Fontane: Der Stechlin – statt einer Besprechung

Nachdem ich die wichtigsten Gedichte Fontanes kurz analysiert habe, habe ich „Der Stechlin“ gelesen – im zweiten Anlauf, aber rundum begeistert. Vielleicht muss man bis zum 3. Kapitel vorstoßen, um in den Roman hineinzukommen, aber dann liest er sich von allein – vielleicht aber auch nur, wenn man schon selber älter ist und sich mit dem Hauptthema, dem Verhältnis des Alten zum Neuen, beschäftigt hat.

Dieses Thema wird für die Entstehungszeit des Romans durchgespielt, also für die 90er Jahre des 19. Jahrhunderts; das bedeutet, dass man sich ein wenig in dieser Zeit auskennen muss: bei den preußischen Kurfürsten und Königen (am besten seit dem 17. Jahrhundert), bei Adel und Militär und Schlachten, bei Liberalismus und Sozialdemokratie, aber auch in der märkischen Landschaft und in Berlin. Dem kann man aber mit google, google-maps und den zeitgenössischen Lexika nachhelfen; auch ich musste selber manches nachschauen und nachschlagen.

Das Geschehen geht, mit ganz wenigen Rückblenden, vom 3. Oktober (1894?, jedenfalls Anfang der 90er) bis Ende Dezember (32. Kap.), dann von Ende Februar bis Ende März (44. Kap.), Anfang April (45. Kap.), dann summarisch über den Sommer bis in den September (46. Kap.). Es passiert außerordentlich wenig, wenn Aktionen das Geschehen darstellen: Reisen, Besuche, Ausflüge, eine Nachwahl zum Reichtstag, eine Verlobung, eine Hochzeit, ein Todesfall; fast alles, was geschieht, geschieht in Gesprächen – in ihnen spiegeln sich nicht nur die Verhältnisse, sondern auch die Menschen: wie sie über die Verhältnisse und die anderen Menschen sprechen, welche wiederum über die Verhältnisse und andere Menschen sprechen… Und wo sollen sich Verhältnisse auch spiegeln, wenn nicht in Gesprächen und Erzählungen, Zeitungsberichten oder wissenschaftlichen Untersuchungen? Und da wir hier einen Roman vor uns haben, finden wir Gespräche und einige kurze Erzählungen vor.

Es ist ein Roman, in dem der sogenannte Epochenumbruch um 1900 behandelt wird, und insofern berührt er auch die Fundamente unserer Zeit. Aber weil so wenig „passiert“ – sowohl die Liebe Armgards und Woldemars wie auch der Tod des alten Dubslav werden nicht erzählt, nur erwähnt – kann man den Roman kaum mit Schülern in der Schule lesen; es wäre ihnen auch zu viel zu erklären, weil das historische Wissen der Schüler heutzutage erst mit 1933 beginnt [meine Tochter Hanna meint, es beginne „früher: zumindest auszugsweise Mittelalter; Franz. Revolution; Imperialismus etc.. Und dann endet es auch mit 1945.“], ja, weil historisches Verstehen eigentlich überhaupt noch nichts für Schüler ist (ich selber habe erst mit 22 angefangen, etwas von Kirchengeschichte zu begreifen).

Mit diesen Einschränkungen also: ein ganz großer Roman, unbedingt lesenswert. Ich zitiere eine längere Passage aus dem 29. Kapitel (Gespräch zwischen Melusine und Lorenzen), die den Kern des Themas behandelt:

„Ich kann Ihnen zustimmen,“ lächelte Lorenzen. „Aber wenn ich, Frau Gräfin, in Ihren Mienen richtig lese, so sind diese Bekenntnisse doch nur Einleitung zu was andrem. Sie halten noch das Eigentliche zurück und verbinden mit Ihrer Aussprache, so sonderbar es klingen mag, etwas Spezielles und beinah’ Praktisches.“

