C. F. Meyer: Schwarzschattende Kastanie – Analyse

Schwarzschattende Kastanie …

Text:

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=298

http://www.medienwerkstatt-online.de/lws_wissen/vorlagen/showcard.php?id=16995 (mit Bild)

Ein Dinggedicht über eine mächtige Kastanie, die es dem Ich angetan hat. Die Überschrift „Schwarzschattende Kastanie“ taucht im Gedicht noch viermal als Anrede auf („Du“, V. 3, u.ö.); das zeigt die Bedeutung der Kastanie, aber auch dieser Formulierung an. Sie weist eine sch-Alliteration auf und wird vom a-Laut bzw. von einer Abfolge a-e beherrscht (a-a-a-e-e / a-a-i-e); sie wirkt wie eine ruhige Beschwörung des Baums, dessen Bedeutung in drei Anläufen herausgestellt wird, jedesmal durch die Zauberformal abgeschlossen (V. 5, 10, 18).

Die erste Bedeutung ist „Mein windgeregtes Sommerzelt“ (V. 2); die Kastanie spendet Schatten, wenn sie sich im Sommerwind bewegt. Sie wird vom Ich angesprochen und gepriesen. Rätselhaft ist zunächst das Adverb „zur Flut“ (V. 3); die Schwierigkeiten lösen sich, wenn man das Wort bildlich versteht: Das weite Geäst senkt sich wie ein große Flut (V. 3 f.). Dieses Bild wird dann weiter ausgebaut: Das Laub trinkt (V. 4): im Porte (Hafen – laut DWDS seit dem 18. Jh. nur noch bildlich: „Ort der Zuflucht und der Sicherheit“) badet die junge Vogelbrut (V. 6 f.); Kinder „schwimmen“ (= klettern) im Gitter des Blattwerks (V. 8 f.). – Die ist bereits die zweite Bedeutung der Kastanie: Sie ist auch anderen Wesen ein Ort der Zuflucht.

Der Ich-Sprecher hat einen vierfüßigen Jambus gewählt, in dem er zügig spricht (öfter Enjambements, V. 3, V. 6 usw.); drei Sätze machen das ganze Gedicht aus. Nur die gegen den Takt betonte Silbe „Schwarz-“ hemmt viermal das Tempo ein wenig. Ein Reim liegt nicht vor.

Die dritte Bedeutung der Kastanie wird ab V. 11 aufgezeigt: Im Dunkel der Kastanie erlischt am Abend das Licht („Ein Blitz“) der Schiffslaterne. Hier scheinen See und Abendboot (V. 11 f.) nicht zum Bildbereich Kastanie-Flut zu gehören, sondern reale Landschaft und Ding zu sein; denn hier wird zwischen Flut und Laub unterschieden (V. 15 f.). Der Lichtblitz geht im Dunkel der Kastanie unter, das Rätsel seiner „Flammenschrift“ (V. 17) erlischt und hört damit auf. Vielleicht kann man bei der Flammenschrift an die Unheil drohende Schrift des Buches Daniel denken (Daniel 5), welche den Untergang von Belsazars (Belschazzars) Reich ankündigte: Mene mene tekel u-parsin. Sie wäre dann hier metaphorisch aufgegriffen: die Kastanie als Ort der Rettung vor allem Unheil – das passte gut zu ihrer Bezeichnung als „Port“ (V. 6).

