P. von Matt: … fertig ist das Angesicht – gelesen

Ich möchte kurz über ein bedeutendes Buch sprechen, dessen Lektüre ich leider unterbrochen hatte. Von Matts Buch zur Literaturgeschichte des menschlichen Gesichts (1983) ist in verschiedenen Verlagen erschienen, mir liegt die Ausgabe als Suhrkamp Taschenbuch von 1989 vor.

Peter von Matt geht von Kafkas Beschreibungen von Gesichtern aus; er zitiert die Texte aus Kafkas Tagebüchern und untersucht sie dann höchst raffiniert und genau. Von Goethe sind die Beschreibungen seiner Schwester Cornelia und seiner Freundin Friederike eindrucksvoll analysiert. Lavaters Versuch einer physiognomischen Theorie wird als leer entlarvt. Im bürgerlichen 19. Jahrhundert blühte eine Art der Gesichtsbeschreibung, die naiv ihr eigenes Weltbild in den Gesichtern wiedererkannte. Über „Möglichkeiten und Grenzen der Symbolisierung“ geht es in einem Exkurs „Zur Psychoanalyse der Gesichtserfahrung“ (S. 150 ff.). Die Beispiele von Musils und Rilkes Porträtierungen sind eindrucksvoll, noch eindrucksvoller ist ein kleiner Text Heinrich Manns über Hitler: „Es muß ein herrliches Gefühl sein, wenn schon um acht Uhr früh sämtliche Militärkapellen die schönst Musik anheben, weil ich um ein Uhr reden will. Ein Anderer würde darüber den Faden verlieren, anders ich. Denn ich habe keinen zu verlieren. Ich mache einfach mein Führergesicht, es ist bösartig, hat aber auch wieder etwas Ulkiges, das entwaffnet. […] Ich rühme mich einer Anordnung meiner Haare, wie nur verkrachte Malermeister sie fertig bringen, lockere Strähnen in die Stirn, und auf dem Gipfel des Hauptes eine Fülle. Es muß etwas daran sein. Menschen der Macht, die nichts weiter sind, haben Kahlköpfe. Ich bin ein Genie.“ (S. 184 f.)

Klug ist auch, wie von Matt die Schwierigkeiten, ein Gesicht zu beschreiben, in die Zeitgeschichte einordnet und wie er die Krise der Gesichtsbeschreibung herausarbeitet. Für mich war dann aufschlussreich, was der Autor über „Das Gesicht im Erzähltext“ (S. 221 ff.) zu sagen weiß: „Im fest gegebenen, erkennbaren, benennbaren Gesicht vergewissere ich mich immer auch meiner eigenen Identität als des naturhaften Widerspiels zur entgegenkommenden andern. Daraus entspringt jene Sicherheit, die mit der Empfindung zusammenfällt, ich sei zu Hause. Wo nämlich das Gesicht feststeht, ist Heimat.“ (S. 254 f.) Und bedeutsam ist auch, was er über „Lesen als Zuhausesein“ (S. 257 ff.) sagt – aber das sollte man selber lesen.

Das Buch von Matts, das erste in seiner Reihe thematischer Literaturuntersuchungen, ist es wert, dass man es zweimal liest.

http://www.zeit.de/1983/49/gesichter-aus-woertern

http://www.literaturhaus.at/index.php?id=3958

http://www.thomasmacho.de/files/9900/literaturliste_gesichter.pdf (Literatur für ein Seminar)

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Mörike: Peregrina III – Analyse

Ein Irrsal kam in die Mondscheingärten…

Text

   Scheiden von ihr

Ein Irrsal kam in die Mondscheinsgärten

Einer einst heiligen Liebe,

Schaudernd entdeckt ich verjährten Betrug;

Und mit weinendem Blick, doch grausam

5 Hieß ich das schlanke,

Zauberhafte Mädchen

Ferne gehen von mir.

Ach, ihre hohe Stirn,

Drin ein schöner, sündhafter Wahnsinn

10 Aus dem dunkelen Auge blickte,

War gesenkt, denn sie liebte mich.

Aber sie zog mit Schweigen

Fort in die graue,

Stille Welt hinaus.

 

15 Von der Zeit an

Kamen mir Träume voll schöner Trübe,

Wie gesponnen auf Nebelgrund,

Wußte nimmer, wie mir geschah,

War nur schmachtend, seliger Krankheit voll.

