Texten muss so vor sich gehen, als sei nie an „Wirkung“ gedacht worden. Die Unvollkommenheit des Ausgedrückten beweist gerade seine innere Wahrheit. So verzichteten die Deutschen auf die ars rhetorica, was ihnen leicht fiel, da sie kein Parlament hatten und Gott alle Täuschungen eo ipso durchschaute.
  • Gerade auch in der Liebeslyrik überspielte die imaginierte Intimität alle Rhetorik. Dichtung erschließt einen „Weltinnenraum“ (Rilke). „Innen“ ist der Ort des Gemüts, der Seele; dem entspricht die „Tiefe“ als Sphäre des Verborgenen. Das Bergwerk: Bild der Seele (Ziolkowski). Geologie, Archäologie und Psychoanalyse sind Beispiele einer angewandten Hermeneutik; die Befreiung von Regeln des Schaffens setzt das Verstehen in sein Recht. Das bringt einen Stil des Unvollständigen mit sich: Undeutlichkeit, die auf vorsprachliche Seelenlagen verweist. – Als Theorie der Sprachskepsis und Sprachkrise begegnet die Entdeckung des unvollständigen Ausdrucks wieder am Anfang der Moderne.
  • Mit der Ersetzung der Religion durch die Kunst ist der Aufstieg der deutschen Literatur vollendet. Zunehmend verstecken die Schriftsteller ihre Vorstellungen hinter den Bildern des griechischen Mythos und befreien sie so von der verpflichtenden (christlichen) Religion: Unsterblichkeit war leicht für jeden zu haben. Die Figuren entschweben gern in eine höhere Welt. Gott wird durch „Natur“ ersetzt. Durch religiöse Ideen genährt, wird Kunst die neue Religion, welche auch noch von der Erinnerung an die alte lebte. Der rauschhafte Zustand der Erhebung setzte eine große Produktivität frei – solche Übertreibung kann nur kurze Zeit dauern.
  • Die griechische Kunst schien solche überzeitlichen Werte verwirklicht zu haben; Winckelmann wurde ihr Prophet. Goethe erlebte auf seiner Italienischen Reise seine Wiedergeburt. Die Romantiker wollten zum Christentum zurückfliehen; zu diesem Zweck mussten sie es ästhetisieren, am besten als katholische Mythologie.
  • Der Kunsttheoretiker tritt bei so erhabenen Werken neben den Künstler; analog kann der philosophierende Dichter kunsttheoretische Überlegungen in sein Werk einbauen. Die Verehrer der Kunst vereinen sich zu einer unsichtbaren Kirche, die ihre Feste in Museen, Theatern und Konzertsälen feiert.
  • Der Bildungsroman erfüllt die Forderung pädagogischen Zwecks und künstlerischer Form vollkommen; deutsche Romane berichten jedoch wenig von der Umwelt, mehr vom Inneren ihrer Figuren, von Ideen und Lehrern, weniger von Liebe und Arbeit, dafür mehr von Einsamkeit und Einweihung in neue Lebensstufen. Bildungsroman, Gedankenlyrik und Ideendrama stehen unter der Herrschaft der Philosophie.
  • Was so geschichtlich bedingt entstanden war, wurde zur Eigenart deutscher Literatur erklärt und als deutsche „Klassik“ gefeiert. International zählt diese Epoche aber zur Romantik – eine Klassik wie in anderen Ländern hat es in Deutschland nie gegeben. Auch das Konzept einer Nationalliteratur hat kein Fundament in der Sache. Ohne das beneidete Vorbild anderer Länder (Frankreich, England) wäre der sprachliche Ausdruck deutscher Intelligenz nicht Literatur geworden, sondern auf Recht, Wissenschaft und Religion beschränkt geblieben. Christliche Religiosität, bürgerliche Intimisierung, philosophische Aufklärung und der Vorrang der Literatur vor anderen Künsten verbanden sich zu dem, was eine erste große Blüte deutscher Literatur geworden ist.

(Wiedergabe, zum Teil mit wörtlichen Anlehnungen, von Heinz Schlaffer: Die kurze Geschichte der deutschen Literatur, München 2002, als dtv-Taschenbuch 2003, S. 54-112; zu meiner Entschuldigung sei gesagt, dass Schlaffer kein Lehrbuch, sondern einen Essay geschrieben hat, weswegen der Gedankengang nicht immer streng zu erfassen ist, ich ins Beinahezitat geflüchtet bin und den Wechsel zwischen erklärendem Präsens und berichtendem Präteritum beibehalte. – Interessant ist auch, wie sich das Dichter-Bild um 1800 geändert hat: https://norberto42.wordpress.com/2013/04/29/dichter-bilder/)

 

D) Erklärung des Umbruchs aus systemtheoretischer Sicht:

„Wie hat sich Literatur im Verlauf der Gesellschaftsevolution von der stratifikatorisch differenzierten Gesellschaft zur funktional differenzierten Gesellschaft als autonomes Funktionssystem ausdifferenziert?