Das Gedicht ist vor 1874 entstanden, 1882 veröffentlicht worden. Es setzt der schwarzschattenden Kastanie ein großes Denkmal.

https://de.wikipedia.org/wiki/Dinggedicht (Dinggedicht)

http://wortwuchs.net/dinggedicht/ (dito)

http://conrad-ferdinand-meyer.de/werke/Gedichte/ (Meyer: sämtliche Gedichte)

https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Meyer,_Conrad_Ferdinand (Biografie)

http://www.deutsche-biographie.de/ppn118581775.html (dito, neuer)

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Rilke: Römische Fontäne – Interpretationen

Zwei Becken, eins das andre übersteigend…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1496

http://www.rilke.de/gedichte/roemische_fontaene.htm

http://www.dirkvanwingerden.nl/Duits_GHL-web/Literatuur/roemisch.pdf

http://www.zeno.org/Literatur/M/Rilke,+Rainer+Maria/Gedichte/Neue+Gedichte (Neue Gedichte, 1907)

„In Rilkes aus einem einzigen Satz gebildeten Sonett teilt sich uns das Bild einer schmerzlos-innigen Selbstbegegnung mit. Zwar gibt es auch hier ein Nehmen und Geben, ein Träumen und Wachen, ein Reden und Schweigen, ein Zeigen und Sehen: doch alles geschieht nur innerhalb des Brunnens; ohne ein lyrisches Ich, ohne daß ein Betrachter sich über den Brunnenrand beugt – und ohne den Schmerz der Vergänglichkeit, den uns jeder Spiegelblick lehrt.“ (Hans-Ulrich Treichel, in: Interpretationen der FAZ)

Das Gedicht, 1907 in „Neue Gedichte“, ist so umfassend analysiert – als Gedicht und nach dem Motiv „Fontäne“ -, dass ich wirklich nichts mehr dazu schreiben möchte. Es erstaunt mich, dass es keine guten Vorträge des Gedichtes gibt.

http://home.cc.umanitoba.ca/~divay/psg/rilke.html (umfangreiche Analyse durch Gaby Divay)

http://www.erlangerliste.de/barock/opitz.html (Thorsten Preuß, Interpretation im Vergleich mit zwei anderen Brunnengedichten)

http://openscholarship.wustl.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1452&context=etd&sei-redir=1&referer=http%3A%2F%2Fwww.google.de%2Furl%3Fsa%3Dt%26rct%3Dj%26q%3Drilke%2520r%25C3%25B6mische%2520font%25C3%25A4ne%26source%3Dweb%26cd%3D47%26ved%3D0CEcQFjAGOCg%26url%3Dhttp%253A%252F%252Fopenscholarship.wustl.edu%252Fcgi%252Fviewcontent.cgi%253Farticle%253D1452%2526context%253Detd%26ei%3Dpn7nU7yUMKqV7AadjoCADg%26usg%3DAFQjCNGmf77ftlgFRqVtxaeAknI37y_HZA#search=%22rilke%20r%C3%B6mische%20font%C3%A4ne%22 (dort S. 86 ff.)

http://lyrikonline.hep-verlag.ch/mod/data/view.php?d=2&rid=368 (kurze Interpretation)

http://www.otto-friedrich-bollnow.de/doc/Rilke7.pdf (Bollnow über die Fontäne als Symbol bei Rilke)

http://www.jutta-heinz.de/Wissenschaftliches;focus=CMTOI_de_dtag_hosting_hpcreator_widget_Download_12908045&path=download.action&frame=CMTOI_de_dtag_hosting_hpcreator_widget_Download_12908045&view=raw?id=121193 (Fontänen: Metamorphosen eines Jugendstilmotivs bei Rilke, von Jutta Heinz)

http://www.hoelderlin-gesellschaft.info/index.php?id=624 (Aufgaben zur Analyse des Gedichts)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=d9QRqHMaN6Y (Schülerin, schülerhaft)

http://www.napster.de/artist/konstantin-wecker/album/wecker-liest-rilke/ (K. Wecker, Anfang und Ende fehlen)

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/Brunnen_als_Motiv (Brunnen als Motiv)

http://www.lerncafe.de/static_pages/lerncafe/50/index-option=com_content&task=view&id=426&Itemid=585.php.html (das Gedicht im Kontext von Wassergedichten)

http://s322834061.website-start.de/app/download/5796450239/e+R%C3%96MISCHE++FONT%C3%84NE+Rilke.do (Sonettenkranz von Wilhelm Pilgram zu Rilkes Gedicht)

