Gedichte mit BLAU + Farbsymbolik

Gedichte zur Farbe BLAU

1. Farbsymbolik „blau“

Blau ist die flüchtigste aller Farben, sie weicht optisch vom Betrachter zurück und wirkt ebenso kühl wie bodenlos. Blau wird mit dem Himmel und dem Meer assoziiert – obwohl Luft und Wasser an sich durchsichtig sind. Damit wird Blau zu der Farbe des Unwirklichen, des Unsichtbaren und Nichtgreifbaren. Dies verdeutlich auch die Entwicklung von Sprachen: Die alten Römer beispielsweise kannten kein Wort für Blau, die Isländer bezeichnen alle Farben zwischen Schwarz und Blau mit demselben Wort und sowohl die alten Ägypter als auch einige Naturvölker unterscheiden sprachlich nicht zwischen Blau und Grün.

Im Christentum stand Blau als Farbe des Himmels schon immer mit dem Göttlichen, dem Überirdischen in Verbindung. Einst galt die Farbe als weiblich und wurde der Jungfrau Maria zugeschrieben. Im Gegensatz zum irdischen, präsenten Rot symbolisiert Blau das Flüchtige und das Immaterielle. Es steht gleichermaßen für den Traum nach Freiheit, unendlichen Weiten aber auch für Introvertiertheit und den Rückzug in sich selbst. Blau symbolisiert Ruhe – aber im Gegensatz zum präsenten, gelassenen Grün, ist Blau ruhig durch Distanz. Gleichzeitig repräsentiert Blau auch eine klare Besonnenheit, Objektivität, Neutralität und Klarheit – das flößt Vertrauen ein und vermittelt ein Gefühl von Sicherheit. Aus diesem Grunde bedienen sich Banken und Versicherungen gern der Farbe Blau für ihre Firmenlogos. (https://alpina-farben.de/artikel/farbsymbolik-bedeutung-blau/)

Blau, die Farbenempfindung, die der zwischen den Fraunhoferschen Linien F und G liegende Teil des Spektrums in einem normalen Auge hervorruft. Zu jedem einfachen B. läßt sich im gelben Teile des Spektrums ein einfaches Gelb finden, das damit gemischt Weiß gibt. Spektrales B. und spektrales Gelb sind also zueinander komplementär. Ein blauer Farbstoff, mit einem gelben gemischt, gibt nicht Weiß, sondern Grün, weil der blaue Farbstoff die roten und gelben, der gelbe die blauen und violetten Strahlen absorbiert, so daß im zurückgeworfenen Licht das Grün vorherrscht. Vgl. Farbensymbolik. (Meyers Großes Konversations-Lexikon, 1905)

Farbensymbolik, die Deutung der Farben auf bestimmte Lebensverhältnisse, Begriffe und Gemütsstimmungen sowie ihre Benutzung, um in Kleider- und Schmucktracht (Jett als Trauerschmuck), durch Tragen der Lieblingsfarben einer Dame beim Turnier, in der Blumensprache etc. diese Stimmung auszudrücken. Die den Farben beigelegte Bedeutung wechselt nach Völkern und Zeiten, z. B. hinsichtlich der Trauer (s.d.), ohne daß sich psychologische Gründe für die Wahl bestimmter Farben für bestimmte Beziehungen überall anführen ließen. (…) Im allgemeinen hat sich bei den Kulturvölkern folgende F. Herausgebildet: (…) Blau war seit ältester Zeit die verehrteste Farbe, der Lapislazuli im Altertum der geschätzteste Edelstein, und der Indigo, mit dem man bei Pelusium die (nach Brugsch) danach benannten Arbeiterkleider oder Blusen färbte, hieß Dar-neken, der vor »Schaden bewahrende« Farbstoff. Den Alten galt Blau, wie Eusebios sagt, als Götterfarbe (in der Kleidung), besonders der Himmelsgöttin (Juno), nach dem blauen Himmel. Schon im germanischen Altertum erscheint Blau als Symbol der Treue und Beständigkeit, daher blaue Blumen (Männertreu, Vergißmeinnicht, Gedenke mein, Pensee) als Beständigkeitssymbole. (http://www.zeno.org/Meyers-1905/A/Farbensymbolik)

 

2. Gedichte zu BLAU

Joseph von Eichendorff
Frische Fahrt (1815)

Laue Luft kommt blau geflossen,

Frühling, Frühling soll es sein!

Waldwärts Hörnerklang geschossen,

Mut’ger Augen lichter Schein;

Und das Wirren bunt und bunter

Wird ein magisch wilder Fluß,

In die schöne Welt hinunter

Lockt dich dieses Stromes Gruß.

 

Und ich mag mich nicht bewahren!

Weit von euch treibt mich der Wind,

Auf dem Strome will ich fahren,

Von dem Glanze selig blind!

Tausend Stimmen lockend schlagen,

Hoch Aurora flammend weht,

Fahre zu! ich mag nicht fragen,

Wo die Fahrt zu Ende geht!

 

Joseph von Eichendorff:

Jugendandacht (1841)


1

Daß des verlornen Himmels es gedächte,

Schlagen ans Herz des Frühlings linde Wellen,

Wie ew’ger Wonnen schüchternes Vermuten.

Geheimer Glanz der lauen Sommernächte,

Du grüner Wald, verführend Lied der Quellen,

Des Morgens Pracht, stillblühnde Abendgluten,

Ihr fragt: wo Schmerz und Lust so lange ruhten,

Die süß das Herz verdunkeln und es hellen?

Wie tut ihr zaubrisch auf die alten Wunden,

Daß losgebunden in das Licht sie bluten!

O sel’ge Zeit entfloßner Himmelbläue,

Der ersten Andacht solch inbrünst’ger Liebe,

Die ewig wollte knien vor der Einen!

Demütig in der Glorie des Maien

Hob sie den Schleier oft, laß offen bliebe

Der Augen Himmel, in das Land zu scheinen.

Und stand ich still, und mußt ich herzlich weinen;

In ihrem Blick gereinigt alle Triebe:

Da war nur Wonne, was ich mußte klagen,

Im Angesicht der Stillen, Ewigreinen

Kein Schmerz, als solcher Liebe Lieb ertragen!

2

Wie in einer Blume himmelblauen

Grund, wo schlummernd träumen stille Regenbogen,

Ist mein Leben ein unendlich Schauen,

Klar durchs ganze Herz ein süßes Bild gezogen.

 

Stille saß ich, sah die Jahre fliegen,

Bin im Innersten dein treues Kind geblieben;

Aus dem duft’gen Kelche aufgestiegen,

Ach! wann lohnst du endlich auch mein treues Liebe

3

Was wollen mir vertraun die blauen Weiten,

Des Landes Glanz, die Wirrung süßer Lieder,

Mir ist so wohl, so bang! Seid ihr es wieder

Der frommen Kindheit stille Blumenzeiten?

 

Wohl weiß ich’s – dieser Farben heimlich Spreiten

Deckt einer Jungfrau strahlend reine Glieder;

Es wogt der große Schleier auf und nieder,

Sie schlummert drunten fort seit Ewigkeiten.

 

Mir ist in solchen linden, blauen Tagen,

Als müßten alle Farben auferstehen,

Aus blauer Fern sie endlich zu mir gehen.

 

So wart ich still, schau in den Frühling milde,

Das ganze Herz weint nach dem süßen Bilde,

Vor Freud, vor Schmerz? – ich weiß es nicht zu sagen.

(Es folgen weitere Gedichte.)

 

 

Heinrich Heine

Lyrisches Intermezzo

XXX

Die blauen Veilchen der Äugelein,
Die roten Rosen der Wängelein,
Die weißen Liljen der Händchen klein,
Die blühen und blühen noch immerfort,
Und nur das Herzchen ist verdorrt.

 

Eduard Mörike

Er ist‘s

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte

Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab‘ ich vernommen!

 

 

Hermann Allmers

Feldeinsamkeit (1852)

Ich ruhe still im hohen grünen Gras
sende lange meinen Blick nach oben,
Grillen ringsumschwirrt ohn‘ Unterlass,
Himmelbläu wundersam umwoben.

Und schöne weiße Wolken ziehn dahin
durch’s tiefe Blau, wie schöne stille Träume; –
mir ist, als ob ich längst gestorben bin,
und ziehe selig mit durch ew’ge Räume.

 

Oskar Loerke

Blauer Abend in Berlin (1911)

Der Himmel fließt in steinernen Kanälen;
Denn zu Kanälen steilrecht ausgehauen
Sind alle Straßen, voll vom Himmelblauen.
Und Kuppeln gleichen Bojen, Schlote Pfählen

Im Wasser. Schwarze Essendämpfe schwelen
Und sind wie Wasserpflanzen anzuschauen.
Die Leben, die sich ganz am Grunde stauen,
Beginnen sacht vom Himmel zu erzählen,

Gemengt, entwirrt nach blauen Melodien.
Wie eines Wassers Bodensatz und Tand
Regt sie des Wassers Wille und Verstand

Im Dünen, Kommen, Gehen, Gleiten, Ziehen.
Die Menschen sind wie grober bunter Sand
Im linden Spiel der großen Wellenhand.

 

 

Georg Heym

Träumerei in Hellblau

Alle Landschaften haben
Sich mit Blau gefüllt.
Alle Büsche und Bäume des Stromes,
Der weit in den Norden schwillt.

Blaue Länder der Wolken,
Weiße Segel dicht,
Die Gestade des Himmels in Fernen
Zergehen in Wind und Licht.

Wenn die Abende sinken
Und wir schlafen ein,
Gehen die Träume, die schönen,
Mit leichten Füßen herein.

Zymbeln lassen sie klingen
In den Händen licht.
Manche flüstern, und halten
Kerzen vor ihr Gesicht.

 

Else Lasker-Schüler

Mein blaues Klavier (1937)

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier

Und kenne doch keine Note.

 

Es steht im Dunkel der Kellertür,

Seitdem die Welt verrohte.
Es spielten Sternenhände vier –

Die Mondfrau sang im Boote.

Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

 

Zerbrochen ist die Klaviatur.

Ich beweine die blaue Tote.

 

Ach liebe Engel öffnet mir

Ich aß vom bitteren Brote –

Mir lebend schon die Himmelstür,

Auch wider dem Verbote.

 

Else Lasker-Schüler

In deine Augen

Blau wird es in deinen Augen –
Aber warum zittert all mein Herz
Vor deinen Himmeln?

Nebel liegt auf meiner Wange
Und mein Herz beugt sich zum Untergange.

 

Christian Morgenstern

Dämmrig blaun im Mondenschimmer

Dämmrig blaun im Mondenschimmer
Berge … gleich Erinnerungen
ihrer selbst; selbst Berge nimmer.

