Liebeslyrik Barock – Literatur des Barock

Methodisch:

1. Wenn man Liebeslyrik des Barock kennenlernen will, sollte man mit ein paar Beispielen beginnen; am besten liest man eines so oft (hier: Hoffmannswaldau), dass man es auswendig aufsagen und zitieren kann – dann kann man mit diesem andere Barock-Gedichte vergleichen! Für die beiden ersten Gedichte nenne ich auch jeweils zwei Analysen.

Martin Opitz: Ach liebste laß uns eilen

Ach liebste laß uns eilen
Wir haben Zeit
Es schadet das verweilen
Uns beyderseit.

Der Edlen Schönheit Gaben
Fliehen fuß für fuß:
Daß alles was wir haben
Verschwinden muß.

Der Wangen Ziehr verbleichet
Das Haar wird greiß
Der Augen Feuer weichet
Die Brunst wird Eiß.

Das Mündlein von Corallen
Wird umgestalt
Die Händ‘ als Schnee verfallen
Und du wirst alt.

Drumb laß uns jetzt geniessen
Der Jugend Frucht
Eh‘ wir folgen müssen
Der Jahre Flucht.

Wo du dich selber liebest
So liebe mich
Gieb mir das wann du giebest
Verlier auch ich.

Analyse: http://proudmary.beepworld.de/files/anaylseopitz.doc

und vor allem http://erlangerliste.de/barock/start2.html

Arbeitsanweisung dazu: http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_litgesch/barock/opitz_txt_1.htm

 

Hoffmann von Hoffmannswaldau: Vergänglichkeit der Schönheit. Sonnet

 

Es wird der bleiche Tod mit seiner kalten Hand

Dir endlich mit der Zeit um deine Brüste streichen.

Der liebliche Korall der Lippen wird verbleichen;

Der Schultern warmer Schnee wird werden kalter Sand.

 

Der Augen süßer Blitz, die Kräfte deiner Hand,

Für welchen solches fällt, die werden zeitlich weichen.

Das Haar, das izund kann des Goldes Glanz erreichen,

Tilgt endlich Tag und Jahr als ein gemeines Band.

 

Der wohlgesetzte Fuß, die lieblichen Gebärden,

Die werden teils zu Staub, teils nichts und nichtig werden.

Dann opfert keiner mehr der Gottheit deiner Pracht.

 

Dies und noch mehr als dies muss endlich untergehen.

Dein Herze kann allein zu aller Zeit bestehen,

Dieweil es die Natur aus Diamant gemacht

 

Analyse: http://www.germanistik.unibe.ch/pdffiles/Musterklausur.pdf

http://www.michaelseeger.de/k2d/17_ss_vergaenglichkeit.doc

 

Johann Georg Greflinger (ca.1620 – ca.1677)

An eine vortreffliche, schöne und tugendbegabte Jungfrau 

 

Gelbe Haare, güldne Stricke, 


Taubenaugen, Sonnenblicke, 


Schönes Mündlein von Korallen; 


Zähnlein, die wie Perlen fallen, 

 

Lieblichs Zünglein in dem Sprachen*, 


Süßes Zürnen, süßes Lachen, 


Schnee- und lilienweiße Wangen, 


Die voll roter Rosen hangen, 

 

Weißes Hälslein gleich dem Schwanen, 


Ärmlein, die mich recht gemahnen 


Wie ein Schnee, der frisch gefallen, 


Brüstlein wie zween Zuckerballen, 

 

Ausbund aller schönen Jugend, 


Aufenthaltung aller Tugend, 


Hofstatt aller edlen Sitten: 


Ihr habt mir mein Herz bestritten!
 

*Sprachen: Mund (Wortschöpfung/Neologismus)

 

2. Danach kann man sich mit der Theorie der Liebeslyrik im Barock befassen. Dieses Thema kann man in größere Zusammenhänge einbetten: Liebeslyrik im Barock -> Lyrik im Barock -> Literatur des Barock -> Epoche Barock. In dem Sinn sind die folgenden Links genannt und geordnet, besonders wichtige sind fett gesetzt:

a) http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_litgesch/barock/litge_barock_4_3_1.htm (Liebeslyrik Barock)

http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_litgesch/barock/litge_barock_4.htm (Lyrik des Barock – Großseite, mit Textbeispielen)

http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_litgesch/barock/litge_barock_0.htm (Literatur des Barock)

b) http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/ringvorlesungen/liebesdichtung_antike_barock/Liebeslyrik_Barock_Zusammenfassung.pdf (Liebeslyrik 17. Jh.)

http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/ringvorlesungen/liebesdichtung_antike_barock/Liebeslyrik_Barock_Folien.pdf (Folien zu: Liebeslyrik im 17. Jh.)

http://www.hoegy.de/wiki2/index.php/Lyrik/Barocke_Liebe (Liebesgedichte im Barock, Teil der Unternehmung „Lyrik“: http://www.hoegy.de/wiki2/index.php/Lyrik)

c) http://www.donat-schmidt.de/files/downloads/deutsch/textsammlung/barockgedichte.pdf (Barockgedichte – Beispiele)

http://wiki.zum.de/Lyrik_des_Barock (Lyrik Barock, allgemein – mit guten Links)

http://erlangerliste.de/barock/start2.html (Interpretation von Barock-Gedichten)

http://www.awg.musin.de/comenius/8_2_d_bar_lyrik.html (die barocke Lyrik: Referat)

http://www.ahg-ahaus.de/deutsch/barocklyrik.pdf (Barocklyrik – ausführlich, Auszug aus F. G. Hoffmann / H. Rösch)

http://www.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/18/530.pdf (Barocklyrik – stark formal)

http://gedichte.xbib.de/literatur_epochen_barock.html (Barock, mit Autoren, Gedichten und literarischen Formen)

d) http://de.wikipedia.org/wiki/Barockliteratur (Barockliteratur – allgemein)

http://blog.zeit.de/schueler/2012/02/16/thema-literatur-des-barock-1600-1720/#dossier (Literatur des Barock, mit Links zu Textbeispielen)

e) https://de.wikipedia.org/wiki/Barock (Barock insgesamt)

http://www.pohlw.de/literatur/epochen/barock.htm (Barock allgemein)

http://www.literaturwelt.com/epochen/barock.html (Barock, mit einigen Gedichten von einigen der „Vertreter“ des Barock)

Literatur bzw. Lyrik des Barocks

Ich möchte hier einige Beobachtungen ausführen, die es vielleicht möglich machen, dass Schüler über die simplen Schlagwörter der vanitas („alles ist vergänglich“), des entgegengesetzten „carpe diem“ und vielleicht noch der blind waltenden Fortuna hinauskommen. Ich stütze mich dabei ausschließlich auf die Gedichte in der Anthologie Conrady: Das Buch der Gedichte, neu hrsg. von Hermann Korte (2006). – Eigentlich müsste die Überschrift „Zur Dichtung des Barocks“ heißen, weil auch nichtlyrische Gedichte berücksichtigt sind.

1. Naturlyrik oder Gebet?
Der dtv-Atlas bietet einen guten Überblick über die Literatur des Barocks; am Beispiel von Gryphius‘ „Morgen Sonnet“ (einige Versuche, den Text heute zu präsentieren:
http://www.sternenfall.de/Gryphius–Morgen-Sonett.html
http://mdzonline.de/lyrik/gr-morgensonnet-t-txt.htm
http://www.sonett-archiv.com/gh/Gryphius/TAGESZEITEN.htm
http://www.sternenfall.de/wb–Gryphius–e.html : ein Arbeitsmittel!)
soll aufgezeigt werden, dass die strenge Einteilung in verschiedene Kategorien, wie sie der dtv-Atlas vorgibt, jedoch nur mit Vorsicht zu gebrauchen ist.
Zunächst scheint der Sprecher in der Situation eines ganz frühen Morgens zu stehen, wie die Adverbien „nun“ (V. 1, 6) und „schon“ (V. 5) zeigen, dessen Anzeichen („der Stralen Pracht“, V. 6) er begeistert beschreibt. Dann wendet er sich unvermittelt an Gott mit der Anrede „O“ (V. 7) und bittet darum, von IHM erleuchtet zu werden (V. 8); damit ist eine Wende erreicht bzw. scheint der „Sinn“ der Naturbeschreibung mit ihren Lichtphänomenen eingeholt zu sein: Vom Licht des neuen Tages kommt der Sprecher metaphorisch zur Erleuchtung des Menschen:
„Erleuchte den / der sich itzt beugt vor deinen Fuessen!“ (V. 8)
In den folgenden Versen der Terzette wird mit mehreren Bitten umschrieben, was das heißt: Vertreibe die Nacht der Seele, die Finsternis des Herzens; Erquicke mein Gemüt, stärke mein Vertrauen (V. 9-11); und im letzten Terzett wird dann dieser Tag jenem (letzten) Tag gegenübergestellt und unter die große Bitte „Gib“ zusammengefasst: in Gottes Dienst heute, dereinst ewige Schau des göttlichen Lichtes („mein Sonn, mein Licht“ (V. 14).
„Licht“ (vs. Finsternis) ist eine alte religiöse Metapher; aus der biblischen Tradition seien die beiden folgenden Sätze genannt: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil“, sagt der Beter (Ps 27,1); der johanneische Christus sagt sogar: „Ich bin das Licht der Welt“ (Joh 8,12). Auch „erleuchten“ ist seit der Luther-Bibel als Metapher bekannt („Da ward mein Seel erleuchtet“, Sir 51). Zur Metapher „Licht“ vgl.: http://www.licht-hamburg.de/programm/vortrage
http://baseportal.de/cgi-bin/baseportal.
http://www.norberto42-2.blog.de/2005/07/
Da im zweiten Teil des Sonetts eindeutig die Licht-Metaphorik und die Anrede Gottes im Vordergrund steht, könnte man darüber streiten, ob hier eher ein Gebet oder ein „Naturgedicht“ vorliegt – oder ob das überhaupt eine Alternative ist: Vielleicht liegt ja beides vor, vielleicht auch ein Übergang vom einen zum andern. [Wie groß die Differenz zur Aufklärung ist, versteht man, wenn man bedenkt, was für ein Licht im 18. Jh. leuchten soll!]