Rilke: Das Karussell – Interpretation

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht…

Text

http://www.english.ucla.edu/documents/foreignlanguageexampassages/German_Spring_07.pdf (mit kurzer Interpretation)

http://www-stud.rbi.informatik.uni-frankfurt.de/~haase/Lyrik/karussell.html

http://rainer-maria-rilke.de/080061karussel.html

Wenn man die im Netz greifbaren Interpretationen durchsieht, fällt einem auf, wie leichtfertig da allerlei „interpretiert“ wird. Vieles wird zwar richtig gesehen, aber dann mit Bedeutung überfrachtet. Und durchweg ein großes Manko: Der Sprecher wird nicht streng genug als Betrachter in den Blick genommen.

Der Sprecher, der das sich drehende Karussell betrachtet und beschreibt, ist ein Erwachsener; er versteht, dass die bunten Pferde „alle aus dem Land [der Kindheit sind], das lange zögert, eh es untergeht“ (V. 3 f.). An diesem sich drehenden Karussell und seinen Fahrgästen geht dem Betrachter die Eigenart der Kindheit auf; aus diesem Grund nennt man das Gedicht ein Dinggedicht. Was er dabei erkennt, steht in der 7. Strophe.

Der Betrachter übernimmt am Anfang an einigen Stellen die Perspektive der Kinder (Lutz Görner spricht so, als ob er die ganze Zeit in dieser Perspektive blickte) bzw. zeigt die Tiere, wie sie im Land der Kindheit aussehen:

  • alle haben Mut in ihren Mienen (V. 6),
  • ein böser roter Löwe geht mit ihnen (V. 7),
  • sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald (V. 9),
  • ein Junge reitet auf dem gefährlichen Löwen (V. 12 ff.).

Ansonsten behält er seine Erwachsenenperspektive: Die größeren Mädchen sind der Kindheit „fast schon entwachsen“ (V. 18), entsprechend blicken sie teilnahmslos bei ihrer Fahrt auf dem Kinderkarussell (V. 19). Das Karussell dreht sich im Kreis, vielleicht immer schneller; dann und wann erscheint dabei ein weißer Elefant – so etwas wie ein Wundertier für Kinder.

In der letzten Strophe verbinden sich Eindrücke des rasch sich drehenden Karussells (V. 23-25) mit der Erklärung des Betrachters, was das Karussell ist und was Kindheit bedeutet:

„Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,

und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.“ (V. 21 f.)

Das ist das Karussell in seiner Bewegung (Reihung kurzer Sätze mit der Konjunktion „und“), es dreht sich nur, dreht sich vielleicht auch immer schneller, hat aber kein Ziel; in dem Sinn ist seine Bewegung, ist das Karussell selbst (nur) ein atemloses blindes Spiel – atemlos (personifiziert), weil es sich schnell dreht; blind, weil kein Ziel „vor Augen“ steht; Spiel, weil es um nichts geht.

Was die Kindheit, die nur zögerlich endet (V. 4), ausmacht, steht in V. 24-27:

  • Die Gesichter der Kinder haben noch ein unfertiges, weiches Profil;
  • sie erfreuen sich des Spiels, sind mit ganzem Herzen dabei („hergewendet“), lächeln;
  • sind selig;
  • ihr Lächeln „blendet“, strahlt – „blendet“ ist also nicht negativ!
  • es wird „verschwendet an dieses […] blinde Spiel“ (V. 26 f.) – „verschwendet“ ist nicht negativ, sondern bedeutet: aus der Fülle hingegeben, im Überschwang des Glücks.

