Voltaire: Candide – Inhalt, Aufbau, Interpretation

Ich beziehe mich hier auf die Ausgabe insel taschenbuch 11 von 1973, in der Übersetzung von Ilse Lehmann (die Rechte in der DDR zu kaufen war wohl billiger, als selber übersetzen zu lassen), mit Zeichnungen von Paul Klee. Das Buch hat 1973 vier (4) D-Mark gekostet. Ich stelle den Inhalt des Romans und kurz auch die Art, wie er erzählt wird, vor.

Im 1. Kap. werden Herkunft, Heimat und Charakter Candides beschrieben. Er ist wohl der uneheliche Neffe des Barons Thunder ten Tronck, eines armen Freiherrn in Westfalen. Candide hat einen sanftmütigen Charakter, ist arglosen Gemüts und hat (ironisch!) „gesunden Menschenverstand“ (S. 9); er glaubt in seiner Vertrauensseligkeit alles, was der Hauslehrer Pangloss lehrt: die Metaphysico-theologico-cosmologie.

Diese Lehre wird [Parodie der Philosophie des großen Leibniz und der Aufklärung!] als Sammlung von banalen Grundsätzen („keine Wirkung ohne Ursache“, S. 10) und naivem Anthropozentrismus vorgeführt: Alle Dinge sind zu einem bestimmten Zweck geschaffen, die Nasen für das Brilletragen, die Schweine zum Gegessenwerden usw., woraus man ersieht: „alles ist aufs beste bestellt“ (S. 11). In seiner Unschuld glaubt Candide das alles (S. 11) – der Erzähler distanziert sich deutlich von Herrn Pangloss.

Die Baronin wiegt 350 Pfund, ihre Tochter Kunigunde ist 17 Jahre alt, „frisch, mollig und appetitlich“ (S. 10). Diese beobachtet, wie der große Pangloss einer Zofe im Freien „Unterricht in Experimentalphysik“ gibt (S. 12), also mit ihr der Liebe pflegt, sodass man seinen zureichenden Grund (Penis) sehen konnte. Davon angetan lässt Kunigunde sich aufs Knutschen mit Candide ein, worauf dieser fortgejagt wird. – Kunigunde hat einen Bruder.

Satirisch werden auch die bescheidenen Verhältnisse auf dem Schloss beschrieben, das sogar eine Tür und Fenster nebst einigen Wandteppichen aufweist und somit (im Sinn der Theorie des Pangloss) das schönste aller Schlösser ist; der ist „der größte Philosoph der Provinz und somit auch der ganzen Welt“ (S. 11).

Im 2. Kap. macht Candide (= C) seine Erfahrungen mit der besten aller Welten: Halb erfroren wird er von bulgarischen Werbern aufgegriffen und als Gast freigehalten („Wir Menschen sind doch dazu da, uns gegenseitig zu helfen.“, S. 15), dann gefesselt und als Rekrut ausgebildet. Ein Spaziergang wird als Fahnenflucht ausgelegt; er muss Spießruten laufen, der König rettet ihn eher zufällig vor dem Tod und erkennt in ihm „einen in den Dingen dieser Welt reichlich unerfahrenen jungen Metaphysiker“ (S. 17).

Die Freiheit des Willens wird parodiert (frei spazieren gehen wird bestraft; Wahl zwischen Spießruten laufen und erschossen werden, S. 16 f.). Das Erzähltempo ist rasant.

Die fällige Schlacht zwischen Bulgaren und Avaren (3. Kap.) wird in Pangloss’ Sprache berichtet: Die Musketen befreien die beste aller Welten von 9000-10000 Schurken, die Bajonette sind der zureichende Grund des Todes von weiteren Tausenden … C flieht, er kommt durch zwei verwüstete Dörfer nach Holland. Er bekommt weder Almosen noch Hilfe von einem evangelischen Prediger, der eine Stunde lang über Wohltätigkeit geredet hat; ein Wiedertäufer gibt ihm dagegen Arbeit und Brot.

Auf einem Spaziergang trifft er am nächsten Tag einen verkommenen, kranken Bettler, der beim Husten sein Zähne ausspuckt – damit wird das nächste Kap. vorbereitet.

Dieser Bettler ist niemand anderes als Pangloss (4. Kap.); das Schloss ist verwüstet, die Bewohner sind tot, berichtet dieser. C erkundigt sich „eingehend nach Ursache und Wirkung und nach dem zureichenden Grund“ (S. 23 f.) von seines Lehrers Zustand: Pangloss hatte sich bei der Zofe Paquette die Syphilis geholt – die Geschichte dieser Syphilis wird über Patres, Pagen und Marquisen bis in des Columbus Zeit zurückverfolgt. Pangloss erklärt C das Gute dieser mit der Entdeckung Amerikas verbundenen Krankheit; er wird vom Wiedertäufer Jacques als Buchhalter eingestellt. Dieser widerspricht des Pangloss Theorien: Die Menschen seien böse und nicht so, wie sie geschaffen wurden. Pangloss kontert: „Alles dies ist unerlässlich, auf dem Unglück einzelner baut sich das Wohl der Allgemeinheit auf, so dass also das Glück der Gesamtheit umso größer ist, je mehr privates Unglück es gibt.“ (S. 27).

Hier haben wir mit Pangloss (= P) den ersten Fall, dass Figuren erzählerisch recycelt werden: Ihr Geschick wendet sich total, was einmal erzähltechnisch ökonomisch ist, aber auch der großen Theorie des P widerspricht: Die Welt ist doch nicht stabil eingerichtet … Auf der Fahrt nach Lissabon gerät ihr Schiff in einen Sturm und der Leser so ins 5. Kapitel:

Das Schiff geht unter; nur C und P überleben mitsamt einem üblen Matrosen, während der gute Jacques wie die anderen absäuft. P beweist, dass die Reede von Lissabon eigens dazu angelegt worden war, dass Jacques dort den Tod fand … Der Matrose raubt und hurt in der verwüsteten Stadt; P schwadet zuerst und rettet dann doch den verschütteten C. P erklärt den wenigen Überlebenden, dass das Erdbeben notwendig eintreten musste und „daß sich Ereignisse dort abspielen müssen, wo sie entstehen. Also ist alles gut.“ (S. 31)

Im Theoretisieren geraten C und P an einen Spitzel der Inquisition, wodurch eine Anschlussstelle fürs Weitererzählen geschaffen wird.

Von jetzt an raffe ich die Darstellung, weil das Prinzip der Erzählens klar geworden sein sollte:

6. Kap. Wie man zur Verhinderung von Erdbeben ein schönes Autodafé veranstaltete, und wie Candide ausgepeitscht wurde

P wird aufgehängt, andere verbrannt; C wird von Zweifeln an P.s Lehre befallen.

7. Kap. Wie Candide von einem alten Weib gepflegt wurde, und wie er den Gegenstand seiner Liebe wiederfand

Kunigunde, die nicht gestorben war, ist die Herrin der Alten, die ihn gepflegt hat.

8. Kap. Kunigundes Geschichte

Kunigunde (= K) verwirft als Augenzeugin des Autodafés (6. Kap.) P.s Lehre, „alles in der Welt sei aufs beste bestellt“ (S. 44).

9. Kap. C ersticht die beiden „Besitzer“ K.s; sie fliehen mit der Alten.

10. Kap. Sie reisen nach Südamerika, C wird Oberst; sie diskutieren P.s Lehre.

11. und 12. Kap. Die Alte, eine vormals schöne Papsttochter, erzählt ihre Lebensgeschichte. – Hier wie auch sonst wird teils von Figuren, teils vom Erzähler erklärt, dass Schinden, Morden usw. allgemein üblich ist: ein Kommentar zu P.s Lehre! Die Alte weiß, dass jeder „mehr als einmal sein Leben verflucht und sich [...] so oder so für den allerunglücklichsten Menschen gehalten hat“ (S. 65).

13. Kap. C sieht sich nun erfahren genug, gegen die Theorie P.s Einwände zu machen.

K soll einen Gouverneur heiraten, C. muss fliehen.

14. Kap. Cacambo, ein Diener C.s, taucht als Figur auf und ist kundiger Führer in Südamerika. Bei den Jesuiten in Paraguay ist der Pater Kommandant K.s Bruder.

Ein Beispiel für die im Roman immer präsente Sozial- und Kirchenkritik: Cacambo beschreibt C die Zustände in Paraguay: „Den Padres gehört dort alles, dem Volke nichts – das Ganze ist ein Meisterwerk der Vernunft und Gerechtigkeit! Ich für meinen Teil kenne nichts Verehrungswürdigeres als diese Padres.“ Denn in Amerika bekämpfen sie die Könige von Spanien und Portugal, in Europa nehmen sie ihnen die Beichte ab (S. 73).

15. Kap. K.s Bruder erzählt seine Geschichte. C ersticht ihn, als der Pater ihn angreift, weil C (mit nur 71 statt 72 adeligen Ahnen!) es wagt, K heiraten zu wollen.

16. Kap. Und wieder triumphiert das Völkerrecht, da es erlaubt, seinen Nächsten zu töten, falls er ein Feind ist. Außerdem treiben manche Damen es mit Affen, die ja bekanntlich zu einem Viertel Menschen sind … Unsere Reisenden wären beinahe aufgegessen worden, beinahe – als Gegner der Jesuiten überleben sie.

17. Kap. Die beiden kommen versehentlich ins Land Eldorado und erleben dort die andere, die schöne alte Welt.

18. Kap. Eldorado ist ein utopisches Gegenbild Europas (bzw. der Welt): Gäste werden bewirtet, Gefängnisse gibt es nicht, die Menschen streiten sich nicht und verbrennen keine Ketzer … Dort ist es besser als in Westfalen, stellt C fest (S. 93,97). „Eines ist sicher – man muß eben reisen.“, denkt C (S. 97). – Sie reisen ab, um als reich beschenkte Leute in Europa zu leben und K freizukaufen.

19. Kap. Von den vielen Hammeln und dem Gold, mit dem sie beladen sind, bleiben ihnen nur zwei. Sie treffen einen von Weißen geschundenen Neger: C erwägt, ob er nicht seinen Optimismus aufgeben muss – Optimismus, „das ist der Wahnsinn, zu behaupten, daß alles gut sei, auch wenn es einem schlecht geht“ (S. 105). – Der vollständige Titel des Romans lautet bekanntlich: Candide oder der Optimismus.

Cacambo reist mit viel Geld ab, um K loszukaufen. C wird fast um sein ganzes Vermögen betrogen (hat aber später immer noch Geld). C wählt sich unter den Unglücklichsten den Gelehrten Martin als Reisebegleiter aus.

20. Kap. Martin ist Manichäer: Er hat nur Böses in der Welt erlebt. – Einer der beiden Hammel C.s wird beim Untergang eines Piratenschiffs gerettet.

21. Kap. Martin und C philosophieren.

22. Kap. Was Candide und Martin in Frankreich erlebten – ein Land von Verrückten (das Land Voltaires!); nebenbei bekommen Theater- und Kunstkritiker ein paar Seitenhiebe ab (S. 125 ff.). Martin vertritt das Gegenteil von P.s Lehre: „Ich finde im Gegenteil, daß bei uns alles verkehrt geht: kein Mensch ist sich über seinen Stand und seine Aufgabe im klaren“, die Zeit vergeht in Zänkereien usw. (S. 130).

Ein betrügerischer Abbé schreibt einen fingierten Liebesbrief der K und knöpft C Geld ab, worauf sich viele in Paris verstehen. Unsere beiden Freunde stechen in See.

23. Kap. Zwischenlandung in England, wo kurzerhand ein Admiral erschossen wird. Sie reisen nach Venedig weiter, um Cacambo mit K zu finden.

24. Kap. Sie finden die beiden jedoch nicht. Nur in Eldorado ist die Welt gut, stellt Martin fest. – Sie treffen die verliebt mit einem Mönch turtelnde Paquette, die als Nutte in Wahrheit unglücklich ist.

25. Kap. Besuch beim Edelmann Poccurante, der zwar die besten Kunstwerke der Welt besitzt, aber an allen viel zu kritisieren hat. [Parallele zum 22. Kap.]

Objektive Ironie: C hält den Edelmann für großartig, für einen überlegenen Geist: „Nichts vermag ihm zu gefallen.“ (S. 156) Doch ist Poccurante nicht allem überlegen, wie C meint, sondern unglücklich, wie Martin es sieht.

26. Kap. C speist in Gesellschaft von sechs absetzten Königen, worunter einer Sultan war. Cacambo, jetzt Sklave des Sultans, taucht auf – die Erzählung beginnt sich zu runden, von nun an tauchen die alten Figuren wieder auf: Er weist C in die Türkei, wo K als Sklavin lebt.

27. Kap. Darauf neigt C wieder zu P.s Lehre. Cacambo erzählt seine Geschichte und wird freigekauft. C trifft P. und K.s Bruder, die als Galeerensklaven auf dem Schiff arbeiten, wieder. Er kauft sie frei, sie brechen zu K auf.

28. Kap. Die Freigekauften erzählen ihre Geschichten; für P als Philosophen ist es „unmöglich, meine Worte zu widerufen, um so weniger, als Leibniz ja nicht unrecht haben kann und es im übrigen nichts Schöneres auf der Welt gibt als die prästabilierte Harmonie, den erfüllten Raum und die immaterielle Substanz“ (S. 174).

29. Kap. Man trifft die furchtbar hässlich gewordene K und kauft sie mitsamt der Alten los. K drängt aufs Heiraten; ihr Bruder widersetzt sich dem, weil die Kinder nicht in ein deutsches Ordensstift eintreten dürften.