 

20 Oft in den Träumen zog sich ein Vorhang

Finster und groß ins Unendliche,

Zwischen mich und die dunkle Welt.

Hinter ihm ahnt ich ein Heideland,

Hinter ihm hört ich’s wie Nachtwind sausen;

25 Auch die Falten des Vorhangs

Fingen bald an, sich im Sturme zu regen,

Gleich einer Ahnung strich er dahinten,

Ruhig blieb ich und bange doch,

Immer leiser wurde der Heidesturm –

30 Siehe, da kam’s!

 

Aus einer Spalte des Vorhangs guckte

Plötzlich der Kopf des Zaubermädchens,

Lieblich war er und doch so beängstend.

Sollt ich die Hand ihr nicht geben

35 In ihre liebe Hand?

Bat denn ihr Auge nicht,

Sagend: da bin ich wieder

Hergekommen aus weiter Welt!

(in: Maler Nolten, 1832, Zweiter Teil)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=791 (ältere Fassung: Scheiden von ihr, in: Maler Nolten)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=790 (spätere Fassung)

http://freiburger-anthologie.ub.uni- freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&id=790&spalten=1&noheader=1 (die beiden Fassungen nebeneinander)

http://www.zeno.org/Literatur/M/M%C3%B6rike,+Eduard/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1867)/Peregrina/3.+%5BEin+Irrsal+kam+in+die+Mondscheing%C3%A4rten%5D

http://www.lyrik123.de/eduard-moerike-ein-irrsal-kam-in-die-mondscheingaerten-10203/

http://www.moerike-gesellschaft.de/2006.pdf (Text + Entstehung)

Das Gedicht ist 1824 entstanden, vertont wurde es von Hans Huber, Othmar Schöck, Wolfgang Ulrich, Ralf Gothóni und Walther Prokop.

„Es ist das Frühjahr 1823, Mörike, Theologiestudent in Tübingen, besucht in den Osterferien seinen Stiftskollegen Lohbauer im heimischen Ludwigsburg, man geht auf ein Bier ins Wirtshaus „Zum Holländer“, und da ist SIE: Maria Meyer, das neue Schankmädchen, dunkle Haare, dunkle Augen, geheimnisvolle Ausstrahlung – ein Männertraum. Aber einer mit undurchsichtiger Vergangenheit.

Der Wirt hat sie eines Tages ohnmächtig an der Straße nach Stuttgart liegend gefunden und bei sich aufgenommen. Angeblich, so sagt sie, ist sie aus Österreich geflohen, weil man sie dort ins Kloster stecken wollte. Seltsamerweise klingt ihr Dialekt aber ziemlich alemannisch, und wie sie an die Werke Goethes und Jean Pauls gekommen ist, die sie ganz offenbar kennt, darüber schweigt sie sich aus.

Die Rätsel um das schöne Mädchen setzen Eduard Mörikes dichterische Fantasie in Brand, und es ist gar nicht so klar, in was er sich damals verliebt hat: In die Frau, oder in seine poetischen Vorstellungen von ihr.“ Wie es weitergeht mit dieser fatalen Liebe, die tragisch endet, kann man nachlesen (Bettina Winkler). Man darf natürlich nicht meinen, das Geschehen zwischen Maria und Eduard sei gleich dem Peregrina-Geschehen; es war der Anstoß zu Mörikes Gedichten, die Grundlage im eigenen Erleben und Erleiden – die Dichtung ist ein Eigenes. Peregrina III ist das älteste Gedicht des Zyklus, die erste Niederschrift wurde am 6. Juli 1824 verfasst. Wir halten uns hier an die Gestalt, die im Roman „Maler Nolten“ unter der Überschrift „Scheiden von ihr“ steht, die aber bereits eine überarbeitete Form darstellt; viel zitiert wird eine mehrfach überarbeitete letzte Fassung „Ein Irrsal kam in die Mondscheingärten“, 1867 in der Gedichtsammlung Mörikes erschienen und von 38 auf 24 Verse gekürzt.

