Goethe: Iphigenie auf Tauris – Analyse

von Dr. Peter Brinkemper

Checkliste: Johann Wolfgang Goethe: Iphigenie auf Tauris. Schauspiel 1786/7. Plädoyer für eine genaue Detailanalyse.

Voraussetzungen: Versuchen wir es einmal anders. Klammern wir uns nicht an bekannte Inhaltsangaben und Deutungsversuche zur Klassik und zur Humanität von Goethes „Iphigenie“. Goethe hat nicht umsonst lange an diesem Werk gearbeitet und gefeilt. Überlassen wir uns doch einfach mal dem Text von Goethe.

Dieser Text ist nicht nur poetisch in Versen zu lesen, er bietet in raffiniert ausgestalteten Sätzen eine Fülle von wichtigen Informationen, Details, Motiven und Hinweisen zum Verständnis der hochbewegten Geschichten und Vorgeschichten, die in diesem Drama eine so wichtige Rolle spielen.

Es folgen: die Aufgabenstellung; Themenaspekte; die fünf Textstellen (zwischen Monolog und Dialog quer durch das Werk); entsprechend detaillierte Interpretationshinweise, die weit über die Logik einer Inhaltsangabe hinausgehen; die Textstellen als Fließtext.

Aufgabenstellung: Analysieren & interpretieren Sie fünf Textstellen aus Goethes Schauspiel „Iphigenie“ in Kontext und Zusammenhang.

Achten Sie auf (a) Monolog, Dialog – (b) epische Vorgeschichte (Figuren-Perspektive, selektive Erfahrung ) und aktueller dramatischer Verlauf – (c) Logik, Lücken und Rätselhaftigkeit der erzählten Geschichte/n – (d) Entwicklung der Menschenwelt (Licht und Schatten), Götterwelt und Unterwelt – (e) Rationale und emotionale Argumente: Gesetz und Auslegung, Un/Gehorsam und Hybris – (f) Freiheit und Unfreiheit/Versklavung – Vernunft und Wille, strategischer Verstand und Gefühl – Ausnahme und Exil – (g) Idee der Klassik – (h) Normalität und Traumatisierung: Gewalt, List, Opferung und Versöhnung – (i) Der Mythos vom Fluch über Generationen zwischen Wirksamkeit und Beruhigung – Geburt, Tod und Wiedergeburt/Neugeburt des Subjektes/Individuums/Menschen – (j) Leitmotive, Bilder, Metaphern, rhetorische Figuren.

Goethe:  „Iphigenie auf Tauris“ – die Stellen:

I, 3. Vers 397 – 474 (Ausschnitt der Szene)  Thoas im Dialog im Iphigenie.

I, 4. Vers 538 ff. (vollständige Szene)  Iphigenie (allein).
 Monolog

III, 2. Vers 1258 ff. (vollständig)  Orest
  (aus seiner Betäubung erwachend und sich aufrichtend).  Monolog

IV, 4. Vers 1653 – 1664  (Ausschnitt) Pylades (im Dialog mit Iphigenie).

V, 3. Vers 1804 – 1864  (Ausschnitt) Iphigenie im Dialog mit Thoas.

 

Goethe:  „Iphigenie auf Tauris“ – Interpretationshinweise

I, 3. Vers 397 – 474 (Ausschnitt)  Thoas – Iphigenie (Dialog)

Kontext/Text:

Situation: Die Göttin Diana/Artemis hat die fremde Iphigenie (aus anscheinend bisher ungeklärten Umständen) nach Tauris in ihr Heiligtum versetzt, wo sie sogleich eine neue Heimat fand. Thoas ist der zurückgezogene, misstrauische Herrscher von Tauris. Thoas will Iph. heiraten, aus bestimmten Gründen. Nun gut. Liebt er sie auch wirklich, oder ist Liebe für ihn nicht eher nur ein lästiges Zusatz-Gefühl? Bisher gilt Iph. als die unberührte Priesterin, sie versteht sich vor allem als Eigentum einer rettenden, letztlich die Strafe aussetzenden Göttin. Zwar soll Iph. den (der Göttin Diana eventuell nur untergeschobenen?) alten taurischen Opferkult durchführen, aber sie hat längst aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen als ehemaliges Opfer und Gerettete begonnen, sich von Opferungen zu distanzieren und auf Rettung oder wenigstens Aufschub zu setzen, vorbildlich zunächst für ihren eigenen Wirkungskreis als Priesterin und bald hoffentlich auch gesetzförmig für alle anderen Inhaber weltlicher und geistlicher Macht. Aber gemäß Thoas rückwärts orientiertem Willen sollen unter Iph.s Leitung immer noch nach altem Brauch junge männliche Fremde nach unbefugtem Betreten des Landes getötet werden. Hintergrund des älteren taurischen Opfer-Brauchs ist der frühe Tod von Thoas’ Sohn: Thoas, ohne eigenen Nachfolger, beseitigt mit den Eindringlingen vor allem Konkurrenten um den Thron. Erst eine Heirat z.B. mit Iph. und neue männliche Nachkommen würden die Zukunft seiner Herrschaft festigen. Insofern ist Thoas’ Regime derzeit defensiv und konservativ der Vergangenheit verschrieben; in der Liebe zu Iphigenie leuchtet ein Stück politische Zukunftshoffnung für Tauris auf (I,2).

Vorgeschichte: Iphigenie, Königstochter aus Mykene, wurde mit ihrer Mutter zur Insel Aulis durch Männerlist gelockt. Man versprach ihr eine Hochzeit mit dem gleichfalls getäuschten Helden und Halbgott Achill. Dort hatte Agamemnon, ihr machtbewusster Vater und Heerführer der Griechen (als designierter Griechen-König), auf dem Seeweg nach Troja im Übermut Diana/Artemis, des Sonnengottes Apolls nächtliche Mondschwester, auf der Jagd beleidigt: Agam. vermöge besser zu jagen, selbst gekonnter als Diana. Die griechische Flotte war unterwegs, um den Raub bzw. die Entführung von Agam.s Bruder Menelaos’ Frau, der spartanischen Königstochter Helena, durch Trojas jungen Königssohn Paris militärisch zu beantworten. Helena war wiederum die Schwester Klytämnestras, beide Töchter des spartanischen Königspaares Tyndareos und Leda (der eventuell auch Zeus in Gestalt eines Schwanes statt des alten Königs unterkam). Später werden Apollo und Diana/Artemis sowie Aphrodite, von Paris im berühmten Urteil als schönste erwählte Göttin, auf der Seite der Trojaner stehen, während u.a. Athene, Hera und Poseidon auf der Seite der Griechen wirken werden. Auf Aulis zaubert die Göttin Diana/Artemis Windstille (nach Pylades in Goethe, „Iphigenie“ II,2: „ungestüme Winde“) für die griechische Flotte herbei. Laut Seher Kalchas fordert die Göttin als Wiedergutmachung für Agam.s Beleidigung und Frevel ein Opfer: die Tötung seiner Tochter Iphigenie. Vater und König Agam. zeigt nach vielem Hin und Her den gehorsamen Willen zur Durchführung der Opferung (Wie weit…? Nach Gustav Schwabs „Sagen des klassischen Altertums“ bejaht Iph. am Ende  selbst staatsfromm und ausschlaggebend das Opfer, um Wirrwarr und Aufruhr im griechischen Heer und in der politischen Führungsspitze loyal zu beenden). Da wird Iph. von Diana, die anscheinend mit der Opferbereitschaft genug hat, vor der Tötung oder vom Tode errettet und nach Tauris versetzt. Die Griechen erhalten wieder (schiffbaren) Wind und können nach Troja in einen für alle Seiten verderblichen langwierigen Krieg mit späterer ungewisser Heimkehr segeln. Von Tauris sehnt Iph. sich nach Mykene zurück, sie weiß anscheinend nichts über den Ausgang des Trojanischen Krieges, die Heimkehr Agam.s und die Rache(pläne) Klytämnestras, der die Rettung ihrer Tochter anscheinend unsichtbar blieb und die an das Verschollensein oder die Tötung ihrer Tochter glaubte. Agam. hatte bereits Klytämnestras ersten Mann, den König Tantalus von Pisa (griechisch), und ihren Sohn getötet, bevor er sie zur Frau nahm. In Iph.s Seele überlagern sich glückliche Kindheit, Unheil der expansiven Machtpolitik ihres Vaters, Grausamkeit der Opferung, Todesangst und abrupt-wundersame Errettung.

Auf Thoas’ Frage (in I,3) nach ihrer Herkunft antwortet Iph. teils offen und mit wichtigen Akzenten, teils verschleiernd, beschönigend, verfälschend. (Es handelt sich nicht um eine einfache Inhaltsangabe, sondern gezielte Version/Interpretation.)

1. A) Die Geschichte von Tantalos deutet sie nur an. Aber klar ist ihre Deutung von Tant.’s titanischem Seelenzustand: (für Menschen unvermeidlicher) Hochmut als überdurchschnittlich begabter Liebling auch der Götter, noch in der olympischen Ära. In der Figur des Tantalos  zeichnet sich die Konfliktlinie zwischen Vätern und Söhnen sowohl im älteren titanischen wie im jüngeren olympischen Göttergeschlechte ab und artikuliert sich zugleich das für Goethe typische individuelle Rebellionsmodell des Sturm und Drang. Goethes Iph. artikuliert in IV,5 die Konfliktlinie zwischen den Titanen (Chronos/Saturn mit Mutter Gaia gegen Uranos) und den Olympiern um Chronos’ Sohn Zeus/Jovis/Jupiter, der sich und seine Geschwister aus dem Bannkreis des Vaters befreit („Saturn frisst seine eigenen Kinder“, um die Revolte der Söhne gegen den Vater zu verhindern). In I,3 wird Tant.’s Hybris am Tische der Götter angesprochen, die eigentliche Freveltat umgangen – die Speisung der Götter mit dem eigenen Sohn Pelops, eine bösartige Art Parodie des Kronos-Mythos, eine Veranstaltung, um die Allwissenheit und Gier der Götter grimmig auf die Probe zu stellen. Die Perversion eines Opfers in einer mörderischen, leichtsinnigen, hinterlistigen und hasserfüllten Tat ist das Urbild der tantalidischen Verbrechen (als Form des späten Nachbebens des einstmaligen titanischen Aufruhrs). Präziser ist Tant.’s Sturz in den Tartarus dargestellt, den die titanischen Götter insgesamt beim Sieg der Olympier erlitten: den Fall in die Zone ewiger Bestrafung weit hinter dem Hades; nur angedeutet ist der Fluch für die folgenden tantalidischen Generationen. Die für die Klassik wichtigen Tugenden „Rat, Mäßigung und Weisheit und Geduld“ und ihre Entartungen zu Begierde und Wut werden plastisch angeführt. Der Urkampf der Generationen, die Angst der Alten und die Furcht der Jungen voreinander sowie das Problem einer gesicherten Genealogie sind ein Grundproblem gerade auch in Thoas’ Herrscherwelt, die angesichts des ungeklärten Verlusts des einzigen, immer wieder beschworenen Sohnes um ihr Fortbestehen bangen muss. B) Auf die Tantalus-Geschichte folgt der kurze biographische Abriss zu seinem von Zeus, Hermes und Klotho wiederhergestellten Sohn Pelops. Deutlicher werden hier dessen angebliche Vergehen betont: Durch Verrat und Mord habe Pelops König Önomaos’ Tochter Hippodameia geheiratet. Das ist nur die halbe Wahrheit. Was Goethe Iph. verschweigen lässt: Der König hatte gegen zwölf Freier seiner Tochter beim Wagenrennen gewonnen und sie während beim Aufholen erstochen bzw. nach anderer Erzählung nach dem Wettkampf töten lassen. Wieder ist die wütende Angst vor unerwünschten Nachfolgern das Thema, Thoas müsste dies zutiefst beschäftigen. Pelops gelingt durch List der Sieg beim Wagenrennen (magische Flügelpferde, Manipulation an den Bolzen des Königswagen, ein wahres „Ben-Hur“-Szenario: Wagenbruch des Königs, der zu Tode geschleifte Önomaos). Dabei baut Pelops auf den Verrat des königlichen Wagenlenkers Myrtilus, Sohn des Hermes. Als dieser seinen ihm versprochenen Lohn fordert (eine Nacht mit der Braut, halbes Reich), wird er von Pelops ins Meer geworfen, kann aber Pelops und seine Familie vor seinem Tod verfluchen.

