Friedrich Schiller: Die Bürgschaft – Interpretation

Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich …

Text

https://www.friedrich-schiller-archiv.de/inhaltsangaben/schiller-die-buergschaft-inhaltsangabe-interpretation-und-quelle/ (Schiller-Archiv: Text mit Erläuterungen; die Entstehung ist in Wikipedia ausführlicher belegt; Aufbau: problematisch; Versmaß: knapp)

oder https://www.textlog.de/schiller-gedichte-buergschaft.html

oder https://archive.org/details/ausgewhlteball00heuwuoft/page/96/mode/2up (Heuwes: Text mit Erläuterungen zu Worten und sprachlichen Eigenheiten; Fabel des Hyginus S. 125)

Ergänzung und Korrektur der Erläuterungen im Schiller-Archiv

V. 1 Tyrann: ein Regent, welcher seine Gewalt zur Grausamkeit und Gewalttätigkeit missbraucht

V. 2 Möros: So heißt der Attentäter in Schillers Quelle, einer Fabel des Hyginus, sein Freund Selinuntius; bei einem anderer antiken Erzähler der Geschichte heißt der Attentäter Damon. Für die Prachtausgabe seiner Gedichte, die erst nach Schillers Tod erschienen ist, hat dieser als Überschrift „Damon und Pythias“ vorgesehen und in V. 2 Möros durch Damon ersetzt.

V. 13 Bürge: jemand, der einem Menschen verspricht, notfalls die Schuld eines anderen bei ihm zu bezahlen oder für dessen Verpflichtungen selber zu haften

V. 15 mit arger List: arglistig, bösartig

V. 20 erblassen: erbleichen, weil er stirbt

V. 22 gebeut: eine alte Präsensform von „gebieten“ (er gebietet)

V. 24 bezahle: büße

V. 24 frevelnd: unrechtmäßig, gesetzeswidrig

V. 28 die Bande: Plural zu „Band“

V. 37 die Quellen: das Wasser

V. 42 des Gewölbes der Brücke

V. 66 Rotte: ein Haufen unter einem gemeinsamen Befehlshaber stehender Soldaten, wobei die Rotte etwa aus 6 bis 100 Mann; am häufigsten nur ein kleiner Haufen

V. 68 schnauben: heftig atmen; im übertragenen Sinn für Gefühlsäußerungen, die mit heftigem Atmen verbunden sind

V. 83 verschmachten: verdursten

V. 111 den mutigen Glauben: „mutig“ heißt, vorher gesehenen Gefahren in Erwartung eines guten Ausgangs ohne Furcht entgegengehen; der Freund hat diesen Mut und Glauben an die Treue und Ehrlichkeit seines Freundes

V. 112 Hohn: Spott

V. 114 Es muss „als“ ergänzt werden: als ein Retter erscheinen (kommen)

V. 115 Es muss „mit“ ergänzt werden: mit ihm vereinen

V. 117 die Pflicht brechen: die Verpflichtungen brechen

V. 118 Er rechnet mit der Bosheit des Tyrannen, obwohl dieser ihm versprochen hatte, ihn zu schonen, falls er seinen Freund ermordet.

V. 131 Wundermär: Geschichte eines Wundes, eine unglaubliche Geschichte

V. 132 Rühren: Rührung, er ist gerührt

V. 138 Genosse: Genossen sind einander gleich, sie gehören einer anderen geschlossenen Gemeinschaft an (siehe V. 140: euer Bund).

Aufbau des Gedichts und Zeitstruktur des erzählten Geschehens

Die Erzählung steht unter der Idee, dass der Freund dem Freund die Treue hält.

Exposition: Der als Attentäter ergriffene Möros (oder Damon) bekommt vom Tyrannen Dionys eine Gnadenfrist und gewinnt seinen Freund dafür, mit seinem Leben dem König für Möros zu haften; er hat drei Tage Zeit, seine Schwester zu verheiraten und heimzukehren. Möros reist ab, verheiratet die Schwester und kehrt heim.

Die Exposition besteht aus zwei Szenen, dem Gespräch des Königs mit Möros und dem Gespräch des Mörus mit seinem Freund, die beinahe zeitdeckend erzählt werden. Stark gerafft werden Attentat und Festnahme des Mörus und seine Abreise berichtet – das alles ist Geschehen eines Tages (bis Str. 5, Vers 3). Die Hochzeit und der Aufbruch zur Heimreise werden nur erwähnt (Str. 5, V. 4-7, ein Tag), die Hinreise ist ausgespart.

Den Hauptteil macht die Heimreise am vierten Tag aus. Sie wird durch drei Hindernisse erschwert, die es Möros beinahe unmöglich machen, rechtzeitig heimzukehren, die er jedoch in Sorge um den bedrohten Freund überwindet.

  • Er steht vor einem reißenden Fluss, findet weder Brücke noch Fähre und schwimmt nach langem Warten hindurch (Str. 6-9). Eine Zeitangabe (Sonne im Süden, Str. 8, V. 4 f.) gibt es für die viele Stunden (Str. 8, V. 4; Str. 9, V. 3) dauernde Aktion.
  • Als zweites Hindernis taucht eine Räuberbande auf, die er in seiner Verzweiflung besiegt und aus dem Weg räumt (Str. 10 f.); der Kampf mag einige Minuten gedauert haben.
  • Eine indirekte Zeitangabe gibt es beim nächsten Hindernis: Die Sonne „versendet glühenden Brand“ (Str. 12, V. 1); das kann frühestens gegen 16 Uhr gewesen sein (vgl. die Mittagszeit in Str. 8 und die in Str. 9 genannten Stunden nebst dem Kampf, Str. 11). Er bricht „ermattet“ zusammen (Str. 12, V. 3); da rettet ihn eine Quelle, die er zufällig entdeckt (Str. 13), nachdem er zur Gottheit gebetet hat (Str. 12), Str. 12-13).

Nach einem Zeitsprung – es wird auf die Abendsonne verwiesen (Str. 14, V. 1-13), es mag also gegen 19 Uhr sein – wird vom letzten Teil der Heimreise erzählt, die Möros sehr lange vorkommen muss, weil ihm zweimal bedeutet wird, er könne zu spät kommen, um den Freund noch zu retten: Zuerst hört er zufällig den Spruch der Wanderer, dass der Freund jetzt ans Kreuz geschlagen werde (Str. 14); dann warnt ihn sein Hausverwalter, den Weg fortzusetzen, weil sein Freund „eben“ (Str. 16, V. 3; vgl. „Jetzt“ Str. 14, V. 7) den Tod erleide, was er um der Treue willen energisch ablehnt (Str. 15-18). Diese beiden Episoden sind retardierende Momente im Erzählen, sie steigern die Spannung: Kann der Freund noch vor dem Tod gerettet werden?

Der Hauptteil endet mit des Möros Ankunft in Syrakus, als die Sonne gerade untergeht (Str. 18, V. 1): Im letzten Moment erreicht er das für seinen Freund bestimmte Kreuz und bietet sich selbst als Opfer an (Str. 18).

Berichtet werden noch Erfolg und Belohnung der Anstrengungen des Möros (Str. 19-20):

  • Erstaunen des Volkes
  • Schmerz und Freude“ der Freunde
  • Rührung der Menschen, auch des Königs
  • Bitte des Königs, in den Freundschaftsbund aufgenommen zu werden.

Hat der König sein Angebot an Möros „mit arger List“ (Str. 3, V. 1) gemacht, so fühlt er zum Schluss „ein menschliches Rühren“ (Str. 19, V. 6) und bekennt: „Ihr habt das Herz mir bezwungen.“ (Str. 20, V. 3). Erfolg und Belohnung stellen sich wie im Märchen ein; dem übermenschlichen Einsatz des Möros hat die göttliche Hilfe (Gebet in Str. 8 und Str. 13; Hilfe ausdrücklich erwähnt in Str. 9, V. 7) entsprochen.

Der König spricht die Idee des Erzählers bzw. des Dichters aus, die am Beispiel gezeigt werden sollte: „Und die [Freundes]Treue, sie ist doch kein leerer Wahn“ (Str. 20, V. 4). Des Möros Treue zu seinem Freund, der für ihn mit dem Leben bürgt, zeigt der Erzähler immer wieder auf:

  • Trotz des Angebots des Königs, sich selber durch eine Flucht zu retten (Str. 3, V. 4-7),
  • und wegen des Freundes, der ohne Diskussion als Bürge haftet (Str. 5, V. 1 f.),
  • bricht Möros alsbald zur Heimreise auf (Str. 5, V. 6 f.),
  • sorgt er sich um des Freundes Leben, als er selbst in Gefahr ist (Str. 8, V. 3-7),
  • nimmt er den Kampf mit den Räubern auf (Str. 11, V. 4-7),
  • betet er erneut um Rettung, als er ermattet (Str. 12, V. 4-7),
  • hat er Angst, dass er zu spät kommen könnte (Str. 15, V. 1 f.),
  • will er um der Treue willen notfalls sein Leben als Opfer darbringen (Str. 17),
  • stoppt er die Hinrichtung und bietet sich selbst an (Str. 18, V. 6 f.).

Auch der Freund hat in scheinbar aussichtsloser Lage nie an des Möros Treue gezweifelt: „Ihm konnte den mutigen Glauben / Der Hohn des Tyrannen nicht rauben.“ (Str. 16, V. 6 f.)

Aus der Zeitstruktur ergibt sich, wie der Erzähler die Akzente setzt: Dem Geschehen des ersten Tages (Attentat, Verhaftung, zwei Gespräche, Geiselnahme des Freundes, Abreise des Möros) – das alles mag etwa vier Stunden gedauert haben – sind vier Strophen und drei Verse gewidmet. Die Reise zur Schwester wird nicht erwähnt (Zeitsprung: ein Tag), am nächsten Tag ist die Hochzeit der Schwester (Str. 5, V. 3 f. – zwei Verse). Die Heimreise erfolgt am übernächsten Tag (Str. 5, V. 6 f. bis Str. 20 – vielleicht 16 oder 18 Stunden). Dem Bemühen des Möros, die Frist zur Rettung des Freundes nicht zu verpassen, und seiner Treue, in der er alle Hindernisse überwindet, gilt also das Hauptinteresse des Erzählers.

