Celan: Corona – Interpretation

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde….

Text

http://www.lyrikline.org/de/gedichte/corona-67 (mit Vortrag)

http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/360186/Paul-Celan-Corona

http://matthewsalomon.wordpress.com/2007/11/23/paul-celan-corona/

Peter Rychlo (s.u.) datiert das Gedicht auf die erste Jahreshälfte 1948, die Zeit von Celans erstem Wienaufenthalt; er sieht es als Reflexion auf die erfüllte Liebe zu Ingeborg Bachmann. Wer sich über den biografischen Hintergrund informieren will, kann die beiden Abhandlungen über das Verhältnis Celan-Bachmann lesen (s.u.). Und zum Interpretieren gibt es ein witziges Gedicht von Axel Kutsch: „Anleitung“. Da es mehrere Interpretationen gibt, begnüge ich mich mit einem kurzen Versuch:

Der Ich-Sprecher gehört zu einer Gruppe „wir“ (V. 1), die ihn und den Herbst umfasst: „wir sind Freunde“ (V. 1), was sich an der zutraulichen Nähe des Herbstes zeigt. Der Herbst ist die Jahreszeit des Reifens und des Vergehens; durch die Freundschaft mit dem Herbst gewinnt der Sprecher eine besondere Macht über die vergehende Zeit, die als vergangene in den Nüssen (einer Frucht) steckt: Gemeinsam lehren sie die Zeit gehen, „die Zeit kehrt zurück in die Schale“ (V. 3); sie geht rückwärts, damit ist die Zeit aufgehoben, damit ist „Ewigkeit“ (erfüllte Zeit, Seligkeit, Glück) da, ist das Vergehen (und Morden) beendet.

In der 2. Strophe wird dieser Zustand Ewigkeit paradox beschrieben: Im Spiegel ist Sonntag, der Tag nach der Woche, der 1. Tag einer neuen Schöpfung (christlich: Auferstehung); „im Traum wird geschlafen“ (V. 5), statt dass im Schlafen geträumt würde, „der Mund redet wahr“ (V. 6 – gegen alle Erfahrung!).

Wird in der 2. Strophe Ewigkeit allgemein beschrieben, so geht es in der 3. Strophe um ein neues „Wir“, zu dem das Ich und seine Geliebte gehören: im Zustand des Glücks, des Zeitlosen: Das Ich kann das Geschlecht der Geliebten ruhig suchen und anschauen („Aug“, V. 7); „wir sehen uns an“ (V. 8) statt aneinander vorbei; „wir sagen uns Dunkles“ (V. 9), die Worte der Liebe jenseits des Berechnens und des kalkulierten Vorteils. Es folgen zwei Aussagen mit drei Vergleichen über das unwahrscheinliche Ereignis der Liebe: einander lieben „wie Mohn und Gedächtnis“ (Mohn: Quelle des Opiums, also die Pflanze des Vergessen – paradox verbunden mit dem „Gedächtnis“ in der Liebe). „wir schlafen“ (V. 11), das greift das wundersame Schlafen aus V. 5 auf, hier ausgelegt in dem dunklen Vergleich „wie Wein in den Muscheln“ (V. 11) – dieser Vergleich wird in den verschiedenen Deutungen nicht erhellt, finde ich. Die Muscheln verweisen schon auf den folgenden Meervergleich (V. 12), aber wieso sie an der Stelle von Gläsern genannt werden, bleibt dunkel. „Da die Muschel von ihrer Form her dem weiblichen Geschlecht (Vulva, Vagina) ähnelt, gilt sie als Symbol der weiblichen Sexualität, Erotik und Fruchtbarkeit.“ (Symbollexikon) So berühren sich der berauschende Wein und die berauschende Liebe im Schlaf (?). Dass das Meer schläft, ist zu verstehen; dass es „im Blutstrahl des Mondes“ (V. 12) schläft, ist der dunkelste der drei Vergleiche – wieso sendet der Mond einen Blutstrahl aus? Der Blutstrahl kann jedenfalls die Ruhe des Meeres nicht stören, es schläft; „wir“ schlafen so, ungeachtet der Blutstrahlen der von uns erlebten Geschichte (Judenmord).

