A. Holl: Wo Gott wohnt (1976) – gelesen

Von Adolf Holl kenne ich zwei Bücher, „Jesus in schlechter Gesellschaft“ (1971) und „Tod und Teufel“ (1973); das erste trifft weithin den Ton Tralala, das zweite hat mir gut gefallen, da es auch die Geschichte seiner Entfremdung vom Priesterberuf erzählt – was aber genau darin steht, weiß ich nicht mehr, ich muss es mal wieder lesen. Jetzt habe ich mir antiquarisch „Wo Gott wohnt“ (1976) gekauft, aufgrund einer uralten Empfehlung einer guten Bekannten: Hier wird die Geschichte des biblischen Gottes erzählt, dessen Zeit inzwischen um ist, damit ihm der kleine Gott Jesus nachfolgen kann, der alle 155 Jahre ein Jahr älter wird und deshalb jetzt gerade erwachsen ist, so dass von ihm noch etwas zu erwarten ist.

Im Hintergrund des Buches steht die Erkenntnis, dass die Israeliten nicht immer den gleichen GOTT verehrt haben, dass es verschiedene Namen und Vorstellungen des GOTTes gibt, dass er zuerst neben anderen Göttern stand, ehe er als EINZIGER verehrt wurde… was natürlich im Religionsunterricht so nicht gesagt wurde und was die meisten katholischen Bischöfe vermutlich heute noch nicht wissen, da sie stramm eine ahistorische Dogmatik gelernt haben. Die letzte seriöse Darstellung des Problems, die ich kenne, stammt von Werner H. Schmidt: Alttestamentlicher Glaube in seiner Geschichte (3. Auflage 1979; es gibt eine 7., verbesserte Auflage); vermutlich gibt es neuere Darstellungen, ich habe das nicht mehr verfolgt. Aus dieser Geschichte der Gottesvorstellungen macht Adolf Holl nun eine Geschichte GOTTes, der sich selber entwickelt – für die in griechischer Philosophie Denkenden (wie die Kirchenväter und die Konzilien) ein grauenhafter und lästerlicher Gedanke.

Wenn ich es recht sehe, hatte Heinrich Heine als erster die Idee, eine Biografie Gottes zu schreiben; diese Idee ist in sich kritisch, weil sie ein Ende GOTTes impliziert, Schwäche und Tod – das Gegenteil GOTTes. Bei Adolf Holl wird dieses Ende zugunsten des kleinen Gottes Jesus begrüßt: Holl greift dafür auf Christus-Darstellungen in den Katakomben zurück, „Darstellungen einer knabenhaften Gestalt: eine Art Hirtenjunge, ohne Bart [ganz wichtig, El war nämlich ein alter Mann mit Bart, S. 37, N.T.], ähnlich dem griechischen Gott Orpheus“ – „Jesus, der den Tod überlistet, unangestrengt und bei bester Gesundheit“ (S. 118). Dieser kleine Gott wendet sich vom Himmel ab und den Menschen zu, zum Schluss fährt er mit Luzifer und der Geist-Taube per Bus bis zur Endstation. Was sie da tun, wird nicht mehr erzählt.

Auf der Basis einiger historischer Fakten, in freier Variation biblischer Erzählungen und mit viel Fiktion und Fantasie erzählt Holl auszugsweise biblische und kirchliche Geschichte(n) nach – insgesamt wieder in der Methode Tralala. Das ist ganz nett, mehr aber auch nicht; eine marxistisch-kritische Darstellung der ganzen Geschichte hat Walter Beltz geschrieben: „Gott und die Götter. Biblische Mythologie“ (1975). Lesenswert sind Leszek Kolakowskis geistreiche Kommentare zu einzelnen biblischen Geschichten, „Der Himmelsschlüssel. Erbauliche Geschichten“ (1964). Was Jack Miles‘ „Gott. Eine Biographie“ (1996) taugt, weiß ich nicht; ich hänge zwei Rezensionen an, die ich im Netz gefunden habe.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezension-sachbuch-am-achten-tag-schuf-gott-sich-selbst-11306703.html

https://hansarandt.wordpress.com/2015/01/03/das-selbstbewusstsein-gottes/

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F. Schottlaender: Die Mutter als Schicksal – erneut gelesen

Außer einigen Fachleuten kennt heute kaum noch jemand Felix Schottlaender (1892-1958), einen bedeutenden Psychoanalytiker jüdischer Herkunft. Sein Buch „Die Mutter als Schicksal“, 1967 erneut als Taschenbuch erschienen (Stundenbücher 72, damals 3,80 DM), habe ich 1972 gekauft und gelesen; es hat mein Leben verändert. Es hat mich gelehrt, 1. hinter dem Bild von mütterlicher Angst, Sorge, Herrschsucht, Opferbereitschaft – „Liebe“ oder „Mutterliebe“ genannt – die neurotische Frau zu sehen, 2. die Mechanismen gegenseitiger Bindung und Verstrickung als fallhafte Vorgänge zu begreifen, 3. dadurch Distanz zu den moralischen Kategorien von Dankbarkeit, Mitleid und Gehorsam zu gewinnen: Was mich selbst bisher im Innersten betroffen hatte, war ein neurotischer Prozess, der letztlich nicht mich selber meinte; es war ein Fall. Diese Einsicht hat zu meiner Befreiung beigetragen – nicht sie allein, aber sie auch. Ich habe das Buch im August 1972 als eine Offenbarung verschlungen; heute lese ich es gelassen, die Gedanken sind mir vertraut.

Als Kennzeichen der Neurose nennt Schottlaender

  • ein erhöhtes Leiden am Leben,
  • ein Minderwertigkeitsgefühl,
  • die Ichhaftigkeit,
  • den Anspruch auf Liebe (aus dem Wunsch, selber lieben zu können),
  • Schwierigkeiten im Liebesleben.

Diese Wesenszüge seien auf Störungen in den Liebesbeziehungen des ehemaligen Kindes zu seiner Mutter zurückzuführen.

In den nächsten Kapiteln erklärt Schottlaender anschaulich und verständlich anhand von Beispielen, was Mütter im Verhältnis zum Kind falsch machen können und dass die Bindung das Gegenteil von Liebe ist. In den folgenden Fallgeschichten beschreibt er, wie er Neurotikern zu helfen versucht hat, was ihm nicht immer gelungen ist. Besonders aufschlussreich für mich war das Kap. VII, in dem die Bindung zweier tüchtiger erwachsener Söhne an ihre Mutter unter dem Stichwort „Kleinbürgerliches Inferno“ beschrieben wird: Einer der beiden bricht aus und heiratet, der andere bleibt bei der Mutter. – Dieses Beispiel zeigt, dass die kritische Einsicht in die Ambivalenz der „Mutterliebe“ nur dann die in der Bindung Gefangenen befreien kann, wenn beide Parteien diese Einsicht gewinnen, so dass man sich distanziert arrangieren kann; wenn die Mutter ihre ambivalente Bindung nicht erkennt oder nicht anerkennen will/kann, kann und sollte man als Sohn diese Bindung abbrechen, egal wie viel Herzschmerzen die Mutter bekommt und womit sie droht.

Schottlaender war offenbar ein gütiger, verständnisvoller Mensch. Seine zum Schluss (anscheinend kurz nach Krieg) geäußerte Hoffnung, das Christentum werde die Greuel des Dritten Reiches überwinden helfen, hat sich nach meiner Einschätzung nicht erfüllt. – Ein kleines großes Buch, das es noch antiquarisch zu kaufen gibt, wenn es heute insgesamt auch nicht mehr so „aufklärerisch“ sein kann wie für mich 1972. Auch Schottlaenders Buch „Des Lebens schöne Mitte. Gedanken über Liebe und Ehe“ ist heute noch lesenswert, wenn es in den Stadtbibliotheken auch längst ausgeschieden worden ist.

Felix Schottlaender:

https://www.fachzeitungen.de/ebook-felix-schottlaender-0

http://www.ciando.com/ebook/bid-477755-felix-schottlaender-leben-und-werk/leseprobe/

https://download.e-bookshelf.de/download/0000/7541/97/L-G-0000754197-0002328550.pdf

https://www.psychoanalytikerinnen.de/deutschland_geschichte.html

https://www.akademie-stuttgart.de/geschichte/

https://psychoanalysestgt.de/dateien/stuttgarter.html

https://also42.wordpress.com/2016/01/11/blinde-flecken-meditation/

Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (1777 ff.)

