Meyer-Sickendiek: Lyrisches Gespür (2011) – Besprechung

Das im Wilhelm Fink-Verlag kürzlich erschienene Buch „Lyrisches Gespür. Vom geheimen Sensorium moderner Poesie“ von Burkhard Meyer-Sickendiek (angezeigt für 2012) habe ich besprochen, die Besprechung sollte bei fixpoetry erscheinen. Die Redaktion hat jedoch entschieden, dass sie sich in dieser Form nicht für fixpoetry eignet. Ich stelle die an einigen Stellen leicht überarbeitete Besprechung deshalb hier vor:

„Die entscheidende Frage dieses Buches lautet: Wie gelangt das Spüren als leibliches Erleben eines realen Menschen im Sinne eines ‚biographischen Ichs‘ in die sprachliche Form des Gedichts und wird so ein Erlebnis des lyrischen Ichs?“ (S. 31) Diese Frage versucht Burkhard Meyer-Sickendiek auf rund 540 Seiten anhand von rund 200 Beispielen mittels einer neuen Theorie zu beantworten. Die wichtigsten Gewährsleute seiner Theorie sind die Philosophen Hermann Schmitz und Gernot Böhme; auch Ulrich Pothast mit seiner Theorie des leiblichen Spürens wird herangezogen.

Der Autor setzt beim Begriff des Gespürs an, um zu zeigen, dass der Begriff des Lyrischen etwas „für die Beschreibung moderner und postmodener Poesie“ hergibt (S. 15); die Lyriker seien Fachleute des Spürens. Gespürt werde eine Atmosphäre, sozusagen die Stimmung einer Situation; deren Reflexion führe den Spürenden vom Äußeren ins eigene Innere, was der Autor „atmosphärische Ingression“ nennt (S. 22). Er zählt fünf Merkmale auf, an denen man lyrisches Gespür erkennen könne; das einfachste ist die Verwendung eines Wortes aus dem Wortfeld „spüren“, sozusagen ein Spürensbekenntnis – dabei weiß der Autor natürlich, dass ein solches Wort nicht zwingend besagt, dass tatsächlich etwas gespürt worden ist.

Die originellste Leistung in diesem Zusammenhang ist die Verwendung des Begriffs der Abduktion, den Peirce erfunden hat und mit dem dieser den Rückschluss von einer überraschenden Beobachtung auf eine diese erklärende, bisher unbekannte Regel bezeichnet (logisch ein recht mutiges Verfahren). Die „Regel“ ersetzt der Autor nun im Fall des lyrischen Sprechens „durch das lyrische Prinzip der Sprachform“ (S. 32); mittels der Sprachform werde „Allgemeingültigkeit im Sinne einer Nachvollziehbarkeit des derart Erspürten“ gesichert (S. 32) – sie stelle die Fiktionalisierung leiblicher Erfahrungen dar (S. 111 ff.). So kommt er zu seiner Definition: „Lyrisches Gespür begreifen wir als eine Abduktion leiblicher Erfahrungen in rhythmisierter Sprache.“ (S. 38 und S. 91). Anders gesagt: „Lyrisches Gespür bezeichnet die Fähigkeit, Anmutungen zu versprachlichen.“ (S. 38) Damit könne Lyrik als Situationslyrik verstanden werden: „Situationslyrik beginnt dort, wo die Mystik endet, und sie endet dort, wo die Abstraktion beginnt.“ (S. 40) Mit diesem Verständnis moderner Lyrik firmiert Meyer-Sickendiek unter dem Stichwort „Leiblichkeit als Entdeckung moderner Lyrik“ (S. 43); er ordnet sich selber der Reihe der Theoretiker Emil Staiger, Hugo Friedrich, Harald Fricke, Dieter Lamping und Carl Otto Conrady zu.

Leibliches Spüren sei in fünf Dimensionen möglich, was er später in fünf Kapiteln mit Beispielen abhandelt: Aura als Gegenstand des magischen Gespürs, Leiblichkeit als Thema des existenziellen Gespürs, Empathie im sozialen Gespür, Anmutung als Gegenstand des atmosphärischen Gespürs und die Zeitlichkeit, wofür es ein temporales Gespür gebe.