In der 4. Strophe konfrontiert das Liebespaar („wir“) sich der Welt, die hier „sie“ (V. 13) und „man“ (V. 14) ist: „es ist Zeit, daß man [von dieser Liebe, von der Wirklichkeit solcher traumhaften Liebe, N.T.] weiß“ (V. 14). Das ist die erste von vier Aussagen „Es ist Zeit“, worauf dreimal ein dass-Satz folgt, während zum Schluss der Satz elliptisch allein steht. Der zweite der dass-Sätze gehört in den Bereich des traumhaften Glücks, von dem in der 2. Strophe die Rede ist; der dritte dass-Satz ist semantisch paradox, weil sozusagen selbstbezüglich – eine Verbindung zweier Sätze, mit denen sonst die Notwendigkeit, etwas zu tun, eingeleitet wird. Ich sehe hier, dass auf die Zeit-Paradoxie der 1. Strophe verwiesen wird, wo die Zeit aufgehoben ist.

Die 5. Strophe besteht aus dem unvollständigen Satz „Es ist Zeit.“ (V. 18); die Zeit ist da, vergeht nicht (mehr). Dieser Satz kann nur die drei vorhergehenden Sätze mit den anschließenden Aussagen in den dass-Sätzen zusammenfassen und doch die Frage hervorrufen: Wofür ist es Zeit? In seiner Absolutheit erinnert er an Rilkes Gedicht „Herbsttag“  bzw. an dessen Eingangsvers. Ingeborg Bachmann antwortet auf dieses Gedicht mit der enttäuschten Antwort „Die gestundete Zeit“.

Warum heißt die Überschrift „Corona“? Corona, lateinisch, heißt Kranz (als Schmuck oder Auszeichnung), Kreis von Zuhörern, poetisch auch Krone, Diadem (daneben Truppenkette, Mauerring u.a.). Vielleicht ist Corona das, was Celan in der Büchnerpreis-Rede von 1960 „Meridian“ genannt hat? – Hier im Gedicht ist des Lebens Kranz noch ganz; in Bachmanns Gedicht geht der Kranz bereits den Weg alles Irdischen, wie Wilhelm Raabe es in einem bitteren Gedicht beschrieben hat:

„Legt in die Hand das Schicksal dir den Kranz,
so mußt die schönste Pracht du selbst zerpflücken…“

P.S.

In seinem Brief vom 20. Juni 1949 schreibt Celan an Ingeborg, er möchte, „daß niemand außer Dir dabei sei, wenn ich Mohn, sehr viel Mohn, und Gedächtnis, ebensoviel Gedächtnis, zwei große leuchtende Sträuße auf deinen Geburtstagstisch stelle“. (Ich erinnere auch an das Lied „Roter Mohn, warum welkst du denn schon“, das Rosita Serrano kurz vor 1940 gesungen hat; roter Mohn kommt in vielen Liedern vor, das Rot steht für die Liebe.) In ihrer Antwort vom 24. Juni schreibt Bachmann: „Ich habe oft nachgedacht, ‚Corona’ ist Dein schönstes Gedicht, es ist die vollkommene Vorwegnahme eines Augenblicks, wo alles Marmor wird und für immer ist. Aber mir hier wird es nicht ‚Zeit’. Ich hungere nach etwas, das ich nicht bekommen werde…“

Am 7. Juli 1951 schreibt Celan: „Nichts ist wiederholbar, die Zeit, die Lebenszeit hält nur ein einziges Mal inne, und es ist furchtbar zu wissen, wann und für wie lange. (…) Ich wäre froh, mir sagen zu können, dass du das Geschehene als das empfindest, was es auch wirklich war, als etwas, das nicht widerrufen, wohl aber zurückgerufen werden kann durch wahrheitsgetreues Erinnern.“

http://www.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/17/740.pdf (dort S. 11 ff.)

http://www.drmkraemer.de/leben+tod.PDF (dort S. 9 ff.; Krämer sieht Bachmanns Gedicht „Die gestundete Zeit“ als Antwort auf „Corona“.)

