Thomas Mann: Buddenbrooks / Mario und der Zauberer – Literatur und Links

Für das im Verlag Krapp & Gutknecht gerade erschienene Thomas-Mann-Lehrerheft (Material für zwei Unterrichtseinheiten) hatte ich eine Hilfsmittel-Liste zusammengestellt, die im Heft jetzt in einer gekürzten Fassung steht:

Die Liste finden Sie in meinem Buch „Thmas Mann: Buddenbrooks. Mario und der Zauberer“, das bei Krapp & Gutknecht erschienen ist.

 

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Italiensehnsucht – ein verdrehtes Motiv in „Mario und der Zauberer“

Italiensehnsucht ist etwas, das es über Jahrhunderte gegeben hat und das in Thomas Manns Novelle „Mario und der Zauberer“ negativ gespiegelt wird. Der Zauberer Cipolla ist dem Erzähler der Inbegriff des Unangenehmen, was ihm im faschistischen Heute in Italien, im überlaufenen Badeort Torre di Venere, begegnet – Italien hat den Zauber seiner Vergangenheit und seiner Landschaft verloren. Was also war die Italiensehnsucht (die sich mit der Sehnsucht nach Arkadien berührte), dass sie sich als literarisches Motiv in verschiedenen Facetten findet?

Rom hat zwei Qualitäten, die es für die europäische Geschichte bedeutsam machen: Rom war die Hauptstadt des Römischen Reiches, das in seinem Westteil im 5. Jahrhundert unterging; und es ist die Stadt des Papstes und damit mindestens bis 1517 das Zentrum des westeuropäischen Christenheit, danach noch des Katholizismus. Unter Pippin und Karl dem Großen wurde die Beziehung der Franken zum Papst gepflegt, sodass daraus schließlich das Heilige Römische Reich Deutscher Nation entstand. Der Papst hatte im Jahr 800 Karl den Großen zum Römischen Kaiser gesalbt – das war ein Meilenstein in der Bindung der Deutschen an Rom.

Für die Christen wurde Rom ab 1300 aus einem anderen Grund anziehend: Das „Jubeljahr“ (ein Schuldenerlass im alten Israel alle 50 Jahre) wurde erstmals im Jahr 1300 als Heiliges Jahr ausgerufen, in dem ein besonderer Ablass (Erlass der zeitlichen Sündenstrafen) gewonnen werden konnte. Seit 1475 findet das Heilige Jahr alle 25 Jahre statt: ein Grund, nach Rom zu pilgern und einmal die Enge des heimatlichen Dorfes oder Städtchens zu verlassen.

Einen neuen Reiz bot Italien seit der Renaissance, der Wiederentdeckung der klassischen Antike (Griechen, Römer) als Maßstab gelingenden Lebens. Das ging bis in die Architektur hinein: Palladio und andere Architekten bauten im 16. Jahrhundert im Stil der Antike. Es kam dann noch die Kavaliersreise oder „Grand Tour“ auf; die Adeligen besuchten insbesondere bedeutende europäische Kunststädte und besichtigten dort Baudenkmäler aus Antike, Mittelalter und Renaissance, reisten durch malerische Landschaften, sprachen aber auch an europäischen Fürstenhöfen vor. Als Erfinder der Grand Tour gilt Thomas Coryat, der sich 1608 zu Fuß auf den Weg nach Italien machte und darüber ein Buch schrieb. „Zunächst waren es vor allem junge britische Adelige wie Boswell, der angehende 9. Lord Auchinleck, die sich auf der obligatorischen Grand Tour ihren letzten Schliff zum Gentleman holten und ihre gap years füllten: Den formalen Teil ihrer Ausbildung, Eton und Oxford hatten sie hinter sich gebracht, aber ihre Väter zu beerben, dazu war es noch zu früh. Auf der Kavalierstour konnten sie ihren Horizont erweitern, Fremdsprachen, gute Manieren, überhaupt: leben lernen. Sex galt als Teil des Bildungsreiseprogramms; die jungen Männer sollten Erfahrungen sammeln.“ (Susanne Kippenberger: Adel auf Achse, ZEIT-ONLINE vom 2. 8. 2010)

Auch für Maler wurde Italien das Land, in dem man seine Ausbildung abrundete: Ein Land, dessen Vielfalt die Künstler inspirierte und die Kunstwelt bereicherte, vor allem die Landschaftsmalerei. Die Werke stellten manchmal die ideale Landschaft dar, manchmal gaben sie eine genaue Beobachtung der Natur wieder, oder sie folgten nur der freien Intuition des Künstlers.

Für Deutschland wurde Goethes Reise nach Italien (1786-1788) prägend, weil er selber sich dadurch zum „Klassiker“ wandelte. Nicht nur seine „Römische Elegien“ geben Zeugnis dieser Veränderung:

„Froh empfind ich mich nun auf klassischem Boden begeistert,

Vor- und Mitwelt spricht lauter und reizender mir.