Träume bloss noch, hinterlassen
von vergangnen Felsenmassen:
So wie Glocken, die verklungen,
noch die Luft als Zittern fassen.

 

Rainer Maria Rilke

Blaue Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;

Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

 


S
iehe auch http://gedichte.xbib.de/die+farbe+blau_gedichte_recherche.htm

3. Eine Gedichtsammlung:

Gabriele Sander (Hrsg.): Blaue Gedichte, Reclam 2012:

Inhaltsverzeichnis:

Prolog
Konrad Bayer – topologie der sprache

I Das blaue Gedicht
Yvan Goll – Das blaue Gedicht
Annette von Droste-Hülshoff – Poesie
Rudolf Hartung – Heimweg
Rose Ausländer – Verwandelt
Hilde Domin – Angsttraum I
Rolf Dieter Brinkmann – Von der Gegenständlichkeit eines Gedichtes
Otto Erich – Blaue Lyrik


II O Blau der Welt
Barthold Heinrich Brockes – Fabel
Gottfried Keller – Ich liege beschaulich
Paul Celan – O Blau der Welt
Niklas Stiller – Barke Blau
Hans Magnus Enzensberger – Die Visite
Marcel Beyer – Das kommende Blau

III Schau auf das Blau des Himmels
Kurt Marti – blauer himmel
Ericht Kästner – Prima Wetter
Alfred Lichtenstein – Sommerfrische
Ernst Meister – Das Blau
Tuvia Rübner – Immer wieder
Karl Krolow – Draußen


IV Blaue Tage
Robert Walser – Helle
Joseph von Eichendorff – Was wollen mir vertraun die blauen Weiten
Eduard Mörike – Er ist’s
Wilhelm Lehmann – Ein Lachen
Karl Wolfskehl – Herbst
Rose Ausländer – Blaßblaue Tage I
Rose Ausländer – Blaßblaue Tage II
Hilde Domin – Ein blauer Tag

V Blaue Stunde
Stefan George – Blaue Stunde
Gertrud Kolmar – Glockenspiel
Gottfried Benn – Blaue Stunde I-III
Ingeborg Bachmann – Die blaue Stunde
Peter Rühmkorf – Wintergewitter
Michael Zeller – Blaue Minute

VI Dämmerkantaten und Notturnos
Georg Heym – Träumerei in Hellblau
Ernst Stadler – Dämmerung in der Stadt
Oskar Loerke – Blauer Abend in Berlin
Gottfried Benn – Fragmente
Paul Boldt – Abendwald
Heiner Müller – Blaupause
Carl Zuckmayer – Dämmerkantate

VII Ins Fernblau schwebend
Johann Wolfgang Goethe – Schwebender Genius über der Erdkugel
Oskar Loerke – Ins Fernblau schwebend
Georg Heym – Sehnsucht
Ludwig Tieck – Flöte
Joachim Ringelnatz – Melancholie

VIII Auf blauen Wellen
Theodor Däubler – Auf blauen Wellen ängstigt sich das Leben
Günter Kunert – Golf von Neapel
Peter Huchel – Die Insel Alohe
Hugo von Hofmannsthal – Die Stunden! wo wir auf das helle Blauen
Georg Kaiser – Vita naufragium longum
Peter Hacks – Der Bluewater-Valley-Song

IX Blaue Träume, Sehnsüchte und Erinnerungen
Clemens Brentano – Hörst du wie die Brunnen rauschen
Georg Trakl – Kindheit
Ernst Jandl – in jugendblau
Else Lasker-Schüler – Mein blaues Klavier
Ulla Hahn – Frau in Blau
Friedrich Christian Delius – Lieder eines fahrenden Gesellen

X Blau war das Kleid …
Günter Eich – Der Mann in der blauen Jacke
Jürgen Becker – Blaues Kleid
Jakob van Hoddis – Tanz
H.C. Artman – mylady mit dem blauen hut
Richard Dehmel – Die blauen Schuhe
Rolf Dieter Brinkmann – Meine blauen Wildlederschuhe

XI Der blaue Vogel deines Auges
Martin Opitz – Sonnet über die augen der Astree
Heinrich Heine – Mit deinen blauen Augen
Paul Celan – Die Jahre von dir zu mir
Yvan Goll – Der blaue Vogel deines Auges
Peter Maiwald – Fotoalbum

XII Blaue Tiere
Gottfried Keller – Wie schlafend unterm Flügel ein Pfau den Schnabel hält
Wilhelm Lehmann – Pfauenauge
Hermann Hesse – Blauer Schmetterling
Elisabeth Borchers – Der blaue Fisch
Paul Zech – Die Ballade von den blauen Pferden
Ursula Krechel – Das Flußpferd

XIII Vom Krokusblau zum Blau der Herbstzeitlose
Paul Zech – Krokus
Barthold Heinrich Brockes – Die Trauben-Hyazinthe
Johann Wilhelm Ludwig Gleim – Das Blümchen
Alfred Mombert – Mittagstunde
Rainer Maria Rilke – Blaue Hortensie
Michael Zeller – Für S. / die mir im Straßengraben eine Herbstzeitlose zeigte

XIV Die Blaue Blume
Georg Trakl – An Novalis
Joseph von Eichendorff – An Isidorus Orientalis
Achim von Arnim – Sie sah die blaue Blume
Georg Trakl – Verklärung
Wolfgang Borchert – Gedicht
Arno Holz – In den Grunewald

XV Dieses Blau – aus alten Meistern hervordestilliert
Hans Dieter Schwarze – Prolog
Ernst Jandl – lassen – lässt…
Albert Ehrenstein – Georg Trakl+
Elisabeth Borchers – Nerudas Blau
Max Dauthendey – Vision

XVI Blauer Rauch
Arno Holz – Horche nicht hinter die Dinge
Georg von der Vring – Kleiner Faden Blau
Paul Zech – Der Kohlenbaron

XVII Blau ist das Meer und der Suff
Bertolt Brecht – Matrosen-Song
Rainer Brambach – Heiterkeit im Garten
Robert Gernhardt – Ein Frühjahr

XVIII Blaues im Blauen Saal
Peter Roos – AZULITOblues
Erich Kästner – Vornehme Leute, 1200 Meter hoch
Joachim Ringelnatz – Blues
Ernst Meister – Augustinischer Blues

Epilog
Konrad Ferdinand Meyer – Epilog

 

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Kästner: Herr im Herbst – Analyse

Nun wirft der Herbst die Blätter auf den Markt. […]

Durch die Überschrift ist der Sprecher als „Herr im Herbst“ ausgewiesen. Er geht über die Straße und spricht zu sich selbst über das, was er gerade erlebt: Herbst; das ist fallendes Laub, Tod, Krankheit, Regen – also die eine Seite des Herbstes, die „negative“ gegenüber dem Aspekt der Ernte oder des goldenen Oktobers. Der Tonfall ist salopp (dreimal „Na ja“, V. 2, 10 und 20), einige Sätze werden mit „Und“ eingeleitet (V. 3, 11) oder sind umgangssprachlich unvollständig (V. 17, 19).

Der Sprecher beginnt ein wenig pathetisch (wie ein Herr!) mit einer Personifikation des Herbstes („wirft … auf den Markt“, V. 1), um dann gleich darauf seine Distanz gegenüber dem Geschehen zu dokumentieren: „Na ja, das musste wohl so kommen.“ Sowohl mit der Phrase „Na ja“ wie auch mit der Modifizierung „musste wohl“ (V. 2, doppelt modifiziert: Modalverb und Modalwort) hält er sich seine Beobachtungen vom Leibe oder von der Seele. Dass man Lehmanns Tochter „eingesargt“ (V. 3, ein technischer Begriff) statt „begraben“ hat, bezeugt die gleiche Distanz – er ist weit davon entfernt, die junge Frau oder das Mädchen („Lehmanns Tochter“, sie hat nicht einmal einen eigenen Namen, V. 3) zu betrauern. Im Gegenteil, meint der Sprecher, eigentlich habe sie Glück gehabt, dass sie gestorben ist (V. 4); den Grund dieser Bewertung nennt er nicht – man kann ergänzen: „dass sie diesen Mist hier nicht erleben muss“. Er weiß, dass seine Bewertung etwas sarkastisch ist; deshalb relativiert er sie („genau genommen“, V. 4), ohne sie zurückzunehmen.

Es wird in einem fünfhebigen Jambus gesprochen, den man kaum bemerkt; das erste Wort „Nun“ ist gegen den Takt ein wenig betont. Die Kreuzreime binden die Verse aneinander, ohne dass dies semantische Beziehungen herstellte. Nur der zweite Vers weist vier Hebungen auf, im letzten Takt fehlt eine Silbe (weibliche Kadenz): Es entsteht eine kleine Pause, ebenso in Vers 3 und 4, weil dort im Reimwort ein früheres Reimwort vom Klang her aufgerufen wird, was das Sprechen ein wenig verzögert.

Die nächste Strophe beginnt der Sprecher wieder mit einer Personifikation (wird alt, zieht an, V. 5); dabei ist nicht ganz klar, was mit dem Bild „Mantel anziehen“ gemeint ist – es dient jedenfalls zur Kontrastierung mit dem armen Bettler, der eben keinen Mantel hat. Aus diesem Kontrast zieht der Sprecher das Fazit: „So ist das Leben. Es ist nicht viel dran.“ (V. 7) Der erste Satz ist eine sprichwörtliche Sentenz, die man in Situationen der Enttäuschung äußert. Der ganze Vers drückt aus, was „im Herbst“ aus der Sicht des Sprechers zu sagen ist. Er kommentiert im folgenden Vers diese Einschätzung mit einem paradoxen Gedanken: dass Frauen lachen können, weil sie weinen dürfen (V. 8), während man als Mann die Unbill des Lebens stoisch und „hart“ zu ertragen hat – weinen dürfen, also sein Leiden ausdrücken dürfen galt früher als Privileg der Frauen, die sich darüber freuen („lachen“, V. 8) können.

In dieser 2. Strophe reflektiert der Sprecher den Wert des Lebens aus der Perspektive des Herbstes: alt – kalt (= ohne Mantel) – nicht viel dran – zum Heulen. Die einzige Bobachtung besteht darin, dass er den „Bettler vis à vis“ wahrnimmt. Die Sprache ist hier etwas gehoben (Personifikationen in V. 5, Kontrast in V. 8); der Rhythmus gleicht dem der ersten Strophe. Außerhalb des Taktes sind „So“ (etwas schwächer) und „Frau‘n“ (stark) betont; „hat keinen [Mantel]“ – „dürfen weinen“ (V. 6/8) ist ein sinnvoller Reim, die Verse sind im Aspekt des Negativen miteinander verbunden.

