Lessing: Emilia Galotti – Inhalt, Geschehen

Übersicht über das Geschehen

* ein Kabinett des Prinzen
I 1 Prinz(-Kammerdiener): Gegenüberstellung der Orsina und der Emilia in den Gedanken des Prinzen; Brief der Orsina bleibt ungelesen (-> IV 3)
I 2 Conti-Prinz: Conti mit zwei Bildern, Orsina – X
I 3 Monolog Prinz: zweite Gegenüberstellung (I 1 <-)
I 4 Prinz-Conti: Charakterisierung der Orsina, Begeisterung für Schönheit Emilias angesichts der beiden Bilder
I 5 Monolog Prinz: gute Absichten gegen Familie Galotti
I 6 Marinelli-Prinz: Info über Wünsche der Orsina und die bevorstehende Heirat Emilias mit Graf Appiani, dem Feind Marinellis; erste Überlegungen dazu; Prinz lässt Marinelli für sich denken und uneingeschränkt handeln; „Falle“ angedeutet (-> II 3, II 10)
I 7 Prinz (- Kammerdiener): Prinz will sich Emilia in der Kirche nähern -> II 6), hebt Bild wieder auf.
I 8 Camillo Rota-Prinz: Prinz überlässt alle Entscheidungen seinem Rat, ist besessen von seinem Plan, will schnell Todesurteil unterschreiben (Info über Emilia und ihre erste Begegnung mit dem Prinzen in I 4 und in I 6)

* ein Saal in dem Hause der Galotti
II 1 Claudia-Pirro: Odoardo wird angekündigt
II 2 Odoardo-vorige: Sorge des Vaters um den Ausgang seiner Tochter; Info: in Kirche (-> II 6)
II 3 Pirro-Angelo: Diener Pirro als Gaunerkumpan Angelos, der die Route Odoardos und des Brautpaars auskundschaftet; Pirro ahnt Verbrechen (-> III 2), wehrt sich vergeblich gegen Komplizenschaft.
II 4 Odoardo-Claudia(-Pirro): Sorge Odoardos über Ausbleiben Emilias; Gespräch über städt. Erziehung Emilias und deren Folgen (Bekanntschaft mit Appiani und Prinz)
II 5 Claudia: reflektiert des Prinzen Absichten
II 6 Emilia-Claudia: Emilia, verwirrt durch des Prinzen Annäherung, erzählt ihrer Mutter den Vorfall, bei dem sie sich kaum gewehrt hat; Claudia rät ihr ab, Appiani zu informieren, beruhigt sie.
II 7 Appiani-vorige: Appiani in Gedanken; Gespräch über Brautschmuck, Vorahnungen („Tränen“)
II 8 Appiani-Claudia: Appiani will Prinz informieren; erklärt seine Sorgen (kurz vor dem Ziel).
II 9 vorige-Pirro-Marinelli: Ankunft Marinellis gemeldet
II 10 Appiani-Marinelli: Marinelli will Appiani zum Fürsten laden bzw. Gesandten bitten; abgelehnt, Streit, Duellforderung
II 11 Appiani-Claudia: Appiani beruhigt Claudia über den Streit.

* ein Vorsaal auf dem Lustschlosse des Prinzen
III 1 Prinz-Marinelli: Bericht Marinellis über sein Treffen mit Appiani; Andeutung, dann Erklärung des gleichzeitig erfolgenden Überfalls
III 2 Marinelli, dann Angelo: Angelo berichtet vom Überfall, Marinelli ist am Tod des Grafen interessiert
III 3 Prinz-Marinelli: in Erwartung Emilias: der Prinz ist unsicher, berichtet von der Begegnung am Morgen (III 1 <-, II 6 <-).
III 4 Marinelli-Battista-Emilia: Emilia, in Sorge um Mutter und Appiani, wird auf den Prinzen vorbereitet.
III 5 Prinz-Emilia-Marinelli: Begegnung; Sorge Emilias um die Angehörigen, im Zwiespalt angesichts der Bekenntnisse des Prinzen
III 6 Battista-Marinelli: beraten, wie sie mit Claudia umgehen sollen
III 7 vorige-Claudia: Battista führt Claudia zu Marinelli.
III 8 Claudia-Marinelli: Begegnung; Claudia, die in Marinelli den Mörder Appianis erkennt, durchschaut die Zusammenhänge des Geschehens; Emilia hört sie sprechen.