Ähnliches könnte man zu Gryphius‘ Gedicht „Abend“ (1650) sagen, nur dass hier eben das Licht verfällt (V. 6), dass für das ganze Leben die Metapher der Rennbahn eingeführt wird (V. 8 – vorher „der Glieder Kahn“, d.i. Leib auf der Fahrt zum Hafen als dem Ziel, V. 5); Gott wird als der mit dem ewig-hellen Glanz angesprochen (V. 9 ff.) und gebeten, am letzten Tag bzw. am Abend des Lebens den Beter zu erretten:
„So reiß mich aus dem Thal der Finsternueß zu dir.“ (V. 14) Hier haben wir „Finsternis“ als Kontrast zum Licht und „Abend“ als Metapher des Lebensendes. – Eigenwillig gegenüber unserem Sprachgebrauch ist die Deklination „die Port“ (der Hafen).
(Text: s.o. „TAGESZEITEN“ sowie
http://www.dinlilleavis.dk/tndr_net/main/DLA/poesi/gry_a06.html
http://www.mdzonline.de/lyrik/gr-abend-t-wiss.htm (Interpretation)
http://www.teachsam.de/deutsch/d_ubausteine/aut_ub/gry_ub/gry_txt_3_ub_4_1.htm (ebenso)
Ähnliches gibt es in einer Reihe weiterer Gedichte, sodass wir doch ein klar benennbares Phänomen vor uns haben: Naturerlebnisse führen zu Gott hin, wenn sie in ihrem metaphorischen Sinn verstanden werden; in der Analogie, würde der Theologe sagen, ist die Welt voller Zeichen oder Spuren Gottes; man vergleiche
Catharina Regina von Greiffenberg: Auf die fruchtbringende Herbstzeit;
Paul Gerhardt: Abendlied (Vorlage für Matthias Claudius‘ Abendlied!);
Christian Knorr von Rosenroth: Morgenandacht;vgl. auch die Analyse von P. Gerhardt: Abendlied (1667), hier in dieser Kategorie!
Bei Barthold Heinrich Brockes (1680 – 1747) schiebt sich die Wahrnehmung der Natur schon stark in den Vordergrund: Das Gedicht „Die Nachtigall und derselben Wettstreit gegeneinander“ hat mit der Nachtigall ein neues Sujet und nur zum Schluss, beinahe formal einen Aufruf zum Gotteslob (V. 65 ff.; ähnlich „Kirschblüte bei der Nacht“, V. 29 ff.). Grimmelshausens Gedicht „Komm, Trost der Nacht, o Nachtigall“ (1669, vielleicht eine Anregung für Brockes‘ Gedicht von 1727?) ist eine Aufforderung an die Nachtigall, ihre Stimme zum Gotteslob zu erheben.

2. Politische Gedichte
Diese Kategorie ist nicht stark ausgebildet, obwohl der große Krieg (1618-1648) genügend Anlass zu politischen Überlegungen geboten hätte. Am auffälligsten ist Georg Rudolf Weckherlin: An das Teutschland (1641, siehe http://www.sonett-archiv.com/vz/Weckherlin.htm); dieser Aufruf (im Sinn von: Deutschland, erwache!) ist ein moralischer Appell:
„Zerbrich das schwere Joch…,
Gebrauch dein altes Herz…,
Straf nu die Tyrannei…“ im Vertrauen auf Gott, im Verein mit den Fürsten; ernüchtert hat Georg Herwegh zweihundert Jahre später Deutschland ironisch aufgefordert, weiter zu schlafen – der Glaube an Gott und die Fürsten war ihm abhanden gekommen.
Nach dem Krieg ist Johann Klajs „Teutschland betet“ (1650) erschienen; der Sprecher wendet sich an Gott und die „hohen Potentaten“, endlich Frieden zu machen; die letzten vier Strophen sind von Klagen über die Verluste erfüllt, die man in den letzten dreißig Jahren erlitten hat.
Eine reflektierte moralische Kritik nicht nur am Krieg, sondern auch an Politikern und den höfischen Leben bietet Friedrich von Logau (1604 – 1655), der viele Epigramme verfasst hat. „Abgedankte Soldaten“ und „Des Krieges Buchstaben“ (ein Akrostichon) stellen den Krieg bloß; in „Heutige Weltkunst“ und „Ein Hofemann“ kritisiert er das politische Leben allgemein. Die Töne des Gedichts „Ein Hofemann“ (1654) tauchen ziemlich genau 100 Jahre später fast identisch bei Lessing in Fabeln wieder auf.
Eigenwillig und schwer zu charakterisieren ist Grimmelshausens Gedicht „Du sehr-verachter Bauren-Stand / Bist doch der beste in dem Land…“ (1669). In den ersten acht Strophen wird also der Bauernstand in seiner Bedeutung für die Allgemeinheit herausgestellt; in den beiden letzten Strophen wird die Tatsache, dass die Bauern oft von Soldaten ausgeraubt wurden, ironisch als gut bewertet – der Soldaten böser Brauch diene den Bauern zum Besten, da sie so nicht hochmütig würden. Nur indirekt kann man dieses Gedicht ein politisches nennen.

Warum gibt es trotz schweriger Lage im Barock so wenige politische Gedichte? Die erlittenen Leiden wurden in der Klage über die Vergänglichkeit und im Vertrauen auf den ewigen Gott ertragen, zumindest in den Gedichten; die Frömmigkeit hat sich bei Angelus Silesius in eine derart hohe Mystik gesteigert, dass alles Irdische einfach bedeutungslos ist. Von seinen mystischen Epigrammen sei eines zitiert:
Der Mensch ist Ewigkeit
„Ich selbst bin Ewigkeit, wenn ich die Zeit verlasse
Und mich in Gott und Gott in mich zusammenfasse.“
Auch Friedrich Spee und Paul Gerhardt („O Haupt voll Blut und Wunden“, 1667; das Lied wird heute noch gesungen) seien als bedeutende Autoren religiöser Lieder und Gedichte herausgehoben.
Eigenwillig ist Daniel Czepkos Gedicht „Spiele wohl! Das Leben ein Schauspiel“ (erste Ausgabe 1930); in der Metapher vom Welttheater drückt sich ein distanzierter Blick auf das Geschehen aus. Auch hier ist „der wunderbare Gott“ derjenige, welcher den Schauplatz aufmacht (und schließt, V. 9 f.) und „dein Jesus“ derjenige, welcher den Menschen abzutreten ruft (V. 16)

3. Gelegenheitsgedichte
Damit ist gemeint, dass manche Gedichte zu ganz bestimmten Anlässen verfasst wurden und nicht allgemein die Situation des Menschen darstellen, obwohl mit diesem Anlass auch allgemeine Überlegungen verknüpft werden – anders kann man ja über Anlässe nicht sprechen:
Simon Dach: Bei hochzeitlicher Ehren-Freude Herrn Reinhold Nauwercks… (1638)
Paul Fleming: Auf den Tod eines Kindes (1666)
Paul Fleming: Herrn Pauli Flemingi Grabinschrift… (1641)
David Schirmer: Als seine Marnia gestorben (1657)
Andreas Gryphius: Grab-schrift Marianae Gryphiae seines bruders Pauli töchterlein (1663)
Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau: Auf den Einfall der Kirchen zu St. Elisabeth (1695)
Es überwiegen also die traurigen Anlässe, ein Gedicht zu schreiben; möglicherweise zeigt dies aber auch, dass der Anlass gelegentlich halbfiktiv ist – ähnlich erscheint mir der von Johann Christian Günther geschaffene Typus der Überschrift „Als er…“ (Als er sie seiner beständigen Treue versicherte u.a.).