Ob der Betrachter mit Wehmut an seine Kindheit denkt und ob er meint, sie gehe viel zu schnell vorbei (usw. – was die Interpreten alles in dem Gedicht finden, weil sie es hineininterpretieren), das kann man nicht sagen. Vielleicht wird man jedoch in v. 25-27 eine Wehmut des Betrachters verspüren, dass bei den Kindern sich das Glück so ungetrübt und grundlos einstellt – ein Kritik am blinden Spiel des Karussells kann ich jedenfalls nicht erkennen. Thematisch ist das Gedicht mit der Erzählung „Kleine Lebensreise“ (Robert Musil) verwandt; man kann sie zum besseren Verständnis parallel lesen.

Ich habe hier nur ein Gerüst der Interpretation errichtet, mit dem Betrachter/Sprecher als Zentrum; daran kann man dann alles befestigen, was in den anderen Interpretationen an richtigen Beobachtungen (und falschen Interpretationen) notiert worden ist.

Die vielen Enjambements stellen hohe Anforderungen an ein sinnvolles Sprechen und machen erneut deutlich, dass der Rhythmus eines Gedichtes etwas ganz anderes ist als sein „Versmaß“ (hier Jambus); insofern gehört ein guter Vortrag unmittelbar zur Interpretation eines Gedichts. – Erstaunlich ist, dass dieses Gedicht sowohl langsam als auch schnell sehr gut vorgetragen werden kann.

http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Karussell (mit Text: knapp)

http://www.bnv-bamberg.de/home/ba4613/flg/gk_deutsch/gedichte/symbolismus.doc (1. Hälfte hilflos abgeschrieben; fehlerhaft, selbst die Zitiertechnik wird nicht beherrscht)

http://saytheword.de/das-karussell/ (gelehrtes Geschwätz, an das Gedicht angehängt)

http://www.litde.com/gedichte-aus-sieben-jahrhunderten-interpretationen/das-karussell-rainer-maria-rilke.php (H. Kügler; relativ am besten, sieht aber nicht die Kinderperspektive in V. 6 f., 9)

http://stereognosis.blogspot.de/2008/06/das-karussell.html (mit Text; relativ ausführlich, aber z.T. auch problematisch)

http://www.lyrikschadchen.de/html/das_karussell.html (zwei relativ gute Schülerarbeiten, die leider nicht korrigiert sind)

http://www.zappelphil.de/homework,3.html (mancherlei Vermutungen geäußert)

https://www.gedichte.com/threads/173939-Rainer-Maria-Rilke-Das-Karussell (hilflos gegenüber seinen Beobachtungen, kann Metrum und Rhythmus nicht unterscheiden, spinnt teilweise)

http://lyrik.antikoerperchen.de/rainer-maria-rilke-das-karussell,textbearbeitung,290.html (interpretatorisch leichtfertig, schmeißt Rilke und ein nicht vorhandenes lyrisches Ich durcheinander…)

http://www.magistrix.de/texte/Schule/Schularbeiten/Deutsch/Gedichtsinterpretationen/Das-Karussel-von-Rainer-Maria-Rilke.1406.html (relativ vernünftig)

http://online-lernen.levrai.de/deutsch-uebungen/gedichtinterpretation/karussel_gedichtinterpretation/15_gedichtinterpretation_das_karussell_ueben.htm (Analyse der sog. Stilmitel)

http://www.gigers.com/matthias/schule/lueckengedicht_rilke_karussell.html (Gedicht als Lückentext)

Vortrag

https://www.youtube.com/watch?v=W8zfAI4V_VY (mit Bildern, sehr gut)

http://www.srf.ch/player/radio/lyrik-am-mittag/audio/rainer-maria-rilke-das-karussell?id=2f2c6830-ea5d-4f36-a1a1-cc7a6b243a0c

http://www.claus-boysen.de/rilke_karussell.html (Claus Boysen, sehr gut!)