Der Sprecher setzt sein Denken fort, indem er über die Frage meditiert, „[w]ozu die Blätter bunt sind, wenn sie fallen“ (V. 9); das ist eine ganz ungewöhnliche Frage, vor allem wegen des Fragewortes „wozu“. Mit diesem Wort wird die Sinnhaftigkeit eines einzelnen Geschehens und damit die des ganzen Lebens, des ganzen Weltlaufs aufgerufen – und nicht beantwortet, eingeleitet mit dem distanzierten „Na ja“ (V. 10), „man muss nicht alles wissen wollen“. Der Sprecher schickt sich in das sinnlose Weltgeschehen und stellt resigniert fest, dass es ihm (erstmals in V. 11 das Personalpronomen der 1. Person) nicht gut geht, was natürlich allgemein gilt (V. 11). Die Einzelbeobachtung der geschwollenen Drüsen (V. 12) hebt sich beinahe komisch gegen die in V. 11 ausgesprochene Lebensunlust ab, sie wirkt wie die Klage eines Jammerlappens.

Der Rhythmus weicht insofern von den vorhergehenden Strophen an, als hier der letzte Vers nur vier Hebungen und eine folgende weibliche Kadenz aufweist. Die Reime sind ohne semantische Bedeutung.

Es folgt eine einzelne Beobachtung, in Frageform gekleidet: dass da jemand aus des Sprechers Haus kommt (V. 13 f.). Die Feststellung, dass Paul etwas „wie seine Schwester“ aussieht (V. 15), kann unterschiedlich gelesen werden. Ich habe nur an die natürliche Ähnlichkeit zwischen Geschwistern gedacht; im Kommentar des Gedichtbandes der Ausgabe „Erich Kästner. Werke“ (hrsg. von F. J. Görtz) wird dagegen der Fokus auf die Differenz männlich-weiblich gelegt: „Zwischenstufe“ in V. 16 bescheinige dem Mann Paul ein androgynes Aussehen. Dieses Verständnis verträgt sich m.E. nicht mit V. 16; dort wird ein Gedanke („Wahrscheinlich…“) durch den Ausruf „Achtung“ unterbrochen, mit dem der Sprecher sich zur Aufmerksamkeit aufruft, und zwar wegen einer Zwischenstufe auf der Straße, die zu übersehen höchst unangenehm sein kann. Das Verständnis des Ausrufs „Achtung Zwischenstufe“ (V. 16) wirkt also auf das Verständnis des V. 15 zurück; hätte der Kommentator mit seinem Verständnis recht, wären „Achtung“ und der Abbruch des Satzes in V. 16 nicht zu erklären. „Wahrscheinlich“ und „Achtung“ passten in dem Fall nicht als Einleitung zu „Zwischenstufe“.

In dieser Strophe haben zwei Verse nur vier Hebungen (V. 14, 16). „Ach“ (V. 14) ist betont; die Reime sind semantisch leer. Dem Thema entspricht die ganz normale Umgangssprache.

Die letzte Strophe beginnt der Sprecher mit einer trivialen Klage über das Wetter (V. 17), die er dann ins Unglaubliche (V. 18) steigert. Es folgen zwei triviale Einzelüberlegungen (V. 19 f., ähnlich der Abfolge V. 11 / V. 12), mit denen das große Klagen von V. 18 relativiert wird: ein Paar neue Schuhe kaufen, Haare schneiden lassen – der Sprecher kehrt aus der gewaltigen Herbstklage in den normalen Alltag zurück. „Na ja.“ (V. 20)

Mit etwas gutem Willen könnte man die Reime V. 17/19 als sinnvoll betrachten, weil der Schuhkauf dem Regenwetter angemessen ist. „Das“ und „So-“ sind am Versanfang betont; der letzte Vers hat einen Überhang von zwei Takten, der Sprecher schließt versöhnlich mit dem saloppen „Na ja.“

Das Gedicht endet mit einer Anmerkung des Autors, dass (eine uns unbekannte) Hildegard über dieses Gedicht beinahe weinen musste; das ist sozusagen mit einem Augenzwinkern gesagt – „beinahe“ ist eben „nicht“, das heißt: So tragisch sind die Leiden des Herrn im Herbst nicht (und der Herr ist auch kein wirklicher Herr, vielleicht wird er nur vorgeführt?), das Gedicht ist eine Gelegenheitsarbeit für die Zeitung, vielleicht ein Spott über die Leute, die am Herbst leiden und klagen. Beim Erstdruck in „Das Tage-Buch“ vom 12. 11. 1927 fehlte die abschließende Anmerkung noch.

Das Gedicht „Herr im Herbst“ bietet das Herbsterleben eines Mannes, der klagt und nicht viel Freude am Leben hat, aber sich doch in seinen Alltag schickt. Sein letztes Wort ist „Na ja.“

Ich habe dieses Gedicht oft als Thema einer Klassenarbeit (Kl. 9) in einer Reihe „Herbstgedichte“ gewählt; man kann dieses Herbstbild dann mit dem eines anderen Gedichts vergleichen lassen – die sprachlichen Feinheiten dieses Gedichtes zu benennen dürfte für Schüler einer 9. Klasse schwierig sein.

https://www.youtube.com/watch?v=8LEeyfhQ_aI (gesungen von Manuel Rösler)

https://soundcloud.com/ruediger-wolff/herr-im-herbst-erich-k-stner (gesungen von Rüdiger Wolf)

Kästner: Tretmühle – Analyse

Rumpf vorwärts beugt! Es will dich einer treten! […]

Die Überschrift „Die Tretmühle“ ist ein Wortspiel: Normalerweise bezeichnet man ein Tret- oder Laufrad so, mittels dessen eine Mühle durch die Körperkraft von Menschen bzw. Tieren angetrieben oder Lasten gehoben werden (https://de.wikipedia.org/wiki/Tretm%C3%BChle). Im übertragenen Sinn spricht man auch vom immer gleichen Alltagstrott als Tretmühle. Hier jedoch wird die Unsitte, Untergebene zu schikanieren und zu treten, als Tretmühle bezeichnet.

Das Kommando „Rumpf vorwärts beugt!“ (V. 1) war eine Anweisung im Turnunterricht der Preußischen Volksschulen bzw. beim Turnen. Damit ist der Sprecher als ein Vorgesetzter (Lehrer oder Übungsleiter) erwiesen, der einem Zögling eine Anweisung gibt. Diese Anweisung braucht beim Turnen nicht begründet zu werden – hier aber wird sie überraschend begründet, und zwar auf zynische Weise hilfsbereit (V. 1 f.), sozusagen zur Vermeidung unnötigen Leidens, wenn man schon getreten wird. Als Begründung dafür genügt offenbar der Wille des Tretenden (V. 1), später kommen weitere Begründungen hinzu (V. 8, V. 13-16).

Angesprochen wird ein unbekannte Person „du“, die offenbar jeden Einzelnen meinen kann. Das ergibt sich aus den beiden folgenden Versen, in denen eine mögliche Gegenfrage („Warum ich?“) von vornherein ausgeschaltet wird: „Du sollst nicht fragen…“ (V. 3 f.), sondern du sollst, könnte man ergänzen gehorchen, „die andern tun es auch“ (V. 4). Die Figuren „Du ↔ die anderen“ (V. 3) und „Du = die anderen“ (V. 4) sind immer wieder gebrauchte Figuren des Argumentierens.

Die Worte des Sprechers sind im fünfhebigen Jambus gesprochen; die Verse sind im Kreuzreim aneinander gebunden, die Reime stellen jedoch keinen semantischen Bezug der Verse her; sie wirken sogar ein wenig gesucht, weil der Tretende den Gebückten ja wohl in den Hintern tritt, aber nicht in „den Bauch“ (V. 2), wenn er sich nicht bückte. Es wechseln weibliche (V. 1, 3) und männliche Kadenzen (V. 2, 4) am Versende; zusammen mit dem Kreuzreim ergibt das den Eindruck, dass jeweils zwei Verse zusammengehören, weil nach der männlichen Kadenz quasi eine kleine Pause eintritt, während die weibliche Kadenz als unvollendeter Takt vorwärts drängt. „Rumpf“ (V. 1) ist außerhalb des Taktes betont, wie es sich für ein Kommando gehört. Das Kommando „Rumpf vorwärts beugt!“ steht im Plural, angesprochen wird danach jedoch ein Einzelner, den man mit dem Hinweis auf „die anderen“ zum konformen Gehorsam (V. 4) bewegen will.

In der zweiten Strophe wird das Kommando zweimal wiederholt, allerdings abgewandelt (V. 5 und V. 7) und dann jeweils neu begründet (V. 5 f., V. 8). Die erste neue Begründung ist objektiv zynisch, weil sie den Getretenen völlig dem Willen des Tretenden unterwirft (V. 6: „Es ist ihm ernst.“). Doch der Tretende handelt nicht aus persönlichem Antrieb, sondern „[e]r wird dafür bezahlt“ (V. 6). Damit wird der Zusammenhang von Treten und getreten Werden in den Rahmen einer Institution gestellt, hinter der „das Vaterland“ steht (V. 8). Das Vaterland steht sowohl hinter der Schule wie hinter der Armee – „das Vaterland“ wartet auf gehorsame Soldaten, die trainiert sind und sich malträtieren lassen, die den Rumpf fleißig gebeugt und sich haben treten lassen.

Hier zeigt sich die Stoßrichtung des Gedichtes: Indem der Sprecher offen zynisch dazu auffordert, sich misshandeln zu lassen, stellt der Dichter den (para)militärischen Drill und das darauf versessene „Vaterland“ an den Pranger. Was das in den 20er Jahren des 20. Jh. heißt, ist zum Schluss zu untersuchen. – Dem Vaterland entspricht die Anrede „Mensch“, die man wörtlich (einen jeden bezeichnend) oder als saloppe Anrede eines Einzelnen verstehen kann. „Tief“ (V. 7) ist wieder gegen den Takt zu betonen; es folgt die Steigerung „Tiefer!“, bis zur unmöglichen Aufforderung, mit der Nase die Knie zu berühren (Übertreibung als Stilmittel der Satire).

Mit der 3. Strophe wechselt der Sprecher seinen Ton, er scheint verständnisvoll dem Zögling Mut zuzusprechen (V. 10: „Es ist nicht deine Schuld.“ und V. 11 f.). Der Verweis auf die anderen, die hier als Vorbilder dienen (V. 11, vgl. V. 4), widerspricht der Aufforderung von V. 3: Dieser Widerspruch (ebenfalls Merkmal der Satire) zeigt hier jedoch, wie willkürlich die Begründungen dafür sind, dass man sich schinden lassen soll. Die Reime sind in dieser Strophe sinnvoll, sie ordnen Phrasen bzw. Sätze sinnvoll einander zu (Bezug auf den Rücken V. 9/11, Ermunterung V. 10/12).

