Brecht: Frühling 1938 – Analyse

Heute, Ostersonntag früh…

Text

http://www.diendan.org/dich-thuat/tho-luu-vong-brecht

http://damau.org/archives/25809

http://www.antiwarsongs.org/canzone.php?id=42042&lang=en

http://anschauen.npage.de/berthold-brecht.html

Steffinsche Sammlung

Margarete Steffin, Brechts Mitarbeiterin und Geliebte, sammelte Einzelgedichte und stellte sie um 1939/40 in einer Abschrift zusammen; Brecht nannte diese nach Steffins Tod 1941 die Steffin’sche Sammlung. Zu ihr gehörten die Gedichte „Frühling 1938“ und „1940“. Brecht selber stellte 1942 in den USA eine neue Fassung der Sammlung unter dem Titel „Brecht. Gedichte“ her. 1948 plante Brecht eine Ausgabe seiner „Gedichte im Exil“, zu denen dann auch eine wiederum neue Fassung der Steffinschen Sammlung gehörte – diese letzte Fassung heißt heute „Steffinsche Sammlung“ (Ausgewählte Werke in sechs Bänden, 1997, Band 3, S. 353 ff.). – Hans Eisler vertonte 1942 fast alle Gedichte der Sammlung, sie machen einen Teil des „Hollywooder Liederbuchs“ aus.

Frühling 1938

Das sind drei Gedichte: I („Heute, Ostersonntag früh…“) ist am 17. April 1938 entstanden und 1949 in „Sinn und Form“ veröffentlicht worden, ebenso unter dem Titel „Frühling 1938“ in „Hundert Gedichte“ 1951. Dieses Gedicht findet man deshalb häufig allein unter der Überschrift „Frühling 1938“; so wird es hier analysiert. II ist im Frühjahr 1938 entstanden („Über dem Sund hängt Regengewölke…“), III am 6. Mai 1938 („In den Weiden am Sund…“). – Brecht wohnte 1938 auf der dänischen Insel Fünen, die durch den Sund von Deutschland getrennt ist.

Die Überschrift klingt zunächst nach einer einfachen Datierung; aber sie enthält mehr, wenn man weiß, dass deutsche Truppen am 12. März 1938 in Österreich einmarschiert waren und dass am 13. März das „Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“ erlassen, also die Annexion Österreichs legalisiert wurde. Dann bekommt „Frühling 1938“ den Beigeschmack von „Zeit der Eroberung“, „Deutschland breitet sich gewaltsam aus“: Vorkriegszeit.

Ein lyrisches Ich, in dem man den Dichter Brecht (der jedoch nicht einfach mit dem Bürger Brecht identisch ist) erkennen kann, beschreibt die Wetterlage: Ein Schneesturm bricht plötzlich los, „Zwischen den grünenden Hecken lag Schnee.“ (V. 3) Hier zeigt sich in der Natur eine Spannung, welche die politische Spannung in Europa spiegelt. Dann berichtet das Ich, was geschieht: „Mein junger Sohn“ (Stefan, V. 3) holte ihn zu einem Aprikosenbäumchen draußen – er saß gerade drinnen bei einem eigenen Vers (er schrieb eventuell an einem Vers?), in dem er auf die Kriegstreiber „mit dem Finger deutete“ (V. 5); damit kann ein bloßer Hinweis gemeint sein, wahrscheinlicher ist aber, dass er die Kriegstreiber als solche anklagte (anklagender Gestus des Zeigens auf …). Vielleicht spielt der „Vers“ auf die „Deutsche Kriegsfibel“ (1936/37 entstanden; 1937 in „Das Wort“, Moskau, erschienen; 1939 in die „Svendborger Gedichte“ aufgenommen) an, wenn damit nicht ein neues Gedicht, das in Arbeit ist, gemeint ist. Das Ich erklärt die Bedeutung des drohenden Krieges in einem Relativsatz: „der […] vertilgen mag“ (V. 6-8), sowohl den Kontinent Europa wie „meine Familie und mich“ (V. 7), also von ungeheurer Bedeutung ist.

Es folgt der Bericht darüber, wie die beiden so unterschiedlich Interessierten, Sohn und Vater, gemeinsam handeln (V. 8-10): „Schweigend“ (V. 8) – der Vater kann sich innerlich nicht von der Kriegsdrohung lösen; aber sie legen doch „einen Sack / Über den frierenden Baum“ (V. 9 f.). Sie wehren also vom Aprikosenbäumchen die Drohung des Erfrierens ab, während der Vater mehr oder erfolglos die Bedrohung des Kontinents durch Schreiben abzuwehren versucht.

Das Gedicht mit seinen zehn Zeilen ist im epischen Stil Brechts geschrieben; eine Rhythmisierung sucht man vergebens, selbst wenn gelegentlich Schüler sie unter dem Druck des Findenmüssens auch finden. Der Zeilenschnitt lässt gelegentlich fragen, wie es weitergeht, da man es aufgrund des bisher Verlauteten nicht ahnen kann: V. 1, V. 3, V. 4, evtl. V. 6, V. 8. Neben der Aufzählung in V. 7 beherrschen zwei rhetorische Mittel das Gedicht: die Spannung (Kontrast) zwischen dem Grün der Hecken und dem Schnee, zwischen dem Frühling und 1938, zwischen den Sorgen des Sohnes und den Sorgen des Vaters; zweitens das Symbol des vom Frost bedrohten Aprikosenbäumchens, das zum Bild des vom Krieg bedrohten Kontinents hinüberleitetet. (Die Schüler sprechen in ihren Analysen von einer Metapher, was ich für falsch halte; das Bäumchen ist wirklich ein Bäumchen – es geht um die Analogie der Bedrohungen).