Erzählt wird von einem Mann als Ich-Sprecher, wie er seine Geliebte verstoßen hat und wie er daran leidet. „Irrsal“ (V. 1) ist ein veraltetes Wort für Irrtum (Adelung, 1793). Im DWB (Grimm) wird als wörtliche Bedeutung „abirren vom rechten wege“, als übertragene Bedeutung „das abweichen vom wege der tugend“ angegeben; das Irrsal ist hier gleich dem „verjährten Betrug“ (V. 3). „verjähren“ hat mehrere Bedeutungen: 1) „jahre lang dauern, alt werden“, 2) „um ein jahr zunehmen, nach jahresfrist wiederkehren“, 3) „zu alt werden, veralten, durch alter werthlos werden“, 4) „durch jahre lange benutzung zum eigenthum erwerben“ (DWB). Wir müssen für den vom Ich-Sprecher entdeckten Betrug die Bedeutungen 1) und 2) heranziehen. Dieser alte Betrug, vielmehr seine Entdeckung zerstört die einst heilige Liebe, die den Mondscheinsgärten gleichgesetzt wird (V. 1 f.). Das dabei empfundene Schaudern (V. 3) ist die gemäße Reaktion des Entsetzens. Mit dieser nicht näher erklärten Entdeckung des nicht weiter erklärten Betrugs beginnt die Erzählung (V. 1-3).

Verstoßung ist ein großes Thema der Kunst: „Die Verstoßung der Hagar durch Abraham“ (Gen 16 – in Wahrheit ist Hagar wegen der Härte Sarais, Abrahams Frau, geflohen) ist eine Zeichnung Rembrandts wie auch ein Bild Lorrains, Seekatz’, Flincks, Tiepolos und anderer Maler. Auch im römischen Recht gab es repudium: der Rücktritt, die Verstoßung von Verlobten oder Verheirateten. Verstoßen werden die Verdammten in die Hölle, Eltern können ihre Kinder verstoßen. Fleming (17. Jh.) hat ein Sonett „Zur Zeit seiner Verstoßung“ geschrieben:

„[…]

Ich Unglückseliger! Mein Herze wird zerrißen,

mein Sinn ist ohne sich. Mein Geist zeucht [zieht] von mir aus,

mein Alles wird nun Nichts. Was wird doch endlich drauß?

 

Wär‘ eins doch übrig noch, so wolt‘ ich Alles mißen.

Mein teuerster Verlust, der bin selbselbsten ich.

Nun bin ich ohne sie, nun bin ich ohne mich.“

In Mörikes Gedicht erzählt dagegen der betrogene Mann, wie er seinem Mädchen (in der Entfaltung des Peregrina-Zyklus: seiner Frau, da in Peregrina II von der Hochzeit erzählt wird) befohlen hat, „Ferne [zu] gehen von mir“ (V. 7). Diese Aktion scheint rechtlich klar zu sein, ist es aber menschlich nicht: Sich selbst nennt er grausam (V. 4), das Mädchen zauberhaft (V. 6); er trennt offensichtlich zwei, die noch verbunden sind. Er sagt das auch ausdrücklich: „denn sie liebte mich“ (V. 11). Damit kommen wir zu den schwierigen Versen, wo der Sprecher die Stirn erwähnt, „Drin ein schöner, sündhafter Wahnsinn / Aus dem dunkelen Auge blickete“. Wie kann man den Wahnsinn erklären oder verstehen? Er ist „sündhaft“; es ist der Zustand des Mädchens in ihrem Betrug, der sie zerreißt zwischen zwei Lieben; „denn sie liebte mich“ (V. 11), obwohl sie den Sprecher betrogen hat und/oder betrügt. Der Mann bezieht die Position der klaren Moral; die Frau repräsentiert den Zwiespalt des Lebens; sie senkt schuldbewusst den Blick (V. 8-11), das Hohe ist gesenkt; und sie sagt nichts („mit Schweigen“, V. 12), weil das Unerklärliche der Doppelliebe nicht zu erklären ist. Sie folgt dem Befehl und geht fort, „in die graue, stille Welt hinaus“ (V. 13 f.) – so erscheint die Welt dem, der sein Liebstes verloren hat.