Zeitdeckend werden nur die Gespräche berichtet, wobei für die Bitte an den Freund nur sieben Verse reserviert sind, während dieser selber kein einziges Wort sagt – es ist wohl selbstverständlich, dass er für Möros einsteht. Die meiste Erzählzeit wird auf den Anfang, wo das Problem der Treue gestellt wird (Str. 1-4), und dann vor allem auf die Rückreise, wo sich des Möros Treue bewährt (Str. 6-18), verwendet.

Links zu Analyse und Interpretation

https://archive.org/details/schillersgedich02schigoog/page/n592/mode/2up (Viehoff: Quelle und Geschichte des Stoffs; Prinzipien der Bearbeitung durch Schiller; Kritik der Kritik am Gedicht; die Zeitangaben; das Metrum; Möros vs. Damon)

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_B%C3%BCrgschaft (Entstehung und Idee, Wirkung)

https://literaturkritik.de/id/7772 (Helmut Koopmann: Hintergrund der Balladen Schillers; Erzähltechnik und Dramatisierung in „Die Bürgschaft“; Wirkung Schillers; Charakterisierung seiner Balladen; Schillers Intentionen; der bürgerliche und christliche Untergrund von Schillers Balladen; Kritik an Schiller, relativiert)

https://www.litde.com/gedichte-aus-sieben-jahrhunderten-interpretationen/die-brgschaft-friedrich-schiller.php (Jürgen Stenzel: antirevoluionäre Lesart; Interpretation aus Schillers Kunstverständnis)

https://archive.org/details/aufgabenausschil03teet/page/110/mode/2up (Teetz: Sprachliche und metrische Eigenheiten der Schillerschen Balladen)

https://www.abipur.de/referate/stat/678736177.html (schülerhaft)

https://stiftung-rosenkreuz.org/text/buergschaft-schiller-dionys-ethik-treue-damon/ (gnostisch-hermetische Lesart, vieles ist spinnert und Phantasie)

http://www.goethezeitportal.de/wissen/illustrationen/friedrich-schiller/die-buergschaft/die-buergschaft-lithographiert-und-verlag-von-joseph-trentsensky.html (Lithographien zum Gedicht)

http://archiv.lily-braun-gymnasium.de/a2002/buergsch1.html (Comic)

Rezitation

https://www.youtube.com/watch?v=fIclhGLGGVk (Anna M. Bössen, gut)

https://www.youtube.com/watch?v=-jAO9bVpqV8 (Fritz Stavenhagen, etwas zu ruhig)

https://www.youtube.com/watch?v=KfEJE2Kq4Lk (ab 4:45, Oskar Werner, zu schnell)

https://www.youtube.com/watch?v=-b4aEjmz_rw (M. D. Cremer, zu eintönig)

https://www.youtube.com/watch?v=SidKAcrBUC8 (Axel C. Schullz: durch Gestik unterstützt, interessanter Versuch) und weitere sowie Verfilmungen auf youtube

https://www.youtube.com/watch?v=vHQC7f5P-fU (Parodie: P. Frankenfeld)

Schillers Balladen muss man nicht (nur) lesen, sondern sprechen – so lange, bis man auch die Feinheiten sprachlich bewältigt.

Ich weise noch darauf hin, dass der Freundschaftsbund zwischen Karlos und Posa ein beherrschendes Motiv in Schillers „Don Karlos“ ist, vgl.

Norbert Tholen: Friedrich Schiller: Don Karlos. Krapp & Gutknecht 2008, S. 18-21

Gedichte über Freundschaft:

https://www.lyrikmond.de/gedichte-thema-11-100.php

und natürlich Goethe: An den Mond, und Schiller: Ode an die Freude und Die Freundschaft.

Fr. Schiller: Das Mädchen aus der Fremde (1796) – Analyse

In einem Tal bei armen Hirten…

Text: https://www.friedrich-schiller-archiv.de/gedichte-schillers/highlights/das-maedchen-aus-der-fremde/

Interpretation durch einen Zeitgenossen Schillers, Christian Felix Weisse: Friedrich von Schillers Leben und Beurtheilung seiner vorzüglichsten Schriften. Reutlingen (1810), 3. Auflage 1817, S. 126-128:

Die Sammlung [von Schillers Gedichten, N.T.] wird mit einer kleinen Allegorie voll Anmuth eröffnet, die ihr statt der Vorrede dient. Die Klarheit und Heiterkeit der Darstellung, die zarteste Anspruchslosigkeit und der geheimnißvolle Schleyer selbst, welcher den Sinn umhüllt, haben dem Mädchen aus der Fremde auch das Herz derer gewonnen, die jenen Schleyer nicht zu lüften wußten. (…) Das Mädchen aus der Fremde ist die Poesie. Herbeygerufen durch die Innigkeit des Gefühls, welches die Blüthe und Anmuth der Natur zu wecken pflegt, tritt sie zuerst unter den einfachsten und unschuldigsten Kindern der Natur auf, die sie durch ihre Gegenwart beglückt und über die enge Sphäre ihres Daseyns erhebt. Niemand weiß, von wannen sie kömmt oder wohin sie geht, und ihr geheimnißvoller göttlicher Ursprung kündigt sich durch die edle Würde an, mit der sie sich von allem, was gemein und sterblich ist, entfernt. Sie beglückt die Menschen durch ihr heiteres Daseyn und durch die Gaben, die sie ihnen mittheilt; Gaben, die sie selbst in überirdischen Gegenden, in dem Lande der Ideale, gesammelt hat. Sie sind von der mannigfaltigsten Art, obgleich alle erfreulich und schön. Die einen, reizende Spiele der Phantasie und – gleichsam die Blumen der Dichtkunst – ergötzen durch ihre Anmuth: die anderen sind von ernsterer Art und den Früchten vergleichbar, nach denen das Alter vorzugsweise greift, während die Jugend sich mehr an jenen erfreut. Jeder hat Anspruch auf ihre Gunst; aber vor allen der Liebende. Denn die Liebe ist die Poesie des Lebens und es giebt keine Poesie ohne Liebe!

So drückt sich der Inhalt dieses Gedichts auf eine natürliche und ungezwungene Weise aus, und nur etwa in den Worten

Doch schnell war ihre Spur verloren,

Sobald das Mädchen Abschied nahm,

dürfte eine kleine Schwierigkeit übrig bleiben. Wenn man aber nicht nur an die Produkte der Poesie – welche freylich als ihre zurückbleibenden Spuren angesehen werden könnten – sondern an ihr eigenthümlichstes Wesen denkt, welches in dem besteht, was nicht erlernt und fortgepflanzt werden kann, so ist es offenbar, daß die Spuren der Poesie jedesmal mit dem Aufhören ihrer begeisternden Kraft entfliehen.“

(Erstmals in: Neue Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste, 65. Bandes erstes Stück, herausgegeben von Christian Felix Weisse. Erster Theil. Leipzig 1801 bei Siegfr. Lebr. Crusiius, S. 85-87)

Analyse

Ein Sprecher, der nirgendwo hervortritt, wendet sich an nicht im Text greifbare Hörer. Er erzählt von einem fremden Mädchen, das regelmäßig bei armen Hirten erscheint. Zuerst wird die Situation des Geschehens konstituiert (Personen, Ort, Zeit, Str. 1). Darauf wird das Mädchen in verschiedenen Hinsichten beschrieben: ihre Fremdheit (Str. 2), ihr wunderbares Wesen (Str. 3), ihre wunderbaren Gaben (Str. 4). Zum Schluss stehen die Empfänger der Gaben im Fokus des Erzählers (Str. 5-6). Es fällt auf, dass alle Angaben des Erzählers unbestimmt bleiben; nur bei den Gaben werden Früchte und Blumen genannt (Str. 5), bei den Empfängern „ein liebend Paar“ (Str. 6) hervorgehoben, womit jedoch alle liebenden Paare gemeint sind. Schon hieraus ergibt sich, dass nicht von einem bestimmten regelmäßig wiederkehrenden Ereignis („mit jedem jungen Jahr“, V. 2) erzählt wird. Weisses Hinweis, dass es sich um eine Allegorie handelt, erklärt unsere Beobachtungen.

An der Situation des Geschehens fallen vier Bestimmungen auf:

  • Es kommt ein fremdes Mädchen (Überschrift),
  • sie ist „schön und wunderbar“ (V. 4),
  • zu einfachen Menschen, abseits der großen Kultur (V. 1),
  • regelmäßig im Frühjahr, mit den ersten Lerchen (V. 2 f.).

Die beiden ersten Bestimmungen gehören zusammen; die Tatsache, dass sie offenbar nicht altert („mit jedem jungen Jahr“, V. 2), und die bleibende Fremdheit des Mädchens (Str. 2) sind Anzeichen dafür, dass sie der höheren Welt angehört. Sie ist eine Figur wie „Der Unbekannte“ Eichendorffs (1837, https://www.textlog.de/22784.html) oder wie der Unbekannte, den die Emmausjünger unterwegs treffen (Luk 24,13 ff.). Die Fremdheit des Mädchens, zu der auch ihre Namenlosigkeit gehört, wird in Str. 2 umschrieben; man kann sich von ihr auch keine Vorstellung machen, da „schön und wunderbar“ (V. 4) nichts über ihr Aussehen, ihre Größe, ihre Kleidung besagen, sondern nur Prädikate einer Welt sind, die anders als die Hirtenwelt ist, in die sie ungerufen immer wieder kommt. Die Wirkung der Trias fremd/schön/wunderbar auf die Hirten wird in Str. 3 beschrieben: Nähe und Abstand zugleich zeichnen sie aus. Dass ihre Nähe „beseligend“ ist (V. 9), rückt die Fremde in eine göttliche Sphäre; das Gleiche gilt von ihrer Würde und Höhe (V. 11). Als Wirkung ihres Auftretens wird genannt, dass alle Herzen „weit“ wurden, dass sie von Enge und Angst befreit, sozusagen erlöst wurden. Das erinnert daran, wie (ein paar Jahre später als Schillers Gedicht veröffentlicht) Faust die Menschen beim Osterspaziergang beschreibt:

Sie feiern die Auferstehung des Herrn,

Denn sie sind selber auferstanden,

Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,

Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,

Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,

Aus der Straßen quetschender Enge,

Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht

Sind sie alle ans Licht gebracht. (V. 921 ff.)

