Matthias Claudius: Rheinweinlied – Analyse

Bekränzt mit Laub den lieben vollen Becher …

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=54

http://de.wikisource.org/wiki/Rheinweinlied

Das Rheinweinlied entstand 1775 und wurde u.a. 1775 von Johann André sowie 1785 von J. A. P. Schulz vertont. Es ist unter den Claudius-Liedern das im 18. und das ganze 19. Jahrhundert hindurch am stärksten verbreitete. Es war als Trink- wie als Vaterlandslied beliebt; man „singt“ es volksliedhaft geläufig in Romanen und Erzählungen des 19. Jahrhunderts (Miriam Noa: Volkstümlichkeit und Nationbuilding). Das „Trinklied der Freien Mainzer“ griff (Man liest allenthalben, das Trinklied der Mainzer parodiere Claudius‘ Lied; ich bestreite das jedoch, da nicht Claudius‘ Lied attackiert wird, sondern das Despotentum!) 1793 auf das offensichtlich bekannte Rheinweinlied von Matthias Claudius wie auf einen Schlager zurück:

„Nun kränzt mit Laub den liebevollen Becher,

Und trinkt ihn fröhlich leer,

Denn unser Vaterland, ihr lieben Zecher,

Drückt kein Despote mehr!“

Als Emanuel Geibel 1835 auf einer Rheinfahrt das Rheinweinlied hörte, rief er begeistert: „Nun sage mir niemand mehr, dass die Deutschen kein Nationallied hätten!“ Heute liegt es bei den Aufrufen der Freiburger Anthologie weit abgeschlagen im unteren Drittel (http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=hilfe&sub=info&add=topall) auf Platz 839; im Allgemeinen Deutschen Kommersbuch hat es jedoch seinen Platz.

Um Claudius‘ „Rheinweinlied“ zu würdigen, muss man mindestens drei Dinge wissen: 1. Es gibt mit Klopstocks Gedicht „Der Rheinwein“ von 1771 eine thematische Vorlage, die Claudius vermutlich kannte, da er Klopstock gut kannte. 2. Ab etwa 1770 lässt sich literarisch eine Erhebung des Deutschen, des Deutschseins feststellen. 3. Es war damals offensichtlich modern, Trinklieder zu schreiben. Beginnen wir mit Klopstocks Gedicht „Der Rheinwein“:

O du, der Traube Sohn, der im Golde blinkt,

Den Freund, sonst Niemand, lad´ in die Kühlung ein.

Wir drey sind unser werth, und jener

Deutscheren Zeit, da du, edler Alter,

 

Noch ungekeltert, aber schon feuriger

Dem Rheine zuhingst, der dich mit auferzog,

Und deiner heissen Berge Füsse

Sorgsam mit grünlicher Woge kühlte.

Rheinwein, von ihnen hast du die edelste,

Und bist es würdig, dass du des Deutschen Geist

Nachahmst! bist glühend, nicht aufflammend,

Taumellos, stark, und von leichtem Schaum leer.

(Vgl. dazu: Herder über Klopstocks Oden!)

Auch von Hölty gibt es ein „Trinklied“, das dem Rheinwein gewidmet ist (1775) – es zeichnet sich die beginnende Rheinromantik ab:

Ein Leben wie im Paradies

Gewährt uns Vater Rhein;

Ich geb es zu, ein Kuß ist süß,

Doch süßer ist der Wein.

Ich bin so fröhlich wie ein Reh,

Das um die Quelle tanzt,

Wenn ich den lieben Schenktisch seh,

Und Gläser drauf gepflanzt. (…)

Für die Erhebung des Deutschen ab 1770 nenne ich einige Beispiele, wie ich sie in den „Epochen der deutschen Lyrik 1770-1800“ finde:

Klopstock: Lied von Klopstock. (1770)

Ich bin ein deutsches Mädchen!

Mein Aug ist blau, und sanft mein Blick.

Ich hab ein Herz

Das edel ist und stolz und gut. …

Klopstock: Unsere Sprache (1771)

Daß keine, welche lebt, mit Deutschlands Sprache sich

In den zu kühnen Wettstreit wage! …

Johann Friedrich Hahn: Teuthard an Minnehold. (1773)

Johann Martin Miller: Minnehold an Teuthard. (1773)

Johann Heinrich Voss: Deutschland. (1774)

Friedrich Leopold Graf zu Stolberg: Mein Vaterland. An Klopstock (1775)

Christian Friedrich Daniel Schubart: Das gnädige Fräulein. (1776)

Johann Heinrich Voss: Trinklied für Freye. (1776)

Mit Eichenlaub den Hut bekränzt.

Wohlauf! Und trinkt den Wein,

Der duftend uns entgegenglänzt!

Ihn sandte Vater Rhein!

 

Ist einem noch die Knechtschaft werth,

Und zittert ihm die Hand,

Zu heben Kolbe, Lanz’ und Schwert,

Wenns gilt für’s Vaterland:

 

Weg mit dem Schurken! weg von hier!