Lohnt es sich heute noch, Johann Heinrich Jung-Stillings „Lebensgeschichte“ zu lesen? Sie ist in mehreren Teilen ab 1777 erschienen; der erste Teil wurde von seinem Freund Goethe herausgegeben. Bei zeno.org stehen nur die ersten drei Teile: Heinrich Stillings Jugend, Heinrich Stillings Jünglings-Jahre, Heinrich Stillings Wanderschaft (http://www.zeno.org/Literatur/M/Jung-Stilling,+Johann+Heinrich/Autobiographische+Schriften); Gutenberg-Spiegel bietet auch noch einen Teil des vierten Bandes – das alles zeigt, dass heute doch größere Reserven gegenüber den Schriften Jung-Stillings bestehen.

Bereits sein Charakter gefällt mir nicht ganz, „jede Ironie, und jede Satyre, war ihm ein Gräuel, alle anderen Schwachheiten konnte er entschuldigen“. Erschwerend kommt hinzu, dass er fortwährend fromme Gedanken hegt und sein Leben unter der Idee erzählt, er sei von Gott auf seinem Weg geführt worden:

So angenehm verflossen dreyzehn Wochen, und ich kann sagen: daß Stilling während der Zeit sich weder seines Handwerks schämte, noch sonsten großes Verlangen trug, davon abzukommen. Um das Ende dieser Zeit, etwa mitten im Julius, gieng er an einem Sonntag Nachmittag durch eine Gasse der Stadt Schauberg; die Sonne schien angenehm, und der Himmel war hier und da mit einzelnen Wolken bedeckt; er hatte weder tiefe Betrachtungen, noch sonst etwas sonderliches in den Gedanken; von ohngefähr blickte er in die Höhe und sah eine lichte Wolke über seinem Haupte hinziehen; mit diesem Anblick durchdrung eine unbekannte Kraft seine Seele, ihm wurde so innig wohl, er zitterte am ganzen Leibe, und konnte sich kaum enthalten, daß er nicht darnieder sunk; von dem Augenblick an fühlte er eine unüberwindliche Neigung, ganz für die Ehre Gottes, und das Wohl seiner Mitmenschen zu leben und zu sterben; seine Liebe zum Vater der Menschen, und zum göttlichen Erlöser, desgleichen zu allen Menschen, war in dem Augenblick so groß, daß er willig sein Leben aufgeopfert hätte, wenn’s nöthig gewesen wäre. Dabey fühlte er einen unwiderstehlichen Trieb, über seine Gedanken, Worte und Werke zu wachen, damit sie alle Gottgeziemend, angenehm, und nützlich seyn möchten. Auf der Stelle machte er einen vesten und unwiderruflichen Bund mit Gott, sich hinführo lediglich Seiner Führung zu überlassen, und keine eitle Wünsche mehr zu hegen, sondern wenn es Gott gefallen würde, daß er Lebenslang ein Handwerksmann bleiben sollte, willig und mit Freuden damit zufrieden zu seyn.

Er kehrte alsofort um, gieng nach Haus, und sagte niemand von diesem Vorfall etwas, sondern er blieb wie er vorhin war, nur daß er weniger und behutsamer redete, welches ihn noch beliebter machte.

Diese Geschichte ist eine gewisse Wahrheit. Ich überlasse Schöngeistern, Philosophen und Psychologen, daraus zu machen, was ihnen beliebt; ich weiß wohl, was es ist, das den Menschen umkehrt, und so ganz verändert.“

Was soll man von einem Menschen halten, der eine lichte Wolke sieht und daraufhin einen unwiderruflichen Bund mit Gott schließt – ohne zu fragen, ob Gott den Bund auch mit ihm schließt – und sich Gottes Führung überlassen will? Und der später selber erkennt, dass die Sache mit der göttlichen Vorsehung eine schwierige Sache ist, und dann doch keine Konsequenzen aus dieser Einsicht zieht? (Vgl. https://also42.wordpress.com/wp-admin/post.php?action=edit&post=2713) Ich kann die Lektüre Jung-Stillings heute nur noch aus Gründen historischer Erkenntnis (Aufstieg armer Leute im späten 18. Jh., Probleme des westdeutschen Pietismus, Bekanntschaft mit Goethe) empfehlen.

Text: http://www.deutschestextarchiv.de/book/show/jung_lebensgeschichte_1835

Das 19. Jahrhundert in Briefen – Besprechung

Ich hoffe, der Himmel wird Deutschland erhalten“- Das 19. Jahrhundert in Briefen, hrsg. von Jürgen Moeller. Beck: München 1990

Mit gehöriger Verspätung habe ich die 74 Briefe gelesen, in denen Menschen des 19. Jahrhunderts zu Wort kommen. Die großen Krisen des Jahrhundert tauchen aus dem Erleben der Menschen auf: der Freiheitskampf gegen Napoleon, die Streitigkeiten um Republik und nationale Einheit, die Reichsgründung, die soziale Frage und die Frauenfrage. Das alles sind Themen, die – bis auf den Kampf gegen Napoleon – auch heute, wenn auch in anderer Akzentuierung, noch wichtig sind; viele Briefe sind rein persönlich formuliert. Der Titel ist übrigens ein Zitat aus einem Brief Jacob Grimms an Friedrich Carl von Savigny.

Für mich ragen die Briefe der Luise von Preußen an ihren Vater (1808), des Freiherrn vom Stein an seine Frau (1814, über Napolen), Dahlmanns und seiner Kollegen an das Göttinger Universitätskuratorium (1837), Carl Schurz‘ an seine Freunde (1849), Ludwig Feuerbachs an Wilhelm Bolin über die Emanzipation der Frauen (1870), Philipp zu Eulenburgs an Wilhelm von Preußen über die Probleme mit einem verrückten bayrischen König (1886), Peter Roseggers an Friedrich von Hausegger (1889, über den gängigen Antisemitismus), August Bebels an Engels (1893) und Theodor Fontanes an Georg Friedlaender (1897, über die verfehlte kaiserliche Politik) heraus. Der beeindruckendste Brief war der von Carl Schurz, der sich im Alter von 20 Jahren den Aufständischen in Baden angeschlossen hatte und nun erlebt, wie er sich zum letzten, aussichtslosen Gefecht gegen preußische Truppen rüstet und dabei vor Augen hat, dass er danach erschossen oder zu langer Haft verurteilt werden wird. Seine ruhige Reflexion, die Gefasstheit und seine moralische Überlegenheit beeindrucken mich (Text des Briefes hier: https://archive.org/details/lebenserinnerung03schuuoft/page/48, S. 49-52). Ich habe beschlossen, demnächst seine Lebenserinnerungen zu lesen, die man auf archive.org findet.

Einen Reiz des Buches machen die kurzen Einführungen in jeden Brief durch Jürgen Moeller aus, die einen veranlassen können, unbekannten Namen nachzuforschen und so mit ihren Schicksalen zumindest vordergründig bekannt zu werden. Jürgen Moeller hat auch Briefe aus dem 20. Jahrhundert herausgegeben („Historische Augenblicke“), die gleichfalls auf meinem Leseplan stehen.

K. Tucholsky: Die Leibesfrucht – Text und Analyse

Die Leibesfrucht

Du bist so schwer, du bist so blass –
was hast du, Mutter?
Du willst etwas und weißt nicht was –
was hast du, Mutter?
»Ich trag in meinem Leibe ein Kind;
ich weiß, wie seine Geschwister sind:
ohne Stiefel, ohne Wolle, ohne Milch, ohne Butter –
ich bin eine Mutter! Ich will keine Mutter mehr sein!
Lass mich schrein –!
Lass mich schrein –!«

Es darf und darf mir nicht zur Welt!
»Frau, was wollen Sie?«
Mein Mann ohne Stellung – wir haben kein Geld!
»Frau, was wollen Sie?«
Ich will nicht, dass man für eine Nacht
mich und die Kinder unglücklich macht!
Dieselben Rechte will ich wie die Reichen,
die ungestraft zum Abtreiber schleichen –
Warum will mich denn keiner befrein?
Lasst mich schrein –!
Lasst mich schrein –!