30. Kap. Nur der Widerstand des Bruders reizt C, K zu heiraten; der Bruder wird zwangsweise zu den Jesuiten zurückgeschickt. - C hat am Ende von seinem Reichtum nur eine kleine Meierei und eine hässliche und zänkische Frau. Die klugen Köpfe disputieren oder lanweilen sich. Paquette und der Mönch treffen bettelarm bei ihnen ein.

P, C und M treffen einen alten freundlichen Mann (S. 182 ff., womit das Geschehen den entscheidenden Dreh zum Abschluss bekommt), der sich nicht um Konstantinopel und die Ermordung von Wesiren kümmert. Er lädt sie zu sich ein und bewirtet sie köstlich. Er bebaut mit seinen Kindern 20 Morgen Land: „Die Arbeit hält drei große Übel von uns fern: die Langeweile, das Laster und die Not.“ (S. 183) Nach dem Besuch beim alten Türken schwadroniert P wieder, aber C und M wollen im Garten arbeiten, „ohne viel zu grübeln, das ist das einzige Mittel, um das Leben erträglich zu machen“, sagt M (S. 184). So arbeitet denn jeder in der Gemeinschaft an seiner Stelle; und als P seine alten Theorien erneut vorträgt, antwortet C: „Sehr richtig, aber wir müssen unsern Garten bestellen.“ (S. 184)

Figuren, Thema und Konstruktion des Romans „Candide oder der Optimismus“

Der Held des Romans ist Candide. Er kehrt sich von der These des Optimismus ab, dass wir in der besten aller Welten bzw. in einer von Gott „gut“ geschaffenen Welt leben. Sein Gegenspieler ist Pangloss, der in ihm diesem naiven Glauben durch schlaue Worte bestärkt.

Candide entwickelt sich von einem naiven „Jüngling“ zu einem vernünftigen Mann, der auf leere Spekulationen verzichtet und seiner Arbeit nachgeht. Die Stufen der Entwicklung sind diese:

* Glaube an des Pangloss Lehre;

* Zweifel an dieser Lehre [hier findet jedoch keine „Entwicklung“ statt, sondern es wird nur eine Position bezweifelt; die erzählten Ereignisse haben ihren Wert eher als Anlass zur Kirchen- und Sozialkritik!];

* Einsicht in die Möglichkeit guten Lebens, vermittelt durch das Beispiel des alten Türken.

Gleichwohl bzw. deshalb haben wir keinen Entwicklungsroman vor uns:

* Die Figuren sind bloße Träger von antimetaphysischen Schicksalen und Vertreter von Ideen; sie haben kein Eigenleben als Charaktere.

* An ihnen wird vorgeführt, wie unsinnig des Pangloss Lehre (und die europäische Sozialordnung) ist.

* Der Gegenspieler Candides ist weniger der Schwätzer Pangloss als seine eigene Naivität. Für diese Naivität steht schon das westfälische Schloss Thunden ten Tronck – welche ein Name! – der Arsch der Welt. (Martin ist philosophisch ein Gegner des Pangloss, aber sie produzieren nur Theorien bzw. Ideologie.)

* Die Einsicht Candides ist nicht Ergebnis einer Reifung, sondern eher zufällig, nämlich an einem Beispiel gewonnen: Der Roman hätte auch mit Kap. 20 enden können – nur das 30. Kapitel ist nötig, um das Geschehen abzuschließen.

Der Erzähler ist die interessanteste „Figur“: Er erzählt zu Beginn (ironisch) im Sinn der Lehre des Pangloss, kann aber auch Candide offen die Auffassung Voltaires vertreten lassen (z.B. Definition des Optimismus, S. 105). Wir haben also quasi einen ironisch-auktorialen Erzähler vor uns.

Die Zeit als Dauer der Ereignisse spielt keine Rolle, sie ist nicht greifbar; das trägt zur rasanten Abfolge der Ereignisse bei, die jede Ordnung vermissen lassen. Von den Orten sind vielleicht drei von Bedeutung: das ferne Südamerika als „Ort“ des utopischen Eldorado, Frankreich als Land der Betrüger und die fremde Türkei als Land, wo ein Mann (vermutlich ein Moslem) durch sein Beispiel Candide zur Einsicht verhilft.

Eldorado als Gegenbild zeigt einmal, wie unsinnig des Pangloss Lehre in unserer Welt ist, dient aber auch zur Kritik an den christlichen Kirchen und den Machtverhältnissen in der ganzen Welt. Die Kritik an Königen, Geschäftsleuten und „Christen“ taucht bereits im 1. Kap. auf (nur Leute mit 72 Ahnen heiraten), im 2. Kap. (was Könige veranstalten lassen), im 3. Kap. (wie hartherzig Pfarrer trotz frommer Worte sind) und durchzieht, ja bestimmt das ganze Buch – vielleicht dient sogar des Pangloss Lehre hauptsächlich dazu, die Folie von Voltaires Kritik zu sein; denn philosophisch ist jene bereits mit dem 2. Kapitel erledigt, wenn sie denn überhaupt das 1. Kapitel übersteht.

Außerdem möchte einige Links zum Verständnis bzw. zur Interpretation des Romans nennen:

Der Kontext des Buches wird von Odo Marquard erklärt:http://www.nzz.ch/2005/10/29/li/articleD47BO.html

Wolfgang Schirmacher zeigt den Fortgang der Diskussion bis zu Schopenhauer:http://www.egs.edu/faculty/schirmacher/schirmacher-systematischer-optimismus-und-oekologische-philosophie.html

Zur Bedeutung des Erdbebens von Lissabon (1755): http://www.scienzz.de/magazin/art10100.html

Leben und Werk Voltaires: http://www.bautz.de/bbkl/v/voltaire.shtmlund http://de.wikipedia.org/wiki/Voltaire

Voltaires Roman reizt zur produktiven Auseinandersetzung. Ich kenne drei Beispiele:

Enzensbergers Gedicht „Candide“ (in: Verteidigung der Wölfe, 1957);

E. Y. Meyer: Ach, Egon, Egon, Egon. Ein Briefwechsel mit Monsieur de Voltaire anläßlich seines „Candide“ (in: Ein Schriftsteller schreibt ein Buch über einen Schriftsteller, der zwei Bücher über zwei Schriftsteller schreibt …, hrsg. von Gerhard Köpf, 1984, S. 147 ff.);

Volker Brauns Rede bei der Entgegennahme des Candide-Preises 2009: „Was Candide in seinem Garten widerfuhr“ (SZ 19. November 2009, S. 14).

In meiner Ausgabe von Elisabeth Frenzels „Motive der Weltliteratur“ fehlt ein Artikel „Candide“ – eine Lücke, finde ich.

Kunert: Wie ich ein Fisch wurde -Analyse

Begnügen wir uns zunächst mit den drei Aspekten Aufbau, Metaphorik und Rhythmus und verzichten auf Interpretationen, welche die Entstehung des Gedichtes in der DDR als Werk des Autors Kunert berücksichtigen – dazu findet man (außer dem Hinweis am Ende) genug unter „Kunert: Gedichte“, etwa in Verbindung mit +Biermann oder +DDR.
Bei den Metaphern fällt mir auf, dass vier in einem größeren Zusammenhang stehen:
Die große Flut überschwemmt alles. (Gefahr)
Ich wurde notgedrungen ein Fisch, mit Flossen etc. (Anpassung)
Das Wasser hat mir den Mund verschlossen.
Ich fürchte mich davor, wieder Mensch zu werden, weil das schwer ist.
Diese Metaphorik muss man – dies ist meine methodische Forderung – als ganze verstehen, nicht in einzelnen willkürlichen Deutungen. Sie erschließt sich von den beiden letzten Metaphern her, die beide in sich schon doppeldeutig sind und dabei den Blick in die gleiche Richtung lenken: Im Zug der Anpassung wurde mir der Mund vom bedrohlichen Element Wasser verschlossen; „Mensch werden“ ist die Aufgabe der selbstbestimmten Lebensführung, welche angepassten Subjekten noch schwerer als anderen fällt. Damit ist die große Flut als die umfassende Bedrohung verstanden, der man sich nur durch Anpassung entziehen kann. – Ob hier Anpassung im Dritten Reich, wie meine Schüler meinen, oder in der DDR, wie ich meine, gemeint ist, soll der gelehrten Interpretation zu klären überlassen bleiben.
Der Ich-Erzähler beginnt scheinbar genau (und in Prosa) seinen Bericht mit einem fiktiven Datum (ohne Jahreszahl und auch nicht auf einen Ort bezogen – dabei kann es nur an einem bestimmten Ort „drei Uhr“ sein): Eine Art Sintflut ist eingetreten. In Vers 2 findet der Erzähler sein trochäisches Metrum („und sie breiteten sich aus“), das ein kraftvolles Sprechen erlaubt und so dem Bericht von Gefahr und Bedrohung gerecht wird. In den beiden nächsten Strophen wird vom Schicksal der Menschen und von ihrem Untergang berichtet (erstmals „wir“, V. 9); von der 4. Strophe an berichtet der Ich-Erzähler, wie er sich gerettet hat: Er hat sich in der Gefahr der kommunistischen Theorie von der notwendigen Veränderung erinnert (V. 15-18) und sich dem gefährlichen Element „angepasst“ (V. 24); dass dies keine wirkliche Rettung bedeutet, scheint das Verb „schien“ (V. 20) nahezulegen.
In der 7. Strophe beschreibt der Erzähler, wie er „jetzt“ in dem dunklen Wasser lebt (Präsens, Tempuswechsel); er erwähnt dann überraschend, dass er Angst hat, dass das Wasser wieder verrinnt, und begründet dies eben mit den doppeldeutigen Wendungen einer zeitlosen Sentenz (Präsens), die er auch als Fisch offensichtlich noch kennt: dass schwer ist, Mensch zu werden (wenn man es lange nicht war, also un-menschlich war), was darin begründet sei, dass „das Menschsein sich so leicht vergißt“ (V. 32) – spätestens hier müssten einem die Ohren klingen, müsste einem die Metaphorik vom bedrohlichen Wasser und der „rettenden“ Anpassung aufgehen.
Die Trochäen erlauben ein schnelles, kraftvolles Sprechen, was durch die Kadenzen in der Folge weiblich/männlich und den Kreuzreim unterstützt wird, die beide zusammen nach jeweils zwei Verse eine kleine Pause im Sprechen nahelegen; wenn der jeweils 1./3. Vers einer Strophe nicht mit dem Ende eines Satzes oder Nebensatzes zusammenfallen (Enjambement, V. 1, 11 u.ö.), wird noch zügiger gesprochen, und selbst ein Nebensatz fordert noch seine Fortsetzung im Hauptsatz (V. 5, V. 13; das „noch“ in V. 9 weist ebenfalls vor). Über die richtige Betonung der (wichtigen) Wörter kann man streiten; so könnte man etwa in der 2. Strophe „Flüsse/Ozeane“ thematisch betonen, aber auch „furchtbar/donnernd“ als Signal der Gefahr, was ich vorziehe. In den nächsten Strophen würde ich die Zeit-Wörter als Signale der Gefahr betonen: „Weile/dann“ (V. 9 f.); „Kurz/einst“ (V. 13 f.); „sofort/nicht mehr“ (V. 19 f.); „jetzt/einst“ (V. 27 f.). Für die letzte Strophe höre ich „Mensch“ (V. 29), „nicht mehr“ (V. 30), „schwer/leicht“ (V. 31 f.) betont. Die Akzente zu hören muss man im Sprechen erproben, oft gibt es nicht die eine richtige Betonung.
Es wäre reizvoll, die Feinheiten der erinnerten Lehre (V. 15 ff.) zu untersuchen: „sich ohne Ende wandeln“ (V. 17) heißt, auf jeden letzten Bezugspunkt zu verzichten und dem Primat des puren (Über)Lebens verpflichtet zu sein (V. 18). In der gewussten Schluss-Sentenz wird jedoch das Menschwerden und Menschsein als Ziel ausgegeben, das dem Gesetz der endlosen Veränderung entzogen ist (V. 29 ff.).
Mehr oder weniger zufällig habe ich bemerkt, dass die im Netz kursierenden Textfassungen (und erst recht die in Echtermeyer: Deutsche Gedichte) nicht ganz korrekt sind. Ich habe das Original eingesehen, in „Sinn und Form“ 1961, s. http://logos.kulando.de/post/2008/04/23/wie_ich_ein_fisch_wurde_-_text

Als DDR-Paralleltext zu Kunerts Gedicht sehe ich Volker Brauns Geschichte: „Warum es zweckmäßig scheint, sich sofort zu rühren“ (in: Braun, Berichte von Hinze und Kunze, es 1169, S. 27-29): sich sofort zu rühren, anstatt das Maul zu halten.

Hier spricht Nietzsche (2)

Zweites Gespräch mit F. Nietzsche über seine frühen Einsichten [Sentenzen von 1877 - Kritische Studienausgabe, Bd. 8]

Herr Nietzsche, mir ist aufgefallen, dass Sie selber von Sentenzen sprechen, während heute in der Literatur normalerweise von Aphorismen gesprochen wird; ich übernehme, nachdem ich Ihre unveröffentlichten Äußerungen von 1877 kennengelernt habe, gern Ihren Sprachgebrauch. Was ist eine Sentenz?

„Eine Sentenz ist ein Glied aus einer Gedankenkette; sie verlangt, dass der Leser diese Kette aus eigenen Mitteln wiederherstelle: dies heisst sehr viel verlangen.“

Sie haben in diesem Jahr gelegentlich über die Leistungen von Sentenzen nachgedacht. Warum schreiben Sie selber Sentenzen?