Mit dem unvollständigen Satz „Und muss so sein.“ (V. 13) wird ein nicht vorhandener Vordersatz fortgeführt, sinngemäß etwa: „Es ist gut, sich treten zu lassen.“ Die Forderung, sich treten zu lassen, wird so begründet. Es folgen zwei weitere ähnliche „Begründungen“: Das sei der Sinn der Erde (V. 13), das sei einfach „Gesetz“ (V. 16); hier fehlt jedoch ein Attribut, wo das Gesetz gelten soll – das attributlose „Gesetz“ erweist sich so als leere Phrase, ebenso wie die sinnlose Fortsetzung „Und gilt auch umgekehrt“ (V. 16): Eine wirkliche Umkehrung würde heißen, dass die Treten von den Getretenen getreten werden, wovon jedoch keine Rede sein kann. Dass für die kleinen Leute getreten zu werden der Sinn der Erde sein kann, das gilt in der Perspektive der Herrenmenschen, also des alten Adels, der Großgrundbesitzer und Kapitalisten.

Übrigens steckt in V. 14 f. ein logischer Widerspruch: Die Erfahrung kann nichts über den Zweck einer Handlung lehren, wie hier vom Treten behauptet wird, weil ein Zweck die innere, geistige Setzung des Handelnden ist, also sich der Erfahrung entzieht und nur in einer Interpretation zu fassen ist. Auch diese Unmöglichkeit zeigt, dass Kästner eine Satire verfasst hat. Nur in dieser Strophe wird dreimal ein Satz mit „und“ eingeleitet; sonst sind die Sätze gedanklich oder syntaktisch normal miteinander verbunden. V. 13/15 kann man als sinnvollen Reim betrachten, weil der Inhalt des Sinns (V. 13) in V. 15 ausgesprochen ist.

Der Sprecher setzt nun neu an, er fordert zu beten auf (V. 17) bzw. stellt dies als ein „Gebot“ vor. „Laut- und Leisetreter“ ist ein Wortspiel (Satire!), wo zu dem gängigen Begriff „Leisetreter“ einfach das sinnlose Pendant „Lauttreter“ gebildet wird. Die Zusammenstellung „Laut- und Leise-“ besagt: für alle Treter. Der Inhalt des aufgegebenen Gebetes ist eine Folge von Wortspielen, in denen das Treten gerechtfertigt wird. Der Stiefelknecht ist ein Gerät, mittels dessen man sich von seinen Stiefeln befreien kann (https://de.wikipedia.org/wiki/Stiefelknecht); hier wird das zusammengesetzte Nomen in seine Bestandteile zerlegt, die dann wieder wörtlich genommen werden, wobei „Stiefel“ metonymisch für den Tretenden steht und „Knecht“ für den, der getreten wird. Wenn man dafür beten soll und kann, wird das Treten als Gesetz (vgl. V. 16!) der göttlichen Weltordnung legitimiert. Die Redensart, dass Not beten lehrt, wird hier spielerisch abgewandelt zur Parodie „Not lehrt treten“ (V. 19); daraus wird die sinnlose „Bitte“ herausgesponnen: „Beliefre uns mit Not!“ Der folgende Vers ist ebenfalls eine Parodie, hier die eines Goethegedichts, das in sein Gegenteil verkehrt wird (getreten werden ← sich selbst befehlen):

Wer mit dem Leben spielt, kommt nie zurecht;
Wer sich nicht selbst befiehlt, bleibt immer Knecht.“ (Goethe: Zahme Xenien)

Der Imperativ „Gib“ ist wieder gegen den Takt zu betonen. Der Reim V. 17/19 kann hier als sinnvoll gelten, weil das ganze Gebet ja die Praxis des Tretens unterstützt und religiös überhöht. Die fünfte Strophe fällt mit ihrem religiösen Aspekt aus dem Zusammenhang heraus; es scheint so, als ob Kästner sie voller Freude über seine witzigen, sarkastischen Wortspiele in den Kontext hineingeschmuggelt hätte.

Mit dem letzten Vers der sechsten Strophe wird der Anfang des Gedichtes wieder aufgenommen. Wenn es möglich ist, wird hier der Sadismus des Sprechers noch einmal gesteigert: „Freu dich an den Farben…“ (V. 21 f.); das Adverb „kunstvoll“ verdient Beachtung, das Schlagen und Treten kann offensichtlich als Kunst zelebriert werden. Der folgende Satz (V. 23) wird nicht mit V. 21 f. verbunden, kann aber als eine Art Begründung dafür gelesen werden, aber auch als allgemeine Sentenz (wie etwa V. 13 oder V. 20). V. 23 wandelt einen ähnlichen Satz aus Reden zum „Heldengedenken“ nach einem Krieg ab, dass es die Besten waren, die gefallen sind; der Zusammenhang mit Vaterland – Militär – Krieg ist offensichtlich. V. 24 a ist gleich V. 1 a, dieses Kommando bildet die Klammer und die Ausführungen des Trainer-Sprechers. V. 24 b ist wieder ein Zitat, diesmal der Anfang des Gedichtes „Fülle“ von C. F.Meyer:„Genug ist nicht genug! Gepriesen werde
Der Herbst! Kein Ast, der seiner Frucht entbehrte!“

Dadurch, dass die Wendung „Genug ist nicht genug!“ aus dem Herbstlob gelöst und in die Verherrlichung des Tretens eingefügt wird, kann der Sprecher noch einmal seinen Sadismus zeigen und den Satz V. 23 „begründen“. Der Imperativ „Geh“ und das Nomen „Rumpf“ sind wieder gegen den Takt betont. V. 22/24 passen auch semantisch zueinander, weil das kunstvolle Schlagen natürlich nicht an ein sachliches Maß gebunden sein kann.

Insgesamt kann man die sadistische Verherrlichung des Tretens und Unterjochens, gebunden an die Perspektive eines Sprechers der Herrenklasse, nur als Entlarvung und Anklage gegen eben diesen Ungeist des Militarismus und der Ausbeutung verstehen, der auch nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland noch lebendig war und in dem sich die alte Elite Preußen-Deutschlands (Militär, ostelbische Junker, Industrielle) mit den neuen Schlägern der NSDAP verbünden konnten. Durch die Form der Satire kann der Autor Kästner seinen Sprecher genau das überspitzt vertreten lassen, was er selber als Deutschlands Unheil erkennt. Für einen Schläger kennt der Sprecher ungewöhnlich viel Literatur, spricht er auch eine etwas zu stark gehobene Umgangssprache; aber das ist dem satirischen Ton verdankt.

https://www.deutschelyrik.de/index.php/die-tretmuehle.html (gesprochen von Fritz Stavenhagen) = https://www.youtube.com/watch?v=cx2Pg-8__30

https://www.youtube.com/watch?v=nncgL2CWvww (Ernst Busch singt)

http://www.deutschkurse.ch/files/Metrik/Metrik-Uebungen/ME_Kaestner_Gedichte.pdf (Betonungsschema – bitte kritisch prüfen)

Brüder Grimm: Die Boten des Todes

Seit der 4. Auflage der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (1840) steht das folgende Märchen darin (in der Rechtschreibung der damaligen Zeit):

Die Boten des Todes.

Vor alten Zeiten wanderte einmal ein Riese auf der großen Landstraße, da sprang ihm plötzlich ein unbekannter Mann entgegen, und rief „halt! keinen Schritt weiter!“ „Was,“ sprach der Riese, „du Wicht, den ich zwischen den Fingern zerdrücken kann, du willst mir den Weg vertreten? Wer bist du, daß du so keck reden darfst?“ „Ich bin der Tod,“ erwiederte der andere, „mir widersteht niemand, und auch du mußt meinen Befehlen gehorchen.“ Der Riese aber weigerte sich, und fieng an mit dem Tode zu ringen. Es war ein langer heftiger Kampf, zuletzt aber behielt der Riese die Oberhand, und schlug den Tod mit seiner Faust nieder, daß er neben einen Stein zusammensank. Der Riese gieng seiner Wege, und der Tod lag da besiegt, und war so kraftlos, daß er sich nicht wieder erheben konnte. „Was soll daraus werden,“ sprach er, „wenn ich da in der Ecke liegen bleibe? es stirbt niemand mehr auf Erden, und sie wird so mit Menschen angefüllt werden, daß sie nicht mehr Platz haben neben einander zu stehen.“ Indem kam ein junger Mensch des Wegs, frisch und gesund, sang ein Lied, und warf seine Augen hin und her. Als er den halbohnmächtigen erblickte, gieng er mitleidig heran, richtete ihn auf, flößte ihm aus seiner Flasche einen stärkenden Trank ein, und wartete bis er wieder zu Kräften kam. „Weist du auch,“ fragte der Fremde, indem er sich aufrichtete, „wer ich bin, und wem du wieder auf die Beine geholfen hast?“ „Nein,“ antwortete der Jüngling, „ich kenne dich nicht.“ „Ich bin der Tod,“ sprach er, „ich verschone niemand, und kann auch mit dir keine Ausnahme machen. Damit du aber siehst daß ich dankbar bin, so verspreche ich dir daß ich dich nicht unversehens überfallen, sondern dir erst meine Boten senden will bevor ich komme und dich abhole.“ „Wohlan,“ sprach der Jüngling, „immer ein Gewinn, daß ich weiß wann du kommst, und so lange wenigstens sicher vor dir bin,“ zog weiter, war lustig und guter Dinge, und lebte in den Tag hinein. Allein Jugend und Gesundheit hielten nicht lange aus, es kamen Krankheiten und Schmerzen, die ihn plagten. „Sterben werde ich nicht,“ sprach er zu sich selbst, „denn der Tod sendet erst seine Boten, ich wollte nur die bösen Tage der Krankheit wären erst vorüber.“ Sobald er sich gesund fühlte, fieng er wider an in Freuden zu leben. Da klopfte ihn eines Tags jemand auf die Schulter, und als er sich umblickte, stand der Tod hinter ihm, und sprach „folge mir, die Stunde deines Abschieds von der Welt ist gekommen.“ „Wie,“ antwortete der Mensch, „willst du dein Wort brechen? hast du mir nicht versprochen daß du mir bevor du selbst kämest, deine Boten senden wolltest? ich habe keinen gesehen.“ „Schweig,“ erwiederte der Tod, „habe ich dir nicht einen Boten über den andern geschickt? kam nicht das Fieber, stieß dich an, und warf dich nieder? hat der Schwindel dir nicht den Kopf betäubt? zwickte dich nicht die Gicht in allen Gliedern? brauste dirs nicht in den Ohren? nagte nicht der Zahnschmerz in deinen Backen? ward dirs nicht dunkel vor den Augen? Ueber das alles, hat nicht mein leiblicher Bruder, der Schlaf, dich jeden Abend an mich erinnert? lagst du nicht in der Nacht, als wärst du schon gestorben?“ Der Mensch wußte nichts zu erwiedern, ergab sich in sein Geschick, und gieng mit dem Tode fort.