Mit Schreien ist da nichts getan –
Wacht auf, ihr Frauen!
Nieder mit kirchlichem Größenwahn!
Wacht auf, ihr Frauen!
Ihr krümmt euch vor Schmerzen, und in euer Ohr
tönt heulend der Unternehmerchor:
»Trag es aus! Trag es aus!
Trag es aus im Sturmgebraus!
Wenn der Staat bleibt bestehn,
könnt ihr alle zugrunde gehn!
Ihr habt nichts zu fressen?
Wir brauchen die Kinder für Dortmund und Essen,
für die Reichswehr und für die Büros –
und wenn ihr krepiert, dann sind wir euch los!«

Aus Jodoform und blutigem Leinen
kommt winselnd eines Kindes Weinen.
Es wartet an dem kleinen Bett
bereits ein mächtiges Quartett:
Fabrik. Finanzamt. Schwindsucht. Kirchenzucht.

Das ist das Schicksal einer deutschen Leibesfrucht.

Theobald Tiger, in: Arbeiter Illustrierte Zeitung, 1929

Erläuterungen:

ungestraft zum Abtreiber (V. 18): Wer eine Leibesfrucht (Embryo) vorsätzlich und rechtswidrig abtrieb, wurde nach § 218 StGB mit Zuchthaus bis zu 5 Jahren, mindestens mit Gefängnis nicht unter 6 Monaten bestraft; wer nicht angezeigt wurde, konnte nicht bestraft werden.

Jodoform (V. 36) wurde zur Desinfektion von Wunden verwendet.

Kirchenzucht (V. 40): Sammelbegriff für Maßnahmen, in der evangelischen Kirche Ordnung und Lehre zu sichern; dazu gehören etwa die Abmahnung eines Pastors bis hin zum Ausschluss von kirchlichen Rechten, etwa der Teilnahme am Abendmahl.

Die Überschrift „Die Leibesfrucht“ ist noch dunkel, sie wird im Verlauf des Gedichtes erhellt. Zunächst werden Dialoge zweier verschiedener Stimmen mit einer werdenden Mutter wörtlich wiedergegeben (V. 1-21); wer das alles berichtet, ist unklar. Darauf meldet sich eine Stimme, die sich an alle Frauen wendet und sie zum „Aufwachen“ auffordert (V. 22-35). Danach wird vermutlich durch die gleiche Stimme die Situation eines neugeborenen Kindes beschrieben, das möglicherweise das Kind der zu Beginn klagenden Mutter ist und dessen Schicksal als armes unterdrücktes Wesen jetzt schon feststeht (V. 36-40). Das Fazit, ein einziger Satz, ist die letzte Strophe: „Das ist das Schicksal einer deutschen Leibesfrucht.“ (V. 41) Die Stimme ergreift Partei für die arme schwangere Frau, ruft alle Frauen zum Widerstand gegen die Kirche und die Unternehmer auf, welche vom § 218 profitieren, und beklagt das Schicksal des neugeborenen Kindes. – Der Autor Tucholsky wendet sich mit diesem Gedicht 1929 in der „Arbeiter Illustrierte Zeitung“ gegen den Fortbestand des § 218 StGB.

Der Rhythmus des Gedichtes ist bewegt und komplex. Das vorherrschende Versmaß ist der Knittelvers; in einigen kurzen Versen, die auch wiederholt werden (V. 2, V. 9, V. 12, V. 20), sowie zu Beginn des Unternehmerchors (V. 28-32) gibt es nur zwei Hebungen, während der Vers 8 (der Aufschrei der Mutter) fünf Hebungen aufweist. Die Kadenzen wechseln ohne System. Zu Beginn der ersten drei Strophen steht jeweils ein Kreuzreim, die anderen Reime sind Paarreime; nur V. 7 bezieht sich entweder auf V. 2/4 zurück oder greift auf „Mutter“ in V. 8 vor. Die Verse 9/10 und 20/21 könnte man als einen Vers auffassen, dann hätte man vier Hebungen und einen einzigen Reim mit dem vorhergehenden reimenden Vers. Der Satz geht gelegentlich über das Versende hinaus. Die reimenden Verse passen meist semantisch gut zusammen, zum Beispiel: ein Kind – wie seine Geschwister sind (V. 5/6); die Reichen – ungestraft zum Abtreiber schleichen (V. 17/18); mit Schreien ist nichts getan – nieder mit kirchlichem Größenwahn (V. 22/24). Die Frau spricht erregt und schnell, der Unternehmerchor langsam, die anderen Stimmen unterschiedlich.

Die erste Stimme, die sich an die Mutter wendet (V. 1-4), könnte die eines ihrer Kinder, kann aber auch eine fremde Stimme sein; sie fragt besorgt, was die Mutter hat, dass es ihr so schlecht geht. Darauf klagt die Mutter ihr Leid (V. 5-10), dass sie schwanger ist und dass es den bereits vorhandenen Kindern schlecht geht; sie zählt auf, was die alles nicht haben (V. 7), obwohl sie es brauchen. Sie schreit verzweifelt: „Ich will keine Mutter mehr sein!“ (V. 8) Das könnte heißen, dass sie insgesamt aus ihrer Situation ausbrechen will oder dass sie nicht noch einmal Mutter werden will. Und dann wiederholt sie: „Lass mich schrein –!“ (V. 9 f.)

Das Gespräch der Mutter mit der zweiten Stimme, von der sie als „Frau“ angesprochen wird, könnte ein Beratungsgespräch mit einem Arzt sein. Die Stimme fragt zweimal lapidar: „Frau, was wollen Sie?“ (V. 12 und V. 14) und gibt so der Schwangeren Gelegenheit, ihre Lebenssituation zu schildern: Die Familie hat kein Geld, ein weiteres Kind würde sie unglücklich machen; sie will „dieselben Rechte wie die Reichen, die ungestraft zum Abtreiber schleichen“ (V. 16 f.). Damit berührt sie die soziale Problematik des § 218; dieser verbietet zwar Abtreibung generell, aber mit genügend Geld konnte man ihn umgehen und die Abtreibung von einem hilfsbereiten Arzt statt von einer „Engelmacherin“ vornehmen lassen (Engelmacherin: eine nicht medizinisch ausgebildete Frau, die eine ungewollte Schwangerschaft durch einfache und meist gefährliche Methoden beendete – die toten Embryos wurden angeblich zu „Engelchen“, daher der Name; vgl. den Bericht http://de.muvs.org/topic/2007-meine-grossmutter-war-engelmacherin/). Was vom Gesetz verboten war, wurde durch die Praxis zu einem „Recht“ der Reichen – und genau dieses Recht fordert die arme Frau für sich ein. Deshalb fragt sie: „Warum will mich denn keiner [von meinem Embryo] befrein?“ (V. 19) Sie endet verzweifelt wie im vorigen Gespräch: „Lasst mich schrein – !“ (V. 20 f., diesmal im Plural)

Dieser wiederholte Ausruf schließt die beiden Gespräche ab und ist Anlass für eine Stimme, die vermutlich im Namen des Autors Tucholsky spricht: „Mit Schreien ist da nichts getan – Wacht auf ihr Frauen!“ (V. 22 f.) Warum ist da mit Schreien nichts getan? Weil Schreien nur die eigene Verzweiflung ausdrückt, aber nichts an den Verhältnissen ändert. Die Fragen des Rechts, wozu das Verbot der Abtreibung gehört, sind nämlich auch Fragen der Macht. Die Gegner der Frau in diesem Machtkampf sind laut der Stimme die Kirchen und die Unternehmer. Die kann man nur bekämpfen, wenn man aufwacht. Die Metapher „schlafen / erwachen“ ist uralt und in vielen Situationen verwendet worden, siehe meinen Aufsatz „Schlafen – erwachen – aufstehen: ein Metaphernfeld“. Der erste Gegner der Frauen ist kirchlicher Größenwahn; den greift die Stimme an, weil die Kirchen im Namen Gottes und der Natur („Naturrecht“) Abtreibung verbieten und mit kirchlichen Sanktionen belegen. Der zweite Gegner sind die Unternehmer, die ohne Rücksicht auf die Schmerzen der Frauen heulend (heulen: „scharf, durchdringend tönen“, DWDS) rufen: „Trag es aus! Trag es aus!“ (V. 28 und V. 29) Die zynische Begründung dieser Forderung folgt in den Versen 30-35: Der § 218, verallgemeinert: der Staat muss bestehen bleiben, auch wenn ihr alle untergeht (schöner Reim: bleibt bestehn – ihr könnt zugrunde gehn, V. 30 f.); der zweite Grund, am § 218 festzuhalten: „Wir“ brauchen die Kinder als Arbeitskräfte und Soldaten (V. 33 f.), und wenn „ihr“ Mütter „krepiert, dann sind wir euch los“ (V. 35). In diesem Gegensatz wir/ihr sieht man die Fronten des Machtkampfes. Die zahlreichen Wiederholungen (diesmal V. 23 und V. 25, V. 28 f.) gehören ebenso wie die Aufzählung in V. 33 f. zum agitatorischen Gestus des Sprechers. Dass die Unternehmer von „fressen“ (V. 32, statt „essen“) sprechen, zeigt, wie verächtlich sie auf die Armen herabblicken, als wären es niedere Tiere.