In der Zusammenstellung von Natur/politisches Geschehen erinnert das Gedicht an die Gedichte „Schlechte Zeit für Lyrik“  und „An die Nachgeborenen“ (V. 6-8).

http://www.faecher.lernnetz.de/faecherportal/index.php?DownloadID=2330 (dort S. 80 ff.: Gedichtvergleich der drei Gedichte mit „Über die Bezeichnung Emigranten“; die Zeilenzählung S. 80 ist falsch)

http://de.scribd.com/doc/26102770/Gedicht-Interpretation-%E2%80%93-Eugen-Berthold-%E2%80%9EBertolt%E2%80%9C-%E2%80%9EBert%E2%80%9C-Friedrich-Brecht-1898%E2%80%931956-%E2%80%93-Fruhling-1938-I-1-Strophe (schülerhaft)

http://home.arcor.de/wdomes/Grundlagen%20des%20Lernens/Brecht.doc (Analyseanleitung, alle drei Gedichte)

Rezeption

http://www.steitz-kallenbach.de/downloads/pd152.pdf (produktiver Umgang mit dem Gedicht)

Brecht: Sonett Nr. 19 – Analyse

Nur eines möcht ich nicht: daß du mich fliehst…

Text

http://www.gedichtehaus.de/t5477f200-Sonett-Nr-Bertolt-Brecht.html

http://azzurro.designblog.de/thema/bertold-brecht….29/

http://www.oocities.org/wellesley/garden/6745/Brecht14_26.html

http://turmsegler.net/20090903/sonett-nr-19/

http://quadratmeter.wordpress.com/2011/09/20/bertolt-brecht-sonett-nr-19/

Dieses Sonett ist 1939 entstanden und erst nach Brechts Tod veröffentlicht worden. Es ist an Margarete Steffin gerichtet, die Brecht ins schwedische Exil gefolgt ist; sie litt inzwischen an ihrer Tuberkulose so schwer, dass sie nur noch beschränkt arbeitsfähig war. Vor diesem Hintergrund erhält das Liebesgedicht auch den Unterton des Trostes an eine Kranke, der versichert wird, dass sie gebraucht wird.

Der Ich-Sprecher wendet sich beschwörend und eindringlich an ein „Du“ und trägt seine Bitten oder Wünsche vor, dass dieses Du bei ihm bleibe. Emphatisch wird „Nur eines“ (V. 1) vorangestellt: Das Ich möchte das Du bei sich haben, trotz aller möglichen Einschränkungen auf dessen Seite („selbst wenn du nur klagst“, V. 2, usw. bis V. 5). Es folgt dann eine Begründung dafür, dass dieser Wunsch berechtigt ist: „Du bist mir beigesellt als meine Wacht.“ (V. 6) Diese Wache ist und bleibt nötig, wird in V. 7 f. zur Begründung ausgeführt, weil der Weg zum Ziel noch weit, weil das Dunkel immer noch groß ist – das sind zwei traditionelle offene Bilder, deren Konturen erst in einer bestimmten Situation hervortreten: etwa in der Situation des Kampfes gegen die Nazidiktatur oder in der Situation des Klassenkampfes.

Es muss noch untersucht werden, was „meine Wacht“ (V. 6) bedeutet. Dazu schauen wir in das Grimm’sche Wörterbuch:

Wachtf. verbalsubstantiv zu wachen, das jetzt im wesentlichen als poetische nebenform zu wache gilt, früher aber weiter verbreitet war.

II 2) wacht (gern in verbindung mit bedeutungsverwandten substantiven, namentlich hut) bezeichnet dann ein wachen, das mit aufmerksamkeit, achtsamkeit auf äuszeres, namentlich auf abzuwendende gefahren, verbunden ist, und zwar zunächst zur nachtzeit, dann aber auch am tage. besonders geht es auf die einnahme eines postens, bei der man die verpflichtung hat wachsam zu sein.

II 3) schon bei mehreren der unter 2) gegebenen belege kann bei wacht an den regelmäszigen sicherheitsdienst, den bestimmte personen zu leisten verpflichtet sind, gedacht werden, worüber wache II, 3 zu vergleichen ist. diese bedeutung steht bei wacht durchaus im vordergrunde, wie schon aus den bestimmungen der wörterbücher hervorgeht. wie oben ausgeführt worden ist, hat sich namentlich für den militärischen wachtdienst die form wacht ausgebreitet. in der 2. hälfte des 18. jahrh. wird zwar auch hiefür wache das übliche, wacht erhält sich aber (auszer in den zusammensetzungenin der dichtersprache.

(http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&lemid=GW00629)

Wache

II. gebrauch.
1) ursprünglich bezeichnet wache in rein abstracter bedeutung den zustand des wachens

2) durch eine erweiterung des bedeutungsinhalts kann wache dann die achtsamkeit auf äuszeres, namentlich auf drohende gefahren, aufmerksamkeit, wachsamkeit bezeichnen.

3) besonders versteht man aber unter wache den als eine regelmäszige einrichtung bestehenden sicherheitsdienst. 

(http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&lemid=GW00072)

Dienst

5) arbeiten und leistungen, zu denen man verpflichtet ist.

(http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&lemid=GD02228)

Es liegt also das Bild eines militärischen Dienstes zugrunde, den der Soldat „Du“ zu leisten. Er/Sie ist dem lyrischen Ich als Wache „beigesellt“, zugeteilt worden – „Du bist mir beigesellt“ ist ein Zustandspassiv, womit offen gelassen wird, wer diesen Dienst angeordnet hat. „beigesellen“ ist ein beinahe altertümliches Wort; das Grimm’sche Wörterbuch gibt als Bedeutung „adjungere, consociare, zugesellen, gesellen“ an – in vielen Wörterbüchern ist es nicht zu finden.

Das Bild vom militärischen Dienst ist in einigen Gedichten Brechts ausgeführt, die um 1937 entstanden und „der guten Genossin“ Margarete Steffin gewidmet sind: „Lieder des Soldaten der Revolution“. Im „Lied des Soldaten der Revolution“ lautet die dritte Strophe:

„Ich brauche keine Freundschaften, weil:

Ich melde mich immer gleich bei meinem Truppenteil.

Das sind meine Freunde, die dort stehen

Wenn ich sie auch noch nie gesehn.