(https://de.wikisource.org/wiki/Die_Boten_des_Todes_(1840))

Die Anmerkungen der Brüder Grimm dazu:

Die Boten des Todes.

Nach Kirchhofs Wendunmut 2, Nr. 123, und daraus auch bei Colshorn Nr. 68. Ferner in Paulis Schimpf und Ernst Cap. 151, im Äsop von Huldrich Wolgemut Fab. 198 und in einem Meistergesang der Colmarer Handschrift (v. d. Hagen Sammlung für altdeutsche Literatur 187. 188). Der letzte Theil auch in dem lateinischen Äsop von Joach. Camerarius (1564) S. 347. 348 und von Gregor Bersmann (1590), doch weder griechische noch römische Fabeldichter wissen etwas davon. Schon im 13ten Jahrhundert war das Märchen bekannt, denn Haug von Trimberg erzählt es im Rener 23666–23722.

(https://de.wikisource.org/wiki/Kinder-_und_Haus-M%C3%A4rchen_Band_3_(1856)/Anmerkungen#177)

Die Anmerkungen von Bolte-Polivka dazu:

https://archive.org/stream/anmerkungenzuden03grim#page/292/mode/2up bzw.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Grimms_M%C3%A4rchen_Anmerkungen_(Bolte_Polivka)_III_293.jpg

Meine Anmerkungen dazu:

Die Pointe des Märchen liegt im Begriff „die Boten des Todes“. Der ehemalige junge und später alte Mensch versteht ihn wörtlich: Boten als Leute, die anklopfen, sich ausweisen und mündlich oder schriftlich ihre Botschaft ausrichten. Der Tod jedoch versteht „die Boten“ metaphorisch; er nennt, als er sich rechtfertigt, „Krankheiten und Schmerzen“ seine Boten, die er dann als Fieber, Schwindel, Gicht usw. einzeln benennt. Dazu verweist er auf seinen leiblichen Bruder, den Schlaf, der einen jeden Abend an den Tod erinnere, weil man dann so liege, „ als wärst du schon gestorben“. Diese Argumentation erkennt der alte Mann an, auf dass auch der Leser sie anerkenne.

Eine alte Sentenz ist es, dass der Schlaf der Bruder des Todes ist:

https://thanatos.tv/schlafes-stief-bruder/

http://www.academia.edu/475206/Tod_Schlafes_Bruder._Intertextuelle_Streifz%C3%BCge_und_Fallstudien bzw.

https://www.academia.edu/475206/Tod_Schlafes_Bruder._Intertextuelle_Streifz%C3%BCge_und_Fallstudien?auto=download

http://www.schlafen-aktuell.de/wissenswertes/geschichte-des-schlafs

Zum 70. Geburtstag

für einen lieben Freund, beinahe wörtlich von Heinrich Heine:

Mich locken nicht die Himmelsauen
Im Paradies, im selgen Land;
Dort find ich keine schönre Frauen
Als ich bereits auf Erden fand.

Kein Engel mit den feinsten Schwingen
Könnt mir ersetzen dort mein Weib;
Auf Wolken sitzend Psalmen singen,
Wär auch nicht just mein Zeitvertreib.

O Herr! Ich glaub, es wär das Beste,
Du ließest mich in dieser Welt;
Heil nur zuvor mein Leibgebreste,
Und sorge auch für etwas Geld.

Ich weiß, es ist voll Sünd und Laster
Die Welt; jedoch ich bin einmal
Gewöhnt, auf diesem Erdpechpflaster
Zu schlendern durch das Jammertal.

Genieren wird das Weltgetreibe
Mich nie, denn selten geh ich aus;
Mit Büchern und den Bildern bleibe
Ich gern bei meiner Frau zu Haus.

Laß mich bei ihr! Hör ich sie schwätzen,
Trinkt meine Seele die Musik
Der holden Stimme mit Ergötzen.
So treu und ehrlich ist ihr Blick!

Gesundheit nur und Geldzulage
Verlang ich, Herr! O laß mich froh
Hinleben noch viel schöne Tage
Bei meiner Frau in statu quo!

„Mit Büchern und den Bildern“ kann man natürlich dem Jubilar entsprechend ersetzen, zum Beispiel durch „Mit Bierchen und der Zeitung“ oder „Mit Bierchen und dem Krimi“ usw.

Kafka: Die Verwandlung, Motiv: Vater-Sohn-Konflikt

Die Absätze aller drei Kapitel werden wieder mit arabischen Ziffern gezählt, damit Leser unterschiedlicher Ausgaben diese Untersuchung nutzen können.

Vorgeschichte: Gregor hat an einem ungeliebten, anstrengenden Beruf festgehalten, um die Schuld der Eltern an seinen Chef abzubezahlen (I 4-6). Er hält durch seine Arbeit die anderen aus, liefert seinen Verdienst fast vollständig ab (II 12); es hat sogar etwas Vermögen gebildet, welches der Vater verwaltet (II 12, 14). Der Vater frühstückt stundenlang (I 24), während Gregor um vier Uhr morgens aufstehen muss (I 7). Keiner aus der Familie außer Gregor arbeitet ( II 12); der Vater ist träge und fett geworden (II 15). Nur die Schwester lässt es nicht an Wärme gegen Gregor fehlen (II 12).

Eines Nachts wird Gregor in ein Ungeziefer verwandelt (I 1) und verschläft das Aufstehen (I 7). Gregor befürchtet Vorwürfe des Chefs an seine Eltern wegen des faulen Sohnes (I 7). Er sorgt sich um die Eltern, falls er die Arbeit verlöre (I 17, 25, 27), und bittet den Prokuristen um Schonung für seine Eltern (I 18). Er denkt an den Vater als Helfer beim Aufstehen (I 13).

Der Vater mahnt heftiger und ungeduldiger als die Mutter zum Aufstehen (I 7, 16); er schickt nach dem Schlosser, um Gregors Zimmertür gewaltsam öffnen zu lassen (I 20). Er ballt die Faust gegen Gregor (I 23) und scheucht ihn schließlich mit Stock und Zeitung in sein Zimmer zurück (I 27): unerbittlich, mit Zischlauten, mit einem Stock drohend. Er gibt dem in der Tür feststeckenden Gregor einen starken Stoß, wodurch Gregor ins Zimmer fliegt und verletzt wird, und schlägt die Tür zu (I 27).

In Kap. I wird also erzählt, wie Gregor nach der Verwandlung von der Sorge um die Familie erfüllt ist, während der Vater als einziger feindselig gegen ihn auftritt, ihn verjagt und verletzt; dabei ist Gregor der, der als einziger für den Unterhalt der ganzen Familie aufgekommen ist.

Während Gregor im Fortgang des Geschehens (Kap. II) auf die Familie Rücksicht nimmt (II 6) und sich schämt, dass die anderen jetzt arbeiten müssen (II 15), versorgt ihn die Schwester als einzige widerwillig und voll Abscheu (II 2 ff.); die Familie ist bedrückt (II 10, 11). Als jedoch die Mutter beim Anblick Gregors in Ohnmacht fällt, droht jene ihm mit erhobener Faust (II 27) und informiert den Vater: „Gregor ist ausgebrochen.“ (II 28) Der Vater ist gegenüber früher wie verwandelt (II 29), tritt übermächtig auf und verfolgt Gregor: Er bombardiert ihn mit Äpfeln und verletzt ihn, so dass die Mutter „in gänzlicher Vereinigung mit ihm“ um Schonung für Gregor bittet.

Die Situation hat sich gegenüber dem ersten Tag verschärft: Der Vater ist erstarkt, die Schwester ist auf seine Seite getreten, die Verfolgung und Verwundung Gregors durch den Vater sind stärker geworden.

Über einen Monat bleibt die Situation dann im Wesentlichen unverändert, so dass Gregor glaubt, er werde wegen der Verwundung geschont und gelte noch als „ein Familienmitglied“ (III 1); abends lässt man die Tür zu Gregors Zimmer ein wenig offen (III 2), der Vater schläft abends regelmäßig ein (III 3-5), seine Uniform verschmutzt, er hat seinen Schrecken verloren. Man lässt aber Gregors Zimmer verdrecken (III 7) und zur Rumpelkammer verkommen (III 9) – Gregor ist voller Wut über die schlechte Wartung (III 7). Er isst nun „fast gar nichts mehr“ und ist „zum Sterben müde und traurig“ (III 9), er geht freiwillig auf den Tod zu.

Nach dem Eklat mit den Zimmerherrn beim Violinspiel der Schwester (III 15) ergreift diese die Initiative: Sie fordert wiederholt heftig, man müsse Gregor loswerden, weil er bloß ein Tier sei (III 17, 20, 25); der Vater stimmt ihr zu (III 18), sie schließen sich zum neuen Paar zusammen (III 25, 26). Man sperrt Gregor in seinem Zimmer ein (III 28); er meint noch entschiedener als seine Schwester, verschwinden zu müssen, und stirbt (III 29). „Nun,“ sagte Herr Samsa, „jetzt können wir Gott danken.“ (III 31)

Gregors Schwester wird zu seiner offenen Feindin und verbündet sich noch inniger mit dem Vater, um Gregor zu beseitigen; er stirbt freiwillig.