Unvermittelt wird durch die gleiche Stimme nun beschrieben, wie die Situation eines Neugeborenen ist – als Leser denkt man sich (und der letzte Vers bestätigt es), dass die schwangere Mutter (erste beiden Strophen) ihr Kind geboren hat: ein winselndes Weinen (V. 37), als wüsste das Kind bereits, was es später zu erwarten hat, nämlich „ein mächtiges (!) Quartett: Fabrik. Finanzamt. Schwindsucht. Kirchenzucht.“ (V. 39 f.) Das Attribut „mächtig“ deutet noch einmal den Horizont an, in dem die Frage des § 218 (und nicht nur diese) gesehen werden muss: Inhaber von Interessen sichern ihre Macht durch das Recht des Staates. Wer als einfacher Arbeiter in die Fabrik geht, bringt es höchstens zur Schwindsucht; Finanzamt und Kirchenzucht sorgen dafür, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Die letzte Strophe ist ein einziger Vers, in dem das ganze Gedicht als Weg bzw. „Schicksal einer deutschen Leibesfrucht“ zusammengefasst wird (V. 41).

Tucholsky hat mit diesem Gedicht massiv Stellung bezogen und die politischen Aspekte des Verbots der Abtreibung angedeutet. Die psychologischen Aspekte, dass mit der Kontrolle der Sexualität „im Namen Gottes“ Macht über Menschen ausgeübt wird, werden hier nicht berücksichtigt.

Das große deutsche Drama, in dem es auch um eine Abtreibung geht, ist Goethes „Faust“. Ich könnte mir vorstellen, dass Enzensbergers Gedicht „Geburtsanzeige“ (1957) durch Tucholskys Gedicht „Die Leibesfrucht“ angeregt ist.

Marcelle Auclaire: Das tödliche Schweigen. Eine Umfrage über die Abtreibung, Walter-Verlag 1964. Nachdem ich dieses Buch vor 50 Jahren gelesen habe, ist mir die kirchliche Position in der Frage der Abtreibung fragwürdig geworden. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat es in Deutschland eine große Debatte um den § 218 gegeben. Dass die katholische Kirche nach wie vor Empfängsnisverhütung offiziell verbietet, sich aber auf Anordnung des Papstes Johannes Paul II. (den man sogar heiliggesprochen hat) aus der Konfliktberatung für Schwangere zurückgezogen hat, ist trotz der „frommen“ Begründung [Schwangere könnten den katholischen Beratungsschein für eine Abtreibung benutzen] an Zynismus nicht mehr zu überbieten: ‚Sollen sie zusehen, wie sie ohne uns klarkommen.‘ Jesus würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, was seine Kirche alles anstellt.

https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/schwangerschaftsberatung-nach—218/81024 (Schwangerschafsberatung nach § 218)

Kurt Tucholsky: Nächtliche Unterhaltung – Text und Analyse

Nächtliche Unterhaltung

Der Landgerichtsdirektor schnarchte im Bett.
Seine Garderobe lag – ziemlich komplett –
auf dem Stuhl. Die Nacht war so monoton…
Da machten die Kleider Konversation.

»Ich«, sagte die Jacke, »werde ausgezogen.
Ich hänge – ungelogen –
im Beratungszimmer
und habe keinen Schimmer,
was mein Alter da treibt.«

»Wir sprechen Recht!« sagte die Weste.
»Aber feste –!
Wir schnauzen die Angeklagten an –
wir benehmen uns wie ein Edelmann.
Wir verbieten allen sofort den Mund
und reden uns selber die Lippen wund.
Wir verhängen über Wehrlose Ordnungsstrafen
(nur, wenn wir Beisitzer sind, können wir schlafen).
Zum Schluss verknacken wir. Ohne Scherz.
Unter mir schlägt übrigens kein Herz.«

»Wir«, sagten die Hosen, »wir habens schwer.
Neulich kam der Landgerichtspräsident daher
und hat revidiert. Er saß an der Barriere,
und es ging um unsre ganze Karriere.
Vor uns ein Kommunist. Da haben wir wie wild
geschmettert, geschnattert, gestampft und gebrüllt.
Aber wie es manchmal so geht hienieden:
der Präsident wars noch nicht zufrieden.
Und da blieb uns die ganze Rechtswissenschaft weg,
und da bekamen wir einen mächtigen Schreck.
Und zum Schluss besahen wir uns den Schaden:
Wir Hosen hatten es auszubaden!«

So sprachen die Kleider in dunkler Nacht
und haben sich Konfidenzen gemacht.

An der Wand aber hing ein stiller Hut,
dem waren die Kleider gar nicht gut.

»Erzähl was, Hut! Erzähl uns was!«
Der Hut aber sprach verlegen: »Das –
das wird nicht gehn.
Ich armer Tropf
ich sitze nämlich bei dem auf dem Kopf.
Und so hab ich, ihr müsst mich nicht weiter quälen,
nicht das geringste zu erzählen –!«

Theobald Tiger, in: Die Weltbühne, 04.05.1926, Nr. 18, S. 690

Erläuterung:

Konfidenz (V. 33): Vertrauen, Zutrauen; vertrauliche Mitteilung, Vertraulichkeit

Es erzählt eine Stimme von einer nächtlichen Unterhaltung der Kleider. Eine Situation des Erzählens oder Zuhörer sind nicht greifbar.

Zunächst wird der Hörer in die Situation eingeführt, dass die Kleider des Landgerichtspräsidenten (Lgp) in einer Nacht miteinander zu sprechen beginnen (V. 1-4). Es folgen dann, bis auf eine kleine Überleitung in V. 32-35, Berichte in wörtlicher Rede von dem, was verschiedene Kleidungsstücke aus ihrem Leben beim Lgp erzählen. In diesen Erzählungen werden das Handeln des Lgp und sein Wesen kritisch offengelegt. Das Thema des Gedichts sind die Schwächen der Justiz in der Weimarer Republik.

Die sieben unterschiedlich langen Strophen sind meist in Knittelversen gesprochen, was zum Duktus des Erzählens passt. Eine Verse weisen nur drei (z. B. V. 6-9) oder zwei (z. B. V. 11, V. 39) Hebungen auf, was aber nichts zu sagen hat. Die Verse sind durchweg als Paarreime miteinander verbunden (bis auf V. 9 undV. 38); die Reime stellen meist nur einen lautlichen Anklang dar, weil der Satz in lebendiger Erzählung oft übers Versende hinausgeht. Gegenbeispiele sind etwa ‚monoton – machten Konversation‘ (V. 3 f., Grund der Konversation); ‚schnauzen an – wie ein Edelmann‘ (V. 12 f., passender Vergleich); ‚wie wild – gebrüllt‘ (V. 24 f., passendes Adverb zum Prädikat). Die Sprache der Kleider ist die Umgangssprache; oft werden Sätze verkürzt (z. B. V. 11, V. 18, V. 24) oder durch die einfache Konjunktion „und“ (z. B. V. 8 im Satz, V. 28 neuer Satz) angeschlossen, einmal zwei Wörter verschliffen (V. 27). Die Kleider gebrauchen auch Wörter der unteren Sprachebene (z. B. „keinen Schimmer haben“, V. 8; „verknacken“, V. 18). Der Sprecher dagegen erzählt in einem gehobenen Ton, er kennt auch Fremdwörter (Konversation, V. 4; Konfidenzen, V. 33). Wegen des versübergreifenden Satzbaus, der Knittelverse und der unterschiedlichen Verslängen wirken die Äußerungen sowohl des Sprechers wie der Kleider beinahe prosaisch.

Zunächst wird also die Situation beschrieben, in der die Kleider ihre Konversation beginnen (V.1-5). Als erste spricht die Jacke (V. 5-9), die nichts zu sagen hat, weil sie nur im Beratungszimmer hängt und den Lgp nicht bei der Arbeit erlebt; sie berichtet in Ich-Form. Die Berichte der Weste (V. 10 ff.) und der Hose (V. 20) sind in Wir-Form verfasst; die Kleidungsstücke rechnen sich also selbst zusammen mit dem Lgp zu den Akteuren. So wird offenbar, wie der Lgp als Richter agiert:

  • herrisch auftreten (V. 12 ff.)