4. Das Thema „Zeit“
An diesem Thema bin ich persönlich interessiert – es kann noch weniger als die drei anderen als „repräsentativ“ für die Barockgedichte gelten; ich will mit meinen Hinweisen ohnehin nur zeigen, dass es abseits der vom dtv-Atlas gebahnten Pfade allerlei zu sehen gibt.
Der Hintergrund der wenigen expliziten Zeitreflexionen ist einmal der ständige Bezug auf die Ewigkeit, welche der erfahrenen Vergänglichkeit gegenübersteht. In dieser Perspektive wird der Mensch als „das Spiel der Zeit“ (Gryphius: Es ist alles eitel, V. 10) bezeichnet. In Czepkos Schauspiel-Gedicht wird diese Spiel-Metapher aufgegriffen (V. 1); die fünfte Frage heißt dann:
„Wer heißt auf das Gerüst uns treten? Selbst die Zeit.“ (V. 5)
Die gläubige Hinnahme der Vergänglichkeit wird in einem Gedicht Friedrich von Logaus reflektiert: „Das Beste der Welt“; dem Sprecher gefällt am meisten, „Dass die Zeit sich selbst verzehret / Und die Welt nicht ewig hält“ (V. 3 f.). In der Mystik antwortet darauf das schon erwähnte Epigramm „Der Mensch ist Ewigkeit“ (Angelus Silesius).
Eine paradoxe Zeit-Reflexion bietet wiederum Angelus Silesius:
Die Zeit, die ist nicht schnell
„Man sagt, die Zeit ist schnell. Wer hat sie fliegen sehen?
Sie bleibt ja unverrückt im Weltbegriffe stehen.“
Hier wird einmal die metaphorische Sprache aufgegriffen und gegen den Begriff der Zeit ausgespielt, dieser aber auch gegen die metaphorisch formulierte tägliche Erfahrung der dauernden Veränderungen.
Eine große Reflexion stellt Flemings Gedicht „Gedanken über der Zeit“ dar (http://www.philos-website.de/index_g.htm?autoren/fleming_paul_g.htm~main2), in der er teilweise das Niveau der Kant‘schen Zeit-Philosophie erreicht.

Ach ja, und wer noch mehr Barockgedichte lesen will, der wird die Quellen schon zu finden wissen, angefangen beim großen Conrady über „Epochen der deutschen Lyrik“, Bd. 4 und 5, bis zur Sammlung von Eberhard Haufe: Deutsche Gedichte des 17. Jahrhunderts.
Die am leichtesten greifbare Sammlung von Interpretationen zu Barcokgedichten ist Bd. 1 der Sammlung „Gedichte und Interpretationen“, hrsg. von Volker Meid, Reclam 1982, S. 124 ff. (insgesamt zu 24 Gedichten).

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Ausgangspunkt war folgender kleine Aufsatz:

Unter dem Stichwort „Barock“ behandelt ein Konversationslexikon (Meyers großes Taschenlexikon, 6. A. 1998) die Aspekte: Namen, Epoche allgemein, Baukunst, Bildhauerkunst, Malerei, Dichtung, Musik, Philosophie, Mathematik, Naturwissenschaften. Zu diesen Aspekten solltest du je einen Namen kennen (dort weitersuchen!).
Zur Literatur des Barock schaut man nicht in die Encarta, weil die Informationen dort zu unspezifisch oder unsortiert sind; vielmehr schaut man in eine Literaturgeschichte. Die „Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart“, hrsg. von Wolfgang Beutin u.a., 3. Auflage 1989, stellt zunächst Deutschland im 17. Jahrhundert vor (30-jähriger Krieg; Absolutismus: Erstarken der Fürsten gegen das Reich und die Bürger; bürgerliche Gelehrte als Staatsdiener; Juden- durch Hexenverfolgung ersetzt).
Die Dichtung ist Gesellschaftsdichtung, sollte sowohl erfreuen als auch nützen, sollte zur Tugend oder zur Einsicht führen; die Dichter waren hauptberuflich Gelehrte. 1617 wurde die erste deutsche Sprachgesellschaft gegründet, die „Fruchtbringende Gesellschaft“; sie stand Adeligen wie Bürgern offen und sollte die anständigen Sitten ebenso wie den Gebrauch der deutschen Sprache pflegen. Ihrem Beispiel folgten viele andere; Lesegesellschaften oder öffentliche Bibliotheken gab es noch nicht.
Die Sprache der Dichter und Gelehrten war Latein, daneben gab es eine volkstümliche deutsche Literatur. In den führenden europäischen Ländern gab es inzwischen Literatur in der Nationalsprache. 1624 veröffentlichte Opitz sein „Buch von der Deutschen Poeterey“, worin er nicht nur bestimmte Gedichtformen empfahl, sondern auch Jambus und Trochäus als die besten Versmaße festschrieb; er entdeckte das Gesetz von der Bedeutung der Wortbetonung (statt Silbenlänge) und empfahl die Übereinstimmung von Vers- und Wortakzent. – Auf dem Land und bei den Anlässen des praktischen Lebens lebte natürlich die alte Volksdichtung weiter.
Dichtung dient also einem Zweck und gehorcht damit den Kategorien der Rhetorik; der Dichter stellt sich in den Dienst einer Sache; es geht nicht um die Verarbeitung von Erlebnissen des Subjekts Dichter, sondern um Dichtung nach Regeln zu Zwecken im Rahmen bekannter Muster. In den Sonetten sind die beiden letzten Verse oft ein sich geschlossener Sinnspruch (Epigramm), etwa in Flemings Gedicht „An sich“. Das Sonett steht in hoher Blüte, aber es gibt auch andere Gedichtformen. Oft folgt es dem dreiteiligen Aufbau des Emblems: Überschrift – Bild (Text) – Epigramm.
Wenn du in eine Gedichtsammlung (Anthologie) deutscher Gedichte schaust, etwa in die von Karl Otto Conrady, solltest du Gedichte von Gryphius, Greiffenberg, Fleming, Friedrich Spee, Paul Gerhardt, Angelus Silesius, Kuhlmann, Logau, Hoffmannswaldau zur Kenntnis nehmen.
Das Theater ist noch nicht so entwickelt, dass ihr es kennen müsstet. Als Roman ist „Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“ von Grimmelshausen (1669) so bedeutsam, dass ihr eine Inhaltsangabe im KLL oder einem Romanführer lesen solltet. Defoes „Robinson Crusoe“ gehört ebenso wie spanische Pikaroromane in die Epoche.
http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_litgesch/barock/litge_barock_centermap.html

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Darauf  folgte dieser Beitrag zur Barockliteratur (mit aktualisierten Links):

Hier soll ein kurzer Überblick mit vielen Links zur deutschen Literatur des Barocks gegeben werden, dazu ein paar Hinweise auf die Epoche insgesamt.

Wenn man sich nicht im Netz über „Barock“ informieren will oder kann, langen für den Hausgebrauch die beiden Bücher dtv-Atlas Deutsche Literatur (ich habe die 8. Aufl., 1999) und Duden: Literatur. Basiswissen Schule (im Netz früher greifbar unter www.schuelerlexikon.de) als zusammenhängende Darstellungen; beim Schülerduden Literatur (4. Aufl. 2005) muss man halt blättern.

Der dtv-Atlas „Deutsche Literatur“ behandelt folgende Stichworte (S. 108 ff.):
* Polit. Geschichte des 17. Jh.
* Absolutismus: Untertanenfeindlichkeit und Chance des Bürgertums
* Die Kunstepoche des dt. Barock
* Die Sprachgesellschaften
* Ursprünge einer dt. Poetologie [dazu Martin Opitz: Buch von der Deutschen Poeterey]
* Martin Opitz
* Barockroman
* Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen
* Musikerromane
* Wurzeln des Barockdramas
* Schwerpunkte der barocken Dramenkunst [u.a. mit der Ständeklausel]
* Schäferdichtung im 17. Jh.
* „Petrarkismus“ in Deutschland
* Weltliche Lyrik im 17. Jahrhundert
* Geistl. Lyrik
* Emblem, Apophthegma, Bilderlyrik
* Satire und Zeitkritik
* Zeitungswesen und Feuilleton
(Ich zähle diese Stichworte auf, damit man sieht, welchen Fragen man nachgehen könnte.)