Auswertung/Interpretation

  1. Der Vater-Sohn-Konflikt wird in der Erzählung „Die Verwandlung“ im Rahmen der Familie ausgetragen. Das sieht man schon daran, dass häufig die Aktionen und Reaktionen der drei anderen Mitglieder berichtet werden, vom Wecken am Unglücksmorgen (I 7) bis zum Ausflug nach Gregors Tod (III 34). Gregor selber nennt die Familie als die Größe, für die er gearbeitet hat (s.o., vor allem II 12) und in der er lebt; für ihn ist nämlich entscheidend, „daß Gregor trotz seiner gegenwärtigen und ekelhaften Gestalt ein Familienmitglied war, das man nicht wie einen Feind behandeln durfte, sondern demgegenüber es das Gebot der Familienpflicht war, den Widerwillen hinunterzuschlucken und zu dulden, nichts als zu dulden“ (III 1).
  2. Durch die Verwandlung wird seine Rolle in der Familie verändert:
  • Er verliert seine Bedeutung als Ernährer der Familie. Er hatte „der erstaunten und beglückten Familie zu Hause“ das Geld auf den Tisch legen können (II 12); niemand brauchte zu arbeiten. Mit der Verwandlung entfällt diese Rolle Gregors (I); der Vater gewinnt neue Macht über ihn (I 27) und drängt ihn gewaltsam in sein Zimmer zurück. Er erscheint Gregor sogar wie verwandelt und verletzt ihn beinahe tödlich (II 29).
  • Allerdings hatte sich das ursprüngliche Ansehen Gregors im Lauf der Zeit schon verloren. „Nur die Schwester war Gregor doch noch nahe geblieben […].“ (II 12). Mit der Verwandlung verliert er auch die Zuneigung der Schwester, die ihn nur noch voller Abscheu versorgt (II).
  • Die Mutter scheint sich zwar anfangs für ihn einzusetzen (I 16 – das könnte aber auch dem Versorger der Familie gelten), kann jedoch seinen Anblick nicht ertragen und flüchtet sich wie selbstverständlich zum Vater (I 27, II 29).
  • Als sich die Schwester mit dem Vater gegen Gregor verbündet (II 28, III 25 f.), fordert sie, Gregor aus der Familie zu entfernen, weil er bloß noch ein Tier sei (III 17 ff.).
  • Gregor, schon lebensmüde (III 9), macht sich in seiner Schwäche diesen Wunsch zu eigen und stirbt (III 29). Ohne ihn lebt die Familie auf (III 30 ff.).
  1. Wenn man die Verwandlung als einen „Aufstand“ Gregors gegen die Familie verstehen will, wäre dieser völlig missglückt. Wenn man sie als schicksalhaftes Ereignis versteht, wäre sie Strafe für sein verfehltes Leben: Er hat sich der schmarotzenden Familie untergeordnet, sich mit dem Bild einer schönen Frau, „das er vor kurzem aus einer illustrierten Zeitschrift ausgeschnitten und in einem hübschen, vergoldeten Rahmen untergebracht hatte“ (I 2), begnügt und auf ein eigenes Leben verzichtet (I 16); dafür wird er jetzt bestraft, indem man ihn in sein Zimmer einsperrt. Wenn man die Verwandlung als Auswirkung väterlicher Macht versteht, wäre sie der entscheidende Schritt, mit dem Gregors vaterähnliche Versorgerrolle beendet wird und der Vater seine Übermacht (er verwaltet das Geld, II 12) sowohl zeigt wie festigt (II 29), und zwar im Verein mit der Schwester. – Durch die Verwandlung wird Gregors Rolle in der Familie geschwächt; er wird überflüssig und lästig. Folgerichtig verschwindet er als „Untier“ (III 17) aus diesem Verbund, in dem es für ihn Liebe und „Glanz“ nur um des Geldes willen gegeben hatte (II 12).

 

In Elisabeth Frenzels Werk „Motive der Weltliteratur“ (2008 in der 6. Auflage, ich habe leider nur die 1. Aufl. von 1976) gibt es einen großen Artikel über den „Vater-Sohn-Konflikt“ als Motiv der Weltliteratur. Sie schreibt allgemein über diesen Konflikt (kurz) und geht dann die Beispiele der Weltliteratur durch.

Es dürfte klar sein, dass der Vater-Sohn-Konflikt auch das zentrale Motiv von Kafkas Erzählungen „Das Urteil“ und „Die Verwandlung“ ist. Hinzu kommt der große „Brief an den Vater“ – man muss sich aber davor hüten, diesen Brief als Dokumentation des realen Lebens der Familie Kafka zu lesen; er ist ein Dokument von Franz Kafkas Erleben oder seiner Sicht des Verhältnisses – und als solches kann man es zur Interpretation der beiden Erzählungen (beide älter als der Brief) heranziehen.

Ich möchte anregen, als zentrales Motiv von Kafkas „Die Verwandlung“ nicht die Verwandlung, sondern eben den Vater-Sohn-Konflikt anzusehen, der auch das Verhältnis zu Mutter und Schwester umfasst und dazu die finanzielle Situation der Familie betrifft. In diesem Rahmen könnte man dann auch die plötzliche Verwandlung Gregors (und die Verwandlung der Familie) interpretieren.

Ich nenne zum Schluss der Linkliste einige mehr oder weniger oberflächliche Untersuchungen zum Vater-Sohn-Konflikt in den beiden Erzählungen. Ich erinnere noch daran, dass Kafka selber 1913 die drei Erzählungen „Der Heizer“, „Das Urteil“ und „Die Verwandlung“ unter der Überschrift „Söhne“ herauszugeben vorgeschlagen hat; 1915 hat er dann die Erzählungen „Das Urteil“, „Die Verwandlung“ und „In der Strafkolonie“ unter dem Titel „Strafen“ zu veröffentlichen angeregt.

http://limotee.blogspot.de/2012/08/vater-sohn-konflikt.html (Vater-Sohn-Konflikt: das Motiv in der Literatur)

http://www.studentshelp.de/p/referate/02/6804.htm (Vater-Sohn-Konflikt in der Literatur)

http://www.lesekost.de/themen/HHLTH15.htm (dito: Titel, mit Sekundärliteratur)

http://www.erf.de/online/uebersicht/politik-und-gesellschaft/die-fuenf-tragischsten-vater-sohn-konflikte/2270-542-3775 (Fünf große Vater-Sohn-Konflikte)

http://www.kafkaesk.de/franz-kafka/kafka-familie-freunde/hermann-kafka/verhaeltnis-kafka-vater.html (Vater-Sohn-Konflikt als Zeitphänomen um 1900)

http://www.deutschlandfunk.de/ein-besonderer-vater-sohn-konflikt.700.de.html?dram:article_id=83592 (Vater-Sohn-Konflikt bei Thomas Mann)

https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96dipuskonflikt (Art. „Ödipuskomplex“)

http://www.oedipus-online.de/FreudaufCouch.html (Ödipuskomplex und S. Freud)

http://kino-zeit.de/service/tag/vater-sohn-konflikt (Vater-Sohn-Konflikt: 62 Filme)

http://www.moviepilot.de/filme/beste/handlung-vater-sohn-beziehung (Vater-Sohn-Beziehung: Filme)

http://www.kikt.de/pdf/vortrag_hopf_sohn.pdf (Vater-Sohn, entwicklungspsychologisch)

http://alex-rubenbauer.de/psychologie/432/schwierige-vater-sohn-verhaeltnisse-weit-verbreitet/ (Schwierige Vater-Sohn-Verhältnisse)

http://www.presse.uni-oldenburg.de/einblicke/43/flaake.pdf (Männer als Väter und Söhne – heute)

http://de.uncyclopedia.wikia.com/wiki/Vater (Art. „Vater“, satirisch!)

http://www.huepertexte.de/cms/Joomla/index.php?option=com_content&task=view&id=545&Itemid=53 (Vater-Sohn-Konflikt: U-Ideen)

http://www.academia.edu/6082144/Der_Vater_Sohn-Konflikt_als_Hauptthema_in_Franz_Kafkas_fru_hen_Erz%C3%A4hlungen (Der Vater / Sohn-Konflikt als Hauptthema in Franz Kafkas Frühen Erzählungen – Bachelorarbeit – ziemlich oberflächlich)

http://www.fvss.de/assets/media/jahresarbeiten/deutsch/Kafka.pdf (Vater-Sohn-Beziehung bei Kafka, Facharbeit einer Schülerin)

http://www.grabbe-gymnasium.de/grabbe/analyse/verwandlung.htm (Referat einer Schülerin zu „Die Verwandlung“, leider weithin nur stichwortartig)

http://www.grin.com/de/e-book/194421/franz-kafkas-literarische-auseinandersetzung-mit-dem-vater-sohn-konflikt (ähnlich, Arbeit eines Studenten – unvollständig)

Vgl. auch https://norberto42.wordpress.com/2016/02/27/verwandlungen-als-kafkas-kernmotiv/ und https://norberto42.wordpress.com/2016/02/12/kafka-motiv-der-verwandlung/!

Kafka: Die Verwandlung // Brief an den Vater

Ich möchte einige Stellen aus Kafkas „Brief an den Vater“ (1919, erst postum veröffentlicht) zitieren, die zu Passagen in „Die Verwandlung“ in Beziehung gesetzt werden können. Ich habe also den Text des Briefs vorsortiert – arbeiten damit muss jeder selber. Ich greife auf die Ausgabe von 1994 (wikisource) zurück, weil dort die Abschnitte benennbar und relativ klein sind; die Ausgabe bei zeno.org hat immerhin eine Seitenzählung (Ausgabe 1950).

1. Der Vater wertet alle(s) ab:

Nun behieltest Du ja mir gegenüber tatsächlich erstaunlich oft recht, im Gespräch war das selbstverständlich, denn zum Gespräch kam es kaum, aber auch in Wirklichkeit. Doch war auch das nichts besonders Unbegreifliches. Ich stand ja in allem meinem Denken unter Deinem schweren Druck, auch in dem Denken, das nicht mit dem Deinen übereinstimmte und besonders in diesem. Alle diese von Dir scheinbar unabhängigen Gedanken waren von Anfang an belastet mit Deinem absprechenden Urteil; bis zur vollständigen und dauernden Ausführung des Gedankens das zu ertragen, war [5c] fast unmöglich. Ich rede hier nicht von irgendwelchen hohen Gedanken, sondern von jedem kleinen Unternehmen der Kinderzeit. Man musste nur über irgendeine Sache glücklich sein, von ihr erfüllt sein, nach Hause kommen und es aussprechen und die Antwort war ein ironisches Seufzen, ein Kopfschütteln, ein Fingerklopfen auf den Tisch: „Hab auch schon etwas Schöneres gesehn“ oder „Mir gesagt, Deine Sorgen“ oder „ich hab keinen so geruhten Kopf“ oder oder „kein Ereignis!“ oder „Kauf Dir was dafür!“. Natürlich konnte man nicht für jede Kinderkleinigkeit Begeisterung von Dir verlangen, wenn Du in Sorge und Plage lebtest. Darum handelte es sich auch nicht. Es handelte sich vielmehr darum, dass Du solche Enttäuschungen dem Kinde immer und grundsätzlich bereiten musstest kraft Deines gegensätzlichen Wesens, weiter dass dieser Gegensatz durch Aufhäufung des Materials sich unaufhörlich verstärkte, so dass er sich schliesslich auch gewohnheitsmäßig [5d] geltend machte, wenn Du einmal der gleichen Meinung warst wie ich und dass endlich diese Enttäuschungen des Kindes nicht Enttäuschungen des gewöhnlichen Lebens waren, sondern, da es ja um Deine für alles massgebende Person ging, im Kern trafen. Der Mut, die Entschlossenheit, die Zuversicht, die Freude an dem und jenem hielten nicht bis zum Ende aus, wenn Du dagegen warst oder schon wenn Deine Gegnerschaft bloss angenommen werden konnte; und angenommen konnte sie wohl bei fast allem werden, was ich tat.

