Brecht: Der Schuh des Empedokles – Analyse

Als Empedokles, der Agrigenter…

Text

http://wwwuser.gwdg.de/~ptrilck/tagung/geschichtslyrik_tagung_tischvorlagen_v1.1.pdf

τὰ σάνδαλα τοῦ Ἐμπεδοκλέος (die Sandalen des Empedokles) ist eine griechische Phrase. Zum Tod des Philosophen Empedokles erzählt der Philosophiehistoriker Diogenes Laertios, dass sich Empedokles entschied, den verbreiteten Glauben, er sei zum Gott geworden, zu bestärken, indem er sich in den Ätna stürzte, um keine Spuren auf der Erde zu hinterlassen. Doch der Krater spuckte seine Sandalen wieder aus. (Wikipedia) Diese Legende hat Brecht in einem Akt produktiven Erzählens in seinem Sinn überarbeitet, also umgeformt; das Gedicht ist 1935 entstanden und 1939 in die „Chroniken“ vorbildlicher Ereignisse und Menschen der „Svendborger Gedichte“ aufgenommen worden. – Das Gedicht besteht aus zwei Teilen; im ersten Teil zähle ich 53 Verse (die Nummer 1 nicht mitgezählt), in Teil 2 die Verse 54-77 (die Nummer 2 wieder nicht mitgezählt).

In Teil 1 agiert ein auktorialer Erzähler; er erklärt und kommentiert das Geschehen und die Motive des Empedokles, kennt sein Inneres und das Wesen des Menschen. Die Ausgangssituation (V. 1-7) besteht darin, dass Empedokles, alt und geehrt, zu sterben beschließt, und zwar nicht „zunichte werden“ (V. 6), sondern „lieber zu Nichts“ werden möchte (V. 7) – was das heißt, wird später unter dem Stichwort „sein Absterben“ (V. 38 ff.) erklärt; es heißt, sich als Lehrer aus dem Kreis der Freunde oder Schüler zurückziehen und sie selbständig werden lassen.

Dann beginnt der Bericht vom ersten Teil dieses Programms: Nach dem Aufstieg auf den Ätna entfernt er sich unbemerkt aus dem Kreis der Freunde (V. 18). Beachtung verdient die Randbemerkung, dass beim Aufstieg niemand weise Worte vermisst (V. 14 f.; vgl. die Polemik gegen das „Geheimnis“, V. 45 ff.); erst später fällt auf, dass Empedokles nicht mehr da ist (V. 20 f.). Für ihn beginnt „das Sterben“ (V. 27), indem er die Worte seiner Freunde nicht mehr versteht, also nicht mehr am Gespräch teilnimmt. In V. 29 f. wird auf ein Wort Epikurs angespielt: „Das schauerlichste Übel also, der Tod, geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr.“ (Brief an Menoikeus, 125) Er vollendet die Erziehung seiner Freunde zur Mündigkeit, indem er sorgfältig den späteren Fund seines Schuhs vorbereitet (V. 30 ff.), um so jeder Legendenbildung entgegenzuwirken; dabei lächelt er souverän (V. 31). „Dann erst ging er zum Krater“ (V. 34 f.), sagt der Erzähler, und verschweigt den Sprung in den Abgrund. Die Freunde kehren ohne ihn zurück in die Stadt.