IV 1 Prinz-Marinelli: Prinz zornig über Appianis Tod, wird beschwichtigt; strategische Reflexion des Geschehens; Marinelli erklärt, was die morgendliche Aktion des Prinzen (II 6) im Zusammenhang bedeutet
IV 2 Battiasta-vorige: Ankunft der Orsina gemeldet
IV 3 Orsina-Marinelli: Orsina erklärt ihre Ankunft (Brief I 1 <-), Marinelli schwätzt ihr hilflos nach; Orsina äußert sich ironisch über den „Zufall“ und reflektiert die Möglichkeit von Zufällen (-> IV 5).
IV 4 vorige-Prinz: Prinz will an ihr vorbeigehen.
IV 5 Orsina-Marinelli: Marinelle erzählt ihr (teilweise), wer beim Prinzen ist; Orsina erkennt den Prinzen als Mörder, da sie von der Begegnung am Morgen weiß (II 6 <-, IV 3 <-)
IV 6 vorige-Odoardo: Odoardo kommt an, will zum Pinzen.; Orsina lässt sich von Marinelli nicht wegschicken.
IV 7 Orsina-Odoardo: gegen Marinellis Warnung erkennt Odoardo sie als normal; Gemeinsamkeit der beiden: Verstand verloren, Herz  gebrochen; Odoardo erinnert sich an Gespräch mit Claudia (II 4), erhält Dolch der Orsina. Sie, als verlassene Frau rasend, bittet ihn um Rache.
IV 8 vorige-Claudia: Claudia beteuert eigene und Emilias Unschuld, berichtet von Emilias Befinden; Odoardo schickt die beiden Frauen weg.

V 1 Marinelli-Prinz: spekulieren über Odoardos künftiges Verhalten; Marinelli plant Neues.
V 2 Monolog Odoardo: Er besinnt sich, distanziert sich von Orsina, plant Bestrafung des Prinzen (durch Verbannung Emilias in ein Kloster).
V 3 Marinelli-Odoardo: Marinelli will Odoardo bestimmen, Emilia nicht mitzunehmen; holt den Prinzen.
V 4 Monolog Odoardo: Im Zorn rechtfertigt er schon sein gesetzloses Tun (im Kampf mit dem Prinzen).
V 5 Prinz-Marinelli-Odoardo: Disput wegen Aufenthalt Emilias; Prinz gibt dem Vater nach, doch Marinelli schlägt ein Verhör Emilias in der Stadt vor sowie ihre Trennung von der Familie. Odoardo setzt zur Ermordung des Prinzen an; Streit um den Ort der Verwahrung Emilias.
V 6 Monolog Odoardo: Er zögert, will auf Tat verzichten, kann Emilia nicht mehr ausweichen.
V 7 Emilia-Odoardo: Emilia, ruhig; Odoardo (vorher) ist unruhig: Emilia will fliehen, Odoardo offenbart ihr das Vorhaben des Prinzen. Emilia will sich töten, um der Verführung zu widerstehen, reizt ihren Vater zum Mord.
V 8 vorige-Prinz-Marinelli: Odoardo stellt sich dem Gericht des Prinzen, dieser verjagt Marinelli als „Teufel“.

Legende: (-> verweist vor auf…, <- knüpft an … an.)