http://www.avl.uzh.ch/studies/archive/hs07/PSGoslicka/papers/SybillePaperII.pdf (kurze Interpretation, Vergleich mit Rilke und Bachmann)

http://www.bewilderingstories.com/issue561/celan6.html (Eternity and Remembering)

Vortrag

https://www.youtube.com/watch?v=X25-IDqiC5k (P. Celan)

https://www.youtube.com/watch?v=2UxA-DhWOnU (B. Damshäuser)

https://www.youtube.com/watch?v=Q6fU_5pqED0 (Wortmann)

https://www.youtube.com/watch?v=bUSrB-MPnQc (U. Lemper, gesungen)

Sonstiges

http://www.liberley.it/c/celan_p.htm (Texte Celans im Internet)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/celan.html (Fritz St.: 12 Gedichte, mit Vortrag)

http://www.lyrikline.org/de/gedichte/todesfuge-66 (zehn Gedichte, mit Vortrag Celans)

http://www.marcus-steinbrenner.info/docs/texte/Celan_Auge.pdf (Gedichte zu den Motiven: Auge, Begegnung im Schweigen)

http://www.onlinekunst.de/november/23_11_Celan.htm (sechs Gedichte, einige Links)

http://www.planetlyrik.de/paul-celan-ausgewahlte-gedichte/2011/06/ (u.a. Beda Allemann über „Sprich auch du“ als poetolog. Gedicht; Allemanns Text allein: http://kammermusikkammer.blogspot.de/2012/07/paul-celan-ich-horte-sagen-gedichte-und.html)

http://www.ggr.ro/PCFRGED.htm (G. Gutu über frühe Gedichte Celans, plus 22 Gedichte)

http://www.imdialog.org/bp2010/06/06.html (U. Schwemer: Gedenken und Umkehren, mit Gedichten Celans)

http://www.slm.uni-hamburg.de/ifg2/abschlussarbeiten/BA-Arbeit_Julian_Tietz.pdf (Funktion der Bibelmotive bei P.C.)

http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/opus4/files/13954/celan.pdf (Identitätssuche bei P.C.)

http://www.theologie-und-literatur.de/fileadmin/user_upload/Theologie_und_Literatur/Blasphemische_Gebete.Paul_Celan.Fin.pdf (zur versuchten Rettung des Menschen durch Gottesfremde bei P.C.)

http://is.muni.cz/th/263101/ff_m/Magisterarbeit.pdf (Bachmann – Celan)

http://www.erika-mitterer.org/dokumente/ZK2012-01/rychlo_celan-bachmann_2012-1.pdf (Peter Rychlo: Celan und Bachmann als Liebespaar)

http://www.inst.at/trans/15Nr/03_6/gutu15.htm (George Gutu: zu den Plagiatsvorwürfen)

http://www.anarchafeminismus.de/afaz/afaz-nr2/lyrik.htm (Lyrik und Anarchie – über P.C. u.a.)

http://www.kas.de/wf/doc/kas_6038-544-1-30.pdf?050201172131 (über P.C.)

http://www.ruedigersuenner.de/paul%20celan.html (über den Dichter)

http://www.ub.fu-berlin.de/service_neu/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/autorc/celan.html (Links der UB der FU Berlin)

Dieser Beitrag von April 2014 ist unverändert aus norberto42.kulando.de übernommen worden.

Interpretation von Johann-Peter Dohmen, Tübingen (1/2020):

Dem Schriftbild nach besteht das Gedicht aus 5 Strophen unterschiedlicher Länge, die letzte hat gar nur eine einzige Zeile. Fasst man die Strophen I und II wegen ihres sachlichen Übereinstimmens zusammen und aus dem gleichen Grund Strophen IV und V ebenso, erhält man überraschender Weise drei Textkörper von je 6 Zeilen. Das Metrum wechselt zunächst von Anapäst zu Daktylus (Zeile 01 zu Zeile 02) und umgekehrt (Zeile 13 zu Zeile 14 ff.). Das wirkt jeweils wie ein rhythmisches Palindrom, eine Spiegelung (Zeile 04 Spiegel), das Zurückbiegen einer Geraden zu einem kranzförmigen, diademartigen Gebilde (Zeile 03 die Zeit kehrt zurück in die Schale) und erklärt vielleicht die Überschrift CORONA1. Obwohl „Zeit“ sechsmal im Gedicht vorkommt und das eigentliche Thema zu sein scheint, heißt es nicht ZEIT.