Ich erkenn sie als Freunde mit Leichtigkeit:

Sie sind mit mir zusammen zu kämpfen bereit.“

Das ist das eine; das andere ist die erste Strophe des Gedichts „Morgens und abends zu lesen“, das Brecht 1937 an Ruth Berlau geschickt hatte:

„Der, Den ich liebe 
Hat mir gesagt 
Dass er mich braucht.“ (https://norberto42.wordpress.com/2012/11/25/brecht-morgens-und-abends-zu-lesen-analyse/ )

Da ist „brauchen“ stärker in den Zusammenhang „lieben“ einbezogen; die ganzen verwickelten Frauen-Lieben-Brauchen-Verhältnisse Brechts in Dänemark werden in einem Radioessay erläutert. Zurück zum Kontext (V. 6-8): Eigentlich machte die militärische Order („beigesellt als meine Wacht“) weitere Begründungen überflüssig – die Begründungen in V. 7 f. lassen vermuten, dass die militärische Order vielleicht „nur“ eine Metapher ist – die Metapher eines Liebesverhältnisses, wie sich später in V. 13 f., aber auch bereits aus V. 1 ff. ergibt: Wer solche Defizite aufweist, ist ja für eine militärische Wache nicht geeignet.

Die Sprache der Quartette ist gehoben (Konjunktiv II „bräucht“), durch eine Häufung der Wünsche (V. 1 ff.) und die Parallele des Rekurses auf die finstere Zeit (V. 7 f.) geprägt. Jeder Vers besteht aus fünf Jamben, die in einem umarmenden Reim mit partiell semantisch sinnvollen Reimen (klagst/sagst; meine Wacht/halb verbracht) aneinander gebunden sind. Das letzte Wort jedes Verses wird stark betont, dem entsprechend auch ein Wort vorher im Vers, z.B. nicht/fliehst (V. 1), hören/klagst (V. 2) usw.

In den beiden Terzetten werden Folgerungen aus dem vorher Gesagten gezogen: „So gilt…“ (V. 9). Worauf sich das „So“ bezieht, bleibt vorerst offen, wird durch das Nomen „Dienst“ (V. 11) jedoch eindeutig bestimmt: „So“ bezieht sich auf die Tatsache, dass das Du als Wacht oder Wache abgestellt worden ist (V. 6). Was gilt nun und was nicht? Es gelten keine Ausflüchte, erlaubt ist keine Abwendung des Du im militärischen Dienst (d.h. in der Liebe): „Laß mich, denn ich bin verwundet.“ (V. 9, vgl. V. 1: „daß du mich fliehst“) In V. 10 wird parallel dazu „Irgendwo vs. Hier“ durchgespielt, was nur zur militärischen Wache passt. In V. 11 folgt eine allgemein gehaltene Erläuterung: „Der Dienst wird … nur gestundet.“ Dieser Satz rückt die Aussage von V. 9 in ein milderes Licht; denn in der Liebe das „Laß mich…“ zu verbieten käme mir barbarisch vor; doch wenn der Dienst „gestundet“ wird, hört sich V. 9 erträglicher an.

Das zweite Terzett beginnt damit, dass rhetorisch das Einverständnis des angeredeten Du eingeholt wird: „Du weißt es“ (V. 12). Dann folgt die Prämisse, der Grund-Satz, auf den das sprechende Ich beide festlegt: „Wer gebraucht wird, ist nicht frei.“ (V. 12) Daran schließt sich das persönliche Bekenntnis an: „Ich aber brauche dich…“ (V. 13 – mit dem Akzent auf „Ich“, gegen das Metrum betont), woraus ganz simpel folgt: Du bist nicht frei. Das ist die Rhetorik eines Menschen, der andere ohne Bedenken in Beschlag nimmt. Ruth Berlau hat das auf die Dauer nicht ertragen, diese Mischung aus persönlich-erotischem und sozialistisch-praktischem Brauchen; Margarete Steffin ist an ihrer Tuberkulose zum Glück rechtzeitig gestorben, nur Brechts Frau ist anscheinend damit zurechtgekommen.

Es folgt zum Abschluss die scheinbar versöhnliche Zeile: „Ich sage ich und könnt auch sagen wir.“ Hier wird „ich“ und „wir“ gleichgesetzt: Geht das zu Lasten des „ich“ oder zu Lasten des „du“: Wer trägt die Spesen? Und das Pronomen „wir“: Das Subjekt welchen Satzes ist es, wenn es denn mehr sein soll als bloß gefühliges Symbol-Pronomen? Der Grundsatz von V. 12 wäre erst gerecht, wenn das Ich auch die Auslegung zuließe: „Du brauchst mich, wie’s immer sei.“ Diese Auslegung hat Brecht nicht oder nur in Grenzen zugelassen. Unter allen Gedichten und über allen Werken steht nur ein Name: Bertolt Brecht. Was sich versöhnlich anhört (V. 14), verbirgt nur einen Anspruch des Sprechers hinter dem schönen Aufkleber „wir“. Was das Ich zu seiner Selbstbehauptung sagen könnte („Laß mich…“, V. 9, oder „Irgendwo“, V. 10), das gilt nicht.

In den beiden Terzetten gibt es zweimal eine weibliche Kadenz (V. 9/11); dem entspricht, dass in diesen Versen der Ton nicht auf dem letzten Wort liegt – wo er genau liegt, ist schwer zu sagen, am ehesten auf dem ganzen Satz. Das Reimschema ist abaccb. Das angesprochene „Du“ kommt nur mit zwei potenziellen Äußerungen zu Wort (V. 9 f.); und von denen sagt das Ich in der Logik seines Grundsatzes: „gilt nicht“. Carl Pietzcker hat in seiner Habilitation „Die Lyrik des jungen Brecht“ (1974) diesen Rekurs der Liebe aufs Brauchen als Reifung gepriesen: Man kann solche Stellen auch anders lesen: Die Überlagerung des Satzes „Ich brauche dich“ durch Bild und Logik militärischer (Unter)Ordnung rückt das Liebesflehen ins Zwielicht.