Sie finden meine Analyse des Dramas unter https://norberto42.wordpress.com/2012/03/06/lessing-emila-galotti-analysen/ – als Unterrichtsreihe ausgearbeitet: http://www.lehrer-online.de/dyn/9.asp?path=/emilia-galott

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Lessing: Nathan der Weise – Inhalt, Geschehen

Übersicht über das Geschehen:

* Flur in Nathans Haus
I 1 Nathan – Daja: Beginn durch Nathans Heimkehr; Bericht über des Tempelherrn und des Sultans gute Taten -> I 2
I 2 Nathan – Daja – Recha: religiöse „Aufklärung“ Rechas durch Nathan
I 3 Nathan – Derwisch: (berichtende) Einführung Saladins
I 4 Nathan – Daja:  -> I 6; II 4 ff. (Tempelherrn holen!)
* ein Platz mit Palmen
I 5 Tempelherr – Klosterbruder: Angebot des Patriarchen (Einführung des Patriarchen und des Klosterbruders; Charakter des Tempelherrn)
I 6 Tempelherr – Daja: Tempelherr lehnt Einladung zu Nathan ab; Info: Vorgeschichte Dajas

* des Sultans Palast (Schachspiel)
II 1 Saladin – Sittah: Saladin über die Christen; Geldsorgen
II 2 Salaladin – Sittah – Al Hafi: Saladin und das Geld
II 3 die gleichen Figuren: Saladin wird über Nathan informiert -> II 6; II 9
* vor dem Hause Nathans, wo es an die Palmen stößt
II 4 Nathan – Recha – Daja: Verhältnis Vater-Tochter (vgl.I 1; III 1; IV 7; V 3, V 6-8) -> II 5
II 5 Nathan – Tempelherr: Gespräch; Freundschaft -> III 2
II 6 Nathan – Tempelherr – Daja: Info: Nathan zu Saladin eingeladen -> III 4 ff.
II 7 Nathan – Tempelherr: Nathans Haltung gegenüber Saladin -> II 4 ff.; er ahnt des Tempelherrn Identität -> III 9; IV 7; V 8; Tempelherr zu Nathan („zu uns“) eingeladen
II 8 Nathan – Daja: Nathan plant weiter -> II 9; IV 6
II 9 Nathan – Al Hafi: Al Hafi tritt ab; Info: Geldwünsche des Sultans -> III 4 ff.

* in Nathans Hause
III 1 Recha – Daja: Gespräch über Dajas Verständnis des Tempelherrn – Präludium zu III 7
III 2 Recha – Daja – Tempelherr: Begegnung Daja – Tempelherr: Mann – Frau  -> III 9 ff.
III 3 Recha – Daja: Gespräch über Rechas Liebe
* ein Audienzsaal in dem Palaste des Saladin
III 4 Saladin – Sittah: (vgl. II 3) Verfassung Saladins
III 5 Saladin – Nathan: erste Begegnung, Saladins Auftrag
III 6 Nathan: Reflexion des Auftrags -> III 7
III 7 Nathan – Saladin: Ringparabel, Freundschaft der beiden, Geldangebot (<-II 3.9) -> IV 3 ff.)
* unter den Palmen
III  8 Tempelherr: Reflexion seiner Situation
III  9 Tempelherr – Nathan: Werbung um Recha, Zurückhaltung Nathans
III 10 Tempelherr – Daja: Info: Recha ist Christin -> IV

* in den Kreuzgängen des Klosters
IV 1 Klosterbruder – Tempelherr:  -> IV 2
IV 2 Klosterbruder – Tempelherr – Patriarch: Gespräch über den „Fall“ Recha (<- III 10), Rückzieher des Tempelherrn
* ein Zimmer im Palaste Saladins
IV 3 Saladin – Sittah – Sklave:  -> IV 4
IV 4 Saladin – Tempelherr: Begegnung, Freundschaft; Gespräch über Recha; Tempelherr unreif, stürmisch(<-III 9 f.; IV 2)
IV 5 Saladin – Sittah: Beschluss, Recha zu holen (-> IV 8; V 6.8); Hinweis auf Assad
* die offene Flur in Nathans Hause
IV 6 Nathan – Daja: Gespräch über Rechas Ehe: Daja drängt, Nathan mahnt zur Geduld
IV 7 Nathan – Klosterbruder: Info über des Tempelherrn Gang zum Patriarchen (IV 2); Vorgeschichte Nathans; Identität von Assad und Recha deutet sich an
IV 8 Nathan – Daja: (<-IV 5) Daja beschließt, Recha ihre Herkunft zu enthüllen (-> V 6)