„Und ich freue mich, daß Sie das herausgefühlt haben. Es ist so. Wir kommen da eben von Ihrem Stechlin her, von Ihrem See, dem Besten, was sie hier haben. Ich habe mich dagegen gewehrt, als das Eis aufgeschlagen werden sollte, denn alles Eingreifen oder auch nur Einblicken in das, was sich verbirgt, erschreckt mich. Ich respektiere das Gegebene. Daneben aber freilich auch das Werdende, denn eben dies Werdende wird über kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein. Alles Alte, so weit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben. Und vor allem sollen wir, wie der Stechlin uns lehrt, den großen Zusammenhang der Dinge nie vergessen. Sich abschließen, heißt sich einmauern, und sich einmauern ist Tod. Es kommt darauf an, daß wir gerade das beständig gegenwärtig haben. Mein Vertrauen zu meinem Schwager ist unbegrenzt. Er hat einen edeln Charakter, aber ich weiß nicht, ob er auch einen festen Charakter hat. Er ist feinen Sinnes, und wer fein ist, ist oft bestimmbar. Er ist auch nicht geistig bedeutend genug, um sich gegen abweichende Meinungen, gegen Irrtümer und Standesvorurteile wehren zu können. Er bedarf der Stütze. Diese Stütze sind Sie meinem Schwager Woldemar von Jugend auf gewesen. Und um was ich jetzt bitte, das heißt: ‚Seien Sie’s ferner‘.“

„Daß ich Ihnen sagen könnte, wie freudig ich in Ihren Dienst trete, gnädigste Gräfin. Und ich kann es um so leichter, als Ihre Ideale, wie Sie wissen, auch die meinigen sind. Ich lebe darin und empfind’ es als eine Gnade, da, wo das Alte versagt, ganz in einem Neuen aufzugehn. Um ein solches ‚Neues‘ handelt es sich. Ob ein solches ‚Neues‘ sein soll (weil es sein muß) oder ob es nicht sein soll, um diese Frage dreht sich alles. Es giebt hier um uns her eine große Zahl vorzüglicher Leute, die ganz ernsthaft glauben, das uns Überlieferte – das Kirchliche voran (leider nicht das Christliche) – müsse verteidigt werden, wie der salomonische Tempel. In unserer Obersphäre herrscht außerdem eine naive Neigung, alles ‚Preußische‘ für eine höhere Kulturform zu halten.“

„Genau wie Sie sagen. Aber ich möchte doch, um der Gerechtigkeit willen, die Frage stellen dürfen, ob dieser naive Glaube nicht eine gewisse Berechtigung hat?“

„Er hatte sie mal. Aber das liegt zurück. Und kann nicht anders sein. Der Hauptgegensatz alles Modernen gegen das Alte besteht darin, daß die Menschen nicht mehr durch ihre Geburt auf den von ihnen einzunehmenden Platz gestellt werden. Sie haben jetzt die Freiheit, ihre Fähigkeiten nach allen Seiten hin und auf jedem Gebiete zu bethätigen. Früher war man dreihundert Jahre lang ein Schloßherr oder ein Leinenweber; jetzt kann jeder Leinenweber eines Tages ein Schloßherr sein.“

„Und beinah’ auch umgekehrt,“ lachte Melusine. „Doch lassen wir dies heikle Thema. Viel, viel lieber hör’ ich ein Wort von Ihnen über den Wert unsrer Lebens- und Gesellschaftsformen, über unsre Gesamtanschauungsweise, deren besondere Zulässigkeit Sie, wie mir scheint, so nachdrücklich anzweifeln.“

„Nicht absolut. Wenn ich zweifle, so gelten diese Zweifel nicht so sehr den Dingen selbst, als dem Hochmaß des Glaubens daran. Daß man all diese Mittelmaßdinge für etwas Besonderes und Überlegenes und deshalb, wenn’s sein kann, für etwas ewig zu Konservierendes ansieht, das ist das Schlimme. Was mal galt, soll weiter gelten, was mal gut war, soll weiter ein Gutes oder wohl gar ein Bestes sein. Das ist aber unmöglich, auch wenn alles, was keineswegs der Fall ist, einer gewissen Herrlichkeitsvorstellung entspräche… Wir haben, wenn wir rückblicken, drei große Epochen gehabt. Dessen sollen wir eingedenk sein. Die vielleicht größte, zugleich die erste, war die unter dem Soldatenkönig. Das war ein nicht genug zu preisender Mann, seiner Zeit wunderbar angepaßt und ihr zugleich voraus. Er hat nicht bloß das Königtum stabiliert, er hat auch, was viel wichtiger, die Fundamente für eine neue Zeit geschaffen und an die Stelle von Zerfahrenheit, selbstischer Vielherrschaft und Willkür Ordnung und Gerechtigkeit gesetzt. Gerechtigkeit, das war sein bester ‚rocher de bronce‘.“