Im Internet findet man unter „Barockliteratur“:

http://de.wikipedia.org/wiki/Barockliteratur
http://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Barock_(Literatur)

http://webs.schule.at/website/Literatur/literatur_barock.htm

http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/vorlesungen/17Jhdt/03042006F.pdf

http://www.fundus.org/pdf.asp?ID=7744

http://blog.zeit.de/schueler/2012/02/16/thema-literatur-des-barock-1600-1720/
http://www.pohlw.de/literatur/sadl/barock/barock.htm
http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_litgesch/barock/litge_barock_0.htm
http://www.xlibris.de/Epochen/Barock/Barock1.htm
http://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za874/homepage/barock.htm (knapp!)
http://www.literaturwelt.com/epochen/barock.html
http://www.buch.de/buch/schlagwort/barock_literatur_buch_3.html (Bücher zum Thema, also eher für Studenten oder Lehrer)
http://lbs.hh.schule.de/welcome.phtml?unten=/faecher/deutsch/epochen/barock/
http://www.bhak-bludenz.ac.at/literatur/barock/poeterey.asp
http://www.fgs.snbh.schule-bw.de/uproj/barock/Sonett.htm
http://www.referate10.com/referate/Epochen/1/Der-Barock-reon.php

Die deutschen Sprachgesellschaften
Vielleicht ist einmal interessant, seinen Blick auf diese Vereine zu lenken, in denen sich Menschen zusammenfanden, um für die Reinerhaltung der Muttersprache und die Entwicklung einer eigenen deutschen Poetik zu wirken, und nicht nur deren Werke zu betrachten; Menschen, das waren Adelige und bürgerliche Gelehrte, welche teilweise in mehreren dieser Gesellschaften Mitglieder waren. Die Idee dazu hatte Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen, der im Jahr 1600 Mitglied der entsprechenden „Kleie-Akademie“ in Florenz geworden war. – Man sollte auch darauf achten, wo diese Gesellschaften beheimatet waren (aufgezählt nach dem Gründungsjahr):
1617 Weimar: Fruchtbringende Gesellschaft (Palmenorden);
1633 Straßburg: Aufrichtige Tannengesellschaft;
1642 Hamburg: Teutschgesinnte Genossenschaft;
1644 Nürnberg: Pegnitzschäfer;
1660 Lübeck: Elbschwanenorden;
1677 Leipzig: Deutschübende Poetische Gesellschaft;
der dtv-Atlas „Deutsche Literatur“ nennt außerdem den Heidelberger Dichterkreis (um 1600: Schede, Zincgref, Weckherlin) und den Königsberger Kreis (1630: Dach, Albert).
Vgl. im Internet:
http://de.wikipedia.org/wiki/Sprachgesellschaft
http://barockerlebnis.jimdo.com/literatur-im-barock/sprachgesellschaften/
http://www.lahrer-hinkender-bote.de/art64.html
http://www.uni-bielefeld.de/lili/personen/useelbach/STUD/Sprachreform17.ppt
http://unterrichtsprojekt.net/barock/sprachgesellschaften-und-ihre-ziele/
http://www.pohlw.de/literatur/sadl/barock/sprachge.htm
http://sprache-werner.info/Wie_die_Passion_zur_Leidenschaft.3563.html
http://universal_lexikon.deacademic.com/303953/Sprachgesellschaften http://www.stiftungds.de/tradition.php (heute!)

Einige Gedichte, die dem Thema „deutsche Sprache“ gelten:
G. R. Weckherlin: Erklärung
Jacob Creutz: Lobgedicht auf D. Zincgrefens Teutsche Klugreden
J. M. Moscherosch: „Fast jeder Schneider / Will jetzt und leider…“
J. M. Schneuber: An den Chorion, als derselbe der deutschen Sprach Ehrenkranz ausgehen ließ
(unbekannter Verfasser:) Wehe-Klag des alten Teutschen Michels über die alamodische Sprachverderber

Paul Gerhardt: Abendlied – Analyse

Der Hausvater spricht am Abend ein Gebet: Das „Abendlied“ ist eine feste lyrische Form (http://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Lyrische_Form). Was er sagt, ist aber nicht leicht zu verstehen; ich werde daher den Hintergrund seiner Äußerungen und den Aufbau des Gedichtes kurz analysieren.

Das Gedicht steht in der christlichen Tradition; ich schlage vor, als unmittelbaren Kontext eine Stelle aus dem Römerbrief zu lesen (Röm 13,11-14). Dort legt Paulus kurz die christliche Hoffnung auf baldige Erlösung aus und verbindet sie mit allgemein gehaltenen Mahnungen an die Römer, wie Erlöste zu leben. – Am Anfang seines Briefeschreibens hatte Paulus noch erwartet, die meisten Christen würden erleben, wie der Herr Jesus Christus vom Himmel kommt, um die Seinen zu erretten (1 The 4,13 ff.): die sogenannte Naherwartung des mit der Auferweckung Jesu eingeleiteten Weltendes. Diese Naherwartung hat sich nicht erfüllt, ist in Röm 13 aber noch als zeitliche Erwartung spürbar; „denn jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden“ (13,11). In der späteren Kirche ist diese zeitliche Erwartung aufgegeben worden; sie wurde aufgespalten in eine innerliche Erlösung jetzt und eine (wiederum aufgespaltene) spätere Rettung, sei es nach dem eigenen Tod, sei es mit dem Ende der Welt; in dieser Situation der gespaltenen Heilserwartung befindet sich der Hausvater, der das Abendlied spricht.
Aus dem Römerbrief sind schon Nacht und Tag als Metaphern vorgegeben: Nacht als Gegenwart, Tag als Zeit des vollen Heils; die Mahnung geht dahin, vom Schlaf aufzustehen und sich für den Tag zu rüsten: die Waffen des Lichtes anzulegen, den Herrn Jesus Christus als neues Gewand anzuziehen.

Der Sprecher beginnt mit der vagen Datierung „nun“ (V. 1), da die Lebewesen ruhen und die ganze Welt schläft (V. 1-3); in dieser Situation spricht er zu (mit) sich selbst und fordert seine „Sinnen“ auf, das zu tun („zu beginnen“), was Gott gefällt (V. 4-6) – mit Paulus zu sprechen: vom Schlaf aufzustehen. Mit einer rhetorischen Frage an die Sonne (V. 7) wird beschrieben, dass die Nacht da ist (V. 7-9); der verschwundenen Sonne wird dann die andere Sonne, „mein Jesus“ (V. 11), gegenübergestellt; diese Sonne scheint „in meinem Herzen“ (V. 12). Der „irdischen“ Welt und ihrer Finsternis wird die Herzenswelt, der das Ich und Jesus angehören, als gegenwärtige Welt des Lichtes gegenübergestellt.
In den vier folgenden Strophen wird die gegenwärtige Nachtwelt (Jammertal, V. 18; Elend, V. 29) mit der Welt des künftigen Heils konfrontiert, die nach dem eigenen Tod (V. 17 f.; V. 30 f.) beginnen wird (futurische Aussagen): Ich werde wie ein Stern stehen (3. Str.), Christus wird mich neu bekleiden (4. Str.), ich werde vom Elend und der Sünde frei sein (5. Str., vgl. Röm 1 und 2); V. 35 f.), ich werde zur ewigen Ruhe gebettet sein (6. Str. – die eschatologische Hoffnung ist hier kaum zu spüren).
Danach wendet der Beter sich an Gott, den Vater (7. Str.: Gott als Wächter Israels, vgl. Ps. 121,4; damit verwandt, wenn auch nicht genannt: Gott als Hirte, vgl. Ps. 23), bzw. an Jesus selbst (8. Str.); die Bitten werden im Hinblick auf den bald kommenden (leiblichen) Schlaf ausgesprochen, der offensichtlich als Bedrohung erlebt wird (7. Str.) und auch als kurzer Tod galt:
„Tod ist ein langer Schlaf; Schlaf ist ein kurzer Tod;
Die Not, die lindert der, und jener tilgt die Not.“ (Fr. von Logau: Tod und Schlaf)
Die Bitte an Gott ist wie die Bitte an Jesus allgemein gehalten: Sie mögen (Imperative) den Menschen vor allem Schaden oder vor dem ewigen Höllenfeuer (Satan, V. 46) retten. In der 8. Strophe wird Jesus im Bild einer Klucke gesehen, die ihre Küken („dein Küchlein“, V. 45) beschützt, so wie Gott der Wächter Israels ist.
In der letzten Strophe wendet der Hausvater sich an die Hausgenossen („Auch euch, ihr meine Lieben“, V. 49) und schließt sie in seine Segenbitte ein. Die goldenen Waffen sind die Waffen des Lichts (V. 53; Röm 13,12); „seiner Helden Schar“ ist unbestimmt – beim Protestanten Paul Gerhardt würde ich an die Erzengel Gottes denken, bei einem katholischen Dichter kämen eher die Heiligen in Frage.