Er kriech um Schranzenbrod …

Von den Trinkliedern seien nur noch Höltys „Trinklied im Mai“ und „Trinklied im Winter“ genannt – der literarische Aufbruch 1770 wurde von jungen Männern mit Freundschaftsidealen getragen, da wurde eben auch getrunken, zumindest wurden Trinklieder gedichtet. Zu Hölty und dem Göttinger Hainbund stand Claudius in Beziehungen, die sich etwa in der Mitarbeit der Göttinger beim Wandsbecker Boten zeigten. „Der Göttinger Hain gilt als der ‚geschlossenste Dichterkreis des Sturm und Drang’. Im umfangreichen Textcorpus, das die insgesamt 16 Mitglieder des Hainbundes, darunter mehr oder minder bekannte Köpfe wie Ludwig Christoph Heinrich Hölty, Johann Martin Miller und Johann Heinrich Voß, hinterlassen haben, finden sich zahlreiche Motive, Themen und Einflüsse wieder, die die deutschsprachige Lyrik ab ca. 1740 in ihrer ganzen Vielfalt abbildet. Als glühende Anhängerschaft Friedrich Gottlieb Klopstocks (durch dessen Gedicht »Der Hügel und der Hain« sie ihren Namen erhielten) ist ein Schwerpunkt der Gruppe ein ins Bardenkostüm gekleideter flammender Vaterlandsdiskurs, gleichzeitig ist die antikisierende Anakreontik Grundlage zahlreicher Liebes- und Geselligkeitsgedichte, und auch der mittelhochdeutsche Minnesang übt einen wesentlich Einfluß auf die Hainbündler aus.“ (Patrick Peters, http://www.goethezeitportal.de/wissen/projektepool/goettinger-hain.html)

Aufbau: Im „Rheinweinlied“ spricht ein Zecher die anderen „Herren Zecher“ an und preist den deutschen Wein als einen besonderen: „Ihn bringt das Vaterland aus seiner Fülle“ (V. 9). In den Strophen 4-8 werden die deutschen Landschaften durchdekliniert, wobei sich zeigt, dass der gute deutsche Wein eben nur am Rhein wächst: „Gesegnet sei der Rhein!“ (V. 30). Der Sprecher schließt mit einem Aufruf, zu trinken und fröhlich zu sein (9. Str.).

Die poetische Form erzeugt ein gefälliges Lied: Jede Strophe besteht aus zwei Verspaaren im Jambus, die aus einem Fünfheber mit weiblicher Kadenz (zusätzliche Silbe – kleine Pause) und einem Dreiheber bestehen; diese beiden Verse bilden dann eine Sinneinheit oder einen Satz. Das bringt es mit sich, dass die im Kreuzreim gereimten Verse innerhalb der Strophe manchmal einen Sinnzusammenhang bilden (Ihn bringt das Vaterland aus seiner Fülle / Wie wär er sonst so edel, wäre stille, V. 9/11), manchmal jedoch nur den Gleichklang einzelner Wörter (im deutschen Reiche / faule Bäuche, V. 13/15).

Weniger die poetische Qualität des Gedichts als seine Vertonung durch Johann André mitsamt der vaterländischen Gesinnung dürften zur Verbreitung des Liedes beigetragen haben.

Sonstiges

http://www.lieder-archiv.de/rheinweinlied-midi_mp3_600518.html (einstimmige Melodie)

http://www.huegelland.net/keindespotmehr.htm (zum politischen Kontext der Parodie)

http://www.deutsche-biographie.de/sfz32849.html Hölty: Biografie (beachte: ADB und NDB, siehe die Reiter oben lins); dort auch weiter Biografien (siehe: Namen A-Z) von Claudius, Klopstock usw.

Rheinromantik

http://de.wikipedia.org/wiki/Rheinromantik

http://www.faszination-mittelalter.info/rheinromantik.html

http://www.romantischer-rhein.de/themen/rheinromantik.html

http://www.spiegel.de/reise/europa/200-jahre-rheinromantik-auf-den-spuren-von-dichtern-und-denkern-a-182184.html

http://www.youtube.com/watch?v=QfHtfZ8OGzc

Rheinwein

http://www.discogs.com/Hans-Roseneckh-Und-J%C3%B6rn-Harder-Rhein–Wein-Und-Trinklieder/release/1348293 (Lieder, heute)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Klopstock,+Friedrich+Gottlieb/Gedichte/Oden.+Erster+Band/Der+Rheinwein (Klopstock: Der Rheinwein)

http://www.dein-rhein-main.de/rhein-main-blog/news/archive/uber-den-legendaren-rheinwein-315853.html

Göttinger Hain

http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6ttinger_Hainbund

http://www.goethezeitportal.de/wissen/projektepool/goettinger-hain.html

http://m.schuelerlexikon.de/mobile_deutsch/Der_Goettinger_Hain.htm

http://de.academic.ru/dic.nsf/meyers/46945/G%C3%B6ttinger (-> früher „Göttinger Dichterbund“)

http://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/18Jh/Hoelty/hoe_intr.html

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