Dichter-Ich und Herbst, vertraute Freunde, sind in Strophe I zum WIR geeint. Die Vertrautheit zeigt sich im Bild des Aus-der-Hand-Fressens, als sei der Herbst ein Pflanzen fressendes zutraulichesTier. Das Blatt aber, das er aus der Hand des Dichters frisst, ist sein Blatt, wurde also dem Dichter vorher vom Herbst übereignet: Herbst meint also die Tiere und Pflanzen umfassende Natur. Böttiger2 weist darauf hin, dass „Blatt“ auch das Blatt Papier sein kann, ein Arbeitsmittel des Dichters, und dass „Blatt“ also auf eine Identität im Wirken von Herbst und Dichter deutet. So naheliegend diese Konnotation anlässlich der Homonymie ist, müsste es dann nicht das Blatt oder ein Blatt heißen? Mir scheint die erste Zeile lediglich Reziprozität zu besagen: Herbst schenkt Dichter Blatt, Dichter gibt Blatt an Herbst zurück, indem er ihn damit füttert. Schenkt und füttert finden sich aber nicht im Text und sind möglicherweise Überinterpretationen: Die bunten Blätter, mit denen uns der Herbst erfreut, fallen letztlich von den Bäumen und werden zersetzt (buchstäblich von Mikroorganismen aufgefressen); aber nicht zum Entsetzen des Dichter-Ichs, sondern mit seinem Einverständnis, daher wir sind Freunde.

Das Gemeinsame, Vergleichbare im Tun von Herbst und Dichter schildert Zeile 02: Herbst wie Dichter schälen die Zeit aus den Nussschalen: Dass es sich bei aus den Nüssen um deren Schalen handelt, geht aus Zeile 03 hervor, wo die Kerne (= die Zeit) wieder in diese Schalen zurückkehren. Die Nusskerne stehen für die Zeit, für ein zeitliches Ereignis, wofür aber die Schale, in die die Zeit wieder zurückkehrt, nachdem man sie gehen gelehrt hat? Ich vermute für das Gedächtnis, aus dem die Erinnerungen (zeitlichen Ereignisse) auftauchen und in das sie wieder versinken, nachdem man sie vergegenwärtigt hat. Ja, ich vermute, dass es das Blattgeschenk des Herbstes war, das die Erinnerung ausgelöst hat, dass es die Erinnerung an ein Liebeserlebnis war, wie aus Strophe III hervorgeht, und dass deshalb der Herbst als Freund bezeichnet wird.

Wie der Spiegel nicht einen zweiten Gegenstand, sondern nur ein Abbild zurückwirft, so kann auch die Erinnerung das Geschehen nicht wiederholen, sondern nur ein Bild des Geschehens heraufbeschwören. Es handelt sich aber um ein besonderes, hervorgehobenes Ereignis, ein sonntägliches (Zeile 4). Auch der Traum (Zeile 5) ist Gedächtnis, auch in ihm tauchen Erinnerungen auf: paradoxer Weise vom Schlaf. Ebenso paradox scheint es zu sein, dass ein Mund wahr spricht (Zeile 6).