Es gibt, wie gesagt, eine breite Tradition des Abendliedes (vgl. auch http://www.medport.de/lexikon/index.php/Abendlied oder http://de.wikipedia.org/wiki/Abendlied bzw. http://gedichte.xbib.de/_Abendlied_gedicht.htm, allgemeiner https://de.wikipedia.org/wiki/Lied); Matthias Claudius hat Paul Gerhardts „Abendlied“ (1647) mit einem Zitat des Anfangs von Str. 3 aufgegriffen und 1778 neu ausgearbeitet (http://www.lyrik-und-lied.de/ll.pl?kat=typ.show.poem.biblio&ds=134&start=0) – den Text von Gerhardts Gedicht und einen Kommentar von 1830 findet man dort auch mit einem Link. – Bis zu Kellers „Abendlied“ (1879) ist noch ein weiter Weg!

Gryphius: Tränen des Vaterlandes – Analyse

Ich gehe davon aus, dass „Tränen des Vaterlandes“ eine Überarbeitung des Gedichtes „trauerklage des verwüsteten Deutschland“ aus dem gleichen Jahr 1637 ist; ich setze Gryphius‘ Neufassung (fett kursiv) interlinear unter die alte, damit man die beiden Gedichte parallel lesen kann. Der eine Text steht hier, der andere dort.

„trauerklage des verwüsteten deutschland“
Tränen des Vaterlandes – anno 1636

wir sind doch nunmehr ganz / ja mehr als ganz verdorben /
Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!
der frechen völker schar / die rasende posaun /
Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun
das vom blut feiste schwert / die donnernde kartaun
Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Karthaun
hat alles gut hinweg / das mancher saur erworben
Hat aller Schweiß, und Fleiß, und Vorrat aufgezehret.

die alte redlichkeit und tugend ist gestorben /
Die Türme stehn in Glut, die Kirch‘ ist umgekehret.
die kirchen sind verheert / die starcken umbgehaun /
Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun,
die jungfraun sind geschändt/ und wo wir hin nur schaun /
Die Jungfern sind geschänd’t, und wo wir hin nur schaun
ist feur / pest / mord und tod hier zwischen schanz und korben
Ist Feuer, Pest, und Tod, der Herz und Geist durchfähret.

dort zwischen maur und stadt rinnt allzeit frisches blut
Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut.
dreimal sind schon sechs jahr als unsrer ströme flut
Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut
von so viel leichen schwer / sich langsam fortgedrungen
Von Leichen fast verstopft, sich langsam fort gedrungen.

ich schweige noch von dem / was stärker als der tod /
Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,
du straszburg weiszt es wohl / der grimmen hungersnot/
Was grimmer denn die Pest, und Glut und Hungersnot,
und dasz der seelenschatz gar vielen abgezwungen
Dass auch der Seelen Schatz so vielen abgezwungen.

(Bei einer Modernisierung der Schreibweise sind viele Lösungen möglich; ich habe zwei Modernisierungen rückgängig gemacht. Wen eine ältere sprachliche Gestalt reizt, möge unter http://www.archivaria.com/Gedichte/Gryphius.html die „trauerklage“ anschauen!)

Erläuterungen:
Kartaune: (früher) großes Geschütz;
Schanze: geschlossene Verteidigungsanlage im Feld (vgl. „sich verschanzen“); in der „trauerklage“ ist noch zu sehen, dass die Schanzen aus Flechtwerk (korbartiges Reisiggeflecht) bestanden (sie waren neben den korben: Körbe, Korbwerk), wodurch die aufgeworfene Erde gehalten wurde;
Seelen-Schatz: Die ältere Fassung mit dem Hinweis auf Straßburg erlaubt es, mit einiger Sicherheit zu bestimmen, was ohne diesen Hinweis eher unbestimmt bleibt:
Kaiser Ferdinand wandte sich, nachdem er 12. Mai 1629 dem Dänenkönig den Frieden von Lübeck bewilligt hatte, in dem derselbe gegen das Versprechen, sich nicht weiter in die deutschen Angelegenheiten einzumischen, seine Lande zurückerhielt, mit um so größerer Entschiedenheit der Ausführung seines heißesten Wunsches, der Ausrottung der Ketzerei, zu. Zu diesem Zweck erließ er 6. März 1629 das Restitutionsedikt, nach welchem alle unmittelbaren und mittelbaren, seit dem Passauer Vertrag eingezogenen Stifter (wie Bremen, Magdeburg, Minden, Halberstadt, Straßburg u. a.), Klöster und andern Kirchengüter den Katholiken wieder zurückgegeben werden sollten; den katholischen Ständen, also auch den katholischen Bischöfen, welche in den zurückgeforderten Stiftern eingesetzt wurden, sollte das Recht zustehen, ihre Unterthanen zu ihrer Religion anzuhalten, und die im Augsburger Religionsfrieden zugestandene Religionsfreiheit nur den Augsburgischen Konfessionsverwandten, nicht den Reformierten verbleiben. Die strikte Durchführung dieses Edikts bedeutete die Vernichtung des Protestantismus in Deutschland. (Meyers Konversationslexikon, 4. Aufl. [1885 ff.], Bd. 5, S. 133 f., s.v. „Dreißigjähriger Krieg“)

Was bringt die Überarbeitung? Gryphius lässt das Gedicht „trauerklage“ im Wesentlichen bestehen: Jemand klagt in Vertretung des verwüsteten Landes, klagt über die Verwüstung des Landes durch den Krieg. In Vers 12 tritt der Sprecher als „ich“ hervor, während er zuvor immer im Plural „wir“, also für das Vaterland (bzw. dessen Menschen in ihrer Gesamtheit) gesprochen hat.
Aber im Einzelnen gibt es doch eine Reihe von Änderungen. Betrachtet man zunächst die Überschriften, so liegt im Übergang „trauerklage -> Tränen“ eine Konkretisierung vor; Tränen kann man sehen, Tränen versteht man als Ausdruck des Schmerzes. „verwüstet“ entfällt, „Deutschland“ ist durch das vielleicht stärker bindende Wort „Vaterland“ (positive Konnotation?) ersetzt. Ansonsten sehe ich bei der Überarbeitung drei Tendenzen:
1. Gryphius korrigiert stilistische Schwächen:
a) In V. 4 und V. 12 f. der alten Fassung ist der Satzbau holperig, wenn nicht falsch (unvollständig); ebenso stört in V. 4 „Mord“ den Takt und wird deshalb gestrichen;
die Veränderung „feist“ -> „fett“ ist für uns bedeutsam, im 17. Jh. war jedoch die Bedeutung beider Wörter nicht so deutlich unterschieden wie heute (H. Paul: Deutsches Wörterbuch).
b) V. 5 in der „trauerklage“ passt als simple moralisierende Redensart nicht in den Kontext, wird im Sinn von 2. ersetzt.
c) „auch“ in V. 14 sollte als stilistische Verbesserung begriffen werden.
2. Gryphius bemüht sich um eine Steigerung oder Dramatisierung der Aussagen über die Schrecken des Krieges:
a) Im V. 4 wird „mancher“ -> „aller“.
b) Wo es geht, fügt er Häufungen (Aufzählungen) ein: Schweiß, Fleiß, Vorrat (V. 4);
Türme, Kirche, Kirchen (V. 5 f.) – hier merkt man eine durch die Umarbeitung bedingte Schwäche (Kirche – Kirchen);
c) von Leichen „schwer“ -> von Leichen „fast verstopft“ (Steigerung, Vergrößerung);
d) siehe 3.!
3. Die neue Fassung wird abstrakter:
a) In der „trauerklage“ gibt es ein „hier – dort“, als ob der Sprecher bei den Schanzanlagen stände (V. 8) und zur Stadt hier blickte („dort“, V. 9); daraus wird ein allgemeines „hier“ (V. 9), das Schanze und Stadt gleichermaßen umfasst, also die Stadt und ihr Umfeld als Ort bezeichnet.
b) Nicht zwischen Schanzen und Körben geschieht das Schreckliche, sondern in „Herz und Geist“ (V. 8); zu fragen wäre, ob die aus den beiden Angaben „zwischen schanz und korben“ sowie „zwischen maur und stadt“ herausgesponnene Angabe „zwischen Schanz und Stadt“ überhaupt als reale Ortsangabe oder als summarische (und im Stabreim gebundene) Lokalisierung anzusehen ist.
c) „Straßburg“ wird als Ortsname getilgt, womit auch das Ereignis (s.o.) weniger bestimmt wird; dafür wird eine Häufung (Aufzählung) eingefügt (vgl. 1.!): „Pest und Glut und Hungersnot“.
4. Veränderung in den Reimwörtern:
Im Zug der genannten Revision konnte Gryphius weder an „gestorben“ (V. 5) noch an „Korben“ (V. 8) festhalten; in V. 3 f. war zudem der Satzbau problematisch. So ist die Serie der Reimwörter „verdorben / erworben / gestorben / korben“ durch „verheeret / aufgezehret / umgekehret (semantisch nicht unproblematisch!) / durchfähret“ ersetzt worden, während die anderen Reimwörter in den umarmenden Reimen erhalten bleiben. In den Terzetten ändert Gryphius bei den Reimwörtern nichts.