Der zweite Teil von des Empedokles Programm beginnt nach seinem Tod, indem „sein Absterben“ (V. 38) einsetzt und vollendet wird: Einige sind im Denken bereits selbständig geworden (V. 39 f.). In einem schönen Bild (Vergleich mit dem Verschwinden der Wolken, V. 40 ff.) wird deutlich, wie Empedokles aus dem Leben der Freunde, „aus ihrer Gewohnheit“ (V. 44) verschwindet. Der Erzähler berichtet, wie dann ein Gerücht entsteht, Empedokles sei nicht gestorben (V. 45 ff.); mit diesem Gerücht und seinen Varianten und der damit verbundenen Metaphysik („daß außer Irdischem Anderes sei“, V. 48) setzt der Erzähler sich heftig auseinander („Geschwätz“, V. 49) – man merkt, dass hier der Punkt angesprochen ist, um den es Brecht geht. Dann jedoch geht der Plan des Empedokles auf: Sein Schuh wird später gefunden (V. 50 ff.); absichtlich hatte er ihn „hinterlegt für jene, die / Wenn sie nicht sehen, sogleich zu glauben beginnen“ (V. 51 f.) – ein umgekehrte polemische Anspielung auf das an den ungläubigen Thomas gerichtete Jesuswort (Joh 20,29). So erscheint der Tod des Meisters „wieder natürlich“, was zu beweisen im Sinn des Empedokles und des Erzählers liegt: „Er war wie ein anderer gestorben.“ (V. 53)

Im Teil 2 (V. 54 ff.) relativiert der Erzähler seine Position des auktorialen Wissens; er berichtet von anderen Erzählungen vom Tod des Empedokles und stellt seine Argumentation dagegen (V. 64 ff.) – so schließt er sich an des Empedokles Programm der Erziehung zur Mündigkeit an; er lässt die Hörer/Leser die Argumente prüfen, wenn auch seine Einstellung so deutlich wird, dass er mit dem eigenen Absterben noch ein wenig wartet.

Er berichtet also von der Legende von des Empedokles Ehrgeiz, „sich göttliche Ehren zu sichern“ (V. 56), vom Scheitern dieses Plans (V. 60 f.) und von der Legende, der Berg habe den Schuh verärgert ausgespien (V. 62-64). Dagegen setzt er das große ABER (V. 64 ff.; vgl. das „Aber“, V. 50, mit dem er den Bericht vom geplanten Fund des Schuhs einleitet) seiner Argumentation, die er sogar relativiert („glauben wir lieber“, V. 64): Unbedacht habe Empedokles vergessen, den Schuh auszuziehen (V. 65 ff.), und der Berg habe, „Feuer speiend wie immer“ (V. 72), also auf ganz natürliche Art und Weise den Schuh wieder nach oben befördert.

Auch im Teil 2 wird die Polemik des Erzählers gegen jede Art von „Glauben“ und Führerverehrung  deutlich: 1. Polemik gegen menschliche Dummheit als Neigung, „Dunkles noch dunkler zu machen“, statt nach einem zureichenden Grund zu suchen (V. 66 ff.); 2. Polemik gegen die anthropomorphe Betrachtung des Berges (V. 69-71); 3. Polemik gegen die leichtgläubigen Schüler, die allzu gern tiefsinnige Metaphysik entwickeln (V. 74 f.). Ausdrücklich betont er zum Schluss, dass die Schüler als Beweismittel den Schuh ihres Lehrers in Händen hielten, „den greifbaren / Abgetragenen, den aus Leder, den irdischen“ (V. 76 f.), womit ihre Metaphysik und ihr Mystizismus zu ihrem Leidwesen gründlich widerlegt ist.

Exkurs: Das Prinzip des zureichenden Grundes ist nach Leibniz eines der grundlegenden Prinzipien des Denkens. Es besagt, „daß keine Tatsache wahr seiend oder existierend, keine Aussage wahrhaftig befunden werden kann, ohne daß ein zureichender Grund sei, warum es so und nicht anders ist“ (Monadologie, § 32, nach anderer Zählung § 31). Im kritischen Rationalismus wird die absolute Geltung dieses Prinzips bestritten und durch das Prinzip der kritischen Prüfung ersetzt (http://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BCnchhausen-Trilemmahttp://www.schmidt-salomon.de/muench.htm).

Wir haben ein Gedicht in Brechts epischer Erzählweise vor uns; gelegentlich bereitet der Zeilenschnitt kleine Überraschungen beim Weiterlesen vor (etwa hinter V. 3, V. 6, V. 14, V. 33 u.ö.). Wenn man von den ausgewiesenen Anspielungen absieht, ist die Sprache weithin die Umgangssprache; doch ist wegen der Polemik gegen alles Übernatürliche öfter eine Art philosophischer Argumentation nicht zu vermeiden. Brechts Ziel ist es, jegliche Form von leichtfertiger Gläubigkeit sowie die Vergöttlichung menschlicher „Führer“ ad absurdum zu führen, den zugrunde liegenden Mystizismus zu entlarven und die Leser für ein rationales Denken einzunehmen.