2. Noch konkreter wird Iph. im brutalen Konflikt der folgenden Generation, der Brüder Thyest und Atreus: Sie töten zunächst ihren Halbbruder Chrysippos, den Lieblingssohn des Pelops mit Axyoche (Chrysippos’ Geschichte wird angedeutet, ohne Namen; in der Überlieferung wird er ausgerechnet von Laios, dem späteren Vater von Ödipus, unterrichtet und geschändet). Die Initiatorin des Mordes ist vermutlich Hippodameia, die ebenfalls um die Erbfolge fürchtet; als man sie verdächtigt, bringt sie sich um. Im Kampf um die Macht sind Thyest und Atreus auch untereinander zu allem bedenkenlos bereit: Zunächst teilen sie sich die Herrschaft in Mykene. Atreus etabliert einen sehr götzenförmigen Artemis-Kult mit dem umstrittenen Goldenen Lamm, das er letztlich lieber für sich behält. Thyest schläft mit Aërope, der Frau des Atreus, der daraufhin Thyest vertreibt und seine Frau ins Meer werfen lässt. Der Verbindung beider Brüder mit Aërope erwachsen auf Seiten des Atreus’ Pleisthenes I, Anaxibia (die mit Strophios den Pylades bekommt), Menelaos und Agamemnon; auf Seiten des Thyest  Pleisthenes II, Tantalos II und Pelopia, die mit ihrem Vater Thyest den inzestuös gebrandmarkten, feigen und intriganten Ägistheus zeugen wird. Die Verwirrung der doppelten Mutterschaft, der inzestuösen Vater-Kinder- und Adoptiv-Beziehungen und die Verdoppelung der gleichen Sohn-Namen in beiden Brüderlinien zeigt die mythologische Verwirrung zwischen frühen matrilinearen und patriarchalen Genealogien an. Sie missbrauchen, auch gemeinsam, ihre Frauen, ihre Töchter und ihre Söhne, belügen, betrügen und töten ohne jeglichen Bedenken. Goethe lässt Iph. die Aspekte der ehelichen Untreue und des Inzests im Kontext der Bruder-Rivalitäten teilweise abschwächen bzw. übergehen. – Ausgelassen, aber vorausgesetzt sind: vor allem die inzestuöse Herkunft von Ägistheus aus der Verbindung Thyests und seiner Tochter Pelopia; Ägistheus’ Adoption als unbekanntes Kind durch Atreus, mit oder ohne Aufnahme der schwangeren Pelopia; Atreus’ Entsendung des Ägistheus, um Thyest zu töten, Ägistheus diabolische Kumpanei mit dem Monstervater Thyest und seine neidisch-blutige Rache an dem „reinen“ Atreus, nachdem er von Thyest die Wahrheit über seine inzestuöse Herkunft erfahren hat; die Vertreibung von Agamemnon und Menelaos nach Sparta, die zeitweise Übernahme der Herrschaft in Mykene durch Thyest und Ägistheus, dessen spätere ehebrecherische Vereinigung mit Klytämnestra während des trojanischen Krieges, um die Ermordung des Atreussohns Agamemnon bei dessen siegreicher Heimkehr von Troja vorzubereiten: vordergründig aus Klyt.’s Rache angesichts der Opferung von Iph.; hintergründig aus der Vollendung der Rache des Schurken Ägist.’s , des „nahverwandten Meuchelmörders“, II,1, am privilegierten Hause Autreus, um die parasitäre Machtübernahme abzurunden, bei der Klyt. Interesse an weiblicher Rache nur Mittel zum Zweck ist. Aischylos’ „Orestie“, Ägistheus: „Listpläne legt man in der Frauen Hand, Ich selber war als alter Feind verschrien.“ – Iph. stellt ausgewählte Tötungsaktionen der Brüder ohne Kindesnamen als mörderische Intrigen und kannibalische Handlungen dar, die keineswegs als rituelle Opfer und symbolisch-spirituelle Zeichen im höheren Sinne verstanden werden können. Die erste Episode um Thyest kann verstanden werden als eine abgeschwächte Fassung der Thyest-Ägistheus-Intrige gegen Atreus. Dieser kann den gegen ihn entsandten jugendlichen Killer ausfindig machen, erkennt aber zu spät, dass es sich um einen eigenen, ihm entfremdeten Sohn handelt. Die zweite Episode um Atreus’ Rache: Thyest werden seine eigenen Söhne, vermutlich die Zwillinge Pleisthenes II und Tantalos III, als Speise vorgesetzt – eine Variante des kannibalischen Tantalos-Frevels gegen die Götter und eine weitere Anspielung auf den Chronos-Mythos. Dabei haben die Strategien der grausamen Aggression und der entsprechenden Rache durchaus exekutiven Opferungscharakter im außermoralischen Sinne. Die angedeuteten, veränderten, verallgemeinerten Geschichten und drakonischen Einzelbeschreibungen führen über den Abgrund des tantalidischen Familienkrieges hinweg, mit seiner „ew’gen Wechselwut“ (III,1) aus Unruhe, Wahn, Lüge, Zeugung, Entführung, Missbrauch, Mord und Gegenmord. All dies müsste Thoas eigentlich eine Lehre sein, gerade im Hinblick auf seinen melancholischen Chronos-Kult, fremde Jünglinge und potentielle Thronräuber einfangen und scheinbar religiös verbrämt töten zu lassen. Thoas’ Bewunderung der rätselhaft menschlich gebliebenen Existenz Iph.’s, seine Liebe zu Iph. und sein Abscheu gegenüber der zweiten Erzählung lassen verschiedene Deutungen zu: A) Entweder ist dies ein Hinweis, er sei keineswegs der völlige „Barbar“, wie die Griechen angesichts eigener Barbarei die Vertreter fremder Völker nennen. B) Die Erinnerung an dunkle Seiten der eigenen Familiengeschichte konstituiert ein erstes schlechtes Gewissen. C) Thoas hat weiterhin Angst um den Erhalt der Macht und um die Thronfolge, auch aus der Erinnerung an den ziemlich ungeklärten Tod seines Sohnes. D) Er selbst bezeichnet Iphigenies sonderbar himmlisch-reine Herkunft aus dem „wilden Stamm“ und ihr unberührtes Dasein als „Wunder“, als unbegriffenes, außerordentliches Ereignis, das er in seine dynastischen Pläne einsortieren will.

Der vorliegende Text ist die dritte Erzählung und enthält deutlich Lücken und nur vage Umrisse (im Stil wie die Wolke, von der häufig metaphorisch die Rede ist), die entweder Iph. ebenfalls gestörtem Bewusstsein entsprechen oder eine strategische Variante der Erzählung darstellen. Es geht um die (anfängliche, vorübergehende) Harmonie von Agam.s Familie durch die Geburt und Erziehung zweier Töchter Iph. und Elektra. Der Fluch wird erst wieder aktiviert, als der Sohn Orest geboren wird (die Regel von den jeweils zwei Siths bei „Star Wars“ scheint zuzutreffen) und der Feldzug gegen Troja ansteht, – das Opfer, der Betrug an den Frauen, Klytämnestra und Iph. (kurz angedeutet), der Schrecken der möglichen blutigen Opferung und die wundersame Rettung durch die Göttin Diana. Seit I,1 ist Kritik an der männlichen Ordnung von Unrecht, Hinterlist, Macht, Gewalt und Krieg überall spürbar sowie die Utopie einer anderen, freieren, weiblichen Ordnung von Gerechtigkeit, Vernunft, Frieden und solidarischem Mitgefühl.

– Das Leitmotiv der Wolke steht zwischen Natur, Mensch und Gott: Trübung, Verhüllung und Verrückung von Leben und Bewusstsein. Hier könnte die dramaturgische Logik diskutiert werden: Das Drama ist zwar äußerlich klassisch und hält Ort und Zeitraum in überschaubarer Einheit ein, aber die Rückblenden sind von großen Raum- und Zeit-Spannen erfüllt, damit eher episch und analytisch (Was geschah früher?) als gegenwartsorientiert und dramatisch und wurden von Schiller, zunächst davon unmittelbar hingerissen, sogar als „romantisch“, „sentimental“ und „modern“ bezeichnet. Wieso hat Iphigenie immer noch ein angeblich positives Vaterbild? Ist dies nur noch ein nachklingendes Ideal oder eine zukunftsweisende ethische Idee? Wieso weiß sie, im Kontakt mit dem Himmel, nichts über den Ausgang eines so berühmten Krieges und die Heimkehr des Vaters und Heerführers? Sie sieht sich, in einem dissonanten Dreiklang, in dreifacher Identität: als Enkelin des Mörders Atreus; als Tochter des Kriegers, Machtpolitikers und Lügners Agamemnon; als Eigentum einer außergewöhnlichen, rettenden Göttin. Gerade der dritte und letzte Titel ist eine Randposition und Fluchtperspektive in ihrer Identifizierungskette, die sie schon fast über den Rand des alten Fluches hinweg bringt, aber dennoch die Verbindung mit den alten Mächten noch nicht ganz abbricht. Sie werden ihr auch noch im Dialog mit Thoas von Nutzen sein, wenn sie ihn durch die Technik der vorsichtigen Anknüpfung für ihre neuen Ideen zu gewinnen sucht (eine Art Marquis-Posa-und-Elisabeth-Synthese aus Schillers „Don Karlos“, um die königliche Einsamkeit, Freundes- und Liebesbedürfigkeit von Vater und Sohn in ein vages Modernisierungsversprechen zu verwandeln).

– Göttin, Tempel, Vaterbild und Familienvision (utopische Träume statt krude Realität) als Schutzräume gegen eine tiefere Bindung in Tauris; dort ist nur vorübergehend ihr Ort, Asyl, Exil der Hoffnung auf Rückkehr. Thoas gibt ihr – enttäuscht, aber nicht einsichtig – die prinzipielle Erlaubnis zur Rückkehr und betont – diskriminierend – die angebliche Wankelmütigkeit/Unentschlossenheit der Frauen.

– Anschließender Kontext: Thoas und Iph. beginnen um die wahre Diana und den wahren Götterkult theologisch und politisch zu disputieren. Außerhalb dieses hier erläuterten Abschnittes kündigt Thoas in der Rolle des Herrschers bei Rückkehr von Iph. in ihre Heimat die Wiederaufnahme des alten Opferkultes an. Er testet damit ihre Loyalität als Priesterin. Sie wirft ihm nun offen die Projektion der eigenen Grausamkeit auf die Göttin vor. Er verbittet sich die humanisierende „vernünftige“ Interpretation alter religiöser Gebräuche. Außerdem drängt er auf die Exekution zweier soeben an der Küste ergriffener unbekannter junger Fremder.

I, 4. Vers 538 ff. (vollständig) Iphigenie (allein). Dieser Monolog verdeutlicht:

Bei Goethe sind die lyrischen Bewusstseinszustände der Figuren, Charaktere, Personen wichtiger als die äußere Handlung (im Unterschied zu Schiller, bei dem die realistischere Figurenpsychologie und die stärkere Handlungsdynamik gleichberechtigt sind).

