Kabale und Liebe: Adel – Bürgertum / Ehre – Herz

Normalerweise wird über „Kabale und Liebe“ so gesprochen, als gebe es dort zwei Welten: die Welt des Adels – die bürgerliche Welt, und zwischen ihnen gebe es die Standesschranke.
In Wirklichkeit muss man mindestens zwei weitere „Welten“ einführen, um das Handeln und Sprechen der Figuren verstehen zu können: das Prinzip der Ehre – die Lebensquelle des Herzens.
Wie passen alle diese Welten zusammen? Im Drama gibt es kein System der Klassen oder Prinzipien, sondern Menschen, die handeln und sprechen. Man kann also nur mit einer gewissen Unsicherheit „Ordnung“ oder Systeme in der Menschenwelt ausmachen. Mit dieser Einschränkung gilt das, was jetzt ausgeführt wird.

Was oben die Welt des Adels heißt, sollte man den Bereich des Hofes nennen; die Gegenwelt ist die bürgerliche Wohnung (der Familie Miller). Das Geschehen spielt in diesen beiden Bereichen:
1. Akt: Zimmer beim Musikus – Saal beim Präsidenten (ab Szene 5)
2. Akt: Saal im Palais der Lady Milford – Zimmer beim Musikanten (ab Szene 4)
3. Akt: Saal beim Präsidenten – Zimmer in Millers Wohnung (ab Szene 4)
4. Akt: Saal beim Präsidenten – sehr prächtiger Saal bei der Lady (ab Szene 6)
5. Akt: Zimmer beim Musikanten
Die Welt des Hofes besteht aus Sälen; der einzige Bürger, der diese Welt betritt, ist Wurm, der Haussekretär des Präsidenten.), die Angestellten (Sophie, der Kammerdiener usw.) und Luise auf Einladung oder Anordnung der Lady (84/13). [Miller wird in den Turm gesperrt (III 6), seine Frau ins Spinnhaus – sozusagen die Unterwelt des Hofes.] Die Welt des Hofes wird also von Adeligen bevölkert; aber die Prinzipien des Lebens am Hof und des Lebens als „echter“ Adeliger sind verschieden:
* Am Hof geht es um Macht (Präsident 19/14 ff.; 24/13 ff.), um Genuss (29/17 ff.; 31/24 ff.) und um Aufstieg (53/18 ff.; Lady 30/3 ff.; für Ferdinand vorgesehen 24/5 ff.). Die Kleidung einiger Menschen am Hof wird ausdrücklich beschrieben: Präsident (I 5), von Kalb (I 6), die Lady (II 1)
* Dem Adeligen geht es um seine Ehre: das Ansehen und die Geltung unter Gleichen (Ferdinand 25/34 ff.; 27/30 f.; 35/19). Man gehört zwar durch den Stammbaum (36/2 f.) bzw. das „Blut“ (39/3, vgl. die Herkunft 87/28) seinem Stand an, lebt darin aber aus seiner Ehre (42/13 ff.): „Weil ich es muss.“

* Den Bürgern geht es um die Befriedigung der elementaren Lebensbedürfnisse (7/30 f.; 10/ 4 f.; 100/36 ff.) und um den guten Ruf (7/8 ff.; 100/30 ff.).
* Je nach Stellung im Gefüge der Familie hat der Bürger seine Pflicht zu erfüllen, sei es als Hausherr (5/16 ff.; 44/12 ff.) oder als Tochter eines alten Vaters (64/19 ff.; 98/34 ff.). – Die Pflichten in der Berufswelt des Stadtmusikers kommen nicht zur Sprache.
Die allen gemeinsame Welt ist die des Rechts (121/11 ff.), in der Verbrechen geahndet werden [sollen] (20/24 f.; 23/15 ff.; 56/4 ff.; 121 f.), und die Stimme des Gewissens bzw. Gott als Richter aller (23/28 ff.; 80/25 ff.; 118/31 f. und öfter). Die gemeinsame Welt ist „die allgemeine ewige Ordnung“ (85/20); „die Bürgerwelt“ (85/19) wird nicht politisch reflektiert oder kritisiert.