Die Verbindung von Nähe und Abstand (V. 9-12) spiegelt die Eigenart des Numinosen, das zugleich mysterium tremendum und mysterium fascinosum ist (Rudolf Otto). Ihr Auftreten im Frühjahr bindet das fremde Mädchen an die Natur, an das Erwachen neuen Lebens, an Licht und Wärme (vgl. den Osterspaziergang: Ostern wird am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond gefeiert).

Die Gaben des Mädchens sind Blumen und Früchte, Schönes und Nützliches, die Gaben der Natur (V. 13). Es sind jedoch Gaben aus einer anderen Welt (andern, V. 14; andern, V. 15; glücklichern, V. 16): Im Frühjahr kann man zumindest keine normalen Früchte mitbringen, die gibt es im Sommer und vor allem im Herbst. Auch diese Früchte aus einer anderen Welt legen also ein allegorisches Verständnis des Mädchens aus der Fremde und seines Auftretens nahe.

Ihre Gaben sind für alle bestimmt, wie in Str. 5 mehrfach umschrieben wird: zweimal das Pronomen „jeder“, der / jener (also alle), Jüngling und Greis (Groß und Klein, also alle); dazu „alle“ (V. 21). Wichtig ist, dass ihre Gaben umsonst verteilt werden, dass ein jeder „beschenkt“ (V. 20) wird. Das Mädchen steht jenseits der Gesetze des Tausches, des Geschäftlichen, des Verkaufens und Verdienens. Sie ist eine Gestalt aus einer anderen Welt. Alle sind ihre Gäste (V. 21); dabei wird nicht gesagt, sondern einfach vorausgesetzt, dass sie, obwohl sie die unbekannte Fremde ist, ein eigenes Heim hat, von dem die Beschenkten „nach Haus“ (V. 20) gehen können.

Hervorgehoben wird ihre Zuwendung zu jedem liebenden Paar – „ein liebend Paar“ (V. 22) ist ein jedes liebendes Paar. Ein solches wird aufs Höchste (zweimal Superlativ, V. 23 f.) beschenkt; denn in der Liebe ist der Mensch im Modus des Schenkens und damit von der gleichen Art wie das Mädchen, das seine Gaben verschenkt.

Die Form des Gedichtes ist ganz einfach: Die sechs Strophen bestehen aus vier Versen, die ihrerseits vierhebige Jamben aufweisen, welche im Kreuzreim verbunden sind. Jeder erste und dritte Vers einer Strophe weist eine weibliche Kadenz auf, was eine ganz kleine Pause impliziert. Jede Strophe besteht aus einem einzigen Satz, der jeweils ganz unterschiedlich gegliedert ist: Hauptsatz mit Nebensatz (Str. 1); drei Hs plus ein Ns (Str. 2); zwei Hs (Str. 3); ein Satz mit Apposition (Str. 4); zwei Hs (Str. 5); zwei Hs mit einem Ns (Str. 6). Einen Einschnitt gibt es in den Strophen 2 und 3 (markiert durch „Doch“) und in Strophe 6 durch den Unterschied alle / ein liebend Paar. Durch den Reim werden öfter Verse auch semantisch aneinander gebunden: V. 1 / 3 (Ort, Zeit); V. 5 / 7 (Fremdheit); V. 14 / 16 (das andere Land); V. 18 / 20 (die Gaben); V. 22/24 (das Paar wird besonders beschenkt). Das Gedicht ist in einer einfachen Sprache verfasst, es muss ruhig gesprochen werden, jede Alltagshektik ist ihm fremd.

Dadurch, dass Schiller das Gedicht wie eine Vorrede seinem Gedichtband von 1800 vorangestellt hat, zeichnete er es aus und legte das Verständnis nahe, dass das fremde Mädchen für die Kunst steht, die Schönes aus einer anderen Welt allen vermitteln kann. Das Gedicht ist breit rezipiert und geschätzt, wie viele Rezitationen und Vertonungen zeigen:

https://www.deutschelyrik.de/das-maedchen-aus-der-fremde.328.html F. Stavenhagen

https://www.youtube.com/watch?v=gXbBgyoBxyo Vortrag, gut

https://www.schubertlied.de/index.php/de/die-lieder/117-das-maedchen-aus-der-fremde-117 von Schubert vertont

https://www.youtube.com/watch?v=_t2bn8tbaw4 von Fischer-Dieskau gesungen

https://www.youtube.com/watch?v=BZjvnSMz-24 Lied von Orplid

https://www.youtube.com/watch?v=BUhkQ3a2R_g Lied von Siegfried Fitz

https://www.youtube.com/watch?v=LLKq2Sq4tNI Text, gesprochen und filmisch interpretiert

https://digital.belvedere.at/objects/610/das-madchen-aus-der-fremde Bild Carl Rahls (um 1864)

Erich Fried: Kinder und Linke – Analyse

Wer Kindern sagt…“

In diesem Gedicht werden in drei Strophen fünf verschiedene Möglichkeiten beurteilt, wie man mit Kindern über ihr Denken sprechen kann. In den beiden ersten Strophen stellt der anonyme Sprecher lehrhaft vier falsche Möglichkeiten vor, jeweils in drei Versen, die nach dem gleichen Schema aufgebaut sind:

Wer Kindern sagt

[was sie zu denken haben]

der ist ein Rechter“

Entscheidend ist hier, dass den Kindern überhaupt gesagt wird, was sie zu denken haben; dem ist gleichwertig, dass man ihnen sagt, es sei egal, was sie denken (V. 11), weil man sie so nicht beachtet. Es kommt in der Kritik des Sprechers darauf an, dass man ihnen überhaupt das Denken vorschreiben oder verbieten (V. 8) will oder ihr Denken nicht ernst nimmt (V. 11). Die Kritik steht dann im jeweils dritten Vers, immer gleich lautend: „der ist ein Rechter“, also ein Reaktionär, ein Gegner des Fortschritts. Bemerkenswert ist, dass auch nur ein Rechter vorschreibt, links zu denken (V. 4-6); damit wird jeder Zensur und jeder Konformität, wie sie im „real existierenden“ Sozialismus (SU, DDR usw.) gang und gäbe war, eine Absage erteilt.

Richtig dagegen, sagt der Sprecher, sei es, den Kindern zu sagen,

a) was man selbst denkt,

b) dass daran etwas falsch sein könnte;

wer so zu ihnen spricht, „der ist vielleicht / ein Linker“ (V. 17 f.). In den beiden zitierten Versen ist das Modalwort „vielleicht“ durch den Zeilenschnitt betont und auch dadurch, dass in den vier vorhergehenden Bewertungen (V. 3, 6, 9, 12) das Modalwort fehlt. So mit Kindern zu sprechen ist also nur eine notwendige, aber noch keine hinreichende Bedingung dafür, „ein Linker“ zu sein. Ein Linker, ein Vertreter der Humanität, relativiert also als Lehrer seine eigene Position, stellt sie zur Kritik; diese These findet man in vielen Gedichten Brechts, besonders eindrucksvoll in „Lob des Zweifels“ und „Der Zweifler“, aber auch in anderen. Die richtige Möglichkeit steht nach den Regeln nicht nur literarischen Sprechens und Erzählens am Schluss; da gehört sie hin, sie ist die Pointe der Ausführungen.

Noch eine Besonderheit, richtig vom Denken zu sprechen, besteht darin, dass man sagt, was man selber denkt: Erstens denkt man selber (was nicht selbstverständlich ist!), und zweitens steht man öffentlich dazu (was ebenfalls nicht selbstverständlich ist). Mit solchem Selbstbewusstsein verträgt es sich ausgezeichnet, dass man seine eigene Fehlbarkeit zugeben kann – nur mit solchem Selbstbewusstsein kann man das. Dem selbstbewussten Standpunkt-Nehmen entspricht das Ziel, Kinder in die Mündigkeit, in die Autonomie zu entlassen.

Der Sprecher redet in normaler Umgangssprache; der Zeilenschnitt folgt dem Satzbau (bis auf V. 17/18, s.o.). Für die Erläuterung der richtigen Art, zu Kindern zu sprechen, braucht es mehr Platz (sechs Verse) statt der sonst ausreichenden drei Verse.

Das Gedicht ist leicht zu verstehen – ihm gemäß zu handeln ist schon etwas schwerer, aber unbedingt notwendig; schließlich muss man dafür kein Linker sein. Am Rand der Analyse sollte man festhalten, dass hier die Unterscheidung „ein Linker / ein Rechter“ sich der Bedeutung „richtig / falsch handeln“ nähert, allerdings nicht ihr gleich ist. Erich Frieds Probleme, wer wahrhaft ein Linker ist, brauchen uns nicht mehr zu interessieren; erfreulich ist, dass er sich von Stalinisten und Betonkommunisten abgrenzt und ihnen abspricht, wahrhaft Linke zu sein – wenn wir denn annehmen dürfen, der anonyme Sprecher trage Frieds Ansichten vor, wogegen nichts spricht. Die Schlag- und Schimpfworte „ein Linker – ein Rechter“ sind in der politisch aufgeheizten Stimmung heute nicht hilfreich (und waren es vielleicht noch nie); wenn ich Frieds Gedicht lese, geht es mir jedenfalls darum, wie man richtig mit Kindern umgeht, egal welches Etikett man später darauf klebt.

Text und Vortrag Fritz Stavenhagens: https://www.deutschelyrik.de/kinder-und-linke.html

Erich Fried: Wo lernen wir – Analyse

Wo lernen wir leben…“

Text: https://lyricstranslate.com/de/erich-fried-wo-lernen-wir-lyrics.html u.ö.

Mit diesem Gedicht vom Lernen greift Erich Fried eines der großen Themen Bertolt Brechts auf. Ein anonymer Sprecher bedenkt monologisch – für Zuhörer gibt es jedenfalls keine Anzeichen – wichtige Fragen, die um das Thema „lernen“ kreisen; dieses Thema ist viel zu wenig bedacht, auch wenn es heute von Coachs, Beratern und Therapeuten wimmelt: dies vielleicht deshalb, weil wir zu leicht am Leben-Lernen scheitern.