„Eine Sentenz muss, um geniessbar zu sein, erst aufgerührt und mit anderem Stoff (Beispiel, Erfahrungen, Geschichten) versetzt werden. Das verstehen die Meisten nicht und desshalb darf man Bedenkliches unbedenklich in Sentenzen aussprechen.“

Nicht so bescheiden, Herr Nietzsche! Sie schreiben im Konzept einer Vorrede für „Menschliches, Allzumenschliches“, dass Sie ein „Reisebuch unterwegs zu lesen“ machen wollten; aber weil wir heute insgesamt nicht wirklich reisen, wenn wir verreisen, will ich das Bild „Reisebuch“ ruhen lassen. - Sprechen wir lieber von Ihnen: Sie gehen mit Ihren jetzigen Gedanken unmittelbar bis an Ihr nächstes Buch „Menschliches, Allzumenschliches“ heran. Sie können mit manchen früheren Gedanken nicht mehr zufrieden sein – es erklingen neue Töne.

„Wer sich erlaubt öffentlich zu sprechen ist verpflichtet sich auch öffentlich zu widersprechen, sobald er seine Meinungen ändert.“

Ich habe den Eindruck, dass Sie in den letzten Jahren eine Lebensschwelle überschritten haben, vielleicht die magische Altersgrenze 30 – Sie sind vom Jahrgang 1844.

„Geist der Jugendlichkeit, der Vorrechte, selbst zu einigen Unarten hat, – diess fehlt mir jetzt.“

Anderseits ist die Jugend auch die Zeit der Irrtümer, des Suchens: Ist es nicht gut für jeden, wenn sie vorüber ist?

„Wenn der Mensch  s o f o r t  mit  E i n s i c h t  in die Wahrheit begabt wäre, die Schule des Irrthums nicht durchgemacht hätte?“

Das wäre allerdings auch ein Verlust – aber man muss schon über 30 oder 40 Jahre sein, um die Zeit des Suchens nicht als vertan zu betrachten. Worin besteht der Gewinn Ihrer jugendlichen Irrtümer?

„Man  m u ß  Religion und Kunst verstehen – sonst kann man nicht weise werden. Aber man muß über sie hinaus sehen können; bleibt man darin, so  v e r s t e h t  man sie nicht. Ebenso ist die Metaphysik eine Stufe, auf der man gestanden haben muß.“

Und was gewinnt man, wenn man sie überwindet?

„Man muss eine Zeitlang im metaphysischen Dunstkreis gelebt haben, nur um zu erfahren, wie wohl es thut in nüchterner Morgenfrische alle Dinge zu sehen und tiefen Athem in reiner Luft zu schöpfen.“

Wie schätzen Sie Ihren derzeitigen Stand der Erkenntnis ein? Sind Sie der Wahrheit näher gekommen? Haben Sie sie gefunden?

„Nachdem ich von Jahr zu Jahr mehr gelernt habe, wie schwierig das Finden der Wahrheit ist, bin ich gegen den Glauben, die Wahrheit gefunden zu haben mißtrauisch geworden: er ist ein Haupthinderniß der Wahrheit.“

Vielleicht sollen wir noch einmal am Beispiel die Eigenart der alten Denkweise darstellen.

„Ist für etwas z.B. Eigenthum Königthum die Empfindung erst erregt, so wächst sie fort, je mehr man den Ursprung vergißt. Zuletzt redet man bei solchen Dingen von ‘Mysterien’, weil man sich einer überschwänglichen Stärke der Empfindung bewußt ist, aber genau genommen keinen rechten Grund dafür angeben kann. Ernüchterung ist auch hier von Nöthen, aber eine ungeheure Quelle der Macht versiegt freilich.“

Wie meinen Sie das? Welche Quelle versiegt?

„Wenn die Menschen nicht für Götter Häuser gebaut hätten, so läge die Architektur noch in der Wiege. Die Aufgaben, welche sich der Mensch auf Grund falscher Annahmen stellte (z.B. Seele loslösbar vom Leibe), haben zu den höchsten Culturformen Anlaß gegeben. Die ‘Wahrheiten’ vermögen solche Motive nicht zu geben.“

Und was macht Ihre neue Denkweise aus?

„Aristoteles meint, der Weise sojo  [Lies "sophós", N.T.] sei der, welcher sich nur mit dem Wichtigen Wunderbaren Göttlichen beschäftige. Da steckt der Fehler in der ganzen Richtung des Denkens. Gerade das Kleine Schwache Menschliche Unlogische Fehlerhafte wird übersehn und doch kann man nur durch sorgfältigstes Studium desselben  w e i s e  werden.“

Wodurch ist auf Seiten der Philosophen das falsche Denken zustande gekommen? Es müssen doch methodische Fehler vorliegenen, wenn man so selbstgewiss in die falsche Richtung marschiert.

„Der Fehler fast jeder Philosophie ist ein Mangel an Menschen-Kenntniss, eine ungenaue psychologische Analyse. Die Moralisten fördern insofern die Erkenntniss mehr als sie sich bei den vorhandenen Analysen der menschlichen Handlungen nicht beruhigen.

Um die falschen psychologischen Facta breitet der Philosoph sein Naturwissen und hüllt alles in metaphysisches Bedürfniss.“

Die Grenze zwischen Philosophie, die ihren Namen verdient, und allen tiefsinnigen Spekulationen muss also ganz streng gezogen werden.

„Eine Philosophie mit religiösen Bedürfnissen erfassen heisst sie völlig missverstehen. Man sucht einen neuen Glauben, eine neue Autorität – wer aber Glaube und Autorität will, der hat es an den hergebrachten Religionen bequemer und sicherer.“

Sie sprechen auch davon, dass die Popularität des Philosophierens zu Ihrer Zeit darauf beruhte, dass es „ein vergnügliches, unter Umständen geistreiches Herumwerfen der philosophischen Ideen-Fangbälle“ war (23/126). Was macht eine lockere „Philosophie“ attraktiv – abgesehen davon, dass sie wenig Mühe bereitet?

„Philosophie ist die Fata Morgana welche die Lösung den ermüdeten Jüngern der Wissenschaften vorspiegelt.“

Eine Ihrer methodischen Entdeckungen ist es, die Geschichte der moralischen Empfindungen zu erforschen oder zu rekonstruieren. Welche persönlichen Motive stecken hinter dieser Methode?

„Es ist kein Zweifel, dass zur Vermehrung der geistigen Freiheit in der Welt die Gewissenbisse wesentlich beigetragen haben. Sie reizten häufig zu einer Kritik der Vorstellungen, welche, auf Grund früherer Handlungen, so schmerzhaft wirkten; und man entdeckte, dass nicht viel daran war, ausser der Gewöhnung und der allgemeinen Meinung innerhalb der Gesellschaft, in welcher man lebte. Konnte man sich von diesen beiden losmachen, so wichen auch die Gewissensbisse.“

Gibt es andere bedeutende Entdeckungen in Fragen der Moral, welche sich der historischen Methode verdanken?

„Das  M i t g e f ü h l  mit dem Nächsten ist ein  s p ä t e s  Resultat der Cultur: wie weit muß die Phantasie entwickelt sein, um anderen wie uns selber nachzufühlen (erst wenn wir gelernt unsere eigenen  n i c h t  gegenwärtigen Schmerzen und Freuden durch die Erinnerung nachzufühlen und wie gegenwärtige zu empfinden). Vielen Antheil hat gewiß die Kunst, wenn sie uns lehrt, Mitleiden selbst mit vorgestellten Empfindungen unwirklicher Personen zu haben.“

Mitgefühl mit dem Nächsten, mit den Mitmenschen scheint Ihre Sache nicht zu sein. Sie gehen auch viel allein spazieren, weichen den volkstümlichen Lustbarkeiten aus.

„Man muss sehr flach sein, um aus den gewöhnlichen Gesellschaften nicht mit Gewissensbissen heimzukehren.“

Sie scheinen von der Intelligenz Ihrer Mitmenschen nicht überzeugt zu sein?

„Mancher trifft den Nagel, aber nicht auf den Kopf, er macht das Problem heillos schief. Es wäre besser, er hätte die Sache ganz verfehlt.“

Wie kann man denn mit solchen Mitmenschen zu Rande kommen?

„Die Klugheit gebietet, sich für das,  w a s   m a n   g i l t , auch zu  g e b e n  oder vielleicht für etwas Geringeres.“

Zu Ihnen: Sie fühlen sich in der Nähe einer Frau bedroht. Auch schöne Frauen könnten Sie nicht mit dem Gedanken an eine Ehe spielen lassen?

„Ich finde den Mangel an Gerechtigkeitssinn bei Frauen  e m p ö r e n d. Wie sie mit ihrem dolchspitzen Verstand verdächtigen usw.“

Soll das heißen, dass nur wenige Frauen in Ihren Augen etwas wert sind – sozusagen die „männlichen“, besonders gebildeten Frauen?

„Unterschätzen wir auch die flacheren lustigen lachsüchtigen Weiber nicht, sie sind da zu erheitern, es ist viel zu viel Ernst in der Welt. Auch die Täuschungen auf diesem Gebiete haben ihren Honigseim.“

Ich möchte noch auf die Politik zu sprechen kommen. Eine der großen Ideen des 19. und 20. Jahrhunderts ist der Sozialismus. Worin liegt seine Kraft?

„Der Socialismus beruht auf dem  E n t s c h l u s s  die Menschen g l e i c h  zu setzen und gerecht gegen jeden zu sein: es ist die höchste Moralität.“

Am Sozialismus werden Sie noch mehr Kritik üben, etwa in „Menschliches, Allzumenschliches“. Vielleicht sollten wir auch einen Blick auf unsere rührigen Politiker werfen.

„Die munteren hüpfenden Bewegungen des Wallfisches machen Freude als ob sie Spiel und Lust bedeuteten: inzwischen ist es die Qual die die Natur im Innern ihm macht. So bewundert man die Munterkeit großer Staatsmänner.“

Deutschland war nach 1871 vom militärischen Erfolg über Frankreich geblendet; heute fehlt es an Ideen, vor allem aber an Geld.

„Die deutsche Zukunft ist nicht die der deutschen Geldbeutel.“

Eine letzte Frage, Herr Nietzsche. Ihre Begeisterung für Richard Wagner und seine Musik scheint nicht mehr ungetrübt zu sein. Was soll man tun, wenn eine so große Liebe zerbricht?

„Erfahrene Menschen kehren ungern zu Gegenden, zu Personen zurück, die sie einst sehr geliebt haben. Glück und Trennung sollen an ihren Enden zusammengeknüpft werden: da trägt man den Schatz mit fort.“

Vielen Dank, Herr Nietzsche, für dieses Gespräch.

(Das Gespräch fand am Abend des 28.12. 1997 in Jüchen statt.)

Hier spricht Nietzsche (1)

Mein Gespräch mit F. Nietzsche über seine frühen Einsichten [Fragmente von 1876 - Kritische Studienausgabe Bd. 8]

Herr Nietzsche, beginnen wir mit Ihnen und Ihrem Beruf. Sie sind Altphilologe, befassen sich also mit der Kultur der Antike, vor allem mit griechischen und lateinischen Schriftstellern. Wozu ist das heute noch gut?

„Philologie ist die Kunst, in einer Zeit, welche zu viel liest, lesen zu lernen und zu lehren. Allein der Philologe liest langsam und denkt über sechs Zeilen eine halbe Stunde nach. Nicht sein Resultat, sondern diese seine Gewöhnung ist sein Verdienst.“

Wenn Sie so langsam lesen, schaffen sie nicht viel an einem Tag.

„Sich Zeit lassen zum Denken: das Quellwasser muß wieder zusammenlaufen.“

Sind Ihre Kollegen fleißiger als Sie?

„Über den Fleiss machen die Gelehrten viele schöne Worte; die Hauptsache ist, dass sie sich ohne ihren Fleiss zu Tode langweilen würden.“

Das klingt beinahe so, als ob Sie das Lob der Faulheit sängen.

„Es ist ein Unglück der Thätigen dass ihre Thätigkeit immer ein wenig unvernünftig ist: sie rollen so bewusstlos fort wie der Stein fällt.“

Wenn Sie so leben und arbeiten, Herr Nietzsche, bekommen Sie vieles von dem, was in der Welt geschieht, überhaupt nicht mit.

„Die moderne Krankheit ist: ein Übermaaß von  E r f a h r u n g e n. Deshalb gehe jeder zeitig mit sich heim um nicht an den Erfahrungen sich zu verlieren.“

Sie lehren nicht nur an der Universität, sondern haben auch an einem Gymnasium in Basel die alten Sprachen unterrichtet. Wie beurteilen Sie die Organisation des Unterrichts an dieser Schulform?

„Hauptfehler des heutigen Unterrichts ist, daß er stundenweise gegeben wird und alles durcheinander.“

Sie sprechen etwas abfällig von „alles durcheinander“ – könnten die Schüler so nicht lernen, Querverbindungen herzustellen, selbständig zu denken, den vermeintlichen Autoritäten zu widersprechen?

„Dreiviertel aller Lügen sind durch die Antithese in die Welt gekommen.“

Wie kann man denn verhindern, dass wir zum schnellen Widersprechen verführt wird? Kann man eine einseitige Sicht der Dinge vermeiden?

„Um eine Sache  g a n z  zu sehen, muss der Mensch zwei Augen haben, eins der Liebe und eins des Hasses.“

Aufklärung war das Ziel des vergangenen Jahrhunderts, Aufklärung ist auch ein Hauptmotiv Ihres Denkens. Welcher Mechanismus hält die Menschen in ihrer Unmündigkeit fest?

„Das Ansehen der Ärzte beruht auf der Unwissenheit der Gesunden und Kranken: und diese Unwissenheit wiederum beruht auf dem Ansehen der Ärzte.“

Das klingt so, als ob wir politisch wieder mit 1776 und 1789, intellektuell mit Voltaire und Kant beginnen müssten.