Das vierfache WIR der III. Strophe bezeichnet den Dichter und seine Geliebte. Das im ersten Textblock metaphorisch beschriebene erinnernde Tun des Dichters wird im zweiten konkretisiert. Es handelt sich um eine Liebesszene, da des Dichters Auge zum Geschlecht der Geliebten hinabsteigt (07). Zeilen 08 und 09, in der die Liebenden einander in die Augen schauen und Dunkles offenbaren, verweisen auf das wahr Gesprochene aus Zeile 6. Mohn und Gedächtnis (Zeile 10): Der Mohn steht in der Blumensymbolik für Vergessen wegen des Opiums, das aus den unreifen Samenkapseln des (blasslila blühenden) Schlafmohns gewonnen wird. Celan selbst schreibt aber an Bachmann, dass für ihn der rote Klatschmohn für die Liebe steht3, wie im Schlager4 der Rosita Serrano besungen. Zeile 10 scheint also eine Art Vorausschau zu sein: Die Erinnerung an das Liebesgeschehen wird immer eine willkommene sein. Die Zeilen 11 und 12 entziehen sich beinahe der Deutung. Was sie mit Zeile 10 verbindet, ist die Farbe Rot (Mohn, Wein und Blutstrahl des Mondes). Die Form und Geschlossenheit der Muschel könnte an die Nuss erinnern, der Wein als Produkt aus der herbstreifenden Traube an den Herbst, aber auch an den Rausch, in dem die Zeit stillzustehen scheint. Nimmt man die Muschel als Bild fürs weibliche Geschlecht, könnte die Zeile bedeuten: Wir feiern (der Sonntag aus Zeile 4) das Geschlechtliche, wir berauschen uns am Sex. Dazu passt, dass im Bild des wogenden Meeres (Zeile 12) Ich und Du aufgehoben sind. Irritierend ist der Blutstrahl des Mondes, in den die Folge der Rottöne zu gipfeln scheint und der sich vielleicht aus den folgenden Strophen erklären lässt.

Die Strophen IV und V bezeichnen nämlich einen neuen Aspekt der Zeit: Den der Zukunft, von der etwas Neues, vielleicht der Ausbruch aus den Schemata der Vergangenheit erhofft wird, der Sprung von der Quantität in die Qualität, in die sinnvoll erfüllte, erlöste Zeit. Eine neue Zeit mit einer neuen Sprache, nachdem die Nationalsozialisten die „alte“ Sprache missbraucht hatten, ist das Programm der Nachkriegsliteraten. Dann entspräche dem Blutstrahl des Mondes aus Zeile 12 der vergangene Krieg mit seinen apokalyptischen Greueln, unter deren Eindruck und Traumata (seitens Celans) die Liebesbegegnung stattfindet. Sonnenfinsternis und die Rotfärbung des Mondes,wenn er sich in den Kernschatten der Erde bewegt, werden in allen Kulturen mit Unheil verbunden, so beim alttestamentlichen Propheten Joël5 (3,4 — in der christlichen Apostelgeschichte zitiert in Apostelgeschichte 2,20). Die Begegnung in Liebe, die mit allen geteilt wird (Fenster, Zuschauer Zeile 13) und zu allgemeiner Erkenntnis führen könnte (dass man weiß! Zeile 14), könnte das Wunder eines Wandels bewirken: (Zeile 15) Steine (erkaltete Herzen) blühen auf, das Leben eines Entwurzelten (Unrast) bekommt wieder einen Mittelpunkt (ein Herz, Zeile 16). Es mag sein,dass Celan und Bachmann einmal überrascht feststellten, dass sie sich in der Nähe eines Fensters umarmten und dabei gesehen wurden — das ist aber nicht von Belang, und daher möchte ich dass man weiß! nicht als Anrede an die Wiener Literatenkreise verstehen, in denen sich die beiden bewegt haben, zumal die Entstehung des Gedichts in eine Zeit fällt, da Bachmann und Celan räumlich weit getrennt waren — Celan macht die Szene durchsichtig für etwas Allgemeineres und Größeres: Jeder/jede (man) kann die Erfahrung erfüllter Zeit machen und sein Verhalten daran ausrichten. Daher fasst er in Zeile 17 zusammen: Es ist Zeit, dass es Zeit wird. Zeit taucht zwar sechsmal imText auf, hat aber verschiedene Bedeutungen „Zeit“ ist nicht gleich „Zeit“: sie ist ein abgeschlossenes Ereignis, gelebte Zeit und erinnerte und zuletzt erhoffte; vielleicht trägt das Gedicht deshalb nicht den Titel ZEIT.

Die abgerückte Zeile 18 beschreibt genau den Kipp-Punkt: Sowohl Es ist Zeit für die qualitative Änderung, als auch Es ist Zeit: Es existiert sinnvolles Sein. Ich würde beim Vortrag die mittlere der drei Silben betonen — Es ist Zeitweder ein Daktylus, noch ein Anapäst: etwas Neues.