* das Zimmer mit den Geldbeuteln
V 1 Saladin – Mamelucken: Geld trifft ein; Saladins Großmut
V 2 Saladin – Emir Mansor: Info (<-V 1; II 1)
* die Palmen vor Nathans Hause
V 3 Tempelherr: Reflexion, er bereut seine Tat
V 4 Nathan – Klosterbruder: Klosterbruder bringt das Buch mit dem Stammbaum der Familie Filnek; Info über IV 2
V 5 Nathan – Tempelherr: IV 2 besprochen; neue Werbung; Andeutung des Verhältnisses („Bruder“)
* in Sittahs Harem
V 6 Sitta – Recha: (<-IV 8) Recha erzählt von Dajas Info und bangt um den Verlust des Vaters
V 7 Sitta – Recha – Saladin: Saladins Vorschläge zur Lösung von  Rechas Problem (<-IV 8; V 6)
V 8 Sitta – Recha – Saladin – Nathan – Tempelherr: Saladin fährt wie in V 7 fort; Nathan enthüllt die Identität der beiden „Kinder“ (V. 3812; 3836; <-II 7), indem er die am weitesten zurückreichende Vorgeschichte aufklärt; Lösung

Analysen zum Drama: https://norberto42.wordpress.com/2012/01/15/lessing-nathan-der-weise-analyse-inhalt/

Lessing: Emila Galotti – Analysen

Der Prinz in den Monologen des 1. Aufzugs

Analyse I 6 (ab 14/3)

Dramatische Situation am Ende von I

Aufbau von II 6

Überlegungen zur Schuld Emilias (zu II 6)

Dramatische Situation am Ende von II

Analyse III 1 – Skizze

Aufbau III 8

Dramatische Situation am Ende von III

Analyse IV 1

Dramatische Situation an Ende von IV

Aufbau V 5 – eine kurze Übersicht

Odoardo als Figur

Orsina als Figur

„Emilia Galotti“ als Drama der Aufklärung

Die Analysen finden Sie jetzt auf dem Lehrermarktplatz unter meinem Namen (Norbert Tholen).

Als Unterrichtsreihe sind diese Analysen hier ausgearbeitet: http://www.lehrer-online.de/dyn/9.asp?path=/emilia-galotti

Lessing: Nathan der Weise – Analyse, Inhalt

Entwicklung des Geschehens

Nathan als Lehrer: Analyse I 2; II 5; III 5-7

Eine Bemerkung zu Lessing: Nathan der Weise, V. 3331/33

Bemerkungen zu V 5

Über vernünftige Plausibilität im „Nathan“ (Metaphorik der Plausibilität)

Über den Verlauf das Geschehens und den Sinn der letzten Szene (V 8)

 

Die Analysen finden Sie jetzt auf dem Lehrermarktplatz unter meinem Namen (Norbert Tholen).

 

Fabeln vergleichen: Der Tanzbär; Die Aufteilung der Beute

Es ist zwar nicht üblich, aber äußerst spannend, in Klasse 11 die Entwicklung einzelner Stoffe oder Fabel-Motive, d.h. ihre Behandlung durch verschiedene Autoren zu verfolgen. Ohne dass ich das hier ausreichend begründen könnte, vertrete ich die Auffassung, dass in der klassischen Fabel ein Fall (und damit eine allgemeine Frage) zur Entscheidung gestellt wird. Entschieden wird durch Erfolg oder Misserfolg einer Partei (und das heißt ihres Handlungsprinzips) oder durch ein kluges Wort. Die Texte, die ich im Folgenden vergleiche, stammen aus dem Arbeitsheft „Fabeln“ von Therese Poser (RUB 9519).