  • Ordnungsstrafen verhängen (V. 16)

  • während der Verhandlung gelegentlich schlafen (V. 17)

  • herzlos Strafen verhängen (V. 18 f.)

  • bei der Rechtsprechung auf die eigene Karriere achten (V. 21-23)

  • Kommunisten niedermachen (V. 24 f.)

  • notfalls die Rechtswissenschaft außer Acht lassen (V. 28. f.)

An Einzelheiten fällt in diesen Äußerungen auf: der Vergleich „wie ein Edelmann“ (V. 13), der zeigt, dass in der Justiz noch der Feudalismus herrscht; dass der Lgp „kein Herz“ hat (V. 19); welche Bedeutung die Rücksicht auf die eigene Karriere für den Lgp hat (V. 21 ff.); die Redewendung, dass die ganze Rechtswissenschaft ihnen wegblieb (V. 28), ist der Redewendung „Da bleibt mir die Spucke weg.“ nachgebildet – auch der Inhalt der Äußerung verdient Beachtung. Wieso die Hosen es auszubaden hatten (V. 31), kann man nicht feststellen; man muss es aber auch nicht wissen, es handelt sich um die Äußerung eines Kleidungsstücks, dass sich in der Wir-Form natürlich ein wenig überschätzt (und der Dichter brauchte noch einen Reim auf „Schaden“, V. 30).

In den vier Versen 32-35 leitet der Erzähler zur letzten Äußerung über, der des Hutes (V. 37 ff.), der wie die Jacke zu Beginn nichts zu sagen hat, aber den Lgp als dumm qualifiziert: Er sitzt auf dem Kopf des Lgp und habe „nicht das geringste zu erzählen“ (V. 42); was scheinbar harmlos klingt, heißt natürlich, dass im Kopf des Lgp nichts passiert, dass dieser also dumm ist. Als letzte Äußerung bekommt sie ein besonderes Gewicht.

Tucholsky war selbst promovierter Jurist; er hat sich öfter mit dem Treiben der Justiz, die in der Weimarer Zeit auf dem rechten Auge total blind war, kritisch befasst (vgl. besonders „Die Gefangenen“, 1931).

Die Idee, die Kleidungsstücke über den Lgp sprechen zu lassen, ist originell. Dass Tiere sprechen und dabei menschliche Typen verkörpern, ist in der Fabeltradition seit der Antike bekannt; in den Märchen treten sie als Helfer auf, wenn sie sprechen. Ein schönes Beispiel für sprechende Gegenstände bietet Fontanes Gedicht „Rangstreitigkeiten“ (1851); auch dort verkörpern die Lumpen menschliche Typen:

Theodor Fontane: Rangstreitigkeiten

In einem Lumpenkasten

War große Rebellion:

Die feinen Lumpen hassten

Die groben lange schon.

 

Die Fehde tät beginnen

Ein Lümpchen von Batist,

Weil ihm ein Stück Sacklinnen

Zu nah gekommen ist.

 

Sacklinnen aber freilich

War eben Sackleinwand

Und hatte grob und eilig

Die Antwort bei der Hand:

 

»Von Ladies oder Schlumpen –

s tut nichts zur Sache hier,

Du zählst jetzt zu den Lumpen

Und bist nicht mehr wie wir.«

Anzumerken ist, dass selbst für Fontane die Regel gilt: „Wie“ beim Komparativ heißt „als“. Deshalb müsste der letzte Vers heißen: „Und bist nicht mehr als wir“. Auch in Wilhelm Buschs „Ein dicker Sack“ (1874) vertreten Sack und Ähren menschliche Typen, wenn sie auch für sich selber stehen. In Goethes Gedicht „Gefunden“ (1813) spricht das vermenschlichte Blümlein, das Goethes Frau verkörpert, nur für sich selbst.

Gedichte mit BLAU + Farbsymbolik

Gedichte zur Farbe BLAU

1. Farbsymbolik „blau“

Blau ist die flüchtigste aller Farben, sie weicht optisch vom Betrachter zurück und wirkt ebenso kühl wie bodenlos. Blau wird mit dem Himmel und dem Meer assoziiert – obwohl Luft und Wasser an sich durchsichtig sind. Damit wird Blau zu der Farbe des Unwirklichen, des Unsichtbaren und Nichtgreifbaren. Dies verdeutlich auch die Entwicklung von Sprachen: Die alten Römer beispielsweise kannten kein Wort für Blau, die Isländer bezeichnen alle Farben zwischen Schwarz und Blau mit demselben Wort und sowohl die alten Ägypter als auch einige Naturvölker unterscheiden sprachlich nicht zwischen Blau und Grün.

Im Christentum stand Blau als Farbe des Himmels schon immer mit dem Göttlichen, dem Überirdischen in Verbindung. Einst galt die Farbe als weiblich und wurde der Jungfrau Maria zugeschrieben. Im Gegensatz zum irdischen, präsenten Rot symbolisiert Blau das Flüchtige und das Immaterielle. Es steht gleichermaßen für den Traum nach Freiheit, unendlichen Weiten aber auch für Introvertiertheit und den Rückzug in sich selbst. Blau symbolisiert Ruhe – aber im Gegensatz zum präsenten, gelassenen Grün, ist Blau ruhig durch Distanz. Gleichzeitig repräsentiert Blau auch eine klare Besonnenheit, Objektivität, Neutralität und Klarheit – das flößt Vertrauen ein und vermittelt ein Gefühl von Sicherheit. Aus diesem Grunde bedienen sich Banken und Versicherungen gern der Farbe Blau für ihre Firmenlogos. (https://alpina-farben.de/artikel/farbsymbolik-bedeutung-blau/)

Blau, die Farbenempfindung, die der zwischen den Fraunhoferschen Linien F und G liegende Teil des Spektrums in einem normalen Auge hervorruft. Zu jedem einfachen B. läßt sich im gelben Teile des Spektrums ein einfaches Gelb finden, das damit gemischt Weiß gibt. Spektrales B. und spektrales Gelb sind also zueinander komplementär. Ein blauer Farbstoff, mit einem gelben gemischt, gibt nicht Weiß, sondern Grün, weil der blaue Farbstoff die roten und gelben, der gelbe die blauen und violetten Strahlen absorbiert, so daß im zurückgeworfenen Licht das Grün vorherrscht. Vgl. Farbensymbolik. (Meyers Großes Konversations-Lexikon, 1905)

Farbensymbolik, die Deutung der Farben auf bestimmte Lebensverhältnisse, Begriffe und Gemütsstimmungen sowie ihre Benutzung, um in Kleider- und Schmucktracht (Jett als Trauerschmuck), durch Tragen der Lieblingsfarben einer Dame beim Turnier, in der Blumensprache etc. diese Stimmung auszudrücken. Die den Farben beigelegte Bedeutung wechselt nach Völkern und Zeiten, z. B. hinsichtlich der Trauer (s.d.), ohne daß sich psychologische Gründe für die Wahl bestimmter Farben für bestimmte Beziehungen überall anführen ließen. (…) Im allgemeinen hat sich bei den Kulturvölkern folgende F. Herausgebildet: (…) Blau war seit ältester Zeit die verehrteste Farbe, der Lapislazuli im Altertum der geschätzteste Edelstein, und der Indigo, mit dem man bei Pelusium die (nach Brugsch) danach benannten Arbeiterkleider oder Blusen färbte, hieß Dar-neken, der vor »Schaden bewahrende« Farbstoff. Den Alten galt Blau, wie Eusebios sagt, als Götterfarbe (in der Kleidung), besonders der Himmelsgöttin (Juno), nach dem blauen Himmel. Schon im germanischen Altertum erscheint Blau als Symbol der Treue und Beständigkeit, daher blaue Blumen (Männertreu, Vergißmeinnicht, Gedenke mein, Pensee) als Beständigkeitssymbole. (http://www.zeno.org/Meyers-1905/A/Farbensymbolik)

 

2. Gedichte zu BLAU

Joseph von Eichendorff
Frische Fahrt (1815)

Laue Luft kommt blau geflossen,

Frühling, Frühling soll es sein!

Waldwärts Hörnerklang geschossen,

Mut’ger Augen lichter Schein;

Und das Wirren bunt und bunter

Wird ein magisch wilder Fluß,

In die schöne Welt hinunter

Lockt dich dieses Stromes Gruß.