Das alles, in der umfangreichen Einleitung umrissen, wird in einem zweiten Durchgang etwas  ausführlicher dargestellt. Dabei ist nur neu, wie der Autor die eingangs genannte zentrale Frage seines Buches beantwortet. Dafür greift er auf den Schmitz’schen Begriff der präpersonalen Subjektivität zurück; die sei dasjenige, was spürt, und „sie wird somit nicht nur zur Quelle der personalen Subjektivität, sondern zugleich zur Quelle der ins Gedicht eingehenden lyrischen Subjektivität“ (S. 111) – das lyrische Ich stelle also einen abgespaltenen Teil der präpersonalen Subjektivität des Dichters dar. „Diese Explikation einer chaotisch-mannigfaltigen Ganzheit begreifen wir anhand der Kategorie der Abduktion als erklärende Hypothese, mittels derer eine erspürte Subjektivität zugleich eine erdachte werden kann.“ (S. 111) Alles klar? Nicht unbedingt? Nun, das liegt auch daran, dass Meyer-Sickendieks Gabe, sich klar auszudrücken, noch entwicklungsfähig ist – „derer“ im letzten Zitat müsste sich eigentlich auf „Abduktion“ beziehen, „erklärende Hypothese“ ist früher bereits durch „Sprachform“ ersetzt, die erdachte Subjektivität ist das lyrische Ich. Nicht unproblematisch sind die Begriffe der präpersonalen Subjektivität und der Abduktion sowie die freie Kombination oder Abwandlung solcher Begriffe.

Bei der Entwicklung der Theorie des lyrischen Ichs tauchen noch einige weitere Begriffe auf, etwa Verdichtungsbereich und Verankerungspunkt (S. 59 ff., von H. Schmitz – „Schmitz, schon wieder mal Schmitz…“) oder Schemata zur Stimmungsdynamik, die für das elementare Verständnis der Theorie nicht unbedingt erforderlich sind und die ich deshalb hier ausklammere. Ich begnüge mich damit, zum bisher Ausgeführten zwei kritische Fragen zu stellen: Wie weit trägt der Begriff der Abduktion überhaupt und ist er geeignet, in seiner Version als Sprachform des Erspürten die Allgemeingültigkeit (jedenfalls Nachvollziehbarkeit) des vom lyrischen Ich Geäußerten zu erklären? Und ist das lyrische Ich wirklich als aus einem präpersonalen Ich des Dichters entsprungen zu denken?

Über diese beiden Fragen könnte man wieder ein Buch schreiben, was ich aber nicht beabsichtige. Zur ersten Frage will ich nur zu bedenken geben, dass im Fall der „richtigen“ Abduktion immerhin eine auffällige Beobachtung dauerhaft vorliegt, während in der Sprachform des Erspürten das ursprünglich Erspürte verschwunden ist – es sei denn, die Rezipienten könnten sich darauf einigen, was das ursprünglich Erspürte, nun in und zu einem lyrischen Gedicht Verarbeitete gewesen ist. Ferner ist die Sprachform eines lyrischen Gebildes sicher nichts Regelhaftes, lässt sie doch viele Deutungen zu – die Verwendung des Begriffs „Abduktion“ ist also ein Spiel mit gezinkten Karten. Zur zweiten Frage kann ich nur sagen, dass nach meiner Einsicht das lyrische Ich eine fiktionale Größe darstellt, über deren Beziehung zum realen Dichter wir nichts Definitives sagen können. Im Basislexikon der Fernuni Hagen liest man über das lyrische Ich: „Das lyrische Ich ist also eine literaturwissenschaftliche Konstruktion und meint die unvermittelt sprechende (oder singende) Instanz eines lyrischen Gedichts, wie es sich in ihm präsentiert. / Es zielt als Textfunktion in erster Linie darauf ab, den (Empfindungs-, Wahrnehmungs-) Gehalt eines Gedichts als subjektiv geformten zu präsentieren, insofern kann es dem Leser oder Hörer ein Identifikationsangebot machen und den Gehalt somit gegenüber einer rein individuellen Aussage verallgemeinern. Es korrespondiert also der ästhetischen oder poetischen Gestaltung des Gedichts und ist somit nicht mit dem realen Autor des Textes zu identifizieren.“ Zur Problematik des Begriffs wird dort u.a. darauf hingewiesen, dass es zahlreiche Texte gibt, „die wohl als lyrische Gedichte anzusehen sind, aber nicht erkennbar als (unmittelbare) Aussprache eines Subjekts (bzw. Ich) gestaltet sind“.