Von der zweiten Strophe an wird erzählt, wie es dem Mann nach der Verstoßung erging. Er war nicht befreit, in ihm war es nicht klar (klar sind nur Ordnung und Moral): Ihn befielen „Träume voll schöner Trübe“ (V. 16); sowohl die Träume wie die Trübe (Alliteration) bezeichnen den von ihm verworfenen Zustand, dessen Zauber er sich doch nicht entziehen kann. Gegenüber der von ihm herbeigeführten klaren Realität sind diese Träume „Wie gesponnen auf Nebelgrund“ (V. 17), also einmal Gespinst, einmal auf Nebelgrund gelegen, also nicht in seine klare Realität passend. Er konnte diesen Zustand nicht verstehen und „War nur schmachtend seliger Krankheit voll“ (V. 19). Er sehnt sich also nach der „Bösen“, die er verstoßen hat; sein Zustand ist Krankheit, aber „selige Krankheit“ – wieder die Ambivalenz, die er einerseits nicht ertragen konnte (V. 1 ff.) und doch auch nicht missen kann (2. Strophe).

In den beiden letzten Strophen wird ein großes Bild gezeichnet, erneut ein Traum-Bild (V. 20): ein großer Vorhang vor der Welt, finster vor dem Dunklen, dahinter geahnt ein wüstes Heideland und ein Sturm, also das wilde Leben. Es zeigte sich dann (als) der liebliche Kopf des Zaubermädchens, der „doch so beängstend“ war (V. 33), also seine Ambivalenz behalten hat. Wie reagierte das Ich darauf? Es denkt, es stellt sich eine Frage, die es unvermittelt wörtlich berichtet: „Sollt’ ich die Hand ihr nicht geben / In ihre liebe Hand?“ (V. 34 f.) Ihr die Hand geben, das hieße: die Verstoßung widerrufen, die Verstoßung als „Unrecht“ deklarieren. Das Ich stellt also seine grausam-klare Entscheidung in Frage; aber niemand kann ihm diese Frage beantworten. Die verstoßene Geliebte scheint eine Antwort vorzuschlagen: „Bat denn ihr Auge nicht …“ (V. 36) Sein Befehl und ihre geträumte Bitte widersprechen einander; nur im Traum kann das Ich seinen Befehl und ihr Schweigen überwinden, kann es Versöhnung des Widersprüchlichen „denken“, in dunklen Bildern ahnen.

Das Gedicht ist in reimlosen freien Rhythmen verfasst; oft bilden die Verse eine Sinneinheit (V. 3, V. 17, 18, 19 u.ö.), oft geben die Enjambements überraschend einen Blick auf etwas Neues frei: „Mondscheingärten / Einer einst heiligen Liebe“ (V. 1 f. u.ö.). Die beschriebenen Ambivalenzen kommen bis in die Nähe eines Oxymorons (schöne Trübe, V. 16; selige Krankheit, V. 19; lieblich und beängstend, V. 33; schwächer: ruhig und bange, V. 28).

Ich habe mich von Peter von Matt: Liebesverrat. Die Treulosen in der Literatur (1989, hier 1991 im dtv, S. 169 ff.) inspirieren lassen. Die Literatur zu den fünf Peregrina-Gedichten ist umfangreich; so schwierige Gedichte werden kaum in der Schule gelesen oder von Sprechern rezitiert.

(Der Artikel „Zauberfaden, luftgesponnen“ zum 200. Geburtstag Mörikes in der ZEIT, http://www.zeit.de/2004/21/L-M_9arike/seite-1 bis http://www.zeit.de/2004/21/L-M_9arike/seite-4, trägt außerordentlich zum Verständnis von Mörikes Dichtung bei!)

P. S. Mathias Mayer („Mörike und Peregrina. Geheimnis einer Liebe“, 2004) legt dar, dass wahrscheinlich erst das erneute Auftauchen Maria Meyers in Tübingen Anfang Juli 1824 jenes Irrsal war, das vollends Mörike erschüttert hat: Unter dem Druck seiner Schwester Luise hatte er sich ein Idealbild der Maria zurechtgemacht und sich von der realen Maria 1823 getrennt; als dann die reale Maria heruntergekommen wieder in Tübingen auftauchte, hielt das Idealbild diese Konfrontation nicht aus – auf den 6. Juli 1824 ist das erste Peregrina-Gedicht (Pergegrina III, allerdings ohne Überschrift) in der Handschrift Wilhelm Hartlaubs datiert. Es kam dann noch zu einer Begegnung Mörikes mit Maria, aber er blieb von ihr getrennt. Im Lauf der Zeit wurde die Peregrina-Enttäuschung immer weiter verrätselt, ausgebaut und distanziert. – Das Gedicht „Nächtliche Fahrt“, 1823 entstanden, nimmt übrigens literarisch die Peregrina-Erfahrung vorweg; den Text und einen Kommentar findet man in den Gedichten der Mörike-Gesellschaft (http://www.moerike-gesellschaft.de/2012.pdf, April 2012).