Gerhard Härle schreibt zu unserem Gedicht: „Die Abwendung von den großen Metaphern und Symbolen der romantischen Liebe – sie klingen allenfalls noch  zitathaft an – stellt zugleich auch eine Absage an das große romantische Liebesideal dar. Nicht die oder der »ferne Geliebte« bedeutet die wahre Bewährungsprobe der Liebe, sondern gerade das nahe geliebte Du, dessen Liebe und die Liebe zudem es stets neu zu gewinnen und zu bewahren gilt. Bei Bertolt Brecht gibt es großartige Beispiele für dieses Liebeserleben. Sie werden nicht dadurch weniger bedeutend, dass sie zum Teil auf Texte seiner Geliebten zurückgehen, die er – mit deren opferbereiter Billigung – seinem lyrischen Werk einverleibt hat. Brecht hat dabei auch die Perspektive dieser Gedichte übernommen, die wir als »weibliche« Perspektive oder als »Rollengedicht« auffassen können, was vielen seiner Liebesgedichte einen sehr einfühlsamen, menschenfreundlichen Ton verleiht, da in ihnen unterschiedliche Sichtweisen miteinander verschmelzen. Brechts liebende Ichs gestatten sich (und uns), die Liebe als ein existentielles Brauchen und Gebrauchtwerden aufzufassen, und aus diesem Gebrauchswert der Liebe leitet sich ihre Verstetigung her.“ Härle schlägt also vor, das „Ich“ aus der weiblichen Perspektive zu lesen, während ich einfach davon ausgegangen war, es aus der männlichen Perspektive, gar aus der Bertolt Brechts zu lesen. Härles Vorschlag lässt mich einen Augenblick innehalten – aber ich bleibe aufgrund der Einbettung in die militärische Dienst-Logik (mit dem Bezug auf die „Lieder des Soldaten der Revolution“, Margarete Steffin) bei meiner Lesart.

Rezeption

http://www.but-alive.de/musik_texte_nichtzynischwerden.htm (2. Text: Song)

http://jedermenschistzuviel.stabo.org/texte.php?show=2&what=1077

http://turmsegler.net/20090903/sonett-nr-19/

http://www.ph-heidelberg.de/wp/haerle/download/Haerle_LiebLyr_310306.pdf (G. Härle, dort S. 62 f.)

Margarete Steffin

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/margarete-steffin/

http://www.imdb.com/name/nm1273118/bio

http://www.berlin.de/ba-mitte/bezirk/gedenken/margarethe_steffin.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Margarete_Steffin

http://www.joachim-dietze.de/pdf/brecht_ab.pdf (Brecht und seine Frauen)

P.S. In BW war 2013 ein Gedichtvergleich zwischen Brecht: Sonett Nr. 19, und Sarah Kirsch: Dreistufige Drohung“ (http://www.stiftikus.de/lyrik/liebe0.doc) ein Wahlthema im Abitur des LK Deutsch. Am Tag des schriftlichen Abiturs (10. April 2013) wurde meine Analyse von Brechts „Sonett“ 2304mal angeklickt.

Brecht: Der Kirschdieb – Analyse

An einem frühen Morgen, lange vor Hahnenschrei…

Text

http://dergruenehund.blogspot.de/2009/11/der-kirschdieb.html

http://mitue.de/?tag=bertolt-brecht

http://www.weboase.ch/gedichte/Berthold-Brecht-der-Kirschdieb.php

http://www.oocities.org/wellesley/garden/6745/Brecht61.html u.a.

Das Gedicht ist im Sommer 1938 entstanden und 1949 in „Sinn und Form“ erstmals gedruckt worden. Margarete Steffin hatte es in ihre Sammlung von Brecht-Gedichten aufgenommen (Steffinsche Sammlung, diese hat eine verworrene Geschichte), Brecht hatte es in seinen „Gedichte[n] im Exil“, die er 1944 zu Weihnachten hektografiert an seine Freunde verschickte.

Ein Ich-Sprecher erzählt ein kleines Erlebnis aus dem Alltag, ohne es zu kommentieren. Am Anfang steht der Bericht von der Situation des Geschehens: wie das etwas ältere Ich (vs. junger Mann, V. 4) durch Pfeifen in der Dämmerung eines Tages geweckt wird und zum Fenster geht (V. 1-3). Danach erzählt es, was es beobachtet hat (V. 4-7): Ein junger Mann, fröhlich und lebenslustig (pfeifend, lustig, zunickend, mit beiden Händen), pflückt ziemlich unbekümmert, beinahe unverschämt (mit beiden Händen sie in die Taschen stopfend, pfeifend und nickend, obwohl er beobachtet wird) die fremden Kirschen. Den Schluss bildet die unvollständige Erzählung von der Reaktion des Ich (V. 8 f.): Unvollständig ist dies, weil weder ein Gedanke noch eine Empfindung des Ich erwähnt wird – warum erzählt es die Begebenheit dann überhaupt? – und auch die Rückkehr ins Bett wird ausgespart; die Fortsetzung der eigenen Bettruhe dient nur als Zeitangabe dafür, wie lange es den jungen Mann noch „sein lustiges Lied pfeifen“ (V. 9) hört.

Die Überschrift ist „Der Kirschdieb“; er steht auch im Blick des Erzählers, die eigene Reaktion auf den Diebstahl wird verschwiegen – offensichtlich geht es nicht um einen Diebstahl, sondern nur um den Kirschdieb selbst. Der verkörpert Lebenslust und die Kraft der Jugend, die sich auch nicht darum kümmert, beim Stehlen ertappt zu werden. Von seinem Auftreten wird mit einer gewissen Sympathie erzählt; das Ich nimmt sowohl die Störung des Schlafs als auch den Kirschdiebstahl klaglos hin.