„Und dann?“

„Und dann kam Epoche zwei. Die ließ, nach jener ersten, nicht lange mehr auf sich warten und das seiner Natur und seiner Geschichte nach gleich ungeniale Land sah sich mit einem Male von Genie durchblitzt.“

„Muß das ein Staunen gewesen sein.“

„Ja. Aber doch mehr draußen in der Welt als daheim. Anstaunen ist auch eine Kunst. Es gehört etwas dazu, Großes als groß zu begreifen.. Und dann kam die dritte Zeit. Nicht groß und doch auch wieder ganz groß. Da war das arme, elende, halb dem Untergange verfallene Land nicht von Genie, wohl aber von Begeisterung durchleuchtet, von dem Glauben an die höhere Macht des Geistigen, des Wissens und der Freiheit.“

„Gut, Lorenzen. Aber weiter.“

„Und all das, was ich da so hergezählt, umfaßte zeitlich ein Jahrhundert. Da waren wir den andern voraus, mitunter geistig und moralisch gewiß. Aber der ‚Non soli cedo-Adler‘ mit seinem Blitzbündel in den Fängen, er blitzt nicht mehr, und die Begeisterung ist tot. Eine rückläufige Bewegung ist da, längst Abgestorbenes, ich muß es wiederholen, soll neu erblühn. Es thut es nicht. In gewissem Sinne freilich kehrt alles einmal wieder, aber bei dieser Wiederkehr werden Jahrtausende übersprungen; wir können die römischen Kaiserzeiten, Gutes und Schlechtes, wieder haben, aber nicht das spanische Rohr aus dem Tabakskollegium und nicht einmal den Krückstock von Sanssouci. Damit ist es vorbei. Und gut, daß es so ist. Was einmal Fortschritt war, ist längst Rückschritt geworden. Aus der modernen Geschichte, der eigentlichen, der lesenswerten, verschwinden die Bataillen und die Bataillone (trotzdem sie sich beständig vermehren) und wenn sie nicht selbst verschwinden, so schwindet doch das Interesse daran. Und mit dem Interesse das Prestige. An ihre Stelle treten Erfinder und Entdecker, und James Watt und Siemens bedeuten uns mehr als du Guesclin und Bayard. Das Heldische hat nicht direkt abgewirtschaftet und wird noch lange nicht abgewirtschaftet haben, aber sein Kurs hat nun mal seine besondere Höhe verloren, und anstatt sich in diese Thatsache zu finden, versucht es unser Regime, dem Niedersteigenden eine künstliche Hausse zu geben.“

„Es ist, wie Sie sagen. Aber gegen wen richtet sich’s? Sie sprachen von ‚Regime‘. Wer ist dies Regime? Mensch oder Ding? Ist es die von alter Zeit her übernommene Maschine, deren Räderwerk tot weiterklappert, oder ist es Der, der an der Maschine steht? Oder endlich ist es eine bestimmte abgegrenzte Vielheit, die die Hand des Mannes an der Maschine zu bestimmen, zu richten trachtet? In allem, was Sie sagen, klingt eine sich auflehnende Stimme. Sind Sie gegen den Adel? Stehen Sie gegen die ‚alten Familien‘?“

„Zunächst: nein. Ich liebe, hab’ auch Ursach’ dazu, die alten Familien und möchte beinah’ glauben, jeder liebt sie. Die alten Familien sind immer noch populär, auch heute noch. Aber sie verthun und verschütten diese Sympathien, die doch jeder braucht, jeder Mensch und jeder Stand. Unsre alten Familien kranken durchgängig an der Vorstellung, ‚daß es ohne sie nicht gehe‘, was aber weit gefehlt ist, denn es geht sicher auch ohne sie; – sie sind nicht mehr die Säule, die das Ganze trägt, sie sind das alte Stein- und Moosdach, das wohl noch lastet und drückt, aber gegen Unwetter nicht mehr schützen kann. Wohl möglich, daß aristokratische Tage mal wiederkehren, vorläufig, wohin wir sehen, stehen wir im Zeichen einer demokratischen Weltanschauung. Eine neue Zeit bricht an. Ich glaube, eine bessere und eine glücklichere. Aber wenn auch nicht eine glücklichere, so doch mindestens eine Zeit mit mehr Sauerstoff in der Luft, eine Zeit, in der wir besser atmen können. Und je freier man atmet, je mehr lebt man. Was aber Woldemar angeht, meiner sind Sie sicher, Frau Gräfin. Bleibt freilich, als Hauptfaktor, noch die Comtesse. Für die müssen Sie die Bürgschaft übernehmen. Die Frauen bestimmen schließlich doch alles.“