Das bezog sich auf Gedanken so gut wie auf Menschen. Es genügte, dass ich an einem Menschen ein wenig Interesse hatte – es geschah ja infolge meines Wesens nicht sehr oft – dass Du schon ohne jede Rücksicht auf mein Gefühl und ohne Achtung vor meinem Urteil mit Beschimpfung, Verleumdung, Entwürdigung dreinfuhrst. [6a] Unschuldige, kindliche Menschen wie z. B. der jiddische Schauspieler Löwy mussten das büssen. Ohne ihn zu kennen, verglichst Du ihn in einer schrecklichen Weise, die ich schon vergessen habe, mit Ungeziefer, und wie so oft für Leute, die mir lieb waren, hattest Du automatisch das Sprichwort von den Hunden und Flöhen bei der Hand. An den Schauspieler erinnere ich mich hier besonders, weil ich Deine Aussprüche über ihn damals mir mit der Bemerkung notierte: „So spricht mein Vater über meinen Freund (den er gar nicht kennt) nur deshalb, weil er mein Freund ist. Das werde ich ihm immer entgegenhalten können, wenn er mir Mangel an kindlicher Liebe und Dankbarkeit vorwerfen wird.“ Unverständlich war mir immer Deine vollständige Empfindungslosigkeit dafür, was für Leid und Schande Du mit Deinen Worten und mir [6b] zufügen konntest, es war, als hättest Du keine Ahnung von Deiner Macht. Auch ich habe Dich sicher oft mit Worten gekränkt, aber dann wusste ich es immer, es schmerzte mich, aber ich konnte mich nicht beherrschen, das Wort nicht zurückhalten, ich bereute es schon, während ich es sagte. Du aber schlugst mit Deinen Worten ohne weiters los, niemand tat Dir leid, nicht währenddessen, nicht nachher, man war gegen Dich vollständig wehrlos.“

2. Die Güte der Mutter:

Es ist wahr, dass die Mutter grenzenlos gut zu mir war, aber alles das stand für mich in Beziehung zu Dir, also in keiner guten Beziehung. Die Mutter hatte unbewusst die Rolle eines Treibers in der Jagd. Wenn schon Deine Erziehung in irgendeinem unwahrscheinlichen Fall mich durch Erzeugung von Trotz, Abneigung oder gar Hass auf eigene Füsse hätte stellen können, so glich das die Mutter durch Gut-sein, durch vernünftige Rede (sie war im Wirrwarr der Kindheit das Urbild der Vernunft), durch Fürbitte wieder aus und ich war wieder in Deinen Kreis zurückgetrieben, aus dem ich sonst vielleicht, Dir und [11c] mir zum Vorteil ausgebrochen wäre. Oder es war so, dass es zu keiner eigentlichen Versöhnung kam, dass die Mutter mich vor Dir bloss im Geheimen schützte, mir im Geheimen etwas gab, etwas erlaubte, dann war ich wieder vor Dir das lichtscheue Wesen, der Betrüger, der Schuldbewusste, der wegen seiner Nichtigkeit selbst zu dem, was er für sein Recht hielt, nur auf Schleichwegen kommen konnte. Natürlich gewöhnte ich mich dann auf diesen Wegen auch das zu suchen, worauf ich, selbst meiner Meinung nach kein Recht hatte. Das war wieder Vergrösserung des Schuldbewusstseins.“

3. „Mein Schreiben“:

Richtiger trafst Du mit Deiner Abneigung mein Schreiben und was, Dir unbekannt, damit zusammenhing. Hier war ich tatsächlich ein Stück selbständig von Dir weggekommen, wenn es auch ein wenig an den Wurm erinnerte, der, hinten von einem Fuss niedergetreten, sich mit dem Vorderteil losreisst und zur Seite schleppt. Einigermassen in Sicherheit war ich, es gab ein Aufatmen; die [19a] Abneigung, die Du natürlich gleich auch gegen mein Schreiben hattest, war mir hier ausnahmsweise willkommen. Meine Eitelkeit, mein Ehrgeiz litten zwar unter Deiner für uns berühmt gewordenen Begrüssung meiner Bücher: „Leg’s auf den Nachttisch!“ (meistens spieltest Du ja Karten, wenn ein Buch kam), aber im Grunde war mir dabei doch wohl, nicht nur aus aufbegehrender Bosheit, nicht nur aus Freude über eine neue Bestätigung meiner Auffassung unseres Verhältnisses, sondern ganz ursprünglich, weil jene Formel mir klang wie etwa: „Jetzt bist Du frei!“ Natürlich war es eine Täuschung, ich war nicht oder allergünstigsten Falles noch nicht frei. Mein Schreiben handelte von Dir, ich klagte dort ja nur, was ich an Deiner Brust nicht klagen konnte. Es war ein absichtlich in die Länge gezogener Abschied von Dir, nur dass er zwar von Dir erzwungen war, aber in der von mir bestimmten Richtung verlief.“

4. Misslingen des Heiratens:

Zunächst stellst du das Misslingen der Heiraten in die Reihe meiner sonstigen Misserfolge; dagegen hätte ich an sich nichts, vorausgesetzt, dass Du meine bisherige Erklärung des Misserfolgs annimmst. Es steht tatsächlich in dieser Reihe, nur die Bedeutung der Sache unterschätzt Du und unterschätzt sie derartig, dass wir, wenn wir miteinander davon reden, eigentlich von ganz verschiedenem sprechen. Ich wage zu sagen, daß Dir in Deinem ganzen Leben nichts geschehen ist, was für Dich eine solche Bedeutung gehabt hätte, wie für mich [21b] die Heiratsversuche. Damit meine ich nicht, dass Du an sich nichts so Bedeutendes erlebt hättest, im Gegenteil, Dein Leben war viel reicher und sorgenvoller und gedrängter als meines, aber eben deshalb ist Dir nichts derartiges geschehn. Es ist so wie wenn einer fünf niedrige Treppenstufen hinaufzusteigen hat und ein zweiter nur eine Treppenstufe, die aber so hoch ist, wie jene fünf zusammen; der Erste wird nicht nur die fünf bewältigen, sondern noch hunderte und tausende weitere, er wird ein grosses und sehr anstrengendes Leben geführt haben, aber keine der Stufen, die er erstiegen hat, wird für ihn eine solche Bedeutung gehabt haben, wie für den Zweiten jene eine, erste, hohe, für alle seine Kräfte unmöglich zu ersteigende Stufe, zu der er nicht hinauf und über die er natürlich auch nicht hinauskommt.

Heiraten, eine Familie gründen, alle Kinder, welche kommen wollen, hinnehmen, in dieser unsicheren Welt erhalten und gar noch ein wenig führen ist meiner Überzeugung nach das Äusserste, das einem Menschen überhaupt gelingen kann. Dass es scheinbar so vielen leicht gelingt, ist kein Gegenbeweis, denn erstens gelingt es tatsächlich nicht vielen und zweitens „tun“ es diese [21c] Nicht vielen meistens nicht, sondern es geschieht bloss mit ihnen; das ist zwar nicht jenes Äusserste, aber doch noch sehr gross und sehr ehrenvoll (besonders da sich „tun“ und „geschehn“ nicht rein von einander scheiden lassen). Und schliesslich handelt es sich auch gar nicht um dieses Äusserste, sondern nur um irgendeine ferne, aber anständige Annäherung; es ist doch nicht notwendig mitten in die Sonne hineinzufliegen, aber doch bis zu einem reinen Plätzchen auf der Erde hinzukriechen, wo manchmal die Sonne hinscheint und man sich ein wenig wärmen kann. […]

Ich will es näher zu erklären versuchen: Hier beim Heiratsversuch trifft in meinen Beziehungen zu Dir zweierlei scheinbar Entgegengesetztes so stark wie nirgends sonst zusammen. Die Heirat ist gewiss die Bürgschaft für die schärfste Selbstbefreiung und Unabhängigkeit. Ich hätte eine Familie, das Höchste, was man meiner Meinung nach erreichen kann, also auch das Höchste, was [24a] Du erreicht hast, ich wäre Dir ebenbürtig, alle alte und ewig neue Schande und Tyrannei wäre bloss noch Geschichte. Das wäre allerdings märchenhaft, aber darin liegt eben schon das Fragwürdige. Es ist zu viel, so viel kann nicht erreicht werden. Es ist so, wie wenn einer gefangen wäre und er hätte nicht nur die Absicht zu fliehen, was vielleicht erreichbar wäre, sondern auch noch undzwar gleichzeitig die Absicht, das Gefängnis in ein Lustschloss für sich umzubauen. Wenn er aber flieht, kann er nicht umbauen und wenn er umbaut kann er nicht fliehn. Wenn ich in dem besonderen Unglücksverhältnis, in welchem ich zu Dir stehe, selbständig werden will, muss ich etwas tun, was möglichst gar keine Beziehung zu Dir hat; das Heiraten ist zwar das Grösste und gibt die ehrenvollste Selbständigkeit, aber es ist auch gleichzeitig in engster Beziehung zu Dir. Hier hinauskommen zu wollen, hat deshalb etwas von Wahnsinn und jeder Versuch wird fast damit gestraft.

Gerade diese enge Beziehung lockt mich ja teilweise auch zum Heiraten. Ich denke mir diese Ebenbürtigkeit, die dann zwischen uns entstehen würde und die Du verstehen könntest wie keine andere, eben deshalb so schön, weil ich dann ein [24b] freier, dankbarer, schuldloser, aufrechter Sohn sein Du ein unbedrückter, untyrannischer, mitfühlender, zufriedener Vater sein könntest. Aber zu dem Zweck müsste eben alles Geschehene ungeschehen gemacht, d. h. wir selbst ausgestrichen werden.

So wie wir aber sind, ist mir das Heiraten dadurch verschlossen, dass es gerade Dein eigenstes Gebiet ist. Manchmal stelle ich mir die Erdkarte ausgespannt und Dich quer über sie hin ausgestreckt vor. Und es ist mir dann, als kämen für mein Leben nur die Gegenden in Betracht, die Du entweder nicht bedeckst oder die nicht in Deiner Reichweite liegen. Und das sind entsprechend der Vorstellung, die ich von Deiner Grösse habe, nicht viele und nicht sehr trostreiche Gegenden und besonders die Ehe ist nicht darunter.“

Erläuterung: Die Ziffern im Text markieren den Anfang einer neuen Seite bzw. Spalte.