http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/bibliothek/klaeger_moerike/klaeger_moerike.html (Peregrina und Maria Meyer)

http://kops.ub.uni-konstanz.de/bitstream/handle/urn:nbn:de:bsz:352-opus-52333/Die_Kunst_der_Suende.pdf?sequence=1 (G. von Graevenitz: Eduard Mörike: Die Kunst der Sünde, 1978 – große Untersuchung)

Sonstiges:

http://www.michael-gnade.de/moerike.htm (Peregrina, fotografisch illustriert)

http://www.moerike-gesellschaft.de/So_ist_die_Lieb_.pdf (Mörikes Liebeslyrik, Texte mit kurzen Kommentaren von Reiner Wild)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Fleming,+Paul/Gedichte/Deutsche+Gedichte/Sonnette/4.+Liebesgedichte/57.+Zur+Zeit+seiner+Versto%C3%9Fung?hl=verstosung (Fleming: Zur Zeit seiner Verstoßung)

http://www2.uni-wuppertal.de/FBA/musikpaed/erwe/moerike/verzeichnis-text.html (Verzeichnis: Musik nach Eduard Mörike)

http://www.recmusic.org/lieder/flines_ger_E.html (First Lines of Texts Beginning with E in German)

Brecht: Terzinen über die Liebe – Analyse

Terzinen über die Liebe = Die Liebenden

Sieh jene Kraniche in großem Bogen…

Die wandernden Vögel schweben miteinander und mit den Wolken in einer schwerelosen Höhe; so schwebt der Text zwischen der Utopie des zeitlosen Mit- und Ineinanders der Liebenden und dem unausweichlichen Ende ihrer Einheit. Das Leitmotiv des Gedichts lautet SCHEINEN. Der mühelose Gleichklang in Höhe, Geschwindigkeit und Richtung, das gleichwertige Nebeneinander der Ungleichen, die Fähigkeit zum Teilen – all dies ist Schein (V. 6: »Scheinen sie alle beide nur daneben«). Die Schlussverse greifen dieses Motiv wieder auf: Die Trennung wird nicht nur »bald« kommen, sie ist in der Liebe selbst präsent. In diesem Doppelspiel von Beisammen- und Getrenntsein »scheint die Liebe Liebenden ein Halt«. Das der Liebe angemessene Verb lautet nicht »sein« oder »geben« – die Liebe ist nicht Halt und sie gibt nicht Halt –, sondern »scheinen«. Sie scheint etwas zu sein und sie spendet ihren Schein, nicht mehr und nicht weniger – wie das Feuer vor der Höhle, in dessen Widerschein die Wahrheit als Schatten aufscheint. Die Liebe überspannt den Abgrund, das unausweichliche Getrenntsein, als Schein. In der doppelten Bedeutung des Scheins als dem wunderbaren Abglanz der Lichts und dem unsicheren Anschein auf Widerruf liegt ihr Glück und ihre Melancholie, die einander zugehören, einander bedingen – wie die Liebenden selbst. (Gerhard Härle: Lyrik – Liebe – Leidenschaft. Motivgeschichtlicher Streifzug durch die europäische Liebeslyrik, S. 6)

Laut einer Umfrage des wdr im Jahr 2000, bei der allerdings nur 3.000 Antworten eingingen, gehört Brechts Gedicht „Die Liebenden“ zu den 100 beliebtesten deutschen Gedichten, und zwar als Nummer 76 (http://www.susannealbers.de/03philosophie-literatur-gedichte00.html). Das scheint mir dafür zu sprechen, dass Brechts Gedicht dabei als eines von der beseligenden zeitlosen Liebe missverstanden worden ist. Auch wird es in der Forschung überwiegend unter dem Titel „Terzinen über die Liebe“ zitiert und untersucht. Woher kommen diese Irritationen?

Es gibt eine Reihe guter Untersuchungen, die auch leicht zugänglich sind. Ich werde deren wesentliche Ergebnisse kurz benennen und auch die Untersuchungen vorstellen – wenn jemand es dann ganz genau wissen will, soll er selber nachlesen, was die klugen Köpfe sagen.