https://www.youtube.com/watch?v=x9RIC9e0YI4 (Karl G., mit Keyboard, sehr gut)

http://www.lutzgoerner.de/index.php?option=com_content&view=article&id=489&Itemid=513 (Lutz Görner – zu stark auf die Kinderperspektive festgelegt, darin aber sehr gut)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/das-karussell.html (Fritz Stavenhagen, beinahe sehr gut)

https://www.youtube.com/watch?v=Yo4gG_PmUaY (Heino Ferch, mit Musik unterlegt; beinahe sehr gut)

https://www.youtube.com/watch?v=0t3-HuY7wyM („textbeute“, gut)

https://www.youtube.com/watch?v=N-M4ysFNwKI (Anna Thalbach – das ist nicht die Lösung)

https://www.youtube.com/watch?v=nT6GULfFjxQ (Miri – dito)

https://www.youtube.com/watch?v=ZzkZ-cWL80Q (nicht gut)

http://media3.roadkast.com/sprechbude/karussell_rilke_maasch_adugna.mp3 = http://www.sprechbude.de/das-karussell-rainer-maria-rilke/ (Christoph Maasch; die untergelegte Geigenmusik stört – schwach)

https://www.youtube.com/watch?v=29adJafNRG4 (Text nicht sauber, mäßig)

http://media3.roadkast.com/sprechbude/rilke_das_karussell.mp3 (Harald Preis, sehr gut)

http://www.podcast.de/episode/208514780/Rainer%2BMaria%2BRilke%2B%25E2%2580%2593%2BDas%2BKarussell/ (zu schnell gesprochen)

https://www.youtube.com/watch?v=QLiiK5rqDoU (gesungen von Schné Ensemble)

https://www.youtube.com/watch?v=1Lw9b83hgus (gesungen – kein Gewinn gegenüber dem Sprechen)

Sonstiges

http://www.fanfiktion.de/s/51824d2800028c2f0c906978/1/Das-Karussell (produktiv in Erzählung umgesetzt)

Mörike: An eine Äolsharfe – Analyse

Angelehnt an die Efeuwand …

Text

http://www.moerike-gesellschaft.de/2008.pdf (dort im Mai: Text mit Kommentar Reiner Wilds)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=789

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/An+eine+%C3%84olsharfe

Zuerst wird man heute erklären müssen, was eine Äolsharfe ist: eine Art Saiteninstrument, dessen Saiten vom Wind durch den Luftzug in Schwingung versetzt werden und so melodische Töne erzeugen. Äolsharfen (oder Windharfen) waren schon in der Antike bekannt; sie hatten in der Zeit um 1800 eine Hochkonjunktur. Hier kann man (auf Link 3) Windharfen hören.

Für das Verständnis von Mörikes Gedicht ist es wichtig zu wissen, dass bereits vor Mörike Äolsharfen auch in der Literatur ein Motiv waren. Berühmt ist Coleridges Gedicht The Eolian Harp (1795). Herder hatte 1795 Thomsons Ode  ins Deutsche übersetzt. Goethe erwähnt das Instrument in der „Zueignung“ von „Faust“:

„Und mich ergreift ein längst entwöhntes Sehnen

Nach jenem stillen, ernsten Geisterreich,

Es schwebet nun in unbestimmten Tönen

Mein lispelnd Lied, der Äolsharfe gleich,

Ein Schauer fasst mich, Träne folgt den Tränen,

Das strenge Herz, es fühlt sich mild und weich…“ (V. 25-30)

Kerner hatte 1823 den „Frauen-Verein zu Weinsberg“ zu Weinsberg gegründet, um die Ruine der Burg Weibertreu vor dem Verfall zu bewahren. In den Schießscharten des „Dicken Turms“ ließ Kerner Äolsharfen anbringen, die Dichtern als Projektionsfläche melancholischer Gedankenspiele dienten. Aus diesem Anlass entstand folgendes Gedicht:

Justinus Kerner: Die Äolsharfe in der Ruine

„In des Turms zerfallner Mauer

Tönet bei der Lüfte Gleiten

Mit bald halb zerrißnen Saiten

Eine Harfe noch voll Trauer.