Zu diesem Thema könnte man auch das 41. Kapitel lesen; ich möchte zum Schluss noch eine kurze Passage aus dem 42. Kapitel zitieren, die mich beeindruckt hat:

Engelke ging, und Dubslav war wieder allein. Er fühlte, daß es zu Ende gehe. „Das ‚Ich‘ ist nichts, – damit muß man sich durchdringen. Ein ewig Gesetzliches vollzieht sich, weiter nichts, und dieser Vollzug, auch wenn er ‚Tod‘ heißt, darf uns nicht schrecken. In das Gesetzliche sich ruhig schicken, das macht den sittlichen Menschen und hebt ihn.“

Er hing dem noch so nach und freute sich, alle Furcht überwunden zu haben. Aber dann kamen doch wieder Anfälle von Angst, und er seufzte: „Das Leben ist kurz, aber die Stunde ist lang.“

http://www.schneid9.de/literatur/stechlin_inhalt.html (detaillierte Inhaltsangabe)

http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/ringvorlesungen/romane_antike_19jh/Fontane_Stechlin.pdf (Analyse: Vorlesung Kiel)

http://www.zeit.de/1979/11/der-stechlin/seite-1 (Besprechung, 1979)

http://www.xlibris.de/Autoren/Fontane/Werke/Der%20Stechlin (Besprechung)

http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Stechlin_%28Roman%29 (im Wesentlichen kurze Inhaltsangabe)

http://www.schneid9.de/literatur/stechlin_personen.html (Personenverzeichnis)

Untersuchungen:

http://www.kulinaristik.net/dokumente/e-papers/Gisbertz.pdf (Nahrung und Lebensstil im Stechlin)

http://www.uni-bielefeld.de/lili/personen/seiler/drucke/fontane/agnes.html (Lütt’ Agnes im Stechlin)

http://opus.bibliothek.uni-wuerzburg.de/volltexte/2011/5587/pdf/Sarah_Knippel_Der_Stechlin.pdf (Analyse literarischer Dialoge am Beispiel Stechlin)

http://kops.ub.uni-konstanz.de/bitstream/handle/urn:nbn:de:bsz:352-opus-79349/Sprachvergleich.pdf?sequence=1 (Der Sprachvergleich im lit. Text, am Beispiel Fontanes)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/romanatlas/deutschland-neuglobsow-theodor-fontane-der-stechlin-1437559.html /Stechlin-See)

http://deposit.d-nb.de/ep/netpub/8x/55/24/97824558x/_data_dyna/_snap_stand_2006_03_19/sonderveroeffentlichungen/stechlin.html (dito)

http://www.stechlin.de/stechlinsee.html (dito)

Text:

http://de.wikisource.org/wiki/Der_Stechlin (Text)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Fontane,+Theodor/Romane/Der+Stechlin (Text)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/4434/1 (Text)

http://www.cluberzengel.de/download/ebooks/pdf/Fontane,%20Theodor%20-%20Der%20Stechlin.pdf (Text)

http://www.deutschestextarchiv.de/book/show/fontane_stechlin_1899 (Text)

http://librivox.org/der-stechlin-by-theodor-fontane/ (Links, v.a. das ganze Buch vorgelesen, vgl. http://archive.org/details/stechlin_1009_librivox, vgl. http://tunein.com/radio/Stechlin-Der-by-Fontane-Theodor-p408843/)

http://www.gawl.de/Fontane.html (e-book)

Hilfsmittel:

https://peter-hug.ch/lexikon/home (die zeitgenössischen Lexika Meyers und Brockhaus)

http://de.wikipedia.org/wiki/Mark_Brandenburg

http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Brandenburgs

http://www.brandenburg1260.de/die_mark_brandenburg.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Preu%C3%9Fen

http://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6nigreich_Preu%C3%9Fen

http://www.kisc.meiji.ac.jp/~mmandel/recherche/fontane_stechlin_bibliographie.html (Bibliografie)

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