Ich habe bewusst versucht, bei meiner Interpretation des Gedichts die persönlichen Daten von Celan und Bachmann herauszulassen. Bei knapp zwei Dritteln des Texts ist das auch gelungen, aber um den Blutstrahl des Mondes und das folgende Textdrittel zu verstehen, muss man um Celans Sehnsucht nach Erlösung wissen, und die wurzelt in seiner Biographie: Vater und Mutter wurden, da sie Juden waren, von den Nazis ermordet; er selbst entging dem Judenmord dadurch, dass er sich freiwillig zum Arbeitsdienst gemeldet hat. Zeit seines Lebens hat er sich am Tod der Eltern mitschuldig gefühlt; dies Trauma und die Tatsache, dass der Antisemitismus in Europa auch nach dem Weltkrieg fortbestand (und wie aktuelle Begebenheiten zeigen, ist er sogar auf dem Vormarsch, was in beschämender Weise für die Aktualität des Gedichts sorgt), haben wohl zu seinem Freitod geführt. Die Kluft zwischen dem Alltags-ICH und dem Künstler-ICH mag groß sein, aber beide sind Seinsweisen derselben Persönlichkeit; und wenn die traumatisiert ist, hat das Auswirkungen auf die Wahrnehmung, Verarbeitung und die künstlerische Produktion dieser Person.

Peter Rychlo datiert das 1952 im Gedichtband Mohn und Gedächtnis publizierte Gedicht auf die erste Jahreshälfte 1948: Es sei die Reflexion auf die erfüllte Liebe zu Ingeborg Bachmann. Dieser Argumentation vermag ich nicht zu folgen:

  • Eine reflexive Verarbeitung muss sich nicht notwendiger Weise zeitlich unmittelbar an ein Ereignis anschließen (den Eindruck macht eher das Gedicht Ägypten aus der gleichen Sammlung), genauso fördert zeitlicher Abstand Reflexion.

  • Wahrscheinlicher erscheint mir, dass Corona im Herbst oder nach Erleben des Herbstes 1948 in Frankreich geschrieben wurde; Paul Celan schenkt es Ingeborg Bachmann jedenfalls zu ihrem Geburtstag (am 25. 06.) 1949, also ein ganzes Jahr später. Strophe I enthält einen Hinweis darauf, wie das Gedicht zustande kam: Wenn das Schälen der Nüsse das Aufbrechen der Erinnerung und die Rückkehr der Zeit in die Schale das Aufbewahren im Gedächtnis bedeuten, wodurch das Zurückrufen (Celans Brief vom 7. Juli 19516) des Ereignisses erst möglich wird, dann wird diese metaphorische Verknüpfung vielleicht durch das welkende Blatt in der Hand des Dichters ausgelöst. Vielleicht hat er die roten Blätter des Wilden Weins gesammelt, wie er im Frühsommer den roten Mohn für Ingeborg Bachmann gesammelt hat. Dann stünde hinter allen drei Textkörpern die Farbe Rot: das Rot der Herbstblätter, das die Erinnerung auslöst, das Rot des Mohns, das die Liebe repräsentiert, und das Rot der Morgenröte (die Corona der Sonne, ihr Strahlenkranz nach der Nacht des Blutmohns), das eine bessere Zeit verspricht. Aber das ist nur eine schöne Spekulation.

Anmerkungen

1 Lat. corona = dt. Kranz, Krone, Diadem = rum. Coroană

Helmut Böttiger, Wir sagen uns Dunkles, München 2017, S. 53: Es (das Blatt, Anm. d. Verf.) ist dem Herbst wie dem Dichter zugehörig.

In seinem Brief vom 20. Juni 1949 schreibt Celan an Ingeborg Bachmann, er möchte, dass niemand außer Dir dabei sei, wenn ich Mohn, sehr viel Mohn, und Gedächtnis, ebenso viel Gedächtnis, zwei große leuchtende Sträuße auf deinen Geburtstagstisch stelle. (Ich erinnere auch an das Lied „Roter Mohn, warum welkst du denn schon“, das Rosita Serrano kurz vor 1940 gesungen hat; roter Mohn kommt in vielen Liedern vor, das Rot steht für die Liebe.)