Hier befolg ich den Rat, durchblättre die Werke der Alten

Mit geschäftiger Hand, täglich mit neuem Genuß.

Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders beschäftigt;

Werd ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt beglückt.“ (5. Elegie, Anfang)

Die verschiedenen Stücke des „Faust“ konnten zu „Faust. Ein Fragment“ (1790) verbunden werden, Goethe fand sich neu ins Leben als Fürstenberater ein.

Im Gefolge Goethes blühte die deutsche Italiensehnsucht auf; in der Romantik kam eine neue Begeisterung für die Vergangenheit, für Ruinen, für den katholischen Geist hinzu, aber auch ein Gefühl für die Ambivalenz des „heidnischen“ Roms (Eichendorffs Taugenichts!). Zwischen 1800 und 1830 lebten allein in Rom mehr als fünfhundert deutsche Maler, Bildhauer und Architekten. Im 20. Jahrhundert kam dann der moderne Tourismus auf, wo man auflebte, „wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt…“

„Italiensehnsucht“ sucht man als Stichwort in den Lexika um 1900 noch vergebens: Sie lebte noch; sie lebte in den Artikeln über Italien – man schaue ins Damen Conversations Lexikon von 1834, Art. „Italien (Kunst)“. Heute ist die Italiensehnsucht ein ergiebiges Suchwort im Internet und Gegenstand zahlreicher Ausstellungen: Sie ist nach ihrem Tod ins Museum gewandert.

(Dieser kleine Aufsatz ist ein Teil des Lehrerheftes zu Thomas Mann, das bei Krapp & Gutknecht erscheinen soll: Buddenbrooks; Mario und der Zauberer.)

P.S. In der SZ vom 20.09.2010 hat Kristina Maidt-Zinke von einer Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe berichtet: „Viaggio in Italia. Künstler auf Reisen 1770-1780“. In dem Bericht erwähnt sie unter anderem, dass Claude Lorrain 1641 die große Kaskade des Anio in Tivoli gezeichnet und mit seinem Hell-Dunkel-Spiel die Landschaftsmalerei bis ins 19. Jahrhundert beeinflusst hat; ferner dass um 1800 noch vorrangig Ansichten von historisch oder literarisch bedeutenden Gegenden gefragt waren, dass aber im 19. Jahrhundert Darstellungen des italienischen Volkes beliebter wurden. – Die Ausstellung ist bis 28. November 2010 geöffnet.

Das Okkulte in „Mario und der Zauberer“

In der Erzählung Thomas Manns (Mario und der Zauberer) ist „merkwürdig“ das Schlüsselwort, mit dem der Erzähler seine Faszination durch Italien bzw. durch Cipolla umschreibt. Zu diesem Interesse am Merkwürdigen gibt es ein biografischen Hintergrund bei Thomas Mann, den ich hier kurz darstelle:
1924 hat Thomas Mann den Aufsatz „Okkulte Erlebnisse“ in „Die Neue Rundschau“ (Jg. 35, Heft 3) veröffentlicht, der heute in Gesammelte Werke in dreizehn Bänden, Bd. X, S. 135 ff. steht. Darin berichtet er von einer okkulten Sitzung bei Herrn von Schrenk-Notzing, in deren Verlauf verschiedene Gegenstände bewegt und von unsichtbarer Hand auf einer Schreibmaschine eine sinnlose Buchstabenfolge gehämmert wurde.
Seine Erklärung lautet: „Bei dem, was ich sah, handelt es sich um eine okkulte Gaukelei des organischen Lebens, um untermenschlich-tiefverworrene Komplexe, die, zugleich primitiv und kompliziert, wie sie sein mögen, mit ihrem wenig würdevollen Charakter, ihrem trivialen Drum und Dran, wohl danach angetan sind, den ästhetisch-stolzen Sinn zu verletzen, aber deren anormale Realität zu leugnen nichts als unvernünftige Renitenz bedeuten würde.“ (Bd. X, S. 167)
Den Schluss bildet die Offenbarung der paradoxen Wünsche Thomas Manns: „Nein, ich werde nicht mehr zu Herrn von Schrenk-Notzing gehen. Es führt zu nichts, oder doch zu nichts Gutem. Ich liebe das, was ich die sittliche Oberwelt nannte, ich liebe das menschliche Gedicht, den klaren und humanen Gedanken. (…) Ich möchte freilich einmal, wie das anderen geschehen, eine solche Hand, ein solches metaphysisches Gaukelbild aus Fleisch und Bein in meiner halten. (…) Ich will nichts weiter, als einmal noch das Taschentuch vor meinen Augen ins Rotlicht aufsteigen sehen. Das ist mir ins Blut gegangen, ich kann’s nicht vergessen. Noch einmal möchte ich, gereckten Halses, die Magennerven angerührt von Absurdität, das Unmögliche sehen, das dennoch – geschieht.“ (Bd. X, S. 171)