„Ein freidenkender Mensch macht die Entwicklung ganzer Generationen durch.“

Bleibt die Aufklärung politisch und sozial ohne Ergebnis, ohne Folgen?

„Der neue Glaube kann keine Berge, wohl aber Worte versetzen.“

Wie würden Sie die Freiheit, die Sie erhoffen, umschreiben? Welche Merkmale machen einen freien Menschen aus?

„Mit der Freiheit steht es wie mit der Gesundheit: sie ist individuell.“

Können wir mit individueller Freiheit leben? Brauchen wir als Wesen, die wie Staubkörner im Weltall sind, nicht einen letzten Halt, also jemand oder etwas, zu dem wir aufschauen und an dem wir uns festhalten?

„Den Glauben an Gott, Freiheit und Unsterblichkeit soll man wie die ersten Zähne verlieren, dann wächst einem erst das rechte Gebiss.“

Aber es gibt doch bei vielen so etwas wie ein metaphysisches Bedürfnis?

„Das sogenannte metaphysische Bedürfniß beweist nichts über eine diesem Bedürfnisse entsprechende Realität: im Gegentheil, weil wir hier bedürftig sind, so hören wir die Sprache des Willens, nicht die des Intellekts und gehen irre, wenn wir dieser Sprache glauben. Ein Gott wäre anzunehmen, wenn er beweisbar wäre,  o h n e  daß ein Bedürfniß ihn uns nöthig erscheinen ließe.“

Widersprechen die christlichen Feste und Gebräuche, widersprechen die zahlreichen Kirchen im ganzen Land nicht sichtbar ihrem Skeptizismus?

„Beim Anblick der zahllosen Kirchen, welche das Christenthum einstmals baute, muß man sich sagen: es ist gegenwärtig nicht genug Religion da, um diese Gebäude abzutragen. Ebenfalls: es fehlt jetzt an Religion, um die Religion auch nur zu vernichten.“

Wie kann das sein: Wie kann Gott tot sein, wenn die Gotteshäuser bestehen?

„Wenn man einen  G l a u b e n  umwirft, so wirft man nicht die  F o l g e n  um, welche aus ihm herausgewachsen sind. Diese leben vermöge des Herkommens weiter: das Herkommen schließt die Augen über den Verband von Glauben und Folge. Die Folge erscheint ihrer selbst wegen da zu sein. Die Folge verleugnet ihren Vater.“

Wovon lebt letztlich das unfreie Denken? Was hindert die Menschen, ihrem metaphysischen Bedürfnis nicht nachzugeben?

„Es ist in der Art der gebundenen Geister, i r g e n d   e i n e  E r k l ä r u n g  keiner vorzuziehn; dabei ist man genügsam, Hohe Cultur verlangt, manche Dinge ruhig unerklärt stehen zu lassen: επεχω.“

Sie haben im September eine Reihe von Notizen „Menschliches und Allzumenschliches“ überschrieben. Ich darf Ihnen verraten, dass Sie 1878 ein ganzes Buch unter einem ähnlichen Titel veröffentlichen werden – Sie sind offenbar an einer Stelle angekommen, wo neue Einsichten sich Ihnen aufdrängen. Fangen wir mit dem Allzumenschlichen an.

„Menschen, deren Umgang uns unangenehm ist, thun uns einen Gefallen, wenn sie uns einen Anlass geben, uns von ihnen zu trennen. Wir sind hintendrein viel eher bereit, ihnen aus der Ferne Gutes zu erweisen oder zu gönnen.“

Kennen Sie ein anderes Beispiel für unsere allzumenschliche Güte?

„Man schenkt jemandem lieber sein ganzes Herz als sein ganzes Geld. – Wie kommt das? – Man schenkt sein Herz und hat es noch, aber das Geld hat man nicht mehr.“

Gibt es in dieser allzumenschlichen Suppe auch Brocken, die sie nicht mögen und am liebsten ausspucken würden?

„Jeder, der geheimnissvoll von seinem Vorhaben spricht, oder der merken lässt, dass er gar nicht davon spreche, stimmt seine Mitmenschen ironisch.“

In den 10 Geboten des Freigeistes [Herbst 1876: 19/77] heißt das zweite: „Du sollst keine Politik treiben.“ Aus welchem Grund lehnen Sie das politische Agieren und Taktieren ab?

„Ein Staatsmann zertheilt die Menschen in zwei Gattungen, erstens Werkzeuge, zweitens Feinde. Eigentlich giebt es also für ihn nur Eine Gattung von Menschen: Feinde.“

Sie setzen also auf Freundschaft, nicht auf Feindschaft. Welches Ideal menschlicher Verbundenheit schwebt Ihnen vor?

„Die, welche sich mit uns freuen können, stehen höher und uns näher als die, welche mit uns leiden. Mitfreude macht den „Freund“ (den Mitfreuenden), Mitleid den Leidensgefährten. – Eine Ethik des Mitleidens braucht eine Ergänzung durch die noch höhere Ethik der Freundschaft.“

Sie halten nicht viel vom Mitleid mit den Mitmenschen, mit unserem Nächsten?

„Herzliches Mitleid mit sich selbst ist die höchste Empfindung, zu der es der Mensch gebracht hat.“

Unser Gespräch ist inzwischen bei der Ethik angekommen, bei der Frage also, wie wir richtig und gut leben können. Wissen wir, was wir tun sollen? Gibt es eine verlässliche Grundlage der Ethik?

„Auf die reine Erkenntniss der Dinge lässt sich keine der bisherigen Ethiken gründen; aus ihr folgt allein diess, dass man sein muss, wie die Natur, weder gut noch böse. Die Forderung, gut zu sein, entspringt aus unreinem Erkennen.“

Wenn wir weder gut noch böse, sondern einfach dasein müssen, fallen die Maßstäbe fort. Wie können wir dann noch urteilen?

„Niemand ist für seine Thaten verantwortlich, niemand für sein Wesen: richten ist soviel als ungerecht sein. Dies gilt auch, wenn das Individuum über sich richtet.“

Also auch das, was böse ist oder was wir böse nennen, hat seinen eigenen Wert?

„Man unterschätzt den Werth einer bösen That, wenn man nicht in Anschlag bringt, wie viel Zungen sie in Bewegung setzt, wie viel Energie sie entfesselt und wie vielen Menschen sie zum Nachdenken oder zur Erhebung dient.“

Nein, im Ernst gesprochen: Haben böse Taten wirklich ihr Gutes?

„In Lastern und bösen Stimmungen sammelt sich oft der gute Hang in uns sein Quellwasser, um dann stärker hervorzubrechen. Wenn die Tugend geschlafen hat, wird sie frischer aufstehen.“

Sie haben vorhin spöttisch bemerkt, dass man lieber sein Herz als sein Geld verschenkt. Heißt das, dass die Liebe eine Illusion ist?

„Der Eitele und der Verliebte wähnen, einer andren Person wegen eitel oder verliebt zu sein.“

Sie selber sind nicht verheiratet, und ich darf Ihnen verraten, dass Sie auch nie heiraten werden. Aber manchmal sind Sie mit Heiratsanträgen schnell bei der Hand. Woher kommen diese Widersprüche?

„Die Illusion des Geschlechtstriebs ist ein Netz, das, wenn es zerrissen wird, sich immer von selbst wieder strickt.“

Aber eine Ehe findet doch nicht nur im Bett statt, auf Dauer sogar zu einem geringen Teil. Gibt es andere Gründe, welche es schwierig erscheinen lassen, verheiratet zu sein?

„Das Beisammensein der Ehegatten ist das Hauptmittel, um eine gute Ehe selten zu machen, denn selbst die besten Freundschaften vertragen diess nur selten.“

Spontan fällt mir hierzu Schopenhauers Parabel von den Stachelschweinen ein: Sie frieren, wenn sie weit voneinander entfernt leben, und verletzen sich gegenseitig, wenn sie zu nah beieinander sind.

Herr Nietzsche, was Ihr Denken betrifft, galt dieses Gespräch Ihren Anfängen. Sie haben einiges gesagt, was Sie sicher noch vertiefen, ausbauen, vielleicht auch verschärfen werden. Wir dürfen auf weitere Gespräche mit Ihnen gespannt sein. Ich danke Ihnen. Bis zum nächsten Mal!

(Das Gespräch fand am 28. Dezember 1997 in Jüchen statt.)

Wenn ich mich nicht irre, habe ich diese Art des Interviews erfunden – die ersten drei Gespräche dieser Art sind in meinem Buch „Kennen Sie Nietzsche?“ (dtv 30655, November 1997) veröffentlicht worden. - Vgl. auch meinen Beitrag bei lehrer-online zur Methode: http://www.lehrer-online.de/nietzsche-gespraech.php?sid=21948063412221184625880218022310

Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte

Analysen und Interpretation

1. Analysen

Zeitstruktur in Kap. I – IV

Unter diesem Begriff wird erfasst, welche Bedeutung der Erzähler welchem Ereignis schenkt, indem er relativ knapp oder breit von ihm berichtet. Im Erzählerbericht kann man episodisches (szenisches) und summarisches Erzählen unterscheiden. (Ich folge der Seiten- und Zeilenzählung von RUB 93, 2003).

In Kap. I werden episodisch erzählt


- Einkehr im Wirtshaus (9/8 ff.),


- Empfang im Haus des Herrn John, Gespräch mit diesem (9/28 ff.),


- verschiedene Leistungen des grauen Mannes (10/29 ff.),


- Begegnung Peters mit dem Grauen, Schattenverkauf (13/29 ff.)


Die Ereignisse dieses ersten Tages enden damit, dass Peter (in Kap. II) im Gold wühlt und darüber einschläft (17/34).


Die meiste Zeit nimmt der Erzähler sich, wenn er Gespräche wörtlich (zeitgleich) berichtet: das Gespräch mit Herrn John (10/3-16) und vor allem das Gespräch Peters mit dem Grauen (14/6 – 15/31). Relativ viel Zeit nimmt der Erzähler sich für den Bericht von den wunderbaren Taten des Grauen und vom Eindruck, den dieser auf Peter macht (10/35 – 13/17).


In Kap. I werden summarisch erzählt
- die Landung (9/5 ff.),


- der Gang zum Haus des Herrn John (9/20 ff.),


- der Gang zum Rosenhügel (10/20 ff. – relativ breit),


- Peters Flucht vom Rosenhügel (13/25-27).


Am nächsten Tag (18/7 ff.) richtet Peter sich ein und lernt Bendel kennen; am übernächsten Tag (19/34 ff.) schickt er Bendel auf die Suche nach dem Grauen und erfährt, dass dieser sich „über Jahr und Tag“ (21/12) wieder melden wird; dies tut der auch am Tag vor der geplanten Hochzeit (39/32). Für die Ereignisse des ersten Tages braucht der Erzähler also etwa ‚11 Seiten‘ unserer RUB-Ausgabe (er braucht natürlich Zeit – wir rechnen der Einfachheit halber in Seiten!), für den zweiten Tag knapp 2 Seiten, für den Rest des Jahres 20 Seiten (davon 10 für die Mina-Geschichte).


Weitere Episoden werden eingeleitet mit „einst“ (22/22), „an einem schönen Abend“ (25/22); die erste Begegnung mit Mina wird relativ zur Vorgeschichte datiert (27/14-22), die zweite Begegnung erfolgt am nächsten Abend (29/31 ff.); es folgt eine kleine Episode („einst“ 31/23 ff.) und ein halbes Bekenntnis gegenüber Mina („einst“ 34/21 ff.), wonach Peter dem Vater seinen Heiratsantrag ankündigt. „Am nächsten Abend“ (35/31 ff.) begegnet er Mina kurz. Die Zeit bis zum Vorabend des entscheidenden Tages (36/9) wird durch einen kurzen Sammelbericht („öfters“ 36/5) überbrückt.


Unbestimmt wird Zeit durch verschiedene Wendungen überbrückt: „die Tag’ und Nächte“ (22/12); „seitdem“ (24/16); „eine Zeit lang“ (24/37); „seither“ (25/11); „ununterbrochen“ (26/15); an die Vorgeschichte anknüpfend „sobald“ (27/20); „oft“ (32/26); „öfters“ (36/5). Die Formel „über Jahr und Tag“ wird wiederholt (21/12; 24/28; 33/3 -> 39/33).


Das ganze Kap. IV ist dem Thema gewidmet, wie er sich in dem Badeort jenseits des Gebirges (26/16 ff.) einrichtet und in die, wie sogleich gesagt wird (27/4 ff.), schließlich gescheiterte Liebe zu Mina verfällt (26/34 ff.)

Die Orte des Geschehens scheinen (in I – IV) in Hamburg zunächst konkret und lokalisierbar zu sein (Norderstraße 9/23; Breitestraße 16/25), doch sind sie bald ganz allgemein: Hotel (17/16), (in der Welt 24/23,) in einem Garten (25/28), Badeort (26/19), mein Haus (28/29 f.), unter den Bäumen vor meinem Haus (29/20), im Förstergarten (32/34).

Peter Schlemihl als Mensch (I und Anfang Kap. II)

Peter Schlemihl ist ein armer Schlucker: Er bringt von der Fahrt nur eine kleine Habseligkeit mit, die er auch noch selbst trägt, statt einen Diener zu engagieren (9/6 f.); von einem Wohn- oder Heimatort spricht er nicht. Er geht in das billigste Hotel am Platz (9(8 f.), wird selbst dort noch skeptisch gemustert (9/10 f.) und bekommt auchnur ein billiges Zimmer unterm Dach. Er weiß jedoch, was sich gehört, wenn man einen Besuch macht, und kleidet sich reinlich (9/17 ff.).


