E. T. A. Hoffmann: Das fremde Kind – Strukur, Interpretation

Das fremde Kind“ wird von Lothar erzählt (Zweiter Band „Die Serapionsbrüder“, 1819, Vierter Abschnitt). Struktur des erzählten Geschehens:

Ausgangssituation: Das freundliche Anwesen der Familie von Brakel in Brakelheim, wo diese inmitten der Natur ein einfaches Leben führt.

Störung: Besuch des vornehmen Vetters Cyprianus von Brakel mit seiner Familie

  • Einschränkung der Kinder schon vor dem Besuch
  • Charakterisierung der fremden Kinder
  • Konfrontation der beiden Sorten Kinder (fröhliche Bauernkinder – unbeholfene Kinder voller „Wissenschaften“)

Die neuen Spielsachen (Geschenk der Besucher)

  • machen vorübergehend Freude
  • enttäuschen in ihrer leblosen Mechanik
  • werden im Wald entsorgt

Gegenbewegung, ausgelöst durch das fremde Kind:

  • Die Kinder sind im Wald, aber traurig.
  • Das fremde Kind kommt.
  • Sie spielen in der Natur. – Die Eltern verstehen nichts von dem, was die Kinder ihnen erzählen.
  • Am nächsten Tag geht das fröhliche Spielen im Wald weiter.

Von der Heimat des fremden Kindes“ (der Mythos, vom Kind erzählt)

  • Es wohnt hinter den blauen Bergen.
  • Seine Mutter, eine Königin, führt ein glückliches Leben.
  • Pepasilio, „ein großer Gelehrter“, hat mit seinem schwarzen Saft (= Tinte: Wissenschaft) das Leben dort gestört.
  • Es gelang mit Hilfe von Kindern, sich von Pepasilio = Gnomenkönig Pepser (= eine Fliege) zu befreien.

Fortsetzung der Störung durch den Hofmeister:

  • Der vom Onkel Cyprianus versprochene Hofmeister, Magister Tinte, quält die Kinder sinnlos bei seiner Ankunft.
  • Sie müssen im Zimmer die Wissenschaften lernen.
  • Er liebt den Wald nicht, reißt Maiglöckchen aus und tötet einen Vogel; er verwandelt sich in eine summende, brummende Fliege (wie im Mythos Pepser). – Die Eltern verstehen den Bericht der Kinder nicht.
  • Er agiert im Haus wie eine Fliege und wird vom Vater mit der Fliegenklatsche (wie Pepser im Mythos) vertrieben.
  • Die im Wald entsorgten Spielsachen sind Zöglinge des Magisters Tinte; sie verleiden den Kindern den Wald.

Ausgang des Geschehens:

  • Herr von Brakel wird krank (vermutlich Tintes Werk).
  • Er bekennt sich zum fremden Kind, das er selber früher kannte.
  • Er stirbt.

Die Familie

  • wird durch den Vetter Cyprianus enteignet;
  • das fremde Kind ermahnt die beiden Kinder, Felix und Christlieb, zur Treue und verspricht Hilfe.
  • Die Familie wird trotz ihrer Armut glücklich. (Damit ist wieder der ausgeglichene Anfangszustand erreicht.)

Diese Struktur des Geschehens muss man vor Augen haben, wenn den im Netz mehrfach wiedergegebenen Inhalt des Märchens verstehen will. Interpretation:

Die „Helden“ des Geschehens sind Felix und Christlieb von Brakel. Die heile Welt ist die naturnahe kleine Welt des Thaddäus von Brakel und seiner Familie; die Kinder spielen im Wald und verstehen die Stimmen der Natur. Sie sind die wahren Menschen – eine Anwendung des Schiller‘schen Satzes: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Der Dreiklang des erfüllten Lebens besteht aus den Tönen „Kind sein – spielen – im Wald“; das Kriterium des Gelingens sind Freude, Freiheit und die vielen Stimmen, die man hört.

Die Gegenwelt ist die große Welt des Cyprianus von Brakel; er bringt seinen Kindern die sinn-losen „Wissenschaften“ bei und verschenkt mechanisches Spielzeug. Seine Kinder und die verschenkten Spielsachen (sie bestehen die Waldprobe nicht, verleiden den Kindern den Wald) sind negativ gezeichnet, Cyprianus selber ist ein übler Ausbeuter (s. Ende!). Zur Gegenwelt gehört auch der von ihm entsandte Hofmeister, Magister Tinte, der die Kinder ans Zimmer fesselt; er tritt als Sadist auf und lehrt „die Wissenschaften“, er ist in Wahrheit die summende, brummende Pepser-Fliege. Seine schwarze Kleidung entspricht der Tinte.

In der mythischen Parallelwelt stehen auf der einen Seite das fremde Kind und seine Mutter, auf der Gegenseite der große Wissenschaftler Pepasilio = Pepser, der mit seiner Tinte die ganze Natur tötet. In der mythischen Welt wird ein Kampf ausgefochten, der mit Fliegenklatschen gewonnen wird und dem in Brakelheim der Kampf gegen Magister Tinte entspricht. Als Naturkinder verstehen Felix und Christlieb die Botschaft des fremden Kindes. Die Eltern von Brakel verstehen zunächst ihre Kinder nicht; der Vater nähert sich als erster seinen Kindern an und erinnert sich an seine Kindheit, schließlich glaubt auch die Mutter den Kindern ihr „Märchen“.

In der großen Welt mag Minister Cyprianus Erfolg haben, doch wissen Felix und Christlieb (anders als ihre Cousine und ihr Vetter) zu leben (hier: zu spielen) und werden in ihrer Armut glücklich.

Vor diesem Hintergrund, dass „richtige“ Kinder die wahren Menschen sind, gewinnt das kleine Geplänkel über Märchen (Märchen – Kindermärchen – Märchen für große und kleine Kinder – Märchen für Kinder und für die, die es nicht sind) am Schluss der Erzählung seine poetologische Bedeutung.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Das_fremde_Kind_(E._T._A._Hoffmann) (Inhalt ziemlich knapp)

http://www.maerchenatlas.de/kunstmarchen/das-fremde-kind/ (Inhalt, mit kleinen Fehlern)

https://silkehorstkotte.files.wordpress.com/2014/08/das-fremde-kind2-kopie.pdf (Interpretation und Unterrichtsentwurf)

http://mythos-magazin.de/methodenforschung/tg_hoffmann.pdf (Interpretation einer Studentin – lustig, was die Wissenschaft aus dem Märchen macht)

Text:

http://www.zeno.org/Literatur/M/Hoffmann,+E.+T.+A./Erz%C3%A4hlungen,+M%C3%A4rchen+und+Schriften/Die+Serapionsbr%C3%BCder/Zweiter+Band/Vierter+Abschnitt/Das+fremde+Kind

http://gutenberg.spiegel.de/buch/das-fremde-kind-3092/1

https://www.offenesbuch.com/g26762 (sehr gut lesbar)

https://archive.org/stream/smtlichewerkeh06hoffuoft#page/262/mode/2up (historisch-krit. Ausgabe 1912, Frakturschrift)

http://www.maerchen.org/hoffmann/der-herr-von-brakel.htm

http://njfib.wbl.sk/uvod_do_nemeckej_literatury/das_fremde_kind.doc

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