Kritik an Brechts Verfahren: Es ist gar nicht so einfach, Legenden zu entmythologisieren, und ich meine, Brecht sei hier daran gescheitert – wieso er gescheitert ist, versuche ich zum Schluss zu erklären. Zuvor möchte ich meine These begründen, dass er gescheitert ist: Das Ergebnis der in Teil 1 erzählten Ereignisse ist nämlich, dass Empedokles auch in der Sicht seiner ehemaligen Verehrer wie ein anderer gestorben war (V. 53). Das hätte er einfacher haben können: Statt auf den Ätna zu klettern und den Trick mit seinem Schuh zu inszenieren, hätte er bloß im Kreis seiner Freunde in Agrigent zu sterben brauchen; das konnte er [in diesem Gedicht!] nicht, weil in der Legende der Aufstieg zum Ätna substanziell ist. Also müsste Brecht bzw. sein Erzähler plausibel erklären, warum Empedokles nicht wie andere Menschen im Kreis seiner Freunde sterben wollte – der einfache Satz, er habe nicht vor denen zunichte werden wollen, die er liebte (V. 5 f.), reicht als Erklärung nicht aus, finde ich; der Wunsch „nicht zunichte werden / lieber zu Nichts werden“ (V. 6 f.) ist zwar ein schönes Wortspiel, aber dieses trägt die Last der geforderten Erklärung und damit der Entmythologisierung nicht, weil hier bloß eine Metabasis eis allo genos vorliegt, ein Sprung vom Bereich des Leiblichen in das Reich des Geistigen. – Warum ist Brecht nun mit seinem Versuch der Entmythologisierung der Empedokles-Legende gescheitert? Ich erkläre es mir so: Es ging Brecht überhaupt nicht um Empedokles, sondern um Diffamierung naiver Gläubigkeit und Führerverehrung, wie sie 1935 im Schwange war. Dafür hat er auf die bekannte Empedokles-Legende zurückgegriffen und an ihr gebastelt, immer mit dem Blick auf sein Ziel; dabei hat er die Eigenlogik des erzählten Geschehens ein wenig unterschätzt bzw. sich auf sein Wortspiel verlassen. Wie rational-witzige Entmythologisierung gelingt, hätte Brecht bei Leszek Kolakowski: Der Himmelsschlüssel (1963, deutsch 1966), lernen können; aber dafür ist er zu früh gestorben, vielleicht hätte er Kolakowski auch nicht gelesen, wer weiß.

http://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/Brechts-antiker-Anti-Jesus-id6795761.html (Bericht: Vortrag)

Empedokles

http://www.antike-heilkunde.de/AntikeHeilkunde/Aerzte/Empedokles/Empedokles.php (kurz)

http://www.whoswho.de/templ/te_bio.php?PID=1387&RID=1 (kurz)

http://lexikonn.de/Empedokles = http://de.wikipedia.org/wiki/Empedokles

http://de.scribd.com/doc/104214360/225/Empedokles (dort S. 354 ff.) = http://www.norbertschultheis.de/pdf/Philosophen_der_Antike.pdf

http://www.zeno.org/Philosophie/M/Empedokles+aus+Agrigent (Schriften)

http://www.encyclopedia.com/topic/Empedocles.aspx

http://www.iep.utm.edu/empedocl/

http://www.hellenicgods.org/aempaethoklis—empedokles

http://plato.stanford.edu/entries/empedocles/

http://www-groups.dcs.st-and.ac.uk/history/Biographies/Empedocles.html

http://www.uni-koblenz-landau.de/koblenz/fb2/ik/institut/philosophie/lehrende/meyer/pelikan.pdf (Empedokles bei Hölderlin)

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