Was den Aufbau des Sonetts betrifft, sollte man die Terzette als Steigerung des zuvor Beklagten verstehen: Im 1. Quartett beklagt der Sprecher die Verheerung des Landes und den Verlust der eigenen Güter; im 2. Quartett berichtet er von der Verheerung der Städte und dem Verlust an Menschen, summarisch von Verlusten überall (V. 7 f.). Im ersten Terzett ist eine Steigerung sowohl durch die Zeitangaben „allzeit“ (V. 9) und „dreimal sechs Jahre“ (V. 10 – das ist „mehr“ als 18!) wie auch durch das Bild der verstopften Flüsse möglich. Im letzten Terzett wird durch die Beinahe-Aposiopese (Ich schweige von…: innerer Widerspruch?) und den Komparativ „grimmer“ das Bild der Schrecken noch einmal gesteigert. – In http://www.teachsam.de/deutsch/d_ubausteine/aut_ub/gry_ub/gry_txt_4_ub_1.htm finden wir eine Skizze mit den wesentlichen rhetorischen Mitteln, die den von uns beschriebenen „Aufbau“ begleiten.

Man sollte die alte Analyse von Erich Trunz (in: Die deutsche Lyrik, Bd. I, hrsg. von Benno von Wiese, S. 139 ff.; Auszüge in http://www.teachsam.de/deutsch/d_ubausteine/) zur Kenntnis nehmen; Trunz paraphrasiert das Gedicht und versucht, eine positive Wendung aus der Sonettform herauszupressen. Er deutet den Seelen-Schatz zunächst richtig als Glaubensfreiheit (S. 142), dann als „das Gute im Menschen“, welches der Teufel zerstöre: Alles Positive, was zu ergänzen ist, bleibe dem Leser überlassen, „nicht nur als Gedanke, sondern als Tat“ (S. 143). Der Schluss sei demnach „wie eine Mahnung zum Standhaftbleiben an das ‚kleine Häuflein‘ der Endzeit“ gerichtet“ (S. 143). Obwohl diese Lesart etwas abenteuerlich klingt, ist sie nicht ganz abwegig, auch wenn man sich nicht wie Trunz auf Gryphius‘ Wahlspruch „Manet unica virtus“ bezieht (S. 143).
Die Frage, ob an Trunz‘ Verständnis nicht etwas dran ist, ergibt sich meines Erachtens eher aus der Form des Gedichtes: Es ist, wenn man es mit Gryphius‘ Morgen-Sonett vergleicht (s. den Aufsatz „Lyrik des Barocks“ in dieser Kategorie!), wie eine erste Hälfte, wie eine bloße Schilderung der Nacht-Welt; die Frage ist, ob die zeitgenössischen Leser nicht die zweite Hälfte, den Glauben an den kommenden Tag und sein „Licht“, mitgelesen oder -gehört haben. Ich würde also eher auf den religiösen Topos („Die Nacht verweist auf den kommenden Tag.“) als wie Trunz auf die Form des Sonetts rekurrieren, um das Gedicht „Tränen des Vaterlandes“ nicht ausschließlich „negativ“, also im Sinn einer hoffnungslosen Klage zu verstehen. Anderseits ist es rein vom Wortlaut her ein bloße Klage – vielleicht ist es also ein Schritt hin zu einem neuen Gedichttypus.

Im Netz gibt es eine Reihe kurzer Analysen von Schülern; die beste ist noch die von Christoph Weber (abi.sebisworld.com/homew…s-Gryphius.doc), auch wenn er zum Schluss etwas stark moralisiert. Ansonsten zum Beispiel:
http://www.biblioforum.de/forum/read.php?31,879 (Diese Analyse führt zur Frage, ob Gryphius persönliche Erlebnisse in diesem Gedicht verarbeitet.)
http://www.ciao.de/Alles_mit_T__Test_2720138 ( z.T. phantasievoll)
http://www.beepworld.de/members2/ramsch/deutsch-gryphius.htm (formal richtig) – das sind noch die besseren Aufsätze.
Eine Zusammenstellung von schwachen oder falschen Schüleräußerungen bietet
http://www.teachsam.de/deutsch/d_ubausteine/aut_ub/gry_ub/gry_txt_4_ub_5.htm; hier könnte man trainieren, wie man es besser macht. Was in http://www.philognosie.net/index.php/article/articleview/308/2/ zum Alexandriner gesagt wird (4. Takt als Pause), ist direkt falsch; richtig muss es heißen:
Der Alexandriner in den Schlussversen hat folgende Struktur:
U __ U __ U (Pause) __ U __ U __ U __ (Pause)
Diese Struktur ist auch die der ersten Verse in den Quartetten.
In den anderen Versen (bei den Paarreimen) ist die Struktur so:
U __ U __ U (Pause) __ U __ U __ U (Pause – hier fehlt eine Silbe am Versende, weshalb die Pause dort noch deutlicher empfunden wird!)

Zu einem Gedichtvergleich mit G. Heym regt http://www.artikelpedia.com/artikel/deutsch/2/gedichtvegleich-zischen-a90.php an.

Zur Biografie Gryphius‘ findet man http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/lyrik/gryphius.htm Hinweise. Ausführliche Biografie:
http://www.ihg-net.de/cms/front_content.php?idcat=407
Wenn man sieht, wie Gryphius um 1636 gelebt hat:
1634 Besuch des Akademischen Gymnasiums Danzig, Hauslehrer bei einem General;
1636 Hauslehrer auf dem Gut des Juristen Georg Schönborner;
1637 Ernennung zum Magister mit Lehrbefugnis;
1638 Reise mit den Söhnen Schönborners nach Holland, Studium an der Uni Leiden…,
dann sieht man, dass Gryphius im Gedicht „Tränen“ (trotz seiner Erfahrungen in Glogau, s. Biografie) nicht persönliche Erfahrungen verarbeitet, sondern der Barock-Dichtung gemäß öffentlich-lehrhaft schreibt. Es ist ein methodischer Fehler, Gryphius‘ Gedicht im Sinn des Lyriktypus zu lesen, wie er erst seit 1770 ausgebildet worden ist (G. Brandmeyer: Die Gedichte des jungen Goethe). Für das Gedicht „Thränen in schwerer Kranckheit“ zeigt Wolfram Maurer (Gedichte und Interpretationen, Bd 1, RUB 7890, S. 223 ff.) ebenfalls, dass man es nicht biografisch lesen muss oder darf.