Möglicherweise oder vermutlich ist Brecht durch eine Stelle aus Dantes Göttlicher Komödie zu seinem Gedicht angeregt worden:

Wie Kraniche, zum Streifen lang gereiht 

In hoher Luft die Klagelieder krächzen, 

So sah ich von des Sturms Gewaltsamkeit 

Die Schatten hergeweht mit bangem Ächzen.

Lang hört’ ich den Bericht des Lehrers an,

Von diesen Rittern und den Frau’n der Alten,

Voll Mitleid und voll Angst, bis ich begann:

Mit diesen Zwei’n, die sich zusammenhalten,

Die, wie es scheint, so leicht im Sturme sind,

Möcht’ ich, o Dichter, gern mich unterhalten.

Und er darauf: „Gib Achtung, wenn der Wind

Sie näher führt, dann bei der Liebe flehe,

Die beide führt, da kommen sie geschwind.“

Kaum waren sie geweht in unsre Nähe,

Als ich begann: Gequälte Geister, weilt,

Wenn’s niemand wehrt, und sagt uns euer Wehe.

Gleich wie ein Taubenpaar die Lüfte teilt,

Wenn’s mit weitausgespreizten steten Schwingen

Zum süßen Nest herab voll Sehnsucht eilt;

So sah ich sie dem Schwarme sich entringen,

Bewegt vom Ruf der heißen Ungeduld,

Und durch den Sturm sich zu uns niederschwingen.“

(Dante: Die göttliche Komödie, 5. Gesang, http://www.gutenberg.org/catalog/world/readfile?fk_files=1469462&pageno=6)

Da haben wir Dantes Kraniche, die vielleicht zu Brechts Kranichen geworden sind. Die Liebesgeschichte von Francesa und  Paolo, die in der Ewigkeit der Hölle endete, erläutert Peter von Matt: Liebesverrat. Die Treulosen in der Literatur, 1989 = dtv 4566, 1991, S. 82 ff., um im Anschluss daran Brechts Gedicht zu interpretieren (S. 87 ff.).

Ebenfalls leicht zugänglich ist Carl Pietzcker: Von aufgehobener Sehnsucht, in: Interpretationen. Gedichte von Bertolt Brecht, hrsg. Von Jan Knopf, Stuttgart 1995 (RUB 8814), S. 69 ff. Eine erweiterte Fassung dieses Aufsatzes, 1999 gedruckt, gibt es als Datei im Internet (http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/3826/pdf/Pietzcker_Bertolt_Brechts_Terzinen.pdf): Bert Brechts „Terzinen über die Liebe“.

Auch Carl Pietzcker geht (im Aufsatz von 1999) vom Text Dantes als Vorlage aus, hebt jedoch den wesentlichen Unterschied hervor, dass bei Brecht die metaphysischen Verbote der Liebe (Ehebruch, bei Dante) entfallen; Brechts Gedicht spreche aus dem Widerspruch von Liebessehnsucht und Selbstrettung vor dem Untergang in einer „ewigen“ Verschmelzung (statt vor Höllenstrafen). Die Liebe bezeichne bei Brecht also eine vorläufige Einheit, eine Trennung erfolge schon in der Einheit, sodass die Einheit der Liebenden nur als ästhetischer Schein bleibe. Wie bzw.mit welchen Techniken der Text des Gedichts im Vollzug seiner selbst Einheit und Trennung zugleich erstellt, untersucht er dann sehr ausführlich:

  1. Das Metrum (S. 417 ff.)
  2. Das Spiel mit den Lauten (S. 419 f.)
  3. Die Syntax (S. 420)
  4. Die Bilder (der Flug, die Kraniche, Wolken, Wind, Himmel, S. 420 ff.)
  5. Techniken der Grenzverwischung (S. 422-425: wichtig!): Im Gedicht werden Erfahrungen von verschwimmender Einheit und Unwirklichkeit beschrieben bzw. ermöglicht; neben semantischen Elementen, die klare Bedeutungen setzen, treten bedeutungsfreie sprachliche Momente (S. 422). „Das Gedicht bietet also Bilder an und läßt sie ineinander übergehen; es nimmt Wörtern, Sätzen und Bildern ihre klarumrissene Bedeutung und erzeugt so eine poetische Welt fluktuierender Imaginationen: eine Welt unwirklicher Einheit. (…) So schafft es jene Leseerfahrung wortlos liebender Einheit, Distanz und Reflexion zugleich, die noch über den Schlußsatz hinaus anhält — ein Spiel von Ambivalenzen.“ (S. 424 f.)
  6. Die Kommunikationssituation (S. 425 ff.: wichtig): „Es sind ‚Terzinen‘ nicht der, sondern ‚über die Liebe‘: dies ist ein Lehrgedicht, in dem die Liebe sich hinter dem Rock des argumentierenden Lehrers verbirgt, aber auch blicken läßt. Sofern sie sich blicken läßt — gelegentlich zeigt sie sich sogar in verlockender Gestalt — geht es jedoch um mehr als Illusion und Desillusionierung. Es geht um Erfahrung im Medium des Scheins.“ (S. 428 f.)
  7. Textstrategien a) Das Spiel mit Rollen und Perspektiven (S. 430 ff. – wichtig): „In ihrer Perspektive erfahren Liebende zeitlose Einheit. Die Lesenden folgen ihnen, werden von ihr jedoch durch Außenperspektiven getrennt. So wird ihnen diese Einheit zum Schein Das Gedicht schafft ihn im Gefüge sich relativierender Perspektiven: Im Perspektivengefüge gelingt es, lyrisch das Nichtsagbare dennoch zu sagen.“ (S. 434) b) Das Verhalten zur Tradition (S. 434 ff. – sehr gelehrt): Das Gedicht ist eine Antwort aus Hofmannsthals „Terzinen über Vergänglichkeit“, vgl. http://de.wikisource.org/wiki/Terzinen_%C3%BCber_Verg%C3%A4nglichkeit_(I%E2%80%93IV)

Jan Knopf hat nicht nur das große Brechthandbuch geschrieben, sondern auch einen Aufsatz „Das Liebesgedicht ohne Liebe“, der als Datei vorliegt (http://brecht.german.or.kr/jungbo.net/Hwizard/contents/jahrbuecher/1/09liebgedicht.doc). Darin stellt er die Textgeschichte dar und hellt auch die Verwirrung um den Titel auf; das Gedicht ist für die Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ 1928 verfasst worden und soll dort von Jenny und Jimmy (Szene 14) gesungen werden, also von Hure und Freier im Bordell – das ist schon eine starke Distanzierung von der Vorstellung romantischer ewiger Liebe! Der erste Druck als Gedicht unter der Überschrift „Terzinen über die Liebe“ erfolgte 1931 (in der Knopf-Datei S. 143 f., bei Pietzcker S. 413 f.). In der von Wieland Herzfelde herausgegebenen Sammlung „Hundert Gedichte“ (1951) steht es dann unter der Überschrift „Die Liebenden“.

Da wir schon beim Text sind, will ich gleich noch auf die in den beiden Gedichtfassungen verschiedenen Abfolgen der Verse 7-9 hinweisen; dazu und zu anderen Textproblemen kann man auch noch http://www.icn.uni-hamburg.de/webfm_send/29 heranziehen, eine Analyse des Gedichts (Hühn, Kiefer, Schönert, Stein) mit neuen Mitteln der Erzähltheorie (sehr kompliziert). Der gültige Text ist leicht greifbar unter http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/lektuere/terzinen.htm; vgl. damit http://www.joergalbrecht.de/es/deutschedichter.de/werk.asp?ID=614 (andere Reihenfolge der Verse 7-9 nach: Die Liebenden)

In einem zweiten Durchgang setzt Jan Knopf sich v.a. mit Peter von Matts Deutung auseinander. Knopf hebt auch jene Ambivalenz hervor, „mit der es Brecht gelingt, einerseits diese abgehobene Vorstellung vom Aus­ser-der-Zeit-Sein zu vermitteln, mit dem vollkommenes, wenn auch kurzes Glück verbunden zu sein scheint, und andererseits zu­gleich das genaue Gegenteil zu sagen: Dieses Glück gibt es gar nicht; es ist reine Einbildung.“ (S. 150) Knopf arbeitet auch Brechts Technik der Desillusionierung heraus: „Aus den Schlußversen ist dann zu folgern: Das Gedicht besteht nur in ästhetischem Schein, und die Desillusionierung ist auch dazu da, daß die davor aufgerufene Utopie als solche bemerkt wird. Dieses Fazit zieht auch der abschließende Vers: Auch das Gedicht ist nur Schein und sollte nicht mit irgendwelchen Wirklichkeiten verwechselt werden. Es gibt keinen Halt und keine Beruhigung, weder im Liebesglück noch im Gedicht.“ (S. 152)

Als die elementaren methodischen Probleme möchte ich benennen: 1. Wie weit muss Brechts Gedicht in Bezug auf Dante und Hofmannsthal (s.o.) verstanden werden? 2. Muss es primär als eigenständiges Gedicht oder als Duett der Mahagonny-Oper verstanden werden? (S. dazu auch die Analyse von Kühn u.a.)