Im ersten der fünf Kapitel über die Spürensgedichte wird „die Aura“ behandelt: „Das Spüren kann eine magische Form der Erfahrung sein, die ein Gedicht in und an der Natur macht.“ (S. 119). Dazu möchte ich anmerken, dass ich nicht weiß, was eine magische Form der Erfahrung ist, und dass ein Gedicht keine Erfahrungen machen kann – solche sprachlichen Ungenauigkeiten, oft auch Schlampereien machen es manchmal schwer, dem Gedankengang zu folgen, geschweige denn ihm zustimmen zu können. Dagegen fallen sprachliche Eigentümlichkeiten, vulgo Grammatikfehler wie die durchgängige Verwendung der Präpositionen „gemäß“ oder „entgegen“ mit dem Genitiv statt mit dem Dativ, wie es richtig wäre, kaum ins Gewicht. Eher stört schon die Sucht, das mit lateinischen Fremdwörtern zu sagen, was man auch deutsch sagen kann, oder Polanyis „implizites Wissen“ öfter und vermeintlich besser als „tacites Wissen“ zu umschreiben – erstens musste ich „tacit“ nachschlagen und zweitens bedeutet dieses englische Wort „stillschweigend“ und ist damit auch nicht klarer als die gängige Übersetzung „implizit“. Auch die schülerhafte Angewohnheit, zwei Sätze durch „daher“ zu verknüpfen, selbst wenn keine kausale Beziehung vorliegt, stört beim Lesen: Jedesmal fragt man sich „weshalb?“, oft genug gibt es darauf keine Antwort.

Zurück zur Aura – die einschlägigen Formeln Walter Benjamins kann man mit Quellennachweis in Wikipedia finden, dazu braucht man nicht zwei Bände der Gesammelten Schriften durchzuackern. Meyer-Sickendiek hält an diesem Begriff fest, obwohl Benjamin selbst 1938/39 von ihm abgerückt ist (S. 122). Wessen Aura kann man spüren? Spüren könne man den Wind; Tiere, Pflanzen und die Erde könne man erspüren, den Himmel und das Gedicht spüren. Zu diesen sechs Themen gibt es im Aura-Kapitel Gedichte, die vom Autor kurz kommentiert oder paraphrasiert werden, mit vielfältigen Rückgriffen auf Sekundärliteratur. Zum Wind-Spüren zitiert der Autor beispielsweise die Gedichte

Brockes: Die Luft (1727),

Hofmannsthal: Vorfrühling (1892),

Heym: Frühling (1904),

Dauthendey: Es sind nicht leere Lüfte (1915),

Rilke: Spaziergang (1924),

Eich: Weg durch die Dünen (1935),

Brecht: Lied vom kleinen Wind (1943),

Czernin: fanfaren, sonett (2002).

Solche Zusammenstellungen motivgleicher Gedichte machen in ihrer ganzen Breite in meinen Augen den (Gebrauchs)Wert des Buches, etwa für Deutschlehrer, aus. Allerdings ist kritisch zu bemerken, dass die vom Autor als Beleg zitierte 1. Strophe von Brockes‘ „Die Luft“ gar nicht vom Wind handelt, sondern von den Lüften gleich dem Himmel, und dass etwas ganz anderes gespürt wird:

„Sehen wir der dünnen Lüfte

Grossen Kreis und weite Bahn,

Samt dem Wesen dieser Düfte,

Mit Verstand und Sinnen an;

Spürt ein reges Hertz aufs neue,

Wie sich recht die Seele freue,

Weil sie drin, für Lust entzückt,

Gott unsichtbarlich erblickt.“ (S. 125)

Auch Brechts „Lied vom kleinen Wind“ handelt nicht vom Wind – das kann jeder selber nachlesen (http://www.mj-arte.ch/mj-texte/B/brecht-schweyk.html). Einem groben Missverständnis fällt Eichendorffs Gedicht „Winter“, die letzte Strophe (S. 218 f.), zum Opfer:

„Nun, so trag mich weiter,

wo das Wünschen aus –

Wie wird mir so heiter,

Roß [= Pegasus], bring mich nach Haus!“

Pegasus soll den Dichter also in den Himmel tragen, in die Heimat der Glaubenden („nach Haus“); dort ist das Wünschen aus, weil die Erfüllung im Übermaß geschenkt wird. Im Anschluss an Claus Sommerhage meint der Autor allerdings, das Gedicht kehre zum wunschlosen Unglück des Anfangs zurück, das nun „in einer Art heiterer Gelassenheit ertragen“ werde – wenn Eichendorff noch lebte und das läse, er bekäme einen Herzschlag.