 

Und ich mag mich nicht bewahren!

Weit von euch treibt mich der Wind,

Auf dem Strome will ich fahren,

Von dem Glanze selig blind!

Tausend Stimmen lockend schlagen,

Hoch Aurora flammend weht,

Fahre zu! ich mag nicht fragen,

Wo die Fahrt zu Ende geht!

 

Joseph von Eichendorff:

Jugendandacht (1841)


1

Daß des verlornen Himmels es gedächte,

Schlagen ans Herz des Frühlings linde Wellen,

Wie ew’ger Wonnen schüchternes Vermuten.

Geheimer Glanz der lauen Sommernächte,

Du grüner Wald, verführend Lied der Quellen,

Des Morgens Pracht, stillblühnde Abendgluten,

Ihr fragt: wo Schmerz und Lust so lange ruhten,

Die süß das Herz verdunkeln und es hellen?

Wie tut ihr zaubrisch auf die alten Wunden,

Daß losgebunden in das Licht sie bluten!

O sel’ge Zeit entfloßner Himmelbläue,

Der ersten Andacht solch inbrünst’ger Liebe,

Die ewig wollte knien vor der Einen!

Demütig in der Glorie des Maien

Hob sie den Schleier oft, laß offen bliebe

Der Augen Himmel, in das Land zu scheinen.

Und stand ich still, und mußt ich herzlich weinen;

In ihrem Blick gereinigt alle Triebe:

Da war nur Wonne, was ich mußte klagen,

Im Angesicht der Stillen, Ewigreinen

Kein Schmerz, als solcher Liebe Lieb ertragen!

2

Wie in einer Blume himmelblauen

Grund, wo schlummernd träumen stille Regenbogen,

Ist mein Leben ein unendlich Schauen,

Klar durchs ganze Herz ein süßes Bild gezogen.

 

Stille saß ich, sah die Jahre fliegen,

Bin im Innersten dein treues Kind geblieben;

Aus dem duft’gen Kelche aufgestiegen,

Ach! wann lohnst du endlich auch mein treues Liebe

3

Was wollen mir vertraun die blauen Weiten,

Des Landes Glanz, die Wirrung süßer Lieder,

Mir ist so wohl, so bang! Seid ihr es wieder

Der frommen Kindheit stille Blumenzeiten?

 

Wohl weiß ich’s – dieser Farben heimlich Spreiten

Deckt einer Jungfrau strahlend reine Glieder;

Es wogt der große Schleier auf und nieder,

Sie schlummert drunten fort seit Ewigkeiten.

 

Mir ist in solchen linden, blauen Tagen,

Als müßten alle Farben auferstehen,

Aus blauer Fern sie endlich zu mir gehen.

 

So wart ich still, schau in den Frühling milde,

Das ganze Herz weint nach dem süßen Bilde,

Vor Freud, vor Schmerz? – ich weiß es nicht zu sagen.

(Es folgen weitere Gedichte.)

 

 

Heinrich Heine

Lyrisches Intermezzo

XXX

Die blauen Veilchen der Äugelein,
Die roten Rosen der Wängelein,
Die weißen Liljen der Händchen klein,
Die blühen und blühen noch immerfort,
Und nur das Herzchen ist verdorrt.

 

Eduard Mörike

Er ist‘s

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte

Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab‘ ich vernommen!

 

 

Hermann Allmers

Feldeinsamkeit (1852)

Ich ruhe still im hohen grünen Gras
sende lange meinen Blick nach oben,
Grillen ringsumschwirrt ohn‘ Unterlass,
Himmelbläu wundersam umwoben.

Und schöne weiße Wolken ziehn dahin
durch’s tiefe Blau, wie schöne stille Träume; –
mir ist, als ob ich längst gestorben bin,
und ziehe selig mit durch ew’ge Räume.

 

Oskar Loerke

Blauer Abend in Berlin (1911)

Der Himmel fließt in steinernen Kanälen;
Denn zu Kanälen steilrecht ausgehauen
Sind alle Straßen, voll vom Himmelblauen.
Und Kuppeln gleichen Bojen, Schlote Pfählen

Im Wasser. Schwarze Essendämpfe schwelen
Und sind wie Wasserpflanzen anzuschauen.
Die Leben, die sich ganz am Grunde stauen,
Beginnen sacht vom Himmel zu erzählen,

Gemengt, entwirrt nach blauen Melodien.
Wie eines Wassers Bodensatz und Tand
Regt sie des Wassers Wille und Verstand

Im Dünen, Kommen, Gehen, Gleiten, Ziehen.
Die Menschen sind wie grober bunter Sand
Im linden Spiel der großen Wellenhand.

 

 

Georg Heym

Träumerei in Hellblau

Alle Landschaften haben
Sich mit Blau gefüllt.
Alle Büsche und Bäume des Stromes,
Der weit in den Norden schwillt.

Blaue Länder der Wolken,
Weiße Segel dicht,
Die Gestade des Himmels in Fernen
Zergehen in Wind und Licht.

Wenn die Abende sinken
Und wir schlafen ein,
Gehen die Träume, die schönen,
Mit leichten Füßen herein.

Zymbeln lassen sie klingen
In den Händen licht.
Manche flüstern, und halten
Kerzen vor ihr Gesicht.

 

Else Lasker-Schüler

Mein blaues Klavier (1937)

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier

Und kenne doch keine Note.

 

Es steht im Dunkel der Kellertür,

Seitdem die Welt verrohte.
Es spielten Sternenhände vier –

Die Mondfrau sang im Boote.

Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

 

Zerbrochen ist die Klaviatur.

Ich beweine die blaue Tote.

 

Ach liebe Engel öffnet mir

Ich aß vom bitteren Brote –

Mir lebend schon die Himmelstür,

Auch wider dem Verbote.

 

Else Lasker-Schüler

In deine Augen

Blau wird es in deinen Augen –
Aber warum zittert all mein Herz
Vor deinen Himmeln?

Nebel liegt auf meiner Wange
Und mein Herz beugt sich zum Untergange.

 

Christian Morgenstern

Dämmrig blaun im Mondenschimmer

Dämmrig blaun im Mondenschimmer
Berge … gleich Erinnerungen
ihrer selbst; selbst Berge nimmer.

Träume bloss noch, hinterlassen
von vergangnen Felsenmassen:
So wie Glocken, die verklungen,
noch die Luft als Zittern fassen.

 

Rainer Maria Rilke

Blaue Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;

Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

 


S
iehe auch http://gedichte.xbib.de/die+farbe+blau_gedichte_recherche.htm

3. Eine Gedichtsammlung:

Gabriele Sander (Hrsg.): Blaue Gedichte, Reclam 2012:

Inhaltsverzeichnis:

Prolog
Konrad Bayer – topologie der sprache

I Das blaue Gedicht
Yvan Goll – Das blaue Gedicht
Annette von Droste-Hülshoff – Poesie
Rudolf Hartung – Heimweg
Rose Ausländer – Verwandelt
Hilde Domin – Angsttraum I
Rolf Dieter Brinkmann – Von der Gegenständlichkeit eines Gedichtes
Otto Erich – Blaue Lyrik


II O Blau der Welt
Barthold Heinrich Brockes – Fabel
Gottfried Keller – Ich liege beschaulich
Paul Celan – O Blau der Welt
Niklas Stiller – Barke Blau
Hans Magnus Enzensberger – Die Visite
Marcel Beyer – Das kommende Blau

III Schau auf das Blau des Himmels
Kurt Marti – blauer himmel
Ericht Kästner – Prima Wetter
Alfred Lichtenstein – Sommerfrische
Ernst Meister – Das Blau
Tuvia Rübner – Immer wieder
Karl Krolow – Draußen


IV Blaue Tage
Robert Walser – Helle
Joseph von Eichendorff – Was wollen mir vertraun die blauen Weiten
Eduard Mörike – Er ist’s
Wilhelm Lehmann – Ein Lachen
Karl Wolfskehl – Herbst
Rose Ausländer – Blaßblaue Tage I
Rose Ausländer – Blaßblaue Tage II
Hilde Domin – Ein blauer Tag

V Blaue Stunde
Stefan George – Blaue Stunde
Gertrud Kolmar – Glockenspiel
Gottfried Benn – Blaue Stunde I-III
Ingeborg Bachmann – Die blaue Stunde
Peter Rühmkorf – Wintergewitter
Michael Zeller – Blaue Minute