Weitere Analysen:

http://www.khristophoros.net/brecht.html

http://johannesklinkmueller.wordpress.com/2012/10/10/%E2%99%A1-wenn-sie-nur-nicht-vergehen-und-sich-bleiben-ein-unverganglicher-liebeswalzer-bertolt-brechts-die-liebenden/ (Klinkmüller lässt die letzten drei Verse einfach weg und kommt so zu einem überaus schönen Liebesgedicht – das süße Liebesfühlen beruht auf bewusstem Pfuschen!)

http://homepage.bnv-bamberg.de/gk_deutsch/gedichte/brecht_liebende-02.doc (Aufbau und Form, kurz – Referat der Ergebnisse eines Lk-Deutschkurses)

Es sind weitere schülerhafte Analysen im Netz greifbar, die mehr auf Vermutungen als auf genauem Lesen beruhen. Als letzter Link sei genannt http://www.helpster.de/gedichtanalyse-von-die-liebenden-gelingt-ihnen-so_77497 (ein Beispiel, wie bescheuert eine Anleitung zur Gedichtanalyse durch einen vermeintlichen Fachmann sein kann). – Bereits in seiner Habilitationsschrift „Die Lyrik des jungen Brecht“ (1974) hat Carl Pietzcker [aus heutiger Sicht auch eine dem Zeitgeist verpflichtete Jugendsünde?] das Gedicht im Kontext der Entwicklung Brechts beim Thema SEXUALITÄT kurz analysiert (S. 261 ff.): Mit den verschiedenen typischen Bildern und Motiven „geht die bürgerliche Negation der das Subjekt negierenden bürgerlichen Gesellschaft in die Lyrik des jungen Brecht ein; eine Negation, in der das bürgerliche Subjekt sich selbst und den anderen so negiert, daß noch in der hierbei erreichten Bewahrung das Abstrakt-Allgemeine wiederkehrt: in der Leere des Himmels, der Ungreifbarkeit der Wolke, im tonlosen Flügelschlag, dem Vergehen des Gesichts und dem Schwinden der Erinnerung“ (S. 271; vgl. S. 292 die entsprechende Zusammenfassung in psychoanalytischer Perspektive).

Vortrag:

http://www.youtube.com/watch?v=yxfudb0Oa_o (Monica Bleibtreu)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/die-liebenden-859.html (Fritz Stavenhagen, Text problematisch)

Peter von Matt: Die Intrige – Besprechung

 

Ich kenne vier Bücher des Germanisten Peter von Matt; das neue, „Die Intrige“, kann sich mit dem „Liebesverrat“ darum streiten, welches das beste von allen ist. „Die Intrige“ ist also ein großes Buch, ein lesenswertes Buch: weil von Matt anschaulich Literatur referieren kann; weil er offensichtlich die europäische Literatur hervorragend kennt; und weil das Thema ein elementar menschliches ist.

Matt zeigt also, wie das Intrigieren mit dem Versuch des sich aufklärenden Menschen, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, verbunden ist; wie es die europäische Literatur seit der Ilias bestimmt; wie die scheinbar einfache Form der Fabel mit dem Fuchs als Akteur in der Literatur zentral ist. Und er zeigt in einem, was der Umbruch von der feudalen zur bürgerlichen Literatur im 18. Jahrhundert fürs Intrigieren bedeutet (das ist nichts mehr für Frauen) und wie sich der Umbruch zur Moderne ab 1900 in der Darstellung der Intrige spiegelt. Nebenher kriegt man noch einiges von Kriminalromanen mit, die man (also ich) nur dem Namen nach kannte.

Mich hat das Buch angeregt, einzelne seiner Gedanken weiterzuspinnen und sie an Themen zu binden, die mich interessieren; ich habe sogar Anregungen dafür gefunden, was ich in einem Jahr bei meiner Pensionierung sagen und nicht kann. Ein schönes Buch, für das ich seinem Autor danke.