Der Tanzbär
In Gellerts Fabel wird von einem Bären erzählt, der der Gefangenschaft entfliehen konnte, von den Genossen freudig aufgenommen wird, seine Erlebnisse erzählt und bei dieser Gelegenheit zufällig zu tanzen beginnt (Z.10) – er erzählt mimisch anschaulich. Damit liegt die Exposition des Geschehens vor.
Das eigentliche Geschehen beginnt, als die anderen Bären sein Können bewundern und versuchen, so wie der heimgekehrte Bär zu tanzen, was sie aber nicht schaffen. Da lässt sich der Tanzbär „sehn“ (Z. 19) angesichts ihrer Unfähigkeit, aufrecht zu tanzen; damit stellt der Erzähler indirekt die Frage, die zu entscheiden ist: Was soll man (hier: der Tanzbär) tun, wenn man etwas deutlich besser als die anderen kann?
Die Bären reagieren mit Unmut auf die Demonstration seiner Überlegenheit und jagen ihn fort; durch seinen Misserfolg wird die Frage entschieden: Man soll nicht mit seinem Können prahlen. Der Erzähler nennt zwar des Bären Können „Kunst“ (Z. 20) und bezeichnet die Bären abwertend als schreienden „ganzen Haufen“; aber dieser Haufen bildet die heimatlich-brüderliche Genossenschaft des Bären (Z. 3-6). Sie fordern ihn auf, das Lebensgesetz des Durchschnitts anzuerkennen, bzw. verjagen ihn, da er sich dem nicht beugt.
In dem abschließenden Kommentar spricht der Erzähler seinen Hörer mit „du“ an, womit niemand spezifisch gemeint ist, sodass der Autor damit jeden Leser erreichen kann, der unter Menschen als seinesgleichen leben will. Mit den Mahnungen zieht der Erzähler das Fazit aus seiner Geschichte: „Sei nicht geschickt“ (Z. 24) und „nimm dich in acht, dich prahlend sehn zu lassen” (Z. 27); zwischen diesen beiden Forderung besteht eine Spannung – nur die letztere entspricht exakt dem Verlauf des Geschehens, da hier die zweifache Reaktion der Genossen (zunächst Anerkennung – „bald“ darauf Kritik) aufgenommen wird. Man wird also die erste Mahnung im Sinn der zweiten lesen müssen: Dem Ruhm folgt schnell der Neid (Z. 29 f.).
Lessings Fabel trägt den gleichen Titel wie die Gellerts, und man wird annehmen dürfen, dass sie in Kenntnis der ersten geschrieben worden ist; denn die Ausgangssituation ähnelt der von Gellerts Fabel (Entlaufener Tanzbär kehrt heim, Z. 1 f.). Doch ist sie nicht nur knapper erzählt, sondern es wird auch zugleich das Geschehen verändert: Der Tanzbär beginnt von sich aus, den Tanz vorzuführen. Der Erzähler bezeichnet den Tanz als „Meisterstück“ (Z. 3), wobei aufgrund der ungewöhnlichen Umstellung des Attributs „gewohnt“ (bei „Hinterfüßen“, es gehört zu „Meisterstück“: Enallage oder Hypallage, s. Ivo Braak!) zunächst nicht auffällt, dass diese Wertung eigentlich an die Sicht des Tanzbären gebunden ist, vom Erzähler also möglicherweise ironisch zitiert wird. Dass der Erzähler dem Tanzbären gegenüber Distanz wahrt, erkennt