VI Dämmerkantaten und Notturnos
Georg Heym – Träumerei in Hellblau
Ernst Stadler – Dämmerung in der Stadt
Oskar Loerke – Blauer Abend in Berlin
Gottfried Benn – Fragmente
Paul Boldt – Abendwald
Heiner Müller – Blaupause
Carl Zuckmayer – Dämmerkantate

VII Ins Fernblau schwebend
Johann Wolfgang Goethe – Schwebender Genius über der Erdkugel
Oskar Loerke – Ins Fernblau schwebend
Georg Heym – Sehnsucht
Ludwig Tieck – Flöte
Joachim Ringelnatz – Melancholie

VIII Auf blauen Wellen
Theodor Däubler – Auf blauen Wellen ängstigt sich das Leben
Günter Kunert – Golf von Neapel
Peter Huchel – Die Insel Alohe
Hugo von Hofmannsthal – Die Stunden! wo wir auf das helle Blauen
Georg Kaiser – Vita naufragium longum
Peter Hacks – Der Bluewater-Valley-Song

IX Blaue Träume, Sehnsüchte und Erinnerungen
Clemens Brentano – Hörst du wie die Brunnen rauschen
Georg Trakl – Kindheit
Ernst Jandl – in jugendblau
Else Lasker-Schüler – Mein blaues Klavier
Ulla Hahn – Frau in Blau
Friedrich Christian Delius – Lieder eines fahrenden Gesellen

X Blau war das Kleid …
Günter Eich – Der Mann in der blauen Jacke
Jürgen Becker – Blaues Kleid
Jakob van Hoddis – Tanz
H.C. Artman – mylady mit dem blauen hut
Richard Dehmel – Die blauen Schuhe
Rolf Dieter Brinkmann – Meine blauen Wildlederschuhe

XI Der blaue Vogel deines Auges
Martin Opitz – Sonnet über die augen der Astree
Heinrich Heine – Mit deinen blauen Augen
Paul Celan – Die Jahre von dir zu mir
Yvan Goll – Der blaue Vogel deines Auges
Peter Maiwald – Fotoalbum

XII Blaue Tiere
Gottfried Keller – Wie schlafend unterm Flügel ein Pfau den Schnabel hält
Wilhelm Lehmann – Pfauenauge
Hermann Hesse – Blauer Schmetterling
Elisabeth Borchers – Der blaue Fisch
Paul Zech – Die Ballade von den blauen Pferden
Ursula Krechel – Das Flußpferd

XIII Vom Krokusblau zum Blau der Herbstzeitlose
Paul Zech – Krokus
Barthold Heinrich Brockes – Die Trauben-Hyazinthe
Johann Wilhelm Ludwig Gleim – Das Blümchen
Alfred Mombert – Mittagstunde
Rainer Maria Rilke – Blaue Hortensie
Michael Zeller – Für S. / die mir im Straßengraben eine Herbstzeitlose zeigte

XIV Die Blaue Blume
Georg Trakl – An Novalis
Joseph von Eichendorff – An Isidorus Orientalis
Achim von Arnim – Sie sah die blaue Blume
Georg Trakl – Verklärung
Wolfgang Borchert – Gedicht
Arno Holz – In den Grunewald

XV Dieses Blau – aus alten Meistern hervordestilliert
Hans Dieter Schwarze – Prolog
Ernst Jandl – lassen – lässt…
Albert Ehrenstein – Georg Trakl+
Elisabeth Borchers – Nerudas Blau
Max Dauthendey – Vision

XVI Blauer Rauch
Arno Holz – Horche nicht hinter die Dinge
Georg von der Vring – Kleiner Faden Blau
Paul Zech – Der Kohlenbaron

XVII Blau ist das Meer und der Suff
Bertolt Brecht – Matrosen-Song
Rainer Brambach – Heiterkeit im Garten
Robert Gernhardt – Ein Frühjahr

XVIII Blaues im Blauen Saal
Peter Roos – AZULITOblues
Erich Kästner – Vornehme Leute, 1200 Meter hoch
Joachim Ringelnatz – Blues
Ernst Meister – Augustinischer Blues

Epilog
Konrad Ferdinand Meyer – Epilog

 

Kästner: Herr im Herbst – Analyse

Nun wirft der Herbst die Blätter auf den Markt. […]

Durch die Überschrift ist der Sprecher als „Herr im Herbst“ ausgewiesen. Er geht über die Straße und spricht zu sich selbst über das, was er gerade erlebt: Herbst; das ist fallendes Laub, Tod, Krankheit, Regen…

usw. – Die Analyse steht in meinem neuen Buch „Erich Kästner mit spitzer Feder“, das im Februar 2019 im Verlag Krapp & Gutknecht erschienen ist.

Kästner: Die Tretmühle – Analyse

Rumpf vorwärts beugt! Es will dich einer treten! […]

Die Überschrift „Die Tretmühle“ ist ein Wortspiel: Normalerweise bezeichnet man ein Tret- oder Laufrad so, mittels dessen eine Mühle durch die Körperkraft von Menschen bzw. Tieren angetrieben oder Lasten gehoben werden (https://de.wikipedia.org/wiki/Tretm%C3%BChle). Im übertragenen Sinn spricht man …

usw. – Die Analyse steht in meinem neuen Buch „Erich Kästner mit spitzer Feder“, das im Februar 2019 im Verlag Krapp & Gutknecht erschienen ist.

Brüder Grimm: Die Boten des Todes

Seit der 4. Auflage der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (1840) steht das folgende Märchen darin (in der Rechtschreibung der damaligen Zeit):

Die Boten des Todes.

Vor alten Zeiten wanderte einmal ein Riese auf der großen Landstraße, da sprang ihm plötzlich ein unbekannter Mann entgegen, und rief „halt! keinen Schritt weiter!“ „Was,“ sprach der Riese, „du Wicht, den ich zwischen den Fingern zerdrücken kann, du willst mir den Weg vertreten? Wer bist du, daß du so keck reden darfst?“ „Ich bin der Tod,“ erwiederte der andere, „mir widersteht niemand, und auch du mußt meinen Befehlen gehorchen.“ Der Riese aber weigerte sich, und fieng an mit dem Tode zu ringen. Es war ein langer heftiger Kampf, zuletzt aber behielt der Riese die Oberhand, und schlug den Tod mit seiner Faust nieder, daß er neben einen Stein zusammensank. Der Riese gieng seiner Wege, und der Tod lag da besiegt, und war so kraftlos, daß er sich nicht wieder erheben konnte. „Was soll daraus werden,“ sprach er, „wenn ich da in der Ecke liegen bleibe? es stirbt niemand mehr auf Erden, und sie wird so mit Menschen angefüllt werden, daß sie nicht mehr Platz haben neben einander zu stehen.“ Indem kam ein junger Mensch des Wegs, frisch und gesund, sang ein Lied, und warf seine Augen hin und her. Als er den halbohnmächtigen erblickte, gieng er mitleidig heran, richtete ihn auf, flößte ihm aus seiner Flasche einen stärkenden Trank ein, und wartete bis er wieder zu Kräften kam. „Weist du auch,“ fragte der Fremde, indem er sich aufrichtete, „wer ich bin, und wem du wieder auf die Beine geholfen hast?“ „Nein,“ antwortete der Jüngling, „ich kenne dich nicht.“ „Ich bin der Tod,“ sprach er, „ich verschone niemand, und kann auch mit dir keine Ausnahme machen. Damit du aber siehst daß ich dankbar bin, so verspreche ich dir daß ich dich nicht unversehens überfallen, sondern dir erst meine Boten senden will bevor ich komme und dich abhole.“ „Wohlan,“ sprach der Jüngling, „immer ein Gewinn, daß ich weiß wann du kommst, und so lange wenigstens sicher vor dir bin,“ zog weiter, war lustig und guter Dinge, und lebte in den Tag hinein. Allein Jugend und Gesundheit hielten nicht lange aus, es kamen Krankheiten und Schmerzen, die ihn plagten. „Sterben werde ich nicht,“ sprach er zu sich selbst, „denn der Tod sendet erst seine Boten, ich wollte nur die bösen Tage der Krankheit wären erst vorüber.“ Sobald er sich gesund fühlte, fieng er wider an in Freuden zu leben. Da klopfte ihn eines Tags jemand auf die Schulter, und als er sich umblickte, stand der Tod hinter ihm, und sprach „folge mir, die Stunde deines Abschieds von der Welt ist gekommen.“ „Wie,“ antwortete der Mensch, „willst du dein Wort brechen? hast du mir nicht versprochen daß du mir bevor du selbst kämest, deine Boten senden wolltest? ich habe keinen gesehen.“ „Schweig,“ erwiederte der Tod, „habe ich dir nicht einen Boten über den andern geschickt? kam nicht das Fieber, stieß dich an, und warf dich nieder? hat der Schwindel dir nicht den Kopf betäubt? zwickte dich nicht die Gicht in allen Gliedern? brauste dirs nicht in den Ohren? nagte nicht der Zahnschmerz in deinen Backen? ward dirs nicht dunkel vor den Augen? Ueber das alles, hat nicht mein leiblicher Bruder, der Schlaf, dich jeden Abend an mich erinnert? lagst du nicht in der Nacht, als wärst du schon gestorben?“ Der Mensch wußte nichts zu erwiedern, ergab sich in sein Geschick, und gieng mit dem Tode fort.