In der Welt der Reichen ist er ein Fremder: Er muss im Haus John „ein Verhör“ bestehen, ehe er eingelassen wird (9/29 f.); nicht ohne subtile Ironie erzählt er, wie er von herrn John herablassend behandelt wird. Der empfängt ihn nämlich „sehr gut wie ein Reicher einen armen Teufel“ (9/34; ähnlich bereits 9/30: hatte die Ehre…) und spricht nur ganz nebenbei mit Peter (9/34 – 10/2); dass Peter dem Diktum von der Selbstverständlichkeit, reich zu sein, beipflichtet („mit vollem überströmenden Gefühl“, 10/11 f.), ist objektiv ironisch. Seine Fremdheit in dieser Umgebung drückt er noch einmal ironisch aus, dass er hinterherschleicht, „ohne jemandem beschwerlich zu fallen“ (10/20 f.): Er gehört schlicht nicht zu den Schönen und Reichen.


In der Begegnung mit dem grauen Mann wächst bei dessen Kunststücken von Mal zu Mal seine Betroffenheit: Auf das Pflasterbesorgen reagiert Peter noch nicht (10/37 ff.); dass der Graue das Fernrohr hervorholt, verwundert Peter (11/21-23); den Teppichzauber sieht er betroffen (12/5 ff.), während die Gesellschaft überhaupt nicht darauf reagiert – wie auch beim Zeltzauber, wo Peter „unheimlich, ja graulich zu Mute“ ist (13/1), erst recht beim Pferdezauber (13/2 ff.). Der Schauder, der ihn ergriffen hat, hat sich ins Unerträgliche gesteigert (13/16 f.); er beschließt wegzugehen. [Mit dem sorgsam zum Schauder gesteigerten Grauen entstehen der abgrundtiefe Hass (50/13) und das letzte Entsetzen Peters (59/24), in dem er endgültig dem grauen Mann abschwört.]  


Als dann der Graue sich ihm nähert, erschrickt er und hat Angst (13/29; 13/37 f.; 14/10), ohne sich ihm jedoch entziehen zu können: Nach dem Angebot des Schattenverkaufs ist er verwirrt (14/24 f.); der Hinweis auf die Tasche mit den unmöglichsten Inhalten erzeugt wieder einen kalten Schauder (14/36). Als ihm dann „Fortunati Glückssäckel“ angeboten wird, nimmt der Graue seinen „ganzen Sinn gefangen“ (15/19 f.): „Ich bekam einen Schwindel…“ In diesem Schwindel schließt er das Geschäft ab, und auch danach ist in ihm „noch keine Besinnung“ (16/4).


Danach macht er verwirrende Erfahrungen: Ohne Schatten ist er auch unter den normalen Menschen ein Fremder, was ihn zur verzweifelten Frage führt: „was konnte, was sollte auf Erden aus mir werden!“ (17/10 f.). Nachdem er ausgiebig geweint hat (17/4), wechselt er in ein nach Norden gelegenes Hotel, wo er vom Sonnenlicht verschont ist (17/16 ff.), und wühlt dort rauschhaft in seinem Gold (17/20 ff.). Nach seinem Traum vom forschenden Chamisso, der tot ist, was durch das Stehenbleiben der Uhr unterstrichen wird (17/33 ff.), erfasst ihn jedoch ein Überdruss am Gold (18/11 ff.) und er bezeichnet das Tauschgeschäft nur noch als törichten Handel (20/1, vgl. 18/12: törichtes Herz). Ein neuer Test, wie er als Schattenloser auf andere wirkt (19/6 ff.), lässt ihn den Plan fassen, den törichten Handel rückgängig zu machen (20/1 ff.), und setzt damit das weitere Handeln Peters (II – IV) wie das weitere Geschehen (Versuche des Grauen, ihn zum Teufelspakt zu bewegen, Kap. V – VIII) in Bewegung: als Versuche, mit der Schattenlosigkeit so oder so fertig zu werden.

Du-Anreden an Chamisso

Eine der Eigentümlichkeiten der Novelle besteht darin, dass der Ich-Erzähler Peter sich häufig an seinen Freund Chamisso als den Leser (oder Zuhörer – das wird in den beiden Briefen an Julius Eduard Hitzig klar: 4/28 ff.) seiner Geschichte wendet. Das sind einmal Stellen, an denen das Erzählen durch solche Hörer-Anreden lebendiger wird (13/4 f. und 13/10-12; 17/35 ff.); auch erklärt Peter manchmal, warum er sich im Erzählen an diesen Stellen kurz fassen möchte, weil Chamisso solches ohnehin kennt (19/16 f.; 25/16-18); gelegentlich kommentiert Peter so auch aus „heutiger“ Sicht vergangenes Geschehen, dass er sich etwa schämt, so etwas seinem Freund zu beichten (17/21-23; 29/17-19). An den zuletzt genannten Stellen nähert sich die Anrede dem Kommentar an.



Erzählerkommentare in I – IV

Es ist nicht immer klar zu entscheiden, ob ein echter Kommentar aus heutiger Sicht oder eine erzählte Einschätzung aus vergangener Zeit vorliegt (z. B. 17/4-10). 


Oft sind die Kommentare ganz harmlos (13/23 f.; 31/32 f.; 33/16-18), auch zum Zeitgeschehen (31/18-20). Bedeutsam ist der Kommentar, mit dem die Mina-Erzählung eingeleitet wird (26/22 ff. und 27/4 ff.). Da bekennt Peter einmal, die Liebe vorbei ist und auch im Erzählen nicht mehr lebendig wird (26/22 ff.); der Begriff „Wahn“ (26/29 und 27/11) deutet vielleicht darauf hin, dass er nach heutiger Einschätzung Mina nicht wirklich geliebt hat, im Gegensatz zur früheren Beurteilung des Verhältnisses (32/ 11 ff.; vgl. auch 27/4 ff.). Das hängt offensichtlich mit seinem Alter (und der Herrschaft der Vernunft heute, 27/9) zusammen, könnte also auch einfach auf das „normale“ Vergehen jeglicher Liebe anspielen (27/8 ff.). – Insgesamt sagen die beiden Kommentare, dass nun nicht eine Liebesgeschichte erzählt wird, sondern eine bedeutsame Episode aus Peters Lebensgeschichte, die zur Entscheidung in der Frage des Teufelsbundes drängt. 


Auch Minas Brief verdient Beachtung – sie hat in Peter den Adeligen gesehen, den sie liebt und auf den sie schweren Herzens verzichten will (33/19 ff).

Zeitstruktur in Kap. V – VIII

Am Morgen des Tages, wo Peter den Heiratsantrag machen will,


kündigt Rascal den Dienst wegen Peters Schattenlosigkeit auf (36/25ff.),

stellt der Förster ihm ein Ultimatum (3 Tage), mit Schatten zu erscheinen (37/27 ff.),


entflieht Peter (39/24-27). -> (unbestimmte Zeitlücke)


Am gleichen Tag (so wegen 44/14 f.)


begegnet Peter in der Heide dem Grauen (39/29 ff.);


er erhält dessen 1. Angebot: Tausch des Schatten gegen die Seele (40/10 ff.);


- Disput über den Wert der Seele (40/35 ff.);


dessen 2. Angebot, durch die Tarnkappe geschützt Mina von Rascal bedroht zu sehen 
(41/10 ff.), lehnt Peter ab;


der Graue zeigt Peter dessen Schatten als den Schatten des Grauen (42/9 ff.);


Bendel trifft ein, verprügelt und verfolgt den Grauen (42/34 ff.).


- Peter ist einsam (43/17 f.); // Ende Kap. V


er steht im Konflikt, ob er Minas wegen auf die Seele verzichten soll (43/21 ff.).

—————


* Neuer Tag beginnt (44/9), es vergehen zwei Tage.


—————


Am vierten Tag (so 44/14 f., vgl. das Ultimatum des Försters!)


kommt ein Schatten allein daher (44/21 ff.),


erkämpft Peter sich das unsichtbarmachende Vogelnest (45/18 ff.)


und geht zum Forsthaus (46/7 ff.), von einem Unsichtbaren begleitet;


er erkennt den Grauen (47/1, mit Tarnkappe), der ihm das Vogelnest abnimmt (47);


er erhält dessen 3. Angebot: Schatten plus Mina (inklusive Bestrafung Rascals) plus Kappe gegen die Seele tauschen (47/27 ff.);


Peter sieht Rascal als Bräutigam und die verzweifelte Mina (48 f.) und ist deswegen drauf und dran, den Teufelspakt zu unterschreiben (49/17 ff.; 50/35 f.).


[Großer Kommentar, mit Anrede Chamissos 49/25 ff.] (wirkt wie Zeitdehnung!)


Peter fällt in Ohnmacht, statt zu unterschreiben (50/29-37). // Ende Kap. VI


————— 


Am nächsten Tag, als er zu sich kommt, ist Mina verheiratet (51/1 ff.) [oder geschah das am gleichen Morgen?];


vom Grauen beschimpft, geht Peter nach Hause (bis 52/11);


Peter trifft Bendel, der ihm die Ereignisse „zu Hause“ erzählt (52/22 ff.),


er trennt sich von Bendel (53/17 ff.). 


Es ist Nacht (53/34), er reitet los, er ist am Tiefpunkt seines Lebens angekommen (53/36 f.). // Ende Kap. VII


Ein Spaziergänger begleitet ihn.
[Kommentar 54/17-25, über die Bedeutung der inneren Stimme]


—————


Am anderen Morgen (55/2) erkennt er den Grauen als seinen Begleiter;
der leiht ihm seinen Schatten (55/20 ff.); 


Peter will diesen entführen, was aber scheitert (bis 56/23);


er setzt die Reise mit Schatten und dem Grauen fort;


Peter berichtet, dass er damals erkannt hat, in welchen Konflikt er durch die Abhängigkeit vom verhassten Schattenverleiher gekommen ist (57/2-15).

—————

(unbestimmte Dauer) -> 


„Einst“ führt(e) der Graue wieder verführerische Reden (57/16 ff.);


Peter erklärt in der Rückschau, dass so der entscheidende Kampf begann (57/31):


In einem Streitgespräch eröffnet der Graue ihm die Möglichkeit, ihn jederzeit mittels des Geldsäckels zu rufen;


als der Graue ihm auf Peters Frage Thomas John als arme Seele zeigt, ist Peter entsetzt, beschwört den Bösen und wirft den Geldsäckel fort (59/15 ff.). // Ende Kap. VIII


Auswertung: Es wird ein Geschehen erzählt, das sich über sechs Tage und einen weiteren („einst“) erstreckt, von denen aber zwei nur gestreift werden; insgesamt geht es darum, ob Peter den Teufelspakt abschließt, um seinen Schatten wieder zu bekommen, sei es um Minas oder seiner neuen Stellung in der Welt willen. Beim ersten Mal rettet ihn die Ohnmacht, beim zweiten Mal der Anblick des in die Hölle gefahrenen Thomas John. Beide Male findet er so die „richtige“ Lösung in seinem Konflikt.


[Erzähltechnisch sollte man die Steigerung in den Versuchen des Grauen, Peter zu verführen, würdigen; der zweite Konflikt ist notwendig, weil der erste ja nicht von Peter entschieden, sondern er durch ein gütiges Schicksal vor einer falschen Entscheidung bewahrt wurde.]

Zeitstruktur in Kap. IX – XI

- Fortsetzung: Ruhe und Heiterkeit nach der Beschwörung des Grauen (59/32 - 60/9);


- Peter träumt von schattenlosen Menschen (60/10-24)


————— (neuer Tag)


- Peter überlegt, was er tun soll, und geht los (60/25 ff.);

- Begegnung mit einem Bauern, der sich von ihm abwendet (61/8 ff.);


- Peter setzt die Wanderung zum Gebirge fort, über Stunden (61/35 ff.).


—————


ein paar Regentage (62/11-15)

—————


- Peter kauft auf einer Kirmes Stiefel und geht los (62/15 ff.),


- bemerkt, dass er nicht normal vorankommt (62/32),


- geht weiter durch viele Landschaften 


- und erkennt, dass er Siebenmeilenstiefel besitzt (63/36 f.). // Kapitel IX zu Ende


- Er beginnt dankbar zu weinen und erkennt seine Lebensaufgabe (64/1 ff.).


[Kommentar 64/10-14]


- Er geht weiter und siedelt sich in der Thebais an (64/15 ff.), geht weiter…


- und versucht mehrfach vergeblich, nach Australien zu kommen (65/13 ff.).


[Kommentar 65/26-29]


->->-> Vorgriff: Oft hat er später diesen Versuch vergeblich wiederholt (65/30 – 66/6)


- kommt in der Nacht in die Thebais zurück, hat die Morgendämmerung überholt!


————— (neuer Tag)


- Peter schafft an, was er als Forscher alles braucht, und beginnt seine neue Lebensweise (66/13-36).


—————


Sammelbericht vom Forscherleben: unbestimmte Dauer (66/37 – 67/14); Ankündigung eines letzten Abenteuers (67/14 f.) // Kap. X zu Ende


—————


- Peter begegnet dem Eisbären, Unfall, Erkrankung; er fällt (67/17 – 68/10)


—————


- [unbestimmte Zeit später] Peter erwacht im Schlemihlium (68/11 ff.), hört einiges;


—————


- Sammelbericht („einige Zeit“): Genesung; er erfährt auch die Vorgeschichte des Schlemihliums und den Stand Bendels und Minas (68/32 – 69/21);


—————


- Peter hört die Unterhaltung seiner Freunde, schreibt zum Abschied einen Brief und bricht auf nach Hause (69/21 – 70/32).


—————


- Er setzt seine Arbeit fort (Sammelbericht: länger als ein Jahr, 70/32-36)


—————


Peter kommt im Heute des Erzählens an (71/1 ff.),

- blickt auf seine Arbeit als Forscher zurück und kurz voraus (71/7-27)


- und wendet sich mit den Schlussworten an Chamisso als den Bewahrer seiner Geschichte (71/28-35).