Handlung, Vorgeschichte, Mythos und Geschichte werden in ihre Elemente (gleichgültig ob Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) zerlegt und gleichsam in der Person als Zustand der überzeitlichen Gleichzeitigkeit zwischen Vernunft, Verstand und Gefühl gespeichert.

Bei Iph. liegt eine Art göttlicher Ausweitung des Bewusstseins vor, zwischen Götter- und Menschenwelt, aber ohne falschen Hochmut wie bei Tantalos, sondern eher im Sinne eines gesteigerten Wahrnehmung und philosophisch-mystisch-religiösen Reflexion.

Dabei bereitet sich eine Art Erleuchtung Iph.s vor; sie ist aber noch nicht vollendet, sondern paart sich in der Folge mit menschlicher bodenständiger Klugheit und Vorsicht (unterstützt, später aber auch provoziert u.a. durch Orests Vergegenwärtigung des alten Familienwahnsinns und Pylades’ doppelsinnig-weltlichen Umgang mit Götterorakel und Götterbild).

Hier stellt sich das Problem der Klassik mehrfach, in der Haltung der einzelnen Figuren, in den Dialogen und in Form von Beziehungen: Die Frage nach dem Verhältnis von einseitiger Spannung oder ausgewogener Balance und Harmonie der Ideen von Vernunft und Gefühl – von menschlicher Kraft und übermenschlichem/göttlichen Funken/Eingebung; die Frage nach der umfassenden Überwindung von Barbarei und die Ermöglichung von Zivilisation oder jederzeit möglichem Rückfall. – Die Wolke als Leitmotiv zwischen Rettung, Veränderung und Wandel. – Die innerste Erfahrung Iphigenies: Sie möchte in Zukunft die Opferung vermeiden, da sie selbst einer solchen entronnen ist. Sie begreift für sich bereits die Zufälligkeit der Opferung und des Opfers als Töten und als Morden. Es besteht, vor allem in der geläuterten Rückschau (eine existentielle und geistige Katharsis ist in der Vorgeschichte vorausgesetzt und wirkt im Drama als innerster Antrieb weiter fort) keineswegs eine blinde Ergebenheit in den Kult des Opfers wie noch in Gustav Schwabs zusammenfassender Darstellung.

III, 2. Vers 1258 ff. (vollständig)  Orest  (aus seiner Betäubung erwachend und sich aufrichtend).  (Monolog)

Kontext/Text: Bei der Begegnung zwischen Iph. und Orest in III,1 ist es zur weiteren schrittweisen Enthüllung gekommen:

Pylades hatte, trotz verschlüsselter Erzählungen über seine und Orests Herkunft, bereits in II,2 den Mord an Agam. durch Klytämnestra und Ägistheus aufgrund des geglaubten und verabscheuten Opfertodes der Iph. in Aulis berichtet. Die Rettung Iph.s scheint also unsichtbar für bestimmte Zeugen oder bedeutungslos für bestimmte egoistische Akteure gewesen zu sein.

Iph. fürchtet deshalb die Reaktivierung des grausigen Fluches der Tantalidenfamilie für die eigene, wenn noch lebende Generation. Sie bangt darum, ob die Familie bzw. ihre Geschwister dem Fluch entgangen sind oder entgehen werden.

Orest tritt zunächst als ein weiterer neutraler Bote und fremder Zeuge auf, gibt aber endlich seine Identität als Orest preis.

Iph. freut sich über das Wiedersehen mit dem Bruder. Dieser will diese Begegnung und die ihm enthüllte Verwandtschaft mit der Schwester nicht akzeptieren. Er versteht sich als Verfluchter und sieht in Iphigenie nur die Priesterin der Artemis, der Schwester Apolls.

Iph. muss ertragen, dass Orest sich unter dem wiedererweckten Fluch nur als Muttermörder sieht (aufgrund der Einflüsterungen Elektras, an Klytämnestra Rache für den Vater auszuüben). Er begreift sich nach diesem rächenden Mord als wahnsinnig, verfolgt von den Erinnyen und Familiengeistern. Er will schon in III, 1 seinen eigenen Tod durch den Dolch der Priesterin und sieht den völligen Untergang der restlichen Nachkommen vor seinem inneren Auge voraus, bevor er schließlich zusammenbricht.

Zu III, 2: Orest glaubt zu sterben, aber zugleich erholt er sich, trifft bei dieser Phase des Übergangs in einer Hadesvision seine toten Ahnen und Verwandten. Diese Vision ist aber kein Ergebnis seines vollzogenen Todes, sondern ein verblassendes Nachbild seines Todeswunsches, eine Art „Fade out“ und ein erster Schritt der Heilung: Seine Seele ist über ihren eigenen Zustand unklar, trifft nun auf die Erscheinung der toten Verwandten. Die Begegnung hat zunächst einen friedlichen und harmonischen Charakter, die Tantaliden haben den Tartarus verlassen und wandeln (fast wie in den elysischen Gefilden) friedlich nebeneinander her, aber diese Friedlichkeit besteht auch nur zum Schein. Wenn alle tot sind, hat das bekannte Leiden, Freveln und Morden aus den Mythen keinen Sinn mehr. Nur wie Schatten und Nachbilder treten die Figuren im Hades auf. Was jedoch ist das für ein Frieden? Orest will Agam. wiedersehen, den er nur kurz in seiner Jugend sah, bevor er nach Troja aufbrach; er will an die Seite seiner Mutter treten; er sieht auch wohl den angeketteten Urahn Tantalus. Noch einmal wird dieser der „Göttergleiche“ genannt; damit ist wiederum in milder Form die Hybris, der Frevel angesprochen. In der Hadesvision wird auch das Motiv der Unfreiheit deutlich: Der typische Urzustand der von den Olympiern in den Hades verstoßenen Titanen (Ursprung der Tantaliden). Die Vision der Harmonie stellt sich als eine qualvolle Täuschung und Fesselung in der Unterwelt heraus (Ketten, Heldenbrust, Tantalos- und Prometheus-Motive). Hier also wird Orest keine Ruhe finden, sondern erst durch Rückkehr seiner Seele in den Tag und eine Läuterung in der Menschenwelt und in der erneuten Begegnung mit seiner wiedergefundenen Schwester.

IV, 4. Vers 1653 – 1664 (Ausschnitt) Pylades.
 In diesem sehr kurzen Ausschnitt lobt und kritisiert Pylades Iph.s zurückhaltendes Taktieren in der Rolle der Priesterin (sowie als Schützling von Thoas) und mahnt ein aktiveres Verhalten in der neuen Rolle der Schwester an, die nun erfolgreich mit Bruder und Freund flüchten könnte. Pylades steht also für Egoismus, Klugheit und Strategie, nicht aber für eine gemeinsame Vernunft, bei deren Entscheidungen auch Thoas beteiligt und miteinbezogen wäre. Der priesterlichen und ethischen Reinheit von Iph. unter Dianas Schutz setzt er die (trübe und befleckende) Verschlungenheit des Lebens und die Notwendigkeit rascher praktischer Entscheidungen entgegen, wodurch zur Not auch Flucht und Verrat gegenüber Thoas nötig seien. Iph. wiederum warnt im Kontext vor einer vorschnellen Rettungsaktion (oberflächliche „Action“). Sie vermutet auch im folgenden Monolog IV, 5 die Gefahr, dass sich durch Fortwirken des Fluches neue Hindernisse  auch in den wieder aktivierten taurischen Opferriten (von Thoas für den Fall der Nichtheirat Iph.s angekündigt) für sie selbst (und ihre neuen Gefährten) bei treuloser Flucht ergäben. Sie bezieht sich in dieser Sorge vor allem auf die innere, seelische Befindlichkeit, nicht nur auf die äußere Situation.

V, 3. Vers 1804 – 1864 (Ausschnitt) Iphigenie – Thoas  (Dialog) Es kommt zur offenen Konfrontation zwischen Iphigenie und Thoas (hier ebenfalls ausschnitthaft pointiert). Thoas respektiert die zuvor anerkannte Rolle der Priesterin kaum noch (der Unterschied zwischen Göttergesetz und Herrscherrecht bleibt aber weiterhin als Argumentationsformel wichtig). Er betont ihren Eigennutz bei der Rettung der Verwandtschaft (Bruder und Cousin). Er scheint als Herrscher rückfällig zu werden, scheint unbelehrbar, befiehlt und klagt das Opfer ein. Iph., nun unerhört stark und selbstbewusst, auch als Königstochter eines mächtigen mykenischen Herrschers, beruft sich auf das Gast- und Asylrecht als ältestes und universales Recht – noch vor jeder partikularen Aufspaltung in Eigenes und Fremdes und der Einführung von willkürlichen Fremden-Opfern und Fremden-Hinrichtungen. In gewisser Weise findet man den harten Sophokleischen Konflikt zwischen Antigone und Kreon komplizierter, philosophischer und flexibler nachgebildet und in Richtung der Versöhnbarkeit weiter ausgestaltet. Iph. behandelt Thoas nie als unterlegenen Barbaren, sondern, trotz aller Differenzen, als emotionalen und rationalen Gesprächspartner, der zugleich mild getadelt bzw. konsequent erzogen und dabei gleichberechtigt ernst genommen werden will. Sie bezieht sich auf Thoas’ offensichtlich durch die unerfüllte Liebe geschärfte Einfühlsamkeit in ihre sprechende oder stumme Seele: Er solle nachvollziehen, wie sie selbst auf dem Opferstein das Messer des Todes in schrecklicher Weise auf sich zukommen sah. Der Wille der Göttin Diana sei nun als Zurücknahme des alten Opferrechtes zu deuten; darin liege auch ihr zentraler Auftrag als Priesterin einer Modernisierung, die human ihres Amtes walte. Was Götter zurückgäben, sollten auch Menschen gewähren: Leben statt Tod. Iph. klagt die Schuld aller Herrscher an, sich immer wieder für Tötung und Gewalt als „Konfliktlösung“ zu entscheiden, auch dann, wenn sich die Männer nicht selbst die Hände schmutzig machten, sondern ihre Helfershelfer die grausame Vollstreckung und die Verschleierung der Taten übernähmen. Sie versucht ihr eigenes todesnahes Erleben und ihre wunderbare Rettung von Aulis in Thoas’ Vernunft und in sein Herz zu „versenken“, damit er vom Tode seines Sohnes, von seiner königlichen Furcht und den damit verbundenen alten Opferriten rational und emotional Abstand nimmt. Iph. argumentiert also hier vor allem auf der allgemeinen Ebene der Vernunft einer humanen Politik, nicht nur im Sinne der partikular-egoistischen Familien-Ethik oder Bruder-Schwester-Solidarität. Iph. fordert ihr Menschenrecht als Frau ein und erhebt ihren politischen Anspruch als Königstochter Agam.s (freilich mit einem Erbe, das über den Machtmenschen Agamemnon weit hinaus geht), wobei sie sich mit Worten, friedlich, statt mit Waffen verteidige und wofür sie sich als Botschafterin einen neuen Logos einsetze. Die Rückkehr zur entsühnten Familie kann nur als von allen gewollter menschheitlicher Entschluss erfolgen, als ein universales, allgemeines Gesetz, das alle bejahen können (im Sinne von Kants kategorischem Imperativ). Es soll um gemeinsame Beteiligung und Wahrhaftigkeit an der Konfliktlösung gehen, nicht aber um hinterlistige Flucht in eine Gruppennische. Hier wird die Idee der Klassik und der Humanität (s.o.) in einem dramatisch-philosophischen Höhe- und Finalpunkt als komplexer Appell und Dialog inszeniert. Das Gesetz soll nicht mehr eine willkürliche Regelung der Barbarei, sondern ein vernünftiger Entwurf, ein nachhaltiges Fundament der Zivilisation werden, für alle und überall, in Griechenland wie in Tauris und anderswo.