man am Verb „schrie“ (Z. 5), mit dem er die Eigenreklame des Tanzbären abwertend bezeichnet. Dieser nennt seine Aufführung „Kunst“ (Z. 5), was dem „Meisterstück“ (Z. 3) entspricht; er grenzt den Bereich seines früheren Wirkens, die (große) „Welt“ (Z. 5), gegen den „Wald“ (Z. 2) als Bärenort ab. Die Aufforderung „Tut es mir nach“ (Z. 6) ist aufgrund der beiden folgenden Einschränkungen eine Provokation; mit der ersten („wenn‘s euch gefällt“, Z. 6) wird der Kunstverstand der Wald-Bären, mit der zweiten ihr technisches Können bezweifelt. Er redet von sich aus so, ehe er es unternommen hat, überhaupt mit ihnen ein Wort zu sprechen. Durch diese erzählerische Raffung des Geschehens wird der Bär nicht nur als provokant dargestellt. Schlimmer noch: Wiewohl entflohen und in den Wald als Heimat zurückgekehrt, hält er an den Kunst-Normen seiner ehemaligen Welt fest und demonstriert sie, wobei er auf die Gangart der Waldbären hinabblickt. Damit ist die Frage gestellt, ob das wohl richtig sein kann.
Diese Frage wird durch das kluge Wort eines alten, also weisen Bären entschieden; dessen Überlegenheit demonstriert der Erzähler auch durch die Bezeichnung „brummen“ (Z. 7), womit er dem aufdringlichen Schreien des Tanzbären ein ruhiges Sprechen entgegensetzt. Mit der Aufforderung „Geh“ (Z. 7), die noch an die Vertreibung aus Gellerts Fabel erinnert, gebietet er dem Tanzbären, mit Tanzen und Reden aufzuhören; er entlarvt „dergleichen Kunst“ (Z. 8, „dergleichen“ wertet ab!) als Ausdruck eines Sklavengeistes (Z. 10), ohne ihre Brillanz ausdrücklich zu bezweifeln (Konzessionen: „schwer“ und „rar“, Z. 8 f.). Dem alten Bären wird nicht widersprochen, sein Wort ist das letzte der Fabel: Es ist damit nach dem Willen des Erzählers wahr.
Im Kommentar bezieht der Erzähler diese Entscheidung auf die Möglichkeit einer beruflichen Karriere an den Höfen zu Lessings Zeit: „Ein großer Hofmann sein“ (Z. 11, 16), wobei er durch die Wiederholung dieser Wendung und die negative Wertung höfischen Verhaltens („Schmeichelei, List, Kabalen, Komplimente“ an Stelle von „Witz und Tugend“) zu erkennen gibt, dass er „groß“ ironisch meint. Deshalb ist die Schlussfrage nur rhetorisch offen: Man kann nicht guten Gewissens Hofmann sein. Der Kommentar geht in seinem Zeitbezug und vor allem mit der moralischen Wertung des Hoflebens über das hinaus, was die Erzählung als Lehre hergibt.
In Lessings Fabel tritt die gleiche Figur wie in Gellerts Fabel auf, aber sie handelt anders, und das wirft eine andere Frage auf. An die Stelle des Gegensatzes von Können und Durchschnitt tritt der von Wald und Welt. Im Kommentar Lessings (oder des Erzählers?) wird die „Welt“ des Tanzbären als die Welt der Fürstenhöfe identifiziert, das Leben dort aus bürgerlichem Freiheitssinn und bürgerlicher Moral kritisiert.

