Goethe: Gesang der Geister über den Wassern – Analyse

Anfang Oktober 1779 hat Goethe auf seiner zweiten Schweizer Reise mit Herzog Carl August den 300 Meter hohen Wasserfall des Staubachs gesehen; das Gedicht lag einem Brief an Charlotte von Stein vom 14. Oktober bei, wo der Text noch auf die Stimmen zweier Geister verteilt war. Der erste Druck erfolgte 1789, in der heutigen Form.
T.J. Reed stellt dar, wie die zweite Schweizer Reise auf großes Erleben angelegt war (Goethe Handbuch, Bd. 1, 1996, S. 195/98): Goethe war frisch Geheimrat geworden, hatte noch einmal das Elternhaus in Frankfurt, Friederike in Sesenheim und die inzwischen verheiratete Lili Schönemann in Straßburg besucht, war zum Grab der Schwester Cornelia nach Emmendingen gefahren und hatte auf der Fahrt über den Thuner See die Odyssee, Gesang XII, gelesen. So war er auf die Begegnung mit den Bergen eingestimmt, auf dass er Großes erlebe.

Von den 35 Versen des Gedichts in freien Rhythmen sind 15 erklärende Worte der Geister über den Wassern, welche des Menschen Seele (V. 1 ff.) und Schicksal (V. 28 ff.) an den Weg des Wassers binden. Dass des Menschen Seele dem Wasser gleiche, wird rahmend zweimal vorgetragen (V. 1 ff. und V. 32 f.). Beim ersten Mal wird der Vergleich ausgeführt: Eine Doppelbewegung bestimmt das Wasser, es kommt vom Himmel herab und steigt wieder zum Himmel empor, „ewig wechselnd“ (V. 7). Man kann hier mit Reed das Phänomen des Wasserkreislaufs finden, man könnte aber auch wirklich zwei gegenläufige Bewegungen erkennen: hinab und hinauf, den Weg zur Erdung und die Erhebung (vorgezeichnet in den Figuren Prometheus und Ganymed).
Beschrieben wird dann, wenn auch weniger kräftig als in „Mahomets Gesang“, nur der Weg des Wassers von der Quelle als reiner Strahl bis zum See: lieblich stäubend (V. 11), verschleiernd wallend (V. 15), unmutig schäumend (V. 20), (ruhig) schleichend (V. 25).
Viele Alliterationen bestimmen den Gesang der Geister: strömen, steil, Strahl, stäuben (V. 8 ff.); Wolkenwellen, wallend (V. 12 und 15); Sturz, stufenweise (V. 21, 23); Wiesental, weiden (V. 24, 26). Das Verb „weiden“ (V. 26) fällt auf. Adelung gibt als dritte Bedeutung des transitiven Gebrauchs Folgendes an: „3. Figürlich, Stoff zum Vergnügen darreichen, und finden, am häufigsten von den Augen; da es denn sowohl als ein eigentliches Activum, als auch als ein Reciprocum gebraucht wird. Er weidete seine Augen bloß an diesem Anblicke. Wie würden sich ihre Augen an meiner Verwirrung weiden.“ Dann bedeuten die VV. 25-27, dass die Gestirne an ihrem eigenen Anblick im See Vergnügen finden, wenn das Wasser glatt ist: Der See dient nicht sich selbst, sondern der Freude der Gestirne, also der überirdischen Mächte. Auf dem Weg von den Wolken zum „Abgrund“ (V. 22) des Tales erfährt das Wasser Hemmung und Förderung im Wechsel.
In der 5. Strophe wird als neue Größe der Wind eingeführt: Wind, Welle, Wind, Wogen gehören (per Alliteration) zusammen (V. 28 ff.); über die Welle und die Wogen ist der Wind mit dem Wasser verbunden. In der letzten Strophe wird dann die Seele des Menschen erneut dem Wasser zugeordnet, das Schicksal dem Wind (V. 32 ff.), der zuvor als „lieblicher Buhler“, also Geliebter der Wellen eingeführt worden war (V. 29). Der die Ruhe des Sees störende, das Wasser aufmischende Wind ist als störende Größe (so lese ich die vorletzte Strophe) gleichwohl ein lieblicher Buhler, kein Gegner: Turbulenzen des Schicksals gehören zur Wasser-Seele, auch wenn dadurch die Gestirne ihr Antlitz nicht mehr im ruhigen See weiden können.
Die Alliterationen und die Kürze der Verse (maximal vier Wörter, zweimal eines (V. 16 und V. 21), oft nur zwei Wörter (V. 7, 9 usw.) machen aus, dass dieser Gesang ganz ruhig gesprochen wird; die Geister als unbeteiligte Zuschauer schweben ohnehin über dem Weg des Wassers – dessen Turbulenzen brauchen sie nur zur Kenntnis zu nehmen, ohne daran zu leiden.
Anfang und Ende des Gesangs sind nicht recht aufeinander abgestimmt: Am Anfang ist das Wasser-Gleichnis in sich sprechend, einen Weg hinab und hinauf bezeichnend; am Ende lebt das Wasser-Gleichnis vom Zusammenspiel des Wassers mit dem Wind, der Seele mit dem Schicksal, zuvor aus der Zuordnung des Wassers zu den Gestirnen. – Reed meint, Goethes „Briefe aus der Schweiz“ seien der eigentliche Ertrag der Schweizer Reise; Goethe sei seinen Erfahrungen im Gedicht nicht gewachsen gewesen, der „Gesang der Geister über den Wassern“ leite in seinem Schaffen eine Reihe abstrakter weltanschaulicher Oden ein und sei so ein dichterischer Neubeginn. Korff beachtet das Gedicht im Buch über „Goethe im Bildwandel seiner Lyrik“ nicht (bzw. nur in einer Randbemerkung [Bd. 1, S. 287] als weniger bedeutsam).

One thought on “Goethe: Gesang der Geister über den Wassern – Analyse

  1. Korffs „weniger bedeutsam“ trifft es nicht ganz. Ich finde es eher unvollendet. Nicht beschrieben wird, was passiert mit der Welle, wenn sie auf das Land trift. Sie bäumt sich auf in ihrer „Lebensmitte“ und wird dann aber immer kleiner bis sie sich im Sand verliert oder an den Klippen zerschmettert. Aber sie ist nicht gänzlich verschwunden, sie hat an Land eine Spur hinterlassen, und sei sie noch so klein, eine Spur, eine Information, dass sie einmal existiert hat, bleibt.
    Also insgesamt finde ich das Gedicht und den Titel wunderschön, eines der schöneren Gedichte von Goethe, mit denen ich etwas anfangen kann.

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