Diese Veränderung der Gesellschaftsdifferenzierung bezeichnet die radikalen Umbrüche in Philosophie, Literatur, Politik, Technik, Recht um 1800. Die Systemtheoretiker gehen davon aus, daß – grob gesagt – die Gesellschaft vor 1800 stratifikatorisch strukturiert war. Was heißt das? Das heißt zum einen, daß die Gesellschaft nach Ständen gegliedert war, zum zweiten, daß der Stand, in den man hinein geboren wurde, darüber entschied, inwiefern man an der Gesellschaft teilnehmen konnte. Ob man Recht bekam oder nicht, ob man ein politisches Mitbestimmungsrecht hatte oder nicht, ob man heiraten oder lieben durfte, wen oder wann man will oder nicht, usw. usw. usw….. Diese verschiedenen Bereiche des Rechts, der Politik, der Religion, der Liebe verändern um 1800 ihre Logiken. Sie sind nicht mehr länger an die Hierarchie der Stände gebunden, sondern werden zu autonomen Funktionssystemen, an denen der Einzelne partizipieren kann. Das Rechtssystem entscheidet über Recht und Unrecht, ohne Ansicht der Person (“Justitia ist blind”) und ohne direkte Eingriffe von außen, z. B. durch den Fürsten oder andere politische Vertreter.

Jedes System hat eine spezifische Funktion, für die es exklusiv zuständig ist. Das Rechtssystem formuliert Rechtsnormen und sichert sie, das Wirtschaftssystem verteilt knappe Güter, und das Literatursystem hat die Funktion Weltkontingenz zu erzeugen, also der Wirklichkeit eine zweite Wirklichkeit gegenüberzustellen, die schöner, fortschrittlicher, besser, oder einfach nur anders ist als die eigentliche Wirklichkeit. Literatur führt uns also stets eine Alternative vor Augen. Das können, eher auf den Einzelnen gemünzt, alternative Handlungen z.B. in Bezug auf das Ende einer Liebesbeziehung, oder – globaler gesehen – auch vollständig alternative Gesellschaftsmodelle sein.“

——————————————– Ende dieser Erklärung————————————————–

Ich habe nachgeschaut, was man (31.01.11) im Netz findet. An der Spitze steht unten das thematische Stichwort; es folgen Darstellung mehrerer (oder aller) Epochen der deutschen Literaturgeschichte. Darauf folgen Darstellungen einzelner Epochen im Zusammenhang mit dem sogenannten Epochenumbruch um 1800. Zum Schluss weise ich auf Bilder als Zugang zum Verständnis (Ansicht und Einblick) einer Epoche hin.

„Epochenumbruch um 1800“

http://www.lindenhahn.de/referate/epochen/epoch1.htm (Theorie und Texte)

http://www.gymnasium-meschede.de/projekte/romantik/herrenmode.htm (Projekt: Mode der Romantik)

http://www.gesamtschule-solingen.de/pdfs/4_2_Leistungskurs%20Deutsch%20Abitur%202011.pdf (Beispiel einer Kursplanung)

http://www.fachdidaktik-einecke.de/9e_Lehrwerke/lehrwerk_epochenumbrueche.htm (zur Theorie des Epochenumbruchs)

http://www.fachdidaktik-einecke.de/2_Lernen_in_Deutsch/vernetzen_DE_01_2008_einecke.pdf (Theorie und Beispiele dazu: „vernetzen“)

Das Stichwort ist nicht ergiebig – ein Beleg dafür, dass es sich beim Epochenumbruch um 1800 um eine Erfindung der NRW-Didaktiker handelt; man kann eine Reihe Bücher zum prüfungsrelevanten Thema kaufen. Das Zitat aus Schlaffers Literaturgeschichte zeigt, dass der entscheidende Bruch im 18. Jahrhundert erfolgte, etwa um 1750, nicht um 1800; Klopstocks Gedichte und Goethes „Werther“ gehören sicher der neuen Epoche nach dem „Umbruch“ an.