Auswertung: 
Die Geschichte mit dem Grauen ist glücklich überstanden, aber es gibt für Peter noch keine Perspektive (2 Tage) – er will sich mit der Schattenlosigkeit arrangieren. Der entscheidende Tag ist der des Stiefelkaufs; Peter erhält die Möglichkeit und das Verständnis einer neuen Lebensaufgabe und findet in der Wüste der Einsiedler sein Zuhause (S. 62/15 ff.). Vom nächsten Tag, an dem er die Vorbereitungen fürs Forscherleben trifft, geht es zum Sammelbericht von diesem Leben (66/13 – 67/14).


Das Bärenabenteuer mit anschließender Erkrankung bereitet auf wundersame Weise die Rückkehr ins Schlemihlium vor (67/17 – 68/10); die Art und Weise, wie Peter dorthin kommt, bleibt offen. Verschiedene Episoden (68/11-31; 69/21 – 70/5, mit eingeschobenem Sammelbericht) lassen ihn die alten Freunde unerkannt wieder erleben und die gute Wendung ihres Lebens begreifen; der Bericht von der Heimkehr leitet zur unbestimmten Fortsetzung seines Forscherlebens über.


Im Heute gibt Peter seine Einschätzung der eigenen systematisch betriebenen Arbeit preis und auch seinen Auftrag und Rat an Chamisso als den Leser seines Berichts (und damit indirekt an die Leser der Novelle, die ja „später“ von Fouqué herausgegeben wird, der das Stichwort „bewahren“ aufgreift, vgl. 71/29 f. mit S. 4 f. und 6/2 ff.).

2. Interpretation

Die Interpretation dieser Erzählung muss beim Schlusskapitel ansetzen. Der Erzähler sagt seinem Freund Chamisso (vgl. 13/9 ff.; 17/21 ff. usw.), er solle seine wundersame Geschichte aufbewahren, damit sie noch manchen Menschen „zur nützlichen Lehre gereichen könne“ (71/28 ff.). Seinen Freund (Chamisso) stellt er dann vor eine Wahl: Willst du „unter den Menschen leben“ oder willst du „nur Dir und Deinem besseren Selbst leben“ (71/32 ff.)? Für beide Fälle hat er etwas zu sagen:
Im Fall a) lerne verehren zuvörderst den Schatten, sodann das Geld! Diese Lehre ergibt sich aus dem, was er in Kap. I – VIII erzählt hat; denn ohne „Schatten“ nützt das schönste Geld nichts – Gangster wie Rascal schnappen einem selbst eine liebende Frau vor der Nase weg.
Für den Fall b) gilt: Du brauchst keinen Rat. Diesen Weg hat Schlemihl selber beschritten (Kap. IX ff.).


Das bessere Selbst ist jenes Urbild des eigenen Lebens (64/10), was bei Platon „die Idee“ heißt und das einem erscheinen kann, wenn man wie Peter bereit ist, es  aufzunehmen; es ist das eigene Selbst, zu dem man aus seinem „Schlafen“ erwachen kann oder erweckt werden muss, wie später Mina und Bendel bekennen (69/25 ff. – siehe unten!). Die Heiterkeit der Seele bezeugt, dass man sein besseres Selbst gefunden hat.


Woher weiß man aber, was zu tun ist, wenn man meinem besseren Selbst leben will? Das weiß einmal der Erzähler selber, das sagen dann auch Mina und Bendel im Schlemihlium in einem Gespräch, dem der Erzähler wunderbarerweise unerkannt zuhören darf. Der Erzähler erklärt selber, wie er dem teuflischen Angebot widerstehen konnte, seine Seele für den Schatten herzugeben, was ihm der graue Mann intellektuell brillant nahelegte (54/12 ff.: „das Wort aufzufinden, das aller Rätsel Lösung sei“). Der Erzähler vertraute gegen die intellektuellen Spiele seinem geraden Sinn und folgt wie auch sonst „der Stimme in mir, so viel es in meiner Macht gewesen, auf dem eigenen Wege“, womit er auch einen Rat Chamissos befolgte (54/22 ff.). Das führt dazu, dass er schließlich ohne Geld und Schatten dasitzt, aber heiter ist (59/31 ff.).


Ferner sagt er selber es in einem großen Kommentar, in dem er die Bedeutung seiner Ohnmacht reflektiert (49/25 ff., der Anfang von Kap. VII); in dieser Ohnmacht trat „ein Ereignis an die Stelle einer Tat“ (54/18). Das erklärt er später so: „Es war nicht ein Entschluss, den ich fasste.“ (64/9) Vielmehr „stand plötzlich meine Zukunft vor meiner Seele. Durch frühe Schuld von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen, ward ich zum Ersatz an die Natur, die ich stets geliebt, gewiesen, die Erde mir zu einem reichen garten gegeben, das Studium zur Richtung und Kraft meines Lebens, zu ihrem Ziel die Wissenschaft.“ Er hat das Urbild seines wahren Lebens gesehen (64/3 ff.). Diese Einsicht ist ihm aus dem zufälligen Kauf der Siebenmeilenstiefel aufgegangen. 


Die passivische Wendung („ward [bzw. wurde] gewiesen“) weist auf die frühere Äußerung Schlemihls im Kommentar zurück: Ein Ereignis bringt es mit sich, dass man sich ihm beugen muss („Notwendigkeit“); wenn man diese Notwendigkeit „als eine weise Fügung“ verehren lernt, dann kann man sich mit sich selber versöhnen (50/18 ff.). Dadurch erreicht man jene Heiterkeit, die Schlemihl findet (59/33), wie Mina sie längst gefunden hat (69/28).


Damit kommen wir zur zweiten Stimme, welche dem Freund sagt, was zu tun ist: Durch eine erneute Ohnmacht (!) ist Schlemihl ins Schlemihlium gekommen und darf das Gespräch seiner Lebensgefährten Mina und Bendel anhören. Mina legt dar, dass sie einen Traum (was der Inhalt des Traums war, bleibt ungesagt – Goldbesitz? vielleicht auch die Traumexistenz der noch nicht Erwachten?) „ausgeträumt“ hat „und in mir selber erwacht bin“ (69/26). Sie bescheinigt Bendel die gleiche Heiterkeit, die daraus fließt, „dass Sie jetzt auf so gottselige Weise Ihrem Herrn und Freunde dienen“, nämlich durch seine Arbeit als Anstaltsleiter und Pfleger im Schlemihlium (69/29 ff.). Beide leben sie jetzt ihrem besseren Selbst; sie haben, wie Bendel sagt, „das erste Gaukelspiel“ ihres Lebens abgeschlossen – eine Analogie zur von Mina genannten Traumexistenz (69/31 ff.). Indem er darlegt, dass sie nun „den wirklichen Anfang erwarten“ (69/36), begibt Bendel sich auf die Bahn des christlichen Glaubens. 



Es ist richtig, mit der Literaturgeschichte von Wolfgang Beutin u. a. (Metzler, 3. Aufl. 1989) in der Schlemihl-Erzählung die Entfremdungsproblematik zu sehen (S. 195). Durch das Fehlen des Schattens ist man nur den anderen fremd; die wahre Selbstfindung (oder Selbstverwirklichung) müssen jedoch auch jene leisten, welche sowohl Geld wie Schatten haben – bzw. auch im Besitz des Schattens kann man selbst-entfremdet leben, wie Rascal zeigt und wie Mina und Bendel bezeugen.

Damit habe ich die großen Linien einer Interpretation gezeichnet. Man versteht also die Erzählung Chamissos (noch) nicht, wenn man literarturgeschichtlich die Zeugnisse von Doppelgängern und Schattenexistenzen erforscht, das Motiv des Teufelspaktes (den Schlemihl ja gerade nicht schließt!) identifiziert oder die Geldgier als anfänglich treibendes Motiv Peter Schlemihls im historischen Kontext des frühen Kapitalismus untersucht. Ein methodischer Fehler wäre es, wenn man „das bessere Selbst“ oder „das höhere Selbst“ (Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches I 629) nur aus seinem eigenen Verständnis oder gar aus dem heutigen Sprachgebrauch aberwitziger Esoteriker oder Reiki-Anhänger erklärte, die auf einem ganz anderen Weg als Peter Schlemihl und Mina zu ihrem höheren Selbst finden.


Für die Metaphorik von „schlafen/erwachen“ verweise ich auf meinen Aufsatz unter http://norberto42-2.blog.de/2005/07/ bzw. http://also.kulando.de/post/2007/01/05/schlafen_-_erwachen_-_aufstehen_ein_metaphernfeld;

dass man zuletzt auf sich selbst verwiesen bleibt (oder sein sollte), sagt Theodor Storm im Gedicht „Für meine Söhne“ (http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/Storm/soehne.htm) in der letzten Strophe:


„Wenn der Pöbel aller Sorte


Tanzet um die goldnen Kälber,


Halte fest: du hast vom Leben


Doch am Ende nur dich selber.“

Zum ursprünglich religiösen Motiv „seine Seele verkaufen“ (vgl. Mt 6,19 ff.) siehe http://www.amertin.de/aufsatz/2002/simpsons.htm; Goethes „Zauberlehrling“ erhält vom holden Knaben eine ganz andere Lehre als Chamisso von Schlemihl (man könnte diese aber durchaus zur Deutung des Schattens heranziehen!). Eine moderne Anwendung (Auslegung) des Bildes vom grauen Mann findet sich in dem Aufsatz http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2002/0831/magazin/0001/index.html.

Schlemihls Bekenntnise

Chamissos Novelle wird durchweg in die beiden formalen Kategorien „Märchen“ und „Novelle“ oder eine Kombination beider eingeordnet. Mit dem Stichwort „Bekenntnisse“ möchte ich auf einen Aspekt des Inhalts hinweisen, den ich bisher nicht in der Literatur gefunden habe: dass Chamissos Novelle zu den Büchern gehört, in denen jemand eine Lebensbeichte ablegt. Der Bischof Augustinus hat um 400 als erster „Confessiones“ abgelegt, also in einem Gespräch mit Gott sein Leben erzählt und Gott für die Erlösung vom Irrweg gedankt; 1782 hat Rousseau seine „Bekenntnisse“ herausgegeben. Am 26. September 1813 hat Schlemihl sein Beichte bei Chamisso abgegeben – das ist natürlich Fiktion, wie ja der ganze Brief Chamissos an Hitzig die fiktive Freundschaft mit Peter Schlemihl darstellt.


Chamisso selber charakterisiert die bei ihm abgegebenen „Blätter“ (5/19) als „Beichte, die ein ehrlicher Mann im Vertrauen auf meine Freundschaft und Redlichkeit an meiner Brust ablegt“ (5/6 f.). Schlemihl betont diesen Zug des Beichtens, als er seine Erzählung vom seinem Goldrausch unterbricht (17/21) und bekennt, diesen Goldrausch vor Chamisso „zu gestehen“ mache ihn beim Erzählen noch erröten (17/21 ff.). Den zweiten, noch bedeutenderen Hinweis auf den Aspekt des Beichtens gibt Schlemihl in seinem wichtigsten Kommentar (49/25 ff.), den er so beginnt: „Ich werde mich Deinem Urteil bloß stellen, lieber Chamisso, und es nicht zu bestechen suchen.“ Mit diesem Kommentar begleitet Schlemihl die Erzählung davon, wie er drauf und dran war, den Teufelspakt zu unterzeichnen (49/22 f. und 50/39 f.), und wie ihn eine Ohnmacht davor bewahrte. Davor hat er seinen Konflikt (vgl. auch 44/4 f.!) erklärt: Aus Liebe hat er Mina an sich gebunden und müsste sie nun vor ihrem Verderben (Heirat mit Rascal) retten – anderseits hat er gegen den Grauen und eine Gemeinschaft mit ihm einen unüberwindlichen Hass (50/3 ff.). Die Ohnmacht erspart ihm die Entscheidung in diesem Konflikt (50/16 ff.) – die eigene Entscheidung holt er später im Entsetzen über die Höllenfahrt Thomas Johns nach (59/24 ff.).


In den Zusammenhang der Beichte passt auch die Redeweise vom geraden Weg (49/32 f.; vgl. 50/14) und vom eigenen Weg (54/25), den Schlemihl mit geradem Sinn (54/23) wählt, während er „diesen rätselhaften Schleicher auf krummen Wegen“ (50/13 f.) hasst.


Erst recht passt das Bekenntnis, das er zur Erläuterung seiner Erleuchtung und der neuen Lebenssicht ablegt (64/2 f.) zur Beichte: „Durch frühe Schuld von der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen, ward ich zum Ersatz … an die Natur gewiesen“ (64/4 ff.). Wenn man die „Schuld“ Chamissos untersucht, relativiert sie sich dahin, dass er angesichts der Möglichkeit, Fortunati Glückssäckel zu bekommen, von Sinnen war und von einem „Schwindel“ befallen wurde (15/17 ff., 16/4-6), nur dass er dort (anders als beim Anblick der Seele Thomas Johns, 59/24) dem gespürten Entsetzen nicht nachgab; ähnlich erging es ihm im oben genannten Konflikt (44/4 f.), doch enthebt ihn die Ohnmacht in diesem Konflikt einer Entscheidung. Dass er in einem Konflikt gestanden hat, wird beim zweiten Mal deutlich gesagt (57/28 und 57/30). 