Die erste Frage ist die elementare, die sozusagen alle weiteren in sich einschließt: „Wo lernen wir leben“? (V. 1) Das Leben des Organismus ist ein Faktum; deshalb meint leben lernen: richtig zu leben lernen, sein Leben zu führen lernen, ein gelingendes Leben zu führen lernen. Es folgen fünf Fragen, in denen Dimensionen des gelingenden Lebens vor unsere Augen treten.

Die zweite Frage gilt dem lernen Lernen (V. 2-4). Damit ist hier nicht das bekannte schulische „das Lernen lernen“ gemeint, sondern etwas anderes, das in der Gegenüberstellung lernen/vergessen expliziert wird: Man muss auch das Vergessen lernen, sagt der Sprecher, „um nicht nur Erlerntes zu leben“ (V. 4) – wichtig ist hier das Verb „leben“ (vgl. V. 1): Wer nur Erlerntes lebt, kann keine eigenen Erfahrungen machen, kann aus seinen Erfahrungen nichts lernen und kann nichts Neues entdecken; sein Leben wird ausschließlich von der Tradition bestimmt, wie es vor zwei- oder dreihundert Jahren der Fall war, vor dem großen Epochenumbruch um 1800. Das Verb „vergessen“ (V. 3) ist hier also in einem weiten Sinn zu verstehen: Altes hinter sich lassen, sich über Traditionen hinwegsetzen: das Programm einer jeden Aufklärung, als deren Motto Kant „sapere aude“ bestimmt hat: Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. Die vier kleinen Sätze der ersten Strophe, in normaler Sprache formuliert, machen jeweils einen Vers aus; der Zeilenschnitt bringt keine Überraschung hervor.

In der zweiten Strophe werden zwei Grundhaltungen oder Tugenden miteinander als zu lernende konfrontiert: klug sein / ehrlich sein (V. 5-11). Sie werden beide in Bezug auf die Liebe problematisiert. Man muss „klug genug sein“ (V. 5) – also nicht nur klug sein, sondern es auch im richtigen Maß sein – um bestimmte Fragen zu vermeiden, welche die Liebe zerstören können („nicht einträchtig machen“ = Zwietracht erzeugen, V. 8). Außerdem muss man „ehrlich genug sein“ (V. 10), kritische Fragen um der Liebe willen nicht zu unterdrücken (V. 11 f.). Durch das Modalwort „genug“ wird für beides das richtige Maß eingefordert, das natürlich nicht abstrakt bestimmt werden kann; jedenfalls kann die Liebe durch unziemliche Fragen und die Ehrlichkeit durch unziemliches Schweigen gefährdet werden – beides darf nicht der Fall sein, fordert der Sprecher mit seinen beiden Fragen. Beide Tugenden setzen voraus, dass zwei starke Persönlichkeiten in Liebe verbunden sind, was nicht immer der Fall ist. Die zweite Strophe besteht aus sieben Zeilen; die ersten drei (V. 5-7) sind nach dem Schema von V. 2-4 aufgebaut (ein Satz pro Zeile), die letzten vier (V. 8-11) sind eigenwillig geschnitten, ohne dass dadurch Erkenntnis gefördert würde – man könnte sie auch in drei Versen unterbringen (so ist der Zeilenschnitt hinter „und wo“, V. 8, überflüssig, ein Schnörkel). Sprachlich hat sich gegenüber der ersten Strophe nichts geändert.

Das gilt auch für die dritte Strophe, die aus acht Zeilen besteht: zweimal vier Verse, die jeweils in zwei plus zwei aufgeteilt sind (lernen + Infinitiv, es folgt ein Nebensatz). Da alle Strophen aus einem einzigen Satz bestehen, wird die zweite Frage danach, wo wir etwas lernen, immer mit „und“ eingeleitet (V. 2, 8, 16). In der letzten Strophe wird zwar zweimal das Nomen „Wirklichkeit“ genannt (V. 13, 19), aber die eigentliche Aussage liegt naturgemäß in den Verben: sich gegen die Wirklichkeit wehren / träumen und wach sein für Träume (V. 13, 16 f.). Inwiefern will uns „die Wirklichkeit… um unsere Freiheit betrügen“ (V. 13 ff.)? Es muss sich da um eine Wirklichkeit handeln, welche unsere Lebensmöglichkeiten einschränkt – was offensichtlich der Fall ist, unterstellt der Sprecher (als Vertreter des Radikalsozialisten Erich Fried). Die Möglichkeiten kennen wir nur in unseren Träumen, also in unseren Utopien (nicht in den nächtlichen Träumen!). Auch solches Träumen muss man lernen, weil bürgerliche Erziehung normalerweise darauf hinausläuft, dass man sich den Gegebenheiten anzupassen hat: „Was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten.“ Die Verbalphrase „wach sein für Träume“ (V. 17) klingt zunächst paradox, weil man ja nur während des Schlafens träumt; unsere Erklärung des Träumens löst aber den scheinbaren Widerspruch in der Phrase auf. Das Verb „wach sein“ spielt zudem in das Metaphernfeld „schlafen / erwachen“ hinein, das gern benutzt wird, um zu einem neuen Aufbruch aufzurufen. Als Beispiel sei nur Georg Herweghs „Wiegenlied“ genannt, wo Deutschland ironisch dazu aufgefordert wird, weiter zu schlafen (https://gedichte.xbib.de/Herwegh_gedicht_Wiegenlied.htm und https://norberto42.wordpress.com/2012/01/29/georg-herwegh-wiegenlied-analyse/). Das Wortspiel „Träume / Wirklichkeit“ (V. 17 / V. 19) wird hier dazu genutzt, die Träume von einem gelingenden Leben in einer besseren Welt nicht wie üblich als „Schäume“ abzuwerten; vielmehr sollen sie „unsere Wirklichkeit werden“ (V. 19). Hier ist das Pronomen „unsere“ bedeutsam; es zeigt an, dass die vom Sprecher gemeinten und eingeforderten Träume nicht Träume vom privaten Glück sind, sondern solche, die uns alle betreffen.

Die Pronomina „Wir / unser“ (Plural!) findet man durchgängig (V. 1, 2, 5, 7 usw.). Sie zeigen an, dass für das gelingende Leben zu sorgen eine Gemeinschaftsaufgabe ist, die der einzelne für sich nicht lösen kann. In Frieds Gedicht wird eine große Aufgabe formuliert. Hans-Jochen Gamm: Umgang mit sich selbst. Grundriß einer Verhaltenslehre, München 1977 = Reinbek 1979, zielte in die gleiche Richtung wie Frieds Gedicht. Vergleiche auch Glück und Utopie. Ein Arbeitsbuch von Leonhard Horster und Norbert Tholen, Frankfurt 1988.

S. hat mir vor langen Jahren Erich Frieds „100 Gedichte ohne Vaterland“ geschenkt; dessen erneute Lektüre hat mich veranlasst, zusätzlich seine Gedichte zu lesen, soweit sie im Netz in größeren Sammlungen vorliegen. Daher ist diese Analyse für S.

Erich Fried: Notwendige Fragen – Analyse

Das Gewicht der Angst…“

Weder ist ein Sprecher noch ein Hörer (generisches Maskulinum) in diesem Gedicht auszumachen. Es geht in ihm um den Zusammenhang von Glück und Leid, von Mühe und Segen – aber auf eine sprachlich derart unbestimmte Weise, dass nicht einmal genau auszumachen ist, welches denn die notwendigen Fragen sind. Sicher stehen in V. 5-8 zwei Fragen: Wie viele Stein müssen geschluckt werden…? Wie tief muss man graben…? Ihnen sind in einer Aufzählung drei Nominalkomplexe vorgeordnet (V. 1-4), denen das Prädikat fehlt (die also keine Aussagen sind) und die ohne syntaktische Anbindung an die beiden bereits genannten Fragen stehen; man weiß deshalb nicht, in welchem Zusammenhang das Gewicht der Angst, die Ausmaße der Liebe und die Farbe der Sehnsucht (V. 1-4) zu Glück und Leid stehen, ja wie sie zueinander stehen: Sind sie gleichwertig? Oder gehört die Angst zur „Strafe für Glück“ (V. 6), das Ausmaß der Liebe aber zum Glück? Und wohin gehört die Sehnsucht mit ihren zwei verschiedenen (V. 3 f.) Farben?

Solche Unbestimmtheit, die wir bereits bei Gottfried Benn häufig antreffen, erweckt den Eindruck von Tiefsinn und lädt dazu ein, sich seinen Assoziationen hinzugeben und den bloßen Worten und ihren Anmutungen nachzuspüren; dann bekommt das Gedicht beinahe einen musikalischen Charakter, was man gerade bei Gottfried Benn bemerken kann. Musikalische Gedichte kann man persönlich beliebig interpretieren – analysieren kann man nur ihre Unbestimmtheit.

Von welcher Angst (V. 1) ist die Rede? Da gleich darauf Liebe und Sehnsucht genannt werden, liegt es nahe, an die mit der Liebe verbundene Angst zu denken. Gibt es da nur eine Sorte Angst? Selbst „Angst“ steht hier ohne Attribut (Angst vor…), absolut, als ob es überhaupt nur eine einzige Angst gäbe, die dann allerdings Gewicht hat (V. 1, eine Metapher): Angst bedrückt, Angst engt ein (das Wort „Angst“ ist mit dem indogermanischen „eng“ verwandt), sie nimmt einem die Luft zum Atmen.

Länge und Breite“ der Liebe (V. 2), das ist ein Bruch der Kategorien, da die Liebe kein Ding ist, weshalb „Länge und Breite“ metaphorisch verstanden werden müssen: das Ausmaß, von dem aber nicht gesagt wird, wie groß es denn sein soll. Gleiches gilt von der „Farbe der Sehnsucht“ (V. 3), die ja von Schatten und Sonne unabhängig ist, weshalb der Bezug auf Schatten und Sonne (V. 4) der Farbe, nicht der Sehnsucht zuzuordnen ist – ohne jeden möglichen Anhaltspunkt dafür, diese Farbe (oder zwei Farben?) näher zu bestimmen.