 

In zerfallner Körperhülle

Sitzt ein Herz, noch halb besaitet,

Oft ihm noch ein Lied entgleitet

Schmerzreich in der Nächte Stille.“

Mit der Äolsharfe, die auch noch bei anderen Autoren erwähnt ist, waren in der Literatur mehrere Aspekte verbunden: „die Klage der Toten aus dem Jenseits, die Klänge aus dem Ganzen der Natur, die poetische Inspiration“ (Georg Braungart).

„Das vermutlich im Frühsommer 1837 entstandene und 1838 in den Gedichten erstmals gedruckte Gedicht ist eine Totenklage; Mörike gedenkt darin (ohne den Namen zu nennen) seines 1824 gestorbenen Bruders August.“ (Reiner Wild, s.o.) Es zählt zu den Dinggedichten.

Das Gedicht beginnt mit dem Zitat einer Strophe aus des Horaz Oden (II.9, V. 9-12) als Motto – das einzige Motto eines Gedichts Mörikes:

„Nur du beweinst in ewigem Klagelied

Des Mystes Tod, dein sehnender Schmerz entweicht

Nicht, wenn des Abends Stern heraufsteigt,

Nicht wenn er flieht vor der glühnden Sonne.“

Dieses Motto ermahnt einen Adressaten, sich der Trauer um einen jungen Mann nicht völlig zu ergeben – Mörike setzt damit vermutlich einen Gedenkstein für seinen Lieblingsbruder August, der 1824 überraschend gestorben war; die ganze verwickelte Beziehung Eduard Mörikes zu August und der Trauer um ihn kann man bei Braungart nachlesen – das Gedicht sollte als veröffentlichtes jedoch nicht nur aus den Details der Biografie Mörikes zu verstehen sein.

In der ersten Strophe wendet sich der Ich-Sprecher an die Äolsharfe, die an eine Efeuwand gelehnt ist; Efeu ist ein Symbol der Treue, der Unsterblichkeit, des ewigen Lebens. Die Äolsharfe wird wiederholt aufgerufen, wieder „Deine melodische Klage“ anzufangen. Die Verse sind in freien Rhythmen abgefasst, sie geben so Raum für die elegische Stimmung des Sprechers.

In der zweiten Strophe werden die Winde angesprochen, welche die Saiten der Harfe zum Klingen bringen sollen. Mit dem gefühlvollen „Ach!“ (V. 9) wird ihrer Herkunft vom Grabhügel des Knaben gedacht, „Der mir so lieb war“ (V. 10) – biografisch gelesen: des Bruders August. Der Ich-Sprecher gesteht: Sie bedrängen „süß“ (V. 14) sein Herz, da sie den vollen Blütenduft aufgenommen haben. In der w-Alliteration (V. 16) wird die Musik der Windharfe beschrieben, die Winde sind in der s-Alliteration benannt (V. 14 f.) und werden im W von „Wachsend“ mit der Musik verbunden, zugleich mit der Sehnsucht des Sprechers. Im Wachsen und Hinsterben sind sie selber lebendig (V. 17 f.).

Die dritte Strophe bringt eine Überraschung, eine Momentaufnahme: Wind und Harfe, in der h-Alliteration verbunden, erzeugen plötzlich den holden Schrei der Harfe und antworten damit der eigenen Seele „plötzliche Regung“ (V. 23). Sie bewirken süßes Erschrecken (V. 22), das genauso ambivalent ist wie der holde Schrei (V. 21), das süße Bedrängen (V. 14) und die melodische Klage (V. 7). Die zweite Folge des Windstoßes ist, dass die voll erblühte Rose „Alle ihre Blätter vor meine Füße“ streut (V. 24 f.). Damit wird sie zum Symbol des Knaben, der aus der Jugend in den Tod gerissen wurde; sie wird zur Gegenblume des Efeus, die blühende Pracht im Untergang. (Rose und Efeu sind beide selbst ambivalente Symbole, in Gehalt oder Verwendung sowohl dem Leben wie dem Tod verbunden.)