Ausblick: Es gibt zahlreiche Interpretationsangebote zu diesem Paradestück deutscher Klassik. Viele lassen bis heute die Komplexität von Goethes Vision außer Acht. Gerade im Detail der einzelnen Szenen berührt Goethe immer wieder ein Netzwerk an wichtigen Motiven. Das spricht dagegen, dass hier nur ein langweiliges „klassisches“ oder „klassizistisches“ Werk mit einer veralteten Humanitätsbotschaft vorliegt. Statt pauschale Aussagen abzufragen, sollte die Aufgabenstellung für die genaue Lektüre eingesetzt werden, um festzustellen, wie Mythologie, Religion, Familie, Politik, Ethik, Recht und die Wahrheits- und Gerechtigkeitssuche der Philosophie fließend ineinander übergehen. Daraus speist sich eine reichhaltige Argumentation zwischen Segen und Fluch, Überheblichkeit und Unterwerfung, Götzentum und Götterglaube, Abbild und lebendiges Wesen, Rache und Gewaltverzicht, Lüge und Wahrhaftigkeit, Versklavung und Menschenrecht, Gefangennahme und Befreiung, Opfer und Rettung, Barbarei und Zivilisation, Hass und Liebe, Familien- und Freundschaftsbande, Gefühl und Vernunft, Einfühlung und Einsicht, Distanz und Annäherung, Vereinnahmung und Respekt, Unterdrückung und Würde, Männlichkeit und Weiblichkeit, Neigung und Pflicht, Egoismus und Gemeinwohl, Gesetzgebung und Gehorsam, Emanzipation und Freiheit.

Empfehlenswerte Vergleichstexte:

– Aischylos’ „Orestie“ und Euripides’ „Iphigenie“-Zweiteiler zwischen bewegter Tragödie und mechanischem Göttergericht.

– Die gegensätzlichen Gestalten der Margarethe in Goethes „Faust I“ und der Helena in „Faust II“.

– Christa Wolfs „Kassandra“ (1983), in der die trojanische Königstochter Kassandra als Kriegsbeute unglücklicherweise mit dem Schicksal des Eroberers Agamemnon bei seiner Heimkehr nach Mykene verstrickt wird.

– Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums (eine Synthese aus verschiedenen Quellen).

– Wolfgang Petersens „Troja“-Film (2004) und seine Heldin Briseis, in der verschiedene Frauenfiguren aus Homers „Ilias“ und Wolfs „Kassandra“ zusammengeschweißt sind.

Goethe:  „Iphigenie auf Tauris“die Stellen:

I, 3. Vers 397 – 474 (Ausschnitt)  Thoas: Verbirg sie schweigend auch. Es sei genug
 Der Gräuel!  Sage nun, durch welch ein Wunder
  Von diesem wilden Stamme Du entsprangst.

Iphigenie: Des Atreus ält’ster Sohn war Agamemnon:
  Er ist mein Vater. Doch ich darf es sagen,
  In ihm hab ich seit meiner ersten Zeit
  Ein Muster des vollkommnen Manns geseh’n.
  Ihm brachte Klytämnestra mich, den Erstling
  Der Liebe, dann Elektren. Ruhig herrschte
  Der König, und es war dem Hause Tantals
  Die lang entbehrte Rast gewährt. Allein
  Es mangelte dem Glück der Eltern noch
  Ein Sohn, und kaum war dieser Wunsch erfüllt,
  Dass zwischen beiden Schwestern nun Orest
  Der Liebling wuchs, als neues Übel schon
  Dem sichern Hause zubereitet war.
  Der Ruf des Krieges ist zu euch gekommen,
  Der, um den Raub der schönsten Frau zu rächen,
  Die ganze Macht der Fürsten Griechenlands
  Um Trojens Mauern lagerte. Ob sie
  Die Stadt gewonnen, ihrer Rache Ziel
  Erreicht, vernahm ich nicht. Mein Vater führte
  Der Griechen Heer. In Aulis harrten sie
  Auf günst’gen Wind vergebens: denn Diane,
  Erzürnt auf ihren großen Führer, hielt
  Die Eilenden zurück und forderte
  Durch Kalchas’ Mund des Königs ält’ste Tochter.
  Sie lockten mit der Mutter mich in’s Lager;
  Sie rissen mich vor den Altar und weihten
  Der Göttin dieses Haupt. Sie war versöhnt:
  Sie wollte nicht mein Blut und hüllte rettend
  In eine Wolke mich; in diesem Tempel
  Erkannt ich mich zuerst vom Tode wieder.
  Ich bin es selbst, bin Iphigenie,
  Des Atreus Enkel, Agamemnons Tochter,
  Der Göttin Eigentum, die mit dir spricht.

Thoas.: Mehr Vorzug und Vertrauen geb‘ ich nicht
  Der Königstochter als der Unbekannten.
  Ich wiederhole meinen ersten Antrag:
  Komm, folge mir, und teile was ich habe.

Iphigenie: Wie darf ich solchen Schritt, o König, wagen?
  Hat nicht die Göttin, die mich rettete,
  Allein das Recht auf mein geweihtes Leben?
  Sie hat für mich den Schutzort ausgesucht,
  Und sie bewahrt mich einem Vater, den
  Sie durch den Schein genug gestraft, vielleicht
  Zur schönsten Freude seines Alters hier.
  Vielleicht ist mir die frohe Rückkehr nah;
  Und ich, auf ihren Weg nicht achtend, hätte
  Mich wider ihren Willen hier gefesselt?
  Ein Zeichen bat ich, wenn ich bleiben sollte.

Thoas: Das Zeichen ist, dass du noch hier verweilst.
  Such‘ Ausflucht solcher Art nicht ängstlich auf.
  Man spricht vergebens viel, um zu versagen;
  Der and’re hört von allem nur das Nein.

Iphigenie: Nicht Worte sind es, die nur blenden sollen;
  Ich habe dir mein tiefstes Herz entdeckt.
  Und sagst du dir nicht selbst, wie ich dem Vater,
  Der Mutter, den Geschwistern mich entgegen
  Mit ängstlichen Gefühlen sehnen muss?
  Dass in den alten Hallen, wo die Trauer
  Noch manchmal stille meinen Namen lispelt,
  Die Freude, wie um eine Neugeborne,
  Den schönsten Kranz von Säul’ an Säulen schlinge.
  O sendetest du mich auf Schiffen hin!
  Du gäbest mir und allen neues Leben.

Thoas: So kehr‘ zurück! Tu‘ was dein Herz dich heißt,
  Und höre nicht die Stimme guten Rats
  Und der Vernunft. Sei ganz ein Weib und gib
  Dich hin dem Triebe, der dich zügellos
  Ergreift und dahin oder dorthin reißt.
  Wenn ihnen eine Lust im Busen brennt,
  Hält vom Verräter sie kein heilig Band,
  Der sie dem Vater oder dem Gemahl
  Aus langbewährten, treuen Armen lockt;
  Und schweigt in ihrer Brust die rasche Glut,
  So dringt auf sie vergebens treu und mächtig
  Der Überredung goldne Zunge los.

I, 4. Vers 538 ff. (vollständig)  Iphigenie (allein).
  Du hast Wolken, gnädige Retterin,
  Einzuhüllen unschuldig Verfolgte,
  Und auf Winden dem eh’rnen [eisernen] Geschick sie
  Aus den Armen, über das Meer,
  Über der Erde weiteste Strecken
  Und wohin es dir gut dünkt zu tragen.
  Weise bist du und siehest das Künftige;
  Nicht vorüber ist dir das Vergangne,
  Und dein Blick ruht über den Deinen
  Wie dein Licht, das Leben der Nächte,
  Über der Erde ruhet und waltet.
  O enthalte vom Blut meine Hände!
  Nimmer bringt es Segen und Ruhe;
  Und die Gestalt des zufällig Ermordeten
  Wird auf des traurig-unwilligen Mörders
  Böse Stunden lauern und schrecken.
  Denn die Unsterblichen lieben der Menschen
  Weit verbreitete gute Geschlechter,
  Und sie fristen das flüchtige Leben
  Gerne dem Sterblichen, wollen ihm gerne
  Ihres eigenen, ewigen Himmels
  Mitgenießendes fröhliches Anschau’n
  Eine Weile gönnen und lassen.

III, 2. Vers 1258 ff. (vollständig)  Orest
  (aus seiner Betäubung erwachend und sich aufrichtend).  Noch Einen! reiche mir aus Lethe’s Fluten
  Den letzten kühlen Becher der Erquickung!
  Bald ist der Krampf des Lebens aus dem Busen
  Hinweggespült; bald fließet still mein Geist,
  Der Quelle des Vergessens hingegeben,
  Zu euch, ihr Schatten, in die ew’gen Nebel.
  Gefällig lasst in eurer Ruhe sich
  Den umgetrieb’nen Sohn der Erde laben! —
  Welch ein Gelispel hör‘ ich in den Zweigen,
  Welch ein Geräusch aus jener Dämm’rung säuseln?—
  Sie kommen schon, den neuen Gast zu sehn!
  Wer ist die Schar, die herrlich mit einander
  Wie ein versammelt Fürstenhaus sich freut?
  Sie gehen friedlich, Alt‘ und Junge, Männer
  Mit Weibern; göttergleich und ähnlich scheinen
  Die wandelnden Gestalten. Ja, sie sind’s,
  Die Ahnherrn meines Hauses!—Mit Thyesten
  Geht Atreus in vertraulichen Gesprächen;
  Die Knaben schlüpfen scherzend um sie her.
  Ist keine Feindschaft hier mehr unter euch?
  Verlosch die Rache wie das Licht der Sonne?
  So bin auch ich willkommen, und ich darf
  In euer’n feierlichen Zug mich mischen.
  Willkommen, Väter! euch grüßt Orest,
  Von euer’m Stamm der letzte Mann;
  Was ihr gesät, hat er geerntet:
  Mit Fluch beladen stieg er herab,
  Doch leichter träget sich hier jede Bürde:
  Nehmt ihn, o nehmt ihn in euern Kreis!—
  Dich, Atreus, ehr‘ ich, auch dich Thyesten:
  Wir sind hier alle der Feindschaft los.—
  Zeigt mir den Vater, den ich nur einmal
  Im Leben sah!—Bist du’s, mein Vater?
  Und führst die Mutter vertraut mit dir?
  Darf Klytämnestra die Hand dir reichen;
  So darf Orest auch zu ihr treten
  Und darf ihr sagen: sieh deinen Sohn! —
  Seht euer’n Sohn! Heißt ihn willkommen.
  Auf Erden war in unserm Hause
  Der Gruß des Mordes gewisse Losung,
  Und das Geschlecht des alten Tantalus
  Hat seine Freuden jenseits der Nacht.
  Ihr ruft: Willkommen! und nehmt mich auf!
  O führt zum Alten, zum Ahnherrn mich!
  Wo ist der Alte? dass ich ihn sehe,
  Das theure Haupt, das vielverehrte,
 Das mit den Göttern zu Rathe saß.
 Ihr scheint zu zaudern,  euch wegzuwenden?
 Was ist es? Leidet der Göttergleiche? Weh mir! es haben die Übermächt’gen
Der Heldenbrust grausame Qualen
Mit eh’rnen [eisernen] Ketten fest aufgeschmiedet.

IV, 4. Vers 1653 – 1664  (Ausschnitt) Pylades.
  So hast du dich im Tempel wohl bewahrt;
  Das Leben lehrt uns, weniger mit uns
  Und andern strenge sein; du lernst es auch.
  So wunderbar ist dies Geschlecht gebildet,
  So vielfach ist’s verschlungen und verknüpft,
  Dass keiner in sich selbst, noch mit den andern
  Sich rein und unverworren halten kann.
  Auch sind wir nicht bestellt uns selbst zu richten;
  Zu wandeln und auf seinen Weg zu sehen
  Ist eines Menschen erste, nächste Pflicht:
  Denn selten schätzt er recht was er getan,
  Und was er tut weiß er fast nie zu schätzen.