In den beiden Fragen zum Schluss tauchen zwei Bilder auf: Steine schlucken / tief graben (V. 5 / V. 7). Das Steine Schlucken lege ich so aus, dass Steine anstelle von Brot zu essen sind: Unverdauliches, das einen belastet, wie bereits der Wolf der sieben Geißlein feststellen musste. Wieso das Steine Schlucken „Strafe für Glück“ (V. 6) ist, wird nicht erklärt; es könnte so gemeint sein, dass Glück nicht ohne Leid, Licht nicht ohne Schatten zu haben ist – wenn man so will, eine Plattitüde. Den Acker tief umzugraben (V. 7 f.) ist nötig, damit der Boden gelockert und Nährstoffe freigesetzt werden, und tief zu graben ist mit großer Mühe verbunden. „Milch und Honig“ (V. 8) sind eine metaphorische Anspielung auf GOTTes Verheißung an das Volk Israel, er werde es in ein Land führen, „das von Milch und Honig fließt“ (Ex 3,8 und öfter), wo es das Gute also im Überfluss gibt. Solchen Überfluss gibt es nur als Lohn harter Arbeit (= tief graben), deutet der Sprecher mit seiner Frage nach dem Maß des Grabens an – ebenfalls eine Plattitüde.

Die sprachliche Form des Gedichts ist einfach: Die Sprache ist Prosa, gehobene Umgangssprache, mit vielen Metaphern geschmückt. Die Anordnung des Textes in acht Zeilen macht daraus ein Gedicht. Der Zeilenschnitt bietet keine Überraschungen: Am Anfang stehen die drei Nominalphrasen, in V. 4 ein bzw. zwei Attribute zu „Farbe der Sehnsucht“; die beiden Fragen bekommen jeweils zwei Zeilen, wobei in der ersten Zeile der Hauptsatz steht und in der zweiten Zeile eine nähere Bestimmung zu diesem Satz (einmal: seine Bedeutung erläuternd, V. 6, einmal das Gleiche in Form einer temporalen Bestimmung, V. 8).

Der Wert des Gedichtes „Notwendige Fragen“ besteht darin, dass es die oft überschwängliche Liebesseligkeit in Erich Frieds Gedichten korrigiert. In seiner Tendenz ist es dem Gedicht „Dann“ verwandt, in dem auch ein Verzicht auf das dauernde Glück ausgesprochen wird.

Deutsche Märchen bei den Nazis

Wie in den braunen 1000 Jahren Märchen gedeutet bzw. eher paraphrasiert wurden, kann man in folgendem Buch nachlesen: https://archive.org/details/HoffmannFritzHugoDeutscheMaerchenUndIhreDeutungDeutschjugendVerlag1934_201702/page/n3

Diese Nazi-Deutung ist ein wunderbares Besipiel dafür, wie etwas in den Text hineininterpretiert wird, was nicht darin steht.

 

A. Holl: Wo Gott wohnt (1976) – gelesen

Von Adolf Holl kenne ich zwei Bücher, „Jesus in schlechter Gesellschaft“ (1971) und „Tod und Teufel“ (1973); das erste trifft weithin den Ton Tralala, das zweite hat mir gut gefallen, da es auch die Geschichte seiner Entfremdung vom Priesterberuf erzählt – was aber genau darin steht, weiß ich nicht mehr, ich muss es mal wieder lesen. Jetzt habe ich mir antiquarisch „Wo Gott wohnt“ (1976) gekauft, aufgrund einer uralten Empfehlung einer guten Bekannten: Hier wird die Geschichte des biblischen Gottes erzählt, dessen Zeit inzwischen um ist, damit ihm der kleine Gott Jesus nachfolgen kann, der alle 155 Jahre ein Jahr älter wird und deshalb jetzt gerade erwachsen ist, so dass von ihm noch etwas zu erwarten ist.

Im Hintergrund des Buches steht die Erkenntnis, dass die Israeliten nicht immer den gleichen GOTT verehrt haben, dass es verschiedene Namen und Vorstellungen des GOTTes gab, dass er zuerst neben anderen Göttern stand, ehe er als EINZIGER verehrt wurde… was natürlich im Religionsunterricht so nicht gesagt wurde und was die meisten katholischen Bischöfe vermutlich heute noch nicht wissen, da sie stramm eine ahistorische Dogmatik gelernt haben. Die letzte seriöse Darstellung des Problems, die ich kenne, stammt von Werner H. Schmidt: Alttestamentlicher Glaube in seiner Geschichte (3. Auflage 1979; es gibt eine 7., verbesserte Auflage); vermutlich gibt es neuere Darstellungen, ich habe das nicht mehr verfolgt. Aus dieser Geschichte der Gottesvorstellungen macht Adolf Holl nun eine Geschichte GOTTes, der sich selber entwickelt – für die in griechischer Philosophie Denkenden (wie die Kirchenväter und die Konzilien) ein grauenhafter und lästerlicher Gedanke.

Wenn ich es recht sehe, hatte Heinrich Heine als erster die Idee, eine Biografie Gottes zu schreiben; diese Idee ist in sich kritisch, weil sie ein Ende GOTTes impliziert, Schwäche und Tod – das Gegenteil GOTTes. Bei Adolf Holl wird dieses Ende zugunsten des kleinen Gottes Jesus begrüßt: Holl greift dafür auf Christus-Darstellungen in den Katakomben zurück, „Darstellungen einer knabenhaften Gestalt: eine Art Hirtenjunge, ohne Bart [ganz wichtig, El war nämlich ein alter Mann mit Bart, S. 37, N.T.], ähnlich dem griechischen Gott Orpheus“ – „Jesus, der den Tod überlistet, unangestrengt und bei bester Gesundheit“ (S. 118). Dieser kleine Gott wendet sich vom Himmel ab und den Menschen zu, zum Schluss fährt er mit Luzifer und der Geist-Taube per Bus bis zur Endstation. Was sie da tun, wird nicht mehr erzählt.

Auf der Basis einiger historischer Fakten, in freier Variation biblischer Erzählungen und mit viel Fiktion und Fantasie erzählt Holl auszugsweise biblische und kirchliche Geschichte(n) nach – insgesamt wieder in der Methode Tralala. Das ist ganz nett, mehr aber auch nicht; eine marxistisch-kritische Darstellung der ganzen Geschichte hat Walter Beltz geschrieben: „Gott und die Götter. Biblische Mythologie“ (1975). Lesenswert sind Leszek Kolakowskis geistreiche Kommentare zu einzelnen biblischen Geschichten, „Der Himmelsschlüssel. Erbauliche Geschichten“ (1964). Was Jack Miles‘ „Gott. Eine Biographie“ (1996) taugt, weiß ich nicht; ich hänge zwei Rezensionen an, die ich im Netz gefunden habe.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezension-sachbuch-am-achten-tag-schuf-gott-sich-selbst-11306703.html

https://hansarandt.wordpress.com/2015/01/03/das-selbstbewusstsein-gottes/

F. Schottlaender: Die Mutter als Schicksal – erneut gelesen

Außer einigen Fachleuten kennt heute kaum noch jemand Felix Schottlaender (1892-1958), einen bedeutenden Psychoanalytiker jüdischer Herkunft. Sein Buch „Die Mutter als Schicksal“, 1967 erneut als Taschenbuch erschienen (Stundenbücher 72, damals 3,80 DM), habe ich 1972 gekauft und gelesen; es hat mein Leben verändert. Es hat mich gelehrt, 1. hinter dem Bild von mütterlicher Angst, Sorge, Herrschsucht, Opferbereitschaft – „Liebe“ oder „Mutterliebe“ genannt – die neurotische Frau zu sehen, 2. die Mechanismen gegenseitiger Bindung und Verstrickung als fallhafte Vorgänge zu begreifen, 3. dadurch Distanz zu den moralischen Kategorien von Dankbarkeit, Mitleid und Gehorsam zu gewinnen: Was mich selbst bisher im Innersten betroffen hatte, war ein neurotischer Prozess, der letztlich nicht mich selber meinte; es war ein Fall. Diese Einsicht hat zu meiner Befreiung beigetragen – nicht sie allein, aber sie auch. Ich habe das Buch im August 1972 als eine Offenbarung verschlungen; heute lese ich es gelassen, die Gedanken sind mir vertraut.

Als Kennzeichen der Neurose nennt Schottlaender

  • ein erhöhtes Leiden am Leben,
  • ein Minderwertigkeitsgefühl,
  • die Ichhaftigkeit,
  • den Anspruch auf Liebe (aus dem Wunsch, selber lieben zu können),
  • Schwierigkeiten im Liebesleben.

Diese Wesenszüge seien auf Störungen in den Liebesbeziehungen des ehemaligen Kindes zu seiner Mutter zurückzuführen.

In den nächsten Kapiteln erklärt Schottlaender anschaulich und verständlich anhand von Beispielen, was Mütter im Verhältnis zum Kind falsch machen können und dass die Bindung das Gegenteil von Liebe ist. In den folgenden Fallgeschichten beschreibt er, wie er Neurotikern zu helfen versucht hat, was ihm nicht immer gelungen ist. Besonders aufschlussreich für mich war das Kap. VII, in dem die Bindung zweier tüchtiger erwachsener Söhne an ihre Mutter unter dem Stichwort „Kleinbürgerliches Inferno“ beschrieben wird: Einer der beiden bricht aus und heiratet, der andere bleibt bei der Mutter. – Dieses Beispiel zeigt, dass die kritische Einsicht in die Ambivalenz der „Mutterliebe“ nur dann die in der Bindung Gefangenen befreien kann, wenn beide Parteien diese Einsicht gewinnen, so dass man sich distanziert arrangieren kann; wenn die Mutter ihre ambivalente Bindung nicht erkennt oder nicht anerkennen will/kann, kann und sollte man als Sohn diese Bindung abbrechen, egal wie viel Herzschmerzen die Mutter bekommt und womit sie droht.