Auch in seinem Brief an die alten Freunde bekennt Schlemihl, dass er seine Behinderungen als „Buße der Versöhnung“ (70/12) versteht. Er hat sich selbst gerichtet (49/26 f.) und hat sich später mit seinem Schicksal versöhnt, als er die schicksalhaften Notwendigkeiten der Schattenlosigkeit als weise Fügung zu verstehen gelernt hat (50/18 ff.). So wird auch klar, wieso sein Bekenntnis anderen Menschen zu Belehrung gereichen könnte und wieso Chamisso keinen Rat braucht (71/28 ff.)

(Alle Sperrungen in den Zitaten stammen von mir.)

Eine Bemerkung von Lars aufgreifend möchte ich anmerken, dass auch mir eine gewisse Nähe der Erzählung zu „Faust I“ aufgefallen ist; das ist nicht nur durch die zeitliche Nähe (1806 – 1813), sondern auch durch das Motiv des Teufelspaktes bedingt. Dieser wird im „Faust“ schon nur als „Wette“ abgeschlossen, im „Schlemihl“ kommt sogar nur die Pakt-Vorform des Schattenverkaufs zum Tragen. 


Auch spricht der Graue wie Mephisto manchmal Wahrheiten aus, die vom jeweiligen Partner nicht ganz verstanden werden, z.B. dass Peter seinen Schatten „von sich“ wirft (14/19 – statt nur: einen Schatten werfen) oder dass dies ein unschätzbarer Schatten ist (14/33 f.), was Peter erst später zu ahnen beginnt (17/4 ff.).


Faust unterscheidet sich aber wahrlich nicht nur in Liebesangelegenheiten von Peter; das Grauen Gretchens vor dem Teufel (V. 3471 ff.) hat nun Peter selber, da er wie Gretchen, aber anders als Faust letztlich eine reine Seele hat. Die Worte des Herrn im „Prolog im Himmel“ können deshalb sinngemäß in der Reflexion Peters auftauchen (Kommentar S. 49 f.). – Benno von Wiese betont, dass Peter dem Alltäglichen nahtrauere, vielleicht etwas zu stark;  aber vom Geniekult des 18. Jahrhunderts ist wahrlich nicht viel zu spüren – Peter ungewöhnliche Leistungsfähigkeit kommt nicht aus ihm selbst, sondern aus einem Zufallsfund!

Als reizvoll empfinde ich auch einen Vergleich mit Goethes Gedicht „Der Zauberlehrling“ (1798); da sucht der Erzähler einen Teufelspakt abzuschließen, aber er wird von einer Lichtgestalt belehrt. Zu prüfen wäre, was der „Mut des reinen Lebens“ ist – der Erzähler wird jedenfalls in die Normalität des harten Arbeitens und des seltenen, aber regelmäßigen Feierns gewiesen: Seine falsche Weltsicht wird korrigiert, das ist alles.

Werktreue – was ist das?

Auf das Problem, welches mit der Vokabel „Werktreue“ umschrieben wird, stößt man, wenn man sich mit der Inszenierung „alter“ Stücke befasst: Wie wichtig ist es, dass Ferdinand in „Kabale und Liebe“ ein Adeliger ist? Besteht das, was in diesem Stück die Standesschranke ist, heute nicht in anderer Form, aber gleichwohl wirksam?

In einem Interview hat sich Peter Konwitschny (Leipzig) unter anderem zu diesem Thema geäußert: „Der Sinn des Theaters ist, für das jeweilige Heute wesentliche Botschaften zu übermitteln, damit die fundamentalen ethischen, religiösen und zwischenmenschlichen Fragen diskutierbar und diskutiert werden. Die Tete in Wort und Bild sind hierfür das Material. (…) Mir wir immer klarer, worin Werktreue besteht: in der Bewahrung des Sinnes, nicht des Buchstabens.“ (SZ 7.11.2009, unter der Überschrift „Salome stirbt nicht“).

Was sagt er über Werktreue? Er sagt vor allem, was sie nicht ist: die wörtliche Umsetzung des Alten, wie es vermutlich in alter Zeit umgesetzt worden ist. Mit der Unterscheidung von Sinn / Buchstabe, die an des Paulus „Geist / Buchstabe“ erinnert, wird ein Freiraum eröffnet, in dem Lösungen erst gesucht werden können und müssen; denn zwei mehr oder weniger offene Größen tauchen in Konwitschnys Gleichung auf: das Heute und die wesentlichen Botschaften (alter Stücke oder Texte).

Wie stark ist die Botschaft an den Text und das Geschick der Figuren gebunden? Wie weit darf ein Regisseur in den Text eingreifen? Ja, wozu braucht man überhaupt einen alten Text, wenn man doch seine „Botschaft“ kennt und diese also auch anders, als anhand eines anderen („modernen“) Textes übermitteln könnte? Diese Fragen zeigen meines Erachtens, dass „Werktreue“ ein problematischer Begriff ist, dessen Funktion vor allem eine negative ist: Er soll das Missverständnis abwehren, man habe Schillers Stück verstanden, wenn man als Adelige kostümierte Schauspieler hat agieren sehen. Aber was man sehen muss, um Schiller zu sehen, ist eine andere Frage.

http://de.wikipedia.org/wiki/Werktreue (erste Hinweise)

http://www.goethe.de/kue/the/dos/dos/avr/deindex.htm

http://www.welt.de/welt_print/article1391161/Schluss_mit_dem_Theater.html

http://www.3sat.de/dynamic/sitegen/bin/sitegen.php?tab=2&source=/kulturzeit/themen/65543/index.html

Werner Bräunig: Rummelplatz (2007)

Eindrücke nach der ersten Lektüre

Werner Bräunigs Roman bzw. Romanfragment „Rummelplatz“ hat mich beeindruckt; ich habe die Arbeitswelt des Untertagebaus, hier der Wismut im Erzgebirge, noch nie so intensiv beschrieben gefunden. Die Zeche und die Papierfabrik – man merkt, dass Bräunig sie gut kannte.

Der zeitliche Rahmen ist symbolisch: Die provisorische Verfassung der DDR ist am 12. Oktober 1949 in Kraft getreten, in der Nacht vom 12. zum 13. Oktober beginnt das erzählte Geschehen, um am 17. Juni 1953 zu enden. Erzählt wird, wie der nicht zum Studium zugelassene Abiturient Christian Kleinschmidt, Sohn ein Professors, sich in seiner Arbeit in der Wismut-Grube selber findet, unter der klugen und wohlwollenden Anleitung des am 17. Juni 53 erschlagenen Altkommunisten und Vor-Arbeiters Hermann Fischer; wie er es ablehnt, trotz seiner Westverwandten im Westen zu studieren, und schließlich wegen seiner Bewährung von der Wismut zum Studium geschickt wird; wie es den Kollegen ergeht, die mit ihm bei der Wismut zu arbeiten begonnen haben – insbesondere Peter Loose, dem schikanös und willkürlich ein Prozess gemacht wird, in dem er zu vier Jahren Haft verurteilt wird.

Die anderen zentralen Figuren sind der genannte Fischer und seine Tochter Ruth, die als Arbeiterin in der Papierfabrik sich emporarbeitet und gegen breiten Widerstand durchsetzt, dass eine Frau erstmals eine leitende Position einnimmt; sie lehnt es ab, eine Parteikarriere zu machen, anders als ihr Verlobter Nickel, von dem sie sich (nach zarter Annäherung) trennt und der ein typischer, fachlich wenig kompetenter Scharfmacher wird.

Daneben gibt es viele weitere Figuren, Arbeiter und Mädchen und Mitglieder der FDJ oder SED, womit die größere Thematik angedeutet wird: die DDR, das sozialistische Deutschland als das bessere Deutschland – und was dem entgegensteht, dass sie wirklich sozialistisch ist. Entgegen stehen dem mindestens drei Faktoren: die immer noch fortlebende Nazivergangenheit, die kapitalistischen Anfeindungen aus dem Westen, der gute Leute abwirbt, und die Borniertheit vieler Parteifunktionäre. Immer wieder wird der Appell hörbar, dass wir selber das Haus, in dem wir gut und menschlich wohnen können, bauen müssen (S. 587 ff.); dieses Haus kann nur die DDR sein, aber eine andere DDR. Wir finden also immer wieder den Aufbruch aus dem, was heute gegeben ist, in die bessere Zukunft; anderseits gibt es erstaunlich kritische Töne: „Es fehlt unsereinem gewissermaßen eine Grundausbildung in der Kritik nach oben, mit Unfallbelehrung und dergleichen“, sagt Hänschenklein zur Erklärung seiner Zurückhaltung (S. 544).

Die Genossen Röttig und Fischer sind sozialistische Vorbilder, ohne jeden Makel, während Nickel und Mehlkorn Ekel sind – Schwarzweißbilder der Parteigenossen. Ob die Ereignisse des 17. Juni nur vom Westen inszeniert und von Faschisten bewerkstelligt wurden, mag einmal dahingestellt bleiben; die wenigen Bilder von Westmenschen, Verwandten von Ostmenschen und deren Umfeld, sind sehr simpel „kapitalistisch“-entfremdet (Irene Hollenkamp).

Ich habe die gut 600 Seiten nur einmal gelesen. Um ihnen gerecht zu werden, müsste man sie mindestens zweimal lesen und systematisch Notizen machen. Die Arbeitswelt und auch das Leben auf dem Rummelplatz sind phantastisch beschrieben, da kommt auch Böll nicht mit; anderseits sind manche Handlungen nicht deutlich ausgearbeitet, die Reflexionen sind öfter nicht einer Figur zuzuordnen (das stört aber weniger). Am stärksten habe ich mich daran gestoßen, dass zwischen dem grundsätzlichen Lob des Sozialismus und den kritischen Passagen wenig Ausgleich besteht. Insgesamt ein mutiges und lesenswertes Buch, das eine Vielzahl von Blicken auf eine Zeit erlaubt, die meine Kindheit war und die ich deshalb nicht bewusst genug erlebt habe.

Über das Schicksal des Manuskripts in den 60er Jahren und die Lebensgeschichte des Autors (1934 – 1976) informiert ein langes Nachwort von Angela Drescher; zahlreiche Anmerkungen (S. 713 ff.) machen das Buch auch für den verständlich, der nicht DDR-kompetent ist und nicht über den literarischen Horizont Werner Bräunigs verfügt.

— Vielleicht sollte man im Anschluss an den Roman Volker Brauns Gedicht „Das Eigentum“ lesen: http://www.poetenladen.de/zettelkasten/zettel6.html

Kassandra – Entwicklung einer Figur

Wenn man sich näher mit Mythen befasst, merkt man: „Den“ Mythos gibt es nicht, es gibt nur viele Ausprägungen des Mythos. Und zweitens sind die Figuren in einer Entwicklung, sodass man eigentlich sagen muss: Zu einem bestimmten Zeitpunkt sah die Figur im Allgemeinen so und so aus. Unter dieser Voraussetzung steht das, was ich zur Entwicklung der literarischen Figur KASSANDRA sagen möchte; Elisabeth Frenzels Buch „Stoffe der Weltliteratur“ (viele Auflagen) ist das entsprechende Standardwörterbuch.

Kassandra, die Seherin
- die Entstehung einer Figur

In der Ilias begegnen wir Kassandra mehrmals; sie gehört einfach zu den Kindern des Königs Priamos. Im 24. Gesang geht es um den toten Hektor. Der Sänger berichtet:

„Aber Kassandra, gleichend der goldenen Aphrodite,

Nach Pergamos hinaufgestiegen, bemerkte ihren Vater,

Wie er auf dem Wagen stand, und den Herold, den Stadtdurchrufer,

Und sah den im Maultierwagen liegend auf dem Lager.

Da schrie sie hell auf und rief durch die ganze Stadt:

‚Kommt und seht, ihr Troer und Troerfrauen, den Hektor!

Wenn ihr euch je über den Lebenden gefreut habt, dass er heimkehrte

Aus der Schlacht, denn eine große Freude war er der Stadt und dem ganzen Volk.’

So sprach sie, und kein Mann blieb dort zurück in der Stadt

Und keine Frau, denn über alle war unerträgliche Trauer gekommen.“ (V. 699 – 708)

In der „Odyssee“ (11. Gesang) erfährt Odysseus in der Unterwelt von Agamemnon, wie dieser sein Leben in Mykene verloren hat:

„Edler Laertiad’, erfindungsreicher Odysseus,

Nein, mich tötete nicht der Erderschüttrer Poseidon,

Da er den wilden Orkan lautbrausender Winde mir sandte;

Noch ermordeten mich auf dem Lande feindliche Männer.

Sondern Aigisthos bereitete mir das Schicksal des Todes,

Samt dem heillosen Weibe! Er lud mich zu Gast, und erschlug mich

Unter den Freuden des Mahls: so erschlägt man den Stier an der Krippe!

Also starb ich den kläglichsten Tod; und alle Gefährten

Stürzten in Haufen umher, wie hauerbewaffnete Eber,

Die man im Hause des reichen gewaltigen Mannes zur Hochzeit,

Oder zum Feiergelag’ abschlachtet, oder zum Gastmahl.

Schon bei vieler Männer Ermordung warst du zugegen,

Die in dem Zweikampf blieben, und in der wütenden Feldschlacht;

Doch kein Anblick hätte dein Herz so innig gerühret,

Als wie wir um den Kelch und die speisebeladenen Tische

Lagen im weiten Gemach, und rings der Boden in Blut schwamm!