V, 3. Vers 1804 – 1864  (Ausschnitt) Iphigenie:
Du forderst mich! Was bringt dich zu uns her?

Thoas: 
Du schiebst das Opfer auf; sag an, warum?

Iphigenie: 
Ich hab an Arkas alles klar erzählt.

Thoas: 
Von dir möcht ich es weiter noch vernehmen.

Iphigenie: 
Die Göttin gibt dir Frist zur Überlegung.

Thoas: 
Sie scheint dir selbst gelegen, diese Frist.

Iphigenie:
 Wenn dir das Herz zum grausamen Entschluss
 Verhärtet ist, so solltest du nicht kommen!
 Ein König, der Unmenschliches verlangt,
 Find’t Diener g’nug, die gegen Gnad und Lohn
Den halben Fluch der Tat begierig fassen;
 Doch seine Gegenwart bleibt unbefleckt.
 Er sinnt den Tod in einer schweren Wolke, 
Und seine Boten bringen flammendes
 Verderben auf des Armen Haupt hinab; 
Er aber schwebt durch seine Höhen ruhig,
 Ein unerreichter Gott, im Sturme fort.

Thoas:
 Die heil’ge Lippe tönt ein wildes Lied.

Iphigenie: 
Nicht Priesterin! nur Agamemnons Tochter. 
Der Unbekannten Wort verehrtest du, 
Der Fürstin willst du rasch gebieten? Nein!
 Von Jugend auf  hab ich gelernt gehorchen,
 Erst meinen Eltern und dann einer Gottheit, 
Und folgsam fühlt ich immer meine Seele 
Am schönsten  frei; allein dem harten Worte, 
Dem rauhen Ausspruch eines Mannes mich
 Zu fügen, lernt ich weder dort noch hier.

Thoas:
 Ein alt Gesetz, nicht ich, gebietet dir.

Iphigenie: 
Wir fassen ein Gesetz begierig an,
 Das unsrer Leidenschaft zur Waffe dient.
 Ein and’res spricht zu mir, ein älteres, 
Mich dir zu widersetzen: das Gebot, 
Dem jeder Fremde heilig ist.

Thoas:
 Es scheinen die Gefangnen dir sehr nah
 Am Herzen, denn vor [Variante: „für“] Anteil und Bewegung
 Vergissest du der Klugheit erstes Wort, 
Dass man den Mächtigen nicht reizen soll.

Iphigenie: 
Red’ oder schweig ich, immer kannst du wissen,
 Was mir im Herzen ist und immer bleibt.
 Löst die Erinnerung des gleichen Schicksals 
Nicht ein verschloss’nes Herz zum Mitleid auf?
 Wie mehr denn meins! In ihnen seh’ ich mich. 
Ich habe vor’m Altare selbst gezittert, 
Und feierlich umgab der frühe Tod
 Die Knieende; das Messer zuckte schon, 
Den lebensvollen Busen zu durchbohren;
 Mein Innerstes entsetzte wirbelnd sich, 
Mein Auge brach, und – ich fand mich gerettet. 
Sind wir, was Götter gnädig uns gewährt,
 Unglücklichen nicht zu erstatten schuldig? 
Du weißt es, kennst mich, und du willst mich zwingen!

Thoas: 
Gehorche deinem Dienste, nicht dem Herrn!

Iphigenie: 
Lass ab! Beschönige nicht die Gewalt, 
Die sich der Schwachheit eines Weibes freut.
 Ich bin so frei geboren als ein Mann. Stünd’ Agamemnons Sohn dir gegenüber 
Und du verlangtest, was sich nicht gebührt, 
So hat auch er ein Schwert und einen Arm, 
Die Rechte seines Busens zu verteid’gen.
 Ich habe nichts als Worte, und es ziemt 
Dem edlen Mann, der Frauen Wort zu achten.

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Siehe auch die Linksammlung https://norberto42.wordpress.com/2011/09/19/goethe-iphigenie-auf-tauris-inhalt-aufbau-mythos-kommentierte-links-zur-interpretation/ zu „Iphigenie auf Tauris“!

Goethe: Iphigenie auf Tauris IV,5 – kurze Analyse

Ausgangssituation (vgl. https://norberto42.wordpress.com/2011/09/27/goethe-iphigenie-auf-tauris-iv4-szenenanalyse-kurz/, meine Szenenanalyse IV,4): Iphigenie ist von Pylades bedrängt worden, bei der Rettung der Griechen mitzumachen und sich über ihre Bedenken (V. 1566 ff., V. 1635 ff.) hinwegzusetzen.

Analyse IV,5: In einem Monolog reflektiert Iphigenie ihre Situation. Sie ist unsicher, was sie tun soll und wie es mit ihr weitergeht – das zeigen die vielen Fragen (Fragezeichen), die sie zu Beginn stellt. Sie hebt zunächst auf das Muss ab, unter dem sie zu stehen scheint (V. 1689 f.), um die Ihren zu retten – und setzt dagegen ihr eigenes Schicksal (V. 1690 ff.).

Dieses eigene Schicksal ist von der Enttäuschung ihrer Hoffnung [Kontrast: vergangene Hoffnung / gegenwärtige Erfahrung resp. Erwartung] bestimmt: Sie hatte gehofft, als Frau „mit reiner Hand und reinem Herzen“ (V. 1701) die Schuld von ihrer Familie nehmen zu können (bis V. 1702) – gestützt auf die Erwartung, dass auch der Fluch wie alles in der Welt einmal zu Ende gehen werde (V. 1696/98). Nun schien sich diese Hoffnung gerade zu erfüllen (V. 1703/06), da wird sie von der Not(wendigkeit), das Götterbild zu stehlen und den König zu betrügen, zerstört (bis V. 1711).

In dieser verzweifelten Situation wendet sie sich an die (Olympischen) Götter mit der Bitte um Hilfe (V. 1712/17): auf dass nicht Auflehnung sie erfasse, auf dass nicht Hass gegen diese Götter in ihr aufkeime, wo doch die Götter sie in den grausamen Konflikt zwischen Rettung und Verbrechen hintreiben (hineinzutreiben scheinen): „Rettet mich / Und rettet euer Bild in meiner Seele!“ (V. 1716 f.)

Da erinnert sie sich an das Parzenlied, das sie selbst von ihrer Amme gehört hat und das die Begleitmusik ihres Familiengeschicks gewesen ist (V. 1718 ff.). Die Parzen (= griech. Moiren, Göttinnen des Schicksals) haben mit diesem Lied das Geschick des Tantalus kommentiert: Sie rufen zur Ehrfurcht vor den Göttern auf, weil diese die Macht haben, Menschen zu sich zu erheben oder auch wie Tantalus rücksichtslos in den Abgrund zu stoßen und das ganze Geschlecht unter ihrem Fluch leiden zu lassen (V. 1726 ff.). Mit diesem Lied, das ihr wie eine Warnung in den Sinn kommt, bestärkt Iphigenie sich darin, an der Ehrfurcht vor den Göttern und damit an ihrem Ideal des reinen Lebens festzuhalten. – In der letzten Strophe berichtet sie davon, wie Tantalus auf das Lied der Parzen reagierte. [Eigentlich gehört diese Strophe nicht mehr zum Lied der Parzen; sie ist aber so gesetzt (HA Bd. 5, S. 55), als ob sie dazu gehörte.]

Ergebnis: Iphigenie steht in einem Konflikt zwischen der Pflicht, ihren Bruder und die Griechen vor dem Tod zu retten, und der Pflicht, „rein“ zu leben und dem König Thoas dankbar zu sein. Sie weiß keinen Ausweg; mit Gebet und Lied bestärkt sie sich darin, den Pfad des reinen Lebens nicht zu verlassen.

Vgl. http://www.eule2003.de/gbereich/g-Deutsch/d12/Goethe/iphe_I4+IV5.pdf  Klausur zu IV,5 (mit Lösungserwartung)

http://www.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/8/60.pdf (Klausur zu IV,5)

Goethe: Iphigenie auf Tauris IV,4 – Szenenanalyse (kurz)

Ausgangssituation:

Iphigenie ist durch die Begegnung mit Arkas (IV,2) noch unsicherer geworden, ob sie beim Betrug der Griechen mitmachen darf (vgl. V. 1405; V. 1522 ff.). Pylades sucht Iphigenie auf, um ihr gute Nachrichten zu überbringen und sie zum Aufbruch zu drängen (V. 1532 ff.; vgl. V. 1395 ff.).

Verlauf des Gesprächs:

1. Pylades trägt Iphigenie seine Botschaft vor (bis V. 1559) und drängt auf schnellen Aufbruch (V. 1560 ff.). Die zaudernde Iphigenie erklärt, warum sie noch auf den Boten des Königs warten muss (V. 1571 ff.).

2. Pylades entwickelt einen neuen Plan, was Iphigenie tun soll und wie sie dann alle gerettet werden (V. 1591 ff.). Iphigenie wird dadurch wieder auf seine Seite gezogen (V. 1619 ff.).

3. Als Iphigenie erneut von Bedenken ergriffen wird (V. 1633 ff.), diskutieren beide das Recht ihres Zögerns. Iphigenie beruft sich auf ihr Herz, ihr Fühlen (V. 1648, V. 1650) als letzte Instanz; Pylades bringt dagegen fünf Gründe vor, warum Iphigenie unbesorgt mitmachen darf (V. 1654 ff.). Er kann Iphigenie nicht wirklich überzeugen.

Ergebnis des Gesprächs:

Pylades hat sein Vorhaben ausgeführt. Iphigenie leidet an ihrer Parteinahme für Pylades (vgl. IV,5 – Pylades war also nur bedingt erfolgreich) und findet erst im Angesicht des Königs Thoas wieder ihre Klarheit (V,3).

Nachtrag: Bemerkung zum Spiel der Motive „reine Seele“ und „Frau/Mann“

Wie Pylades im Gespräch agiert, sieht im Licht seiner Äußerungen von II,1 (V. 772 ff.) fragwürdig aus. Dort hatte er die Priesterin mit dem reinen Herzen gepriesen (V. 774 f.) und dafür gedankt, dass sie eine Frau ist und sich nicht wie ein Mann an Grausamkeit gewöhnt (V. 786 ff.). In IV,4 dagegen, im Eifer des männlichen Argumentierens, tadelt er die reine Seele Iphigenies als unheilbringend (V. 1583 f., vgl. V. 1654-1659) und lehrt die Not als oberstes Richtmaß des Handelns (V. 1672 ff.) – worauf Iphigenie sich ein männliches Herz mit seiner unerschütterlichen Konsequenz wünscht (V. 1677 ff., entgegen V. 1650-1652).

Auch das männliche Planen erscheint als fragwürdig (V. 1584-1586), der zu eng gedachte Plan des Pylades muss durch einen neuen ersetzt werden (V. 1591 ff.); damit erscheint Orests Spott (V. 762) als gerechtfertigt.

Man muss bei einer exakten Szenenanalyse beachten, wie solche Motive szenenübergreifend ineinander spielen. 

Goethe: Iphigenie auf Tauris – Szenenanalyse V,3 (Vorstufe)

Die gröbste Gliederung des Gesprächs sieht so aus (und zeigt Iphigenie als die das Gespräch dominierende Figur, auch wenn der König die Themen vorgibt):

Iphigenie rechtfertigt vor dem König, dass sie das Opfer aufgeschoben hat (V. 1804 – V. 1854).

Iphigenie bittet ihn als schwache Frau um Gehör (V. 1855 – V. 1885).

Iphigenie trägt ihm die Bitte um freie Abfahrt vor (V. 1886 – V. 1978 bzw. 1992).

Die Vorstufe einer detaillierten Szenenanalyse sieht so aus:

Ausgangssituation:

Thoas ist durch Arkas über die Machenschaften der Griechen informiert worden (V,1). Er ist über Iphigenies Betrug empört (V,2) und lässt sie holen (V. 1777), um sie zur Rede zu stellen.

