Goethe: Heidenröslein – Analyse

Das erzählte Geschehen ist ebenfalls höchst einfach: Ein Knabe sah und lief; der Knabe sprach, das Röslein sprach; der Knabe brach, das Röslein stach. Es gibt einen einzigen Erzählerkommentar…

Dass die feministische Lesart „der wilde Knabe brach‘s Röslein auf der Heide“ Im Sinn von „er vergewaltigte das Mädchen“ Unsinn ist, ergibt sich zwingend aus dem Gedicht „Sie soll der Jugend brauchen“ (http://www.deutsche-liebeslyrik.de/schirmer_david.htm#g3) von David Schirmer (1623-1687):

Komm, Liebste, laß uns Rosen brechen,

Weil sie noch voll und farbigt sein! (…)

Drüm laß uns lieben wie es gehet,

Eh noch der Abendstern anbricht. [d.h. ehe wir alt werden, N.T.]“

So spricht der Liebhaber zu seiner Liebsten, und das kann ja wohl nicht heißen: ‚Komm, wir wollen dich vergewaltigen!‘

Ähnlich ist es in Albrecht Christian Rotths (1651-1701) Gedicht aus dem Jahr 1688:

„Es war ein Rösgen aufgegangen,

Von Farbe war es Blut und Schnee;

Nach diesem trug ich ein Verlangen

Und tat mir seinethalben weh.

 

Ich wollte dieses Blümchen brechen

Und griff mit Freuden schon darnach;

Begunnte gleichwohl mich zu stechen,

Dieweil ich allzu kühne brach.

 

Die Rose blieb auf ihrem Dorne,

Ich aber ging betrübt von ihr

Und sahe sie nun an mit Zorne,

Nach der ich trug vormals Begier.

(…)

Wenn Blumen ihre Brecher schmähen,

Nur weil sie hoch und schöne sind,

So wird man sie entblättert sehen,

So wird sie rühren Sturm und Wind; (…)“

 

Die Analyse finden Sie in meinem Buch „Johann Wolfgang Goethe. Seine bedeutenden Gedichte“, das 2018 in 2. Auflage bei Krapp & Gutknecht erschienen ist.

 

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5 thoughts on “Goethe: Heidenröslein – Analyse

  1. Pingback: Heine: Leise zieht durch mein Gemüt – Analyse « norberto42

  2. Ich sehe in dem Gedicht nichts von dem gebrochenen Herz der Rose! Ganz im Gegenteil. Zuerst warnt das Röslein den Knaben mit den Worten:
    Röslein sprach: „Ich steche dich, dass du ewig denkst an mich, und ich will’s nicht leiden.“
    Und dann heißt es in der letzten Strophe:
    „Und der wilde Knabe brach ’s Röslein auf der Heiden; Röslein wehrte sich und stach, Half IHM doch kein Weh und Ach, (ER) Musst es eben leiden“.

    Und hier wird heute zu schnell davon ausgegangen, dass mit IHM das Röslein gemeint sein muss. Jedoch das beruht auf einem Druckfehler mancher Verlage, die anstatt IHM, IHR geschrieben haben. Und so wurde es auch fälschlicherweise ins Englische übersetzt. Jedoch wenn man auch der Musik Schuberts lauscht, dann ist das kein Erlkönig oder düstere Winterreise, sondern etwas fröhliches, besonders im Nachspiel. Und so steht für mich außer Frage, dass mit IHM nur der Knabe gemeint sein kann.

    • Zu Th. Michael:
      1. Das Pronomen „ihm“ (= dem Rösein) statt „ihr“ (dem Mädchen: natürliches Geschlecht) besagt nichts.
      2. Vor allem jedoch ist die Logik des ganzen Gedichts nicht beachtet: Das Röslein will es nicht leiden (2. Str.), das Röslein muss es jedoch erleiden (3. Str.).
      3. Auch die Logik des zitierten Satzes ist nicht beachtet: Im ersten Teil steht der Knabe im Fokus des Sprechers, im zweiten Teil das Röslein.
      (Und nicht das Herz ist gebrochen, sondern das Röslein – und die Berufung auf Schubert beweist nichts für Goethes Text.)

      • „Vor allem jedoch ist die Logik des ganzen Gedichts nicht beachtet: Das Röslein will es nicht leiden (2. Str.), das Röslein muss es jedoch erleiden (3. Str.)“.

        Ja, dieses Argument macht Sinn. Aber dass die Musik Franz Schuberts keine Rolle spiele, weniger. Zumindest geht aus ihr hervor, wie Franz Schubert es gesehen haben kann, bzw. es auf keinen Fall sah (Vergewaltigung).
        Denke nach wie vor, das Lied ist viel unschuldiger gedacht, als viele der heutigen tief psychologischen Interpretationen uns das glauben machen wollen.

      • Okay,
        dass Schubert als Leser zählt, ist natürlich nicht zu bestreiten – er ist einer von vielen Lesern.
        Dass mein Argument von der Logik des Gedichts akzeptiert wird, freut mich (für die Gesprächskultur): Es ist nicht häufig der Fall, dass man sich im Internet vernünftig streiten kann.
        Ich stimme gern dem Eindruck zu, dass die Lektüre des Gedichts heute öfter feministisch getrübt ist.
        Freundliche Grüße, N.T.

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