Hoffmannswaldau: Die Welt – zur Analyse

1. Eine profunde Analyse bietet Urs Herzog: „Weiter schauen“. Zu Hoffmannswaldaus Die Welt. In: Gedichte und Interpretationen, Bd. 1, hrsg. von Volker Meid. RUB 7890, S. 357 ff.
2. Gegenüber Herzog möchte ich für die ersten acht Verse eine andere innere Gliederung vorschlagen; ich möchte V. 1-4 (als quasi erste Strophe) als Einheit unter dem Aspekt Welt-„Licht“ sehen.
a) „Glänzen“ ist ein leuchtendes Strahlen, ein Lichtphänomen (V. 1); das gilt auch von „Schein“ und Blitz“ (V. 3 f.). Es bleibt also zu untersuchen, was „Pracht“ (V. 2) ist.
b) Im KLUGE geht die Erklärung insgesamt eher in die Richtung, dass am Anfang der Bedeutung ein zustimmender Lärm gestanden hat. Pfeifers „Etymologisches Wörterbuch des Deutschen“ differenziert diese Erklärung: Die Bedeutung „Lärm“ habe sich nur bis ins 16. Jh. erhalten und sei dann durch die neue Bedeutung „Prunk, Glanz“ ersetzt worden (was auch KLUGE andeutet, wenn auch ohne Datierung). Wir hätten also mit „Pracht“ eine Doppelung zu „Glänzen“, aber kein neues Attribut der Welt vor uns.
c) Die vier Attribute in V. 5-8 (Feld, Spital, Sklavenhaus, Grab) gehören insofern zusammen, als sie sichtbare Größen darstellen, die metaphorisch „die Welt“ bedeuten.
d) Zum „Licht“ möchte ich darauf hinweisen, dass nicht nur Gott als das wahre Licht im Barock bekannt ist (Gryphius: Morgen Sonnet), sondern auch die philosophische Tradition mit der Licht-Metaphorik und -Metaphysik noch bestanden hat („Licht“ im Histor. Wb. der Philosophie, Bd. 5: Platons Sonnen- und Höhlengleichnis…).
Fazit: Vers 1-4 und 5-8 sind jeweils als Einheit zu lesen.
3. Das Gedicht „Die Welt“ steht auch unter dem philosophisch-mystischen Imperativ, wie er im Epigramm „Zufall und Wesen“ bei Angelus Silesius ausgesprochen wird:
„Mensch, werde wesentlich; denn wann die Welt vergeht,
So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.“
Mit den Leitbegriffen „Zufall / Wesen“ werden die philosophischen Begriffe „Substanz / Akzidenz“ aufgegriffen. „Was ist die Welt…?“ als Eingangsfrage leitet also eine religiös-philosophische Meditation ein; auch das angedeutete Lebens-Bild der Seefahrt („in diesen Port gelangen“, V. 15) hat eine gute Tradition in der Stoa (Epiktet: Der Ruf des Steuermanns, in: Handbüchlein der Moral, RUB 8788, S. 13/15).
4. Das Schema „Abkehr vom Unwesentlichen / Hinwendung zum Wesentlichen“ bestimmt auch heute die Berichte vieler Menschen von der großen Umkehr (metanoeite – kehret um…, Mk 1,15) in ihrem Leben. So hat etwa Arabella Kiesbauer („Mein afrikanisches Herz“, 2007) berichtet, wie sie sich von den Vordergründigkeiten des Boulevard-Fernsehens abgewandt und sich auf die Suche nach den Spuren ihres verstorbenen Vaters gemacht hat, wie sie dabei ihre afrikanische Seele entdeckte und frei wurde, selber ein Kind zu bekommen (ich halte mich an die Besprechung von Johann Schloemann: Schreibt das nicht auf!, SZ 29. Sept. 007, Beilage S. I).
5. Für einen Gedichtvergleich bietet sich vielleicht H. von Hofmannsthal: Was ist die Welt? (1890) an. Wer den Lobpreis des Glänzens sucht, sollte Goethe: Mailied, lesen.

http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/literatur/hofmannswaldau/hofmannswaldau_welt.html
http://www.teachsam.de/deutsch/d_ubausteine/aut_ub/hofmw_ub/hofmw_txt_2_ub_3.htm
http://www.lyrikschadchen.de/html/body_ebenbild_unsers_lebens.html
hartmanns-zeitreise.de/Bianka/Interpretation.doc
http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_litgesch/barock/litge_barock_centermap.html (das Gedicht im Rahmen der Barocklyrik)
www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/germ4/Trabert/Merkblatt_Lyrikinterpretation2.doc (nur Vers- und Strophenformen!)

 

Fleming: An sich – Aufbau, Rhythmus

Paul Fleming (1609-1640):

    An sich

Sei dennoch unverzagt, gib dennoch unverloren,
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
Vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
Hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.

5 Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren,
Nimm dein Verhängnis an, laß alles unbereut,
Tu, was getan muß sein, und eh man dir‘s gebeut .
Was du noch hoffen kann, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lob man doch? Sein Unglück und sein Glücke
10 Ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
Dies alles ist in dir. Laß deinen eitlen Wahn,

Und eh du förder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
Dem ist die weite Welt und alles untertan.
(veröffentlicht 1641)

Sprachliche Erläuterungen zu Vers
2 Glück: der glückliche Zufall, fortuna
3 sich vergnügen: seine Freude finden; genug haben
5 laben: erfrischen, beleben
erkoren: von erküren (selbst wählen; vgl. Kurfürst; die Kür)
6 Verhängnis: das über dich Verhängte, das Schicksal (Adelung: „verhängte, d. i. von einem höhern veranstaltete Veränderung, besonders die äußern Veränderungen des menschlichen Lebens, so fern sie von Gott verhängt werden, oder von einem andern aus unbekannten Ursachen herrühren, wo dieses Wort oft mit Schicksal gleich bedeutend gebraucht wird“)
7 gebeut: gebietet
11 eitel: leer, nichtig (vgl. Gryphius: Es ist alles eitel)
12 förder: vorwärts
13 sich beherrschen: über das Eigene verfügen

In diesem Gedicht spricht ein Ich zu sich; das einsichtige Ich spricht zu sich als dem unverständigen, beunruhigten, von Gefühlen verwirrten Ich. Das einsichtige Ich spricht in geistig überlegener Form: im Sonett.
In den beiden Quartetten dominieren die Imperative: Das Ich ruft auf und ermahnt sich, angesichts aller Widrigkeiten des Lebens nicht zu verzagen („sei“, „gib“ usw. – sechs Imperative in der 1., vier in der 2. Strophe). Die Verse sind Alexandriner, wobei die Zäsur nach der dritten Hebung ziemlich deutlich aus-geprägt ist: es liegt eine Häufung von entschlossen gesprochenen Mahnungen vor; nur in V. 4 ist die Zäsur kaum erkennbar, da der Satz den ganzen Vers ausmacht. In der zweiten Strophe ist die Mittelzäsur nur in V. 6 so stark wie in der ersten Strophe; in den anderen Versen liegt zweimal das Verhältnis von Haupt- und Nebensatz vor, wodurch die Zäsur etwas kürzer ausfällt (V. 5, 8); V. 7 bildet trotz des „und“ einen einzigen Satz.
Der Jambus in den beiden ersten Strophen wird häufig durch Betonung des ersten Versfußes gestört, und zwar bei den Imperativen zu Beginn von V. 2, 6 und 7, nicht ganz so stark beim ersten Wort „Sei“, welches durch das folgende (und wiederholte, absolut gebraucht „dennoch“) im Ton noch übertroffen wird. Die starken Betonungen außerhalb des Metrums stammen von der Entschlossenheit, mit der das Ich spricht und zu der es sich selbst aufruft: Es ist die selbstgewisse Unerschütterlichkeit des stoischen Weisen, welche Quelle und Ziel der geforderten Lebensweise ist. – Auch „kein“ (V. 3) und „Glück“ (V. 4) werden entgegen dem Metrum betont.
Während „Neid / Leid“ (V. 2/3) Elemente des negativen Weltlaufs bezeichnen, denen das Ich standzuhalten hat, tritt im Reim „unverloren / verschworen“ (V. 1/4) die Spannung zwischen dem widrigen Schicksal und dem standhaften Ich zutage. Mit dem Reimwort „verschworen“ wird eine erste Ruhepause in dem dynamischen Sprechen eingelegt. Die zweite Strophe wirkt insgesamt etwas ruhiger als die erste: Es gibt nur noch vier Imperative („halt“, V. 5, usw.), wobei die beiden, die den Anfang von V. 6 und 7 bilden, kraftvoll gegen das Metrum betont werden.
Das die zweite Strophe beherrschende Prinzip ist der Blick in die verschiedenen Zeitstufen des menschlichen Erlebens: Die Vergangenheit soll das Ich akzeptieren (V. 5 f.), in der Gegenwart soll es entschlossen handeln (V. 7), dem Künftigen darf es hoffnugnsvoll entgegensehen (V. 8). Mit den drei Zeitmodi ist die Gesamtheit des Lebens abgedeckt, ebenso wie mit dem unbestimmten Zahlwort „alles“ (V. 5 und 6, sinngemäß auch in V. 7 und 8), dem korrespondierenden „kein“ (V. 2, 3) und den objektlosen Verben aus Vers 1 wie der Gesamtheit der Widrigkeiten, die in Vers 4 ausgedrückt ist.
In der zweiten Strophe werden das Reimschema und auch die -laute der ersten wiederholt, wobei „verschworen / stets geboren“ (V. 4/8) in einer kraftvollen Spannung zueinander stehen, worin die Hoffnung durch das reimende „erkoren“ (alles bejahen und selber wollen, V. 5) begründet wird.
Wird bereits in V. 8 ein Grund-Satz ausgesprochen, der den Grund der starken Zuversicht benennt, so treten in den beiden Terzetten die Imperative bis auf zwei zurück und machen allgemeingültigen Aussagen, Sentenzen, Lebensweisheiten Platz. Das erste Terzett beginnt mit einer rhetorischen Frage, die sozusagen das Fazit des vorangehenden Grundsatzes bzw. der zweiten Strophe bildet; die stoische Grundhaltung, die in der Frage ans Licht kommt, wird in dem folgenden Lehrsatz „Sein Unglück und sein Glücke ist ihm ein jeder selbst“ (V. 9 f.) und im Schlußsatz (V. 13 f.) begründet. Das zweite Terzett enthält noch zwei Imperative, und wenn man den schweifenden Reim „Glücke / zurücke“ (V. 9/12) wirklich hört und als Abschluss der Mahnungen erkennt, dann könnte man in den vier Zeilen eine weitere Strophe sehen, die an die beiden ersten anschließt, in der jedoch die Aufforderung des Ich an sich grundsätzlicher ist als bisher: „so geh in dich zurücke“ (V. 12). Das Ich ist allem, was es gibt, entgegengestellt: Es ist die Alternative, wenn es darum geht, ein Ziel des Handelns nicht nur, sondern des Lebens selbst in seiner Gesamtheit zu finden: „Dies alles ist in dir.“ (V. 11) Das „in“ ist stark betont, ebenso das fordernde „Laß“ (V. 11) Der hier erscheinenden Dynamik des Sprechens kommt entgegen, dass die Mittelzäsur (bis auf V. 12) wieder stark ausgeprägt ist, sodass wir eine Reihe kurzer Sätze vor uns haben, die aber über das Versende hinaus miteinander verbunden sind (V. 9; 10 und 11 etwas schwächer), wodurch der Rhythmus etwas stärker fließt.
Im letzten Verspaar wird dann ruhig, aber in dem Kontrast der betonten Wörter („selbst, sich“ – „Welt, alles“) entschlossen der letzte Grundsatz der stoischen Lebensweise gelehrt. In dieser letzten Einsicht sind alle vorangehenden Aufrufe und Ermahnungen begründet und gerechtfertigt: Das Ich kann der ganzen Welt standhalten. Gegen das Metrum sind „selbst – dem“ betont: Das selbstgewisse Ich ist sich letzter Bezugspunkt. Aus Einsicht in die wahre Bedeutung von „allem“ findet es den Grund seiner Ruhe und Stärke in sich – aus dieser philosophischen Einsicht ruft das Ich sich und damit auch alle anderen zu einer vernünftigen Lebensführung auf, alle Querelen und Verwirrungen in der durchdachten Form des Sonetts bändigend.