Schottlaender war offenbar ein gütiger, verständnisvoller Mensch. Seine zum Schluss (anscheinend kurz nach Krieg) geäußerte Hoffnung, das Christentum werde die Greuel des Dritten Reiches überwinden helfen, hat sich nach meiner Einschätzung nicht erfüllt. – Ein kleines großes Buch, das es noch antiquarisch zu kaufen gibt, wenn es heute insgesamt auch nicht mehr so „aufklärerisch“ sein kann wie für mich 1972. Auch Schottlaenders Buch „Des Lebens schöne Mitte. Gedanken über Liebe und Ehe“ ist heute noch lesenswert, wenn es in den Stadtbibliotheken auch längst ausgeschieden worden ist.

Felix Schottlaender:

https://www.fachzeitungen.de/ebook-felix-schottlaender-0

http://www.ciando.com/ebook/bid-477755-felix-schottlaender-leben-und-werk/leseprobe/

https://download.e-bookshelf.de/download/0000/7541/97/L-G-0000754197-0002328550.pdf

https://www.psychoanalytikerinnen.de/deutschland_geschichte.html

https://www.akademie-stuttgart.de/geschichte/

https://psychoanalysestgt.de/dateien/stuttgarter.html

https://also42.wordpress.com/2016/01/11/blinde-flecken-meditation/

Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (1777 ff.)

Lohnt es sich heute noch, Johann Heinrich Jung-Stillings „Lebensgeschichte“ zu lesen? Sie ist in mehreren Teilen ab 1777 erschienen; der erste Teil wurde von seinem Freund Goethe herausgegeben. Bei zeno.org stehen nur die ersten drei Teile: Heinrich Stillings Jugend, Heinrich Stillings Jünglings-Jahre, Heinrich Stillings Wanderschaft (http://www.zeno.org/Literatur/M/Jung-Stilling,+Johann+Heinrich/Autobiographische+Schriften); Gutenberg-Spiegel bietet auch noch einen Teil des vierten Bandes – das alles zeigt, dass heute doch größere Reserven gegenüber den Schriften Jung-Stillings bestehen.

Bereits sein Charakter gefällt mir nicht ganz, „jede Ironie, und jede Satyre, war ihm ein Gräuel, alle anderen Schwachheiten konnte er entschuldigen“. Erschwerend kommt hinzu, dass er fortwährend fromme Gedanken hegt und sein Leben unter der Idee erzählt, er sei von Gott auf seinem Weg geführt worden:

So angenehm verflossen dreyzehn Wochen, und ich kann sagen: daß Stilling während der Zeit sich weder seines Handwerks schämte, noch sonsten großes Verlangen trug, davon abzukommen. Um das Ende dieser Zeit, etwa mitten im Julius, gieng er an einem Sonntag Nachmittag durch eine Gasse der Stadt Schauberg; die Sonne schien angenehm, und der Himmel war hier und da mit einzelnen Wolken bedeckt; er hatte weder tiefe Betrachtungen, noch sonst etwas sonderliches in den Gedanken; von ohngefähr blickte er in die Höhe und sah eine lichte Wolke über seinem Haupte hinziehen; mit diesem Anblick durchdrung eine unbekannte Kraft seine Seele, ihm wurde so innig wohl, er zitterte am ganzen Leibe, und konnte sich kaum enthalten, daß er nicht darnieder sunk; von dem Augenblick an fühlte er eine unüberwindliche Neigung, ganz für die Ehre Gottes, und das Wohl seiner Mitmenschen zu leben und zu sterben; seine Liebe zum Vater der Menschen, und zum göttlichen Erlöser, desgleichen zu allen Menschen, war in dem Augenblick so groß, daß er willig sein Leben aufgeopfert hätte, wenn’s nöthig gewesen wäre. Dabey fühlte er einen unwiderstehlichen Trieb, über seine Gedanken, Worte und Werke zu wachen, damit sie alle Gottgeziemend, angenehm, und nützlich seyn möchten. Auf der Stelle machte er einen vesten und unwiderruflichen Bund mit Gott, sich hinführo lediglich Seiner Führung zu überlassen, und keine eitle Wünsche mehr zu hegen, sondern wenn es Gott gefallen würde, daß er Lebenslang ein Handwerksmann bleiben sollte, willig und mit Freuden damit zufrieden zu seyn.

Er kehrte alsofort um, gieng nach Haus, und sagte niemand von diesem Vorfall etwas, sondern er blieb wie er vorhin war, nur daß er weniger und behutsamer redete, welches ihn noch beliebter machte.

Diese Geschichte ist eine gewisse Wahrheit. Ich überlasse Schöngeistern, Philosophen und Psychologen, daraus zu machen, was ihnen beliebt; ich weiß wohl, was es ist, das den Menschen umkehrt, und so ganz verändert.“

Was soll man von einem Menschen halten, der eine lichte Wolke sieht und daraufhin einen unwiderruflichen Bund mit Gott schließt – ohne zu fragen, ob Gott den Bund auch mit ihm schließt – und sich Gottes Führung überlassen will? Und der später selber erkennt, dass die Sache mit der göttlichen Vorsehung eine schwierige Sache ist, und dann doch keine Konsequenzen aus dieser Einsicht zieht? (Vgl. https://also42.wordpress.com/wp-admin/post.php?action=edit&post=2713) Ich kann die Lektüre Jung-Stillings heute nur noch aus Gründen historischer Erkenntnis (Aufstieg armer Leute im späten 18. Jh., Probleme des westdeutschen Pietismus, Bekanntschaft mit Goethe) empfehlen.

Text: http://www.deutschestextarchiv.de/book/show/jung_lebensgeschichte_1835

Forschung: http://www.jung-stilling-forschung.de/index.php/de/

Das 19. Jahrhundert in Briefen – Besprechung

Ich hoffe, der Himmel wird Deutschland erhalten“- Das 19. Jahrhundert in Briefen, hrsg. von Jürgen Moeller. Beck: München 1990

Mit gehöriger Verspätung habe ich die 74 Briefe gelesen, in denen Menschen des 19. Jahrhunderts zu Wort kommen. Die großen Krisen des Jahrhundert tauchen aus dem Erleben der Menschen auf: der Freiheitskampf gegen Napoleon, die Streitigkeiten um Republik und nationale Einheit, die Reichsgründung, die soziale Frage und die Frauenfrage. Das alles sind Themen, die – bis auf den Kampf gegen Napoleon – auch heute, wenn auch in anderer Akzentuierung, noch wichtig sind; viele Briefe sind rein persönlich formuliert. Der Titel ist übrigens ein Zitat aus einem Brief Jacob Grimms an Friedrich Carl von Savigny.

Für mich ragen die Briefe der Luise von Preußen an ihren Vater (1808), des Freiherrn vom Stein an seine Frau (1814, über Napolen), Dahlmanns und seiner Kollegen an das Göttinger Universitätskuratorium (1837), Carl Schurz‘ an seine Freunde (1849), Ludwig Feuerbachs an Wilhelm Bolin über die Emanzipation der Frauen (1870), Philipp zu Eulenburgs an Wilhelm von Preußen über die Probleme mit einem verrückten bayrischen König (1886), Peter Roseggers an Friedrich von Hausegger (1889, über den gängigen Antisemitismus), August Bebels an Engels (1893) und Theodor Fontanes an Georg Friedlaender (1897, über die verfehlte kaiserliche Politik) heraus. Der beeindruckendste Brief war der von Carl Schurz, der sich im Alter von 20 Jahren den Aufständischen in Baden angeschlossen hatte und nun erlebt, wie er sich zum letzten, aussichtslosen Gefecht gegen preußische Truppen rüstet und dabei vor Augen hat, dass er danach erschossen oder zu langer Haft verurteilt werden wird. Seine ruhige Reflexion, die Gefasstheit und seine moralische Überlegenheit beeindrucken mich (Text des Briefes hier: https://archive.org/details/lebenserinnerung03schuuoft/page/48, S. 49-52). Ich habe beschlossen, demnächst seine Lebenserinnerungen zu lesen, die man auf archive.org findet.

Einen Reiz des Buches machen die kurzen Einführungen in jeden Brief durch Jürgen Moeller aus, die einen veranlassen können, unbekannten Namen nachzuforschen und so mit ihren Schicksalen zumindest vordergründig bekannt zu werden. Jürgen Moeller hat auch Briefe aus dem 20. Jahrhundert herausgegeben („Historische Augenblicke“), die gleichfalls auf meinem Leseplan stehen.

K. Tucholsky: Die Leibesfrucht – Text und Analyse

Die Leibesfrucht

Du bist so schwer, du bist so blass –
was hast du, Mutter?
Du willst etwas und weißt nicht was –
was hast du, Mutter?
»Ich trag in meinem Leibe ein Kind;
ich weiß, wie seine Geschwister sind:
ohne Stiefel, ohne Wolle, ohne Milch, ohne Butter –
ich bin eine Mutter! Ich will keine Mutter mehr sein!
Lass mich schrein –!
Lass mich schrein –!«

Es darf und darf mir nicht zur Welt!
»Frau, was wollen Sie?«
Mein Mann ohne Stellung – wir haben kein Geld!
»Frau, was wollen Sie?«
Ich will nicht, dass man für eine Nacht
mich und die Kinder unglücklich macht!
Dieselben Rechte will ich wie die Reichen,
die ungestraft zum Abtreiber schleichen –
Warum will mich denn keiner befrein?
Lasst mich schrein –!
Lasst mich schrein –!

Mit Schreien ist da nichts getan –
Wacht auf, ihr Frauen!
Nieder mit kirchlichem Größenwahn!
Wacht auf, ihr Frauen!
Ihr krümmt euch vor Schmerzen, und in euer Ohr
tönt heulend der Unternehmerchor:
»Trag es aus! Trag es aus!
Trag es aus im Sturmgebraus!
Wenn der Staat bleibt bestehn,
könnt ihr alle zugrunde gehn!
Ihr habt nichts zu fressen?
Wir brauchen die Kinder für Dortmund und Essen,
für die Reichswehr und für die Büros –
und wenn ihr krepiert, dann sind wir euch los!«

Aus Jodoform und blutigem Leinen
kommt winselnd eines Kindes Weinen.
Es wartet an dem kleinen Bett
bereits ein mächtiges Quartett:
Fabrik. Finanzamt. Schwindsucht. Kirchenzucht.