(https://de.wikisource.org/wiki/Die_Boten_des_Todes_(1840))

Die Anmerkungen der Brüder Grimm dazu:

Die Boten des Todes.

Nach Kirchhofs Wendunmut 2, Nr. 123, und daraus auch bei Colshorn Nr. 68. Ferner in Paulis Schimpf und Ernst Cap. 151, im Äsop von Huldrich Wolgemut Fab. 198 und in einem Meistergesang der Colmarer Handschrift (v. d. Hagen Sammlung für altdeutsche Literatur 187. 188). Der letzte Theil auch in dem lateinischen Äsop von Joach. Camerarius (1564) S. 347. 348 und von Gregor Bersmann (1590), doch weder griechische noch römische Fabeldichter wissen etwas davon. Schon im 13ten Jahrhundert war das Märchen bekannt, denn Haug von Trimberg erzählt es im Rener 23666–23722.

(https://de.wikisource.org/wiki/Kinder-_und_Haus-M%C3%A4rchen_Band_3_(1856)/Anmerkungen#177)

Die Anmerkungen von Bolte-Polivka dazu:

https://archive.org/stream/anmerkungenzuden03grim#page/292/mode/2up bzw.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Grimms_M%C3%A4rchen_Anmerkungen_(Bolte_Polivka)_III_293.jpg

Meine Anmerkungen dazu:

Die Pointe des Märchen liegt im Begriff „die Boten des Todes“. Der ehemalige junge und später alte Mensch versteht ihn wörtlich: Boten als Leute, die anklopfen, sich ausweisen und mündlich oder schriftlich ihre Botschaft ausrichten. Der Tod jedoch versteht „die Boten“ metaphorisch; er nennt, als er sich rechtfertigt, „Krankheiten und Schmerzen“ seine Boten, die er dann als Fieber, Schwindel, Gicht usw. einzeln benennt. Dazu verweist er auf seinen leiblichen Bruder, den Schlaf, der einen jeden Abend an den Tod erinnere, weil man dann so liege, „ als wärst du schon gestorben“. Diese Argumentation erkennt der alte Mann an, auf dass auch der Leser sie anerkenne.

Eine alte Sentenz ist es, dass der Schlaf der Bruder des Todes ist:

https://thanatos.tv/schlafes-stief-bruder/

http://www.academia.edu/475206/Tod_Schlafes_Bruder._Intertextuelle_Streifz%C3%BCge_und_Fallstudien bzw.

https://www.academia.edu/475206/Tod_Schlafes_Bruder._Intertextuelle_Streifz%C3%BCge_und_Fallstudien?auto=download

http://www.schlafen-aktuell.de/wissenswertes/geschichte-des-schlafs

Zum 70. Geburtstag

für einen lieben Freund, beinahe wörtlich von Heinrich Heine:

Mich locken nicht die Himmelsauen
Im Paradies, im selgen Land;
Dort find ich keine schönre Frauen
Als ich bereits auf Erden fand.

Kein Engel mit den feinsten Schwingen
Könnt mir ersetzen dort mein Weib;
Auf Wolken sitzend Psalmen singen,
Wär auch nicht just mein Zeitvertreib.

O Herr! Ich glaub, es wär das Beste,
Du ließest mich in dieser Welt;
Heil nur zuvor mein Leibgebreste,
Und sorge auch für etwas Geld.

Ich weiß, es ist voll Sünd und Laster
Die Welt; jedoch ich bin einmal
Gewöhnt, auf diesem Erdpechpflaster
Zu schlendern durch das Jammertal.

Genieren wird das Weltgetreibe
Mich nie, denn selten geh ich aus;
Mit Büchern und den Bildern bleibe
Ich gern bei meiner Frau zu Haus.

Laß mich bei ihr! Hör ich sie schwätzen,
Trinkt meine Seele die Musik
Der holden Stimme mit Ergötzen.
So treu und ehrlich ist ihr Blick!

Gesundheit nur und Geldzulage
Verlang ich, Herr! O laß mich froh
Hinleben noch viel schöne Tage
Bei meiner Frau in statu quo!

„Mit Büchern und den Bildern“ kann man natürlich dem Jubilar entsprechend ersetzen, zum Beispiel durch „Mit Bierchen und der Zeitung“ oder „Mit Bierchen und dem Krimi“ usw.

Kafka: Die Verwandlung, Motiv: Vater-Sohn-Konflikt

Die Absätze aller drei Kapitel werden wieder mit arabischen Ziffern gezählt, damit Leser unterschiedlicher Ausgaben diese Untersuchung nutzen können.

Vorgeschichte: Gregor hat an einem ungeliebten, anstrengenden Beruf festgehalten, um die Schuld der Eltern an seinen Chef abzubezahlen (I 4-6). Er hält durch seine Arbeit die anderen aus, liefert seinen Verdienst fast vollständig ab (II 12); es hat sogar etwas Vermögen gebildet, welches der Vater verwaltet (II 12, 14)…

Diese und weitere Analysen zu Kafka: Die Verwandlung, findet man auf dem Lehrermarktplatz (https://lehrermarktplatz.de/material/806/franz-kafka-die-verwandlung-analysen).

 

Ich nenne zum Schluss der Linkliste einige mehr oder weniger oberflächliche Untersuchungen zum Vater-Sohn-Konflikt in den beiden Erzählungen. Ich erinnere noch daran, dass Kafka selber 1913 die drei Erzählungen „Der Heizer“, „Das Urteil“ und „Die Verwandlung“ unter der Überschrift „Söhne“ herauszugeben vorgeschlagen hat; 1915 hat er dann die Erzählungen „Das Urteil“, „Die Verwandlung“ und „In der Strafkolonie“ unter dem Titel „Strafen“ zu veröffentlichen angeregt.

http://limotee.blogspot.de/2012/08/vater-sohn-konflikt.html (Vater-Sohn-Konflikt: das Motiv in der Literatur)

http://www.studentshelp.de/p/referate/02/6804.htm (Vater-Sohn-Konflikt in der Literatur)

http://www.lesekost.de/themen/HHLTH15.htm (dito: Titel, mit Sekundärliteratur)

http://www.erf.de/online/uebersicht/politik-und-gesellschaft/die-fuenf-tragischsten-vater-sohn-konflikte/2270-542-3775 (Fünf große Vater-Sohn-Konflikte)

http://www.kafkaesk.de/franz-kafka/kafka-familie-freunde/hermann-kafka/verhaeltnis-kafka-vater.html (Vater-Sohn-Konflikt als Zeitphänomen um 1900)

http://www.deutschlandfunk.de/ein-besonderer-vater-sohn-konflikt.700.de.html?dram:article_id=83592 (Vater-Sohn-Konflikt bei Thomas Mann)

http://www.huepertexte.de/cms/Joomla/index.php?option=com_content&task=view&id=545&Itemid=53 (Vater-Sohn-Konflikt: U-Ideen)

http://www.academia.edu/6082144/Der_Vater_Sohn-Konflikt_als_Hauptthema_in_Franz_Kafkas_fru_hen_Erz%C3%A4hlungen (Der Vater / Sohn-Konflikt als Hauptthema in Franz Kafkas Frühen Erzählungen – Bachelorarbeit – ziemlich oberflächlich)

http://www.fvss.de/assets/media/jahresarbeiten/deutsch/Kafka.pdf (Vater-Sohn-Beziehung bei Kafka, Facharbeit einer Schülerin)

Vgl. auch https://norberto42.wordpress.com/2016/02/27/verwandlungen-als-kafkas-kernmotiv/ und https://norberto42.wordpress.com/2016/02/12/kafka-motiv-der-verwandlung/!