Bachmann: Die gestundete Zeit – Aufbau

Es ist unklar, wer zu wem spricht: Spricht ein nicht greifbares Ich zu einem Du, das nur als angeredetes präsent ist? Oder spricht das Ich zu sich selbst, sich dabei mit „du“ ansprechend? Jedenfalls wird angekündigt, dass härtere Tage kommen (V. 1 und V. 24, Rahmen der übrigen Verse), worauf das Du sich einzustellen hat:

– Zunächst wird nur angekündigt, was „du“ bald tun musst (1. Str.);

– dann wird beschrieben, was gerade geschieht (2. Str.);

– dann folgen Aufforderungen, jetzt zu handeln (fünf Imperative, 3. Str.);

– zum Schluss wird die Ankündigung des Anfangs wiederholt.

 

In der 1. Strophe des Gedichts wird als zentrale Aussage, mit der wohl der Eingangssatz vom Kommen der härteren Tage begründet wird, zweimal (wiederum rahmend) gesagt:

„Die auf  Widerruf gestundete Zeit

wird sichtbar am Horizont.“ (V. 2 f. und V. 10 f.)

Die Wendung von der gestundeten Zeit ist ungewöhnlich; „stunden“ heißt jemandem „Aufschub gewähren“, was man normalerweise bei Zahlungsverpflichtungen tut. Wie kann die Zeit derart „gestundet“ sein, dass diese Stundung aufhört, wenn die Zeit wieder sichtbar wird? Wenn man nicht bloß ein Wortspiel (stunden – Zeit) liest und auch keinen an Heidegger, worüber die Bachmann promoviert hat, geschulten Tiefsinn vermutet, ergibt sich als Verständnis: Die zeitlose Zeit des Glücks ist vorbei (vgl. Huchel: Löwenzahn), es kommt die Zeit des „normalen“ Lebens wieder. In diesem Verständnis ist  auch klar, dass Zeit immer nur „auf Widerruf“ gestundet ist und dass keiner benannt werden muss, der den Widerruf ausspricht.

Es folgt die Ankündigung: „Bald musst du den Schuh schnüren…“, also aufbrechen (V. 4), „und die Hunde zurückjagen“ (V. 5), und zwar in die Marschhöfe; damit ist die Situation am Meer lokalisiert. Ob in den zurückgejagten Hunden das Bild des Odysseus evoziert wird, wie Hilde Spiel (Frankfurter Anthologie, Bd. 1, S. 216) meint? Es folgt als Begründung für die Notwendigkeit aufzubrechen: „Denn die Eingeweide der Fische / sind kalt geworden im Wind.“ (V. 6 f.). Diese Aussage klingt rätselhaft; es ist unklar, ob die Eingeweide der Fische zur Wahrsagung benutzt werden oder ob der Akzent auf der Zustandsveränderung „kalt geworden“ liegt, was ich vermute; denn parallel wird die Begründung mit dem Hinweis auf das ärmliche Licht, also das Verwelken der Lupinen fortgesetzt (V. 8); auch das Adverbial „im Nebel“ (V. 9) passt in diese Szene der Einschränkungen. „spuren“ müsste „einer Spur folgen“ bedeuten; „spuren“ tritt hier hinter der Angabe „im Nebel“ zurück – das Subjekt „dein Blick“ (V. 9) bereitet jedoch auf die Wiederholung der Kernsatzes vor, dass die gestundete Zeit am Horizont sichtbar wird (V. 10 f.).

Danach wird beschrieben, was gerade „drüben“ geschieht (2. Strophe): Die Geliebte versinkt im Sand, der sie am Sprechen hindert (V. 12-15); „er findet sie sterblich“ (V. 16) – dass der Sand sie so findet, überrascht und kann vielleicht damit verbunden werden, dass er ihr Sprechen verhindert; dass er sie sterblich findet, verdient nur Erwähnung, wenn vorher von ihr gegolten hat, dass sie unsterblich war oder schien: Liebe als Zeit der zeitlosen Glücks. Es folgt eine weitere Aussage, wie der Sand sie findet, parallel dem Sterblichsein: „willig dem Abschied / nach jeder Umarmung“ (V. 17 f.); somit ist klar, warum die Zeit des Glücks vorbei ist: Es gibt nur Umarmungen, aber keine „ewige“ Liebe (mehr).

Es folgt dann eine Reihe von fünf Aufforderungen, jede in einem Vers, die alle besagen: Brich (jetzt) auf! Die erste verdient Beachtung: „Sieh dich nicht um.“ (V. 19) Das heißt zunächst, der Angesprochene solle nicht sehnsuchtsvoll zurückschauen, er soll sich ganz von der Geliebten trennen; die zweite Bedeutung ergibt sich aus der 1. Strophe: Sähe er sich um, dann verlöre er den Horizont aus dem Auge und die Sicht auf die sich dort zeigende Zeit. Die letzten vier Aufforderungen schließen sich an die erste Strophe an; durch die Einsicht in das, was drüben geschieht, ist die Zeit des Wartens vorbei („bald“, V. 4), ist die Zeit des Handelns gekommen.

Und das heißt dann, weil ja die Hoffnung auf das Glück vergangen ist: „Es kommen härtere Tage.“ (V. 24, die 4. Strophe) Vielleicht wird man diese Ankündigung als Klage lesen dürfen, wenn man annimmt, dass der Sprecher ein Selbstgespräch führt.

Folgt man dem Sprecher in seinen Äußerungen, möchte man ihn für jemanden halten, der sich im Denken klar wird, dass die Zeit des Aufbruchs gekommen ist, weil die Geliebte nicht spricht (nichts [mehr] zu sagen hat?) und willig dem Abschied nach jeder Umarmung ist: Das Bild (der Wahn?) des zeitlosen Glücks ist dahin, die Zeit ist wieder sichtbar als „Raum“ des Vergänglichen, als Verschwinden des Schönen, als Möglichkeit zu erkalten und farblos zu werden – geh diesen Weg der Zeit, sagt sich der Sprecher, auch wenn härtere Tage kommen; es ist der Weg in die Wirklichkeit.

Ingeborg Bachmanns Gedicht (1953) gilt als Antwort auf Paul Celans Gedicht „Corona“.

2 thoughts on “Bachmann: Die gestundete Zeit – Aufbau

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