Das ist das Schicksal einer deutschen Leibesfrucht.

Theobald Tiger, in: Arbeiter Illustrierte Zeitung, 1929

Erläuterungen:

ungestraft zum Abtreiber (V. 18): Wer eine Leibesfrucht (Embryo) vorsätzlich und rechtswidrig abtrieb, wurde nach § 218 StGB mit Zuchthaus bis zu 5 Jahren, mindestens mit Gefängnis nicht unter 6 Monaten bestraft; wer nicht angezeigt wurde, konnte nicht bestraft werden.

Jodoform (V. 36) wurde zur Desinfektion von Wunden verwendet.

Kirchenzucht (V. 40): Sammelbegriff für Maßnahmen, in der evangelischen Kirche Ordnung und Lehre zu sichern; dazu gehören etwa die Abmahnung eines Pastors bis hin zum Ausschluss von kirchlichen Rechten, etwa der Teilnahme am Abendmahl.

Die Überschrift „Die Leibesfrucht“ ist noch dunkel, sie wird im Verlauf des Gedichtes erhellt. Zunächst werden Dialoge zweier verschiedener Stimmen mit einer werdenden Mutter wörtlich wiedergegeben (V. 1-21); wer das alles berichtet, ist unklar. Darauf meldet sich eine Stimme, die sich an alle Frauen wendet und sie zum „Aufwachen“ auffordert (V. 22-35). Danach wird vermutlich durch die gleiche Stimme die Situation eines neugeborenen Kindes beschrieben, das möglicherweise das Kind der zu Beginn klagenden Mutter ist und dessen Schicksal als armes unterdrücktes Wesen jetzt schon feststeht (V. 36-40). Das Fazit, ein einziger Satz, ist die letzte Strophe: „Das ist das Schicksal einer deutschen Leibesfrucht.“ (V. 41) Die Stimme ergreift Partei für die arme schwangere Frau, ruft alle Frauen zum Widerstand gegen die Kirche und die Unternehmer auf, welche vom § 218 profitieren, und beklagt das Schicksal des neugeborenen Kindes. – Der Autor Tucholsky wendet sich mit diesem Gedicht 1929 in der „Arbeiter Illustrierte Zeitung“ gegen den Fortbestand des § 218 StGB.

Der Rhythmus des Gedichtes ist bewegt und komplex. Das vorherrschende Versmaß ist der Knittelvers; in einigen kurzen Versen, die auch wiederholt werden (V. 2, V. 9, V. 12, V. 20), sowie zu Beginn des Unternehmerchors (V. 28-32) gibt es nur zwei Hebungen, während der Vers 8 (der Aufschrei der Mutter) fünf Hebungen aufweist. Die Kadenzen wechseln ohne System. Zu Beginn der ersten drei Strophen steht jeweils ein Kreuzreim, die anderen Reime sind Paarreime; nur V. 7 bezieht sich entweder auf V. 2/4 zurück oder greift auf „Mutter“ in V. 8 vor. Die Verse 9/10 und 20/21 könnte man als einen Vers auffassen, dann hätte man vier Hebungen und einen einzigen Reim mit dem vorhergehenden reimenden Vers. Der Satz geht gelegentlich über das Versende hinaus. Die reimenden Verse passen meist semantisch gut zusammen, zum Beispiel: ein Kind – wie seine Geschwister sind (V. 5/6); die Reichen – ungestraft zum Abtreiber schleichen (V. 17/18); mit Schreien ist nichts getan – nieder mit kirchlichem Größenwahn (V. 22/24). Die Frau spricht erregt und schnell, der Unternehmerchor langsam, die anderen Stimmen unterschiedlich.

Die erste Stimme, die sich an die Mutter wendet (V. 1-4), könnte die eines ihrer Kinder, kann aber auch eine fremde Stimme sein; sie fragt besorgt, was die Mutter hat, dass es ihr so schlecht geht. Darauf klagt die Mutter ihr Leid (V. 5-10), dass sie schwanger ist und dass es den bereits vorhandenen Kindern schlecht geht; sie zählt auf, was die alles nicht haben (V. 7), obwohl sie es brauchen. Sie schreit verzweifelt: „Ich will keine Mutter mehr sein!“ (V. 8) Das könnte heißen, dass sie insgesamt aus ihrer Situation ausbrechen will oder dass sie nicht noch einmal Mutter werden will. Und dann wiederholt sie: „Lass mich schrein –!“ (V. 9 f.)

Das Gespräch der Mutter mit der zweiten Stimme, von der sie als „Frau“ angesprochen wird, könnte ein Beratungsgespräch mit einem Arzt sein. Die Stimme fragt zweimal lapidar: „Frau, was wollen Sie?“ (V. 12 und V. 14) und gibt so der Schwangeren Gelegenheit, ihre Lebenssituation zu schildern: Die Familie hat kein Geld, ein weiteres Kind würde sie unglücklich machen; sie will „dieselben Rechte wie die Reichen, die ungestraft zum Abtreiber schleichen“ (V. 16 f.). Damit berührt sie die soziale Problematik des § 218; dieser verbietet zwar Abtreibung generell, aber mit genügend Geld konnte man ihn umgehen und die Abtreibung von einem hilfsbereiten Arzt statt von einer „Engelmacherin“ vornehmen lassen (Engelmacherin: eine nicht medizinisch ausgebildete Frau, die eine ungewollte Schwangerschaft durch einfache und meist gefährliche Methoden beendete – die toten Embryos wurden angeblich zu „Engelchen“, daher der Name; vgl. den Bericht http://de.muvs.org/topic/2007-meine-grossmutter-war-engelmacherin/). Was vom Gesetz verboten war, wurde durch die Praxis zu einem „Recht“ der Reichen – und genau dieses Recht fordert die arme Frau für sich ein. Deshalb fragt sie: „Warum will mich denn keiner [von meinem Embryo] befrein?“ (V. 19) Sie endet verzweifelt wie im vorigen Gespräch: „Lasst mich schrein – !“ (V. 20 f., diesmal im Plural)

Dieser wiederholte Ausruf schließt die beiden Gespräche ab und ist Anlass für eine Stimme, die vermutlich im Namen des Autors Tucholsky spricht: „Mit Schreien ist da nichts getan – Wacht auf ihr Frauen!“ (V. 22 f.) Warum ist da mit Schreien nichts getan? Weil Schreien nur die eigene Verzweiflung ausdrückt, aber nichts an den Verhältnissen ändert. Die Fragen des Rechts, wozu das Verbot der Abtreibung gehört, sind nämlich auch Fragen der Macht. Die Gegner der Frau in diesem Machtkampf sind laut der Stimme die Kirchen und die Unternehmer. Die kann man nur bekämpfen, wenn man aufwacht. Die Metapher „schlafen / erwachen“ ist uralt und in vielen Situationen verwendet worden, siehe meinen Aufsatz „Schlafen – erwachen – aufstehen: ein Metaphernfeld“. Der erste Gegner der Frauen ist kirchlicher Größenwahn; den greift die Stimme an, weil die Kirchen im Namen Gottes und der Natur („Naturrecht“) Abtreibung verbieten und mit kirchlichen Sanktionen belegen. Der zweite Gegner sind die Unternehmer, die ohne Rücksicht auf die Schmerzen der Frauen heulend (heulen: „scharf, durchdringend tönen“, DWDS) rufen: „Trag es aus! Trag es aus!“ (V. 28 und V. 29) Die zynische Begründung dieser Forderung folgt in den Versen 30-35: Der § 218, verallgemeinert: der Staat muss bestehen bleiben, auch wenn ihr alle untergeht (schöner Reim: bleibt bestehn – ihr könnt zugrunde gehn, V. 30 f.); der zweite Grund, am § 218 festzuhalten: „Wir“ brauchen die Kinder als Arbeitskräfte und Soldaten (V. 33 f.), und wenn „ihr“ Mütter „krepiert, dann sind wir euch los“ (V. 35). In diesem Gegensatz wir/ihr sieht man die Fronten des Machtkampfes. Die zahlreichen Wiederholungen (diesmal V. 23 und V. 25, V. 28 f.) gehören ebenso wie die Aufzählung in V. 33 f. zum agitatorischen Gestus des Sprechers. Dass die Unternehmer von „fressen“ (V. 32, statt „essen“) sprechen, zeigt, wie verächtlich sie auf die Armen herabblicken, als wären es niedere Tiere.

Unvermittelt wird durch die gleiche Stimme nun beschrieben, wie die Situation eines Neugeborenen ist – als Leser denkt man sich (und der letzte Vers bestätigt es), dass die schwangere Mutter (erste beiden Strophen) ihr Kind geboren hat: ein winselndes Weinen (V. 37), als wüsste das Kind bereits, was es später zu erwarten hat, nämlich „ein mächtiges (!) Quartett: Fabrik. Finanzamt. Schwindsucht. Kirchenzucht.“ (V. 39 f.) Das Attribut „mächtig“ deutet noch einmal den Horizont an, in dem die Frage des § 218 (und nicht nur diese) gesehen werden muss: Inhaber von Interessen sichern ihre Macht durch das Recht des Staates. Wer als einfacher Arbeiter in die Fabrik geht, bringt es höchstens zur Schwindsucht; Finanzamt und Kirchenzucht sorgen dafür, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Die letzte Strophe ist ein einziger Vers, in dem das ganze Gedicht als Weg bzw. „Schicksal einer deutschen Leibesfrucht“ zusammengefasst wird (V. 41).

Tucholsky hat mit diesem Gedicht massiv Stellung bezogen und die politischen Aspekte des Verbots der Abtreibung angedeutet. Die psychologischen Aspekte, dass mit der Kontrolle der Sexualität „im Namen Gottes“ Macht über Menschen ausgeübt wird, werden hier nicht berücksichtigt.

Das große deutsche Drama, in dem es auch um eine Abtreibung geht, ist Goethes „Faust“. Ich könnte mir vorstellen, dass Enzensbergers Gedicht „Geburtsanzeige“ (1957) durch Tucholskys Gedicht „Die Leibesfrucht“ angeregt ist.