Die Aufteilung der Beute (Luther: Von dem Lewen / Rind / zigen und schaff – Thurber: Der Löwe und die Füchse)

In Luthers Fabel „Von dem Lewen / Rind / zigen und schaff“ geht es um die Frage, wie unter ungleichen Jagdgenossen die Beute verteilt wird bzw. mit welcher Verteilung man rechnen darf: Geht das nach dem Recht der Kameradschaft bzw. der Gleichberechtigung, das der ersten Aufteilung in vier gleiche Teile zu Grunde zu liegen scheint (Z. 3), oder nach dem Recht des Stärkeren, das der Löwe ganz offen vertritt (Z. 8 f.). Er führt zunächst zwar zwei Argumente an, die ihm einen größeren Anteil an der Beute zu garantieren scheinen: Er sei der König der Tiere und er habe mehr gearbeitet (Z. 5-8); aber den Rest der Beute beansprucht er unverhohlen aufgrund seiner Stärke.
Man könnte diese Fabel in Situationen erzählen, in denen jemand so naiv ist, dass er an die Gleichberechtigung ungleicher Genossen, an die Fairness der Stärkeren glaubt.
In Thurbers Erzählung „Der Löwe und die Füchse“ wird das von Luther erzählte Geschehen fortgesetzt (Z. 1-3). Dann tauchen neue Tiere auf, drei Füchse (Z. 3); Schaf, Ziege und Rind (Kuh) sind von der Bildfläche verschwunden. Die Füchse nehmen dem Löwen seine Beute Zug um Zug wieder ab, und zwar mit ausgesprochen juristischen Argumenten (Strafgebühr, Z. 5; Hinterbliebenenversorgung, Z. 7 f.; Einkommensteuer, Z. 11 f.); der Löwe kommt nur zweimal zu Wort, als er knurrend widerspricht (Z. 9) und als er sich auf seinen fabel-haften Titel „König der Tiere“ beruft (Z. 14). Dieser alte Machtanspruch schadet ihm jedoch, weil er als Vorwand benutzt wird, ihm sogar das relativ wertlose Geweih des Hirschs abzunehmen (Z. 15-17).
Wenn man nach einer Handlungsalternative sucht, könnte man sie so formulieren: Kann man „heutzutage“ (siehe die „Moral“!) noch auf alte Machtpositionen vertrauen oder nicht? Der Misserfolg widerlegt die Erwartung des Löwen, dass seine unmittelbar vorher bestätigten Handlungsprinzipien noch gelten.
Spielerische Elemente sind in Thurbers Fabel mehrfach zu finden: Da ist einmal die Konfrontation des feudalen königlichen Löwen-Jagdrechtes mit dem modernen System, einen Jagdschein zu erwerben und eine Jagd zu pachten (Z. 5 f.); das zweite ist die offenkundige Lüge und Rechtsverdrehung, dass man dem Löwen etwas für seine Witwe abnehme (Z. 7 ff.), das dritte der despektierliche Umgang mit dem Titel „König der Tiere“ (Z. 14 ff.). Auch der offene Zynismus des dritten Fuchses („Das schützt mich…“) erfrischt den Leser, der vielleicht daran denkt, für welche Projekte ihm Steuern abgenommen werden und wie er einen riesigen Staatsapparat finanziert.
Damit ist angedeutet, dass Thurbers Fabel die Vorlage nicht nur spielerisch fortsetzt, sondern vermutlich auch einen Bezug auf Erfahrungen des 20. Jahrhundert besitzt. Die Erwartungen des Löwen, die sich auf alte Erfahrungen vom Recht der Stärke stützen, sind heutzutage nichts mehr wert; das sagt auch der Erzähler in der Moral der Fabel Thurbers. Die Frage ist nur, ob der Erzähler dies bedauert oder nicht.
„Der Löwenanteil“ (vgl. Z. 19) ist der Titel einer Fabel Äsops, die vom gleichen Prinzip wie Luthers Fabel bestimmt wird. Unter dem Stichwort „Löwenanteil“ wird nicht erkennbar, ob damit nur die Größe oder auch der unrechtmäßige Erwerb dieses Anteils gemeint ist. Wenn man sich den Erzähler konservativ denkt, wird man aus Thurbers Fabel die Klage hören, dass den Starken heute alles mit juristischen Spitzfindigkeiten abgenommen wird; das erinnerte an den F.D.P.-Slogan: „Leistung muss sich wieder lohnen.“
Aus zwei Gründen würde ich eine andere Lesart vorziehen, die die Niederlage des vormals frechen Löwen nicht ohne Schadenfreude erlebt. Einmal setzen die Füchse, wenn auch auf höherem Niveau, die fadenscheinige Argumentation fort, mit welcher der Löwe in Luthers Fabel das zweite und dritte Viertel der Beute beansprucht hatte. Außerdem ist mit dem Stichwort „Löwenanteil“ eine alte Fabel zitiert, in der das „Recht“ der Stärke demonstriert wurde. In dieser Lesart hätte sich also nichts Wesentliches geändert; nur wäre heute die Stärke nicht die des Löwen, sondern die des Staates und seiner Juristen, und der frühere Täter wäre jetzt Opfer, weil sich die Quelle der Stärke verändert hat: An die Stelle der Körperkraft ist die juristische Argumentation getreten.
Gegen dieses Verständnis spricht aber, dass die Füchse allzu dreist lügen (Z. 9) und ihren persönlichen Vorteil als Handlungsmotiv offenbaren (Z. 12 f.). So bleibt zum Schluss die Frage, ob es für den Leser neben der Freude an der spielerischen Abwandlung des alten Stoffs und der neuen Moral vom Wandel der Machtverhältnisse noch eine Parteinahme des Erzählers oder des Autors Thurber für oder gegen den geschädigten großen Löwen geben muss.
(Das Reclam-Heft bietet weitere Fabeln zum direkten Vergleich an.)