In einer nicht mehr identifizierbaren Hamburger Vorlesung (1. Link unter „Analyse“) wird vermutet, dass die Kirschen hier eine symbolische (erotische) Bedeutung haben (Kirsche als Symbol für die Lippen einer Frau, für Küssen und intensives Liebeserleben), der Ich-Erzähler werde somit Zeuge eines erotischen Übergriffs (Kirschen im fremden Garten). Das scheint mir aber ziemlich weit hergeholt und als Ersatz dafür gesucht zu sein, dass die Reaktion des Ich nicht erwähnt wird. Ich zitiere aus dem Schluss der Deutung in der Vorlesung: „Ich meine nicht, dass es sich bei ‚Der Kirschdieb’ um ein verschlüsseltes erotische[s] Gedicht handelt. Allerdings meine ich, dass die erotische Deutungskomponente keineswegs ausgeschlossen werden darf, ja dass sie im eigentlichen Sinne der zuvor genannten Interpretation [Alter vs. Jugend, N.T.] erst den eigentlichen Sinn gibt. Dieses Gedicht ist nicht im eigentlichen Sinne verschlüsselt, sondern es dokumentiert (…) eine eigentümliche Zurücknahme, eine Begrenzung der Mitteilung. Das Urteil: der Akt des situativen Verstehens, wird ganz dem Rezipienten überlassen. Der Autor strukturiert den Text nur von der einen Seite – der Leser bzw. Rezipient strukturiert ihn im rezeptiven Akt noch einmal, und in ganz entscheidender Weise, von seiner Seite. – In der Brecht-Forschung hat man hier von einem ‚kommunikativen Sprachstil’ gesprochen, den Brecht in dieser Exilphase entwickelt hat.“ Dazu wird als Literatur angegeben: Klaus Birkenhauer: Die eigenrhythmische Lyrik Bertolt Brechts. Theorie eines kommunikativen Sprachstils. Tübingen 1971.

Um ein Beispiel für die Rezeption der Klassiker in der Schule zu zeigen, zitiere ich eine Aufgabenstellung zum Gedicht, die ich [im Zusammenhang mit einem kleinen Aufsatz von E. Kuhlmay] im Netz gefunden habe: „Die Schueler betrachten anhand der Gedichte „Der Kirschdieb“ (B. Brecht) und „Inserat“ (T. Storm) Entstehung und Loesung menschlicher Konfliktsituationen (Obstdiebstahl) und lernen Ironie als Stilmittel kennen.“ Dazu ist zu sagen, dass beide Gedichte keine menschlichen Konfliktsituationen behandeln: Der Ich-Erzähler Brechts ist weit von einem Konflikt entfernt, der Sprecher Storms billigt offensichtlich (notgedrungen? Man weiß es nicht, man kennt die Situation überhaupt nicht!) den Diebstahl und möchte nur größeren Schaden verhindern. Aber anscheinend muss bei der Lektüre von Gedichten etwas fürs Leben herauskommen, eine praktische Nutzanwendung, „was will uns der Dichter sagen“: Ja, dann hören wir alle einmal ganz angestrengt zu, dann finden wir bestimmt etwas, was der Dichter uns sagen will – wäre ja gelacht, wenn wir nichts fänden! Ironie finde ich übrigens in keinem der beiden Gedichte, bei Theodor Storm dagegen Humor. Was würde der erst dichten, wenn er solche Aufgabenstellungen läse!

Wenn ich als passionierter Kirschenpflücker und Baumbesteiger etwas zum Kirschdieb sagen darf: Wer Kirschen in seine Taschen stopft, ist ein Depp, weil sie dort zerquetscht werden, falls sie reif waren. Kirschen isst man im Baum, oder man pflückt sie vorsichtig in einen Korb oder eine Tüte, die häufig zu leeren ist! Ich spreche hier aus Erfahrung.

Analyse

http://www1.uni-hamburg.de/exillit/neueversion/vorlesungen/vorlesungenarchiv/europexil/5-BRECHT.PDF (nur noch in der „Schnellansicht“ bei google einsehbar)

http://www.ddr-hoerspiele.net/2-lp/helene-weigel-liest-brecht.html (Paul Rilla über die Lyrik Brechts insgesamt)

http://de.wikipedia.org/wiki/Steffinsche_Sammlung (Info)

http://www.uni-kassel.de/fb11/nue/documents/diplom_annika_gerlach.pdf (Die symbolische Bedeutung der Kirsche)

Margarete Steffin

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/margarete-steffin/

http://www.imdb.com/name/nm1273118/bio

http://www.berlin.de/ba-mitte/bezirk/gedenken/margarethe_steffin.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Margarete_Steffin

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=3gDi-b3KQIk (Hans Eisler)

http://www.youtube.com/watch?v=OJgWtqjUIU4 (dito)

Rezeption

http://www.skip-pahler.de/wandmal.html (in der Nähe des Brecht-Hauses in B-Weißensee)

http://www.panoramio.com/photo/58632645 ->

http://www.flanieren-in-berlin.de/bezirke/pankow/geklaute-kirschen.html

http://dewilblog.wordpress.com/tag/bert-brecht/

Brecht: Legende von der Entstehung des Buches Taoteking… – Analyse

Als er Siebzig war und war gebrechlich…

Taoteking

http://www.iging.com/laotse/LaotseD.htm (Text)

http://home.arcor.de/holofeelings/Tao_Te_King.pdf (Text, der Brecht vorlag)

http://www.tao-chi.info/Kursangebote/sight-seeing/Philosophie/LAO-TZE/lao-tze.html (Text)

http://www.seeger-laux.gmxhome.de/zenroku/Tao-te-King.htm (Text, mit Kommentar)

http://www.das-klassische-china.de/Tao/Titelseite/index.htm

http://www.iging.com/laotse/LaotseD.htm (dort: Des Wassers Güte)

http://de.wikipedia.org/wiki/Laozi (über Laotse)

Bild: Laotse auf dem Ochsen

http://www.buch-antik.ch/photogallery/Bilder3_Sachgebiete_Buecher/LAOTSE~1.GIF

http://www.teeweg.de/graphik/daodejing/laotse.jpg

http://www.zitate-aphorismen.de/images/authors/laotse.jpg

Text

http://www.rohanda.de/fileadmin/data/PDFs/Geschichten/25_TaoTeKing.pdf

http://www.tao-te-king.org/brecht.htm (auf „Original“ klicken!)