So ließe sich noch mancherlei Kritisches sagen, aber das führte jetzt zu weit. Auf einen arroganten Schlenker möchte ich allerdings noch hinweisen; den finden wir bei der Differenzierung Aura-Pneuma, wo der Autor ganz nebenher des Diogenes Laertius Definition „to symphyes hemin pneuma“ nach dem Eisler’schen Wörterbuch zitiert (S. 123), ohne die Wendung ins Deutsche zu übersetzen. Diese Wendung kann man natürlich aus dem Wörterbuch abschreiben – ich bezweifle allerdings, ob mehr als 1% der Leser sie verstehen und ob jemand sie übersetzen kann, der wie der Autor nicht zu wissen scheint, dass es „die Klimax“ heißt („die rhetorische Figur des Klimax“, S. 139 – das darf einem Germanisten nicht passieren, selbst wenn es nur ein Schreibfehler wäre).

Das Buch ist 2010/11 auf der Basis eines Heisenberg-Stipendiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft entstanden. Die Literaturangaben zählen rund 300 Titel Sekundärliteratur auf; wenn es Register der Fachbegriffe, der Autoren und der Gedichte gäbe, stiege der Gebrauchswert des Buches deutlich. Im Internet gibt es ein Inhaltsverzeichnis als Datei (auf der Seite http://www.zfl-berlin.org/veranstaltungen-detail/items/burkhard-meyer-sickendiek-lyrisches-gespuer-vom-geheimen-sensori.html). Die Einleitung kann man hier lesen: http://de.paperblog.com/106-lyrisches-gespur-235203/, ebenfalls mit Inhaltsverzeichnis, sowie http://lyrikzeitung.com/2011/10/24/106-lyrisches-gespur/http://www.jltonline.de/index.php/conferences/article/view/271/835 (Referat: Arbeiten zur Thematik)

Die Einleitung von Simone Winkos Werk „Kodierte Gefühle“ (2003), ein Bezugstext Meyer-Sickendieks, ist ebenfalls im Internet greifbar: http://www.simonewinko.de/emot_einleit.html.

Vgl. auch „Abduktion und ihre Anwendungen“ (http://user.uni-frankfurt.de/~wirth/abdanw.htm) sowie Helmut Papes Artikel „Abduktion“ in „Enzyklopädie Philosophie“, Bd. 1, S. 8 ff., und

„Das lyrische Ich. Verteidigung eines umstrittenen Begriffs“ (http://www.ndlmm.uni-wuppertal.de/fileadmin/germanistik/ndlmm/Veröffentlichungen/das_lyrische_ich_scan.pdf)

Um zu sehen, wie beschränkt der Ansatz Meyer-Sickendieks ist, kann man ihn mit dem Karl Eibls (Die Entstehung der Poesie, 1995) vergleichen, den er nicht einmal nennt, oder auf dessen Buch „Animal Poeta“ hinweisen – geschweige dass Meyer-S. sich mit ihm auseinandersetzte; das ist eben nicht Meyer-Sickendieks Stärke: sich mit Gedanken auseinanderzusetzen. [Eine kurze Darstellung seiner Grundgedanken bietet Eibls Aufsatz „Adaptionen im Lustmodus“.]