Marcelle Auclaire: Das tödliche Schweigen. Eine Umfrage über die Abtreibung, Walter-Verlag 1964. Nachdem ich dieses Buch vor 50 Jahren gelesen habe, ist mir die kirchliche Position in der Frage der Abtreibung fragwürdig geworden. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat es in Deutschland eine große Debatte um den § 218 gegeben. Dass die katholische Kirche nach wie vor Empfängsnisverhütung offiziell verbietet, sich aber auf Anordnung des Papstes Johannes Paul II. (den man sogar heiliggesprochen hat) aus der Konfliktberatung für Schwangere zurückgezogen hat, ist trotz der „frommen“ Begründung [Schwangere könnten den katholischen Beratungsschein für eine Abtreibung benutzen] an Zynismus nicht mehr zu überbieten: ‚Sollen sie zusehen, wie sie ohne uns klarkommen.‘ Jesus würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, was seine Kirche alles anstellt.

https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/schwangerschaftsberatung-nach—218/81024 (Schwangerschafsberatung nach § 218)

Kurt Tucholsky: Nächtliche Unterhaltung – Text und Analyse

Nächtliche Unterhaltung

Der Landgerichtsdirektor schnarchte im Bett.
Seine Garderobe lag – ziemlich komplett –
auf dem Stuhl. Die Nacht war so monoton…
Da machten die Kleider Konversation.

»Ich«, sagte die Jacke, »werde ausgezogen.
Ich hänge – ungelogen –
im Beratungszimmer
und habe keinen Schimmer,
was mein Alter da treibt.«

»Wir sprechen Recht!« sagte die Weste.
»Aber feste –!
Wir schnauzen die Angeklagten an –
wir benehmen uns wie ein Edelmann.
Wir verbieten allen sofort den Mund
und reden uns selber die Lippen wund.
Wir verhängen über Wehrlose Ordnungsstrafen
(nur, wenn wir Beisitzer sind, können wir schlafen).
Zum Schluss verknacken wir. Ohne Scherz.
Unter mir schlägt übrigens kein Herz.«

»Wir«, sagten die Hosen, »wir habens schwer.
Neulich kam der Landgerichtspräsident daher
und hat revidiert. Er saß an der Barriere,
und es ging um unsre ganze Karriere.
Vor uns ein Kommunist. Da haben wir wie wild
geschmettert, geschnattert, gestampft und gebrüllt.
Aber wie es manchmal so geht hienieden:
der Präsident wars noch nicht zufrieden.
Und da blieb uns die ganze Rechtswissenschaft weg,
und da bekamen wir einen mächtigen Schreck.
Und zum Schluss besahen wir uns den Schaden:
Wir Hosen hatten es auszubaden!«

So sprachen die Kleider in dunkler Nacht
und haben sich Konfidenzen gemacht.

An der Wand aber hing ein stiller Hut,
dem waren die Kleider gar nicht gut.

»Erzähl was, Hut! Erzähl uns was!«
Der Hut aber sprach verlegen: »Das –
das wird nicht gehn.
Ich armer Tropf
ich sitze nämlich bei dem auf dem Kopf.
Und so hab ich, ihr müsst mich nicht weiter quälen,
nicht das geringste zu erzählen –!«

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 04.05.1926, Nr. 18, S. 690

Erläuterung:

Konfidenz (V. 33): Vertrauen, Zutrauen; vertrauliche Mitteilung, Vertraulichkeit

Es erzählt eine Stimme von einer nächtlichen Unterhaltung der Kleider. Eine Situation des Erzählens oder Zuhörer sind nicht greifbar.

Zunächst wird der Hörer in die Situation eingeführt, dass die Kleider des Landgerichtspräsidenten (Lgp) in einer Nacht miteinander zu sprechen beginnen (V. 1-4). Es folgen dann, bis auf eine kleine Überleitung in V. 32-35, Berichte in wörtlicher Rede von dem, was verschiedene Kleidungsstücke aus ihrem Leben beim Lgp erzählen. In diesen Erzählungen werden das Handeln des Lgp und sein Wesen kritisch offengelegt. Das Thema des Gedichts sind die Schwächen der Justiz in der Weimarer Republik.

Die sieben unterschiedlich langen Strophen sind meist in Knittelversen gesprochen, was zum Duktus des Erzählens passt. Eine Verse weisen nur drei (z. B. V. 6-9) oder zwei (z. B. V. 11, V. 39) Hebungen auf, was aber nichts zu sagen hat. Die Verse sind durchweg als Paarreime miteinander verbunden (bis auf V. 9 undV. 38); die Reime stellen meist nur einen lautlichen Anklang dar, weil der Satz in lebendiger Erzählung oft übers Versende hinausgeht. Gegenbeispiele sind etwa ‚monoton – machten Konversation‘ (V. 3 f., Grund der Konversation); ‚schnauzen an – wie ein Edelmann‘ (V. 12 f., passender Vergleich); ‚wie wild – gebrüllt‘ (V. 24 f., passendes Adverb zum Prädikat). Die Sprache der Kleider ist die Umgangssprache; oft werden Sätze verkürzt (z. B. V. 11, V. 18, V. 24) oder durch die einfache Konjunktion „und“ (z. B. V. 8 im Satz, V. 28 neuer Satz) angeschlossen, einmal zwei Wörter verschliffen (V. 27). Die Kleider gebrauchen auch Wörter der unteren Sprachebene (z. B. „keinen Schimmer haben“, V. 8; „verknacken“, V. 18). Der Sprecher dagegen erzählt in einem gehobenen Ton, er kennt auch Fremdwörter (Konversation, V. 4; Konfidenzen, V. 33). Wegen des versübergreifenden Satzbaus, der Knittelverse und der unterschiedlichen Verslängen wirken die Äußerungen sowohl des Sprechers wie der Kleider beinahe prosaisch.

Zunächst wird also die Situation beschrieben, in der die Kleider ihre Konversation beginnen (V.1-5). Als erste spricht die Jacke (V. 5-9), die nichts zu sagen hat, weil sie nur im Beratungszimmer hängt und den Lgp nicht bei der Arbeit erlebt; sie berichtet in Ich-Form. Die Berichte der Weste (V. 10 ff.) und der Hose (V. 20) sind in Wir-Form verfasst; die Kleidungsstücke rechnen sich also selbst zusammen mit dem Lgp zu den Akteuren. So wird offenbar, wie der Lgp als Richter agiert:

  • herrisch auftreten (V. 12 ff.)

  • Ordnungsstrafen verhängen (V. 16)

  • während der Verhandlung gelegentlich schlafen (V. 17)

  • herzlos Strafen verhängen (V. 18 f.)

  • bei der Rechtsprechung auf die eigene Karriere achten (V. 21-23)

  • Kommunisten niedermachen (V. 24 f.)

  • notfalls die Rechtswissenschaft außer Acht lassen (V. 28. f.)

An Einzelheiten fällt in diesen Äußerungen auf: der Vergleich „wie ein Edelmann“ (V. 13), der zeigt, dass in der Justiz noch der Feudalismus herrscht; dass der Lgp „kein Herz“ hat (V. 19); welche Bedeutung die Rücksicht auf die eigene Karriere für den Lgp hat (V. 21 ff.); die Redewendung, dass die ganze Rechtswissenschaft ihnen wegblieb (V. 28), ist der Redewendung „Da bleibt mir die Spucke weg.“ nachgebildet – auch der Inhalt der Äußerung verdient Beachtung. Wieso die Hosen es auszubaden hatten (V. 31), kann man nicht feststellen; man muss es aber auch nicht wissen, es handelt sich um die Äußerung eines Kleidungsstücks, dass sich in der Wir-Form natürlich ein wenig überschätzt (und der Dichter brauchte noch einen Reim auf „Schaden“, V. 30).

In den vier Versen 32-35 leitet der Erzähler zur letzten Äußerung über, der des Hutes (V. 37 ff.), der wie die Jacke zu Beginn nichts zu sagen hat, aber den Lgp als dumm qualifiziert: Er sitzt auf dem Kopf des Lgp und habe „nicht das geringste zu erzählen“ (V. 42); was scheinbar harmlos klingt, heißt natürlich, dass im Kopf des Lgp nichts passiert, dass dieser also dumm ist. Als letzte Äußerung bekommt sie ein besonderes Gewicht.

Tucholsky war selbst promovierter Jurist; er hat sich öfter mit dem Treiben der Justiz, die in der Weimarer Zeit auf dem rechten Auge total blind war, kritisch befasst (vgl. besonders „Die Gefangenen“, 1931).

Die Idee, die Kleidungsstücke über den Lgp sprechen zu lassen, ist originell. Dass Tiere sprechen und dabei menschliche Typen verkörpern, ist in der Fabeltradition seit der Antike bekannt; in den Märchen treten sie als Helfer auf, wenn sie sprechen. Ein schönes Beispiel für sprechende Gegenstände bietet Fontanes Gedicht „Rangstreitigkeiten“ (1851); auch dort verkörpern die Lumpen menschliche Typen:

Theodor Fontane: Rangstreitigkeiten

In einem Lumpenkasten

War große Rebellion:

Die feinen Lumpen hassten

Die groben lange schon.

 

Die Fehde tät beginnen

Ein Lümpchen von Batist,

Weil ihm ein Stück Sacklinnen

Zu nah gekommen ist.

 

Sacklinnen aber freilich

War eben Sackleinwand

Und hatte grob und eilig

Die Antwort bei der Hand:

 

»Von Ladies oder Schlumpen –

s tut nichts zur Sache hier,

Du zählst jetzt zu den Lumpen

Und bist nicht mehr wie wir.«

Anzumerken ist, dass selbst für Fontane die Regel gilt: „Wie“ beim Komparativ heißt „als“. Deshalb müsste der letzte Vers heißen: „Und bist nicht mehr als wir“. Auch in Wilhelm Buschs „Ein dicker Sack“ (1874) vertreten Sack und Ähren menschliche Typen, wenn sie auch für sich selber stehen. In Goethes Gedicht „Gefunden“ (1813) spricht das vermenschlichte Blümlein, das Goethes Frau verkörpert, nur für sich selbst.