http://www.ottosell.de/brecht.htm (mit Gedanken dazu)

http://ciml.250x.com/archive/literature/german/brecht_kalendergeschichten.pdf (Text der „Kalendergeschichten“, darin die Ballade als Parallelgeschichte zu „Die unwürdige Greisin“)

Das Gedicht ist 1937/38 in Svendborg entstanden, 1939 in Moskau und Basel veröffentlicht worden und in die „Svendborger Gedichte“ (1939), später in die „Kalendergeschichten“ (1949) aufgenommen worden. Es geht im Anschluss an das „Taoteking“ darum, dass (im Klassenkampf) der Mächtige unterliegt und wie Wissen und Weisheit zustande kommen. – Der wikipedia-Artikel und die Vorlesung von Frau Fliedl (s. unten Links zur Analyse) sind übersichtlich gegliedert und je auf ihre Weise lehrreich; was dort gesagt worden ist, brauche ich nicht zu wiederholen. Ich gebe zunächst einen kurzen Überblick über Aufsätze Franz Norbert Mennemeiers, Han-Soon Yims (s. Links zur Analyse) und Walter Hincks – detailliert kann es jeder selbst nachlesen.

Franz Norbert Mennemeier: Von der „Freundschaft“ zur „Freundlichkeit“. Zu Bertolt Brechts „Ballade von der Freundschaft“ und „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration“. In: Deutsche Balladen. Gedichte und Interpretationen, hrsg. von Gunter E. Grimm. Stuttgart 1988, S. 401 ff.

  • Das Gedicht als Ballade in den „Chroniken“ der „Svendborger Gedichte“, die „realistische Schreibweise“ (S. 416 f.)
  • Ballade von einem der „Großen“, soll neue Tugenden einer neuen Gesellschaft propagieren (ideologiekritisch) (S. 417)
  • Simplizität und Heiterkeit der Ballade stammen aus dem Geist der Legende (S. 417 f.)
  • Demokratisierung des traditionell „hohen“ Legendenstils („intressiert“, V. 32; der ganze V. 40 und V. 55; ähnlich die Reime) (S. 418 f.)
  • Geschehen gipfelt in der 9. und 10. Strophe (eine Art Anagnorisis: er erkennt den Zöllner) (S. 419 f.)
  • Lehrgedicht: 5. Str., Hoffnung für alle Verfolgten des Naziregimes (ähnlich bereits 1. Str.: das geschichtlich Übliche) (S. 420)
  • Freundlichkeit im Auftreten des Weisen und im Vortrag des Erzählers (S. 420 f.)
  • „höflich“ (Str. 10, 12): Distanz in der Zuwendung (S. 421)
  • „Zöllner“ (Str. 4, 11): biblische Assoziationen (S. 422)
  • Kern der „Legende“: Bild einer neuen, auf Solidarität gründenden Form von Kommunikation und gesellschaftlichem Handeln: Auch der Hörer arbeitet an der Entstehung des Werkes mit (S. 422 f).
  • Brechts Interesse am „chinesischen“ Thema bereits 1920; das bezeugt, dass für ihn das Thema „Freundlichkeit“ von fundamentaler Bedeutung ist (S. 423 f.)

Han-Soon Yim:

  • Brechts Beziehung zum Fremden, speziell zu China; das Wassermotiv (1)
  • Eine Aufführung der „Legende…“ in Korea;
  • Form und Aufbau des Gedichts; Bedeutung der 5. Strophe (2)
  • Das Wasser und die Verwandlung bei Brecht;
  • die Stärke der Schwachen: ein Grundbegriff der Dialektik;
  • Vergleich mit den Gedichten „Ballade vom Wasserrad“, „Das Lied von der Moldau“, „Lied der Ströme“ (1954), „Eisen“ (1953), „Beim Lesen des Horaz“ (3)
  • Wie kann man das Gedicht ins Koreanische übersetzen? (4)

Walter Hinck: Der Weise und der Wißbegierige, in: Gedichte von Bertolt Brecht. Interpretationen, hrsg. Von Jan Knopf. Stuttgart 1995, S. 133 ff.

  • Laotse als Weiser: eine Wunschprojektion Brechts (S. 133)
  • Ausgesprochen epischer Stil des Gedichts, in der Form verankert: Kürze des jeweils fünften Verses (S. 135 f.)
  • Motiv der Freundlichkeit bei Brecht (vgl. An die Nachgeborenen“)
  • Das Taoteking kommt Brechts Gedanken vom Wechsel der Klassenherrschaft entgegen (S. 137), s. auch „Ballade vom Wasserrad“ und „Lied von der Moldau“ (S. 137 f.)
  • Sozialer Gestus der Dichtung Brechts: besondere Rolle des Adressaten für die literarische Produktion, er fehlt im Exil (vgl. „Lehren ohne Schüler“, S. 139)
  • Die Rolle des Adressaten ist hier im erzählten Geschehen verankert: „He, du! Halt an!“ (V. 30) und Str. 13 (S. 139 f.)
  • Der Weise als Gegenbild der akademischen Philosophen (S. 140), dabei Abgrenzung gegen das Gedicht „Der Schuh des Empedokles“ (S. 141 f.)
  • Über Svendborg: Gedicht „Zufluchtsstätte“ (S. 142 f.)
  • Lob des Gedichts „Legende von…“, Hinweis auf das Gedicht „Eisen“ (S. 144 f.)