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Es gibt weitere Anzeichen dafür, dass das Buch Meyer-Sickendieks mit einer ziemlich heißen Nadel gestrickt worden ist. So wird z.B. einmal der deutsche Titel „Descartes‘ Irrtum“ genannt (S. 53, Anm. 15), eine Seite später der englische „Descartes‘ Error“ (S. 54, Anm. 18); im Literaturverzeichnis steht nur der englische Titel – normalerweise nähme ich an, dass hier zwei Leute am Text gearbeitet haben. Pothasts „Philosophisches Buch“ wird im Text zitiert (S. 68), aber nicht im Literaturverzeichnis genannt; aus einem Gedicht Hofmannsthals wird ein gerade abgedruckter Vers auf der gleichen Seite falsch zitiert (S. 148) – dergleichen Fehler gibt es noch mehr. „Tiere erspüren“ – Thomas Nagel hat gezeigt, dass wir uns nicht in Tiere einfühlen können – der Autor nennt den Aufsatz natürlich; aber er setzt sich nicht damit auseinander, sondern geht locker darüber hinweg: „Walter Benjamin würde an dieser Stelle widersprechen…“ (S. 140) Übrigens stehen alle Stellen, die Meyer-Sickendiek zum Aura-Begriff Walter Benjamins zitiert, im entsprechenden Aura-Artikel der Wikipedia; aber den zitiert der Autor natürlich nicht, er zitiert brav Benjamin aus den Gesammelten Schriften (siehe Wikipedia!). Und vor allem: Er zitiert keine Stelle, die nicht in Wikipedia mit Beleg genannt ist – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. (Zur Sache der Lyrik vgl. Handbuch Lyrik: Theorie, Analyse, Geschichte. Hrsg. von Dieter Lamping. Metzler 2011)

Liste kleiner Grausamkeiten aus Kap. V:

Meyer-S. übernimmt aus einem Gedicht Leo Greiners („Ein Herz wird kalt, ein Baum verlischt im Winde…“) den verlischenden Baum – er weiß nicht, dass er den verlöschenden Baum übernehmen müsste; „löschen“ war einmal ein starkes Verb (er lischt, er losch), daran erinnert die Wendung im Gedicht, die Meyer-S. nicht dem Verb „verlöschen“ zuordnen kann. (S. 484)

Dann will Meyer-S. Lücken ergänzen (S. 485) – o prächtiges Ausdrucksvermögen: Lücken füllt man, Fehlendes ergänzt man.

Meyer-S. kann nicht zwischen „so genannt“ und „sogenannt“ unterscheiden: die von Ingeborg Bachmann so genannte „gestundete Zeit“ ist keine sogenannte gestundete Zeit. (S. 485)

Meyer-S. kennt den zweiten Teil von Heideggers „Sein und Zeit“; der ist aber leider nie erschienen. (S. 486)

Nach Heidegger werden angeblich Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft „nicht mehr als vorhandene Zeit im Sinne einer Abfolge von Jetztpunkten“ verstanden (S. 486); ich empfehle dazu die Lektüre von Augustinus: Bekenntnisse, 11. Buch, das bekanntlich kurz vor Heideggers Werken erschienen ist.

Das Aufkommen des Motivs des Kommenden wird in Zusammenhang mit der Geschichte des Seismographen gebracht (S. 489) – dabei zeichnet der Seismograph nichts Kommendes, sondern etwas kürzlich Geschehenes auf; „so bezeichnet das Erspüren des Kommenden einen sich verändernden Ichzustand als Indikator der menschlichen Fähigkeit, Veränderungen – nicht konkrete Zukunftsszenarien – wahrzunehmen“ (S. 489). Wie bitte? Der sich verändernde Ichzustand ist ein Indikator der menschlichen Fähigkeit…? So ein Quatsch, gemeint ist vermutlich: Der sich verändernde Ichzustand zeigt an, dass sich draußen etwas verändert, und wäre somit dessen Indikator; oder die menschliche Fähigkeit ist ein Indikator…

Und so geht das weiter mit den kleinen Grausamkeiten – von den großen ganz zu schweigen, weil deren Analyse zu viel Zeit und Platz in Anspruch nähme. Große Grausamkeit: Den vier Spürensdimensionen des Herrn Schmitz wird als fünfte das bei Heidegger ausgegrabene „temporale“ Spüren hinzugefügt (4 Schmitz + 1 Heidegger = 5 Stimmungen: die lyrische Arithmetik); da wird also nicht bedacht, wie Heidegger und Schmitz sich miteinander vertragen (gar nicht nämlich), sondern es wird addiert – und das „temporale Spüren“ dann durch eine Reihe von Heidegger-Zitaten verschönert: Zitieren geht über Studieren!

Was findet man in „der“ Psychologie zum Spüren und Gespür?