Es war Frühling, da gingen wir beide
durch die Felder mit frohem Gesicht,
tief im Herzen den Lenz und die Freude,
an den Herbst dachten wir damals nicht.
Aber nun ist er doch schon gekommen,
und viel schneller, als ich gedacht,
nun ist alles so leer, nun ist alles so schwer,
ist vorbei, was mich glücklich gemacht.
Refr.:
Roter Mohn, warum welkst du denn schon?
Wie mein Herz sollst du glüh’n und feurig loh’n!
Roter Mohn, den der Liebste mir gab,
welkst du, weil ich ihn schon verloren hab‘?

Rot wie Blut, voller Pracht warst du noch gestern erglüht,
aber schon über Nacht ist deine Schönheit verblüht.
Roter Mohn, warum welkst du denn schon?
Wie mein Herz sollst du glüh’n und feurig loh’n!
Refr.:
Roter Mohn, …

(www.songtexte.com, vgl. https://www.youtube.com/watch?v=oAXWVNTe4OM)

Joël 3,4 Die Sonne wandelt sich in Finsternis, der Mond in Blut, bevor der Tag des Herrn erscheint, der große, fürchterliche. In der Apostelgeschichte 2,20 wird der alttestamentliche Text Petrus als Erfüllung der Prophetie durch das Pfingstwunder in den Mund gelegt.

Am 7. Juli 1951 schreibt Celan: Nichts ist wiederholbar, die Zeit, die Lebenszeit hält nur ein einziges Mal inne, und es ist furchtbar zu wissen, wann und für wie lange. (…) Ich wäre froh, mir sagen zu können, dass du das Geschehene als das empfindest, was es auch wirklich war, als etwas, das nicht widerrufen, wohl aber zurückgerufen werden kann durch wahrheitsgetreues Erinnern.

3 thoughts on “Celan: Corona – Interpretation

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  2. Ich übernehme die Kommentare der alten Seite:

    Wolfgang Schnier schreibt:
    23. April 2014 um 18:39

    Corona war Ingeborg Bachmanns Lieblingsgedicht von Paul Celan. In der Ausgabe des Gedichtbandes Mohn und Gedächtnis, die Celan ihr schenkte, markierte er einige Gedichte mit “f.D.” (für Dich), so auch dieses. Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan war lange Zeit gesperrt, allerdings ist er mittlerweile seit einiger Zeit publiziert (Bertrand Badiou / Hans Höller / Andrea Stoll / Barbara Wiedemann (Hg.): Ingeborg Bachmann. Paul Celan. Herzzeit. Frankfurt am Main 2008). Zur Interpretation dieses Gedichtes sollte man den Briefwechsel zur Kenntnis nehmen, er ist sehr hilfreich. Ebenso bei dem Gedicht “In Ägypten”.

    norberto42 schreibt:
    23. April 2014 um 20:11

    Vielen Dank für den Hinweis!
    Es ist jedoch misslich, wenn man für veröffentliche Gedichte private Briefe zum Verständnis heranziehen muss – da läuft irgendetwas schief zwischen Dichter und Öffentlichkeit.

    Wolfgang Schnier schreibt:
    23. April 2014 um 20:16

    Sagen wir mal so: Sie erweitern das Verständnis und helfen, die Gedichte auch in den privaten Kontext einzubetten, der damals die Öffentlichkeit nichts anging, heute aber zugänglich ist. Das Gedicht haben sie ja auch ohne den Briefwechsel mustergültig aufgeschlüsselt.
    Allerdings ist es bei Celan auch oft so, dass Teile des Textes im Dunkeln liegen bleiben. Das ist nicht schlimm, sondern ein Gestaltungselement seiner Lyrik. Das Gedicht geht nicht ohne Rest auf – diese Differenz müssen wir aushalten. Aber wir können uns einem Gedicht unterschiedlich nähern – eben auch über die privaten Briefe. Dadurch wird die Basis breiter, in die das Gedicht eingebettet ist.

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