Ich beschreibe den Aufbau des Gedichts (nach Strophen) und vergleiche anschließend meine Lösung mit zwei anderen Lösungen:

  • Aufbruch Laotses wird erzählt, (1) – (3)
  • Kleine Störung („Doch“) der Reise, (4)
  • Unterbrechung („Doch“) der Reise zur Fixierung de Lehre, (5) – (8)
  • Beschreibung des armen Zöllners, (9)
  • Lehre wird niedergeschrieben, Fortsetzung der Reise (10) – (12)
  • Höreranrede: „Sagt jetzt…“ [letzter Vers von (12)], leitet über zu
  • Lob der beteiligten Figuren und Belehrung der Hörer: vom Erwerb des Wissens und der Weisheit (13)

In der ersten Mitschrift der Vorlesung Fliedl wird der Aufbau so beschrieben:

Inhaltlicher Aufbau

1, 2, 3: Einleitung: Reiseentschluss, Aufbruch, Reise;

4 – 6: Zöllnerbegegnung: Rede des Knaben (Knabe taucht zum 1. Mal auf); Botschaft des Taoteking; Scheinaufbruch;

7 – 8: Zöllnerapell: Erkundigung des Zollbeamters steht im Vordergrund; Einladung (Rede des Zöllners wird fortgesetzt, verlangt Antwort);

9: Status des Zöllners: soziale Markierung des Zöllners, ist Unterprivilegierter;

10: Antwort – Rede des Knaben (Entschluss zu bleiben);

11 – 13: Schreibaufenthalt, zweiter Aufbruch (endgültige Abreise), Moral.

Ich zitiere, was Han-Soon Yim zum Aufbau schreibt:

„Die ersten vier Verse jeder Strophe sind fünf- bis achtfüßig, wobei die Fünffüßigkeit am häufigsten vorkommt. Die Sonderstellung des fünften Verses zeigt sich nicht nur in seiner Kürze – er ist drei- bis fünffüßig, meist aber vierfüßig –, sondern auch in der Reimgestaltung: Auf den liedhaft wiederholten Kreuzreim abab folgt dessen letzte Hälfte b, wodurch der fünfte Vers die Strophe jeweils zu einer relativ selbständigen Erzählstation abschließt.

Aus den Strophen ließen sich allerdings weitere Erzähleinheiten herausbilden. Möglich und sinnvoll wäre eine Einteilung der 13 Strophen in 4 Einheiten nach dem Schema 4-4-4-1. Auf die Exposition (1.-4. Strophe: Aufbruch des Alten – Begegnung mit dem Zöllner) und die eindringliche, aber »höfliche« Bitte des Mannes (5.-8. Strophe) kommt das ebenso »höfliche« Entgegenkommen des Lehrers (9.-12. Strophe); und im Schluß­teil verändert der Erzähler bzw. das lyrische Ich plötzlich – genau genommen bereits mit dem letzten Vers der 12. Strophe (»Sagt jetzt: kann man höflicher sein?«) einsetzend – sein bisher neutrales Erzählverhalten zu einem auktorialen, wendet sich direkt an den Leser, um gemeinsam mit ihm aus dem geschilderten Geschehnis aus der alten Zeit eine Lehre für die Gegenwart zu ziehen, und zwar im Modus eines Vorschlags: »Aber rühmen wir nicht nur den Weisen« für seine Weisheit, sondern der wißbegierige Zöllner soll auch bedankt sein: »Er hat sie ihm abverlangt.« (GW 9, 663) Das Gleichgewicht zwischen den vier Erzähleinheiten ist also dadurch erreicht, daß der letzten, kleinsten Einheit das Schlußwort des Erzählers zuteil wird.“ (S. 172 f.)

Der Koreaner hat m.E. besser als der die Vorlesung Mitschreibende (oder Frau Fliedl) den Aufbau verstanden; die Sonderstellung von Str. 9 wird durch Deterings Forschungen, welche Frau Fliedl referiert, erklärt: Das Gedicht stammt ursprünglich vermutlich von Frau Steffin (vgl. https://norberto42.wordpress.com/2012/11/25/brecht-morgens-und-abends-zu-lesen-analyse/), Brecht hat es leicht überarbeitet und die Str. 9 eingeschoben. Meine Vorstellung vom Aufbau differenziert die Ausführungen des Koreaners.

Analyse

http://de.wikipedia.org/wiki/Legende_von_der_Entstehung_des_Buches_Taoteking_auf_dem_Weg_des_Laotse_in_die_Emigration-brecht.php

http://brecht.german.or.kr/jungbo.net/Hwizard/contents/jahrbuecher/1/12wasser.doc (Han-Soon Yim: Das Wasserbild des Taoteking bei Brecht)

http://wassertroepfchen.files.wordpress.com/2009/01/2008_12_10-gedichte-brecht-legende-von-der-entstehung-des-buches-taoteking.doc (Mitschrift der Vorlesung Konstanze Fliedl, 10.12.2008)

http://www.univie.ac.at/iggerm/files/mitschriften/Gedichte-2008W-Fliedl.pdf (andere Mitschrift der gesamten Vorlesung der Frau Fliedl, fehlerhaft, dort die 8. Vorl. – es ist interessant, zwei verschiedene Mitschriften der gleichen Vorlesung zu vergleichen)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/das-harte-unterliegt-1685277.html (Besprechung der Analyse von H. Detering)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=l517Cb4zagk

http://www.youtube.com/watch?v=TD8Up0aR2uI (Ernst Busch)

http://www.rezitator.de/gdt/1026/ (Lutz Görner)

http://www.youtube.com/watch?v=jUdZks-4pc4 (Deutsch Lk)

Rezeption, z.B.

http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/fileadmin/Redaktion/Institute/Sozialwissenschaften/Politikwissenschaft/Dokumente/Alemann/98_alemann_oetv.pdf

http://www.schulpsychologie.de/wws/bin/567882-569930-2-muth_text.pdf

Vertonungen von Hans Werner Henze, Hans Ludwig Schilling

Das Gedicht, eines der ganz großen Gedichte Brechts, wird oft und gern zitiert (s. google!).