Die neuen Menschen stehen nach ihrem Selbstverständnis jenseits der Stände Adel/Bürgertum:
* Sie schätzen das Herz und seine Stimme (Ferdinand 15/10 f.; 24/26 f.; die Lady 28/28 f.; 29/3 f.; 29/34 ff.; 38/31 f.). Das Herz spricht warm oder heiß (28/28 f.); die glühende Liebe zähle mehr als die kalte Ehre (40/23 f.) oder die kalte Pflicht (66/16), sagen sie, wenn sie von andern etwas fordern. Der Ruf des Herzens zähle auch mehr als die überlieferte Religion, sagt Luise (13/1 ff.).
* Dem Herzen zu folgen, das sei der Weg zum Glück (13/33 ff.; 24/17 ff.; 40/7 ff.; 64/1 ff.).
Als Rechtsgrund ihres Lebens sehen sie die Natur (16/11 ff.; 41/27 ff., dort auch „die Menschheit“ statt des Standes als Bezugsgröße).
* Tugend und Laster sind letzte Kriterien des Guten und des Schlechten (37/6; 40/24 ff.; 91/4 ff.;); Luise spricht von der Unschuld des reinen Herzens (87/6; vgl. 86/17 und 88/18), was Lady Milford dann in „Tugend“ übersetzt.
Diese fortschrittliche Ideologie kennt Ferdinand aus seinem Studium (53/19 f.); woher die Lady sie kennt, wissen wir nicht. Sie wird in Büchern verbreitet (6/32 f.; 23/24 f.). Sie ist eine primär sprachliche Realität (15/24 f.), und das führt zu Problemen:
1) Ferdinands Liebe ist durch den Zauber der Lady Milford zumindest gefährdet (II 5): Luise hatte aufgehört, ihrem Ferdinand alles zu sein. 2) Der Präsident glaubt Ferdinands Argumentation auf der Basis „Ehre“ nicht; er kann ihm Widersprüche nachweisen (26/35 ff.). 3) Sowohl die Lady (42/13 ff.) als auch Ferdinand (s. oben) berufen sich wieder auf ihre Ehre als Adelige, wenn sie diese argumentativ nutzen können, und verraten damit das Prinzip der Menschheit. 4) Luise hat keinen Zutritt zum Kreis der „vornehmen Fräulein“, in dem Ferdinand sich bewegen kann (13/11 f.). Luise möchte der Stimme ihres Herzens folgen (I 3) und wird von Ferdinand als Begleiterin in ihrem Liebesbund umworben (I 4 und III 4); aber sowohl ihre soziale Erfahrung (s. oben) als auch ihre Pflicht als Tochter (III 4) und als moralisch gebundenes Subjekt (100/4 ff.) hindern sie daran, ihren sozialen Ort zu verlassen, was Ferdinand mit der Idee der Flucht in die Wüste vorgeschlagen hatte (III 4, ähnlich die Lady 30/30 ff.).

Probleme ergeben sich aus der unklaren Trennung der Sphären (Hof – wahrer Adel), aus der alten Standesschranke (Adel – Bürgertum) und dem Status des neuen Menschen als einer ideologischen Konzeption: Die Adeligen als neue Menschen finden keinen Platz in der sozialen Welt und möchten in die Wüste fliehen (30/32; 64/1 ff), die Bürgertochter könnte als neuer Mensch ihre sozialen Pflichten nicht erfüllen. Die Ortlosigkeit im sozialen Kosmos wird durch dadurch kompensiert, dass die geliebte Person dem Liebenden „alles“ ist. – Die Väter dagegen versuchen, ihre Kinder auf eine Lebensführung in ihrer eigenen Welt festzulegen. Zum sachlichen Problem der romantische Liebe siehe https://also42.wordpress.com/2015/07/16/romantische-liebe-links/!

Diese Position habe ich in meinem Lehrerheft zu „Kabale und Liebe“ (bei Krapp & Gutknecht) entfaltet.

One thought on “Kabale und Liebe: Adel – Bürgertum / Ehre – Herz

  1. Pingback: Kabale und Liebe: Themen, Klausuren | norberto42

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s