Übersichten: Epochen der deutschen Literatur (einschließlich ‚Aufklärung‘ usw.)

http://www.univie.ac.at/iggerm/files/mitschriften/Literaturgeschichte_II.2-Neubauer-SS11.pdf (Literaturgeschichte bis zum Realismus, kompetent!)

http://www.univie.ac.at/iggerm/files/mitschriften/Literaturgeschichte_I-2009S-Neubauer.pdf (Literaturgeschichte ab Realismus, kompetent)

http://xlibris.de/Epochen (gute Darstellung, kann Verständnis vermitteln)

http://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za874/homepage/epochen.htm (kurz und gut)

http://deutschsprachige-literatur.blogspot.com/p/epochen-der-deutschen.html (knapp)

http://www.pohlw.de/literatur/epochen/index.htm (Behandlung der Literatur zu knapp)

http://www.8ung.at/livingbox/literaturepochen.html (gute Gesamtdarstellung, aber zu wenig Autoren)

http://www.schuelerlexikon.de/SID/12de18d2df4fe37e57f67d9bea904103/index.php?id=21#, dort „Lexikon“ öffnen, dann unter „3 Literaturgeschichte“ die Punkte 3.7 (Lit. des 18. Jh.) und 3.8 (Lit. des 19. Jh.) suchen – sehr differenziert, die beste Gesamtdarstellung

http://www.literaturwelt.com/epochen.html (ziemlich einfach, nicht fehlerfrei)

http://www.faecher.lernnetz.de/faecherportal/index.php?DownloadID=2330 (Arbeiten zum Zentralabitur Deutsch in Schleswig-Holstein 2008-2010, dort S. 253 ff.)

http://wiki.zum.de/Epochen_der_deutschen_Literatur (unterschiedlich, je nach Epoche)

http://www.pinselpark.org/geschichte/spezif/literaturg/index.html (etwas besser als „literaturwelt.com“)

http://www.literaturknoten.de/geschichte/spezif/literaturg/index.html (gleich „pinselpark.org“, also überflüssig)

http://de.wikipedia.org/wiki/Deutschsprachige_Literatur (sehr knapp)

http://www.netschool.de/deu/litg/klett_1.htm und http://www.netschool.de/deu/litg/klett_2.htm (knappe Übersicht)

http://gabrieleweis.de/2-bldungsbits/literaturgeschichtsbits/lg-index2.htm (knapp, einige schräge Stellen)

http://www.netschool.de/deu/litg/litg_gnd.htm (mehr als knapp)

http://www.hamburger-bildungsserver.de/welcome.phtml?unten=/faecher/deutsch/autoren/ (nur Links, eher für Lehrer)

http://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/Literatur-Epochen (da muss man sich anmelden; noch unvollständig – einzelne Artikel unten)

Und noch zwei Übersichten eigener Art:

http://www.gymnasedechamblandes.ch/static/sharedFiles/liges.pdf (Einführung in die Literaturgeschichte)

http://www.rezitator.de/3sat/archiv/ (Eine kleine gesprochene Literaturgeschichte der Lyrik, von Lutz Görner)

Barock (gehört nur am Rand noch zum Epochenumbruch um 1800, ist aber schulrelevant)

http://de.wikipedia.org/wiki/Barock_(Literatur)

http://www.hellfirez.de/web/referate/inhalte/Barockei.htm (knapp)

http://blog.zeit.de/schueler/category/literatur/barock/ (mit Links)

http://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za874/homepage/barock.htm (knapp, Links)

http://www.wissen.de/lexikon/barock (mit Links)

http://webs.schule.at/website/Literatur/literatur_barock.htm (ausführlich)

http://www.bhak-bludenz.ac.at/literatur/barock/default.asp (mit Beispielen und Bildern)

http://encyclopedie-de.snyke.com/articles/barockliteratur.html (zur Problematik des Begriffs „Barockliteratur“)

Aufklärung

http://www.judentum-projekt.de/lessingweb/Aufklaerung.htm (umfassend)

http://de.wikipedia.org/wiki/Aufklärung (umfassend)

http://de.wikipedia.org/wiki/Aufklärung_(Literatur)

http://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za874/homepage/aufklaerung.htm

http://blog.zeit.de/schueler/2010/07/28/thema-literatur-des-sturm-und-drang-1767-1790/

http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_litgesch/aufkl/litge_auf0.htm (begrenzt gut)

http://www.abipur.de/hausaufgaben/neu/detail/stat/157969243.html

http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/sturmwerke/

Empfindsamkeit

http://de.wikipedia.org/wiki/Empfindsamkeit

http://blog.zeit.de/schueler/2010/07/27/thema-literatur-der-empfindsamkeit-1740-1790/

http://www.udo-leuschner.de/sehn-sucht/sehn-sucht/s11empfindsamkeit.htm (Beispiel: Garten)

Pietismus

http://www.uni-protokolle.de/Lexikon/Pietismus.html

http://www.philos-website.de/index_b.htm?autoren/pietismus_b.htm~main2

http://www.enzyklo.de/Begriff/Pietismus

http://de.wikipedia.org/wiki/Pietismus (allgemein)

http://www.philos-website.de/index_b.htm?autoren/pietismus_b.htm~main2 (allgemein)