Im Aufsatz wird versucht, nur den Aufbau und den Rhythmus zu beschreiben und in ihrer Bedeutung zu erklären, wobei für den Aufbau sprachliche Formen (Verb- und Satzformen), Reimformen und Reimwörter, sehr knapp nur der Inhalt berücksichtigt worden ist.
Es zeigt sich, dass man Opposition, Wiederholung und Kontrast kennen muss, um den Aufbau eines Gedichtes beschreiben zu können. – Wer die Begründung in V. 10-14 sachlich verstehen will, sollte Volker Gerhardt: Selbstbestimmung (1997), 3. Kapitel, lesen; Fleming steht hier in der Tradition europäischen Denkens.

Gryphius: Einsamkeit – Analyse (Skizze)

Sprecher ist ein lyrisches Ich;
es beschreibt seine Betrachtungen (V. 1 ff.) und deren Ergebnis (V. 9 ff.), die es in der Einsamkeit (V. 1 f., V. 5) anstellt;
Form: Sonett, Bedeutung für den Aufbau: s.o. (Betrachtungen/Ergebnis) und unten;
sechshebiger Jambus mit Zäsur in der Mitte (Alexandriner);
einzige Taktstörung ist „hier“ (V. 5 – Gegenort zur „Welt“);
eine Reihe sinntragender Reime (See/Höh; vergeh/steh; Stein/Bein; Gedanken/ Wanken – nur der letzte Reim verbindet Konträres, die anderen Gleiches).
Die Meditation (Betrachtung, vgl. V. 3, 6, 11) ist eine Art religiöser Übung, zu der die Einsamkeit aufgesucht, also „die Welt“ (Palast, des Pöbels Lüste, V. 5) verlassen wird. Betrachtet wird (in den Quartetten),
– wie die Einsamkeit (in) der Natur da ist (V. 1 – 4),
– wie der Mensch „in Eitelkeit“ vergeht (V. 6-8);
– dass letztlich alles wankt ohne einen Geist, den Gott selbst hält (V. 14: Fazit).
Das Szenario, wo das Ich sich befindet, wirkt etwas gekünstelt, sinnbildhaft (V. 1 ff. Wüsten usw.); Adjektive „öde“ bis „still“ (V. 1 – 4); das Ich hat sich wohl bewusst von der Welt abgewandt (V. 5), ist also bereits vor seiner Betrachtung religiös gesinnt und gestimmt. Es gibt sich der (biblisch vorformulierten: Kohelet) Betrachtung hin, dass das menschliche Leben „eitel“ ist (V. 6), und begründet diese These einmal pauschal (V. 7), einmal konkret (V. 8). Solche Einsicht ist in der „Einsamkeit“ (Titel), fernab vom Getriebe der „Welt“ zu gewinnen.
In den Terzetten spricht es das Ergebnis seiner Betrachtung aus: Das Ensemble der für die Betrachtung der Vergänglichkeit geeigneten Stücke (V. 9 ff.) erzeugt „unzählige Gedanken“ – noch sehr unbestimmt, nicht in einer Einsicht versammelt, möglicherweise Gedanken der Mut-Losigkeit (vgl. V. 11). Dafür würde die paradoxe Wendung im zweiten Terzett sprechen: Die Betrachtung des Alten und Unfruchtbaren wird im Ich fruchtbar in der wahren („eigentlich“) Erkenntnis, „dass alles… muss wanken“, wenn es nicht als „Geist“ (anti- oder über-weltlich) von Gott gehalten wird.
Typisch für den Barock ist die im Sonett bildhaft formulierte Einsicht in die Vergänglichkeit des Irdischen, die im Blick auf das Beständige (Gott) sowohl gewonnen wird wie zu ertragen ist: Dichtung ist Gesellschaftsdichtung; sie dient einem Zweck, aber verarbeitet nicht Erlebnisse.

Hintergrund: Vergänglichkeitserfahrung im Barock (vanitas-Motiv, wobei vanitas [Eitelkeit im Sinn von Nichtigkeit] eine lateinische Übersetzung des hebräischen Wortes „Windhauch“, ein Pusten, also ein Nichts, ist).

Gryphius: Es ist alles eitel (eittel) – zur Semantik der Reime

In den Quartetten liegt die Form des umschließenden Reims vor; so wird durch das erste Reimwort eine kleine Ruhepause erzeugt, durch das zweite die Strophe in sich geschlossen. Insgesamt verbinden die Reime Vorstellungen der Zerstörung, des künftigen Untergangs. Das möchte ich an zwei Beispielen zeigen: Das Blühende soll „bald zutretten werden” / uns Glücklichen drohen bald „die beschwerden” (V. 5/8), wobei durch die Wiederholung des temporalen Adverbs „bald” der bevorstehende drohende Untergang näher heran gerückt wird. Im gleichen Sinn reimt sich „asch vnd bein” (V. 6) auf „marmorstein” (V. 7), wobei durch die Negationen „kein” und „nichts” (V. 7) ausgeschlossen wird, daß Beständiges Bestand hat – ewigen Bestand hat. Nur der Reim „eitelkeit auf erden” / „spilen mit den heerden” (V. 1/4) paßt nicht in das Schema der strengen Entsprechung, welches sonst durchgehalten wird: das Spiel des Kindes ist zwar gegenüber dem städtischen Leben (V. 3) ein Rückschritt oder Untergang, trägt in sich aber idyllische Züge, so dass es hier ambivalent wirkt.
In den Terzetten gibt es einen schweifenden Reim, wodurch die beiden Enden der Terzette aneinander gebunden werden. Dieser Reim („für köstlich achten” / „was ewig ist… betrachten”, V. 11/14) bindet in gewissem Sinn zwei gegensätzliche menschliche Handlungen zusammen: Was wir für köstlich achten, ist in Wahrheit nichtig; es gibt aber die Möglichkeit, das Ewige zu betrachten; da der Dichter aber anklagend feststellt, dass kein einziger diese Möglichkeit verständigen Lebens ergreifen will (V. 14), ist es in Wahrheit die gleiche menschliche Unverständigkeit, die in beiden Versen beklagt wird: die Hochschätzung des Nichtigen, die Missachtung des Ewigen.
Die beiden Paarreime in den Terzetten stellen wieder Bilder des Nichtigen, des Vergänglichen im Gleichklang zusammen (mit den sinnträchtigen Worten „vergehn” / „bestehn”, V. 9/10, welche die besprochene Problematik des Eitlen umfassen); damit führen sie die Thematik der beiden Quartette fort.

Dies ist ein Versuch, nur zu der von den Reimen erzeugten Sinnfülle etwas zu sagen; die Kunst besteht darin, solche Beobachtungen mit anderen beschreibend und erklärend zu verbinden.