Jämmerlich hört’ ich vor allen Kassandra, Priamos’ Tochter,

Winseln, es tötete sie die tückische Klytämnestra

Über mir; da erhob ich die Hände noch von der Erde,

Und griff sterbend ins Schwert der Mörderin. Aber die Freche

Ging von mir weg, ohn einmal die Augen des sterbenden Mannes

Zuzudrücken, noch ihm die kalten Lippen zu schließen.“ (V. 405 – 426)

Bei Pindar (5. Jh.) ist Kassandra eine Seherin, die an der Seite Agamemnons stirbt. Dies wird  so beiläufig erwähnt, dass beide Aspekte zu Pindars Zeiten bereits allgemein akzeptiert gewesen sein müssen.
Wann und warum Kassandra zur Seherin „wurde“, bleibt offen; fortan steht dieser Wesenszug im Vordergrund. Er wurde von Aischylos im Drama „Agamemnon“ (Teil der „Orestie“, 458 aufgeführt) genutzt: Sie „sieht“ außerhalb der Burg, wie Agamemnon drinnen ermordet wird, und sieht zugleich ihren eigenen Tod voraus.

Aischylos erklärt auch, wie Kassandra zur Seherin wurde: Apollon warb einst um sie und sie willigte in eine Beziehung ein. Da gab er ihr die göttliche Kunst, Künftiges zu sehen. Doch als Apollon die versprochene Intimität mit Kassandra wollte, wies sie den mächtigen Gott zurück, woraufhin Apollon sein Geschenk abwandelte:
»Mir glaubte niemand etwas, seit ich so gefehlt!« (Kassandra, in: Aischylos, Agamemnon 1212)

Ähnlich spricht sie bei Euripides: »denn der Gott machte mein Weissagen wirkungslos: diejenigen die bereits leiden und im Unglück stehen, nennen mich klug, vorher gelte ich als wahnsinnig.« (Euripides, Alexandros frg.42b Snell) An dieser Stelle klingt die Besonderheit an, dass Kassandra nur Unglück prophezeit. Mit Ausnahme einer Stelle in Vergils Aeneis (entstanden 29 – 19) sind Kassandras Prophezeiungen in der Antike stets düster, was vermutlich damit zusammenhängt, dass die Figur Kassandra in Trojas Untergang verortet ist.

In der Spätantike wurde die Figur der Kassandra mit der Sibylle verschmolzen; im Mittelalter prophezeite sie unter anderem den Messias und die Weltgeschichte bis zum Jüngsten Tag (Herbort von Fritzlar: Lied von Troja, um 1190) – die Figur war in einer steten Entwicklung, bis auf den heutigen Tag. (vgl. http://www.stefan.cc/geschichte/personen/kassandra.html)

Sophokles: Antigone – Aufbau (Inhalt)

Die Fabel der „Antigone“ hat Sophokles weithin selbst aus dem mythischen Stoff herausgesponnen; die Figur Antigone hatte vorher nie eine große Rolle gespielt. Das von Kreon erlassene Verbot einer Bestattung scheint es bereits in Aischylos’ Tragödie „Eleusinioi“ gegeben zu haben; der attische König Theseus hat ihn jedoch gezwungen, das Verbot zurückzunehmen.

Das Motiv, das Begräbnis einer Leiche zu verweigern, kommt bei Sophokles auch im „Aias“ vor. Aias hatte in seinem Zorn die griechischen Kämpfer erschlagen wollen, weshalb Agamemnon und Menelaos ihm die Bestattung verweigern. Odysseus setzt sich dagegen für eine Bestattung ein, weil es immer klüger ist, die Götter nicht zu beleidigen. Die Position des Odysseus ist hier aber eher praktisch, nicht so grundsätzlich wie die der Antigone. – Es war im 5. Jahrhundert in Athen eine selbstverständliche Pflicht, Tote zu bestatten; selbst der Feind durfte außerhalb der Stadt begraben werden.

Der Prolog des Stückes ist ein Dialog zwischen Antigone und Ismene, der in aller Morgenfühe am Tag nach dem Tod ihrer beiden Brüder und dem Abzug des besiegten feindlichen Heeres stattfindet. Zu Beginn ist Ismene die geliebte Schwester, am Ende des Gesprächs die von Antigone angefeindete Gegnerin, nachdem ein Kampf zwischen ihren Standpunkten stattgefunden hat: unversöhnliches Beharren auf der Pflicht, den toten Bruder Polyneikes zu begraben (verkörpert durch Antigone), anderseits Gehorsam gegenüber der Staatsregierung, der Standpunkt des gesunden Menschenverstandes (verkörpert durch Ismene). Der Konflikt zwischen Antigone und Kreon wird hier durch den kleinen Konflikt des Prologs vorbereitet. Der Prolog entfaltet dramatisch das Thema der Handlung.

Nach der Einzugslied des Chors, der Ältesten Thebens, die ein Jubellied wegen der Rettung der Stadt singen, folgt der 1. Auftritt (Epeisodion) mit der Thronrede des neuen Königs Kreon. Der Herrscher verkündet seine uneingeschränkte Treue und Loyalität zur Vaterstadt als Grundsatz, nach dem er regieren will, und erklärt dabei dem Chor, warum Polyneikes als Landesfeind noch im Tode büßen solle. Der erste öffentliche Widerstand kommt von der Seite des Chores: Die Alten wollen nicht darüber wachen, dass Kreons Gebot befolgt wird, billigen jedoch Kreons Herrschaftsanspruch. Nach diesem kurzen Gespräch kommt ein Wächter und meldet das Unglaubliche: Der Leichnam wurde mit Erde bedeckt, der Täter ist entkommen. Kreon wittert Gegner am Werk, beschuldigt den Wächter und seine Genossen, bestochen zu sein, und droht in höchster Erregung mit dem Henker.

Es folgt das erste Standlied (Stasimon) mit seinem doppeldeutigen Preis der menschlichen Erfindungskraft, die nur vor dem Tod versagt, aber die Erde beherrschbar macht; am Schluss wird als Maßstab rechten Handelns bekräftigt, dass man die Gesetze der Stadt und der Götter zu beachten hat. Antigones Rechtsverletzung hat ihre Bezugspunkte bekommen, ohne dass der Chor etwas von ihrem Handeln wüsste. – Gegenüber der griechischen Tradition ist in diesem Lied erkannt, dass die kulturellen Errungenschaften nicht von den Göttern verliehen wurden, sondern dass der Mensch sich alles selbst beigebracht hat.

Im 2. Auftritt führt der Wächter Antigone herein, die beim Versuch, während eines von den Göttern gesandten Sandsturms den gefallenen Bruder erneut mit Erde zu bedecken und das Trankopfer zu bringen, ergriffen wurde. Es kommt zur großen Auseinandersetzung (Agon) zwischen Kreon und Antigone. Antigone bekennt sich schroff zu ihrer Tat; denn ihr steht das Gesetz des Zeus, das ewige, ungeschriebene, heilige Recht der Götter, höher als das Gesetz des Herrschers. Der angedrohte vorzeitige Tod kümmert sie nicht; ihr gelte der nur als „Gewinn“. Kreon sieht durch ihre harte Sprache seine Königsmacht und seine Autorität als Mann beleidigt. Als nun auch Ismene neben die Schwester tritt, verhärtet sich Kreon noch mehr, auch wenn Ismene von Antigone zurückgewiesen wird. Kreon droht ihnen den Tod an.

Der Chor der Alten singt darauf das 2. Standlied, ein ahnungsvolles Lied über die Bindung der Menschen an ihr „Haus“ und das leidvolle Schicksal der Labdakiden (Labdakos: Großvater des Ödipus). Es bringt zugleich eine allgemeine theologische Reflexion, die um die „Ate“ kreist, eines der Urworte der Tragödie. Ate bedeutet ebenso Unheil wie Verblendung. Eitle Hoffnung, Betörung täuscht den Ahnungslosen; ein altes Wort sagt sogar, dass die Götter selbst den Menschen verführen und ihn in Ateverstricken, indem sie ihn das Schlechte für das Gute halten lassen.

Im 3. Auftritt folgt als dramatischer Höhepunkt der Streit zwischen Kreon und Haimon, dem König und dem Sprecher der Bürger, zwischen Vater und Sohn. Kreon beansprucht uneingeschränkten Gehorsam; Haimon erklärt, zum Vater zu gehören – im Rahmen des Rechten. Vernunft ist für ihn der Maßstab menschlichen und politischen Handelns, nicht Gehorsam. Er berichtet seinem Vater, dass das Volk nicht auf dessen Seite steht, sondern insgeheim Antigone und ihre Tat preist. Er treibt den Herrscher zum Geständnis, dass er ein Tyrann ist, der die Stadt für sein Eigentum hält und Gehorsam fordert, ob seine Anordnungen zu Recht oder Unrecht bestehen. Am Ende der Auseinandersetzung (zuerst mit einer großen Rede, dann in einer Stichomythie) sind die beiden für immer entzweit. Kreon ordnet an, Antigone lebendig in eine Grabkammer einzumauern. – Mit diesem Auftritt beginnt die Anklage gegen Kreon, die dann im 5. Auftritt verschärft wird, und der Streit, der schließlich zum Untergang Kreons führt.

Das 3. Standlied leitet zur letzten Szene Antigones über. Der Chor preist die Macht des Eros, des Liebesgottes, und der Aphrodite. Wie schon beim Standlied von der doppelwertigen Größe des Menschen sind die Aussagen des Chores mehrdeutig. In seiner Rolle als Vertreter der Bürger Thebens behauptet er, dass der Streit zwischen Haimon und Kreon durch Eros begründet ist – dafür gab es bisher keinen Hinweis. Mit dem Lied auf Eros wird jedoch auch der letzte Auftritt der Heldin vorbereitet: Antigone ist nicht nur die kompromisslose Kämpferin für göttliches Recht, sondern auch ein Mädchen auf dem abgebrochenen Weg zu Ehe und Mutterschaft.

Der 4. Auftritt zeigt in der Form eines Kommos (Klagegesang) zwischen Antigone und dem Chor den Abschied Antigones von der Welt. Antigone hält ihre große Rede, in der sie sich Rechenschaft über ihr Handeln ablegt und in der ihr vor dem Tod die Tragweite ihres Handelns bewusst wird. Sie beklagt ihr Geschick, der Chor rühmt sie als über alle Frauen erhaben, kennt aber auch ihre eigene Schuld am Untergang. Danach reden Kreon und Antigone ein letztes Mal miteinander bzw. aneinander vorbei; dann wird Antigone in die Grabkammer geführt und der Chor singt als 4. Standlied ein Lied von vergleichbaren Fällen, wo Frauen vom Unheil geschlagen waren. Damit will er einserseits Antigone trösten, anderseits wird ihr Geschick vorweggenommen. Dieses Lied ist parallel dem 2. Standlied; es beschließt endgültig die Antigonehandlung.

Mit dem Erscheinen des Sehers Teiresias im 5. Auftritt tritt jemand auf, der wie Haimon vergeblich den König zur Umkehr mahnt: Der Seher berichtet von einer Kette böser Opferzeichen, die auf eine Befleckung der Polis durch den unbestatteten Toten hinweisen, und bezeichnet Kreons Bestattungsverbot als Frevel gegen die Götter. Der König tut die Mahnung erneut als der Geldgier entsprossen ab und erhebt sich in letzter Überheblichkeit (Hybris) bis zur Blasphemie: Selbst dem Adler des Zeus würde er den Leichnam verweigern; kein Mensch könne die Götter beleidigen. Dagegen setzt Teiresias sein drohendes Wort, im Haus Kreons werde es bald zur Buße einen Toten geben. Der König ist erschüttert und gibt aus Angst nach: die Peripetie des Dramas. Er fragt den Chor um Rat und entschließt sich, Polyneikes zu begraben und Antigone zu befreien.

Mit dem darauf folgenden 5. Standlied preist der Chor Bakchos als den Schutzgott Thebens, aber auch den Gott des Dionysienfestes. Der Chor hofft auf die rettende Ankunft des Gottes – ein Kontrast zum Unheil, des sogleich über Kreon hereinbricht; diese Kontrastierung ist eine Technik, die Sophokles auch sonst anwendet.

In der Exodos berichtet ein Bote, dass Antigone sich erhängt hat, dass Haimon seinen Vater töten wollte und sich selbst das Schwert in die Seite gestoßen hat. Aufgrund dieser Nachricht geht auch Eurydike, die hinzugekommene Gattin Kreons, schweigend von der Bühne und gibt ihrem Leben ein Ende: drei Selbstmorde in kürzester Zeit. Der Tod seiner Frau und seines Sohnes sind die Strafe Kreons, der jetzt seine Schuld erkennt und sieht: Die ausgleichende Gerechtigkeit trifft ihn als den Schuldigen. Kreon, den Leichnam des Sohnes im Arm, bleibt allein auf der Bühne und muss als ein zerstörter Mann im letzten Kommos alles Falsche beklagen; er wünscht sich den Tod.

Eine konventionelle Mahnung (Gnome) des Chores der Alten schließt die Tragödie: Besonnenheit, Einsicht, Ehrfurcht vor den Göttern, Lernen im Alter! Es sind jedoch die Stichworte, die die entscheidenden Fehlgriffe Kreons bezeichnen.

Diese Übersicht ist ein ganz kleiner Teil meines neuen Lehrerheftes zu „Antigone“, das demnächst (frühestens in drei Monaten???) bei Krapp & Gutknecht erscheint; das Manuskript dazu habe ich vorgestern abgeschlossen und abgeschickt.

Sophokles: Antigone – Lehrerheft

Vorgestern habe ich das Manuskript des Lehrerheftes zur „Antigone“ angeschlosssen und an den Verlag (Krapp & Gutknecht) geschickt. Es bleibt zu hoffen, dass es in drei Monaten auf dem Markt ist.

Beim Verlag kann man auch eine DVD mit der Aufnahme einer Aufführung des Theaters Plauen-Zwickau kaufen, wozu es dann mehrere Erläuterungen der Konzeption dieser Aufführung usw. gibt.

In meinem alten Blog (http://logos.kulando.de) habe ich noch eine Übersicht über den Aufbau des Stücks veröffentlicht – ich könnte sie eigentlich auch hier noch einmal unterbringen.