Zum Verständnis des Briefs:

http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_aut/kaf/kaf_bri0.htm

http://www.kafka.uni-bonn.de/cgi-bin/kafka5caa.html?Rubrik=vater&Punkt=brief

http://www.univie.ac.at/igl.geschichte/Maennergeschichte/rollen/opfer_01.htm

https://de.wikipedia.org/wiki/Brief_an_den_Vater

https://hans-joerggrosse.de/erlesenes/franz-kafka/brief-vater/brief-vater/

http://de.slideshare.net/schoolmeester/das-verhltnis-kafkas-zu-seinem-vater-ergebnisse-der-stunde (Tafelbild)

https://de.wikisource.org/wiki/Brief_an_den_Vater (Text)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Kafka,+Franz/Erzählungen+und+andere+Prosa/Prosa+aus+dem+Nachlaß/Brief+an+den+Vater (Text)

https://hans-joerggrosse.de/erlesenes/franz-kafka/brief-vater/ (Text und Vortrag)

https://www.youtube.com/watch?v=7Po22fzW7jU (der gleiche Vortrag: 2:16)

http://bildungsserver.hamburg.de/brief-an-den-vater/ (Links)

http://www.classicistranieri.com/wp-content/uploads/2014/05/concvater.pdf (Konkordanz zu allen Wörtern des Briefs)

Kafka: Die Verwandlung – Reaktion der anderen (in I)

Wie Gregor seine Verwandlung erlebt, ist für Kap. I bereits untersucht worden. Wenn jetzt dargestellt wird, wie die anderen auf seine Verwandlung reagieren, ist dies ein methodischer Zugriff, der trennt, was zusammengehört: Gregor reagiert im Umgang mit seiner Verwandlung ja weithin auf die Reaktionen der anderen. Mit dieser Einschränkung kann man folgendes Schema entwerfen:

  • 6.45 Uhr: Gregor ist nicht aufgestanden – die Mutter klopft vorsichtig und fragt sanft; der Vater klopft mit der Faust und mahnt; die Schwester fragt besorgt und beschwört ihn aufzustehen (I 7).
  • 7.10 Uhr: Der Prokurist kommt (I 14) – die Schwester informiert Gregor flüsternd (I 15). Der Vater klopft ungeduldig und drängt, die Tür zu öffnen; die Mutter setzt sich beim Prokuristen für Gregor ein; der Vater klopft erneut; die Schwester schluchzt (I 16). Der Prokurist ermahnt Gregor und droht ihm (I 18).
  • Gregors Antwort versteht man offensichtlich nicht (I 20) – die Mutter schickt nach einem Arzt; der Prokurist spricht von einer „Tierstimme“; der Vater schickt nach dem Schlosser (Tür mit Gewalt öffnen) (I 20).
  • Gregor öffnet die Tür (I 22) – der Prokurist sagt „Oh!“; die Mutter fällt nieder; der Vater ballt die Faust und weint (I 23).
  • Gregor lehnt sich an die Tür und redet (I 24 f.) – der Prokurist wendet sich ab und entfernt sich (I 26).
  • Gregor fällt hin (I 27) – die Mutter springt auf, ruft „Hilfe“, stößt Kaffeekanne um (I 27).
  • Gregor schnappt mit den Kiefern (I 27) – die Mutter flüchtet und fällt dem Vater in die Arme; der Prokurist verschwindet und ruft noch „Hu!“; der Vater scheucht Gregor ins Zimmer zurück; die Mutter braucht frische Luft und verbirgt ihr Gesicht; der Vater ist unerbittlich, er stößt den eingeklemmten Gregor gewaltsam ins Zimmer zurück und schlägt die Tür zu (I 27).

Zuerst reagiert die Familie besorgt auf Gregors Verschlafen, der Prokurist droht ihm jedoch und der Vater will gewaltsam die Tür öffnen lassen. Als man die Verwandlung wahrnimmt, flieht der Prokurist entsetzt; die Mutter wendet sich ebenfalls erschrocken von Gregor ab und sucht beim Vater Zuflucht. Der Vater scheucht ihn wie ein Tier gewaltsam ins Zimmer zurück und sperrt Gregor ein. – Es fällt auf, wie wenig die Schwester in Erscheinung tritt. Gegner in der Familie ist der Vater, während der Prokurist sich vom Ungeziefer Samsa absetzt.

Vgl. auch https://norberto42.wordpress.com/2016/02/21/kafka-die-verwandlung-die-reaktion-der-anderen-in-ii/ und https://norberto42.wordpress.com/2016/02/19/kafka-die-verwandlung-wie-gregor-sie-in-i-erlebt/!

Ich habe wieder die Absätze gezählt, damit Leser verschiedener Ausgaben mit dieser kleinen Untersuchung etwas anfangen können.

C. F. Meyer: Nachtgeräusche – Analyse

Melde mir die Nachtgeräusche, Muse …

Text:

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=293

http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/meyer_gedichte_1882?p=22

https://www.youtube.com/watch?v=pP_VLMkyIAM (Vortrag)

http://www.srf.ch/play/radio/lyrik-am-mittag/audio/conrad-ferdinand-meyer-nachtgeraeusche?id=6aa6d2e4-9d81-40b7-a6e0-cf9ab24eb624 (dito)

http://www.podcast.de/episode/221200246/11+-+Nachtger%C3%A4usche+by+Conrad+Ferdinand+Meyer+%281825-1898%29/ (dito)

 

Es gibt eine große Interpretation (s.u.), deshalb beschränke ich mich jetzt auf das Wesentliche: Das lyrische Ich beginnt mit einer Anrufung der Muse, parallel dem Beginn der „Odysse“: „Den Mann nenne mir, Muse …“ – hier geht es beinahe banal um die Nachtgeräusche – soll man von einem Dinggedicht sprechen? Der Ich-Sprecher führt sich als „Schlummerlosen“ ein (V. 2), weshalb er die Nachtgeräusche hören kann und muss: Sie „fluten“ (V. 2), es sind viele Geräusche, die ungefragt auf den Ruhe Suchenden eindringen. In elf sechshebigen Trochäen vermeldet der Sprecher, welche es sind.

Von den Geräuschen spricht er in zwei Schritten. Die ersten Geräusche sind die normalen Laute der Nacht, sie werden aufgezählt (Erst – Dann – Dann, V. 3-5); es sind bekannte Geräusche (traut, V. 3; abgezählt, V. 4; Zwiegespräch, V. 5), sie haben ihre Ordnung, sie passen ins normale Leben.

Den zweiten Schritt beginnt er mit der gleichen Fortsetzung „Dann“ (V. 6), um das Ausbleiben einer Antwort mit dem Fragezeichen zu markieren. Dann folgt nichts, jedenfalls nichts Vertrautes, nichts Normales: „Nichts weiter als der ungewisse / Geisterlaut der ungebrochnen Stille“ (V. 6 f.). In diesem Paradox, dass die Stille als Laut, als Geisterlaut bezeichnet wird, eröffnet sich das Geheimnis des Nacht; es ist ein Geisterlaut: der Laut, mit dem sich die Geister melden, und deshalb ist es ein ungewisser Laut – an Stelle der gewissen Laute der Hunde, der Uhren, der Menschen. In drei Vergleichen versucht der Sprecher das Geheimnis des Geisterlauts zu ergründen (V. 8-10): Es sind drei fremde Geräusche, sie stehen außerhalb der Ordnung der Spreche – sie „sagen“ nur: Das ist etwas, da geschieht etwas; mehr sagen sie nicht. – Hinter V. 6 finden wir das einzige echte Enjambement des Gedichtes; vielleicht wird man hinter V. 6 eine minimale Pause im Sprechen machen, um die Ungewissheit des Ungewissen herauszuheben.

Im letzten Vers greift der Sprecher das Signal seines Aufzählens auf: „Dann“ (V. 11), dann folgt „der ungehörte Tritt des Schlummers“, der kommt und den Schlummerlosen doch umfängt: Die geheimnisvollen Geräusche der Stille waren ein Übergang, damit der von selbst und unmerklich („der ungehörte Tritt“) kommende Schlaf sich einstellen kann – der kleine Untergang des Ichs, das die Kontrolle über das Geschehen verloren und die Welt und ihre Laute vergessen hat. Im Sprechen dominieren zum Schluss die dunklen u-Laute, sie sind Geisterlaute. Reime gibt es im Gedicht nicht – das wäre zu viel Ordnung vor den Toren der ungebrochnen Stille.

In diesem Gedicht versucht C. F. Meyer das Geheimnis des Einschlafens nicht zu ergründen, aber seine Erfahrung zu umschreiben. Dieses Unterfangen war so schwierig, dass der Sprecher die Muse anrufen musste, um daran nicht zu scheitern.

 

http://www.schneid9.de/literatur/nachtgeraeusche.html (große Interpretation)

http://conrad-ferdinand-meyer.de/werke/Gedichte/ (Meyer: sämtliche Gedichte)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Meyer,+Conrad+Ferdinand/Gedichte (Gedichte, 1892)

https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Meyer,_Conrad_Ferdinand (Biografie)

http://www.deutsche-biographie.de/ppn118581775.html (dito, neuer)

C. F. Meyer: Fingerhütchen – kurze Analyse

Liebe Kinder, wißt ihr, wo …

Text:

https://de.wikisource.org/wiki/Fingerh%C3%BCtchen

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=1679 (frühe Fassung)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=281 (späte Fassung)

Wir hören einem allwissenden Erzähler zu (s. 3. Str.: Solches ist die Wahrheit nicht), wie er Kindern eine Sage erzählt. Es geht um einen kleinen verwachsenen Mann, den man seines Hutschmucks wegen „Fingerhütchen“ nennt. Er ist ein Außenseiter – man sagt ihm allerlei nach (2. Str.). Das bedeutsame Geschehen besteht darin, dass er den Elfen hilft, ihrem unfertigen Gesang einen weiteren Vers hinzuzufügen (7. Str.). Zum Dank nehmen die Elfen ihm den Buckel weg (10. Str.), was er freudig begrüßt.

Die Form des Sprechens ist in allen Strophen gleich: Zuerst vier Verse im Kreuzreim, und zwar in der Abfolge vier  / drei Trochäen, so dass praktisch zwei Langverse entstehen, nach denen jeweils eine Pause auftritt. Es folgen, auch grafisch abgesetzt, zwei Verse zu vier Trochäen im Paarreim. Die letzten vier Verse gleichen den ersten vier Versen der Strophe. Insgesamt ergibt das ein bewegtes Sprechen, das sich munter über die 14 Strophen hinzieht.

Als Thema könnte man formulieren: Wie ein guter Mensch dafür belohnt wurde, dass er ohne Hintergedanken (V. 57-60) den Elfen in ihrer Not geholfen hat. – C. F. Meyer hat offenbar ein irisches Elfenmärchen (vor 1865) bearbeitet und ins Tal des fiktiven Ortes „Acherlo“ verlegt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Fingerh%C3%BCtchen (hier als Märchen)

http://conrad-ferdinand-meyer.de/werke/Gedichte/ (Meyer: sämtliche Gedichte)

https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Meyer,_Conrad_Ferdinand (Biografie)

http://www.deutsche-biographie.de/ppn118581775.html (dito, neuer)