Sonstiges

http://www.reinhard-doehl.de/forschung/ballade/ballade_11.htm (über Legende und Ballade)

Meine Analyse der Ballade vom Wasserradhttps://norberto42.wordpress.com/2012/01/30/brecht-das-lied-vom-wasserrad-analyse/

Brecht: Morgens und abends zu lesen – Analyse

Der, den ich liebe…

Text

http://www.alb-neckar-schwarzwald.de/poetas/brecht/

http://unertraeglich-leicht.blogspot.de/2008/07/morgens-und-abends-zu-lesen.html

http://koelschgirl.blogspot.com/2012/05/gedicht-morgens-und-abends-zu-lesen.html

Dieses kleine Gedicht stand in einem Brief, den Brecht 1937 an Ruth Berlau geschrieben hat, die sich in Spanien zur Unterstützung der republikanischen Truppen aufhielt. Es ist in der Ich-Perspektive (Rolle) einer Frau gesprochen, die im Monolog über sich spricht – die Übertreibung in der 2. Strophe („fürchte von jedem Regentropfen…“) schließt eine dialogische Situation aus.

Das Gedicht besteht aus zwei kleinen Strophen. In der 1. Strophe berichtet die Sprecherin, dass jemand gesagt hat, er brauche sie. Das Subjekt dieser Äußerung ist „Der, den ich liebe“; das ist gegenüber „Mein Geliebter“ herausgehoben und macht auch einen Unterschied: Der, den ich liebe, muss mich nicht zwingend ebenfalls lieben. Im Gegenteil, er sagt, „daß er mich braucht“ (V. 3), nicht aber, dass er mich liebt. Wieso er mich braucht, wird nicht gesagt – es könnte gemeint sein, dass er mich als Mensch oder dass er meine Arbeitskraft braucht. Indirekt sagt Brecht als Autor damit (wenn er denn nicht ein Gedicht der Berlau im Brief zitiert), dass er Ruth Berlau braucht.

Daraus zieht die Ich-Sprecherin in der 2. Strophe die Konsequenz („Darum“, V. 4), auf sich Acht zu geben, sich in Acht zu nehmen, weil sie ja gebraucht wird – bis hin zur Hyperbel der Furcht vor Regentropfen (V. 7 f.). Die Sprache ist die des Alltags, sieht man von der Übertreibung in der 2. Strophe ab; im Zeilenschnitt sind Sinnabschnitte getrennt.

Wenn das Gedicht ursprünglich von der Berlau stammt, würde Brecht sie mit dem Zitat daran erinnern, dass sie versprochen hat, sich in Acht zu nehmen. Wenn Brecht selbst der Autor ist, wäre es eine Mahnung an sie, sich in Acht zu nehmen. Als Gedicht einer Frau, adressiert an einen Mann, ist es ein zartes und inniges Liebesbekenntnis; als Gedicht eines Mannes, adressiert an eine Frau, ist es ebenfalls ein Liebesbekenntnis, allerdings ein etwas nüchterneres: Da ist klar, dass im Bekenntnis auch das Geständnis „Ich brauche dich“ und der darin implizierte Appell, ihm zu helfen, eingeschlossen ist.

Persönliche Kontakte sind bei Brecht kein Selbstzweck. Er braucht das Gespräch und den Umgang mit Menschen als Motivation und Ideengenerator. Freundschaften sind bei ihm immer auch Arbeitsbeziehungen – und umgekehrt. Diese totale Synthese von Intimität und Öffentlichkeit prägen auch die sechs Jahre im Haus am Skovsbostrand. Denn das Haus am Sund ist nicht allein wegen der Debatten und des geistigen Austausches berühmt. Es wird auch zum Schmelztiegel der Brechtschen Arbeitsverhältnisse. Und die sind für ihn immer auch Liebesverhältnisse. Neben Helene Weigel sind seine Mitarbeiterinnen vor allen Dingen Margarete Steffin und seit 1935 Ruth Berlau, die seine Stücke auch ins Dänische übersetzt.“ (http://www.paluch-habeck.de/kleinearbeiten/radiosendungen/untermdaenischenstrohdach.html – vgl. den ganzen Beitrag!)

Gerhard Härle verweist auf eine Parallele im 22. Sonett Shakespeares und auf Brechts „Sonett Nr. 19“ (S. 63, in seiner Sammlung kommentierter Liebesgedichte, s.u.), nachdem er zuvor den prosaischen Charakter dieser Liebe herausgearbeitet hat: „Der Alltag selbst wird in diesen lyrischen Texten zum Träger der Bewährung und zugleich auch zum sprachlichen und stilistischen Mittel der Gestaltung dieser Alltags-Liebe.“ (S. 62)

Hier sei auch der starken Frau Ruth Berlau gedacht, die bei Brecht schwach wurde, und ihrer Genossinnen Elisabeth Hauptmann und Margarete Steffin: Frauen, die sich in Liebe und mit ihrer Arbeitskraft Brecht zur Verfügung stellten.

Analyse

http://de.wikipedia.org/wiki/Morgens_und_abends_zu_lesen

http://www.ph-heidelberg.de/wp/haerle/download/Haerle_LiebLyr_310306.pdf (G. Härle, dort S. 62 f.)

Rezeption

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/feiertag/1500030/ (Predigt)

http://sge.san.hrz.uni-siegen.de/Fachschaften/D/Lernpfade/D/LYRIK/Liebeslyrik/Liebeslyrik.pdf (dort letztes Beispiel, Standbilder dazu)

Ruth Berlau

http://de.wikipedia.org/wiki/Ruth_Berlau

http://stiftung-aufarbeitung.de/wer-war-wer-in-der-ddr-%2363%3B-1424.html?ID=235

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/ruth-berlau/

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/fazit/530195/

http://www.berliner-lindenblatt.de/content/view/218/235/

Elisabeth Hauptmann

http://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_Hauptmann

http://www.lwl.org/LWL/Kultur/westbibl/hauptmann/

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/elisabeth-hauptmann/

http://www.kulturgut-nottbeck.de/13716.0.html

http://www.joachim-dietze.de/pdf/brecht_ab.pdf (Brecht und seine Frauen)

Margarete Steffin

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/margarete-steffin/

http://www.imdb.com/name/nm1273118/bio

http://www.berlin.de/ba-mitte/bezirk/gedenken/margarethe_steffin.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Margarete_Steffin