Sturm und Drang

http://www6.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/18/722.pdf

http://de.wikipedia.org/wiki/Sturm_und_Drang

http://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/Sturm_und_Drang

http://blog.zeit.de/schueler/2010/07/28/thema-literatur-des-sturm-und-drang-1767-1790/#more-430

http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/literaturge/sturmdrang.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Sturm_und_Drang_(Literatur)

Weimarer Klassik

http://herrlarbig.de/de/2011/08/04/deutsche-klassik-als-literarische-epochen/

http://www.dinkela.de/zineedit/data/romklassik/Klassik.doc (Weimarer Klassik)

http://www.krref.krefeld.schulen.net/referate/deutsch/r0362t00.htm (kurz)

http://www.till-dembeck.de/folders/dembeck/Dembeck__VL_Klassik_2.pdf (Ringvorlesung „Klassik“)

http://www.goethezeitportal.de/fileadmin/PDF/db/wiss/epoche/lauer_klassik.pdf (Lauer: Klassik als Epoche)

http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_litgesch/klas/litge_klass_0.htm

http://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/Klassik

http://blog.zeit.de/schueler/2010/08/02/thema-literatur-der-klassik-1786-1832/

http://geschichte-wissen.de/neuzeit/49-franzoesische-revolution-napoleon/110-die-weimarer-klassik.html (Schülerarbeit)

http://www.weimar-tourist.de/weimarer-klassik.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Weimarer_Klassik

http://www.gym-raubling.de/inhalte/faecher/deutsch/Klassik.doc

*** Neben der Weimarer Klassik wird seit kurzem auch die Berliner Klassik genannt:

http://www.berliner-klassik.de/ (das Projekt)

http://berlinerklassik.bbaw.de/BK (Datenbanken)

Romantik

http://www.lehrer-online.de/romantik.php

http://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/Romantik

http://de.wikipedia.org/wiki/Romantik

http://blog.zeit.de/schueler/category/literatur/romantik/

http://www.gymnasium-meschede.de/projekte/romantik/literatur.htm

http://www.wcurrlin.de/kulturepochen/kultur_romantik.htm

http://www.referate10.com/referate/Epochen/2/Romantik—Literatur-der-Romantik–Philosophischer-Hintergrund-der-Romantik-reon.php (Schülerreferat)

https://norberto42.wordpress.com/2013/04/15/liebeslyrik-romantik-literatur-der-romantik/ (Liebeslyrik)

Realismus (bürgerlicher bzw. poetischer)

http://www.xlibris.de/Epochen/Realismus

http://webs.schule.at/website/Literatur/literatur_realismus_poetisch.htm

http://webs.schule.at/website/Literatur/literatur_realismus_poetisch_de.htm (Autoren!)

http://www.wissen.de/thema/der-realismus-rueckzug-aufs-buergerliche

https://de.wikipedia.org/wiki/Realismus_(Literatur)

http://www2.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/18/726.pdf

http://www.pinselpark.de/geschichte/spezif/literaturg/epochen/1850_realismus.html (schwach)

http://www.literaturwelt.com/epochen/real.html (schwach)

http://bildungsserver.hamburg.de/realismus/ (Links)

Ich finde es auch hilfreich, Bilder einer Epoche zu betrachten. Dazu habe ich gefunden:

Aufklärung und Absolutismus:

http://www.zum.de/Faecher/G/BW/Landeskunde/rhein/baden/ka/absol/index.htm (Übersicht, Start der Austellung: Baden 1689 – 1789, im Badischen Landesmuseum Karlsruhe, sehr umfangreich und anschaulich)

http://www.picsearch.de/imageDetail.cgi?id=tf1n8LrL458SPiXtg23_XUefo3MhON8tTdHOBqMHW7s&width=1748&start=127&q=Aufklärung (das 18. Jh.)

Empfindsamkeit:

http://www.picsearch.de/imageDetail.cgi?id=Ip4OaJyQY9L61FN8nIaNp2RXdEOjnUC5zWRlsmPW-Mo&width=1748&start=1&q=Empfindsamkeit

Unter google Bilder: Die Suchwörter „Weimarer Klassik“ bieten viele Bilder, daneben gibt es mit Bildern den „Schnellkurs Goethe“ unter http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=804 (das ganze Goethezeitportal ist lesenswert!).

Sodann sind bei google „Romantik Kunst“ und „Romantik Epoche (Malerei)“ ergiebig; „Pietismus Epoche“: wenig, „Sturm und Drang Epoche“: wenig, während es zur „Empfindsamkeit Epoche“ einige Bilder gibt.

Vgl. auch meine Darstellung „Epochenumbruch um 1900“, zu dem eigentlich der oben genannte bürgerliche Realismus bereits als Hintergrund gehört: https://norberto42.wordpress.com/2010/10/03/epochenumbruch-um-1900-2/ und die Linksammlung zu Neue Sachlichkeit!