Verlauf des Gesprächs (V,3):

Im Wesentlichen spricht Iphigenie, die den Aufschub des Opfers verteidigen muss. Zuerst verteidigt sie sich als Priesterin (- V. 1820), die sich nicht durch Mord beflecken will; dann verteidigt sie den Anspruch, als Königstochter nicht gehorchen zu müssen (- V. 1830). Thoas beruft sich bei seiner Forderung auf ein altes Gesetz der Taurer (V.1831). Iphigenie weist diesen Anspruch mit doppelter Begründung zurück (- V. 1854).

Als Thoas dann einfach Gehorsam gegenüber ihrem Dienst und Amt fordert (V. 1855), bittet sie ihn hilflos als schwache Frau um Gehör (- V. 1865). Dabei fällt das Stichwort „reine Seele“ (V. 1874), das eine Wende des Gesprächs vorbereitet. Als Thoas nämlich direkt fragt, wer die Fremden sind (V. 1886 ff.), weicht Iphigenie stockend aus; das bemerkt sie selbst, worauf sie nachdenkt und dann neu ansetzt (V. 1882).

Den zweiten Teil des Gesprächs dominiert Iphigenie. Sie beginnt mit einer Reflexion ihres großen Vorhabens (- V. 1919) und bekennt dann die Identität der Griechen. Damit legt sie ihr Geschick in des Thoas Hand: „Verdirb uns wenn du darfst.“ (V. 1936). Sie muss zwei Einwände des Thoas abwehren (– V. 1961) und trägt dann ihre Bitte vor: „so entlaß uns“ (V. 1963), mit zweifacher Begründung (- V. 1979). Thoas lehnt diese Bitte nicht rundweg ab, sondern kämpft mit sich, ob er sie erfüllen soll – Iphigenie bestürmt ihn mit ihren Bitten und behält das letzte Wort: „gewähre wie du’s fühlst“ (V. 1992).

Ergebnis des Gesprächs:

Iphigenie hat sich im Gespräch mit dem König behauptet, hat sogar ihrerseits die Initiative ergriffen und die feste Position des Königs mit ihrer Bitte um freie Abfahrt ins Wanken gebracht. Damit hat sie die glückliche Lösung der Probleme (V,6) eingeleitet.

Wenn man die Begriffe Sprechakte oder sprachliches Handeln nicht beherrscht, kann man eine Szene nicht analysieren. Auch muss man die Anforderungen der Szenenanalyse kennen.

Goethe: Iphigenie auf Tauris – Themen, Motive, Interpretation

In meinem Beitrag https://norberto42.wordpress.com/2011/09/19/goethe-iphigenie-auf-tauris-inhalt-aufbau-mythos-kommentierte-links-zur-interpretation/ habe ich Links zum Verständnis der „Iphigenie“ gesammelt. Ich gebe im Folgenden, darauf bezogen, eine kleine Übersicht über Ansätze zum Verständnis des Werks und nenne die dabei jeweils relevanten Links – zuvor gebe ich meine Kurzinterpretation als Rahmen, in den man alle Einzelheiten einordnen kann:

Ist es möglich, aus der Verbannung, der Fremde in die Heimat zurückzukehren? Goethe greift mit „Iphigenie auf Tauris“ auf Gestalten des griechischen Mythos zurück (Iphigenie, Orest, Agamemnon und dessen Frau Klytämnestra, Tantalus als Ahnherr der Familie und andere). An ihnen führt er vor, wie die Menschen der Unheilsgeschichte, in die sie (hier v.a. Orest) verstrickt sind (griechisch: Fluch der Götter; analog christlich: Erbsünde), entkommen können: nicht durch das männliche Prinzip des Kämpfens, des Planens und Täuschens (vertreten durch Pylades, auch durch Orest und Thoas), sondern durch das in Iphigenie (als Frau, als reine Seele) verkörperte humane Prinzip, die Wahrheit zu sagen, vernünftig zu argumentieren und auch vor dem Fremden Respekt zu haben. Iphigenie interpretiert (in der Auseinandersetzung mit den Männern, in der Reflexion ihrer Monologe) wiederholt, wie „die Götter“ sind und was sie eigentlich wollen: „Denn die Unsterblichen lieben der Menschen / Weitverbreitete gute Geschlechter / Und sie fristen das flüchtige Leben / Gerne dem Sterblichen…“ (V. 554 ff.) Iphigenie hört auf die Stimme des Herzens, um „die Götter“ zu verstehen; diese Stimme spricht wahrer als alte eigenmächtig geschaffene Traditionen. Die Stimme der Wahrheit und der Menschlichkeit kann jeder hören, „dem / Des Lebens Quelle durch den Busen rein / Und ungehindert fließt“ (V. 1940 ff.). Sie macht zwar zunächst bei des Pylades Rettungsplan mit (IV, 1 ff.), wird aber von Gewissensbissen geplagt (IV, 1 und IV,3-5): „O weh der Lüge! Sie befreiet nicht / Wie jedes andre wahrgesprochne Wort / Die Brust…“ (V. 1405 ff.); nach innerem Ringen entscheidet sie sich, dem König die Wahrheit zu sagen (V. 1892 ff.). So heilt sie, die „Heilige“, ihren Bruder (V. 2117 ff.) und macht Abschied und Heimkehr in Frieden (V,6) möglich. [Methodischer Tipp: zuerst die Figuren des Mythos kennenlernen, sonst versteht man gar nichts!] N.T.

Oresthandlung:  der im Mythos befangene Orest – der vernunftgeleitete Pylades; durch die Sprache (der Schwester) wird Orest „aus dem alten Schuldzusammenhang und der hergebrachten Kommunikatonsunfähigkeit der Familie“ befreit.

Parallel: die archaischen Taurer (Menschenopfer, Tradition) – die moderne Iphigenie; dazwischen steht Orest, der mittels Zweikampf Streit entscheiden will (vertritt feudal-heroische Position). Iphigenie löst das Problem durch Argumentation und Appell an die Großmut des Königs. Aufklärung siegt über den Mythos und das Adelsprinzip.

Vgl. Götz, der Probleme (wie Orest) mit der kämpfenden Hand lösen will und scheitert, vs. Iphigenie, die durch das Wort und ihre Wahrhaftigkeit siegt. Iphigenies Lösung ist utopisch.

(http://www.xlibris.de/Autoren/Goethe/Werke/Iphigenie+auf+Tauris?page=0%2C0)

Iphigenie repräsentiert einmal die leidende Frau, dann mit ihrer Reinheit (Wahrhaftigkeit) auch die hohe (schöne) Seele gegenüber der List der Männer.

Die mythische Verfallenheit (Erbsünde, Kette der Verbrechen) wird durch das Recht der mitfühlenden Schwesterlichkeit (Pendant zur revolutionären Brüderlichkeit) abgelöst, welche die despotische Vaterordnung überwindet.

Durch die Umdeutung (oder das richtige Verständnis!?) des Orakels „wird der Einklang des göttlichen Gebots mit den Maßstäben menschlicher Moralität endgültig hergestellt“ [strittiger Punkt zwischen Thoas und Iphigenie: Gilt die Tradition des Menschenopfers als Wille der Götter? Zwischen Pylades und Iphigenie: Gilt das Gebot der Not mehr als die Pflicht zur Wahrheit?]

(http://www.goethezeitportal.de/?id=806)

Goethe thematisiert im Motiv des Tantalidenfluches die christliche Idee der Erbsünde.

Anhand des Einsatzes des Mythos erweist sich die Figur der Iphigenie als ein Exempel der Mündigkeit des Menschen.

Der Mythos ist ein Antagonismus zur Mündigkeit.

(http://www.uni-jena.de/unijenamedia/Bilder/faculties/phil/germ_lit/Materialien/Matuschek/SS+2008/Mythologie/Protokoll_3.pdf)

Die die Konflikte strukturierenden Gegensatzpaare sind etwa: Mann/Frau, Lüge/Wahrheit, Götter/Menschen, Griechen/Barbaren (= Fremde), Herz/Verstand.

[Die Männer tendieren dazu, sich rücksichtslos durchzusetzen, mit Lüge und Kampf und der Berufung auf die Tradition, auf die Not, die Klugheit; dagegen stehen die schwächeren Frauen und die exemplarisch reine Frau Iphigenie, die schöne Seele. Sie hört auf die Stimme des Herzens, vermittelt zwischen Griechen und Barbaren, zwischen dem Willen der Götter und den Bedürfnissen der Menschen. (N.T.)]

(http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/dramatik/iphigenie.htm)

Motive:

Frau – Mann

Orest (Mythos) – Pylades (Logos)

Stimme des Herzens (Iphigenie) – Gebot der praktischen Vernunft (Pylades) [dazu: Wahrheit – Lüge]

Menschen – Götter (Orest u.a. – Iphigenie)

Barbaren (Fremde) – Zivilisierte (Griechen)

(http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/goethe/iphi.htm)

Der tragische Konflikt für Iphigenie: Durch ihre Rückkehr könnte sie den Tantalidenfluch beenden, müsste sich dazu jedoch selber unrein machen, indem sie Thoas hintergeht. Außerdem würden die Menschenopfer auf Tauris wieder fortgeführt werden. Lügt sie Arkas, den Diener Thoas‘, und Thoas selbst nicht an, so bleibt sie selbst rein, kann aber nicht nach Hause zurückkehren.

Lügt sie, kann sie zwar Pylades und Orest retten und nach Hause segeln, jedoch wäre sie selber dadurch unrein geworden und der Fluch bliebe somit bestehen. Sie entscheidet sich schließlich dafür, die Wahrheit zu sagen und auf das zu hören, was die Seele im Inneren ihr eingibt. Iphigenie wird zum humanistischen Menschen, der gute und humanistische Götter zum Vorbild hat, sich aber nicht von ihnen abhängig macht und selber handelt.

(http://westfaelisches-landestheater.de/files/iphigenie_auf_tauris_-_materialmappe.pdf)

Generalthese: „In der Rückwendung auf die Vergangenheit öffnet ihnen sich diese auf unterschiedliche Weise: in Tantalus als Urbild mythischer Schuld, in der geschichtlichen Folge von Tantalus und Agamemnon bis zu Orest und Iphigenie dagegen als eine zunehmende Entfernung vom Mythos, die zugleich Freiheit und Humanität ermöglichen soll.“ (S. 2 f.)

„Das titanische Element erweist sich nicht länger als Prinzip berechtigter Revolte gegen die Welt der Götter, sondern als ein Mittel, den Fluch über das ganze Geschlecht zu befördern:

Zwar die gewaltge Brust und der Titanen

Kraftvolles Mark war seiner Söhn und Enkel

Gewisses Erbteil, doch es schmiedete

Der Gott um ihre Stirn ein ehern Band.

Rat, Mäßigung und Weisheit und Geduld

Verbarg er ihrem scheuen düstern Blick,

Und grenzenlos drang ihre Wut umher. (HA 5, 328-335)

Mit der für das Stück zentralen Metapher des ehernen Bandes, das den Menschen um die Stirn liegt, wandelt Goethe das mythische Urspungsbild des goldenen Zeitalters in das eines eisernen. Als Vermittlungsinstanz zwischen Menschen und Göttern dienen ihm die Titanen. Zerstörerisch wirkt ihr Erbe im Menschen, indem es eine heroische Ordnung begründet, die von Tantalus bis zu Agamemnon reicht und die Iphigenie im Rückblick auf Troja zu vergegenwärtigen sucht. [….] Was sich Iphigenie in der Vergegenwärtigung der Vergangenheit offenbart, ist ein geschichtlicher Kairos, der es erlaubt, den selbstzerstörerischen Schuldzusammenhang der heroischen Welt durch das neue Zeitalter der Humanität zu ersetzen. “ (S. 3 f.)