Über die Äolsharfe könnte eine weitere Linie zu Mörikes Bruder August führen. Dessen Lieblingsgedicht war Matthisons „Lied aus der Ferne“ (1794 gedruckt). Die letzte Strophe dieses Gedichts lautet so:

„Hörst du, beim Silberglanz der Sterne,

Leis‘ im verschwiegnen Kämmerlein,

Gleich Aeolsharfen aus der Ferne,

Das Bundeswort: Auf ewig dein!

Dann schlummre sanft; es ist mein Geist,

Der Freud‘ und Frieden dir verheißt.“

http://forum.festspiele.de/index.php?page=Thread&postID=43601 (dort ab 10. April 2008; der Autor G. Widmann stützt sich auf Georg Braungarts Aufsatz: Poetische „Heiligenpflege“: Jenseitskontakt und Trauerarbeit An eine Äolsharfe. In: Interpretationen. Gedichte von Eduard Mörike, hrsg. von Mathias Mayer, RUB 17508, S. 104 ff.)

http://buecherei-alstaden.blogspot.de/2010/09/gedicht-des-monats-september-2010-das.html

http://de.groups.yahoo.com/group/Fischer-Dieskau_Forum/message/1381

Symbolik Efeu

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Efeu

http://cologneweb.com/yvonne/efeu.htm

http://www.derkleinegarten.de/800_lexikon/825_symbole/efeu/efeuranke.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Gemeiner_Efeu

Symbolik Rose

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Rose

http://globaltalk.de/kolumnen-von-globaltalk/symbolik-der-rose/007093/

http://www.moers.de/C12572210040C568/html/D9FC37F42DD8F70BC125770600347EC0?opendocument

http://de.wikipedia.org/wiki/Rosen

Dinggedicht

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=GaffD57Vdrk (Hugo Wolf: ?)

http://www.youtube.com/watch?v=yuuI-MMt9lg (dito

http://www.youtube.com/watch?v=GaffD57Vdrk&list=PL9B522F7C466771D1&index=6 (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=gdGeI_upeIs (Hugo Wolf: N. Greenidge)

http://www.youtube.com/watch?v=jYi2Xk_jIuo (Wolf: Evelyn Lear)

http://www.youtube.com/watch?v=G0ucFkblLXg (Wolf: Fischer-Dieskau, u.a.: An eine Äolsharfe)

http://www.youtube.com/watch?v=4bIMbVO3Mfw (Wolf: Scot Weir)

http://www.youtube.com/watch?v=nvlhJEZHkeg (Brahms: Samanta Weppelmann)

http://www.youtube.com/watch?v=cR9eqvY4zPU (Brahms: Emilio Pons)

http://www.youtube.com/watch?v=uMiq_v3lBsw (Brahms: Marija Vidivic) u.a.

http://www.youtube.com/watch?v=n2GYlUdyJ_E (Henze: An eine Äolsharfe)

Sonstiges

http://www.nostalghia.de/wel-frm.html?windharfe0.html (große Seite über Windharfen!)

http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84olsharfe (Äolsharfe)

http://www.windklangkunst.de/whatis.html (Jutta Kelm: Die Äolsharfe)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Matthisson,+Friedrich+von/Gedichte/In+der+Fremde/Lied+aus+der+Ferne (Matthison: Lied aus der Ferne)

http://cingolani.com/21em.html (engl. Übersetzung)

http://jsq.humnet.unipi.it/Poesie.pdf (italien. Übersetzung verschiedener Gedichte Mörikes)

http://www.ku.de/fileadmin/1305/Philologie/Lehre/Interpretationen/I-89-2.pdf (Text und Übersetzung des Horaz-Zitats)