Vielleicht sollte man sich nicht nur bei einigen Philosophen, sondern auch in der zuständigen Wissenschaft nach dem Thema umsehen, wäre mein bescheidener Vorschlag. Das übergeordnete Suchwort ist „Wahrnehmung“ [oder sollte man von „Emotion“ oder „Gefühl“ ausgehen, jeweils mit einer Reihe weiterer Artikel?]:

http://www.psychology48.com/deu/d/wahrnehmen/wahrnehmen.htm Wahrnehmen

http://www.psychology48.com/deu/d/wahrnehmung/wahrnehmung.htm Wahrnehmung

http://www.psychology48.com/deu/d/unterschwellige-wahrnehmung/unterschwellige-wahrnehmung.htm unterschwellige Wahrnehmung – der relevante Artikel!

Spüren und Gespür werden nur in einer bestimmten psychologischen Richtung thematisiert:

http://www.psychology48.com/deu/d/existenzanalyse/existenzanalyse.htm Existenzanalyse

http://www.psychology48.com/deu/d/emotionstheorie-existenzanalytische/emotionstheorie-existenzanalytische.htm Emotionstheorie, existenzanalytische

Verfolgt man das Stichwort „unterschwellige Wahrnehmung“, findet man Folgendes:

http://psychologie-news.stangl.eu/337/unterschwellige-wahrnehmung

http://www.medialine.de/deutsch/wissen/medialexikon.php?snr=5699

http://www.implicit-marketing.de/weblog/2006/08/20/unterschwellige-wahrnehmung-ein-update

http://www.gwa.de/themen-wissen/werbe-wiki/?no_cache=1&tx_drwiki_pi1%5Bkeyword%5D=unterschwellige%20Wahrnehmung%20(subliminale%20Wahrnehmung%2C%20Subzeption)

http://de.wikipedia.org/wiki/Subliminal_(Psychologie)

http://www.spiegel.de/thema/wahrnehmungspsychologie/

Eine weitere Aufgabe bestände darin, bei einzelnen Themen des Spürens (Zeitwahrnehmung usw.) gesondert zu prüfen, was die wissenschaftliche Psychologie dazu sagt, und sich nicht nur auf philosophische Phänomenologie, also den gesunden Menschenverstand zu verlassen.

Wozu (causa finalis) reden oder schreiben Lyriker überhaupt Lyrisches?

„Wir sind noch immer so konstruiert, daß wir uns in hohem Maße auf unser Gefühl verlasen, wenn es darum geht, Situationen zu bewerten und unser Tun zu steuern.“ (Norbert Bischof: Das Rätsel Ödipus, 1985, S. 157) So weit, so gut, auch Gefühle steuern unser Handeln – aber wozu reden oder schreiben Menschen dann über das, was sie spüren (fühlen)? Die Antwort auf diese elementare Funktions-Frage bleibt Meyer-Sickendiek schuldig. – In meiner Besprechung fehlt als dritte und vielleicht wichtigste Frage: Ist „Ausdruck eines Gespürten“ wirklich geeignet, die Eigenart lyrischen Sprechens zu erfassen? Daran schlösse sich als vierte Frage an: Was ist überhaupt lyrisches Sprechen, woran erkennt man es und wie unterscheidet man es von nichtlyrischem?

Was B. Meyer-Sickendiek außerdem noch veröffentlicht hat:

Affektpoetik. Eine Kulturgeschichte literarischer Emotionen, 2005; dazu http://www.literaturkritik.de/public/buecher/Buch-Info.php?buch_id=17275 (statt einer Besprechung), vgl. auch http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=10267&ausgabe=200612;

Tiefe. Über die Faszination des Grübelns, 2010; dazu http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=14611 (Albert Coers wundert sich über die Abfassungszeit: bloß 1 Jahr, aber die heiße Nadel spürt er offenbar nicht – bei seinen Spürensdefiziten wäre er nach M.-S. nicht zum Lyriker geeignet.)

http://www.fu-berlin.de/presse/publikationen/tsp/2010/ts_20101120/ts_20101120_51/index.html (Bericht über Meyer-Sickendieks Arbeit, Ende 2010) Über die Arbeit am Buch wurde bereits 2010 in der Tageszeitung berichtet: http://www.tagesspiegel.de/zeitung/zwischen-dem-sechsten-und-dem-siebten-sinn/2891806.html.

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