Stéphane Hessel: Tanz mit dem Jahrhundert – Besprechung

Ich kannte bis vor sechs Wochen zwar den Titel des Buchs „Empört euch!“, als eine französische Sensation, mehr aber auch nicht, auch nicht den Autor; dann hörte ich vor einigen Wochen St. Hessel in der Reihe „Tischgespräche“ des WDR und war von dem Mann begeistert. Daraufhin habe ich seine Biografie „Tanz mit dem Jahrhundert“ (3. Auflage 2011, 2. Aufl. vermutlich 2010, erste Aufl. 1998) gekauft und bin enttäuscht. Ich versuche, die Enttäuschung zu erklären.

Was mich fasziniert hatte, war die Person und ihr ungewöhnlicher Lebensweg. Davon findet man in seiner Autobiografie allenfalls bis Seite 165 (ungefähr, es kommt bei 400 nicht auf 20 Seiten an) etwas. Der Rest ist eine Sammlung von inzwischen (und außerhalb Frankreichs) teilweise unbekannten Namen, Clubs und Institutionen, zwischen denen Hessel sich bewegt hat. Dazu kommen immer wieder Bekenntnisse, dass er an das Gute im Menschen und die Möglichkeit sinnvoller Politik glaubt. Das Buch ist in Frankreich 1997 erschienen – da war es vermutlich eine lesenswerte Lektüre. In Deutschland ist es (in 3. Auflage) 2011 erschienen; da ist es als ganzes kaum noch lesenswert, höchstens die ersten 165 Seiten (s.o.). So erwähnt er zum Beispiel seine zweite Frau Christiane; aber er erzählt nicht, wie er sie kennengelernt hat (im Unterschied zu seiner ersten Frau Vitia). Zwar deutet er in einem Halbsatz einmal an, es habe noch zu Lebzeiten seiner Frau Vitia eine Liebschaft gegeben, aber davon erzählt er nichts. Man kann jedoch solches erzählen, ohne indiskret zu werden: Von den Episoden seiner Mutter hat er ja auch ganz offen gesprochen!

Warum erscheint das Buch trotzdem in Deutschland 2011 (noch einmal)? Stéphane Hessel ist gerade in, ist in vielen Sendungen zu hören, als Autor des Büchleins „Empört euch!“ und auch als wunderbar dem KZ Entkommener [man hatte einem Toten den Namen Hessel gegeben und ihn selber unter dem Namen des Toten registriert, sodass sein Todesurteil nicht vollstreckt wurde, weil „Hessel“ ja tot war]. Diese Strömung hat den Verlag Arche bewogen, den alten Schinken noch einmal auszukramen und auf den Markt zu bringen. Das hätte man tun können, wenn man das Buch radikal überarbeitet hätte; aber dazu hatte Hessel offensichtlich weder Zeit noch Lust. – Es finden sich auch zahlreiche Fehler in der Silbentrennung, etwa S. 43, letzte Zeile: zwöl-fjährige Tochter. Ich befürchte, dass man hier einem Schreibprogramm zu sehr vertraut und nicht mehr „von Hand“ redigiert hat. Ich würde das Buch nicht noch einmal kaufen; es genügt, wenn man eine Sendung mit Hessel gehört hat – im Buch erfährt man kaum viel mehr von ihm.

In der Besprechung http://www.arte.tv/de/3442854,CmC=3437360.html kann man lesen: „Nun hat er eine ungewöhnliche Autobiographie verfasst: Er stellt sein Leben, das 20. Jahrhundert durchmessend, im Spiegel von Gedichten dar, die er im Laufe der Zeit auswendig gelernt hat. Das sehr persönliche Buch enthält 88 Gedichte in den drei „Muttersprachen“ dieses überzeugten Europäers…“ Das ist völliger Quatsch: Anscheinend hat Gabriele Denecke ein Buch besprochen, das sie nicht in der Hand gehabt hat; das Buch enthält keine Gedichte.

http://www.tagesspiegel.de/kultur/poet-des-widerstands/1890358.html ist eine lesenswerte Besprechung und Reportage; danach braucht man das Buch kaum noch zu lesen. Vgl. auch http://www.krautgarten.be/kg58/kg58_s63-65.pdf

Das Tischgespräch mit St. Hessel kann man herunterladen: http://www.wdr5.de/sendungen/tischgespraech/s/d/13.07.2011-21.05/b/claudia-dammann-im-gespraech-mit-stephane-hessel-autor-diplomat-und-ehemaliger-widerstandskaempfer.html

Kritisch zum gegenwärtigen Hessel-Kult: http://www.redaktion-bahamas.org/auswahl/web62-2.html

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/9827 Interview mit der Jüdischen Allgemeinen

http://veit-feger.homepage.t-online.de/hessel.htm zur Jules-et-Jim-Geschichte

http://www.exilarchiv.de/Joomla/index.php?option=com_content&task=view&id=520&Itemid=1 über den Vater Franz Hessel

P.S. Stéphane Hessel ist im Frühjahr 2013 gestorben.

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