„In einer sublimen Traumvision, die ihn scheinbar auf die Seite des Todes stellt, sucht Orest den Frieden bei seinen Ahnen: „nehmt mich auf!“ Das Traumbild der einträchtig versammelten Familie findet an der Figur des Tantalus jedoch eine Grenze, die Orest nicht aufzuheben vermag.“ (vgl. V. 1300-1309; S. 5)

Iphigenie singt das Parzenlied, diese ztierend und so distanzierend: „‚So sangen die Parzen!’ Der Wechsel vom Präsenz zum Imperfekt ist zugleich einer von der epischen Vergegenwärtigung der Vergangenheit zum lyrischen Bekenntnis zur Gegenwart, von den Fesseln des Mythos zur Freiheit vom Mythos.“ (S. 6)

„Während Orest vor Thoas mit dem Schwert seines Vaters die Heroenzeit noch einmal bemüht, um den scheinbar unaufhebbaren Konflikt mit dem Skythenkönig zu lösen, unterbricht Iphigenie den drohenden Einbruch des Heroischen durch das vermittelnde Wort: „Die strengen Bande / Sind nun gelöst“ (V. 2117-2118).“ Ihre Stimme ist die der Wahrheit und der Menschlichkeit (V. 1937 f.) (S. 6)

„Ausschlaggebend ist demnach die Frage, wie der Mythos verabschiedet wird: In der tragischen Erfüllung des mythischen Schuldzusammenhangs oder in seiner trauernden Verabschiedung. So gilt Thoas’ Abschiedswort ‚Lebt wohl!’ (HA 5, 2174), mit dem das Stück endet, nicht nur Iphigenie, sondern zugleich dem von den Göttern eingesetzten Menschenopfer, dem die Skythen bisher vertrauten. An die Stelle des mythischen Ursprungs- und Opferzusammenhangs, der der Tragödienform zugrundeliegt, setzt Goethe in seinem lyrischen Trauerspiel die Bündnisfähigkeit des Menschen.“

Achim Geisenhanslücke (http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/epoche/humanismus_geisenhanslueke.pdf)

Der folgende Versuch geht von der Prämisse aus, dass es dem Verständnis des Dramas aufhilft, wenn man gewisse äußere und innere Umstände seiner Entstehung zu beachten sucht:

Während Goethe an der Iphigenie schrieb, musste er Rekruten für einen Krieg des Preußischen Königs ausheben. Zur gleichen Zeit beschäftigte ihn das Geschwisterthema intensiv.

Betrachtet werden die Stellen V. 1157 ff., V. 1180 ff. (und V. 1516 f.): „Die Liebe zum Bruder wird als „einzige Gewalt“ erfahren, als eine Attraktionsmacht, der nicht zu entgehen und die mit nichts zu vergleichen ist. Dagegen bereitet Iphigenie die Vorstellung ein Grausen, der König plane, sie „in sein Bette mit Gewalt zu ziehn“ (V. 195f.). Eine solche Hervorhebung läßt nach Gründen fragen und gibt der Vermutung Plausibilität, daß der Dichter der dramatischen Konfiguration mehr aus dem Eigenen mitgibt, als sie ‚eigentlich‘ verlangt.“ (S. 6) – Goethe habe die Heirat seiner Schwester als Katastrophe empfunden und nicht verwunden. Er habe Charlotte von Stein an die Stelle der Schwester gesetzt, vgl. „Warum gabst du uns die tiefen Blicke…“ In diese Phase der Schwester-Fixierung fällt die Konzeption der Iphigenie (1776-1779).

Das wahre Motiv, dass Iphienie sich dem König verweigert: Sie spart sich für den Buder auf (S. 10) Bei Euripides „ führt Iphigenie Klage, im Barbaren-Exil bei den Taurern (also auf der Halbinsel Krim) keinen Gatten finden und keine Kinder gebären zu können, also an einer weiblichen Normalexistenz gehindert zu sein.19 Goethe läßt seine Iphigenie ihr „Frauenschicksal“ (V. 116) so beklagen, daß der Gedanke an einen Gatten und sein Herrschaftsprivileg nur hypothetisch und abwehrend erscheint (V. 24 ff.) und die Überlegung, als kinderlose Frau eine weibliche Lebensbestimmung zu verfehlen, überhaupt nicht – vielmehr dominiert die wehmütige Erinnerung an Heimat und Familie (V. 15 ff.), die am Ende des Anfangsmonologs zur Hoffnung auf Rückkehr führt (V. 51 ff.). Auch der Gedanke an „Mitgeborne“ (V. 21), also Geschwister, ist von Anfang an im Spiel. Über diese psychologische Schiene wird die Wiederbegegnung mit dem Bruder vorbereitet, dem einzigen Mann, den es für diese Iphigenie geben kann:

   […] den staunt‘ ich an

Und immer wieder an, und konnte mir

Das Glück nicht eigen machen, ließ ihn nicht

Aus meinen Armen los […] (V. 1390 ff.)

Das Drama wird zum Imaginationsraum, in dem der Bruder-Dichter der Schwester, deren Wiederkehr ihm Heilung und Segen bringt, seinen Dank ab stattet.“ (S. 11)

„Das weibliche Recht ‚zur unerhörten Tat‘ (V. 1892) durchbricht das männliche Handlungsprivileg, dessen Auswirkungen die Tantaliden-Geschichte vor Augen geführt hat. Iphigenie siegt nicht mit ‚Gewalt‘ oder ‚List‘, sondern mit dem Wagnis der ‚Wahrheit‘ (V. 1919), mit der Methode des aufrichtigen ‚Wortes‘ (V. 1863), dessen problemlösende Kraft sich wunderbar bewährt.“ (S. 12)

„Die überragende Präsenz der Iphigenie als Schwester zeigt sich auch daran, daß ein für die Dramaturgie zentraler Vorgang nicht genauer aufgezeigt wird: ihr Anteil an der Heilung des Orest. „Von dir berührt / War ich geheilt“ (V. 2119f.): so faßt Orest am Schluß den Vorgang im Rückblick.“ (S. 12) Orest wird geheilt, ehe die Wahrheit des Orakels erkannt wird. „Iphigenies reine Präsenz als Schwester hat das Orakel als verbindliches Götterwort aufgehoben, zum blinden Motiv entwertet – daher ist seine abschließende Umdeutung nur die konsequente Bestätigung einer inneren Tatsache.“ (S. 14)

Hartmut Reinhardt (http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/goethe/iphigenie_reinhardt.pdf)

Goethe: Iphigenie auf Tauris – Inhalt, Aufbau, Mythos: kommentierte Links zur Interpretation

Zuvor gebe ich meine Kurzinterpretation als Rahmen, in den man alle Einzelheiten einordnen kann:

Ist es möglich, aus der Verbannung, der Fremde in die Heimat zurückzukehren? Goethe greift mit „Iphigenie auf Tauris“ auf Gestalten des griechischen Mythos zurück (Iphigenie, Orest, Agamemnon und dessen Frau Klytämnestra, Tantalus als Ahnherr der Familie und andere). An ihnen führt er vor, wie die Menschen der Unheilsgeschichte, in die sie (hier v.a. Orest) verstrickt sind (griechisch: Fluch der Götter; analog christlich: Erbsünde), entkommen können: nicht durch das männliche Prinzip des Kämpfens, des Planens und Täuschens (vertreten durch Pylades, auch durch Orest und Thoas), sondern durch das in Iphigenie (als Frau, als reine Seele) verkörperte humane Prinzip, die Wahrheit zu sagen, vernünftig zu argumentieren und auch vor dem Fremden Respekt zu haben. Iphigenie interpretiert (in der Auseinandersetzung mit den Männern, in der Reflexion ihrer Monologe) wiederholt, wie „die Götter“ sind und was sie eigentlich wollen: „Denn die Unsterblichen lieben der Menschen / Weitverbreitete gute Geschlechter / Und sie fristen das flüchtige Leben / Gerne dem Sterblichen…“ (V. 554 ff.) Iphigenie hört auf die Stimme des Herzens, um „die Götter“ zu verstehen; diese Stimme spricht wahrer als alte eigenmächtig geschaffene Traditionen. Die Stimme der Wahrheit und der Menschlichkeit kann jeder hören, „dem / Des Lebens Quelle durch den Busen rein / Und ungehindert fließt“ (V. 1940 ff.). Sie macht zwar zunächst bei des Pylades Rettungsplan mit (IV, 1 ff.), wird aber von Gewissensbissen geplagt (IV, 1 und IV,3-5): O weh der Lüge! Sie befreiet nicht / Wie jedes andre wahrgesprochne Wort / Die Brust… (V. 1405 ff.); nach innerem Ringen entscheidet sie sich, dem König die Wahrheit zu sagen (V. 1892 ff.). So heilt sie, die „Heilige“, ihren Bruder (V. 2117 ff.) und macht Abschied und Heimkehr in Frieden (V,6) möglich. [Methodischer Tipp: zuerst die Figuren des Mythos kennenlernen, sonst versteht man gar nichts!] 

Aufbau des Dramas (Kurzfassung – der Inhalt gilt als bekannt, die Entfaltung einzelner Motive wird nicht verfolgt)
I Exposition: Iphigenie wird als Hauptperson eingeführt: Sie leidet am Leben in der Fremde und bittet die Göttin um Hilfe zur Heimkehr (I,1).
König Thoas wirbt um sie als Braut (womit sie immer auf Tauris bleiben müsste); sie lehnt die Werbung ab und kontert mit der Gegenbitte um Heimkehr. Thoas ist verärgert und kündigt seine bisherige Milde gegen Fremde auf (I,3). Das verschärft ihre Situation, da ihr bisheriges Wirken bei den Taurern zerstört würde und sie als Priesterin dann Gefangene opfern müsste.
II Zuspitzung: Orest und Pylades (dem Leser aus dem Mythos bekannte Figuren!) werden eingeführt: Gefangene, die ihre Hinrichtung erwarten, auch wenn sie vom Wirken einer göttergleichen Frau auf Tauris (V. 772) gehört haben (II,1).
Pylades stellt sich und Orest bei der Priesterin Iphigenie als schuldbeladene Kreter dar (die halbe Wahrheit!); er berichtet ihr vom Untergang Trojas und von Agamemnons Geschick (II,2).
[Der Leser weiß mehr als die Figuren, kennt die Verwandtschaftsverhältnisse und ahnt Iphigenies Problem voraus: Sie steht zwischen Orest und Thoas.]
III Höhepunkt der Tragik: Orest erzählt die Geschichte der Familie zu Ende und stellt sich als Orest vor; auch Iphigenie gibt sich zu erkennen (V. 1173), was er jedoch nicht akzeptiert. Er fordert sie auf, ihn zu töten (V. 1128 ff.).
Wende: Wie auch immer löst sich dann der Fluch, der Orest belastet hat (V. 1358): Er wendet sich der Schwester zu (V. 1341 ff.). Pylades ruft zum Aufbruch.
IV Verzögerung der Lösung (Verschärfung des Problems): Iphigenie hat Gewissenskonflikte ob des geplanten Betrugs. Arkas drängt auf Beschleunigung des Opfers und bittet Iphigenie, den König zu erhören, während Pylades Iphigenie bedrängt, den König zu betrügen. Iphigenie und Pylades diskutieren das Empfinden der reinen Seele (V. 1583 f.; vgl. V. 1648 ff.) und das Recht auf Betrug in der Not (V. 1640 ff., 1680 ff.).
V Lösung: Thoas erfährt vom Betrug der Griechen und stellt Iphigenie zur Rede. Diese weigert sich, seinen Befehl auszuführen, bekennt die Wahrheit und legt damit das Geschick der drei Griechen in seine Hand. Sie bittet ihn, die Heimkehr zu erlauben (V,3). Es kommt nicht zum Zweikampf zwischen Orest und Thoas. Die Griechen verzichten auf den Raub des Götterbildes, sie verstehen jetzt das Wort Apollons richtig. Iphigenie bewegt Thoas dazu, sie in Frieden ziehen zu lassen.

Zum Mythos der Tantaliden:

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Stammbaum.jpg (Stammbaum der Tantaliden)

http://www.lsg.musin.de/geschichte/Material/mythen/mythen_aus_griechenland3.htm (Mythos: gut)

http://www.textlog.de/41145.html (Mythos nacherzählt: „Die letzten Tantaliden“ – auch die nächsten Seiten anklicken!)

http://www.gottwein.de/Cap/Mythologie.php (Wörterbuch Mythologie, knapp)

http://www.sagengestalten.de/lex/grie_roem_Io.html (ähnlich)

Vorsicht, es gibt „den“ griechischen Mythos nicht, und Goethe hat aus dem mythischen Stoff Elemente ausgewählt, andere nicht beachtet! Schwierigkeiten des Verständnisses können sich auch daraus ergeben, dass Goethe die lateinisch-französische Form von Namen (z.B. „Mycen“ für Mykene) oder lateinische statt griechischer Götternamen (z.B. „Diana“ für Artemis) gewählt hat.

Dramengeschichtlicher Hintergrund: Euripides‘ „Iphigenie(n)“:

http://www.uni-due.de/einladungdrama/Vorlesungen/dramatik/iphigeaulis.htm (Euripides, als „Vorgeschichte“ zu Goethes Stück)

http://www.kulturraumverdichtung.de/2009/06/02/karin-henkel-inszeniert-euripides-iphigenie-in-koeln.html

http://literaturen.net/iphigenie-auf-tauris-zusammenfassung-euripides-977 (Euripides: Iphigenie bei den Taurern)

http://www.uni-saarland.de/fileadmin/user_upload/Fakultaeten/Phil_II/Ringvorlesung/leber-_tragoedie_ebook-11.pdf (Goethes Iphigenie und die griechische Tragödie – umfangreich!)

Zum Stück:

http://www.xlibris.de/Autoren/Goethe/Kurzinhalt/Iphigenie%20auf%20Tauris (Inhalt: kurz)

http://digitale-schule-bayern.de/dsdaten/18/644.pdf (Inhalt, gut)

http://www.inhaltsangabe.de/goethe/iphigenie-auf-tauris/ (Inhalt, nach Szenen differenziert)

http://www.xlibris.de/Autoren/Goethe/Werke/Iphigenie+auf+Tauris?page=0%2C0 (Interpretation, gut)

https://norberto42.wordpress.com/2012/01/25/goethe-iphigenie-auf-tauris-analyse/ (Interpretation zentraler Szenen durch Peter Brinkemper: I,3; I,4; III,2; IV,4; V,3)

http://www.stiftikus.de/iphigen/intrpret.pdf (Interpretation: drei leitende Aspekte, gut)

http://www.goethezeitportal.de/?id=806 (Deutung, gut)

http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/vorlesungen/schluesseltexte/Protokoll%20V.%20Klassik.pdf (Übersicht)

http://www.uni-jena.de/unijenamedia/Bilder/faculties/phil/germ_lit/Materialien/Matuschek/SS+2008/Mythologie/Protokoll_3.pdf (Thesen mit Kommentar, Interpretation)

http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/dramatik/iphigenie.htm (Inhalt, kurze Hinweise zur Interpretation)

http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/goethe/iphi.htm (gute Übersicht über Handlung und Motive; „Wahrheit / Lüge“ fehlt, Themen „Sprache“ und „schöne Seele“ kommen zu kurz)

https://norberto42.wordpress.com/2011/09/27/goethe-iphigenie-auf-tauris-iv4-szenenanalyse-kurz/ (meine Szenenanalyse IV,4)

https://norberto42.wordpress.com/2011/09/29/goethe-iphigenie-auf-tauris-iv5-kurze-analyse/ (meine Szenenanalyse IV,5)

http://www.eule2003.de/gbereich/g-Deutsch/d12/Goethe/iphe_I4+IV5.pdf  Klausur zu IV,5 (mit Lösungserwartung)

http://www.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/8/60.pdf (Klausur zu IV,5)

https://norberto42.wordpress.com/2011/09/25/goethe-iphigenie-auf-tauris-szenenanalyse-v3-vorstufe/ (meine Szenenanalyse V,3)

http://digitale-schule-bayern.de/dsdaten/18/654.pdf (Klausur zu V,3)

http://www.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/587/466.doc (Klausur zu V,3)

http://digitale-schule-bayern.de/dsdaten/17/655.pdf (Sprache und Stil des Dramas)

http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/epoche/humanismus_geisenhanslueke.pdf (Geisenhanslüke: Humanität, Mythos und Geschichte in „Iphigenie“)

http://www.uni-saarland.de/fileadmin/user_upload/Fakultaeten/Phil_II/Ringvorlesung/leber-_tragoedie_ebook-11.pdf (Goethes Iphigenie und die griechische Tragödie)

http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/goethe/iphigenie_reinhardt.pdf (Reinhardt: Psychologie der Figurenkonstellation)

http://de.wikipedia.org/wiki/Iphigenie_auf_Tauris (noch unfertig, schülerhaft)

http://www2.digitale-schule-bayern.de/ds.py?_controller=DocsController&themaid=17&id=662.doc (Schema: Aufbau des Dramas, zu knapp; bitte verbinden mit Schema von Ph. Hauer: http://www.philipphauer.de/info/d/aufbau-drama-macbeth-iphigenie/#iphigenie)

http://www.lindenhahn.de/veroefft/iphi.htm#2.5+Zu+human+f%FCr (didaktische Ideen – erfrischende Interpretation)

http://westfaelisches-landestheater.de/files/iphigenie_auf_tauris_-_materialmappe.pdf (Materialmappe des Westfäl. Landesstheaters)

http://www.theater-an-der-ruhr.de/jungestheater/theaterpaedagogik/material/5332.pdf (dito – Junges Theater an der Ruhr)

http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/vorlesungen/schluesseltexte/Schl%C3%BCsseltexte%2005%20Klassik%20(Goethe).pdf (Folien zum Verständnis der „Iphigenie“ insgesamt)

http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/vorlesungen/Goethe2010/V%20-%20Iphigenie%20auf%20Tauris,%20Torquato%20Tasso%20vom%2030.11.2010.pdf (Folien zu „Iphigenie“ – es fehlt natürlich der erläuternde Vortrag)

http://www.katharineweder.ch/draft/weder-iphigenie.pdf (Iphigenie-Rezeption im 20. Jh.)

*** Vgl. https://norberto42.wordpress.com/2011/09/19/goethe-iphigenie-auf-tauris-themen-motive-ansatze-der-interpretation/Ansätze zur Interpretation (Auswertung einiger wichtiger Links)

Goethes Leben:

http://www.goethezeitportal.de/?id=800 (Borchmeyer: Dumont Schnellkurs Goethe)

http://www.odysseetheater.com/goethe/goethe_10.htm (Goethes Leben, nach Epochen geordnet)

Zur Epoche „Klassik“:

http://herrlarbig.de/de/2011/08/04/deutsche-klassik-als-literarische-epochen/

http://de.wikipedia.org/wiki/Weimarer_Klassik

http://www.dinkela.de/zineedit/data/romklassik/Klassik.doc (Weimarer Klassik)

http://www.rossipotti.de/inhalt/literaturlexikon/epochen/klassik.html (Literaturlexikon für Schüler)

http://www.krref.krefeld.schulen.net/referate/deutsch/r0362t00.htm (kurz)

http://www.till-dembeck.de/folders/dembeck/Dembeck__VL_Klassik_2.pdf (Ringvorlesung „Klassik“)

http://www.goethezeitportal.de/fileadmin/PDF/db/wiss/epoche/lauer_klassik.pdf (Lauer: Klassik als Epoche)

https://norberto42.wordpress.com/2011/01/31/epochenumbruch-um-1800-ubersicht-epochen-der-deutschen-literatur-links/ (Links zur dt. Literaturgeschichte, auch zur Epoche „Klassik“)

http://www.savepdf.org/more-historischer-hintergrund-der-weimarer-klassik-1768-1805-204971.html (Zeitgeschichte: Sammlung von Daten, ohne Zusammenhang)

http://bildungsserver.hamburg.de/klassik/ (Links zu Klassik)

Übersicht Hilfsmittel:

http://bildungsserver.hamburg.de/iphigenie-auf-tauris/ (Interpretationen, Unterrichtsmaterialien etc.)

http://www.stadtbibliothek-bielefeld.de/docs/Abi_Iphigenie.pdf (Literaturliste der Stadtbibl. Bielefeld)

Unbrauchbar und nur genannt, damit man nicht meint, ich hätte sie nicht wahrgenommen:

http://www.turza.de/iphi.htm (Schüleranalyse – schlecht redigierte Gruppenarbeit, viele inhaltliche Wiederholungen)

http://vikopedia.viktoriaschule-darmstadt.de/index.php?title=Iphigenie&redirect=no (Schulanalyse: unfertig, schülerhaft)

http://www.lerntippsammlung.de/Johann-Wolfgang-von-Goethe-_-Iphigenie-auf-Tauris.html (Schülerarbeit)

http://vikopedia.viktoriaschule-darmstadt.de/index.php?title=Mythos (Mythos)

http://www.stiftikus.de/iphigen/vorge.pdf (Vorgeschichte; unvollständig)

http://www.iphegenie.de/

http://www.inhaltsangabe-verzeichnis.de/Johann-Wolfgang-von-Goethe/Iphigenie-auf-Tauris/ (Linksammlung von Schülerarbeiten, i.W. Inhaltsangaben – man kommt vor lauter Werbung nicht durch)

P.S. Durch praktische Arbeit mit einem Schüler bin ich zur Überzeugung gekommen, dass Iphigenie für normale Schüler rein sprachlich fast nicht zu verstehen ist und dass ihre Behandlung im G8-Gymnasium verfehlt ist: Die Schüler sind nicht nur ziemlich jung, man hat auch zu wenig Zeit, sich mit dem Drama in Ruhe zu befassen. Sollte es nicht andere Texte geben, an denen man durchdenken kann, wie man aus Verstrickungen herauskommt und ob man rein durchs Leben gehen kann? Muss man heute wirklich wissen, welche griechisch formulierten Humantiätsideale Goethe um 1800 hatte – und trägt die griechische Formulierung nicht dazu bei, dass Schüler vom Humanitätsideal nichts mehr mitkriegen? Nur bester Unterricht könnte diese Schwierigkeiten auffangen; aber den gibt es in höchstens 10 % der Kurse, für die restlichen 90 % ist Iphigenie wahrscheinlich für die Katz!

Probehalber eine Übersetzung des 4. Aufzugs in normales Deutsch: http://www.rither.de/a/deutsch/goethe/iphigenie/uebersetzung-4-aufzug/ – bringt das etwas?

2. P.S. Vielleicht bin ich mit dieser Einschätzung auch zu skeptisch? Ich habe mit einem weiteren Schüler bei der Vorbereitung seiner Klausur ein wenig zusammengearbeitet. Nach der Klausur gab es folgenden kurzen Dialog:

Frage: Hast du den Eindruck, dass die Auseinandersetzung mit Goethes „Iphigenie“ dich menschlich weitergebracht hat, oder war das ganz simpel ein Klausurstoff, den du mit der üblichen Genauigkeit vorbereitet hast?

Antwort: Überraschenderweise, ja. Ich habe das Verhalten Iphigenies die ganze Zeit über bewundert. Dass sie sich trotz des Drucks von allen Seiten nicht verändert hat und immer die Wahrheit erzählen will. Sowas ist in der heutigen Gesellschaft meiner Meinung nach nicht mehr zu finden.